<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="lew1876.0001.005">
<teiHeader>
<fileDesc>
<titleStmt>
<title>Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.</title>
<author>Fanny Lewald</author>
<respStmt>
<resp>creation of digital images</resp>
<name>Digital Library Services, Washington University in St. Louis</name>
</respStmt>
<respStmt>
<resp>TEI XML encoding</resp>
<name>Digital Library Services, Washington University in St. Louis</name>
</respStmt>
</titleStmt>
<extent>1 novel in 2 volumes</extent>
<publicationStmt>
<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
<idno type="dls">lew1876.0001.005</idno>
<date>2009</date>
<availability>
<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
</availability>
</publicationStmt>
<!--<seriesStmt>
<title level="s">Benvenuto: Ein Roman aus der Kunflerwelt</title>
<idno type="vol">01</idno>
</seriesStmt>-->
<sourceDesc>
<biblFull>
<titleStmt>
<title>Benvenuto</title>
<title type="sub">Ein Roman aus der Kunflerwelt</title>
<title type="sub">Zweiter Band</title>
<author>Fanny Lewald</author>
</titleStmt>
<extent><!--number of pages--></extent>
<publicationStmt>
<publisher>Otto Janke</publisher>
<pubPlace>Berlin, Germany</pubPlace>
<date>1876</date>
</publicationStmt>
</biblFull>
</sourceDesc>
</fileDesc>
<encodingDesc>
<projectDesc>
<p>novels digitized for inclusion in Washington University Digital Gateway</p>
<p>body XML generated with BodyBuilder application</p>
</projectDesc>
<editorialDecl n="4">
<p/>
</editorialDecl>
<classDecl>
<taxonomy xml:id="lcsh">
<bibl>Library of Congress Subject Headings</bibl>
</taxonomy>
</classDecl>
</encodingDesc>
<profileDesc>
<langUsage>
<language ident="de" usage="100">German</language>
</langUsage>
<textClass>
<keywords scheme="lcsh">
<list type="simple">
<item/>
</list>
</keywords>
</textClass>
</profileDesc>
<revisionDesc>
<change when="2008-09" who="sshowers">created TEI header</change>
<change when="2013-09" who="ssdavis">included OCR text and additional XML encoding</change>
</revisionDesc>
</teiHeader>

<text xml:id="lew1876.0001.005T">
<body>
<div1 type="novel">
<div2 type="volume">
<head>Band 01</head>
<div3 type="front">
<head>Titel</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0001_unm.tif" n="unum"/>
<p>F H a==-<lb/>F- e- =--<lb/>F= =-<lb/>E<lb/>A Bände.<lb/>Otto Janke in Berlin
sind ferner<lb/>Fannn Le wald<lb/>alle<lb/>Buchhandlungen zu
beziehen:<lb/>nedick.<lb/>Roman<lb/>von<lb/>nny Lewald.<lb/>E<lb/>. ?. geh.
1 Mark 50 Pf.<lb/>D<lb/>e Er löserin.<lb/>Roman vor fünfzig
Jahren<lb/>von<lb/>Fanny Lewald.<lb/>Bände. Gr. S. geh. 1 Mark.<lb/>e sa m m
e<lb/>lte erle<lb/>Fanny<lb/>19 Bände. Gr.<lb/>von<lb/>Lewald.<lb/>B. geh. I
Mark.<lb/>n halt:<lb/>fasteine Lebensgeschichte. Bde. 1 Mart b Pf. --
Von<lb/>FGeschlecht zu Geschlecht. z Bde. 1 Mark. -- Clementine,<lb/>Hluf
ruther Erde, Jenny, Eine Lebensfrage. Bde.<lb/>ßs Maue Pf. = Dao Mädchen von
Hela. A Bde. Mr.<lb/>Fgedes Werk aus dieser Sammlung wird auch einzeln
verkauft z<lb/>z<lb/>f<lb/><lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0002_ttl.tif" n="unum"/>
<p>Benvenuto.<lb/>Ein Pom an aus der ßünfleruelt.<lb/> von<lb/> Fanny Lewald<lb/> <lb/>Erster Band.<lb/>=.<lb/>H<lb/>Berlin, 187ß.<lb/>Verlag v on Dtto
Janke.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0003_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0004_003.tif" n="0003"/>
<p>z<lb/>.<lb/>- - - ? --=« - F?-. -<lb/>, -<lb/>z befanden uns im Jahre
achtzehnhundertfünfnnd-<lb/>fünfzig in Paris; in jenen Tagen, in welchen man
gleich<lb/>heiter wurde, wenn man nur an Paris dachte, in denen<lb/>Jeder,
der einmal dort gewesen war, nicht müde wurde,<lb/>von dem lieblichen, dem
gastlichen Paris zu sprechen,<lb/>und die schöne menschliche Anmuth und die
heitere Ge-<lb/>sittung der Franzosen zu preisen, die sich denn
auch<lb/>miehr als jemals sicher fühlten, auf der Höhe der<lb/>Eivilisation
zu stehen, der ganzen Menschheit an Bildung<lb/>um ein gutes Theil voraus zu
sein, und denen wir das<lb/>Alles ohne Weiteres glaubten, weil sie es mit
solcher<lb/>Zuversicht behaupteten, und weil es gar so lustig her-<lb/>ging
in ihren wohlversehenen Speisehäusern, in ihren<lb/>Theatern und tid
elaiants, auf ihren Loretten-Bällen,<lb/>auf den im Lichterglanze
strahlenden Boulevards, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0005_004.tif" n="0004"/>
<p><lb/>in den kleinen Zirkeln der gebildeten Gesellschaft, die<lb/>sich damals
zum Theil noch ihrer alten Einfachheit zu<lb/>rühmen hatten.<lb/>Wer mochte
auch in solchen Zuständen sich gern<lb/>daran erinnern, daß er auf eineut
nicht
erloschenen<lb/>Vulkane<lb/>Bastille,<lb/>Ströme<lb/>Blutes,<lb/>stand? Wer
hatte Zeit, wenn<lb/>an dem Grsve-Plaz vorüberging,<lb/>des dort mit wilder
Mordlust<lb/>er an der<lb/>sich an die<lb/>vergossenen<lb/>sich der Gräuel
der grausamsten aller Re-<lb/>volutionen zu erinnern?<lb/>Wir Alle
unterlagen mehr oder weniger dem Banne<lb/>gewisser erblich gewordener
Begriffe und Vorstellungen,<lb/>und Lamartine hatte obenein die Geschichie
der fran-<lb/>zösischen Revolution so abgedämpft und so
wohlwollend<lb/>zurecht gemacht, daß man sich mit seelischer Erhebung<lb/>an
ihren Helden und Heldenthaten erfreuen konnte, ohne<lb/>sich von dem
erbarmenswerthen Untergang so vieler<lb/>Edeln mit Entsezen abzuwenden. Das
achtzehnte Jahr-<lb/>hundert war begraben. Die Wunden, welche Napoleon
l.<lb/>der Welt geschlagen, waren allgemach geheilt. Er sah<lb/>von seiner
Säule auf dem Venddme -Plaz kalt auf das<lb/>frdhlich fluthende
Menschengetriebe zu seinen Füßen<lb/>nieder. Sein Neffe, der das Kaiserreich
des Friedens auf<lb/>- -- --<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0006_005.tif" n="0005"/>
<p>den Boulevards mit Kartätschen und mit dem nächtlichen<lb/>Blutbade auf dem
Marsfelde getauft und eingeweiht,<lb/>hatte soeben durch den Telegraphen die
Kunde von der<lb/>Einnahme von Sebastopol erhalken, während alle
eivili-<lb/>sirten Völker der Erde von ihm nach Paris geladen<lb/>worden
waren, zu einem Wettstreit in den Künsten und<lb/>in den Bereichen aller
Indstrie.<lb/>Die erste große Weltausstellung war eröffnet, and<lb/>in
vollem Zuge, als man zu Ehren deä Sieges der-<lb/>Franzosen über die Russen,
Paris illuminirte und die<lb/>Straßen und die Häuser festlich
schmückte.<lb/>Alles athmete Siegeslust, Freude und Genuß!<lb/>Von dem
Pavillon der Tuilerien wehte in stolzer Sicher-<lb/>heit die Tricolore.
Triumphirend fuhren der Kaiser<lb/>und die Kaiserin hinter den
voransprengenden bunt<lb/>aufgeputzten Hundertgarden durch die Straßen
zum<lb/>Tedeum nach der Kathedrale von Notredame. An dem:<lb/>Fuße der
Napoleonösäule häuften sich die Jmmorteslen-<lb/>kränze alle Tage, und
Niemand hätte damals ahnen<lb/>mögen, daß Franzosen selber dieses
Ehrendenkmal der<lb/>Siege ihres vergötterten Kaisers niederreißen würden
in<lb/>den Staub, daß Eugenie, die holdselig Lächelnde, einst<lb/>flüchten
würde aus den Tuilerien, daß Franzosen selber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0007_006.tif" n="0006"/>
<p>E<lb/>s<lb/><lb/>FZese stole Kdnigsburg und ihr eigenes Stadthaus
den<lb/>Füpenmen überliefern, daß ihr Friedenstaiser
sterben<lb/>Es<lb/>FZFrde, ein aus der Krieasaefanaenschast
euialsener<lb/>FFeina. = = de-. == == - -n =-<lb/>Fhe . w - denci ap-e Atne
=n-<lb/>=<lb/>FF Pars wan ema berauschender. nie alänznder<lb/>Fei =hs de
woa une =u =<lb/>FFz =. = =a va =e == ==-<lb/>FFß=e == sp=e. =- =a = =a- =
-<lb/>FF=- ==r on-ua =wae. c waee = Aenbe<lb/>FFe == =- ==- = = =-=-.
-<lb/>Fs i =o ßaee naban == Ve. ==en<lb/>F nne =u= = =-<lb/>FF d Tae =s -r
=e Heen bae<lb/>FJb =ob=ne Dee. = == == u ==-<lb/>FFgrlse Conue noch imer
Zaiß geben<lb/>;<lb/>F mals aber, im Jahre sünfundfünfzig war<lb/>FFFis bn
=s io ==o eee =ue =--<lb/>sgen, de Teii nahmen an den Schaffn ud
Konen<lb/><lb/>FF Bi euaia, we wo i ve entaeiteuna<lb/>FFgz bo na art re.
bee Ka=n<lb/>FF=aan= u Le- s =. =e b=a s=e<lb/>s<lb/>a<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0008_007.tif" n="0007"/>
<p>N<lb/>sich hier zusammenfanden und begrüßten. Denn auus<lb/>allen Lündern
waren die Kinstler nach Paris geströmt,<lb/>die Einen ale Auösteller, um
ihre Arbeiten mit den<lb/>Leistungen der Uebrigen zu vergleichen, die
Anderen, um<lb/>zu sehen, was seit dem Anfang des Jahrhunderts
über-<lb/>haupt Bedeutendes geschaffen worden war; und die<lb/>Franzosen
durften sich ohne Neberhebung sagen, daß sie<lb/>in technischem und
künstlerischem Vermögen die anderen<lb/>Völker bedeutend überragten. Das
erhöhte ihr Selbst-<lb/>gefühl und machte sie zuvorkommend, wie es dem
Gllc-<lb/>lichen und Siegreichen leicht wird und gebührt.<lb/>Müde von dem
mehrstündigen Uhervandern und<lb/>Betrachten hatten wir uns eines Tages mnit
unserem<lb/>Landsmann, dem Maler Adalbert, in dem Lesezimmer<lb/>der
Speiseanstalt niedergelassen, die inn der Auöstellung<lb/>errichtet war, um
dort unsern Augen auf den glatten<lb/>grauen Wänden ein Ausruhen zu
vergönnen, als unser<lb/>Freund sich erhob, für uns von dem Tische, auf
welchem<lb/>die Zeitungen auögebreitet lagen, ein Blatt
herbei-<lb/>zuholen.<lb/>An der einen Langseite dieses Tisches saß unter
all<lb/>den Andern ein schlanker Südländer, den Kopf auf die<lb/>Hand
gestüzt und so vertieft in sein Journal, daß er es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0009_008.tif" n="0008"/>
<p><lb/>- nicht bemerkte, als Adalbert, nach dem von ihm ge-<lb/>b wünschten
Blatte suchend, dicht neben Jenem, eine um<lb/>,. die andere Zeitung aufhob.
Erst als unser Freund,<lb/>; mit einer Bitte um Entschuldigung, sich des
Journals<lb/>F bemächtigte, das zufällig unter dem Arme des Lesenden<lb/>F
aEegen hatie, hob derselbe das duntelocge Haunt<lb/>F empor, und kaum hatten
die Blicke der beiden Männer<lb/>F, sch getroffen, als sie mit dem Auödruck
freudiger Veber-<lb/>F rashug einander auch die Hue reichten, und
die<lb/>FLeitungen reresind da wir en fcsoe Jaütener<lb/>F, lsihkus t. uit
üeis- gwecheite Wore raias<lb/>F u uns brnaten<lb/>Eine Reihe von Jahren war
vergangen, seit wir<lb/>F in Nom am Tage nach dem Ceruaro-Reste von
einander<lb/>. geschiden waren, das am Ende jdes Winters die Künstier<lb/>F
aller Nationen und jnen Theil der Fremden-Gesellschaft,<lb/>ß welcher sich
zu den Künstlern hieit, zu leztem yhon-<lb/>F tastischem Beisammensein auf
deu Hügeilande der römischen<lb/>F Campagna in bunter Mastentracht zu
vereinigen pflegte,<lb/>Fehe man bie ewige Start -ter gar Valien
veriiek<lb/>- Die Freude des Wiedersehens war fir uns Alle<lb/>Febhaft. Die
Eaen nach dem gegenseitigen Eaehen<lb/>Fwurden schnell gewechselt, und
obschon wir von Benwenuto<lb/>E<lb/>E<lb/>y<lb/>e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0010_009.tif" n="0009"/>
<p>ein paar vortreffliche Bildwerke in den Sälen für die<lb/>italienische
Sculptur bewundert hatten, waren wir doch<lb/>überrascht, ihn hier zu sehen,
da er, wie wir wußten,<lb/>eigentlich kein Freund des Reisens war, und
seine<lb/>römische Heimath und deren nächste Umgebung selten<lb/>einmal
verließ, seit er in frühen Jahren seine große<lb/>Tour beendet hatte.<lb/>Da
sieht man, wozu die Ausstellungen gut sind,<lb/>denn ohne diese hätten wir
Sie schwerlich hier getroffen!<lb/>rief heiteren Sinnes der große
breitbrüstige Adalbert,<lb/>dem der dichte Vollbart und sein reiches volles
Haupt-<lb/>haar das offene Gesicht umrahmten, daß er mit
seiner<lb/>mächtigen Gestalt wie ein antiker Flußgott anzusehen<lb/>war, und
jezt, im vorgeschrittenen Mannesalter, erst<lb/>recht den Namen ,, il grnn
Mio' verdiente, mit welchen<lb/>die Römerinnen, in der Erinnerung an das
herrliche<lb/>Bildwerk in den Galerien des Vatikan, ihn schon in<lb/>seiner
Jugend zu kennzeichnen geliebt hatten.<lb/>Die Auöstellung hat mit meinem
Hiersein im<lb/>Grunde Nichts zu schaffen, entgegnete Benvenuto. Daß<lb/>ich
in Paris bin, daß ich die Freude habe, Sie Alle<lb/>hier wiederzusehen, ist
ein reiner Zufall, wie fast Alles<lb/>in unserem Leben. Ich hatte es gar
nicht im Sinne<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0011_010.tif" n="0010"/>
<p>z<lb/>s<lb/><lb/>?<lb/>?<lb/>hierher zu gehen. Aber eines Tages, gerade als
ich<lb/>D<lb/>?<lb/>nach dem Landsiz eines Freundes aufzubrechen und
zu<lb/>;<lb/>ihm in das Gebirge zu gehen dachte, lag der
Sirocco<lb/>?<lb/>?<lb/>bleien über Land und Stadt, und ich verließ aus
Un-<lb/>?<lb/>behagen mein Atelier früher, als ich pflegte, obwohl
ich<lb/>?.<lb/>wußte, daß ich es draußen nur noch schlimmer
finden<lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/>-<lb/>1<lb/>würde. Meiner Thüre
gegenüber hielt der Wagen eines<lb/>Vetturins. Wollen Sie einen Platz,
Signor? einen<lb/>Plaz für Florenz? rief mich sein Gehilfe an. --
Und<lb/>warum nicht einmal mit dem Vetturin, statt in dem<lb/>eigenen Wagen?
Warum nicht einmal nach Florenz,<lb/>S? -<lb/>; so gut als in's Gebirge oder
in mein altes Schloß?<lb/>z dachte ich. In Florenz wird's ja frischer sein,
als hier.<lb/>- Also das Handgeld her, Padrone! und morgen nach<lb/>f -
Korenz!<lb/>Am andern Morgen war ich auf dem Wege nach<lb/><lb/>der Medicäer
Stadt. Am Arno war die Hize so<lb/>lastend, als am Tiber, aber ich war nun
einmal unter-<lb/>wegs. Der Gevatter meines Vetturins, der zwischen
Florenz<lb/>-<lb/>und Mailand seine Straße hatte, legte denn auch
sofort<lb/>die Hand auf mich und brachte mich bis zu der Eisen-<lb/>bahn. So
kam ich nach Mailand, wo ich die Stadt voll<lb/>-<lb/>Staub und leer von
Menschen fand. Also weiter
vorwärts!<lb/>-<lb/>1-:-<lb/>.<lb/>s<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0012_011.tif" n="0011"/>
<p>u<lb/>und weiter vorwärts noch einmal und noch einmal!<lb/>hinauf, hinunter;
und wieder einmal allein und ganz<lb/>als Künstler gereist, wie in jungen
Tagen, iber Berge<lb/>und Seen, durch Wälder und Felder, an die
Grenze<lb/>und über die Grenze, bis ich hier gelandet bin,
offenbar<lb/>geführt von guten Geistern, da ich Ihnen die Hand<lb/>hier
geben kann.<lb/>Benvenuuto, wie er leibt und lebt! rief Aalbert,<lb/>während
wir Alle mit Wohlgefallen in das feine, geist-<lb/>reiche Gesicht des
Italieners blickten. An Ihnen ist die<lb/>Zeit ganz spurlos hingegangen, und
was haben Sie Alles<lb/>geschaffen in den Jahren!<lb/>Zeit! wer spricht von
Zeit? schalt der Jtaliener<lb/>eifrig. Das ist ein Wort, das ich nicht hören
mag!<lb/>Es macht alt, so wie man es nur über seine Lippen gehen<lb/>läßt.
Was will das sagen: die Zeit? Gestern, heute,<lb/>morgen! es ist ja Alles
ganz dasselbe! Warum unter-<lb/>scheiden Sie es? Warum sammeln Sie die Tage
in<lb/>ein Ganzeö? Gestern war ein Heute; morgen wird ein<lb/>Heute sein,
und die Stunde, die wir eben leben, ist<lb/>doch ganz gewiß ein Heute! - Ich
kenne gar Nichts<lb/>als das Heute, seit ich nicht mehr jung genug bin,
von<lb/>der Zukunft sonderlich viel für mich zu erwarten. Und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0013_012.tif" n="0012"/>
<p>E<lb/>E?<lb/>s<lb/>k<lb/>g<lb/>E<lb/>k<lb/>k<lb/>h<lb/>t<lb/>h<lb/>h'<lb/>?<lb/>k<lb/>4?-<lb/>ß<lb/>?<lb/>Nichts
kennen, als den Tag, an dem man lebt, Nichts<lb/>denken, als ihn zu
be<lb/>nuuzen, ihn zu genießen, daä dünkt<lb/>mich, heißt in einer<lb/>nicht
endenden Gegenwart leben,<lb/>wie die leicht lebende:<lb/>-- --- --
?T!<lb/>freveln, wenn wir sie mit unseren groben Mitteln dar-<lb/>ustellen
unternehmen.<lb/>Und er hat eine Venus, eine Hebe, einen Mars<lb/>schaffen!
rief Einer von uns aus.<lb/>Ich habe mehr Thorheiten gemacht in
meinem<lb/>Leben, und mehr Sünden begangen, als nur
diese<lb/>künstlerischen! warf der Bildhauer mit jener
scherzenden<lb/>Melancholie uns ein, die wir an ihm kannten und
die<lb/>k.<lb/>z<lb/>ud<lb/>eigentlich immer unerklärlich an ihm erschienen
war.<lb/>uns<lb/>Sie dürfen wohl so spotten, sagte Adalbert,
da<lb/>Sie<lb/>wissen, wie die Kenner Ihre Werke schäzen und
wie<lb/>allgemein man sie bewundert.<lb/>Die Kenner! wiederholte Benvenuto
in derselben<lb/>ggz Weise wie vorher. Die Kenner! und nun gar die
allgemeine<lb/>E<lb/>FF=e =w apn == e=-<lb/>EHgals fehlt! Was gelten sie dem
Künstler? was gilt<lb/>EeF<lb/>EEfülr,ghr Beifall, ihre Freude, wo ich
selber keine rechte<lb/>Fs=== - = ==«s= == ==-<lb/>gk-.<lb/>gs -
-<lb/>aE<lb/>-=-?<lb/>Cäne- -<lb/>kMe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0014_013.tif" n="0013"/>
<p>1V<lb/>er hinzu: Was wollen Sie meine Freunde? Ich weiß<lb/>und darf es
sagen, daß ich ein Künstler bin; und doch<lb/>ist ein Etwas in meiner Natur,
das mich von je ge-<lb/>hindert hat, meines Schaffens und ueines Lebens
einfach<lb/>Froh zu werden. Ich wollte, ich hätte meine Arbeiten<lb/>hier
gar nicht wieder beisammen gesehen, denn sie<lb/>freuen mich nicht. Ich bin
durch Naturanlage und<lb/>durch meine erste Erziehung zu grüblerisch für
einen<lb/>Künstler. Nur das Nichtvorhandene reizt mich! Nur<lb/>so lange ich
es im Geiste ahnend in mir trage, lebt in<lb/>mir mein schönes erschautes
Jdeal in seiner Erhabenheit!<lb/>Ich besize, ich genieße dann, was keines
anderen Menschen<lb/>Auge sah. Aber, fuhr er seufzend fort, die
Stunde<lb/>kommt, in welcher dieses innere Alleinbesitzen mir nicht<lb/>mehr
genügen will, in der ich auch von Auderen mit-<lb/>genossen und bewundert
sehen möchte, was durch lange<lb/>Tage mir das Herz erhoben hat. Ich gehe
also an die<lb/>Arbeit: die Skizze fliegt mir von der Hand; ein
zu-<lb/>versichtliches Hoffen feuert meinen Eifer an; ich
habe<lb/>Augenblicke einer völligen, einer göttlichen
Befriedigung.<lb/>Indeß diese Stunden schwinden und sie werden
immer<lb/>seltener, je mehr ich mich dem Ende meiner<lb/>Arbeit nähere. Die
Hoffnung läßt dann ihre Flügel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0015_014.tif" n="0014"/>
<p>i<lb/>f<lb/>=?<lb/>1<lb/>aE<lb/>sinken, die Begeisterung hebt das Haupt nicht
mehr so<lb/>freudig empor, und wenn die Arbeit endlich gethan,<lb/><lb/>wenn
der lezte Meißelstich gemacht ist, und daä Gllck<lb/>s es fügt, daß Andere
sich meines Werkes freuen, so stehe<lb/>f<lb/>ich da, wie vor einer
gestorbenen Geliebten: trauernd<lb/>?<lb/>E um ein Schönes, das nicht mehr
vorhanden, das un-<lb/><lb/>?<lb/>E<lb/>K<lb/>?<lb/>wiederbringlich mir
verloren ist, und das ich mir in<lb/>gewissem Sinne selbst zerstörte. --
Denn was ich dann<lb/>gestaltet vor mir sehe, ist nicht mehr und ist zoch
nicht<lb/>s<lb/>. .?. -'<lb/><lb/>F==<lb/>h so auferbauen, wie ich es zuerst
erschaut! Es ist für<lb/>z mich dahin auf immerdar!<lb/>- Wir kannten diesen
sonderbaren Zwiespalt in<lb/>ß<lb/>unseres Freundes eigenartiger Natur.
Indeß, wir hatten<lb/>D<lb/>F - uns in früheren Jahren der Hoffnung
hingegeben, daß<lb/>-<lb/>?<lb/>z<lb/>sein großes, schöpferisches Können ihn
mehr und mehr<lb/>zufrieden stellen, daß er Meister wekden würde
über<lb/>jenes quälende Verlangen, ein Höchstes zu erreichen;
und<lb/>k-<lb/>,sahen nun mit Erstaunen und Bedauern, wie völlig un-<lb/>k
-<lb/>F' verändert er in seinen Empfindungen geblieben war.<lb/>k<lb/>Wir
hatten ihm ruhig zugehdrt. Als er geendet<lb/>E<lb/>' - hatie, sagte
Adalbert, der, von Jahr zu Jahr auf<lb/>E<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0016_015.tif" n="0015"/>
<p>1K<lb/>sicherem Wege rüstig fortgeschritten, für einen der
ersten<lb/>Landschafter der Zeit galt: Ich verstehe Sie ganz<lb/>wohl, und
in gewissem Sinne haben wir Alle das<lb/>Gleiche oder dochh ein Aehnliches
in uns duurchzumachen,<lb/>wenn schon wir uns, im Gegensatz zu Ihnen,
allmälig<lb/>zu bescheiden lernen. Um zufrieden zu sein, umt
sich<lb/>glücklich preisen zu können, müßte der Künstler neben<lb/>der
männlichen Kraft des schöpferischen Erzeugens, auch<lb/>die Begnügtheit des
Weibes besizen, das sein Geschöpf<lb/>zu lieben vermag, wie unvollkommen es
auch sei. Ent-<lb/>sagung ist aber nicht des Mannes Sache; und so
stehen<lb/>wir denn nur zu häufig vor der großen unheilvollen<lb/>Kluft, die
das Wollen von dem Vollbringen scheidet;<lb/>vor dem Zwiespalt zwischen dem
Jdeal und der<lb/>Wirklichkeit, vor der alten ewigen Klage - vor
der<lb/>Unzufriedenheit des wahren Künstlers mit sich selbst,<lb/>der
gegenüber man jeden Stümper um seine glückliche<lb/>Selbstgenügsamkeit
beneiden möchte.<lb/>Der Bildhauer schüttelte ablehnend das Haupt.<lb/>Nein,
sagte er, das ist es nicht, oder ist es doch nicht<lb/>allein. Sie geben
einer schlechten Seite meines be-<lb/>sonderen Wesens einen guten
allgemeinen Namen. Eä<lb/>ist ein Mangel in meiner Natur, oder auch die
Er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0017_016.tif" n="0016"/>
<p>n<lb/>k<lb/>;<lb/>s<lb/>e<lb/>1<lb/>;<lb/>, innerung an traurige Erlebnisse,
die sich durch lange<lb/>F Jahre in meinem Leben hingezogen hat. Es ist
ein<lb/>f falscher Jdealismus, ein thörichtes Hoffen und Suchen<lb/>E nach
einem vollkommenen Genüügen, das vielleicht nie<lb/>F, und nirgends zu
erlangen ist. Früher hat alles Neue,<lb/>alles Schöne mich gereizt, ja
geblendet und gelockt, wiees<lb/>k<lb/>F ein Kind verlockt. Immer auf das
Neue wähnte ich mein<lb/>E<lb/>g; Ieal gefunden zu haben. Ich wollte mir
aneignen, was<lb/>F mich verlockte, ich setzte alle meine Kraft daran,
und<lb/>F hatte ich es erreicht, so reizte das ndchste Rene. Scöne.<lb/>I
das unerwartet mir vor die Augen trat, mich ebenso,<lb/>F Ich war jdem
Eindruc offn und eben dadurc u?<lb/>F-beständig, war nie zfriden ud noch
weniger glücieh<lb/>aE<lb/>- - Sie analysiren sich mit großer Klarheit!
bemerkte<lb/>F= == =<lb/>F- - Wenn die Ertenntniß umgestalten kdnnte,
entgegnete<lb/>Fder Jtaliner, so wdre mir lnge schon geholfen, den<lb/>Fzch
tne nich sebr aeno: aber wa hiist utr bae?<lb/>FFteh habo uuich neh awaeh Ic
b o abor=. so<lb/><lb/>Pggozrden! Und als ich einmal überzeugt war,
Nuhe<lb/>Fz no. » =n w = tpu t<lb/>aAse<lb/>Fgymnnersein- Anderer gewprden
zu sein - da fand ich<lb/>aeeFe<lb/>FHFFGb u »= Vene - n b =<lb/>gr<lb/>Ee?
=-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0018_017.tif" n="0017"/>
<p>u<lb/>nicht, wo ich es zu finden wünschen mußte. Was<lb/>wollen Sie meine
Freunde? so ist das Leben! so ist die<lb/>Welt einmal!<lb/>Sie haben sich
nicht verheirathet? fragte Adalbert.<lb/>Nein ! versetzte Benvenuto, und Sie
wohl auch,<lb/>nicht?<lb/>Was denken Sie? rief Adalbert, indem er sich
mit<lb/>scherzendem Pathos in die Brust warf, ich nicht
ver-<lb/>heirathet?-- Sehen Sie es mir denn nicht an, wie<lb/>mich die Sorge
für eine Familie niederdrückt? sezte er<lb/>hinzu, während sein helles Auge
die Reihen der vorüber-<lb/>gehenden Frauen und Mädchen mit raschem
Blicke<lb/>musterte.<lb/>Und was ist aus William, was aus Eberhard
ge-<lb/>worden? wissen Sie von Helmar Etwas? fragte
der<lb/>Jtaliener.<lb/>Das können Sie von ihnen selber hören, denn
sie<lb/>sind sammt und sonders in Paris, und werden -- er<lb/>sah hinüber
nach der Uhr -- wenn sie nicht Ab-<lb/>haltungen haben, in wenigen Minuten
zu dem täglichen<lb/>Stelldichein erscheinen. Sehen Sie, da kommen sie
auch<lb/>schon!<lb/>F. Lewald, Benvenuto. 1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0019_018.tif" n="0018"/>
<p>1K<lb/>Wir gaben den Erwarteten ein Zeichen. Sie<lb/>waren rasch an unserer
Seite, und ihre Freude,<lb/>Benvenuto anzutreffen, war nicht geringer, als
es die<lb/>msere gewesen war.<lb/>Er allein hatte uns gefehlt, um den
schönen<lb/>Kreis der Freunde vollständig zu machen, der einst
so<lb/>fröhliche, fördersame Tage, so jugendfrische Zeiten in<lb/>der alten
Weltstadt an dem Tiber, und in Ariccis<lb/>Casa Martorelli mitsammen verlebt
hatte; und wie<lb/>Sonnenschein leuchtete es in uns Allen auf, als
wir<lb/>zurückblickend in jene Zeiten, uns wieder einmal die<lb/>Hände
reichen konnten.<lb/>Fast zehn Jahre lagen zwischen dem
einstigen<lb/>Scheiden und dem jezigen Begegnen. Man hatte in<lb/>denselben
die knstlerische Laufbahn der Freunde in<lb/>ihren Leistungen leichter als
ihre persönlichen Erlebnisse<lb/>-- verfolgen können, aber die Theilnahme
aneinander war<lb/>E -<lb/>H. die gleiche geblieben, das alte Vertrauen
zeigte sich un-<lb/>F -permindert zwischen uns. Alte Scherze wurden
rasch<lb/>FßHFndig; nGben bem semeinsamen, essen man ch =<lb/>FFanern hate,
tducht auch bas Besonder wwieber auk<lb/>FzFspschn rchoinandern, man woe
n=chbolen, was<lb/>en<lb/>Fßgn-ss lange persaumt hate. Helmar und
Eberhar<lb/>F--<lb/>eee?- ;<lb/>tS<lb/><lb/>uS<lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0020_019.tif" n="0019"/>
<p>hatten sich in den Jahren ebenfalls verheirathet; Willian:<lb/>sagte, er sei
ein alter Junggeselle und Nichts weiter.<lb/>Und was ist aus Lisandra
geworden? fragte ihn<lb/>Eberhard.<lb/>Das ist mit wenig Worten nicht zu
sagen! ent-<lb/>gegnete der Engländer, mit der Zurückhaltung, die
ihn<lb/>nicht leicht verließ; aber sie lebt in Rom, so wie
vordem.<lb/>Benvenuto bemerkte, sie sei noch immer schön.<lb/>Noch kurz vor
seiner Abreise sei er ihr hegegnet, und<lb/>ihre königliche Haltung sei auch
an der nicht mehr<lb/>jungen Frau noch auffallend gewesen. Sie arbeite
noch<lb/>immer und werde immer noch mit Vorliebe von den<lb/>Künstlern als
Modell' benutzt.<lb/>Einer von uns machte die Bemerkung, sie sei<lb/>durch
ihre Schönheit wie durch ihre wahrhaft künstlerische<lb/>Begabung eines der
herrlichsten Modelle gewesen.<lb/>Sie war weit mehr als das! sagte
William,<lb/>während wir uns anschickten, aufzubrechen, um wieder<lb/>in die
Säle der Ausftellung zurückzukehren; aber wir<lb/>suchten doch noch in Eile
die Verabredungen für ein<lb/>möglichst häufiges Beisammensein zu treffen,
die leicht<lb/>angenommen und mit Freuden eingehalten wurden.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0021_020.tif" n="0020"/>
<p>20<lb/>e<lb/>O<lb/>Jeber Mittag führte uns in dem Speisezimmer
zu<lb/>einander und auch die Abende brachten wir, wenn nicht<lb/>besondere
Einladungen uns in Gesellschaften zu gehen<lb/>veranlaßten, gemeinsam mit
den Freunden, in einem der<lb/>zahlreichen Theater, oder in meinen Zimmern
zu.<lb/>Wenn man die Tage zum Betrachten der Kunstwerke<lb/>verwendet hatte,
war es ein belehrender Genußß, sich<lb/>mit den sachverständigen Männern
über das Gesehene<lb/>zu besprechen; und weil man wußte, wie rasch die
Zeit<lb/>vorüber sein würde, die uns für das Beisammensein<lb/>gegönnt war,
hielt man sich um so mehr daran, sie<lb/>möglichst zu benutzen.<lb/>Indeß
das unausgesezte Bildersehen fing uns Alle<lb/>zu ermüden an, und auf mich
hatte es endlich eine<lb/>Wirkung, die mich krank zu machen drohte. Ich
sah<lb/>?, die Bilder fort und fort, auch wemn wir nicht vor<lb/>F-. ihnen
standen. Ich sah sie den ganzen g, die ganze<lb/>F Nacht; sie leßen mich
nicht einschlafen, ja sie erschienen<lb/>F mir noch im Traume, wenn mir vor
Ermüdung der<lb/>F? Schlaf die Augenliber endllch schoß. Ich erinnere
mich<lb/>F kaum jamals einen quälenderen Zustand, oder eine<lb/>F- solche.
peinliche Angst empfunden zu haben. Wie Ge-<lb/>F spenster tauchten sie vor
mir auf und huschten in<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0022_021.tif" n="0021"/>
<p>jähem Wechsel an mir vorüber: Gericaults Schiff-<lb/>brüchige und das
schlanke blonde Mädchen aus der<lb/>Dorfschenke von Knaus; die Venus von
Ingres und<lb/>Gustav Richters schbnes Portrait seiner Schwester;
die<lb/>Schlachtenbilder von Horace Vernet und die lebenö-<lb/>großen
Steinklopfer vor Courbet. -- Die Hand-<lb/>zeichnungen, die Statuen, Alles
wirbelte durcheinander,<lb/>daß ich mit schwindelndem Gehirne mich am
Morgen<lb/>wie zerschlagen fü hlte, und Abends mich mit einer Art<lb/>von
Angst auf's Lager warf; bis wir endlich zu der<lb/>Einsicht kamen, daß ein
längeres Besuchen der Aus-<lb/>stellung für mich zunächst nicht möglich, und
ein zeit-<lb/>weiliges Ausruhen für den Augenblick mir unerläß-<lb/>lich
sei.<lb/>Am Mittag, als wir mit den Freunden davon<lb/>sprachen, erklärten
sie einstimmig, daß auch sie sich<lb/>stumpf und müde fühlten, daß es auch
ihnen erwüünscht<lb/>. sein wüürde, statt der Kunstwerke für eine Weile
die<lb/>Natur zu Iehen, um dann mit neubelebten Sinnen<lb/>wieder in die
Galerien und Museen zurückzukehren; und<lb/>so kamen wir denn nach einigem
Berathen dahin über-<lb/>ein, Alle zusammen füür acht bis vierzehn Tage auf
das<lb/>Land zu gehen, um unsere einstige gemeinsame Villeggiatur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0023_022.tif" n="0022"/>
<p>!<lb/><lb/>-<lb/>im römischen Gebirge, hier auf französischem Boden
zu<lb/>wiederholen.<lb/>Nur um die Wahl des Aufenthaltes waren
wir<lb/>zuerst verlegen. Weit von Paris entfernen mochten
wir<lb/>s<lb/>-<lb/>uns nicht, da Jedem von uns mehr oder weniger
daran<lb/>gelegen war, erwarteten oder unerwartet ankommenden<lb/>Freunden
leicht erreichbar zu bleiben; aber schon am<lb/>nächsten Tage hatten wir das
in Thal der Bisvre ge-<lb/>legene onz en osese, und in demselben das
kleine<lb/>:
--<lb/>?<lb/>?<lb/>n,<lb/>F<lb/>-<lb/><lb/>e<lb/><lb/>?<lb/>-<lb/>-<lb/>Das
Abkommten mit der Besizerin des kleinen:<lb/>Schlosses, sie war die Wittwe
eineä Generals des ersten<lb/>Kaiserreichs, war zu allseitiger Zufriedenheit
sehr bald<lb/>getroffen; und noch am Abend des nämlichen Tages<lb/>führte
uns der Zug der Eisenbahn bis nach Versailles,<lb/>von wo wir den Rest
unseres Weges mit einem ehrlichen<lb/>Land»Omnibus zurüchzulegen hatten, der
uns etwa eine<lb/>halbe Stunde von unserem kleinen Schlosse ablud,
denn<lb/>les Voges waren in der That ein wirkliches Schloß mtit<lb/>vier
runden dickköpfigen Thürmen, mit ganz statilichem<lb/>Portal, und von einem
Garten umgeben, dessen hohe<lb/>Bäume das Schlößchen durch mehrere
Jahrhunderte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0024_023.tif" n="0023"/>
<p>getreu beschattet und vor den Stürmen behütet zu<lb/>haben schienen, die über
Frankreich dahin gezogen<lb/>waren.<lb/>Ein anmuthigeres Landhaus, eine
lieblichere<lb/>Gegend sind mir selten vorgekommen, und noch
während<lb/>unseres lezten Krieges haben wir oft mit Liebe und mit<lb/>Sorge
daran gedacht, was aus dem Schlbßchen während<lb/>desselben geworden sein,
und ob wohl irgend einer<lb/>unserer Bekannten aus dem Belagerungsheer vor
Paris,<lb/>dasselbe betreten und in den Näumen Nast und Ruhe<lb/>gefunden
haben mochte, in denen uns so glückliche<lb/>Herbsttage zu Theil geworden
waren. Aber Keiner von<lb/>Allen war dorthin gekommen, und Niemand von
denen,<lb/>die wir fragen konnten, hatte es jemals nennen hören.<lb/>Das
Wetter war uns durchaus günstig. Es war<lb/>noch sonmerlich warm, selbst in
den frihen Tagesstunden;<lb/>Mittags brütete die Sonne auf den niedrigen
Obst-<lb/>spalieren, von denen die Terrassen um das Schloß be-<lb/>deckt
waren, und auf den Rebenpflanzungen, deren große<lb/>reife Trauben wir aus
den Fenstern unserer Zimmer<lb/>im ersten und im zweiten Stock des Hauses
pflücken<lb/>konnten. Die Maler waren Einer um den Andern in<lb/>das
Zeichnen und Skizziren gerathen; und da wir von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0025_024.tif" n="0024"/>
<p>Rom her es gewohnt waren, sie zu begleiten, saßen<lb/>wir<lb/>p<lb/>oft
stundenlang, bald mit Diesem, bald mit Jenem<lb/>unter irgend einem der
alten schattigen Nuß- und<lb/>Kastanienbäume, oder an einem der Hage, von
denen<lb/>die wuchernden Brombeerranken uns ihre schwarzen
reifen<lb/>Frlchte fast in die Hände reichten.<lb/>Wenn wir dann mit dem
Sonnenuntergange nach<lb/>Hause kamen, und das Mahl verzehrt war, so
blieben<lb/>wir mit einander in dem Saale des oberen Geschosses<lb/>am
Kamine sitzen, denn man konnte am Abend eines<lb/>guten Feuers nicht mehr
entrathen, und der Anblick<lb/>F desselben machte unserm Adalbert regelmäßig
nach seiner<lb/>ß Heimath, nach seiner Frau und nach den
Kindern<lb/>Sehnsucht.<lb/>William lachte darüber. Wenn uns das noch
be-<lb/>F aegnete, sagte er, mir oder unserem Jtaliener, die
wir<lb/>wirklich einen Kamin in unserer Heimath haben, so<lb/>F su =es, die
an b=r Eenane aunovewe sebnne<lb/>ihre Berechtigung, vorausgesezt, daß für
ihn und mich<lb/>F V unserem Herde noch etwas Anderes zu finden wäre.<lb/>-
als das Feuer und der Lehnstuhl. Aber Ihr, in deren<lb/>F Häusern kin
lustiges, helles Feuer brennt, in denen der<lb/>F warme Ofen von früh bis
spät versebe ist -<lb/>E<lb/>-- -s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0026_025.tif" n="0025"/>
<p><lb/>Das ist'S ja eben! unterbrach ihn Adalbert, grade<lb/>die stille,
behagliche Gleichmäßigkeit, ohne Schein und<lb/>ohne viel Geflacker, das
Vorhalten, ohne immer neuen<lb/>Nachschub, die sind es, nach denen man sich
sehnt, wenn<lb/>man an seine Frau, an seine Heimath denkt. Ihr
mögt<lb/>immerhin lachen, aber der Ofen ist gar kein übles Sinn-<lb/>bild
für die stille Dauerhaftigkeit, die wir in der Ehe<lb/>fuchen! Schon das
alte deutsche Sprütchwort gesellt die<lb/>Frau dem Ofen zu, denn es sagt
ausdrücklich Die<lb/>Frau und der Ofen bleiben im Hause!<lb/>Das heißt, wie
Figura zeigt, neckte der Jtaliener,<lb/>sie werden zu Hause gelassen, wenn
der Mann sich aus-<lb/>wärts erlustirt!<lb/>Freilich! rief Adalbert, aber
welch' ein Vergnügen<lb/>ist es dann auch, wenn man aus der Fremde
wieder<lb/>heimkommt in das eigene Haus, wenn der warme Ofen<lb/>uns
behaglich lockt, wenn die Frau, zufrieden, uns<lb/>wieder zu haben, ihre
lieben Arme um uns schlingt!<lb/>-- Ach! rief er, sich selber unterbrechend,
es geht doch<lb/>in der Welt gar Nichts über eine glückliche Ehe
und<lb/>über das Familienleben!<lb/>Er thut wahrlich, als hätte er dies
Gllck bereits<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0027_026.tif" n="0026"/>
<p>s<lb/>ein Menschenalter hindurch genossen, und ist ller Fne<lb/>Flittertage
gar nicht lang hinaus! meinte Helmar.<lb/>Und ein Ansehen giebt er sich, als
hätte er sich<lb/><lb/>an wildflackerndem Feuer nie voll Lust ergözt,
schalt<lb/>!<lb/>?. Eberhard.<lb/>Eben deshalb, wendete Benvenuto ein,
ebendeshalb<lb/>, weiß er vermuthlich auch den Unterschied zu
schätzen;<lb/>? und er wird es wohl an sich erfahren haben, wie Alles<lb/>?
