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<title>Helmar</title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
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<date>2009</date>
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<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
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<title>Helmar: </title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Otto Janke</publisher>
<pubPlace>Berlin, Germany</pubPlace>
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<head>Titel</head>
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<p/>
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<p>helmar.<lb/>=<lb/> Roman<lb/> von<lb/> Fanny Lewald.<lb/>Berlin ?<lb/> Verlag von Otto Janke.<lb/>e ,<lb/></p>
</div4>
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<p><lb/>R F ! «<lb/>,.=r<lb/>-<lb/><lb/>-<lb/>« -<lb/>-<lb/>zllillii! ll
äin<lb/>Wlenolinenli<lb/>-<lb/>?s«.<lb/>-z -asD<lb/></p>
</div4>
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<pb facs="helm_01_0004_unm.tif" n="unum"/>
<p>Da-«<lb/>Vakuei--e»« MeMiSi-uaeets.<lb/>Fnof-==e Pe.
Pei-eoe'<lb/>ss:<lb/>TteiZEGeng.<lb/></p>
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<p/>
</div4>
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<pb facs="helm_01_0006_unm.tif" n="unum"/>
<p>Forohrton<lb/>z71u»sCGl,<lb/>liohor Pronnd!<lb/>Ullll FFUll1b
-<lb/>zF<lb/>Fiehmen Sie und Ihre Frau dies Buch als Ihr be-<lb/>sonderes
Eigenthum, freundlich auf die zächste Sommer-<lb/>reise mit; und denken Sie
meiner so oft und so gern,<lb/>als ich mich der hülfreichen Theilnahme
erinnere, die<lb/>Sie meinem Manne angedeihen lassen und der Güte,<lb/>die
Sie mir erwiesen. Herzlich die Ihre - und auf<lb/>Wiedersehen!<lb/>Berlin,
W. April 1880.<lb/>Fanny, PewaldFtahr.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0007_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0008_001.tif" n="007"/>
<p>! K<lb/>vie erinnern sich vielleicht, daß im Jahre 15!<lb/>! »V<lb/>Sel
Freundeskreis, der sich hauptsächlich- aus.<lb/>! Künstlern zusammensetzte
und sich in Paris während der<lb/>großen Ausstellung unerwartet
zusammenfand, auf den<lb/>Gedanken kam, daß Jeder von ihnen seine
Lebensge-<lb/>schichte für die Anderen niederschreiben, und somit eine<lb/>s
Reihe von Aufzeichnungen angesammelt-werden sollte,<lb/>s wie der Abbs im
,Wilhelm Meister' sie in Fdem ge-<lb/>s heimnißvollen Thurme für die vön ihm
geleiteten<lb/>s Menschen niedergelegt hatte.<lb/>Der römische Bildhauer
Marchese Benvenuto hatte<lb/>j rasch und mit gewohnter Lebendigkeit den
Anfang ge-<lb/>j macht. Unser Freund, der Maler Helmar, hatte uns<lb/>!
lange auf die Erfüllung seiner Zusage warten lassen.<lb/>s Aber da er, als
einer der ersten Genremaler unserer-<lb/>s Zeit, von Anforderungen und
Bestellungen immer hin-'<lb/>j genommen, nebenher, wie fast alle Künstler,
kein Freund -<lb/>u<lb/>Fanny Lewald.
Helmar.<lb/>Ir<lb/><lb/>I<lb/>?<lb/>=<lb/><lb/><lb/><lb/>?<lb/>-!<lb/>'<lb/><lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0009_002.tif" n="008"/>
<p>vom Schreiben war, so hatten wir uns in Geduld zu<lb/>fassen gehabt.<lb/>Um
so erfreulicher kam uns denn nach längerer<lb/>Zeit das Heftchen, das ich
mit seiner ausdrücklichen<lb/>Erlaubniß hiemit der Deffentlichkeit übergebe.
Seine<lb/>Eigenart ist darin unverkennbar. Nur ein Maler, und<lb/>ein Maler
wie er, der sich mit liebevollem und feinem<lb/>Sinn in das Kleine zu
versenken gewohnt ist, kann<lb/>sich kund geben wie er, ohne über das
Einzelne das<lb/>große Ganze zu vergessen. Ich lasse sein
Manuskript<lb/>folgen, wie ich es erhalten habe.<lb/>s<lb/>Es giebt viel
weise Lebensregeln, viel tiefsinnige<lb/>Wahrheiten - mit den Worten hebt es
an - aber<lb/>als der Inbegrif aller Weisheit erscheint mir, seit
ich<lb/>hier vor dem Schreibtisch sitze, das alte Sprüchwort:<lb/>,Schuster,
bleibe bei deinem Leisten!r, obschon ich für<lb/>mein Theil, wie Sie
erfahren werden, demselben im<lb/>Leben nicht Folge geleistet habe.<lb/>Seit
einer Glockenstunde sitze ich nun da, über-<lb/>legend, wie man es anfangen
müfse, den Anfang seiner<lb/>Lebensgeschichte zu schreiben. Bei dem Worte
,Anfang?<lb/>kommt mir aber gar nichts in den Sinn als das bib-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0010_003.tif" n="009"/>
<p>L<lb/>lische: ,Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde,?<lb/>wobei ich nicht
zugegen gewesen bin, so daß ich davon<lb/>aus meiner eigenen Erfahrung, um
die es sich hier<lb/>handel, nichts zu sagen weiß.<lb/>Indeß über mich
selber ist, je mehr ich darüber<lb/>nachdenke, auch nicht viel zu sagen;
denn es steckte mir<lb/>immter das nämliche hoffnungsselige Herz im Leibe,
das<lb/>nicht lassen konnte von seinem Träumen und Wünschen.<lb/>Was man mir
nachher gelegentlich als Muth und als<lb/>Beharrlichkeit anzurechnen beliebt
hat, das war nichts<lb/>weiter als der blinde Glaube eines armen,
dummen<lb/>Jungen, der von der Welt nichts kannte und darum<lb/>auf sie
vertraute, als wäre sie nur für ihn
geschaffen,<lb/>und<lb/>er's<lb/>die<lb/>als müsse es in ihr so zugehen und
werden, wie<lb/>gerade brauchte.<lb/>Hätte ich nur vor diesem Blatt Papier
auch wieder<lb/>derbe Zuversicht der Unwissenheit, und nicht
den<lb/>heillosen Respekt vor Allem, was an das schriftliche<lb/>Darstellen
heranstreift! =- Wie einem Fisch auf dem<lb/>Trockenen ist mir zu
Muthe!<lb/>Die Augen sind da und die Hände sind da, mit<lb/>denen ich sonst,
wenn ich den Pinsel führe, flott und<lb/>lustig vorwärts komme; aber
schreibend bin ich nicht<lb/>in meinem Element. Es ist, als hätte ich's
heute erst<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0011_004.tif" n="010"/>
<p>zu lernen. Ich schnappe vor Unbehagen ordentlich nach<lb/>Luft!<lb/>Warten
Sie! So wird es gehen! Ich will Ihnen<lb/>erst einmal die Gegend zeichnen
und das Schloß dar-<lb/>stellen, in dessen Bereichen ich, wenn auch nicht
wie<lb/>unser Herr und Heiland in der Krippe, so doch nahe<lb/>genug an
derselben, geboren und zwwischen dem lieben<lb/>Gethier herangewachsen
bin.<lb/>Hier brach das Schreiben ab, und Helmar hatte<lb/>mit
unverkennbarem Behagen eine vortreffliche Feder-<lb/>zeichnung
eingeschaltet, wie denn das ganze kleine<lb/>Manuskript auf das
Geistreichste mit zierlichen Skizzen<lb/>von ihm ausgestattet, und an und
für sich eine wwirkliche<lb/>Genremalerei geworden ist.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0012_005.tif" n="011"/>
<p>-Ersles ,apiles.<lb/>Sehen Sie, fuhr er darnach fort, das ist
Schloß<lb/>Waldritten, das alte Herrenhaus der Güter, welche<lb/>bei uns zu
Lande noch immer die Waldern'schen Güter<lb/>heißen, obschon der lezte
Waldern seit einer Reihe von<lb/>Jahren gestorben ist, und sein
Schwiegersohn, der Mann<lb/>seiner einzigen Tochter, der General Marville,
sie mit<lb/>seiner Frau überkommen hat. Seitdem nennt die<lb/>Familie sich
nun von Waldern»Marville.<lb/>Die Herren von Waldern waren ein
altadeliges<lb/>Geschlecht aus dem Cleve'schen, das zur Zeit des
großen<lb/>Kurfürsten sich in unserer Provinz, in Ostpreußen,
nieder-<lb/>gelassen hatte. Da sie reich, und Grund und Boden<lb/>damals bei
uns zu Lande billig gewesen waren, hatten<lb/>sie einen großen Besiz
zusammengebracht, und inmitten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0013_006.tif" n="012"/>
<p>desselben, auf und in den Neberresten einer alten Ritter-<lb/>burg, sich das
Schloß errichtet, das ich Ihnen hier in<lb/>diesen Blättern gezeichnet habe
und das noch heute mit<lb/>seinen Bogenfenstern und dicken, plumpen Thürmen
sich<lb/>in dem See zu seinen Füßen spiegelt.<lb/>Auch die Marville
stammten, wie schon ihr Name<lb/>zeigt, nicht aus unserer Gegend. Sie
gehörten zu der<lb/>französischen Kolonie, die nach der Aufhebung
des<lb/>Ediktes von Nantes sich in Berlin festgesetzt und die,<lb/>weil sich
in ihren Mitgliedern sehr tüchtige und ge-<lb/>schickte Leute befunden
hatten, dort zu Ansehen und<lb/>zu Ehren gekommen war.<lb/>Der General von
Marville war eines Seidenfabri-<lb/>kanten Sohn und in dem Geschäfte seines
Vaters<lb/>thätig gewesen, bis er 11H als Freiwilliger in die<lb/>preußische
Armee eingetreten war. Er hatte die beiden<lb/>Feldzüge gegen die Franzosen
mit großer Tapferkeit<lb/>mitgemacht, hatte in der Schlacht von Kulm aus
des<lb/>Königs eigenen Händen das Offizierspatent empfangen<lb/>und war, da
er Neigung für das militärische Leben<lb/>gewonnen hatte, nach dem Frieden
aus dem Geschäfte<lb/>seines Vaters ausgetreten, und in der Armee
verblieben.<lb/>Schon in dem ersten Feldzuge hatte er den Lieute-<lb/>nant
von Waldern kennen gelernt und sich mit ihm<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0014_007.tif" n="013"/>
<p>befreundet. Der zweite Feldzug hatte sie noch enger<lb/>verbunden, und sie
hatten in zahlreichen Schlachten<lb/>und Gefechten nebeneinander gekämpft
und gesiegt, als<lb/>der junge Waldern in der Schlacht von Ligny
an<lb/>Marville's Seite sein frühes Ende gefunden. Wie der<lb/>stattliche
Hauptmann dann nach errungenem Frieden in<lb/>das Schloß Waldritten gekommen
war, sein Versprechen<lb/>zu erfüllen, und den Eltern und der einzigen
Schwestex<lb/>seines gefallenen Freundes die letzten Grüße
desselben<lb/>persönlich zu überbringen, hatte er sich in die
schöne<lb/>Helmina von Waldern verliebt und ihre Neigung' rasch<lb/>für sich
gewonnen.<lb/>Indeß eine Heirath mit einem Bürgerlichen, wenn<lb/>er auch
die Epaulettes trug, war nicht nach dem<lb/>Sinne von Helmina's Elkern
gewesen. Das zärtliche<lb/>Paar hatte also eine Reihe von Jahren
warten<lb/>müssen, ehe der alte Herr von Walderi sich nach<lb/>dem Tode
seiner Frau entschlossen, dem inzwischen in<lb/>den Adelstand erhobenen
Major von Marville, bei<lb/>dessen wiederholter Werbung die Hand der
einzigen .<lb/>Tochter, und mit derselben die, Anwartschaft auf
das<lb/>Waldern'sche Erbe zuzusprechen.<lb/>In der heißen Mittsommernacht,
welche auf dem<lb/>Schlosse die Liebenden endlich vereinigte, brachte
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0015_008.tif" n="014"/>
<p>einer der Hofwohnungen desselben meine Mutter mich<lb/>zur Welt.<lb/>Mein
Vater war des Herrn von Waldern Kammer-<lb/>diener. Am Morgen, als er dem
Herrn Major von<lb/>Marville und dessen junger Frau, die mein Vater
manch'<lb/>liebes Mal herumgetragen, zum ersten Male in ihren<lb/>Zimmern
das Frühstück aufzudecken hatte, konnte er<lb/>es nicht unterlassen, ihr von
dem neuen Zuwachs zu<lb/>seinem Familiensegen Kunde zu geben und ihr zu
ver-<lb/>melden, daß ihm zu seinen zwei Söhnen jetzt der dritte<lb/>geboren
sei: ein Junge, größer und dicker noch, als<lb/>die beiden anderen.<lb/>,Das
soll uns ein gutes Zeichen sein, Helmina!<lb/>hatte darauf der Major zu
seiner schönen Frau gesagt.<lb/>Sie hatten sich umarmt und der Major hatte
meinem<lb/>Vater ein paar Thaler geschenkt, die Wöchnerin zu<lb/>pflegen.
Die junge Frau aber hatte dem Vater die<lb/>Zusicherung gegeben, meine Pathe
sein zu wollen und<lb/>ihm die Sorge für mich tragen zu helfen.<lb/>Einige
Tage darauf verließen die jungen Herr-<lb/>schaften das Schloß, um sich nach
der Garnison des<lb/>Majors zu verfügen, der damals in den
Rheinpro-<lb/>vinzen stand. Vier Wochen später bekam ich denn in<lb/>der
Taufe, wie die junge Gnädige es angeordnet hatte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0016_009.tif" n="015"/>
<p>P ihr zu Ehren den Namen Helmar, den in unserer<lb/>! Gegend keine
Christenseele führte oder kannte. Mein<lb/>! Vater wuste natürlich aus dem
Namen nichts zu machen,<lb/>! meiner armen Mutter kam er wie eine Art von
Schand-<lb/>, fieck für mich vor. Da aber die rau von Marville<lb/>! es
festgesetzt hatte, daß für mich aus dem Rentamte<lb/>j bis zu meinem
vierzehnten Jahre monatlich ein Be-<lb/>j stimmtes gezahlt werden sollte, so
mußte die Mutter<lb/>, sich den landfremden Namen, dem sie zu ihrer
christ-<lb/>j lichen Beruhigung noch die Namen Gottlieb Christian<lb/>j
angehängt hatte, natürlich gefallen lassen, wie eine<lb/>j Mutter es etwa
hinnehmen muß, wenn ihr ein Kind<lb/>j mit einem sechsten Finger an der Hand
geboren wird,<lb/>j der auch nicht gerade schadet oder hindert, der
aber<lb/>s doch häßlich aussieht und nicht so ist. wie es für<lb/>j
ordentliche Leute sich gehört und schickt.<lb/>Ordentliche Leute aber waren
meine Eltern durch<lb/>und durch, und auf ihre Weise auch höchst
angesehene<lb/>Leute. Mein Vater nahm sich sehr herrschaftlich aus,<lb/>wenn
er mit seiner großen mageren Figur in dem<lb/>langen hechtgrauen Rock mit
den roth und gelben Auf-<lb/>schlägen vom Schlosse kam, und noch viel
vornehmer,<lb/>wenn er zur Winterzeit, in seinem ebenfalls
hechtgrauen<lb/>Mantel mit den sieben Kragen, den hohen Hut auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0017_010.tif" n="016"/>
<p>dem Kopfe, hinten auf dem Wagen stehend, die Herr-<lb/>schaft nach der Kirche
brachte. Er nickte dann auch<lb/>immner, wie der Herr von Waldern selber,
gnädig<lb/>mit dem Kopfe, wenn die Leute vor demselben den Hut<lb/>abzogen;
und nächst dem Herrn und dem Inspektor<lb/>stand auf dem Hofe Niemand so in
Ansehen als der<lb/>Kaspar.<lb/>,Pass' Er darauf,' sagte der alte Herr an
dem<lb/>Morgen, an welchem der Major mit seiner jungen<lb/>Frau das Schloß
verließ, ,pass' Er darauf, daß den<lb/>iungen Herrschaften nichts mangelt
für die Reise. Der<lb/>Bursche des Herrn Major ist ein Narr mit
seinem<lb/>gewichsten Haar, der den Teufel nichts versteht und<lb/>an gar
nichts denkt. Ich verlasse mich auf Ihn!<lb/>,Kaspar, daß Du mir auf den
Vater Acht giebst!-<lb/>sagte mit Thränen in den Augen die junge
Frau.<lb/>,Auf die Mamsell ist kein Verlaß. Die hat, so alt<lb/>sie ist,
nichts im Kopf als den Inspektor. Du weißt,<lb/>was der Vater braucht. Du
mußt ihm Alles schaffen,<lb/>was ich ihm sonst besorgte. Und Du läßt
mir's<lb/>schreiben, wenn ihm irgend etwas fehlt oder ihm irgend<lb/>etwas
zustößt. Was Du an meinem Vater thust, das<lb/>vergelte ich Dir an Deinem
Jungen, meinem Pathkind!?<lb/>Der alte Herr hatte sich dabei abgewendet
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0018_011.tif" n="017"/>
<p>U<lb/>j war sich unvermerkt mit der Hand über die Augen ge-<lb/>, odn<lb/>Die
junge Frau hatte zuletzt bitterlich geweint,<lb/>j hatte meinem Vater die
Hand gegeben, und es war -<lb/>j ihm selber weich ums Herz geworden. Er
hatte sich<lb/>j jedoch gesagt, daß es gegen den Respekt sei, wem<lb/>ein
Diener sich mit Weinen oder Lachen verginge<lb/>, neben der Herrschaft, und
thäte, wie wenn er auch zu<lb/>j ihr gehörte. Er hat es also rasch
verbissen. Aber Wort<lb/>, hat er der gnädigen Frau gehalten. Er hat
den<lb/>Herrn gepflegt bis an das Ende; und die Frau von<lb/>j Marville hat
ihr Versprechen ebenso wahr gemacht<lb/>j So oft sie ihrem Vater etwas
überschickt, hat fie auch<lb/>P immer irgend etwas für mich beigelegt, so
daß es meinen<lb/>j Eltern eine große Hülfe gewesen ist und sie sich
gut<lb/>, gestanden haben. Was Noth und Sorgen sind, das<lb/>, haben sie nie
gewußt, wweder zu des alten Herrn<lb/>s Lten, noch
wchber<lb/>ggaaaageagoe<lb/>f.-<lb/>.<lb/>z<lb/><lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0019_012.tif" n="018"/>
<p>,weiles ,Fapiles.<lb/>So lange der alte Herr von Waldern lebte,<lb/>wohnte
mein Vater in dem Schlosse. Er kam immer<lb/>nur wie die großen Herren der
alten französischen<lb/>Zeit in sein kleines Haus hinüber, sich an der
Seite<lb/>seiner Frau von dem strengen Herrendienste zu erholen,<lb/>und
dann zugleich über seine heranwachsende Nach-<lb/>kommenschaft mit fester
Hand gewissenhaft seine Vater-<lb/>pflichten auszuüben.<lb/>Ein eigenes Haus
besaß er freilich nicht. Aber<lb/>wir hatten in dem Langbau, der nach der
einen Seite<lb/>den Wirthschaftshof einfaßte, da wo der Langbau an<lb/>die
Brennerei anstieß, neben des Bremners Wohnung<lb/>unsere Wohnung mit
besonderem Eingang; und meine<lb/>Eltern wußten sich etwas damit, daß sie
ihr Haus zu-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0020_013.tif" n="019"/>
<p>schließen und den Schlüssel in die Tasche stecken konnten,<lb/>wenn sie
ausgingen. Denn die Häuser der Käthner<lb/>und Miethsleute, von denen drei,
viere unter einem<lb/>Dache wohnten, mußten immer offen bleiben, und
nur<lb/>die Stuben konnten geschlossen werden. Die Mutter<lb/>steckte auch
ihren Schlüssel immer mit ganz besonderem<lb/>Behagen in die große Tasche,
die sie unter dem Rocke<lb/>trug; und da sie von jeher zur Fushülfe bei
dem<lb/>Scheuern und bei der großen Wäsche in dem Schlosse<lb/>beschäftigt
worden war, so daß sie in demselben gleich-<lb/>sam den freien Eintritt
hatte, ließ sie es deshalb in<lb/>ihrer Stube und Kammer und an uns Kindern,
wenn<lb/>sie nur Zeit hatte, an dem nöthigen Scheuern und<lb/>Waschen auch
nicht fehlen, ohne daß deshalb unserer<lb/>persönlichen Freiheit Abbruch
gethan worden wäre.<lb/>Bis zum Ende meines siebenten Jahres lebte
ich<lb/>denn auch in unbeschränktester Naturwüchsigkeit auf<lb/>dem großen
Hofe zwischen Allem, was in einem solchen<lb/>läuft und fleucht und kreucht,
und gedieh mit und unter<lb/>dem vielen Gethier in höchstem Wohlbehagen,
wie<lb/>dieses selber. Ich war größer und stärker noch, als<lb/>die anderen
Jungen meines Alters, und wenn mein<lb/>Vater das bemerkte, pflegte er
regelmäßig hinzuzusetzen,<lb/>daß ich dafür auch der Nichtsnutzigste von
Allen, und<lb/>' ao<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0021_014.tif" n="020"/>
<p>daß es gar nicht abzusehen sei, wie einmal aus mir ein<lb/>ordentlicher
Diener werden solle. Denn daß ich ein<lb/>solcher werden müsse, stand bei
meinem Vater wie bei<lb/>meiner Mutter fest; besonders da die Gnädige,
wie<lb/>man die Tochter des Schloßherrn nach ihrer Verhei-<lb/>rathung und
Entfernung bei uns in Waldritten schlecht-<lb/>weg bezeichnete, in einem
Briefe geschrieben hatte, sie<lb/>hoffe, daß ich einmal ein ebenso
verläßlicher Diener<lb/>werden würde als mein Vater.<lb/>Sie hatte es dabei
meinem Vater auch ausdrücklich<lb/>eingeschärft, daß er mich etwas
Ordentliches lernen lassen<lb/>sollte; und obschon er von den Dienern, die
schreiben<lb/>konnten, nicht viel hielt, weil nach seiner festen
Neber-<lb/>zeugung diese Kunst das Gedächtniß schwächte, hatte<lb/>er, der
Herrschaft immerdar gehorsam, es dem Kantor,<lb/>der bei uns die Schule
hielt, auf die Seele gebunden,<lb/>mir das Nothwendige beizubringen. Vor
Allem sollte<lb/>er es mit dem Einmaleins recht genau nehmen, denn<lb/>im
Kopfe ordentlich rechnen zu können, das sei die<lb/>Hauptsache für einen
Diener.<lb/>Der Kantor that auch wirklich, was an ihm war,<lb/>aber gerade
mit dem Rechnen wollte es gar nicht bei<lb/>mir fort. Dafür gelang es mit
dem Schreiben um so<lb/>besser, obgleich es mir ganz einerlei war, was
ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0022_015.tif" n="021"/>
<p>1<lb/>Fschrieb, und der Sinn der Worte mich nicht im ge-<lb/>Fringsten
künmerte.<lb/>Es war das Nachmalen der Buchstaben, das mix<lb/>F VergnFgen
machte. Ich glaube, ich hätte damals mit<lb/>fröhlicher Gemüthsruhe mein
Todesurtheil abgeschrieben,<lb/>Z hätte ich es in schönen, womöglich recht
verschnörkelten<lb/>Lettern vor mir gehabt. Ich malte das Titelblatt
des<lb/>z Koeahee ud. das teblszoeEPss Gbenso n=ch.<lb/>F wie das Aitelblatt
der AuwetF<lb/>ggs o-<lb/>Aufschrift der Zeitung, wenn mir eine solche
einmal in<lb/>=f. -<lb/>TKi<lb/>die Hände kam. Und da es mir daneben wohl
begegnen<lb/>s meiner guten Bekannten, das heißt einem Hunde, einem<lb/>j
Schafe oder einem Pferde ähnlich geng sah, so konnte<lb/>, es an mancher
Tracht Schläge mir nicht fehlen. Mein<lb/>- axmer Vater lebte deshalb in der
ihn niederbeugenden<lb/>' eberzengnng, daß ich zu einem herrschaftlichen
Be-<lb/>P dienten viel zu dumm, und höchstens einmal jn der<lb/>s
Amtsschreiberei zu gebrauchen sein würde, wenn- die<lb/>j Herrschaften die
Gnade haben sollten, mich in derselben<lb/>, unerzbrngen<lb/>Auf die Weise
kam ich bis in mein vierzehntes<lb/>j Jahr und ging bereits zum Pastor in
die Kinderlehre,<lb/><lb/>gr<lb/>- .<lb/>j konnte, zwwischen diesen
Schreibereien und mitten in -<lb/>, meinen Büchern, ein Ding hinzumalen, das
einem<lb/>F;<lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0023_016.tif" n="022"/>
<p>ohne mich durc irgend Ekvas ausgezeicnet zu haben,<lb/>als durc meine Größe
und Stärke und durch meine<lb/>schon erwähnte Nichtsnuzigkeit. Da kam die
Nachricht<lb/>in das Schloß, daß der Herr Obrist den
militävischen<lb/>Dienst aufgeben, nach Waldritten ziehen und
künftig<lb/>ganz auf seinen Gütern leben werde.<lb/>Das war ein großes
Ereigniß für das Dorf und<lb/>»ga<lb/>für die Ugeggzd- =i, der alte Herr,
zwwei Jahre<lb/>nach seinem sielenzjgßgpeburtstage, gestorben, wwar<lb/>es
im Schlosse todt und still gewesen, und wenn sie<lb/>meinem Vater auch
seinen Gehalt und seine Kost be-<lb/>lassen hatten wie vordem, hatte er doch
immer gesagk,<lb/>daß das kein rechtes Leben sei und daß die
Herrschaft<lb/>auf das Gut gehöre. Nun man wußte, daß sie kommen<lb/>würde,
bekam Alles gleich ein anderes Ansehen. Jeder<lb/>hatte seine Gedanken
darüber, denn die Ankunft der<lb/>Herrschaften nahm sofort alle Köpfe in
Anspruch, und<lb/>das neue Leben gab sich auch äußerlich sehr bald
kund.<lb/>Es ging damals gegen den Winter und die Herr-<lb/>schaften wollten
erst im Frühjahr auf das Gut ziehen,<lb/>dennoch kam lange vor Weihnachten
ein Baumeister -<lb/>in das Schloß, der verschiedene Handwerker im
Ge-<lb/>folge hatte. Man fing an, in den Zimmern Thüren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0024_017.tif" n="023"/>
<p>durchzubrechen, andere Fenster einzusetzen und Aende-<lb/>rungen mancher Art
zu machen.<lb/>Mein Vater schüttelte dazu bedenklich den Kopf.<lb/>Er
meinte,<lb/>überall im<lb/>habt; nun<lb/>so, wie das Haus gewesen, habe man
es<lb/>Winter warm und im Sommer kühl ge-<lb/>sie mehr Licht und Luft
hineinschaffen<lb/>wollten, würden sie nichts Rg1 und die
Gicht<lb/>bednnaen: =o »Fcg ta ==r-<lb/>ug<lb/>so alt werden würden St-
?FHiee Grden fte erst<lb/>noch zu erleben haben. Luftiger und windiger
seien<lb/>die Zeit und die Leute jetzt freilich allerwärts,
ständiger<lb/>und handfester seien sie aber vordem gewesen. -<lb/>Für mich
indessen hörte, wenn ich. mich in das<lb/>Haus hineinschmuggeln komnte, von
früh bis spät das<lb/>Vergnügen dort nicht auf, seit die Handwerker
ihr<lb/>Wesen darin trieben. Besonders seit die Maler in den<lb/>Zimmern
beschäftigt waren, die mich ihre Töpfe hin<lb/>und her tragen, mich endlich
gelegentlich sogar beim<lb/>Farbenreiben helfen ließen, kam ich nicht mehr
aus<lb/>dem Schlosse, als bis der Hunger mich nach Hause trieb.<lb/>Die
Maler und ihre Hantirung waren<lb/>Taggedanke und mein Traum. Mein
ganzer<lb/>war darauf gerichtet, einen Topf voll Farbe,<lb/>anny Lewald.
Helmar.<lb/><lb/>mein<lb/>Sinn<lb/>einen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0025_018.tif" n="024"/>
<p>Pinsel und eine<lb/>einem Pinsel so<lb/>schnittenes Papier<lb/>Schablone zu
besitzen. Denn mit<lb/>über ein dickes, kunstvoll ausge-<lb/>in aller
Sicherheit hinwegstreichen<lb/>zu können, und nachher<lb/>Figuren vor sich
zu sehen,<lb/>zuwege gebracht hatte, das<lb/>die schönen,
regelmäßigen<lb/>die man auf diese Weise<lb/>schien mir ein
beneidens-<lb/>werthes Glück I 8e es nicht müde, die Borte<lb/>in der einen
SzE?Fechten, in ber goldgelbe und<lb/>eeeh<lb/>himmelblaue »gSAden großen
rothen Kirschen<lb/>naschten, welche in dicken Bündeln aus dem Grün
der<lb/>Blätter hervorsahen. Ich versuchte im Sand und auf<lb/>der
Schiefertafel und mit Kreide und Kohle an den<lb/>Wänden und Zäunen die
kirschenessenden Vögel nach-<lb/>zumalen, und neben dem Verlangen nach den
Farben<lb/>brannte mir ein schmerzlicher Neid gegen die Maler in<lb/>der
Seele, welche die Farben und die Erlaubniß hatten,<lb/>diese Herrlichkeiten
an den großen schönen Wänden<lb/>auszuführen. Maler wollte ich werden und
nichts<lb/>Anderes auf der Welt.<lb/>Davon war zunächst indessen keine'Rede,
wohl<lb/>aber von dem feierlichen Empfange, den man der<lb/>Herrschaft auf
dem Gute zu bereiten dachte. Es war<lb/>noch sehr lange bis zum Frühjahr
hin, als der Kantor<lb/>mich schon alltäglich den feierlichen Glückwunsch
schreiben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0026_019.tif" n="025"/>
<p>ließ, mit welchem ich, als ihr Pathe, die gnädige Frau<lb/>empfangen
sollte.<lb/>,Ich gratulire der hochgeborenen gnädigen Frau,<lb/>meiner
allergnädigsten Frau Pathin, zu Hochdero<lb/>gnädiger Ankunft auf Hochdero
unterthänigen Gütern<lb/>alsHochdero unterthänigster Pathe und Diener
Helmar.!<lb/>Das schrieb ich Tag für Fgg, ohne es müde zu<lb/>werden; gber
um so mehr hatte;ich es satt, bei meinem<lb/>k IJ =<lb/>Vater den Kratzfuß
einzuleknen;' der einem recht-<lb/>schaffenen Diener vor seiner Herrschaft
zukam, und mit<lb/>welchem ich der gnädigen Frau meinen
Glückwunsch<lb/>überreichen sollte, wonach dann das Nebrige sich
von<lb/>selber finden würde.<lb/>Es hatte immer geheißen, die Herrschaften
würden<lb/>mit dem ersten Frühjahr in Waldritten eintreffen.<lb/>Fndeß die
Schwalben waren bereits wieder gekommen,<lb/>die Störche hatten ihre alten
Nester auf dem Pfarrhause<lb/>und auf den Scheunendächern schon bezogen, die
Bäume.<lb/>trugen ihr klares, grünes Laub, und selbst die
alten<lb/>Stemneichen, welche bei uns erst in der zweiten Hälfte<lb/>des
Maimonats, nach den drei strengen Herren aus-<lb/>zuschlagen pflegten,
entfalteten allmälig ihre jungen<lb/>röthlichbraunen Blätter; nur die
Herrschaften ließen<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0027_020.tif" n="026"/>
<p>noch immer auf sich warten. Jedoch die Wagen mit<lb/>den Möbeln und mit den
großen Kisten und Kasten<lb/>waren längst angekommen und von dem Diener,
der<lb/>sie begleitet hatte, an Ort und Stelle
untergebracht<lb/>worden.<lb/>Der Inspektor, dem immer Nachrichten von
ihnen<lb/>zukamen, sagte, daß der Herr Obrist, der mit dem<lb/>Range eines
Generals aus der Armee entlassen worden<lb/>war, noch in der Hauptstadt
verweile, um sich Seiner<lb/>Mafestät dem Könige vorzustellen und um die
spätere<lb/>Aufnahme des Junkers in die Kadettenanstalt vorzu-<lb/>bereiten,
denn er sollte in das Militär eintreten, in<lb/>dem sein Vater zu Ehren
gekommen war.<lb/>Man wartete also und wartete, bis der Bote<lb/>eines
Morgens den Brief von der Poststation mitbrachte,<lb/>in welchem die Ankunft
der Herrschaften auf den<lb/>nächsten Sonnabend angekündigt wurde.<lb/>Nun
ging erst das rechte Leben an. Acht Pferde<lb/>wurden in die Stadt
geschickt, die Herrschaft hinaus-<lb/>zuholen. In allen Scheunen wurde
gekehrt, in allen<lb/>Ställen, obschon sie immer gut gehalten waren,
gründlich<lb/>gereinigt. Die Wagen und das Sielenzeug wurden<lb/>bis auf die
letzte Schraube und auf die letzte Schnalle<lb/>nachgesehen und gepuzt, die
Feuerspritze untersucht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0028_021.tif" n="027"/>
<p>und probirt. Die Pflüge, Eggen und Karren wurden<lb/>zur Probe im Hofe
zusammengefahren und aufgestellt,<lb/>weil sie sich vor dem Herrn General
regelrecht wie<lb/>eine Batierie präsentiren sollten. Der Inspektor
wußte<lb/>es durch den Diener, der einst des Herrn Generals<lb/>Bursche
gewesen war und seit langen Jahren in<lb/>seinem Dienste stand, daß
militärische Ordnung dem<lb/>Herrn General das Höchste sei, und daß, was
nicht<lb/>biegen wolle, bei ihm brechen müsse.<lb/>Im Schlosse ging es noch
ganz anders als im<lb/>Hofe her. Die Treppen und Fluren, Küche und
Kammern<lb/>wurden zum so und so vielten Male auf's Neue unter<lb/>Wasser
gesetzt. Es war ein Ordnungschaffen, daß Alles<lb/>drunter und drüber ging,
daß die Mägde und Weiber<lb/>mit den Köpfen und den Zubern gegen einander
rannten.<lb/>Vor der Gärtnerwohnung wurden ganze Berge von<lb/>Tannen
aufgestapelt. Die Mädchen und Jungen aus<lb/>dem Dorfe flochten unter des
Gärtners Leitung die<lb/>Gewinde, mit denen die Gerüste, welche der
Stell-<lb/>macher schon vor Wochen am Hofthor und an der<lb/>Thür des
Schlosses zusammengenagelt, in Ehren-<lb/>pforten verwandelt werden sollten.
Es war ein rastloses<lb/>Treiben und Leben.<lb/>Dafür sah es aber auch
prachtvoll aus, als dh<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0029_022.tif" n="028"/>
<p>Ehrenpforten fertig, als die Tafeln mit den roth gemalten<lb/>Worten:
,Willkommen und Vivat hoch!! in die<lb/>Bogenwwölbung befestigt, als wir
Kinder vom Hofe<lb/>und aus dem Dorfe am Sonnabend Nachmittag in<lb/>Reih'
und Glied-- denn in Reih' und Glied war<lb/>zu Ehren des Generals bei uns
das Losungswort<lb/>geworden- an dem Hofthor aufgestellt waren und
die<lb/>beiden großen Reisewagen dann endlich in den
Hof<lb/>hineinfuhren.<lb/>Das Peitschengeknall, die acht Pferde, die
Menschen<lb/>in den Wagen, das Vivatrufen, das wir aus allen<lb/>Kräften zu
verüben angewiesen waren, und über all<lb/>das hinaus die beiden Ehrenbogen-
das war gar<lb/>zu herrlich! Ich dachte, so müßte die Pforte aussehen,
-<lb/>die in das Paradies und in die Gärten einführt, in<lb/>welchen die
himmlischen Heerschaaren wohnen und die<lb/>Frommen die ewige Seligkeit
genießen.<lb/>Selbst heute noch reichen weder der Titusbogen,<lb/>noch der
Kre äs 1toile in meiner Erinnerung an<lb/>die Pracht dieser heimischen
Ehrenpforte hinan. Und<lb/>den goldenen Sonnenschein, der jenen Abend in
meiner<lb/>Phantasie umleuchtet, habe ich auf der Erde schöner
nie<lb/>gefunden.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0030_023.tif" n="029"/>
<p>zriltes apilel.<lb/>Es war uns streng verboten, nach der Ankunft<lb/>der
Herrschaften an die Rampe ges Schlosses heranzu-<lb/>gehen, aber von unserer
Thüre aus konnte man ganz<lb/>genau beobachten, wie die beiden Diener die
Wagen<lb/>abpackten, wie das Alles rasch ging und wie sie meinen<lb/>Vater
Dies und Jenes zu tragen gaben, ihn dann<lb/>wieder auf die Seite schoben,
ihm befahlen, als ob<lb/>das Befehlen auf dem Hofe nicht an ihm gewesen,
als<lb/>ob er nicht älter als sie gewesen wäre.<lb/>Ich merkte es dabei
eigentlich zum ersten Male,<lb/>daß der Vater schon bei Jahren war. Neben
den blank<lb/>frisirten beiden Dienern, die jung und wie die
Herren<lb/>angezogen war, sah er mit seinem grauen Krauskopf,<lb/>mit seinem
langen grauen, roth und gelb aufgeschlagenen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0031_024.tif" n="030"/>
<p>Rocke, den er, seit der Herr todt war, immer an den<lb/>Sonn- und Feiertagen
angezogen hatte, mir mit einem<lb/>Male nicht mehr so vornehm als bisher
aus.<lb/>Es blieb mir jedoch nicht Zeit, lange darüber<lb/>nachzudenken,
denn bald nachdem sie angekommen waren,<lb/>gingen die Herrschaften sammt
und sonders über den<lb/>Hof: der Herr General in seinem langen
Offiziersrock<lb/>mit der Feldmütze auf dem Kopfe und die gnädige<lb/>Frau
an seinem Arm. Der Hofmeister mit dem<lb/>Junker, und ein blondes, junges
Frauenzimmer mit<lb/>einem kleinen Mädchen an der Hand, das so
schön<lb/>war, wie ich in meinem ganzen Leben nie Etwas<lb/>gesehen
hatte,<lb/>Bis dahin hatte ich immer gedacht, schöner als<lb/>die vier Engel
über der Orgel könnte gar Nichts sein;<lb/>aber das kleine Mädchen mit dem
braunen Lockenkopf<lb/>und den großen Augen war noch sehr viel schöner
als<lb/>die dicken rothbackigen Engel in der Kirche; und wenn<lb/>es auch
die Flügel nicht an den Schultern trug, die<lb/>mir immer so sehr gefallen
hatten, so flog doch das<lb/>weiße Röckchen und flogen die blauen Bänder,
die es<lb/>um den Leib gebunden hatte, lustig hinter ihm her,<lb/>so oft es,
bemüht, sich von der Hand des Fräuleins<lb/>loszumachen, bald hier-, bald
dorthin sprang und den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0032_025.tif" n="031"/>
<p>lachenden Kopf zurückwarf, daß die braunen Locken sich<lb/>bewegten, wie im
See das weiche braune Röhricht,<lb/>wenn der Wind durchging.<lb/>Der
Inspektor, der neben dem General einher-<lb/>schritt, führte sie überall
herum. Er sprach und der<lb/>General sprach, und wenn der Inspektor redete,
so<lb/>bückte er sich und der General nickte beifällig mit<lb/>dem Kopfe.
Sie besahen die Ställe, die Wagenremise,<lb/>sie guckten auch in die
Scheunen. Der Junker kletterte<lb/>auf den im Hofe aufgestellten Wagen
herum, und die<lb/>Kleine wollte ihm nach und zappelte und
strdmpelte,<lb/>bis der General sie aufhob und in einen der
Leiter-<lb/>wagen hineinstellte, in dem sie wie ein junges Huhn<lb/>im
Korbe, so schnell sie konnte, hin und wiederlief.<lb/>Sie weinte, als man
sie hinunterhob. Gleich<lb/>darauf verschwand die ganze Gesellschaft hinter
der<lb/>hohen Mauer, die den Hof vom Garten trennte, und<lb/>ich stand und
stand und wartete, ob sie nicht wieder-<lb/>kommen würden. Sie kamen aber
nicht. Nur der<lb/>Inspektor kam noch einmal an unserer Thüre vorüber.<lb/>,
Morgen um neun Ühr soll Sie den Jungen<lb/>zu der Frau Generalin schicken!''
rief er der Mutter<lb/>zu und damit ging er weiter.<lb/>Das fuhr mir durch
alle Glieder, denn nun ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0033_026.tif" n="032"/>
<p>die Herrschaften gesehen hatte, kam mir die Sache und<lb/>das, was ich zu
leisten hatte, viel verfänglicher vor,<lb/>und ich dachte noch darüber nach,
wie das Alles werden,<lb/>ob der Küster, ob der Vater oder die Mutter mit
mir<lb/>gehen, und ob die ganze Familie oder bloß die Frau<lb/>Generalin in
der Stube sein würde, wenn ich meinen<lb/>Willkommswunsch aufzusagen hatte.
Dakam der Vater<lb/>mit einem Male, und zwwar zu ungewohnter Zeit
nach<lb/>Hause. Er sezte sich an dem Tisch unter dem Fenster<lb/>nieder,
stützte den Kopf auf die geballte Faust und<lb/>sagte Nichts. Das hatten wir
noch nicht erlebt.<lb/>,Was ist denn passirt? fragte die Mutter mit<lb/>dem
Brot und dem Messer in der Hand; denn es war<lb/>Essenszeit<lb/>Er gab ihr
keine Antwort. Da sie nun nicht von<lb/>den Geduldigsten war, rüttelte sie
ihn an der Schulter<lb/>und rief:, Rede doch, Vater! Was willst Du
hier?<lb/>warum bist Du denuu nicht drüben? wird denn jetzt<lb/>drüben nicht
gegessen?<lb/>, Gegessen? - gegessen wird nicht mehr! Thee<lb/>wird
getrunken, und aufzuwarten brauche ich nicht dabei.<lb/>Das thun der feine
Monsieur Ludwig und der blanke<lb/>August. Auch zu schlafen brauche ich im
Schloß nicht<lb/>mehr. Sie haben genug an ihren Leuten. Wenn sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0034_027.tif" n="033"/>
<p>mich brauchen, werden sie nach mir: schicken; und ich<lb/>soll kommen, wenn
ich will!-- Da können sie lange<lb/>darauf warlen!'<lb/>Er biß die Zähne
zusammen, seinen Grimm zu<lb/>verschlucken. Die Mutter wußte nicht, was sie
davon<lb/>denken sollte. Sie stemmte die beiden Arme auf den<lb/>Tisch und
beugte sich zu ihm hinüber. Ich wwäre gern<lb/>ihm hingegangen, nur daß ich
mir's nicht traute.<lb/>,Vater,'? sagte darauf die Mutter, ,wwer hat
das<lb/>s gesagt? Was hast Du denn verbrochen?<lb/>,Verbrochen?? fuhr er
auf, ,Nichts habe ich<lb/>verbrochen.- Es ist ja Alles die pure Lieb' und
Güte!<lb/>Alles zur Belohnung! - Grade wie für den Schimmel,<lb/>der auch
mit einem Male nicht mehr gut genug war<lb/>und der das Gnadenbrod haben und
bloß noch spazieren<lb/>geführt werden sollte, nachdem der Herr General
dem<lb/>seligen Herrn zum siebenzigsten Geburtstag den sanften<lb/>Braunen
geschickt hatte, der besser und sicherer auf<lb/>den Füßen sein sollte!?=-
Der Vater lachte verächt-<lb/>lich, wie er das sagte. Dann sprach er wie zu
sich<lb/>selber: ,Der Herr hat's mit dem Braunen nicht<lb/>mehr lange
gemacht, aber der Schimmel ist noch eher<lb/>drauf gegangen. Er ist verlahmt
vom Stehen und<lb/>den Gnadenhafer hat er nicht gefressen! - Denn
wenn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0035_028.tif" n="034"/>
<p>Einer seine Sache aus dem Fundament versteht und<lb/>seine Arbeit mit Ehren
und besser als die Anderen<lb/>thun kann, und weiß, wo ein jedes Ding sein
Unter-<lb/>kommen hat und wo Alles gestanden und gelegen hat,<lb/>als die
Gnädige selber noch nicht hat stehen und gehen<lb/>können -= Wenn unser
alter Herr das hörte!r<lb/>Darauf schwieg der Vater eine Weile, zog
den<lb/>Rock und die Weste aus und hing sie, was kein<lb/>Mensch von ihm
erlebt hatte, ohne fie gebürstet zu haben,<lb/>in den Schrank. ,Hängt bis
ihr schwarz werdet!r<lb/>brummte er zwischen den Zähnen, als er die
Schrank-<lb/>thür zumachte, und dann setzte er sich wieder hin.<lb/>Es ging
ihm Alles noch im Kopf herum, und wenn<lb/>er auch sonst bisweilen still
gewesen war, ohne daß<lb/>man es bemerkt hatte, so war's uns an dem Abend
un-<lb/>heimlich.<lb/>Ich wollte hinaus gehen und wollte auch wieder<lb/>bei
dem Vater bleiben; denn dumm, wie ich war,<lb/>merkte ich doch, daß ihm
Etwas geschehen war, was<lb/>er nicht verschmerzen konnte, und ich hatte ihn
sehr lieb.<lb/>Endlich kam die Mutter auf einen Einfall.<lb/>,Der Inspektor
ist dagewesen, sagte sie, ,der<lb/>Junge soll morgen auf das
Schloß.!<lb/>,Laß ihn gehen!r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0036_029.tif" n="035"/>
<p>,Du mußt doch mit ihn' wendete die Mutter ein.<lb/>,Hat er's so bestelltk
fragte der Vater.<lb/>Sie wich ihm aus.<lb/>,Er kann doch nicht allein
gehen? meinte sie.<lb/>,Wenn er allein bestellt ist, so geht er auch
allein!<lb/>Er ist groß und alt genuug! Vielleicht können sie den<lb/>Jungen
besser brauchen als den Alten!? sagte er und<lb/>ging, obschon es bereits
dunkelte, noch hinaus zu<lb/>unseren drei Bienenstöcken; denn die Bienen,
waren<lb/>schon zum Defteren ausgeflogen. Der Raps war just<lb/>am Blühen,
das Schwärmen schien nahe, und der Vater<lb/>war also darauf aus, den
vierten Stock aufzustellen.<lb/>Er machte sich damit bis zur Schlafenszeit
zu schafen.<lb/>um für sich allein zu bleiben. Ich würde ihn also
auf<lb/>die Art an dem Abend gar nicht mehr gesehen haben,<lb/>hätte ich
nicht zum ersten Mal in meinem Leben eine<lb/>Weile im Bette wach gelegen,
weil ich am nächsten<lb/>Morgen in das Schloß hinüber sollte.<lb/>Ich
fürchtete mich davor und war doch neugierig,<lb/>wie das sein und wie das
ablaufen würde. Langes<lb/>Nachdenken war dazumal jedoch nicht meine
Sache.<lb/>Ich schlief mein richtiges Theil, und wie es dann am<lb/>Morgen
Zeit war und die Mutter selber mich abge-<lb/>seift hatte, daß ich blank war
wie ihr gescheuerter Tisch,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0037_030.tif" n="036"/>
<p>wurden der neue Anzug und die neuen Stiefeln herbei-<lb/>geholt, die schon
vor ein paar Monaten bestellt worden<lb/>waren und die ich eigentlich erst
zu Johanni bei der<lb/>Einsegnung hätte tragen sollen. Es war natürlich
Alles,<lb/>wie es sich gebührte, auf den Auswachs eingerichtet.<lb/>Weil ich
aber so ungewöhnlich rasch im Wachsen war,<lb/>hatte der Vater es dem
Meister auf die Seele gebunden,<lb/>von dem theuren Tuch auch einen recht
vollständigen<lb/>Anzug zu machen und bei dem gewöhnlichen Zugeben<lb/>noch
ein Nebriges zu thun, so daß ich bei dem An-<lb/>probiren mit den Händen
nicht recht aus den Aermeln<lb/>herausgereicht hatte. Indeß der Meister
hatte gesagt,<lb/>bis die Herrschaft käme, schieße ich gewiß noch
ganz<lb/>hinein: und da ich beim Anprobiren auch bloß still zu<lb/>stehen
gehabt hatte, waren die langen Aermel und der<lb/>übermäßig lange Rock und
die ebenso langen Hosen<lb/>nur eine Steigerung zu meinem stolzen
Wohlgefallen<lb/>an dem Anzug und an mir selbst gewesen.<lb/>Als ich nun
aber die Kleider ordentlich auf dem<lb/>Leibe, und die mir ohnehin
ungewohnten und ebenfalls<lb/>auf den Auswachs angeschafften Stiefel an den
Füßen<lb/>l<lb/>1<lb/>1<lb/>T<lb/>T<lb/>A<lb/>-<lb/><lb/><lb/>z<lb/>z<lb/>hatte,
fand ich, daß es ein schwer Stück Arbeit sei, ;<lb/>mit solcher Herrlichkeit
vom Fleck zu kommen. Indeß -<lb/>zum Bedenken blieb mir keine Zeit. Die
Mutter, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0038_031.tif" n="037"/>
<p>H1<lb/>das Auge nicht von der Kukuksuhr gelassen, sagte,<lb/>nun solle ich
gehen. Der Vater war wieder draußen,<lb/>er kümmerte sich um Nichts. Ich
machte mich also<lb/>mit schwerem Herzen aus den Weg.<lb/>Ich hatte quer
über den ganzen Hof zu gehen,<lb/>was mir sehr recht war, denn ich wollte
mich gern<lb/>vor den Leuten zeigen. Die Mutter, die in der Thüre<lb/>stand,
sah mir nach; und obschon ich in den Stiefeln<lb/>keinen festen Tritt hatte,
kam ich doch mit stolzem<lb/>Selbstbewußtsein vorwärts bis in's
Schloß.<lb/>Die Hausthüre stand weit offen, weil sie's luftig<lb/>in dem
Schlosse haben wollten. Durch die Glasfenster<lb/>der Stubenthüre, dem
Eingang gegenüber, sah man<lb/>in den Garten hinaus, und als ich in den Flur
trat,<lb/>kam von der Küchentreppe rasch der eine Diener<lb/>herauf, der
eine große, mit silberner Glocke verdeckte<lb/>Schüssel trug.<lb/>,Was will
Er? rief er, ohne mich anzusehen.<lb/>,Ich bin der Helmar!? sagte ich und
mein stolzes<lb/>- Selbstbewußtsein fing zu finken an.<lb/>,Sag' Er, was Er
willl gebot der Diener eilig.<lb/>,Der Herr Inspektor hat befohlen, daß ich
kommen<lb/>soll!r sagte ich.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0039_032.tif" n="038"/>
<p>, Ach, so! der Junge von dem alten Kaspar!<lb/>Wart Er! Die Herrschaft ist
beim Frühstück.?<lb/>Damit ging er in das Zimmer, kam aber
gleich<lb/>darnach zurück und mit dem Kopfe nach der Thüre<lb/>deutend,
während er selber wieder die Treppe hinunter-<lb/>lief, befahl er: , Dort
hinein!r<lb/>Glücklicherweise machte gerade in dem Augenblick<lb/>der andere
Diener die Thüre auf, so daß ich in den<lb/>Saal hineinkam.<lb/>Da saßen
sie! =- Gerade so wie bei dem heiligen<lb/>Abendmahl über dem Altar in
unserer Kirche, das die<lb/>gnädige Frau an des verstorbenen Herrn
siebenzigstem<lb/>Geburtstag, als der General den Braunen geschickt,<lb/>in
die Kirche gestiftet hatte, und von dem nur an den<lb/>großen Feiertagen und
wenn der Pfarrer die Kommunion<lb/>ertheilte, der Vorhang weggezogen wurde.
Es war<lb/>ganz derselbe lange Tisch und das weiße Tischtuch,<lb/>und die
Schüsseln und die großen Gefäße. Sie saßen<lb/>auch so in Reih' und Glied,
und vom Garten schien<lb/>die Sonne herein, wie durch das Fenster hinter
dem<lb/>Altar.<lb/>,Nun Helmar!? rief die Frau Generalin, und:<lb/>,Nur
vorwärts! befahl der General, und weil das<lb/>Beides freundlich klang, so
ging ich auch rasch darauf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0040_033.tif" n="039"/>
<p>los. Aber der Fußboden war glatt. Ich mußte beim<lb/>raschen Gehen die langen
Stiefel ordentlich vorwärts<lb/>schieben, und wie ich nun dicht am Tische,
meine Mütze<lb/>in der linken, meinen Glückwunsch in der rechten<lb/>Hand,
so wie mir's der Vater eingeübt hatte, meinen<lb/>Kratzfuß machen und meine
Rede mit den Worten:<lb/>,Ich gratulire der hochgeborenen Frau Generalin'
be-<lb/>ginnen wollte, glitschte mir mit einem Male der linke<lb/>Fuß aus,
während ich mit dem rechten den Boden<lb/>scharrte. Ich wußte nicht, wie mir
geschah. Ich fiel<lb/>der Länge nach nieder. Ich hörte das laute
Lachen<lb/>der Herrschaften, das tadelnde:,Der Tölpel!' des<lb/>Generals, an
dessen Knie ich mich hatte halten wollen<lb/>und dessen Kaffeetasse dadurch
ins Schwanken gerathen<lb/>und übergelaufen war, so daß der Inhalt mich
und<lb/>das Kleid der Gnädigen überschüttete, und ich es im<lb/>ersten
Augenblick des Schreckens kaum bemerkte, wie<lb/>ich mit der linken Hand auf
den einen Sporn an des<lb/>Generals Stifel gefallen war und mir das scharfe
Rad<lb/>desselben in die Hand geschlagen hatte.<lb/>So wie mir in dem
Augenblicke, muß es den<lb/>Menschen bei einem Erdbeben zu Muthe sein.
Es<lb/>ging vor Angst Alles mit mir in die Runde. Der<lb/>Fanny Lewald.
Helmar.<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0041_034.tif" n="040"/>
<p>General, über dessen Füße ich gefallen wwar. stand<lb/>ärgerlich auf. Das
Fräulein, das mit bei Tische ge-<lb/>sessen hatte, kam herbei, der Gnädigen
das Kleid zu<lb/>trocknen, während ich mich in die Höhe rappelte.
Der<lb/>Diener wischte den Kaffee von dem Fußboden weg.<lb/>Er schob mich
dabei verächtlich auf die Seite und<lb/>meine Mütze und meinen schönen
Glückwunsch mit dem<lb/>Fuße noch ein Ende weiter fort, und ich hörte
das<lb/>laute Lachen des Junkers und sein wiederholtes:<lb/>,Nein, der
Tölpel! der Tölpel!?<lb/>In meinem ganzen Leben ist mir so elend
nicht<lb/>wieder zu Muthe gewesen als in jener Stunde. Denn<lb/>daß Alles,
was um mich her vorging, eine Schande<lb/>für mich sei, das wußte ich. Ich
hätte fortlaufen<lb/>mögen, mich zu verstecken, wo kein Menschenauge
mich<lb/>finden konnte, und traute mir nicht, von der Stelle<lb/>wegzugehen.
Ich hätte auf den lachenden Junker los-<lb/>schlagen mögen, und wußte, daß
ich mich nicht unter-<lb/>stehen durfte, ihn auch nur schief anzusehen. Ich
hatte<lb/>die größte Angst vor meinem Vater, und dabei brannte<lb/>mir die
aufgeschlagene blutende Hand wie Feuer, so<lb/>daß ich, mir endlich ein Herz
fassend mein neues dunkel-<lb/>blaues Taschentuch hervorzog, um mir damit zu
helfen.<lb/>Das sah die Kleine, die auch mit am Tisch ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0042_035.tif" n="041"/>
<p>5<lb/>sessen hatte, und flink von ihrem Sessel heruntergleitend,<lb/>lief sie
auf mich zu.<lb/>,Ach! der arme Tölpel blutetl' rief sie, ,der<lb/>arme
Tölpel hat ein schwarzes Schnupftuch!?-- und<lb/>mir ihr weißes Tüchelchen
hinreichend, blieb sie mit-<lb/>leidig vor mir stehen.<lb/>Ich wagte nicht
es anzurühren, aber wenn ich<lb/>alt werde wie Methusalem, werde ich die
Empfindung<lb/>nicht vergessen, die mir bei dem Thun und den Worten<lb/>der
Kleinen durch das Herz fuhr. In meiner letzten<lb/>Stunde werde ich sie vor
mir sehen, wie sie in dem<lb/>weißen Kleidchen, fest auf ihren kleinen
nackten Beinchen<lb/>stehend, mich mit den großen braunen Augen
anguckte,<lb/>daß die Angst von mir genommen ward und auch das<lb/>drückende
und lähmende Gefühl der Scham und Schande.<lb/>Es war mit einem Male Alles
anders um mich her.<lb/>Die Freude, welche die Eltern und der Bruder an
der<lb/>entschlossenen Herzensgüte der Kleinen hatten, leuchtete<lb/>aus
Aller Augen und kam auch mir zugute.<lb/>,Das ist recht, Dora!' rief die
Generalin, ,gieh<lb/>dem Helmar Dein Tuch! Der arme Helmar ist mit<lb/>den
großen Stiefeln ausgeglitscht, Du bist ein gutes<lb/>Kind !!=- Und sich zu
mir wendend, meinte sie, es<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0043_036.tif" n="042"/>
<p>8e<lb/>sei wohl nicht so schlimm mit meiner Hand, ich solle<lb/>mir das Tuch
umwickeln und ihr das Schreiben-<lb/>zeigen, das ich für sie angefertigt
hätte.<lb/>Der General nahm darauf die kleine Dora auf<lb/>den Schooß, und
ich that, wie mir befohlen war. Der<lb/>Junker und das Fräulein und der
Lehrer hatten sich<lb/>wieder alle an der Tafel niedergelassen; und
meinen<lb/>Kratzfuß diesmal mit größerem Glücke
wiederholend,<lb/>überreichte ich der Generalin meinen
Willkommswunsch<lb/>und sagte ihr den Inhalt desselben her.<lb/>Der Funker
wollte wieder lachen, aber ein Blick<lb/>des Vaters wehrte ihm. Ich kam
glücklich und ohne<lb/>Anstoß bis ans Ende. Der General drückte mir
einen<lb/>blanken Thaler in die Hand, die gnädige Frau besah<lb/>meinen
Glückwunsch, reichte ihn dem Lehrer hin und<lb/>meinte:, Der Junge schreibt
vortrefflich! -- Wo hast<lb/>Du denn die Anfangsbuchstaben mit den
vielen<lb/>Schnörkeln her?<lb/>,Von der Bibel!' gab ich ihr zur
Antwort.<lb/>Sie erkundigte sich darnach, ob ich auch rechnen<lb/>könne, und
der General fragte, was ich denn werden<lb/>wolle, während auch er sich
meine Schreiberei besah.<lb/>,Ich soll Bedienter werden,'! entgegnete
ich.<lb/>Sie sprachen lachend Etwas, was ich nicht recht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0044_037.tif" n="043"/>
<p>verstand. So viel hörte ich jedoch heraus, daß sie<lb/>meinten, große
Geschicklichkeit scheine ich nicht zu haben,<lb/>und dann sagte der
General:,Du sagst, Du sollst<lb/>Bedienter werden, willst Du es denn
nicht?<lb/>Ich wußte nicht, ob ich mit meinen Gedanken<lb/>herausrücken
dürfe und war still.<lb/>,Nun? rief der General, , wwird's bald?
Willst<lb/>Du oder willst Du nicht?<lb/>Ich schüttelte verneinend den
Kopf.<lb/>,Was möchtest Du denn werden?- fragte die<lb/>Gnädige mit
freundlichem Ermuthigen. ,Willst Du<lb/>Schreiber werden?-<lb/>Und wieder
schüttelte ich den Kopf, bis der<lb/>General mir gebot, endlich den Mund
aufzuthun und<lb/>Antwort zu gehen, wie es sich gehörte.<lb/>Da faßte ich
mir rasch ein Herz, obschon ich<lb/>wußte, daß mir das zu Hause schwer
eingetränkt<lb/>werden würde, und sagte: , kum Maler möcht' ich<lb/>in die
Lehre, der hier im Schloß gemalt hat.!<lb/>,Maler? So? =- Das wird zu
überlegen sein!'<lb/>sprach der General, ,und nun geh! Das Andere<lb/>wird
sich finden!'<lb/>Die Worte klangen mir sehr angenehm in's Ohr,<lb/>denn der
Küster hatte, so oft von dem Neberreichen des<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0045_038.tif" n="044"/>
<p>Glückwunsches gesprochen worden war, immer damit<lb/>geschlossen, daß das
Nebrige sich finden werde; und<lb/>ich hoffte also, da ich diese Worte nun
in Wirklichkeit<lb/>vernahm, jetzt endlich auf den richtigen Weg
gekommen<lb/>zu sein.<lb/>Die Generalin gab mir ein großes Stück von
dem<lb/>Backwerk, das auf dem Tische stand, sagte, ich sollte<lb/>den Vater
zu ihr schicken, und als ich dann vorsichtig<lb/>meinen Rückweg antrat, rief
der Junker übermüthig<lb/>hinter mir her: ,Falle nur nicht
wieder!''<lb/>,Nein, Tölpel!' sprach die Kleine ihm nach<lb/>,nicht fallen,
Tölpel! Der Vater schilt!-<lb/>Ich war schon aus dem Schlosse fort und
im<lb/>Hofe und an unserer Thüre, als ich das Stimmchen<lb/>noch zu hören
und die Worte: , Nicht fallen, Tölpel!'<lb/>noch immer zu vernehmen
glaubte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0046_039.tif" n="045"/>
<p>Wiertes -apilel.<lb/>aIaoaKFana.<lb/>Daß mir zu Hause eine tüchtige Tracht
Schläge<lb/>bevorstehe, das war bei meinem Ungeschick im Schlosse<lb/>mein
erster Gedanke gewesen und sie ließ nicht auf<lb/>sich warten. Da Derlei
aber nicht zu den seltenen<lb/>Ereignissen für mich gehörte, so verschmerzte
ich sie<lb/>diesmal noch leichter als gewöhnlich, denn ich befand<lb/>mich
in einer wahren innern Wuth. Ich hätte auch<lb/>irgend Einen prügeln mögen,
wie mein Vater mich.<lb/>Ich hätte mir selber Etwas anthun mögen, hätte
mein<lb/>Vater dies nicht ausreichend besorgt.<lb/>Ich mußte die neuen
Kleider, die neuen Stiefel<lb/>ausziehen. Ich hatte sie bis zu diesem Morgen
wie<lb/>Heiligthümer angesehen. Sie anzulegen, war meine<lb/>ganze Sehnsucht
und mein Stolz gewesen; und wie ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0047_040.tif" n="046"/>
<p>sie nun auuszog, da wußte ich, was mir war, was mir<lb/>in der Seele brannte.
Ich haßte den dicken blauen<lb/>Rock und seine langen Aermel, die mir über
die Hände<lb/>heruntergehangen hatten. Ich verabscheute die
großen<lb/>Stiefel, die mich hatten fallen machen. Ich warf sie<lb/>sammt
der Müze, die ich auf Befehl in der Hand<lb/>hatte halten müssen, auf die
Ofenbank. Ich hätte<lb/>allein sein mögen, um das Alles ungestraft mit
Füßen<lb/>treten und vernichten zu können. Ich dachte mit Grimm<lb/>daran,
daß ich das Zeug wieder würde anziehen müssen,<lb/>und ich fühlte einen
Neid, einen brennenden Neid gegen<lb/>den Junker mit den kleinen blanken
Stiefeln und den -<lb/>schönen hellen Beinkleidern. Ich hätte ihm die
kurze<lb/>rnnde Jacke vom Leibe reißen, und vor Allem, ich<lb/>hätte so
hübsch aussehen mögen wie er, damit sie mich<lb/>nicht auslachen, mich nicht
wieder Tölpel schimpfen<lb/>dürften.<lb/>Sagen hätte ich von dem Allen keine
Sylbe können,<lb/>denn so weit war ich lange nicht. Die Worte
Unglück,<lb/>Scham, Demüthigung waren noch nicht in meinem<lb/>Besitz, und
doch empfand ich, was sie aussagen, mit<lb/>einer schneidenden Schärfe. Ich
hatte auf meine Weise<lb/>vom Baume der Erkenntniß gegefsen, ich war
aus<lb/>meinem Paradiese vertrieben. Der Unterschied zwwischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0048_041.tif" n="047"/>
<p>z1<lb/>schön und unschön, zwischen vornehm und gering hatte<lb/>sich vvr mir
aufgethan. Ich sah mit einem Male<lb/>mit anderen Augen.<lb/>Bis dahin hatte
mir auf der Gotteswelt noch<lb/>Nichts gefehlt. Ich war des Kaspar's Helmar
ge-<lb/>wesen, der Pathe der gnädigen Frau, des Küsters<lb/>Günstling. Auch
in der Kinderlehre bei dem Pastor<lb/>war ich obenan gewesen und, als der
größeste und<lb/>stärkste unter meinen Altersgenossen, der Herr auf
dem<lb/>Hofe. Außer dem Wunsche, ein Maler zu werden,<lb/>hatte ich kaum
einen Gedanken gehabt, der über den<lb/>nächsten Tag hinausgegangen wäre,
und jener Wunsch<lb/>hatte mir nicht den Schlaf geraubt oder gar
den<lb/>Appetit verdorben. Aber Maler zu werden, das war<lb/>mir heute lang
nicht mehr genug, denn auch die Maler<lb/>hatten nicht so schöne Kleider wie
die Herrschaften im<lb/>Schlosse, nicht einen so glatt gekämmten Kopf wie
der<lb/>Junker, mit schönen Locken an der Stirne gehabt.<lb/>Sie hatten auch
nicht so fein wie die Herrschaften ge-<lb/>sprochen, und so schön wie das
kleine Mädchen hatte<lb/>ich überhaupt noch Nichts gesehen. Ich war
neidisch<lb/>und verliebt, und ich war ein dummer, ungeschickter<lb/>Tölpel.
Ich hätte mich in die Erde verkriechen mögen!<lb/>Statt dessen aber mußte
ich mit den anderen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0049_042.tif" n="048"/>
<p>Jungen dem Gärtner zu Hülfe gehen, denn es war<lb/>wieder ein Maikäferjahr
und das Ablesen der Mai-<lb/>käfer wurde eimerweise bezahlt. Dadurch war
ich<lb/>tagüber in dem Schloßgärten und konnte sehen, wie<lb/>der Junker am
Mittag, als die Lektionen zu Ende<lb/>waren, seine Spiele auf dem großen
Rasenplatz betrieb,<lb/>und wie die Kleine ihr ausgestopftes Schäfchen
am<lb/>rothen Bande auf dem kleinen grünen Rollbrett hinter<lb/>sich herzog,
wie sie ärgerlich mit den Füßchen stampfte<lb/>und das Schäfchen schlug, das
immer und immer<lb/>wieder umfiel. Es war auch zum Ungeduldigwerden,<lb/>ich
wurde mit ihr ärgerlich!<lb/>Ohne recht zu wissen, was ich vorhatte, lief
ich<lb/>in den Stall, in dem unsere beiden Ziegen und die<lb/>Kaninchen ihr
Unterkommen hatten. Ich griff ein erst<lb/>acht Tage altes rasch heraus. Es
war weiß und nicht<lb/>viel größer als das Schäfchen, und zu der
Kleinen<lb/>eilend, reichte ich ihr's hin.<lb/>,Da!' sagte ich, , halt's
fest! Das kann laufen.?<lb/>Das ganze Gesichtchen ward ihr roth vor
Freude.<lb/>Sie drückte das Kaninchen fest an ihr kleines Herz.<lb/>sah zu
der Gouvernante in die Höhe, guckte mich mit<lb/>den großen braunen Augen
an, und rief:<lb/>,Ach, der gute Tölpel! Ach, das kann laufen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0050_043.tif" n="049"/>
<p>Fräulein! Da, Tölpel, da nimm das andere, nimm<lb/>das Lamm!!-- und wieder
drückte sie das Kaninchen<lb/>an ihr Herz und küßte es einmal um das
andere.<lb/>Die Gouvernante fragte, ob das Kaninchen mein<lb/>sei, ob ich es
verschenken dürfe? - Ich bejahte Beides;<lb/>aber die Kleine verstand das
falsch.<lb/>,Nein! nicht dem Tölpel seines, meines ist es,<lb/>nicht dem
Tölpel seines!' rief sie, offenbar besorgt, daß<lb/>man ihr's nehmen
wolle.<lb/>,O pfui, Dora!'' tadelte die Gouvernante, ,Du<lb/>mußt nicht
immer Tölpel sagen, das ist unartig.<lb/>Helmar heißt der Knabe. Gieb dem
Helmar die Hand<lb/>und bedanke Dich bei ihm; und dann wollen wir
Dein<lb/>Kaninchen der Mutter zeigen gehen und sie bitten,<lb/>daß sie dem
Helmar Etwas dafür schenkt. Gieb die<lb/>Hand, Dora, und danke
schön.!<lb/>,Danke schön!r sprach ihr Dora nach und hielt<lb/>mir ihr
Händchen hin, aber ich traute mir nicht, es<lb/>anzufassen, weil ich so
schmutzig war. Ich machte mich<lb/>davon, nach meinem Kirschenbaum, an meine
Arbeit.<lb/>Währenddessen war mein Vater, wie befohlen, zu<lb/>der gnädigen
Frau gegangen, und wie er dort ankam,<lb/>fand er auch den Herrn General im
Zimmer. Sie<lb/>sagten Beide, daß sie mit meinem Schreiben
zufrieden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0051_044.tif" n="050"/>
<p>gewesen wären, daß sie auch weiter für mich Etwas<lb/>thun wollten, und ob es
auch des Vaters Wille sei,<lb/>daß ich Maler werden solle.<lb/>Da dachte der
Vater, jetzt oder nie mehr müßte<lb/>es herunter, was es auf dem Herzen
hätte, und so<lb/>sagte er:<lb/>,Mein Wille? Nein, gnädige Herrschaft,
mein<lb/>Wille ist das ganz und gar nicht. Ich habe immer<lb/>gedacht, daß
der Junge einmal den jungen Herrschaften<lb/>dienen sollte, wie ich dem
alten gnädigen Herrn ge-<lb/>dient habe; aber da ich nun doch sehe, daß man
die<lb/>alten Diener nicht gebrauchen kann und sie in die Ecke<lb/>schiebt
wie einen alten abgenutzten Besen, der aber<lb/>doch kein Herz im Leibe und
nicht seine Ehre hat wie<lb/>ein rechtschaffener Mensch - da mag er werden,
was<lb/>er will, mir soll's einerlei sein.!<lb/>Er war erschrocken, als er
sich das herausgenommen<lb/>hatte, und es schnappte ihm auch in der Kehle
ab, so<lb/>daß er nicht weiter konnte, hätte er es auch gewollt,<lb/>und
wäre die gnädige Frau ihm nicht zuvorgekommen.<lb/>,Aber Kaspar, alter
Kaspar,? rief sie mit ihrem<lb/>freundlichsten Gesicht, ,was fällt Dir denn
auf Deine<lb/>alten Tage ein? Wer will. Dich denn auf die
Seite<lb/>schieben? Bequem haben wir Dir's machen wollen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0052_045.tif" n="051"/>
<p>weiter Nichts! Willst Du uns aber lieber noch weiter<lb/>dienen, so sollst
Du's thun in Gottes Namen. -- Und<lb/>nicht wahr, Franois,! setzte sie
hinzu, indem sie sich<lb/>zu ihrem Manne wendete, ,Du lässest mir den
Kaspar<lb/>für meine und für der Kleinen persönliche Bedienung.<lb/>Er hat
mich auf Weg und Steg begleitet, als ich<lb/>jung gewesen bin, und ich
denke, er soll auch Dora<lb/>noch begleiten, wenn sie meine Neigung haben
sollte,<lb/>sich auf gut Glück im Wald umherzutreiben.?<lb/>,Halte das, wie
Du's wünschest,? entgegnete ihr<lb/>der General, ,nur die graue Livree, den
langen Rock<lb/>und den verwünschten zweispitzigen Tressenhut, die<lb/>kann
er nicht mehr tragen.!<lb/>Das griff dem Vater wieder an das Herz.
Der<lb/>lange Rock und sein Tressenhut und sein Mantel mit<lb/>den sieben
Kragen waren mit ihm verwachsen, wie<lb/>seine Haut mit seinem Fleisch und
Bein. Er wollte<lb/>also eben erklären, daß er in einen solchen
schwarzen<lb/>Frack, wie die beiden anderen Diener ihn trugen,
nicht<lb/>hineingehöre, als die Gnädige ihm abermals zu<lb/>Hülfe
kam.<lb/>,Du hast ganz Recht,? sagte sie, ,leine Livrse ist<lb/>schlecht und
er muß eine neue haben; aber wenn Du<lb/>mir ein Vergnügen machen willst,
läßt Du sie ihm<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0053_046.tif" n="052"/>
<p>gerade wie die alte machen. Bei der Tafel wartet er<lb/>nicht auf, und wenn
er in der alten Waldern'schen<lb/>Livree mit unseren Farben, mit den roth
und gelben<lb/>Aufschlägen, wie sonst durch das Haus gehen wird,<lb/>Morgens
die Ühren aufzuziehen und die Briefe und<lb/>die Zeitungen wie an dem Tag
nach unserer Hochzeit<lb/>in unser Zimmer zu bringen, so werde ich mir
selher<lb/>noch jung vorkommen, und die Kinder werden wissen,<lb/>wie es zu
ihrer Väter Zeiten hier im Hause ausge-<lb/>sehen hat und hergegangen ist.
Kaspar würde uns<lb/>im Winter erfrieren, wenn Du ihn zum Frack
ver-<lb/>dammtest. Er würde ja auch mit seinen langen Beinen<lb/>wie ein
Kranich darin aussehen,! setzte sie lachend<lb/>hinzu. -<lb/>Die Gnädige
mußte es wohl verstehen, wie sie<lb/>den General zu nehmen hatte, denn er
sagte sofort zu<lb/>Allem, was sie wollte, Ja und Amen. Der Vater.<lb/>trat
wieder in den Dienst und der General kümmerte<lb/>sich weiter nicht darum.
Er machte sich vielmehr gleich<lb/>in den folgenden Tageu mit dem Inspektor
an die<lb/>Besichtigung des Gutes, so daß er fast immer draußen<lb/>war und
der Inspektor nicht recht wußte, was der<lb/>Herr eigentlich dabei im
Schilde führte. Denn obgleich<lb/>er über Alles, was zum Gute' gehörte, die
genanen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0054_047.tif" n="053"/>
<p>Berichte nnd Plane in Händen hatte, wurden die<lb/>ganzen Grenzen des Gutes
beritten, alle Felder und<lb/>alle Wege in den Feldern, Wäldern und Wiesen
in<lb/>Augenschein genommen. Als er dann damit fertig<lb/>war und auch die
Scheunen und Ställe und die<lb/>Brennerei ebenso besichtigt, alle
Geräthschaften gemustert,<lb/>und den ganzen Viehstand genau untersucht
hatte, fing<lb/>er an, die einzelnen Feuerstellen, die Häuser der
Inst-<lb/>leute von Stube zu Stube durchzugehen, und es mußte<lb/>ihm
aufgeschrieben werden, wie viel Seelen in jeder<lb/>Stube wären, wobei
gerade wie für die Kantonpflicht -<lb/>Namen und Alter und Gewerbe von jedem
Mann und<lb/>Burschen verzeichnet werden mußten.<lb/>Das war Keinem recht
geheust, weil der Mensch<lb/>doch wissen will, was man mit ihm vor hat, und
der<lb/>General sich über gar nichts ausließ. Nur zum<lb/>Inspektor hatte er
gesagt, er denke die Güter nach den<lb/>Erfahrungen zu bewirthschaften, die
er im Leben viel-<lb/>fach habe machen können. Die alte hiesige
Wirthschaft<lb/>sei nicht rationell. Man müsse auf dem Lande
das<lb/>Nothwendige soweit als möglich sich jelber schafen,<lb/>um wenig von
Außen her zu bedürfen, müsse viel<lb/>produziren und das Neberflüssige gut
zu verwerthen<lb/>suchen. Der Landwirthschaft fehle kaufmännische
Er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0055_048.tif" n="054"/>
<p>fahrung und eine feste, recht eigentlich militärische<lb/>Organisation. Mit
einem richtig geführten Haupt-<lb/>buche und tüchtiger Disziplin ließen sich
allerwegen<lb/>Wunder thun, und er wolle auf seinen Gütern den<lb/>Anfang
mit den Dingen machen.<lb/>Der Inspektor ließ sich das gesagt sein, aber
im<lb/>Stillen äußerte er gegen meinen Vater sein Bedenken.<lb/>Er meinte,
das sei Alles recht gut und schön; aber<lb/>was im Handel und im Regimente
gehe, das gehe<lb/>auf dem Lande und in der Landwirthschaft deshalb<lb/>noch
lange nicht. Beim Ersteren habe man es nur<lb/>mit Menschen, hier aber mit
dem lieben Herrgott<lb/>selber, mit seinem Regen und seinem Sonnenscein,
mit<lb/>guten und mit schlechten Jahren abwechselnd zu thun.<lb/>Wo unser
Herrgott seine Hand immer sichtbarlich im<lb/>Spiele habe, wie in der freien
Natur, da gehe es mit<lb/>dem Spekuliren und Organisiren und
Kommandiren<lb/>nicht so, wie es Mancher denke, der nicht auf dem<lb/>Lande
und nicht hier zu Lande und nicht bei der<lb/>Wirthschaft hergekommen
sei.<lb/>Der General jedoch verstand das anders. Das<lb/>Organisiren und
Kommandiren war sein eigentliches<lb/>Glück, und wenn zuerst den Leuten
dabei auch angst<lb/>und bange wurde, so kam doch mit einem Male
ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0056_049.tif" n="055"/>
<p>neues Leben in das Dorf und auf den Hof, das ihnen<lb/>zu gefallen anfing. Es
wurde ein Maurermeister aus<lb/>der Stadt verschrieben, es kamen Zimmerleute
in das<lb/>Dorf und schon nach wenig Wochen waren die Neu-<lb/>bauten in
vollem Gange. Dadurch waren viel Arbeits-<lb/>kräfte nöthig, man bezahlte
auch die Arbeit nach Ge-<lb/>bühr, und da das Jahr sich sehr gut anließ und
eine<lb/>gesegnete Ernte versprach, konnte man es yon den<lb/>Leuten bald
vielfach sagen hören, daß es doch ein<lb/>anderes Wesen sei, wenn die
Herrschaft auf dem Gute<lb/>wohne und nicht in der Stadt.<lb/>Der
Zufriedenste von Allen jedoch, als er erst<lb/>seinen neuen Anzug hatte, war
bald mein Vater, denn<lb/>das Dienen war ihm eine Lust. Nun hatte er
doch<lb/>wieder eine Herrschaft über sich, und zwar eine
gütige<lb/>Herrschaft, hatte seinen neuen Anzug ganz nach alter Art,<lb/>und
im Schlosse ging es wieder hoch und vornehm her.<lb/>Der General hatte, da
er in Allem rasch vor-<lb/>wärts ging, gleich nach seiner Ankunft einen
weit-<lb/>reichenden Verkehr mit den altadeligen, in unserer<lb/>Nähe
vielfach angesefsenen Familien angeknüpft, mit<lb/>denen die gnädige Frau
verwandt war. Es gab also<lb/>immer im Schlosse viel zu schaffen. Die
mitgehrachten<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0057_050.tif" n="056"/>
<p>Diener, die dem Vater anfangs ein Dorn im Auge<lb/>gewesen waren, hatten oft
alle Hände voll zu thun und<lb/>ließen es sich natürlich gern gefallen, wenn
er ihnen,<lb/>damit Alles in der Ordnung ginge, ohne ein Wort<lb/>darüber zn
verlieren, beisprang, wo es nöthig schien,<lb/>obschon er und sie ihre
besonderen und gewiesenen<lb/>Wege hatten. Sie kamen bald von selber, seine
Hülfe<lb/>zu fordern. Es währte auch nicht lange, so zog der<lb/>General
ihn, wenn Noth am Manne war, auch zur<lb/>Bedienung in der Gesellschaft mit
heran, und verstehen<lb/>that der Vater sie so gut als Einer.<lb/>Dabei kam
es einmal, daß der alte Graf Berkow<lb/>aus Brakuhnen und seine Schwester,
welche Oberhof-<lb/>meisterin gewesen war, meinen Vater sahen und
ihn<lb/>zutraulich begrüßten. Sie nannten ihn Kaspar und<lb/>Du, sprachen
mit ihm von dem seligen Herrn und von<lb/>den alten Zeiten, und der Graf
bemerkte dabei gegen<lb/>den General, er freue sich immer, wenn er
heutzutage,<lb/>wo die Freizügigkeit die Menschen unstät und
die<lb/>Dienerschaft zu wahren Zigeunern gemacht habe,
we-<lb/>t<lb/>nigstens noch auf den Gütern hie und da solch
alte<lb/>Juventarienstücke treffe, auf welche ein Verlaß sei. Ein s<lb/>in
dem Hause alt gewordener Diener sei zehn von dem j<lb/><lb/>herumziehenden
Gesinde werth.<lb/><lb/>z<lb/>s<lb/>H<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0058_051.tif" n="057"/>
<p>d1<lb/>Den beiden anderen Dienern, welche das mit an-<lb/>gehört hatten,
gefiel dies natürlich keineswegs. Sie<lb/>waren übrigens ordentliche Leute,
die der General aus<lb/>dem Regimente nach überstandener Dienstzeit in
sein<lb/>Haus genommen hatte, und ich freute mich immer,<lb/>wenn der
Jüngere, der August, Abends bisweilen zu<lb/>uns herüberkam. Er erzählte
dann viel vom Regiment,<lb/>von auswärts und, was mir das Mllerliebste war,
auch<lb/>von den Herrschaften und von Allem, was im Schlosse<lb/>vorging;
denn auf das Schloß und seine Bewohner<lb/>war mein ganzer Sinn
gestellt.<lb/>,Sie können jetzt lachen, Kaspar,! sagte August<lb/>eines
Abends, , Sie haben jetzt Oberwasser bei dem<lb/>Herrn, seit der Graf sich
neulich mit Ihnen unterhalten<lb/>hat. Was die Grafen aus Brakuhnen und aus
Meldow<lb/>sagen, das ist bei unserem General ein Wort. Zur<lb/>Zeit im
Regimente war das freilich anders. Da hielt<lb/>er den bürgerlichen
Offizieren und den Neugeadelten<lb/>überall die Stange, wenn die jungen
Herren aus den<lb/>großen Familien mit ihrem alten Adel vor den
An-<lb/>deren was bedeuten wollten, obschon sie recht gut<lb/>wußten, daß
der General aus einem Kaufmannshause<lb/>hergekommen war. Er machte dorten
auch kein Ge-<lb/>g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0059_052.tif" n="058"/>
<p>heimniß daraus; im Gegentheil, er hielt es den Frei-<lb/>willigen und
Avantageuren wohl zum Beispiel vor.<lb/>Hier aber?-- und August uachte, nach
dem Schlosse<lb/>weisend, ein pfiffiges Gesicht - ,hier, wo die
beiden<lb/>alten Wappen über der Thüre ausgehauen sind, da<lb/>bläst der
Wind aus einem andern Loche. Und lassen<lb/>Sie die Kinder nur erst groß
sein-- der Clamor<lb/>ist schon jetzt der Hochmuth selber! Unter
Grafen-<lb/>kindern thut der General es mit den seinen
einmal<lb/>nicht.-<lb/>Mein Vater ärgerte sich. Es konnte es
nicht<lb/>leiden, wenn die Diener also von der Herrschaft redeten,<lb/>und
daß hier in Waldritten, wenn es wieder einmal<lb/>so weit wäre, nur vornehm
geheirathet werden konnte,<lb/>das verstand für ihn sich ganz von selber. Es
war<lb/>niemals bürgerlich Blut in das Geschlecht gekommen,<lb/>welches dies
Schloß gebaut und bewohnt, bis der Herr<lb/>General hinein geheirathet
hatte. Dagegen konnte Nie-<lb/>mand etwas sagen, weil der selige Herr es so
für gut<lb/>befunden hatte; aber daß der General jetzt suchen<lb/>mußte,
dies Unrecht wieder gleichzumachen, das hatte<lb/>mein Vater stets
gedacht.<lb/>,Denn,! sagte er, ,heder Bauer wjll eines Bauern<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0060_053.tif" n="059"/>
<p>Kind ins Haus bekommen, und alter Adel bleibt doch<lb/>alter Adel!?<lb/>, Und
junger Adel wird allmälig alter!'? lachte<lb/>August. , Sieht denn unser
General nicht gerade so<lb/>vornehm aus wie die Grafen hier rundum? Es
ist<lb/>nur, wie der Mensch aussieht und sich hält!r rief er,<lb/>indem er
sich in die Brust warf. ,Oder merken Sie's<lb/>dem Hauslehrer, dem Doktor
Müller, etwa an, daß<lb/>sein Vater Bedienter gewesen ist wie Sie und
ich?<lb/>Aus dem Waisenhause ist er auf das Gymnasium ge-<lb/>than worden
und sie haben ihm freie Schule, auch<lb/>freie Kollegien auf der Universität
geschafft; und wenn<lb/>der Doktor im Herbst den Junker im
Kadettenhause<lb/>abgeliefert haben wird, so geht er an die
Universität<lb/>und wird Professor wie ein Anderer. Passen Sie ein-<lb/>mal
auf, wenn er bei Tische mit den vornehmsten<lb/>Herrschaften von allem
Möglichen diskurirt, ob Sie's<lb/>ihm anhören, daß sein Vater auf dem
Kutscherbock<lb/>gesessen und hinter den Stühlen gestanden hat, so
gut<lb/>wie wir !-<lb/>Der Vater schwieg verwundert. Der Andere
klopfte<lb/>ihm auf die Schulter:<lb/>,Ja, Kaspar, das ist nun einmal so,
darein<lb/>müssen Sie sich schon ergeben. Die Welt ist nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0061_054.tif" n="060"/>
<p>5<lb/>mehr wie zu Ihrer Zeit, und was der Graf aus Bra-<lb/>kuhnen auch sagen
mag, seit die Eisenbahnen in die<lb/>Welt gekommen sind, ist die ganze Welt
mobil ge-<lb/>macht. Es geht Alles rasch vom Fleck, wenn auch hier<lb/>zu
Land noch keine Eisenbahnen sind. Es will jezt<lb/>Keiner mehr zum alten
Inventarienstücke werden! Es<lb/>will Jeder jetzt vorwärts! Das ich mein
Lebenlang<lb/>hinter den Stühlen stehen und Silber putzen werde,<lb/>ist
auch noch lange nicht gesagt.<lb/>,Sie haben's auch wohl auf den Edelmann
ab-<lb/>gesehen!'' warf mein Vater spottend ein.<lb/>,Das just nicht; aber
ich schreibe meine gute<lb/>Hand, ich habe einen anschlägigen Kopf, und
kamn<lb/>ich nur erst so viel zusammenhringen, daß ich etwas<lb/>Eigenes
unternehmen kann, so sollen Sie mal sehen,<lb/>was ich thue, und erleben,
was noch aus mir wird.!<lb/>,Dann schaffen Sie sich wohl selber Pferde
und<lb/>Wagen und Kutscher und Bedienten an? höhnte
der<lb/>Vater.<lb/>,Gleich noch nicht!' erwiderte Jener wohlgemuth.<lb/>,Es
braucht ja auch nicht gleich zu sein! Ich bin<lb/>jng, und was nicht ist,
kann werden!'<lb/>Damit nahm er seine Mütze und ging fort.<lb/>,Der Hans
Narr!'! schalt mein Vater, gerade<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0062_055.tif" n="061"/>
<p>als August draußen Kehrt machte und noch einmal<lb/>wiederkam.<lb/>, Ehe ich
es vergesse,'! sagte er, ,der Helmar soll<lb/>morgen nach der Kirche
hinüberkommen. Sie wollen<lb/>sehen, ob er sich zum Maler paßt.! Und mit
der.<lb/>Munterkeit, die selten von seinem Gesichte kam, setzte<lb/>er
hinzu: , Als wenn Einer, der was kann und was<lb/>gelernt hat, hier im Dorfe
als Maler sizen bleiben<lb/>würde, um Lattenzäune anzustreichen und alte
Kutschen<lb/>zu lackiren! Also morgen nach der Kirche!??<lb/>,So sind sie!?
rief der Vater, als Jener nun<lb/>wirklich gegangen war. ,Nichts als
Einbildung im<lb/>Kopfe, und vergessen, was sie auszurichten haben.
Einer<lb/>wie der Andere! Aber glatte Scheitel und ein Schnurr-<lb/>bart und
immer weiße Handschuhe! -- Einer wie der<lb/>Andere!' brummte er noch einmal
und stopfte sich die<lb/>Pfeife mit dem selbstgebauten Tabak.<lb/>Ich aber
hatte den August heut noch lieber als<lb/>bisher. Ich hatte kein Wort
verloren von alledem,<lb/>was er gesprochen hatte. Ich mußte immer an
ihn<lb/>und an den Doktor Müller denken, der ganz so aus-<lb/>sah wie die
Anderen, der mit den Herrschaften ritt<lb/>und fuhr, der mit den
Herrschaften zu Tisch saß, der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0063_056.tif" n="062"/>
<p>56<lb/>dem Junker zu befehlen hatte, und dessen Vater ein<lb/>Bedienter
gewesen war, so wie meiner auch.<lb/>Den Abend habe ich, so wie ich mich
erinnere,<lb/>zum ersten Male nicht gebetet. Ic dachte an den<lb/>Doktor
Müller bis ich einschlief.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0064_057.tif" n="063"/>
<p>Jiinsles Zapiles.<lb/>,Geh' nur in den Garten hinein, rechts nach
der<lb/>großen Laube!r sagte August, als ich am nächsten<lb/>Vormittage nach
dem Schlosse kam, ohne mir recht<lb/>vorstellen zu können, was mit mir
geschehen würde.<lb/>Ich ging also -- nicht durch die Zimmer, son-<lb/>dern
hinten über den Hof - nach dem Garten,<lb/>in der großen Laube fand ich sie
denn auch,<lb/>gnädige Frau, die Gouvernante und die
Kleine.<lb/>und<lb/>die<lb/>,Hast Du noch mehr Kaninchen? rief diese
mir<lb/>entgegen, sowie sie mich erblickte.<lb/>,Noch sechs,! sagte ich,
,die andern sind ver-<lb/>kauft.?<lb/>,Geh', hole sie her! Aber gleich,
hörst Du,<lb/>gleich! Ich komme mit!'' sagte sie, indem sie von der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0065_058.tif" n="064"/>
<p>8<lb/>Bank, auf der sie gesessen hatte, herniederstieg und sich<lb/>an meine
Hand hing. Heute scheute ich nicht davor<lb/>zurück, denn ich hatte
mich<lb/>glauhte, mich sehen lassen zu<lb/>mir großes Vergnügen, als<lb/>so
gewaschen, daß ich<lb/>dürfen, und es machte<lb/>sie das kleine
weiche<lb/>Händchen in meine Hand legte. Aber die Mutter hieß<lb/>sie
bleiben.<lb/>,Du sollst nachher mit Helnar und den Fräulein<lb/>zu den
Kaninchen gehen,! sagte sie, ,leht soll er hier<lb/>erst zeichnen!' und sich
zu mir kehrend, fragte sie, ob<lb/>ich schon sonst einmal gezeichnet
habe.<lb/>,ia, immer!'' gab ich ihr zur Antwwort.<lb/>,Bei wem denn?<lb/>Ich
verstand nicht, was sie meinte. Aber die<lb/>Gnädige ließ sich in ihrem
guten Willen nicht durch<lb/>mein Scweigen irre machen.<lb/>,Womit hast Du
denn gezeichnet?- fuhr sie fort.<lb/>,Mit der Feder! mit Kohlen! auch auf
der Tafel!<lb/>auch mit dem Stock!-<lb/>, Mit dem Stock ? wiederholte die
Gouvernante,<lb/>,wie hast Du das denn angefangen?-<lb/>,Auf der Erde, im
Sande ! bedeutete ich.<lb/>Die Gnädige nahm darauf<lb/>hieß die Gouvernante
mir einen<lb/>ein Blatt Papier,<lb/>Bleistift und eine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0066_059.tif" n="065"/>
<p>59<lb/>Vorzeichnung gehen, und befahl mir, mich hinzusetzen<lb/>und diese
nachzuzeichnen, wenn ich könnte.<lb/>Mir war himmelangst, als ich den Befehl
er-<lb/>hielt; aber die Freude über das weiße Papier und<lb/>über den
schönen, blank polirten Bleistift, dessen viel-<lb/>eckig geschliffene
Spitze mir wie ein Wunder vorkam,<lb/>machten mich die Furcht vergessen,
während das Vor-,<lb/>legeblatt meine Neugier reizte. Es befanden
sich<lb/>darauf eine Anzahl einfachst zusammengesetzter senk-<lb/>rechter
und wagrechter Linien, welche etwas darstellten,<lb/>was einen Bretterzaun
bedeuten konnte.<lb/>Ich besah mir das Ding und fast ohne zu wissen,<lb/>daß
ich's that, sagte ich:<lb/>, Unserer ist anders!'<lb/>Die Gnädige fragte,
was ich damit meine.<lb/>,Ich mein', unser Zaun ist anders!-<lb/>,Nun, so
fange an und zeichne Euren Zaun,<lb/>wenn Du es kannst!''<lb/>Und ich fing
dann an und wußte mich bald vor<lb/>Vergnüügen nicht zu lassen. Der feine
Stift glitschte-<lb/>auf dein Papier wie von selber vorwärts, und ich
hatte<lb/>unsere Zäune uud den Stall und das Schloß und<lb/>Alles, was mir
unter die Augen kam, auf meine Weise<lb/>so oft nachgemacht, daß ich mit
meinem Zaune<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0067_060.tif" n="066"/>
<p>sehr bald fertig war. Weil er mir aber auf dem<lb/>schönen Papier weit besser
gesiel, als auf den alten<lb/>Fezen, auf welchen ich meine Künste sonst zu
üben<lb/>gewohnt war, wollte ich gern noch etwas Anderes<lb/>probiren, ehe
man mir vielleicht den saubern Bogen<lb/>wieder fortnahm; und so zeichnete
ich noch unsere Katze<lb/>hin und ein paar Kaninchen, von denen sich
immer<lb/>einige in der Ecke am Zaune herumzutreiben pflegten.<lb/>Ein
Meisterwerk war das natürlich nicht, aber zu<lb/>erkennen war es wohl, und
ein gewisser naturwahrer<lb/>g gab sich darin kund. Das habe ich selber
ge-<lb/>sehen, als mir das Blatt viele Jahre später einmal<lb/>wieder vor
die Augen gekommen ist; indeß meine Frau<lb/>Pathe zeigte sich von meiner
Leistung höchlich über-<lb/>rascht.<lb/>,Das ist erstaunlich!' rief
sie,<lb/>Machwerk der Gouvernante hinhielt.<lb/>ein ganz entschiedenes
Talent! --<lb/>schiedenes Talent!'<lb/>indem sie mein<lb/>,Der Junge
ist<lb/>ein ganz ent-<lb/>Auch die Gouvernante stinmte darin bei
und<lb/>wiederholte den Ausruf der Herrin mit dem Zusatz:<lb/>ein solches
Talent dürfe man, wie sie glaube, nicht<lb/>untergehen lassen.<lb/>Sie
fragten mich darauf noch einmal, ob ich denn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0068_061.tif" n="067"/>
<p>e1<lb/>irgend einen Zeichenunterricht genossen hätte, was ich<lb/>mit gutem
Gewissen verneinen konnte. Ob ich auch<lb/>Menschen zeichnen könne. Das
hatte ich noch nie<lb/>probirt. Ob ich überhaupt geschickte Hände hätte.
-<lb/>Was sie damit meinten, verstand ich ebensowenig, als<lb/>was ihr
Ausruf, daß ich ein großes Talent sei, zu<lb/>bedeuten habe Das viele Fragen
war mir unan-<lb/>genehm und ich freute mich, als die Kleine,
die,in-<lb/>zwischen sich meines Blattes bemächtigt hatte, einen<lb/>Hund
und den Pfauhahn und ein Schaf und ein<lb/>Pferd von mir gezeichnet haben
wollte.<lb/>Ich machte das, wie ich es hundertmal gemacht,<lb/>so gut ich
konnte, und sie klatschte wieder vor Ver-<lb/>gnügen in die Händchen, als
der General dazu kam.<lb/>,Der Tölpel kann Kaninchen machen und den
-<lb/>Sultan und den großen Pfau!, rief sie ihm entgegen,<lb/>während die
Mutter französisch zu ihm sprach.<lb/>Er nahm meine Zeichnuung
stillschweigend in die<lb/>Hand, betrachtete sie ernsthaft, gah sie dann
der<lb/>Kleinen wieder, die darnach verlangte, und hieß mich<lb/>gehen, was
mir sehr willkommen war. Ich hatte vor<lb/>dem ernsten Gesichte des Generals
eine große Scheu.<lb/>Nur von dem Bleistift mich zu trennen und von
dem<lb/>Papier, das fiel mir schwer. Und als errathe sie mein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0069_062.tif" n="068"/>
<p>heimliches Begehren, schenkte die Gnädige mir den<lb/>Stift und noch ein paar
Blätter des herrlichen Papiers<lb/>dazu.<lb/>Zu Hause sollte ich erzählen,
was geschehen sei,<lb/>ich brachte jedoch nichts Rechtes vgr, obschon ich
das<lb/>Bewußtsein hatte, daß man mit mir zufrieden gewesen<lb/>war. Mein
Vater war ärgerlich. Gr schalt mich<lb/>einen Dummkopf, der nie im Stande
sein werde,<lb/>auch nur einen Auftrag gehörig auszurichten, und
die<lb/>Mutter schloß das Papier in ihren Kasten, damit ich<lb/>es mit
meinen Kritzeleien nicht verderbe. Ich wurde<lb/>zum Gäten an die Arbeit
hinausgeschickt, und wieder<lb/>war ich sehr zufrieden, daß man mich nicht
weiter<lb/>fragte und mich gehen ließ, denn in meinem Kopfe<lb/>- wirbelte
Alles durcheinander: der Bleistift und das<lb/>Papier, die gestrigen
Auslassungen des Bedienten, die<lb/>Erzählung von des Doktor Müllers
niederer Herkunft,<lb/>und das Lob, das meinem Zeichnen heut
gespendet<lb/>worden war. Ich hatte bei meiner Arbeit keine
Ruhe<lb/>mehr.<lb/>Ich wollte,. ich wußte selbst nicht was. Und<lb/>doch!
ja, ich wußte es! - Ich wollte nicht mehr<lb/>gäten, nicht mehr den Stall
rein machen und die<lb/>Schweine, die Ziegen und die Kaninchen
füttern.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0070_063.tif" n="069"/>
<p>Fortlaufen wollte ich! In die Stadt wollte ich, in<lb/>der ich noch nie
gewesen war. Den Maler wollte ich<lb/>suchen, der hier gearbeitet hatte, und
ihn fragen, wie<lb/>man Menschen malen lerne. Fortlaufen wollt' ich
wie<lb/>der Hans im Märchen, der auch der jüngste Sohn<lb/>gewesen, der
immer als der Dumme und der Nichtsnutz<lb/>ausgescholten worden war, und der
zuletzt bis in des<lb/>Königs Schloß gekommen war, wo ihm der
König<lb/>seine einzige Prinzeß zur Frau gegeben hatte. --<lb/>Nur
eingesegnet mußte ich erst sein! Ohne die Ein-<lb/>segnung ging es einmal
nicht!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0071_064.tif" n="070"/>
<p>,echsles ,Kapilel.<lb/>Sie Alle, die Sie unter gebildeten
Menschen<lb/>herangewachsen sind und von früh auf einen
guten<lb/>Schulunterricht genossen haben, Sie Alle, welche in<lb/>den
Städten, wenn die Wärterin Sie noch auf ihren<lb/>Armen durch die Straßen
trägt, schon eine Fülle von<lb/>Begriffen und Anschauungen gewinnen, welche
täglich<lb/>wachsend Ihnen einen großen Theil des eigentlichen<lb/>Lernens
sparen, oder doch sehr wesentlich erleichtern,<lb/>Sie können es sich kaum
vorstellen, wie es in dem<lb/>Kopfe eines armen Juungen aussieht, der gar
Nichts<lb/>von dem Leben zu sehen bekommt, als was unter<lb/>seinen Augen in
dem Dorfe vorgeht; der gar Nichts<lb/>von der Welt erfährt, als was er von
den Eltern und<lb/>den anderen Leuten, die auch nicht sonderlich viel
von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0072_065.tif" n="071"/>
<p>e1I<lb/>ihr wissen, gelegentlich hat sagen hören. Denken Sie<lb/>sich einen
solchen Juungen mit regsamem Geiste, mit<lb/>einer lebendigen
Einbildungskraft begabt, die sich doch<lb/>beide an etwas halten und
anknüpfen wollen, und Sie<lb/>werden es natürlich finden, daß seine
Vorstellungen<lb/>schließlich an der Bibel oder an einem der
wenigen<lb/>Märchen hängen bleiben, welche die Mutter oder<lb/>irgend eine
alte Muhme zu erzählen verstanden haben,<lb/>wenn sie sich überhaupt einmal
die Zeit nehmen<lb/>konnten, etwas so Neberflüssiges zu
thun.<lb/>Eingesegnet werden und Menschen zeichnen, das<lb/>wollte ich! Das
Erstere mußte ruhig abgewartet<lb/>werden. Als ich aber über das Andere
nachzudenken<lb/>anfing und mich wunderte, weshalb ich es noch
nie<lb/>versucht hatte, fiel mir ein, daß ja auch unser lieber<lb/>Herrgott
sich erst zuletzt an die Menschen gewagt habe,<lb/>und daß es wohl das
Allerschwerste sein müsse, weil<lb/>die Gnädige mich besonders gefragt
hatte, ob ich das<lb/>auch könne.<lb/>Nun wollte<lb/>nicht
anzufangen.<lb/>ich es probiren - und wußte es<lb/>Ich hatte, wenn ich so
sagen darf,<lb/>bisher all' meine Nachmacherei ganz abfichts-
und<lb/>gedankenlos betrieben. Ich hatte die Gegenstände an-<lb/>. Fanny
Lewald. Helmar.<lb/>B<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0073_066.tif" n="072"/>
<p>gesehen, auswendig<lb/>denken, nachgemacht.<lb/>nicht im
Einzelnen.<lb/>behalten und, ohne daran zu<lb/>Ich kannte sie im großen
Ganzen,<lb/>Der Hund war mir der Hund,<lb/>der Wagen der Wagen gewesen, und
in meiner Zeich-<lb/>nerei = oder besser in meiner Nachmacherei -
waren<lb/>sie denn auch in ihrer Wesenheit gut genuug zum Vor-<lb/>schein
gekommen. Ich wußte also, wie ein Mensch<lb/>aussieht, und wußte es auch
nicht. Denn nun ich zu<lb/>überlegen anfing, wie man Menschen zeichnen
könne,<lb/>und meinen Vater und die Mutter darauf als die<lb/>nächst
erreichbaren Gestalten zu betrachten anfing, da<lb/>fielen mir die Augen und
die Ohren und Nase und<lb/>Mund und Arme und Beine und Hände und
Füße<lb/>zum ersten Male als Einzelheiten auf, und zwar mit<lb/>solcher
Deutlichkeit als Einzelheiten, daß mir das<lb/>Ganze darüber verloren ging.
Wenn ich an Vater<lb/>und Mutter dachte, während sie fern von mir
waren,<lb/>wußte ich zwwar, wie ungefähr ihre Nase und ihr Ohr<lb/>gestaltet
war, aber ich konnte mich auf sie selber nicht<lb/>besinnen; und sie mir
recht darauf anzusehen, wenn sie<lb/>da waren, traute ich mir nicht, weil
sie mich, als ich<lb/>dem Einen und der Andern einmal fest in das
Gesicht<lb/>geblickt, gefragt hatten, was ich wolle und was das<lb/>dumne
Anstieren bedeuten solle? Darauf hatte ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0074_067.tif" n="073"/>
<p>mir nicht getraut, etwas zu erwidern. Aber von da<lb/>ab war ich auf die
Menschen so achtsam geworden<lb/>wie auf die leblosen Gegenstände oder auf
die Thiere<lb/>um mich her, und als ob ich zu diesen lezteren ge-<lb/>hörte,
schüchterte mich der Blick der Menschen ein,<lb/>wenn ich sie mit der
Absicht betrachtete, mir ihr Gesicht<lb/>zu merken. Wie eine Katze vor dem
Milchtopf, oder<lb/>wie ich selber, wenn ich es auf fremde
Fohannisbeer-<lb/>sträuche abgesehen hatte, lag ich nun vor den
Menschen<lb/>von ferne auf der Lauer, bis der rechte Augenblick
ge-<lb/>kommen war; und namentlich war es mein Vater, dem<lb/>ich immer
wieder beizukommen suchte, ohne daß er's<lb/>merkte.<lb/>So lernte ich sein
Gesicht denn auch auswendig.<lb/>ede Falte und jeden Zug hatte ich im Kopfe,
und<lb/>wie er dann an einem Abend einmal dasaß, in die<lb/>Zeitung
vertieft, die er sich aus dem Schlosse mit-<lb/>gebracht hatte, so daß er
mich nicht ansah, denn<lb/>unter seinen Augen hätte ich es nicht zuwege
gebracht,<lb/>da zeichnete ich zum ersten Male sein ehrliches
Gesicht,<lb/>das ich nachher auf so manchem meiner Bilder an-<lb/>gebracht
habe, wenn es mir um einen recht tüchtigen<lb/>Kopf zu thun gewesen
ist.<lb/>Fr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0075_068.tif" n="074"/>
<p>Es war Essenszeik, die Brüder kamen von der<lb/>Arbeit. Sie waren gewohnt,
mich mit dem Stück<lb/>Papier am Tische sizen zu sehen und gaben nicht
auf<lb/>mich Acht. Die Mutter kam mit der Suppenschüssel<lb/>herein; und wie
sie das Tischtuch auflegen wollte, das<lb/>bei uns nicht fehlen durfte, weil
die Eltern in ihrem<lb/>Sinne doch viel was Anderes waren als die
Inst-<lb/>leute und Bauern, so schob sie mich und meine Zeich-<lb/>nung mit
einem kurz hingeworfenen: ,Geh weg!?<lb/>vom Tische fort.<lb/>In dem
Augenblick aber sah sie auf das Blatt<lb/>und wie im Schrecken rief
sie:<lb/>, Herr Gott! Der Vater!-- der ganze Vater!?<lb/>wiederholte sie,
der Backenbart und Alles!'<lb/>,Was ist denn da? fragte der Vater
ärgerlich,<lb/>indem er der Mutter das Blatt aus der Hand nahm;<lb/>denn
wenn er sich einmal auf das Lesen verlegte, was<lb/>selten genug geschah,
wollte er nicht gestört sein.<lb/>Er sah die Zeichnuung an, legte sie
kopfschüttelnd<lb/>zusammen und steckte sie ein. Viel Reden war
nicht<lb/>seine Sache, und diesmal war ich froh, daß er Nichts<lb/>sagte.
Nur als wir gegessen hatten und er aufstand,<lb/>um wieder in das Schloß zu
gehen, sagte er:<lb/>,Daß Du Dir's nicht unterstehst, Dich an den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0076_069.tif" n="075"/>
<p>Herrschaften oder an sonst wem zu vergreifen!<lb/>Nebrigen mögen sie, wenn Du
erst eingesegnet<lb/>wirst, mit Dir machen, was sie
wollen!'<lb/>Im<lb/>sein<lb/>Eingesegnet werden und dann in die Stadt
zum<lb/>Maler! Dann fing, wie ich mir dachte, das rechte<lb/>Leben an, und
so etwas wie die ewige Seligkeit. -<lb/>In Waldritten wird die Einsegnung
der Kinder<lb/>immer vor dem Beginn der Roggenernte angesetzt, da-<lb/>mit
nachher Alt und Jung ohne Unterbrechung bei der<lb/>Arbeit bleibt; und als
ob ich ihn gestern erlebt hätte,<lb/>so deutlich erinnere ich mich des
Morgens, an welchem<lb/>ich mit den Eltern und den Brüdern an meinem
Ein-<lb/>segnngstage in die Kirche ging<lb/>Der Vater hatte die
Sonntagslivree an, die Mutter<lb/>das schwarze Bombassinkleid und das große
schwarz-<lb/>seidene Kopftuch, mit dem sie sehr vornehm aussah,<lb/>wenn sie
es gehörig aufgethürmt und in die rechte große<lb/>Schleife gebunden hatte.
Ich war inzwischen in<lb/>meinen Anzug schon hineingewachsen und ich
dachte<lb/>den Tag nicht viel daran, denn mir war sehr feierlich<lb/>zu
Muthe.<lb/>Es war ein heißer, heller Morgen. Das Korn<lb/>stand dicht und
mehr als mannshoch im Stroh. Es<lb/>war ein frühes und fruchtbares Jahr. Die
goldbraunen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0077_070.tif" n="076"/>
<p>Aehren, nickten über unseren Köpfen, als wir durch die<lb/>engen Raine
gingen. Neberall sahen die blauen Korn-<lb/>blumen und der rothe Mohn
zwwischen dem Stroh her-<lb/>vor, und wo man hintrat, trat man auf
weiße<lb/>Kamillen und auf Tuendel, so daß ihr warmer Duft<lb/>üherall
hervorquoll. Lerchen stiegen auf und schmetterten<lb/>hoch oben in der Luft,
und dazwischen klapperten die<lb/>Störche von den Nestern.<lb/>Von allen
Seiten gingen die Leute nach der Kirche.<lb/>Jede Familie still für sich
allein. Aber über Allen<lb/>schien die gleiche Sonne, Alle hörten das
gleiche Läuten<lb/>von der Kirche und folgten seinem Klange.<lb/>Einmal, wie
wir mitten in den Feldern waren,<lb/>sagte der Vater: ,Damit ist's auch
nichts in der<lb/>Stadt! Da wächst nicht Gras, nicht Korn!?-- Und<lb/>wie
wir uns schon nahe an der Kirche befanden, sagte<lb/>die Mutter: ,Das ist
nun der Lezte!?' -- Sie meinte,<lb/>der letzte Sohn, der einzusegnen sei,
und Beides fiel<lb/>mir auf das Herz.<lb/>Die Kirche? Ja! wie soll man
Einem, der ihn<lb/>nie empfunden hat, den himmlischen Frieden
beschreiben,<lb/>der über einem solchen schlichten Gotteshause auf<lb/>dem
Lande liegt? Wie kann man ihm das Sonnen-<lb/>licht schildern, das an den
weißen Wänden in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0078_071.tif" n="077"/>
<p>goldenen Wellen spielend niederfließt, wenn unter der<lb/>niederen Wölbung
der Orgelton mächtig in die Seelen<lb/>dringt, und die Lieder, die guteit
alten protestantischen<lb/>Lieder, von den rauhen Kehlen in angestammter,
zweifel-<lb/>loser Gewohnheit ernsthaft abgesungen werden? Oder<lb/>wem kann
man genugthun mit einer Beschreibung,<lb/>der das eigen erlebte Erinnern an
diesen Frieden in<lb/>sich trägt?<lb/>Das ganze Jahr lang hatte ich an die
Einsegnuung<lb/>gedacht, aber es war Alles noch ganz anders, als ich<lb/>es
mir vorgestellt hatte. Die Herrschaften in dem<lb/>abgeschlossenen Sitz mit
den Glasfenstern, die Guts-<lb/>besizer aus der Nachbarschaft, von denen
auch die<lb/>Kinder mit uns vor dem Altar standen, sahen vvr-<lb/>nehmer aus
als sonst. Der Herr Pfarrer predigte<lb/>heute nicht von der Kanzel für
Alle, sondern vom<lb/>Altar für uns Kinder. Er sagte, wir wären von
nun<lb/>ab keine Kinder mehr, sondern müßten wissen, was<lb/>Recht und
Unrecht sei; wir müßten einstehen für uns<lb/>selber zu unserem Frommen, zu
unserer Eltern Freude,<lb/>zu der anderen Menschen Nutzen und zu Gottes
Ehren,<lb/>wo es ihm gefallen würde, uns unseren Platz anzu-<lb/>weisen in
der Welt, die er geschaffen und in die er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0079_072.tif" n="078"/>
<p>uns hineingesetzt hätte. Das war Alles ganz besonders;<lb/>ernster,
freundlicher, eindringlicher als je.<lb/>Ich hörte ihm mit großer Andacht
zu, hegte aber<lb/>doch meine besonderen Gedanken dabei. Es gefiel
mir<lb/>gut, daß ich, da nichts geschehen konnte ohne
Gottes<lb/>ausdrücklichen Rathschluß, also nach Gottes Willen in<lb/>die
Stadt zum Maler kommen würde; indeß, es<lb/>wollte mir weniger in den Sinn,
daß ich dort für mich<lb/>allein einstehen und verantwortlich für Alles sein
sollte.<lb/>Ich fing an, mich vor der Fremde zu fürchten, und<lb/>eine mir
bis dahin fremde Liebe füür das Dorf, für<lb/>die Eltern und für den Herrn
Pfarrer zu empfinden.<lb/>Und wie ich die Eltern und den Herrn Pfarrer
und<lb/>darnach die Herrschaften Einen nach dem Andern an-<lb/>sah und
dachte, daß ich weit fort kommen und vielleicht<lb/>niemals wiederkehren
würde, wenn unser Herrgott mir<lb/>meinen Platz in der Welt wo anders
angewiesen hätte,<lb/>mußte ich weinen. Es waren die ersten
Thränen,<lb/>welche ich aus innerer Rührung weinte. Das Vor-<lb/>gefühl der
Sehnsucht und der Einsankeit brachte sie<lb/>mir in die Augen, aber ich
schämte mich ihrer, denn<lb/>die anderen Jungen weinten nicht.<lb/>Die
Predigt war nuun zu Ende. Wir traten<lb/>Einer um den Andern zu dem Altar,
um mit dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0080_073.tif" n="079"/>
<p>Segen unseren Spruch auf den Lebensweg zu erhalten.<lb/>Die Klänge der Orgel
und das Sonnenlicht schwebten<lb/>immer noch über unseren Hänptern, und die
Hand<lb/>des Pfarrers ruhte auf meinem Kopfe, als er mit<lb/>ernster Milde
mir die Worte Hiob's zur Erinnerung<lb/>an den Tag, und zur Mahnung in der
Stunde der<lb/>Versuchung, an das Herz legte: , Bis daß mein Ende<lb/>kommt,
will ich nicht weichen von meiner Frömmig-<lb/>keit!?-- Und als prägte die
sanfte Hand, die ich<lb/>auf meinem Haupte fühlte, sie mir mit
unvertilgbarem<lb/>Stempel in die Seele, so sind die Worte mir
lebendig<lb/>geblieben für und für. Sie haben nicht gehindert,<lb/>daß ich
strauchelte, sie haben mich nicht vor manchem<lb/>thörichten Suchen und
Irren behütet; aber wenn ich<lb/>einmal in Gefahr war, ganz abzukommen von
dem<lb/>rechten Wege, sind sie mir regelmäßig eingefallen, und<lb/>ich häbe
stillgestanden, habe mich besonnen und mich-<lb/>zurechtgefunden; wenn auch
nicht zu dem frommen<lb/>Glauben meiner Kindheit, doch zu mir selbst und
zu<lb/>dem Rechten.<lb/>Am nächsten Sonntag gingen wir zum Abend-<lb/>mahl.
Die Herrschaften nahmen, wie das im Dorf<lb/>die alte Sitte mit sich
brachte, gleichfalls daran Theil.<lb/>Das war auch feierlich und schön, denn
vor Gottes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0081_074.tif" n="080"/>
<p>Tisch waren wir Alle gleich; und wie die Herrschaften<lb/>mit uns nach dem
Abendmahl auf dem Kirchhofe zu-<lb/>sammentrafen, gaben die Gnädige und der
General<lb/>meinem Vater und meiner Mutter die Hand, und die<lb/>Gnädige
sagte:<lb/>,Denkst Du wohl, Kaspar, wwie mein seliger<lb/>Bruder und ich
hier bei der Einsegnung vor dem<lb/>Altar gestanden und meine seligen Eltern
uns noch<lb/>besonders gesegnet haben, als wir dann von dem Altar<lb/>zu
ihnen gekommen sind? Das Glück, das sie auf uns<lb/>herabgefleht, ist mir
allein zu Theil geworden in<lb/>hohem, hohem Maß, nur daß sie's nicht mehr
mit<lb/>mir theilen!<lb/>Sie trocknete sich die Augen, dem General
zuckte<lb/>auch etwas wie Rührung durchs Gesicht.<lb/>,Helmar,'! sagte sie,
,Dn hast rechtschaffene<lb/>Eltern, schlag' nicht aus der Art und mache
ihnen<lb/>Freude, denn der Eltern Segen baut den
Kindern<lb/>Häuser!?<lb/>Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und
mir<lb/>ist's, als hätte ich das Alles heute erst erlebt.<lb/>Von da ab kam
ich alle Tage in das Schloß,<lb/>denn Doktor Müller und die Gouvernante
hatten sich<lb/>aus eigenem Antrieb erboten, sich meiner
anzunehmen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0082_075.tif" n="081"/>
<p>Sie gaben mir abwechselnd täglich eine Stunde Unter-<lb/>richt. Ich zeichnete
auch bisweilen bei der Gouvernante,<lb/>und da für den Junker ein Turnplatz
eingerichtet worden<lb/>war, auf welchem der Doktor ihn im Turnen
unter-<lb/>wies, wwährend er daneben iäglich unter den Augen<lb/>seines
Vaters exerzierte, so verfiel der Junker darauf,<lb/>dasjenige, was er
lernte, auch wieder zu lehren. Der<lb/>General ließ es deshalb geschehen,
daß er- die Knaben<lb/>vom Hofe, des Inspektors, des Brenners, des
Schäfers<lb/>Söhne und mich mit eingerechnet, so oft es ihm gefiel,<lb/>zum
Turnen und Exerzieren zusammenrief. Anfangs<lb/>war das eben nur eine
Spielerei gewesen, bei welcher<lb/>der Junker mit seinem Czakot, seinem
Degen, seiner<lb/>Flinte und Patrontasche uns natürlich wie ein
Prinz<lb/>erschienen war, und wir hatten uns sein Kommandiren<lb/>gern
gefallen lassen, einmal weil wir es nicht wagen<lb/>durften, ihm nicht zu
gehorchen, und dann weil er die<lb/>Trommel, die Trompete und die Fahne zu
verleihen<lb/>hatte. Da aber der General überall einzugreifen liebte<lb/>und
immer etwas Neues zu befehlen und zu diszipli-<lb/>niren haben wollte, so
wurden allmälig alle Jungen<lb/>aus dem Dorfe unter die Fahne gestellt, und
für den<lb/>Mittwoch und Sonntag Abend eine Exexzierstunde
ein-<lb/>gerichtet, bei welcher der Junker, der uns Allen in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0083_076.tif" n="082"/>
<p>?<lb/>diesen kriegerischen Künsten zehnfach voraus war, den<lb/>Offizier
machte, während dem Bedienten August, sehr<lb/>zu seinem Mißvergnügen, die
Aufgabe zufiel, uns<lb/>Andere soweit möglich abzurichten. Wir
exerzirten,<lb/>marschirten, mit Stöcken bewaffnet, standen
Schildwache,<lb/>und der General unterließ es fast niemals, zufällig
zu<lb/>erscheinen, wenn wir unsere Dressur erhielten.<lb/>Eines Sonntags,
als ich einmal unter den alten<lb/>Weiden Schildwace stand, kam der General
auch wieder<lb/>auf die Wiese hinab, ynd zwar mit einem Herrn, der<lb/>zum
Besuch im Schlosse war. Des Schattens wegen<lb/>blieben sie ganz in meiner
Nähe stehen, so daß ich sie<lb/>sprechen hören konnte.<lb/>,Man sollte das
Eperzieren,! sagte der General,<lb/>, für die Jungen auf allen Gütern neben
dem Schul-<lb/>unterricht einführen. Unser Volk hier zu Lande
ist<lb/>tölpisch und ungeschickt. Die Leute find wie die<lb/>Vierfüßler, wie
die Bären, wenn man sie in die Re-<lb/>gimenter bekommt. Drillt man sie
vorher im Dorfe,<lb/>so hat der Unteroffizier nachher es leichter.
Die<lb/>Hauptsache aber ist, daß man da, wo Söhne in den<lb/>Herrenhäusern
und Schlössern sind, durch diese Art<lb/>von Spielen das natürliche
Verhältniß zwischen ihnen<lb/>und den Anderen gleich von früh auf
feststellt. Unsere<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0084_077.tif" n="083"/>
<p>?<lb/>Kinder üben sich in Befehlen, die Anderen im Ge-<lb/>horchen. Und sehen
Sie, wie das Alles sich vererbt.<lb/>Mein Clamor ist der geborene
Kommandeur! Der<lb/>Junge hier'! -- er wies mit dem Kopfe nach mir<lb/>hin
--- ,gehört einem alten Diener unseres Hauses,<lb/>hat Appell und parirt wie
ein Jagdhund. Er würde<lb/>mit der Zeit einen guten Unteroffizier abgeben,
denn<lb/>das Pariren liegt ihm schon im Blute; aber--<lb/>Glamor!! rief er,
sich plötzlich unterbrechend, ,siehst<lb/>Du denn nicht, wie der Junge neben
Dir die linke<lb/>Seite nachschleppt, als wäre ihn ein Rad über den<lb/>Leib
gegangen!''<lb/>S<lb/>Der Funker ließ sich das nicht vergebens
gesagt<lb/>sein. Er fuhr mit seinem Säbel dem Jungen über<lb/>den Rücken,
daß dieser zusammenzuckte nnd, da er doch<lb/>nichts sagen durfte, ihn
wüthend ansah, wofür er noch<lb/>einen Schlag erhielt.<lb/>Sie marschirten
indeß weiter. Der General mit<lb/>seinem Begleiter war fortgegangen, ich
hatte, wie<lb/>es sich gebührte, salutirt; aber in meinem Innern<lb/>hörte
ich noch immer, daß ich Appell hätte wie ein<lb/>Jagdhund und zum Pariren
geboren sei.<lb/>Ich wußte recht gut, was das bedeutete, denn<lb/>mein Vater
führte das Wort beständig selbst im Munde.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0085_078.tif" n="084"/>
<p>Pariren hatte ich müssen, so lang ich lebte, und ic<lb/>hatte auch nichts
dawider gehabt. An dem Tage<lb/>jedoch fuhr es mir durch die Glieder wie ein
Hieb,<lb/>und obschon oder weil es uns verboten war,
beim<lb/>Schildwachestehen einen Laut zu sprechen, sagte ich<lb/>zu mir
selber: ,Ich will schon zeigen, daß ich kein<lb/>Hund bin und noch etwas
Anderes machen kann, als<lb/>bloß pariren Dabei hatte ich einen Ingrimm
gegen<lb/>den Junker wie noch nie zuvor. Ich hätte gern ge-<lb/>habt, daß er
mir in dem Augenblick etwas befohlen-<lb/>hätte, nur um es nicht zu thun.
Ich wollte nicht<lb/>pariren, hm am wenigsten! Der Hochmuth lag
ihm<lb/>immer auf der Stirn und der Spott auf den Lippen.<lb/>,Geht in den
Kopf auch etwas hinein? fragte<lb/>er einmal ein paar Tage später, als er
mich zur Stunde<lb/>bei seinem Lehrer fand.<lb/>,Mehr als in Deinen und
rascher als in Deinen!'?<lb/>entgegnete ihm der Doktor.<lb/>Ich hätte ihm
die Hände dafür küssen mögen, und<lb/>zum ersten Male nahm ich mir's heraus,
dem<lb/>höhnischen Lachen des Junkers mit festem Blicke
zu<lb/>begegnen.<lb/>,Willst Du etwas? fuhr er mich an, indem er<lb/>dicht
an mich herantrat.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0086_079.tif" n="085"/>
<p>7?<lb/>Ich war größer und stärker äls er, trotzdem sah<lb/>ich fort und
schwieg. Der General hatte Recht ge-<lb/>habt, es war mir angeboren,
anerzogen: ich parirte.<lb/>Aber der Schlag, den ich ihm nicht geben konnte,
fiel<lb/>mir auf das Herz, daß ich die Zähne zusammenbeißen<lb/>mußte. Ich
dachte nicht: ,Wär' ich Deinesgleichen!r<lb/>-- so hoch verstieg ich mich
nicht. Ich wünschte, daß<lb/>er Meinesgleichen wäre und ich mit ihm allein,
damit<lb/>auch er einmal erführe, was pariren sei. Und es hat<lb/>lange,
lange Jahre gebraucht, ehe ich die Unbill ver-<lb/>schmerzt, die ich als
Kind von ihm erfahren, ehe er<lb/>einsehen gelernt, daß er sie mir zugefügt.
ed P Veide<lb/>Herr geworden über das, was Jedem von uns im<lb/>Blute lag,
und was die Erziehung uns frühzeitig noch<lb/>fester und bestimmter
eingeprägt hatte.<lb/>wwwew owoewwwöewegwwu=ewnegpogggpegwpagpgg<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0087_080.tif" n="086"/>
<p>,iebenles ,Fapiles<lb/>Elamor hatte zum ersten Oktober in das
Kadetten-<lb/>haus einzutreten. Der Doktor sollte ihn dorthin<lb/>=e
?<lb/>bringen, und bis Königsberg, wohin mit eigenem<lb/>Gefährt gefahren
wurde, sollte ich mitgenommen werden,<lb/>um dort bei dem Maler, der im
Schlosse gearbeitet<lb/>hatte, verabredetermaßen in die Lehre gethan zu
werden.<lb/>Es war nebelig und kalt an dem Morgen, als<lb/>der Wagen auf die
Rampe des Schlosses vorfuhr.<lb/>Die Eltern und ich standen wartend vor der
Thüre.<lb/>Ich hatte meine Einsegnungskleider an, meine Papiere<lb/>hatte
die Mutter mir fest in die Brusttasche eingenäht,<lb/>mein bischen
Habseligkeit der Vater selber in das alte<lb/>Ränzel zusammengepackt und auf
dem Kutscherbock<lb/>untergebracht, auf dem ich neben dem Kutscher
sitzen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0088_081.tif" n="087"/>
<p>sollte. Es dauerte lange, bis die Herrschaften ihr<lb/>Frühstück eingenommen
hatten, und die Luft ging scharf.<lb/>Eundlich kamen sie Alle vor das Haus,
auch die Gou-<lb/>vernante mit der Kleinen, der sie ein großes
dunkles<lb/>Tuch um den Kopf gebunden hatten, aus dem sie neu-<lb/>gierig
hervorsah.<lb/>Der gnädigen Frau, die den Sohn nun zum ersten<lb/>Male und
für lange von sich lassen sollte, ging das<lb/>nahe. Sie küßte ihn einmal
um's andere. Der<lb/>General gab ihm die Hand.<lb/>,Vergiß nicht, was Du Dir
und unserem Namen<lb/>schuldig bist! sagte er.<lb/>Was damit gemeint war,
verstand ich nicht. Ich<lb/>merkte jedoch, daß er den Sohn anders
behandelte<lb/>als sonst, und auch Clamor war ernsthafter, als ich<lb/>ihn
je gesehen hatte.<lb/>In dem Augenblicke, da er in den Wagen
steigen<lb/>sollte, drehte er noch einmal um, warf sich dem Vater,<lb/>der
Mutter in die Arme, sie küßten sich Alle unter<lb/>einander. Er hob die
Kleine auf, sie reichte ihm ihr<lb/>Mäülchen, lief dann auch zu dem Doktor,
und da sie<lb/>nun einmal in den Zug gekommen war, streckte sie auch<lb/>mir
die Arme entgegen und rief: -<lb/>Ranny Lewald. Helmar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0089_082.tif" n="088"/>
<p>8<lb/>,Adieu Helmar! Komm' bald wieder! Hörst Du?<lb/>Ich wußte, daß sich's
nicht gehörte, aber ich konnte<lb/>mir nicht helfen. Ich hob sie auf, sie
schlang die Arme<lb/>um meinen Hals und ich küßte sie von Herzen.
Mein<lb/>Vater, die Gouvernante riefen mich tadelnd an, ich<lb/>setzte sie
schnell auf den Boden.<lb/>Die Herrschaften sprachen mit dem Sohne
noch<lb/>Allerlei durcheinander, ich hörte nichts, als daß
mir,<lb/>zugerufen wurde, aufzusteigen. Der Kutscher knallte<lb/>mit der
Peitsche, ich saß neben ihm, wir fuhren zum<lb/>Thor hinaus, die Allee
hinunter, zwwischen den Stoppel-<lb/>feldern hjn.-- Fort waren wir!- Fort.
vom Hofe,<lb/>auch schon fort vom Dorfe!<lb/>So waren die Rappen noch
niemals gelaufen, so<lb/>rasch war kein Wagen je gefahren.<lb/>Es war noc
Alles grün. Die rothen Beeren<lb/>der Ebereschen hingen an den Bäumen, über
dem<lb/>Tannenbusch schimmerte die Sonne durch den Nebel<lb/>hindurch. Bei
dem Wetter mußten sich die Krammets-<lb/>vögel in den Sprenkeln gut gefangen
haben. Es ver-<lb/>droß mich, daß ich in dem Morgendämmern nicht
mehr<lb/>hingegangen war, sie auszunehmen. Ich hatte es<lb/>vergessen. Ich
hatte überhaupt Alles vergessen. Auch<lb/>den Herrschaften hatte ich nicht,
wie der Vater mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0090_083.tif" n="089"/>
<p>befohlen, für die genossenen Wohlthaten gedankt, und<lb/>selbst den Eltern
nicht Adieu gesagt, wie sich's ge-<lb/>bührte. Es war Alles so rasch, so
kopfüber gegangen,<lb/>weil die Kleine auch zu mir gekommen
war.<lb/>Gewünscht hatte ich mir das immer. Ich hatte<lb/>immer Lust gehabt,
sie einmal auf den Arm zu nehmen<lb/>und zu küssen. Aber nun ich es gethan,
war ich doch<lb/>froh, daß ich nun fort war nnd Niemandem mehr unter<lb/>die
Augen zu kommen braucte.<lb/>Zwei Stunden hinter unserem Dorfe fing
die<lb/>Fremde für mich an, denn weiter war ich nie ge-<lb/>kommen. In dem
Kruge, in welchem wirMittag<lb/>machten, fanden wir fünf von unseren Wagen
und den<lb/>einen Wirthschafter. Sie hatten Roggen nach der<lb/>Stadt
gebracht uud waren auf dem Rückwege. Der<lb/>Junker gab ihnen einen Zettel
nach Hause mit. Ich<lb/>stand unter dem Thore und sah zu, wie die
Wagen<lb/>heimwärts fuhren. Der Gottlieb mit den Schimmeln<lb/>war der
Letzte.<lb/>,In vier Stunden ist Der auf dem Hofe und die<lb/>Schimmel sind
im Stalle!? dachte ich. Wie es da<lb/>aussah, das wußte ich. Wo ich
hinkommen und wie's<lb/>da aussehen würde, das wußte ich nicht; und es
schoß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0091_084.tif" n="090"/>
<p>84<lb/>mir durch den Kopf: der Gottlieb und die Schimmel<lb/>hätten's
gut-<lb/>,Grüß' zu Haus! rief ich ihm nach und blieb<lb/>stehen, bis sie
hinter der Hecke ganz verschwunden<lb/>waren.<lb/>Am Tage war es hell und
klar geworden und ich<lb/>kam aus dem Sehen und Erstaunen nict heraus;
als<lb/>wir dann spät am Nachmittage die Stadt erreichten,<lb/>ging erst das
rechte Verwundern für mich an.<lb/>Der Junker stieg mit seinem Lehrer bei
der Groß-<lb/>tante ab. Mic sollte der Kutscher, wenn er in dem<lb/>Gasthofe
ausgespannt haben würde, in dem die Wal-<lb/>dritter Fuhren immer
eingestellt wurden, zu meinem<lb/>Meister führen. Das Ausspannen und Füttern
und<lb/>einen Schnaps trinken nahm aber bei ihm viel Zeit<lb/>hin, wenn er
Zeit hatte und wie hier Bekannte von<lb/>den andern Gütern traf; und es war
schon ganz finster,<lb/>als er sich endlich ärgerlich dazu entschloß, mich
fort-<lb/>zubringen.<lb/>Der Meister wohnte weit ab vom Thore, mitten<lb/>in
der Stadt. Die Häuser, die Straßen, das alte<lb/>Schloß, an dem wir
vorüberkanen, das sah uir in der<lb/>Dunkelheit bei dem Flimmern der
spärlich angebrachten<lb/>Straßenlaternen Alles so groß aus, wie später
die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0092_085.tif" n="091"/>
<p>römischen und ägyptischen Bauwerke mir kaum er-<lb/>schienen sind. Mit der
Freude, in der Stadt zu sein,<lb/>war's an dem Abende nicht weit her. Ich
dachte<lb/>immer an den Gottlieb und an die Schimmel.<lb/>Der Meister hatte
in einer engen Straße sein<lb/>eigenes Haus. Es war nur zwei Fenster breit,
aber<lb/>hoch. Zu ebener Erde lag nach hinten eine geräumige<lb/>Stube, die
in den finstern Hof hinaussah. Sie hatte<lb/>nach dem Hausflur eine
Glasthüre, durch deren Vor-<lb/>hänge das Licht hindurchschimmerte. Der
Kutscher, der<lb/>mit Bestellungen schon oftmals dort gewesen war,
ging<lb/>geradenweges auf die Stube zu. Der Meister saß bei<lb/>einem Kruge
Bier am Tische. Er hatte schwarzes,<lb/>graugemischtes Haar, das ihm aber
auf der Stirne<lb/>wie ein Schopf in die Höhe stand, scharfe Augen
und<lb/>eine kleine, so stark gebogene Nase, daß er wie der<lb/>Habicht an
unserem Scheunenthor aussah. Als wir<lb/>eintraten, legte er die Zeitung aus
der Hand.<lb/>,Da bring' ich den Jungen!' sagte der Kutscher.<lb/>,Der Herr
Doktor meinte, Sie wüßten schon. Morgen<lb/>käm' er selber.<lb/>,Was für ein
Doktor?' fragte der Meister.<lb/>,Der von unserem Junker!'' bedeutete der
Kutscher<lb/>und machte sich mit einem kurzen , Adjes!'' davon.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0093_086.tif" n="092"/>
<p>Er war niemals viel von Worten, wenn's nicht<lb/>um seine Pferde war.<lb/>Ich
blieb an der Thüre stehen. Der Meister fragte,<lb/>wie ich heiße, wie ich
mit dem Lesen und Schreiben<lb/>dran sei. Ich gab Bescheid und packte mein
Schreib-<lb/>heft aus dem Tuche aus. Er wollte wissen, bei wem<lb/>ich die
Frakturschrift gelernt hätte. Ich nannte den<lb/>Küster, den Herrn Doktor
von dem Junker und die<lb/>Gouvernante vom Schloß.<lb/>,Die Schlösser und
die Funker und die Gou-<lb/>vernanten, die schlag' Dir aus dem Sinn!' rief
da mit<lb/>einem Male die Meisterin herüber, die an dem andern<lb/>Tische,
an welchem ein hübsches blondes Mädchen ftrickte,<lb/>Wäsche zusammenlegte.