Gute, das in dem Menschen liegt, doch nur in der Ehe<lb/>F recht zum
Durchbruch und zu seiner völligen Entfaltung<lb/>? kommen kann.<lb/>Aber Sie
finden es für sich troz dem nicht angemessen, -<lb/>k -<lb/>F bemerkte Einer
von uns, sich durch die Ehe zu dieser<lb/>-- vollkommenen Entwickelung zu
verhelfen.<lb/>Scherzen Sie darüber nicht, entgegnete der
Jtaliener,<lb/>denn Sie berühren damit in meiner Seele einen wunden<lb/>j
Fleck. Ich habe es Ihnen schon neulich angedeutet, daß<lb/>s ich es vor ein
paar Jahren lebhaft wünschte, mich zu<lb/>F denheirathen, und daß mir's
nicht gelang, das ersehnte<lb/>Mädchen zu gewinnen.<lb/>Wir glaubten ihm das
nicht, das heißt, wir glaubten<lb/>k<lb/>nicht an seinen ernsten Willen,
denn die Frauen hatten<lb/>i<lb/>E<lb/><lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0028_027.tif" n="0027"/>
<p><lb/><lb/>sich ihm, dem berüühmten Klnstler aus reichem altem Hause,<lb/>nur
zu hold erwiesen; und troz seines in der Freund-<lb/>schaft treuen Herzens,
war er wegen seiner Unbeständig-<lb/>keit in der Liebe in früheren Zeiten
oft von uns ge-<lb/>scholten worden. Da er aber jener gewünschten
Heirath<lb/>und des mit ihr zusammenhängenden Erlebnisses nun<lb/>zum
zweitenmale gegen uns Erwähnung that, so hatten<lb/>wir das Necht, ihn darum
zu befragen; und Helmar<lb/>bemerkte bei der Gelegenheit, daß wir in der Art
und<lb/>Weise, in welcher wir im gewöhnlichen Leben und in
der<lb/>Gesellschaft neben einander hergingen, überhaupt viel zu<lb/>wenig
von einander wüßten.<lb/>Wir sehen oft mit einer gewissen
Verwunderung,<lb/>sagte er, sogar auf unsere nahen Freunde hin, wenn<lb/>wir
dieselben erst als fertige Menschen kennen lernten.<lb/>Einzelne ihrer
Aeußerungen, manche ihrer Handlungen<lb/>bleiben uns unverständlich, weil
uns der Weg und die<lb/>Umstände frend sind, auf denen und durch die sie
eben<lb/>das geworden sind, als was sie uns erscheinen; und wir<lb/>können
darüber zu keiner Aufklärung gelangen, da wir<lb/>die zur Schau getragene
scheinbare Gleichgültigkeit gegen<lb/>die Verhältnisse und namentlich gegen
die Vergangenheit<lb/>unserer Umgangsgenossen, als einen Beweis unserer
guten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0029_028.tif" n="0028"/>
<p>Erziehung und unserer weltmännischen Bildgt anzu-<lb/>sehen lieben.<lb/>-
Nun, meinte ich, da wir Alle uns des ernsthaften<lb/>Antheils, den wir
aneinder nehmen, sicherlich nicht schämen,<lb/>h<lb/>?<lb/>so wäre unser
stilles Verweilen in diesem Schlosse recht<lb/>dazu angethan, daß wir, Jeder
wie er sich dazu ge-<lb/>stimmt fühlt, einander von unferer Vergangenheit
er-<lb/>zählen, d. h. daß Jeder seine Lebensgeschichte oder
ein<lb/>Bruchstück aus derselben zum Besten giebt. Das zu<lb/>tN-<lb/>näher
kommen.<lb/>Den Freunden gefiel der Einfall. wohl. Unser<lb/>Aufenthalt in
den kleinen Schlosse, unser ganzes Bei-<lb/>V<lb/>s<lb/>?<lb/>?<lb/>ö--
-<lb/>k<lb/>einandersein waren uns aber nur für eine kurze Zeit<lb/>gegönnt;
man mochte deshalb während desselben den<lb/>fröhlichen Wechsel eines rasch
belebten Gedankenaustausches<lb/>nicht entbehren, und so machten wir
Deutschen, in Er-<lb/>innerung an die Aufzeichnung der Lebensläufe,
welche<lb/>der Abbs im Wilhelm Meister in dem
geheimnißvollen<lb/>k<lb/>Thurme aufbewahrt, den Freunden den Vorschlag,
daß<lb/>B N<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0030_029.tif" n="0029"/>
<p>?<lb/>29<lb/>aufschreiben möge, was ihm der Mittheilung werth zu<lb/>sein
dünke. Diese Erinnerungsblätter sollten dann, von<lb/>Einem zu dem Andern
gehend, schließlich mir als ein<lb/>Andenken an unsern Aufenthalt im
Bisvrethale über-<lb/>sendet werden und verbleiben.<lb/>Dieser Plan ist denn
auch zur Ausführung ge-<lb/>kommen, wie wir ihn entworfen hatten; die
Freunde<lb/>haben Alle Wort gehalten. Ich besitze seit nahezu<lb/>zwanzig
Jahren die von ihnen geschriebenen Erieruugan<lb/>und benutze jezt die mir
gegebene Erlaubniß, zunächst<lb/>das Manuscript unseres italienischen
Freundes, nachdem<lb/>ich es in das Deutsche übertragen habe, zu
ver-<lb/>öffentlichen.<lb/>Er hatte über feine Aufzeichnungen zwei
Verse<lb/>aus einem Liede von Salvator Nosa als Motto hin-<lb/>geschrieben,
und ich gebe die Blätter, wie ich sie eu-<lb/>pfangen habe.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0031_030.tif" n="0030"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0032_031.tif" n="0031"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0033_032.tif" n="0032"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0034_033.tif" n="0033"/>
<p>;<lb/>Sem;re ld stesso stra il mio luoeo!<lb/>Sempre ld stesso suro anch
io!<lb/>Pzg Schreiben ist meine Sache nicht, und was ich<lb/>Ihnen zu
berichten habe, ist<lb/>Weise, auf welche ich zum<lb/>Ich komme weder dabei,
noch<lb/>vor Allemt die Art und<lb/>Künstler geworden bin.<lb/>im Verlaufe
meiner Mit-<lb/>theilungen in die Verlegenheit, Gutes oder
Bewunderns-<lb/>werthes von mir sagen zu müssen, das
auszusprechen<lb/>meiner Bescheidenheit, zu verschweigen meiner
Eitelkeit<lb/>beschwerlich fallen könnte.<lb/>ah habe ächt menschlich, fast
durchweg mehr ge-<lb/>N,<lb/>wollt, als ich erreichte. Was ich heiß ersehnt,
ist mir,<lb/>wenn ich es erreicht, nicht immer zum Heile, oft zum<lb/>Unheil
ausgeschlagen. Ich habe erfahren, mannigfach<lb/>erfahren, daß ich mich über
mich getäuscht, daß mein<lb/>Wüünschen mich betrogen hat, und doch blieb
mein eigen-<lb/>williges Verlangen, das Glück, mein Glück, auf meinem<lb/>F.
Lewald, Benv enuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0035_034.tif" n="0034"/>
<p>H<lb/>eigenen Wege zu suchen, immer das Nämliche, wie der<lb/>Glaube, daß
kein andereä Glitck mtir dauernde Be-<lb/>friedigung gewähren könne, außer
dem Einen, das sich<lb/>mir versagte.<lb/>Von einem solchen Menschen zu
reden, ist vielleicht<lb/>nicht der Mühe werth; aber ich habe Ihnen mein
Wort<lb/>- gegeben, und so mag die Feder laufen, Ihnen die ge-<lb/>F
wünschten Aufschlüsse zu bringen.<lb/>E<lb/>Ich bin um zwanzig Jahre jünger,
als unser<lb/><lb/>F Jahrhundert, bin in Nom geboren und war, wie
ich<lb/>C<lb/>g. IPnen einmal erzählt zu haben glaube, von meinen<lb/>Eltern
dazu bestimmt, das geistliche Gewand zu tragen.<lb/>E<lb/>F Hätte das
gesegnete Schicsal nicht mehr Einsehen und<lb/>Barmherzigkeit für mich
gehabt, als die Familiensitte des<lb/>?<lb/>z Hauses der Grafen von Armero,
dem ich angehöre, so wüürde<lb/>?<lb/>ich ein Diener der Kirche geworden
sein und das Kreuz<lb/>K<lb/>k gepredigt und getragen haben, statt mich mit
den<lb/>s<lb/>- griechischen Göttergestalten und mit profanen
Menschen-<lb/>f kindern zu beschäftigen.<lb/>Man hatte es mit mir auf nichts
Geringeres, als<lb/>auf einen Monsignore oder Bischof abgesehen; denn
wie<lb/>in allen unseren alten Adelsgeschlechtern war man
gewohnt,<lb/>diejenigen Söhne, welche man innerhalb des
Familien-<lb/>?<lb/>;<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0036_035.tif" n="0035"/>
<p>I<lb/>vermögens nicht ausreichend versorgen zu können glaulte,<lb/>zu Dienern
des Staates, oder was im Kirchenstaate<lb/>dasselbe ist, der Kirche zu
erziehen, das heist, sie diesen<lb/>Beiden aufzuladen. Ein Graf Armero mußte
sich aber<lb/>wirklich gar keiner Begünstigung durch die Natur zu<lb/>rühmen
haben, um in den päpstlichen Garden, in den<lb/>Bureaus der Nunzien, in der
Prälatur und auf den<lb/>tausend Stufen der langen Leiter keinen
schicklichen Platz<lb/>für sich erlangen zu können, die aus den
geistlichen<lb/>Seminarien und aus den Klosterzellen hinaufführen<lb/>zu deö
heiligen Vaters Thron.<lb/>Mein ältester Bruder hatte das große Majorat
in<lb/>Aussicht und war als achtzehnjähriger Jüngling unit<lb/>einer eben so
reichen Erbin versprochen worden. Mein<lb/>zweiter Bruder, eine Gestalt wie
Adalbert und kriegerisch<lb/>gesinnt, hatte sich von Kindheit an auf eine
uilitärische<lb/>Laufbahn vorbereitet. Er trat, sobald er erwachsen
war,<lb/>in die päpstliche Armee. Meine Schwester hatte man in<lb/>ihrem -
fünfzehnten Jahre verheirathet, und auf eine<lb/>nachträgliche Vermehrung
der Familie mochte man gar<lb/>nicht mehr gerechnet haben. Ich vermuthe
deshalb, daß<lb/>meine Geburt weder von meinem Vater noch von
nteinen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0037_036.tif" n="0036"/>
<p>F<lb/>-<lb/><lb/>sw?<lb/><lb/>s-<lb/>1e<lb/>erwachsenen Geschwistern als ein
besonders erfreuliches<lb/>Ereigniß angesehen worden ist; und auch meiner
Mutter<lb/>kam sie nicht gelegen, denn ich hatte die
Ungeschicktheit,<lb/>mit dem Neujahr auf die Welt zu koumen, und
sie<lb/>dadurch in dem Genuß einer Gesellschaftszeit und eines<lb/>Carnevals
zu beschränken, die sich eben in jenem Jahre<lb/>glänzender als gewöhnlich
entfalteten. Indeß man gab<lb/>mir nichts destoweniger den Namen Benvenuto,
und<lb/>meine Mutter that für mich, was ihre Pflicht war.<lb/>Sie ließ eine
vortreffliche Anmme von unseren Gütern<lb/>für mich nach Nom kommen, und
schickte mich mit dieser<lb/>und einer Vertrauensperson auf das Land
hinaus.<lb/>Im Sommer kam sie selbst nach unserm Schlosse,<lb/>und wie immer
folgte eine Anzahl von Gästen ihr<lb/>dorthin. Sie nannten mich, wie es sich
gehörte, einen<lb/>kleinen Engel; meine Mutter fand, keines ihrer
Kinder<lb/>habe so frühzeitige Beweise von Verstand gegeben als<lb/>ich, und
weil meine anderen Geschwister feun waren und<lb/>in gar keinem Verhältniß
mit mir standen, kam ich ihr<lb/>endlich wie ihr einziges Kind, und sie
selber sich wieder<lb/>- hgendlich vor, wie in jnen Tagen, in welchen sie
mit<lb/>ihrem Erstgeborenen ebenso ihre Villeggiatur in ihrem<lb/>Schlosse
gehalten hatte.<lb/>i<lb/>-<lb/>- e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0038_037.tif" n="0037"/>
<p>i<lb/>r?<lb/>Das gefiel ihr wohl. Ein damals in der besonderen<lb/>Gunst der
Frauen stehender Maler, der in Rom vielfach<lb/>in unserem Hause gewesen und
zu uns anf daä Lantd<lb/>geladen worden war, malte sie mit ihrem Kinde
auf<lb/>dem Arm. Sie fand sich mit Fug und Recht in deu<lb/>wohlgetroffenen
Bilde noch sehr schön. Ihr an das<lb/>Kind geschmiegter Kopf nahm sich in
dieser Pose ganz<lb/>vortrefflich aus, und fie war Frau und
Künstlerin<lb/>genug, zu wünschen, daß man auch im Leben sie in<lb/>dieser
gefälligen Stellung sehen und bewundern könne.<lb/>Im Herbste, als man sich
in die Stadt zurückverfügte,<lb/>wurde ich mit den übrigen
Toilettengegenständen meiner<lb/>Mutter sorgfältig verpackt, und wie diese,
mit hinein<lb/>nach Mom genommen.<lb/>Meine Mutter, eine edle und durchaus
vortreffliche<lb/>Natur, zählte damals achtunddreißig Jahre; es war<lb/>also
sehr in der Ordnung und natürlich, wwenn es ihr<lb/>Vergnügen machte, noch
so schön zu sein, wie ein junges<lb/>Weib, das sein erstes Kind geboren hat.
Sie hat es<lb/>oftmals auch in freudiger Erinnerung gegen mtich
aus-<lb/>gesprochen, daß ihr durch mich eine neue Jugend zu<lb/>Theil
geworden sei. Wer aber würde das Wesen nicht<lb/>von Herzen lieben, das ihm
zu solcheu Gllick verholfen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0039_038.tif" n="0038"/>
<p>1<lb/><lb/><lb/>hätte? - Die ganze Liebe meiner Mutter wendete
sich<lb/>deshalb mir zu, und es war nichts Geringes, von ihr<lb/>geliebt zu
werden, denn sie war eine edle und gütevolle<lb/>Frau.<lb/>Ich kam nicht
mehr von ihrer Seite, als ich groß<lb/>- genug geworden war, ihr ohne andere
Begleitung folgen<lb/>zu können, und meine Geschwister neideten mir
die<lb/>Zärtlichkeit der Mutter nicht, denn sie waren in ihren<lb/>eigenen
Verhältnissen befriedigt. Sie wußten auch, daß<lb/>ich sie nicht
beeinträchtigte, da ich eben der Kirche zu-<lb/>gewiesen werden sollte; sie
wendeten also gar nichts da-<lb/>- gegen ein, wenn meine Mutter es vor mir
und ihnen -<lb/>aussprach, daß sie mich durch ihre Liebe schadlos
halten<lb/>wolle für die Einsamkeit, die in der Jesuitenschule, in<lb/>- dem
Vollsgio, bald genug mein Theil sein werde; daß<lb/>F sie mir eine Ahnung,
eine Vorstellung von der Welt<lb/>F zu geben, mich die Welt und die
Menschen, die ich beide<lb/>j lebte, mit ihren Augen sehen zu lassen
wünsche, ehe<lb/>E man mich lehren würde, dieselben frühzeitig gering
zu<lb/>, schätzen, um sie dereinst beherrschen zu lernen.<lb/>Mit der
Besorgniß, daß ich die Welt einst gering-<lb/>schätzen könnte, that meine
Mutter mir indessen Unrecht,<lb/>? denn es gefiel mir nur zu gut in ihr und
in den Um-<lb/>?<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0040_039.tif" n="0039"/>
<p>s<lb/>I9<lb/>gebungen, in welchen ich mich zu bewegen hatte. Meine<lb/>Sinne
waren scharf, mein Empfinden von früh auf<lb/>lebhaft, und ich beobachtete
unwillklrlich, ohne mir<lb/>Nechenschaft darüber zu geben. Ich war glücklich
in<lb/>den kunstgeschmückten Sälen meines väterlichen
Hauses,<lb/>glücklicher in dem Walde von iumergrünen Eichen, der<lb/>die
Gärten unseres Schlosses begrenzte, und an dem See<lb/>im Walde, an dessen
Ufern<lb/>versunkener Herrlichkeit von<lb/>svrachen. Ich<lb/>Erziehers,
eines<lb/>unsern Gütern,<lb/>gehabt mit den<lb/>hatie, freilich<lb/>die
Marmortrümmer lang<lb/>längst vergangenen Tagen<lb/>unter der Aufsicht
meines<lb/>klugen und weltgewandten Jesuiten, auf<lb/>von klein auf, einen
häufigen Verkehr<lb/>Kindern meiner Amme, und er währte<lb/>fort, als wir
uns sammt und sonders dem Jünglings-<lb/>alter näherten. Ich bewegte mich
beständig unter den<lb/>Gästen meiner Eltern. Ich sah die schönen
Frauen<lb/>unserer Aristokratie und die Huldigungen, mit welchen<lb/>man sie
umgab; und es konnte mir nicht entgehen, daß<lb/>manche von den geistlichen
Herren, welche in unserun<lb/>Hause oerkehrten, in diesen huldigenden
Bewerbungen<lb/>nicht weniger eifrig und nicht weniger gliicklich
waren,<lb/>als die Edelleute aus der Laienwelt.<lb/>Daneben machte ich unter
der Leitung meines Abate<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0041_040.tif" n="0040"/>
<p>meine Studien und meine geistlichen Nebungen, wie es<lb/>sich von selbst
verstand. Ich war lernbegierig, aber<lb/>mein Vater ermahnte den guten Abate
wiederholt, meinen<lb/>Geist nicht zu sehr anzustrengen, damit mein
Körper<lb/>sich entwickeln könne, und mich überhaupt nicht zu sehr<lb/>zu
beschränken. Denn er war, obschon sonst ein strenger<lb/>Mann, darin
durchaus der Meinung meiner Mutter,<lb/>daß es auch für einen Cleriker
nothwendig sei, Bescheid<lb/>zu wissen auf der Erde, auf der er die Menschen
einst<lb/>für das Jenseits und die himmlischen Freuden vor-<lb/>zbereiten
habe.<lb/>Mein Abate wollte das nicht gelten lassen,<lb/>z<lb/>F. wenn
gleich er in den weltlichen Angelegenheiten sehr<lb/>F genau ewandert war
und dieselben, so weit sie<lb/>-mit seinem Orden zusammenhingen, niemals aus
dem<lb/>F - atuge peror. Es gab also beweiie zeuich lebhakte<lb/>F
Erdrterungen über das, was für mich zulässig sei, was<lb/>z<lb/>nicht; aber
wir befanden uns damals noch in dem Zu-<lb/>F stande einer verhältnißmäßigen
Unbefangenheit und<lb/>z-<lb/>z Duldsamkeit, und es kam dem: Abate vor allem
Anderen<lb/>darauf an, seine Stelle in unserem Hause nicht zu
ver-<lb/><lb/>F lieren und meine Erziehung nicht in andere Hände<lb/>e -
übergehen zu lassen. Er sah also möglichst darüber<lb/>E<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0042_041.tif" n="0041"/>
<p>s<lb/>E<lb/>d;<lb/>Es<lb/>E<lb/>k<lb/>hinweg,<lb/>kreuzten,<lb/>von
ihn:<lb/>deckten<lb/>nn mei<lb/>und
zeigte<lb/>begehrte.<lb/>Anander<lb/>erkennen lernte,<lb/>m versehen
n<lb/>nes Vaters und seine Ansichten sich<lb/>Seine Klugheit und seine
Vorsicht<lb/>vollständig, daß ich erst sehr spät<lb/>r er war und wessen man
sich von<lb/>we<lb/>tußte<lb/>sich nicht eben strenger, als man es<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0043_042.tif" n="0042"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0044_043.tif" n="0043"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0045_044.tif" n="0044"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0046_045.tif" n="0045"/>
<p>g<lb/>mir<lb/>I -rsten sechszehn Jahre meines Lbens gingen<lb/>auf diese
Weise, wie ein einziger schöner Tag dahin.<lb/>Ich schwamm wie die Engel des
Himmels in einem<lb/>Meere beständigen Behagens; ich pries wie sie, an
jedem<lb/>Tage die Gnade Gottes, die mich in das Leben gerufen<lb/>und in
die schbne Welt gesezt, und ich hätte mich nicht<lb/>zu sehr gewundert, wenn
mir plözlich ein paar Flügel<lb/>gewachsen wären, mich damit
emporzuschwingen, um mit<lb/>vollem Blicke aus der Höhe zu überschauen, was
auf<lb/>der Erde Erfreuliches für mich vorhanden war. Ich<lb/>verlangte sehr
nach diesen Schwingen, und heute noch<lb/>glaube ich, ihre Keime stecken dem
Menschen irgendwo<lb/>im Blute, weil wir Alle in der Jugend uns nach
ihnen<lb/>sehnen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0047_046.tif" n="0046"/>
<p>=z<lb/>Leider kamen jedoch bei mir die Flügel nicht zum<lb/>Durchbruch, wohl
aber sproßte mir der Bart; und ein<lb/>Besuch, den wir zur Zeit der
Villeggiatur in unserem<lb/>Schlosse empfingen, brachte eine völlige
Revolution in<lb/>mir hervor.<lb/>Ein Vetter meiner Mutter, der bei einem
der<lb/>Aufstände in der Romagna seinen Tod gefunden, hatte<lb/>seine Wittwe
und seine einzige Tochier mittellos zurück-<lb/>gelassen, da das ohnehin
nicht sehr bedeutende Vermögen<lb/>- des Vaters von der Regierung eingezogen
worden war.<lb/>Nichts war Donna Erminia geblieben als ihre Trauer<lb/>und
der stolze Name ihres verstorbenen Gatten, und sie<lb/>--- hatte es deshalb
für ein Glück zu halten, als meine<lb/>Eltern ihr das Anerbieten machten,
die Tochter in einem<lb/>F der rdmischen Klöster erziehen zu lassen, in
welchem sie<lb/>F. später den Schleier nehmen, und für das sie von
meiner<lb/>F Mutee die Ausstattung und Mitgist empfangen sollte.<lb/>Wir
befanden uns in unserm Schlosse in Gebirge,<lb/>und waren im großen Saale
des Erdgeschosses beisammen,<lb/>als der Wagen des Vetturins, welcher die
beiden Frauen<lb/>zu uns brachte, in den Park einfuhr.<lb/>Meine Mutter ging
ihnen geflissentlich bis unter das<lb/>Portal entgegen, um der Dienerschaft
und den Gästen damit<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0048_047.tif" n="0047"/>
<p>a<lb/>s<lb/><lb/>4?<lb/>anzuzeigen, auf welchem Fuße sie Donna Erminia
behandelt<lb/>wissen wollte, obwohl sie nur mit der Kutsche eines
gewöhn-<lb/>lichen Vetturins bei uns anlangte; und sie rief,
diese<lb/>Weisung zu verstärken, auch mich heran, den Aussteigenden<lb/>jene
Dienste zu leisten, welche man sonst den Dienern<lb/>zn überlassen
pflegte.<lb/>Einer unserer Leute nahm Donna<lb/>kleine Gepäck ab, das man
ihr aus den<lb/>jedem andern Passagiere, hastig zureichte.<lb/>Erminia
das<lb/>Wagen, wie<lb/>Als ich aber<lb/>ihrer Tochter dafür meine Hilfe
anbot, weigerte diese sich<lb/>derselben, und mich<lb/>Lassen Sie es,
Don<lb/>wohnt als Sie!<lb/>freundlich ansehend, sagte sie:<lb/>Benvenuto!
ich bin das mehr ge-<lb/>Ich weiß nicht, wie Sie über die Gewalt der
Liebe<lb/>und des Augenblickes denken, aber Julietta's Stimme und<lb/>ihr
Blick trafen mich bis in das Herz. Es flammte<lb/>ein nie empfundenes Etwas
in mir auf, ich fühlte mich<lb/>als einen Mann; ich war mit einem Male
froher, als ich<lb/>es je gewesen war. Der Tag schien mir heller als
je<lb/>zuvor, und doch war Nichts geschehen, als daß ein<lb/>fremdes Kind
die Treppe unseres Hanses neben mir<lb/>emporstieg.<lb/>Wenn Sie sich deö
kleinen, unter dem Nauen von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0049_048.tif" n="0048"/>
<p>18<lb/>Dante's Beatrice bekayz, Bildes entsinnen, so wissen<lb/>Sa?<lb/>Sie,
wie der Gegensiand meiner ersten Liebe aussah,<lb/>denn Julietta's
Aehnlichkeit mit jenem Bilde war eine<lb/>vollkommene zu nennen. Es war
dasselbe lichte Haar,<lb/>das sich in natürlichem Gekräusel um die
classische<lb/>Stirn und um das feine Oval der Wangen
schmiegte,<lb/>dieselben scharfgezeichneten Brauen und langen
dunkeln<lb/>Wimpern über den tiefsinnigen und
geheimißvollen<lb/>Augen.<lb/>Donna Erminia hatte nach ihres Gatten Tode
den<lb/>kleinen Ort, in welchem sie mit ihm gelebt und in<lb/>welchem ihre
Tochter geboren worden war, nie verlassen.<lb/>Julietta kannte also von der
Welt nichts weiter, als<lb/>die menschenleeren Straßen jenes Städtchens, als
die<lb/>verfallenen Gemächer ihres alten Hanses und den Garten<lb/>des
Nonnenklosters, in welchem sie in die Schule, und<lb/>in dessen Kirche sie
mit ihrer Mutter zur Messe ge-<lb/>gangen war. Sie hatte ihr dreizehntes
Jahr eben erst<lb/>D<lb/>? zurückgelegt, aber sie war körperlich über ihr
Alter ent-<lb/>wickelt, und in dem einsamen Stillleben mit ihrer<lb/>Mutter
waren ihr Verstand und ihre Einsicht ihren<lb/>Jahren weit
vorausgeeilt.<lb/>Während meine Augen sie immer wieder
suchten,<lb/>E<lb/>r<lb/>h?<lb/>E<lb/>ks<lb/>h<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0050_049.tif" n="0049"/>
<p>- -<lb/>?<lb/>n<lb/>h<lb/>s<lb/>s -<lb/>i?<lb/>.<lb/>z s<lb/>49<lb/>bemerkte
ich doch den lebhaften Eindruck, welchen ihre<lb/>ungewöhnliche Schönheit
auf die Männer machte, als<lb/>sie schüüchtern neben ihrer Mutter in den
Saal trat, in<lb/>welchem man sich zum Mittagsmahle versammelte.<lb/>Mein
Vater sprach ihr freundlich zu, ihre frühreife<lb/>Erscheinung lobend und
bewundernd. Keiner der An-<lb/>wesenden unterließ es, ihr bei der
Vorstellung ein<lb/>Zeichen der besonderen Theilnahme zu geben, und
mit<lb/>eifersüchtigem<lb/>zu erspähen,<lb/>sei, wie sie<lb/>wende,
dem<lb/>zu sorgen,<lb/>Dache, daß<lb/>he<lb/>Neide bewachte ich jeden ihrer
Blicke, umn<lb/>ob sie auch diesen Männern so freundlich<lb/>es mir gewesen,
ob sie sich nicht mir zu-<lb/>meine Mutter es aufgetragen hatte,
dafür<lb/>daß es ihr wohlgefalle unter unserem<lb/>sie des Lebens froh werde
in der großen,<lb/>rlichen Natur, welche in uuserem Schlosse sie
umgab.<lb/>Da meine Mutter Donna Erminia als Cousine<lb/>anredete, gaben
diese und ihre Tochter auch mir den<lb/>verwandtschaftlichen Titel, der
Julietta's<lb/>verminderte, und es mir möglich machte,<lb/>traulicher zu
nahen.<lb/>don<lb/>Schüchternheit<lb/>Freilich sah ich sie nie anders, als
-<lb/>nich ihr ver-<lb/>Gegenwart<lb/>Dritten; aber jedes Beisammensein mit
ihr erhöhte<lb/>??? b =--==== ---<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0051_050.tif" n="0050"/>
<p>der Anblick ihrer Schönheit meine bis dahin schlum-<lb/>- uuewden ?g
=wee.<lb/>Bei der Dürftigkeit und Weltabgeschiedenheit, in<lb/>welcher
Julietta herangewachsen war, mußte für sie<lb/>Alles neu und überraschend
sein, was sie in unserem<lb/>- Hause antraf: sowohl die reiche Einrichtung
und das<lb/>Wohlleben, als die Gesellschaft und der galante Verkehr<lb/>der
Männer mit den Frauen, der sich deutlich kund gab;<lb/>ja selbst das Leben
in der freien Natur, dem man sich<lb/>meist bis weithin in die nächtliche
Kühle überließ. Ich<lb/>erwartete deshalb, daß dies Alles sie erfreuen und
ver-<lb/>gnügen würde, weil. diese Genisse mir selber größer<lb/>und in
einem neuen Lchte erschienen, seit ich sie mit<lb/>Julietten theilte; aber
meine Vermuthungen be-<lb/>trogen mich.<lb/>Julietta betrachtete die ihr
neue fremde Welt, wie<lb/>man ein Bild betrachtet. Man sah, daß dieselbe
sie<lb/>anzog und beschäftigte, es kam jedoch niemals ein Wort<lb/>der
Neberraschung, nie ein lauter Ausruf der Freude<lb/>über ihre Lippen, und
meine Zärtlichkeit für sie betrübte<lb/>sich darüber. Ich meinte, wenn es
mir nur gelänge,<lb/>das Richtige, das ihr Gemäße aufzufinden, so müsse
sie<lb/>davon ergriffen werden, ihr schdnes Antliz müsse die<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0052_051.tif" n="0051"/>
<p>zp<lb/>s<lb/>i==--<lb/>1<lb/>Freude widerstrahlen, und ihr Herz aufwallen,
wie das<lb/>meine, so oft ich sie erblickte.<lb/>Natürlich war ich nicht der
Einzige, dem ihre ab-<lb/>geschlossene Weise auffiel. Mein Abate rühmte
die<lb/>fromme, der Welt abgewendete Erziehung, welche Donna<lb/>Erminia
ihrer Tochter gegeben habe, und in der Ge-<lb/>sellschaft meiner Mnutter
nauute einer der Männer sie<lb/>eines Tages die schöne Heilige.<lb/>Dazu
schüttelte einer der älteren Cavaliere bedenklich<lb/>mit dem Kopfe. Man
solle den Tag nicht vor dem<lb/>Abende loben und Niemand heilig sprechen, er
sei denn<lb/>gestorben! warf er scherzend<lb/>Der Abate entgegnete,<lb/>dem
Schutze ihres Klosters<lb/>ein.<lb/>die Signorina werde unter<lb/>in wenig
Wochen den Ver-<lb/>suchungen der Welt entrückt sein.<lb/>Wenig Wochen sind
eine lange Zeit und von hier<lb/>bis in das Kloster ist ein weiter Weg! gab
der Cavalier<lb/>ihm zu bedenken.<lb/>Sie thun, als lebten wir noch in den
Zeiten der<lb/>wegelagernden Barone! warf nteine Mutter ein, der
die<lb/>Unterhaltung nicht gelegen kam. Aber da man nicht<lb/>gewöhnt war,
sich in seinen Aeußßerungen einen Zwang<lb/>anzuthun, so blieb die Andeutung
meiner Mutter ohne<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0053_052.tif" n="0052"/>
<p>Wirkung auf ihren Freund, und lachend sagte er: Der<lb/>Schönheit gegenüber
sind wir Alle Wegelagerer, heute<lb/>wie vordem! und unter den schönen
Augenlidern, welche<lb/>niederzuschlagen man Julietta gut gelehrt hat,
liegen<lb/>Geheinnisse verborgen, die sie noch selbst nicht kennt.<lb/>Daß
aber so hold geschwellte Lippen einst mehr noch<lb/>sprechen werden, als nur
das Ave und den Engelgruß,<lb/>darauf nehme ich die Wette an.<lb/>Ich hörte
nicht weiter, was sie sagten. Wie aus<lb/>einem brennenden Hause stürzte ich
fassungslos hinaus.<lb/>Es versetzte mir Etwas den Athem; ich hatte
eine<lb/>dumpfe Empfindung, als ob ein Furchtbares geschehen<lb/>sei, und
daneben überkam mich der Gedanke, daß ich<lb/>Julietta retten, daß ich
zurückkehren müsse, um ein noch<lb/>größeres Unglück zu verhüten. Nicht in
den ärgsten<lb/>Verwickelungen, nicht in wirklichen Gefahren habe ich<lb/>im
späteren Leben jemals solche sinnverwirrende Pein<lb/>gefühlt als an dem
Tage.<lb/>Ich stürmte durch den Garten des Schlosses in<lb/>den Wald hinaus,
ich wußte nicht weshalö. Ich warf<lb/>mich auf den Boden, sprang wieder
empor, denn ich<lb/>meinte' Schritte, eine Stimme zu vernehmen -
die<lb/>Stimme des Verhaßten, gegen den ich und mein zorniger<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0054_053.tif" n="0053"/>
<p>ls<lb/><lb/>Grimm doch Nichts vermochten. Ich sah mich um, und<lb/>fand mich
ganz allein.<lb/>Sie waren ja sammt und sonders in dem Schlosse,<lb/>in
welchem Julietia weilte; sie lauerten ihr sammt und<lb/>sonders auf! und
ich, der Einzige, der sie heilig hielt,<lb/>wie die gebenedeite Mutter
Gottes, ich, der sie warnen,<lb/>der bei ihr sein sollte, ich trieb mich wie
ein irrsinniger<lb/>Träumer umher in des Waldes Einsamkeit.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0055_054.tif" n="0054"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0056_055.tif" n="0055"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0057_056.tif" n="0056"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0058_057.tif" n="0057"/>
<p>-<lb/>s<lb/>lgreuten Sie es nicht, daß ich Ihnen von jener<lb/>ersten Liebe
spreche. Sie war von entscheidender Wirkung<lb/>auf meine Zukunft, und ich
möchte behaupten, daß man<lb/>im Allgemeinen das Liebesleid der frühen
Jugend unter-<lb/>schätzt, weil man es so leicht vergessen sieht. Aber
ab-<lb/>gesehen davon, daßß ein Martyrium nicht eben lange zu<lb/>währen
braucht, um als ein solches emufuunden zu wwerden,<lb/>so hat die erste
auflodernde Leidenschaft des Jünglings,<lb/>der sich selbst noch nicht
versteht, der weit wehrloser als<lb/>der gereifte Mann der blinden
Naturgewalt zum Opfer<lb/>wird, etwas Gewaltiges. Was wollen dagegen in
späteren<lb/>Jahren die Herzenskränkungen und die Aufwallungen
der<lb/>Eifersucht bedeuten, bei denen man sich an so und so<lb/>viel
vorhergegangene ähnliche Erlebnisse erinnern kann?<lb/>bei denen man
vergleicht, und mitten in welchen man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0059_058.tif" n="0058"/>
<p>es mehr oder weniger bewußt empfindek, daß man auch<lb/>aus dieser
Leidenschaft wie aus mancher andern hervor-<lb/>! gehen, und daß sie
vielleicht nicht einmal die lezte<lb/><lb/>P<lb/>sein werde, die wir
überwinden, nachdem wir ihr er-<lb/><lb/>legen sind?<lb/>Ich war schnell
wieder in dem Schlosse; ich hatte<lb/><lb/>das Herz so voll, daß ich den
Augenblick kaum erwwarten<lb/>konnte, in welchem ich Julietta sprechen
würde. Weil<lb/>k<lb/>? die Gewohnheiten von Donna Erminia auch in
unseren<lb/>s<lb/>Hause sehr regelmäßig blieben, durfte ich darauf
rechnen,<lb/>sie und die Tochter um diese Stunde auf der Terrasse<lb/>f
anzutreffen. Ich eilte die Treppe zu derselben hinan,<lb/>und in der That
sah ich Julietta vor mir, aber ohne<lb/>ihre Mutter.<lb/>Hätte ich meinem
ersten Eindruck nachgegeben, so<lb/>wäre ich, rasch wie ich gekommen war,
davon gegangen;<lb/>hz denn statt der Freude, die mich sonst durchströmte,
wenn<lb/>R<lb/>t<lb/>ich mich ihr nahte, fühlte ich jezt mit einem
Male<lb/>ßJ- Nichts als eine große Augst.<lb/>z!<lb/>o<lb/>Ich hatte sie
zuvor noch nie allein gesehen, und<lb/>E<lb/>z ich fand es unbegreiflich,
daß ihre Mutter ste allein,<lb/>?<lb/>- allein den Männern hier zur Beute
ließ, die es nicht<lb/>F, verhehlten, wie sie von den Frauen dachten. Weil
ich<lb/>?<lb/><lb/>1<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0060_059.tif" n="0059"/>
<p>==<lb/>s<lb/>z<lb/>7<lb/>ihr aber nicht mit einem Worte alle die Pein
und<lb/>Hual aussprechen konnte, die ich in der letzten Stunde<lb/>um sie
erduldet hatte, stieß ich ungeschickt und hastig<lb/>nur den Vorwurf heraus:
Warum sind Sie allein<lb/>Julietta? Sie sollten nicht allein sein!<lb/>Sie
sah mich mit Verwunderung an. Mein Ton<lb/>mochte ungebührlich geklungen
haben, mein verstörtes<lb/>Aussehen sie befremden; und ruhig, wie sie stets
zu<lb/>sprechen pflegte, entgegnete sie, ihre Mutter sei in ihrem<lb/>Zimmer
noch beschäftigt.<lb/>So sollten Sie bei Ihrer Mutter sein! sagte
ich<lb/>mit einer Energie, die mich noch in der Erinnerung<lb/>zum Lachen
reizt. Denn ich habe manchmal im Leben<lb/>die Thorheit begangen, den
Weibern gegenüber mit mehr<lb/>oder weniger Bewußtsein und Selbstgenuß den
Helden,<lb/>den Tyrannen zu spielen! Herrlicher und größer bin ich<lb/>mir
indessen nie vorgekommen, als an jenemt Abende,<lb/>an welchem ich es zum
ersten Male unternahm, ein<lb/>hilfloses Geschbpf entgelten zu lassen, was
ich ohne sein<lb/>Verschulden um dasselbe litt; und weil ich Julietta
er-<lb/>bleichen und erröthen sah, erschien ich mir berechtigt<lb/>zu
rathen, zu befehlen und gehorsamt zu werden. Aber<lb/>auch in Julietta regte
sich die Natur, und der leeren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0061_060.tif" n="0060"/>
<p>60<lb/>Anmaßung den gebührenden Troz entgegensezend, sagte<lb/>sie: Ich thue,
was meine Mutier mir gestattet, Herr<lb/>Cousin!<lb/>Das brachte mich außßer
mir. Ich war nicht mehr<lb/>fähig, zurüczuhalten oder zu verbergen, was
mich<lb/>h<lb/>? peinigte, und ohne eine Ahnung zu haben von der Un-<lb/>ß
schicklichkeit, die ich damit beging, sagte ich: Sieht es<lb/>denn Donna
Erminia nicht, von welchen Gefahren Sie<lb/>F hir mgeben in? Sehen Sie -s
nlcht? uen Sie es<lb/>f denn nicht selber?<lb/>!<lb/>H<lb/>Gefahren? Hier in
Ihres Vaters Schloß? fragte<lb/>sie, indem sie ihre Augen auf mich
richtete.<lb/><lb/>Sie sollen in das Kloster gehen, fuhr ich fort,<lb/>F
aber die Männer finden Sie zu schön dagu --<lb/>Wie mögen Sie das sagen,
mein Cousin! fiel<lb/>sie mir mit Abwehr ein, während sie in ihrem
Erröthen<lb/>k<lb/>nur noch schöner aussah.<lb/>E<lb/>In meinem Eifer
achtete ich auf ihre Worte nicht.<lb/>s?<lb/>h Man will Sie Ihrem heiligen
Berufe abwendig machen,<lb/>K<lb/>t man stellt Ihnen nach, Julietta! rief
ich. Sagen<lb/>s<lb/>R R-<lb/>?<lb/>k<lb/>sehen
sollte.<lb/>k<lb/>E<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0062_061.tif" n="0061"/>
<p>Ich weiß nicht, wie diese Worte sich mir auf die<lb/>Lippen drängten, denn an
Juliettens Fortgehen, an eine<lb/>Trennung von ihr, an die Möglichkeit sie
nicht wieder<lb/>zu sehen, hatte ich bis dahin nicht gedacht; aber
diese<lb/>Vorstellung überwältigte mich derart, daß ich, in
Thränen<lb/>ausbrechend, ihr um den Hals fiel und sie in meine<lb/>Arme
schloß.<lb/>Sie werden lächeln, wenn Sie dieses lesen, denn es<lb/>war
allerdings nicht die geeignetste Art, Juliettenö<lb/>künftigen Beruf zu
ehren; ich handelte jedoch nach einem<lb/>inneren Müssen im festesten
Glauhen an meine selbstlose<lb/>Gewissenhaftigkeit und im vollen
Seelenfrieden. Was<lb/>aber besitzen wir noch, was erleben wir noch mit
solcher<lb/>Inbrunst und mit so wahrhaftem Genuß wie in der<lb/>Jugend, wenn
wir es im reifen Alter bereits an uns<lb/>selbst erfahren haben, daß von
allen unseren Erinnerungen<lb/>so gar Weniges in der Gestalt bestehen
bleibt, in der<lb/>es uns zuerst erschienen; daß wir zweifeln lernen
an<lb/>Allem, woran wir einst wie an ein Uuwandelbares fest<lb/>geglaubt
haben, ja endlich an uns selbst, an unserem<lb/>Lieben und an unserem
Hassen, an unserem Denken und<lb/>Empfinden, an unserem Thun und Schaffen!