, Hier gouvernire ich!-- Was<lb/>Du morgen früh zu thun hast, das werden Dir
der<lb/>Lehrjunge und die Christel expliziren. Sie wird Dir<lb/>was zu essen
geben. Bis acht Ühr kannst Du draußen<lb/>bleiben.'?<lb/>,Ja fiel ihr der
Meister in das Wort, ,geh'<lb/>zur Christel in die Küche, sie soll Dich in
die Kammer<lb/>bringen.!<lb/>Ich that wie man mir geheißen, und that
es<lb/>eigentlich wie im Schlaf und Traum, weil Alles mir<lb/>so neu war.
Die Magd ging mit mir vier enge Treppen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0094_087.tif" n="093"/>
<p>in die Höhe nach dem Boden. Da standen in der<lb/>Kammer drei Betten, von
denen das eine mir bestimmt<lb/>war. Jetzt war von den anderen Burschen
keiner oben.<lb/>Sie waren draußen, wie die Christel mir mit dem<lb/>Zusatze
bemerkte, der Wilhelm würde froh sein, daß ich<lb/>gekommen sei, denn nun
würde ich ihr Handlanger und<lb/>nun würd' er frei. Wenn ich aber thäte, was
sie mir<lb/>sagte, so solle es nicht mein Schaden sein. Eine<lb/>Hand wasche
die andere, groß und stark sei ich ja,<lb/>die großen Eimer würden mir nicht
zu schwer sein.<lb/>Ich sähe ihr so aus, als wäre ich still für mich,
und<lb/>wenn ich die Kanonen von den Studenten nur blitz-<lb/>blank putzte,
fiele immer etwas für mich ab. -- Sie<lb/>war ein ansehnliches Frauenzimmer
mit blanken schwarzen<lb/>Augen und mit weißen Zähnen, die sie beim
Lachen<lb/>zeigte, und sie lachte bei jedem Worte, das sie sprach.<lb/>Aus
einem der unteren Stockwerke rief eine Männer-<lb/>stimme ihren Namen. Sie
flog die Treppe hinab. Es<lb/>sei der eine Studiosus, sagte sie. Ich solle
meine<lb/>Sgchen rasch an Ort und Stelle bringen und dann<lb/>zu ihr
hinunter kommen.<lb/>Ich machte es, wie sie befohlen hatte, zog
die<lb/>Arbeitsjacke an, bekam mein Butterbrot in der Küche,<lb/>und setzte
mich damit draußen auf der Treppe vor der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0095_088.tif" n="094"/>
<p>Thüre nieder. Weshalb ich da sitzen mußte und was<lb/>ich da sollte, das sah
ich nicht ein.<lb/>Bei der spärlichen Straßenerleuchtung war es<lb/>gerade
nur hell genug, mich die Fremdartigkeit meiner<lb/>Umgebung empfinden zu
machen. Kein Strauch, kein<lb/>Baum, kaum ein Stück vom Himmel zu
sehen!<lb/>Nichts als hohe Häuser, eines dicht neben dem andern,<lb/>und
viele Fenster, aus denen Licht hervorschien, ohne<lb/>daß ich wußte, wer
dahinter wohnte. Hungrig war<lb/>ich, aber das Brot, obschon es gut war,
wollte mir<lb/>nicht wie sonst hinunter. Ich hörte in der Nähe<lb/>lachen,
in der Ferne pfiffen Jungen. Es gingen auch<lb/>Leute vorbei, aber ich
kannte sie nicht. Auf dem<lb/>Hofe und im Dorfe hatte ich jeden Menschen
und<lb/>jedes Thier gekannt und Jeder hatte mich gekannt<lb/>Hier wußte ich
nicht aus nicht ein; und die großen<lb/>Wassereimer, die blitzenden Kanonen
der Studiosen,<lb/>die Worte der Frau Meisterin, die Redensarten
der<lb/>Magd, das strickende Mädchen, das zwwölf Jahre alt<lb/>sein konnte,
und der kluge Habichtskopf des Meisters,<lb/>der sich vor dem Gouverniren
der Meisterin bescheident-<lb/>lich geduckt hatte, gingen mir bunt und wirr
im<lb/>Sinn herum.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0096_089.tif" n="095"/>
<p>89<lb/>,Jetzt bin ich in der Lehre!- sagte ich mir, um<lb/>mir ein Herz zu
machen. ,Jezt bin ich ein Maler!<lb/>Indeß an dem Abend empfand ich kein
sonder-<lb/>liches Vergnügen über diese Erfüllung meiner Wünsche.<lb/>Der
Gottlieb und die Schimmel hatten's besser.<lb/>-<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0097_090.tif" n="096"/>
<p>chles Fapilel.<lb/><lb/><lb/>Hier brach die Erzählung plözlich al und
es<lb/>folgte eine Reihe von Karrikaturen, wie man sie in<lb/>den Blättern
der illustrirten Zeitungen anzutreffen<lb/>pflegte. Helmar war der alleinige
Held derselben.<lb/>Er hatte in ihnen seiner heitern Laune den freien<lb/>Zg
gelassen.<lb/>Es war Helmar, der unter dem Scepter der<lb/>Meisterin jede
Art von Hausknechtsdienst verrichtete,<lb/>der das Zusehen hatte, wenn die
blanke Christel mit<lb/>den Studenten liebelte. Helmar, der die
Farbentöpfe<lb/>zur Erde fallen ließ, weil er an das Schloß gedachte<lb/>und
an Die, die es bewohnten. Helmar, der von<lb/>der Leiter niederstürzte, weil
ihm in unbestimmten<lb/>Umrissen die Bilder vor den Augen schwebten, die
er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0098_091.tif" n="097"/>
<p>1<lb/>bei seinen Wegen durch die Straßen in sich aufge-<lb/>nommen hatte.
Dann wieder Helmar in der städtischen<lb/>Kunstschule Sonntags vor seinem
Reißbrett sizend,<lb/>lächerlich aufgeputzt mit der Studenten alten
Kleidern.<lb/>So ging es ergötzlich durch eine Reihe von<lb/>Blättern fort.
Die Erlebnisse auf seiner ersten Wander-<lb/>schaft, alle jene kleinen
Vorgänge, welche sich gleich<lb/>zu bleiben pflegen in den meisten'Anfängen
des Hand- -'<lb/>werker- und Wanderlebens, hatte er meisterhaft
skizzirt,<lb/>bis eine hübsche Arabeske den Schluß machte, aus<lb/>deren
viel verschlungenem Geranke eine Jünglings-<lb/>gestalt emporstieg, die Arme
sehnsüchtig einem Genius<lb/>entgegengebreitet, der, sich zu ihm
niederneigend, mit<lb/>einem vollen Kranze ihm Pinsel und Palette.
reichte.<lb/>Es war noch einmal Helmar, um einige Jahre<lb/>jünger, als wir
ihn seinerzeit in Rom in seiner frischen<lb/>Schönheit kennen gelernt
hatten.<lb/>z-<lb/><lb/>-<lb/><lb/>Ich habe mich lange bei den Tagen meiner
ersten<lb/>Jugend aufgehalten, hub darauf die Erzählung wieder<lb/>an, aber
wer von uns liebt nicht seine Jugend, oder<lb/>wer kann es leugnen, daß die
ersten Eindrücke unseres<lb/>Lebens und der erste Zusammenstoß, den wir mit
der<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0099_092.tif" n="098"/>
<p>Welt erfahren, uns das Gepräge geben und für die<lb/>Bildung unseres
Charakters oft von entscheidendem<lb/>Einfluß find? Daß ich ein Tölpel
geheißen wurde und<lb/>vornep gebudeen Venschen in Verüheung ra, =e
I<lb/>mich als solchen empfand, da ich zum ersten Male mit<lb/>erweckte in
mir den festen Vorsaz, kein Tölpel zu<lb/>bleiben, und solch ein ehrgeiziger
Vorsatz ist ein-<lb/>mächtiger Hebel, wenn er mit einer guten Naturan-
-'<lb/>lage zusammentrifft.<lb/>Meine drei Lehrjahre gingen in
Regelmäßigkeit<lb/>vorüber, und mein Fleiß bei dem Zeichenunterricht
-<lb/>in der Kunstschule hatte mir in dem Direktor der- -<lb/>selben einen
Freund und Beschützer erworben, der mich<lb/>in dem Gedanken ermuthigte,
nicht bei der Stuben--<lb/>malerei zu bleiben, sondern zu sehen, ob ich es
nicht<lb/>zu etwas Besserem bringen könnte. Das vierte Lehr-<lb/>jahr, mit
dem man sich frei zu lernen. hatte, ward<lb/>mir erlassen, weil die gnädige
Frau ein kleines Kost-<lb/>geld für mich bezahlt. Bei der
vierteljährlichen<lb/>Quittung über dasselbe hatte mein Meister immer über
-<lb/>mein Verhalten Bericht erstatten müssen, und als das<lb/>vorlezte
Quartal herangekommen war, hatte er ein<lb/>Schreiben des Professors
beigelegt, der meine Anlage<lb/>für die Malerei als zweifellos, mich selber
aber als<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0100_093.tif" n="099"/>
<p>s<lb/>einer weitern Unterstützung würdig bezeichnete, und<lb/>meine
Wohlthäter ersuchte, sie mir angedeihen zu<lb/>lassen.<lb/>Darauf war noch
keine Erwiderung eingegangen,<lb/>als im Herbst, in dem meine Lehrzeit
ablief, der<lb/>General wieder einmal zur Stadt kam und mich rufen<lb/>ließ.
Ich hatte die ganzen Jahre hindurch weder ihn,<lb/>noch sonst Jemand von der
Familie gesehen, und oft<lb/>gedacht, wie groß der Junker und die Kleine
jetzt wohl<lb/>sein möchten. Daß ich sehr rasch gewachsen war, das<lb/>hatte
ich an meinen Kleidern merken können; als ich<lb/>nun aber, dem General
gegenüberstehend, mich so groß<lb/>fand als ihn selbst, so daß ich ihm, zu
dem ich früher<lb/>weit hatte hinaufsehen müssen, jetzt plötzlich Aug'
in's<lb/>Auge blickte, machte mich das noch verlegener als ich<lb/>ohnehin
war. Auch ihn schien es zu überraschen.<lb/>,Du bist in die Höhe geschossen!
sagte er. ,Nun !?<lb/>es hat Dir durch die Güte der gnädigen Frau
freilich<lb/>an nichts gefehlt. Auch Deine Freisprechung wird
sie<lb/>bezahlen, und den Anzug, den Du dazu brauchst.<lb/>Dann stehst Du
auf eigenen Füßen! Mit der Künstler-<lb/>schaft ist's nichts; die schlage
Dir aus dem Sinn!<lb/>Wenn Du geschickt bist, um so besser. Dein
Meister<lb/>ist keiner von den Ersten -- und was fehlt ihm? Im<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0101_094.tif" n="100"/>
<p><lb/>Frühjahr lasse ich im Schlosse malen. Bis dahin<lb/>bleibst Du bei ihm
als Gesell. Er soll Dich mit zur<lb/>Arbeit schicken. Wenn Du so fortwächst,
werden sie<lb/>Dich einmal zu den Garden nach Berlin nehmen.<lb/>Halte Dich
darnach! Da ist noch etwas für die<lb/>Wanderschaft. Hebe es auf. Ein
Nothgroschen ist<lb/>viel werth! Und nun geh'!'<lb/>Er drückte mir dabei
einen Dukaten in die<lb/>Hand, ich brachte meinen verlegenen Dank an.
Er<lb/>hatte befohlen, ich hatte parirt; und ich hätte mir<lb/>etwas dafür
anthun können, daß ich nicht gewagk<lb/>hatte, zu erklären, wie ich nach
meiner Freisprechung<lb/>nicht länger bei dem Meister bleiben, nicht
drei<lb/>Vierteljahre unnöthig verlieren, sondern mich auf den<lb/>Weg
machen und bei einem der berühmten Maler,<lb/>wenn's nicht anders sein
könnte, wieder Hausknechts-<lb/>arbeit leisten möchte, sofern er mir dafür
Unterricht<lb/>gehen und mich nur alle Tage seine Bilder sehen
lassen<lb/>wolle. Aber der General war mein Wohlthäter, war<lb/>meines
Vaters Herr, ich durfte mich nicht auflehnen<lb/>gegen seinen Willen. Drei
lange Vierteljahre waren<lb/>mir verloren.<lb/>,Und doch werde ich ein
rechter Maler!? sagte<lb/>ich tröstend und ermuthigend zu mir selbst in
meinem<lb/>Herzen. , Und doch! Und doch!?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0102_095.tif" n="101"/>
<p>9<lb/>Ich schrieb mir die Worte auf ein Stück Pappe<lb/>und hing sie mir wie
ein heimliches Ordenszeichen<lb/>auf die bloße Brust. Allabendlich, wenn ich
betete,<lb/>nahm ich sie in die Hand. Allabendlich segnete ich<lb/>es, daß
wieder ein Tag vorüber war, der mich von<lb/>meinem Ziele trennte. Als aber
der Meister mir nach<lb/>der Freisprechung Allerlei zu eigenem Entwerfen
und<lb/>Ausarbeiten überließ, fand ich auch neue Lust und<lb/>Liebe zu der
Arbeit. Ich zeichnete in jedem freien<lb/>Augenblick, und wenn ich in irgend
einem Plafond,<lb/>in irgend einer Ecke Früchte, Blumen, Vögel oder
gar<lb/>ein Köpfchen malen durfte, hatte ich einen ganz ver-<lb/>gnüügten
Tag.<lb/>Die Arbeit im Schlosse sollte im Ende des Früh-<lb/>jahrs
vorgenommen werden. Ich hatte mir für die<lb/>Fahrt meinen neuen Anzug
angezogen, und mit meinem<lb/>feuerfarbenen Halstuch, mit der hochfrifirten
Locke und<lb/>dem etwas schief gesetzten blitzblanken Cylinderhut
ge-<lb/>bührend ausstaffirt, fühlte ich ein Siegesbewußtsein,<lb/>das mich
heiter machte. So etwas wie einer der<lb/>Ehrenhogen, mit denen wir
seinerzeit die Herrschaften<lb/>empfangen hatten, würde meiner Empfindung
und<lb/>meinem Selbstbewußtsein bei der Einfahrt in unsern<lb/>Schloßhof
nicht unangemessen erschienen sein. Je<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0103_096.tif" n="102"/>
<p>näher wir dem Schlosse kamen, je lebhafter stellte ich<lb/>es mir vor, wie
die Eltern sich freuen, die Brüder<lb/>und die Leute vom Hof mich anstaunen
würden, wie -<lb/>gut ich mich vor den Herrschaften benehmen, und ob<lb/>die
Kleine mich wohl noch wieder erkennen würde.<lb/>Aber als wir in den Hof
einfuhren, war kein<lb/>Mensch zu sehen. Sie waren in der Heuernte
und<lb/>es war Mittag. Im Schlosse waren alle Laden zu,<lb/>die Herrschaften
waren, um den Handwerkern aus dem<lb/>Wege zu gehen, zeitig in das Bad
gereist.<lb/>Ich ging enttäuscht nach unserem Hause. Da<lb/>kam unser Hund.
Er schlug an und sprang an mir<lb/>in die Höhe. Ich nahm ihn auf den Arm,
mir wurde<lb/>weich und warm um's Herz. - Hier war meine<lb/>Heimat! Hier
war ich zu Hause. All' meine Be-<lb/>trübniß war rasch vorüber. Ich war mit
einem Male<lb/>seelenfroh.<lb/>Sie saßen beim Essen: die Eltern und die
beiden<lb/>Brüder, die im Hofe dienten.<lb/>,Na!! sagte der Vater und gab
mir die Hand.<lb/>,Ist der lang geworden!' meinte der eine Bruder.<lb/>, Und
den guten Anzug unterwegs? fiel die<lb/>Mutter tadelnd ein, während sie das
Tuch des Rocks<lb/>befühlte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0104_097.tif" n="103"/>
<p>I?<lb/>Die große Freude, mit der ich eingetreten war,<lb/>kam nicht recht
auf. Mich drückte, ich wußte nicht<lb/>was; und um mich davon zu befreien,
sagte ich ehrlich:<lb/>,Ich wollte mich doch sehen lassen hier vor
Euch!?<lb/>,Das ist keine Kunst!'' lachte der andere Bruder,<lb/>,wenn man
als Glückspilz Alles von den Herrschaften<lb/>bekommt!-<lb/>,Ich denke, ich
werde mir auch selber Kleider<lb/>schaffen und zeigen können, daß ich meine
Lehrzeit<lb/>nicht verloren habe!' entgegnete ich, denn es fing<lb/>mich zu
verdrießen an, daß mich Niemand lobte.<lb/>,Rede doch, wie der Schnabel Dir
gewachsen<lb/>ist!? rief der Aelteste, da ich, wie ich's in der
Stadt<lb/>gewohnt worden war, hochdeutsch gesprochen hatte.<lb/>Der Vater
meinte, das Hochdeutsche, das nehme<lb/>der Mensch sich an, das schade
nichts.<lb/>Es war das erste Wort der Billigung, das ich<lb/>vernahm, und
ich liebte das treue, düstere Gesicht des<lb/>Vaters nur noch mehr, obschon
ich den Gedanken nicht<lb/>los werden konnte, daß auch der Vater nicht mit
mir<lb/>zufrieden sei.<lb/>Die Mutter hatte mir am Tische Platz
gemacht,<lb/>ich saß auf meiner alten Stelle. Ich hatte seit dem<lb/>Ganny
Lewald. Helmar.<lb/>r?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0105_098.tif" n="104"/>
<p>Morgen nichts gegessen und hatte zu meiner Ver-<lb/>wunderung keinen Hunger.
Doch aß ich, damit sie<lb/>nicht dächten, es schmecke mir nicht; und wir
waren<lb/>auf gutem Wege, als die Mutter fragte, was ich denn<lb/>mit den
Kleidungsstücken gemacht hätte, die ich von<lb/>Hause damals
mitbekommen.<lb/>,Die war ich lange ausgewachsen und die waren<lb/>ja nichts
mehr werth!? sagte ich. ,Ich habe sie dem<lb/>jüngsten Lehrling geschenkt,
er ist ganz armer Leute<lb/>Kind.?<lb/>Da fuhr der Vater
auf.<lb/>,Weggeschenkt hast Du sie? Das gute Zeug?<lb/>Westen hätte es immer
noch gegehen! Das theure,<lb/>starke Tuch! -- Aber freilich, Du willst hoch
hinaus!<lb/>Ein rechtschaffener Diener, ein Schreiber hast Du
nicht<lb/>werden wollen. Beim Handwerk willst Du auch nicht<lb/>bleiben, wie
der Herr General vermeldet hat. Bilder-<lb/>maler willst Du werden. Probire,
wie weit Du damit<lb/>kommst. Stuben werden immer und überall
gemalt!<lb/>Sich selber läßt alle zehn Jahre einmal ein Mensch<lb/>malen.
Ich verlange nichts von meinen Kindern; da-<lb/>für habe ich treu gedient!
Aber ohne rechtschaffenes<lb/>Gewerbe wie die Kesselflicker und Zigeuner in
der Welt<lb/>rum ziehen, das lasse ich sie nicht; das merk! Dir!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0106_099.tif" n="105"/>
<p>Da wär's noch eher, Dn dientest auf Avancement und<lb/>würdest, wie der Herr
General sagt. ein ordentlicher<lb/>Feldwebel oder so etwas. Aber ein Maler!
Nun und<lb/>nimmer !'<lb/>Darauf also hatt' ich mich gefreut alle die
Tage?<lb/>-- Alles, was sie in der Familie gelegentlich über mich
-<lb/>gedacht und mir nicht geschrieben hatten, weil das<lb/>Schreiben nicht
ihre Sache und ihr Brauch war, das<lb/>kam nun mit einem Mal heraus und über
mich. Wider-<lb/>spruch vertrug der Vater nicht, kränken wollte ich
ihn<lb/>nicht. Ich suchte ihm meinen Plan, die Möglichkeit<lb/>seiner
Ausführung zu erklären, ohne damit durchzu-<lb/>dringen. Er verstand nicht
was ich wollte, und die<lb/>Anderen verstanden es noch weniger.<lb/>Er blieb
dabei, all' die Thorheiten hätten mir der<lb/>August und der Doktor Müller
in den Kopf gesezt, ich<lb/>wisse nicht, was ich wolle. Ich sei ein
Nichtsnutz,<lb/>ein Faulenzer, scheue die redliche Arbeit und das
sei<lb/>eine Schande. Er stellte mir die Brüder, die als<lb/>Reitknecht und
in der Brennerei ihr gutes Auskommen<lb/>hättei, zum Beispiel auf; sie kamen
auch Beide<lb/>trotz meines schönen Anzugs und meines
wohlgekämmten<lb/>Scheitels sich mir weit überlegen vor. Sie
lachten<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0107_100.tif" n="106"/>
<p>10O<lb/>mich aus in meiner Herrlichkeit. Es war Alles ganz<lb/>anders
gekommmen, als ich es mir gedacht hatte, und<lb/>ich hatte dabei das beste
Gewissen von der Welt und<lb/>hatte sie Alle lieb. Da ich aber von dem nicht
reden<lb/>durfte, was mir doch allein am Herzen lag, schwieg<lb/>ich lieber
still. Ich war froh, als das Essen vorüber<lb/>war und ich zu meinem
Kollegen in das Schloß und<lb/>mit ihm an die Vorbereitung zu unserer Arbeit
gehen<lb/>konnte.<lb/>In den nächsten Tagen, als wir das Abschnüren<lb/>und
Eintheilen beendet hatten und bei dem Malen<lb/>waren, machte der Vater sich
öfter in dem Saale zu<lb/>thun; und da er mich im Leinwandkittel bei der
Ar-<lb/>beit sah und bemerkte, wie der Altgesell mit mir wie<lb/>mit einem
Kameraden umging und mir viel freie<lb/>Hand beim Malen ließ, war mit ihm
besseres Ver-<lb/>kehren. Er besah sich die Vögel und die Köpfe und<lb/>die
Blumen, die unter meiner Hand zum Vorschein<lb/>kamen, sagte, sie sähen so
aus, wie sie wären, und<lb/>ich würde ein rechter Narr fein, wenn ich nicht
dabei<lb/>bliebe. Ein geschickter Maler, der sich hier ansezte,<lb/>könne zu
Haus und Hof kommen, denn es gäbe hier<lb/>herum immner viel zu thun; und
einmal seine Beine<lb/>in seines Jüngsten eigenem Hause unter dessen
Tisch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0108_101.tif" n="107"/>
<p>1<lb/>zu sezen, das würde ihm und der Mutter schon ge-<lb/>fallen, obschon
sie's niemals nöthig haben würden.<lb/>Ich dachte, das solle er schon haben,
wenn auch<lb/>nicht hier im Dorfe; aber recht froh wurde ich
meines<lb/>Lebens auf dem Hofe nicht, obschon der Schulmeister<lb/>und der
Pfarrer mich wohl aufnahmen und mir zu-<lb/>redeten, zu versuchen, wie weit
ich's bringen könnte<lb/>in der Malerei und Kunst.<lb/>Weil die Herrschaften
so bald als möglich zurück-<lb/>zukommen wünschten, mußten wir uns sehr zur
Arbeit<lb/>halten, und ich hatte mir vorgenommen, wenn wir<lb/>fertig sein
würden, ein paar Tage länger auf dem<lb/>Hof zu bleiben, um womöglich die
gnädige Frau und<lb/>die Kleine einmal wiederzusehen, ehe ich für lange
in<lb/>die Fremde ging. Als wir aber fertig waren und<lb/>Vater und Mutter
und Brüder, und wer es immer<lb/>konnte, in die neugemalten Zimmer kam, weil
man<lb/>so etwas Schönes hier noch nicht gesehen hatte, traf<lb/>die
Nachricht ein, daß die Heimkehr der Herrschaften<lb/>sich um vierzehn Tage
und mehr verzögern würde,<lb/>und ich mußte also mit den Anderen
fort.<lb/>Den Tag vor der Abreise, als wir Feierabend<lb/>gemacht, und alle
unsere Geräthschaften zusammenge-<lb/>packt hatten, ging ich noch in das
Freie hinaus. Ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0109_102.tif" n="108"/>
<p>102<lb/>hatte das alle Abende gethan, hatte meines Weges<lb/>bald Den, bald
Jenen von den Leuten angetroffen<lb/>und mit ihnen viel verkehrt. Aber recht
zu Hause<lb/>hatte ich mich mit ihnen nicht gefühlt. Ich wußte,<lb/>daß
meines Bleibens hier nicht sei, ich sehnte mich<lb/>weg, und so etwas fühlen
die Menschen Einem an,<lb/>wenn man es ihnen auch verschweigt. Dieser
letzte<lb/>Abend hatte für mich aber eine von den Stunden,<lb/>die man nicht
vergißt. Jeden Platz und jeden Fleck,<lb/>jeden Strauch und jeden Baum hatte
ich gekannt, als<lb/>ich nach beendeter Lehrzeit jetzt zurückgekommen
war.<lb/>Jeder hatte seine Erinnerung für mich gehabt, an<lb/>Jeden hatte
ich in der Stadt vielhundertmal gedacht.<lb/>Den Saal, in dem ich mich so
ungeschickt erwiesen,<lb/>den Garten, in welchem ich der Kleinen mein
Kaninchen<lb/>gegeben, die Laube, in welcher ich zuerst gezeichnet,<lb/>die
Wiese, auf der ich Schildwache gestanden, die<lb/>Kirche und das Pfarrhaus,
das Alles hatte ich immer<lb/>vor mir gesehen wie meine Hand. Wie diese war
es<lb/>mir zu eigen, wie mit dieser war ich für mein Gefühl<lb/>Eins und
zusammengewachsen gewesen mit der Heimat.<lb/>Dahin gehörend, hatte ich mich
immer nr als des<lb/>Kaspar's Helmar, halbwegs als ein Besizstück
der<lb/>Herrschaften empfunden.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0110_103.tif" n="109"/>
<p>10K<lb/>An dem Abende aber, als ich allein für mich<lb/>über den Schloßhof,
durch die Gärten, in das Feld<lb/>ging, erschien mir das Alles plötzlich als
ein Fremdes<lb/>und ich mir wie verwandelt, wie losgelöst davon.
Ich<lb/>erschrak davor und war gerührt, und hätte nicht<lb/>sagen können,
was mich rührte. Ich sah mir Alles<lb/>an, als fürchtete ich, es zu
vergefsen. Ich fragte mich,<lb/>ob ich das Alles, ob ich die Eltern und die
Brüder<lb/>und den Vater wiedersehen würde, denn ich mußte<lb/>fort für
lange, vielleicht für immer, sagt' ich mir, weil<lb/>---- ich nicht mehr
hierher gehörte. Ich war nicht<lb/>nur des Kaspar's Helmar, ich war ich
selbst, der<lb/>Malergehülfe Kronau, der sehen mußte, was er mit<lb/>sich
anfing.<lb/>Ich hatte das nie bisher bedacht, geschweige denn<lb/>es mir
ausgesprochen. Es war eine neue Erkenntniß,<lb/>mit der ich Besitz nahm von
mir selbst, in der ich<lb/>mich selbst zum Herrn meiner Zukunft machte,
wenn<lb/>auch für lange Zeit von meiner selbstherrlichen Herr-<lb/>lichkeit
noch nicht viel zu rühmen war.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0111_104.tif" n="110"/>
<p>Teunles -Fapilel.<lb/>Nun hieß es auf die Wanderschaft! -- Aber
das<lb/>Wanderleben mit leerer Tasche ist lange nicht so schön<lb/>und
lustig, als sich's in den Liedern anhört; indeß<lb/>die Jugend ist schön und
ihr froher Muth; und für<lb/>Einen, dessen Augen auf das Sehen gestellt
sind, ist<lb/>Vergnügen überall vorhanden, selbst wenn
Schmalhans<lb/>gelegentlich den Küchenmeister macht.<lb/>Hier Arbeit nehmend
und dort für eine Weile,<lb/>hatte ich mich glücklich bis zum Rhein, bis
Düssel-<lb/>dorf, dem Ziele meiner Sehnsucht, durchgebracht, wo<lb/>ich
auf's Neue bei einem Stubenmaler als Gehülfe<lb/>mein Brot erwarb. Manch'
liebes Mal hab' ich<lb/>dort vor den Kunsthandlungen dagestanden,
betrachtend,<lb/>was Glücklichere geschaffen hatten, berechnend, wie
viel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0112_105.tif" n="111"/>
<p>105<lb/>von meinem Gelde für knappe Kost nöthig, für wie viel<lb/>Zeichen-
und Malgeräth zu kaufen sei; und Jahr und<lb/>Tag vergingen, ehe ich mit
meinen Zeichnungen bis<lb/>zum Direktor der Akademie gelangen, ehe ich
Auf-<lb/>nahme als Schüler durch ihn finden, und mir den<lb/>ersten, heiß
ersehnten Triumph meines Lebens bereiten,<lb/>es Frau von Marville melden
konnte, daß ich ein<lb/>Schüler der Düsseldorfer Akademie geworden sei,
daß<lb/>es nun ein Ende habe ein- für allemal mit
dem<lb/>Malerhandwerk.<lb/>Sie antwortete mir sogleich und freundlich.
So<lb/>sei es recht! So habe sich's der General gedacht.<lb/>Wolle ich nun
aber wirklich übergehen vom Hand-<lb/>werk zu der Kunst und ein wahrer
Künstler werden,<lb/>so müsse ich nicht nur malen, sondern noch
viel<lb/>Anderes lernen und mich zu unterrichten und zu<lb/>bilden suchen,
wie und wo ich irgend könne. Dann<lb/>hoffe sie noch Freude an mir zu
erleben. Sie hatte<lb/>auch diesem Briefe wieder ein kleines
Geldgeschenk<lb/>hinzugefügt.-- Sie haben das Goldstück in
silberner<lb/>Fassung an meiner Ühr gesehen und mich einmal<lb/>darum
gefragt. Ich trage es heute noch! Es war<lb/>mtein erster Orden! der Orden,
den ich selbst mir für<lb/>Fleiß und Enthaltsamkeit ertheilte, denn für
den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0113_106.tif" n="112"/>
<p>10s<lb/>Armen und Ununterrichteten ist der Weg zum Ziele<lb/>lang und weit
und schwer - und Nächte voll müh-<lb/>seliger Kopistenarbeit, mitunter auch
mit leerem Magen,<lb/>haben mir's ersparen und erhalten müssen,
dieses<lb/>Goldstück, bis meine Laufbahn plötzlich
unterbrochen<lb/>ward.<lb/>Der General hatte seinerzeit mir richtig
prophe-<lb/>, zeit. Sie nahmen mich, als ich das einundzwanzigste<lb/>Jahr
erreicht, zu den Gardedragonern nach Berlin.<lb/>Als Freiwilliger zu dienen,
fehlte mir nicht mehr<lb/>als Alles. Ich hatte also eine lange Dienstzeit
vor<lb/>mir, und ging betrübten Herzens in mein Regiment,<lb/>in die Kaserne
und in des Königs Rock.<lb/>Indeß der Mensch denkt und Gott lenkt,
sagte<lb/>meine Mutter. Das Regiment und meine Dienstzeit<lb/>waren ein
großes Glück für mich und kamen mir in<lb/>jedem Sinn zu Nutzen, mehr als
ich zuerst verstand.<lb/>Ich lernte gehen und stehen, ganz anders als
auf<lb/>unserem Hofe. Ich lernte regelrechtes Reiten, hatte<lb/>von früh bis
spät viel Pferde und viel Menschen vor<lb/>mir, so daß ich sie mir in allem
ihrem Thun und<lb/>Lassen völlig einprägen, ja sie recht eigentlich
studiren<lb/>und auswendig lernen konnte; und ich bekam dann<lb/>einen
Rittmeister, der mein eigentlicher Wohlthäter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0114_107.tif" n="113"/>
<p>1I<lb/>geworden ist, der -- aber ich will damit nicht
vor-<lb/>greifen.<lb/>Er hatte die Eskadron schon lange, als ich
in's<lb/>Regiment gekommen war, und die Leute hatten ihn<lb/>sammt und
sonders lieb. Eines Tages, als es mit<lb/>meiner Dienstzeit schon bergab
ging, kam er einmal<lb/>dazu, als ich, mit meinem Skizzenbuch in einem
Winkel<lb/>des Hofes sitzend, mir einen Dragoner zeichnete, der<lb/>sein
sich bäumendes Pferd in den Stall zu führen<lb/>trachtete.<lb/>Ich wollte
mich eben erheben, als ich den Ritt-<lb/>meister hinter mir hervortreten
sah. Er winkte mir,<lb/>es nicht zu thun.<lb/>,Bleiben Sie sizen!? sagte er,
indem er auf<lb/>meine Zeichnung hinsah. ,Machen Sie es fertig, so<lb/>weit
es geht.! Er hielt sich eine kleine Weile neben<lb/>mir und sah mir zu. Der
Dragoner war inzwischen<lb/>mit seinem Pferde zurechtgekommen und im Stall
ver-<lb/>schwunden. Ich stand auf und trat an.<lb/>,Sie find Maler? fragte
der Rittmeister.<lb/>,Halten zu Gnaden, ich denke es zu werden.?<lb/>,Wer
war Ihr Lehrer?<lb/>Ich sagte, wie ich in Königsberg auf der
Kunst-<lb/>schule ein Weniges gezeichnet, dann als Geselle ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0115_108.tif" n="114"/>
<p><lb/>108<lb/>arbeitet, und ein Jahr Unterricht auf der Akademie in
I<lb/>Düsseldorf gehabt hätte.<lb/>,Dafür sind Sie geschickt genug. Bringen
Sie s<lb/>mir morgen zu sehen, was Sie von Zeichnungen bei I<lb/>sich
haben!' befahl er mir.<lb/>Am anderen Tage kam ich dem Befehle nach.<lb/>Ich
fand ihn an der Staffelei. Graf Berkow f<lb/>-- ich hatte den Namen als Kind
zu Hause schon gehört, ;<lb/>denn die Berkows waren in unserer Gegend
angesessen, -<lb/>und des Rittmeisters Vater und er selber waren öfters
im<lb/>Schlosse gewesen und immer sehr gnädig zu meinem<lb/>Vater. Graf
Berkow, mein Rittmeister, war selbst<lb/>ein sehr geschickter Landschafter.
Weil er aber der<lb/>älteste Sohn und damit Erbe der großen
Berkow'schen<lb/>Majoratsgüter war, hatte er sich der Kunst nur
als<lb/>Liebhaher zugewendet und war, wie sein Vater und<lb/>sein ganzes
Geschlecht, zuerst in's Militär getreten,<lb/>obschon er die Malerei
meisterlich betrieb. Er sah<lb/>meinen Kleinkram von Arbeiten sorgfältig
durch,<lb/>lobte Eins und das Andexe, tadelte noch mehr; und<lb/>.
e<lb/>,Sie können hier gute Fortschritte machen,! sagte<lb/>er. , Sie haben
hier viel Leben, viel Bewegung und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0116_109.tif" n="115"/>
<p>1<lb/>gute Gestalten vor sich. Sich selbst durch unermüd-<lb/>liches
Versuchen vorwärts bringen, das ist die<lb/>Hauptsache in aller Kunst.
Probiren Sie immer<lb/>wieder Dasselbe, bis Sie es herausbringen
können.<lb/>Der Einfall ist Sache des Talents, die Ausführung<lb/>ist Sache
des Fleißes und der Geduld. Zeit haben<lb/>Sie geng. - Ich werde Sie wieder
kommen lassen.<lb/>Vielleicht benütze ich Sie einmal. Ich skizzite
mir<lb/>ab und zu ein paar Gestalten für meine Landschaften.!<lb/>Das ließ
nicht lange auf sich warten. Einmal<lb/>stand ich ihm in voller Uniform
Modell, ein ander-<lb/>mal in einer ritterlichen Tracht, die er hatte
kommen<lb/>lassen. Er bezahlte mich dafür nicht mit baarem<lb/>Gelde, aber
er that mehr. Er schenkte mir den ersten<lb/>ordentlichen Delfarbenkasten
mit Pinseln und Palette.<lb/>Darnach hatte mein Sinn gestanden, wer weiß
wie<lb/>lange, und ich kam mir wie ein neuer Mensch vor,<lb/>als ich den
Kasten mit in unsere Stube brachte.<lb/>Freundlich von Natur, hatte der
Graf, als ich<lb/>ihm zum Ritterbilde stand, während er malte, mich<lb/>nach
meiner Herkunft gefragt-<lb/>,Daß Sie ein Ostpreuße, ein Samländer
sind,<lb/>das hört man Ihnen an. Wo sind Sie geboren?<lb/>Ich nannte
Waldritten und setzte hinzu, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0117_110.tif" n="116"/>
<p>11<lb/>Gutsherrin sei meine Pathin und Wohlthäterin ge-<lb/>wesen, ich sei
ihres alten Dieners Sohn.<lb/>,Frau von Marville'a? fragte er., Da
find<lb/>Sie sozusagen aus einer Hand in die andere ge-<lb/>gangen und in
der Verwandtschaft geblieben. Ich<lb/>kenne die Herrschaften von Waldritten,
war vor ein<lb/>paar Jahren wieder dort. Lebt der alte Kaspar<lb/>noch? Er
hat mich ganz speciell bedient. !<lb/>Ich bejahte mit Freuden, denn nun ich
hoffte,<lb/>daß aus mir etwas Ordentliches werden könnte,<lb/>wünschte ich
doppelt, daß die Eltern mir am Leben<lb/>bleiben möchten. Ich wollte sie
gern überzeugen, daß<lb/>ich kein Zigeuner und kein Kesselflicker werden
würde;<lb/>und weil er meinen Vater kannte und freundlich von<lb/>ihm
sprach, hatte ich den Rittmeister noch viel lieber.<lb/>Wie ich so
stillstehen und den Rittmeister ansehen<lb/>mußte, war mir's just, als müßte
daneben nun auch<lb/>meines Vaters Gesicht irgendwo zum Vorschein
kommen,<lb/>so wie das Christushaupt auf dem Schweißtuch der<lb/>heiligen
Veronika, und ich bekam ein wahres Heim- -<lb/>weh nach dem Hofe und nach
Haus.<lb/>Gerade in dem Augenblicke trat der Bursche des<lb/>Rittmeisters
ein, ihm eine Visitenkarte zu überreichen.<lb/>, Sehr angenehm!'' sagte der
Rittmeister, legte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0118_111.tif" n="117"/>
<p>uu<lb/>Pinsel und Palette weg und gab mir ein Zeichen,<lb/>mich in die
Nebenstube zurückzuziehen, deren Thüre<lb/>wie immer offen
stand.<lb/>,Willkommen!? rief er darauf heiter, ,willkommen<lb/>in Berlin!'
und bot dem eintretenden jungen Offizier<lb/>von den Garde-Nlanen seine Hand
zum Gruße. Es<lb/>war Clamor.<lb/>Er war ein schöner Mensch geworden,
schlank und<lb/>groß und frisch. Ich kannte ihn gleich wieder, ob-<lb/>schon
ich ihn nicht gesehen hatte, seit wir Beide<lb/>Knaben gewesen
waren.<lb/>,Es ist gescheidt, sagte der Rittmeister zu ihm,<lb/>, daß Sie
sich haben hierher versetzen lassen. Man<lb/>lebt hier angenehmer als drüben
in Potsdam, und<lb/>das ewige Hinundherfahren bekommt man sehr
bald<lb/>satt. Zudem haben Sie ja Ihre mütterlichen Ver-<lb/>wandten und
vielleicht auch von Ihres Vaters Seite<lb/>noch Angehörige hier?' setzte er
fragend hinzu.<lb/>Glamor verneinte dies Letztere, und der
Rittmeister<lb/>sragte, wie die Seinen sich befänden, wie es in
Wal-<lb/>dritten stehe?<lb/>Elamor sagte, es gehe seinen Eltern wohl.
Der<lb/>General habe neuerdings noch ein Vorwerk gekauft,<lb/>welches bisher
als eine störende Enclave in den Be-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0119_112.tif" n="118"/>
<p>.. s<lb/>sitzungen gelegen habe, und baue und organisire und<lb/>verbessere
immerfort, sein Ideal von einer Muster- -<lb/>wirthschaft
herzustellen.<lb/>, Und Ihr Schwesterchen? wie geht es ihr?<lb/>,Ich glaube,
Sie würden sie kaum erkennen,?!<lb/>entgegnete Clamor. , Sie ist sehr
gewachsen und mit<lb/>ihren vierzehn Jahren wirklich schon ein
stattliches<lb/>Mädchen.-<lb/>, Und schön, wie ich vermuthe!'' warf der
Ritt-<lb/>mteister ein, ,denn sie war ein gar schönes Kind, als<lb/>ich sie
vor anderthalb Jahren bei Ihnen zum letzten<lb/>Male sah.<lb/>,Wenn
man<lb/>hat, so möchte ich<lb/>hübsch geworden!<lb/>ein Urtheil über seine
Schwester<lb/>allerdings sagen, Dora sei sehr<lb/>Aber'? -- er faßte in die
Brust-<lb/>tasche der Uniform und zog ein kleines Etui daraus<lb/>heroor -
ich habe mir eben dies Bild der Meinen,<lb/>das sie neulich haben machen
lafsen, von der Post ge-<lb/>holt. Sehen Sie selber!-<lb/>,Ja, freilich!
vortrefflich, ganz vortrefflich! Und<lb/>wie die Mutter noch immer schön
aussieht! Wie<lb/>reizend, wie annuthig die Tochter neben ihr steht!<lb/>-
Dora ist ja der Liebreiz in Person. Diese un-<lb/>willkürliche Kopfneigung
ist so lieblich, ist so demüthig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0120_113.tif" n="119"/>
<p>u18<lb/>und lieblich, als hätte sie sie einer Rafael'schen Ma-<lb/>donna
abgelauscht.!<lb/>,Demüüthig!' lachte Clamor, ,Ach nein! das ist<lb/>die
bloße Verlegenheit des ungewohnten Thuns, eine<lb/>ihr offenbar gebotene
Haltung; denn Dora ist der<lb/>Frohsinn selber, und von einer Madonna hat
sie nichts,<lb/>denn ihr Haar und ihre Augen werden immer dunkler.<lb/>Aber
sie sieht gut aus, das ist wahr!?<lb/>,Die Farbe thut es nicht, es ist der
Blick, die<lb/>Haltung!' bedeutete der Rittmeister, der das Etui<lb/>noch
immer in der Hand hielt und betrachtete. ,Wie<lb/>frisch der General noch
ist!'? sagte er dann nach einer<lb/>kleinen Weile. ,Man lebt doch nur auf
seiner eigenen<lb/>Scholle das wahre, rechte Leben. Ihr Vater hat
sehr<lb/>wohl daran gethan, zur rechten Zeit auf's Land zu<lb/>gehen. Bin
ich einmal so weit als er, so mache ich's<lb/>ihm nach - und vielleicht
früher -- um nichts mehr zu<lb/>sein, als Landedelmann und eiwa ein Bischen
auch<lb/>ein Maler!'? scherzte er. , Nebrigens habe ich gerade<lb/>heute
einen Maler von Ihren Gütern hier. Kommen<lb/>Sie herein, Kronau!? - Und
meine Maskerade zu<lb/>erklären, bemerkte er, er habe eben heute nach
mir<lb/>gemalt.<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/>S<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0121_114.tif" n="120"/>
<p>11s<lb/>Obschon ich noch im Kostüm war, trat ich an,<lb/>wie sich's gebührte,
und ich kann mir denken, daß der<lb/>Eindruck komisch war. Clamor lachte
laut auf.<lb/>,Wie der Kerl aussieht!' rief er, ohne mir auch<lb/>nur den
guten Tag oder ein Wort zu gönnen. ,Ist<lb/>der Ihr Bursche?<lb/>Gegen des
Grafen Freundlichkeit stach seines<lb/>jungen Vetters Weise nur noch greller
ab, und sie<lb/>schien ihm zu mißfallen.<lb/>,Nein!' entgegnete er. ,Ich
hatte allerdings<lb/>einmal daran gedacht, Kronau zu mir zu nehmen,<lb/>aber
ich lasse ihn lieber für sich und kümmere mich<lb/>ein wenig um sein
Zeichnen, da er Ihrer Mutter<lb/>Schützling war. Ich glauhe, sie wird es
nicht be-<lb/>reuen, daß sie ihm fortgeholfen hat. Es steckt
ein<lb/>tüchtiges Talent in ihm und er giebt sich Mühe. -<lb/>Kommen Sie
heran, Kronau! Der Herr Lieutenant<lb/>wird nichts dagegen haben und
erlauben, daß ich Sie<lb/>das Bild der Herrschaften von Waldritten sehen
lasse. !<lb/>,Gewiß nicht!? rief Clamor, auf den Ton ein-<lb/>gehend, den
der Graf anschlug. ,Komm' her! sieh'<lb/>einmal! Sind sie nicht Alle sehr
getroffen? fragte<lb/>er, indem er mir selber das Etui hinhielt.-<lb/>Ich
hatte in der Nebenstube kein Wort verloren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0122_115.tif" n="121"/>
<p>1<lb/>von der ganzen Unterhaltung und hatte mir lebhaft<lb/>gewünscht, nur
einen einzigen Blick auf die Bilder<lb/>werfen zu dürfen. Der Graf konnte
nicht wissen,<lb/>welche Gunst er mir erwies.<lb/>Ja! das waren sie: der
General und die gnädige<lb/>Frau und Dora! Aber das runde
Kinderköpfchen<lb/>hatte sich in ein vollendet schönes Oval
verwandelt.<lb/>Das Haar, das einst in langen Locken um ihren
Kopf<lb/>geflattert, hatte sich ihr voll und weich um die
Schläfen<lb/>gelegt, und die großen Augen sahen so sanft, so ruhig<lb/>aus,
wie eines jungen Rehes Augen, das noch kein<lb/>Schuß erschreckt
hat.<lb/>Ich reichte Clamor mit einem ergebensten Danke<lb/>das Etui zurück.
Der Graf nahm es ihm wieder aus<lb/>der Hand, besah es schweigend, und sich
dann erinnernd,<lb/>daß ich noch vor ihm stand, sagte er, ich solle
mich<lb/>umkleiden und gehen.<lb/>Da ich nicht Befehl erhielt, während
meines An-<lb/>kleidens die Thüre zwischen den Zimmern zu
schließen,<lb/>ließ ich sie natürlich offen stehen; sie achteten
auch<lb/>Beide weiter nicht auf mich.<lb/>Der Graf erkundigte sich, ob
Clamor schon viel<lb/>Besuche in Berlin, ob er schon viel
Bekanntschaften<lb/>gemacht habe. Clamor verneinte es.<lb/>F -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0123_116.tif" n="122"/>
<p>11s<lb/>,Sch war ja erst wenige Monate in Potsdam und<lb/>bin, wie Sie
vielleicht bemerkt haben, auch nur wenig<lb/>herübergekommen. Mein Vater
hatte das so verlangt.<lb/>Außer bei den Meinen bin ich öfters in der Oper
und<lb/>im Ballet, und nur ein paarmal zu größerer Gesell-<lb/>schaft in das
Haus von unserem Bankier gekommen,<lb/>der mich geladen hatte.<lb/>Der Graf
fragte, wer das sei.<lb/>,Ein Kommerzienrath Wollmann!'k entgegnete
ihm<lb/>Glamor.<lb/>, Sonderbar, daß ich Ihnen da nicht begegnet<lb/>binlr
meinte der Graf. ,Ich mache meine Geschäfte<lb/>auch mit ihm und komme
ebenfalls bisweilen hin. Es<lb/>ist ein sehr anständiger Mann! Gebildete
Leute! Man<lb/>findet schickliche Gesellschaft dort! Die Tochter ist
ein<lb/>hübsches Mädchen und hat Manier und Geist!-<lb/>,Ich finde sie ganz
reizend!'' fiel ihm Clamor in<lb/>das Wort.<lb/>,Das ist der rechte
Ausdruck!' meinte der Graf.<lb/>,Die Fremdheit der Rasse hat für unsereinen
Reiz,<lb/>und Cäcilie ist ein Typus für dieselbe. Feingliederig,<lb/>üppig,
schöne Augen, viel Temperament - und, wie<lb/>die Füdinnen in der Regel,
klug und kokett. Das<lb/>zieht an! Nehmen Sie sich in Acht!'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0124_117.tif" n="123"/>
<p>uur<lb/>Sie lachten noch Beide über diese Warnung, als<lb/>ich
davonging-<lb/>Wie dann Clamor nach geraumer Zeit in den
Hof<lb/>hinunterkam, stand ich mit ein paar Kameraden dort.<lb/>Er winkte
mich zu sich heran.<lb/>,Wie lange hast Du noch zu dienen?! fragte
er.<lb/>Ich sagte: ,Noch fünf Monate.<lb/>, Und nachher? wo willst Du dann
hin? was<lb/>denkst Du dann zu thun? erkundigte er sich.<lb/>,Der Herr
Rittmeister meinen,! antwortete ich,<lb/>,daß ich in Berlin bleiben soll. Er
will die Gnade<lb/>haben, für meine Aufnahme in die hiesige Akademie<lb/>und
in ein Atelier zu sorgen.! -<lb/>,Aber wovon wirst Du leben?<lb/>,Der Herr
Rittmeister meinen - und ich glaube<lb/>das auch - daß ich hier mit
verschiedenen Arbeiten<lb/>mir meinen Unterhalt leichter als in Düsseldorf
ver-<lb/>dienen könnte, bis die Malerei mich nährt. !<lb/>,Da! da ist etwas
für den Anfang !? sagte Glamor<lb/>und drückte mir einen Fünfthalerschein in
die Hand.<lb/>Er war freundlicher, als ich ihn jemals gegen mich<lb/>gesehen
hatte. Ich verdankte das offenbar der guten<lb/>Meinung und Weisung des
Grafen, aber es kränkte<lb/>mich, daß Clamor mich Du nannte, als ob ich noch
ein<lb/>. -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0125_118.tif" n="124"/>
<p>18<lb/>Junge, als ob ich sein oder seiner Eltern Höriger<lb/>wäre, und ein
Geldgeschenk von ihm zu nehmen, der<lb/>mir immer hart und hochmüthig
begegnet war, das<lb/>widerstrebte mir, obwohl ich sehr gut wußte,
was<lb/>Geld dem Mittellosen werth sei, wenn er aus dem<lb/>Dienste tretend
in das Bürgerkleid zurückkommt. -<lb/>Clamor fiel es auf, daß ich nicht
sofort die Hand<lb/>ausstreckte.<lb/>,Was soll das? fragte er. ,Spiele nicht
den<lb/>Vornehmen mit mir! Der Herr Rittmerster sagt, man<lb/>müsse etwas
für Dich thun, und Kapitalien wirst Du<lb/>wohl nicht haben.!<lb/>Das Blut
stieg mir in den Kopf. Ich schämte<lb/>mich der Armuth, als wäre sie ein
Unrecht oder als<lb/>hätte ich sie verschuldet.<lb/>,Ich habe noch den
Dukaten, den die gnädige<lb/>Frau mir vor vier Jahren einmal schickte, als
ich<lb/>freigesprochen wurde!'? fuhr ich rasch heraus. Er sollte<lb/>sehen,
daß ich sein Almosen nicht brauchte.<lb/>,Den hast Du noch? rief er: und mit
einem<lb/>Lachen, das mir ihm gegenüber das Herz befreite,<lb/>setzte er
hinzu: ,Wahrhaftig, da warst Du sparsamer<lb/>als ich! Ich habe niemals
Geld, nur gerade heute<lb/>wo sie uir es schickten. Aber um so besser!
Nimmn's<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0126_119.tif" n="125"/>
<p>119<lb/>nur und leg' das mit dazu. Der Tag kommt schon,<lb/>wo Du es brauchen
wirst. Wenn ich nach Hguse<lb/>schreibe, werde ich dem Kaspar sagen lassen,
daß ich<lb/>Dich gesehen habe, und daß Dein Rittmeister große<lb/>Stücke von
Dir hält. Adieu! Auf Wiedersehen!r<lb/>Damit reichte er mir seine Hand, und
das war<lb/>mir wehr werth als sein Geld. Des Rittmeisters<lb/>Güte hatte
ihn Raison gelehrt. Ich dankte, blieb Front<lb/>machend stehen, bis er
vorüber war, und ging mit dem<lb/>Fünfthalerschein, zu thun wie er
gesagt.<lb/>Lange Jahre haben sie beisammen gelegen, der<lb/>Dukaten und der
Fünfthalerschein, und ich habe nicht<lb/>gewußt, wozu ich sie verwenden
würde. Aber als ich<lb/>sie dann ausgegeben, habe ich nicht zu verhehlen
ge-<lb/>braucht, was ich damit gemacht habe, und Clamor ist<lb/>dabei
gewesen.<lb/>gaegooi<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0127_120.tif" n="126"/>
<p>,ehntes -apilel.<lb/>Ich war froh, als meine Dienstzeit um war.<lb/>Froh-
aher verlegen, denn man findet seinen freien<lb/>Willen, auf den man ein
paar Jahre hindurch zu ver-<lb/>zichten gehabt hat, nicht gleich wieder,
wenn man ihn<lb/>gebraucht; und man ist seinen alten Zuständen so
fremd<lb/>geworden, wie den alten Eivilkleidern, die auch zuerst<lb/>nicht
passen und nicht sitzen wollen. Indeß mein guter<lb/>Genius in der Gestalt
des Rittmeisters half mir über<lb/>Alles fort, und mein Lebensweg war von da
an so<lb/>glatt und eben, daß ich mich an jedem neu erreichten<lb/>Punkte
immer nur zu fragen hatte, wie ich eigentlich<lb/>dahin gekonnen
sei.<lb/>Des Rittmeisters Vorstellungen an Clamor trugen<lb/>mir, mit einem
neuen gütigen Briefe von meiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0128_121.tif" n="127"/>
<p>Pathin, für die nächsten zwwei Jahre ein Stipendium<lb/>von je fünfzig
Thalern ein. Das war mir eine große<lb/>Summe, eine große Sicherheit. Er
erwirkte auch<lb/>meine Aufnahme in die Akademie, lenkte die Augen<lb/>eines
tüchtigen Meisters auf mich, und nicht einen<lb/>Monat ließ er hingehen,
ohne nach mir zu senden,<lb/>ohne sich zeigen zu lassen, was ich zeichnete
und malte.<lb/>Ich nahm mich wahrscheinlich schlecht genug in<lb/>meiner
schlechten Kleidung zwwischen meinen Kollegen<lb/>in dem Akademiesaal aus,
aber es währte eine Weile,<lb/>bis ich mit Arbeit mancher Art mir einen
anständigen<lb/>Anzug schaffen konnte, und die Jahre gingen in
rast-<lb/>losem Fleiß, in redlichem Entbehren, in fröhlichem<lb/>und immer
zuversichtlicherem Hoffen hin. Ich kam<lb/>vorwärts in der Kunst, vorwärts,
wenn auch nur<lb/>langsam und unvollständig, in meiner
allgemeinen<lb/>Bildung.<lb/>Meines Meisters Können war ein vielseitiges.
Er<lb/>war tüchtig im christlich- historischen Bilde, heiter im<lb/>Genre,
und edel im Porträt. Ich hatte mirh bis dahin<lb/>meist an das Darstellen
Dessen gehalten, was mir im<lb/>täglichen Leben an Vorgängen
entgegengetreten war,<lb/>und es auf meine Weise umgemodelt. Nun fing
ich<lb/>mich ernstlich auf das Porträt zu verlegen an, und ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0129_122.tif" n="128"/>
<p>- ?<lb/>brachte es dahin, als ich fast drei Jahre in meines<lb/>Meisters
Schule gewesen war, daß der Graf mir zu<lb/>seinem Bilde saß.<lb/>Weil ich
ihn so warm im Herzen trug, gelang es<lb/>mir, den schönen Mann in seiner
ritterlichen Haltung<lb/>nicht übel wiederzugeben, und ich kannte mich
kaum<lb/>vor Freude, als er selber, und auch mein Meister,<lb/>mich
aufforderten, nicht nur dies Bild, sondern auch<lb/>eine Bivouakscene, die
ich während einer Manöverzeit<lb/>entworfen und jetzt ausgeführt hatte, für
die im Herbste<lb/>zu eröffnende Ausstellung anzumelden, während
ich<lb/>selber mich mit der Konkurrenzarbeit für das Reise-<lb/>stipendium
der Akademie beschäftigte, die, wie fast<lb/>immer eine historische Aufgabe
war.<lb/>Das Glück war mit mir. Mein Bivouakbild fand<lb/>einen Käufer. Das
Bild des Rittmeisters, der in der<lb/>ganzen hohen Aristokratie bekannt war,
schaffte mir<lb/>ein paar Porträts zu malen. Ich hatte mit einem<lb/>Mal
mehr Geld, als zu gebrauchen ich gewöhnt war.<lb/>Ich kam mirnun wie der
Prinz in jenem Märchen vor.<lb/>Ich konnte meinem Vater zu seinem
siebenzigsten Ge-<lb/>burtstag nach seinen und meinen Begriffen reich
be-<lb/>schenken; und zuversichtlich, wie die ersten Erfolge uns<lb/>in der
Jugend machen, malte ich mich selber in dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0130_123.tif" n="129"/>
<p>128<lb/>schwarzen Sammetrock mit dem breiten Hemdkragen, die<lb/>wir
langhaarigen Künstler damals trugen, und sandte<lb/>der gnädigen Frau das
Bild zum Weihnachtsfeste ein.<lb/>Es war kein schlechtes Bild, und ich und
mein<lb/>Brief fanden Gnade vor ihren Augen. Der General<lb/>und sie wollten
sich, und vielleicht auch Dora, von mir<lb/>malen lassen, schrieb sie mir,
wenn es mir möglich sei,<lb/>im Frühjahr für längere Zeit zu ihnen in das
Schloß<lb/>zu kommen.<lb/>Zu ihnen in das Schloß! -- und Dora
malen!<lb/>Dora malen! die schöne Dora malen!<lb/>Ich begriff es nicht, daß
ich dies nicht längst ge-<lb/>than; daß ich sie nicht gemalt, wie ich sie
zuerst ge-<lb/>sehen hatte, am Tage ihrer Ankunft; daß ich nicht<lb/>zehnmal
schon dieß Kind gemalt, wie es mir in der<lb/>Erinnerung lebte, in dem, und
jenem Thun. Fast<lb/>ohne daß ich's recht wußte, ging ich an die
Arbeit.<lb/>Ich hatte ein paar Tage, nachdem sie Alle zum<lb/>ersten Male
auf das Gut gekommen waren, Dora unter<lb/>einem grünen Ehrenbogen spielend
sitzen sehen, den der<lb/>Gärtner ihr errichten mußte, weil sie ihren
eigenen<lb/>Ehrenbogen hatte haben wollen. So stellte ich sie dar,<lb/>den
Schooß voll Blumen, und mit den kleinen Händen<lb/>sich einen Kranz
zusammenflechtend.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0131_124.tif" n="130"/>
<p>1<lb/>Es war kalte, trübe Herbstzeit, als ich das kleine<lb/>Bild begann.
Aber meine Seele war damals so voll<lb/>Glüück und Muth und Hoffen, daß ich
beständig wie<lb/>im Sonnenscheine lebte, und wo das Herz des
Künstlers<lb/>hell ist, da leuchten seine Farben.<lb/>Seit dem Anfang jenes
Herbstes besaß ich mein<lb/>eigenes bescheidenes Atelier. Der Graf, mein
ehemaliger<lb/>Rittmeister, hatte mich einmal in demselben
aufgesucht<lb/>und ich hatte von ihm selbst erfahren, daß er für<lb/>einige
Tage zu seinem Vater auf das Land gegangen<lb/>sei. Am Neujahrstage, als ich
in seine Wohnung<lb/>ging, ihm meinen Glückwunsch abzustatten, hörte
ich<lb/>von seinem Diener, daß er wieder nach Preußen ge-<lb/>gangen sei,
und als ich mich in seinem Zimmer um-<lb/>sah, bemerkte ich, daß er
Daguerreotypporträts der<lb/>ganzen Marville'schen Familie an seinen Wänden
und<lb/>auf seinem Schreibtisch hatte. Der Diener, der mich<lb/>kannte,
hinderte mich nicht, sie zu betrachten. Dora's<lb/>schönes Daguerreotyp kam
mir für meine Plane zu<lb/>Statten.<lb/>Etwa vierzehn Tage später trat der
Graf eines<lb/>Tages bei mir ein.<lb/>,Sie sind bei mir gewesen,! sagte er,
,wollten<lb/>Sie etwas?!= Aber noch ehe ich ihm die Antwort<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0132_125.tif" n="131"/>
<p>1d<lb/>geben konnte, fiel sein Auge auf meine Arbeit, und mit<lb/>einer
Lebhaftigkeit, die ich niemals an ihm wahr-<lb/>genommen hatte, rief er:
,Mein Gott, das ist ja<lb/>Dora! -- Fräulein von Marville!r verbesserte er
sich<lb/>rasch, und mich mit einem Blicke messend, der mich<lb/>wie einen
Fremden ansah, dessen man sich erst ver-<lb/>sichern will, setzte er hinzu:
,Wie lebhaft Sie das<lb/>Kinderköpfchen in der Erinnerung tragen! Es ist
er-<lb/>staunlich! Aber das Bild ist allerliebst, ist ganz
vor-<lb/>trefflich! Das Bilb behalte ich!<lb/>Ich war unruhig geworden, und
hätte nicht sagen<lb/>können wodurch. Mir klopfte das Herz bei dem
Ge-<lb/>danken, mich von dem Bilde zu trennen, es dem<lb/>Grafen verkaufen
zu sollen; und obschon ich bis zu<lb/>diesem Augenblicke nicht daran gedacht
hatte, sagte ich,<lb/>um über die Zusage hinwegzukommen:<lb/>,Ich hatte vor,
es der Frau Generalin zum Tage<lb/>ihrer silbernen Hochzeit
anzubieten.!<lb/>,Woher kennen Sie denTag? fragte mich der Graf.<lb/>,Ich
bin geboren an dem Hochzeitstag der Herr-<lb/>chaften!' gab ich ihm zur
Antwort.<lb/>,So, so! Nun dann, so stehe ich zurück! Und<lb/>noch einmal
hintretend vor das Bild, und es mit un-<lb/>verkennbarer Befriedigung
musternd, sagte er: ,Vor-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0133_126.tif" n="132"/>
<p>e<lb/>trefflich, ganz vortrefflich! Das Bild ist besser, als<lb/>Alles, was
Sie noch gemacht haben. Vielleicht ist<lb/>dieß eigentlich Liebliche,
Iyllische Ihr rechtes Fach!<lb/>Versuchen Sie sich mehr darin.<lb/>Er ging
davon, ich gab ihm das Geleit, und wie<lb/>ich dann wieder in mein Atelier
zurückkam, setzte ich<lb/>mich nieder, und sah mir selbst mein Bildchen
an.<lb/>Es war mir nicht dasselbe mehr.<lb/>Ich begriff mich selber nicht.