-- Damals<lb/>jedoch war ich von der Vorstellung solcher
Möglichkeiten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0063_062.tif" n="0062"/>
<p><lb/>e<lb/>glücklicher Weise noch sehr weit entfernt. Ich empfand<lb/>Nichts
als die Wonne, Julietta in mteinen Armen zu<lb/>halten, und einen bitteren
Schmerz, da sie sich mir ent-<lb/>ziehen wollte.<lb/>Lassen Sie mich, um der
heiligsten Madonna<lb/>willen, lassen Sie mich! riek sie aus. Ich hielt
sie<lb/>indeß nur um so fester in meinen Armen, und alle die<lb/>Plane
vergessend, welche für meine wie für ihre Zukunft<lb/>von den Eltern
entworfen worden waren, bat ich wieder<lb/>und wieder: Geh' nicht fort,
Julietta! geh' nicht fort!<lb/>denn ich überleb' es nicht!<lb/>Muß ich
nicht? sagte sie leise, während ihre<lb/>Abwehr nachließ und ihr Köpfchen
auf meine Schulter<lb/>sank. Ihr klagender Ton, ihre
hervorbrechenden<lb/>Thränen fielen mir lähmend auf das Herz. Ich
ließ<lb/>die Arme sinken, und wie ein Paar gute Kinder, die<lb/>wir waren,
setzten wir uns Hand in Hand auf eine der<lb/>Steinbänke nieder, die auf der
Terrasse im Schutz der<lb/>Taxuswände standen, um uns weinend wieder in
die<lb/>Arme zu fallen, Jeder das eigene Schicksal und das des<lb/>Andern
beklagend.<lb/>Plözlich stieg jener thörichte Gedanke in mir empor,<lb/>der
sich in jebem Jüngling bei solchen Anlaß als die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0064_063.tif" n="0063"/>
<p><lb/>nächste Hilfe regt. Ich beschwor Julietta, mit mir zu<lb/>fliehen. Ich
betheuerte ihr, daß ich mich auf meine<lb/>Amme, wie auf deren Tochter und
deren Sohn, der in<lb/>den Marken lebe, verlassen könne. Ich sei bereit
ge-<lb/>wesen, meinen Eltern zu gehorchen, wie sie ihrer Muutter;<lb/>aber,
sagte ich, seit ich Dich gesehen habe und Dich<lb/>liebe! -- und wie die
Worte mich selber üüberraschend<lb/>über meine Lippen gekommen waren,
erschrak ich davor,<lb/>daß ich verstummte, und war doch stolz sie
auögesprochen<lb/>zu haben und es nun zu wissen, was mich
durchglühte<lb/>und was ich für Julietta fühlte.<lb/>Ich warf mich,
hingerissen durch mein eigenes Ge-<lb/>ständniß, und mit dem Bewußtsein, daß
sich dies auch<lb/>fo gehöre, ihr zu Füßen, ich umschlang ihre Knie
mit<lb/>' festen Armen. Sie hatte ihr Gesicht in ihren Händen<lb/>verborgen
-- so traf uns ihre Mutter.<lb/>Natürlich sah ich Julietta nicht mehr
wieder. Mein<lb/>Abate erklärte am nächsten frühen Morgen, daß er
seinen<lb/>Bruder zu besuchen denke, der zwanzig Miglien entfernt<lb/>in
einem kleinen Orte eine Pfarrstelle bekleidete, und ich<lb/>erhielt, ohne
sie erbeten zu haben, die Erlaubniß, ihn<lb/>dorthin zu begleiten.<lb/>Wir
blieben ein paar Wochen aus. Die Tage<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0065_064.tif" n="0064"/>
<p>ag<lb/>6<lb/>wurden mir durch ös1,zehnsucht nach Julietta, wie<lb/>durch die
ErmahnungeHßtnd Bußübungen, zu denen ich<lb/>s<lb/>verurtheilt ward, in
jedem Sinne zu einer Strafe; aber<lb/>Julietta's Bild wich nicht von mir,
und da mein Abate<lb/>mich streng überwachte, wurden alle meine Plane,
mich<lb/>auf irgend eine Weise der Geliebten kund zu geben,
un-<lb/>ausführbar.<lb/>Als wir dann endlich zurückkehrten in das
Schloß,<lb/>hatten Donna Erminia und ihre Tochter dasselbe
bereits<lb/>verlassen. Niemand redete mit mir von ihnen, Niemand<lb/>schien
sich ihrer zu erinnern. Es war, als ob sie gar<lb/>nicht dagewesen
wären.<lb/>An diesem Widerstande erstarkte die Empfindung,<lb/>welche
Julietta mir eingeflößt hatte. Ich sprach mit<lb/>ihr in meinem Herzen,
während mein Abate mir die<lb/>Messe las. Ich machte Verse an sie, wenn ich
meinen<lb/>Rosenkranz zur Buße beten mußte; indeß das Alles<lb/>befriedigte
mich nicht. Ich wollte sie sehen, ihr Bilb<lb/>vor Augen haben, denn das
Portrait der Beatrice, dem<lb/>man sie so ähnlich gefunden, war in unferem
Hause in<lb/>der Stadt. Was blieb mir also übrig, als mir selbst<lb/>ihr
Bild zu machen!<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0066_065.tif" n="0065"/>
<p>Man hatte mich zeitig im Landschaftszeichnen<lb/>unterwiesen, hatte sich des
Geschickes gefreut, das ich<lb/>dafür zeigte und mich doch abgehalten,
Figuren und<lb/>Portraits zu zeichnen, wozu ich weit mehr
Neigung<lb/>fühlte. Jezt gab mein Verlangen, Julietta's Bildniß<lb/>zu
besizen, mir die Feder und den Stift in die Hand,<lb/>und wie unvollkommen
das Köpfchen auch gewesen sein<lb/>mag, das ich zu Stande brachte, ähnlich
war es in<lb/>der That-- sehr ähnlich -- und das war Alles, was<lb/>ich
davon forderte.<lb/>Ich bedeckte meine kleine Zeichnung mit
meinen<lb/>Küssen, ich faltete sie zusammen, sie bei der Reliquie<lb/>zu
verbergen, die ich seit meiner Firmelung auf der<lb/>Brust trug, und ich
fühlte mich dadurch in Julietta's<lb/>Schutz und Nähe.-- Nun ich aber die
Möglichkeit<lb/>gefunden hatte, mich also mit der Entfernten zu
be-<lb/>fchäftigen, ward ich nicht müde zu versuchen, ob ich sie<lb/>mir
nicht darzustellen vermöchte, wie sie neben mir<lb/>gestanden, wie sie
dagesessen hatte, als ihre Mutter uns<lb/>getrennt; und es konnte denn nicht
fehlen, daß bei<lb/>diesen Versuchen der Abate mich betraf, daß ich
geloben<lb/>mußte, auf das Zeichnen so lange zu verzichten, bis<lb/>man mir
die Erlaubniß dazu geben werde.<lb/>F Lewaso, Benvennto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0067_066.tif" n="0066"/>
<p>Dies Gelöbniß machte mir schweren Kummer, aber<lb/>ich gelangte sehr bald
dahi,y mit demselben zu halten,<lb/>wie der Jesuitismns be;ee es mit solchen
Ver-<lb/>sprechungen ü berhaupt zu thun pflegt, und die Arglist<lb/>des
Herzens half mir auf den rechten Weg. Ich fing<lb/>zu modelliren an, weil
ich angelobt hatte, das Zeichnen<lb/>einzustellen, und das Modelliren gelang
mir über all mein<lb/>Erwarten. Ich traute meinen eigenen Augen nicht,
als<lb/>ich aus dem Wachs, das von den Altarkerzen in der<lb/>Haus-Capelle
niedergeflossen war, ein Köpfchen im<lb/>kleinsten Masßstab und doch
unverkennbar, sich unter<lb/>meiner Finger Druck gestalten sah, und eine
neue Freude,<lb/>groß und überraschend, wie die Liebe, und
überwältigend<lb/>wie sie, durchströmte mich, als ich es unternahm,
die<lb/>Flechten nachzubilden, die den kleinen Kopf umgaben,<lb/>die
Lbckchen mit der Nadel in demu Wachse anzudeuten,<lb/>welche sich lieblich
um Juliettens schöne Stirne<lb/>kräuselten.<lb/>Wie ich voll beglücktem
Staunen stets vor ihr<lb/>gestanden, so hielt ich jezt das kleine Köpfchen
in der<lb/>Hand. Ich konete nicht begreifen, daß ich das selbst<lb/>gemacht.
Ich hätte es zerstören mögen, um mich zu<lb/>überzeugen, daß ich es wieder
machen könnte, es erschien<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0068_067.tif" n="0067"/>
<p>e?<lb/>mir wie ein Wunder, das mich aber sehr beglückte; und<lb/>ohne irgend
zu erwägen, was ich damit that und preis<lb/>gal, eilte ich in meiner Mutter
Zimmer, stellte das<lb/>fingerlange Köpfchen vor ihr auf den Tisch und
wie<lb/>sie, es erkennend, Juliettens Namen nannte, warf ich<lb/>mich mit
dem Ausruf: ja, meine Mutter! ja! -<lb/>Julietta!-- und ich habe diesen
Kopf, ihr Ebenbild,<lb/>gemacht!-- in meiner Mutter Arme und an<lb/>ihre
Brust.<lb/>Mein: aneh lo! war gesprochen; die Zukunft<lb/>hatte es zu
bethätigen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0069_068.tif" n="0068"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0070_069.tif" n="0069"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0071_070.tif" n="0070"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0072_071.tif" n="0071"/>
<p>Fizz Vater und die männlichen Gäste des Hauses<lb/>hatten sich der Jagd zu
Liebe für einige Tage entfernt,<lb/>und da die zurückgebliebenen Frauen
dadurch der gewohnten<lb/>Gesellschaft entbehrten, wurden ich und mein
plözlich<lb/>wahrgenommenes Talent ihnen zu einem
willkommenen<lb/>Gegenstande der Unterhaltung.<lb/>Bei der großen Nolle,
welche die Liehe, und kleine<lb/>Liebesabenteuer in dem Leben unserer
unbeschäftigten<lb/>Frauen spielen, war es dem unter einander eng
ver-<lb/>trauten Kreise nicht unbekannt geblieben, weshalb man<lb/>mich so
plözlich aus dem Schlosse fortgeschickt hatte,<lb/>und ein Verliebter darf,
auch wenn seine Liebe nicht<lb/>ihnen selber gilt, des Antheils aller Frauen
sich meist<lb/>versichert halten. Daß mich die Liebe
erfinderisch<lb/>gemacht, daß sie mich die Begabung hatte
entdecken<lb/>lassen, die in mir bis dahin geschlummert hatte, war<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0073_072.tif" n="0072"/>
<p>A<lb/>sehr nach dem Sinne und dem Geschutack der schönen<lb/>Einsamen. So
fand ich mich denn, ohne zu wissen,<lb/>was mir geschah, von ihnen mit
einemmale beachtet,<lb/>seit meine Mutter in der Freude ihres Herzens
ihnen<lb/>das wächserne Köpfchen vorgezeigt hatte, dessen Aehnlich-<lb/>keit
mit seinem lieblichen Originale sie, trotz seiner un-<lb/>behilflichen
Ausführung, ganz unverkennbar nannten.<lb/>Da sie sehr daran gewöhnt waren,
ihren WilO,<lb/>=weu=. tue a iawonn f wF<lb/>Seite, als mein Abate mir nun
auch das ModellirA<lb/>alö eine mich zerstreuende und für mich unnütze
Be-<lb/>schäftigung nicht gestatten wollte. Unrecht hatte er<lb/>damit
freilich von seinem Standpunkte aus keineswegs,<lb/>denn ich dachte nichts
Anderes mehr, ich mochte auch<lb/>von gar nichts Anderem mehr reden hören.
Ich war<lb/>völlig hingenommen von der Neugier, zu versuchen, was<lb/>mir
etwa gelingen möchte, und wenn meine Mutter es<lb/>auch in der Ordnuung
fand, daß ich von meinent Abate<lb/>in gewohnter Weise beschäftigt wrde, so
widersetzte<lb/>sie sich dennoch seiner Forderung, mich aus
ihrer<lb/>Freundinnen Gesellschaft zu entfernen, die für die<lb/>Absichten,
die man mit mir hegte, allerdings nicht die<lb/>fördersamste sein
mochte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0074_073.tif" n="0073"/>
<p><lb/>Meine Mutter wünschte es selbst zu sehen, wie ich<lb/>mich bei dem
Modelliren anließ. Man wußte mir<lb/>also einen groben Thon zu schaffen, ein
Brett war bald<lb/>zur Hand, und die schöne Donna Carolina, deren
scharf<lb/>ausgesprochenes Profil kaum zu verfehlen war, bot sich<lb/>mir
zum Sitzen an. Die ganze weibliche Gesellschaft<lb/>wohnte lachend und
scherzend meiner Arbeit bei. Man<lb/>bewunderte es, als ich Etvas
herzustellen begann, das<lb/>man für den Anfang eines Reliefbildes gelten
lassen<lb/>konnte, und ich erntete des Beifalls Fülle, da
die<lb/>Aehnlichkeit mit meinem Original sich
herauszustellen<lb/>anfing.<lb/>Daß ich ein Genie sei, ein großer Künstler
werden<lb/>wütrde, daß ich Geistlicher nicht werden diürse, das
stand<lb/>für die glaubensvollen Schönen schon in den ersten<lb/>Stunden
fest; und da sie es nicht waren, welche mich<lb/>in der Welt zu versorgen
hatten, kümmerte es sie auch<lb/>nicht, daß man mich nur darum für die
Kixche bestimit<lb/>hatte, um sich der Pflichten gegen mich auf
bequeme<lb/>Weise zu entledigen.<lb/>Meine Mutter indessen wußte das genau,
sie wußte<lb/>auch, daß mein Vater von seinen Willen nicht algu-<lb/>gehen
pflegte; aber geneigt, sich ihre sanfte Seelenruhe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0075_074.tif" n="0074"/>
<p>?<lb/>nicht zu trüben, gab sie sich der Hoffnung hin, daß<lb/>mein künftiger
Beruf mir Muße lassen würde, mich mit<lb/>den schönen Künsten nach Gefallen
zu beschäftigen; und<lb/>einmal in dem Zuge, mich für ein bevorzugtes
Talent<lb/>zu halten, zählte man die Klosterbrüder auf, die sich<lb/>in der
Malerei heroorgethan, wie man sich mit Vorliebe<lb/>der plastischen
Kunstwwerke erinnerte, die in alter und<lb/>neuerer Zeit von den
berühmtesten Meistern zur Ver-<lb/>herrlichung des christlichen Cultus
geschaffen worden<lb/>waren.<lb/>Die Namen des Fiesole, des Fra Bartolomeo,
hatte<lb/>ich von je gekannt. Ich hatte die Christus-Statue und<lb/>die
Pietä des Michelangelo in Snntu Kuria sopru<lb/>inerra und in Sanct Peter
gesehen, und von dem<lb/>herrlichen Crucifix des zum Marchese d'Istria
erhobenen<lb/>Canova oftmals sprechen hören. Ich hatte gekniet vor<lb/>der
lieblichen Gestalt der heiligen Cäcilia in Trastevere,<lb/>und war in
Rührung versunken vor Bernini!s heiliger<lb/>Theresei Aber heute schlugen
alle diese Namen mit<lb/>nuem, fremdem Klange an mein Ohr, und ohne
recht<lb/>zu wissen, was ich sagte, stieß ich die Worte aus: , Ja,<lb/>eine
heilige Cäcilia, die möcht' ich machen können!<lb/>Die Damen lachten über
meinen Eifer, und Donna<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0076_075.tif" n="0075"/>
<p><lb/>Earolina, deren kecke Einfälle sprichwörtlich geworden<lb/>waren, rief,
indem sie mir auf die Schulter klopfte:<lb/>, Thun Sie das, mein Leber! es
werden sich schon<lb/>Nonnen finden, Ihnen gottgefällig zu Ihren
weiblichen<lb/>Heiligen als Modell zu dienen.'<lb/>Mir stieg das Blut zu
Kopf. Meine Mutter wurde<lb/>roth vor Unwillen. Sie machte der Sizung mit
einemt<lb/>Vorwande ein rasches Ende und es kam zu keiner andern<lb/>mehr.
Aber während ich noch vor wenig Tagen nichts<lb/>Anderes begehrt hatie, als
mir ein Bildniß von Julietta<lb/>zu verschaffen, kam jetzt allmälig der
Gedanke in mir<lb/>auf, daß ich ein Künstler werden müsse, und
Geistlicher<lb/>nicht werden könne und dürfe.<lb/>Gefügiger und achtsamer
auf des Abate Lehren<lb/>. ward ich dadurch nicht, denn mir lag gar nichts
mehr<lb/>im Sinne, als meine neu begonnene und so
plötzlich<lb/>unterbrochene Arbeit. Das stolze Profil der Marchesa<lb/>war
mir wie eingeprägt. Ich sah es deutlich vor mir,<lb/>auch wenn ich ferne von
ihr war. uh suchte sie trozdem<lb/>lebhafter, bewußter, als ich Julietta
kurz vorher gesucht,<lb/>und der ermunternde Zuruf, mit welchem sie mich
stets<lb/>begrüßte, ihr freier, verheißungsvoller Blick, ihr
neckendes<lb/>Wort und die Zutraulichkeit, in welcher sie sich
gegen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0077_076.tif" n="0076"/>
<p>-<lb/>mich in aller Freiheit gehen ließ, berauschten mich und<lb/>nahmen mich
gefangen.<lb/>Donna Garolina war freilich alt genug, meine<lb/>Mutter sein
zu können, aber doch noch jung genug, um<lb/>Bren fünfzigjährigen Gatten
viel zu alt für sich zu<lb/>finden, um auch Erfahreneren als mir den Kopf
zu<lb/>verrücken, und vor Allem jung genug, um meine un-<lb/>verhohlenen
Huldigungen belustigend für sich zu finden,<lb/>s<lb/>wenn keine besseren
sich ihr boten. Doch gab ich nF<lb/>damals über dieses Alles keine
Nechenschaft. Se SF<lb/>eben Donna Carolina, und sie spielte mit mir wie
ein<lb/>Kind mit seinem Balle. Sie schleuderte mich gen Himmel<lb/><lb/>?.
und warf mich wieder auf den Boden. Sie nannte<lb/>n mich ihren Sohn, ihren
lieben Benvenuto, oder Herr<lb/>g.<lb/>? Marchese, wie es ihr gefiel. Sie
schmeichelte mir und<lb/>F schalt mich aus, sie hieß mich einen einfltigen
Jungen,<lb/>s- wenn sie nicht in der Laune war, mich bei
Dingen<lb/>ernsthaft um Nath zu fragen, von denen ich Nichts ver-<lb/>K-
stehen konnte. Sie ermahnte mich am Morgen nach-<lb/><lb/>- drlcklich, mich
dem Willen der Meinigen nicht zu wider-<lb/>? setzen und in den Dienst der
Kirche freudig einzutreten,<lb/>während sie mir zwei Stunden später die
schönen Hände<lb/>auf die Schulter legen, und mir tief in die
Augen<lb/>A<lb/>P<lb/>b<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0078_077.tif" n="0077"/>
<p>R<lb/>sehend, mich beklagen konnte über das mir zugedachle<lb/>harte
Schicksal.<lb/>Sie ein Pfaffe? rief sie eines Tages, nimmer-<lb/>mehr! Aber
vergessen Sie es, wenn Sie ein Künstler,<lb/>und ein berühmter Künstler
werden, niemals, mein<lb/>Lieber, daß es Ihre Freundin Carolina gewesen ist,
die<lb/>Ihnen eine glänzende Zukunft prophezeit hat.<lb/>Ich küßte ihr die
Hände, sie entzog sie mir. Ist<lb/>das die Art, in welcher man einer Dame
seine Dank-<lb/>barkeit bezeigt'? fragte sie scherzend. Ich warf
mich<lb/>ihr zu Füßen, und spbttisch scheltend rief sie: Schämen<lb/>Sie
sich, Don Benvenuto! Ziemt es Ihnen, dem goit-<lb/>geweihten Jünglinge, vor
einer Frau zu knieen? Waä<lb/>würde die fromme Julietta, die Sie zum
Künstler machte,<lb/>dazu sagen, wenn sie den künftigen Pater
Benvenuto<lb/>knieen sähe vor einer Sünderin, wie ich?<lb/>.ch lebte wie in
einem Schwindel, wie in einem<lb/>Nausche. Ich kam nicht zu mir selbst, und
Donna<lb/>Carolina hatte dafür gesorgt, daß meiner Mutter war-<lb/>nende
Bemerkungen ohne Einfluß auf mich blieben.<lb/>Offen und in aller Anderen
Beisein hatte sie es<lb/>ausgesprochen, daß die Familie fast in allen Fällen
sich<lb/>ihren von der Natur bevorzugten Mitgliedern feindselig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0079_078.tif" n="0078"/>
<p>erweise, bis sie anfange, dieselben für ihre Zwecke
aus-<lb/>zubeuten.<lb/>Das Talent, das Genie, sagte sie, ist
allezeit<lb/>genöthigt, sich seine eigene Bahn zu suchen. Es kostet<lb/>die
Familie Nichts, die Jugend und die Schbnheit ihren<lb/>Zwecken unterthan zu
machen, feurige Kräfte, große<lb/>Begabungen niederzuhalten, wenn dieses dem
Vortheil<lb/>oder dem Vorurtheil der Familie angemessen scheint.<lb/>! Hat
man mich gefragt, rief fie, piözüich auf ihr eigene<lb/>? Schlesaü deutend,
ob ich, als man mich scze ,,F<lb/>-<lb/>weltfremd mit fünfzehn Jahren aus
dem Kloster nahm,<lb/>geneigt sei, des Marchese Frau zu werden? Oder
fällt<lb/>ihm selber jemals auch nur die Frage ein, ob ich an<lb/>- seiner
Seite glücklich sei, und wie ich mit dem Leben<lb/>fertig werde?-- Leider
kann ein Mädchen sich nicht<lb/>helfen und nicht retten; wir müssen wohl
gehorchen.<lb/>- Ein Jüngling jedoch, der seinen Willen nicht
durchzu-<lb/>setzen weiß, ist ein Feigling, wenn er kein Schwach-<lb/><lb/>s
kopf ist!<lb/>Keineä ihrer Worte ging an mir verloren, und<lb/>jedes fachte
die Leidenschaften, die in mir glühten, eine<lb/>die andere steigernd, höher
an. Ich erwartete mit Un-<lb/>geduld die Rückkehr meines Vaters, um ihm zu
erklären,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0080_079.tif" n="0079"/>
<p>7<lb/>wie ich niemals Beruf gefühlt hätte, mich dem geistlichen<lb/>Stande zu
weihen, wie nur die Ehrerbietung gegen seine<lb/>Befehle mich gehindert
habe, ihm dies schon lange aus-<lb/>zusprechen, wie ich aber jezt, da ich
mein eigenes Wesen<lb/>erkennen lernen, ihn um die Erlaubniß bitten müsse,
mich<lb/>der Kunst widmen zu düürfen.<lb/>Wort für Wort sann ich mir die
Nacht hindurch<lb/>die Rede aus, die ich vor meinem Vater zu
halten<lb/>dachte. Ich wollte vollkommen offen gegen ihn sein,<lb/>ihm nicht
verhehlen, wie ich darauf gekommen sei, mir<lb/>Juliettens Bildniß zu
machen; während ich aber für<lb/>dieses Geständniß noch den rechten AuSdruck
suchte, fiel<lb/>es mir plözlich auf, daß ich alle die Tage hindurch
an<lb/>Julietta kaum gedacht, wenn Donna Carolina mir nicht<lb/>von ihr
gesprochen hatte. Auch in dem Angenblick, daß<lb/>ich sie mir
vergegenwärtigte, kam sie mir wie ein halbes<lb/>Kind vor und ich erschien
mir älter, viel älter als sie,<lb/>und sehr viel männlicher und reifer, als
an dem Tage,<lb/>da ich sie an meine Brust gedrückt hatte. Ich
lächelte<lb/>umwwillkürlich, als ich auf jene Stunde zurücksah.
Sie<lb/>dünkte mir, wer weiß wie fern, und es trennten mich<lb/>doch nur ein
paar Wochen von derselben.<lb/>Das machte mich stuzig. Werde ich Donna
Carolina<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0081_080.tif" n="0080"/>
<p>8<lb/>auch vergessen, wenn ich sie nicht mehr sehe? fragte ich<lb/>mich, und
was ist die Liebe, was ist die Erinnerung,<lb/>wenn sie so rasch vergänglich
sind?<lb/>Es fuhr mir kalt durch's Herz, der Dämon des<lb/>Zweifels hatte es
mit frostiger Hand berührt. Ich fing<lb/>, zu feagen, z grübeln an; mein
Glaube an mtich<lb/>selbst, an Liebe und an Treue wurde unsicher
und<lb/>wankend. Nur daß ich Donna Carolinenä Bildniß machen<lb/>müsse, so
großartig, wie ihr stolzer Kopf vor nF<lb/>inneren Auge schwebte, das stand
in mir fest, u ße<lb/>diesem heroischen Vorsatze schlief ich ein.<lb/>Am
frühen Morgen brachte der Reitknecht von dem<lb/>Vater Botschaft. Die
Jagdgesellschaft sollte zur Mahlzeit<lb/>wiederkehren. Ein Edelmann, der,
wie ich hatte sagen<lb/>hdren, für Donna Carolinens begünstigten Verehrer
galt,<lb/>sollte mit den Jägern zu uns kommen und für einige<lb/>Tage bei
uns bleiben.<lb/>Die Nachricht trieb mich, Donna Carolina aufzu-<lb/>suchen.
Ich war unruhig, sie sah mir's an, und die<lb/>Ursache errathend, sagte sie
in meiner Mutter Beisein:<lb/>- Sehen Sie Ihren Benvenuto an! wie er mir
folgt!<lb/>wie er mich überwacht! Ich glaube in Wahrheit, er<lb/>hält mich
nicht allein für ein brauchbares und geduldiges<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0082_081.tif" n="0081"/>
<p>81<lb/>Modell, sondern er bildet sich ein, in mich verliebt zu<lb/>sein!
Nehmen Sie sich in Acht, mein Sohn! was wird<lb/>mein Mann zu diesem Ihrem
Einfall sagen? und der<lb/>Herr Vater und Ihr Herr Abate?<lb/>Ich war keines
Wortes mächtig. Meine Mutier<lb/>verwies ihr diese Art des Scherzens, die
weder meinem<lb/>Alter, noch meinem künftigen Berufe angemessen sei,
aber<lb/>Donna Carolina hielt man nicht leicht in Schranken.<lb/>Warum haben
Sie ihn denn hier im Hause,<lb/>fagte sie, statt ihn in dem Collegio in
Sicherheit zu<lb/>bringen? Wer ängstlich ist, muß den Zunder vor
dem<lb/>Feuer wahren. Er hat ein zärtliches Herz! Er kann<lb/>nicht anders,
er muß lieben. Er wird immer lieben!<lb/>Er liebte Sie, er liebte Julietta
und nun auch mich,<lb/>und wie sollte er nicht, da er die Seele eines
Künstlers<lb/>hat! -- Lieben Sie nur immer frisch drauf los,
mein<lb/>Benvenuto, das ist das Beste! Man muß lieben,<lb/>wie man athmet -
um zu leben, um zu fühlen, daß<lb/>man lebt.<lb/>Ein paar Stunden später
kamen die Männer in<lb/>dem Schlosse an, und das Zwischenspiel, dessen
komische<lb/>Figur ich gewesen war, haite seinen lezten Act gehabt.<lb/>?OF
--- ==- - =<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0083_082.tif" n="0082"/>
<p>mich. Die Erzählung der Jagdabenteuer nahm die Ge-<lb/>sellschaft in
Beschlag.<lb/>Spät Abends, als man in der Frische der Nachtluft<lb/>noch auf
der Terrasse weilte, um sich zu ergehen, sah<lb/>ich Donna Carolina am Arme
ihres Freundes von dem<lb/>mondbeglänzten Plane in die schattigen,
verschwiegenen<lb/>Lorbeergänge nieder steigen.<lb/>Daß dies meine Andacht
an dem Abende förderte,<lb/>möchte ich nicht behaupten; aber die Beiden
dF<lb/>für sich selbst zu sorgen, nicht fir mich
und<lb/>-P<lb/>Andacht!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0084_083.tif" n="0083"/>
<p>Fünftes Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0085_084.tif" n="0084"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0086_085.tif" n="0085"/>
<p>,t nächsten Morgen hatte ich mich kaum erhoben,<lb/>als mein Vater näch mir
schickte. Er war ein strenger<lb/>Mann, und sein sarkastischer Geist gab
seinen Tadel eine<lb/>schmerzende Härte.<lb/>Ich fand ihn allein in seinem
Zimmer. Nun,<lb/>Signor, rief er mir entgegen, noch ehe ich ihm
mit<lb/>einem Handkuß, auf welches Zeichen der Unterordnung<lb/>er von
seinen Söhnen hielt, so lange sie in seinem Hause<lb/>lebten, den guten
Morgen hatte bieten kdnnen, nuun,<lb/>Signor! Du bist in meiner Abwesenheit
mit einem Male<lb/>ein Genie geworden, wie ich höre!<lb/>Ich war in großer
Verlegenheit. Auf diese An-<lb/>sprache paßte die Rede, die ich mir im
Stillen ausge-<lb/>klügelt hatte, ganz und gar nicht, und daß mit
meinem<lb/>Vater nicht zu spaßen sei, wenn er in solcher Weise<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0087_086.tif" n="0086"/>
<p>8e<lb/>scherzte, darauf kannten wir ihn Alle. Dennoch ver-<lb/>suchte ich es,
mit einem pathetischen: Erlauben Sie,<lb/>meins iheurer Vater! Aber über
diesen Eingang kam<lb/>ich nicht hinaus.<lb/>Nichts erlaube ich! Nichtö!
fiel er mir in's<lb/>Wort. Ich habe zu sprechen und Du hast zu
schweigen<lb/>und zu hören. Ich habe Dich zu erinnern, daß Du<lb/>ein Armero
bist, und daß Du Dich danach zu richten<lb/>hast! - Er üangte nach dem
Tsche, und jezt eF!<lb/>wurde ich es gewahr, daß er Jliettens kiel
szgF?<lb/>und das begonnene Reliefbild in seinem Zimmer hatte.<lb/>Er nahm
die kleine Biste in die Hand, ließ seine<lb/>Augen flüchtig darüber
hingleiten und sprach dann, in-<lb/>dem er sie wie ein werthloseä Stück
Papier zusammen-<lb/>drückte: Weil Du Etwas zurecht geknetet hast,
was<lb/>einem Menschenkopfe ähnelt, weil Du Geschick zum<lb/>Zeichnen hast,
weinst Du ein Genie zu sein? Sieh um<lb/>Dich her! An jeder alten Mauer
zeigen sich solche<lb/>Malerklnste; bei jedem Steinmmezen in Rom, bei
jedem<lb/>Töpfer finden sich Bursche, die plastische Meisterwerke
wie<lb/>die Deinen hier verfertigen. Er stieß dabei mit dem<lb/>Fuße gegen
mein begonnenes Relief, daß es, auf den<lb/>Marmorboden fallend, in Stlcke
brach.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0088_087.tif" n="0087"/>
<p>?<lb/>Schon das Zerdrücken des Kopfes hatte mir leid<lb/>gethan, aber ich
hatte die Zähne zusammengebissen. Alä<lb/>er jedoch auch das begonnene
Bildnißß von Donna Ea-<lb/>rolina vernichtete, konnte ich mich nicht
beherrschen,<lb/>und der Vorstellung Worte gebend, welche mich in<lb/>diesen
Tagen oft beschäftigt hatte, sagte ich: Auch der<lb/>Canova, der große
Marchese dJschia, war einst solch'<lb/>ein Bursche.<lb/>Der Canova!
der<lb/>mein Vater höhnend,<lb/>Marchese dIschia! wiederholte<lb/>der
neugebackene Marchese von<lb/>ehegestern! Ein Titel, gut genug für Einen aus
dem<lb/>Volke, nicht für den Sohn eines Hauses, dessen Name<lb/>in dem
goldenen Buche auf dem Capitol verzeichnet ist.<lb/>Gewiß! Canova war ein
großer Mann, und die Kunst<lb/>ist etwas Großes! Indeß, einem Armero steht
es zu,<lb/>die Künstler zu beschüzen, wenn er die Küünste liebt; sie<lb/>als
Handwerk, als Gewerbe zu üben, das ist unschicklich<lb/>für ihn.-- Soviel
für heute von der Kunst, Signor!<lb/>Das war in seinem Sinne eine ganz
richtige aristo-<lb/>kratische Lehre, nur daß sie bei mir nicht auf
den<lb/>rechten Boden traf, denn vor dem gebieterischen Worte<lb/>meines
Vaters ward ich es erst völlig inne, wie glücklich<lb/>mein geringes Können
mich machte, wie rasch und tief<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0089_088.tif" n="0088"/>
<p>88<lb/>der Wunsch sich in mir festgesezt hatte, von dem mir<lb/>zugedachten
Berufe loszukommen, um mich ganz der<lb/>Kunst zu weihen. Mein Vater ließ
mir indeß nicht die<lb/>Zeit, ihm dies auszusprechen.<lb/>Soviel von der
Kunst! wiederholte er, und<lb/>nun zum Nebrigen, Signor! Er hatte bis dahin
in<lb/>seiner spottenden Art gesprochen; jezt zogen seine starken<lb/>Brauen
sich zusammen, und mich mit einem Blicke<lb/>messend, den zu scheuen wir
gelernt hatten, spraO -<lb/>Nun zu dem Sohne, der sich gegen seines
VaeF<lb/>Willen auflehnt, der sich gegen seines Vaters Dach ver-<lb/>sündigt
hat.<lb/>Die Anklage fiel mir hart auf's Herz. Ich rief<lb/>mit flehender
Bitte, daß er mich hören möge. Er befahl<lb/>mir zu schweigen.<lb/>- Hast Du
es nicht gewusßt, Signor, sagte er,<lb/>daß Du der Kirche dienen sollst? Hat
man es Dich<lb/>nicht gelehrt, Signor, wie selbst den Wilden der
Gast<lb/>geheiligt ist, der über seine Schwelle tritt? -- Er<lb/>machte eine
Pause, die mir sehr lang erschien. Du<lb/>hast Dich unterfangen, sprach ec
dann, einer Juung-<lb/>frau aus edlem Hause mit ungebührendem Begehr
zu<lb/>nahen, die unter Deines Vaters Schuze stand. Sie und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0090_089.tif" n="0089"/>
<p>89<lb/>ihre verehrungswürdige Mutter hast Du fortgetrieben<lb/>von der
Stätte, an welcher ich und Deine Mutter sie<lb/>willkommen geheißen. Ist das
der edle Sinn eines<lb/>Armero? ist das die Sittlichkeit des künftigen
Priesters,<lb/>und der Gehorsam gegen mein Gebot?- Aber als<lb/>wäre es
daran des Frevels und der Thorheit nicht bereits<lb/>genng, hast Du eä Dir
in der Verblendung Deiner<lb/>Eitelkeit noch beikommen lassen, den Frauen
gegenüiber<lb/>den Cavalier zu spielen, ohne zu bedenken, daß ein
Junge,<lb/>der den Verliebten macht, ein Gegenstand verdienten<lb/>Spottes
wird. Ist dies, Signor! das Ehrgefühl eines<lb/>Marchese von
Armero?<lb/>Mein Vater hielt sein Auge fest auf mir, ich konnte<lb/>das
meine nicht erheben. Ich fühlte mich Julietten<lb/>gegenüber schuldig, und
die Gewißheit, mich vor Donna<lb/>Carolina lächerlich gemacht zu haben,
brachte mich zur<lb/>Verzweiflung. Ich hätte weinen mögen vor Zorn
und<lb/>Scham, nur daß ich mich durch meine Thränen vor<lb/>meinem Vater,
der selbst an Frauen das Weinen als<lb/>eine Schwäche haßte, noch mehr zu
erniedrigen fürchtete.<lb/>So stand ich sprachlos vor ihm da.<lb/>Nun,
Signor! fuhr er mich an, wie lange soll<lb/>ich warten auf die
Antwort?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0091_090.tif" n="0090"/>
<p>Ich raffte mich zusammen, ich wollte sprechen und<lb/>f<lb/>, kennte doch das
Wort nicht fnden.<lb/>Sprich! befahl mein Vater, Du bist ja
vor<lb/>k<lb/>Donna Erminia's edler Tochter und vor Donna Caro-<lb/>lina
beredt genug gewesen. Sprich jezt aus, was Du<lb/>zu sagen hattest,
rechtfertige Dich, wenn Dn es kannst!<lb/>Ich vermochte es nicht, da ich
gewohnt war, meinen<lb/>Vater für unfehlbar zu halten, und brachte endlich
nur<lb/>das Geständniß heraus, das ich bedauere, ihn erzight<lb/>und gegen
seinen Willen mich verfehlt zu haüe. F<lb/>Gut, daß Du dies einsiehst,
entgegnete er mir,<lb/>Du wirst mir's also zu danken haben, daß ich es
Dir<lb/>unmöglich mache, in Zukunft ähnliche Thorheiten zu<lb/>begehen und
noch einmal in den gleichen Fehler zu ver-<lb/>s ==<lb/>Ich sah besorgt zu
ihm empor, er ließ mich nicht<lb/>t -<lb/>z, Iange im Ungewissen über seine
Absichten mit mir.<lb/>E<lb/>Ich habe bisher dem Wunsche Deiner
Mutter,<lb/><lb/>E-<lb/>r Dich in ihrer Nähe zu behalten, gegen meine
Neber-<lb/>f<lb/>zeugung und, wie es sich erweist, nicht eben zu
Deinem<lb/>ß Vortheil nachgegeben. Du bedarfst festerer Schranken<lb/><lb/>F
und strengerer Zügelung als bisher. Morgen in der<lb/>Frlhe wird der Abate
Dich nach der Stadt begleiten,<lb/>d<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0092_091.tif" n="0091"/>
<p>I1<lb/>um Deine sofortige Aufnahme in das Jesuiten-Collegium<lb/>zu bewirken.
Bis Du in dasselbe eintrittst, verläßt Du<lb/>in der Stadt Dein Zimmer
nicht, und daä Gleiche ge-<lb/>schieht hier bis zu Deiner Abreise. Deine
Mutter wird<lb/>zu Dir komnen, Dir Lebewohl sagen und in ihrer
Be-<lb/>gleitung wirst Du Dich bei den Herren und Frauen<lb/>verabschieden,
die unsere Gäste sind.<lb/>Ich hörte das wie ein Gottesurtheil an.
Mi<lb/>einem von Natur nicht bösen Menschen hat man immer<lb/>leichtes
Spiel, wenn er über sein Verhalten kein gutes<lb/>Gewissen hat, und der
Befehl meines Vaters, das Schloß<lb/>zu verlassen, kam mir in dem
Augenblicke sogar er-<lb/>wünscht, denn mehr als alles Andere scheute ich
mich<lb/>jetzt davor, Donna Carolina unter die Augen zu treten.<lb/>Dasß ich
meine Studien im Collegium zu uachen habe,<lb/>nachdem ich durch den Abate,
der dem Jesuitenorden an-<lb/>gehörte, zur Aufnahme in die rhetorischen und
philo-<lb/>sophischen Klassen vorbereitet worden, das hatte ich<lb/>obenein
ron je gewußt, und bis vor wenig Wochen hatte<lb/>ich es auch anders nicht
verlangt.<lb/>Als aber mein Vater sich anschickle, das Zimmer<lb/>zu
verlassen, überfiel mich der Gedanke, daß ich mit<lb/>meinem schweigenden
Gehorsam, der meinem Schuld-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0093_092.tif" n="0092"/>
<p>I<lb/>bewußtsein angemessen war, den Anschein auf mich laden<lb/>könnte, als
unterwürfe ich mich für alle Zukunft dem<lb/>Willen meines Vaters, als
entsagte ich den Hoffnungen,<lb/>welche ich auf die Auöbildung meiner
kiinstlerischen An-<lb/>lagen in dieser lezten Zeit gebaut hatte, und all
meinen<lb/>Muth zusammennehmend, rief ich, um es mit so wenig<lb/>Worten als
möglich abgethan zu haben: Mein Vater,<lb/>für den geistlichen Stand fühle
ich mich nicht gemacht!<lb/>Spare die Nedensarten! engegnee der Lr<lb/>mir,
ohne eine Miene zu verziehen. Wie foltFß F,,<lb/>Beruf fühlen für Etwas, das
Du noch nicht kennst.<lb/>Der Beruf wird Dir kommen, wenn Du in der
Ge-<lb/>meinschaft derer lebst, in deren Orden zu treten Du<lb/>bestimmt
bist. Daß Du dereinst die Maßnahmen segnen<lb/>wirst, die ich fltr Dich
getroffen habe, dessen bin ich<lb/>sicher. Lebe wohl und vergiß es niemals
wieder, welchen<lb/>Namen zu tragen, und welchem Hause anzugehören
Du<lb/>die Ehre und das Glick hast!<lb/>Er reichte mir die Hand hin; sie
nicht zu ergreifen,<lb/>sie nicht ehrfurchtsvoll zu küssen, wenn er sie mir
bot,<lb/>würde mir unmöglich gewesen sein; aber wie ich seine<lb/>Hand
berührte, konnte ich meinem Schmerze nicht ge-<lb/>bieten, und mich ihm zu
Füßen werfend, sties ich, ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0094_093.tif" n="0093"/>
<p>1<lb/>trieben von einer Gewalt, die stärker war als ich, die<lb/>Worte
hervor: Entziehen Sie mir Ihren Namen, ent-<lb/>ziehen Sie mnir Alles, nur
nicht Ihre Liebe, und lassen<lb/>Sie mich namenlos und unbekannt zu einem
Meister<lb/>gehen, daß ich mich in der Kunst versuche!<lb/>Mein Vater
wendete sich von mir ab.- Du<lb/>hast mit Deinem Vater, mit einem Manne zu
thun,<lb/>nicht wie bisher mit Weibern, sagte er mit Strenge.<lb/>Steh' auf!
ich will nicht gehört haben, was Du da<lb/>Vermessenes und Niedriges
gesprochen hast! Steh' auf,<lb/>und Nichts weiter mehr davon!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0095_094.tif" n="0094"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0096_095.tif" n="0095"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0097_096.tif" n="0096"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0098_097.tif" n="0097"/>
<p>z ch hatte in den nächsten vier und zwanzig Stunden<lb/>volle Muße darüber
nachzudenken, wie ich dem mir<lb/>bestimmten Lebensweg anöweichen könne,
ohne eine Wahr-<lb/>scheinlichkeit dazu zu finden, bis einer jener
Zufälle,<lb/>welche man in der Dichtung als das roheste
Auskunfts-<lb/>mittel zu verdammen pflegt, und die uns im Leben
doch<lb/>häufig genug fördern oder hemmen, mir zu Hilfe kam.<lb/>Es ging an
dem folgenden Morgen Alles genau<lb/>so vor sich, wwie es von meinem Vater
angeordnet<lb/>worden war. Ich hatte im Beisein meiner Mutter<lb/>mich mit
bitterer Beschämung von der Gesellschaft ver-<lb/>abschieden müssen, wir
waren um die festgesezte Zeit<lb/>aus dem Schlosse aufgebrochen und ich
hatte schon mehr<lb/>als eine Stunde in schweigender
Niedergeschlagenheit<lb/>neben dem Abate in der alten Carosse gesessen, die
uns<lb/>F. Lewal-, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0099_098.tif" n="0098"/>
<p>f<lb/>F<lb/>-<lb/>W8<lb/>s nach der Stadi bringen sollte, als wir vor uus,
uitten<lb/>auf der Landslraße, eiuen zerbrochenen Wagen bemerkten.<lb/>f
Näher herangekommen, erkannten wir in dem Eigen-<lb/>thümer desselben
Monsignore Arrigo, den man an diesem<lb/>? Tage in meinem Vaterhause
erwartete.<lb/>Er war einer der bekanntesten und beliebtesten<lb/>unter den
römischen Prälaten. Geistvoll, fein gebildet,<lb/>sehr reich und einer der
schönsten Männer Romö, war<lb/>er ein leidenschaftütcher Verehrer der
Schbnheit in MF<lb/>?<lb/>wie in der Kunst, ein Lebemann in der vollsten
A<lb/>n deutung des Wortes, und dabei von einem liebens-<lb/>würdigen
Character und von gutem Herzen. Er hatte<lb/>? durch eine Neihe von Jahren
erst in Frankreich, dann<lb/>in Desterreich in den Nunciaturen alä Sekretär
und<lb/>- Rath fungirt, und seine Erfahrungen hatten ihm Geltung<lb/>und
Einfluß in der päpstlichen Negierung verschafft.<lb/>h<lb/>s Mein Vater
schätzte ihn, wie dieser Einfluß und seine<lb/>Eigenschaften es natürlich
machten. Er war dazu ein<lb/>entfernter Verwandter meiner Mutter, die ihn
für ihren<lb/>besten Freund hielt, und da sie ihn zu einem
meiner<lb/>-Pathen erwählt, hatte er von Paris aus, wo er sich<lb/>damals
aufgehalten, das Versprechen gegeben, daß ich<lb/>Theil haben solle an der
Freundschaft, die er für sie hege.<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0100_099.tif" n="0099"/>
<p><lb/>Man hatte sich also grade auch von ihm für die För-<lb/>derug meiner
litftigen Laufbahn als Geisilicer, Bei -<lb/>stand versprechen dürfen, bis
meines Vaters Absic!,<lb/>mich um des Familienbrauches willen in das
Jesniten -<lb/>collegium zu schicken, Arrigo, der kein Freund der
Jesuiten<lb/>war, unzufrieden gemtacht hatte.<lb/>Mir persönlich war er
jedoch stets utit Vorliele<lb/>geneigt geblieben, ich sah zu ihm wie zu
einem Ideal<lb/>empor; und noch ehe wir ihm, rasch ausgestiegen,<lb/>unsere
Dienste hatten anbieten können, rief er uns mit<lb/>seiner fröhlichen,
hellen Stimme seinen Gruß entgegen.<lb/>Das heißt einmal recht als ein
Benvenuto erscheinen!<lb/>sagte er. Es ist gut, daß Du daran gedacht hast,
mir<lb/>entgegenzunkomuten, oder war's darauuf nicht abgesehen?<lb/>setzte
er hinzn, als er bemerkte, daß wir Koffer auf den:<lb/>Wagen hatten.<lb/>Der
Abate klärte den Irrthum mit der Bemerkung<lb/>auf, daß er angewiesen sei,
mich in das Collegium z<lb/>bringen.-<lb/>Jetzt? mitten in den Sommerferien,
da dic<lb/>frommen Väter mit den Scholaren in den Villeggiaturen<lb/>sind?
Welch' ein Einfall! -- Es scheint Dir auch kein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0101_100.tif" n="0100"/>
<p>s<lb/>1<lb/>sonderliches Vergnügen zu gewähren, Söhnchen! meinte<lb/>Arrigo,
indem er mich betrachtete, und ich verdenke Dir<lb/>das nicht, die Luft ist
ganz abscheulich in der Stadt.<lb/>Aber wir sprechen mehr davon, wenn wir
erst wieder<lb/>unterwegs sind. Werft mnein Gepäck auf diesen
Wagen,<lb/>gebot er seinen Leuten, und bleibt hier zurück, ich
werde<lb/>Euch aus dem Schlosse die nöthige Hilfe schicken.<lb/>Er stieg mit
diesen Worten in unsern Wagen, um<lb/>unter dem Verdeck desselben vor den
heißen IF<lb/>struhlen Scy z suchen. ud utüigte us. ihnc<lb/>folgen. Das war
jedoch nicht des Abate Meinuung.<lb/>Sie machen es recht, Monsignore! sagte
er,<lb/>denn man erwartet Sie bei guter Zeit, aber erlauben<lb/>Sie, daß ich
mit Benvenuto hier auuf die Rückkehr des<lb/>Gefährtes warte.<lb/>Arrigo
wurde aufmerksan. Was soll das heißen?<lb/>und was bedeutet Ihre feierliche
Miene? Schickt man<lb/>Dich zur Strafe fort?<lb/>Meine Verlegenheit hinderte
mich zu antworten,<lb/>der Abate bejahte die Frage an meiner Statt.<lb/>Du
siehst auch wie ein armer Süinder auö! scherzte<lb/>der Gutgelaunte. Sprich!
aber rede Du selbst. Was<lb/>hast Du denn verbrochen?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0102_101.tif" n="0101"/>
<p>!<lb/>s<lb/>=<lb/>=-<lb/>s<lb/>?<lb/>?<lb/>i<lb/>f<lb/>s.<lb/>e<lb/>?<lb/>s.<lb/>z<lb/>s<lb/>?<lb/>s<lb/>f<lb/>s<lb/>-<lb/>1t<lb/>Seine
Heiterkeit machte mich neben dem feierlichen<lb/>Gesichte deä Abate und in
der Erinnerung an die<lb/>Strenge meineä Vaterö ganz verwirrt, und obschon
ein<lb/>Hoffnungsstrahl in mir aufleuchtete, fehlte mir doch der<lb/>Muth,
es auszusprechen, was mir geschehen war.<lb/>Geduld war indessen deä
Monsignore Sache nicht.<lb/>Vorwärts! vorwärts! rief er, rede! Waä
kannst<lb/>Du denn begangen haben? Gemordet hast Du nicht,<lb/>beraubt wirst
Du Niemand haben. Ungehorsamt konmnt<lb/>neben Deinem Vater nicht leicht
auf-- was kann eö<lb/>also sein?<lb/>Monsignore haben trotzdem das Richtige
getroffen,<lb/>sagte der Abate, sich meine Verlegenheit zu Nuize
machend.<lb/>Benvenuto hat es sich beikommen lassen, gegen die
Ab-<lb/>sichten des Herrn Vaters, gegen dessen Anordnungen
sich<lb/>aufzulehnen.<lb/>Und deshalb diese verzweiflungsvolle Miene?
Du<lb/>siehst ja wie ein junges Mädchen aus, das man auf<lb/>verbotenem Wege
antrifft. -- Ah! das also ist's, mein<lb/>?<lb/>Sohn! rief er, da das
Gesicht bei seinem Scherz mir<lb/>glühte. Ein Liebeshandel! nun verstehe
ich! Ja, das<lb/>ist freilich eine andere Sache, und der Graf hat
wohl<lb/>an Dir gethan! Aber steige vor allen Dingen ein! dem<lb/>-- ?
JIgpJFäeessaBszse==a.=== ==- -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0103_102.tif" n="0102"/>
<p>1<lb/>Sonnenstich sollst Du deshalb nicht verfallen! steig' ein!<lb/>und Sie,
Abate, thun Sie desgleichen! Ich trage dem:<lb/>Grafen gegenüber die
Verantwortung.<lb/>Der Abate lehnte diese Aufforderung jedoch
ebenso<lb/>entschieden als höflich ab. Er sagte, daß die
Verant-<lb/>wortung, welche Arrigo übernehmen wolle, ihn nicht<lb/>! seiner
Pflicht entbinden könne; er habe sich unabweislich<lb/>s an meines Vaters
ausdrücklichen Befehl zu halten. In<lb/>? zwei Stunden köne das Fuhrert mik
frischen PferdF<lb/>- wieder hier zur Stelle sein, der Wagen des
Mouflzu.»F<lb/>schütze uns vor der Sonne, und es bleibe uns dann<lb/>noch
vollauf Zeit, die Stadt vor dem Abende zu er-<lb/>reichen. Aber mit seinem
Widerstande hatte der Abate<lb/>nur Arrigo's Eigenwillen aufgeregt, und
gewohnt zu<lb/>- befehlen, sprach er: Nun gut, so bleiben Sie in
Ge-<lb/>horsam hier auf Ihrem Posten; Ihr Zögling aber wird<lb/>s mit mir
gehen, mich während des Weges zu unterhalten.<lb/>? Vorwärts also! In den
Wagen, mein Sohn! Und<lb/>Kutscher, in das Schloß!<lb/>Ich war nicht so
thöricht, mir den angenehmen<lb/>Befehl erst wiederholen zu lassen, denn
obschon mir nicht<lb/>ganz leicht um das Herz war bei dem Gedanken,
meinem<lb/>Vater gegen dessen Willen unter die Augen zu
treten,<lb/>A<lb/>-<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0104_103.tif" n="0103"/>
<p>1R<lb/>hatte ich doch die Vorstellung, daß ein Mann wie Mon-<lb/>signore
Arrigo gewis; Nichtö unternehmnen wüürde, was<lb/>für ihn oder für sonst
Jemand von verdrießlichen Folgen<lb/>sein könnte; und die Auösicht auf das
Collegium war<lb/>mir in der lezten Zeit so widerwärtig, mein
Wunsch,<lb/>vor dem geistlichen Stande bewahrt zu werden, so<lb/>dringend
geworden, daß ich mich jedem Hoffnungsstrahl<lb/>begierig zuwendete, der
sich unir zu zeigen schien. Ich<lb/>wußte zudem so gut wie alle Anderen, daß
Arrigo ein<lb/>Gegner der Jesuiten war, wußte auch, daß meine
Mutter<lb/>sicherlich zufrieden sein wüürde, wenn man füür mich
eine<lb/>Aussicht eröffnete, im Laienstande ein schickliches
Fort-<lb/>kommen zu finden; und über dieä Alleä hinaus ver-<lb/>gnügte mich
die knabenhafte Schadenfreude, mit Mon-<lb/>signore Arrigo in das Schloß
zurückzukehren, während<lb/>mein Abate es für angemessen hielt, in aller
Qual der<lb/>Sonnenhitze auszuharren, um sich den Anordnungen<lb/>meines
Vaters gehorsam zu zeigen und sich dem Willen<lb/>des Prälaten nicht zu
unterwerfen.<lb/>Als wir eingestiegen waren, forderte Arrigo mich<lb/>auf,
ihm ehrlich zu bekennen, was geschehen sei, und<lb/>fragend und nachhelfend,
wo meine Verlegenheit das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0105_104.tif" n="0104"/>
<p>11<lb/>Wort nicht auszusprechen wagte, erfuhr er Alles, was<lb/>er wissen
wollte.<lb/>Und Du bildest Dir also ein, daß Du etwas<lb/>machen, etwas
werden könntest, Söhnchen! sagte er,<lb/>das müsßte man allerdings erst
sehen, um daran zu<lb/>glauben; aber für Den, der springen will, ist
überall<lb/>ein Rhodus da!-- Hier! - und in die Wagentasche<lb/>greifend,
nahm er das Brod heraus, das man uns zunt<lb/>Juiß mitgegeben hatte, reichte
es uir hin unb !-F<lb/>lachend: Mache mir das Blniß Deiner SchduIF<lb/>wenn
Du kannst!<lb/>Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, sondern<lb/>- fing an,
den lockeren Teig mit einigen Tropfen Wein<lb/>zusammenzukneten, bis er sich
gestalten ließ, und von<lb/>der Hoffnung auf Befreiung, wie von der
Eitelkeit ge-<lb/>trieben, that ich mein Bestes, während Arrigo in
be-<lb/>ständigem Gespräche mit mir blieb und sich, wie ich<lb/>dies
deutlich herausfühlte, über meine Bildung und Ge-<lb/>sinnung zu
unterrichten suchte.<lb/>Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in
Er-<lb/>mangelung besseren Materials deä Brodes fite meine<lb/>Arbeit
bediente, und ich hatte in den ersten Tagen nach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0106_105.tif" n="0105"/>
<p>1<lb/>meiner Trennung von Julietten, ihr Köpfchen troz der<lb/>Lerbote und
troz meiner geleisteten Versprechungen so<lb/>oft ganz unwillkürlich
dargestellt, daß es mir sehr ge-<lb/>läufig geworden war, und daß ich denn
auch während<lb/>der langsam entporsteigenden Fahrt es einigermasßen
zu-<lb/>sammenbrachte.<lb/>Aä ich es dann meinem Pathen mit der
Ver-<lb/>sichernng hinreichte, daß ich e besser machen köne, besh<lb/>er eö
achtsam, ohne jedoch ein Wort dariber zu ver-<lb/>lieren und sprach, wwie
man mit einem spielenden Kinde<lb/>wohl zu thun pflegt: Gut! nun mache rasch
ein<lb/>Pferd! und als ich ihm gehorcht und in groben Um-<lb/>rissen ein
laufendeä Pferd zusammengeknetet hatte, und<lb/>dann auf seinen weiteren
Befehl auch noch einen Juungen<lb/>darstellte, der den Dudelsack, die
Zampogna, spielte,<lb/>drückte er daä Alles in einen Klumpen zusammen
und<lb/>fragte: Aber einen Paier Jesuiten, kbnntest Du den<lb/>machen? oder
reicht Deine Kunst so weit noch nicht?<lb/>Sein freundlicher Blick, der
heitere Ton seiner<lb/>prächtigen- Stimme gaben mir Zuversicht und
muthiges<lb/>Vertrauen in ihn und mich, und mit dem Nebermuth<lb/>der
Jugend, der durch die strenge Zucht der lezten<lb/>Wochen unnatürlich
zurückgedrängt worden war, stellte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0107_106.tif" n="0106"/>
<p>1e<lb/>ich, wenn auch plump genug, das Spottbild eines<lb/>betenden Jesuiten
dar, daä Arrigo zu lautem Lachen<lb/>brachte.<lb/>Bravo! rief er, gut
gesehen und gut gemacht!<lb/>schweig aber still, wenn wir einfahren in daä
Schloß,<lb/>schlage die Augen nieder und schäme Dich, wie es Dir<lb/>flr
Deine Dumheit von Nechtswegen gebührt, mit<lb/>Deinen sechszehn Jahren neben
der gottgeweihten Julietta<lb/>den Noeo zu spielen. Dei Vater hat woßs
an?F-<lb/>Dich fortzuschicen, und ich werde der Ltte sein, SF<lb/>zu hindern
sucht, daß Du zu Deinem Gouverneur und<lb/>mit ihm in die Stadt
zurückkehrst. Von den Weiteren<lb/>wird später vielleicht zu sprechen sein!
Mache Dir in-<lb/>dessen keine falschen Hoffnungen, mein Lieber!
Eines<lb/>Vaters Wille ist Gesez für seinen Sohn; also Gehorsam<lb/>und
Gebuld! doch will ich sehen, was etwa für Dich<lb/>zu thun sein
möchte.<lb/>Wir waren während dessen vor den Schlosse vor-<lb/>gefahren. Da
man Monsignore Arrigo erwartete, kam<lb/>die Dienerschaft herbei. Auch mein
Vater und verschiedene<lb/>der Gäste, welche sich gerade in den nach der
Auffahrt<lb/>belegenen Zimmern aufhielten, traten auf die Balkons<lb/>vor
ihren Fenstern hinaus, und man war allseitig nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0108_107.tif" n="0107"/>
<p>u?<lb/>wenig erstaunt, statt den Wagen Arrigo's den unseren<lb/>vorfahren zu
sehen, und in demselben den Monsignore<lb/>mit meiner Wenigkeit zu
entdecken.<lb/>Dee Räthsel war mit wenig Worten rasch gelöst.<lb/>Mein Vater
konnte, ohne seinen Gast zu tadeln, nicht<lb/>daran denken, mir einen
Vorwurf aus meiner Anu-<lb/>wesenheit zu machen; man sendete augenblicklich
die<lb/>nöthige Hilfe in das Thal hinunter, die zerbrochene<lb/>Kalesche
herauufzuholen, und der Abate erhielt die<lb/>Weisung, mit derselben
zurückznkommen, da unser Ab-<lb/>gang nach der Stadt um neue vierundzwanzig
Stunden<lb/>aufgeschoben werden solle.<lb/>Das erhöhte meinen Muth wie meine
Hoffnung,<lb/>und ich hatte alle Zeit, mich in dem Bereiche
der<lb/>Möglichkeiten gemächlich zu ergehen, denn ich speiste<lb/>allein mit
dem Abate, und nur meine Mutter kan<lb/>einen Augenblick, mich zu besuchen,
ohne sich jedoch über<lb/>das inzwischen Vorgefallene mit einen Worte
aus-<lb/>zulassen.<lb/>an der nächsten Frühe, als der Wagen, der
uns<lb/>nach Nozn zu bringen hatte, wieder vor der Thüre stand,<lb/>wurde
ich zu meinem Vater in sein Gemach beschieden.<lb/>Ich fand ihn mit meiner
Mutter und mit dem Mon-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0109_108.tif" n="0108"/>
<p>1<lb/>signore meiner wartend; auuch der Abate war bei<lb/>ihnen.<lb/>Ich habe
Dich rufen lassen, sagte mein Vater,<lb/>damit Du in meinem Beifein Deinem
verehrten Pathen,<lb/>Monsignore Arrigo, für die Theilnahme dankst, die
es<lb/>ihm gefällt, Dir zuzuwenden. Du hast einen Beschützer<lb/>und
Fürsprecher an ihm gefunden! Er hält es für<lb/>möglich, daß wirklich eine
klnstlerische Anlage in Dir<lb/>verborgen ist, ud hat sich erboten, Dir die
Gelegens<lb/>zu ihrer Ausbildung versuchsweise unter seine LF<lb/>zu
gewähren. Du wirst in unserm Hause bleiben, bis<lb/>Monsignore Arrigo in die
Stadt zurückkehrt, dann siebelst<lb/>Du in das seine über-- und es wird
danach von<lb/>Deinem Talent, von Deinem Fleiße und von der
Meinung,<lb/>Deines großmüthigen Beschützers alhängen, welchen
Lebens-<lb/>weg man Dich nach der Probezeit, die wir für Dich<lb/>festgesezt
haben, einschlagen lassen soll. Deine Studien<lb/>und Deine geistlichen
Nebungen sezest Du inzwischen<lb/>unter der Leitung des Herrn Abate fort!
Das Nebrige<lb/>wird Dein Herr Pathe fir Dich anordnen.<lb/>Mache seiner
Güte Ehre und Deinem Namen keine<lb/>Schande!<lb/>Mein Vater reichte mir
darauf, ohne mich anzu-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0110_109.tif" n="0109"/>
<p>s<lb/>1<lb/>fehen, die Hand zum Kusse, meine Mutter umarmte<lb/>mich
zärtlich; Arrigo's geistvolles Gesicht sah noch zu-<lb/>versichtlicher als
gewöhnlich aus, und mir auf die<lb/>Schhultern klopfend, sagte er: Ende deä
Monats bin<lb/>ich in der Stadt und dann, mein Lieber, heißt es an<lb/>die
Arbeit! Du hast zwei Jahre Zeit! Bist Du dann<lb/>nicht auf dem Wege zum
Olymp, so heißt es rück-<lb/>wärts, und in das Colleg!-- Und somit
Lebewohl!<lb/>auf Wiedersehen!<lb/>ggäggggä AFpgE RFF<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0111_110.tif" n="0110"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0112_111.tif" n="0111"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0113_112.tif" n="0112"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0114_113.tif" n="0113"/>
<p>s<lb/>z<lb/>z-lit dem Tage begann der eigenkliche Frühling<lb/>meines Lebens,
und mein Beschüüzer war die sreunudliche<lb/>Sonne, die ihn mir erschuf. Er
war ebenso, wie man<lb/>es mit mir beabsichtigt hatte, von seiner Familie
gegen<lb/>feine Neigung demt geistlichen Stande gewidmet worden,<lb/>weil
man das Vermögen des Hauses dem ältesten Sohne<lb/>auöschließlich zuzuwenden
gewünscht.<lb/>hatte sich diesen Berechnungen nicht<lb/>Sohn war
schwermüthig geworden,<lb/>Jndeß das Schicksal<lb/>gefügt; der
älteste<lb/>und das sehr be-<lb/>deutende Familienerbe war dadurch nach
seiner Eltern<lb/>Tode an Monsignore Arrigo gefallen, der es in
schönem<lb/>Lebensgenusse mittheilsam und fröhlich zu
verwenden<lb/>wußte.<lb/>Er hatte in seinem Glauben an meine
künstlerische<lb/>Anlage, den ich heute noch zu segnen habe, meinem<lb/>F.
Lewald, Benvenuuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0115_114.tif" n="0114"/>
<p>1<lb/>Vater ein Anerbieten gemacht, das ahzuweisen elbst<lb/>dessen starrer
Sinn Bedenken hätte tragen missen. Ich<lb/>sollte zwei Jahre ihm überlassen,
von ihm in die Lehre .-<lb/>zu dem berühmtesten Bildhauer von Nomt
gegelen<lb/>werden, den er mehrfach beschäftigt hatte und der zu<lb/>seinen
Freunden zählte. Erwies es sich innerhalb dieser<lb/>Zeit, daß man
Hoffnungen auf meine Künstlerlaufbahn<lb/>gründen dirfe, so wollte er mich
dieselbe ganz und gar<lb/>auf seine Kosten vollenden lassen, und uir, sv
1-VF<lb/>bebte, ein Jahrgeld, nach seinem Tode aber el. Ee<lb/>zuwenden,
welches mir ein, dem Namen meiner Familie<lb/>angemessenes Auftreten in der
Gesellschaft möglich machen<lb/>würde. Schlügen die Erwwartungen fehl, die
er für mich<lb/>hegte, so sei es dann immer noch früh genug, mtich
in<lb/>den Orden Jesu aufnehmen zu lassen, und es sollte mir<lb/>dann auch
in der Soutane andauernd seine Förderung<lb/>gesichert bleiben.<lb/>Gleich
nach des Monsignore Rückkehr in die Stadt<lb/>siedelten also der Abate und
ich nach dem Palazzo<lb/>Arrigo über. Er hatte uns einige nach dem
Garten<lb/>gelegene Zimmer in deun Erdgeschosse desselben einge-<lb/>räumt,
und in diesen auch eine kleine Werkstatt für<lb/>mich herrichten lassen.
Material und Geräthschaften
für<lb/>z<lb/>T<lb/>T<lb/>s<lb/><lb/><lb/>-A<lb/><lb/><lb/>A<lb/>A<lb/>s<lb/>A<lb/>.W<lb/>z<lb/>-z<lb/>s<lb/>-<lb/>H<lb/><lb/>L<lb/><lb/>d<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0116_115.tif" n="0115"/>
<p><lb/>s<lb/><lb/><lb/>-<lb/>f<lb/>g<lb/>?<lb/><lb/>s<lb/>1?<lb/>die Arbeit
fand ich vorbereitet, obschon ich mich der<lb/>lezteren noch gar nicht zu
bedienen wußte, sondern gan.;<lb/>naturwüchsig mit den Fingern modellirte.
Auf einemt<lb/>Borde an der Wand waren ein paar kleine Torsen,<lb/>einige
Büsten, einige kleine Figürchen in guten Ab-<lb/>güssen aufgestellt; auch an
Vorbildern für die einzelnen<lb/>Gliedmaßen fehlte es nicht, und mein
Beschützer verlies:<lb/>mich inmitten dieser köstlichen Besizthüimter uit
der Be-<lb/>merkung, es stehe mir jetzt völlig frei, mich nach
Be-<lb/>lieben zu beschäftigen. Hätte ich etwas zu Stande ge-<lb/>bracht,
das er gelten lassen könne, so würde von dem:<lb/>Weiteren zu sprechen
sein.<lb/>Er ging<lb/>Nebengemache<lb/>meinem Leben<lb/>das kam mir<lb/>Ich
suh<lb/>davon, mein Abate richtete sich in dent<lb/>ein, ich blieb mir zum
ersten Mal in<lb/>für ein paar Stunden selber überlassen;<lb/>ganz
unglaublich vor.<lb/>mich um; eine weiße Arbeitsblouse hing<lb/>-an der Wand
und sie vollendete mein Glück. Ich hatte<lb/>immer mit einer gewissen
Mißempfindung an den Tag<lb/>gedacht, an welchem ich mein gewohntes Kleid
mit dem<lb/>schwarzen langen Rocke zu vertauschen haben würde;
die<lb/>Blouse erschien mir also wie das Sinnbild meiner
Frei-<lb/><lb/>heit. Ich konnte mich kaum enthalten sie zu
kitssen,<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0117_116.tif" n="0116"/>
<p>116<lb/>als ich, meinen Rock von mir werfend, sie über meinen<lb/><lb/>F Kopf
streifte; und mit der göttlichen Zuversicht, deren<lb/>P die Jugend zu ihrem
Gllcke nie ermangelt, rief ich es<lb/>K<lb/>L mir selber wie einen Eidschwur
zu: in hoc signo<lb/>z rneos!<lb/>Damit hatte ich nun freilich nichts weiter
gethan,<lb/>F als den Vorsatz ausgesprochen, meiner Neigung
naehzu-<lb/>?<lb/>gehen, da die Umstände mir so günstig waren;
und<lb/>mühelos wie ein Königserbe sezte ich mich in den NF<lb/>zugefallenen
Reiche fest.<lb/>Oz<lb/>ach versuchte es in den folgenden Tagen,
eine<lb/>kleine Minerva nachzubilden, weil sie mir nicht die<lb/>?
Schwierigkeit der nackten Gestalt zu überwinden gab;<lb/>ich eopirte einen
Fuß und eine Hand, ich ließ mich<lb/>endlich darauf ein, das Reliefbild
eines der Gärtner-<lb/>burschen zu unternehmen und war eines Nachmittags
nach<lb/>Verlauf von sechs, acht Wochen in voller Arbeit, als<lb/>Arrigo mit
einem mir fremden Manne in meine kleine<lb/>Werkstatt eintrat. Es war kein
Geringerer als der<lb/>- große Meister, der mein Lehrer werden
sollte.<lb/>Er war damals selbst erst in die jugendlichen<lb/>Mannesjghre
eingetreten, aber sein Name stand unter -<lb/>den Bildhauern Jtaliens schon
neben dem von
Canova<lb/>z<lb/>T<lb/>z<lb/>I<lb/><lb/>-P<lb/>T<lb/>T<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>H<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0118_117.tif" n="0117"/>
<p>in erster Reihe fest. Er hatte seine Psyche und Venus,<lb/>seine liegende
Venus, welcher Aor den Dorn aus deut<lb/>schönen Fuße zieht, und andere
uythologische Gestalten<lb/>bereits vollendet, hatte mit gleichem Erfolge
ein lebenö-<lb/>großes Crucifi; für eine der großen toscanischen
Städte<lb/>modellirt, und verschiedene bei ihn bestellte
Heiligen-<lb/>gestalten wwaren von ihuu in Augriff genouurn
worden.<lb/>g,<lb/>h war in der Verehrung der Kunst erzogen,
obschon<lb/>mein Vater ihre Ausübung für einen Edelutann uicl<lb/>schicklich
erachtete, und ich sah deöhalb zu den Gefeierten,<lb/>der über meine
Zuukunft zu entscheiden hatte, wie zu einer<lb/>Gottheit ehrfurchtsvoll
empor.<lb/>Er betrachtete mein Machwerk und nannte es fir<lb/>Einen, der
keinen Unterricht genossen habe, gut gefühlt<lb/>und nicht ungeschickt
gefertigt. Es schien ihm auch zu<lb/>gefallen, daß ich die Blouse der
Sontane vorzog, das;<lb/>ich den Ehrgeiz hatte, ein Künstler zu werden; und
mit<lb/>freundlich ermunterndem Worte nahnt er mtich unter
seine<lb/>Schi:ler auf.<lb/>Damit war der erste Schritt gethan, und ich
lebte<lb/>in einem beständigen Freudenrausche. Der freie Verkehr,<lb/>dessen
ich im Atelier uit den andern Schülern theil-<lb/>haftig wurde, hatte als
etwas mir ganz Ungewohntes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0119_118.tif" n="0118"/>
<p>11=<lb/>den höchsten Reiz für mich, und weil meine Mitschüler<lb/>mir, um
meines Namen willen, antheilsvoll begegneten,<lb/>weil sie mich ermunterten,
gewann ich die ungemessenste<lb/>Vorstellung von meinen Anlagen. Hätte ich
in jenen<lb/>Zeiten mteiner Meinung von mir selbst den
entsprechenden<lb/>Ausdruck geben sollen, so hätte ich anfangen müssen,
an<lb/>der Statue zu arbeiten, von der ic üllerzrugt war, daß<lb/>man sie
mir dereinst errichten wülrde.<lb/>Jndes: uit der wachseden Eiesichi iu da«
WIF<lb/>der Kunst, j in das blose Haedert bers-iben, fogs<lb/>die
Ernüichterung dem Frendenrauusche heilsau uach, bis<lb/>ich die Arbeit und
die Ueberwindung der Schwierigkeiten<lb/>lieben und als Genuuß erkennen
lernte.<lb/>Mein Abate, welcher sich zuerst nit den Absichten<lb/>meines
großmüthigen Pathen sehr unzufrieden gezeigt<lb/>hatte, fing unter dem
gastlichen Dache desselben sich, wie<lb/>es den Anschein hatte, mit ihnen
auszusöhnen an, weil<lb/>er es Für möglich halten mochte, sie mit der seinen
in<lb/>Mebereinstimmung zu bringen. Er war Jesuit geng,<lb/>sich überall den
vorliegenden Verhältnissen fügsam an-<lb/>zupassen, sobald es galt, in
denselben festen Fusß zu be-<lb/>halten; und wenn wir jetzt, wie das auch
sonst geschehen<lb/>war, unsere Besuche bei den ihm befreundeten
Brüdern<lb/>s<lb/>-<lb/>-T<lb/>T<lb/>z<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0120_119.tif" n="0119"/>
<p>T<lb/>s<lb/><lb/><lb/>t 10<lb/>im Jesuiten - Collegium machten, unterließ er
es nicht,<lb/>mich jedesmal besonders darauf hinzuweisen, wie der<lb/>Orden
sich unter seinen Mitgliedern auch bedeutender<lb/>Künstler zu rühmen gehabt
habe, und daß derselbe die<lb/>Pflege der Kunst keineöwegs aus seinen
Beschäftigungen<lb/>ausschließe.<lb/>Er mnachte utich aufuterksam darauf,
daß es ein<lb/>Mitglied des Jesuitenordens, der Pater Grossi
gewesen<lb/>sei, der den Plan zu der grosßartigen Kirche des
heiligen<lb/>Ignatius entwworfen hale. Er ließ mich die
Freökenu<lb/>bewundern, mit denen der Jesuitenpater Pogzi das<lb/>prächtige
Tonnengewölbe der Decke geschmückt hatte, und<lb/>führte mich durch das
Museo Kirchneriano im Jesuiten-<lb/>Collegium, dessen Kunstschäze ebenfalls
von einemn Jesiten<lb/>gesammelt worden waren. Aber seit sich mir die
Aus-<lb/>sicht eröffnet hatte, durch die Entwickelung meines Talents<lb/>vor
dem Eintritt in den Orden bewahrt zu bleiben,<lb/>wirkten die Vorstellungen
des Abate noch weniger auf<lb/>mich ein, als früher; und obschon er seine
Macht über<lb/>mich mit aller ihm zustehenden Festigkeit aufrecht
zu<lb/>erhalten strebte, konnte er sich nicht wohl darüber<lb/>täuschen, wie
unser gegenseitiges Verhältniß mehr und<lb/>mehr ein ganz äußerliches wurde,
und wie sehnsüchtig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0121_120.tif" n="0120"/>
<p>k<lb/>12<lb/>ich den Tag erwartete, an welchem es endlich aufhören<lb/>F
wurde zu bestehen.<lb/>Die zwei Probejahre, welche mein Vater m ir zu-<lb/>?
gestanden hatte, brachten mich ein gut Stück vorwärts.<lb/>F Mein Beschüzer
und mein Meister waren mit mir zu-<lb/>frieden, mit meiner Familie kam ich
nicht häufig, eigentlich<lb/>F nur bei besonderen Anlässen zusammen. Meine
Mutter<lb/>hatte, als sie sich für mich verwendet, mehr das
glänzende<lb/>k<lb/>Ziel, als den mühevollen Weg im Auge gehabt;
noZ<lb/>k<lb/>Vater sprach, wenn ich vor ihm erschien, niemaüs eF<lb/>f mir
von meiner Bildhauerarbeit, sondern nur von den<lb/>Studien, welche ich mit
dem Abate trieb. Er kan auch<lb/>nie in meines Meisters Werkstatt. Er mochte
nicht<lb/>sehen, wie ein Jüngling, der seinen Namen trug, mit<lb/>riedrig
geborenen Leuten die handwerksmäßige Arbeit<lb/>theilte, und er vermied es,
mir die Hand zu reichen,<lb/>weil die Arbeit mir die Hand gehärtet
hatte.<lb/>t<lb/>Eines Tages, als er mit einem seiner Freunde an<lb/>--
unserer Werkstatt vorüberfuhr, trat ich in der Blouse,<lb/>! utit bestäubtem
Haar für einen Agenblick zufällig aus<lb/>- der Thüre derselben auf die
Straße hinaus. Mein Vater<lb/>z sah mich, erkannte mich, wendete, als habe
er mich nicht<lb/>? bemerkt, sein Auge von mir fort -- und ich lernte
die<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0122_121.tif" n="0121"/>
<p>z Ds<lb/>gewaltige Macht des Voruriheils innerhalb des
Familien-<lb/>herkommens erkennen. Das brachte eine große
Sinnes-<lb/>änderung in mir hervor. Eä verwies mich auf mich<lb/>selöst, und
auf ein rücksichtsloses Streben nach meiner<lb/>eigenen
Zufriedenheit.<lb/>Weil mein Vater Alles mit einer gewissen
Förm-<lb/>lichkeit zu thun liebte, sollte denn auch die
Entscheidung<lb/>über meinen künftigen Beruf in aller Forut
vollzogen<lb/>werden. Monsignore Arrigo hatte deshall nach Verlauf<lb/>der
beiden Probejahre meine Eltern und meinen Meister<lb/>zu einer Besprechung
bei sich eingeladen, und obschon<lb/>ich gewiß war, welche Ansichten mein
Meister und mein<lb/>Beschüzer äußern würden, war ich in großer
Aufregung<lb/>und Spannung. Denn da ich die fortdauernde
Abneiguung<lb/>meines Vaters gegen meine Künstlerlaufbahn kannte,
fühlte<lb/>ich mich seiner Billigung meines Vorhabens noch immer<lb/>nicht
versichert, und nur die Verstimmung, welche ich<lb/>an mteinem bisherigen
Erzieher bemerken konnte, bestärkte<lb/>mich in der Hoffnung, daß man mir
meine Freiheit<lb/>geben werde.<lb/>Als man mich hereinkomnen ließ, stand
mein Vater<lb/>an dem Tische, auf welchemt man meine Arbeiten für
ihn<lb/>aufgestellt hatte. Es war eine kleine Portraitstatuette<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0123_122.tif" n="0122"/>
<p>j -7D<lb/>mneines Beschüzers, die ich in seinem Hause auögeführt,<lb/>daneben
eine verkleinerte Copie des berühmten Crucifixes,<lb/>das utein Meister
geschaffen, und eine ganze Menge von<lb/>Skizzen, die ich im Laufe der
beiden Jahre angefertigt,<lb/>und von denen ich später, wenn auuch in
mannigfach ver-<lb/>änderter Gestalt, eine und die andere zu benuzen
Ge-<lb/>legenheit gehabt habe.<lb/>Wir haben zu Nath gesessen über
D:<lb/>umnein Vater, und der berühute hochgeehrte<lb/>der Dich seiner
Unterweisung gewüirdigt, ist der<lb/>sagte<lb/>A<lb/>öJa<lb/>daß man Dein
Talent als ein nicht gewöhnliches zu<lb/>betrachten habe, daß es der Mühe
lohne, es auszubilden,<lb/>weil es, richtig benutzt, Dir Chre machen könne.
-<lb/>Merke das wohl, ich sage: Dir Ehre machen könne!<lb/>denn in unseremt
Hause suchte bisher der Einzelne die<lb/>Vermehrung der Familienehre auf
anderen Wegen.<lb/>gg A<lb/>Glauhz. Du Dein Glick zu finden im Betrieb
der<lb/>Kunst?<lb/>Ich bin immer glücklich wenn ich arbeile, mein<lb/>Vater!
sagte ich.<lb/>Aber Du kannst in Zukunft nicht arbeiten wie<lb/>bisher,
allein zu Deiner Freude. Man wird Dir, wenn<lb/>es = -- wirklich glücken
sollte, Dtch auszuzeichnen, Auf-<lb/>c=-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0124_123.tif" n="0123"/>
<p>s<lb/>träge geben. Du wirst nach fremdem Willen, umt Lohn<lb/>zu arbeiten, um
den Preis Deiner Arbeiten zu feilschen<lb/>und zu markten<lb/>schuldigen
Sie,<lb/>neigend, sezte
e<lb/>eines<lb/>ich;<lb/><lb/><lb/><lb/>s<lb/>?<lb/>k-<lb/>s<lb/>?<lb/><lb/>s<lb/>f<lb/><lb/>?.<lb/>D.<lb/>e.<lb/><lb/>k<lb/>Ich
hoffe,<lb/>Signor! gegen meinen Meister ver-<lb/>hinzu: und Du trägst den
Namen<lb/>aus altem Hause!<lb/>ihm keine Schande zu uachen, sagte<lb/>mein
Lehrer und Meister--<lb/>- d . a- -<lb/>Stunde ab, mein Freund! von dieser
Stunde ab, Mon-<lb/>signore, ist er der Ihre! - Ich hoffe, Du wirst
es<lb/>Deinen edeln Beschützer nicht bereuen machen, daß er sich<lb/>Deiner
annimmt, und Du wirst Deinem Erzieher, dem<lb/>Herrn Abate, für die Treue
danken, mit der er Dich<lb/>bisher behütet hat. Du bist jetzt frei!