Aber es hatte mich<lb/>etwas erschreckt, etwas verletzt in seiner Weise, und
-<lb/>nun ich darüber nachzudenken begann, meinte ich, daß<lb/>es der
herrische Ton gewesen sei, mit dem er mir zu-<lb/>gerufen: ,Das Bild behalte
ich!'<lb/>Als ob ich über meine eigene Arbeit nicht be-<lb/>stimmen könne,
als ob ich Gott danken müßte, das<lb/>hübsche Bild nur los zu
werden!<lb/>Ich vertiefte mich je länger um so mehr in dem<lb/>Gedanken,
weil mein Gewisßen schlecht war. Endlich<lb/>aber konnte ich's länger nicht
ertragen. Ich ging nach<lb/>der Wohnung des Grafen, um ihm eine Kopie
des<lb/>Bildes als ein Zeichen meines Dankes anzubieten,<lb/>indeß ich fand
ihn nicht zu Hause, und ich war besser<lb/>mit mir zufrieden, als mir dieses
wirklich leid that.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0134_127.tif" n="133"/>
<p>-lsles uapiles.<lb/>VV==VBV- ,<lb/>Für den Abend hatte ich eine Einladung in
das<lb/>Haus des Kommerzienraths Wollmann erhalten. Es<lb/>war das dieselbe
Bankierfamilie, über welche ich vor<lb/>drei Jahren, während meiner
Dienstzeit, den Grafen<lb/>und Clamor in des Grafen Wohnung hatte
sprechen<lb/>hören, und deren schöne Tochter Beide gepriesen haiten.<lb/>Der
junge Leonhard Wollmann hatte sich der Malerei<lb/>gewidmet, war mit mir auf
der Akademie gewesen,<lb/>und hatte Zuneigung zu mir gefaßt. Er
konkurrirte<lb/>mit uns Anderen um den Preis für Rom.<lb/>Man war in jenen
Tagen des neuerwachten<lb/>deutschen Künstlerlebens in den reichen und
gebildeten<lb/>jüdischen Kaufmannsfamilien den strebsamen
jungen<lb/>Künstlern sehr geneigt, so daß mehrfach Ehen zwischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0135_128.tif" n="134"/>
<p>18<lb/>den Töchtern solcher Familien und jungen, unbe-<lb/>mittelten
Künstlern vorgekommen waren; und daß ich<lb/>mich aus den unteren Ständen
emporgearbeitet hatte,<lb/>rechneten mein Freund und die Seinen mir als
ein<lb/>Verdienst an. Ich ging ebenso gern in das Haus,<lb/>als man mich
dort freundlich aufnahm.<lb/>Obschon ich es mir ableugnen wollte, war es
mir<lb/>aber immer noch etwas Schmeichelhaftes, in große<lb/>Gesellschaften
geladen zuwerden, etwwas sehr Angenehmes,<lb/>mich in einem guten, modischen
Anzug zu zeigen; und<lb/>es kostete mich immer eine gewisse Neberwindung,
diese<lb/>Freude und daneben auch die Besorgniß nicht zu ver- -'<lb/>rathen,
ob ich auch nichts thäte oder sagte, was gegen<lb/>die gesellschaftliche
Form verstieß.<lb/>Weil ich mich hüten wollte, zu früh zu erscheinen,
-<lb/>kam ich an dem Abend erst spät, nachdem ich zu Hause, -<lb/>wer weiß
wie oft, nach der Ühr gesehen hatte, ob es -<lb/>noch nicht an der Zeit sei,
mich auf den Weg zu<lb/>machen. Man tanzte auch bereits, als ich in den
Saal<lb/>eintrat; und mit dem ersten Blicke gewahrte ich an -<lb/>dem andern
Ende des Saales Clamor mit der Tochter<lb/>des Hauses in eifrigem
Gespräch.<lb/>Es war, bald nachdem ich mit Leonhard näher<lb/>bekannt
geworden war, einmal zwischen uns die Rede<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0136_129.tif" n="135"/>
<p>9<lb/>auf meine Heimat gekommen, und ich hatte dabei er-<lb/>fahren, daß
Clamor im Wollmann'schen Hause viel<lb/>verkehrte. Ich hatte mich damals
sofort der Aeußerungen<lb/>erinnert, welche er und der Graf über die
Familie<lb/>und die Tochter des Kommerzienraths gethan hatten,<lb/>und mich
bei manchem Anlasse wieder daran erinnert;<lb/>aber ich war Clamor in dem
Wollmann'schen Hause<lb/>noch niemals begegnet, und ihm überhaupt nicht
wieder<lb/>persönlich nahe gekommen seit dem Tage, da er mir<lb/>das
Geldgeschenk gemacht hatte. Nur an mir vorüber-<lb/>reiten oder mit Anderen
an mir vorübergehen hatte<lb/>ich ihn bisweilen gesehen; und Cäcilie,
Leonhard's<lb/>einzige Schwester, hatte mit mir sehr oft von ihm
ge-<lb/>sprochen. Sie hatte ihn gerühmt, hatte mich nach<lb/>seinen Eltern
gefragt, mich von seiner Schwester er-<lb/>zählen machen, und ich hatte aus
ihren Reden mir<lb/>entnehmen können, daß er zu ihren Verehrern
und<lb/>Günstlingen gehöre.<lb/>Sie sah sehr schön aus an dem Abende, mit
den<lb/>dunkelrothen Granaten in den schwarzen Locken, wie<lb/>sie die
leuchtenden Augen gegen den hochgewachsenen<lb/>Elamor mit freudigem
Aufschlag in die Höhe hob.<lb/>A?I ?? -- ======-=-<lb/>9<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0137_130.tif" n="136"/>
<p>18O<lb/>nickte sie mir wie einem alten Bekannten freundlich<lb/>zu, und
während ich mich ihren Eltern vorzustellen<lb/>ging, sah ich an ihren und
Clamor's mich begleitenden<lb/>Blicken, daß von mir die Rede sein
mußte.<lb/>Es war nicht ohne Zagen; daß ich mich ihnen<lb/>endlich nahte,
denn das Selbstgefühl, welches man<lb/>innerlich mit seinem Können und mit
seinen Erfolgen<lb/>gewinnt, setzt sich bei uns in Armuth und
Niedrigkeit<lb/>Geborenen, nicht g leich in die geprägte baare Münze<lb/>des
gesellschaftlichen freien Empfindensund unbefangenen<lb/>Gebahrens um. Ich
wußte es also der liebenswürdigen<lb/>Cäeilie herzlich Dank, daß sie mir so
freundlich die<lb/>Hand entgegenreichte, daß sie mich mit ihrer
Anrede<lb/>der Nothwendigkeit enthob, das erste Wort zu suchen.<lb/>,Wir
hatten eben von Ihnen gesprochen, als Sie<lb/>eintraten,! sagte sie. ,Graf
Berkow hat mir und dem<lb/>Herrn von Marville erzählt, daß er heute bei
Ihnen<lb/>ein sehr hübsches Bild von Fräulein von Marville ge-<lb/>sehen,
welches Sie aus der Erinnerung für deren<lb/>Eltern zum silbernen
Hochzeitsgeschenk gemalt haben.<lb/>Er hat es uns so reizend beschrieben,
daß ich es durch-<lb/>aus sehen muß, ehe Sie es absenden.?<lb/>Ich
entgegnete, daß es noch nicht fertig sei, daß<lb/>es bis Mittsommer in
meinen Händen bleiben und ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0138_131.tif" n="137"/>
<p>u1<lb/>mich sehr geehrt fühlen würde, wenn sie kommen wolle,<lb/>es
anzusehen.<lb/>, Gewiß will ich das! Ich komme mit meinem<lb/>Bruder zu
Ihnen, sobald Sie es vollendet haben.<lb/>, Und Sie haben nichts dagegen,!
fiel Clamor<lb/>gegen Cäcilie gewendet ein, ,wenn ich Sie dann
be-<lb/>gleitek-<lb/>,So lange wollen Sie warten? Das ist sehr<lb/>galant
für mich und sehr ungalant und sehr geduldig<lb/>gegenüber Ihrer Schwester!'
scherzte Cäeilie. ,Aber<lb/>so sind unsere Herren Brüder sammt und
sonders.<lb/>Hätte Ihnen der Graf erzählt, Kronau habe aus der<lb/>Phantasie
ein entzückendes Kinderbildchen irgend einer<lb/>Sängerin oder Tänzerin
gemacht-<lb/>,Oder das Ihre!' fiel Clamor ihr in's Wort.<lb/>,Still!' rief
Cäcilie, , mit einem so billigen In-<lb/>termezzo kaufen Sie sich von meiner
Strafpredigt<lb/>nicht los. Sie Alle sind neugierig wie die
neugierigste<lb/>Frau, wenn es sich um eine Ihrer
bewunderten<lb/>Bühnenheldinnen handelt; und von einer
wahrhaft<lb/>stoischen Gelassenheit gegenüber uns anderen
Frauen-<lb/>zimmern.!<lb/>, Und das sagen Sie? Sie mir? rief Clamor<lb/>g
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0139_132.tif" n="138"/>
<p>18<lb/>mit einer Wärme, die wahrer klang, als der scherzende<lb/>Ton der
Unterhaltung es erwarten ließ, so daß Cäcilie<lb/>roth wurde, und Clamor,
als sei er über sich selbst<lb/>verwundert, sich zu mir kehrte.<lb/>,Ich
erfuhr hier erst,! sagte er, , daß Sie eben-<lb/>so wie Fräulein Wollmann's
Bruder um den Preis<lb/>für Rom konkurriren. So kommen Sie, wenn
Sie<lb/>Glück haben, vielleicht noch eher in die Welt als ich.!<lb/>Mir fiel
eine schwere Last vom Herzen. Ich hatte<lb/>gefürchtet, Clamor könne mich
auch heute noch wie in -<lb/>des Grafen Zimmer und in dem Kasernenhofe
mit<lb/>,Dur! anreden, und mir überlegt, ob und wie ich das<lb/>hinzunehmen
habe.<lb/>,Sie haben aber in Ihrer Kindheit schon ein<lb/>Stück Welt
gesehen, Herr von Marville,! entgegnete<lb/>ich, ,als ich noch in Ihres
Herrn Vaters Hof und in<lb/>Holzschuhen umherlief.?<lb/>Ich wollte ihm
zeigen, daß ich mich meines Her-<lb/>kommens nicht schämte, und nicht
verlangte, es von,<lb/>ihm, nun er mich behandelte, wie es sich
gebührte,<lb/>vergessen zu sehen. Das schien ihm zu gefallen, und<lb/>mehr
noch, als Cäcilie hinzusetzte:<lb/>, Helmar hat uns oft erzählt, daß Sie in
Ihrer<lb/>Jugend ein schlimmer Kamerad gewesen wären, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0140_133.tif" n="139"/>
<p>188<lb/>- ihn tüchtig gedrillt und durchgefuchtelt hätten beim
-<lb/>Soldatenspiel. Es sei ihm später aber doch zugut ge-<lb/>kommen. Er
habe im Schlosse und von Ihnen gehen<lb/>und stehen gelernt, und, wie Figura
lehrt, so elegant-<lb/>als Einer!''<lb/>Wir waren durch Cäciliens
Anwesenheit und Ge-<lb/>schick in den Ton eines bequemen Scherzes
hinein-<lb/>gerathen, und Clamor hatte unverkennbar Lust daran, -<lb/>da es
dem von ihm bewunderten Mädchen so gefiel.<lb/>Mich aber trieb es, den
Grafen aufzusggen, um nun,<lb/><lb/>? : =a?<lb/>raschem Unbedacht um so mehr
gefehlt zu haben<lb/>glauhte, da ich ihm thatsächlich eine Unwahrheit
ge-<lb/>sagt; denn ich hatte, wie erwähnt, bis dahin nicht
im<lb/>Entferntesten daran gedacht, das Bild meiner Beschützerin<lb/>zu
schenken.<lb/>Als ich ihn in einem der Nebenzimmer traf, -<lb/>brachte ich
ihm meine Sache ohne Weiteres vor. Ich<lb/>sagte, wie ich mir einen Vorwurf
daraus gemacht<lb/>habe, seinem Verlaggen nicht sofort nachgegeben
zu<lb/>haben. Ich bat ihn deshalb um die Erlaubniß, so-<lb/>gleich eine
Kopie des Bildes für ihn in Angriff<lb/>nehmen, und sie ihm als ein Zeichen
verehren zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0141_134.tif" n="140"/>
<p>18s<lb/>dürfen, wie lebhaft ich seine andauernde Güte für
mich,<lb/>empfände.<lb/>Der Graf dankte mir für meinen guten
Willen.<lb/>,Ich habe an demselben und an Ihrer Anhäng-<lb/>lichkeit für
mich nie gezweifelt, ! entgegnete er mir,<lb/>,aber die Kopie lassen Sie
für's Erste unterwegs. Es<lb/>ist dem Maler wohl erlaubt, Köpfe, die sich
ihm auf<lb/>irgend eine Weise fest und Feutlich eingeprägt haben,<lb/>für
seine Zwecke zu benützen, natürlich in einer Weise,<lb/>die dem Origgale
nicht zu nahe tritt. Es wird ja<lb/>auch kelüaHfAüdigen Manne einfallen,
ohne alle<lb/>Berechtigung gne Diite von Stand in einer ihr
nicht<lb/>angemessenen Gestalt oder Situation darzustellen. Daß<lb/>Sie, mit
glücklichem Gedächtniß und mit sicherer Hand<lb/>begaht, Fräulein von
Marville für deren Eltern zum<lb/>Angebinde malen, ist hübsch, und in der
Ordnung.<lb/>Daß ich Beschlag auf das Porträt meiner jungen
An-<lb/>verwandten legen wollte, war eine Nebereilung. Ich<lb/>hatte
anzufragen, ob ihre Eltern mir den Besiz eines<lb/>solchen Bildes gönnen
würden. Sie, lieber Freund,<lb/>haben aber noch weit weniger das Recht, Sie
haben<lb/>durchaus kein Recht,! bemerkte er scharf und
bestimmt,<lb/>,Fräulein von Marville's Bld für mich oder für wen<lb/>sonst
es immer sei, zu malen.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0142_135.tif" n="141"/>
<p>18B<lb/>Ich war gewohnt, manche mir sehr nöthige Lehre<lb/>und Zurechtweisung
von dem Grafen zu erhalten, und<lb/>hatte sie immer gern empfangen. Er war
zwwölf Jahre<lb/>älter als ich, war mir an Bildung, Rang, Erfahrung<lb/>weit
überlegen, und seine gemessene, freundliche Weise<lb/>machte selbst den
Tadel nicht verletzend. Hier aber,<lb/>wo es sich um ein künstlerisches
Recht handelte, meinte<lb/>ich, besonders weil des zGrafen Ton mir härter
und<lb/>kälter klang als sonst, nicht unbedenklich nachgeben zu<lb/>müssen.
Ich behauptete also, daß Daejeuigg, was der<lb/>ewe pe ee nwoons fggEßaen
aoe<lb/>habe, oas er in feie seväaFF ein Egenes<lb/>gleichsam unwillkürlich
erworben habe, und allerdings<lb/>absichtlich bewahre, ihm auch zu freier
Benutzung für<lb/>seine Zwecke dienen dürfe.<lb/>,Ich dürfte,' sagte ich, ,
wenn ich das Glück ge-<lb/>habt hätte, von Fräulein von Marville ein
Porträt<lb/>zu machen, dieses Porträt vielleicht nicht für mich
ko-<lb/>piren, dürfte auch in diesem Falle den Kopf nicht<lb/>anderweit für
meine Zwecke verwenden, ohne die Er-<lb/>laubniß des Originals dazu erhalten
zu haben; aber<lb/>-<lb/>was ich frei aus mmeiner Seele erzeuge, das,
dünkt<lb/>mich, ist so gewiß meinem freien Schalten preis-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0143_136.tif" n="142"/>
<p>18e<lb/>gegeben, und so gewiß mein eigen, als mein Gedächt-<lb/>niß selber
und mein künstlerisches Vermögen.<lb/><lb/>,Sehr scharffinnig!! meinte der
Rittmeister, ,und<lb/>in der Künstlerwelt vielleicht zu Recht bestehend!
Nur<lb/>vergessen Sie nicht, Lieber, daß die Künstlerwelt nicht<lb/>die Welt
ist, und daß man in den verschiedenen Lebens-<lb/>kreisen verschiedene
Ansichten über das Erlaubte und<lb/>das nicht Erlaubte hat. Was dem Einen
als sein<lb/>Recht erscheint - und vielleicht kein Unrecht ist --<lb/>hält
der Andere für sich nicht erlaubt, nicht schicklich.<lb/>Wenn der Knßler
durch sein Auffassungsvermögen,<lb/>und sein GedgchtnißpVorzüge vor Anderen
besizt, so<lb/>hat er für dieses sein Gedächtniß, das uns und un-<lb/>sere
Erscheinung ohne unsere Zustimmung in Beschlag<lb/>nimmt, mit einer um so
größeren Zurückhaltung ein-<lb/>zustehen. Aber,' setzte er abbrechend rasch
hinzu, ,das<lb/>ist zulezt Ihre Sache! Was mich betrifft, so habe
ich<lb/>Ihnen gleich heute früh gesagt, daß ich nicht daran<lb/>i<lb/>denken
darf, mich in den Besiz dieses Bildes oder j<lb/>seiner Kopie zu setzen ohne
die Zustimmung der be-<lb/>treffenden Personen; und vor dem Mittsommertage
kann j<lb/>davon ja nicht die Rede sein, obschon ich bald einmal -<lb/>nach
Hause, und nach Waldritten zu gehen veranlaßt<lb/>sein werde.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0144_137.tif" n="143"/>
<p><lb/>Er sprach darauf mit mir von anderen Dingen,<lb/>so wie sonst. Es kam
mir aber vor, als sei er nicht<lb/>mit mir zufrieden, und da ich nachher
tanzte, und er<lb/>sich frühzeitig entfernte, sah ich ihn nicht
wieder.<lb/>Dafür traf ich mit Clamor zu verschiedenen Malen zu-<lb/>sammen,
und er benahm fich gegen mich, als hätte er<lb/>die Rolle mit dem Grafen
ausgetauscht, als habe er<lb/>plötzlich den Abstand vergessen, der meine
Herkunft<lb/>von der seinen trennte. Er zeigte sich leichter in
seinen'<lb/>Umgangsformen, er sah dadurch freier und schöner<lb/>aus, als
mit dem Ausdruck von Hoäßmuth, den er<lb/>sonst zur Schau zu tragen liebte;
und wie ich ihn<lb/>darauf näher beobachtete, und seinem Thun und
Treiben<lb/>folgte, mußte ich mir es sagen, daß er Cäcilien auf-<lb/>fallend
huldige, daß sein Hängen an ihren Augen seine<lb/>Verliebtheit in sie
verrieth.-<lb/>Schön sahen sie neben einander aus, der große,<lb/>prächtige
Mensch in der knäppen Uniform, mit seines<lb/>Vaters von jenseits des
Rheines stammendem schwarzen<lb/>Lockenkopf, und mit den stolz geschwungenen
Lippen<lb/>und Brauen des alten Waldern'schen Geschlechtes; und<lb/>daneben
die reizende Cäcilie, ihres glücklichen Bruders.<lb/>oft benütztes Vorbild.
Aber Clamor von Wäldern-<lb/>Marville, und ein Judenmädchen! und wäre es
auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0145_138.tif" n="144"/>
<p>18<lb/>die Tochter eines so angesehenen Hauses, wie das der ?<lb/>Wollmann's,
das war ja ganz unmöglic.<lb/>Während ich das dachte, flogen Clamor und
Cä<lb/>cilie an mir vorüber. Er hielt sie nahe an sich<lb/>gepreßt, sie
hingen Blick an Blick, ihr Mund lächelte<lb/>zu den Worten, die ihr Ohr von
seinen Lippen nah be-<lb/>rührten. -- Wenn sie ihn liebte! Wenn er
übermüthig I<lb/>sein Spiel mit ihr trieb!- Sie kannte seinen Hoch-
--<lb/>muth nicht, nicht die Absichten und Wünsche des<lb/>Generals. Ich
erinnerte mich, wie der Diener einmal<lb/>gesagt, als wir noch Alle Kinder
waren: , Seit wir<lb/>hier im Schlofse find, wo die beiden alten
Wappen<lb/>in Stein ausgehauen über dem Portal prangen, denkt<lb/>der
General nicht mehr daran, von wannen er her-<lb/>kommt; unter Grafen thut er
es einmal mit seinen-<lb/>Kindern nicht.! Und mein Vater hatte das auch
noth- - -<lb/>wendig, und in der Ordnung gefunden; denn bis auf<lb/>den
General war noch kein Tropfen bürgerliches Blut - -<lb/>gekommen in das
Waldern'sche Geschlecht, und der<lb/>General hatte das gutzumachen, wie mein
Vater<lb/>meinte.<lb/>Ich hatte Cäcilie aufrichtig lieb. Ihrer
Warm-<lb/>herzigkeit, ihrer gutmüthigen und klugen Offenheit,<lb/>ihrem
Geschick, die Menschen, welche sie umgaben, zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0146_139.tif" n="145"/>
<p>189<lb/>brauchen, und sie ihren guten Absichten dienstbar zu<lb/>machen,
dankte ich meine ganze gesellschaftliche Er-<lb/>ziehung und mein
Vorwärtskommen in der Gesellschaft.<lb/>Ich wußte, daß ich an ihr und an
ihren Bruder treue<lb/>Freunde hatte, und wenn ich es verhindern konnte,
-<lb/>sollte ihr kein Leid geschehen, auch von Clamor nicht.<lb/>Ich wollte
sie warnen, wollte ihr die Geschichte vou<lb/>den Grafenheirathen wie einen
Scherz erzählen, den<lb/>zu verstehen sie bei ihrer Klugheit nicht
ermangeln<lb/>konnte. Wie ich aber das Wort Grafenheirathen in<lb/>meinem
Innern aussprach, fuhr es mir durch den<lb/>Sinn: der Ritkmeister Berkow ist
ein Graf, ist Ma-<lb/>joratserbe vom ältesten Adel der Ostprovinzen.
Das<lb/>wäre ein Mann nach dem Sinne des Generals! Und<lb/>der Graf war
jetzt zum Deftern in Waldritten ge-<lb/>wesen! Er hatte Dora's Bild lebhaft
begehrt! -<lb/>Indeß er war in der zweiten Hälfte der dreißiger<lb/>Jahre,
und Dora - ich fing zu rechnen an-- Dora<lb/>hatte ihr achtzehntes Jahr noch
nicht vollendet. Ich -<lb/>hatte fast acht Jahre vor ihr voraus. Der
Graf<lb/>konnte ihr Vater sein. Dora war ja noch ein halbes<lb/>Kind.
Endlich aber, was kümmerte es mich?<lb/>Es kümmerte mich nicht! es ging mich
gar nichts<lb/>an? Und der Graf? Wo gab es einen besseren,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0147_140.tif" n="146"/>
<p>1<lb/>würdigeren Mann als ihn? =- Nur Cäcilie wollte<lb/>und mußte ich
warnen, das stand fest. Aber ich kam<lb/>den ganzen Abend nicht an sie
heran, Clamor wich<lb/>nicht von ihrer Seite. Ich mußte mich endlich
von<lb/>ihr verabschieden, ohne sie noch allein gesprochen
zu<lb/>haben.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0148_141.tif" n="147"/>
<p>,wölfles Fapiles.<lb/>vFsFaaaBDa<lb/>Einige Tage später kam Cäclliens Bruder
zu mir<lb/>in das Atelier. Wir waren seit jenem Abende in<lb/>seinem
Vaterhause nicht zusammen gewesen, und in<lb/>meine Arbeit vertieft, bot ich
ihm den guten Tag,<lb/>ohne mich stören zu lassen.<lb/>Ich hatte im Sommer
bei unseren Streifereien<lb/>einmal eine Dorfschmiede skizzirt, vor der im
Mond-<lb/>schein ein Reiter neben seinem zu beschlagenden Pferde<lb/>stand,
während die Gluth des Feuers in der Schmiede<lb/>ihre rothen Lichter in das
Freie warf, so daß die,<lb/>Doppelbeleuchtung eine hübsche Wirkung machte.
Das<lb/>Bild ist später vielfach verbreitet worden, Sie kennen<lb/>es
vermuthlich, doch will ich es Ihnen hinzeichnen, so<lb/>gut es ohne Farbe
geht. - Und wieder unterbrach-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0149_142.tif" n="148"/>
<p>1sL<lb/>Helmar sein Manuskript mit einer seiner hübschen
Feder-<lb/>zeicnungen.<lb/>,Das wird gut werden!'' sagte Leonhard,
nachdem<lb/>er, auf dem wackelnden Tische sitzend, das Bild mit<lb/>seinen
klugen Augen eine Weile angesehen hatte. ,Das I<lb/>wird ganz gut! Nur über
die Vorderfüße des Pferdes<lb/>müßte etwas mehr von dem rothen Streiflicht
aus der<lb/>Schmiede fallen, denn die verschwinden von den Knieen
-<lb/>abwärts zu sehr im Dunkeln, in das Nichts. Aber<lb/>wende Dich
gefälligst um, kniee nieder, und bete mich<lb/>an l'! =<lb/>Unwillkürlich
drehte ich den Kopf nach ihm hin,<lb/>und mußte über die Stellung dieses
immer fröhlichen<lb/>Genossen lachen. Er hatte sich weit nach vorn
hin-<lb/>übergebeugt und hielt mit süßlichem Lächeln einen<lb/>Flederwisch
in der Hand, mit dem er nach mir hin-<lb/>überwies.<lb/>,Was fällt Dir ein?
fragte ich.<lb/>,Ich bin der Engel der Verkündigung, mein<lb/>Holder, und
bringe Dir frohe Botschaft. Falte Deine<lb/>gläubigen Hände, danke dem
Schöpfer, der Dir Dein<lb/>gebenedeites Talent gegeben hat, und dann sinke
an<lb/>meine Brust. Wir gehen zusammen nach Ron!?<lb/>,Nach Rom?!
wiederholte ich, während ich die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0150_143.tif" n="149"/>
<p>1<lb/>Hoffnung nicht aufkommen lassen wollte, die sich mir<lb/>im Herzen
regte.<lb/>,Nach Ronf bestätigte er.,Deine zwwei Jahre<lb/>in der Kaserne
haben Dir wohl gedient. Die heilige<lb/>Jury mit ihrem dummen, akademischen
Preise hat wohl-<lb/>gefällig gelächelt über Deine nackten Horatier
und<lb/>Euriatier. Du bist ihr Mann, und wirst hoffentlich<lb/>solch'
abgedroschenes, bockledernes Motiv in Deinem<lb/>Leben nie wieder
malen.!<lb/>,Aber wie meinst Du das? Die Prämiirung ist<lb/>noch lange hin,
und die Jury ist geheinnißvoll!'' wen-<lb/>dete ich mit wachsender Erregung
ein.<lb/>, Geheimnifse dringen wie der Sonnenschein durch<lb/>die Spalten
der geschlossenen Thüren und fallen wie<lb/>die Strahlen des
Verkündigungsengels lang' vor der<lb/>rechten Stunde auf den rechten Fleck,
so daß Du schon<lb/>in herrlicher Verklärung vor mir glänzest.!<lb/>,Laß die
Possen, Leonhard! rief ich, ,was hast<lb/>Du gehört, was weißt
Du?<lb/>,Nichts, nichts! Cäcilie hat mir Schweigen auf-<lb/>erlegt. Sie
besteht darauf, es Dir zu sagen.!<lb/>,Daß ich den Preis erhalte?- fragte
ich.<lb/>,Ja, ja! Da Du es nun ohne meine Schuld<lb/>einmal doch erfahren
hast!'' meinte er scherzend. ,Der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0151_144.tif" n="150"/>
<p>1s<lb/>Direktor selber hat es ihr mit dem Zusatze vertraut,<lb/>es sei von
einer Wahl die Rede nicht, wo eine Arbeit<lb/>alle anderen so entschieden
übertreffe. Sie erwarten<lb/>von Dir Wunder, die Du nie leisten wirst, denn
das<lb/>historische Bild ist nicht Dein Fach. Der zusammen-<lb/>gekauerte
Schmiedejunge, und der kläffende Hund sind<lb/>zehnmal mehr werth, als Deine
hochbehelmten, breit--<lb/>gespreiztenRömer, die ihreAhnen in jedem Aktsaal
haben.<lb/>, Und Du gönnst mir den Erfolg? fragte ich.<lb/>,Was ist denn da
zu gönnen? oder was soll mir<lb/>an dem Urtheil dieser zopfigen Rhadamanthe
gelegen<lb/>sein? Mein Vater wollte, ich sollte konkurriren, nicht<lb/>um
das Stipendium, denn das zu nehmen, hätte ich<lb/>ja nicht denken können,
sondern wahrscheinlich um meine<lb/>hochgehenden Wellen durch eine
Niederlage in etwas<lb/>abzudämpfen. Diesen Erfolg hat er durch meinen
aka-<lb/>demischen Mißerfolg im Geringsten nicht erreicht, ob-<lb/>schon ich
ihm seinen Willen gethan habe. Die Haupt-<lb/>sache aber ist -- wir gehen
sofort nach Rom, sobald<lb/>Du und ich mit den Arbeiten fertig sind, die wir
unter<lb/>den Händen haben.<lb/>,Für's Erste habe ich weder den Preis noch
das<lb/>Geld!'' wendete ich ein im zaghaften Unglauben an
die<lb/>Möglichkeit des Glücks.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0152_145.tif" n="151"/>
<p>145<lb/>,Den Preis hast Du, und das Geld habe ich.<lb/>Ich schieße es Dir
vor, und Du kommst auf die Weise<lb/>ein halbes Jahr früher an Dein
Ziel!?<lb/>Ich reichte dem immer gutwilligen, treuen Leon-<lb/>hard die
Hand; aber wie es mich auch lockte, mich<lb/>mit ihm gemeinsam je eher je
lieber auf den Weg zu<lb/>machen, konnte ich die Aufforderung meiner
Wohl-<lb/>thäterin nicht vergessen.<lb/>,Ich muß nach Waldritten, sagte ich,
,ich habe<lb/>den General, und seine Frau dort zu malen, und
wahr-<lb/>scheinlich die Tochter auch. Im Frühjahr kann ich<lb/>noch an
keine Reise denken. Vor dem Herbste komm<lb/>ich nicht
fort.?<lb/>,Waldritten? Das scheint dies Jahr zum Wall-<lb/>fahrtsort
ersehen zu sein! scherzte Leonhard. ,Will<lb/>denn alle Welt jetzt mit einem
Mal dorthin? Du und<lb/>Graf Berkow, und Clamor auch. Am Ende komme<lb/>ich
noch selber mit, wie Clamor mir's in diesen Tagen<lb/>vorschlug.!<lb/>Ich
fragte, wann er ihn gesehen habe.<lb/>Leonhard entgegnete: ,Erst
gestern!'?=- Clamor<lb/>komme ja häufig in sein Vaterhaus, und sie hätten
ihn<lb/>Alle gern.<lb/>Ganny Lewald. Helmar.<lb/>1-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0153_146.tif" n="152"/>
<p>16<lb/>, Er macht Deiner Schwester jehr den Hof,<lb/>sagte ich.<lb/>,Sehr!'
entgegnete Leonhard mit Lachen, zund<lb/>es macht mir den größten Spaß, zu
sehen, wie sie<lb/>diesen aristokratischen Sperber zahm bekommen
hat.<lb/>Als er zuerst in's Haus kam, kreiste er hoch über un-<lb/>seren
Häuptern in der blauen Luft des reinen Blutes,<lb/>als ob sein Vater nicht
ehrlich hier in der Brüder-<lb/>straße sein bürgerliches Nest gehabt hätte.
Nnr jezu-<lb/>weilen, und auf kurze Zeit ließ er sich in unseren
Be-<lb/>reichen nieder. Jetzt!??-- Leonhard lachte wieder hell<lb/>auf. -
,Nun, Du hast gesehen, er pickt Cäcilien ge-<lb/>horsam, wie ihr Pollo, was
sie ihm hinreicht, aus der<lb/>Hand, und flattert sehr vergnüüglich, wenn
sie ihm das<lb/>Zuckerbrod ihrer guten Lehren, das ihm oft schwer<lb/>genug
hinuntergehen mag, mit einem Lächeln in den<lb/>Mund steckt.<lb/>,Er war
gegen mich von einer Zutraulichkeit, die<lb/>mich in Verwunderung setzte!'
bemerkte ich.<lb/>,Ja, Cäcilie reformirt ihn gründlich, und er
ist<lb/>gelehrig. Wie sollte er auch nicht?<lb/>,Glaubst Du, daß er ihr
gleichgültig ist?<lb/>fragte ich.<lb/>,Durchaus nicht. Er gefällt ihr sehr!
Sie sind<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0154_147.tif" n="153"/>
<p>1?<lb/>Beide gescheidt, Beide übermüthig, und voll
Selbst-<lb/>vertrauen.!<lb/>,Aber was soll daraus werden? fiel ich ihm
ein.<lb/>, Ein Paar! wenn sie so fortgehen, wenn es ernst-<lb/>haft wird,
und wenn sie's wollen. Wo nicht, ein In-<lb/>termezzo mehr in dem Regisiex
von Cäciliens Phan-<lb/>tasieen und Eroberungen.!<lb/>, Und wenn durch die
aristokratischen Neigungen<lb/>von Clamor's Vater für Deine Schwester ein
Schmerz<lb/>aus diesem Spiel erwüchse??<lb/>,Mondbewohner!
Mondscheinschwärmer!r lachte<lb/>Leonhard. ,Mädchen, wie meine kluge
Schwester<lb/>sterben nicht an Liebesleid. Und aristokratische Vor-
-<lb/>urtheile?-- Er zuckte die Schultern.- ,Die Welt<lb/>sieht bei uns in
den großen Städten anders als bei -<lb/>Euch auf dem Lande aus. Mach' Dir
keine Sorge.-<lb/>Wir gehen nach Waldritten und nach Rom!
Cäcilie-<lb/>behauptet, es sei eine Heirath im Werke zwischen<lb/>Berkow und
der Schwester Clamor's, aber darin irrt<lb/>sie, wie ich glaube. Der Graf
ist seit langen Jahren<lb/>mit einer Frau von Stande enfilirt, die ihn
schwerlich<lb/>freigiebt.<lb/>Ich hatte nie ein Wort davon gehört. Ich
war<lb/>ein guter, unschuldiger Junge. Derlei hatte ich
meinem<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0155_148.tif" n="154"/>
<p>gg<lb/>148<lb/>Beschützer, dem Grafen Berkow, in dem ich das Vor-<lb/>bild
aller Tugend und Ehrenhaftigkeit verehrte, nicht<lb/>zugetraut.<lb/>, Einen
Liebeshandel mit einer verheiratheten<lb/>Dame?! fragte ich
zwweifelnd.<lb/>,Natürlich! sonst würde ja der Handel nicht so<lb/>lange
dauern, würde er längst auf die eine oder die<lb/>andere Art zu Ende
gekommen sein. Aber vielleicht<lb/>wünscht er sich zu verheirathen, um die
Kette zu brechen,<lb/>was, wie uns das Scribe'sche Lustspiel lehrt,
nichts<lb/>weniger als leicht ist. ?<lb/>, Und dazu,'! fragte ich, ,soll
Clamor's Schwester<lb/>ihm das Mittel sein?<lb/>,Weshalb nicht? meinte
Leonhard. ,Der Graf<lb/>ist kein Mann, der etwas halb thut. Reißt er
sich<lb/>dorten los, so kommt er ganz und ehrlich zu der neuen<lb/>Wahl, zu
seiner jungen Frau, und - sicherlich sehr.<lb/>gut geschult. Man lernt
fügsam und liebenswürdig-<lb/>sein in den Händen einer älteren, einer
schönen, und -<lb/>koketten Frau.!<lb/>,Für Fräulein von Marville ist aber
der Graf<lb/>doch viel zu alt!' bemerkte ich, um mich zu überreden,-<lb/>daß
an eine Heirath Dora's mit dem Grafen nicht zu-<lb/>denken sei.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0156_149.tif" n="155"/>
<p>19<lb/>,Zu alt? Der Graf zu alt? Frage doch die<lb/>jüngsten Mädchen, wie sie
den Grafen finden! Sie<lb/>sind ja durch die Bank von seiner
Liebenswürdigkeit<lb/>entzückt, und seines Lobes voll. Der Gräf steht
zum<lb/>Major, und würde, wie ich neulich hörte, der jüngste<lb/>Major sein
in den Garden. Er ist just alt geng,<lb/>sich eine sehr junge Frau zu
wünschen, und jung<lb/>genug, sie zu bekommen, wenn er's will. =- Nun
aber<lb/>vorwärts, und hinaus! Was geht's uns an! Komm'<lb/>und verrathe
Cäeilien nicht, daß ich in meiner Freude<lb/>aus der Schule schwatzte.
Verdirb ihr nicht den<lb/>Spaß!-<lb/>Der Kopf ging mir in die Runde. Ich!
ich sollte<lb/>nach Rom, und Dora sollte den Grafen heirathen, um<lb/>ihn
aus einer Verbindung zu befreien, die ihm drückend<lb/>geworden war! =- Das
war auf einmal gar zu viel!<lb/>Ich bewunderte den Freund, der Alles, aber
auch Alles<lb/>so gelassen hinnahm, den Nichts kränkte, und
Nichts<lb/>reizte. Indeß ich kam mir besser vor als er.<lb/>--<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0157_150.tif" n="156"/>
<p>reisehnles Fapilel.<lb/>Was Glück sei, das glaubte ich damals in
seinem<lb/>vollsten Maße zu erkennen. Wohin ich mich wendete,<lb/>lachte mir
das Leben, und mit dem Erfolge wuchsen<lb/>mir das Streben und die Kraft.
Fch bin heute noch<lb/>kein fauler Knecht. Aber wenn ich denke, was
und<lb/>wie ich in jener Zeit gearbeitet habe, bekomme ich<lb/>Wohlgefallen
an mir, und Respekt vor dem festen<lb/>Wollen eines ordentlichen Menschen;
denn der war ich,<lb/>und gottlob! der bin ich, wie ich mir bewußt
bin,<lb/>auch geblieben.<lb/>Meines Reisestipendiums sicher, lebte ich ohne
-<lb/>Sorge, denn meine Schmiede fand rasch einen Käufer.<lb/>In der
Wollmann'schen Familie hielt man mich wie<lb/>ein Kind vom Hause, und ich
und Clamor waren nicht<lb/>die Einzigen, welche durch die hohe Bildung
jener-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0158_151.tif" n="157"/>
<p>1s<lb/>trefflichen Menschen gefördert und auf den rechten Weg<lb/>gewiesen
und festgehalten wurden.<lb/>Damals, als die Juden weder staatlich noch
ge-<lb/>sellschaftlich so gleichberechtigt waren, als sie es nach-<lb/>dem
geworden sind, fanden sich immer einzelne Familien,<lb/>die für sich
persönlich die gesellschaftliche Gleichstellung<lb/>durch ihren persönlichen
Werth errungen hatten, und<lb/>sie mit würdigem Selbstgefühl nach jeder
Richtung zu<lb/>vertreten wußten. Im Hause des Kommerzienraths<lb/>machte
ich meine ersten bedeutenden und mir nützlichen<lb/>Bekanntschaften; und
mehr als das, ich lernte in den<lb/>Kreise dieser begeisterten Verehrer
alles Großen und<lb/>Schönen, unsere klassische Literatur, ich lernte
Goethe's<lb/>Werke anders kennen als bis dahin. Und wie ich
die<lb/>Meisterwerke der Musik in ihrem Hause zuerst zu<lb/>hören bekam, so
war es auch wieder der Vater Leon-<lb/>hard's, dessen gelegentliche
Aussprüche mir maßgebend<lb/>für meine Lebensführung wurden. Von ihm hörte
ich<lb/>zuerst das bedeutsame: Zeit ist Geld und Geld ist<lb/>Macht! Fhn
hörte ich einmal sagen: Einen verlorenen,<lb/>Thaler findet oder erwirbt man
wieder; eine verlorene<lb/>Stunde und der verpaßte Augenblick sind
unersetzlich!<lb/>Und ich habe mir das oft mit großem Nutzen
vorzu--<lb/>halten, die Veranlassung gehabt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0159_152.tif" n="158"/>
<p>15<lb/>Mit der großen Auswanderung nach Waldritten,<lb/>von welcher Leonhard
gesprochen hatte, ward es aber<lb/>für das Erste nichts. Nur der Graf,
welcher in dieser<lb/>Zeit sein Maforspatent erhalten hatte, ging
nach<lb/>Preußen, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt zurück. -<lb/><lb/>Von
Clamor aber hörte ich, daß er für seinen Theil<lb/>keinen Urlaub begehren
könne, da er ihn im Sommer<lb/>für die Silberhochzeit seiner Eltern fordern
wolle,<lb/>bei welcher Gelegenheit denn auch der Graf ein
paar<lb/><lb/><lb/>, s<lb/>dritten zu verweilen denke. So konnte also von
einer -<lb/>Wochen in Preußen bei seinem Vater und in Wal-<lb/>Reise
Leonhard's die Rede gar nicht sein, und als -<lb/>das Osterfest herankam,
war ich der Einzige, der sich- ;<lb/>auf den Weg nach Norden
machte.<lb/>Eine Eisenbahn nach Preußen gah es damals --<lb/>nicht. Man sah
die Schnellpost noch als eine Errungen-- -<lb/>schaft an, und ich hatte Zeit
zum Nachdenken geng-<lb/>während der achtundvierzig Stunden, welche man
-«<lb/>brauchte, von Berlin nach Königsberg zu kommen, wo -<lb/>, mir bei
dem Erzieher Clamor's, dem inzwischen zum --<lb/>Professor ernannten Doktor
Müller, ein Unterkommen -'?<lb/>und eine freundliche Aufnahme bereitet
waren. Wie --<lb/>ich mich einst an seinem Emporkommen aus Niedrigkeit
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0160_153.tif" n="159"/>
<p>158<lb/>ermuthigt hatte, so freuten er und der Direktor der<lb/>Kunstschule
sich jetzt an dem meinen.<lb/>Es war ein köstliches Gefühl, mit welchen ich
durch<lb/>die alten, engen, mir so vertrauten Straßen schlenderte,<lb/>in
denen ich, mit unserem Korb voll Farbentöpfen und<lb/>Schablonen auf der
Schulter, an dem und jenem Bilder-<lb/>laden so oft bewundernd
stillgestanden hatte. Ein<lb/>köstliches Gefühl war es, mit welchem ich zu'
meinem<lb/>Meister ging und zu meines Meisters, an den ersten<lb/>Gesellen
verheiratheten, hübschen Tochter. Auch den<lb/>Diener August suchte ich mir
auf. Er betrieb, in einer<lb/>unfern vom Hafen gelegenen Straße eine
Speisewirth-<lb/>schaft. Ihnen Allen ging es wohl. Sie nahmen mich<lb/>Alle
gut auf, ein Jeder von ihnen rühmte sich, zu<lb/>meinem Fortkommen Dies und
Das gethan zu haben.<lb/>Selbst Christel, die nicht mehr blank und lustig,
aber<lb/>noch in des Meisters Hause rüstig und im Dienst war,<lb/>meinte,
sie hätte mir's schön beigebracht, wie Einem<lb/>der Hut stehen müsse, um
den Frauenzimmern zu ge-<lb/>fallen; und die erste Pomade, die ich in mein
Haar<lb/>gebracht, die hätte sie mir gekocht, weil ich ihr gut zur<lb/>Hand
gegangen sei. -- Die Menschen find ja gut und<lb/>hülfreich von Natur und
mögen gern gefördert und<lb/>Anderen geholfen haben. Ich gönnte es ihnen
Allen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0161_154.tif" n="160"/>
<p>154<lb/>freute mich mit Allen. Sie waren wie die einzelnen<lb/>Farben in
meines Lebens heiterem Bild. = Bei<lb/>Allen sollt' ich essen, bei Allen
trinken. Von August.<lb/>der die Müllerstochter aus des Generals Mühle zur
-<lb/>Frau genommen hatte, kam ich auch nicht los.<lb/>,Sehen Sie,! sagte
er, während er sich bequem<lb/>an seinem Tische niederließ und eine Flasche
Bordeaux.<lb/>entkorkte, ,hinter der Herren Stühle steh' ich nun
nicht<lb/>mehr; und diesen Bordeaux bezieh' ich von der Quelle.<lb/>Direkt
von den Schiffen kommt er mir in's Haus.<lb/>Fezt bin ich hier am Hafen und
habe die Kapitäne<lb/>zu Gästen. Kommen Sie in zehn Jahren wieder,
und<lb/>Sie sollen bei mir oben in der Stadt in einem Gast-<lb/>hof wohnen,
wie am Rhein, so wie sie ihn hier zu<lb/>Land noch gar nicht kennen. Ich
habe noch nicht<lb/>mein letztes Wort gesagt; und Sie, denke ich,
auch<lb/>noch nicht. Stoßen Sie mit mir an! Bei uns Preußen<lb/>heißt es wie
beim alten Blücher: Immer vorwärts!<lb/>Immer vorwärts, Herr Kronau! Ich
habe hier in<lb/>meinen Zeitungen schon von Ihnen gelesen und mir<lb/>dann
gesagt: Den hab' ich auch auf den rechten Strich<lb/>und in den Trab
gebracht! Also vorwärts, Herr<lb/>Kronau! Sie und ich !-<lb/>Ich riß mich
nur mit Mühe von so viel gutem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0162_155.tif" n="161"/>
<p>1?<lb/>Willen los, um noch einmal die Post zu besteigen,<lb/>die mich auf der
neugebauten Chaussee bis vor das<lb/>Schloß von Waldritten fahren sollte,
denn der General,<lb/>der mit seiner organisirenden Thätigkeit ein
wghrer<lb/>Wohlthäter des Ortes und seiner Umgebung geworden<lb/>war, hatte
es auch durchgesetzt, daß man Waldritten<lb/>zu einer Poststation gemacht
hatte.<lb/>Während ich aher, das Herz voll seliger Träume,<lb/>meiner Heimat
zufuhr, hatte die Gnädige meinen<lb/>Vater rufen lassen. Er stand noch
strack auf seinen<lb/>langen Beinen und versah noch immer seinen
Dienst,<lb/>obschon er jetzt ein ganzes Ende über sein siebzigstes<lb/>Jahr
hinaus war.<lb/>,Ich habe mit Dir zu reden, Kaspar!? sagte sie,<lb/>,und ich
möchte, daß Du nicht wieder Deinen Kopf<lb/>aufsetztest und widerspenstig
würdest wie damals, als<lb/>wir hierher gezogen sind. Du weißt heut
Nachmittag<lb/>kommt der Helmar.!<lb/>,Ja!! entgegnete er, ,er hat es ja
geschrieben.<lb/>Wir haben's auf ihn eingerichtet.<lb/>,Das ist's eben! fiel
ihm Frau von Marville<lb/>ein, , der Helmar soll im Schlosse wohnen,
nicht<lb/>bei Dir.?<lb/>Der Vater schwieg. Der General hatte ihn zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0163_156.tif" n="162"/>
<p>15e<lb/>seinem siebzigsten Geburtstag auf Lebenslang und so<lb/>lang die
Mutter leben würde, in das ehemalige kleine<lb/>Gärtnerhaus gesetzt und ihm
das ordentlich zurecht-<lb/>machen lassen, während mein Bruder, der nun
der<lb/>erste Brauer war, der Eltern frühere Wohnung für<lb/>sich bekommen
hatte.<lb/>Frau von Marville fragte, weshalb der Vater<lb/>keine Antwort
gäbe.<lb/>,Gnädige Frau !- sagte er, ,die Mutter hat's<lb/>für ihn in der
Hinterstube mit dem besten Zeng zu-<lb/>rechtgemacht, und wenn er nun auch
höher herauf-<lb/>gekommen ist als wir, und was geworden ist,
und<lb/>Verkehr hält mit Herrschaften, die nicht unseresgleichen<lb/>find =-
schlafen wird er wohl noch können, wo sein<lb/>Vater und seine Mutter
schlafen und ihr Eigen haben.!<lb/>,Schlafen freilich! Aber arbeiten kann er
nicht<lb/>bei Euch!<lb/>,Dafür haben ja die gnädige Frau schon
vor<lb/>einigen Tagen ihm die Werkstätte in dem grauei<lb/>Zimmer einrichten
und die Fenster bis über die Hälfte<lb/>dunkel vernageln lassen. Arbeiten
kann er, wo er seine<lb/>Arbeit hat. Aber er müßte ein schlechter Kerl
ge-<lb/>worden sein, wenn er nicht am liebsten schlafen wollte<lb/>unter
seines Vaters Dach. Und, gnädige Frau, ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0164_157.tif" n="163"/>
<p>1ö<lb/>weiß, wie sich's gehört für Einen, der es besser ge-<lb/>wohnt ist als
Unsereiner. Wir haben ihm von unserem<lb/>Gebett gegeben, und ich habe auf
dem lezten Markte<lb/>Waschzeug und was er braucht, gekauft. Er hat,
seit<lb/>er etwas vor sich bringt, redlich sein Theil
hierher-<lb/>geschickt. So ein paar Stück Geschirr und derlei<lb/>waren just
nicht alle Welt.?<lb/>Die Gnädige fuhr sich über die Augen.<lb/>,Nun, alter
braver Eigensinn,'! sagte fie, ,halte<lb/>das. wie Ihr wollt. Du siehst, ich
gebe nach, nun<lb/>thu' Du's auch. Es versteht sich, daß Helmar mit<lb/>uns
lebt und ißt. Du selbst sagst mir, daß er ein recht- --<lb/>schaffener
Mensch ist und seine Schuldigkeit an seinen<lb/>Eltern thut. Glaubst Du, daß
es ihm schmecken, daß<lb/>er mit Ruhe essen wird, wenn er am Tische sitzt
und<lb/>sein alter Vater mit der Serviette hinter ihm steht<lb/>und ihm das
Essen präsentirt??<lb/>,Nein versetzte er, ,das glaube ich nicht;
und<lb/>Fxau Generalin, halten zu Gnaden, das hätte ich auch<lb/>nicht
gethan. Ich hatte schon die Herrschaft bitten<lb/>wollen, es ihm und mir
nicht anzuthun. Aber sehen<lb/>möcht' ich's, mit Verlaub, denn doch! Sehen
möcht'<lb/>ich's mit meinen Augen, wie mein Junge mit
meinen<lb/>Herrschaften zu Tisch sizt. Ich hab's schon abgesprochen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0165_158.tif" n="164"/>
<p>158<lb/>mit dem Friedrich. Ich trage Alles zu und schneide<lb/>auf am
Schenktisch. Ich hab' ihm sein Brot geschnitten,<lb/>bis er fortgekommen ist
von meinem Tisch. Ich werd'<lb/>ihm der Herrschaften Braten aufschneiden an
der Herr-<lb/>schaften Tisch, und der wird ihm glatt heruntergehen,<lb/>wenn
er weiß, daß ich's so will und thue, mit der<lb/>Herrschaften
Vergunst.<lb/>Frau von Marville reichte ihm die Hand.<lb/>,Du bist der
bravste Mensch, der lebt,? sagte fie<lb/>,und der Herr General wird
sicherlich auch nichts da-<lb/>gegen haben, daß ich Dir Deinen Willen
lasse.!<lb/>,Ic glaub's auch nicht!'' sagte der Vater, ,und<lb/>ich danke
der gnädigen Frau. Sehen, gnädige Frau,.<lb/>Jeder so nach seiner Einsicht,
so nach seinem gsnebsat;<lb/>und Jeder an seinem Platz und wo er
hingehört.!<lb/>Er küßte der Herrin die Hand, sie ließ ihn gehen.<lb/>Als er
an der Thüre war, rief sie ihn zurück.<lb/>,Kkaspar!? sagte fie, ,wenn Du
merkst, daß bei<lb/>Euch etwas für ihn fehlt, sag's der Wirthin. Er
soll<lb/>es gut haben bei seinem alten Vater. Ich will die<lb/>Wirthin
anweisen, daß sie Dir giebt, was Du verlangst.<lb/>Er braucht gar nicht zu
wissen, wo es herkommt.!<lb/>,Schön Dank, gnädige Frau, ich habe Alles,
so-<lb/>gar ein Deckchen vor dem Bett =- und schönes weißes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0166_159.tif" n="165"/>
<p>159<lb/>Bettzeug! Ich habe nichts gespart für den langen<lb/>Schlingel. Er
ist ja unser Jüngster, und wir haben<lb/>noch was gut zu machen an ihm. Das
lezte Mal,<lb/>als er hier gewesen ist, sahen wir ihn Alle noch
nicht<lb/>für voll an und ließen ihn das merken.!<lb/>Damit ging er fort,
und das war gegen Mittag.<lb/>Am Nachmittag, als die Post am Hofthor hielt
und<lb/>der Postillon in's Horn stieß, wie ich ihn gebeten<lb/>hatte, stand
der Vater schon am Thor. Ich sprang<lb/>hinunter und fiel ihm um den Hals.
Er faßte mich<lb/>um und küßte mich, und die Thränen liefen ihm aus<lb/>den
Augen.<lb/>,Macht nichts!! sagte er, , das kommt blos vom<lb/>Alter! Gieb
die Sachen her! Vorwärts!? Er schämte<lb/>sich wie immer seiner Rührung; er
hielt sie immer<lb/>noch für einen Luxus, der ihm nicht gebührte. -<lb/>Er
hatte einen Jungen herbeigerufen, dem gab er<lb/>meine Mappen und mein
Malgeräth.<lb/>,Trag' das in's Schloß! - und, rief er dem<lb/>Bruder zu, der
inzwischen auch herbeigekommen war,<lb/>,Du, Fritz, fass' mir den Koffer an,
wir wollen dem<lb/>Maler, dem Herrn Kronau, seine Sachen,!
schmunzelte<lb/>er, ,herübertragen zu der Mutter, denn die läßt es
sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0167_160.tif" n="166"/>
<p>1O<lb/>nicht nehmen; und so ist's abgesprochen mit
der<lb/><lb/>Herrschaft.<lb/>Die helle Freude lachte ihm aus dem guten Ge-
-<lb/>sicht. So hatte ich ihn nie gesehen. Er wollte es<lb/>nicht leiden,
daß ich Hand anlegte an den Koffer.<lb/>,Hab' ich Dich getragen, trag' ich
auch den -'<lb/>Koffer,'' sagte er, obschon der Bruder meinte, er wiege-
!<lb/>seine hundert Pfund. Aber auch der Bruder ließ sich,<lb/>besser als
vordem an; und als ich zur Entschuldigung I<lb/>meines großen Koffers sagte,
wie ich viel Verdienst<lb/>gehabt in letzter Zeit, und für Alt und Jung sich
etwas<lb/>in dem Koffer fände, sah mich der Bruder an, setzte<lb/>den Koffer
nieder, damit der Vater sich ruhen und ich<lb/>für ihn eintreten sollte, und
sagte:<lb/>,Daß aus Dir und all' Deinem Gepinsel doch<lb/>noch was geworden
ist! Der Karl und ich, wir haben's -<lb/>nie geglaubt. Und was er für einen
Sammetrock hat<lb/>und für nen großen Filzhut!''<lb/>Des VatersFreude aber
war und blieb immergrößer<lb/>und auch reiner als der Brüder Freude. Sie
konnten<lb/>innerlich nicht recht verschmerzen, daß sie nicht Maler<lb/>und
nicht Herren waren so wie ich. Sie dachten,<lb/>wäre die gnädige Frau ihre
Pathe gewesen, so wie<lb/>meine, so hätten sie's gezwungen so wie ich.
Aber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0168_161.tif" n="167"/>
<p>11<lb/>sie waren brave Menschen, und sind auf ihre Art auch<lb/>vorwärts und
zurecht gekommen so wie ich.<lb/>Die Eltern wohnten gut. Die kleine Stube,
die<lb/>für mich mit ihren besten Sachen aufgeputzt hatten,<lb/>lag
freundlich nach dem großen Rasenplatz hinaus.<lb/>Die Fliederlaube vor den
beiden Fenstern hatte ihre<lb/>Blätter schon entfaltet, die Festzeit fiel in
dem Jahre<lb/>spät. Es gab, was bei uns zu Lande selten ist,
einmal<lb/>-grüne Ostern.<lb/>Der Kaffee stand auf dem Tisch, Butter,
und<lb/>Honig aus den eigenen Stöcken fehlten nicht; der<lb/>Brüder Frauen
mit ihren Kindern waren in der Stube.<lb/>Die Mutter hatte, wie sie sagte,
vor Verwunderung<lb/>keinen Kopf. Sie kam über ihr: ,Daß das der
Helmar<lb/>ist!'' gar nicht hinweg. Sie nahm immer das Ver-<lb/>kehrte in
die Hand und lachte dann darüber, und als<lb/>ich endlich die paar
Herrlichkeiten, die ich für sie mit<lb/>mir führte, aus dem Koffer zum
Vorschein brachte, da<lb/>sah ich, wie glücklich die Menschen daran sind,
die<lb/>-etwas fortzugeben haben. Alle sprachen durcheinander,<lb/>- Alle
reichten mir die Hände. Nur der Vater saß still<lb/>in seiuem Stuhl und
sagte nichts. Ich sah aber, daß<lb/>er zufrieden war, und war's nun selber
zehnfach. Eine<lb/>»Stunde war vergangen, ehe ich in das Schloß
kam.<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/>- 1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0169_162.tif" n="168"/>
<p>18<lb/>Ich fand meine Wohlthäterin allein in ihrem<lb/>Kabinet. Sie stand
auf, als man mich ihr angemeldet<lb/>hatte, kam mir ein paar Schritte
entgegen, und mit I<lb/>dem Läächeln, das mir wie die Erinnerung an hellen
s<lb/>Sonnenschein in dem Gedächtniß geblieben war, zu ,;<lb/>mir
emporsehend, sagte sie:<lb/>,Willkommen, Helmar ! Bist Du ein
schöner<lb/>Mensch geworden!?<lb/>,Ach, gnädigste Frau! Gnädigste Frau!r -
Das.<lb/>war Alles, was ich vorbringen konnte, während ich.<lb/>ihr ein Mal
um's andere die Hand küßte, die sie mir .<lb/>entgegengereicht hatte. Ich
hatte sie nicht gesehen seit<lb/>der Stunde, da ich als Knabe die Heimat
verlassen.<lb/>Sie merkte, wie sehr ich erschüttert war, sie war<lb/>selbst
gerührt.<lb/>,Beruhige Dich!- sagte sie, ,und danke dem<lb/>Himmel, der Dir
gnädig gewesen ist. Es war eine<lb/>glückliche Stunde, in welcher, Du
geboren worden, und-<lb/>ein glücklicher Tag auch für mein Leben. Möge
die<lb/>Zukunft uns Allen auch ferner gnädig sein.?<lb/>Sie hielt einen
Augenblick inne, dann sagte sie:<lb/>,Und nun komm ! seze Dich her, und
erzähle mir<lb/>von Dir und Deinem Ergehen, und auch von meinem<lb/>Sohne.
Glamor hat mir geschrieben, daß er Dich oft.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0170_163.tif" n="169"/>
<p>188<lb/>e.-<lb/>gesehen habe. Wie geht es ihm? Sieht er gesund<lb/>aus? und
wann sahst Du ihn zuletzt??<lb/>Aber noch ehe ich ihr die Antwort geben
konnte,<lb/>ließ sich Pferdegetrappel vernehmen auf dem Hofe.<lb/>Der
General und Dora ritten die Rampe hinauf, sie<lb/>hielten vor dem Schlosse.
Mit einem Satze war ich<lb/>draußen, und ehe noch der Reitknecht
herangelaufen<lb/>kam, hob ich sie aus dem Sattel, und hielt sie
in<lb/>meinen Armen - einen kurzen Augenblick.<lb/>,Helmar! lieber alter
Tölpel!r rief sie, ,bist Du<lb/>endlich da?-<lb/>,Dora!? tadelte der
General, ,laß die Kinder-<lb/>possen!-<lb/>,Ach, das kann er doch nicht übel
nehmen, lieber<lb/>Vater! - Nicht wahr, das nehmen Sie nicht übel?<lb/>rief
sie. ,Ich hab' mich so gefreut!<lb/>Ich hätte sie küssen mögen für dies
Wort! und<lb/>sie war so schön, so gut, so kindlich froh! Man sah<lb/>es ihr
an, sie war im Sonnenschein der Liebe und<lb/>des Glückes aufgewachsen, ein
Kind an Unschuld in.<lb/>der voll entwickelten jungfräulichen Schönheit.
Was<lb/>war dagegen das kleine Bild, das ich aus der Er-<lb/>innerung
gemacht? Ja, Clamor hatte recht gesagt, sie<lb/>war der Frohsinn selber; der
Frohsinn und die Güte!<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0171_164.tif" n="170"/>
<p>16s<lb/>Es waren goldige Tage, die ersten drei Wochen,<lb/>die ich in dem
Schloß verlebte. Mir fielen oftmals<lb/>die Schlußworte eines kleinen
Gedichtes ein, das ich<lb/>in der Schule als Kind gelernt hatte: , Alles
freuet<lb/>sich, lobt und liebet mich!'? So gut war es mir noch<lb/>nie
geworden in der Heimat.<lb/>Der Vater hatte seinen Willen gehabt, hatte
mich<lb/>an seiner Herrschaften Tisch gesehen, und es dann frei-<lb/>willig
aufgegeben, den täglichen Dienst zu verrichten.<lb/>Den alten Vater sich
mühen zu sehen, während ich in<lb/>bequemer Ruhe tafelte, das hätte ich auch
nicht aus-<lb/>gehalten. Indeß er ließ es sich nicht nehmen,
besonders<lb/>wenn vornehmer Besuch im Schlosse war, gelegentlich<lb/>in der
Thüre zu erscheinen, oder unter irgend einem<lb/>Vorwande durch die Zimmer
zu gehen.<lb/>Wenn ich dann an ihn herantrat, war es immer<lb/>Dora, die als
Dritte sich zu uns gesellte, um einige<lb/>Worte mit meinem guten Vater
auszutauschen, wonach<lb/>er dann heiter und zufrieden seinen Rückzug
antrat,<lb/>um zu Hause zu erzählen, daß ich gerade wie die<lb/>Anderen
wäre, und wie unter meinesgleichen unter all!<lb/>den Herrschaften
verkehrte. Sein redliches Bewußtsein,<lb/>sein Ehrgefühl und seine
Vaterliebe, die waren alle<lb/>aus einem Stück in seiner trefflichen
Natur.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0172_165.tif" n="171"/>
<p>Tierzehnles -uapiles.<lb/>Inzwischen hatte ich gleich nach meiner
Ankunft<lb/>das Bild von Frau von Marville begonnen, und da<lb/>es mir
gelang, auch das des Generals in Angriff nehmen<lb/>müssen; denn wie sehr er
auch auf sich selbst gestellt<lb/>und seiner selbst gewiß war, trug er doch
ein unver-<lb/>kennbares Verlangen darnach, sich als den Ersten
des<lb/>neuen Geschlechtes der Waldern-Marville, der Bilder-<lb/>reihe der
alten, theils gewappneten, theils Perrücken<lb/>und Zöpfe tragenden Herren
von Waldern anzuschließen;<lb/>und er konnte sich in seiner Uniform und
schönen<lb/>Stattlichkeit neben den Ahnen seiner Frau in jedem<lb/>Betrachte
sehr wohl sehen lassen.<lb/>Abwechselnd an den beiden Bildern
arbeitend,<lb/>gingen die Tage im Fluge hin. Meine Arbeit schritt<lb/>rasch
fort und glückte mir. Der General behandelte<lb/>mich sehr rücksichtsvoll,
aber wie einen Fremden. Es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0173_166.tif" n="172"/>
<p>18S<lb/>gefiel ihm, mich auf die wesentlichen Verbesserungen<lb/>aufmerksam
zu machen, die er in dem Lauf der Jahre<lb/>in Waldritten eingeführt, und
durch die er das ziemlich<lb/>vernachlässigte Dorf in einen hübschen,
freundlichen<lb/>Flecken umgewandelt hatte. Er nahm mich in
die<lb/>neugebaute Schule mit, in die Werkstätten der Hand-<lb/>werker, die
er auf und neben dem Gute ansäßig ge-<lb/>macht hatte. Er lobte auch meine
Arbeit, und er ver-<lb/>stand mehr von der Malerei und Kunst, als
seine<lb/>Frau und Tochter. Mehr noch lobte er es, daß ich<lb/>gut zu Pferde
saß, und, wie er es nannte, mir eine<lb/>schickliche Conduite angeeignet
hätte. Aber gerade<lb/>diese Art des Lobes grenzte die Stellung, und
die-<lb/>Entfernung ab, in der er mich zu halten für an-<lb/>gemessen fand,
und die überschreiten zu wollen, mir<lb/>auch nicht in den Sinn kam, um so
weniger, als er<lb/>Frau von Marville in ihrer herzlichen Güte, in
der<lb/>Freude an dem Emporkommen ihres Schützlings
nicht<lb/>beeinträchtigte, und Dora, besonders nachdem ich eine<lb/>Weile in
dem Schlosse gewesen war, in ihrem zutrau-<lb/>lichen Verkehr mit mir ruhig
und ungehindert ge-<lb/>währen ließ.<lb/>Er selber forderte mich regelmäßig
auf, ihn und<lb/>Dora zu begleiten, wenn sie ihren Spazierritt
machten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0174_167.tif" n="173"/>
<p>1se?<lb/>Ich wurde öfters als Vierter mitgenommen, wenn man<lb/>größere
Ausfahrten machte, wurde den Gästen des<lb/>Hauses als ein Gast nnd
Schüzling in freundlichster<lb/>Weise vorgestellt; und wenn der General mich
bis-<lb/>weilen in der Morgenfrühe mit Dora schon im Garten<lb/>antraf, oder
wenn sie einen weiteren Spaziergang mit<lb/>mir allein unternahm, hinderte
er es niemals.<lb/>Einem Anverwandten hätte man nicht mehr Ver-<lb/>trauen
beweisen können, und das ruhige Gleichmaß<lb/>dieses glücklichen
Beisammenseins wiegte mich in einen<lb/>Traum des Friedens ein, an defsen
nothwendiges und<lb/>nicht zu fernes Ende ich allmälig zu denken
verlernte.<lb/>Wenn ich nach anmuthig verbrachtem Tage Abends<lb/>aus dem
Schlosse durch den Garten nach meines Vaters<lb/>Wohnung und zu meiner
kleinen Klause ging, so-<lb/>wendete ich, ehe ich in die niedere Thüre und
den<lb/>kleinen dunklen Flur eintrat, meine Blicke noch einmal -<lb/>nach
den hell erleuchteten Fenstern des Schlofses zurück;<lb/>und zuversichtlich,
wie bei dem Betrachten der Sterne,<lb/>sagte ich mir: ,Auf morgen!<lb/>Ich
hätte damals wirklich von Dora sagen können,<lb/>wie es in dem Liede von den
Sternen heißt:<lb/>,Die Sterne, die begehrt man nicht,<lb/>Man freut sich
ihrer Pracht!r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0175_168.tif" n="174"/>
<p>168<lb/>An jedem Morgen erfreute ich mich an Dora's<lb/>Schönheit auf das
Neue, an jedem Morgen machte<lb/>ihr erster freundlicher Gruß mich fröhlich
für den<lb/>ganzen Tag, und wie das Sonnenlict uns oft uner-<lb/>wartet
einzelne Punkte unserer Umgebung zauberisch<lb/>erhellt, so rief oft ein
einzelnes Wort von ihr, plötzlich<lb/>Erinnerungen in mir wach, um sie mit
unvergänglichem,<lb/>Lichte für immer in meiner Seele zu beleuchten.