Gebrauche Deine<lb/>Er<lb/>eiheit so, daß sie Dir nicht zum Unheil
werde.<lb/>und<lb/>Er machte darauf ein Zeichen, daß er geendet
hale,<lb/>ich fühlte, daß ich seine Lebe nicht wie sonst besaß,<lb/>dasß er
sich mir entfremdet fand; aber Arrigo's frohe<lb/>Güte verscheuchte die
Wolke, die mir diesen ersehnten<lb/>A<lb/>K<lb/>ß<lb/>Edelmannes<lb/>haben;
und sich mit einem: Ent-<lb/>ugenblick verdüstern wollte.<lb/>Ich stehe für
ihn ein! rief er, und sein Lehrer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0125_124.tif" n="0124"/>
<p>.Il<lb/>und Meister wird das mit mir thun! Die Hand darauf,<lb/>mein junger
Freund ! Wir wollen allesammt den Tag<lb/>erleben, an dem auch der Herr
Vater mtit Dir zufrieden<lb/>sein soll. Bis dahin aber wollen wir unö in
der<lb/>lchönen Welt, in die uns Gott gesezt, wie bisher des-<lb/>schdnen
Daseins hoffnungsreich erfreuen!<lb/>Mein Vater lehnte es ab, ein Frühstück
bei Arrigo<lb/>einzunehmen, der Abate entschuldigte sich mit
Geschäften,-<lb/>meine Mutter sagte, fie hoffe mich jezt zum fk<lb/>bei sich
zu sehen, ohne daß der Vater biese Elüavus<lb/>unterstützte. In mir kämpften
widersprechende Em-<lb/>pfindungen.<lb/>=-g fühlte mich durchaus in meinem
Nechte, fand<lb/>N,<lb/>- meinen Vater hart, nteine Mutter nicht güütig
geng,<lb/>und hätte doch beide gern mit Kindesliebe um Ver-<lb/>zeihung
dafür bitten mögen, daß ich gegen ihren Willen<lb/>handelte. So folgte ich
ihnen schweigend und verlegen<lb/>bis zu ihrem Wagen.<lb/>Aber als derselbe
dann fortgerollt war, als der<lb/>Abate mich verließ, ohne mich zu fragen,
womit ich<lb/>mich die nächste Stunde zu beschäftigen gedenke, als
ich<lb/>zum ersten Male, ohne ihn neben mir zu haben, mich<lb/>neben Arrigo
und meinem Meister zu der
Mahlzeit<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>g<lb/>D<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0126_125.tif" n="0125"/>
<p><lb/><lb/>s<lb/><lb/>niederließ, da empfand ich mehr als je zuvor
die<lb/>Sklaverei, welche in der unansgesezten Ueberwachnng<lb/>bis dahin
auf mir gelegen hatte. Das köstliche Gefühl,<lb/>fortan empfinden und denken
zu dürfen, ohne in jedent<lb/>Augenblick einem Anderen davon Rechenschaft
geben zu<lb/>müssen, ließ mich endlich aufathmen, wie ein freier<lb/>Mensch
es thut. Mich durchströmte auf einmal jener<lb/>starke, die ganze Zukunft
umfassende Glaube an duis<lb/>eigene Können, der zugleich ein Glaube an das
Sollen,<lb/>an das Mlssen ist; denn noch heute ist es wahr, daßß<lb/>der
rechte Glaube, der Glaube an die eigene Kraft, Berge<lb/>versetzen und
Wunder thun kann, je nach dem Masß<lb/>der eigenen Kraft. -- Nehmet einem
schaffenden Menschen<lb/>den Glauben an sich selbst, und er wird ohnmächtig
vor<lb/>Euch stehen, wie Sinson, den man seines
Lockenschmtuckes<lb/>beraubte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0127_126.tif" n="0126"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0128_127.tif" n="0127"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0129_128.tif" n="0128"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0130_129.tif" n="0129"/>
<p>I., he.e in den lezten Zeilen von einer jener<lb/>schönen Stunden gesprochen,
deren ich mich immer zu<lb/>erinnern liebe, weil sie eine schattenlose
Glücksempfindung<lb/>in mir hervorruft.<lb/>Bis dahin hatte ich uur die
Hälfte meiner Zeit<lb/>auf die Kunst verwenden dürfen; jezt gehörte ich
ihr<lb/><lb/>ganz an. Meine Einbildungskraft regte sich nach
meiner<lb/>Befreiung lebhafter, ich gewahrte auch die mich um-<lb/>gebende
Wirklichkeit deutlicher und mannichfaltiger, seit<lb/>der Abate nicht mehr
jeden meiner Blicke üllerwachte.<lb/>Aber obschon ich es mir mit immer neuer
Freude vor-<lb/>hielt, daß ich frei sei, daß ich thun und machen<lb/>könne,
was ich wolle, spürte ich jetzt weit weniger<lb/>Anreiz als vordem, das
Verbotene, das Ungehörige<lb/>zu thun.<lb/><lb/>F<lb/>s.<lb/>F. Lwald,
Benvenuuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0131_130.tif" n="0130"/>
<p><lb/>9<lb/>Dagegen konnte ich, bald nach der ersten
stolzen<lb/>Freiheitsfreude und dem zuversichtlichen Glauben an
mich<lb/>selbst, einselbstquälerisches Grübeln in mirnicht
unterdrücken.<lb/>Anfangs erschien mir dies uur komisch, und ich<lb/>hoffte
es bald los zu werden. Ich hielt es für den<lb/>Schatten, den der von mir
geschiedene Jesuit noch über<lb/>meinen Weg zurückwarf. Er hatte mich von
frühester<lb/>Kindheit an so sehr daran gewöhnt, j,den meiner Ge-<lb/>danken
zu beachten, um ihm Nechenschaft da gg<lb/>geben, und von ihm jeden meiner
Gedanten auuf dessßh<lb/>s<lb/>geheimste Beweggründe zurückgefihrt zu sehen,
daß ich<lb/>ganz unwillklrlich jezt das Gleiche an mir selbst vor-<lb/>nahm.
Ich hatte es als einen wahren Segen für mich<lb/>zu betrachten, daß Arrigo's
Heiterkeit mir über diese<lb/>selbstquälerische Unart forthalf. Ohne einen
besonderen<lb/>Gehorsam oder ein besonderesVertrauen von mirzu
begehren,<lb/>behandelte er mich wie einen Sohn, dem er mit
seiner<lb/>Erfahrung zu Hilfe kommen, und von welchem er
seine<lb/>Nathschläge befolgt zu sehen wünschte. Da er selber<lb/>sich
keinen Lebensgenuß versagte, und an seine Zwecke<lb/>reichliche Mittel zu
sezen gewohnt und in der Lage war,<lb/>e<lb/>gewährte er auch mir eine
Freiheit, die nicht ohne Ge- j<lb/>fahren für mich war.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0132_131.tif" n="0131"/>
<p>-<lb/>3<lb/>Ich hatte plözlich über ein verhältnis mäßig
sehr<lb/>beträchtliches Jahrgeld zu verfügen, während ich vorher<lb/>über
gar Nichts Herr gewesen war, und es für mich<lb/>schon zu den
bemerkenswerthen Ereignissen gehört hatte,<lb/>wenn man mich einmal in das
Theater gefiührt, oder<lb/>wenn mein Erzieher mit mir in einem Cafs ein
Gla?<lb/>Sorbetto eingenommen hatte. Was mich aber daä<lb/>eberraschendste
bedünkte, war, daß ich mich von der<lb/>Gesellschaft, in die ich unter dem
Schutze von Mon-<lb/>signore Arrigo eintrat, mit Antheil und mit
Gunst<lb/>beobachtet und empfangen fand, vor Allem von den<lb/>Jünglingen
meines Alters und von den Frauen.<lb/>Ich wurde, um das einzig richtige Wort
dafür zu<lb/>gebrauchen, ganz unverdientermaßen Mode, wie
eine<lb/>neufarbige Tracht, wie ein neuer Hut; und Donna<lb/>Carolina war
es, die mich in die Mode brachte? utit<lb/>all' der Keckheit, und doch
wieder mit all' den Geschick,<lb/>mit welchem sie für sich selbst und an
sich selbst die<lb/>übertriebensten Moden annehmbar erscheinen zu
machen<lb/>wußte. Die Gesinnung ihres Publikums kam ihr dabei,<lb/>ich weiß
nicht, ob zu meinem Glücke, auf halbem Wege<lb/>entgegen.<lb/>g -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0133_132.tif" n="0132"/>
<p>In unserer damaligen Gesellschaft herrschte in Folge<lb/>der französischen
Ronanlectüre der Glaube an die titanen-<lb/>haften Männer, die sich nuur
durch Schrankenlosigkeiten<lb/>und Gewaltthaten genug thuun lounten, und an
die er- -<lb/>habenen unverstandenen Frauenseelen, welche fitr
diese-<lb/>Männer keine Opfer schheuten, denen ihr Rnf, ihre Ehre<lb/>gar
Nichts galten, die mit allem Herkommen sehr bald<lb/>fertig waren, wenn und
wo es darauf ankam, sich einem<lb/>dieser , Titanen. gleichvies welchem
Stande nn F<lb/>dungsgrade er angehörte, frischweg an den Hals zu eit<lb/>Wo
diese Hallgötter sich in unseren Kaffeehäusern, in<lb/>unseren Theatern und
Salons zu ihrer Hihe heran-<lb/>gebildet, wo sie unter unserem Volke
plözlich aufgetaucht,<lb/>oder was in den Seelen jener Frauen unverständlich
sein<lb/>sollte, die in dem müßigsten Leben, in den
gewöhnlichsten<lb/>Liebeshändeln ihre völlige Befriedigung, und für
dieselben ,<lb/>weit mehr Duldsamkeit fanden, als von den
Nauchkommen<lb/>eines Collatin und Cato zu erwarten stand,
darüber<lb/>nachzudenken nahm man sich nicht die Mühe. Es ge-<lb/>hörte eben
in der schönen jungen Welt zum guten Ton,<lb/>die Tyrannei der Sitte zu
verwünschen, und für Jeden<lb/><lb/>ohne Weiteres Partei zu nehmen, der sich
auf irgend z<lb/>eine Art mit den gewöhnlichen Verhältnissen in Wider-
Z<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0134_133.tif" n="0133"/>
<p>f<lb/>1B<lb/>spruch versezte. Ein Marchese Armero, der die
Kituustler-<lb/>blouse anzeg, der seinem Vater nicht gehorsamt
hatte,<lb/>den obenein ein vornehmter Prälat vor den Eiulritl ie<lb/>den
geistlichen Stand bewahrt, und den er sich zum<lb/>Hausgenossen und zum
Pflegesohn erkoren, hatte ebenso,<lb/>went nicht noch mehr Aussicht auf
Erfolg, als die<lb/>Bauerburschen und Tischlergesellen, die in den
Nomanen<lb/>von George Sand ihre Augen zu den Frauen der vor-<lb/>nehmen
Welt erhoben und Erhörung von diesen fanden.<lb/>Dait die Sache aber noch
einen besonderen Reiz<lb/>bekam, hatte Donna Carolina nicht ermangelt, die
ein-<lb/>fache und oft dagewesene Historie, wie die Liebe mich<lb/>zum
Künstler gemacht, mit so viel Zuthaten ihrer eigenen<lb/>Erfindung
aufzustuzen, dasß sie wirklich einem Nomane<lb/>mehr ähnlich sah, als der
schlichten Wirklichkeit und den<lb/>ersten Liebesregungen eines
sechszehnjährigen Burschen.<lb/>Es war also in der That ein wahres Gllck
fitr mich,<lb/>daß ich in meiner ernsten Hingebung an die Kunst
ein<lb/>Gegengewicht gegen die Beachtung und die Anözeichnung<lb/>besaß, von
denen ich mich ohne jegliches Verdienst mit<lb/>einemmale umgeben
sah.<lb/>Während ich in der Werkstatt meines Meisters<lb/>:<lb/>mich in den
folgenden Jahren der Erlernung des<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0135_134.tif" n="0134"/>
<p>11<lb/>Handwerks eifrig unterzog, fing ich zu Hause an, mich<lb/>öfter und
immer öfter in eigenen Entwürfen zu ver-<lb/>suchen, und vor Allem war es
die Gestalt einer trägi-<lb/>schen Muse, die mich viel beschäftigte. Ich
hatie sie<lb/>frühzeitig unternommen und immer wieder verändert,<lb/>weil es
mir nicht gelingen wollte, den Ausdruck geistiger<lb/>Erhabenheit in dem
Kopfe derselben so überzeugend<lb/>auszudrücken, wie er mir in der Seele
lebte, und wie<lb/>ich ihn bisher in der Wirklichkeit niemals
angetroffen<lb/>hatle. Da machle uit einemu Mal eine
unerwartete<lb/>Begegnung allem meinem Suchen und Schwanken rasch<lb/>ein
Ende.<lb/>Vor jenen sechszehn, siebenzehn Jahren, als die<lb/>1eberfluthung
Noms durch die Fremden noch nicht<lb/>begonnen hatte, welche, seit die
Eisenbahnen uns so<lb/>nahe gerückt sind, unsere alten Gewohnheiten
umgestaltet<lb/>hat, war, wie Sie sich erinnern werden, das
gesellige<lb/>Leben, selbst der vornehmsten Gesellschaft, ein sehr
ein-<lb/>faches, sehr zwangloses in Rom, und darum ein
äußerst<lb/>angenehmes. Man war in der guten Gesellschaft völlig<lb/>unter
sich, Einer kannte und würdigte die Verhältnisse<lb/>des Andern, man hatte
also gar nicht nöthig, sich in<lb/>Scene zu setzen wenn man zusammenkam, und
es<lb/>g<lb/>W<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>A<lb/>HA<lb/>A<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0136_135.tif" n="0135"/>
<p>18<lb/>herrschte damals noch die gute Sitte, daß die Frauuen<lb/>von Stande
ihr Haus an bestimmten Tagen und<lb/>Stunden gedffnet hielten, um ihre
Freunde zu einer<lb/>Conversazione zu empfangen, wobei denn mitunter
die<lb/>Eine oder die Andere irgend eine besondere Art der<lb/>Unterhaltung,
sei es eine musikalische oder literarische,<lb/>für ihre Gäste
vorzubereiten, sich bemüht erwies.<lb/>Donna Carolina, die überall ihre
eigenen Wege<lb/>zu gehen liebte, sah das ganze Jahr hindurch, wenn
sie<lb/>nicht auf deu Laede var, ihre Freunde amn Sonnlag<lb/>bei sich, ehe
man sich zu der täglichen Promenade auf<lb/>den Monte Pincio begab. Das
waren die Vorntittags-<lb/>stunden, in denen die Frauen nicht viel mit sich
anzu-<lb/>fangen wußten, während die Männer doch ohnehin auf<lb/>den Beinen
waren; und so konnte sie also darauf<lb/>rechnen, immer von einer
zahlreichen Gesellschaft auf-<lb/>gesucht zu werden, um so mehr, als sie
gern die<lb/>Beschützerin der Künste spielte, und junge Künstler
und<lb/>Künstlerinnen, die ihrer Studien wegen nach Nom ge-<lb/>kommen
waren, vielfach an sie empfohlen wurden und<lb/>bei ihr anzutreffen
waren.<lb/>Da sie die Glte hatte, mich zu den regelmäßigen<lb/>Besuchern
ihres Eirkels zu rechnen, versäumte ich es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0137_136.tif" n="0136"/>
<p><lb/>18<lb/>kaum einmal, mich bei ihr einzustellen; und es war<lb/>schon seit
einigen Wochen die Nede davon gewesen, daß<lb/>Donna Carolina eine höchst
interessante Entdeckung -<lb/>gemacht habe, daß sie ihren Gästen eine höchst
eigen-<lb/>artige Neberraschung vorbereite, als sie an einem
der<lb/>Sonntage Jeden der Gekommenen mit der ausdrücklichen<lb/>Bemerkung
entließ, in der nächsten Woche nicht zu<lb/>fehlen, da sie ihren Freunden
eine genußreiche Stunde<lb/>zu versprechen habe. Sie that dabei sehr
geheimnißvoll,<lb/>wich jeder Frage, worauf es abgesehen sei, mit<lb/>ß
Bestimmtheit aus, und machie dadurch die allseitige<lb/>Neugier derart rege,
daß am Sonntag der ganze Kreis<lb/>z ihrer Bekannten fast vollständig
beisammen war.<lb/>Die Erwartung machte uns Alle guter Laune.<lb/>Wir
scherzten und lachten, wir bemühten uns in das .<lb/>Geheimniß einzudringen,
und blickten endlich sammt und<lb/>sonders mit Spannung nach dem
Nebengemache, in das<lb/>Donna Carolina sich zurückgezogen hatte. Endlich
thaten<lb/>die Thüren sich auf und sie kehrte wieder, begleitet
von<lb/>einem Mädchen, dessen Schönheit, selbst in unserm an<lb/>weiblicher
Schönheit so reichen Vateclande, etwas<lb/>Ueberwältigendes hatte.<lb/>Das
unverkennbare Erstaunen machte
Donna<lb/>A<lb/>»A<lb/>-A<lb/>e<lb/><lb/>D<lb/>»A<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/><lb/>H<lb/>D<lb/>W<lb/>e<lb/>T<lb/>a<lb/>H<lb/><lb/>A<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0138_137.tif" n="0137"/>
<p>Carolina Freude, und die junge Schöne einführend, die<lb/>sich mit edlem
Anstande verneigte, sagte sie: Erlauben<lb/>Sie mir, meine Freunde, daß ich
Ihnen eine junge<lb/>Landömännin vorstelle. Sie trägt den
glückverküündenden<lb/>Namen Gloria und wird ihn zu verdienen
suchen,<lb/>indem sie, wenn es Ihnen gefällt, einige Stanzen aus<lb/>dem
befreiten Jerusalem vor Ihnen recitiren wird.<lb/>Die Anwesenden verlangten
es gar nicht besser,<lb/>denn der Vorschlag verhieß ihnen zunächst schon
den<lb/>Genuß,<lb/>können.<lb/>Zimmer,<lb/>das herrliche Mädchen ungestört
betrachten zu<lb/>Man schaffte eine kleine Estrade in das<lb/>Gloria bestieg
sie, und ruhig um sich<lb/>chauend, ließ sie es uns fühlen, daß sie es
bereits<lb/>gewohnt sei, eine Versammlung mit dem Auge
zu<lb/>beherrschen.<lb/>Sie war in der That eine unvergleichliche
Erschei-<lb/>nung, diese hohe Gestalt, deren Arme und prachivolle<lb/>Blste
daä nach der Antike gemodelte weiße Gewand in<lb/>ihrer ganzen Schönheit
zeigte, während ein grüner<lb/>Epheukranz Zas schwarze Haar zusammenhielt,
das ihr<lb/>in reichen Wellen lang herniederfloß. Und machtvoll,<lb/>wie ihr
schöner Körper, waren auch ihre Stinme und<lb/>ihr Ausdruck.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0139_138.tif" n="0138"/>
<p><lb/>118<lb/>Donna Carolina hatte für den Vortrag, den<lb/>Gloria halten
sollte, jene Strophen des sechszehnten<lb/>Gesanges aus dem befreiten
Jerusalem gewählt, in,<lb/>? welchen Armida es versucht, den Geliebten, der
von ihr<lb/>s entfliehen will, zu sich zurückzufihren.<lb/>Mlle Augen waren
auf Gloria gerichtet, und nach<lb/><lb/>j kurzem Schweigen begann sie die
ersten Verse mit einem<lb/>feierlichen Zögern so nachdenkend zu sprechen,
als<lb/>tauchten die Ereignisse, von denen sie zu reden hatte,<lb/>s nur
langsam und allmälig in ihrer Erinnerung empor.<lb/>Ihre Art zu declamiren,
ihr Mienenspiel, ihre<lb/>s<lb/>f Bewegungen waren nicht regelrecht und
waren doch<lb/>F hinreißend, weil sie ein so eigenthümliches,
durchaus<lb/>persönliches Gepräge trugen, daß man sah, hier habe<lb/>die
Schule wenig oder Nichts, die freigebige Natur<lb/>h etwas Vollkommenes
geschaffen. Nur langsam und<lb/>? ganz allmälig erwärmte sich ihr Vortrag
und von<lb/>?<lb/>f dem Schmeichelwort, mit welchem Armida den Rinald<lb/>?
an das Glüc vergangener Stunden mahnt, von der<lb/>flehenden Bitte, er möge
ihr, der Herrscherin, vergönnen,<lb/>ihm zu folgen, als Sclavin ihm zu
folgen, wenn er<lb/>ß wirklich von ihr scheiden müsse, bis zu dem Zorn<lb/>?
verschmähter -Liebe, bis zu dem wilden Haß, der
in<lb/>s<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/><lb/>A<lb/>zA<lb/>F<lb/>z<lb/>»O<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0140_139.tif" n="0139"/>
<p>.<lb/><lb/>ß<lb/><lb/>1<lb/>dem glühenden Herzen der Zauberin gegen den
Mann<lb/>auflodert, der sie zu verschmähen wagt, gelang es
dem<lb/>wunderbaren Mädchen, die ganze Reihe der wechselnden<lb/>und sich
steigernden Empfindungen in einer Weise aus-<lb/>zudrücken, daß es die ganze
Versammlung an sich bannte<lb/>und mit sich fortriß.<lb/>Jeder von Gloria's
Zuhörern gestand es sich ein,<lb/>daß er bis zu dieser Stunde niemals eine
solche<lb/>Armida gesehen oder gehört, daß keine der
berühmten<lb/>Künstlerinnen auf der Bühne die Zauberin so voll-<lb/>ständig
nach dem Sinn des Dichters in sich verkörperi<lb/>und<lb/>wiedergegeben
habe,, als eben dieses junge Mädchen.<lb/>Der Beifall, den sie hervorrief,
die Bewunderung,<lb/>fnit welcher man sich ihr<lb/>nahte, als sie ihren
Vortrag<lb/>geendet hatte und von<lb/>--- - T<lb/>Zufriedenheit, ein Lächeln
des Dankes abgewonnen haben;<lb/>Gloria aber verzog keine Miene. Die breiten
schweren<lb/>Augenlider senkten sich üüber ihr dunkles Auge, der<lb/>düstere
Ernst, der mir bei ihrem Eintreten, troz<lb/>ihrer Schönheit, unheimlich an
ihr aufgefallen war, lagerte<lb/>sich wieder über ihrer niedrigen und
schmalen Stirn, die<lb/>feinen Lippen preßten sich wieder zufammen, und
nur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0141_140.tif" n="0140"/>
<p>1<lb/>; mit Widerstreben schien sie auf die Fragen zu antworten,<lb/>s<lb/>;
welche man von allen Seiten an sie richtete, während<lb/>ich nicht satt
werden konnte, sie zu betrachten; denn<lb/>F jener Ausdruck von tragischer
Erhabenheit, den ich in<lb/>- meiner Seele getragen, und den ich vergebens
wiederzu-<lb/>? geben gestrebt hatte - in Gloria's Antliz fand ich<lb/>ihn
verkdrpert.<lb/>Erst als sie sich nach kurzem Verweilen aus
der<lb/>Gesellschaft entfernte, ward ich inue, dasß ich gar nicht<lb/>- zu
ihr gesprochen hatte, ünd nun sie uns verlassen,<lb/>bestürmte man Donna
Carolina mit Erkundigungen<lb/>- über die Weise, auf welche sie die
Bekanntschaft Gloria's<lb/>gemacht habe. Man wollte etwas von ihrer
Herkunft,<lb/>von den Verhältnissen erfahren, unter welchen sie
lebte,<lb/>und die eine und die anderen waren dazu angethan,
die<lb/>Theilnahme für sie womöglich zu erhöhen.<lb/>a<lb/>einem jungen
Manne aus guter Familie in eifersüchtigem<lb/>Jähzorn begangenen
Mordversuches zu einer zwölfjährigen<lb/><lb/>-<lb/>zu San Spirito getragen
und war frühzeitig gestorben.<lb/><lb/>»<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>Galeerenstrafe
verurtheilt worden; die Mutter, ihres<lb/>Ernährers beraubt, hatte die
Tochter in das Findelhaus<lb/>ä<lb/>»<lb/>. Ihr Vater, ein Handwerker aus
Trastevere, war<lb/>zu der Zeit, in der sie geboren wurde, wegen eines
an<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0142_141.tif" n="0141"/>
<p>Ee<lb/>D<lb/>E<lb/>E<lb/>De<lb/><lb/>E-<lb/>s-<lb/>d<lb/>D<lb/>worden auf die
besondere Weise, in welcher die Kleine<lb/>die auswendig gelernten Gebete
sprach, und hatte daran<lb/>gedacht, sie, wenn sie das Alter überschritten
haben<lb/>e, in einem der Klöster unterzubringen, in
welchem<lb/><lb/>t<lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/>s<lb/>Aber schon in dem
Findelhause war man achtsam ge-<lb/>s.Irde, während dessen man die Kinder in
San Spiriko<lb/>. k<lb/><lb/>t11<lb/>E<lb/>man sich mit Erziehung und
Unterricht beschäftigt.<lb/>Gloria war auch in einem solchen aufgenommen
worden,<lb/>indeß ihr störriger Sinn und die völlige Unlust, welche<lb/>sie
jeder Art von weiterem Unterricht entgegenlrachte,<lb/>hatten deit frommen
Schwestern wenig Aussicht auf<lb/>Erfolg geloten; und ein solches Mädchen,
das keine<lb/>Mitgift brachte, in dem Kloster lebenslänglich zu
ver-<lb/>sorgen, hatten die frommen Schwestern nicht eben<lb/>wünschenswerth
gefunden. Als daher Gloria's Vater,<lb/>nach verblißter Strafe halb
erblindet, in die Welt<lb/>zurückgekehrt, und gekommen war, die Tochter, auf
die<lb/>er seine Plane gründete, zurückzufordern, hatte man sie<lb/>ihm
nicht vorenthalten mögen und kbnnen, da sie selber<lb/>mit ihm zu gehen und
das Leben, das er zu führen<lb/>absichtigte, mik ihm zu theilen verlangt
hatte.<lb/>Er war nämlich von Jugend an um seiner schönen<lb/>Stimme willen
untex seinen Genossen bekannt gewesen,<lb/>Eu<lb/>Da<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0143_142.tif" n="0142"/>
<p>a<lb/>hatte noch ein mächtiges, wenn auch rauhes Organ,<lb/>und da er sich
während seiner Sirafzeit gut gehalten,<lb/>war es ihm gelungen, sich die
Erlaubniß zu erwirken,<lb/>als Bänkelsänger sein Brod zu verdienen. Dazu
hatte<lb/>er eine Gehilfin ndthig, und die Tochier, welche
immer<lb/>sehnsüchtig aus der Klosterzelle in die Welt geblickt,<lb/>hatte
sich hocherfreut gezeigt über die Aussicht auf das<lb/>herumziehende Leben,
das sich vor ihr aufthat.<lb/>. Der schöne, dem Erblinden nahe Mann, das
schdne<lb/>Kind, fesselten, als sie zuerst die Hilfe der
Vorüber-<lb/>gehenden in Anspruch nahmen, die Blicke an sich,
und<lb/>Geschichte und die Mordthat auf die Leinwandstandarte,<lb/>deren er
als herumziehender blinder Bänkelsänger nach<lb/>der Landessitte benöthigt
war; und von Gloria begleiket,<lb/>die in der freien Luft und bei der
beständigen Be-<lb/>wegung sich rasch und in aller ihrer Schbnheit
ent-<lb/>wickelte, machte der Vater in der Stadt und in deren<lb/>Umgebung
bald gute Geschäfte, so daß es ihnen auf<lb/>ihre Weise an keinem
Nothwendigen gebrach.<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>c<lb/>A<lb/>Griffe darauf
zu thun, ein mitleidiger Künstler malte<lb/>ihm in guter Laune mit raschem
Pinsel die Heiligen-<lb/>A<lb/>T<lb/>begegneten vielen offenen Händen. Eine
alte Guitarre<lb/>war bald angeschafft. Der Vater wußte die paar
nöthigen<lb/>W<lb/>»<lb/>A<lb/>-
W<lb/>W<lb/>-<lb/>A<lb/>z<lb/>»W<lb/>F<lb/>»<lb/>H<lb/>z<lb/>W<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0144_143.tif" n="0143"/>
<p>1 1<lb/>Der Vater hatte seit Jahr und Tag seine beiden<lb/>Geschichten
abgesungen, und Gloria dazwischen die<lb/>beliebtesten Volkslieder zum
Besten gegeben, als bei<lb/>einer Wanderschaft ein Zufall ihr in einem
ihrer<lb/>Nachtquartiere ein halbzerrissenes Buch in die Hände<lb/>spielte,
das sie ebenso zufällig zu lesen begann, weil' sie<lb/>eben seit langen
Jahren kein Buch mehr in die Hände<lb/>bekommen hatte. Es war ein Band des
Tasso, der sich<lb/>einmal, wer weiß wie? in diese Herberge verirrt
hatte,<lb/>und Gloria fühlte sich ergriffen von den
Vorstellungen,<lb/>welche da Gedicht in ihr erweckte.<lb/>Unwillkürlich laä
sie laut und lauter, man horchte<lb/>erstaunt. Niemand hatte in der Schenke
jemals auf das<lb/>Buch geachtet, jezt nahm man den Vortrag aus
dem-<lb/>selben mit Erstaunen auf. Man spendete Gloria<lb/>Beifall, man ließ
sie noch einmal lesen, al Abendä<lb/>die gewohnten Gäste aus dem Flecken
sich in der<lb/>Osteria versammelten, und nie zuvor hatte der Vater<lb/>mit
seiner Heiligen- und Mordgeschichte, eine so reiche<lb/>Einnahme erzielt,
als Gloria mit dieser ihrer ersten<lb/>Vorlesung.<lb/>Der Vater war ein
kluger Kopf. Er sagte sich,<lb/>was in dem entlegenen Flecken gelungen war,
könne und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0145_144.tif" n="0144"/>
<p>11<lb/>werde auch anderwärts gelingen. Er hatte wenig Mühe,<lb/>für die
schöne Tochter das bewußte Buch zum Geschenk<lb/>zu erhalten. Gloria lernte
davon so viel man immer<lb/>wollte auswendig, und fing bald an, in
denjenigen<lb/>Straßen von Nom, in welchen man auf Zuhörer unter<lb/>dem
Volke rechnen konnte, einzelne Stellen aus dem<lb/>Heldengedichte
herzusagen, nachdem der Vater seine<lb/>beiden Geschichten abgesungen
hatte.<lb/>Bei einer Ausfahrt, bei welcher Donna Carolina<lb/>zusällig über
Piazza Montanara gekommen war, hatte<lb/>die große Menge von Zuhörern,
welche sich dort um<lb/>einen Bänkelsänger versammelt, ihre Aufmerksamkeit
er-<lb/>regt. Sie hatte den Wagen halten lassen, Gloria's<lb/>große
Schönheit und ihre eigenartige Gesticulation waren<lb/>ihr aufgefallen,
obschon sie die Worte, welche das<lb/>Mädchen sprach, nicht hören können,
und von allem
Un-<lb/>A<lb/>AA<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>W<lb/>A<lb/>I<lb/>I<lb/>A<lb/>I<lb/>=<lb/>S<lb/>z<lb/>A<lb/>entsendet,
um den Bänkelsänger mit der Tochter für-<lb/>W<lb/>einen der nächsten Tage
in den Hof ihres Palastes<lb/>- Der Bänkelsänger kam. Donna Carolina
erkannte<lb/>z<lb/>die außerordentliche Begabung des Mädchens, und
ihr<lb/>gutes Herz, wie ihre Begeisterung für die Kunst,
trieben<lb/><lb/>A<lb/>gewöhnlichen rasch hingenommen, hatte sie ihren
Diener<lb/>zu bestellen.<lb/>- I<lb/>A<lb/>F<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0146_145.tif" n="0145"/>
<p>«<lb/>K<lb/>ß<lb/>g<lb/>14k<lb/>sie zu dem Anerbieten, die Erziehung und die
Aus-<lb/>bildung Gloria's auf ihre Kosten vollenden zu lassen.<lb/>Sie fand
indeß weder den Vater noch die Tochter diesem<lb/>Vorhaben geneigt. Es war
vergebens, daß sie ihnen<lb/>vorstellte, wie Gloria eine große Künstlerin
werden, wie<lb/>sie und ihr Vater in Wohlleben und Reichthum
leben<lb/>könnten, wie Gloria von den Mächtigen und Vornehmen<lb/>als
Künstlerin gefeiert werden würde, statt daß sie jetzt,<lb/>ein unsicheres
Brod essend, bei ihrem Herumziehen in<lb/>dem Lande, allen übeln Zufällen
eines solchen Lebens<lb/>ausgesetzt bleibe. Der Vater schütttelte zu all'
den Ver-<lb/>heißungen und Bedenken ablehnend den Kopf, und auch<lb/>auf
Gloria machten die goldenen Berge, die man ihr<lb/>ersprach, nicht
Eindruck.<lb/>Der Vater<lb/>Mächtigen und<lb/>Verlangen. Er<lb/>was sie
werth<lb/>gut bewahrt, so<lb/>sagte, nach einem Leben unter
den<lb/>Vornehmen trage er für Gloria kein<lb/>habe es zu seinem Schaden
erfahren,<lb/>seien.<lb/>lange<lb/>Die Tugend seiner Tochter sei<lb/>sie bei
ihm sei, und später solle<lb/>kA?<lb/>bis das tausendmal verwünschte
Dazwischentreten eines<lb/>reichen und vornehmen Jünglings ihn in das Elend
ge-<lb/>F. Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0147_146.tif" n="0146"/>
<p>116<lb/>schleudert habe. -- Gloria aber erklärte ebenso bestimmt,<lb/>sie
habe keine Lust, sich wieder in die engen Häuser<lb/>- einsperren zu lassen,
um zu lernen; sie lerne und kenne<lb/>ihr Gedicht, das wolle sie hersagen,
und daä Weitere<lb/>gehe sie Nichts an.<lb/>Indeß grade dieser Widerstand
hatte Donna Carolina<lb/>gereizt, ihn zu besiegen. Sie hatte jedoch mit
allen ihren<lb/>Anerbieten nicht mehr erreichen können, als die
Zusage,<lb/>daß Gloria, nach Angabe Donna Carolina's gekleidet,<lb/>vor ihr
eine Probe ihrer Declamation ablegen, und in<lb/>demselben Costüm dann an
einem Sonntag Vormittage<lb/>diese Declamation gegen eine für ihre
Verhältnisse sehr<lb/>ansehnliche Bezahlung in dem Kreise einer
Gesellschaft<lb/>wiederholen werde. Der Vater hatte dem zu Folge
die<lb/>Tochter an dem festgesetzten Tage bis in den Vorsaal
der<lb/>Empfangszimmer geleitet; und nachdem dieselbe ihren<lb/>Vortrag
beendet, ihr antikes Costüm abgelegt und das<lb/>für die Declamation
ausbedungene Geld empfangen, hatten<lb/>Beide sofort den Palast auch
verlassen.<lb/>Fagggggpgggggg<lb/>E<lb/><lb/>z<lb/><lb/>T<lb/><lb/>A<lb/>T<lb/>z<lb/>-<lb/>--<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0148_147.tif" n="0147"/>
<p>Aeuntes Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0149_148.tif" n="0148"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0150_149.tif" n="0149"/>
<p><lb/>-<lb/>-<lb/>PJed Carolina's ganze Gesellschaft war durch<lb/>das
romantische Abenteuer aufgeregt. Die Frauen wie<lb/>die Männer hatten nur
die schöne Gloria im Sinn.<lb/>Man beschäftigte sich damit, wie dieses
Mädchen aus<lb/>seinem zigeunerhaften Herumziehen zu erlösen, wie e
für<lb/>die ihm von der Natur bestimmte Laufbahn einer dra-<lb/>matischen
Künstlerin zu gewinnen sei. Der und Jener<lb/>dachte daran, neue überredende
Versuche bei dem Vater<lb/>und bei Gloria zu machen, die von Seiten der
Männer<lb/>nicht immer uneigennüzig sein mochten; und in dem<lb/>Sprechen
über die Beiden erfuhr man den Namen und<lb/>die Wohnung der Leute, bei
welchen der Bänkelsänger<lb/>die Kammer inne hatte, in der er mit der
Tochter<lb/>hauste, wenn er sich in Rom aufhielt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0151_150.tif" n="0150"/>
<p>15<lb/>ach hatte beschlossen noch in derselben Stunde die<lb/>angegebene
Wohnung auufzusuchen, weil ich überzeugt<lb/>war, daß ein Mädchen, welches
auf den öffentlichen<lb/>Straßen vor aller Welt Augen seine Declamationen
hören<lb/>ließ, sich nicht weigern wülrde, mir unter ihres
Vaters<lb/>Begleitung Modell' zu stehen. Aber ein Zusammen-<lb/>treffen
verschiedener Umstände hinderte mich daran, mein<lb/>Vorhaben an dem
nämlichen Tage auözuführen, und es<lb/>war schon gegen den Abend hin, als
ich am folgenden<lb/>Tage nach dem elenden ruinenhaften Genäuer
neben<lb/>dem verfallenen und verödeten ehemaligen Palazzo<lb/>Eastellani in
Trastevere hinkam, in welchem der Bänkel-<lb/>sänger hausen sollte.<lb/>Ein
paar alte Weiber saßen vor der Thüre, eine<lb/>Menge Kinder trieben sich in
dem wüsten Hofe umher.<lb/>Ich war ein Gegenstand der Verwunderung für
die<lb/>Leute und wurde sofort ein Gegenstand des Mißtrauens<lb/>für
dieselben, als ich mich nach dem Bänkelsänger und<lb/>seiner Tochter
erkundigte.<lb/>Sie sind verreist! gab man mir kurz zur Antwort.<lb/>Ich
wendete ein, daß ich sie ja am verwichenen Tage<lb/>noch gesehen und gehört
hätte.<lb/>T<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>-»ä<lb/>=H<lb/>-A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>S<lb/>A<lb/>A<lb/>D<lb/><lb/>La<lb/>Sä<lb/>Aa<lb/>H<lb/>H<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0152_151.tif" n="0151"/>
<p>151<lb/>Wohl möglich, sagte die Wirthin des Hauses, aber<lb/>sind
verreist.<lb/>Und wohin? fragte ich.<lb/>Wer weiß das? entgegnete die
Alte.<lb/>Auch mneine Fragen, wann sie wiederkehren würden,<lb/>wie lange
sie fortzubleiben pflegten, hatten leinen besseren<lb/>Erfolg.<lb/>Sie
kommen und gehen, wie es ihnen gefällt,<lb/>meinte die Wirthin trocken, und
ich bin nicht von der<lb/>Polizei. Ich bin nicht dafir besoldet, ihnen
nachzu-<lb/>spüren. Sie bezahlen ihre Miethe und ich verwahre
ihr<lb/>bischen Sachen, wenn sie aus der Stadt gehen. Da<lb/>ist
Alles!<lb/>In den folgenden Tagen suchte ich, und suchte<lb/>nicht ich
allein, nach Gloria, aber Niemand konnte sie<lb/>entdecken. Sie hatten in
der That die Stadt ver-<lb/>lassen, weil die mißtrauische Vorsicht des
Vaters die<lb/>Tochter jeder Nachforschung entziehen wollte, und
ich<lb/>machte mich an meine Arbeit, mit Gloria' idealem<lb/>Bild im
Sinne.<lb/>Gs war die erste lebensgroße Gestalt, an die ich<lb/>mich gewagt
hatie, diese tragische Muse, welche nun den<lb/>Gesichtsansdruck der schönen
Gloria tragen sollte, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0153_152.tif" n="0152"/>
<p>u<lb/>ich pries mich glücklich, daß mir derselbe mit so
großer<lb/>Deutlichkeit gegenwärtig war. Je länger ich mich
damit<lb/>beschäftigte, um so mehc verklärte sich das Bild des<lb/>schönen
Mädchens in uteinner Vorstellung. Es uachte<lb/>mich gleichgültig gegen die
Schbnheit der Frauen, die<lb/>mir in der Wirklichkeit begegneten, und als
ich dann<lb/>endlich nach ernster, langer Arbeit mein
Thonmodell<lb/>vollendet hatte, als ich es einige Tage vor mir
selbst<lb/>verhüllte, um mit neugestärktem Auge es noch einmal<lb/>zu
hetrachten, ehe ich es meinenBeschüüzerund meinenMeister<lb/>sehen ließ, da
preßte, als ich am frühen Morgen vor<lb/>mein Bildwerk hintrat, das
schmerzliche Gefühl, nicht<lb/>erreicht zu haben was ich gewollt, mir zum
ersten Male<lb/>die Brust zusammen, daß ich völlig muthlos vor meiner
-<lb/>Arbeit dastand.<lb/>Ich hatte nach einem guten lebenden Modell
ge-<lb/>arbeitet, hatte von dem Individuellen soweit abgesehen,<lb/>als dies
für jede tzpische Jdealgestalt nothwendig ist,<lb/>und diesem also
stylisirten Kopfe den antiken Ausdruck<lb/>gegeben, der in Gloria so
wundervoll zum Vorschein<lb/>gekommen war. Ich durfte mir auch sagen, daß
die-<lb/>Arbeit nichi gerade mißlungen sei, daß man sie als eine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0154_153.tif" n="0153"/>
<p>15H<lb/>Melpomene wohl gelten lassen dürfe, und doch befriedigte<lb/>sie mich
nicht.<lb/>Es half mir dabei gar Nichts, daß mein Meister<lb/>und Monsignore
Arrigo, als sie die Arbeit sahen, mir<lb/>Beifall spendeten, daß der Meister
mir verhieß, ich<lb/>würde Ehre mit diesen Erstlingswerke einlegen,
und<lb/>mein Freund mir großmüthig die Möglichkeit darbot,<lb/>die Statue in
Marmor auszuführen, wenn der Meister<lb/>mich dieser Arbeit schon gewachsen
glaube. Ich bat<lb/>mir einen Aufschub ans, ich wollte das Modell
noch<lb/>durchgehen, den Ausdruck noch vertiefen, ehe ich es dem<lb/>Former
überließ; und was ich nicht vor meinen Richtern<lb/>aussprach, ich hegte die
geheime Hoffnung, Gloria doch<lb/>noch aufzufinden, obschon ich im Verlauf
des Jahres<lb/>zu verschiedenen Malen in des Bänkelsängers
Stand-<lb/>quartier vergebens nach ihm und seiner Tochter
Erknn-<lb/>digungen eingezogen hatte.<lb/>Es war gegen Weihnachten hin, und
der ganze<lb/>Herbst war in jenem Jahre ungewöhnlich rauh
gewesen.<lb/>Heftige Regengüsse und Stürme hatten durch viele Tage<lb/>arg
gewüthet, die kalte Feuchtigkeit machte den Aufent-<lb/>halt im Freien
widerwärtig. Es fiel mir daher auf,<lb/>als ich eines Mittags aus der Via
Tordinone auf den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0155_154.tif" n="0154"/>
<p>1L<lb/>Plaz vor der Engelsbrücke hinauökommend, trotz des<lb/>D<lb/>scharfen
Nordwindes eine große Menschenmenge vor mir<lb/>fah, die sich eben zu
zertheilen anfing. Ich ging näher<lb/>hinzu -- und der Bänkelsänger stand
mir gegenüber,<lb/>wie er mit tastender Hand eben seine Fahne
zusammen-<lb/>rollte. Man sah, daß er das schwache Augenlicht
jetzt<lb/>gänzlich verloren hatte.<lb/>Während ich mir durch die Menge den
Weg zu<lb/>ihm bahnte, hatte Gloria ihre Geldsammlung beendet<lb/>und trat
an den Vater heran, den Inhalt des kleinen<lb/>wohlgefüllten Tellers in
seine dargehaltene Hand zu<lb/>leeren.<lb/>In meiner Freude sie endlich
wiedergefunden zu<lb/>»D<lb/>Ae<lb/>haben, rief ich sie mit ihren Namen an.
Sie wendete<lb/>sich verwundert nach mir um, und ich vermochte
mein<lb/>Erschrecken nur mühsam zu bemeistern, denn die Ver-<lb/>änderung,
welche mit ihr vorgegangen war, konnte sich<lb/>s<lb/>- auch dem Auge eines
Gleichgültigen nicht entziehen; und<lb/>- doch war noch kein Jahr
verstrichen, seit sie an<lb/>jenem Morgen in dem Saale Donna Carolina's
aufge-<lb/>- treten war.<lb/>Ihre Gestalt war freilich noch dieselbe, auch
der<lb/>Adel ihrer Kopfbildung war unzerstörbar, aber man
sah<lb/>A<lb/>A<lb/>H<lb/>W<lb/><lb/><lb/>A<lb/>A<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0156_155.tif" n="0155"/>
<p>17<lb/>es, diese Augen hatten weinen lernen, iüber diese Wangen<lb/>waren
Thränen hinabgeflossen, der Schmerz hatte ihre<lb/>Lippen zusamuengepresßt,
das stolze Selbstgenigen war<lb/>won ihrer Stirn verschwunden. Aber sie war
noch<lb/>immer schdn, ganz unvergleichlich schön.<lb/>Was wollt Ihr von mir?
fragte sie, sich auf<lb/>meinen Anruf zu mir wendend.<lb/>Ich sagte ihr, daß
es mich fpeue, sie endlich wieder-<lb/>gefunden zu haben. Sie sah mich
forschend an.<lb/>Mich wiedergefunden zu haben? Ich kenne Euch<lb/>nicht!
Wer seib Ihr? entgegnete sie mit ihrem finsteruBlicke.<lb/>Ich bin ein
Bildhauer und habe Euch früher schon<lb/>manchmal gehört; aber Ihr wart
lange von der Stadt<lb/>entfernt. Wo seid Ihr gewesen?<lb/>Sie blickte mich
noch einmal prüfend an; mein<lb/>alter verschabter Sammtrock, mein
zerdrückter Filzhut<lb/>schienen ihr Zutrauen zu mir zu geben. Wir sind
weit<lb/>herum gewesen: in Umhrient, in den Marlen, iu Venedig!<lb/>- und
ihre Augenbrauen zogen sich noch engee z-<lb/>sammen, als sie dieses
sprach.<lb/>Der Vater war aufmerksaut geworden, er fcagte,<lb/>mit wem sie
spreche; ich trat an ihn heran und erkun-<lb/>digte mich, ob er gute
Geschäfte gemacht habe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0157_156.tif" n="0156"/>
<p>a<lb/>So, so! gab er zur Antwort.<lb/>Da hättet Ihr besser gethan, Euch die
Mühe des<lb/>Umherziehens zu ersparen, meinte ich, denn Ihr habt,<lb/>wie
ich gesehen, hier ein großes Publikum.<lb/>ach liebe den Wechsel und ich
wollte an daä Meer,<lb/>die Meeresluft zu athmen. Aber es ist in Winter kalt
da<lb/>oben, wir kehrten also heim.<lb/>Ich sagte, daß mich dieses
freue.<lb/>Weshalb? fragte der Blinde.<lb/>Weil auch ich Gloria zu hören
liebe! ent-<lb/>gegnete ich.<lb/>Sie sah mich spottend an. Habt Ihr sonst
weiter<lb/>Nichts zu thun?<lb/>Gerade so viel und so wenig wie Alle die
Andern,<lb/>die Euch eben hier umstanden haben! aber recitirt Ihr<lb/>-
immer noch das nänlliche Gedicht? Sie bejahte das.<lb/>Ich fragte, ob sie
daä nicht ermlde? Sie ver-<lb/>stand nicht, was ich damit meinte, sondern es
auf die<lb/>körperliche Anstrengung beziehend, räumte sie ein, daß<lb/>ihr
bisweilen die Brust von der Arbeit etwas schwach<lb/>sei, so daß sie dann
den Husten habe; das schade in-<lb/>dessen Nichts. Der Schlaf und ein guter
Becher
Wein<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>A<lb/>e<lb/>A<lb/>A<lb/>AA<lb/>A<lb/>zA<lb/>z<lb/>A<lb/>A<lb/>H<lb/>A<lb/>W<lb/>stellten
sie immer wieder her; und der Alte setzte<lb/>p<lb/>A<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0158_157.tif" n="0157"/>
<p>!<lb/>-<lb/><lb/>k.<lb/>s<lb/>k<lb/>f<lb/>s<lb/>n<lb/>s<lb/>!<lb/>.
V<lb/>nzu, die Tochter sei brav und stark, sie hale
das<lb/>Weg<lb/>ihm.<lb/>An der nächsten Straßenecke bogen sie ein.
Mein<lb/>ging nach derselben Richtung, aber alle ihre<lb/>worten waren so
kurz und abweisend, daß ich sie<lb/>mißtrauischer zu machen fürchtete, wenn
ich ihnen<lb/>weiter folgte. Ich sagte ihnen also Lebe<lb/>wie beiläufig die
Bemerkung hin, wenn<lb/>meiner Straße arbeiteten, so möchten
sie<lb/>noch<lb/>noch<lb/>vohl und warf<lb/>sprechen, ich sei ein Bildhauer
und hätte<lb/>statt im Hofe des Hauses von Monsignore<lb/>einen Becher Wein
und noch ein gut Stick<lb/>Gi<lb/>Ant-<lb/>sie einmal in<lb/>bei mir
vor-<lb/>meine Werk-<lb/>Arrigo; und<lb/>Gold könnten<lb/>Beide bei mir
finden, wenn der Alte einmal zu einem<lb/>eisenkopfe bei mir sitzen
wolle.<lb/>Er blieb stehen, wendete die erloschenen Augen nach<lb/>--??
.?:<lb/>nt.<lb/>agte er sofort.<lb/>Sein Kopf war so kräftig und
charakteristisch, daß<lb/>man ihn wohl verwerthen konnte. Einen alten
rümtischen<lb/>Feldherrn, den blinden Belisar oder den
griechischen<lb/>König Dedipus, der auch des Augenlichts
entbehrte,<lb/>sagte ich rasch entschlossen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0159_158.tif" n="0158"/>
<p>17<lb/>Und was wollt Ihr bezahlen für die Stunde? aber<lb/>bedenkt wohl, daß
dies nicht mein Handwerk ist und<lb/>daß ich es nur thue, weil es mir
gefällt einen Helden<lb/>vorzustellen, sprach er stolz und listig.<lb/>ae
nannte ihm einen Preis, der ihn befriedigen<lb/>mußte; er nahm den Vorschlag
an. Der Tag, die Stunde<lb/>wurden gleich verabredet und ich durfte nun auch
Gloria<lb/>zum Defteren wiederzusehen
erwarten.<lb/>s<lb/>z<lb/><lb/><lb/>?<lb/>A<lb/><lb/>ü<lb/>A<lb/>AA<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0160_159.tif" n="0159"/>
<p>Zehntes Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0161_160.tif" n="0160"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0162_161.tif" n="0161"/>
<p>A<lb/>Ich hatte bis dahin im Entferntesten nicht daran<lb/>gedacht, einen
Dedipus zu machen, aher der Bänkelsänger<lb/>war für einen solchen wohl
geeignet, und ich richtete<lb/>mich denn auf diese neue Skizze ein, während
mir Gloria<lb/>nicht aus dem Sinne kam.<lb/>Je länger ich an sie dachte,
desto räthselhafter<lb/>wurde sie mir. Ihre Kälte, ihre Herhigkeit
waren<lb/>trotzig geworden, sie hatten sogar etwas
Widerwärtiges<lb/>bekommen, und der spottende Ausdruck, der im
Laufe<lb/>dieses Jahres ihren Lippen zur Gewohnheit geworden zu<lb/>sein
schien, lag eigentlich nicht in dem Character der<lb/>Frauen aus dem Volke;
sie selber hatte ihn auch nicht<lb/>gehabt, als ich ste vor dem Jahre zum
ersten Mal ge-<lb/>sehen. Es mußte mit ihr etwas vorgegangen sein,
sie<lb/>also zu verändern.<lb/>F. Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0163_162.tif" n="0162"/>
<p>=<lb/>16<lb/>-<lb/>Im Geiste ganz mit Gloria und ihren
vermutheten<lb/>Erlebnissen beschäftigt, nahm ich, als ich in
meiner<lb/>Werkstatt mich allein befand, die feuchten Tücher herab,<lb/>die
meine Statue umhüllten, und ich athmete mit be-<lb/>freitem Herzen auf.
Meine Melpomene war ebler, war<lb/>schöner, als die Gloria, welche ich heute
gesehen hatte,<lb/>und sie war ihr doch so ähnlich, daß ich es fast
beklagte,<lb/>sie heute angetroffen zu haben, daß es mich
jammerte,<lb/>F<lb/>-<lb/>sie, wie ich es nannte, so unter sich selbst
herabgesunken<lb/>zu sehen.<lb/>Der Alte, der, wie alle römischen Modelle,
und<lb/>feiner eigenen ahenteuerlichen Natur getreu, von dem
Z<lb/><lb/>Verlangen einen Helden darzustellen, ganz erfüllt
war,<lb/><lb/>ließ um die bestimmte Stunde nicht auf sich warten.<lb/>Gloria
kam natürlich mit ihm. Ich hatte in den drei z<lb/>-K<lb/>Tagen meine
Vorarbeit fir eine Männerbüste voll-<lb/>endet und konnte also an das Werk
gehen. Die<lb/>Tochter saß in einer Ecke mir gegenüber und sah
mir<lb/>schweigend zu.<lb/>Ich hatte sie und ihren Vater mit dem
verheißenen<lb/>-b<lb/>-<lb/>A<lb/>Becher Wein bewirihet, die Wärme der
Werkstätt that<lb/>allen Beiden wohl. Gloria lehnte sich in den
bequemen<lb/>I<lb/>Stuhl zurück, die weit von sich gestreckten Fiße
schdn<lb/><lb/>F<lb/>=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0164_163.tif" n="0163"/>
<p>1<lb/>gekrenzt, die Arme über die Brust geschlagen, in einer<lb/>so natürlich
edeln und so durchaus klassischen Haltung,<lb/>daß ich weit lieber sie als
ihren Vater hätte modelliren<lb/>mögen. Indeß ich mochte sie dazu nicht
auffordern,<lb/>weil ich sie bei ihrer Eigenart zu verscheuchen
fürchten<lb/>mußte, und ich ließ sie daher still gewähren.<lb/>Meint Hedipns
hingegen war geneigi zu sprechen.<lb/>Er erzählte von den Wanderungen, die
sie in diesen:<lb/>Jahre unternommen hatten, und damals war noch
von<lb/>anderen Wanderungen die Rede als jetzt, wo jedee<lb/>herunziehende
Savoyarde die Eisenbahn benutzt. Gloria<lb/>hatte sich währenddeß erhoben.
Sie sah, hinter mir<lb/>stehend, meiner Arbeit zu. Es machte ihr
ersichtlich<lb/>Vergnügen, und sie fing nach einer Weile an, in
meiner<lb/>Werkstatt umherzugehen, um sich die Büsten und die<lb/>dort
aufgestellten Dinge näher zu betrachten. Mit einent<lb/>Male trat sie an die
verhlüllte Statue heran.<lb/>Was ist das? fragte sie, zum ersten Male in
gll'<lb/>der Zeit die Rede an mich richtend.<lb/>Ich sagte, es sei eine
Frauengestalt von meiner<lb/>Arbeit. Kann man sie sehen? fragte
sie.<lb/>Freilich! entgegnete ich und stand auf, die
nassen<lb/>e<lb/>aüücher abzunehmen. Neugierig wie ein Kind, und
doc<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0165_164.tif" n="0164"/>
<p><lb/>s<lb/>k<lb/>?<lb/>i.<lb/>16<lb/>z. immer ernsthaft, folgte sie jeder
meiner Bewegungen, -<lb/>bis ich die Hülle von dem Kopfe nahm und die
Aehn-<lb/>F lichkeit mit ihrem eigenen schönen Antüiz ihr
entgegen-<lb/>leuchtete.<lb/>-<lb/>s<lb/><lb/>k<lb/>f<lb/>s<lb/><lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/>i<lb/>?<lb/>-<lb/><lb/>Sie
zuckte zusammen, griff nach meiner Hand, sah -<lb/>nach dem Spiegel hinüber,
den sie mit dem Blicke er-<lb/>reichen konnte. Es war deutlich, sie hatte
sich als Vor-<lb/>bild dieser Melpomene erkannt, aber ihre
Neberraschung,<lb/>ihre Bewegung waren nicht größer als die
Herrschaft,<lb/>welche sie über sich behielt. Sie entfernte sich von
der<lb/>Statue, hob den Kopf unwillklrlich in die Stellung,<lb/>welche ich
meiner Muse gegeben hatte, und ihre Augen<lb/>fest auf derselben ruhen
lassend, sagte sie: Sie ist schdn<lb/>und ich war auch einmal so schön an
jenem Tage, wo<lb/>ich so gekleidet war, wie diese hier! Ihr habt mich
so<lb/>gesehen, Signor!<lb/>ach bejahte das. Sie wollte wissen, wie ich
in<lb/>däs vornehme Haus gekommen sei. Ich sagte,
Donna<lb/>?<lb/>-<lb/>-<lb/>?<lb/>R<lb/>z<lb/><lb/><lb/><lb/>F<lb/>F<lb/><lb/>z<lb/><lb/><lb/>=<lb/>F<lb/>Carolina
habe mir vor dem Jahre verschiedene Auufträge<lb/>F<lb/>gegeben und mir
erlaubt, der Declamation beizuwohnen, -<lb/>damit ich Gelegenheit fände,
Gloria in der Nhe und in ?<lb/>Ruhe zu betrachien. Sie glaubte das natürlich
und - I<lb/>erkundigte sich grglos, ob Donna Carolina auch diese ,<lb/>.
H<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0166_165.tif" n="0165"/>
<p>1<lb/>Statue bekomme? ob sie fertig sei? ob sie auch in Stein<lb/>gehauen
werden würde? und was dergleichen Fragen mehr<lb/>noch waren.<lb/>Der Vater
verstand nicht, wovon wir redeten.<lb/>Gloria bedeutete ihm, indem sie mir
zuvorkam, ich hätte<lb/>ihr Bildniß gemacht in dem Costüme, in welchem
sie<lb/>einmal in Donna Carolina's Hause aufgetreten sei.<lb/>Dafür habt Ihr
uns nichts bezahlt, Signor! fiel<lb/>der Vater augenblicklich ein, und sie
haben doch in<lb/>Carrara und in Florenz, wie in Venedig und auch
hier<lb/>zu Lande, mir viel Geld dafür geboten, wenn ich meine<lb/>Tochter
Modell stehen lassen würde, allein sie hat es<lb/>nicht gewollt!<lb/>Dieser
plözliche Ausbruch seiner Habsucht brachte<lb/>mich zum Lachen. Gloria
jedoch faßte ihn von einer<lb/>andern Seite auf, und mit dem harten
Gesichtsauödruck,<lb/>der mir am verwichenen Tage so unangenehmt an
ihr<lb/>erschienen war, rief sie: Was fällt Euch ein, Vater!<lb/>Donna
Carolina hat uns ja bezahlt, und gut bezahlt,<lb/>für alle ihre Gäste. Daß
er ein gutes Gedächtuiß hat,<lb/>das ist seine Sache, dafür ist er uns
Nichts schuldig.<lb/>Ich widersprach ihr, indem ich mich auf
ihres<lb/>Vaters Seite stellte. Ich sagte ihr, daß ich zu ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0167_166.tif" n="0166"/>
<p><lb/>1<lb/><lb/>Fschiedenen Malen in ihrer Wohnung Nachfrage nach
--<lb/><lb/>g<lb/>Gelbstück hin. Gloria zuckte verächtlich mit den
Schultern.<lb/>Te<lb/>=a<lb/>? Es ist eine Schande! eine wahre Schande!
stieß sie<lb/>»<lb/><lb/>Aa<lb/><lb/>J hervor, aber -- sie zbgerte, sah mich
noch einmal an<lb/><lb/>z und sagte dann rasch und entschlossen: aber wenn
Ihr mich -<lb/>. S<lb/>-e<lb/>braucht, so will ich zu Euch kommen. Doch nur
zu<lb/>z- Euch! und Ihr müßt davon schweigen.<lb/><lb/>Ihr Ehrgefühl, ihr
feines Empfinden hatten sie<lb/>windung, welche es sie gekostet hatte, und
wie ich bis jetzt<lb/>»<lb/>- -<lb/>Ich beeiferte mich, Gloria bei ihrem
Wort zu -<lb/>Morgen zu, und der Vater bekräftigte ihr
Versprechen<lb/>-ä<lb/>R<lb/><lb/>-»»<lb/>-T<lb/>Flefem Jüngling gehen, wenn
ich es nicht wollte; da<lb/>k.
-<lb/><lb/>-<lb/>z<lb/>z<lb/><lb/><lb/>e<lb/><lb/>SSbrauche ich nicht dazu.
- Ich würde auch nicht zu<lb/>I<lb/>e<lb/>Tä<lb/>F; Von Euch ist nicht die
Nede, Vater! rief sie, Euch<lb/>k<lb/>1ä<lb/>ön<lb/>F mit einem: Ja! wir
werden kommen!-- Indeß die.<lb/>A<lb/>I<lb/>-S<lb/>halten. Sie sagte mir
eine Sizung für den nächsten -<lb/>I<lb/>a<lb/><lb/>des Mädchens Schbnheit
bewundernd angestaunt, so erschien -<lb/>-. Tochter lehnte sich gegen seine
Absicht auf.<lb/>W<lb/>e<lb/>mich sie nicht ermessen konnte; ich sah aber
die Neber-<lb/>a<lb/>.<lb/>zu einem Anerbieten fortgerissen, dessen
Bedeutung für<lb/>es mir nun plötzlich als Character ebenso
ungewöhnlich.<lb/>D<lb/>»ä<lb/>z entledigen wollen, und reichte dem Vater
das begehrte<lb/>T<lb/>A<lb/>AM<lb/><lb/>ihnen gehalten hätte, weil ich mich
meiner Schuld hätte<lb/>A<lb/>W<lb/>Ie<lb/>D<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0168_167.tif" n="0167"/>
<p>u?<lb/>ich's aber will, so gehe ich allein ! Ihr wißt, scheint<lb/>müir's,
ich stehe fi:r mich selber!<lb/>Der Vater brummte ein mürrisches: Nach
Belieben!<lb/>zwischen die Zähne, indeß die Frage, wie viel ich für<lb/>die
Stunde zu bezahlen gedächte, konnte er doch nicht<lb/>unterdrücken, und
auuch jetzt wieder lrat die Tochter ihm<lb/>mit der Herrschaft, welche sie
über ihn gewonnen zu<lb/>haben schien, fest entgegen.<lb/>Bin ich von denen,
rief sie, die Bezahlung<lb/>fordern, wo sie sich aus gutem Willen
angeboten<lb/>haben? Ich gehe, um diesem Jünglinge einen Gefallen<lb/>zu
thun, ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und er<lb/>wird mir nichts dafür
bezahlen. Auf morgen denn,<lb/>Signor! und um die gleiche Zeitl<lb/>Sie
rückte mit den Worten den silbernen breiten<lb/>Kamm zurecht, der ihre auf
den Nacken tief hernieder-<lb/>fallenden schweren Haarflechten am Hinterkopf
zusammen-<lb/>hielt; schlug den groben großblumigen Shawl um
ihre<lb/>Schultern, nöthigte den Vater, die Sizung zu beendigen,<lb/>ohne
auch nur zu fragen, ob mir das angenehm sei,<lb/>und entfernte sich mit ihm,
indem sie mir zum Abschiede<lb/>die Hand reichte, als wären wir alte
Kameraden.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0169_168.tif" n="0168"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0170_169.tif" n="0169"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0171_170.tif" n="0170"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0172_171.tif" n="0171"/>
<p>PFg Erlebniß war durchaus überraschend gewesen.<lb/>Ich wußte es mir nicht zu
deuten, welchem Beweg-<lb/>grunde ich Gloria's Zutrauen und die
Bereitwilligkeit<lb/>zu danken hatte, die sie mir erwies; ich konnte
mir<lb/>auch nicht erklären, wodurch sie über ihren Vater die<lb/>Gewalt
erhalten hatte, die sie ihn offenhar mit<lb/>Genugthuung emtpfinden uachte,
denn seine Blindheit<lb/>allein schien mir dafür nicht der ausreichende
Grund<lb/>zu sein.<lb/>Obschon mir nichts im Sinne lag, als die
schöne<lb/>Gloria, sprach ich doch mit meinem Beschüzer, als
wir<lb/>zusammen speisten, nicht davon, daß ich sie wieder-<lb/>gefunden
hätte, und ich konnte mir selber nicht ver-<lb/>bergen, daß ich neben dem
Verlangen, sie wiederzusehen,<lb/>eine heimliche Scheu davor hegte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0173_172.tif" n="0172"/>
<p><lb/>H<lb/><lb/><lb/>Ich stand vor meiner Melpomene mit dem -<lb/>Bewßtsein,
daß sie schöner, edler sei als Gloria, daß-<lb/>ich auf diese Gestalt Nichts
von dem harten und leiden- -<lb/>schaftlichen Ausdruck übertragen dürfe, den
Gloria's-<lb/>Züge angenommen hatten, und doch erschien mein Werk<lb/>mir
kalt, wenn ich an des Mädchens flammendes Auge -<lb/>und an den Blick
gedachte, mit dem es mir die Hand -'<lb/>gereicht. Die Wirklichkeit und die
Kunst, das Leben z<lb/>-- D<lb/>und das Ideal, machten sich mir in ihrem
Gegensatze Z<lb/>kenntüich.<lb/>Am nächsten Tage trat Gloria, wie sie es
mir<lb/>verheißen hatte, zu mir in meine Werkstatt. Da bin<lb/>A<lb/>ich!
sagte sie, und ganz geschäftömäßig fiigte sie die<lb/>Frage hinzu: Was
werden wir jetzt machen?<lb/>z<lb/>=-9<lb/>Sie sah weniger ermüdet und
auhiger aus, als<lb/>an dem verwichenen Tage. Ich ließ sie niedersetzen,
bot<lb/>ihr von den Brod und Wein, die ich in meiner
Werk-<lb/>S<lb/>H<lb/><lb/>S<lb/>=ä<lb/>statt hatte, sie genoßß davon, ohne
daß ich sie zu ndihigen<lb/>brauchte; aber noch während sie sich erfrischte,
wieder-<lb/><lb/>-<lb/>- 8<lb/><lb/>--<lb/>- holte sie die Frage, was ich
mit ihr zu machen denke.<lb/>Fs<lb/>»<lb/>a-d sagte, zuörderst wolle ich ihr
danken, daß fis F<lb/>T,<lb/>überhaupt gekommen sei.<lb/>z<lb/>»<lb/>Davon
ist keine Rede! erwiderte sie. Ich kam un ZHg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0174_173.tif" n="0173"/>
<p>u?<lb/>mmeinekwillen, nicht umn Euretwillen! -- Ich versland<lb/>nicht, was
sie damit meinte.<lb/>Selbst das arme Thier, sagte sie, will einmal
für<lb/>sich selber sein, will seinen Willen haben, geschweige<lb/>denn ein
Christenmensch. Ich aber bin niemals allein,<lb/>ich habe den Athem in der
Brust nicht mehr mein<lb/>eigen, und ich wollte eben einmal thun, was mir
gut<lb/>dünkte, mir selber!<lb/>Und deöhalb seid Ihr zu mir gekominen?
fragle<lb/>ich mit wachsendem Erstaunen.<lb/>Sie bejahte das bestimmt. Ich
wendete ihr ein,<lb/>daß mich dieses freue, dasß sie mich jedoch nicht
kene<lb/>und nicht wisse, ob ich ihr Vertrauen verdiene.<lb/>Ich soll Nichts
von Euch wissen? wiederholte sie.<lb/>Habe ich denn gestern nicht gesehen,
daß Ihr mich nicht<lb/>vergessen, daß Ihr an mich gedacht habt? und wer
die<lb/>Männer kennen gelernt hat, die vornehmen und die<lb/>geringen, wie
ich in diesem Jahre, der sieht es, daß<lb/>Ihr aus einem anderen Teig wie
sie gemacht seid, und<lb/>ein Frauenzimmer nicht für eine Dirne haltet, weil
es<lb/>mit seinem blinden Vater sich sein Brod auf den<lb/>Straßen und auf
den Wegen zu verdienen hat. --<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0175_174.tif" n="0174"/>
<p>1?1<lb/>Aber laßt uns an die Arbeit gehen, zum Sprechen ist<lb/>nachher die
Zeit.<lb/>Ich sagte ihr, daß ich in diesem Augenllick zu<lb/>arbeiten nicht
fähig, daß mir mehr daran gelegen sei,<lb/>ihr zu helfen, daß ich von ihrem
Schicksal durch Donna<lb/>Carolina damals unterrichtet worden sei, und daß
ich<lb/>geglaubt hätte, sie habe ihr Kloster freiwillig verlassen,<lb/>sie
sei ihreu Vater gern gefolgt.<lb/>Das ist auch Alles wahr! bestätigte sie
mir. Ich<lb/>konnte nicht länger still sizen, es erstickte unich in
deuu<lb/>Kloster, und ich sah, daß andere Mädchen ihren Vätern<lb/>folgten,
ihre Väier liebten. Ich wollte es machen wie<lb/>diese Andern, ich wollte
auch meinen Vater lieben und<lb/>mit ihm gehen. g glaubte den Nonnen nicht,
was<lb/>,<lb/>sie von ihm sagten. Ich glaubte meinem Vater, der<lb/>Nichts
hatte auf der Welt, als mich allein; und konnte<lb/>ich wissen, was vierzehn
Jahre im Bagno aus dem<lb/>Menschen machen?<lb/>So behandelt Euch der Vater
schlecht?<lb/>Nicht mit seinem Willen! entgegnete sie mir.
Er<lb/>S<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>-A<lb/>s<lb/>A<lb/>H<lb/>»<lb/>DA<lb/><lb/>-Te<lb/>S»<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>-
A<lb/>W<lb/>»A<lb/>z<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>weiß es nicht anders, und zuerst
ging Alles gut. Weil zzF<lb/><lb/>er eifersüchtig von Natur ist, war er
eifersüchtig auch<lb/>auf mich, wie er es auf meine arme Mutter
gewesen<lb/>WA<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>=r<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0176_175.tif" n="0175"/>
<p>s»?<lb/>7?<lb/>war. Niemand sollte mir nahe kommen, wir wollten<lb/>viel Geld
verdienen, wir verdienten auch viel Geld.<lb/>Der Vater sagte, wenn wir
genug Geld haben wütrden,<lb/>so würden wir ein Haus kaufen mit der Zeit,
würden<lb/>zu leben haben wie die Herren, und ich glaubte ihm<lb/>das Alles.
Aber-- -- ich war ein Kind, und was<lb/>weiß ein Kind von den Menschen und
von der Welt!<lb/>sagte sie mit einen schweren Seufzer.<lb/>Ich musßte sie
mit der Frage, was denn jezt<lb/>anders geworden sei, zu weiterem Sprechen
bringen.<lb/>Was anders geworden ist? Alles, Alles! Mein<lb/>Vater ist alt
geworden seit den fünf Jahren, die ich<lb/>bei ihm bin, weit älter als seine
Jahre. Die schwere<lb/>Arbeit in der Gefangenschaft hat seine Kräfte
aufgezehrt,<lb/>und man lebt nicht vierzehn Jahre in derselben,
ohne<lb/>Freundschaften zu schließen. Ein solcher Freund kam<lb/>uns zum
Ungllck auf einer unserer Reisen in den Weg.<lb/>Gut essen und gut trinken
hatte mein Vater immer<lb/>wollen-- der Arme hatte ja auch lange genng
ge<lb/>hungert und entbehrt! Aber seit wir jenem Elenden<lb/>begegnet waren,
wollte der Vater sich auch noch ver-<lb/>gnügen, und er that's. Sie
spielten, sie gingen ihre<lb/>Wege; was wir gewonnen, verschwand in ihren
Händen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0177_176.tif" n="0176"/>
<p>=<lb/>:R<lb/>»ze<lb/>1<lb/>=<lb/>?<lb/>E<lb/>Wir hatien oftmals Nichts. Die
Menschen sahen das<lb/>und die Menschen taugen Nichts. Sie dachten,
ein<lb/>Frauenzimmer, das mit solchen Männern in der Welt<lb/>unherzog, sei
zu kaufen und werde sich verkaufen.<lb/>Anfangs hatte ich an meinem Vater
doch noch<lb/>?<lb/><lb/>-<lb/>einen Schutz. Er wollte nicht, daß ich zu den
Künstlern<lb/>ging und ich wollte es noch weniger. Der Andere,
der<lb/>Nichtswürdige, machte den Vater allmälig anderen<lb/>Sinnes. Er
blieb, wohin wir immer zogen, stets in<lb/>unserer Nähe, er führte mir immer
neue Männer in<lb/>den Weg. Ich wollte fort, aber mein Vater war ein-
-<lb/><lb/>F<lb/>.=<lb/>-<lb/>-<lb/>=<lb/><lb/>mal mein Vater. Er war
inzwischen blind geworden, S<lb/>ich konnte ihn doch dem Elend und dem
Elenden nicht -?<lb/>überlassen, ich mußte also bleiben. So ist dies
I<lb/>gegangen auch durch dies ganze Jahr, und jetzo sind -<lb/>-<lb/>wir
wieder hier.<lb/>,<lb/>Die Txockenheit, mit welcher sie erzählte, steigerte
Z<lb/>die Wirkung ihrer Worte. Ich fragte, ob der Genosse<lb/>ihres Vaters
ihnen auch hierher gefolgt sei.<lb/>F<lb/>z<lb/>Nein! gllcküicher Weise ist
er todt, verunglückt J<lb/>in der Trunkenheit, aber er hat meinem Vater das
?<lb/>Herz gewendet und den Sinn verrückt, daß ihm Alles nichts,<lb/>mehr
gilt, nicht ich, nicht meine Ehre! Nichts als Geld! -<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0178_177.tif" n="0177"/>
<p>u<lb/>Welch ein Elend! rief ich in dem Hinblick auf<lb/>ihr Schicksal
unwillklirlich aus; sie jedoch verstand<lb/>das falsch.<lb/>Was wollt Ihr!
entgegnete sie mit bitterem Lachen,<lb/>das Geld ist nichts Geringes! Golb
ist eine grosße<lb/>Sache. Glaubt Ihr, daß es leicht sei, sein Leben
in<lb/>den Straßen zu gewinnen? Und ich könnte reich sein,<lb/>könnte in
einer Carosse fahren wie maunche Andere, die<lb/>nicht schöner ist als ich--
hätte ich nur gewollt!--<lb/>Ich könnte mich malen lassen, wie die Damen,
anstatt<lb/>daß ich hier sitze, die Figur ansehend, die Ihr nach<lb/>mir
gemacht habt, und mir sagend: das bist Du<lb/>nicht mehr!<lb/>Versündigt
Euch nicht an Euch selber! rief ich,<lb/>von ihrem Wesen überrascht und mehr
und mtehr ge-<lb/>wonnen. Ihr seid schn wie damals.<lb/>Wollt Ihr auch den
Verliebten uit mir spielen<lb/>wie die Anderen! Wollt Ihr mich vertreiben?
rief sie,<lb/>indem sie sich erhob. Und ich habe Euch doch gesagt,<lb/>daß
ich davon Nichts hören mag!<lb/>aeh nahm mich zusammen ihr zu begegnen,
wie<lb/>sie es verlangte. So sprecht, was kanu ich für Euch<lb/>thun? fragte
ich.<lb/>F. Lewald, Benv enuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0179_178.tif" n="0178"/>
<p>Nichts sollt Ihr für mich thnn!<lb/>s<lb/>z<lb/>s<lb/>z<lb/>-<lb/>Aber
weshalb seid Ihr denn gekommen? fuhr<lb/>ich
sort.<lb/><lb/>1K<lb/>?.<lb/>B<lb/>-<lb/>-?<lb/>Weshal0? Weshalb?
wiederholte sie, ich hab's Euch ,<lb/>j gesagt! Ich bin gekommen, Euch ein
Vergnügen zu<lb/>bereiten, und meinent Vater zu zeigen, daß ich thun -
-<lb/>z<lb/>kann, was mir gefällt.<lb/>Ich wußte nicht, was ich mit ihr
machen sollte.<lb/>h<lb/>Mir hatte das Glick gelächelt seit der Stunde
meiner Zg<lb/>Gebnrt, ich kannte für mein Theil das Leben nur von<lb/>-
-<lb/>seiner Sonnenseite, kannte die Menschen wenig, das - -.?<lb/>Unglück
und seine vernichtenden Wirkungen noch weit-<lb/>weniger. Ich konnte mir
nicht denken, daß eine -'<lb/>D<lb/>Schbnheit und eine Characterstärke, wie
dies herrliche =<lb/>-<lb/>- ?<lb/>Mächen sie besaß, nicht zum Glücke
bestimmt sein<lb/>-=<lb/>kömnten, und weil ich Gloria in einer Weise
darzustellen,<lb/>1<lb/>F<lb/>vermocht hatte, an der sie sich erfreute und
erhob, so<lb/>meinte ich sie auch im Leben über ihr
gegenwärtiges<lb/><lb/>I<lb/>Schicksal erheben zu können. Ihr Character, ihr
Ver-<lb/>vrauen zu mir, flößten mir dazu den Muth ein. Ich FF<lb/>hielt mich
meiner völligen Uneigennüzigkeit gewiß, ich F<lb/>wappnete mich in meiner
bescheidenen Blouse mit dem F<lb/>-<lb/>I<lb/>- aznezsn -itterichen
Bewwuktsein der Armero's, =nd Zzzg<lb/><lb/>--'<lb/>z<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0180_179.tif" n="0179"/>
<p><lb/>z<lb/><lb/>D<lb/><lb/>e<lb/>?<lb/>E-<lb/>F<lb/>z<lb/><lb/>H<lb/>Rt- -
--<lb/>ein<lb/>nicht<lb/>Acht, sondern schickte sich zum Gehen an.<lb/>Ich
bat sie wiederzukehren, sie nahm das als<lb/>selbstverständlich an, weil ich
ihren Vater zu modelliren<lb/>angefangen hatte, und wir verabredeten, daß
sie ihn am<lb/>k<lb/>E<lb/>besseres Schicksal, eine schönere Zukunft ihr
nicht<lb/>fehlen könnten, wemn sie danach verlange; sie gab
darauf<lb/>nderen Morgen zu mir bringen sollte.<lb/>?<lb/><lb/>Hand
reichend, sagte ich ihr, sie solle es nicht
zu<lb/>die<lb/>e<lb/>H<lb/>u7<lb/>E<lb/>k<lb/>W<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/>PgK<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0181_180.tif" n="0180"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0182_181.tif" n="0181"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0183_182.tif" n="0182"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0184_183.tif" n="0183"/>
<p><lb/>F<lb/>s<lb/>ee Sie sich in die Seeie eines Jünglings.<lb/>eines
Künstlers von zwanzig Jahren, und Sie werden<lb/>sich die Aufregung
vorstellen können, in welcher ich mich<lb/>befand. Phantastische Plane für
Gloria's Zukunft, und<lb/>nüchterne Neberlegungen, wie man den
Bänkelsänger<lb/>dahin bringen könne, sich in Ruhe versorgen zu
lassen,<lb/>damit die Tochter frei über sich selbst verfügen und in<lb/>die
theatralische Laufbahn eintreten könne, für welche<lb/>nach meiner Meinung
ihre Anlagen sie bestimmten,<lb/>wahres Mitleid mit dem unglücklichen
Mädchen und<lb/>eine romantische Eingenommenheit für dasselbe,
wechselten<lb/>in mir ab.<lb/>Ich wollte Gloria so rasch als möglich, so
ent-<lb/>schieden als möglich helfen, aber obschon ich zuversicht-<lb/>lich
wußte,' daß ich ebensowohl von Donna Carolina,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0185_184.tif" n="0184"/>
<p><lb/>e -<lb/>E<lb/>?<lb/>18<lb/>wie von Monsignore Arrigo zweckmäßjgeren Rath
und<lb/>weit wirksameren Beistand als ich ihr zu bieten ver-<lb/>mochte, für
Gloria erlangen konnte, blieb ich bei meinem<lb/>Vorsatze, es ihnen für das
Erste zu verschweigen, daß<lb/>ich das schöne Mädchen so unerwartet
wiedergesehen<lb/>hätte, daß es bei mir gewesen sei und mir sein Ver-<lb/>-
trauen zugewendet habe. Ich fürchtete Arrigo's welt-<lb/>- männische und
lebenskundige Scherze. Ich besorgte,<lb/>Donna Carolina's vielgeschäftiger
Eifer möchte auf<lb/>Maaßregeln für Gloria verfallen, welche sie
meinent<lb/>Einfluß entziehen, mich des Glückeö berauben könnten,<lb/>sie zu
sehen und sie, wie ich es mir verheißen hatie,<lb/>selbst aus ihrem Unglück
zu erlöfen. Und wenn es<lb/>mir inzwischen durch den Kopf ging, daß dies
Alles<lb/>., nur Vorwände meiner Selbstsucht seien, so half ich mir<lb/>J
mit der Erwägung, daß ich Gloria's Vertrauen nicht<lb/>--<lb/>z. täuschen,
ihre Mittheilungen nicht verrathen dürfe, über<lb/>?. j,des vernünftige
Bedenken fort.<lb/>Am nächsten Morgen stellte sie sich, wie sie
es<lb/>versprochen hatte, mit dem Vater um die festgesetzte<lb/>Stunde
pünktlich bei mir ein, und da ich darauf aus<lb/>war, mir einen dauernden
Verkehr mit ihr zu sichern,<lb/>so beschloß ich, meinem ersten Einfall'
nachgebend,
den<lb/><lb/>-<lb/>z<lb/>s<lb/>-I<lb/>T<lb/>A<lb/>A<lb/>»<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0186_185.tif" n="0185"/>
<p>18<lb/>Vater und die Tochter alä Modelle für einen von<lb/>Antigone geführten
Dedipus zu
benutzen.<lb/><lb/>s<lb/>s<lb/>ss<lb/>s<lb/>F-<lb/>E<lb/>e<lb/>?<lb/>L<lb/><lb/>t<lb/>E<lb/>s<lb/>F<lb/>P.<lb/>?<lb/>s-<lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/><lb/>Ezs<lb/>A<lb/>eS<lb/>E<lb/>kE<lb/>K<lb/>E<lb/>s<lb/>F<lb/>dr<lb/>Der
Vater verlangte es gar nicht besser, Gloria<lb/>widersezte sich diesem
Vorschlag nicht. Ich sah sie also<lb/>an jedem Morgen in der Frühe wieder,
und im späteren<lb/>Verlauf des Tages gingen sie ihcem
Bänkelsänger-<lb/>werbe nach.<lb/>War der Vater mit ihr, so verhielt Gloria
sich<lb/>still und fiel ihm nur bisweilen mit kaltem und hartemt<lb/>Worte
in die Rede, wenn er irgend Etwaä vorbrachte,<lb/>was ihrem feineren Sinne
widerstrebte; und fitr den<lb/>Augenblick fügte er sich dann gewöhnlich der
Gewalt,<lb/>die sie ihm anthat. Aber ich hatte nuur wenig Tage<lb/>nöthig,
um mich zu überzeugen, welche unausgesezte<lb/>Erniedrigung die Tochter in
dieseä Mannes beständiger<lb/>Gesellschaft zu erdulden habe, und um daneben
zu der<lb/>Einsicht zu gelangen, daß auch auf sie der Auöspruch<lb/>bis zu
einem gewissen Grade seine Anwendung finde,<lb/>den sie über die Wirkungen
gethan, welche der lange<lb/>A<lb/>ufenthalt im Bagno auf ihren Vater
ausgeüübt hatte.<lb/>Von der Natur groß und gut angelegt, hatte
die<lb/>strenge und religiöse Erziehung, deren sie biö in
ihr<lb/>dreizehntes Jahr in dem Schutze des Klosters
genossen,<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0187_186.tif" n="0186"/>
<p>1<lb/>ihr sittliche Vegriffe eingeprägt, die sie bis dahin davor<lb/>bewahrt
hatten, den groben Versuchungen zu erliegen,<lb/>welchen sie in dem
herumziehenden Leben preisgegeben<lb/>war. Aber der Widerwille gegen ihre
Umgebung, selbst<lb/>der Widerstand, den sie zu ihrem Schutze
fortwährend<lb/>aufzubieten genöthigt war, hatten sie verbittert
und<lb/>verhärtet, und ihr eine Verachtung der Menschen und<lb/>der Welt
gegeben, gegen die schwer anzukämpfen war,<lb/>weil sie sich mit grausamem
Behagen in diese Sinnesart,<lb/>wie in eine Rolle hineingelebt hatte. Es lag
das ohne<lb/>Frage in ihrer künsilerischen Anlage, aler es quälte<lb/>und
beleidigte mtich deshalb nicht weniger, wenn diese<lb/>Nichts achtende
Härte, wie eö oft geschah, sich roh und<lb/>unvermittelt kund gab; und ich
sellst gerieth ihr gegen-<lb/>über in einen Zwiespalt, der mir bald die Ruhe
und<lb/>den Frieden raubte, und der mtich aus einer Stimmung<lb/>in die
andere warf.<lb/>War ich von Gloria entfernt, so erschien sie mir<lb/>in
ihrer ganzen ursprünglichen Schönheit, daß ich sie<lb/>wie ein Jdeal
bewunderte; war sie neben mir, so<lb/>schwand dieser Zauber, ja ich konnte
in einzelnen Auugen-<lb/>bicken einen wirklichen Widerwillen gegen sie
fühlen.<lb/>Indeß das Mitleid, welches sie mir einflößte, die Zu-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0188_187.tif" n="0187"/>
<p>u8?<lb/>neigung und das Vertrauen, welche sie mir bewies, und<lb/>ihre
Schönheit überwältigten mich und meine Sinne<lb/>immer auf daä Neue, und
daßß ich vor ihr meine<lb/>wachsenue Leidenschaft und das Verlangen nach ihr
ver-<lb/>bergen musßte, die in mir aufgelodert waren, verstärlte<lb/>deren
verzehrende Gewalt.<lb/>Gloria schien von dem Alle. ---=- z ahnen,<lb/>s
Da<lb/>Nichts zu fühlen. Dte Absicht, ueine Melpomene nach<lb/>ihrem
lebendigen Vorbild noch einmal durchzugehen,<lb/>hatte ich bald auufgegeben.