So<lb/>wunschlos in sich selbst begnügt müssen die Seligen im<lb/>Paradiese
sein, wenn ein solches irgendwo vorhanden ist.<lb/>Die beiden großen Bilder
waren sehr rasch unter-<lb/>malt, und ich hatte auch Dora's Brustbild zu
malen<lb/>begonnen. Für den General hatte sich die Uniform<lb/>und eine zu
ihr pafsende Umgebung von selbst geboten.<lb/>Für Frau von Marville hatte
man mir die Wahl der<lb/>Kleidung freigegeben. Ich hatte sie also derart
ge-<lb/>wählt, daß sie, ohne sich zu sehr von der augenblick-<lb/>lichen
Mode zu entfernen, sich dauernd neben dem in<lb/>voller Uniform gemalten
General behaupten konnte.<lb/>Für Dora hingegen bestimmte die Mutter
einen<lb/>Anzug, der mir unvortheilhaft, der Art ihrer Schön-<lb/>heit
ebensowenig als ihrem Charakter entsprechend, und<lb/>obenein unmalerisch
erschien. Ich hatte gewünscht, fie<lb/>mit entblößtem Haupte und mit bloßen
Armen in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0176_169.tif" n="175"/>
<p>189<lb/>einem Kleide von seegrüner Seide zu malen, und durch<lb/>ihr welliges
braunes Gelock ein leichtes Gerank von<lb/>weißen Winden zu schlingen. Indeß
die Mutter und<lb/>Dora beharrten auf einem weißen bis zum Halse
hoch<lb/>hinauf gehenden Sommerkleide ünd dem schlicht ge-<lb/>ordneten
Haar, und ich hatte mich zu fügen, so wenig<lb/>mir's gefiel.<lb/>Die Mutter
meinte, Dora müsse es doch lernen,<lb/>nicht immer als wilde Hummel zu
erscheinen, müsse<lb/>sich an eine ruhigere Haltung gewöhnen; und als
wirke<lb/>diese Aeußerung auf sie ein, saß Dora, während ich<lb/>sie malte,
beständig mit einer gewissen erkünstelten<lb/>Ruhe vor mir, in welcher ich
ihr eigentliches Mienen-<lb/>spiel kaum herauszufinden vermochte. So kam ich
gerade<lb/>mit diesem Bilde, auf das ich mich so sehr gefreut<lb/>hatie,
nicht zurecht. Es wollte mir nicht glücken.<lb/>Was ich heute gemacht hatte,
erschien mir morgen als<lb/>falsch; denn wenn ich mich neben Dora im Freien
oder<lb/>in der Eltern Zimmern befand, sah sie so völlig anders<lb/>so viel
schöner aus, als in dem Atelier, daß ich dann<lb/>doppelt unzufrieden an
meine Staffelei zurückkam.<lb/>Eines Tages hatte ich sie auf einem ihrer
Morgen-<lb/>spaziergänge begleitet. Der Frühling war mächtig ge-<lb/>worden
in der Natur, die krausgezahnten, glänzenden,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0177_170.tif" n="176"/>
<p><lb/>jungen Blätter der Birken und der Balsampappeln<lb/>dufteten mit dem
frisch erblühten Flieder um die Wette.<lb/>Der ganze Garten war mit Maßlieb
und mit Butter-<lb/>blumen übersät, und wo man am Waldesrande das<lb/>Auge
über den Bodei streifen ließ, kamen die Himmels-<lb/>schlüsselchen und die
wilden Veilchen überall znm Vor-<lb/>schein. Die Kirschbäume hatten schon
abgeblüht.<lb/>Dafür waren über Nacht die rosa Knospen der Aepfel-<lb/>bäume
aufgebrochen, und in den kleinblättrigen Büschen<lb/>der Pfingstrosen fing
es an manchen Zweigen schon<lb/>röthlich zu schimmern an. Umfächelt von der
milden,<lb/>frischen Luft, und fröhlich wie die Kinder, waren wir<lb/>auf
dem Heimweg bis zu dem großen Rasenplatz ge-<lb/>kommen, der die
Wirthschaftsgärten von dem eigentlichen<lb/>Park des Schlosses trennte, und
sich umsehend und<lb/>stehen bleibend, sagte Dora plötzlich:<lb/>, Wissen
Sie es noch? Hier auf diesen Platze<lb/>haben Sie mir, bald nachdem wir in
das Schloß ge-<lb/>kommen waren, Ihr Kaninchen geschenkt.!<lb/>Ich freute
mich, daß sie sich dessen noch entsann,<lb/>denn ich hatte auch daran
gedacht, als ich zum ersten<lb/>Male wieder des Weges gekommen war, und ich
dankte<lb/>ihr dafür.<lb/>,Was ist dabei zu verwundern oder dafür
zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0178_171.tif" n="177"/>
<p>ur<lb/>danken? meinte sie. , Alles, was ich in der ersten<lb/>Kindheit
erlebte, das habe ich am besten behalten,<lb/>weil damals mein Gedächtniß
noch ganz frei and leer<lb/>gewesen ist. Ich sagte einmal zum Grafen, als
er<lb/>zuletzt hier bei uns war, das Kaninchen hat mir die<lb/>erste
unvergeßliche Freude bereitet, und Sie sind auch<lb/>der erste Mensch
gewesen, den ich lieb gehabt habe<lb/>aus freier Wahl.<lb/>,Aus freier Wahl?
wiederholte ich, von ihrem<lb/>süßen Geplauder hingenommen, ,liebt man denn
nicht<lb/>immer aus freier Wahl?<lb/>,Durchaus nicht! am wenigsten ein Kind.
Ein<lb/>Kind muß ja Alles thun. Es muß die Eltern und<lb/>den Bruder lieben,
und das thut man ja auch von<lb/>selber, von Natur. Aber man muß auch die
Kinder-<lb/>frau, die Gouvernante und den Lehrer lieben; und<lb/>unsern
Doktor Müller hätie ich zum Beispiel gar nicht -<lb/>geliebt, hätte man
mir's nicht befohlen. Zu Ihnen<lb/>- aber hatte ich viel mehr Vertrauen als
zu meinem<lb/>Bruder. Wenn ich den um etwas bat, war ich immer<lb/>ungewiß,
ob er es ihun würde. Von Ihnen wußte<lb/>ich ganz bestimmt, Sie thaten und
gaben mir damals,<lb/>was ich irgend wollte!?<lb/>, Und heute? fiel ich ihr
voll Glücksempfindung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0179_172.tif" n="178"/>
<p>uA<lb/>in das Wort, ,und heute? thät' ich's denn nicht<lb/>wieder?<lb/>,Ja!'
sagte sie, ,ich bin gewiß, Sie thäten mir<lb/>zu Gefallen, was Sie könnten;
aber Vertrauen, so wie<lb/>ich zu Ihnen, haben Sie nicht zu mir.
Offenherzig<lb/>sind Sie nicht zu mir. Und Sie sind doch ihr
eigener<lb/>Herr, und brauchen nichts zu verschweigen, und können<lb/>sagen,
was Sie wollen.!<lb/>,Fräulein!r rief ich, meinem Ohr nicht trauend,<lb/>und
erschaudernd in banger Freude, , liebes Fräulein,<lb/>wie soll ich das
verstehen?<lb/>,Wie ich's sage!'' entgegnete sie.<lb/>In dem Augenblicke
standen wir vor dem Garten-<lb/>saal, Frau von Marville trat heraus. Es
schlug acht<lb/>Ühr, auch der General erschien, man ging wie immer<lb/>mit
dem Glockenschlag zum Frühstück; denn Regelmäßig-<lb/>keit und Pünktlichkeit
waren nach wie vor des Hauses<lb/>Seele.<lb/>Gastgebote, Ausfahrten,
Besuche, Alles hatte seine<lb/>Zeit und Stunde, und das Vorwärtskommen und
Ge-<lb/>deihen, welches sich in der ganzen Wirthschaft und in<lb/>allen
Verhältnissen des Generals kundgab, bestärkte ihn<lb/>in seiner Anschauung,
daß die regelrechte militärische<lb/>Einrichtung und Strenge überall der
sicherste Unterbau<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0180_173.tif" n="179"/>
<p>uK<lb/>für die Lebens- und Geschäftsführung seien. Mir fiel<lb/>es im
Allgemeinen auch durchaus nicht schwer, mich<lb/>dieser Ordnung einzufügen;
aber jezuweilen, und vor<lb/>Allem an diesem Morgen hätte ich es doch
anders<lb/>gewünscht, hätte ich sehnlich gewünscht, nur
wenig<lb/>Augenblicke noch mit Dora allein zu sein, denn nach<lb/>dem
Frühstück so wie an jedem andern Tag an die<lb/>Sizung zu gehen, dazu hatte
ich innerlich die Ruhe<lb/>nicht. Und doch mußte es geschehen, obschon es
gar<lb/>nichts fördern wollte.<lb/>Ich war sehr aufgeregt, Dora sehr
zerstreut. Sie<lb/>wechselte fortwährend ihre-Stellung, ihre Miene.
Bald<lb/>sah sie mich an und lächelte, als habe sie eine Schelmerei<lb/>im
Sinn, dann wieder ließ sie den Kopf sinken, so daß<lb/>ich fragte, ob sie
müde sei? ob sie nicht sitzen wolle?<lb/>Aber sie verneinte beides, und je
mehr ich mich quälte,<lb/>mich in den mir doch so vertrauten Zügen zurecht
zu<lb/>finden, um so vollständiger mißglückte es. Auch das<lb/>Gespräch
schlief darüber ein. Ich schwieg, sie schwieg.<lb/>Ich fand gar nichts, was
ich ihr sagen, was ich sie<lb/>fragen konnte. Die Luft im Zimmer drückte
mich und<lb/>ich war eben daran, Pinsel und Palette aus der Hand<lb/>zu
legen, um der Sitzung, um der glückseligen Pein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0181_174.tif" n="180"/>
<p><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>R<lb/>14<lb/><lb/>= -
1<lb/>z<lb/>ein Ende zu machen, da sah ich noch einmal zu ihr V,<lb/>-
-<lb/>hinüber und:<lb/>,Haltl halt!r ref ich, ,lo bleiben fte sizent ur
I<lb/>einen Augenblick! Das ist der Blick, das ist die holde IF<lb/>Miene,
die Sie in dem Daguerreotypbild hatten, welches I?<lb/>Sie Glamor vor Jahren
einmal schickten. So bleiben (?<lb/>Sie sizen! Das paßt zu ihrer Tracht! So
ist's recht!I?<lb/>Das ist der Madonnenblick! So sitzen Sie still! So
,ß<lb/>ists recht!?<lb/><lb/>- ,Ja? fragte fie, während ich eifrig zu malen
-<lb/>anfing, ,la! ist's so recht? Ach, das ist gut! das F<lb/>freut mich!
Ich hätte es ja gleich so machen mögen. I,<lb/>aber man kann so schwer
nachahmen, was der Zufall! bH<lb/>einmal fügte. Nun malen Sie nur! Ich
vetziehe I<lb/>N<lb/>keine Miene!?<lb/>Und ich malte und malte, versunken in
ihren. An- ;<lb/>blick und in meine Arbeit. Eine halbe Stundetging I<lb/>so
hin. Da richtete Dora den Kopf auf, hob die, I;<lb/>Arme in die Höhe, und
sich ein wenig schüttelnd, rief' Zz<lb/>sie scherzend: -<lb/>-<lb/>,Solch'
armes Modell' muß es doch recht schwer. z<lb/>haben mit den Herren Malern.
Sie, Kronau, ver-- j<lb/>gessen es auch ganz, daß ich keine Gliederpuppe,
daß Iz<lb/>ich ein lebendiger Mensch, ein Mensch vön Fleisch und
I?<lb/>?<lb/>I<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0182_175.tif" n="181"/>
<p>s<lb/>s<lb/>urs;<lb/>F Blut bin! Nur einen Augenblick! Dann siz' ich wieder
-<lb/>f ruhig, so lang Sie wollen. Ich bin ja so zufrieden,<lb/>z daß Er nun
seinen Willen hat!?<lb/>,Seinen Willen? -Wer-soll demn seinen Willen
-<lb/>s<lb/>z haben?<lb/>F ,Der Graflr fuhr Dora Peraus, und eine
dunkle<lb/>g Röthe übergoß ihr Antliz, sda ihr-»das Wort ent-<lb/>F schlüpft
war<lb/>z<lb/>,Der Grafe wiederholte-ich, ,dem Grafen jst -<lb/>? dies Bild
bestimmt?- ßd um den ländläufigen<lb/>? Ausdruck zu gebrauchen, wie ein
Schleiex fiel mir's von<lb/>b den Augen.<lb/>?<lb/>Dora sah sich eilig um.
-<lb/>-. -I --<lb/>-.<lb/>s<lb/>,Ich bitte Sie, Helmar,r sagte - fie
dringend,<lb/>? ,lassen Sie es sich nicht merken, daß ich's Ihnen, sagte.
-'<lb/>Ich glaubte, Sie hätten es längft- geahnt, gemerkt!--<lb/>z<lb/>Ich
hatte die größte Lust, es Ahnen gleich zu sageß,<lb/>weil ich wußte, daß Sie
muchlieben, daß sie mir das-<lb/>Beste wünschen. Ach, ich versichere: Ihnen,
ich'känin<lb/>den filbernen Hochzeitstag der Eltern kaum erwwarteß,<lb/>an'
dem unsere Verlobung bekannt' gemacht werden soll. -<lb/>Heute Morgen, als
ich Ihnen vorwarf, daß' Sie kehn --<lb/>Vertrauen zu mir hätten, wollte ich
es Ihnen sageg, -'<lb/>damit Sie auch ehrlich sein sollten gegen mich, aber
='? -<lb/>=<lb/>z<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>?;<lb/>,<lb/>-<lb/>T<lb/>;<lb/>-
-<lb/>- P<lb/>ß<lb/>- F -- -<lb/>-? E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0183_176.tif" n="182"/>
<p>7<lb/>Sie hätte noch lange sprechen können, sprechen<lb/>immerfort. Ich hörte
Alles, ich verstand es auch. Zu<lb/>sagen hatte ich ihr nichts. Endlich
fiel's ihr auf.<lb/>,Aber, Helmar, was ist Ihnen? rief sie,
sich<lb/>plötzlich unterbrechend, ,was machen Sie denn? Sie<lb/>lassen die
Palette fallen. Was fehlt Ihnen, Helmar?<lb/>,Nichts! gar nichts!'
entgegnete ich ihr.<lb/>,Weßhalb erschrecken Sie denn so?<lb/>Ich weiß es
nicht!' gab ich ihr zur Antwort.<lb/>Ach, ich wußte es uur zu wohl. Ich
wußte es so<lb/>wohl, daß es mir jede Fassung raubte.<lb/>Ich wollte meine
Arbeit fortsetzen, es war mir<lb/>unmöglich. Um das Bild wie um ihr Antliz
brachen<lb/>sich die Farben in feuchtem Schimmer. Ich sah nicht<lb/>klar.
Ich legte Pinsel und Palette aus der Hand und<lb/>trat von der Staffelei
zurück. Dora erhob sich gleich-<lb/>falls. Meine Verwirrung machte sie
unruhig.<lb/>,Sagen Sie mir, was haben Sie? fragte sie<lb/>beklommen. ,Ich
weiß, daß Sie mich lieb haben, daß<lb/>Sie den Grafen lieben und verehren.
Ich beweise<lb/>Ihnen mein Vertrauen, damit auch Sie offenherzig<lb/>mit mir
sprechen sollen, denn es ist ja so schwer, sein<lb/>Glück zu verschweigen.
Und Sie starren mich an, als<lb/>thäte ich Ihnen ein Leid an, oder als
sollte mir ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0184_177.tif" n="183"/>
<p>v<lb/>Leid geschehen; und der Graf ist doch so gut, so<lb/>edell'? =-<lb/>,
Sehr gut!? wiederholte ich mechanisch. Und<lb/>mich aufraffend wie aus den
Banden eines bösen<lb/>Traumes. fragte ich, obschon ich wußte, wie das
un-<lb/>gehörig war: ,Also lieben Sie den Grafen?<lb/>,Wie können Sie mich
das fragen? wie kann<lb/>man eine Braut fragen, ob sie ihren Bräutigam
liebt?<lb/>Das ist häßlich von Ihnen, Helmar!r rief sie. , nd<lb/>da sie
doch nicht weiter malen, und auch mein Ver-<lb/>trauen nicht erwidern
wollen, so werd' ich gehen!'!<lb/>Sie ging in ihrem Unmuth rasch von
dannen,<lb/>und ich folgte ihr bald nach.<lb/>Fanny Lewald.
Helmar.<lb/>u<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0185_178.tif" n="184"/>
<p>Füünfzehnles -uapilel.<lb/>Ich ging durch den großen Saal, in die
Haus-<lb/>flur, die große Treppe hinunter; und durch all' die<lb/>klaren
Fensterscheiben funkelte der helle Sonnenschein<lb/>und lachte mich aus! Und
ich schämte mich meiner<lb/>Blindheit und meiner Thorheit und ging weiter
und<lb/>immer weiter und immer rascher vorwärts, über den<lb/>Rasenplatz
durch die große Allee, immer vorwärts!<lb/>Aber das Sonnenlicht lachte auch
durch die Aeste der<lb/>Bäume und hüpfte lustig auf dem Boden vor mir
her,<lb/>und ich war doch so traurig, daß ich's Niemand sehen<lb/>lassen
wollte, und erst aufathmete und Luft zu schöpfen<lb/>wagte, als das dichte
Dunkel des Waldes mich umfing.<lb/>Da drang das fröhliche Licht nicht
hinein! Da<lb/>brannte die Glut nicht so wie draußen, nicht so
schmerz-<lb/>lich wie in meiner Brust. Da war ich allein. Niemand-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0186_179.tif" n="185"/>
<p>t<lb/>l<lb/>l<lb/>1<lb/>sah mir in das Herz, das ich selbst zum ersten
Male-<lb/>völlig vor mir aufschloß. Niemand sah es wie die<lb/>heißen
Thränen mir über das Gesicht liefen und wie<lb/>bitterlich ich
weinte.<lb/>Ich hatte sie geliebt von, dem ersten Augenblicke,<lb/>ich sie
gesehen. Um ihretwillen hatte ich kein<lb/>Tölpel bleiben wollen. Sie war in
mir lebendig ge- .<lb/>wesen, ehe ich noch von mir selbst gewußt hatte. Wenn
-<lb/>die Versuchung- die dem Künstler weniger als jedem<lb/>Andern erspart
wird - an mich herangetreten und -<lb/>mir die Worte eingefallen waren,
mit'denen unser güter<lb/>alter Prediger mich an dem Tage meiner
Einsegnung<lb/>in das Leben hinausgeschickt, wenn jenes: ,Bis daß<lb/>mein
Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner .<lb/>Frömmigkeit? sich mir in
der Seele geregt, so hatte<lb/>die Frömmigkeit, die mich beschützt,
leibhaftig in der<lb/>Gestalt eines Engels vor meiner Phantasie
gestanden,<lb/>und der Engel hatte Dora's Kindergesicht getragen,<lb/>und
ihr Stimmnchen hatte warnend gerufen: ,Nicht<lb/>fallen, Tölpel! =- Sie war
das Ieal gewesen, das<lb/>mir vorgeschwebt. Ich hatte sie geliebt, ohne es
zu<lb/>wissen, ohne ihrer zu begehren. Jetzt wußte ich es, -<lb/>h daß ich
sie liebte, jezt begehrte ich ihrer, jezt'
neidete<lb/>1<lb/>k<lb/>I<lb/>1<lb/><lb/>-<lb/>1<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0187_180.tif" n="186"/>
<p>180<lb/>ich sie dem Grafen, der sich ihrer bemächtigt, ehe sich<lb/>dies
Kinderherz noch selber gekannt hatte. Ich neidete<lb/>sie ihm mit einer
ohnmächtigen und darum nur noch<lb/>brennenderen Eifersucht.<lb/>Es war
oftmals im Schlosse von dem Grafen<lb/>die Rede gewesen. Sein Urtheil, seine
Meinung<lb/>wurden vielfach in Betracht gezogen, und mich hatte<lb/>das
bisher immer sehr natürlich gedünkt, denn er und<lb/>seine Ansicht waren mir
selber stets als maßgebend<lb/>erschienen. Aber wußten Frau von Marville und
ihr<lb/>Gatte von dem Verhältniß des Grafen zu einer<lb/>andern Frau, dessen
Leonhard in seiner raschen Weise<lb/>gegen mich erwähnt hatte? Und konnten
fie gewillt<lb/>sein, ihre Tochter, ihre Dora einem Manne zum Weibe<lb/>zu
geben, den eine andere Frau in ihren Banden<lb/>hielt?<lb/>Der Gedanke,
dieses Verhältnisses gegen Frau<lb/>von Marville bei der nächsten
Gelegenheit andeutend<lb/>zu erwähnen, Dora, die mich ihren ersten Freund
ge-<lb/>nannt, die mir gesagt. daß sie mir mehr als dem<lb/>eigenen Bruder
vertraute, vor dem Unheil einer<lb/>Heirath zu bewahren, in welcher des
Mannes Herz<lb/>ihr nicht ausschließlich zu eigen wäre, stieg in mir
auf.<lb/>Ich sagte mir, daß es meine Pflicht sei, diesen mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0188_181.tif" n="187"/>
<p>181<lb/>so thenren Meuschen die volle Wahrheit zu bekennen;<lb/>und mit dem
selbstgefälligen Hochmuth des in Niedrig-<lb/>keit Geborenen gegen den
Aristokraten, war ich sehr<lb/>rasch bei der Hand, mich über den
eigentlichen Grund<lb/>meiner sittlichen Entrüstung, über die Art der
Pflicht-<lb/>erfüllung, die ich über mich nehmen wollte, zu'
täuschen.<lb/>Wie ich mich für besser als Leonhard gehalten, als<lb/>ich ihn
zuerst von der beabsichtigten Heirath hatte<lb/>sprechen hören, war ich
jetzt sehr bereit, mich hoch<lb/>über den Grafen, ja selbst über die Familie
erhaben<lb/>zu dünken, welche einem Manne unter solchen Ver-<lb/>hältnissen,
die sie doch kennen mußte, ihre Tochter<lb/>hinzugeben entschlossen war.
Aber was wußte ich denn<lb/>von dem Grafen, und aus welcher Quelle kam
dies<lb/>unbestimmte Wissen?<lb/>Leonhard war trotz aller seiner trefflichen
Eigen-<lb/>schaften nichts weniger als sittenstreng, und
leichtfertig<lb/>genug in seinem raschen Urtheil. Wie durfte ich
auf<lb/>einen flüchtigen Bericht von ihm, einem Manne miß-<lb/>trauen oder
gar ihn gegen dritte, von ihm verehrte<lb/>und geliebte Menschen
verdächtigen wollen, der mir<lb/>nach allem meinem persönlichen Wissen und
Erfahren<lb/>von seinem ganzen Thun, stets als das Muster der<lb/>Würdigkeit
und Ehre erschienen war? Wie durfte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0189_182.tif" n="188"/>
<p>18<lb/>ich auf ein Wort des Unbesonnenen hin zum Angeber,<lb/>vielleicht zum
Verleumder an meinem Beschützer<lb/>werden und Dora's Liebesglück dadurch
zerstören?<lb/>Ich schämte mich meiner selber und der Empfindung,<lb/>in
welcher ich mir eben noch so erhaben vorgekommen war.<lb/>Mit aller Gewalt
wollte ich mich überreden, daß<lb/>ich Dora dem Grafen gönnte, daß er sie
verdiene, daß<lb/>sie glücklich mit ihm sein werde und daß mich
dieses<lb/>freue. Aber mein Herz und sein Glaube lehnten sich<lb/>gegen
dieses Wollen auf. - Mich, so rief es in mir,<lb/>mich würde sie geliebt
haben und nicht ihn, wäre ich<lb/>ein Grafensohn gewesen. Mich würde sie
anders lieben<lb/>als den Grafen. Und er? - Er hatte schon
Andere<lb/>besessen und geliebt, er konnte auch eine Andere lieben<lb/>und
zum Weibe nehmen, um loszukommen aus den<lb/>Banden, die ihn drückten. Ihm
war sie zu ersetzen.<lb/>mir war sie es nicht; denn sie war mein
Ideal.<lb/>Unglücklich, wie ich mich fühlte, erschien mir<lb/>meine Liebe
dennoch als ein Glück. Meine Gedanken<lb/>wirbelten in wildem Kreislauf
rastlos durcheinander.<lb/>Ich fand nirgends einen Anhalt, nirgends einen
Aus-<lb/>weg. Nur daß ich Dora liebte, leidenschaftlich liebte,<lb/>daß ich
von ihr so wenig lassen konnte als von mir<lb/>selber oder von der Kunst,
das wußte ich! -- Und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0190_183.tif" n="189"/>
<p>188<lb/>nicht Dora, nicht Dora's Eltern dachten auch nur an<lb/>die
Möglichkeit, daß ich, ihres alten Kaspar's Sohn,<lb/>mein Auge erheben könne
zu der Tochter ihres Hauses.<lb/>Darum ließen sie mich, wie keinen ihrer
Standesge-<lb/>nossen, mit Dora frei verkehren; deshalb allein hatte<lb/>ich
sie von früh bis spät durch Wald und Feld be-<lb/>gleiten dürfen. Deshalb
auch hatte Dora mir ver-<lb/>traut, was sie keinem der jungen Edelmänner,
die<lb/>ihres Vaters Gäste und ihr bekannt waren von Jugend<lb/>an wie ich,
eingestanden haben würde.<lb/>Ich grollte ihnen Allen und liebte sie doch
Alle.<lb/>Ich hohnlachte über den Dünkel, den Stolz der
alten<lb/>Geschlechter, hohnlachte über den General, dem
die<lb/>Adelsschilder über seines Schlosses Pforte es angethan,<lb/>daß er
vergessen hatte, wie neu sein Adel war. Ich<lb/>nannte mich mit Selbstgefühl
einen Künstler von<lb/>Gottes Gnaden, und hätte doch in der Stunde
all'<lb/>mein Können und all' mein Hoffen auf meine Zukunft<lb/>hingegeben,
wenn ich dadurch der Sohn eines Edel-<lb/>mannes hätte werden können, wenn
ich nicht des<lb/>Kaspar's Sohn gewesen wäre.<lb/>Nicht des alten, treuen
Kaspar's Sohn! nicht<lb/>meines rechtschaffenen Vaters, meiner braven
Mutter<lb/>Sohn!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0191_184.tif" n="190"/>
<p>184<lb/>Der schlechte Gedanke brachte mich zu mir selbst.<lb/>Er war weit
niedriger als meine Herkunft. Ich fühlte<lb/>meine ganze Verächtlichkeit und
seine Ungerechtigkeit<lb/>eben nach dem Lebensweg, den ich bisher
durchlaufen<lb/>hatte. Ich raffte mich empor.<lb/>Im Wirthschaftshause
läutete man die Glocke<lb/>zum Mittagsessen für die Leute. Ihr Klang
schallte<lb/>mahnend an mein Ohr. Durch meine ganze Kindheit<lb/>hatte er
mich zu meiner Eltern Tisch gerufen; sie und<lb/>mich und meine Brüder
gerufen zu der Arbeit. Sie<lb/>Alle waren auch treu bei ihrer Arbeit
gewesen, und ich<lb/>hatte den ganzen schönen Vormittag verloren und
ver-<lb/>träumt. Ich hatte die Zeit rasch einzubringen. Die<lb/>Arbeit, die
vor mir lag, die mußte ich beenden und<lb/>dann gehen!<lb/>Aber gehen? fort
von ihr? Fch konnte es nicht<lb/>fassen, und trug doch Scheu, sie
wiederzusehen, sie, des<lb/>Grafen Braut.<lb/>Als ich in den Hof hineintrat,
beschien die Sonne<lb/>gerade die alten Wappenschilder. Ich wollte
ihrer<lb/>nicht achten, aber Mißmuth und Thorheit sind nicht<lb/>leicht zu
bannen, wenn wir ihnen über uns Gewalt<lb/>gegeben haben. Was hatte ich noch
zu suchen unter<lb/>dieser Wappen Herrschaft? -- Ich hieß einen
Burschen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0192_185.tif" n="191"/>
<p>185<lb/>der im Hofe war, in das Schloß gehen, es zu ent-<lb/>schuldigen, daß
ich zu Mittag an der Tafel nicht er-<lb/>scheinen würde, und wendete mich
durch den Garten<lb/>zu der Eltern Haus.<lb/>Die Mutter sezte sich eben an
den Tisch. Ich<lb/>setzte mich ihr gegenüber. Da gehörte ich hin,
da<lb/>hatte ich zu lieben, zu verehren und zu büßen.<lb/>Ich sollte
erklären, weshalb, ich gekommen sei; ich<lb/>sollte essen. Ich konnte Beides
nicht.<lb/>Die Mutter merkte, daß ich etwas auf dem<lb/>Herzen hatte. Sie
verstand mich nur danach zu<lb/>fragen, und wie gern ich auch gesprochen
hätte, wie<lb/>sehr ich's fühlte, daß die Mutterliebe um mich
sorgte,<lb/>ich konnte ihr nicht sagen, was mir fehlte, was
mich<lb/>drückte.<lb/>ihr<lb/>, Hast Du was versehen im Schlosse? fragte
sie.<lb/>Ich konnte mit gutem Gewissen es verneinen.<lb/>,Ist mit dem Vater
etwas vorgefallen?<lb/>Auch das verneinte ich.<lb/>Ihr Gedankenkreis ging
darüber nicht hinaus,<lb/>und mein Sorgen fanden sich nicht zusammen
in<lb/>der Stunde. Wie hätte sie, wie hätte es mein Vater<lb/>fassen können,
daß ich des Herrn Tochter liebte und<lb/>begehrte? Härter selbst als des
Grafen und bitterer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0193_186.tif" n="192"/>
<p>18e<lb/>als sein Tadel würde der ihre, würde meines Vaters -<lb/>Verdammung
mich getroffen haben, hätten sie ahnen<lb/>können, was in meiner Seele
vorging; denn Graf<lb/>Berkow hatte es doch verstanden, daß man
anbetete,<lb/>was er selber liebte und zu erringen strebte.<lb/>Es blieb mir
also endlich nur der elende Vor-<lb/>wand vor meiner Mutter übrig, daß ich
mich nicht<lb/>gut befände; und in der That, mir war schlecht genng<lb/>zu
Muthe. Die Mutter glaubte mir auf's Wort.<lb/>Sie sagte, das komme von dem
vielen Sitzen und von<lb/>dem Geruch der Farben; sie könne den auch nicht
ver-<lb/>tragen, ich solle in die frische Luft hinaus. Ich
war<lb/>zufrieden, daß ich sortkam, ich hatte nirgends Ruhe.<lb/>Aus dem
Schlosse hatte mich's hinausgetrieben in das<lb/>Freie aus dem Freien in die
Enge, und als ich dann<lb/>wieder draußen war, ergriff mich neue
Angst.<lb/>Fremd im Schlosse, fremd im Vaterhanse und -<lb/>fremder noch mit
meiner Traurigkeit in dem Frühlings-<lb/>glanz und Jubel der Natur! Wo
sollte ich denn hin?<lb/>,Ich wollte, es bände mich Einer fest, nur
damit<lb/>ich Ruhe fände!? sagte ich laut zu mir selber. Ich<lb/>fing
erschreckend zu lachen an, da ich die Worte hörte,<lb/>und in dem Lachen
rannen die Thränen mir auf's<lb/>Neue aus den Augen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0194_187.tif" n="193"/>
<p>1?<lb/>Ich hatte sie so sehr geliebt all' die langen<lb/>Jahre! Ich liebte
sie so sehr! Und nun ich's endlich<lb/>wußte, war sie mir verloren.-- Ich
mußte sie sehen,<lb/>und traute mir nicht zu, daß ich ihr verbergen
könnte,<lb/>was ich litt. Aber sehen, ihre Augen sehen mußte<lb/>ich! -- Ich
ging zu ihrem Bilde hin und malte. Den<lb/>ganzen Nachmittag, den Abend bis
die Sonne sank.<lb/>Immerfort, immerfort! bis mir die Augen flirrten
und<lb/>die Hand versagte. Und ich malte sie nicht für mich!<lb/>Ich malte
sie für den Glücklichen, der von ihr geliebt.<lb/>ward, dem sie gehören
sollte und der sie mir entriß.<lb/>Die Arbeit und die Stunden vergess' ich
nicht.<lb/>An dem Tage lernte ich schweigen und fertig werden<lb/>mit mir
selbst.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0195_188.tif" n="194"/>
<p>,echszehnles Fuapilel.<lb/>Es hatte immer festgestanden, daß ich bis
über<lb/>den Tag der Silberhochzeit im Schlosse bleiben würde.<lb/>Seit ich
aber von Dora ihre Verlobung mit dem<lb/>Grafen erfahren, hatte ich die
Herrschaften darauf -<lb/>vorbereitet, daß ich gleich nach beendeter Arbeit
das<lb/>Schloß verlassen müsse, weil ich in Berlin zu thun ,<lb/>hätte, und
man hatte natürlich dagegen nichts ein-<lb/>wenden können. Der General lobte
mich für meinen<lb/>Eifer, und mein Vater, welcher sich nun
überzeugt<lb/>hielt, daß ich ein fleißiger Mensch sei, der sich
sein<lb/>Brod anständig zu verdienen wisse, fand es erst recht<lb/>in der
Ordnung, daß ich meinem Gewerbe nachging.<lb/>Ich war auch in dieser letzten
Zeit mehr in<lb/>seinem Hause, mehr in meiner kleinen Stube als
am<lb/>Anfang, denn ich hatte begonnen, mir die Eltern und<lb/>Geschwister
an dem alten Familientisch zu malen, und -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0196_189.tif" n="195"/>
<p>wie die<lb/>auf der<lb/>Freude,<lb/>18D<lb/>Gestalien immer mehr und mehr
erkennbar<lb/>Leinwand hervortraten, hatten sie Alle ihre<lb/>ja ihren Stolz
darüber. -- Sie kennen die<lb/>Skizze, die ich als Andenken bewahre. Das
Bild,<lb/>das ich dann darnach gemacht:,Der Sonntagskaffee'',<lb/>ist im
Besiz eines Kölner Kunstfreundes.<lb/>Im Nebrigen ging Alles seinen
gewohnten Gang.<lb/>Nur Dora hatte ihr fröhliches Vertrauen zu mir
ver-<lb/>loren und ich durfte nicht versuchen, es mir wieder
zu<lb/>gewinnen. Sie sprach selten mit mir von dem Grafen, .<lb/>von ihrer
Verlobung gar nicht. Während wir früher<lb/>harmlos wie die Kinder über das
Gleichgültigfte ge-<lb/>plaudert hatten, unterhielten wir uns jetzt
geflissentlich,<lb/>und fanden häufig den Stoff nicht zum Gespräch.<lb/>Dora
fragte mich oftmals nach meinen Berliner<lb/>Freunden. Sie erkundigte sich,
und das hatte auch<lb/>Frau von Marville mehrfach gethan, nach Cäcilie,
und<lb/>ich hatte ihrer natürlich immer mit all' der Bewunderung<lb/>und
Freundschaft gedacht, die ich für sie hegte, um so<lb/>mehr, als mir Alles
daran gelegen war, sie und ihren<lb/>Werth vor Clamor's Eltern und vor Dora
in das<lb/>rechte Licht zu stellen. Selbst der General veranlaßte<lb/>mich
hie und da, von der Familie des Kommerzien-<lb/>raths zu sprechen, und wenn
daneben auf meine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0197_190.tif" n="196"/>
<p>1O<lb/>italienische Reise die Rede kam, hob er es immer mit<lb/>besonderem
Ernst hervor, daß er für mich einen recht<lb/>langen Aufenthalt im Süden
wünsche, daß dem Künstler<lb/>vor allen Dingen ein reiches, ungehindertes
Einsammeln<lb/>von Eindrücken und Erfahrungen nothwendig sei.<lb/>Es lag
dahinter eine bestimmte Absicht, die ich fühlte,<lb/>ohne errathen zu
können, worauf sie gerichtet sei.<lb/>Etwa acht Tage vor dem Feste wurden
die<lb/>Bildnisse des Generals und seiner Frau im Ahnen-<lb/>saale an die
Wand gebracht. Die Arbeiter hatten sich<lb/>entfernt, der General und ich
waren allein zurückge-<lb/>blieben.<lb/>Die Fenster waren geöffnet, die
Mittagssonne<lb/>schien warm hinein. Der General ging, die Hände<lb/>auf den
Rücken gelegt, in dem Gemache auf und nieder.<lb/>Sein Auge streifte von
Zeit zu Zeit die Reihe der<lb/>Herren von Waldern, welche das Schloß vor ihm
be-<lb/>sessen hatten, um dann an dem eigenen Bilde haften<lb/>zu bleiben,
das ihn in seiner würdigen Erscheinung<lb/>wohl genug wiedergah, und das an
diesem Platze<lb/>dem alten Geschlecht eingereiht zu sehen, ihm
unver-<lb/>kennbare Genugthuung gewährte.<lb/>Er mochte bemerken, wie mir
dieses nicht ent-<lb/>ging, blieb plötzlich ovr mir stehen und fragte,
wann<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0198_191.tif" n="197"/>
<p>191<lb/>ich mit Dora's Bild fertig zu werden dächte? Ich<lb/>entgegnete, daß
ich es morgen zu beenden hoffe.<lb/>, Und es bleibt dabei, daß Sie dann
aufbrechen?<lb/>fragte er.<lb/>Ich bejahte es, vorausgesetzt, daß er keine
weiteren<lb/>Befehle für mich habe.<lb/>, Nein!? entgegnete er, ,aber es ist
mir an-<lb/>genehm, Ihnen sagen zu können, daß wir mit Ihrer<lb/>Arbeit und
mit Ihnen sehr wohl zufrieden find. Ich<lb/>glaube, Sie werden es jetzt zu
würdigen verstehen,<lb/>daß ich Ihrer unverkennbaren Anlage nicht zu
rasch,<lb/>nicht zu frühe nachgegeben habe, daß ich Sie von<lb/>der Pike auf
dienen und Sie den Wg zur Kunst auf<lb/>der Bahn des Handwerks, den Weg aus
den niederen<lb/>zu den höheren Bereichen des Lebens an der Hand<lb/>der
Beschränkung habe gehen lassen; daß ich Sie,<lb/><lb/>wo immer möglich, auf
Ihre eigene Kraft gewiesen<lb/>habe. Sie find dadurch, wie die Engländer es
nennen,<lb/>ein selbstgemachter Mann geworden, wissen, daß Sie<lb/>sich auf
sich selbst verlassen können, und das ist die<lb/>Hauptsache im Leben. Sie
haben sich vorwärts gebracht. -<lb/>,Mit Ihrem und anderer Beschützer
Beistand,<lb/>Herr General!'' fiel ich ihm ein.<lb/>Er achtete nicht des
Zusazes; ob zufällig, ob<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0199_192.tif" n="198"/>
<p>19e<lb/>absichtlich, ich hätte das nicht sagen können. Aber,<lb/>wie ich ihn
kannte, war es ein Zeichen, wie viel er<lb/>von mir hielt, daß er sich als
meinen eigentlichen<lb/>Gönner anzusehen liebte, daß er sich und mich
zu<lb/>überreden wünschte, er habe planmäßig gehandelt,<lb/>selbst da, wo er
mich die gewohnte Straße gehen<lb/>ließ, mich dem eigenen Triebe und dem
Zufall über-<lb/>lassen hatte. Wie Alle, die gern befehlen und
re-<lb/>gieren, kam er leicht dahin, sich bestimmenden
Einfluß<lb/>zuzuschreiben, wo er ihn nicht geübt hatte und kaum<lb/>hatte
üben können. Und in dem Augenblicke, in welchem<lb/>er mich als einen
selbstgemachten Mann bezeichnet hatte,<lb/>stellte er sich doch, aus
innerster Natur dazu ge-<lb/>zwungen, als mein Führer und Leiter, wie
Denjenigen -<lb/>hin, der mich hatte zum Künstler werden machen.<lb/>,Mein
Beistand,! sagte er nach flüchtigem Be-<lb/>denken, , ist Ihnen mit großer
Vorsicht immer nur zu<lb/>Theil geworden, wenn Sie eine neue Stufe aus
eigener<lb/>Kraft erreicht und sich damit einer Förderung werth<lb/>erwiesen
hatten; und so sollte man es immer machen.<lb/>Jetzt sichern Ihr Stipendium
und der Ertrag Ihrer<lb/>hiesigen Arbeiten Ihnen für die nächsten Jahre
eine<lb/>schöne Unabhängigkeit; denn für Ihre Eltern sorgen<lb/>wir in allen
Fällen.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0200_193.tif" n="199"/>
<p>198<lb/>Ich wollte ihm danken, er hinderte es.<lb/>,Es ist das keine
Wohlthat, Sie haben nichts zu<lb/>danken!'' sprach er mit dem Adel, der ihn
nie verließ.<lb/>,Wir schulden, was wir thun, den treuen Diensten<lb/>Ihres
Vaters. Sie find jetzt völlig frei, find jung<lb/>und auf der rechten,
großen Bahn. Nützen Sie das,<lb/>Kronau! Nüzen Sie es für Ihre Ausbildung.
Die<lb/>Jugend kehrt nicht wieder, und die Freiheit ist ein<lb/>kostbar Gut.
Bewahren Sie dieselbe. Sie haben<lb/>noch viel zu thun, wofür Sie volle
Freiheit brauchen.<lb/>Bewahren Sie sich Ihre Freiheit.?<lb/>Er hatte nie in
so väterlichem Tone zu mir ge-<lb/>sprochen. Es that mir wohl, ich dankte
ihm dafür<lb/>und er nahm das gut auf.<lb/>,Sie sind ehrgeizig,! fuhr er
darauf fort, ,und<lb/>das lobe ich. Mir scheint, Sie wollen hoch
hinaus,<lb/>das tadle ich nicht. Der Ehrgeiz vermag viel, wenn<lb/>er mit
Geduld gepaart ist. Aber man muß nichts<lb/>verfrühen! Hüten Sie sich davor,
von wem es immer<lb/>sei, als Gunst hinzunehmen, was Sie später zu
be-<lb/>gehren berechtigt sein könnten. Wahren Sie auch<lb/>Ihren nächsten
Freunden gegenüber, selbst wo Sie lieben<lb/>und vertrauen, Ihre
Unabhängigkeit und Freiheit.?<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/>1s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0201_194.tif" n="200"/>
<p>19<lb/>Die Rathschläge, so richtig sie an sich waren,<lb/>überraschten mich.
Wohin ich mich mit meinem Wünschen<lb/>und Begehren verstiegen hatte, das
konnte er nicht<lb/>wissen, das würde er sicherlich nicht gut
geheißen<lb/>haben. So konnte seine Warnung nach meiner Meinung<lb/>sich nur
auf Leonhard's früheren, dem General be-<lb/>kannten Vorschlag beziehen, den
Freund nach Jtalien<lb/>zu begleiten, ehe ich noch mein Stipendium
antrat,<lb/>und auch dies Hinderniß war beseitigt, da ich mit<lb/>dem Gelde
für die in Waldritten gemalten Bilder<lb/>ausreichend versehen war, um die
Reise noch vor<lb/>Auszahlung des Stipendiums antreten zu können.<lb/>Ich
hob das also hervor, sagte, daß ich mich der<lb/>Freundschaft der
Wollmann'schen Familie, die sich mir<lb/>sehr gütig erwiesen, durchaus
versichert glaube, aber<lb/>der General ließ mich nicht vollenden.<lb/>,Ich
habe Ihnen allgemeine Grundsätze aus-<lb/>gesprochen,! sagte er, zu seiner
gewohnten knappen<lb/>Redeweise zurückkehrend, ,und weder eines
bestimmten<lb/>Falles, noch bestimmter Personen gegen Sie
erwähnt.<lb/>Lassen wir's dabei bewenden. Berühren meine Rath-<lb/>schläge
in Ihnen keinen Ihrer Pläne oder Wünsche<lb/>hindernd, um so besser für Sie.
Halten Sie daran<lb/>fest, daß wir aufrichtigen Antheil an Ihrem
Schicksal<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0202_195.tif" n="201"/>
<p>19K<lb/>nehmen und uns freuen werden, wenn es fortfährt,<lb/>Ihre Hoffnungen
zu übertreffen, wie bisher.<lb/>Er gab mir die Hand, als er sich entfernte,
das<lb/>hatte er auch noch nie zuvor gethan, und ich ging<lb/>troz der
wohlwollenden Aeußerungen des Generals<lb/>mißmuthig und ohne rechte
Sammlung an meine<lb/>Staffelei.<lb/>Es war Alles richtig, was er mir gesagt
hatte;<lb/>aber ich konnte nicht einsehen, wohin seine
Ermahnungen<lb/>zielten, mir meine Freiheit zu bewahren, mich auch<lb/>von
meinen nächsten Freunden nicht abhängig zu<lb/>machen. Es konnte mit diesen
Freunden Niemand<lb/>sonst gemeint sein, als die Familie des Kommerzien-
.<lb/>raths, die nicht im entferntesten daran dachte, meine<lb/>Freiheit
anzutasten. Er mußte ein besonderes Miß-<lb/>trauen gegen diese
vortrefflichen Menschen hegen.<lb/>Aber wer konnte ihm das eingeflößt haben?
weshalb<lb/>sollte es mir beigebracht werden? und was konnte<lb/>mir von
meinen Freunden drohen, das für Clamor<lb/>nicht ebenso, nicht in weit
höherem Grade zu befürchten<lb/>gewesen wäre, der so viel länger in dem
Hause be-<lb/>kannt war, der, wie ich sicher war, sich mit wachsen-<lb/>der
Leidenschaft um Cäciliens Liebe bemühte? Um<lb/>U<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0203_196.tif" n="202"/>
<p>19e<lb/>Eäciliens willen schmerzte jenes Mißtrauen des Ge-<lb/>nerals mich
tief, und ich sann darüber vergeblich nach,<lb/>wie es zu überwinden sein
möchte.<lb/>Ich hatte währenddessen still fortgearbeitet und<lb/>trat dann
von meinem Bilde zurück, um es noch ein-<lb/>mal, vielleicht zum lezten Male
prüfend zu betrachten.<lb/>Ich wußte, daß es fertig war, und konnte mich
davon<lb/>nicht trennen. All' die glücklichen Stunden, die ich<lb/>mit Dora
vor demselben zugebracht hatte, zogen mit<lb/>ihren holden Erinnerungen
durch meinen Sinn, und<lb/>daß sie sich nicht wiederholen konnten, niemals
wieder,<lb/>das that mir wehe. Denn mit einem Bilde, das der<lb/>Künstler
liebevoll gemalt hat, giebt er ja noch mehr<lb/>fort, als das bloße
Bild.<lb/>Wenn das Bild einst in des Grafen und in<lb/>Dora's Zimmern hängen
wird, sagte ich mir, wer<lb/>wird dann meiner denken? Wer wird ahnen,
welche<lb/>Glut diese Augen in mir angefacht, mit welchem Ver-<lb/>langen
ich an ihnen hing, wie diese Lippen mich ver-<lb/>lockten? Sie werden meiner
bald vergessen in ihrem<lb/>Glück -- und ich? Ich sollte gehen, Ruhm
ernten!<lb/>Als ob der Ruhm die Mühe des Strebens lohnte,<lb/>wenn die Liebe
ihn nicht theilt! Was sollte mir der<lb/>Ruhm, wenn er sie nicht freute!
wenn sie mich vergaß.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0204_197.tif" n="203"/>
<p>19<lb/>Ich war eben dabei, die Chiffre unter mein Bild<lb/>zu setzen, da kam
mir's in den Sinn, es habe noch<lb/>irgend einer frischen Farbe nöthig, um
den Glanz des<lb/>goldenen Gürtels mit dem weißen Kleide zu
vermitteln;<lb/>und ohne viel zu zaudern, malte ich einen vollen
Strauß<lb/>Vergißmeinnicht in den Gürtel unter ihrer linken<lb/>Brust. Das
Bild gewann dadurch entschieden; und<lb/>mit der glaubensseligen Schwärmerei
der Liebe bildete<lb/>ich mir ein, dies Zeichen könne mich lebendig
erhalten<lb/>in der Geliebten Seele.<lb/>Ich hatte gerade ein paar goldene
Punkte in die<lb/>Kelche hineingesetzt, als es an die Thür der
Werk-<lb/>statt klopfte und Dora bei mir eintrat.<lb/>,Ach, das ist reizend!
Die Neberraschung ver-<lb/>geß ich Ihnen nie!'' rief sie, den Strauß
gewahrend,<lb/>und das leuchtende Lächeln, das ich die Zeit
her<lb/>schmerzlich an ihr vermißt hatte, strahlte mir so hell<lb/>entgegen,
daß ihre Schönheit mich blendete und<lb/>hinriß.<lb/>,Sind Sie zufrieden?
fragte ich.<lb/>Sie stand in dem eigenen Anschauen versunken,<lb/>schweigend
vor der Staffelei.<lb/>Mir war das Herz zum Springen voll.<lb/>,Denken Sie
meiner bisweilen, bat ich, ,wenn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0205_198.tif" n="204"/>
<p>198<lb/>Sie in Ihrem Hause vor dem Bilde sitzen werden.<lb/>Vergessen Sie
mich nicht!<lb/>,Ich Sie vergessen?r sagte sie, und sich voll
und<lb/>freundlich zu mir wendend, fuhr sie fort: ,Im Grunde<lb/>sind Sie
nicht gut zu mir, sind Sie undankbar gegen<lb/>mich gewesen, und ich war in
den letzten Zeiten böse<lb/>auf Sie. Indeß vielleicht haben Sie auch
versprochen,<lb/>Ihr Geheimniß zu bewahren und halten Ihre
Zusage-<lb/>besser, als ich die meine.!<lb/>,Aber um Gottes willen,! bat
ich, ,lagen Sie<lb/>mir, von welchem Geheimniß Sie mir immer
wieder<lb/>t<lb/>sprechen? Was soll ich Ihnen denn gestehen,
was<lb/>vertrauen?!<lb/>Sie sah mich zweifelnd an und sagte dann
leise<lb/>und mit Zögern: ,Daß Sie Cäcilie Wollmann lieben.?<lb/>,Ich? ich
soll Cäeilie lieben? rief ich voll Er-<lb/>1<lb/>staunen, während mir
plötzlich die Ermahnungen des<lb/>Generals verständlich wurden. ,Wie kommen
Sie auf<lb/>diesen Einfall? wer hat Ihnen das gesagt?!<lb/>Sie ließ sich
durch meine Neberraschung nicht<lb/>; beirren.<lb/>,Glamor schreibt ja auch
von ihrer Schönheit,<lb/>ist ganz ihres Lobes voll, und sogar der Graf
rühmte<lb/>sie in jeder Weise, als er hier war =?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0206_199.tif" n="205"/>
<p>199<lb/>,Das ist ja Alles wahr, das verdient sie Alles,<lb/>fiel ich ihr in
die Rede, ,aber wer hat Sie nur auf<lb/>den Gedanken gebracht, daß ich
Cäcilie liebe?<lb/>Sie beachtete meine Einwendung kaum.<lb/>,Sie sind immer
so froh, so glücklich, wenn Sie<lb/>von ihr sprechen, Sie sprechen so oft
von ihr, und<lb/>ihren Eltern und ihrem Bruder, und der Vater
meint<lb/>auch, es müßten sehr vortreffliche Leute sein und eine<lb/>Heirath
mit Cäcilie wäre ein großes Glück für Sie,<lb/>nur jetzt noch nicht. Also --
warum, Helmar, wollen<lb/>Sie es mir nicht sagen, da ich so ehrlich gegen
Sie<lb/>gewesen bin?<lb/>Sie stand vor mir, einer Antwort gewärtig.
Ich<lb/>wußte mich nicht zu fassen. In dem natürlichen<lb/>Drange meiner
Dankbarkeit, in gutem Willen für<lb/>Glamor und Cäcilie, in redlicher
Fürsorge für sie,<lb/>hatte ich, soweit ich es vermochte, die mir so
werthe<lb/>Schwester meines Freundes zur Geltung bringen<lb/>wollen, und
hatte mich damit als einen sie liebenden<lb/>Bewerber um ihre Hand,
vielleicht als einen Begehrer<lb/>ihres Reichthums dargestellt. Ich kam mir
ungeschickter,<lb/>einfältiger vor, als seit langen Jahren. Ich
schämte<lb/>mnich vor Dora, und ich verwünschte die mir durch<lb/>die
Verhältnisse gebotene Zurückhaltung. Ich hätte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0207_200.tif" n="206"/>
<p>0<lb/>ihr sagen mögen: ,lamor ist es, der Cäeilie liebt,<lb/>nicht ich!?--
Und ohne meinen Willen, ja ohne daß<lb/>ich's merkte, sprach ich zu mir
selber die Worte aus:<lb/>,Ich, ich soll Cäeilie lieben?<lb/>,So lieben Sie
sie nicht?<lb/>Da wallte die ganze Flut meiner mühsam zurück-<lb/>gedrängten
Leidenschaft in meinem Herzen auf und<lb/>riß mich mit sich
fort.<lb/>,Dora!'' rief ich, ,Dora, glaubten Sie es denn?<lb/>konnten Sie
das glauben?<lb/>Ich hatte ihre Hände ergriffen, sie bebten in
den<lb/>meinen, alle Farbe war von ihrem Antlitz gewichen.<lb/>, Ach, lassen
Sie mich sitzen,'! sagte sie, ,mir ist<lb/>nicht gut, mir ist
Angst!r<lb/>Sie sank auf den Stuhl nieder, der vor der<lb/>Staffelei stand,
ich kniete vor ihr und hielt ihren<lb/>schlanken Leib umfangen.<lb/>,Dora!r
sprach ich in meiner Herzensangst, habe<lb/>ich Dir weh gethank!<lb/>Sie
nickte mit dem Kopfe und legte ihre Hände<lb/>auf meine Schultern. Ich wußte
nicht, was aus uns<lb/>werden sollte. Der Boden wankte unter mir.<lb/>Mit
einem Male brach ein Strom von Thränen<lb/>aus ihren Augen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0208_201.tif" n="207"/>
<p>21<lb/>,Ich war Ihnen so gut, ich sagte es Ihnen, daß<lb/>ich zu Niemand so
viel Vertrauen hätte, als zu Ihnen,<lb/>und ich war so ruhig, so
zufrieden--<lb/>, Und jetzt? und jezt? fragte ich und mein<lb/>Hoffen kannte
keine Grenze.<lb/>,Jezt? wiederholte sie, ,hezt muß ich es ver-<lb/>gessen,
daß ich Ihnen gut bin; jetzt werden die Ver-<lb/>? k A<lb/>Sie hatte sich
der Thüre genaht, wir waren<lb/>Beide unserer selbst nicht mächtig.<lb/>Ich
wagte nicht, sie zu halten, und konnte sie<lb/>nicht gehen lassen. Ich wußte
deutlich, was uns<lb/>trennte, sah, daß ihr diese Schranken
unübersteiglich<lb/>dünkten - und wir standen so nahe bei
einander.<lb/>Meine Hand lag auf der ihren, die den Drücker der<lb/>Thüre
erfaßt hatte.<lb/>,Du gehst? fragte ich<lb/>, Leb' wohl!' rief sie, ,leb'
wohl! wir sehen uns<lb/>nie wieder! Ach! Leb' wohl!<lb/>Ihre Lippen
berührten in raschem Kuß die<lb/>meinen - und ich war allein - das Herz voll
glück-<lb/>seligstem Leiden!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0209_202.tif" n="208"/>
<p>,iebzehnles Fapiles.<lb/>Ich war wieder in meiner Werkstatt in Berlin<lb/>an
meiner Arbeit, aber meine Gedanken schweiften in<lb/>die Ferne, und die
wenigen Monate, welche ich in<lb/>meiner Heimat zugebracht hatte, lagen wie
ein langes<lb/>Erleben hinter mir, und hatten mich verwandelt.
Bis-<lb/>weilen kam mir Alles wie ein Traum vor; dann wieder<lb/>wie ein
Zaubermärchen, daß ich dachte, wenn ich nur<lb/>das rechte Wort noch wüßte,
und die rechte Stunde<lb/>träfe, müßte ich eingesetzt werden in das Reich,
und<lb/>des Königs Tochter würde doch am Ende mein Ge-<lb/>mahl. Ich konnte
nichts denken, und nichts malen,<lb/>als nur immer sie, und mußte meine
Arbeiten halb-<lb/>wegs verbergen, mein Geheimniß nicht zu
verrathen,<lb/>das ja nun auc ihres war.<lb/>Ich hatte sie nicht mehr
gesehen, ehe ich von<lb/>Waldritten fortging. Sie sei unwohl, hieß es,
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0210_203.tif" n="209"/>
<p>28<lb/>ich durfte weder wünschen, noch fordern, ihr noch ein-<lb/>mal zu
nahen. Ich hatte meine Sachen für die Ab-<lb/>reise zu ordnen, der Tag, und
der ihm folgende gingen<lb/>geschäftig hin. Mit der Post, welche spät am
Abende,<lb/>von der russischen Grenze kommend, über Waldritten<lb/>fuhr,
wollte ich meine Rückreise machen, ohne mich<lb/>unterwegs
aufzuhalten.<lb/>Der General und seine Frau entließen mich
mit<lb/>Herzlichkeit. Der Abschied von meinen Eltern ward<lb/>mir schwer.
Ich hatte drei Jahre fortzubleiben, und<lb/>mein Vater stand im
einundsiebenzigsten Jahre. Er<lb/>selbst war gerührt.<lb/>,Ich hatte keine
große Freude, als Du auch noch<lb/>geboren wurdest,! sagte er, ,und hab'
nicht gedacht,<lb/>daß ich noch stolz auf Dich sein würde. Du bist
ein<lb/>guter Sohn, und es war gut, daß Du noch einmal zu<lb/>Hause gekommen
bist. Ich denk', es soll Dir wohl-<lb/>gehen alleweg' und allezeit.!<lb/>Es
war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Er lebte<lb/>nicht mehr, als ich
zurückkam. -<lb/>Da Frau von Marville mir einige Kleinigkeiten<lb/>für sie
mitgegeben hatte, waren meine ersten Gänge in<lb/>Berlin zu Clamor, und dem
Grafen. Sie empfingen<lb/>mich Beide freundlich. Beide erkundigten sich
nach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0211_204.tif" n="210"/>
<p>20<lb/>den Ihren, aber des Grafen Fragen hatten eine
scharfe<lb/>Bestimmtheit, die mich scheu und vorsichtig machte.
Er<lb/>berichtete mir das Gute, das man über mich, und<lb/>meine Arbeiten
geschrieben hatte, sagte, er sei begierig,<lb/>die Bilder in Waldritten zu
sehen, besonders das Bild<lb/>von Fräulein von Marville, das die Mutter ihm
ge-<lb/>rühmt habe. Er konnte eigentlich gar nicht anders<lb/>sein, als er
sich gab, und doch war ich sehr zufrieden,<lb/>als ich gehen
konnte.<lb/>Leonhard fand ich in der Stadt, die Seinen hatten,<lb/>wie
immer, ihr Landhaus bezogen. Es war dort an<lb/>jedem Abende viel Besuch.
Ich ging nach gethaner<lb/>Arbeit fast täglich mit Leonhard hinaus, auch
Clamor<lb/>fehlte selten. Indeß es war anders geworden auch<lb/>zwischen
Cäcilie und ihm. Sie forderte ihn mit ihren<lb/>Neckereien nicht mehr
heraus, er sagte ihr keine<lb/>Schmeicheleien mehr. Wer ihren früheren
Verkehr mit<lb/>dem jetzigen verglich, konnte nicht daran zwweifeln,
daß<lb/>sie sich verständigt hatten, und in der Ruhe, mit welcher<lb/>sie
sich jetzt aufeinander verließen, gefielen sie mir Beide<lb/>noch viel
besser. Cäeilie war nicht mehr so lebhaft,<lb/>nicht so sprudelnd wie
vordem, aber sie erschien weib-<lb/>licher dadurch, und Clamor hatten die
wenigen Monate<lb/>u Jahre gereift.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0212_205.tif" n="211"/>
<p>K<lb/>Sonntags war der feststehende Gesellschaftsabend<lb/>in der Villa
Wollmann. Einige Tage nach meiner Heim-<lb/>kehr war ich zu demselben
hinausgegangen. An dem<lb/>folgenden Morgen wollten der Graf und Clamor
wie<lb/>ich von Leonhard erfahren hatte, ihre Reise nach Wal-<lb/>dritten
antreten, und der Letztere hatte sich in der Villa<lb/>schon zeitig
eingestellt, sich, wie er sagte, zu verabschieden.<lb/>Das Wetter war von
verlockender Schönheit, die<lb/>gewohnten Gäste waren beisammen, die
gewohnte<lb/>Heiterkeit wollte sich nicht einstellen. Die Mutter
war<lb/>still, Cäcilie zerstreut, eine Weile vermißte ich Clamor,<lb/>und
den Herrn des Hauses. Sie kamen dann gemein-<lb/>sam aus der großen Allee
hervor.-- Die jüngeren<lb/>Personen -stellten sich zu dem eben in Aufnahme
ge-<lb/>kommenen Boggiaspiele, indeß auch dieses kam nicht<lb/>in Gang, und
die ganze Gesellschaft trennte sich vor<lb/>der sonst üblichen
Stunde.<lb/>Ich war dabei, als Clamor sich empfahl. Der<lb/>Abschied war
viel ernsthafter, als die kurze Trennung,<lb/>und die kleine Reise es
rechtfertigten. Ich sah, daß<lb/>Etwas vorgegangen sein mußte, und brauchte
nicht erst<lb/>zu fragen, was geschehen war.<lb/>Vor dem Thore der Villa
wendete er sich von der<lb/>großen Straße ab.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0213_206.tif" n="212"/>
<p>e<lb/>, Gehen Sie mit mir, Kronau,! sagte er, ,wir<lb/>wollen unsern Weg
durch den Park nehmen. Ich bin<lb/>für das Scherzen und Lärmen heute nicht
aufgelegt.<lb/>Es ist mir lieb, daß Leonhard noch draußen geblieben<lb/>ist.
Seine Witze und seine beständige Heiterkeit machten<lb/>mich heute wirklich
ungeduldig, und er ist doch älter<lb/>als ic und Sie. !<lb/>,Das Leben ist
ihm immer leicht gewesen!' be-<lb/>gütigte ich.<lb/>, Leicht!'' wiederholte
er, ,mir war's auch leicht,<lb/>und ich nahm es leicht geng. Wie sollte ich
nicht?<lb/>Was konnte mir denn fehlen?'-<lb/>Er brach ab, und fragte, wie
ich seine Eltern ge-<lb/>funden hätte.<lb/>Ich wiederholte ihm den schon
neulich ausge-<lb/>sprochenen Bescheid.<lb/>, Hat meine Mutter Sie um mich
im Besonderen<lb/>befragt? Hat sie sich nach der Familie des
Kommer-<lb/>zienraths erkundigt??<lb/>Ich bejahte das.<lb/>, Also haben Sie
auch von Cäcilie mit ihr ge-<lb/>sprochen. Was haben Sie von ihr
gesagt??<lb/>,All' das Gute, das ich von ihr denke, und,?<lb/>schaltete ich
ein, , wie ich nachträglich zu bemerken<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0214_207.tif" n="213"/>
<p>r?<lb/>hatte, mit solcher Wärme, daß man mir eine andere<lb/>Empfindung für
sie zutraute, als die dankbare Freund-<lb/>schaft, die ich für die ganze
Familie hege.!<lb/>,Das freut mich! das freut mich sehr!r sagte er,<lb/>und
verrieth mir durch sein sprungweise fortschreiten-<lb/>des Gespräch, wie
sehr er innerlich beschäftigt sein<lb/>mußte. ,Erinnern Sie sich,! hub er
nach einer Weile<lb/>wieder an, , wie ich mich bei dem Grafen melden
kam,<lb/>und Sie ihm in der Kaserne als Modell standen? Es<lb/>werden fast
auf den Tag fünf Jahre sein. Wer mir<lb/>damals gesagt hätte, daß ich die
Tochter des Mannes<lb/>lieben würde, den ich schlechtweg als meinen
Bankier<lb/>bezeichnete! Wer mir gesagt hätte, daß ich Ihnen mein-<lb/>Herz
ausschütten würde!-<lb/>Ic hatte in mir selber schon etwas
Aehnliches<lb/>gedacht, und da man schwer von den Eindrücken
seiner<lb/>frühen Jugend loskommt, hatte seine Offenheit mich<lb/>nicht
gefreut, wie er es zu erwarten schien. Er ge-<lb/>währt mir sein Vertrauen,
sagte ich mir, ohne mich<lb/>zu fragen, ob ich's wünsche, ob die
Vertrautenrolle mir<lb/>behagt. Er ist der Herr, ich der Vertraute, weil er
.<lb/>mich verläßlich wie meinen Vater, wie den alten Diener<lb/>seines
Hauses glauht; ind unfähig, diese innere Un-<lb/>freiheit in mir zu
besiegen, obschon ich mich ihrer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0215_208.tif" n="214"/>
<p>78<lb/>scämte, und sie mir wieder zum Vorwurf machte, wie<lb/>in anderen
ähnlichen Fällen, konnte ich mich nicht er-<lb/>wehren, ihm zu sagen, daßß
ich mir bewußt sei, ihn zu<lb/>diesen Mittheilungen nicht veranlaßt zu
haben.<lb/>, Sie find empfindlich,! sagte er, ,und sind es<lb/>ohne Grund.