Denn sie hatie Necht gehalt<lb/>mit ihreu Ausdruck: sie war nicht ue hr
dieselbe; und<lb/>doch war der Zauber, den sie auf meine
Phantasic<lb/>auäübte, ein so lelhafter und ausschli:ßlicher, das
ich<lb/>sicher war, den idealen Auödruck der typischen
Gestalt<lb/>unwiederbringlich zu zerstören, sobald ich es
unlernahm,<lb/>Gloria noch nachiräglich alö Modell fir dieselle
z<lb/>benuutzen.<lb/>-ie Statue ward also dem Formner übergeben,
ic<lb/>hatte danach das Gypsodell vllig durchgearbeitel und<lb/>bis in die
kleiusten Einzelheiten ausgefithrt. Arrigo's<lb/>Güte schaffte mir den
Marmorblock, und es hatte dann,<lb/><lb/>so oft ich auch dergleichen aechnik
zugesehen, etwas<lb/>Geheimnißvolles, etwas Neberraschendes für mich,
als<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0189_188.tif" n="0188"/>
<p>18<lb/>ich zum ersten Male in meiner Werkstatt den Punktirer<lb/>damit
beschäftigt sah, aus dem leblosen Gestein die<lb/>Gestalt herauszuarbeiten,
die meines Geistes Kind war,<lb/>die ich geschaffen hatte, und die
schließlich durch meine<lb/>Hand ihr volles Leben, ihre Vollendung erhalten
sollte,<lb/>um weit hinaus zu dauern über meines eigenen
Daseins<lb/>Schranke.<lb/>Monsignore Arrigo hatte eben dauals die
Stadt<lb/>für längere Zeit verlassen, ich hatte also mehr noch,<lb/>als
sonst das Reich für mich allein in meinem Garten-<lb/>flügel, und es lag
eine beständige Feiertagsstimmung<lb/>über mir, wenn ich einsam in meiner
Werkstatt war,<lb/>wenn ich die kurzen, gleichmäßig sich folgenden
Hammer-<lb/>schläge des Punktirers hörte, und mit jedem Tage die<lb/>Umrisse
meiner Melpomene deutlicher gestaltet aus dem<lb/>Steine sich entwickeln
sah. Aber sobald ich Gloria'S<lb/>nur gedachte, war mir das Alles wie
verwandelt. Und<lb/>ich sah sie täglich.<lb/>Sie brachte den Vater an jedem
Morgen zu mir.<lb/>Sie sah der Arbeit des Punktirens in der
großen<lb/>Werkstatt zu, während ich den Vater modellirte, oder<lb/>sie saß
und wanderte in dem Garten umher, ü ber dessen<lb/>schöne Regelmäßigkeit sie
ihr Vergnügen anssprach;
und<lb/>H<lb/>-T<lb/>V<lb/>z<lb/>z<lb/>z<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>H<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0190_189.tif" n="0189"/>
<p>18<lb/>wie ich dann nach einem anderen Mädchen, das ich als<lb/>nacktes
Modell früher schon benutzt hatte, den Körper<lb/>der Antigone entworfen
hatte, fand sich Gloria gleich<lb/>bereit, mir für die bekleidete Ausführung
Modell zu werden.<lb/>Sie hatte sich von mir die Hedipussage
erzählen<lb/>lassen, und sich dieselbe auf ihre Weise
angeeignet.<lb/><lb/>-<lb/><lb/>-<lb/>weiß auch, wie es thut, von Land zu
Land zu wandern!<lb/>Und in der That dachte sie sich völlig in die
Antigone<lb/>I dabei mit so natürlicher Schönheit zur Erscheinung,
daß<lb/>ich ihr kaum etwas anzudeuten, sondern mich nur
nach<lb/>s<lb/><lb/>Ich weisß, wie man einen blinden Vater führt,
und<lb/>hinein, und Stellung, Haltung, Gesichtsausdruck
kamen<lb/><lb/>F<lb/>Das kann ich machen, das bin ich! sagte sie.<lb/>hielt
mich überzeugt, daß sie endlich selber
erkennen<lb/><lb/>H<lb/>zs<lb/>?<lb/>?<lb/>?<lb/>Ihr darstellendes Talent
war über alle Zweifel<lb/>erhaben, sie entzückte mich in jedem Augenblicke.
Ich<lb/>--<lb/>z<lb/>ihrer Eingebung zu richten hatte.<lb/>müsse, welche
ungewöhnliche Begabung sie besaß, daß<lb/>sie früher oder später von selbst
darauf verfallen würde,<lb/>- sich durch die Ausbildung ihres Talents aus
den Ver-<lb/>hältnissen zu befreien, die sie als erniedrigend
empfand,<lb/>unter deren Last sie sich so unglücklich fühlte; aber
ich<lb/>g-<lb/>=.<lb/>z =uschte mich darin.<lb/>k?<lb/>Ef -<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0191_190.tif" n="0190"/>
<p>1<lb/>Ich erzählte ihr, während wir arbeiteten, von<lb/>dem Theater, und wie
die Gestalt, zu der ich sie als<lb/>Modell benuzte, schon vor alten Zeiten
und bis auf-<lb/>unsere Tage, auf der Bühne von den Dichtern
ver-<lb/>herrlicht worden sei; ich suchte ihre Neigung für die<lb/>Bühne zu
erregen, indessen es gelang mir nicht.<lb/>Ich bin im Theater gewesen, in
Tagtheater zu<lb/>verschiedenen Malen, sagte sie, und nannte mir
die<lb/>Orte, in denen es auf der Wanderschaft geschehen war.<lb/>Aber ich
möchte nicht so dastehen mit angemaltem<lb/>Gesicht, möchte nicht zu thun
haben mit den Männern,<lb/>mich nicht umtarmen lassen von dem ersten Besten
vor<lb/>aller Leute Augen, und von Liebe sprechen, so vor<lb/>aller Welt,
daß es eine Schande, eine wahre<lb/>Schande ist!<lb/>Aber thut Ihr nicht
dasselbe? wendete ich ein,<lb/>Ihr sprecht ja auch von Lebe vor aller Leute
Ohren<lb/>auf der Straße!<lb/>Sie machte mit Hand und Kopf eine
abwehrende<lb/>Bewegung. Das ist etwas Anderes! sagte sie. Das<lb/>ist ein
Gedicht! Und ich habe mit Niemandem dabei<lb/>zu thun, ich spreche von den
Anderen und nicht von -<lb/>mir. Ich verstelle mich nicht, ich male mich
nicht an,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0192_191.tif" n="0191"/>
<p>1U<lb/>,ich maskire mich nicht. Ich bin ich selbst, und treibe<lb/>ein
ehrliches Gewerbe! Das ist ganz etwas Anderes,<lb/>Signor! -- Es ist hart,
mein Handwerk und mein<lb/>Brod, aber eine Schauspielerin mbchte ich nicht
sein!<lb/>Nein! niemals!<lb/>Mein Erklären, mein Zureden fruchteten
Nichts<lb/>bei ihr. Es war eine starre Beschränktheit in ihrer<lb/>ganzen
Natur. Sie zeigte nicht die geringste Neigung<lb/>irgend etwas Anderes zu
lernen, als daä eine Gedicht,<lb/>-<lb/>welches sie sich selbstständig zu
eigen gemacht hatte; und<lb/><lb/>ohne es zu wissen, bezeichnete sie ihren
Zustand richtig:<lb/>sie betrieb ihre durchaus künstlerische Leistung wie
ein<lb/>S!<lb/>k<lb/>Handwerk. Was uns Andere in derselben
entzückte,<lb/><lb/>F war ihr selber unbewußt, ja sogar das Gedicht, ds
sie<lb/>? Anfangs hingerissen hatte, machte ihr jezt keine Freude<lb/>F-mehr
und war ihr gleichgiltig geworden.<lb/>E.<lb/>s= Fast ebenso verhielt es
sich mit ihrer Lebenslage.<lb/>F<lb/>FSie war ihr zwider, ohne daß sie jdoch
an die<lb/>FMoglichkeit dachte oder glaubte, sich in andere oder<lb/>F
bessere Verhäütnisse zu bringen<lb/>F Was wollt Ihr, daß ich mache? Stille
sizen<lb/>F<lb/>z und die Nadel führen, das ist nicht mein Geschmack!<lb/>F
Heirathen? -- Ich habe die verheiratheten Männer<lb/>h<lb/>H
-<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0193_192.tif" n="0192"/>
<p><lb/>lennen lernen; sie sind schlimmer als die anderen, die<lb/>doch
bisweilen auch sich selbst betrügen, wenn sie<lb/>Liebeshändel suchen. Und
wen soll ich heirathen? --<lb/>Einen Armen?- Armu bin ich schon selber.
Einen<lb/>alten Neichen? -- Das Alter ist häßlich und mißtrauisch! z<lb/>--
und ein junger, der Etwas besizt und sich gut<lb/>ernähren kann, der trägt
nach meines Vaters Tochter,<lb/>die jahrelang in Lande herumgezogen ist und
ihren<lb/>Vater zu ernähren hat, beim Himmel! kein Ver-<lb/>langen. Ich muß
bleiben, wie ich bin. Es ist -<lb/>Nichts für mich zu machen.<lb/>Inzwischen
war der Vater krank geworden. Sie IF<lb/>konnten in der Strasße Nichts
verdienen, und GloriaS<lb/>ließ sich, da man, wie sie es nannte, doch leben
mußte, --I<lb/>das Modelliren von mir bezahlen. Mir war das
sehr-<lb/>I<lb/>viel lieber. Sie kam wie ich's bestellte, jezt an
jedem.<lb/>Tage, blieb den ganzen Morgen bei mir, und verkehrte<lb/>mit mir
in einer Arglosigkeit, die mir die größte<lb/>eberwindung auferlegte, wenn
ich mteiner selber<lb/>Meister bleiben, und sie aus ihrer Sicherheit nicht
auf-<lb/>schrecken wollte.<lb/>Sie sprach mit mir von allen ihren
Erlebnissen<lb/>und sie wgren oft bitier genug! Sie bat mich,
ihr<lb/>s<lb/>=<lb/>i<lb/>A<lb/>=A<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0194_193.tif" n="0193"/>
<p>?<lb/><lb/>ß<lb/>?<lb/>z<lb/><lb/>s<lb/>L<lb/>sH<lb/>E<lb/>h<lb/>e<lb/>T<lb/>E<lb/>E<lb/>19<lb/>an
jedem Tage die Hälfte des Geldes aufzuheben, das<lb/>ich ihr bezahlte, damit
sie etwas Eigenes habe und<lb/>einen Rückhalt für den Nothfall; und es war
wirklich<lb/>rihrend, es zu beobachten, wie die verhältnismäsige<lb/>Ruhe,
deren sie jht genoß, ihr wohl that. Ihre<lb/>Schbnheit bllhte von Neuem auf,
ihre Züge erweichten<lb/>sich allmälig, ihre Stimme verlor den rauhen,
scharfen<lb/>Klang, den das laute Sprechen und singende Recitiren<lb/>in der
Straße ihr gegeben hatte.<lb/>meiner Werkstatt mehr Ordnung<lb/>darin zu
halten pflegte, und sie<lb/>Modell. Wenn ich sie ermahnte,<lb/>Sie bemühte
sich, in<lb/>herzustellen, als ich<lb/>war unermüdlich als<lb/>sich nicht zu
sehr an-<lb/>zustrengen, wenn ich es in ihr Belieben stellte, die<lb/>Sizung
zu beenden, bekam ich immer nur die gleiche<lb/>Antwort: Es ist nicht so
ermüdend, als das Arbeiten<lb/>in der Straße, und es ist viel besser mit
Einem zu<lb/>arbeiten, als sich von Vielen bezahlen zu lassen und<lb/>seine
Bezahlung wie eine Bettlerin einfordern zu<lb/>gehen. Mein Tagewerk gefällt
mir, und ich komme<lb/>n zu Euch.<lb/>z<lb/>Fg vor<lb/>Aeußerte ich ein
Verlangen danach, so recitirte sie<lb/>mir aus dem befreiten Jerusalem, was
immer ich<lb/>s<lb/>F Lewald, Benvenuto. l.<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0195_194.tif" n="0194"/>
<p>14<lb/>begehrte. Mußte sie sich ausruhen, so trat sie gewöhn-<lb/>lich dicht
an mich heran, mit mir gemeinsam meine<lb/>Arbeit zu betrachten, und es war
schon öfter vor-<lb/>gekommen, daß sie sich dabei auf mich gestützt hatte,
um<lb/>es sich bequem zu machen, wenn sie müde war.<lb/>Es waren Tage und
Tage also hingegangen, da<lb/>trat sie eines Morgens zeitiger als sie
pflegte, und mit<lb/>der kurzgesprochenen Frage bei mir ein, ob ich sie
noch<lb/>brauche?<lb/>Ich erkundigte mich, was das heißen solle?
Das<lb/>könnt Ihr Euch wohl denken! gab sie mir zur Antwort.<lb/>Der Vater
ist wieder auf den Füßen, wir müssen wieder<lb/>an die Arbeit.<lb/>Und Ihr
wollt mit ihm gehen? rief ich erschreckend<lb/>bei dem Gedanken, mich von
ihr zu trennen. Du willst<lb/>gehen? und weißt doch, daß ich Dich nicht
entbehren<lb/>kann!<lb/>Sie wechselte rasch die Farbe und sagte:
Was<lb/>hilft'8? wir müssen gehen und gleich morgen!<lb/>Morgen! rief ich,
meiner selbst nicht länger mächtig.<lb/>Nein, Du wirst nicht gehen, morgen!
und Du willst<lb/>auch gar nicht gehen!<lb/>Schweigt, Signor! bat sie, sich
von mir wendend, -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0196_195.tif" n="0195"/>
<p>z<lb/>19<lb/>schweigt! Da hilft das Neden nicht! Kein Wort mehr<lb/>davon,
Signor!<lb/>Und doch muß es gesagt sein! fiel ich ihr in di:<lb/>Rede,
obschon es dessen nicht bedarf. Ich hale ja<lb/>geschwiegen, seit ich Dich
wiedersah, denn D solltes<lb/>Deinen<lb/>daran<lb/>Wozu<lb/>Du es<lb/>Willen
haben. Du solltest sehen, daß mir mehr<lb/>gelegen war, Dich zu befriedigen
als mich<lb/>hat es geholfen? Sieh mich offen an! Weifßr<lb/>nicht, daß
uuich die Leideuschaft fitr Dich ver<lb/>zehrt? Weißt Du es nicht, daß Du
nur deshalb alle<lb/>Tage zu mir gekommen und sanft und glücklich bei
mi<lb/>gewesen bist, weil auch Du mich liebft?<lb/>Sie hatte den Arm auf den
Modellirtisch, die<lb/>Stirn gegen ihre zusammengehallte Hand gestützt
und<lb/>blickte gesenkten Hauuptes vor sich auf den Boden nieder.<lb/>Mit
einem Male hob sie das Haupt empor. Nein<lb/>sagte sie, und blickte mich mit
festent Auge an, nein!<lb/>ich habe es nicht gewußt. -- Nichts habe ich
gewusßi<lb/>bis gestern, nicht einmal daß Ihr mit Lüüge gegen
mich<lb/>gehandelt habt. - Aber nun kenne ich Euuch, und
nun<lb/>lst's<lb/>auch zu Ende zwischen Euch und mir.<lb/>Jetzt errieth ich,
was geschehen war, und ich sagte<lb/><lb/>E ihr Alles, was meine
Leidenschaft, was mein Verlangen<lb/>z<lb/>t<lb/>H<lb/><lb/>zF<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0197_196.tif" n="0196"/>
<p>10<lb/>sie zu beruhigen und zu halten, mtir eingaben; denn<lb/>ihre
unschuldsvolle Wahrhaftigkeit entzückte müich, und<lb/>ihr Widerstand
steigerte mein Begehren. Ich drang in<lb/>sie, sich auszusprechen, weil ich
gewiß sei, mich recht-<lb/>fertigen zu können und sie that es
endlich.<lb/>Ich habe Euch vertraut und nicht an Euch ge-<lb/>zweifelt, denn
Eure Worte waren bescheiden, und die<lb/>Mtiene, utit welcher Ihr zu mir
redetet, war symnpathisch,<lb/>sagte sie. Ihr habt mich glauben machen, Ihr
wäret<lb/>aus dem Volke so wie ich, Ihr wäret ein Künstler, den<lb/>Donna
Carolina und Monsignore Arrigo unterstützten;<lb/>und wie mit meines
Gleichen habe ich mit Euch ver-<lb/>kehrt. Nichts habe ich Euch
verschwiegen, Nichts<lb/>verhorgen von Allem, was ich Aermste erlebte, denn
ich<lb/>kann nicht Ligen sagen, aber Ihr habt das vermocht.<lb/>-- Gestern
noch, fuhr sie fort, während ihre Stimme<lb/>wankte, gestern noch ging ich
in gutem Glanben ruhig<lb/>von Euch fort. Ich nahm Euer Geld, wie Ihr
vorgabt,<lb/>selber Geld für Eure Arbeiten zu empfangen. Da -- -<lb/>sie
hielt inne und fuhr dann rascher und mit steigender<lb/>Bewegung fort: Als
ich aus dem Portale des Palastes<lb/>kam, hielt ein Wagen vor demselben. Ein
vornehmer<lb/>Herr saß darin. Er sah mich und rief mich an
mit<lb/><lb/>d<lb/>z<lb/>A<lb/>z<lb/>-K<lb/>N<lb/>T<lb/><lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0198_197.tif" n="0197"/>
<p>s<lb/><lb/>s<lb/>=.<lb/><lb/>P<lb/><lb/>us<lb/>E«<lb/>z<lb/>D=<lb/>meinem
Namen, ich wußte nicht, wer er war. Er<lb/>wunderte sich, wie Ihr dereinst
gethan, daß ich in<lb/>der Stadt sei.<lb/>bei Donna Car<lb/>ich hier
käme.<lb/>Er sagte, er habe mich damals gesehen<lb/>olina, und er fragte
mich, von wannen<lb/>Ich wollte mich aus dem Wege machen,<lb/>denn seine
Freundlichkeit war von der Sorte, die ich<lb/>kenne; aber der
Thürsteher<lb/>wannen sie her komuitt? fragte<lb/>Marchese, der sie zum
Mobell<lb/>trat dazwischen. Von<lb/>er, nunn vonu demt Herrn<lb/>hat, für
sich ganz allein.<lb/>= Als ich darauf sagte, ich arbeitete hier mit
einemt<lb/>Bildhauer und wüßte Nichts von einem Herrn Marchese,<lb/>lachten
sie mir in's Gesicht, und der Fremde meinte, er<lb/>selber sei freilich kein
Bildhauer wie der Herr Marchese<lb/>von Armero, aber wenn ich ihn auch
besuchen wolle,<lb/>so solle es nicht mein Schade sein! - Sie biß
die<lb/>Zähne auf einander. Ich versuchte zu sprechen, aber<lb/>ließ mich
nicht zu Worte koumen.<lb/>Macht Euuch keine Mühe, sagte sie, es geschah
mir<lb/>damit recht. Warum bin ich zu Euch gegangen?---<lb/>Aber ich wollte
Ihr wüßtet, wie mir dabei zu Muthe<lb/>E<lb/>F<lb/>1?<lb/>war, und wie ich
Euch von Herzen dafür haßte! Wie<lb/>ich von dem Platze, von Eures Hauses
Schwelle fort-<lb/>kam -- ich kann's nicht mehr sagen. Ich konnte
vor<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0199_198.tif" n="0198"/>
<p>18<lb/>dem Thürsteher die Augen nicht mehr aufschlagen.<lb/>Driben in die
Kirche flüchhtete ich mich hinein mit<lb/>meinem Grimm. Da habe ich
gesessen, lange, lange;<lb/>und habe mich hingeworfen vor die heilige
Muiter<lb/>Gottes und hale beten wollen, und die Worte sind
mir<lb/>weggewischt gewesen aus den Kopfe. Perle un: Perle<lb/>ist durch
meine Hände gerollt von meinem Rosenkranz,<lb/>und ich habe geweint,
geweint! Beten kann ich nicht<lb/>seitdem. -- Ich bin nach Hanse aegangen
wie eine<lb/>Verdammte, und habe nicht finden können, was mir<lb/>war. a'a
hat - aler zu sprechen angefangen und<lb/>dö=- M<lb/>=- gelagk, er könne
wieder vorwärts, und wir müßten<lb/>s.-s<lb/>an die Arbeit. Das ist mir
duurch's Herz gefahren,<lb/>und nun h.. -» ? gewußt -- und Euch verwiinscht
-<lb/>- 1.<lb/>und mich!<lb/>Gloria! rief ich trunken vor Eutzücken, und
hielt<lb/>ihr meine beiden Hände hin. Sie aber trat rasch von<lb/>mir
zurück.<lb/>Nichts da von Gloria! rief sie, ich werde froh<lb/>fein, wenn
ich fort bin, weit fort von hier und weit<lb/>von Euuch!<lb/>Ich konnte mich
nicht länger halten. Ich schloß sie<lb/>in meine -==e, indeß sie bog das
stolze Haupt
zuruck,<lb/>Ns»-s<lb/>-<lb/>u<lb/>g<lb/>I<lb/>z<lb/>»<lb/>A<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0200_199.tif" n="0199"/>
<p>b<lb/><lb/>i<lb/>s<lb/>k<lb/>?<lb/>k -<lb/>E<lb/><lb/><lb/>D<lb/>f<lb/>E
-<lb/>gW-<lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>e?<lb/>s<lb/>E<lb/>AB<lb/>109<lb/>nd mit
einer Angst, die mir das Herz erschütterte,<lb/>flehte sie: Lasßt mich um
aller Heiligen willen! LFt<lb/>mich gehen, Signor! So -- gerade so hab' ich
Euch<lb/>gesehen in meinem Trauume diese Nacht! Und ich hahe<lb/>Euch
umfangen, wie Ihr mich! Aber die Madonna h:<lb/>sich niedergesenkt zwischen
Euch und mich, und hat ds<lb/>Schwert gezegen auus ihrem blutenden Herzen
und hat<lb/>es mir durch die Brust gestosen, das; ich mit einen:<lb/>Schrei
erwacht bin!-- Und wie ich dann emporfuhr,<lb/>war es tiefe Nacht und ich
hörte eine Stimme, die mir<lb/>sagte: Hüte Dich vor ihm, es ist Dein Unglück
we<lb/>u bleibst!<lb/>Sie brach in heftiges Weinen aus, wir lagen
Bruust<lb/>an Brust, meine Lippen tranken ihre Thränen. Eä war<lb/>von
Scheiden keine Rede mehr.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0201_200.tif" n="0200"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0202_201.tif" n="0201"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0203_202.tif" n="0202"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0204_203.tif" n="0203"/>
<p><lb/>F=<lb/>E<lb/>E<lb/>k<lb/>k<lb/>z<lb/>k<lb/>s<lb/>k<lb/>h<lb/>k.<lb/>keh<lb/>F<lb/>u
Hochsommer, als Monsignore Arrigo wieder-<lb/>rte, war meine Melpomene aus
dem Marmorblock int<lb/>Groben lange schon herausgefördert. Ich legte selber
die<lb/>letzte auöführende Hand an<lb/>thuung, mit welcher mein<lb/>war mir
ein hoher Lohn.<lb/>dankte. Er lobte<lb/>Beschützer vor derselben
stand,<lb/>Er behauptete, mir eine der<lb/>.nes Lebens schuldig zu sein,
während<lb/>reinsten Freuden sei<lb/>ich doch all' mein<lb/>diese Arbeit,
und die Genug-<lb/>Glick seinem Zutrauen zu mir ver-<lb/>mich, daß ich um
meiner Arbeit<lb/>willen die Stadt auch während der heißen Monate
nicht<lb/>verlassen hätte, und ich stieß in ihnt auf keine Strenge,<lb/>als
er es dann inne wurde, wie nicht allein gewissen-<lb/>after Fleiß mich in
der Werkstatt festgehalten.<lb/>Ich konnte in dem folgenden Winter meine
Mel-<lb/>pomene noch zeitig genug beendigen, um sie auf die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0205_204.tif" n="0204"/>
<p>W1<lb/>Auöstellung von Kunstwerken zu senden, welche in<lb/><lb/>Frühling
jenes Jahres auf dem Capitole stattfand, und<lb/>ich hatte das Gllck, meine
Arbeit mit dem ersten Preise<lb/>gekrönt zu sehen. Man beglückwünschte die
Eltern zu<lb/>meinem Erfolge, sie hörten es in ihren
Lebenskreisen<lb/>vielfach rühmend erwähnen, daß sie dem Talente
ihres<lb/>Sohnes die freie Entwickelung gegönnt hätten. Meine<lb/>Mutter,
die sich sagen durfte, daß sie in dieser Hinsicht<lb/>keine unverdiente
Anerkennung finde, hatte eine große<lb/>Freude an meinem Gelingen, mein
Vater suchte sich<lb/>mit meiner Laufbahn auszusöhnen; es widerstrebte
ihm<lb/>aber trotzdem sehr entschieden, als ein Fremder meine<lb/>Arbeit zu
kaufen wünschte. Monsignore Arrigo, dessen -<lb/>Großmuth nichts halb zu
thnn vermochte, nahm deshalb -<lb/>diese meine erste Statue für sich in
Anspruch. Er<lb/><lb/>brachte sie meiner Mutter als eine Huldigung
dar,<lb/>und in dem Empfangzimmer derselben fand sie
ihren<lb/>Plaz.<lb/>Wenn ich in jenen Tagen einmal die Nuhe gewann,<lb/>über
mich selber nachzudenken, so schwindelte mir fast<lb/>vor meinem Glücke.
Meine Mutter behandelte mich<lb/>wieder mit der besonderen Zärtlichkeit,
welche sie mir<lb/>früher hatte angedeihen lassen. Die Gesellschaft, der
ich<lb/>A<lb/>- ez<lb/>A<lb/>-<lb/>--F<lb/>T<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0206_205.tif" n="0205"/>
<p><lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>LB<lb/>durch meine Geburt angehörte, interessirte sich
für meine<lb/>- Arbeiten wie für die Erfolge eines
Familien-Mitgliedes,<lb/>und Donna Carolina und Monsignore Arrigo
theilten<lb/>sich in die Genugthuung, von Anfang an Zutrauen zu<lb/>mir
gehabt zu haben. Die Erstere namentlich wußte<lb/>sich Etwas damit, daß sie
es gewesen sei, die mir das<lb/>Modell zu meiner Muse zugeführt
hatte.<lb/>Sie kam öfters in meine Werkstatt, die Fremden,<lb/>welche in
ihrem Hauuse eingeführt waren, folgten ihrem<lb/>Beispiel, und weil sie
selber mich weit über die Gebühr<lb/>bewunderte und empfahl, fand ich auch
unter den<lb/>F Fremden früher, als es sonst geschehen sein
würde.<lb/>E<lb/>Fg Aufträge zur Ausführung der Stizzen, die ich
gelegentlich<lb/>entworfen hatte, und damit Anreiz zu einem
muthigen<lb/>Vorwärtsgehen.<lb/>Auch mit meinen Fachgenossen lebte ich auf
bestem<lb/>FF Euße. Sie fühlten es, wie mein ganzer Sinn der Kuns<lb/>FF
angehörte, sie freuten sich der Lust, mit welcher ich mich<lb/>ihnen
anschloß, der Ehrlichkeit, mit der ich mich ihnen<lb/>unterordnete und von
ihnen zu lernen trachtete, und si:<lb/>mißgönnten mir nicht einmal den
Preis, den ich ge-<lb/>, wonnen hatte, weil ich es ihnen und mir selber
nich:<lb/>verhehlte, daß meine Ausnahmestellung nicht ohnr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0207_206.tif" n="0206"/>
<p>2e<lb/>Einfluß auf das Urtheil der Jury gewesen sein mochte.<lb/>Nur um
Gloria beneideten sie mich, um das schöne<lb/>Geschöpf, das sich mir mit
einer Liebe und einer Leiden-<lb/>schaft zu eigen gegeben hatte, die ich mit
ihr theilte<lb/>und die mir ein neues, mich berauschendes Glück er-
-<lb/>schlossen hatie.<lb/>Dafß ich sie nicht neben ihrem Vater lassen
konnte,<lb/>verstand sich ganz von selbst. Sie hatte eigentlich
kein<lb/>Herz für ihn, und er verdiente es auch nicht anders.<lb/>Nur
Mitleid, nr ein instinctives Pflichtgefihl und die<lb/>Verlassenheit, der
sie anheimgefallen war, nachdem sie<lb/>ihm auf sein Ueberreden aus dem
Kloster in die Welt<lb/>gefolgt war, hatten sie neben ihm festgehalten.
Sie<lb/>war deshalb sehr zufrieden, daß ich für ihn in
einer<lb/>angemessenen Weise sorgte, um sie von ihn entfernen zu<lb/>können;
aber sie war der Nnhe und der Einfamkeit<lb/>entwöhnt und ihre Unkenntniß
der Welt hatte sie glauben<lb/>machen, daß sie nun inuer bei mir sein, daß
ich für<lb/>sie ausschließlich leben würde. Sie fand sich daher<lb/>schwer
enttäuscht, als sie erkenien mußte, daß dies nicht<lb/>also sein
konnte.<lb/>Unter den Künstiern und Kunstfreunden hatte<lb/>Gloria seit
ihrem Auftreten den Namen der
Zauberin<lb/>ä<lb/>e<lb/>V<lb/>A<lb/>V<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0208_207.tif" n="0207"/>
<p>zg<lb/>-
-<lb/>-<lb/><lb/>k<lb/>s<lb/>T<lb/>E<lb/>E<lb/>t.<lb/>E<lb/>z<lb/>s?<lb/>k<lb/>N?<lb/>behalten,
in deren Darstellung sie uns zuerst bekannt<lb/>geworden war, und wie abhold
sie allemt Scheine sich<lb/>auch erwies, gefiel ihr dieses wohl, denn sie
verlangte<lb/>wie Armida den Geliebten abzutrennen von seiner
Ver-<lb/>gangenheit, von seinen Freunden, von der Welt. Es<lb/>war ganz
vergebens, wenn ich ihr vorhielt, daß ich troz<lb/>meiner Leidenschaft für
sie, doch mehr und Anderes<lb/>erstreben und mehr begehren müsse, als nur
mich ihrer<lb/>Schönheit und ihrer Liebe zu erfreuen.<lb/>Wenn ich von
meiner Arbeit oder aus den Kreisen<lb/>der Gesellschaft, der ich angehörte,
zu ihr zurückkam,<lb/>entzückt, sie wieder zu sehen und bei ihr zu
verweilen,<lb/>fand ich sie meist traurig, oft in Thränen, und
fand<lb/>schwer, sie zu erheitern.<lb/>Du sprichst zu mir in guten Worten,
sagte sie,<lb/>aber Du brauchtest sie mir alle nicht zu geben, wenn<lb/>Du
so fühltest wie ich's thue. Du sagst mir, daß Du<lb/>glücklich bist, wieder
bei mir zu sein, daß keine Andere<lb/>Dir gefällt und Keine schön ist so wie
ich, daß Du<lb/>die Stunden zählest, die Dich von mir fern in
der<lb/>Gesellschaft oder bei der Arbeit halten. Nun denn,<lb/>wenn dem also
ist, weshalb gehst Du dahin, wo Du<lb/>Dein hdchstes Gllck nicht findest?
weshalb hast Du mich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0209_208.tif" n="0208"/>
<p>7<lb/>-<lb/>z<lb/>s<lb/>nicht immer neben Dir bei Deiner Arbeit?
weshalb<lb/>verkehrst Du mit den Frauen, die mir lange nicht<lb/>gleichen? -
Du hast Deine Lorbeeren gewonnen mit<lb/>dem Bildwerk, das Du mir
nachgebildet hast. Sie<lb/>bewundern die Antigone, die Du ebenfalls nach mir
,<lb/>geschaffen, und doch gehen Deine Augen andere Schön-<lb/>heit suchen.
Ich aber, was liebe ich außer Dir?<lb/>wonach verlange ich, als nach Dir
allein? Du bist die<lb/>Erde, auf der ich stehe, aus Dir schöpfe ich
meine<lb/>Nahrung, von Deiner Angen Sonne kommt mir all<lb/>mein Licht; und
könntest Du jemals wanken oder weichen, -<lb/>so wär's mein lezter Tag! Denn
besser in die Hölle<lb/>fahren, als Dich untreu sehen, neben mir!<lb/>Ihre
Klagen, ihre Zweifel wie ihr Drohen beun-<lb/>Ausdruck ihrer Liebe und
durchaus unbegründet, während<lb/>Wiederholung derselben geläufig geworden
waren, ihrer<lb/>Sprache einen großen Neiz verliehen. Weil' ihre
Be-<lb/>gabung so ungewöhnlich war, verfiel ich natürlich auf<lb/>den
Wunsch, sie einigermaßen unterrichten zu lassen und<lb/>so viel an mir war,
auszulilden; indeß sie lehnte jeden<lb/>solchenVorschlag,
jedessolcheBestreben
entschiedenvonsichab.<lb/><lb/>A<lb/>T<lb/><lb/>t<lb/>Aü<lb/>A<lb/>A<lb/>ruhigten
mich nicht. Sie waren nur ein wechselnder<lb/>die dichterischen Wendungen,
die ihr durch
jahrelange<lb/>z<lb/>A<lb/>A<lb/>»A<lb/>-A<lb/>A<lb/><lb/>»<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0210_209.tif" n="0209"/>
<p>E<lb/>E<lb/><lb/>E<lb/>E<lb/>K<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/><lb/><lb/><lb/>G<lb/>ä<lb/>N9<lb/>Ich
kann lesen, sagte sie, was Du mir schreibst,<lb/>ich kann auch schreiben um
Dir zu sagen, daß ich Dich<lb/>liebe, müßtest Du einmal auf eine kurze Weile
von mir<lb/>gehen, und um da Andere kümmere ich mich nicht.<lb/>Ich werde
nicht in fremde Lnder reisen ohne Dich;<lb/>mülßtest Du in der Freunde
leben, so wüirdest Du mich<lb/>.t Dir<lb/>- unk<lb/>fallen.<lb/>nehmen, daß
ich Dir nur zu folgen brauchte<lb/>in Büchern zu lesen, daran habe ich kein
Ge-<lb/>Schöner als der Tasso, den ich kenne, sind sie<lb/>nicht, erhabener
sind sie auch nicht; und sellst die<lb/>Schicksale und die Liebe jener
Helden rühren mich jezt<lb/>nicht mehr. Ich liebe Dich mehr als Armida
und<lb/>Chlorinde liebten, ich kann Nichts mehr von ihnen<lb/>lernen; ich
habe genug an Dir und mir. Du hast<lb/>mich<lb/>als<lb/>lieb gewonnen wie
ich war, so laß mich wie ich<lb/>ich kann und will nicht anders
werden.<lb/>Sie hatte mit dieser letzten Bemerkung mehr Recht,<lb/>sie es
vielleicht wußte. Uneigennüzig bis zum<lb/>höchsten Grade, fern von eitler
Gefallsucht, gleichgiltig<lb/>gegen ihre Schönheit, wie die in einer Wildniß
auf-<lb/>blühende Blume, und einzig darauf gestellt mir zu<lb/>beweisen, wie
ihr Alles gar Nichts gelte neben mir und<lb/>mserer Liebe, stand sie wie ein
schönes Wunder vor<lb/>F. Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0211_210.tif" n="0210"/>
<p>L<lb/>mir. Sie war eine in sich vollkomene Natur. Eben<lb/>dadurch aber
fehlten mir, ihr gegenüber alle jene tausend<lb/>Möglichkeiten sie zu
erfreuen, mit welchen man leichter<lb/>gesinnten Frauen das Leben erheitern
und verschönern<lb/>kann; und der Schrankenlosigkeit des Anspruchs
zu<lb/>genüügen, den sie an mich machte, ward mir auf die<lb/>Länge imuter
schwerer, ja endlich ganz nnmöglich.<lb/>.ch hatte in dem ersten Fener
meiner Leidenschaft<lb/>mehr Zeit, mehr Hingebnng an sie verwendet, als
ich<lb/>vor mir zu verantworten vermochte. Meine Freunde,<lb/>meine
Gesellschaft hatie ich über sie verabsäumt, selbst<lb/>meine Arbeit, sofern
nicht Gloria mir den Vorwurf<lb/>dafür geboten, hatte neben ihr
zurückgestanden, bis ich<lb/>es eines Tags deutlich inne ward, wie
vollkommen und-<lb/>ausschließlich sie meine Phantasie beherrschte, wie
jedes<lb/>Motiv, das ich erfaßte, sich an sie anlehnte; und doch<lb/>war
ihre junonische großartige Schönheit eben nur für<lb/>classische und ernste
Bildungen verwendbar.<lb/>Sie hatte Recht, ich dankte ihr meinen ersten
durch-<lb/>schlagenden Erfolg, ihr auch dankte ich die Anregung<lb/>zu der
Gruppe des Dedipus und der Antigone, die ich -<lb/>in dem folgenden Jahre in
Angriff genommen hatte;<lb/>aber je weiter ich in der Auäführung der
Antigone-<lb/>K<lb/>A<lb/><lb/>z<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0212_211.tif" n="0211"/>
<p>l<lb/><lb/>opt j<lb/>Gestalt vorwärts kamt, um so mehr dimnkte es mir,
als<lb/>fehle derselben eine gewisse Zartheit, als entbehre sie<lb/>des
Ausdrucks sanfter Jungfräulichkeit, wie meine erste<lb/>Liebe, die schöne
Julia, ihn besessen; wie ich ihn mit<lb/>Wohlgefallen an manchen Frauen
wahrnahmt, denen<lb/>ich in der Gesellschaft zum Hefteren begegnete.
Ich<lb/>wollte es dabei in der Anutigone erkemnen lassen, daß es<lb/>der
Tochter nicht leicht falle, des Vaters Halt und<lb/>FF hreri z sein. Ma soe
es ihr ansehen, wie nr<lb/>die Liebe es ihr möglich mache zu vollbringen was
sie<lb/>leiste, und des Weibes Schwäche in sich zu überwinden.<lb/>F Ich
dachte mir umwillturüch biese oder je schsantere<lb/>- Gestalt als die
Stütze eines blinden Greises; aber<lb/>Gloria's stolze, gewaltige Kraft
drängte sich immer<lb/>in den Vordergrund mteiner Phantasie. Meine
Antigone<lb/>F behieit gegen weine Abieht mehr Heroisces. =l- ch ibr<lb/>zu
verleihen wüünschte. Ich hätte sie zarter, feiner dar-<lb/>stellen mögen,
ich meinte, sie wüirde dann liellicher, sie<lb/>würde dann rührender auf den
Betrachter wirken; und<lb/>E<lb/>weil ich so im Geiste nach einer andern
Schönheil<lb/>suchte, fing Gloria an, mir nicht mehr als der<lb/>FFF =-un ==
= ==- o= ==te- =eu-<lb/>erscheinen.<lb/>E<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0213_212.tif" n="0212"/>
<p><lb/><lb/>Eine Grazie, eine Hebe, oder überhaupt eine<lb/>mädchenhafte
jugendliche Gestalt nach ihren Vorbilde zu<lb/>schaffen, daran konnte man
auch füglich nicht mehr<lb/>denken. Sie hatte mit ihrem mächtigen Körper,
mit<lb/>I<lb/>ihrer gebietenden Haltung immer älter ausgesehen, als
;<lb/>sie war. Das jezige ruhige Leben hatte sie stärker<lb/>werden lassen,
der Ernst und die Festigkeit ihres<lb/>Characters ihren Zügen eine große
Strrnge eingeprägt.<lb/>Sie war trotzdem immer noch sehr schön. Für
eine<lb/>Sybille, eine Penelope, konnte man kein vollkommeneres<lb/>Modell
erwünschen; aber mir standen eben jetzt andere<lb/>Motive vor der Seele, und
das Verlangen, sie zu ver-<lb/>wirklichen, wurde immer lebhafter, wenn ich,
meine<lb/>Gruppe betrachtend, mir endlich sagen mußte, daß ich<lb/>an ihr
nichts mehr zu ändern vermöge, daß ich sie, so<lb/>wie sie sei, als
vollendet gelten lassen müsse, wenn-<lb/>gleich sie mir selber auch noch
nicht genügte.<lb/>Weil meine Aubeiten das Einzige waren, woran<lb/>Gloria
lebhaft Antheil nahm, und wofür sie mit ihrem<lb/>angeborenen Kunstsinn
wirklich ein Verständniß hatte,<lb/>sprach ich vor ihr meine Unzufriedenheit
mit der Antigone<lb/>aus, aber sie begriff nicht, was ich
meinte.<lb/><lb/>A<lb/>T<lb/>zs<lb/><lb/>Al<lb/>A<lb/>Ht<lb/>St<lb/>Se<lb/>e<lb/>Z<lb/>-
A<lb/>»A<lb/><lb/>I<lb/>»W<lb/>Laß die Antigone so wie sie ist; ich verstehe
mehr<lb/>ae<lb/><lb/>A<lb/>ä<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0214_213.tif" n="0213"/>
<p>O s<lb/>davon als Du und sonst ein Anderer. Ich habe di:<lb/>Antigone gemacht
auf langer Wanderschaft. Ihr Fus<lb/>muß fest sein, ihre Schulter stark, ihr
Auge offen! Ei<lb/>zartes Jüngferchen hat dazu nicht die Kraft, hat
nich<lb/>die Kraft fütr zwei! Aber stelle jezt eine solche
jugendliche<lb/>Schönheit dar, wenn's Dir gefällt! Du bist der Herr<lb/>Wir
wollen an die Arbeit gehen.<lb/>Da stand ich nun an der Klippe, der ich
mic<lb/>lang schon nah gewußt hatte; indeß weil mir Glori::<lb/>sehr lieb
und theuer war, wüünschie ich sie an derselben<lb/>so behuthsamn, als ich es
vermochte, vorbeizuführen.<lb/>Ich sagte, sie habe das Richtige getroffen,
ich<lb/>wolle und müsse zur Abwechslung mich jezt in kindlichen,<lb/>in
jugendlichen Gestalten üben. Ich wolle einen Amor<lb/>und eine Psyche
machen. Ich erklärte ihr was dieses<lb/>sei, und sagte, für den Amor habe
ich ein treffliches<lb/>Modell, fitr die Psyche müsse ich es suchen.<lb/>Ein
glühendes Roth flog über ihre Stirn. Wa«<lb/>hast Du da gesprochen? rief
sie, bin ich denn nicht<lb/>mehr da?<lb/>Unwilltürlich musßte ich iber ihren
Einfall lachen.<lb/>Das erzürnte sie. Ich stellte ihr also ruhig vor,
daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0215_214.tif" n="0214"/>
<p>=1<lb/>ich für meine nächste Arbeit sie nicht benutzen könne,<lb/>dasß ich
jezt andere Modelle halen mütsse.<lb/>Sie fuhr zornig auf. Und wenn Du mir
das -<lb/>noch einmal und immer wieder sagst, so werde ich's<lb/>nicht
glauhen; und mehr als das, ich werde es nicht<lb/>dulden! sprach sie
heftig.<lb/>a ermahnte sie, sich zu beruhigen, mich zu hören.<lb/>ach
versuchte ihr ernsthaft zu erklären, welch' uner-<lb/>fillbare Forderung sie
an mich stelle; ich führte sie an<lb/>den Spiegel und bat sie scherzend,
sich in die Pose eines<lb/>jungen Mädchens hineinzufinden, ich schalt sie
endlich<lb/>wegen ihres Mißßtrauens und ihrer Herrschsucht. Es<lb/>ging das
Alles spurlos an ihr vorüüber.<lb/>Ich höre Dich sprechen, sagte sie, aber
was thut<lb/>und hilft mir daö? Ich war ohne Schuld und ehrbar,<lb/>als ich
Dich kennen lernte, und Du warst kein Wüstüing.<lb/>Ich habe ir vertraut und
Dir vertraut.-- Was ist<lb/>daraus geworden? Soll ich von einer Anderen
besser<lb/>denken, als von mir selber? oder Dir vertrauen, da
ich<lb/>erfahren habe, daß Du wie die Anderen bist? Ich bin «<lb/>-<lb/>Dein
geworden, Dp -bist mein, und ich werde Dich nicht<lb/>lassen, obschon der
Priester uns noch nicht verbunden<lb/>z<lb/>S<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0216_215.tif" n="0215"/>
<p>?<lb/>k<lb/>S<lb/>K<lb/>z<lb/>K
-<lb/>f?<lb/>s<lb/>H<lb/>F<lb/>ä;<lb/>Dt<lb/>= K. e.?<lb/>hat; aber der Tag
wird ja einst kommen, wenn ich ihn<lb/>auch nicht ersehnen darf.<lb/>Ich
achtete auf diese Worte nicht. Sie hatte bis<lb/>dahin niemals davon
gesprochen, daß sie erwarte mir<lb/>rechtmäßig verbunden zu werden, und weil
Verhältnisse<lb/>wie das unsere in der Künstlerwelt nur zu
gewöhnlich<lb/>waren, hatte auch ich mich in demselben gehen
lassen,<lb/>vollkommen in mir bernhigt, da ich für Gloria und<lb/>ihren
Vater nach ihren Wünschen sorgte, und mich<lb/>überzeugt hielt, daß fie sich
in ihrer Lage gsücklich<lb/>fühle und sich in unsere Zustände hinein
gefunden habe.<lb/>ach durfte mir sagen, daß ihr Loos neben mir
ein<lb/>beneidenswerthes im Vergleich zu jenem Leben sei, das<lb/>ihr Vater
sie zu führen gezwungen hatte. Meine<lb/>Leidenschaft fltr sie war auch
keineswegs erkaltet, die<lb/>Gewohnheit hatte mich bis zu einen gewissen
Grade<lb/>sogar mit der Schroffheit ihrer Natur und uit den<lb/>Herbheiten
ausgesöhnt, welche das herumziehende Leben<lb/>ihr eingeprägt; aber ich
konnte die Gesellschaft und die<lb/>Welt, in denen ich heimisch war, um
Gloria's Willen<lb/>nicht vergessen, nicht entbehren. Ich genoß mit
Freuden<lb/>die Auszeichnung, mit welcher man mich in
derselben<lb/>behandelte, denn bei der reinsten Begeisterung für
die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0217_216.tif" n="0216"/>
<p>=1s<lb/>Kunst war ich doch ehrgeizig und fest entschlossen, mir<lb/>als
Künstler diejenige Stellung zu erringen, welche es<lb/>meiner Familie
darthun sollte, daß ich dem Namen der<lb/>Armero's, den sie durch mich
beeinträchtigt zu sehen<lb/>befürchtet hatte, eine neue und ehrenvolle
Bedeutung zu<lb/>verleihen, die Fähigkeit besäße.<lb/>Mit meinen
dreiundzwanzig Jahren hatte ich an<lb/>die Ehe nicht gedacht, und an eine
Ehe mit Gloria um<lb/>so weniger, da wir die bequeme Freiheit, welche
wir<lb/>in unserem Verkehr mit den Frauen uns gestatten,<lb/>als ein uns von
der Natur ihnen gegenüber verliehenes<lb/>Vorrecht ansehen und
benutzen.<lb/>Es kam mir deshalb sehr gelegen, daß mir eben<lb/>in jenen
Tagen der Auftrag ertheiit wurde, ein Grab-<lb/>Denkmal auszuführen, für
dessen Gestalten Gloria<lb/>durchaus nicht zu benutzen war; und die
Eifersucht,<lb/>mit welcher sie mich ohne Grund verfolgte, der
zornige<lb/>Mißmuth, den sie nicht verbergen konnte, die
thränen-<lb/>reichen Vorwürfe, in denen sie sich erging, brachten
es<lb/>dahin, daß ich sie weniger suchte, sie zu meiden anfing,<lb/>da es
mir nicht gelingen wollte, sie zu beruhigen.<lb/>Ich hatte sie seit mehreren
Tagen nicht gesehen,<lb/>als sie eines Morgens, ohne daß ich es gefordert
hatte,<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0218_217.tif" n="0217"/>
<p>?<lb/>!<lb/>E<lb/>E<lb/>A<lb/>in meine Werkstatt kam. Dies zu thun, hatte ich
ihr<lb/>verboten, weil ich in den frithen Stunden abwechselnd<lb/>das Modell
für meinen Genius, und eben für dasselbe<lb/>Grabmal auch eine Mutter mit
ihrem Kinde bei mir<lb/>hatte. Zufällig aber hatte ich an dem Morgen
keine<lb/>Sizung angesagt; ich war allein, und bemerkte gleich<lb/>bei
Gloria' Eintritt, daß ihr etwas Ungewöhnliches<lb/>begegnet sein mußte. Sie
sah bleich aus, ihre Augen<lb/>waren von vergossenen Thränen müde, indeß ihr
Aus-<lb/>druck war weicher, als ich ihn seit lange gesehen,
und<lb/>vot<lb/>r Besorgniß um sie ergriffen, fragte ich sie, was
sie<lb/>nir führe.<lb/>Was mich zu Dir führt? wiederholte sie,
sonst<lb/>hast Du mich das nicht gefragt. Aber freilich, die<lb/>Zeiten
haben sich geändert, und es ist eine<lb/>ott, daß er selber mir zu Hilfe
gekommen<lb/>Sie nahm sich darauf zusammen und<lb/>unbewegter Stimme: ich
habe heute in der<lb/>Botschaft<lb/>riefen müich<lb/>?