Ich meinte nichts Böses mit den Worten,<lb/>nichts, was Ihnen zu nahe trat.
Mir gingen die<lb/>Dandlungen im Kopfe herum, die sich im Schicksal<lb/>der
Menschen vollziehen. Ich sprach sie aus, wie sie<lb/>mir erschienen. Weit
davon entfernt, mich über Sie<lb/>erheben zu wollen, kamenn Sie mir eher
beneidenswerth<lb/>vor, weil Sie freier handeln können, weil Sie
durch<lb/>keine Rücksichten auf Traditionen gebunden sind, die<lb/>sie
heilig zu halten haben, und auch selber heilig halten,<lb/>wie ich die
meine. Vor einem Jahre noch hätte ich<lb/>Eäcilie wieder entbehren lernen
können. Jetzt weiß<lb/>ich nicht, wie ich leben soll, ohne sie zu sehen; und
ich<lb/>habe ihrem Vater doch mein Wort darauf gegeben, sie<lb/>ganz zu
meiden, wenn ich meines Vaters Einwilligung<lb/>zu unserer Verbindung nicht
erhalte.!<lb/>Sein Freimuth gewann mich ihm zum ersten Male<lb/>völlig. Ich
sagte, seines Vaters Zustimmung werde er<lb/>nicht erreicen.<lb/>, Für das
Erste ganz gewiß nict!' entgegnete er.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0216_209.tif" n="215"/>
<p>29<lb/>, Und was denken Sie zu thun?<lb/>,Was mein Vater that, als man ihm
meiner<lb/>Mutter Hand versagte. Ich werde warten.!<lb/>,Aber Fräulein
Cäellie?<lb/>,Sie kennen Cäcilie, und thun diese Frage!r<lb/>tadelte er
mich. ,Ich bin ihrer sicher wie meiner<lb/>selbst.<lb/>Ich wendete ein, daß
Cäciliens Eltern mit diesem<lb/>Warten nicht einverstanden sein
dürften.<lb/>Glamor schwieg eine geraume Zeit, dann sprach<lb/>er: ,Ich
schätze die Eltern, ich habe vor dem Kom-<lb/>merzienrath eine wirkliche
Verehrung, und Leonhard<lb/>ist ein lieber Mensch, aber--' er unterbrach
sich, und<lb/>meinte dann: , Sie glauben nicht, oder vielleicht
wissen<lb/>Sie es auch, wie ein Mensch plötzlich ernsthaft werden<lb/>kann,
wenn ein ernsthaftes Empfinden über ihn kommt,<lb/>und wenn er dadurch
gezwungen wird, seine Augen<lb/>fest auf einen bestimmten Punkt zu richten.
Ich habe,<lb/>seit ich weiß, daß ich von Cäeilie nicht lassen kann,<lb/>erst
eingesehen, daß ich bis dahin nicht allzu viel werth<lb/>gewesen bin. Abg
ich habe seitdem auch die Anderen<lb/>strenger und gerechter beurtheilen
lernen; und was es<lb/>mit dem Begehren der Menschen nach Rang und<lb/>anny
Lewald. Helmar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0217_210.tif" n="216"/>
<p>N<lb/>Stand auf sich hat, selbst Derer, die sich das Ansehen<lb/>geben, gar
keinen Werth darauf zu legen, das habe<lb/>ich nun auch erfahren. Cäcilie
und die Wollmanns<lb/>schätzen den Besitz des Adels, und der Stellung,
welche<lb/>er verleiht, reichlich so hoch als mein Vater, der wieder<lb/>ihn
viel höher schätzt, als meine Mutter.?<lb/>, Und Sie, Herr von
Marville?<lb/>,Wie können Sie mich das erst fragen? Ich<lb/>stamme
mütterlicherseits von einer langen Reihe ehren-<lb/>werther Ahnen ab. Mein
Vater hat seinen Adel durch<lb/>großes persönliches Verdienst erworben, ich
bin Offi-<lb/>zier, und will in den Garden meinen Weg machen.<lb/>Ich finde
es sehr natürlich, wenn mein Vater meine<lb/>Heirath mit einer Bürgerlichen,
und obenein mit Cä-<lb/>eilien, als nicht zulässig erachtet. Ich würde es
ja<lb/>auch nicht mögen, wenn meine Schwester sich einen<lb/>Mann erwählte,
der sie herabzusteigen nöthigt, aber =<lb/>Wie ein kaltes Eisen fuhren mir
die Worte durch<lb/>die Brust. Ich konnte mich kaum halten, ihm
nicht<lb/>zuzurufen: Und doch! ich hab' schön Rothtraut's Mund<lb/>geküßt!
--<lb/>Aber das Siegel des Kusses, den sie freiwillig mir<lb/>geboten,
schloß mir die Lippen, während ich mich un-<lb/>willkürlich fragte, was
würde geworden sein, wenn ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0218_211.tif" n="217"/>
<p><lb/>sie festgehalten hätte in jener zauberischen Stunde?<lb/>wenn wir
gewartet hätten, wie Clamor und Cäeilie<lb/>warten wollen? =- Rasch, wie er
mir gekommen war,<lb/>scheuchte ich den Gedanken von mir zurück. Sie
war<lb/>verlobt, sie war, sie glaubte sich glücklich, der Graf,<lb/>ihre
Eltern waren es mit ihr, mochten sie es bleiben.<lb/>Ihren Frieden
anzutasten, stand mir nicht zu, mein<lb/>thörichtes Begehren durfte nicht
ihre Ruhe stören.<lb/>Elamor fragte, was ich denke.<lb/>,Es fällt mir auf,!
entgegnete ich, ,daß Sie<lb/>Anderen, daß Sie Ihrer Schwester eine Freiheit
nicht<lb/>zuerkennen, die Sie doch für sich selbst in Anspruch<lb/>nehmen
!<lb/>,Sie irren! sprach er, , der Fall ist ganz ver-<lb/>schieden. Ich
verlange für mich Nichts, als was mein<lb/>Vater von meinem Großvater
verlangte, und weniger<lb/>als das, denn meine Mutter befand sich in dem
Falle<lb/>meiner Schwester, und nicht in dem meinen, auch nach-<lb/>dem mein
Vater in den Adel erhoben worden war.<lb/>Sie hatte einen alten, schönen
Namen gegen einen neuen<lb/>einzutauschen, wenn schon sie, wie die
Verhältnisse es<lb/>mit sich brachten, den alten Namen auf ihren
Gatten,<lb/>und auf ihre Kinder übertragen konnte. Cäciliens<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0219_212.tif" n="218"/>
<p>el?,<lb/>Aufnahme in unser Haus ändert aber an unserem<lb/>Namen, und an
unseren Verhältnissen durchaus nichts.-<lb/>1<lb/>Unsere Güter sind kein
Majorat, und Cäeilie ist reich.<lb/>l<lb/>Das wird mir freilich bei den
Eltern gar nichts nützen,<lb/>und es wird mir hart ankommen, vor den Eltern
bis<lb/>nach dem Feste den Gleichmüthigen, den Fröhlichen zu<lb/>ich ihm,
daß ich ihn und Cäellie längst errathen, und<lb/>der Welt, ein Wohlgefallen
von ihrer, eine Galanterie<lb/>Gäcilie wußte, daß sie dem Sohne eines der
großen<lb/>französischen Finanzbarone so gut wie versprochen war,<lb/>und
hatte nichts dagegen. Sie hatte immer viel Vor-<lb/>liebe für Paris, für die
dortigen Salons gehegt, und<lb/>der Vater, der sie stets üur seine kluge
Tochter zu<lb/>nennen liebte, traute ihr nicht die Thorheit zu,
aus<lb/>romantischer Liebe das alte, plumpe Schloß, die alte<lb/>Ritterburg
eines Landedelmannes von altem Adel mit<lb/>t<lb/>l<lb/>l<lb/>hört. ,Es war
am Anfang das harmloseste Spiel pon<lb/>von meiner Seite. Die Eltern ließen
sie ruhig gehen.<lb/>t<lb/>l<lb/>Leonhard schon lange einmal befragt hätte,
was aus<lb/>,Viel Scharffinn,! meinte er, ,hat dazu nicht
ge-<lb/><lb/>1<lb/>Wie dann ein Wort das andere gab, bemerkte<lb/>ihrer
Liebe werden würde.<lb/>l<lb/>l<lb/>spielen. Die Reise ist ein schwerer
Gang. Unser Fa-<lb/>milienleben, unsere Eintracht waren nie getrübt bis
jezt!?<lb/><lb/>1<lb/>l<lb/>l<lb/>v<lb/>l<lb/>t<lb/>t<lb/>l<lb/>t<lb/>t<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0220_213.tif" n="219"/>
<p>u<lb/>dem neugebackenen Baronialhotel in der Chaussee<lb/>d Antin vertauschen
zu wollen.-- Und als wir dann<lb/>kamen, als das Unerwartete geschehen war,
als. wir<lb/>erklärten, daß wir nicht von einander lassen würden,<lb/>da
=-<lb/>,Nun da? fragte ich.<lb/>Glamor lachte, aber es kam ihm nicht vom
Herzen.<lb/>,Da, sagte er, ,standen sie da, als wären sie<lb/>bisher mit
göttlicher Blindheit geschlagen gewesen. Da<lb/>standen sie plötzlich vor
mir, Vater und Mutter, be-<lb/>waffnet mit dem Stolze ihres bürgerlichen und
jüüdischen<lb/>Bewußtseins. Nie und nimmer, hieß es, solle
Cäcilie<lb/>eintreten in eine Familie, in der sie nicht mit
offenen<lb/>Armen empfangen würde, und- nun das Nebrige<lb/>versteht sich
von selber. -- Wir haben heut Abschied<lb/>genommen, voraussichtlich für
lange Zeit. Ich werde<lb/>zu Hause thun, was meine Pflicht ist. Ich weiß,
daß<lb/>ich für jetzt Nichts erreichen werde, bin auch weit ent-<lb/>fernt,
thörichte oder gewaltsame Entschlüsse zu fassen,<lb/>die mir weder von der
eien noch von der andern<lb/>Seite nützen würden. Wir werden eben warten;
sieben<lb/>Jahre lang, wenn's nöthig wäre, wie mein Vater auf<lb/>meine
Mutter; oder,'! setzte er mit einem Scherze hinzu,<lb/>den er sich selbst
auf Kosten der Geliebten nicht ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0221_214.tif" n="220"/>
<p>N1<lb/>sagen konnte, , oder, um in den Traditionen meiner<lb/>künftigen
Familie zu bleiben, wie Jakob auf die schöne<lb/>Rahel!'<lb/>Wir gingen
schweigend neben einander her, Jeder<lb/>in seine Gedanken vertieft, die
sich auf einem Punkt<lb/>doch nahe genug berührten. Plötzlich, als wir
nahe<lb/>schon an seiner Wohnuung waren, sagte er: ,Vielleicht<lb/>kommt
Ihnen das auch wieder wie ein Hochmuth vor,<lb/>und ich leugne es ja auch
keineswegs, daß ich ein<lb/>Aristokrat, und sehr zufrieden bin ein solcher
zu sein.<lb/>Für mich liegt ein gar großer Reiz darin, durch<lb/>meinen
bloßen Willen einem Mädchen, das ich liebe,<lb/>und das mich dessen werth
dünkt, den Adel verleihen<lb/>zu können, als wäre ich der König.- Ich
will's!<lb/>und Cäeilie Wollmann ist Frau von Waldern»Mar-<lb/>ville für
Zeit nd Ewigkeit, vor König, und vor<lb/>Kaiser, vor Gott, und aller Welt.
Wie mich das ver-<lb/>lockt! wie mir das gefällt! Frau von
Waldern-Mar-<lb/>ville von Clamor's Gnaden!''<lb/>Seine gute Laune, seine
Zuversicht kehrten ihm<lb/>bei der Vorstellung zurück. Wir standen vor
seiner<lb/>Wohnung, er bot mir mit einem Händedrucke Lebe-<lb/>wohl und gute
Nacht.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0222_215.tif" n="221"/>
<p>,chhsehnles ,apitel.<lb/>Wenige Zeit nachher erhielt man auf
Veranlafsung<lb/>des Grafen in dem Hause des Kommerzienraths
die<lb/>Nachricht von des Grafen Verlobung mit der einzigen<lb/>Tochter des
Generals von Waldern»Marville. Clamor<lb/>kam zu seinem Regimente zurück. In
der Familie<lb/>Wollmann erschien er nicht wieder und man vermied<lb/>es
auch, von ihm zu sprechen.<lb/>Mir hatte Frau von Marville mit großer
Freude<lb/>für das Kinderbild von Dora gedankt, das ich ihr<lb/>zum
Hochzeitsjubiläum gemalt, und der Graf hatte<lb/>mich zu sich bitten lassen,
um mir seine Zufriedenheit<lb/>mit dem für ihn bestimmten Bilde seiner Braut
aus-<lb/>zusprechen. Er richtete mir von seinen
künftigen<lb/>Schwiegereltern Grüße aus, Dora's erwähnte er
nicht<lb/>weiter. Mir war das sehr erwünscht, denn ihm gegen-<lb/>über
fühlte ich mich nicht frei von Schuld.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0223_216.tif" n="222"/>
<p>1<lb/>Die alljährliche Badereise der Kommerzienräthin<lb/>wurde diesmal
früher angetreten als gewöhnlich. Man<lb/>wollte es Cäeilien ersparen,
Clamor immer und immer<lb/>wieder -zu begegnen. Er war um seine
Rückversetzung<lb/>nach Potsdam eingekommen, wie er mir sagte.
Nur<lb/>einmal und mit wenig Worten erwähnte er gegen mich,<lb/>daß es
zwischen ihm und seinen Eltern, als er ihnen<lb/>von seinen Wünschen
gesprochen, gerade so gekommen<lb/>sei, wie er es vorausgesehen habe. Sein
Vater habe<lb/>auf seine Weise Recht, weil er seine Liebe für
Cäeilie<lb/>nur als eine leicht vorübergehende Neigung betrachte.<lb/>Es sei
nun an Cäcilien und an ihm, durch ihr Be-<lb/>harren die Eltern von dem
Gegentheil zu überführen,<lb/>und das dächten sie zu thun; denn sein Kopf
und sein<lb/>Herz wären ebenso fest als seines Vaters und seiner<lb/>Mutter
Herzen es gewesen wären. -- Es lag etwas<lb/>Charaktervolles in der Ruhe und
Fassung, mit welcher<lb/>er die Sache ansah, die doch seine Zukunft in
sich<lb/>schloß. Ich bekam Respekt vor ihm. Aus dem Knaben,<lb/>der seine
Herrschsucht an uns Andern ausgelassen, war<lb/>ein Mann geworden, der sich
zu beheirschen, sich zu<lb/>meistern gelernt hatte.<lb/>Im August wurden die
Preisvertheilungen der<lb/>Akademie bekannt, ich erhielt mein Stipendium
für<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0224_217.tif" n="223"/>
<p>e<lb/>drei Jahre. Leonhard und ich hatten unsere begonnenen<lb/>Arbeiten
rechtzeitig beendet, in den ersten Tagen des<lb/>Septenber brachen wir gen
Süden auf. Um Weih-<lb/>nachten waren wir in Rom und trafen dort mit
Ihnen<lb/>und mit Ihren Freunden, wie Sie sich's vielleicht<lb/>entsinnen
werden, zum ersten Male in der Kinderpredigt<lb/>in Arra Coeli zusammen. Sie
wissen es auch, wie<lb/>der erste römische Winter mir hingegangen ist;
und<lb/>viel anders ist es auch nachher nicht für mich in
Rom<lb/>geworden.<lb/>Die Natur des Südens, die Eigenartigkeit,
Zas<lb/>Großartige in der Erscheinung und in dem Gebahren<lb/>des Volkes,
der Rückblick auf eine lange, gewaltige<lb/>Vergangenheit ergriffen mich
mächtig. Ich konnte<lb/>nur staunen und denken; aber arbeiten konnte ich
nicht.<lb/>Und als ich das Gefühl der Neberwältigung durch das<lb/>Frende in
mir überwunden hatte, fand ich, daß die<lb/>südliche Natur und ihre Menschen
mir nicht zum<lb/>Herzen sprachen.<lb/>Ich kopirte in den Galerieen, aber
nicht die alten<lb/>Italiener, sondern die Niederländer, wo ich von
ihnen<lb/>etwas fand. Die Campagna fand ich nicht schön. Ihre<lb/>Dede
machte mich schwermüthig, machte mich sehnsüchtig<lb/>nach unseren Wäldern
und Wiesen, nach den Bächen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0225_218.tif" n="224"/>
<p>8<lb/>die unsere Felder wässerten. Neben den stolzen Ge-<lb/>stalten der
Römerinnen dachte ich an die schlanken<lb/>Mädchen unserer Heimat, wenn ich
überhaupt an etwas<lb/>Anderes dachte als an sie, die jetzt des Grafen
Frau<lb/>war und in Berlin an seiner Seite lebte.<lb/>Meine Genossen,
Leonhard an ihrer Spitze, lachten<lb/>mich aus. Ihm waren diese Südländer
eine vertraute<lb/>Rasse, sie glichen den Frauen, mit denen er
zumeist<lb/>verkehrt hatte, er kam rasch in's Malen, rasch
in's<lb/>Komponiren, er war am rechten Platz in Rom. Ic<lb/>hingegen kam
sehr bald zu der Neberzeugung, daß meine<lb/>Reise nach Jtalien eine
Wildegansfahrt gewesen sei.<lb/>Ic lernte erkennen, daß zwwischen den
Ländern und den<lb/>Menschen, die nicht in ihnen geboren sind,
bestimmte<lb/>Sympathieen und Antipathieen obwalten; daß nicht<lb/>Jeder für
jedes Land das rechte Herz und das rechte<lb/>Verständniß mitbringt; und daß
ehrliche Naturen sich<lb/>mit dem besten Willen nicht dazu zwingen
können,<lb/>sich künstlerisch einzuleben in ein ihnen fremdes
Element.<lb/>Ich probirte Dies, probirte Jenes! Es hatte nicht<lb/>Hand
nicht Fuß. Die neuen römischen Bekannten und<lb/>Freunde, die von mir, weil
ich den Preis gewonnen<lb/>und weil man ihnen auch Gutes von mir gesagt
hatte,<lb/>doch irgend etwas Haltbares zu sehen erwarteten,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0226_219.tif" n="225"/>
<p>19<lb/>wurden bei meinen mißglückenden Versuchen irre an<lb/>mir; und
nachgerade wurde ich es selber. Da entschloß<lb/>ich mich eines Tages
endlich, mich um meine äußere<lb/>Umgebung gar nicht zu bekümmern und aus
mir<lb/>heraus zu malen. was mir in der Seele lebte. Und<lb/>nun
ging's!<lb/>Sie kennen das Bild. Unter dem Eichbaum ruht<lb/>die schöne
Königstochter von der Jagd, der Edelknappe<lb/>liegt ihr zu Füßen, die Augen
liebevoll erhoben zu<lb/>ihrem ihn anlächelnden, in Lebensfreude
erstrahlenden<lb/>Gesicht.<lb/>Auch davon hatte Helmar wieder eine Skizze
in<lb/>das Manuskript gezeichnet und darunter die folgenden<lb/>Verse aus
Mörikes Ballade: , Schön Rohtraut' ge-<lb/>schrieben:<lb/>,Einstmals sie
ruhten am Eichenbaum,<lb/>Da lacht schön Rohtraut.<lb/>,as siehst mich an so
wunniglich?<lb/>Wenn du das Herz hast, klfse mich!-<lb/>Ach, erschrak der
Knabe!<lb/>,och,, denkt er, mnir ist es vergunnt,:<lb/>Ud küsset schön
Rohtraut auf den Mund!<lb/>,Schweig' still, mein Herze!!<lb/>Darauf sie
ritten schweigend heim,<lb/>Rohtraut, schön Rohtraut;<lb/>Es jauchzt der
Knab' in seinem Sinn:<lb/>,lnd würd'st du heute Kaiserin,<lb/>Mich sollt's
nicht kränken;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0227_220.tif" n="226"/>
<p>Ae<lb/>Ihr tausend Blätter im Walde wißt:<lb/>Ich hab' schön Rohtraut's Mund
geküßt!<lb/>- T O :?-- - - -<lb/>Meissonier, hieß es dann weiter. Aber
zwwingen Sie<lb/>Vernet, den Bibliophilen oder die Schachspieler
wie<lb/>Meissonier zu malen, oder geben Sie es diesem auf,<lb/>das Bild von
der Smala darzustellen, so wird der<lb/>Eine wie der Andere nichts
Vernünftiges zuwege<lb/>bringen. Es sieht Jeder nur, was er mit seinen
Augen<lb/>zu sehen geschaffen ist, es nährt sich Jeder in gewissem<lb/>Sinne
von seinem eigenen Herzblut. Manch' liebes<lb/>Mal habe ich vor den
vielgepriesenen, mächtigen Augen<lb/>der Römerinnen gestanden und das
Goethe'sche Lied<lb/>vor mich hingesummt, das ich von Cäcilie hatte
singen<lb/>hören: , Nugen, sagt mir, sagt, was sagt ihr?-<lb/>Ich und mein
blondes Haar gefielen ihnen besser,<lb/>als sie mir. Das Letztere war gut
für mich; aber<lb/>wohl und warm um's Herz ward mir's doch erst<lb/>wieder,
als ich mich nicht mehr damit plagte, die<lb/>vielgepriesenen römischen
Frauen und Volksszenen zu<lb/>malen, als ich wieder ein urdeutsches Motiv,
das<lb/>romantische Schön Rohtraut, auf der Leinwand vor<lb/>mir
hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0228_221.tif" n="227"/>
<p><lb/>AAu<lb/>Rohtraut zu malen, wie sie mir im Herzen lebte,<lb/>das durfte
ich nicht wagen, und doch sahen sehr bald<lb/>ihre Augen mich aus dem Bilde
an, und mit jedem<lb/>Pinselstriche sagte ich mir: Und wenn Keinem
mein<lb/>Bild gefallen sollte, wenn Niemand es versteht, Eine<lb/>wird es
sehen mit meinen Augen, Eine wird es ver-<lb/>stehen, was es ihr sagen will,
das Bild vom Knaben<lb/>und der schönen Königstochter. Eine wird wissen,
was<lb/>sie bedeuten die Worte: , Schweig' still, mein Herze!?<lb/>welche
ich in schönen gothischen Lettern in den Rahmen<lb/>des für die
Kunstausstellung bestimmten Bildes schnitzen<lb/>ließ- also -- Schweig'
still, mein Herze!<lb/>Sobald ich wieder, wußte, was ich wollte vor
der<lb/>Staffelei, war ich geborgen. Innerlich schwankend<lb/>kann man ja
nichts schafen, denn alles Schaffen ist ein<lb/>voller, freudiger Erguß des
selbstbewußten Willens in<lb/>das Werk. Oder können Sie sich unsern lieben
Herr-<lb/>gott denken, wenn er, über den Wassern schwebend, -.<lb/>erst
überlegen müßte, wie er es mache, Himmel und<lb/>. Erde zu scheiden?-- Heute
noch steckten wir in dem<lb/>Urbrei, an den die Gelehrten uns glauben
machen<lb/>wollen! Und meinen ganzen römischen Aufenthalt hätte<lb/>ich
verloren, wäre ich nicht zurückgekehrt zu meinem<lb/>innern Müssen, zu mir
und meiner Liebe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0229_222.tif" n="228"/>
<p>A<lb/>Von da ab glückte mir Alles! Und seit ich sie<lb/>nict mehr malen
wollte. gefielen mir auch Land und<lb/>Leute; und das Leben in der großen
internationalen<lb/>Künstlergemeinde ward mir zum förderlichen
Sporn.<lb/>Alle Vierteljahre schrieb ich, nach alter Gewohn-<lb/>heit, an
Frau von Marville. Von ihr erfuhr ich, daß<lb/>Elamor einem der jüngeren
Prinzen beigegeben sei, daß<lb/>der Graf ein vor dem Thore gelegenes Haus
gemiethet<lb/>habe, um Dora in der guten Jahreszeit den Aufenthalt<lb/>im
Freien so wenig als möglich entbehren zu lassen.<lb/>Sie rühmte Dora's
Wohlbefinden und ihre Freude an<lb/>dem Leben in der Welt; und ich sagte
mir, daß der<lb/>Grääfin Glück mich freue, wie man sich das sagt und<lb/>wie
man sich darüber freut.<lb/>Auch Cäcilie erwähnte der Gräfin, Clamor's
schöner<lb/>Schwester, in den Briefen an Leonhard, die ich fast<lb/>immer zu
lesen bekam, da er mich in die Verhältnisse<lb/>der Liebenden eingeweiht
wußte. Sie schrieb, daß der<lb/>Graf, wie sie es anders nicht erwartet
hätten, sich um<lb/>Clamor's willen mit seiner Frau von ihrem
Vater-<lb/>hause fern halte, daß sie ihr jedoch freundlich be-<lb/>gegnet
wären, als man sich am dritten Orte getrofen<lb/>habe. Sie äußerte dabei,
daß Dora neben dem Grafen.<lb/>sehr jung erscheine, aber ein ungewöhnlich
sicheres und-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0230_223.tif" n="229"/>
<p>N<lb/>bestinuntes Wesen zeige. Sie hatte zu Cäcilien gesagt,<lb/>sie habe
durch ihren Bruder und durch mich viel von<lb/>ihr gehört, und hatte sich
erkundigt, ob sie in Brief- -<lb/>wechsel mit mir stehe und Nachricht von
mir habe?<lb/>, Und grüßen hat sie mich nicht lassen? fragte<lb/>ich
Leonhard.<lb/>,Davon schreibt Cäcilie nichts!' entgegnete er mir<lb/>und
reichte mir das Blatt hin.<lb/>Ich nahm den Brief und sah die Stelle an,
auf<lb/>der mein Name stand. Es war kein Gruß dabei -<lb/>und wem gewährt
man einen solchen aus der Ferne,<lb/>nicht! Ich war betrübt
darüber.<lb/>Aber die Liebe braucht, wie des Epheus treu aus-<lb/>dauerndes
Geranke, wenig Erdreich, Leben und Nahrung<lb/>daraus zu ziehen. Sie ist
erfinderisch, weil sie glücks-<lb/>bedürftig ist, und gerade aus meiner
Enttäuschung<lb/>blühte mir mein Liebesglaube neu hervor. Daß sie.<lb/>mir
keinen Gruß gesendet, daß sie schwieg, das bewies<lb/>mir ihr Gedenken, das
bürgte mir für ihr Erinnern.<lb/>Und was konnte ich mehr erwarten, mehr
verlangen,<lb/>von des Grafen Frau?<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 19</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0231_224.tif" n="230"/>
<p>.eunsehnles ,Kapilel.<lb/>Währenddessen, während der Jahre, in
welchen<lb/>Leonhard und ich inmitten der anderen Künstler in
Rom<lb/>fröhlich am Tage den Tag durchlebten und gelegentlich<lb/>auch die
Nacht zum Tage machten, war die Welt um<lb/>uns her in Aufregung gerathen,
ohne daß man es<lb/>sonderlich beachtet hätte; bis dierevolutionäre
Bewegung.<lb/>von welcher Europa ergriffen worden, auch in Rom<lb/>zum
Ausbruch kam. Viele der Künstler verließen<lb/>Jtalien, um theils
freiwillig, theils durch ihre Ver-<lb/>hältnisse dazu genöthigt, in ihre
Heimat zurückzukehren.<lb/>Leonhard's Vater wie die meisten der reichen
Leute,<lb/>gewaltsamen politischen Umgestaltungen abgeneigt,
über-<lb/>redete den Sohn, den keine bestimmten Pflichten nach<lb/>Hause
riefen und den er von der politischen Aufregung<lb/>fern zu halten wünschte,
in Rom zu bleiben; und die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0232_225.tif" n="231"/>
<p>LK<lb/>Vielfarbigkeit des Lebens, die dort in jener Bewegung<lb/>noch mehr
als sonst hervortrat, machte es Leonhard<lb/>lieb, sich dem Willen seines
Vaters zu figen. Ich<lb/>aber, den seine militärische Dienstpflicht zur
Heimkehr<lb/>genöthigt haben würde, erhielt von Seiten der Akademie<lb/>die
Weisung, meine Studien nicht zu unterbrechen, da<lb/>man mir bis zum Ablauf
meines Stipendiums einen<lb/>Urlaub erwirkt hatte. Zunächst also blieben wir
Beide,<lb/>wo wir waren. Indeß die rechte Ruhe hatte ich nicht<lb/>mehr in
der Fremde, und als eben in der Zeit mich<lb/>die Nachricht von meines guten
Vaters Tod erreichte,<lb/>ward mir das Verweilen jenseits der Alpen
immer<lb/>schwerer.<lb/>Der Bruder, der mir unseres Vaters Ableben
ge-<lb/>meldet, sagte, der gute Vater hätte nicht viel gelitten.<lb/>Der
Pfarrer und Frau von Marville schrieben mir<lb/>ebenfalls, und der Erstere
rühmte die ruhige Ergebung,<lb/>mit welcher die Mutter ihres Weges gehe. Ich
durfte<lb/>nicht daran denken, nach Preußen, nach Hause zu reisen,<lb/>denn
ich war dort überflüssig ganz und gar; und doch<lb/>nützte mir es nichts, in
Rom noch länger zu verweilen.<lb/>Ec wurde immer unruhiger um uns her, man
fühlte<lb/>den Boden unter seinen Füßen wanken, wo man sich<lb/>auc befand;
und so wenig ich eine Stütze oder einen-<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0233_226.tif" n="232"/>
<p>Ae<lb/>Halt an meinem guten Alten besessen hatte, kam ich<lb/>mir, nun ich
keinen Vater hatte, auf der Erde wie<lb/>entwurzelt, wie verloren und
verlassen vor. Ich sehnte<lb/>mich von der Stelle fort, auf der ich mich
befand, und<lb/>wußte doch, daß ich nichts Anderes für mich
finden<lb/>würde, wohin ich mich auch wendete.<lb/>Ich hatte mich mein
Lebenlang um die politischen<lb/>Vorgänge nicht gekümmert; und wenn Sie das
unrecht<lb/>finden, so habe ich dies Geständniß zu meiner
Schande<lb/>gemacht. Jetzt beunruhigten mich die Kämpfe gegen<lb/>die
Erhebung, als hätte ich wer weiß welchen Antheil<lb/>an ihr genommen. Es war
eine mir selbst unerklärliche<lb/>Unruhe, die mich ergriffen hatte. Ich
konnte die An-<lb/>kunft der Zeitungen nicht erwarten. Die
Nachrichten<lb/>von dem dänisch-holsteinischen Kriege, von den
Kämpfen<lb/>in Dresden, in Baden, in Westphalen nahmen mir<lb/>die Gedanken
an die Arbeit. Ich konnte mir mein<lb/>Vaterland, das vom Bürgerkrieg
zerrissen war, nicht<lb/>mehr aus dem Sinne schlagen. Ich wußte mich
selbst-<lb/>ständig genug, um meines Stipendiums, Dank meiner
Ar-<lb/>beiten, die ich gut verkauft hatte, fortan entrathen zu<lb/>können;
ich beschloß also, nach Deutschland zurück-<lb/>zukehren, als Leonhard
plötzlich vom römischen Fieber<lb/>ergriffen ernstlich erkrankte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0234_227.tif" n="233"/>
<p>A<lb/>Die Franzosen waren bereits in Eivitavecchia ge-<lb/>landet, die
Belagerung von Rom stand bevor, es galt,<lb/>den Kranken fort und so rasch
als möglich über die<lb/>Alpen zu schaffen. Mein Wunsch, Italien zu
verlassen,<lb/>traf mit meiner Pflicht gegen meinen kranken Freund
-<lb/>zusammen. Ich geleitete ihn in kurzen Tagereisen vor-<lb/>sichtig nach
Bern, wohin seine Mutter gekommen war,<lb/>ihn zu sehen und zu pflegen.
Cäcilie, die sie hatte<lb/>begleiten sollen, war nicht bei ihr. Verwundert
dar-<lb/>über, weil die Mutter nie allein die Heimat verlassen<lb/>hatte,
war unsere erste Frage nach Cäcllie. Die Mutter<lb/>sagte, sie sei bei dem
Vater geblieben, aber sie sah<lb/>bekümmert aus, als sie das gusspräch.
Leonhard ver-<lb/>muthete so wie ich, daß dem Vater ein Unheil
zugestoßen<lb/>wäre, die Mutter versicherte mit Bestimmtheit, daß
er<lb/>sich wohl befinde, völlig wohl; und doch traute ich<lb/>ihrem Worte
nicht, obschon Leonhard sich davon be-<lb/>ruhigen ließ.<lb/>Als er am
Abende zur Ruhe gegangen war und<lb/>ich die Mutter noch auf die Terrasse
des Hauses<lb/>hinausführte, fragte ich fie nach ihrem Gatten.<lb/>,Mein
Mann ist wohl,? sagte fie,,aber es hat<lb/>uns ein schwerer, ein furchtbar
schwerer Schlag ge-<lb/>tH<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0235_228.tif" n="234"/>
<p>s<lb/>troffen.? Sie biß die Lippen im Scmerz zusammen<lb/>und die Thränen
traten ihr in die Augen. , Cäcilie<lb/>ist von uns gegangen!'' sagte sie mit
bebender Stimne.<lb/>, Cäeilie ist todt? rief ich erschreckend.<lb/>,
Gottlob, nein! gottlob, das ist es nicht! Aber<lb/>einen Tag vor meiner
Abreise ist sie ohne unsere Er-<lb/>lauhniß und, wie Sie denken können, sehr
gegen unsern<lb/>Willen heimlich von uns fortgegangen.!<lb/>, Mit Clamor!''
fragte ich, in meiner Bestürzung<lb/>es vergessend, daß er im Felde
stand.<lb/>Die Mutter schüttelte traurig das Haupt.<lb/>, Fast möchte ich
wünschen, es um seinetwillen<lb/>wünschen, es wäre so! Nicht mit ihm, zu ihm
ist sie<lb/>gegsngen; und so unglücklich es uns wacht, wie kann<lb/>ich's
ihr verdenken? Nur daß sie ohne ein Wort zu<lb/>uns, daß sie heimlich
fortgegangen ist, das ist so bitter,<lb/>das thut wehe!' Ihre Thränen
unterbrachen sie, aber<lb/>fühlend, daß sie mir die Erklärung schuldete,
sagte -<lb/>,llanor ist bei Fridericia schwer verwundet worden.<lb/>Man hat
ihn nach Altona in eines der dortigen<lb/>Hospitäler gebracht. Eine Freundin
von uns, von<lb/>Eäcilien besonders, steht demselben vor. Sie hat es<lb/>ihr
geschrieben, Clamor verlange nach ihr, wolle sie<lb/>noch einmal sehen- und
sie ist gegangen noch an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0236_229.tif" n="235"/>
<p><lb/>demselben Abend. Sie hatte uns gesagt, sie wolle den<lb/>Nachmittag in
der Stadt bei meiner Schwester zu-<lb/>bringen, sich von dort am Abende
wieder nach Hanse<lb/>schicken lassen. Der Abend kam, es wurde spät,
sie<lb/>blieb aus. Wir sendeten den Wagen in die Stadt.<lb/>Er kam ohne sie
zurück. Stellen Sie sich unser Er-<lb/>schrecken, unsern Zustand vor! Fn
ihrem Zimmer<lb/>fanden wir den Brief, der uns das Geschehene
erklärte.<lb/>Sie hatte Alles rasch und klug berechnet, hatte mit
-<lb/>großer Voraussicht all' die Zeit gehandelt und ge-<lb/>schwiegen. Ach
und ein Herz und ein Kopf wie die<lb/>ihren sind ja nicht znm zwweiten Male
bei einem<lb/>Mädchen anzutreffen.!<lb/>,Sie wird Ihren Widerstand
gefürchtet haben!-<lb/>bedeutete ich tröstend.<lb/>,Hätten wir sie denn
gehen lassen dürfen? fiel<lb/>mir die Mutter lebhaft ein. ,Durften wir in
Clamor's<lb/>Eltern den Glauben aufkommen lassen, daß wir<lb/>unser Kind in
solcher Weise handeln, sich preisgeben<lb/>ließen, um sie vielleicht dadurch
einer Familie aufzu-<lb/>drängen, die sich zu gut glauht, unsere Tochter
aufzu-<lb/>nehmen?-- Wir büßen ohnehin die Freiheit und das<lb/>Zutrauen
hart genug, die wir ihr von jeher im<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0237_230.tif" n="236"/>
<p>7<lb/>Glauben an ihre ruhige Besonnenheit gewährten. Mein<lb/>Mann=-<lb/>,
Und Frau von Marville? ist sie nicht bei ihrem<lb/>Sohne? fragte ich in
Sorge um meine Wohlthäterin.<lb/>,Wie kann ich's wissen, da ich an dem
nächsten<lb/>Tage auf die Reise ging? Aber Frau von Marville<lb/>wird die
Gräfin nicht verlassen können,! sagte die<lb/>Kommerzienräthin.<lb/>Ein
neuer Schrecken bemächtigte sich meiner. Ich<lb/>fragte, ob die Gräfin krank
sei.<lb/>,Wissen Sie denn gar nichts? Haben Sie denn<lb/>die Berliner
Zeitungen während Ihrer Reise nicht ge-<lb/>sehen?- rief Frau Wollmann. ,Der
Graf ist ja<lb/>gleich bei Beginn der Schlacht vor Fridericia
ge-<lb/>gefallen, wenige Stunden, ehe Clamor verwundet<lb/>worden. Die
Zeitungen haben es ja gemeldet. Ich<lb/>las es unterwegs.-- Die armen Leute!
Der General,<lb/>der in Berlin gewesen sein muß, soll gleich
abgereist<lb/>sein, um für die Neberführung der Leiche zu sorgen.<lb/>Er
wird sich natürlich auch zu dem Sohn begeben<lb/>haben, Cäcilie wird ihm
dort begegnet sein. Aber<lb/>noch weiß ich selber nichts! Mein Mann ist an
dem<lb/>Tage, an dem ich Abends nach der Schweiz glng,<lb/>früh nach Hamburg
gefahren, um die Tochter womög-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0238_231.tif" n="237"/>
<p>81<lb/>lich zurück und hierher zu bringen. Ich kann noch<lb/>keine Nachricht
haben. Nichts weiß ich, als was<lb/>Eäeilie uns vor der Abreise geschrieben
hat. Es ist<lb/>eine Verwicklung, die entsetzlich ist! Es versteht
sich,<lb/>daß Leonhard für das Erste durchaus nichts davon<lb/>erfahren
darf. Hören Sie, Helmar, nichts! durchaus,<lb/>e!<lb/>nichts. ! -- Ihre
Thränen flossen auf's Neue. ,Stellen<lb/>Sie sich's vor, klagte sie, ,zwei
so glückliche Familien!<lb/>Wir und die Marvilles! beide so schwer getroffen
in<lb/>unseren Kindern. Man denkt es gar nicht aus. Eine<lb/>so gute
Tochter! eine so reine Natur! Ein so kluges,<lb/>verständiges Mädchen, und
solch' eine unselige roman-<lb/>tische Thorheit! Es ist unglaublich'<lb/>Die
gute, vortreffliche Frau hätte noch lange<lb/>sprechen, ihrem Herzen immer
weiter Luft machen<lb/>können, ich hätte sie nicht darin gestört. Ich
hörte<lb/>Alles, was sie sagte, verstand auch ihre Sorge, fühlte<lb/>ihre
Kränkung, aber ich dachte an den prächtigen<lb/>Mann, den Grafen, der mir
ein so gütiger Freund<lb/>gewesen; an Clamor, in seiner Jugendschöne
vielleicht<lb/>auf das Todtenbett hingestreckt; an Clamor's
Eltern,<lb/>meine Wohlthäter; an Cäcilie, die ich liebte und in<lb/>der
Entschlossenheit ihrer Liebe mehr als je bewunderte,<lb/>an die schwierige
Lage, in die sie sich gebracht. An<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0239_232.tif" n="238"/>
<p>2R<lb/>das Alles dachte ich - indes; ich sah nuur sie! Ich<lb/>sah nur Dora
an des Gatten Leiche! So jung und<lb/>schon Wittwe!' So jung - und
frei!<lb/>Ich schauderte vor der hell aufzuckenden Freude,<lb/>die mir bei
der Vorstellung durch das Herz schoß.<lb/>Ich nannte sie eine Sünde, einen
Wahnsinn - ich<lb/>fühlte sie trotzdem.<lb/>Es war mir lieb, daß die
Kommerzienräthin mich<lb/>von mir selber abzog, indem sie mir das von
Cäcilien<lb/>hinterlassene Schreiben zu lesen gab.<lb/>,Verzeiht mir,! hieß
es, ,daß ich ohne Eure<lb/>Erlaubniß handle, da ihr sie mir verweigern
würdet.<lb/>Ich und Clamor haben Euch und seinen Eltern ge-<lb/>horsamt.
Seit zwwei Jahren waren wir getrennt.<lb/>Außer den wenigen Zeilen, in denen
er mir Lebe-<lb/>wohl sagte, als er in das Feld ging, ist kein Wort<lb/>von
ihm zu mir gekommen. Jetzt ruft er mich und<lb/>ich gehe! Ich hatte an die
Möglichkeit Tag und<lb/>Nacht gedacht. Ich konnte ja nichts Anderes
denken.<lb/>Ich hatte Alles dafür vorbereitet, hatte an
unsere<lb/>Freundinnen, die den beiden Hospitälern in Altona<lb/>vorstehen,
geschrieben, und Magdalene gebeten, mich<lb/>es wissen zu lassen, wenn sie
das Geringste von<lb/>Glamor erfahren sollte. Da kam die Nachricht
von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0240_233.tif" n="239"/>
<p>88<lb/>dem Tage bei Fridericia. -,ein Regiment war<lb/>dabei gewesen, die
Zeitungen meldeten, daß es schwer<lb/>gelitten habe. Ihr habt meine Angst
gesehen und<lb/>getheilt. Zwei Tage hielt ich's aus, dann konnte<lb/>ich
nicht weiter. Ich ging in das Haus der Gräfin.<lb/>Es war dort Alles in
Verwirrung. Die Botschaft<lb/>von des Grafen Tode war am verwichenen
Abende<lb/>eingetroffen. Ich fragte, ob man Nachricht von dem<lb/>Lieutenant
Marville habe? Man verneinte es, und<lb/>ich hörte dabei, daß Frau von
Marville schon seit<lb/>mehreren Wochen, ebenso wie der General, bei
ihrer<lb/>Tochter wären. Ich schrieb auf meine Karte, daß<lb/>ich Frau von
Marville anflehe, es mir mitzutheilen,<lb/>wenn sie von ihrem Sohne Kenntniß
erhielte, und<lb/>schickte sie ihr hinein. Sie ließ mich zu sich
bitten.<lb/>Sie wußte nichts von ihm, aber sie umarmte, sie,<lb/>meines
Clamor's Mutter, küßte mich in Thränen<lb/>gebadet. Der General war nach
Holstein ge-<lb/>gangen, die Neberführung der Leiche nach Berlin<lb/>und
nach der Berkowschen Familiengruft auf den<lb/>preußischen Gütern zu
veranlassen. - Es war<lb/>Nachmittag. -- Zu Hause fand ich einen Brief
von<lb/>Magdalenen. ,Heute, so schrieb sie mir, ,st Clamor<lb/>in der Frühe
schwer verwundet zu uns gebracht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0241_234.tif" n="240"/>
<p>284<lb/>worden. Ein Schuß durch die linke Schulter, der<lb/>die Lnge
gestreift hat. Der Fall ist ntcht hoffnungs-<lb/>los, aber schwer und
bedenklich durch großen Blut-<lb/>verlust. Wir sollten Dir's melden. Er
verlangt<lb/>nach Dir. Komm' sofort, wenn Du kannst! Ich<lb/>sorge, daß man
Dich einreiht.-- Es lag Alles<lb/>für den Fall bereit, ich habe Alles, was
ich brauche<lb/>- und ich gehe. Verzeiht es mir! Ich kann nicht<lb/>anders!
Ich gebe Euch Nacricht, sowie ich dort<lb/>bin! n all' meiner Angst und Pein
ist mir besser<lb/>als die Jahre her! Verzeiht mir und lebt wohl!?<lb/>Das
war die ganze Cäeilie. Die Mutter selber<lb/>konnte nicht anders, als sie
bewundern; aber die angst-<lb/>volle Ungeduld, mit welcher fie auf die
Nachrichten<lb/>von ihrem Manne wartete, wuchs von Stunde zu<lb/>Stunde; und
sie ließen lange auf sich warten, sie<lb/>langten erst verspätet an. Die
tiefe Ergriffenheit,<lb/>mit welcher der Kommerzienrath geschrieben, klang
aus<lb/>jedem Worte wieder.<lb/>, Cäcilie hatte, wie er meldete, , Dank den
Maß-<lb/>nahmen ihrer Altonaer Freundinnen sie ohne Hinder-<lb/>niz
erreicht, hatte sofort die Tracht der Kranken-<lb/>pflegerinnen angelegt und
ihre Stelle an des Ge-<lb/>liebten Lager eingenommen. Einen Tag und
eine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0242_235.tif" n="241"/>
<p>285<lb/>Nacht hindurch war sie bereits in seiner Nähe, als<lb/>der General in
dem Hospitale eintraf und zu seinem<lb/>Sohne gefiihrt wurde. Er hatte
Cäeilie nie gesehen.<lb/>Ganz mit seinem Sohn beschäftigt, hatte er die
dienende<lb/>Schwester neben ihm eben nur so viel beachtet, als<lb/>es sich
von selbst gebot. Er hatte fie um ihren Namen<lb/>nicht gefragt, sie hatte
also keinen Anlaß gehabt, sich<lb/>ihm zu nennen. Clamor's Zustand war
gefährlich.<lb/>Er hatte heftiges Fieber, phantasirte lebhaft, rief
nach<lb/>Gäcilie und schien sie in einem lichten Augenblicke<lb/>auch
erkannt zu haben, denn er hielt ihre Hand fest<lb/>in der seinen und suchte
sie ängstlich, wenn er sie in<lb/>seiner Unruhe einmal losgelassen
hatte.!<lb/>Der Kommerzienrath war später, als er es er-<lb/>wartet hatte,
nach Altona gekommen, da die Züge<lb/>durch die Transporte für militärische
Zwecke unter-<lb/>brochen worden waren. Die Stadt war von Truppen,<lb/>von
Kranken überfüllt, in den Gasthöfen kein Unter-<lb/>kommen. Er verlangte die
Tochter noch am Abende<lb/>zu sehen, man verweigerte ihm, da er nicht
dafür<lb/>legitimirt war, der späten Stunde wegen, den Eintritt<lb/>in das
Hospital. Er mußte, ohne sie gesehen zu haben,<lb/>bis zum nächsten Tage
nach Hamburg zurückkehren.<lb/>Am andern Morgen besuchte der General,
dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0243_236.tif" n="242"/>
<p>28e<lb/>man um seiner Uniform willen den Einlaß schon in<lb/>der Frühe
gewährte, abermals den Sohn, der noch<lb/>immer nicht bei Bewußtsein war.
Seine Pflegerin<lb/>saß wie am verwichenen Tage bei ihm. Er fragte,<lb/>ob
sie auch die Nacht bei ihm gewesen sei. Sie be-<lb/>jahte es und gab ihm
Auskunft. Magdalene war<lb/>vorsorgend und vorsichtig dazu gekommen, als sie
den<lb/>General neben der Freundin gesehen hatte. Er konnte<lb/>nicht in
Zweifel darüber sein, daß die Pflegerin seines<lb/>Sohnes, wie die Mehrzahl
der Wärterinnen, der frei-<lb/>willigen Krankenpflege angehöre, und wie er
ihr für<lb/>die Sorgfalt dankte, die sie seinem Sohne angedeihen<lb/>ließ,
hatte er sie gefragt, ob sie schon andere so schwer<lb/>Verwundete gepflegt
habe. Da hatte Cäcilie ihrer<lb/>Natur nach ihn nicht im Ungewissen lassen
können<lb/>über sich.<lb/>,Nein, Herr General, es ist der erste
Verwundete,<lb/>den man mir anvertraut hat. Ich bin erst gestern<lb/>in der
Frühe von Berlin hiehergekommen,! sagte<lb/>sie, , ich bin Cäcilie
Wollmann.!<lb/>,Fräulein Wollmann! wiederholte der General<lb/>im höchsten
Grade überrascht, als Magdalene, der<lb/>Freundin zu Hülfe kommend, sagte:
,Wir haben das<lb/>Fräulein hierher gerufen. Ihr Herr Sohn hatte
ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0244_237.tif" n="243"/>
<p>AA<lb/>langt, daß wir ihr seine schwere Verwundung melden<lb/>und sie bitten
sollten, zu ihm zu kommen, und er hat,<lb/>so lange er bei Bewußtsein
gewesen ist, sie mit solcher<lb/>Angst ersehnt, daß wir nicht angestanden
haben, sie<lb/>um ihr Kommen anzugehen. Er ist wesentlich
ruhiger<lb/>geworden, seit sie bei ihm ist.<lb/>Der General schwieg.<lb/>,
Und uns zu benachrichtigen, hat er sie nicht auf-<lb/>gefordert? Nach mir,
nach seiner Mutter hat er nicht.<lb/>verlangt?! erkundigte er sich mit
zwweifelndem und<lb/>vorwurfsvollem Tone.<lb/>,Nein, Herr General!?' hatte
ihm Magdalene<lb/>mit aller ihr eigenen Bestimmtheit geantwortet
und<lb/>dann, klug wie immer, um des Vaters Mißempfindung<lb/>zu besänftigen
und sie von der Freundin abzuwenden,<lb/>rasch hinzugefügt:,Daß Sie
benachrichtigt werden<lb/>würden, des wwar er ja sicher!'?<lb/>Der General
preßte die Lippen zusammen. Es<lb/>waren peinliche Minuten. Magdalene hatte
sich ge-<lb/>flissentlich entfernt.<lb/>,Wie sind Sie hierher gekommen?!
fragte end-<lb/>lich der General, ,die Züge waren überfüllt.?<lb/>,Ich fand
keine Schwierigkeiten,! entgegnete<lb/>Cäcilie. ,Ich hatte das Schreiben der
Lazarethvor-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0245_238.tif" n="244"/>
<p>288<lb/>steherin, das mich hierher rief. Darauf ward ich<lb/>ohne Weigerung
befördert.?<lb/>, Und Ihr Herr Vater ist ja wohl in der Bahn-<lb/>verwaltung
!'' meinte der General.<lb/>,Ich bin allein und ohne Wissen und
Erlaubniß<lb/>meiner Familie hierher gegangen, denn sie würde es<lb/>nicht
zugegeben haben. Mein Vater aber ist mir hie-<lb/>her gefolgt, doch habe ich
ihn nocht nicht Igesehen.<lb/>Er war gestern im Hospital zu später Stunde
und<lb/>hat mir die schriftliche Weisung hinterlassen, daß er<lb/>heute
wiederkehren werde.<lb/>Und noch einmal schwieg der General.
Cäciliens<lb/>ruhige Sicherheit verfehlte ihres Eindrucks nicht auf<lb/>ihn.
Er war der Mann, einen solchen Frauencharakter<lb/>zu würdigen und zu
achten. Er zweifelte nicht daran,<lb/>Helmina von Waldern wäre für ihn
dereinst des<lb/>gleichen Entschlusses fähig gewesen; und die Tracht<lb/>der
Pflegeschwestern, in der ich Cäcilie später mtmlte,<lb/>stand ihr ganz
vortrefflich. Er mochte sie mit seines<lb/>Sohnes Augen sehen. Dennoch hatte
er einen schweren<lb/>Kampf in sich zu kämpfen. Was er in diesem
Augen-<lb/>blicke that, war bindend für die Zukunft, warf all'<lb/>sein
Planen und sein Wollen nieder, für den Fall,<lb/>daß ihm der Sohn erhalten
blieb; und welcher Mann<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0246_239.tif" n="245"/>
<p>89<lb/>verzichtet gern auf die Erfüllung reiflich erwogener,<lb/>lang
gehegter Wünsche und so leicht zu erfüllender<lb/>Hoffnungen! Clamor hatte
nur zu wählen unter den<lb/>Töchtern der ältesten Adelsfamilien, wenn er
genas.<lb/>Wenn er genas!- Der General blickte auf den<lb/>Kranken hin.
Clamor's Augen waren eingesunken und<lb/>geschlossen, das dunkle Lockenhaar
hing wirr um seine<lb/>Schläfen, seine Wangen brannten im Fieber. =-
Es<lb/>war sein einziger Sohn, und Dora hatte ihren Mann<lb/>verloren!-- Nur
leben, nur ihm erhalten bleiben<lb/>sollte Clamor! Er und Clamor's Mutter
und Cäeilie<lb/>waren ja eines in dem Wunsche!- Und das Mädchen<lb/>hatte
schnell und groß entschieden.<lb/>,Sie dachten, Sie überlegten nicht, fragte
er,<lb/>während er Cäcilie mit prüfendem Sinnen betrachtete,<lb/>,welch'
einen Schritt Sie thaten, daß Sie Ihre Eltern<lb/>ängstigten, daß Sie Ihren
guten Namen, Ihren<lb/>Ruf= -<lb/>,Ich hatte an nichts zu denken, als an
Clamor's<lb/>Ruf! Er rief mich, und ich ging! Wie konnte ich<lb/>auch
anders!? wiederholte sie ruhig und still in sich<lb/>gefaßt.<lb/>Er stand
gedankenvoll ihr gegenüber. Wie mußte<lb/>Elamor sie lieben, daß er nur nach
ihr verlangt hatte!<lb/>,!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0247_240.tif" n="246"/>
<p>O<lb/>Wie konnte er jemals sie verlassen, die so zu ihm ge-<lb/>halten, Alles
gering geachtet hatte neben dem Willen<lb/>des Geliebten, neben ihrer
Liebe?<lb/>,Ihr Vater,! sagte der General, ,wird gekommen<lb/>sein, Sie heim
zu holen.!<lb/>,Gewiß! aber ich werde nicht gehen, Herr<lb/>General! Clamor
hat mich nach zwwei Jahren schmerz-<lb/>lichsten Entbehrens zu sich
gefordert, da er zu sterben<lb/>glaubt. Man hat mir jetzt seine Pflege
anvertraut.<lb/>Mein Plaz ist hier. -- Ehe er nicht genesen ist,
denn<lb/>Gott wird geben, daß wir ihn erhalten, eher gehe ich<lb/>nicht von
ihm! Und,! die Thränen erstickten ihre<lb/>Stimme, aber sie nahm sich
zusammen und sagte: ,ist<lb/>es anders beschlossen, dann<lb/>Der General
hatte ihre beiden Hände ergrifßen,<lb/>auch seine Augen waren feucht
geworden.<lb/>,Verlassen Sie sich auf mich! sagte er. ,Man<lb/>soll Sie
nicht von ihm entfernen, Sie sollen bei ihm<lb/>bleiben, hier, bei ihm, bis
wir, ich und Sie, ihn nach<lb/>Hause zu seiner Mutter bringen können. Aber
schonen<lb/>Sie sich! schonen Sie sich! Sie sind solcher An-<lb/>strengungen
sicher nicht gewohnt! Sie müssen doch bei<lb/>ihm und gesund sein, wenn
Clamor zur Besinnung<lb/>kommt.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0248_241.tif" n="247"/>
<p>4<lb/>Er hatte ihre Hand noch in der seinen. Das<lb/>Herz wallte ihr auf, sie
küßte ihm die Hand. Wie<lb/>ihre Liebe das Mutterherz gewonnen hatte in
der<lb/>gemeinsamen Sorge, so überwältigte ihre sanfte Energie<lb/>nun auch
den Vater und sein ehrgeiziges Planen. Er<lb/>wehrte sich nicht länger gegen
seine bessere Natur, und<lb/>mit dem Adel, der ihm angeboren war, sich zu
ihr<lb/>neigend, warnte er: , Rkduhig, ruhig, Kind! Denken Sie<lb/>an Ihre
Eltern, an Clamor, an uns Alle!= Aber<lb/>wo finde ich Ihren Vater? Ich will
zu ihm fahren.<lb/>Er soll Sie hier lassen, ich will ihn bitten, daß
er<lb/>meinem Sohne Ihre Pflege gönnt. Ich hoffe, er kann<lb/>in Ihrer Nähe
bleiben, da mich meine Pflicht zu meiner<lb/>armen Tochter ruft.-- Leben Sie
wohl für jetzt<lb/>Bewahren Sie den guten Muth, Clamor kommt mir<lb/>ruhiger
vor, und er ist ja jung und kräftig! Der.<lb/>Himmel wird ihn uns erhalten.
Und Dank mein<lb/>Kind, Dank, daß Sie gekommen sind. !<lb/>Er drückte ihr
fest die Hand, als er von dannen<lb/>ging; und ihre Thränen, die Thränen des
Schmerzes<lb/>äuund der Freude, flossen nieder auf des Geliebten
Haupt.<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 20</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0249_242.tif" n="248"/>
<p>,wanzigsles Kuapilel.<lb/>Wie ein Gewitter, das verwüstend,
aufklärend,<lb/>und seinen reichen Segen bringend über das Land<lb/>zieht,
waren die Ereignisse dieser Tage über die beiden --<lb/>Familien
hereingebrochen und vorübergezogen, und sie<lb/>hatten mich nahe genng
berührt.<lb/>Die beiden Väter, beide praktische Leute und
-<lb/>Ehrenmmänner, wie es keine besseren gab, hatten sich<lb/>an dem
entscheidenden Tage schnell zurecht und zu-<lb/>sammen gefunden. Beide
hatten sie Altona verlassen<lb/>müssen. Der General, weil der Tod uud die
Beerdi-<lb/>gung des Grafen ihn zu den Seinen riefen; der
Kom-<lb/>merzienrath, weil die kritischen Zeiten seine Rückkehr<lb/>zu
seinen Geschäften nothwendig machten. Und da<lb/>Leonhard's Befinden keine
besondere Pflege mehr er- -<lb/>forderte, war man übereingekommen, daß seine
Mutter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0250_243.tif" n="249"/>
<p>Le8<lb/>sich nach Altona begeben sollte, um für alle Fälle in<lb/>der Nähe
ihrer Tochter zu sein, während man es als<lb/>ein sich von selbst
Verstehendes annahm, daß lch bel<lb/>Leonhard bleiben müsse, so lange ihn
noch ein Rest<lb/>von Schwäche an das überstandene Fieber mahnte,
und<lb/>seinen Aufenthalt im Gebirge wünschenswerth machte.<lb/>Elamor's
Zustand blieb lange unentschieden und<lb/>gefährlich, da die verletzte Lunge
sich entzündet hatte;<lb/>aber seine ungebrochene Jugend trug den Sieg
davon,<lb/>und das Glück, Cäcilie wiederzusehen und sie nun die<lb/>Seine
nennen zu dürfen, kam seiner Genesung zu<lb/>Hülfe. Nur die Beweglichkeit
des Armes blieb noch<lb/>gehemmt. In den Dienst einzutreten, daran konnte
er<lb/>zunächst nicht denken, und da auch seine Brust der<lb/>Schonung noch
bedurfte, hatten die Aerzte einen Auf-<lb/>enthalt im Süden für ihn
angerathen, bei dem seine -<lb/>Mutter ihn mit der Gräfin zu begleiten
versprach, da<lb/>man für diese eine heilsame Zerstreuung durch
den<lb/>Ortswechsel erwartete. Indeß Clamor wollte sich nicht<lb/>auf das
Neue und für so lange Zeit von seiner Braut<lb/>entfernen. Er bat deshalb
die künftigen Schwieger-<lb/>eltern, ebenfalls über die Alpen zu gehen.
Dagegen<lb/>machte der Kommerzienrath Einwendungen. Er war<lb/>ve<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0251_244.tif" n="250"/>
<p>N1<lb/>mit den Seinen schon mehrmals in talien gewesen,<lb/>hatte auch keine
Neigung, sich einer so großen Kara-<lb/>wane anzuschließen; so kam man denn
endlich überein.<lb/>daß Frau von Marville zeitig mit ihren Kindern
nach<lb/>Jtalien gehen, und die Kommerzienräthin mit Sohn<lb/>und Tochter
ihnen nachkommen solle, wenn die kältere<lb/>Jahreszeit für Leonhard keinen
Rückfall in das Fieber<lb/>mehr befürchten ließ.<lb/>Als dann die Zeit
herangekommen war, in welcher<lb/>Leonhard die Schweiz verlassen und gen
Norden gehen<lb/>sollte, um bis gegen Weihnachten hin mit den Seinen<lb/>in
seinem Vaterhause bei seinem Vater zu verweilen,<lb/>sprach er mir lebhaft
den Wunsch aus, daß ich mich<lb/>im Winter mit ihm, und damit in gewissem
Sinne<lb/>auch mit der ganzen Reisegesellschaft wieder in
Rom<lb/>zusammenfinden, und später eine gemeinsame Tour mit<lb/>ihn allein
nach Sizilien machen sollte. Davon konnte<lb/>aber, obschon ich jetzt die
Mittel dazu hatte, für mich<lb/>die Rede nicht sein. Ich hatte die Erfahrung
gemacht,<lb/>daß für mich im Besonderen, das heißt für meine Art<lb/>und
Weise die Dinge anzusehen, in Jtalien künstlerisch<lb/>nicht viel zu holen
und zu gewinnen war. Ich hatte<lb/>in den letzten Monaten, seit ich mit
Leonhard so plötz-<lb/>lich von Rom aufgebrochen war, viel Zeit
verloren,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0252_245.tif" n="251"/>
<p>L1k<lb/>und ich durfte meinen Vorsatz mit gutem Gewissen<lb/>nicht weiter
hinausschieben, in Holland und in Paris<lb/>die mir angemessenen Vorbilder
aufzusuchen, an denen<lb/>ich mein eigenes Können zu vergleichen und zu
ver-<lb/>vollkommnen gedachte. Die zwwingende Selbstsucht,<lb/>ohne die kein
schaffender Mensch im Stande ist, sich<lb/>in zeitweiligem völligen Absehen
von allem Andern<lb/>und von allen Anderen, in seiner Kunst zur
Meister-<lb/>schaft zu bringen, diese Selbstsucht, die ein nie
fehlendes<lb/>Zeichen des wahren künstlerischen Berufes und eine<lb/>seiner
Kräfte ist, regte sich zur rechten Zeit in mir.<lb/>Sie erleichterte es mir,
dem Verlangen des Freundes<lb/>zu widerstehen.<lb/>Ich wollte und mußte mir
einen Namen machen,<lb/>der mitzählte in der Welt. Es war nicht genug,
daß<lb/>ich Maler geworden war, ich mußte ein Meister werden,<lb/>weil ich
fühlte, daß ich das Zeug dazu hätte; und<lb/>wenn ich mich über die
Entschlossenheit freute, mit der<lb/>ich mich von dem werthen Genossen
trennte, mußte<lb/>ich mir daneben doch im tiefsten Innern
eingestehen,<lb/>daß die Scheu, der Gräfin zu begegnen, nicht
ohne<lb/>Einfluß auf mein Handeln war.<lb/>Jeder Brief, den Leonhard von
seiner Mutter,<lb/>von Cäcilie oder von Glamor erhielt, störte mein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0253_246.tif" n="252"/>
<p>L46<lb/>Gleichgewicht. Ich wollte den Inhalt kennen, und<lb/>was ich dann
erfuhr, nahm mir die Ruhe. Ich konnte<lb/>nicht arbeiten, weün Cäcilie in
ihrer enthusiastischen<lb/>Weise es schilderte, wie schön Dora in ihrer
Trauer-<lb/>kleidung sei, wie blendend weiß ihre Stirn hervor-<lb/>leuchte
unter der Schneppe ihrer Trauerhaube. Es<lb/>ließ mir keinen Frieden, wenn
sie erzählte, wie die<lb/>Gräfin gleich einem müden Kinde Alles willenlos
an<lb/>sich vorübergehen und über sich ergehen lasse, und wie<lb/>es ihr
trotzdem bisweilen vorkomme, als traure Dora<lb/>um den Grafen nicht, wie
man um den Mann trauern<lb/>müsse, mit dessen Tode das eigene äeben zu Ende
sei.<lb/>,Sie hat gewiß,! schrieb Cäcilie einmal, ,eine<lb/>schöne,
friedliche Ehe mit dem Grafen geführt, und er<lb/>war ja ein vortrefflicher
Charakter, ein schöner, liebens-<lb/>werther Mann. Alles, was sie von ihm
erzählt, ist<lb/>ihr liebevoll in's Herz gewachsen, fie vermißt ihn
offen-<lb/>bar recht sehr; aber ic kann mich des Gedankens
nicht<lb/>erwehren, daß sie mit ihren zwanzig Jahren die eigent-<lb/>liche
Kraft ihres Herzens noch nicht kennt. Eine<lb/>Liebe wie die unsere, darin
stimmt mir Clamor bei,<lb/>hat sie für den Grafen nicht gefühlt. Sie war
zu<lb/>jung dazu. Und jung, schön, reich, wie sie es ist,<lb/>wird der
General sicherlich an ihr noch einmal eine -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0254_247.tif" n="253"/>
<p>a?<lb/>ebenso glänzende zweite Heirath erleben, als die erste<lb/>es zu
seiner Befriedigung gewesen ist. Ich wünsche<lb/>meinem Schwiegervater, da
ich ihn sehr liebe und ver-<lb/>ehre, irgend ein fürstlicher Herr
entschädigte ihn dafür,<lb/>daß meine schönen Augen ihn um seine
Hoffnungen<lb/>für Clamor betrogen haben; und denke Dir, wie gut<lb/>mich's
kleiden würde, zu sagen: ,uein Schwager, der<lb/>Fürst! Ich stehe ganz auf
Seiten des Geierals,<lb/>unter einem Fürsten thun wir's mit Dora nicht.
!<lb/>Das war Alles gut, klang Alles heiter, aber für<lb/>mich hörte es sich
anders an, und ich wußte, wohin<lb/>ich zu gehen hatte und wohin
nicht.<lb/>Im Spätsommer trennte ich mich am Rhein von<lb/>Leonhard. Er ging
zu den Seinen, ich den Rhein<lb/>hinunter nach den Niederlanden, und mit
Ernst und<lb/>Lust an's Studiren und an's Schaffen. Das Land,<lb/>die Luft,
die Menschen, und meine Vorbilder,' die alten<lb/>Niederländer, waren das
was ich erwartet hatte, was<lb/>ich brauchte. Der Kommerzienrath hatte mich
mit<lb/>guten Empfehlungen versehen, ich fand Eingang in
die<lb/>Gesellschaft, fand unter den Künstlern Studiengenofsen<lb/>und
frühere Bekannte, ich war zufrieden und meines<lb/>Entschlusses
froh.<lb/>Aber als die Storchnester leer wurden auf den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0255_248.tif" n="254"/>
<p>218<lb/>Firsten der Häuser in den Dörfern, als dann die<lb/>Schwalben sich
sammelten und gen Süden zogen, die<lb/>wilden Gänse von Norden kamen und die
Kraniche<lb/>ihnen folgten, kam es über mich, als gehörte ich mit<lb/>zu
ihnen, als müsse ich auch mit fort. Denn nun<lb/>waren sie schon dort, Frau
von Marville und Clamor<lb/>und die Gräfin; dort. wohin die Wandervögel
zogen<lb/>-- und wohin ic gehen konnte, wenn ich's wollte. -<lb/>Ich blieb
bei meiner Arbeit.<lb/>So lange es einigermaßen sonnig und grün
ge-<lb/>wesen war, hatte ich mich im Haag aufgehalten. Im<lb/>Herbste, als
die Wollmanns sich zu ihrem Römerzuge<lb/>rüsteten, war ich in Antwerpen. Zu
lernen war dort<lb/>mehr als irgendwo für mich, aber wenn des
Spät-<lb/>herbsts schwere Nebel uir das Malen zu guter Tages-<lb/>zeit
verhinderten, wenn die Sonne wie ein verlöschen-<lb/>der Mond am Himmel
stand, wenn Schnee, von<lb/>Rauch und Qualm gefärbt, in stumpfem Grau
die<lb/>Straßen und Dächer bedeckte und die schönen Linien<lb/>der
Architektur und der Statuen in widrige Formlosig-<lb/>keiten verwandelte,
wenn Abends die Dünste aus dem<lb/>Wasser und aus den Kanälen emporstiegen,
daß das<lb/>Licht der Laternen und die schönen Ausstellungen
der<lb/>Magazine nur in matter Gebrochenheit sichtbar wurden,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0256_249.tif" n="255"/>
<p>249<lb/>dann flog es mir bisweilen wie ein Riß durch die<lb/>Brust. Gleich
einem Klang aus ferner Zeit zog ein<lb/>seliges Erinnern an den Süden und an
seine Sonne<lb/>und an seine Farbenschönheit mir durch den Sinn,<lb/>an den
Süden, den ich nicht genug geachtet und ge-<lb/>schätzt hatte, als ich in
ihm gelebt.<lb/>Ich konnte es mir mit quälender Deutlichkeit
vor-<lb/>stellen, wie sie Arm in Arm durch die blühenden<lb/>Gärten des
Monte Pincio gingen -- Clamor und<lb/>Eäcilie!- Wenn ich es wollte, konnte
ich in wenig<lb/>Tagen bei ihnen sein. Ich konnte an Dora's
Seite<lb/>wandeln, mich der Bewunderung erfreuend, die ihre<lb/>Schönheit in
der Wittwentracht erregte. Wenn ich es<lb/>wollte! --<lb/>Aber ich blieb.
Ich wollte arbeiten, wollte ver-<lb/>gessen. Und was hatte ich denn zu
vergessen, als<lb/>eine kindische Phantasie, als eine Jugendliebe
und<lb/>einen flüchtigen Augenblick, als ein thörichtes Hoffen!<lb/>Ich war
kein Jüngling mehr, als ich nach Holland<lb/>ging. Ich hatte mein
siebenundzwanzigstes Jahr zurück-<lb/>gelegt, ich mußte Ernst machen mit mir
selber und<lb/>mit dem Vergessen meiner Träume, und ich that's.<lb/>Ich
schrieb durch lange Zeit weder an Frau von<lb/>Marville, noch an meinen
Freund, auf die Gefahr hin,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0257_250.tif" n="256"/>
<p>5<lb/>ihnen undankbar zu scheinen. Meine Zukunft sollte-<lb/>mein
Rechtfertiger vor ihnen sein; und da ich mich<lb/>ausschließlich an die
Stunde und den Tag hielt, ent-<lb/>lockte ich ihnen, was sie mir zu bieten
hatten.<lb/>Ich blieb ein Jahr lang in den Niederlanden,<lb/>wei Jahre in
Paris. Ich machte aus mir, was ich<lb/>meiner Natnr nach eben aus mir machen
konnte, und<lb/>was ich geworden bin. Meine Arbeiten fanden An-<lb/>klang
bei den Künstlern, Beifall und Käufer unter den<lb/>Liebhabern. Ich hatte
mehr Aufträge und Anfragen,<lb/>als ich befriedigen konnte, mehr Geld, als
ich zu ge-<lb/>brauchen geneigt war. Da ich. Freude an meiner<lb/>Arbeit
hatte, gewann ich sie an mir selber und an<lb/>meinem Leben. Paris war mir
sehr in's Herz ge-<lb/>wachsen. Seine Gesellschaft, seine Frauen
beschäftigten<lb/>mich angenehm, und ich war, was man einen ge-<lb/>machten
Mann nennt, als Leonhard Jahr und Tag<lb/>nach Cäeilien's Verheirathung für
einen längeren Auf-<lb/>enthalt ebenfalls nach Frankreich kam.<lb/>Wer
ehrlich gegen sich und Andere ist, wird es<lb/>nicht leugnen können, daß es
ihm einmal Vergnügen<lb/>gemacht hat, Denjenigen, die ihn mittellos und
un-<lb/>beachtet, die ihn in geringen Verhältnissen gekannt<lb/>haben,
darzuthun, was er aus sich gemacht hat. So<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0258_251.tif" n="257"/>
<p>Lt<lb/>empfand ich neben der Herzensfreude, den besten<lb/>meiner Freunde
nach langer Trennung wiederzusehen,<lb/>eine große Genugthuung darüber, als
er mich in<lb/>meinem schön ausgestatteten Atelier aufsuchte, als
ich<lb/>ihn in das hübsche kleine Entresolquartier einführen<lb/>konnte, in
dem ich ein paar Zimmer inne hatte. Es<lb/>sah jezt anders bei mir aus, als
in der öden Stube,<lb/>in welcher ich in Berlin gemalt, und in der
Kammer<lb/>daneben, die meine Wohnung gewesen war. Ich ge-<lb/>noß es
dreifach, wenn die französischen Meister, zu<lb/>deren Werkstätten ich den
Freund geleitete, mich mit<lb/>ihrem herzlichen uud kameradschaftlichen:
,Kuis bon<lb/>Jour, won eher !? begrüßten; wenn Goupil mich in<lb/>seiner
Kunsthandlung mit der Frage empfing, ob ich<lb/>denn für ihn nichts hätte?
und wenn man mich in<lb/>der Gesellschaft in einer Weise vorstellte, die es
darthat,<lb/>daß der Name Kronau, wenn er den französischen<lb/>Lippen auch
hart ankam, doch einen guten und be-<lb/>kannten Klang gewonnen hatte. Und,
sagte ich mir<lb/>manches Mal im Stillen, Leonhard hat mich nicht<lb/>einmal
gesehen in unserem Hof, nicht gesehen in den<lb/>großen Stiefeln und in dem
verwünschten langen Rock<lb/>mit seinen langen Aermeln.<lb/>Wenn ich mit
Leonhard zusammen war, der freu-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0259_252.tif" n="258"/>
<p>L<lb/>dig an meinem Wohlergehen theilnahm, weil er selber<lb/>ein tüchtiger
Künstler geworden, kamen mir oftmals<lb/>die Byron'schen Worte in den Sinn:
,s ehsmge eume<lb/>orer the zpirit ok mz ärear!? (Ein Wechsel kam
in<lb/>meines Traumes Geist.s Ohne daß ich es wünschte<lb/>und wollte, kam
er naturgemäß immer auf die Menschen<lb/>und den Lebenskreis zurück, die er
eben erst verlassen<lb/>hatte. Von ihnen zu hören, ohne daß die alten
Er-<lb/>innerungen und die alte Zuneigung zu ihnen in mir<lb/>rege wurden,
war nicht möglich; und bald und immer<lb/>lebhafter tauchte in mir der
Wunsch auf, auch sie ein-<lb/>mal so wie Leonhard hier in Paris zu haben,
ihnen,<lb/>namentlich meiner Pathin, zu zeigen, wie gut es mir<lb/>ergehe,
und der liebenswürdigen schönen Gräfin zu<lb/>beweisen, daß der Tölpel, dem
sie dereinst so mitleidig<lb/>beigesprungen war, ihrer kindlichen Theilnahme
wirklich<lb/>werth gewesen.<lb/>Es war ein Jahr nach dem Staatsstreich, als
ich<lb/>wieder mit Leonhard zusammenkam. Paris hatte sich<lb/>von seinem
Schrecken erholt, das Kaiserreich war pro-<lb/>klamirt und lockte die
Vergnüügungssüchtigen zu seinen<lb/>glänzenden Festen. Eines Tages, als das
nahende<lb/>Frühjahr die Stadt in all' ihrer fröhlichen Beweglich-<lb/>keit
zeigte, spazierten wir unter den Lustwandelnden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0260_253.tif" n="259"/>
<p>8<lb/>im Boulogner Gehölz, und während wir uns unwill-<lb/>kürlich zu einem
vergleichenden Rückblick auf die Heimat<lb/>gewiesen fanden, machte ich die
Bemerkung, daß es<lb/>schön sein würde, hätte man die werthen
Menschen<lb/>einmal hier im Gehölz, mit denen man sonst im Thier-<lb/>garten
zu gehen gewohnt gewesen war.<lb/>,Dazu ist wenig Aussicht!' meinte
Leonhard.<lb/>,Mein Vater ist nicht mehr reiselustig, und wenn er<lb/>seine
Badekur abgemacht hat, bleibt er gern auf<lb/>unserem Landsitz, den er
wirklich so verschönert hat,<lb/>daß Du Dich wundern würdest. Die Mutter
und<lb/>Frau von Marville haben die längere Trennung von<lb/>ihren Männern,
welche die italienische Reise ihnen auf-<lb/>erlegte, auch nicht mehr nach
ihrem Geschmack gefunden.<lb/>Der General geht damit um, Waldritten von
einem<lb/>Dorfe zu einem Flecken erheben zu lassen und ihm
die<lb/>Gerechtsame eines solchen zu verschafen, und hat da-<lb/>neben das
Vermögen der Tochter zu verwalten, das<lb/>nach des Grafen Testament ein
großes und oöllig<lb/>freies ist, wenngleich das Maforat an den
jüngern<lb/>Berkow gefallen ist, weil Dora keine Kinder hat.<lb/>Glamor und
Cäcilie sizen wie die Turteltauben mit<lb/>ihrem Jungen in ihrem Neste, und
wenn er Urlaub<lb/>bekommt, so geht es regelmäßig und wie es sich
ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0261_254.tif" n="260"/>
<p>5<lb/>bührt zu den Eltern nach Waldritien, und von Dora's<lb/>Reisen ist die
Rede nie gewesen.!<lb/>Zum ersten Male fragte ich, weil ich mich
meiner<lb/>sehr gewiß fühlte, ob sie den Tod des Grafen ver-<lb/>schmerzt
und wieder Lust am Leben gewonnen habe.<lb/>,Da fragst Du mich zu viel!'
entgegnete er.<lb/>,Ich hahe mich mit der Gräfin in den drei
Jahren,<lb/>seit denen ich sie durch Cäcilie näher kenne, nicht um<lb/>eine
Linie näher zusammen finden können, denn sie<lb/>hat es gar kein Hehl,
selbst gegen Cäcilie nicht, daß<lb/>ich ihr nicht sympathisch bin. Es ist so
etwas zwwischen<lb/>uns, wie zwwischen Gretchen und Mephisto. Ich
bin<lb/>ihr nicht ernsthaft, meine Sitten find ihr nicht streng<lb/>genug,
mein gelegentlicher Scherz gefällt ihr nicht, ist<lb/>ihr zu leichtfertig;
und ich für mein Theil weiß mit<lb/>dieser gräflichen Unschuld vom Lande,
die doch andert-<lb/>halb Jahre Berkow's Frau gewesen ist, auch
nichts<lb/>anzufangen, wenn ich ihre Schönheit immer und immer<lb/>wieder
bewundert habe.!<lb/>Es ging mir wie der Gräfin. Auch mir
gefiel<lb/>Leonhard in diesem Augenblicke gar nicht.<lb/>,Ist sie viel in
Berln? erkundigte ich mich.<lb/>,Ich sagte Dir schon neulich,! entgegnete
er, ,<lb/>, daß sie eigentlich sehr wenig bei den Eltern ist. Sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0262_255.tif" n="261"/>
<p>25?<lb/>ist auch darin eine sonderbare Frau. Sie hat sich in<lb/>den Gedanken
eingelebt, daß man, wenn man nicht<lb/>glücklich sei, wenigstens frei sein,
und wenn man seinen<lb/>Herrn und Meister verloren habe, sein eigener
Herr<lb/>sein müsse. Das hört sie natürlich zu sein auf, sobald<lb/>sie in
Waldritten ist; und obschon ein ganzes Korps<lb/>von Männern sie umschwärmt,
von denen Jeder sehr<lb/>bereit sein würde, ihr Herr und Meister zu
werden<lb/>und sie glücklich zu machen, blüht sie bis jetzt in
ihrer<lb/>gebenedeiten Einsamkeit gelassen fort, was
Cäcilie<lb/>wahrscheinlich darum so sehr bewundert, weil ihr<lb/>Temperament
einer solchen Beschaulichkeit durchaus<lb/>nicht fähig wäre.!<lb/>,So stehen
also die beiden Frauen einander nahe?<lb/>fragte ich weiter.<lb/>,Sie sind
ein Herz und eine Seele! und, setzte<lb/>Leonhard hinzu, ,das Auffallendste
ist dabei, daß<lb/>Eäcilie, die ja sehr viel klüger als die Gräfin ist,
sich<lb/>deren kindlichem Gemüthe, das ist der Kunstausdruck,<lb/>mit
Bereitwilligkeit unterordnet, wenn Clamor es nicht<lb/>hindert. Sie
behauptet, die Gräfin treffe mit nie<lb/>irrender Sicherheit immer das
Rechte. Sie traut ihr<lb/>eine Selbstbeherrschung, eine Entschiedenheit
des<lb/>Handelns, eine Charakterstärke zu, die sie, wie ich ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0263_256.tif" n="262"/>
<p>25<lb/>muthe, hellseherisch errathen, da die Gräfin bisher,<lb/>meines
Wissens nach, von all' diesen Tugenden noch<lb/>keinen Beweis geliefert hat.
Kurz, es ist ein ganz<lb/>überspanntes Verhältniß zwischen den beiden
Frauen,<lb/>das aber bald in sein rechtes Geleise gelangen wird,<lb/>wenn
einmal der Rechte kommen und die selbstherrliche<lb/>Freiheit der Gräfin in
den Armen eines neuen tüchtigen<lb/>Herrn und Meisters ihr vernünftige Ende
finden<lb/>wird.!<lb/>Der neue Kaiser fuhr vorüber, alle Augen, auch<lb/>die
unseren, wendeten sich seinem Wagen zu. Von<lb/>der Heimat war nicht mehr
die Rede, und da ich er-<lb/>fahren, wie es dort mit den mir werthen
Menschen<lb/>stand, fragte ich in der nächsten Zeit auch weiter
nicht<lb/>nach ihnen. Indeß, wenn ich bei meiner Arbeit in<lb/>der Werkstatt
war, betraf ich mich bisweilen auf aller-<lb/>lei Gedanken an Berlin. Ich
hatte es seit fünf<lb/>Jahren nicht gesehen, war seit fünf Jahren fern
vom<lb/>Vaterlande gewesen und es hatten sich dort
Zustände<lb/>herausgebildet, die ich dort noch nicht gekannt
hatte.<lb/>Preußen war ein absolut regierter Siaat gewesen, als<lb/>ich nach
talien gegangen war, die Revolution, ein<lb/>Krieg, eine Neugestaltung der
Verfassung waren über<lb/>das Land gegangen und eingeführt worden, und
ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0264_257.tif" n="263"/>
<p><lb/>mnßte mir eingestehen, daß ich halbwegs ein Fremder-<lb/>in der Heimat
geworden sei. Es kamen mir Bilder,<lb/>Photographieen, Kupferstiche mit der
Schilderung von<lb/>Volksszenen zu Gesichte, wie sie nicht möglich
gewesen<lb/>waren vor fünf Jahren. Aber freilich, fünf Jahre<lb/>waren auch
eine lange Zeit! Was hatte ich in ihnen<lb/>nicht Alles erlebt! War ich doch
selber auch ein<lb/>Anderer geworden.<lb/>Je weiter das Jahr fortschritt, je
freundlicher<lb/>und blühender Paris sich zeigte, desto öfter dachte
ic<lb/>daran, daß das Grünen und Blühen nun auch bei<lb/>uns beginne; und
wie der Mai herankam, ein unge-<lb/>wöhnlich heißer Mai, meinte ich zum
ersten Male zu<lb/>bemerken, daß mir die Luft zu schwer sei in
der<lb/>Stadt. Ich fühlte Kopfschmerzen. Die hatte ich frei-<lb/>lich sonst
auch beim Beginn der warmen Jahreszeit<lb/>gehabt, aber ich hatte sie nicht
beachtet, so lange ich<lb/>auf meine Ausgaben noch große Rücksicht
nehmen<lb/>mußte, und nicht hatte kommen und gehen und reisen<lb/>-können
nach Belieben. Jetzt fand ich, daß es mir<lb/>vor den Augen flimmerte, daß
ich allzu viel gearbeitet<lb/>hatte und daß ich eine Pause machen
müsse.<lb/>Ich sprach mit Leonhard, mit meinen anderen<lb/>Sanny Lewald.
Helmar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0265_258.tif" n="264"/>
<p>258<lb/>Freunden von Reiseplanen, von einem kurzen Ausflug,<lb/>längstens von
einer Entfernung his zum Winter<lb/>Man fand das so sehr in der Ordnung, daß
es mich<lb/>an das Vorhaben fester band, als ich's gewesen war.<lb/>Leonhard
übernahm mein Atelier, das er mir sehr be-<lb/>neidet hatte, ich brach meine
Zelte für die Wander-<lb/>schaft ab. Der Tag meiner Abreise wurde
festgesezt,<lb/>aber ich hatte mir selber so wenig klar gemacht,
wohin<lb/>ich eigentlich zu gehen wünschte, daß an dem Mittag<lb/>vor der
Abreise, an dem wir mit unserer gewohnten<lb/>Gesellschaft bei Tische saßen,
einer der Genossen mich<lb/>fragen konnte: , Und wohin gehen Sie denn
eigentlich?<lb/>,Nun zunächst doch in jedem Falle nach
Berlin!<lb/>entgegnete Leonhard an meiner Statt.<lb/>, Ja, nach Berlin!'
wiederholte ich - und ich<lb/>athmete tief auf, als komme nach heißem,
dürrem Wege<lb/>ein Strom frischer Seeluft mir entgegen. ,
Zunächst<lb/>natürlich nach Berlin!'' sagte ich noch einmal.<lb/>Ich hätte
Leonhard um den Hals fallen können.<lb/>Nun hatte ich, was ich wollte, und
hatte die Ent-<lb/>scheidung doch nicht selbst getroffen. Er hatte
das<lb/>Wort ausgesprochen, hatte es als selbstverständlich an-<lb/>gesehen,
daß ich wieder nach Berlin ging; und ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0266_259.tif" n="265"/>
<p>9<lb/>wollte, ich mußte auch durchaus dorthin. Ich mußte<lb/>doch meinen
alten Meistern meine Arbeiten, meine<lb/>Studien zeigen. Ich wollte einmal
als ihresgleichen<lb/>neben ihnen stehen, und ich wollte auch die
Menschen<lb/>wiedersehen, die mir doch die Liebsten und die
Nächsten<lb/>waren in der Welt.<lb/>Mit Namen nannte ich sie nicht-- nicht
einmal<lb/>in meinem stillen Herzen. Aber ich war hoffnungs-<lb/>selig, als
ich den Wagen bestieg, als hätte ich noch nie<lb/>eine Reise angetreten. Ich
hatte es nie geglauht,<lb/>daß ich Paris mit solcher Leichtigkeit, mit
solcher Lust<lb/>verlassen könnte. Ich mußte nach Berlin.<lb/>z-<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 21</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0267_260.tif" n="266"/>
<p>-Linundzwansigstes -Zapilel.<lb/>Ein Emporkömmling ist ein Thor, wenn er
die<lb/>Menschen vergessen machen will, daß er aus geringen<lb/>Anfängen es
zu etwas gebracht hat. Er ist ein<lb/>schwacher Kopf, wenn er es nicht
erlernt, sich nicht immer<lb/>auf das Neue über Dasjenige zu verwundern, was
er<lb/>errungen und als ein ihm zu Recht Gebührendes zu<lb/>genießen hat.
Aber wenn ich aus mir selber heraus<lb/>auf Andere schließen darf, so ist
ein halhwegs gescheidter<lb/>und gebildeter Emporkömmling ein glücklicher
Mensch.<lb/>Denn wir besitzen das Selbsterworbene mit ganz<lb/>anderer
Empfindung als das Ererbte; das langsam<lb/>von uns selbst Zusammengebrachte
hat für uns auch<lb/>seine historische Bedeutung und vielleicht eine
noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0268_261.tif" n="267"/>
<p>L1<lb/>höhere, als der von Altvordern, die wir nicht
kannten<lb/>zusammengebrachte und auf uns gekommene Besitz.<lb/>Sogar die
harmlos fröhliche Eitelkeit des Empor-<lb/>kömmlings, die immer eine: Weile
anhält, ist eine<lb/>Genugthuung und ein Genuuß, welche der in
Reich-<lb/>thum und Vornehmheit Geborene nicht kennen kann,<lb/>und um die
er den Emporkömmling, wie ich glaube,<lb/>zu beneiden hat.<lb/>Der Meister
der geschriebenen Genremalerei, der<lb/>dänische Dichter Andersen, der mir
in Jtalien begegnet<lb/>und mein Freund geworden war, weil wir mit
gleichen<lb/>Auge das Große in dem Kleinen sahen, erzählt
eine<lb/>Geschichte von einem kleinen Mädchen, das zum ersten<lb/>Male schön
geputzt vor seinen Spiegel tretend, in die<lb/>Worte ausbricht: ,Was werden
jetzt die großen<lb/>Hunde pon mir sagen?-<lb/>Was werden jetzt die großen
Hunde von mir<lb/>sagen? dachte ich auf meine Weise innerlich, als
ich<lb/>auf dem Bahnhof in Berlin dem Droschkenkutscher die<lb/>Weisung gab,
mich in einen der ersten Gasthöfe zu<lb/>fahren, als der schnell. bereite
Hausknecht mein elegantes,<lb/>reichliches Gepäck beflissen die stattliche
Treppe hinauf-<lb/>trug und ich den Namen Helmar Kronau mit der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0269_262.tif" n="268"/>
<p><lb/>Zuversicht in das Fremdenbuch einschrieb, man werde<lb/>es wohl wissen,
wer Helmar Kronau sei.<lb/>Es war ein schöner, warmer Juniabend. Ich
hatte<lb/>mein Abendbrod genommen und trat auf den Balkon<lb/>hinaus. Der
Mond beleuchtete die große Masse des<lb/>alten Schlosses. Die
Bronzeverzierungen der Kuppel<lb/>glänzien hell, das Wasser der Spree floß
glizernd<lb/>unter den weiten Bogen der Brücke langsam hin. Man<lb/>hatte
nicht eben weit zu gehen von der Kaserne, in<lb/>der ich einst drei Jahre
lang gewohnt, bis zu dem<lb/>Gasthof, von dessen Balkon ich jetzt
herniedersah; und<lb/>doch -- wie lang war er gewesen, der Weg von
dort<lb/>TT--- - - =<lb/>Die Stunde war spät, aber ich konnte mir
es<lb/>nicht versagen, ich mußte noch einen Gang in's Freie,<lb/>durch die
Straßen machen. Still. und einsam, wie<lb/>sie vor mir lagen, waren sie mir
doch belebt. Fch<lb/>ging die Linden entlang, da lag das Vaterhaus
des<lb/>Freundes, das auch mir offen gestanden hatte und mir<lb/>freundlich
gewesen wie ein solches. Ich bog in die<lb/>Wilhelmsstraße ein, ich wollte
sehen, wo Clamor und<lb/>Eäcilie wohnten. Es war ein neues, schönes
Haus.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0270_263.tif" n="269"/>
<p>28<lb/>Es war viel neu entstanden, viel verändert in den<lb/>Straßen. Und wie
ich dann wieder, mich rückwärts<lb/>wendend, unter den Linden auf dem
Pariserplatze stand<lb/>und hinaus schaute durch die Pfeiler des
schönen<lb/>Thores, den langen beleuchteten Weg hinab, den ich<lb/>so
manchmal im heißen Sonnenbrand in Reih' und<lb/>Glied mit vollem Gepäck
entlang marschirt, den ich so<lb/>viel liebe Mal in später Nacht mit
Leonhard und<lb/>anderen fröhlichen Genossen aus seiner Eltern
Land-<lb/>haus kommend, zu meinem Bodenstübchen zurück ge-<lb/>wandert war,
da zog es mich hinaus in's mond-<lb/>beschienene, duftige junge Grün; und
durch die stillen<lb/>Gänge des Parkes wandernd, stand ich nach
kurzem<lb/>Wege vor dem Hause, in dem sie wohnte.<lb/>Es war eine kleine
Villa, ein schönes Erdgeschoß,<lb/>ein niedriges Gestock darüber. Säulen
trugen die<lb/>offene Vorhalle, ein Eisengitter faßte den
vorderen<lb/>Garten ein. Ich war in früheren Jahren oft, wie
oft!<lb/>gleichgültigen Sinnes an dem Hause vorüber gegangen,<lb/>ohne auch
nur zu denken, wems zu eigen sein möge.<lb/>Jetzt war es ihr Besitz, jetzt -
wwas half mir all' mein<lb/>Sträuben, was half's mir, daß ich mich
beschwichtigt<lb/>und betrogen hatte für und für- jetzt schloß es
all'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0271_264.tif" n="270"/>
<p>26s<lb/>mein Glück und all' mein Leid, all' meines ganzen<lb/>Lebens
holdselige Thorheit in sich ein.<lb/>Ich schämte mich vor mir selber. Ich
war so<lb/>sicher gewesen, daß ich sie vergessen- nein! daß ich<lb/>sie
verschmerzen gelernt, weil sie eines Andern Weib<lb/>gewesen, weil ich ihrer
neben Anderen bisweilen auch<lb/>vergessen hatte. Und nun ich hinübersah
nach ihrem<lb/>Hause, da war sie wieder da, die ganze, nie
erloschene.<lb/>reine Liebe meiner Jugend.<lb/>Dac Haus war schon dunkel.
Nur in dem<lb/>mittleren Zimmer des oberen Stockwerks brannte noch<lb/>die
Lampe. Die Fenster standen ofen. Ich sah die<lb/>Vorhänge sich im Luftzug
leise bewegen, sah die Farbe<lb/>der Wände und die Rahmen der Bilder an
denselben.<lb/>Mich verbarg der Baumesschatten. Fast ohne zu
über-<lb/>legen, was ich that, stimmte ich ein Liedchen an, das<lb/>ich auf
der Landstraße während meiner Wanderzeit als<lb/>Malergesell erlernt, und
das ich ihr bei unseren Morgen-<lb/>spaziergängen in Waldritten zum Defteren
gesungen<lb/>hatte, weil sie's gerne hörte.<lb/>Als ich den zwweiten Vers
anhub, sah ich eine<lb/>weibliche Gestalt an's Fenster treten. Das war
sie.<lb/>Nun sah ich sie wieder - fern, mir unerreichbar -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0272_265.tif" n="271"/>
<p>65<lb/>aber ich sah sie doch! Die Stimme wollte mir ver-<lb/>sagen, indeß
mich rasch bemeisternd, fnhr ich zu fingen<lb/>fort, indem ich mich tiefer
und tiefer in den Park<lb/>zurückzog, so daß die letzten Klänge nur aus
der<lb/>Ferne noch ihr Ohr erreichen konnten, Sie sollte
ruhig<lb/>schlafen!<lb/>Mehr als in dieser Stunde habe ich sie nie
ge-<lb/>liebt!-<lb/>Als ich dann eine Weile später, schweigend und<lb/>still
für mich des gleichen Wegs zurückging, waren<lb/>ihre Fenster dunkel und
geschlossen. Das kleine Haus<lb/>lag ruhig da. Es war kühl geworden. Der
Thau<lb/>erglänzte mondbeschienen auf ihrem Dache und auf dem<lb/>Rasenplatz
vor ihrer Thüre. Ich hatte Schön Rohtraut<lb/>wiedergesehen. Nun war ich in
der Heimat, ihr wieder-<lb/>gegeben und mir selbst; erst wieder ganz ich
selbst!<lb/>Er hatte die Villa gezeichnet mit der Gestalt am<lb/>Fenster,
und sich im Baumesschatten lauschend. Die<lb/>Villa ist heute noch dieselbe,
nur durch kleine Anbauten<lb/>unwesentlich verändert. Und so wie dieses
Kapitel<lb/>e<lb/>seinen Schmuck durch seine Federzeichnung hatte,
so<lb/>fehlte sie auch keinem der noch folgenden.<lb/>Dann ging der Text
dahinter also wieder fort:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0273_266.tif" n="272"/>
<p>2e<lb/>Glauben Sie nun, daß ich am nächsten Morgen zu<lb/>ihr hinging?-- Gott
bewahre! -- Der Helmar aus<lb/>Waldritten, der gute, dumme Junge, hatte
jetzt sein<lb/>Theil gehabt; der Maler Kronau forderte, als der<lb/>schöne
Frühlingsmorgen ihm klug und klar in's Zimmer<lb/>schien, nun auch sein
Recht, und kam nun an die Reihe.<lb/>Das RohtrautBild war seinerzeit von der
Aus-<lb/>stellung in den Besitz einer der königlichen
Prinzessinnen<lb/>übergegangen, die mir damals den Wunsch hatte
aus-<lb/>sprechen lassen, meine Studien und mich zu sehen,<lb/>wenn mein Weg
mich wieder in die Heimat führe.<lb/>Ich hatte mich bei ihr zu melden, hatte
die Besuche<lb/>bei meinen alten Lehrern und Gönnern abzustatten,<lb/>hatte
diejenigen meiner Kunstgenossen aufzusuchen, denen<lb/>gleichzukommen mein
Wunsch und Ziel gewesen war,<lb/>und denen ich mich nun wohl zugesellen
durfte, wie ihr<lb/>Empfang es mir erfreulich darthat.<lb/>Darüber verstrich
der Vormittag. Ich aß mit<lb/>Freunden. Die Mahlzeit zog sich lange hin, und
erst<lb/>am Abend kam ich nach der Wollmann'schen Besitzung<lb/>hinaus, in
welcher Clamor und Cäcilie während der<lb/>Sommermonate der Eltern Gäste
waren. Wir fanden<lb/>uns zusammen, als hätten wir uns gestern erst
ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0274_267.tif" n="273"/>
<p>2?<lb/>lassen. Clamor hatie sich, wie seine Ehe mit Cäcilie,<lb/>und sein
Leben in und mit der Wollmann'schen Familie<lb/>es natürlich machten, freier
und vollständiger entwickelt,<lb/>als es unter dem alleinigen Einfluß seines
Vaters<lb/>vielleicht der Fall gewesen sein würde. Er hatte sich<lb/>eine
schöne, vielseitige Bildung angeeignet, manche<lb/>Vorurtheile abgelegt. Er
hatte Selbstständigkeit des<lb/>Urtheils gewonnen; und da Cäcilie durch ihn
und das<lb/>Vorbild ihrer aristokratischen Schwiegermutter an<lb/>ruhiger
Haltung ihrerseits ebenfalls gewonnen hatte,<lb/>konnte man sich kaum zwei
Menschen denken, die besser<lb/>zu einander paßßten, einander besser
ergänzten, als<lb/>dieses glückliche Paar mit seinem schönen Knaben.
Die<lb/>gelegentlich hervorbrechende Freude über ihren Adel,<lb/>das
Wohlbehagen, mit welchem Cäcilie von ihrem<lb/>Schwiegervater, dem General,
von ihrer Schwägerin.<lb/>der Gräfin, oder von ,ihren jezigen
Verhältnissenr?<lb/>sprach, hatten für mich etwas Belustigendes.
Aber<lb/>sie war so hübsch, so gut und so erfreut, mich, ihren<lb/>einstigen
Schützling, in günstiger Lage wiederzusehen,.<lb/>daß mir neben ihr wieder
recht von Herzen wohl ward.<lb/>,Sie haben das Genie, immer zur rechten
Zeit<lb/>zu kommen,! rief sie mir fröhlich entgegen. , Seit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0275_268.tif" n="274"/>
<p>268<lb/>Wochen habe ich eben Sie hieher gewünscht. Sie<lb/>müssen mir unsern
Jungen für den Waldritter Groß-<lb/>vater malen, damit sein Bild zu Zeiten
hinkommt,<lb/>wo er selber einmal hingehört. -- Aber waren Sie<lb/>schon bei
der Gräfin? Weiß sie, daß Sie hier sind?<lb/>Ich verneinte Beides, sie
zeigte sich darüber ver-<lb/>wundert. Ich berichtete, wie ich erst am
verwichenen<lb/>Abend nach Berlin gekommen, wie mir der
Morgen<lb/>hingeschwunden sei. Sie legte ein großes Gewicht<lb/>darauf, daß
ich Aussicht hätte, bei Hofe empfangen<lb/>zu werden. Sie erzählte mir, daß
sie natürlich vor-<lb/>gestellt worden sei, bemerkte daneben, daß sie dem
und<lb/>jenem von den Prinzessinnen beschützten Hülfsverein<lb/>als eine der
Vorsteherinnen mit angehöre, da sie den<lb/>Segen freiwilliger Hülfeleistung
in den Lazarethen an<lb/>Elamor's Lager habe kennen lernen, und daß
die<lb/>Prinzessinnen sich immer sehr gnädig gegen sie be-<lb/>zeigten. ,Die
Gräfin, ,lezte sie hinzu, , hat für das<lb/>Vereinswesen nicht den rechten
Sinn, fie muß in<lb/>Allem für sich selber sein. Sie ist überhaupt
eine<lb/>eigene Natur. Wir haben sogar Noth, daß se zu<lb/>Hofe geht, und
das gehört sich doch.<lb/>Während sie später mit mir den Garten
durch-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0276_269.tif" n="275"/>
<p>- 9<lb/>wanderte, mir die Verschönerungen zu zeigen, welche<lb/>der
Kommerzienrath vorgenommen und von denen<lb/>schon Leonhard mir gesprochen
hatte, kam sie noch<lb/>einmal auf ihre Schwägerin zurück.<lb/>, Machen Sie
nur, daß Sie bald zur Gräfin<lb/>kommen,! sie nannte sie mit Vorliebe stets
mit diesem<lb/>Titel, , denn möglicherweise bleibt sie nicht mehr<lb/>lange
hier.!<lb/>Ich fragte, ob sie eine Reise zu machen denke.<lb/>,Nicht
eigentlich eine Reise,! entgegnete Cäcilie,<lb/>,wir möchten sie gerne
überreden, wieder die Bäder<lb/>von Landeck zu besuchen. Der General, meine
Schwieger-<lb/>mutter und ihre einstige Gouvernante, die sie seit
des<lb/>Grafen Tode wieder zu sich genommen hat, rathen<lb/>ihr ebenfalls
dazu. So hoffen wir, daß sie uns nach-<lb/>giebt, obschon das im Allgemeinen
nicht ihre Sache ist.?<lb/>,Ist denn die Gräfin leidend ? erkundigte ich
mich.<lb/>Eäcilie sah sich um, wir waren allein, und sich<lb/>mit ihrer
alten, kecken Geradheit zu mir wendend,<lb/>sprach sie lachend: ,Sie sind ja
ein verständiger<lb/>Mensch, mit Ihnen kann man also ehrlich reden.
Für<lb/>ihre Gesundheit hat die Gräfin gar nichts nöthig, sie<lb/>ist gesund
wie ein Fisch im Wasser! Aber einen Mann.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0277_270.tif" n="276"/>
<p>Ne<lb/>muß sie wieder haben, und zwwar bald. Sie kann doch<lb/>mit ihren
zweiundzwanzig Jahren und mit ihren Ein-<lb/>künften in keinem Falle Wittwe
bleiben! Und wenn<lb/>sie nicht bald ihren Herrn findet, wird sie uns
zu<lb/>eigenwillig und zu herrisch! Glücklicherweise aber ist<lb/>ein
solcher nah' in Aussicht!?<lb/>, Und deshalb soll sie fort? fragte ich, den
Mit-<lb/>theilungen mit wachsendem Erstaunen folgend.<lb/>,Ach!r rief
Cäeilie, ,die Sache hängt so zusammen.<lb/>Die Schwiegermutter, Frau von
Marville,! verbesserte<lb/>sie sich, ,hatte in dem Sommer nach unserer
Ver-<lb/>heirathung die Bäder von Landeck nöthig, wohin, wie<lb/>Sie wissen
werden, die Schwester unserer Matestät<lb/>alljährlich geht. Daß die Gräfin
ihre Mutter damals<lb/>begleitete, verstand sich ganz von selbst, wie es
sich<lb/>auch von selbst versteht, daß der hohe schlesische Adel<lb/>aus der
Umgegend von Landeck sich immer während<lb/>der Badezeit der königlichen
Hoheit dorthin begiebt,<lb/>ihr seine Huldigung darzubringen. Unter diesem
Adel<lb/>befand sich in jenem Jahre auch der Fürst von Wald-<lb/>stein. Er
hatte der Gräfin schon bei Lebzeiten ihres<lb/>Mannes in allen Ehren sehr
den Hof gemacht. Als<lb/>er sie dann in Landeck, und zwwar als Wittwwe
antraf,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0278_271.tif" n="277"/>
<p>A<lb/>nahm die frühere Verehrung eine andere, ein wärmere<lb/>Farbe an. Er
ist jung, schön, liebenswürdig, in ge-<lb/>ordneten und glänzenden
Verhälknissen, sehr verliebt<lb/>in die Gräsin - und bisher von der Gräfin
nicht<lb/>nach Gebühr gewürdigt, obschon er die ganzen Jahre<lb/>hinduurch
als ein echter treuer Ritter beharrlich seine<lb/>Bewerbung fortgesetzt
hat.!<lb/>, Und so will man die Frau Gräfin ihm gewisser-<lb/>maßen
entgegenführen?! bemerkte ich mit einer Miß-<lb/>empfindung, die sich der
Scharfsichtigen gegen meinen<lb/>Willen wohl verrathen mochte.<lb/>Sie sah
mich lächelnd an.<lb/>,Thun Sie doch nicht, Helmar, als kämen Sie<lb/>direkt
von unseren idyllischen Waldritter Fluren, statt<lb/>von Paris und aus der
großen Welt. War denn die<lb/>erste Heirath der Gräfin- eine Ehe aus großer
Leiden-<lb/>schaft und Liebeß<lb/>,Ich habe das geglaubt!' erwiderte ich,
der<lb/>Wahrheit nicht ganz treu.<lb/>,Da glauben Sie mehr als ich, und
vielleicht<lb/>mehr als die Gräfin selbst jezt glaubt!' fiel mir<lb/>äcilie
mit ihrer nationalen Lebendigkeit in's Wort.<lb/>Aber sie mochte es
bedauern, daß sie es gethan hatte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0279_272.tif" n="278"/>
<p>A<lb/>denn sie lenkte augenblicklich ein. ,Dora war ja sehr<lb/>glücklich mit
dem Grafen,! sagte sie. ,Wie sollte sie<lb/>auch nicht? Er war ein Kavalier
in dem vollen Sinn<lb/>des Wortes, und er hielt sie wie ein Heiligthum.
Sie<lb/>hatte sich Glück zu wünschen zu der Ehe. Aber was<lb/>weiß denn ein
in ländlicher Einsamkeit erzogenes<lb/>siebenzehnjähriges Mädchen überhaupt
von Liebe? Der<lb/>Graf wollte sich verheirathen, die Eltern
wünschten<lb/>für die einzige Tochter eine schickliche Partie. Der<lb/>Graf,
ein schöner, brillanter Mann, stellte sich dem<lb/>Kinde in den Weg, hielt
ihm die Hand hin, und das<lb/>Kind schlug mit Freuden ein. Nennen Sie das
Liebe?<lb/>ist das Leidenschaft?<lb/>,Gewiß nicht!? betheuerte ich von
Herzen.<lb/>,Sehen Sie, fuhr Cäcilie eifrig fort, ,ich glaube,<lb/>die
Menschen würden über sich selbst erstaunen, wenn<lb/>sie einmal an sich und
Anderen es durch irgend einen<lb/>Zauber inne werden könnten, wie wenig
eigentliche<lb/>Liebesheirathen zu finden find. In gar vielen
Fällen<lb/>wird dem Manne, oder dem Mädchen, die Person in<lb/>den Weg
geschoben und hingehalten, in der Weise, in<lb/>welcher der geschickte
Taschenspieler seinem arglosen<lb/>Gegenüber die Karte hinhält, welche er
von ihm ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0280_273.tif" n="279"/>
<p>A<lb/>zogen wissen will. Man zieht die Karte sorglos und<lb/>ist glücklich
über seine freie Wahl. Wird man dann<lb/>vielleicht später auch des kleinen
Kunstgrifs inne, so<lb/>hat man sich an und zu einander eingewöhnt, und
da<lb/>namentlich unter uns Deutschen die Menschennatur<lb/>gutartig ist, so
geht Alles ganz vortrefflich und wir<lb/>glauben an Liebesheirathen wie an
viele andere Dinge,<lb/>die zu erweisen in vielen Fällen ebenso schwierig
sein<lb/>möchte.!<lb/>Cäcilie war immer in bester Laune, wenn sie
in<lb/>dieser Weise ihren Einfällen den freien Lauf ließ.<lb/>Mich aber
regten ihre ernsten Mittheilungen wie ihre<lb/>Scherze weit mehr auf, als
sie es ahnen konnte, und<lb/>ich war nlchts weniger denn ruhig, als ich
am<lb/>nächsten Morgen, vor der Gräfin Zimmer stehend, mich<lb/>bei ihr
melden ließ.<lb/>Fanny Lewald. Helmar.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 22</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0281_274.tif" n="280"/>
<p>,weiundswanzigstes -Fapilel.<lb/>Der Diener öffnete mir die Thür des
fenster-<lb/>losen, länglich runden, von Säulen getragenen Saales.<lb/>Die
hochgewölbte Decke ließ das Licht von oben nieder-<lb/>fallen. Zur Rechten
und zur Linken standen die<lb/>Zimmer offen; durch ein drittes Zimmer, dem
Eingang<lb/>gegenüber, blickte man in ein Gewächshaus und in's<lb/>Freie.
Der Raum, nach altitalienischen Vorbildern er-<lb/>baut, hatte etwas
Ungewöhnliches für den Norden;<lb/>die reiche, sich ihm stylvoll anpassende
Einrichtung<lb/>vollendete den edeln Eindruck.<lb/>Aus dem Garten konmtend,
trat Dora in das<lb/>Gewächshaus und mir rasch entgegen: eine stolze,
juno-<lb/>nische Gestalt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0282_275.tif" n="281"/>
<p>A<lb/>Es zuckte mir wie ein Schnitt durch's Herz. zu<lb/>denken, daß ihre
jungfräuliche Schönheit in den Armen<lb/>eines Andern zu ihrer vollen Pracht
herangereift war.<lb/>Denn sie war bedeutend gewachsen, ihre Formen
waren<lb/>üppiger geworden. Der einst mädchenhaft gesenkte<lb/>Kopf saß frei
und stolz auf ihrem schönen Halse, auf<lb/>welchen das noch dunkler
gewordene Haar in langen<lb/>Locken zu beiden Seiten der Schläfen bis zu dem
Busen<lb/>niederfiel. Wie die Göttin des tempelartigeu Saales<lb/>stand sie
vor mir, anbetungswerth in ihrer Herrlichkeit.<lb/>,Willkommen, Kronau,!
rief sie mir entgegen,<lb/>mit einer Stimme, die mir auch fremd geworden
war,<lb/>weil sie sich vertieft hatte, ,willkommen! Ich erwartete<lb/>Sie
heute, denn Cäcilie hatte mir geschrieben, daß Sie<lb/>hier wären. Und so
waren Sie's denn auch, der vor-<lb/>gestern mir das Wanderlied gesungen ?
setzte sie<lb/>hinzu, indem sie mir die Hand reichte, die ich, und<lb/>mit
welcher Wonne, an meine Lippen drückte.<lb/>,Erkannten Sie das Liedchen
noch? fragte ich<lb/>voll Freude.<lb/>,Wie sollte ich nicht? entgegnete sie
mir. , Sie<lb/>haben ja gesehen, es lockte mich sofort an's
Fenster.<lb/>z8,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0283_276.tif" n="282"/>
<p>Ae<lb/>Ich meinte sogar Ihre Stimme zu erkennen, indeß ich<lb/>hielt es für
eine Einbildung, weil ich nicht wußte,<lb/>daß Sie bereits nach Deutschland
aufgehrochen wären.<lb/>Aber kommen Sie, setzen wir uns, erzählen Sie.
Sie-<lb/>sind inzwischen ein berühmter Mann geworden und<lb/>ich-<lb/>Sie
brach plötzlich ab. Es fiel ein dunkler<lb/>Schatten über ihr Antlitz, so
tief, so wahr, wie ihre -<lb/>mich beseligende Freude bei unserem
Wiedersehen.<lb/>Wir schwiegen Beide eine Weile. Ich hätte stunden-<lb/>lang
vor ihr sizen und sie betrachten, mich daran er-<lb/>freuen mögen, wie das
Kleid von perlfarbener Seide<lb/>die Büste und den Leib umspannte, wie der
blendende<lb/>Hals und die schönen Arme aus den schwarzen
Spitzen<lb/>hervorleuchteten, mit welchen das Kleid verziert war,<lb/>wie
der Sammetgürtel und die goldenen Spangen die<lb/>Taille und das Handgelenk
umgaben, und wie schön<lb/>das von oben in vollem Strome
herniederfließende<lb/>spielte, wwährend es helle Reflexe auf dem glänzenden
-<lb/>Licht ihr dunkles Haar und ihre reine Stirn um-<lb/>Seidenstoffe ihres
Gewandes hervorrief.<lb/>,Auch Sie, Kronau,! sagte sie dann nach
einer<lb/>Pause, ,haben an meinem Manne viel verloren, einen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0284_277.tif" n="283"/>
<p>A?<lb/>treuen Freund verloren. Er hatte Sie lieb. Ihr<lb/>rasches Wachsen,
Ihre schönen Bilder machten uns<lb/>große Freude. Wir waren Beide wirklich
stolz auf<lb/>Sie. Und was ich etwa geworden bin, und daß ich<lb/>gelernt
habe, auch ohne ihn zurecht zu kommen und<lb/>mich auf mich selber zu
verlassen, das verdanke ich<lb/>ihm. Mein Herz hat von jeher vor ihm
dagelegen<lb/>wie ein offenes Buch.!<lb/>Ihre Ruhe nahm mir den kleinen Rest
der meinen.<lb/>War es Zufall, war es Absicht, daß sie mir
dies<lb/>sagte?<lb/>Es lag keine Weichheit, keine Klage weder in
den<lb/>Worten, noch in ihrem Ton; nur ein warmes, dank-<lb/>erfülltes
Gedenken und Erinnern. Hatte sie es ver-<lb/>gessen, wie wir geschieden
waren? so sehr vergessen,<lb/>daß auch die Stunde des Wiedersehens sie nicht
mehr<lb/>daran mahnte? Hatte sie es dem Grafen vertraut,<lb/>wie jener
Augenblick uns überraschend zusammengeführt?<lb/>und hatte er sie gelehrt,
als eine flüchtige Aufwallung<lb/>zu betrachten, was aus lang verschlossener
Knospe in<lb/>jenem Augenblick zum Lichte erblüht und was in mir<lb/>durch
alle meine Wandlungen, unvergeßlich und ge-<lb/>liebt, lebendig geblieben
war? - Ich wußte mich nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0285_278.tif" n="284"/>
<p>s<lb/>zurecht zu finden. Es war mir deshalb sehr erwünscht,<lb/>daß Dora sich
nach meinen äuuseren Erlebnissen er-<lb/>kundigte, denn ich konnte, als ich
sie ihr in großen<lb/>Umrissen flüchtig mitgetheilt, sie nun um die
ihren<lb/>fragen.<lb/>, Von meinem Leben ist seit dem Tode meines<lb/>Mannes
nicht viel zu sagen,! entgegnete sie. , An dem<lb/>Tage, an welchem er, ehe
er in's Feld zog, sein Testa-<lb/>ment gemacht hatte, rief er mich in sein
Zimmer. Ich<lb/>möchte Dir keinen trüben Gedanken einflößen,: sagte<lb/>er,
denn ich hoffe, ich kehre Dir wieder. Ist es uns<lb/>anders bestimmt, so
wahre Dir Deine Freiheit. Hüte<lb/>Dich vor jeder Beeinflussung, die Dich
mit Dir selber<lb/>uneins machen könnte; und lebe dann ein
langes.<lb/>schönes Leben in dem Sinne, in dem wir gelebt haben,<lb/>in dem
Gedanken, daß man zunächst für sich selber<lb/>und aus sich heraus zu leben
hat ?<lb/>Sie preßte die Lippen zusammen, schwieg eine<lb/>kleine Weile,
dann sprach sie:<lb/>,Das habe ich gethan! Ich habe, weil ich be-<lb/>täubt
war von dem Verluste und erschrocken über meine<lb/>Einsamkeit, wie ein Kind
im Dunkeln, das erste Jahr<lb/>fast ganz mit meiner Mutter auf Reisen und in
meinem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0286_279.tif" n="285"/>
<p>A<lb/>Vaterhause zugebracht. Dann bin ich hieher gegangen<lb/>in mein Haus,
habe meine Gouvernante, die Sie ja<lb/>kennen, als Gesellschafterin zu mir
genommen und bin<lb/>ruhig geworden und auch wieder heiter. Der Graf<lb/>war
ja bei seinem großen Ernst selber eine freie, fröh-<lb/>liche Natur, und er
mochte es nicht, wenn ich es nicht<lb/>war. Ich sehe viele Leute, lebe in
der Welt, reise bis-<lb/>weilen - da haben Sie meinen ganzen
Lebenslauf.!<lb/>Wie sie das sagte, stand sie auf, zog die Schelle<lb/>und
hieß den eintretenden Diener Fräulein Amalie zu<lb/>ihr bitten, die gleich
darauf erschien.<lb/>Ich hatte die gute Werner nicht wiedergesehen,<lb/>seit
ich von Waldritten fortgebracht und in die Lehre<lb/>gethan worden war; aber
die fünfzehn Jahre, die seit-<lb/>dem verflossen, hatten ihr, die kleinen
Fältchen ab-<lb/>gerechnet, die sich in den Gesichtern von
Blondinen<lb/>früh einzustellen pflegen, nicht viel angehabt. Sie
sah<lb/>für ihr Alter noch recht gut aus und hatte immer noch -<lb/>den
freundlichen, stets verlegenen Ausdruck wie in ihren ,<lb/>jungen
Tagen.<lb/>,Da hast Du Deinen berühmten Schüler!?' rief<lb/>ihr die Gräfin
entgegen, während Amalie ihrem Ver-<lb/>gnügen über mich und mein
Wohlergehen, in den be-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0287_280.tif" n="286"/>
<p>8O<lb/>scheidensten Worten Ausdruck gab. In wiederholten<lb/>Besprechungen
über mich und über die Angehörigen<lb/>der Marville'schen Familie schwand
eine Stunde rasch<lb/>vorüber. Wir gingen in den Garten, in das
Gewächs-<lb/>haus; ich sah das Wohnzimmer der Gräfin, des
Grafen<lb/>Arbeitszimmer. Das Bild, das ich einmal in der Zeit ,<lb/>meiner
Anfänge von ihm gemacht, hing über ihrem<lb/>Schreibtisch. Dora's Bild, das
ihm bestimmt gewesen,<lb/>das Bild, vor dem wir einst geschieden waren, sah
ich<lb/>nirgends. Darnach zu fragen, traute ich mir nicht.<lb/>Was kümmerte
mich auch die Vergangenheit, wo der<lb/>Augenblick mich also
hinnahm!<lb/>Ich hatte, als ich von Paris fortgegangen war,<lb/>meinen
dortigen Aufenthalt nicht für ganz beendet an-<lb/>gesehen, sondern nach
einigem Verweilen in Berlin<lb/>dorthin zurückkehren wollen. Jetzt dachte
ich bald nicht<lb/>mehr daran, und es konnte mir nichts
erwünschter<lb/>kommen, als daß meine Freunde und Genossen es
als<lb/>sslbstverständlich erachteten, daß ich nun unter ihnen<lb/>und im
Vaterlande bliebe.<lb/>Eine Werkstatt und ein Atelier waren bald
ge-<lb/>funden. Die junge Künstlergemeinde hatte sich ver-<lb/>größert und
hielt gut zusammen. Es waren vortreff-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0288_281.tif" n="287"/>
<p>8<lb/>liche Kräfte in ihr, die meisten von ihnen jung. Der<lb/>Graf, der gern
mit Künstlern umgegangen war, hatte<lb/>verschiedene derselben häufig in
seinem Hause gesehen,<lb/>Dora hatte diese Gewohnheit beibehalten. Es
war<lb/>also natürlich, daß sie mich dieser Gesellschaft einreihte;<lb/>und
während ich in der jungen Künstlerschaft jesten<lb/>Fuß faßte und den
fröhlichen Lebensgenuß derselben<lb/>theilte, war doch schon nach wenig
Wochen mein ganzes<lb/>Leben nur jenes alte: ich ging und kam, und kam
und<lb/>ging<lb/>Von Amalie hatte ich erfahren, daß Dora's von<lb/>mir
gemaltes Bild niemals in des Grafen Haus ge-<lb/>kommen war. Es hieß, er
habe es der Mutter ab-<lb/>getreten, da er ihr die Tochter fortgenommen
hatte.<lb/>Ich aber meinte jetzt zu verstehen, was Dora damit<lb/>gewollt,
als sie mir gleich in der ersten Stunde aus-<lb/>gesprochen, ihr Herz habe
vor ihrem Manne völlig<lb/>offen dagelegen.-- Und trotzdem sah sie mich!
Wie<lb/>hatte ich mir das zu deuten?<lb/>- Sie war es gewohnt worden, sich
als den Gegen-<lb/>stand der Huldigung und des Begehrens zu
empfinden,<lb/>und es lag etwas wundervoll Freies in der Weise,
in<lb/>welcher sie mit den Männern verkehrte, in welcher sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0289_282.tif" n="288"/>
<p>28<lb/>ihnen zum Willkomm die schöne, kräftige Hand darbot.<lb/>Man hätte es
etwas Königliches nennen mögen, könnten<lb/>fürstliche Frauen jemals unter
dem Zwang der ihnen<lb/>auferlegten Etikette sich so frei
entwickeln.<lb/>Daß ich sie bewunderte, ihr zu eigen war, daß<lb/>ich sie
liebte, hätte ich ihr nicht verbergen können,<lb/>hätte ich es auch gewollt.
Sie blieb dem gegenüber<lb/>natürlich gegen mich, wie einst in ihrem
Vaterhause.<lb/>Sie erzählte es gern, wie ich auf ihres Vaters
Hof<lb/>geboren, wie mein Vater schon ein Diener ihres Groß-<lb/>vaters
gewesen, wie er ihre Mutter und auch Sie<lb/>herumgetragen, wie ich nächst
ihrem Bruder ihr ältester<lb/>Bekannter und ein weit besserer Kamerad als er
ge-<lb/>wesen sei; und gerade an den Tagen, an welchen
sie<lb/>aristokratische Gäste und Clamor und Cäeilie bei sich<lb/>hatte,
geschah es bisweilen, daß sie mir beim Abschied<lb/>ein freundliches: ,Leben
Sie wohl, Helmar!? zurief,<lb/>während sie mich sonst niemals anders als mit
meinem<lb/>Vatersnamen nannte.<lb/>Geringfügig, wie derlei dem
Gleichgültigen er-<lb/>scheinen mochte, bildeten diese kleinen Ereignisse
den<lb/>Mittelpuukt meines Denkens.<lb/>lose Nacht, wenn Cäcilie von<lb/>Ich
hatte eine schlaf-<lb/>der schlesischen Reise<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0290_283.tif" n="289"/>
<p>288<lb/>sprach, und einen goldenen Arbeitstag, wenn Dora ge-<lb/>sagt hatie,
das sie an eine solche gar uicht denke, son-<lb/>dern, falls es ihr zu warm
werden sollte in der Stadt,<lb/>zu den Eltern gehen werde. Aber auch den
Vorschlag<lb/>ihrer Geschwister, sich im Frühsommer mit ihnen
ge-<lb/>meinsam nach Waldritten auf den Weg zu machen,<lb/>lehnte sie von
sich ab.<lb/>Elamor, mit dem ich auf sehr gutem Fuße ver-<lb/>kehrte, war
unzufrieden, daß die Schwester nicht mit-<lb/>gehen wollte; und ohne daß
Cäcilie sich in ihrem freund-<lb/>lichen Verhalten geändert hatte, merkte
ich es ihr doch<lb/>an, daß sie achtsam auf meinen Verkehr mit
ihrer<lb/>Schwägerin geworden war. Auch die arme, gute Amalie<lb/>traute mir
offenbar nicht recht. Obschon ihr weiches,<lb/>unverstanden gebliebenes Herz
sich zu Allem hingezogen -<lb/>fühlte, was nach Liebe oder gar nach Romantik
aus-<lb/>sah, ging sie doch scheu und vorsichtig mit mir zu<lb/>Werke, etwa
wie mit einem Schießgewehr, das unter<lb/>Verhältnissen zu einem Unheil
führen konnte. Sie<lb/>traute mir nicht recht, und am wenigsten traute
ich<lb/>mir selber, war ich selber mir darüber klar, was ich<lb/>thun, was
aus mir werd en sollte, und aus Dora.<lb/>Meine Stellung in Berlin machte
sich schneller<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0291_284.tif" n="290"/>
<p>28<lb/>und besser, als ich es irgend hatte erwarten können.<lb/>Der
kunstverständige Monarch würdigte mich seiner<lb/>fördersamen Beachtung, die
Kunsthändler und Privat-<lb/>leute verlangten meine Arbeiten. Was das
Talent<lb/>eines Künstlers erreichen konnte, das konnte mir
jetzt<lb/>füglich nicht mehr entgehen. Ich durfte mir also sagen,<lb/>daß
ich ein annehmbarer Bewerber in jeder Familie<lb/>der besten bürgerlichen
Gesellschaft sei, falls die Neigung<lb/>einer ihrer Töchter sich mir
zugewendet hätte. Aber<lb/>war ich ein Gatte für die Gräfin Berkow? für
die<lb/>reiche Wittwe, die ihre Freiheit so hoch anschlug? für<lb/>die
Tochter eines ehrgeizigen Vaters, den schon der<lb/>Sohn um seine stolzen
Hoffnungen betrogen hatte? Ge-<lb/>rade ich für sie, in meinem besonderen
Verhältniß zu<lb/>dem Hause ihrer Eltern, dem ich ebenso ergeben
als<lb/>verpflichtet war? und liebte mich die Gräfin?<lb/>Wenn ich mit ihr
in ihrem Arbeitszimmer saß,<lb/>im ruhigsten Verkehr, wenn sie zu mir, als
wären wir<lb/>immer beisammen gewesen, von allen ihren
täglichen<lb/>Erlebnissen sprach, ihr Vorhaben nach dieser oder
jener<lb/>Seite mit mir überlegend, wenn ich es fühlte, wie
wir<lb/>zusammenstimmten, wo es sich um das Urtheil über<lb/>Menschen, über
das Leben in der Gesellschaft oder über<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0292_285.tif" n="291"/>
<p>28K<lb/>die Werke in den verschiedenen Künsten handelte, kam<lb/>es mir fast
undenkbar vor, daß jemals ein Anderer<lb/>ihr in gleicher Hingebung zur
Seite gewesen war, daß<lb/>ein Anderer sie so lieben könnte als ich; und oft
genug<lb/>schwebte die entscheidende Frage mir auf der Lippe.<lb/>Aber ich
schwieg, obschon ich mich feige nannte, weil<lb/>ich nicht zu sprechen
wagte; und doch waren es die<lb/>Liebe und das sehr berechtigte Erwägen
männlichen<lb/>Ehrgefühls, die das Wort der Liebe zurückdrängten in<lb/>das
Herz. Neben ihr zu leben, sie zu sehen, ihr Ver-<lb/>trauen zu genießen, ihr
lieb und diensthar zu sein, das<lb/>war ein Glück, welches auf das Spiel zu
setzen ich<lb/>nicht wagen mochte; während sich zugleich mein
Stolz<lb/>trotz meiner Leidenschaft dagegen sträubte, ihr Wort<lb/>zu
empfangen, wenn ich an die Möglichkeit gedachte.<lb/>daß sie jemals bereuen
könnte, es mir gegeben zu<lb/>haben. Sie hatte nach den Begrifen der Welt
große<lb/>Opfer zu bringen, ich nach denselben weit mehr zu<lb/>empfangen,
als ich zu bieten hatte. Unser Einsatz war<lb/>nicht gleich; und große Opfer
kann ein Mann nur aus<lb/>dem freiesten Entschluß einer großen Liebe
annehmen,<lb/>wenn sie ihn nicht drücken sollen. Aber all' dieses
Er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0293_286.tif" n="292"/>
<p>28e<lb/>kennen, Wissen und Erwägen änderte in meinem, in<lb/>unserem Zustand
nichts.<lb/>Inzwischen war Clamor mit den Seinen abgereist,<lb/>und acht
Tage später ließ Dora ihre Koffer packen,<lb/>um ihnen nachzufolgen. Ich
fragte, seit wann sie sich<lb/>zu ihrem Aufbruch entschlossen habe. Sie
sagte, sie<lb/>habe es nie anders vorgehabt, als ebenfalls zu den<lb/>Eltern
nach Waldritten hin zu gehen, aber sie habe<lb/>nicht mit den Anderen gehen
wollen.<lb/>, Und weshalb nicht?- fragte ich.<lb/>Sie sah mich ernsthaft an,
dann flog ihr heiteres<lb/>Lächeln ihr über das Gesicht.<lb/>,Weil,? sagte
sie, ,wweil ich eine unbedingte Ab-<lb/>solutistin bin. Ich könnte die
Tyrannei eines harten<lb/>Menschen eher tragen, als das Dreinreden vieler
liebe-<lb/>voller Seelen, die mich gegen mein Wollen zu ihrem<lb/>Willen
schmeicheln möchten. So bleibt mir, wenn ich<lb/>mir die Freiheit meines
Handelns wahren will, durch-<lb/>aus Nichts übrig, als den Glauben aufrecht
zu er-<lb/>halten, daß ich durch meinen Mann verzogen, von<lb/>einem
Eigensinn geworden sei, mit dem weder im<lb/>Kleinen noch im Großen etwas
anzufangen möglich.<lb/>Mein übler Leumund in der Hinsicht ist für mich
un-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0294_287.tif" n="293"/>
<p>A8?<lb/>schäzzbar, und ich trachte darnach, ihn mir zu erhalten,<lb/>so gut
ich kann.?<lb/>Sie sagte das mit so viel guter Laune, daß wir<lb/>Beide noch
darüber lachend scherzten, als Amalie da-<lb/>zwischen kam. Bald nach ihr,
es war die Empfangs-<lb/>stunde der Gräfin, wurden rasch hintereinander
ein<lb/>paar Personen, Männer und Frauen, von der Gräfin<lb/>nächster
Bekanntschaft gemeldet, die gekommen waren,<lb/>ihr Lebewohl zu
sagen.<lb/>Man ging an den Theelisch, redete von Dem und<lb/>Jenem, bis eine
der Damen darauf zu sprechen kam,<lb/>wie sie eben in diesen Tagen die
Tochter des russischen<lb/>Fürsten-- sie nannte den Namen -- gesehen
habe,<lb/>die vor mehreren Jahren sich mit einem deutschen<lb/>Musiker von
ihres Vaters Kapelle, natürlich gegen den<lb/>Willen ihrer Familie,
aerheirathet hatte, und nun als<lb/>die Gattin dieses in der musikalischen
Welt sehr ge-<lb/>schätzten Mannes in dessen Heimat lebte.<lb/>Die
Berichterstatterin, eine noch junge Dame aus<lb/>altem, doch verarmtem
Hause, die erst neuerdings eine<lb/>Ehe mit einem reichen, aber kranken und
sehr alten<lb/>Edelmanne eingegangen, und die mir durch ihren zur<lb/>Schau
getragenen Adelsstolz stets unangenehm gewesen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0295_288.tif" n="294"/>
<p>88<lb/>war, konnte sich mit der bloßen Erwähnung des Vor-<lb/>falls nicht
begnügen.<lb/>, Stellen Sie sich vor,- sagte sie,,als ich in Leipzig<lb/>aus
unseren Wagen heraussah, erblickte ich an der<lb/>Thüre des nächsten Coupes
den Konzertmeister, der ein-<lb/>steigt, und auf dem Perron stehend die
Fürstin, seine<lb/>Frau, die ihm den Schirm und den Nachtsack
zureicht,<lb/>als hätte sie es anders nie gekannt. Und der Mann<lb/>nahm das
hin, als verstünde sich das von selbst, und<lb/>wäre in der
Ordnung.!<lb/>Ihr spöttischer Ton hatte etwas Herausforderndes,<lb/>dem ich
nicht widerstehen konnte<lb/>,Mich dünkt,? entgegnete ich, ,es ist eben
keine<lb/>große heroische That, eine kleine Handleistung z<lb/>machen wo sie
nöthig ist, am wenigsten zwischen Ehe-<lb/>leuten, zwischen Mann und
Fuau.!<lb/>,Es kommt nur darauf an,! fiel sie mir ein, , wer<lb/>der Mann
ist, und wer die Frau! Aber scheint Ihnen<lb/>diese Handleistung keine
heroische That, so werden Sie<lb/>doch zugeben müssen, daß für die Fürstin
viel Herois-<lb/>mus dazu gehörte, die Frau eines Mannes zu werden,<lb/>der
solche Dienstleistungen für sie in der Ordnung<lb/>findet.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0296_289.tif" n="295"/>
<p>289<lb/>, Und wenn ich das nicht thue?-<lb/>,So werde ich darin die
Bestätigung sehen,! ent-<lb/>gegnete die Baronin, , daß in den
verschiedenen<lb/>Ständen, oder sagen wir Lebenskreisen, ! verbesserte
sie<lb/>sich rücksichtsvoll auf mich, , die Anschauungen über die<lb/>Ehe
und die Liebe eben sehr verschieden sind, und daß<lb/>die Künstler in ihrer
Romantik von den Frauen Opfer<lb/>heischen, die unsere Männer nicht von uns
begehren<lb/>würden.?<lb/>Ich sah Dora's Augen auf die Baronin, dann<lb/>mit
raschem Blick lebhaft auf mich gerichtet, und von<lb/>den verschiedensten
Empfindungen fortgerissen, sagte ich:<lb/>,Gehen Sie noch weiter, gnädige
Frau! Sagen<lb/>Sie, der rechte Künstler würde die Hand einer
Königin<lb/>verschmähen, wenn sie ihm ein Opfer in der Gewährung<lb/>ihrer
Gunst zu bringen wähnte, wenn es ihr möglich,<lb/>ihrem Herzen möglich wäre,
sie ihm zu versagen.! --<lb/>Und weil ich fühlte, daß ich weit gegangen war,
und<lb/>vielleicht mehr verrathen hatte, als in dem Augenblick<lb/>gefordert
und berechtigt sein mochte, setzte ich in<lb/>leichterem Tone hinzu: ,
Freilich, die Zeiten sind vor-<lb/>bei, in denen eine Göttin sich dem armen
Erdensohne<lb/>Fanny Lewald. Helnar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0297_290.tif" n="296"/>
<p>90<lb/>nahte, in denen eine Luna zum Endymion hernieder- ,<lb/>stieg, ihm
Liebe und Gunst gewährend, welche zu for-<lb/>dern er sicherlich sich nicht
vermessen hatte. ?<lb/>Der Mythus paßte im Grunde nicht schicklich
auf<lb/>den Fall, aber er war mir in den Sinn, die Worte<lb/>waren mir in
den Mund gekommen, ich wußte selber<lb/>nicht wie. Die Baronin, offenbar in
der Genealogie,<lb/>und im Gothaischen Kalender besser als in ber
Mytho-<lb/>R ---<lb/><lb/><lb/>z<lb/>,Vortrefflich, ganz vortrefflic!r rief
sie, da sie es -'<lb/>bemerkte, wie die Anderen allmälig still und auf
unsere<lb/>Unterhaltung actsam geworden waren. Sie schien ein-<lb/>lenken zu
wollen, aber fie konnte den Ton dazu nicht<lb/>finden, und spöttischer, als
sie es vielleicht beabsichtigte,<lb/>sagte sie: ,Da sehen Sie den Künstler,
Gräfin! und y<lb/>die Weise, in der ihmn Alles gleich Gestalt
gewinnt.-<lb/>Da haben wir sofort ein Bild. Ein Bild, das wir<lb/>vielleicht
in der nächsten Ausstellung zu bewundern,<lb/>haben werden, ohne daß die
Menge ahnt, welcher Ein-<lb/>gebung der Künstler es verdankte, und wie ich
schließ-<lb/>lich die Urheberin desselben gewesen bin.'?<lb/>,Sie find sehr
gnädig,! entgegnete ich. ,Ich habe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0298_291.tif" n="297"/>
<p>9<lb/>es leider zu bedauern, daß ich kein Historienmaler,<lb/>sondern nichts
als ein Genremaler bin. Der erwartete<lb/>Genuß wird Ihnen also vorenthalten
bleiben. Ich<lb/>könnte Ihnen höchstens die unglückliche Fürstin
am<lb/>Waggon als Opfer ihrer unbedachten Liebe malen -<lb/>und das wäre
doch ein tragisches Motiv.-<lb/>Der Ton zwischen uns Beiden war herb
geworden.<lb/>Mir war das Blut zu Kopf gestiegen, die Baronin<lb/>biß sich
die schmalen Lippen, auch Dora war erregt.<lb/>Ic sah es an der Röthe auf
ihren Wangen und an<lb/>ihren blizenden Augen. Sie war unzufrieden, sei
es<lb/>mit der Baronin oder auch mit mir. Indeß sie war<lb/>Hausfrau, war
gewohnt sic zu beherrschen, und sich<lb/>mit Lächeln zu mir wendend, sagte
sie, die Unterhaltung<lb/>in eine andere Bahn zu lenken:<lb/>, Genre oder
nicht Genre! Das sind ja Worte,<lb/>bloße Worte, Kronau! Wie können Sie
darüber mit<lb/>der Baronin streiten! Haben doch Sie selber es mir<lb/>oft
geng gesagt, daß man historische Stoffe genrehaft<lb/>darstellen, und die
kleinsten Vorgänge aus dem Alltags-<lb/>leben, in ihrer allgemeinen
Bedeutung erfaßt, mit<lb/>großem historischem Sinn behandeln könne. Aber
ab-<lb/>z?e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0299_292.tif" n="298"/>
<p>9<lb/>gesehen von dem Allen, Sie haben mir noch nie ein<lb/>Bild gemalt.
Malen Sie mir ,Luna und Endymionf.<lb/>Ich verlange kein großes Bild! kein
großes Opfer!'<lb/>schaltete sie mit Bedeutung ein. , Ein paar
spannhohe<lb/>Figürchen, aber schön! Schöne Menschengestalt
in<lb/>monddurchglänzter Waldnacht. Ein Bildchen für
mein<lb/>Arbeitskabinet! Wollen Sie?<lb/>Sie hätte, wäre sie ruhig gewesen
oder hätte sie<lb/>den eigentlichen Mythus recht gekannt, die
Forderung<lb/>kaum gestellt. Ich sah ein Lächeln auf der Männer<lb/>Lippen,
und um nur fortzukommen von dem Thema,.<lb/>das mein Ungeschick
herbeigeführt, sagte ich, sie habe<lb/>zu befehlen.<lb/>,Befehlen!?
wiederholte sie ungeduldig. ,Was das<lb/>heut' Alles für Redensarten sind!
Opfer! Befehlen!<lb/>als wären wir im Orient unter Sklaven und Despoten.
-<lb/>Wollen Sie oder wollen Sie nicht?<lb/>, Es wird mich freuen, Ihren
Wunsch, Frau<lb/>Gräfin, zu erfüllen!'' entgegnete ich, ,sind Sie
damit<lb/>zufrieden?<lb/>Sie bejahte es. Von dem Konzertmeister und<lb/>der
Fürstin war die Rede nicht mehr; aber es war<lb/><lb/>i<lb/>A<lb/><lb/>ein
ganz ungewohnter Ton in die Unterhaltung ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0300_293.tif" n="299"/>
<p>9<lb/>kommen, eine befremdliche Verstimmung über die Ein-<lb/>zelnen, die
Niemandem entging. Dora zuerst mußte<lb/>das gewahren, denn es kam kein
Gespräch mehr in<lb/>den Gang. Sie hob die Tafel auf, und man
trennte<lb/>sich bald darnach, mit Rücksicht auf die für eine
frühe<lb/>Stunde anberaumte Abreise der Gräfin.<lb/>Da die Anderen sich
entfernten, hatte ich mich<lb/>ihnen anzuschließen. Als ich mich von ihr
beurlaubte,<lb/>fragte ich, ob ich von ihr hören würde, ob ich
ihr<lb/>schreiben dürfe.<lb/>,Ich wüßte nicht wozu!'' sagte fie. , Sie
schreiben<lb/>ja dann und wann an meine Mutter, und wie wir<lb/>bei uns
leben, das wissen Sie. Malen Sie lieber!?<lb/>, Gräfin!' mahnte ich leise,
weil ihre Kälte mich<lb/>erschreckte.<lb/>,Gehen Sie an mein Bild !-
begütigte sie, ,immer<lb/>vorausgesetzt, daß es Sie kein Opfer kostet, es
zu<lb/>malen. Denn ich bin wie Sie! Ich hasse die Opfer-<lb/>theorie und
liebe es auch nicht, Opfer anzunehmen.!<lb/>,Ich habe Sie erzürnt - Gott
weiß es, gegen<lb/>meinen Willen!' betheuerte ich ihr, während das
Herz<lb/>mir klopfte, denn so grundlos zürnen konnte nur die<lb/>Liebe; aber
ihre Antwort schlng mein Hoffen nieder.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0301_294.tif" n="300"/>
<p>W9s<lb/>, Erzürnt? ich wüßte nicht wodurch? Im Gegen-<lb/>theil! Sie haben
Rect, ich bin ganz Ihrer Meinung.<lb/>Man soll keine Opfer bringen, keine
fordern, keine an-<lb/>uehmen. Sich selbst soll man genügen, und nur
Das-<lb/>jenige thun, was man nicht anders thun kann. Dann<lb/>kommt man
ohne Zweifel an sein rechtes Ziel. ?<lb/>,Ich schreibe Ihnen morgeu!'' sagte
ich, weil ich<lb/>mich der Erklärung mehr als je bedürftig fühlte.<lb/>,
Nein!'' sprach sie leise, und so bestimmt, und<lb/>schnell, als dies ganze
Gespräch von Statten gegangen<lb/>war. , Nein! ich verlange, daß Sie es
nicht thun.<lb/>Ihr Wort kam sehr zur rechten Zeit für Sie und mich!<lb/>Es
muß, und soll mir die Richtschnur sein, und Ihnen<lb/>auch. Sie waren
weiser, als Sie es selber wußten,<lb/>und somit Lebewohl!'-<lb/>Sie ließ
mich stehen. Die Anderen nahmen sie<lb/>in Anspruch, und ic ging meines
Weges, mich ver-<lb/>wünschend und meinen übermüthigen Unbedacht,
und<lb/>meine Weisheit; und zum ersten Male auch zornig<lb/>gegen sie, ihren
kalten Hochmuth anklagend und ihren<lb/>Eigensinn.<lb/>ggggggggpogg
g<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 23</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0302_295.tif" n="301"/>
<p>!<lb/>k<lb/>Dreiundswanzigsles »apilel.<lb/>sFgoz.<lb/>? Es war mir eine
böse, lange Nacht, und mit<lb/>F allem meinem rastlosen Denken kam ich doch
über die<lb/>ßFrage nicht hinaus: Was ist benn eigentlich geschehen?<lb/>s
wie war das Geschehene möglich? und wie war es<lb/>h denn ehe das
Unerwartete geschah?<lb/>s Wie in einem sanften Traume, in
schlafwandeln-<lb/>F der Sicherheit, vollkommen an die Geliebte
hingegeben,<lb/>h hätte ich beglückt durch den Augenblick, bisher
jedem<lb/>F Tage es zurufen mögen: Verweile doch, du bist so<lb/>E schön! =
Seit die Aufregung nach dem ersten Wieder-<lb/>Z sehen sich besänftigt
hatte, war in der vertrauenden<lb/>F Ruhe, mit welcher wir beisammen gewesen
waren,<lb/>F selbst das Hoffen, wennn es sich in mir geregt, stil<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0303_296.tif" n="302"/>
<p>29e<lb/>und geduldig gewesen. Ich hatte, ohne mir Rechen-<lb/>schaft darüber
geben zu wollen, die Frucht nicht brechen<lb/>mögen, ehe sie gereift war.
Ich hatte nur wenig ge-<lb/>dacht, weil ich so viel empfunden, weil ich so
glücklich<lb/>gewesen war.<lb/>Jezt da es mir zwweifellos gewiß war, daß
sie<lb/>mich liebte, daß sie mein Wünschen und Hoffen er-<lb/>kannt hatte,
daß es, weil sie es theilte, ein berechtigtes<lb/>gewesen war, entzog sie
sich mir mit einem Male plötz-<lb/>lich. In demselben Augenblicke, in
welchem sie mich<lb/>und meine Arbeit eben noch in einer Weise für
sich<lb/>begehrt hatte, die mich entzückt, versagte sie mir
jede<lb/>Annäherung mit einer Härte, von der sie wissen mußte,<lb/>daß sie
mir<lb/>mit dem sie<lb/>Herrschsucht,<lb/>und Cäcilie<lb/>in's Herz schnitt.
War das ein Spiel,<lb/>ihre Eitelkeit vergnügte? Waren es die<lb/>der
launenhafte Eigensinn, deren Clamor<lb/>sie beschuldigten? Ihre Tyrannei,
ihre<lb/>Launen zu ertragen, war ich nicht gemacht. So weh<lb/>mir's that,
mich ihr entgegenzustellen.<lb/>Und was hatte ich verbrochen? Ich hatte
eine<lb/>Frau in ihre Schranken und zurecht gewiesen, welche<lb/>der Gräfin
gar nichts galt. Ich hatte es nicht ruhig<lb/>hingehen lassen, daß sie die
Verbindung einer vornehm<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0304_297.tif" n="303"/>
<p>?<lb/>A?<lb/>geborenen Frau mit einem Künstler als etwas durch-<lb/>aus
Unzulässiges bezeichnet. Wie hatte das die Gräfin<lb/>kränken können, wenn
ich ihr theuer war? - Ich<lb/>hatte es aufrecht erhalten, daß das angeborene
Talent,<lb/>das sich edel ausgebildet hat, gleichviel von wem
Der-<lb/>jenige abstammt, der es besitzt, so viel, wenn nicht<lb/>mehr werth
sei, als das Herkommen von einem Ge-<lb/>schlechte, welches sich durch die
Gunst, der Umstände ---.<lb/>durch ein paar Jahrhunderte zu erhalten
vermocht,<lb/>und in dem langen Lauf der Zeiten auch hie und da<lb/>eine
bedeutende Kraft in sich erzeugt hatte. Ich war<lb/>der Behauptung
entgegengetreten, daß man in den<lb/>bürgerlichen Kreisen die Frauen nicht
zu ehren wisse,<lb/>hatte es selbstverständlich genannt, daß die Liebe
ihre<lb/>freie Wahl als das höchste Gesez für sich erkenne,<lb/>daß sie sich
gegen die bestehende Gewohnheit ihr Recht<lb/>erkämpfe, und daß zwischen
Menschen, die sich an-<lb/>einander hingegeben haben, von anderen Opfern,
oder<lb/>gar von erniedrigenden Dienstleistungen weiter keine<lb/>Rede sein
könne.<lb/>Wenn Dora mich liebte, wenn sie geneigt gewesen<lb/>war, wie ich
es gestern mehr als je gehofft,. ihrer<lb/>und meiner Liebe nachgebend, die
Meine zu werden,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0305_298.tif" n="304"/>
<p>W0s<lb/>so hätte sie mich in meiner Abwehr der Baronin ver-<lb/>stehen, mein
Ausspruch sie erfreuen müssen. Sie liebte<lb/>mich also nicht! - Was sollte
dann aber ihre erste<lb/>Zustimmung, was das Verlangen nach dem Bilde
be-<lb/>deuten? - Hatte sie mich daran erinnern wollen, daß<lb/>ich ihr
gegenüber nur ein Künstler sei, der ihre Auf-<lb/>träge zu empfangen und
gegen Bezahlung auszuführen<lb/>habe? Das war unmöglich, ganz unmöglich!---
Oder<lb/>hatte sie eben nur Liebe genug für mich gehabt, sich<lb/>meiner
beharrlichen Liebe zu erbarmen? Hatte sie mir<lb/>ein Opfer zu bringen, mir
mit ihrer Hand nicht nur<lb/>ein Glück, sondern eine Gnade zu gewähren
gemeint?<lb/>Mein ganzes Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf.<lb/>,Die Tage
der Begnadigung, Frau Gräfin, sind für<lb/>mich vorüber!'' sagte ich laut
sprechend zu mir selber.<lb/>Am Abende, als ich von ihr gegangen war,
hatte<lb/>ich auf dem Heimweg es mir vorgenonmen, sie in der<lb/>Frühe auf
dem Bahnhofe aufzusuchen, um sie zu ver-<lb/>söhnen. Am Morgen, als der Tag
mir in das Fenster<lb/>sah, fühlte ich mich kalt und ruhig. , Sie sollen
Ihren<lb/>Willen haben, schöne Frau!'! dachte ich, und ging,<lb/>das zornige
Herz zu kühlen, in der Morgenfrische nach<lb/>dem Park hinaus. während sie
von dem entgegenge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0306_299.tif" n="305"/>
<p>299<lb/>setzten Ende der Stadt nach unserer geweinsamen<lb/>Heimat abfuhr in
ihr altes Vaterhaus.<lb/>Ich gab mir das Wort darguf keinen, auch
nicht<lb/>den kleinsten Versuch einer Annäherung an sie zu<lb/>machen. Er
war zu Ende,. mußte zu Ende sein, der<lb/>lange, lange Traum! nun für
immerdar! Kränkung.<lb/>für Liebe ernten? Nimmermehr!<lb/>Mit dem Gedanken
ging ich in die Werkstatt und<lb/>an meine Arbeit, und weil ich mich
gewaltsam zu-<lb/>sammennehmen mußte, meine Aufregung zu
bemeistern,<lb/>ging mir die Arbeit vortrefflich von der Hand, so
daß<lb/>ich meine Freude daran hatte. Ich machte am Mittag<lb/>nur eine
kurze Pause, und wie ich dann am Abend<lb/>meine Pinsel, meine Palette
reinigte, wie ich das<lb/>Fenster öffnete, daß mir die frische Luft in's
Zimmer -<lb/>strömte, und dann noch einmal vor die Staffelei
hin<lb/>tretend, mein Tagewerk überschaute, da dachte ich:<lb/>,Es ist gut,
daß es zu Ende ist. Nun bin ich frei<lb/>für immer!.<lb/>Ich war lange nicht
mit mir als Künstler und<lb/>als Mann so wohl zufrieden gewesen, wie an
dem<lb/>Abend. Ich konnte kein Weib besitzen wollen, das sich<lb/>zu mir
herniederließ, wie Luna zu dem schlafenden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0307_300.tif" n="306"/>
<p>800<lb/>Endymion! Um keinen Preis der Welt hätte ich ihr<lb/>das Bild gemalt;
und wäre sie an dem Tage zu mir<lb/>hingetreten mit dem einst von mir so
sehr geliebten:<lb/>,Wenn Du den Muth hast, küsse mich!?-- der
bloße,<lb/>Zweifel würde genug gewesensein, ihreLippen vormeinemt<lb/>Kusse
zu bewahren.-- Der Zorn der Liebe war über<lb/>mich gekommen, ich, freute
mich des brennenden<lb/>Schmerzes, denn ich war entschlossen, ihn zu
überwinden.<lb/>Gestern noch war meine ganze Seele fest in ihren<lb/>Banden
gewesen, heute feierte ich einen Triumph über<lb/>sie und über mich! Und wie
ich gestern sie wiederzu-<lb/>sehen leidenschaftlich begehrt hatte, so sagte
ich mir<lb/>heute, ich müsse, mein früheres Vorhaben ausführend,<lb/>nach
Paris zurück, noch ehe der Winter komme; ja,<lb/>besser noch, ich müsse bald
fort von hier, um noch<lb/>des schönen Herbstes in Frankreich zu
genießen.<lb/>Aber! Die Franzosen sagen: Nicht Jeder ist ein<lb/>Thor, der's
sein möchte!-- und aus eigener Erfah-<lb/>rung setze ich hinzu: Man ist so
weise nicht, als man's<lb/>zu sein glaubt, als man bisweilen es zu sein
-<lb/>fürchtet!<lb/>Ich sagte meinen Freunden, daß ich gehen würde,<lb/>weil
ich mich durch mein Wort ihnen gegenüber zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0308_301.tif" n="307"/>
<p>81<lb/>s binden wünschte. Ich erklärte ihnen, daß ich nuur dies<lb/>f eine
angefangene Bild beenden wolle, und machte , ,<lb/>s immer neue Skizzen und
untermalte neue Bilder. Nur<lb/>s darin blieb ich fest, ich schrieb nicht an
die Gräfin,<lb/>s nicht an ihre Mutter, auch nicht, als ich mich von.
-<lb/>F Berlin entfernte, um auf die Güter eines mir befreundet<lb/>f
gewordenen Gutsbesitzers zu gehen, dem ich es zuge-<lb/>s sagt hatte, ein
Familienbild für ihn zu malen. -<lb/>Ich blieb länger auf dem Lande, als ich
es' zu-<lb/>F erst beabsichtigt hatte. Die märkische Gegend war mir<lb/>ß
anmuthend, der Menschenschlag tüchtig. Die Ernte,<lb/>der Beginn der Jagd
boten mir im Wechsel ihrer<lb/>z Szenen gerade die mir gemäßesten Motive.
Die<lb/>Familie, in deren Hause ich verweilte, ward mir immer<lb/>f werther,
schon weil ich ein Bedürfniß hatte, mich an<lb/>neue Menschen gnzuschließen,
da ich die alte Liebe<lb/>nicht mehr in mir pflegen wollte. Der Mann,
den<lb/>ich zu malen hatte, war der Typus eines stattlichen<lb/>Märkers. Die
Frau eine hübsche Blondine, die drei<lb/>Kinder frisch, die dänische Dogge,
die nach der Kinder<lb/>Meinung und Bitten durchaus mit dabei sein
sollte,<lb/>ein schönes Thier, und der Tisch unter den Linden ein<lb/>,guter
Platz. Den jüngsten Buben bat ich mir nackt<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0309_302.tif" n="308"/>
<p>8<lb/>aus. Sonnenlicht, das durch die Aeste fiel, kam mir<lb/>zu Hülfe. Die
Arbeit machte mir Vergnügen. Es<lb/>war eine Art von Windstille über mich
gekommen,<lb/>in der ich mich wie in einem klaren See von den<lb/>kleinen
Wellen tragen und schaukeln ließ, welche das<lb/>tägliche Leben meiner neuen
Freunde erzeugte, und von<lb/>denen es bewegt ward.<lb/>Wir machten
weitausgedehnte Besuche in der<lb/>Nachbarschaft, es waren hübsche Mädchen
in den<lb/>Häusern, der bequeme Verkehr führte leicht zusammen,<lb/>die
Lebensweise hatte bei aller Reichlichkeit doch einen<lb/>bürgerlichen
Annstric; und von<lb/>Hause des Kommerzienraths,<lb/>und Cäcilie
übergegangen war,<lb/>dem großen Luxus im<lb/>der auch auf lamor<lb/>wie von
dem vornehm<lb/>gewäählten Styl in der Gräfin Haushalt, war man<lb/>troz
einer sichern Wohlhabenheit sehr weit entfernt.<lb/>Meine Freunde sahen es,
daß ich mich in ihrer<lb/>Mitte gut befand, und weil es ihnen selber wohl
war<lb/>und sie mir gut gesinnt, lag ihnen der Vorschlag nahe,<lb/>daß ic
mir unter den Töchtern dieses Landes und<lb/>ihres Kreises die Gattin wählen
solle. Dann hatte<lb/>ich, wie sie meinten, die Abwechslung zwwischen
Stadt<lb/>und Land, die mir Bedürfniß und genehm war, leicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0310_303.tif" n="309"/>
<p>808<lb/>zu machen. Man bezeichnete mir sogar dies und jenes<lb/>Mädchen um
seiner besonderen Vorzüge willen ganz<lb/>besonders, und bei jeder dieser
jungen Schönen mußte<lb/>ich einräumen, daß sie eine wünschenswerthe
Hausfrau<lb/>und Gattin sei, daß ich die Eine so gut als die An-<lb/>dere
zur Frau nehmen könnte -- wenn ich's überhaupt<lb/>konnte -- wenn ich nicht
nach Paris gehen müßte,<lb/>um fortzukommen von Berlin. Dazu aber mußte
ich<lb/>doch nothwendig erst nach Berlin zurück, was hin-<lb/>wiederum nicht
eilte. Kurz, ich blieb und blieb, war-<lb/>tend - ich wußte nicht worauf;
und höchlich mit mir<lb/>unzufrieden, wenn ich in diesem anscheinend
gelafsenen<lb/>Warten den Schimmer einer Hoffnung hervorblitzen<lb/>sah, die
ich mir einzugestehen als meiner unwürdig<lb/>gefunden haben würde. Ich war
in eine jener Krisen<lb/>F des Selbstbetrugs hineingerathen, welche in der
Liebe<lb/>ß der Thor sowie der Weise durchzumachen hat.<lb/>Die Tage fingen
währenddessen an allmälig kürzer<lb/>F zu werden, meine Arbeit war abgethan.
Ich hatte<lb/>ß vor mir selber keinen vernünftigen Grund zu länge-<lb/>rem
Verweilen auf dem Lande, und eines Abends<lb/>F fand ich mich wieder in
Berlin in meiner Wohnuung<lb/>und in meiner Werkstatt. Sie kam mir öde und
leer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0311_304.tif" n="310"/>
<p>71<lb/>vor in der Erinnerung au das behagliche Familien-<lb/>leben, das ic
verlassen hatte, und vor dem mir doch<lb/>stets bange geworden
war,<lb/>hatte, mich in ein solches für<lb/>zudenken. Ich befand mich<lb/>so
oft ich es versucht<lb/>immer gebunden hinein-<lb/>in dem
unbehaglichsten<lb/>Zustand von der Welt. Des Junggesellenlebens war<lb/>ich
satt, und an die Ehe, wie sie sich mir darbot,<lb/>mochte ich nicht denken.
Ich hätte heraus sein mögen<lb/>aus dem täglichen Schwanken zwwischen
Behagen und<lb/>Unbehagen, hätte mich selber los sein mögen und
hielt<lb/>doch, wie ich mir spottend vorwarf, so große Stücke<lb/>auf mich,
daß ich mich berechtigt glaubte, von der<lb/>Liebe alle möglichen Opfer zu
empfangen, ohne sie<lb/>auc nur als solche anerkennen zu mögen. Das
hatte<lb/>Dora ganz mit Recht gekränkt, das hatte mich des<lb/>Glütckes
beraubt, welches ich das Frühjahr hindurch<lb/>in ihrer Nähe genossen,
und----<lb/>Und so war ich denn glücklich wieder mit meinen<lb/>Gedanken,
die ich lang im Zaume gehalten, an dem<lb/>alten Ziel gelandet, und bei
ihr.<lb/>At Abend, einige Stunden nach meiner Ankunft,<lb/>wollte ich mich
wie immer in das Kaffeehaus begeben,<lb/>in welchem ich meine Freunde zu
finden sicher war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0312_305.tif" n="311"/>
<p>0d<lb/>s Nicht fern von meiner Wohnung traf ich Glansor, der<lb/>nach Hause
ging. Unser Weg war der nämliche, wir<lb/>setzten ihn also gemeinsam fort.
Ich fragte nach dem<lb/>Ergehen der Seinen. Er erzählte, daß seine
Frau<lb/>und sein Knabe noch bei den Eltern wären, wo er nur<lb/>f kurze
Zeit habe verweilen können, weil er seinen Chef<lb/>s, auf einer Dienstreise
zu begleiten gehabt habe, von<lb/>welcher er vorgestern zurückgekommen sei.
Er sprach<lb/>von dem Wohlbefinden seiner Eltern, von dem Gedeihen<lb/>der
Güter, sagte, daß er meine Mutter noch rüstig' ge-<lb/>funden habe; aber
nach meinen Angelegenheiten fragte<lb/>er nicht, und der Gräfin erwähnte er
mit keiner Silbe.<lb/>Ich wartete lange darauf. Schließlich blieb mir
nichts<lb/>übrig, als mich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.<lb/>,Haben Sie
sie denn noch nicht gesehen?! fragte er.<lb/>Ich erinnerte ihn, daß ich eben
erst ange-<lb/>kommen sei.<lb/>,Aber Sie wissen doch, daß sie seit länger
als<lb/>drei Wochen hier und, wie ich gestern von ihr erfuhr,<lb/>amit
Reisegedanken beschäftigt ift.<lb/>Ich erklärte, daß ich von dem Allem nicht
unter-<lb/>richtet sei mnd daß ich von der Gräfin nichts vernom-<lb/>Ganny
Lewald. Helmar.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0313_306.tif" n="312"/>
<p>80e<lb/>men hätte, seit sie auf das Land gegangen. Das be-<lb/>fremdete ihn,
wie mich die Anwesenheit der Gräfin in<lb/>Berlin befremdete, und als ich
ihn, über seine Mit-<lb/>theilungen betroffen, fragte, wohin sie sich zu
begeben<lb/>gedenke, sagte er leichthin:<lb/>,Weiß ich's? Ic glaube, sie
weiß es selber nicht.<lb/>Nach Frankreich! Nach Jtalien! Irgend wohin,
wo<lb/>sie ihr Jeal, ganz auf sich selbst gestellt zu sein, er-<lb/>reichen
kann, und wo sie vor Allen sicher ist, keinem<lb/>verständigen Einfluß,
keinem vernünftigen Rathe zu<lb/>begegnen !' -- Wie einst Cäcilie, so
bereute auch er<lb/>es sofort, das Urtheil in solcer Weise
ausgesprochen<lb/>zu haben, denn er brach ihm mit einer
allgemeinen<lb/>Bemerkung über die Launen der Frauen, welche sich<lb/>selber
überlassen wären, scherzend die Spitze ab.<lb/>,DDaß Sie übrigens außer
allem Zusammenhange mit<lb/>meiner Scwester wären, das hätte ich nicht
geglaubt.<lb/>Sind Sie gespannt mit ihr? fragte er danach.<lb/>Ich kannte
Clamor. Auch wenn er sich an-<lb/>scheinend gehen ließ, verlor er, es war
das je nachdem<lb/>eine seiner guten oder üblen Eigenschaften, nie
die<lb/>Herrschaft über sic. Er wußte immer was er that<lb/>und wollte; und
mit der Zurückhaltung, die man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0314_307.tif" n="313"/>
<p>Ko?<lb/>solchen Naturen gegenüber nothwendig zu beobachten<lb/>hat,
antwortete ich him, daß ich am Abende vor<lb/>meiner Abreise mich mit der
Gräfin und der Baronin -<lb/>in Meinungsverschiedenheit über ein abstraktes
Thema<lb/>befunden hätte, und daß der Gräfin ausdrückliche,<lb/>Weisung mich
gehindert, die Sache schriftlich aus-<lb/>zugleichen.<lb/>,Unbegreiflich!
sie ist wirklich unbegreiflich!?<lb/>rief er. ,Wir glaubten sie auf dem
besten Fuße mit<lb/>Ihnen!? Und mit ganz verändertem Tone setzte
er<lb/>ruhig und ernsthaft hinzu: ,Weshalb soll ich es<lb/>Ihnen verbergen,
Kronau, da Sie wissen, wie sehr<lb/>wir Alle Sie schätzen; Ihre Erklärung,
daß Sie mmit<lb/>der Gräfin die ganze Zeit hindurch in gar
keinem<lb/>Verkehr gewesen sind, wirft meine, wirft alle
unsere<lb/>Vermuthungen über den Haufen. Sie freut mich für<lb/>Sie, für uns
Alle! Doch verstehe ich jetzt meine<lb/>Schwester weniger als je.!<lb/>Ich
fühlte, das er es nicht böse meinte. Ich<lb/>hatte auch Grund, an seiner und
an Cäcilien's guter<lb/>Gesinnung für mich nicht zu zweifeln, aber der
Junker<lb/>von Waldritten kam bei ihm doch immer wieder zum<lb/>Aa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0315_308.tif" n="314"/>
<p>08<lb/>Vorschein und schlug ihm in den Nacken. Mir schien<lb/>es, als könne
er es noch immer nict ganz vergessen,<lb/>daß ich ihm einst hatte pariren
müssen, als glaube<lb/>er, ich hätte still zu halten, da es ihm beliebte,
mir<lb/>wieder einmal sein<lb/>meine einzufordern.<lb/>Gereiztheit und
ein<lb/>Vertrauen aufzubürden und das<lb/>Jezt weiß ich, daß meine
innere<lb/>Rest von Unfreiheit in mir, mich<lb/>ungerecht gegen ihn machten.
Damals fühlte ich mich<lb/>durch seine Worte schwer von ihm gekränkt, und
die<lb/>alte Lehre befolgend, daß der Hieb die beste Deckung<lb/>sei,
entgegnete ich ihm:<lb/>,Der Grund Ihrer Freude, wenn ich ihn
recht<lb/>verstehe, ist nicht schmeichelhaft für mich; und Ihr<lb/>Vertrauen
anzunehmen, soweit es die Gräfin betrifft,<lb/>trage ich Bedenken, denn ich
fürchte, daß Sie ver-<lb/>muthlich nicht erfreuen wird, was ich Ihnen zu
ver-<lb/>trauen für nöthig fnde. Ich liebe Ihre
Schwester!<lb/>und<lb/>als<lb/>ich glaube- -<lb/>Es war mir ordentlich ein
Stein vom Herzen,<lb/>ich dies Wort einmal vor einem Andern als vor<lb/>mir
selber, es gerade vor Clamor ausgesprochen hatte.<lb/>Aber er unterbrach
mich schnell.<lb/>,Ich weiß das!- sagte er mit mehr Gelassenheit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0316_309.tif" n="315"/>
<p>09<lb/>und Freundlichkeit, als ich in diesem Augenblicke zur<lb/>Verfügung
hatte, ,aber eben deshalb, lieber Kronau,<lb/>mußte diese Angelegenheit
einmal zur Sprache zwischen<lb/>uns kommen. Geben Sie den Gedanken an
eine<lb/>Verbindung mit der Gräfin, wenn Sie ihn hegten, auf.!<lb/>,Sie
gehen zu weit Herr von Marville! rief<lb/>F oz uou buona<lb/>,Ich spreche
nicht für mich, Helmar!'? sagte er,<lb/>! ,ich spreche für meine Mutter,
die, Sie wissen das,<lb/>F eine groke Zneigung kür Sie hat, und spreche
fr<lb/>F meine Schwester. Was die Lebe und das Heirathen<lb/>betrifft,
stehen ich und Sie auf gleichem Boden, und<lb/>ungleiche Heirathen scheinen
uns Waldern seit der<lb/>letzten Generation ein Bedürfniß werden zu
wollen.<lb/>Ich habe eine Liebesheirath mit einer Jüdin gegen<lb/>alles
Wünschen meiner Eltern geschlossen, meine Mutter<lb/>hat gegen den Wunsch
ihres Vaters einen neugeadelten -<lb/>Offizier geheirathet. Beide Ehen find
vortrefflich aus-<lb/>geschlagen, und man sollte also denken, eine
dritte<lb/>ähnliche Verbindung könnte meine Eltern nicht über-<lb/>raschen.
Aber - nennen Sie es ein Vorurtheil, das<lb/>meiner Mutter doch im Blute
liegt, nennen Sie es<lb/>einen Eigensinn, gerade meine Mutter wünscht für
die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0317_310.tif" n="316"/>
<p>H10<lb/>Tochter eine neue standesgemäße Verbindung. Und<lb/>täuschen Sie sich
darüber nicht, die Gräfin hängt an<lb/>ihrem Namen mehr, als sie selber
weiß, liebt ihre<lb/>Stellung in der großen aristokratischen
Gesellschaft<lb/>mehr, als sie es denkt. Sie würde sie
wahrscheinlich<lb/>schwer und stets vermissen.<lb/>Ich konnte mich diesen
Einwwendungen nicht wohl<lb/>entziehen. Ich sagte ihm, da er inne hielt, es
seien -<lb/>das Betrachtungen, die mir sehr geläufig wären. -<lb/>Freilich
glaube ich nach meinem Erfahren nicht, daß<lb/>die aristokratische
Gesellschaft die Vorurtheile seiner<lb/>Mutter in Bezug auf einen Künstler
von Namen<lb/>theile; aber es wären eben die von ihm mir
ent-<lb/>gegengestellten Bedenken, welche mich hätten schweigen<lb/>machen
bis zu dieser Stunde.<lb/>,Sie haben ja in jeder Beziehung wie ein
Ehren-<lb/>mann gehandelt, Bester! Sie haben gehandelt, wie<lb/>wir es nicht
anders von Ihnen erwartet hatten,! be-<lb/>schwichtigte und versicherte mich
Clamor, ,aber<lb/>Schweigen?-- Lieber Freund, was verschweigt die<lb/>Liebe,
und nun gar die Liebe eines Künstlers? Und<lb/>andererseits, was verschweigt
die Eitelkeit einer schönen<lb/>Frau? Was erräth nicht der Neid ihrer
minder<lb/><lb/><lb/>A<lb/><lb/><lb/>I<lb/><lb/>=<lb/>-
s<lb/>W<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0318_311.tif" n="317"/>
<p>1<lb/>schönen Freundinnen und der Scharfblick ihrer Be-<lb/>werber? -- Dora
war von je Ihr Zdeal! Es<lb/>war der Graf, der das und Ihre Liebe für
meine<lb/>Schwester erkannte, ehe wir Anderen noch ahnten,<lb/>welch' ein
bedeutendes Talent in Ihnen sich entwickelte.<lb/>Jetzt sind Sie ein
berühmter Mann, ein gefeierter<lb/>Künstler, und natürlich gefällt und
schmeichelt es der<lb/>Gräfin außerordentlich, sich als das Ideal, als
die<lb/>bkgeisternde Muse von Helmar Kronau betrachtet und<lb/>genannt zu
wissen, sich mehr oder weniger erkennbar<lb/>in Ihren schönsten Bildern
wiederzufinden; denn Ihre<lb/>Phantasie verräth Sie -- vielleicht gegen
Ihren<lb/>Willen!r schaltete er begütigend und verbindlich ein.<lb/>,Aber,!
fuhr er so rasch fort, daß eine Einwendung,<lb/>mir nicht möglich war, ,als
der Fürst jetzt zu den<lb/>Jagden von den ostpreußischen Gütern seines
Schmggers<lb/>nach Waldritten gekommen war, als die Gräfin wider<lb/>unser
Wünschen und Erwarten die Hand des Fürsten<lb/>mit so fester Bestimmtheit
ausschlug, da regte sich die<lb/>Vermuthung in uns Allen, welche meine Frau
immer<lb/>gehegt hatte, seit Sie wieder in Berlin sind, Sie<lb/>wären nicht
ohne Einfluß, nicht unbetheiligt an dem<lb/>Verhalten meiner Schwester. Und
ich verhehle es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0319_312.tif" n="318"/>
<p>I<lb/>812<lb/>Iönen deshau ncht, es t uie sebr üeb, po Ahe« I;<lb/>zu hören,
daß wir uns irrten, besonders um meiner. s<lb/>Mutter willen lieb, die Ihnen
wirklich sehr zuge- -s<lb/>1<lb/>than ist.?<lb/>Sein Vertrauen, seine
Nachrichten über die Is<lb/>Werbung und Abweisung des Fürsten, seine Anex-
Fs<lb/>kemung meiner bescheidenen Zurückhaltung, und die Pj<lb/>Kränkung,
welche eben darin für mich lag, die Ver- IIi<lb/>u1<lb/>rINaa<lb/>sohn
gewänne: das Alles rasselte wie ein plötzlich Iz<lb/>niederschmetternder
Hagelschauer kalt und doch, auf-<lb/>regend auf mich nieder. Ich mußte mich
wiezunfg J<lb/>einem solchen erst schütteln und mich befinnen Fäuf
N<lb/>das, was mir geschah und was mir zu -thun, oblgg. ?
?<lb/><lb/>Gläcklicherweise brauchte ich nicht viel Zeit dazu, denn
I-?<lb/>die wachsende Zuversicht auf Dora's Liebe tauchte pie I?<lb/>die
Sonne aus dem Wolkenwirrsal dieser Unterredung.g<lb/>heller als je an meinem
Horizonte auf.<lb/>,Ich habe Sie ruhig vollenden lassen,r sagte, ich,'
7<lb/>,obschon die Voraussezungen, von denen. Sie,
gus-ß?<lb/>kt<lb/>gegangen, mir nicht die maßgebenden gewesen,. find.
-?<lb/>Ich habe Ihnen eingeräumt, daß ich angestanden habe,?,<lb/>=
s<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0320_313.tif" n="319"/>
<p>H1s<lb/>ds mich gegen die Gräfin auszusprechen, aber nuur, weil<lb/>ss ich
mich nicht sicher fühlte, ob ihre Lebe stark geng.<lb/>!s lhr Sinn groß geng
sei, auf gewisse äußere Vorzüge<lb/>If ihrer gegenwärtigen Stellung, die ich
vollauf würdige,<lb/>Is zu verzichten. Gewinne ich diese Neberzeugung,
komme<lb/>Fs sch zu der Gewißheit, daß Dora, gönnen Sie mir es<lb/>Fs
auszusprechen, meinen in der Welt nicht mehr unbe-<lb/>Ij kannten Namen
ebenso gern als den des Grafen'<lb/>f Behkow trägt, dan, Herr von Marpile,
darf mein<lb/>Fs Ehrgefühl vor dem Reichthum der Gräfin nicht zurück-<lb/>F(
schrecken. Dan, Herr von Marville, kann auch weder<lb/>Fß der Gedanke an die
Wünsche Ihrer Familie, noch der<lb/>Fs besondere Hinweis auf Frau von
Marville, die ich<lb/>hf in größter Dankbarkeit verehre, mich abhalten
so<lb/>Fß glücklich zu werden, als Sie burch eine keindliche Kugel<lb/>Ij
und Ihre und Cäeiliens muthige und feste Liebe,<lb/>Ff auch nicht auf den
besonderen Wunsch der. Ihren, es<lb/>s geworden sind.<lb/>-<lb/>il<lb/>Wir
standen vor dem Kaffeehause.<lb/>- ,Ich habe gemeint, Ihnen mit meiner
Aufrichtig-<lb/>,f kit mene Achtnng vor Ahnen ud mein Vertrauen<lb/>? ! zu
beweisen,! sagte Clamor.<lb/>st<lb/>dl<lb/>sl<lb/>i!<lb/>is<lb/>,Ihrer
Offenheit bin ich ebenso aufrichtig
be-<lb/><lb/>-<lb/><lb/>-<lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/>A<lb/><lb/><lb/><lb/>z<lb/><lb/><lb/>s<lb/>g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0321_314.tif" n="320"/>
<p>81<lb/>gegnet!? gab ich zurück. ,Ich schuldete dieses Ihnen<lb/>l<lb/>so wie
mir. Mit der Entscheidung, welche die nächsten<lb/>Tage bringen müssen, wird
Einer oder der Andere sich<lb/>in das Gleiche zu setzen haben: die Familie
der<lb/>alten Herren des Schlosses, oder des alten
Dieners<lb/>emporgekommener Sohn.!<lb/>1<lb/>Glamor fuhr auf, faßte und
überwand sich aber<lb/>ebenso schnell.<lb/>,Gerechtigter Stolz gegen
berechtigten Stolzl?<lb/>V<lb/>1<lb/>sagte er mit einer Würde, die ihn in
meinen eigenen<lb/>Augen über mich stellte. ,Aber diese Antwort,
Helmar,<lb/>war nicht gefordert und nicht von mir verdient. Ich<lb/>wünschte
meine Eltern, meine Schwester und auch Sie,<lb/>vor Mißhelligkeiten und
Kämpfen zu bewahren, deren<lb/>drückende Schwere ich und Cäcllie lange Zeit
empfunden<lb/>und getragen haben. Sollte das nicht möglich sein -<lb/>sollte
ich mich in der Anschauungsweise und in den F<lb/>Empfindungen der Gräfin
täuschen - nun,! - und<lb/>seine Stimme klang bewegt und weich, ,nun so
leistet F<lb/>ihr des Bruders Hand vielleicht weniger hart den
IF<lb/>Dienst, den ich und Cäcilie, wie Sie sagten, jener I<lb/>Kugel zu
verdanken hatten, und bringt Sie leichter F<lb/>an das Ziel, das ich und
meine Frau, wie ich Sie,ß<lb/>1<lb/>l<lb/>-
s<lb/>I<lb/><lb/>A<lb/>-F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0322_315.tif" n="321"/>
<p>1?<lb/>F wiederholt versichere, erst nach recht schmerzlichen<lb/>F
erwürfnissen und recht bitteren Leiden erreichen<lb/>F t-e<lb/>Er traf mich
mit den Worten tief.<lb/>-erzeihen Sie mir, Marville, bat ich, ,ich<lb/>F
schäme mich vor Ihnen.!<lb/>,Kein Wort darüber! sagte er, indem wir
uns<lb/>-<lb/>F die Hände schüttelten. ,Zweifelnde und gekränkte<lb/>FF
Liebe ist immer ungerecht. Nun nichts mehr davon.<lb/>F Es ist gut, daß wir
uns heute trafen. Die ganze<lb/>F Vergangenheit mußte einmal zwwischen uns
zum Aus-<lb/>Z trag kommen. Wir haben uns an einander gemessen<lb/>Z und
haben uns zusammengefunden. Das ist für alle<lb/>FEe gu: eno au:
Aedeneger<lb/>s Als er sich von mir wendete, sah ich nach der<lb/>ßuyr. L
oro = aehen, war es kr mich p wvön:<lb/>ss aber ihm nachblickend, bemerkte
ich, daß er den Beg<lb/>jlnach rer Ho ischla<lb/>gp<lb/>ggggs
zgppGGGGGGGGGGGGGGeGnggggggggg<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 24</head>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0323_316.tif" n="322"/>
<p>?-<lb/>Tierundswanzigsles
-Fapilel.<lb/>zpsJp1lpsg,sgFsap<lb/>l<lb/>z<lb/>1<lb/>t<lb/>l<lb/>s<lb/>P<lb/><lb/>g<lb/>l<lb/>i<lb/>s<lb/>?<lb/>z<lb/>s<lb/>So
früh, als es am nächsten Morgen zuläsfig,<lb/>war, begab ich mich zu ihr.
Ich ließ mich meldenß<lb/>und ward angenommen. Sie war noch im
Morgen--!<lb/>anzug mit einem kleinen Häubchen auf dem Kopfet<lb/>Ich hatte
sie niemals so gesehen. Es gab ihr eineng?<lb/>frauenhaften Anstrich und
machte sie mir zum erstens<lb/>- -1<lb/>Male fremd erscheinen.<lb/>Sie
stand, als ich bei ihr in ihr kleines Arbets)z<lb/>kabinet eintrat, vom
Schreibtisch auf und hielt mhg<lb/>einen Brief entgegen, den sie zu siegeln
im Begriffß<lb/>gewesen war.<lb/>,Willkomnen!r sagte sie. ,Ich erfuhr,
gefegß<lb/>von Clamor, daß Sie nach der Stadt gekommen
wärenß,<lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0324_317.tif" n="323"/>
<p>H<lb/>j und hatte Ihnen soeben geschrieben, Sie um Ihren<lb/>s Besuch zu
bitten, denn ich habe einen Dienst - nun!<lb/>, ich will sagen, ein Opfer
von Ihnen zu fordern,<lb/>j damit wir an den Punkt anknüpfen, an dem
wir<lb/>uns beim Abschied trennten.! -<lb/>Sie war bleich und ihre
Sprechweise unruhig<lb/>und gepreßt.<lb/>,Sie find unwwohl Frau Gräfin!?
sagte ich.<lb/>,Ich habe nicht geschlafen, das ist Alles!r ent-<lb/>F
gegnete sie tief aufathmend, wte Einer, der seine Kraft<lb/>F zu sammeln
hat. ,Elamor kam gestern Abend zu<lb/>I mir, nachdem er Sie gesprochen
hatte. Sch brauche-<lb/>P Iönen ncht z sagen, m was es ch zvischen
hhm<lb/>Ps und mir gehandelt hat,? sagte fie darnach schnell.<lb/>F, Er hat
sich reolich wie ein guter Bruder, wie ein<lb/>ßs Ereund und wie ein
Ehrenman eriesen Ich habe-<lb/>Ifihn lange ncht nach Gebühr geschätst, ich
liebe ihn<lb/>zl webr =w i. ober -<lb/>,Gräfin!r bat ich, demn ich ertrug's
nicht länger,<lb/>js ,ipamen Sie mich nicht auf die Folter. Was haben<lb/>ss
ee v on-e<lb/>Sie sah mich ernsthaft an.<lb/>,Sie haben mir es an dem
letzten Abende sehr -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0325_318.tif" n="324"/>
<p>818<lb/>hart und sehr entschieden ausgesprochen, daß Sie auch j<lb/>aus der
Hand der Lebe kein Opfer anzunehmen ver- I<lb/>möchten, welches von Dem, der
es zu hringen hat, ß<lb/>als ein solches empfunden wird! sagte sie und
ihrefj<lb/>Stimme bebte bei den Worten. ,Aber die Lebe und F<lb/>die
Zufriedenheit meiner Eltern find ntchts Geringes!r Z<lb/>Ich ehhob mich. Sie
liek es rhig geschehen ß<lb/>,Ich, sage ke barauf, ,ich empfinde anders als
F<lb/>Sie. Ich fordere ein Opfer von Ihnen!?<lb/>und wie damals, als wwir
uns trennten, ver- F<lb/>scherte ich sie, dak sie zu befehlen habe; aber das
F<lb/>Herz krampfte sich mir zusammen in der Brust.<lb/>,ein, versete ke,
,ich habe ncht befehlen,jj<lb/>und ich will's auch nicht. Aber Sie haben mir
dftershj<lb/>wiederholt, Sie dächten fortan in Deutschland, inFs<lb/>Berlin
zu bleiben.? Sie sprach immer hastiger, immer Zs<lb/>leser ,Gehen Sie for!
Gehen Sie nach Paris, soFs<lb/>bald als möglich -- auch wenn es Sie ein
Opfexf<lb/>kostet! um meinetwillen,' schaltete ste ein,
,ordetggs<lb/>-<lb/>ich das Opfer!?<lb/>---Hs<lb/>unwilkürlich deckte ich
meine Nugen mit der Hgngj<lb/>T-<lb/>Da fühlte ich ihre Hänbe auf meinen
Schulternßs<lb/>und stch an mich lehnend, sprach ste, während
gnjs<lb/>il<lb/>n<lb/>a<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0326_319.tif" n="325"/>
<p>19<lb/>Stimme in Thränen brach: ,Denn ich will. Vater<lb/>t<lb/>F und Mutter
verlassen, und will uuit Hir gehen! nnd<lb/>F so wahr Gott lebt lber Hir und
mir -- es ist mir<lb/>F tein Vpfer, und w brauchst mir nicht z
danken?<lb/>s<lb/>s<lb/>Es giebt Glück, vor dem der Mensch verstummt<lb/>F
unk far das der Sprache auch in der Erinnerung der<lb/>F Ausdruck fehlt. Ich
konte kum begreifen, was mir<lb/>F geschah. Ich brauchte Lein, bis ich den
wlden, den<lb/>F heißen Schlag meines Herzens bewältigte, bis ich es<lb/>Zs
mit vollem Bewußtsein genoß, daß ich das geliebte<lb/>Fs Weib in weinen
Armen hielt, bak ste mein sei aus<lb/>Is keer Enchliekng, mei fdr
immer<lb/>,Dora! Dora! Fst es denn möglich? kann man<lb/>Ij io glctch fee
-iet ch epuch aus.<lb/>f Da schlug mitteninunserer gewaltigen
Erschütterung<lb/>js ihr flberhelles achen an mein Ohr: ,Tölpel!
lieber<lb/>jsTowpeur scherte ke, k man Dirs den gon<lb/>js ausdrücklich
sagen, daß man Dich liebt, auch wem<lb/>ss Du keln Wort davon über eine
Lppen kommen<lb/>js lät- Nuß man Kies benn erst sagen, dak
man<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0327_320.tif" n="326"/>
<p>8<lb/>nicht sein und leben kann ohne ein so treues Herz<lb/>als
Deines?<lb/>1<lb/>,und Duu konntest von mir gehen! konntest mir
F<lb/>verbieten, Dir zu schreiben!r schmollte ich im Gebanken F<lb/>des
Entbehrens.<lb/>,Mdute ich es ncht? mußte ich mich ncht prüfenZ<lb/>kern von
Hir, ob ich noch leben ksnte ohne Hich? F<lb/>Mußte ich nicht erfahren, wwie
Du es verlangtest in F<lb/>stogen selbstgefäht bes Naes, bak ich Hein sei.
F<lb/>weil ich fortan nichts Anderes sein kann als Dein - FF<lb/>um
weinewillen Den- Bist D nn beruhigt?F<lb/>bist Du nun zufrieden, stolzer
Mann?<lb/>Ich hielt fie in meinen Armen; ich bedeckte fiemut Z<lb/>meinen
Küssen, und froh in meinem Glücke jabelteFähz Ff<lb/>,Ich hab' Schön
Rohtraut's Mund geküßt!?<lb/>,Ia ad soust ü kssen piet ausedm<lb/>Ach
Helmar! wie ich das Bild verstand und' wieZ<lb/>mich's rhrte seinereit!r
sagte sie. ,eber damaüs, F<lb/>obschon ich Dich liebte, mehr als ich's wußte
und- F<lb/>---- verstand, damals hätte ich nicht Dein sein mögenlNs<lb/>und
ich hatte das Alles dem Grafen gesagt und meiner-,f<lb/>Mutter!? Sie legte
ihre Hand in die meine und;h<lb/>--<lb/>sprach, indem sie ernst zu mir
emporsah: ,Daß ichIßs<lb/>A!<lb/>Sh<lb/>- -h<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0328_321.tif" n="327"/>
<p><lb/>Dich von der Stunde an, da ich Dich wiedersah, in<lb/>Deinem ganzen
Werth zu schätzen wußte, daß ich<lb/>Deinen Namen mit ebensolchem Stolze wie
den seinen<lb/>, tragen und Dir wie ihm,! sie lehnte sich sanft an<lb/>s
mich, ,eine dienstbare und gehorsame Frau sein werde<lb/>j-- das, Helmar!
das Alles und noch vieles, vieles<lb/>f Andere, das danken wir dem Grafen.
Ich war ja<lb/>ß wirklich noch ein Kind, als er mich zur Frau nahm.-<lb/>j
Ich wußte so wenig von mir selbst, und er wak klug<lb/>j und gut. Ich hatte
ihn lieb, sehr lteb. Aber Dich!-<lb/>, -- Achlr jubelte fie auf, und es
klang zu mir nieder<lb/>s wie heller Lerchenschlag, ,Dich! Dich liebe ich'
so sehrf?<lb/>Ich küßte ihr die Thränen von' den lieben Aüigen.<lb/>F unser
Erinern tng uns in den flügelschnellen Stunden<lb/>weit in die Vergangenheit
zukück, unser Hoffen in die<lb/>ß Lkkt; d doch fordert dig begenwart ihr
Rech<lb/>und unser besonnenes Erwägen.<lb/>t<lb/>Die gute Amalie wward
zuersß -herbeigerufen. Sie<lb/>wußte nicht, ob sie lachen oder-weinen
sollte, ob<lb/>sie Dora zu bewundern oder sich anzuklagen habe. -<lb/>Sie
hatte es lang geahnt, längst gesehen! Nach Wald- -<lb/>ritten wagte sie
nicht zu denken. Flucht und -Ver- -<lb/>eu<lb/>Fanny Lewald.
Helmar.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0329_322.tif" n="328"/>
<p>A2<lb/>borgenheit schienen ihr der einzige Ausweg, und in<lb/>fassungsloser
Rührung über ihres Lieblings frei ge-<lb/>wähltes Liebesglück, senkte sie in
komischer Verzweiflung<lb/>ihr schuldbeladenes, sanftes Haupt.<lb/>Wir
hatten Clamor und Cäcilie von unserer Ver-<lb/>lobung zu unterrichten,
hatten die Zustimmung von<lb/>Dora's Eltern zu unserer Ehe zu erbitten. Sie
ward<lb/>uns nicht zu Theil.<lb/>Der General schrieb uns, Dora sei in
jedem<lb/>Sinne frei, über ihre Zukunft und über ihre Handlungen<lb/>zu
entscheiden. Er könne sie in ihrem Vorhaben nicht<lb/>hindern, könne es aber
nicht billigen. Er sowohl als<lb/>Frau von Marville wendeten sich mit
ernster, dringender<lb/>Mahnung auch an mich. Die schweren
Stunden,<lb/>welche Clamor uns verheißen hatte, haben uns nicht<lb/>gefehlt;
aber auch Clamor und Cäcilie haben uns<lb/>nicht gefehlt, und ihre Stellung
war nicht leicht. Sie<lb/>Beide waren sie der Meinung, daß wir, um
Auf-<lb/>sehen zu vermeiden, für das Erste fortgehen, daß wir<lb/>unsere
Verbindung im Ausland schließen
sollten.<lb/>e<lb/>d<lb/>1<lb/>T<lb/>T<lb/>k<lb/>1<lb/>d<lb/><lb/>T<lb/><lb/><lb/>P<lb/>T<lb/>mußten
vorsichtig zu Werke gehen, wenn sie uns nütz-<lb/>lich sein
wollten.<lb/>:<lb/><lb/><lb/>h<lb/>dir widerstand der Vorschlag. Je
romanscher Is<lb/>Jl<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0330_323.tif" n="329"/>
<p>l<lb/>:<lb/>t<lb/>1<lb/><lb/>i<lb/><lb/>e<lb/>1<lb/>d<lb/><lb/><lb/>ge<lb/>n<lb/><lb/><lb/>i<lb/>A<lb/>k<lb/>sh<lb/>kt<lb/>k<lb/>I<lb/>kt<lb/>den
Augen gewisser Leute unsere Heirath war, um so<lb/>werden. Was wir zu thun
als unser Recht ansahen,<lb/>das mußten wir offenkundig thun, und Dora
stimmte<lb/>mir aus voller Neberzeugung bei. Auch Clamor und<lb/>Cäeilie
fügten sich endlich dieser Ansicht, aber sie<lb/>lehnten es aus Rücksicht
auf die Eltern ab, unserer<lb/>Trauung heizuwohnen. Noch ehe das Jahr zu
Ende<lb/>ging, ward Dora mir verbunden, an derselben Stelle,<lb/>7<lb/>an
wwelcher ich sie in ihrem Saale nach langen Jahren<lb/>der' Entfernung zum
ersten Male wieder gesehen hatte.<lb/>Am Tage vor unserer Trauung ging ich
den<lb/>Ring für Dora auszusuchen. Clamor war mit mnir.<lb/>Als ich den
schlichten goldenen Reif gewählt hatte,<lb/>bezahlte ich ihn mit' einem
Dukaten und einem Fünf-<lb/>thalerschein.<lb/>,Wie kommen Sie jetzt noch zu
dem alten:Gold-<lb/>stück? fragte Clamor mich.<lb/>,Den Dukaten schenkte mir
Ihr Vater, als ich<lb/>zuin Gesellen freigesprochen werden sollte, für die -
-<lb/>Wanderschaft; und den Schein? = er sah mich fragend<lb/>an - ,den
Schein drückten Sie dem Dragoner<lb/>-' t<lb/>- -<lb/>-<lb/>bürgerlicher
mußte sie vor ihren Augen geschlossen -<lb/>Kronau in der Kaserne in die
Hand, mit dem Be- -<lb/>ss<lb/>Ak<lb/>K<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0331_324.tif" n="330"/>
<p>s<lb/>merken, die Stunde würde schon noch kommen, in der<lb/>ich ihn benützen
könnte. Besser als in dieser Stunde<lb/>und zu diesem Zwecke weiß ich ihn
nicht zu nützen!?<lb/>,Du guter, lieber Mensch!? rief Clamor, und
ich<lb/>sah's ihm an, er wäre mir um den Hals gefallen,<lb/>wäre der
Juwelier nicht dagewesen.- ,Weiß das<lb/>Dora? fragte er.<lb/>,Nein! noch
nicht!'<lb/>,So laß mich's ihr sagen!? bat er, und von der<lb/>Stunde an,
nannten wir uns Du, als Brüder und<lb/>als Freunde.<lb/>l<lb/>Nach
anderthalb Jahren, als der Schnee, im<lb/>Frühling fortgeschmolzen war und
das neue Leben in<lb/>l<lb/>der Natur erwachte, da schlug unser erstes Kind
auch<lb/>l<lb/>seine Augen zum Lichte auf, wie seine Mutter schön.<lb/>Ich
schickte Dora's und der Kleinen Bild nach<lb/>Hause, eine Mutter mit dem
Kinde holdselig wie nur<lb/>Eine! =- Der Eltern Wunsch, die Kleine auf
ihrem<lb/>Grund und Boden taufen zu lassen, war darauf die<lb/>Antwort. Im
Sommer gingen wir sammt und
sonders<lb/>t<lb/>l<lb/>l<lb/>1<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>zu den Eltern in
die Heimat.<lb/>An demselben Taufstein, an welchem seit ein paar
F<lb/>hundern Jahren das von Baldern'sche Geschlecht, an ;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0332_325.tif" n="331"/>
<p><lb/>l<lb/>1<lb/>T<lb/>d<lb/>«<lb/>d<lb/>welchem einst mein guter Vater und
wir Alle die<lb/>Taufe, und ich als erste Gunst der Schloßherrschaft<lb/>den
Namen Helmar zum Geschenk erhalten hatte, stand<lb/>meine alte, treue
Mutter, in Freuden strahlend, neben<lb/>ihrer Herrschaft, das gemeinsame
Enkelkind, unsere<lb/>kleine Helmine, aus der Taufe zu heben.<lb/>Meine
Schwiegermutter war noch immer schön,<lb/>und sie ist es heute noch durch
ihre Lieb' und Güte.<lb/>Der General aber liebt, seit ich sein
Schwiegersohn<lb/>geworden bin, und seit er sich überzeugt hat, daß
die,<lb/>Gräfin Berkow als des Malers Kronau Frau in der<lb/>Gesellschaft
nichts verloren hat, es zu erzählen, wwie er<lb/>mit fester Hand mir meinen
Weg gewiesen,' wie frühe<lb/>strenge Schulung und Disziplin auch mir zum
Heile<lb/>ausgeschlagen find.<lb/>Er fährt nach seinen Theorieen zu erziehen
und<lb/>zu regieren fort; und wer will es sagen, ob nicht noch<lb/>mehr
solche Naturburschen wie ich auf ünseren»Wiesen<lb/>und in unseren Wäldern
ihm unter die Hände' kömmen<lb/>und gerathen wwerden? Meln Erfolg hak F 4;.
;.<lb/>Experimentiren Lust gemacht und Muth -- und Töchter<lb/>hat er ja
nicht mehr! Sogar-Cäcilie hat es allmälig,<lb/>wenn auch nicht leicht,
verschmerzt, daß sie keinen !<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0333_326.tif" n="332"/>
<p>H2e<lb/>Füirsten in die Famuilie bekommen haben, daß Dora j<lb/>ihren Willen
durchgesezt wie Clamor, das sie nichts. j'<lb/>gar nichts vor uns Anderen
voraus hat, weil auch s<lb/>wir von unserer romantischen Vergangenheit zu
reden j<lb/>haben, so wie sie.<lb/>Nur Leonhard fand von Anfang an Alles
sehr s<lb/>natürlich, Alles wie es sich gehörte. Cäcilie hatte ihm
j<lb/>geschrieben, wie wir uns getrennt, wie wir uns dann s<lb/>gefunden
hatten. Sie mochte ihm dabei wohl auch s<lb/>berichtet haben von der
Verwunderung der Leute über s<lb/>die Liebesheirath der Gräfin Berkow mit
einem bürger- s<lb/>lichen Künstler, mit dem Sohn von ihrer Eltern
s<lb/>Kammerdiener, und wie diese Verwunderung dann in<lb/>Bewunderung und
Freundschaft ausgeschlagen sei für<lb/>uns beide Glücklichen.<lb/>,Was war
denn dabei Großes zu verwundern?<lb/>fragte er in seinem Briefe an die
Schwester; und mit<lb/>der Lust am Scherze, die ihn nie verließ, parodirte
er:<lb/>,Stand's ihm doch an der Stirn geschrieben,<lb/>Daß ihn die Weibchen
mußten lieben!<lb/>aber, dafür muß er für Schön Rohtraut nun auch<lb/>malen,
was sie will und wie sie's will: den Teufel<lb/>und den Doktor Faust, und
Luna und den olympischen<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>t<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="helm_01_0334_327.tif" n="333"/>
<p>He<lb/>Siebenschläfer, wenn sie es begehrt, obschon ihr Herz<lb/>P bei diesem
seine Rechnung schwerlich finden würde.!<lb/>Und ich habe ihn ihr gemalt, so
wie sie sich den<lb/>, Mythus vorgestellt: den jungen schlummernden
Jäger,<lb/>, zu dem ein Götterweib herniederstieg. - Sie haben<lb/>j fich
gewundert, die Kritiker, haben es gelobt, daß ein<lb/>s Genremaler einen so
großen historischen Sinn in solch!<lb/>s kleines Bild gelegt<lb/>Sie wußten
nicht, welch' himmnlische Historie sich<lb/>j in dem Bild für mich verbarg,
und meine Modelle,<lb/>s selbst für den kleinen Lebesgott an Funa's
Seite,<lb/>?-<lb/>s hatte ich nicht weit zu suchen!<lb/>S<lb/>Die Skizze
dieses Bildes schloß das kleine Heft. -<lb/>Nur die Worte hatte er noch
darunter gesetzt: ,Freuen<lb/>Sie sich mit den Glücklichen, und nehmen Sie
mit -<lb/>der Darstellung vorlieb, dennn, wie ich Ihnen gleich<lb/>am Anfang
sagte, das Schreiben ist die Sache nicht von<lb/>Helmar Kronau.!<lb/>E n d
e. - -<lb/>==rTywSdg«<lb/></p>
</div4>
</div3>
</div2>
</div1>
</body>
</text>
</TEI>