de<lb/>E<lb/>z<lb/>heilige<lb/>braucht<lb/>Gnade von<lb/>lst.<lb/>fagte
mit<lb/>Frühe eine<lb/>aus dem Blinden-Hospital erhalten. Sie<lb/>hin und
ich bin gegangen. Mein Vater ---<lb/>Franziscus sei seiner armen Seele
gnädig!<lb/>nicht mehr zu leiden. Er ist gestorben in<lb/>Nacht, sie
begraben ihn am Nachmittage.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0219_218.tif" n="0218"/>
<p>D<lb/>Das war freilich in jedem Betrachte eine wahr-<lb/>hafte Erlbsung, doch
sprach ich Gloria herzlich zu, wie<lb/>ich's empfand. Sie aber gab mir in
einer Weise<lb/>Antwort, die trotz der obwaltenden Umstände
etwas<lb/>Befreundliches für mich hatte, und die eö fast
ungehörig<lb/>erscheinen ließ, daß ich sie um ihrer Nuhe willen
lobte.<lb/>Wie sollte ich nicht ruhig und dem Himmel dank-<lb/>bar sein, da
mein Gewissen frei ist, sagte sie. Ich habe<lb/>nie um meines Vaters Tod
gebetet,-- Gott weiß es!<lb/>sondern in Geduld gewartet, bis es dem
Himmel<lb/>gefallen hat, ihn abzurufen und mich zu befreien. Auch<lb/>von
Dir hale ich nie gefordert, waä bis heute Du mir<lb/>nicht gewähren
konntest. Meines Vaters Tochter konntest<lb/>Du nicht heirathen. Aber der
Aermste ist nun nicht<lb/>mehr am Leben, sein Vergehen und die Erinnerung
an<lb/>seine harte Strafe sind mit ihm begraben, und die<lb/>Heiligen, die
gerechter sind als die Gerechtigkeit der<lb/>Menschen, werden Erbarmen haben
mit seiner armen<lb/>Seele, für die auch ich beten will so früh wie
spät:<lb/>Jezt aber bin ich ganz allein und frei, und meiner<lb/>hat sich
kein Mensch zu schämen. Thue jez, wie sich's<lb/>gebührt. Dann wird meine
Eifersucht Dich nicht
mehr<lb/>I<lb/><lb/><lb/>A<lb/>z»<lb/>V<lb/>I<lb/>=<lb/>T<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0220_219.tif" n="0219"/>
<p>peinigen, und ich werde mich nicht in ihr verzehren<lb/>müssen, wie in dieser
letzten Zeit!<lb/>Ihre Festigkeit hatte sie allmälig verlassen,
die<lb/>-ihränen brachen ihr aus den Augen und fielen mir<lb/>schwer auf die
Seele. Wenn ich mein Verhältniß zu<lb/>ihr auch niemals angesehen hatte wie
sie es that, so<lb/>erschütterte mich doch ihr schlichtes rücksichtsloses
Rechts-<lb/>gefühl bis in das tiefste Herz; aber mich gegen mich<lb/>selbst
mit jener Grausankeit waffnend, die wir uns als<lb/>Characterstärke
anzurechnen lieben, sagte ich: Lasß das,<lb/>ich bitte Dich! Du mußt nicht
von mir fordern, was<lb/>ich Dir, wie Du weißt, zu gewähren nicht
veruag<lb/>Und weil ich mich zu diesen Worten zwingen mußte,<lb/>klangen
sie, ich fühlte das sehr wohl, noch weit härter<lb/>als sie waren. Gloria
blickte mich mit starren<lb/>Augen an.<lb/>; an<lb/>f<lb/><lb/>Ich verstehe
Dich nicht! sagte sie, indem sie nahe<lb/>ihr,<lb/>mich herantrat, Du denkst
mich nicht zu heirathen?<lb/>Ich wich der Frage aus. Du weißt, entgegnete
ich<lb/>daß Du auf mich zählen kannst, das; Di einen<lb/>Freund an mir
besizest -<lb/>Sie ließ mich nicht vollenden. Was geht uich<lb/>z Deine
Freundschaft an! Ich brauche keinen Freund !<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0221_220.tif" n="0220"/>
<p><lb/>Ich bin Dein Weib vör Gott und fordere von Dir<lb/>Deinen Namen, wie
mir's zukomnmt vor den Menschen!<lb/>sagte sie entschlossen und
gebieterisch.<lb/>Ihre stolze Sicherheit reizte mich in diesem
Falle<lb/>mehr als je, und ihrem sittlich allerdings berechtigten
-<lb/>Trotze den Trotz jener Selbstsucht entgegensezend, von<lb/>der die
Welt regiert wird, welche wir die beste zu nennen<lb/>lieben, weil wir es
uns in ihr so bequem gemacht haben,<lb/>wiederholte ich ihr mit einer
Bestimuutheit, die von<lb/>meinem wahren Empfinden sehr verschieden war:
Du<lb/>mußt nicht fordern, was Dir zu gewähren mir nicht<lb/>möglich ist. -
Aber daä Entsezen, das über ihr Antliz<lb/>fuhr, brachte mich zur Besinnung,
und ihre Hände er-<lb/>greifend, bat ich sie, sie möge mich nicht drängen,
mich<lb/>nicht zwingen wollen, sie möge die Zeit gewähren lassen.<lb/>Indeß
sie achtete nicht darauf, und mir ihre Hand<lb/>entziehend, wiederholte sie:
Mein Vater ist ja todt!<lb/>Aber der meine lebt und wird, ich hoffe es,
noch<lb/>lange leben, und meine Mutter auch! entgegnete ich mit<lb/>dem
Wunsche, ihr für den Augenblick es damit klar zu<lb/>machen, was uns
trennte. Gloria's Geradheit machte<lb/>jedoch ein solches Hoffen
eitel.<lb/>Was kümmern mich Dein Vater und die
Mutter?<lb/><lb/>A<lb/>»!<lb/>A<lb/><lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>Dc<lb/>z<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0222_221.tif" n="0221"/>
<p>A<lb/>Du bist nicht gegangen Deinen Vater und Deine<lb/>Mutter zu befcagen,
als Du mich für Dich gewonnen<lb/>hast, rief sie, und ich habe meinen Vater
auch nicht erst<lb/>befragt, denn ich liebte Dich und Du hast mich
geliebt.<lb/>Aber ich sehe es und habe es lange gesehen, mit
Deiner<lb/>Liebe ist's vorbei. Die Liebe kennt ja Nichts als
sich<lb/>selbst, sie fragt Niemand, und sie kümmert sich um<lb/>Nichts! Du
aber --<lb/>Sie unterbrach sich, weil ihre wachsende Leiden-<lb/>schaft ihre
Stimme erstickte. Ich versuchte sie zu be-<lb/>fänftigen, sie hörte mich
nicht, und es half nicht ihr<lb/>nicht mir, daß ich ihr betheuerte, ich
wirde sie nicht<lb/>verlassen, daß ich ihr versicherte, sie sei mir werth
und<lb/>werde es mir immer bleiben.<lb/>Sie lachte höhnisch auf. Gch! sagte
sie, geh!<lb/>Vater und Mutter und Deine Vornehnheit sind Dir<lb/>werth,
nicht ich! Ich habe mit Deinem Vater und<lb/>Deiner Mutter und mit Deiner
Vornehnheit gar Nichts<lb/>zu schaffen! Was wußte ich von Dir, als ich Dich
sah<lb/>und liebte? Für einen armen Künstüer hielt ich Dich<lb/>und als
einen solchen gabst Du Dich ja aus. -- Des<lb/>Bänkelsängers, des armen
Blinden Tochter war Dir<lb/>nicht zu schlecht, da Du sie um ihrer Schönheit
willen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0223_222.tif" n="0222"/>
<p><lb/>ülebtest. Jetzt, da Du Andere m Sinne hast, dünkt<lb/>Dir der Marchese
Benvenuto, der berühmte Künstler,<lb/>für Dein Weib, für mich armes Weib zu
gut! -<lb/>So geh', wohin Du magst! Ich werde dafür sorgen, daß<lb/>Du mich
auch in den Armen einerAndern nie vergessensollst!<lb/>Und sich mit
ungebändigter Leidenschaft von mir -<lb/>wendend, stieß sie mit starker Hand
den Modellirtisch<lb/>um, auf welchem das nahezu fertige Modell des
Grab-<lb/>denkmales stand, daß es mit dem Tisch zu Boden fiel.<lb/>Dann warf
sie die Thüre hinter sich zu, daß es schallte,<lb/>und schritt in wildem
Zorn davon.<lb/>Ich stürzte nach meiner Arbeit hin, ich rief
meine<lb/>Gehilfen herbei, wir versuchten die Gruppe, die ich in
,<lb/>halber Lebensgröße entworfen hatte, so gut es gehey ,<lb/>wollte,
aufzurichten, aber sie war theils zerfallen, theils F<lb/>flach geschlagen.
Indeß, wie hart mir das auch ankam, -<lb/>s<lb/>denn die liebevoll
durchgeführte Arbeit war fast neu zu<lb/>machen, athmete ich in meiner
zornigen Empörung gegen<lb/>rH<lb/>F<lb/>Gloria doch leichten Herzens auf.
Gegenüber ihrer<lb/>Maßlosigkeit und Wildheit schwieg die Stimme
meines<lb/>F<lb/>Gewissens, die Stimme des Mitleids, und ich fühlte
mich<lb/>berechtigt, nur an mich zu denken, nicht an
sie.<lb/>I<lb/>A<lb/>F<lb/>N<lb/>,<lb/>z<lb/>T<lb/>I<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0224_223.tif" n="0223"/>
<p>Pierzehnles Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0225_224.tif" n="0224"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0226_225.tif" n="0225"/>
<p>Ie ieb den ganzen Tag bei meiner Arbeit, lange<lb/>schwankend zwischen den
Versuchen sie herzustellen, und<lb/>dem Vorsatz, sie noch einmal aufzubauen.
Endlich ent-<lb/>schied ich mich für das Leztere, machte mich casch
an<lb/>TD.?? -- -- --<lb/>k<lb/>P<lb/>Ich kam mit guter Fassung um die
Stunde der<lb/>Abendmahlzeit, die ich immer noch mit Arrigo einnahm,<lb/>zu
ihm hinauf, und weil selten ein Tag verging, an<lb/>welchem er mich nicht in
meiner Werkstatt aufsuchte,<lb/>theilte ich ihm sofort mit, daß mir eine
große Wider-<lb/>wärtigkeit begegnet, daß mein Modell zerschlagen
und<lb/>ich genöthigt gewesen sei, die Arbeit von Neuem zu
be-<lb/>ginnen.<lb/>F. Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0227_226.tif" n="0226"/>
<p>1<lb/>Er fragte natürlich, wie das geschehen sei? Ich<lb/>sagte, es sei im
Vorübergehen daran gestoßen worden-<lb/>Er konnte das nicht begreifen und es
war auch nicht<lb/>wohl zu glauben, da die dreibeinigen starken Tische
fest<lb/>wie angenagelt stehen. Er wollte also wissen, wer
das<lb/>Ungeschick begangen habe.<lb/>Die Frage war mir nicht gelegen, um
aber über<lb/>die ganze Sache so schnell als möglich
fortzukommen,<lb/>erzählte uh, Gloria sei dagewesen und habe im
Fort-,<lb/>gehen durch eine ungeschickte Wendung das Uuglück an--
z<lb/>gerichtet.<lb/>Arrigo schütielte langsam das Haupt.
Unbegreiflich!<lb/>rief er. Ein Frauenzimmer, das seit Jahren in der
I<lb/>»<lb/>Werkstatt ein- und ausgeht!-- Dann fing er an, aus den
,<lb/>Früchten, die auf der Tafel standen, sorgfältig die besten<lb/>und
reifsten der kleinen Mandarinen hervorzusuchen, die<lb/>er vorzugsweise
liebte, und sich, nachdem er sie ge-<lb/>funden, umblickend, ob die Diener,
welche, wenn wir<lb/>allein beim Nachtisch saßen, stets das Zimmer
verlassen<lb/>mußten, schon hinausgegangen wären, sagte er, wähvend<lb/>er
behuthsam die duftende Schale von der Frucht abzog:<lb/>Nimm Dich mit dieser
Gloria in Acht! Sie ist noch<lb/>schn und Du mußt wissen, was sie für Dich
werih
ist,<lb/>I<lb/>ä<lb/>A<lb/>-<lb/>K<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>zz<lb/>D<lb/>»<lb/>»A<lb/>z<lb/>»a<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0228_227.tif" n="0227"/>
<p>;<lb/><lb/>s<lb/>s<lb/><lb/>s<lb/>f<lb/>E<lb/>k.<lb/>Ae?<lb/>aber ihr
Ausdruck gefällt mir nicht. Er ist herrisch<lb/>geworden, und das ist Deine
Schuld; ein Werkzeug, ein<lb/>todtes oder lebendes, muß eben ein Werkzeng
sein und<lb/>bleiben, und nicht mehr.<lb/>Es war das erste Mal in all' den
Jahren, daß<lb/>Arrigo eine Aeußerung über Gloria that, die sich
auf<lb/>ihren Character, wie auf mein persönliches Verhältniß<lb/>zu ihr
bezog. Sie trieb mir das Blut in das Gesicht,<lb/>obschon er mich nicht
ansah; und mit so viel Nuhe,<lb/>als mir dem älteren und erfahrenen Manne
gegenüber<lb/>eben zu Gebote stand, entgegnete ich, Gloria sei
aller-<lb/>dings von einem leidenschaftlichen Temperament, aber
ihr<lb/>Character sei im Einklange mit ihrer Schönheit und<lb/>Gestalt, groß
angelegt, ja fast antik zu nennen.<lb/>Um so schlimmer! sagte mein Freund
mit lächelndem<lb/>Munde, indem er das Glas Falerner, daß er zun<lb/>Schluß
der Mahlzeit regelmäßig zu trinken pflegte,<lb/>langsam gegen das Tageslicht
in die Höhe hob, um sich<lb/>mit leise zugezogenem Auge von der Klarheit des
Weines<lb/>zu überzeugen. Um so schlimmer! Sie sind nie und<lb/>nirgends
angenehm, die großangelegten Frauennaturen.<lb/>E<lb/>Sie sind anspruchsvoll
in der Liebe, unbequem in der<lb/>Ehe, und nun gar an einem solchen
Frauenzimmer!<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0229_228.tif" n="0228"/>
<p>28<lb/>s<lb/>-<lb/>Nimmn Dich uit Gloria in Acht! Ich bin ihr
begegnet<lb/>heute Morgen, als sie von Dir ging, und sie hat mir<lb/>mtehr
als sonst mißfallen. Es liegt ein finsterer, un-<lb/>heilvoller Zug auf
ihrer engen Stirn.<lb/>=<lb/>Er stand mit diesen Worten von der Tafel
auf,<lb/>sprach von gleichgültigen Dingen, und an das Fenster -<lb/>tretend,
feagte er mich, da sein Wagen vorfuhr, ob ich<lb/>Neigung habe, eine Fahrt
mit ihm durch die Villa zu -<lb/>machen. Ich lehnte das ab, weil ich trotz
der vorge- ,<lb/>rückten Stunde noch in meine Werkstatt gehen müsse,
?<lb/>und damit schieden wir von einander.<lb/>Als ich mich dann aber an
meine Arbeit machen Z<lb/>wollte, ward ich es erst inne, wie ich zerstreut
und wie<lb/>ich gar nicht fähig sei, mich zu rhigem Schaffen zu-;
?<lb/>sammenzunehmen. Als hätte ich noch nie vor einem ?<lb/>ersten Entwurf
gestanden, so ungefügig zeigte sich mir z<lb/>Alles. Ich wußte nicht wo ich
die Hand anlegen Z<lb/>solle. Nicht das Geringste entsprach dem, was ich
wollte;F<lb/>und in dem quälenden Unbehagen, welches mir
daraußz<lb/>erwuchs, wallte mein Zorn gegen Gloria auf das Neue,<lb/>empor.
Sonderbar genug, machte er jedoch gugenblicklich?<lb/>vem Aitieie Piat, als
ich der Veukerung as=R<lb/>welche Arrigo über und gegen sie gethan
hatte.<lb/>T<lb/>Je-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0230_229.tif" n="0229"/>
<p>?<lb/><lb/>k-<lb/>K<lb/>t<lb/><lb/>E<lb/>b<lb/>e<lb/>?<lb/>So lange ich mich
erinnern konnte, hatte es mein<lb/>Gefihl beleidigt, wenn mein Abate es
anögesprochen,<lb/>wie der Zweck die Mittel heilige, wie es nicht nur
er-<lb/>laubt, sondern dem Einsichtigen eine Pflicht sei, jeden<lb/>Menschen
zu dem Zwecke zu benuzen, dem zu entsprechen<lb/>er vor Anderen vermöge; und
es berührte mich wie ein<lb/>schriller Ton, wie ein schmerzlicher Niß, daß
der von<lb/>mir so hoch verehrte Arrigo sich zu diesen mir
verhaßten<lb/>Grundsätzen mit so vollkomtmnener Unbefangenheit
be-<lb/>kannte. Wider meinen Willen nahm ich Partei fir<lb/>G<lb/>oria, denn
Arrigo that ihr Unrecht. Sie war nur<lb/>der Liebe anspruchsvoll, sie war
nur eifersüchtig;<lb/>d wie sollte eine Liebe, wie die ihre, das nicht
sein,<lb/>un-<lb/>sie mit Recht sich sagen mußte, daß Nichts mich
an<lb/>binde, als mein freier Wille und die Fortdauer<lb/>meines
Wohlgefallens an ihrer Schbnheit. Und schbn<lb/>war sie gewesen mehr als je,
in ihrent wilden Zorn an<lb/>iesem Morgen.<lb/>Ich konnte nicht
bei<lb/>meiner Leute war mehr in<lb/>selbst die nassen Tücher
übe<lb/>de.<lb/>der<lb/>Arbeit bleiben. Keiner<lb/>Werkstatt, ich legte
also<lb/>r die neuu begonnene Gruppe,<lb/>kleidete mich um und ging in's
Freie. Man läutete<lb/>k<lb/>z<lb/>N<lb/>un Ave Maria, die Spaziergänger,
die Fuhrwerke der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0231_230.tif" n="0230"/>
<p>7<lb/>A<lb/>A<lb/><lb/>vornehmen Welt hatten die Passeggiata schon
verlassen,<lb/>es war einsam in den Laubgehegen des Monte Pincio,<lb/>der
Mond kam hervor, und unter dem Schwirren der -<lb/>Eikaden flogen die
Glühwürmchen von Busch zu Busch.<lb/>In der milden Stille des warmen
Frühlingsabends ließ -<lb/>die Spannung nach, in welcher ich mich den ganzen
-<lb/>Tag hindurch befunden hatte.<lb/>Ich dachte an Gloria, an alle die
glücklichen, -<lb/>s<lb/>wonnetrunkenen Stunden, die ich mit ihr genossen,
und ?<lb/>ich sah sie wieder vor mir in ihrem ganzen Schmerze- J<lb/>wie an
diesem Morgen; sie, die Niemand hatte auf der Z<lb/>Welt, als mich. Ich
machte es mir zum Vorwurf, - V<lb/>daß ich sie eben heute nicht mehr
geschont, daß ich mir -<lb/>nicht vorgehalten hatte, wie der Anblick ihres
todten Vaters ?<lb/>sie erschüttert, wie sie an seiner Leiche es lebhafter,
-<lb/>stärker als je empfunden haben mußte, daß sie allein z<lb/>-»<lb/>auf
mich angewiesen sei. Ich trug plözlich große Sorge Z<lb/>um sie, und die
Passeggiata verlassend, machte ich mich -<lb/>s<lb/>auf den Weg zu
ihr.<lb/>Ich nannte sie in meinem Herzen mit zärtlichen J<lb/>Namen, ich
fand die starke, ungebrochene Einheit ihrr?<lb/>Empfindung groß und schön,
ich bewunderte ihr schlichtes,<lb/>Sittülchkeits- und Rechtsgefühl. Arrigo's
Grundsätzg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0232_231.tif" n="0231"/>
<p>s<lb/>d<lb/>E<lb/>ß<lb/>?<lb/>ß<lb/>ß<lb/><lb/>k<lb/>s<lb/>f<lb/>k<lb/>Ee<lb/>?<lb/>K<lb/>f<lb/><lb/>mein
weltlicher Leichtsinn und die Sophistik meiner<lb/>Sinnlichkeit und
Selbstsucht erschienen mir daneben in<lb/>ihrem wahren Lichte. Ich wünschte
Gloria's Einfalt<lb/>und Sinneseinheit zu besizen, und ohne jeden
Rückhalt<lb/>empfinden zu können, so wie sie.<lb/>Ich hätte dem Zuge folgen
mögen, der mir sagte:<lb/>ist in aller ihrer Schönheit Dein geworden
in<lb/>Glauben und Vertrauen, sie ist Dir treu gewesen un-<lb/>wandelbar, so
werde ihr gerecht, und ihre Liebe ohne<lb/>Gleichen wird Dir's lohnen. Aber
diese Sinnes-<lb/>einheit Gloria's besaß ich nicht, und konnte sie
auch<lb/>nicht besizen.<lb/>Während ich mit Liebe, mit Zärtlichkeit und
mit<lb/>Sehnsucht an sie dachte, während ich ihr um ihrer Liebe<lb/>willen
von Herzen den Schaden verzieh, den<lb/>gerichtet, übersah ich mit ihrer und
meiner<lb/>heit, mit ihren und meinen Verhältnissen<lb/>sie mir
an-<lb/>Vergangen-<lb/>zugleich die<lb/>Zukunft, welche ich mir bereitete,
wenn ich mir es bei-<lb/>kommen ließ, ihrem Begehren nachgebend, mich
mit<lb/>meinen Eltern, mit meiner Familie, mit der Gesellschaft,<lb/>in
einen nicht heilbaren Zwiespalt zu bringen; und<lb/>meine Selbstsucht, oder,
wie ich es nannte, meine Ver-<lb/>nunft und mein Selbsterhaltungstrieb,
lehnten sich gegen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0233_232.tif" n="0232"/>
<p><lb/>Gloria's Forderung ebeso entschieden auf, als sich eine<lb/>Stunde
vorher mein Herz gegen Arrigo's Grundsätze<lb/>aufgelehnt hatte, denen
nachzuleben ich mich doch ge-<lb/>zwungen hielt.<lb/>Ich kannte in dem
Kreise meiner Kunstgenossen eine<lb/>und die andere Ehe, die aus ähnlichen
Verhältnissen<lb/>hervorgegangen war, und sie waren den Männern,
welche<lb/>in ihnen lebten, nicht zum Heile ausgeschlagen. Freilich<lb/>war
Gloria's Character mit der Sinnesweise und der<lb/>Vergangenheit jener
Frauen nicht zu vergleichen,
und<lb/>T<lb/>?<lb/><lb/><lb/>-A<lb/><lb/>»<lb/>-z<lb/><lb/>A<lb/>-
-<lb/>-z<lb/>eben weil sie sich, biä ich sie wiedergefunden, ihres guten
I<lb/>Wandels bewußt gewesen war, schlug sie es mir so hoch<lb/>an, daß sie
sich mir ergeben. Andererseits hatte sie es<lb/>F<lb/>oftmtals von mir
auussprechen hören, daß mir mein ?<lb/>Talent und das Leben in der Kunst
weit mehr werth<lb/>sei, als meine Herkunft von einem alten Geschlechte.
z.<lb/>Sie konnte es auch im Entferntesten nicht ermessen, wie
z<lb/><lb/>Erziehung und Bildung, wie mein Denken und Em<lb/>-<lb/>pfinden
mich von ihr unterschieden, von ihr trennten,<lb/>und wie die Zuneigung,
welche ich im Laufe der Jahre Z<lb/>füg sie gewonnen hatte, doch nicht
ausreichend war, mir y<lb/>eine Ehe mit ihr, mir die Aufopferung meiner
eigent- Z<lb/>lichen Lebenssphäre um ihretwillen, erträglich oder
gar-z<lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0234_233.tif" n="0233"/>
<p>e<lb/><lb/>?<lb/>2<lb/>nothwendig erscheinen zu lassen, nachdem das
leiden-<lb/>schaftliche Verlangen, mit welchem ihre Schönheit
mich<lb/>erfüllt, seine Befriedigung gefunden hatte.<lb/>Ich wußte mir Etwas
mit der Klarheit, mit welcher<lb/>ich dies Alles einsah, und hätte doch viel
darum ge-<lb/>geben, wäre es mir möglich gewesen, die Stimme in<lb/>mir
niederzukämpfen, welche mitten in diesen kalten Er-<lb/>wägungen für mein
eigenes Bestes, mir unablässig die<lb/>sorgenvolle Frage vorhielt: und
Gloria? was wird<lb/>aus ihr? was wird aus der Armen, die Nichts
ver-<lb/>schuldet hat, als daß sie Dir mehr als Aderen ver-<lb/>traute, daß
sie in ihrer Unschuld besser von Dir dachte,<lb/>als Dus um sie verdient
hast?<lb/>So ging ich über die Piazza Barberini nach Quatro<lb/>Fontane
hinauf, bis zu dem Hause, in welchem ich sie<lb/>eingerichtet hatte. Es war
heller Mondschein, die Frau<lb/>und die Tochter des Tischlers, der da
Erdgeschoß inne<lb/>hatte, saßen vor der Thüre. Sie waren die
einzigen<lb/>Menschen, mit welchen Gloria einen Verkehr hielt, seit<lb/>ich
diese Wohnung für sie genommen hatte, und natürlich<lb/>war auch ich ihnen
gut bekannt geworden.<lb/>Der Bräutigam der ältesten Tochter lehnte an
dem<lb/>Prellstein, der sich vor dem Hause befand, und wie ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0235_234.tif" n="0234"/>
<p>NR<lb/>den Frauen den gutenAbend bot, sagte die Mutter:<lb/>Sie ist
ausgegangen, die Gloria!<lb/>s<lb/><lb/><lb/>s<lb/><lb/>z<lb/>Das war am
Abende niemals geschehen, wenn ich<lb/>nicht dabei gewesen war, ich hatte
auch an diese Mög-<lb/>A<lb/>-<lb/>lichkeit nicht einmal gedacht, als ich es
von ferne wahr- F<lb/>genommen, daß sie kein Licht in ihrem Zimmer
hatte,<lb/><lb/>sondern hatte mir vorgestellt, sie werde in ihrer
I<lb/>Niedergeschlagenheit vielleicht im Dunkeln sitzen geblieben<lb/>sein,
wie sie das beim Mondschein wohl bisweilen that.<lb/>Aber die Frauen ließen
mir keinen Zweifel übrig.<lb/>Sie ist mitgegangen am Nachmittag mit ihres
I<lb/><lb/>Vaters Leiche, sagten sie, dann ist sie nach Hause ge-
=<lb/>kommen und zu Hause geblieben bis nach Ave Maria. I<lb/>Darauf, als
wir schon vor der Thür saßen, ist sie noch -<lb/>??<lb/>einmal
fortgegangen.<lb/>Und sie hat Euch nicht gesagt, Padrona, wohin
sie<lb/>gehen wollte?<lb/>I<lb/>Sie kennen sie ja, Signor! sie spricht nicht
leichh, -,<lb/>wenn man sie nicht fragt! entgegnete mir die gute Z<lb/>Frau.
Selbst am Tage, als sie von dem Kirchhofe J<lb/>heimkam, und die Agnesina
ihr Muth einsprechen wollte, -F<lb/>weil es doch immer hart ist, einen Vater
zu verlieren,.z-<lb/>»=z=<lb/>auch wenn er nur ein Blinder ist, wollte sie
nscht mit ?<lb/>-=<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0236_235.tif" n="0235"/>
<p>s<lb/>sich reden lassen. Wie sie nun wieder an uns vorüberkam,<lb/>fragten
wir sie nicht. Sie hatte ein großes Bündel in<lb/>der Hand. Vielleicht ist
sie zu ihrer Schneiderin ge-<lb/>gangen, sich ihr Trauerkleid zu
schaffen.<lb/>So spät am Abend? wendete ich ein.<lb/>Ich habe mich auch
gewundert, sagte die Padrona,<lb/>doch weiß ich es nicht anders.<lb/>So will
ich hinaufgehen, ihr aufzuschreiben, daß<lb/>ich sie morgen brauche, sagte
ich.<lb/>s<lb/>?<lb/>8<lb/>f<lb/>Al ich an ihre Thre kam, hing der
Schlüssel<lb/>nicht an dem Platze, an welchem ich ihn nach
unserem<lb/>ebereinkommen sonst zu finden wußte, und da ich fir<lb/>den
Abend ein Zusammensein mit Freunden verabredet<lb/>hatte, blieb mir Nichts
übrig, als ihr auf einer Karte,<lb/>die ich in das Schlüsselloch steckte,
die Weisung zu geben,<lb/>daß ich, falls ich nicht noch zu ihr käme, sie am
nächsten<lb/>Morgen zur Arbeit um die gewohnte Stunde bei mir<lb/>in der
Werkstatt zu sehen wünsche.<lb/>Je weiter ich ging, desto mehr fing es an
mir<lb/>aufzufallen und mich zu beunruhigen, daß ich Gloria<lb/>nicht
getroffen hatte. Sie war außer sich gewesen als<lb/>sie mich am Morgen
verlassen hatte, aber ich zweifelte<lb/>nicht, daß ihr im Laufe des Tages
die Einsicht ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0237_236.tif" n="0236"/>
<p><lb/>kommen sein müsse, welch' einen Schaden sie mir zu-<lb/>gefügt habe. Sie
war immer sehr empfindlich gewesen<lb/>T<lb/>gegen meinen geringsten Tadel,
hatte es nicht ertragen ? -<lb/>können, wenn sie mich unzufrieden mit sich
wußte. Jezt<lb/>mußte sie mich in Zorn gegen sich glauhen, während<lb/>sie
sich zugleich von mir in ihren Erwartungen getäuscht,<lb/>von mir in ihren
Hoffnungen betrogen, und in ihrer<lb/>Liebe tief gekränkt empfand. Es lag,
wie ich sie kannte,<lb/>also nicht außer dem Bereich des Möglichen, daß
sie<lb/>mit raschem Entschlusse sich von mir zu trennen dachte;<lb/>und an
der Unruhe, welche mir die Besorgniß einflößte,<lb/>=<lb/>=<lb/>z<lb/>sie
könne eine Unbesonnenheit begehen, sie könne sich ?<lb/>Widerwärtigkeiten
bereiten, einen Schritt gethan haben,<lb/>den sie bedauern müsse, erkannte
ich wieder und wieder,<lb/>daß ich sie mehr und zärtlicher liebte, als ich
mir dessen<lb/>in der Gewohnheit des Verkehrs mit ihr bewußt
war.<lb/>-<lb/>Ich sann hin und her, was sie vorgehabt haben, wohin<lb/>sie
gegangen sein könne, und dazwischen schalt ich mich<lb/>einen Thoren und
sagte mir, sie werde am Tage nicht<lb/>die Nuhe gehabt und sich nicht die
Zeit genommen haben ,<lb/>ordentlich zu essen, und werde ausgegangen sein,
sich ein z<lb/>Abendbrod zu kaufen. Ich lachte über meine unnöthige
F<lb/>Sorge, als ich auf diese sehr natürliche Lösung des
=<lb/>SeäsJaag<lb/>K<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0238_237.tif" n="0237"/>
<p>A<lb/>Räthsels gekommen war, aber die Unruhe wollte deshalb<lb/>doch nicht
von mir weichen.<lb/>Schwankend, ob ich nicht umkehren und sehen
sollte,<lb/>ob Gloria inzwischen nach Hause gekommen sei, und
mich<lb/>meiner Sorge auch wieder wie einer Schwäche schämend,<lb/>gelangte
ich nach meiner Wohnung. Es war bereits<lb/>völlig Nacht geworden. Der
Thürhüther, der mich kommen<lb/>sah, händigte mir ein Billet aus, das man in
meiner<lb/>Abwesenheit für mich abgegeben hatie.<lb/>Sonst Nichts? fragte
ich.<lb/>Ja, Herr Marchese! Die Gloria ist gekommen und<lb/>weil sie sagte,
daß sie den Herrn erwarten solle, und<lb/>weil Sie dem Diener Urlaub gegeben
hatten, habe ich<lb/>die Lampe für sie angezündet, meldete der
Wohlgeschulte,<lb/>ohne eine Miene zu verziehen, obschon es noch
niemals<lb/>geschehen war, daß Gloria außer den Stunden, in<lb/>denen ich
sie zum Modell gehabt, Arrigo's Haus be-<lb/>treten hatte.<lb/>Das Räthsel
war damit gelöst. Ich wste jeht,<lb/>weshalb ich sie zu Hause nicht
gefunden. Sie war zu<lb/>mir gegangen, sie hatte es auf Erklärungen,
vielleicht<lb/>auf eine Entschuldigung, vielleicht auf neue
Vor-<lb/>stellungen, auf eine Scene abgesehen; und lästig, wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0239_238.tif" n="0238"/>
<p>288<lb/>mir die Aussicht auf eine solche war, athmete ich doch<lb/>leichter
auf.<lb/>Die Nacht war herrlich, der Mond stand hoch am<lb/>Himmel, die
Fontaine im Hofe plätscherte lustig in<lb/>seinem Strahl, und die schlanken
Zweige der frisch be-<lb/>laubten Bäume wiegten sich in dem leichten
Windhauch,<lb/>der, von dem Tiber kommend, die Luft erfrischte.<lb/>Ich trat
in mein kleines Vorgemach, es war still<lb/>und dunkel. Ich dffnete mein
Zimmer, ich sah durch<lb/>seine aufstehende Thüre in die Schlafstube hinein,
es<lb/>war kein Licht in meiner Wohnung außer dem hellen<lb/>Scheine, den
der Mond verbreitete. Ich rief nach<lb/>Gloria, es gab mir Niemand Antwort.
Ich mußte sie<lb/>also in meiner Werkstatt vermuthen, und obschon
mir<lb/>ihr Einfall grillenhaft erschien, mich an der Stelle
zu<lb/>Werkstatt -- und wie ein Blizstrahl durchflog mich
das<lb/>A<lb/>--.<lb/>=<lb/>Fe<lb/><lb/>F<lb/><lb/>erwarten, an welcher sie
mir heute einen so empfind-<lb/>lichen Schaden angerichtet hatte, ging ich
nach der:<lb/>Entsetzen.<lb/>s<lb/>- I<lb/>z<lb/>n=<lb/>Zu den Füßen der
Melpomene, deren Gipsabguß I<lb/>am oberen Ende des Zimmers stand, lag
Gloria, ge- I<lb/>kleidet wie ich sie zuerst gesehen hatte, in ihrem Blute
z<lb/>schwimmend, auf dem Boden.<lb/>s<lb/>-'-<lb/>-<lb/>D<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0240_239.tif" n="0239"/>
<p><lb/><lb/>z<lb/>s<lb/><lb/>89<lb/>Mit einem Aufschrei stürzte ich zu ihr hin.
Ich<lb/>ergriff ihre Hände, ich rief um Hilfe, ich versuchte
sie<lb/>aufzurichten. Es war vergebens. Sie war kalt und starr.<lb/>Ich
hielt eine Leiche in meinen Armen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0241_240.tif" n="0240"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0242_241.tif" n="0241"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0243_242.tif" n="0242"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0244_243.tif" n="0243"/>
<p>Ez-: Bursche, welcher im Hofe beschäftigt war, hatte<lb/>meinen Hilferuf
vernommen. Die ganze Dienerschaft des<lb/>Hauses war rasch beisammen. Ich
hieß sie, Aerzte her-<lb/>beizuholen. Der Thürhüther, der Kammerdiener,
treue<lb/>erfahrene Leute, schüttelten das Haupt.<lb/>Das ist umsonst! Da
ist Nichts mehr zu machen,<lb/>Herr Marchese! sagte der Eine, während der
Andere sich<lb/>rasch entfernte, um den Herrn des Hauses von
dent<lb/>Ungllicksfalle zu unterrichten.<lb/>Monsignore Arrigo hatte sich
eben fir eine Ge-<lb/>sellschaft ankleiden lassen, sein Wagen stand unter
dem<lb/>Portale, er war auf dem Punkte gewesen, das Hans
zu<lb/>verlassen.<lb/>Wie gut, daß ich noch da<lb/>er festen Schrittes zu
mir trat.<lb/>bin! rief er, während<lb/>Welch' ein Glck, daß<lb/>1g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0245_244.tif" n="0244"/>
<p>214<lb/>sie sich, nicht Dich-, erstochen hat, die Unglückselige!<lb/>Erinnere
Dich! Noch heute hatte ich Dich vor ihr ge-<lb/>warnt! Heute Mittag noch
hatte ich Dir gesagt: nimm<lb/>Dich in Acht mit dieser Gloria! Sie hatte
einen wilden,<lb/>kückischen Character wie ihr Vater, der
Galeeren-<lb/>züchtling! -- Ich habe ausgeschickt, die Polizei zu<lb/>rufen;
wir wollen im Hause bleiben, bis sie kommt, die<lb/>Thatsachen
festzustellen. Aber wir wollen gleich morgen<lb/>eine Novena ansagen lassen
drüben in der Kirche, der<lb/>heiligen Mutter Gottes für den Schutz zu
danken, den<lb/>sie Dir gewährt hat, und Du kannst mehr noch thun,<lb/>als
das! Du mußt Messen lesen lassen für die arme<lb/>Seele Gloria's! Komm, mein
Freund! das hier ist ein<lb/>schlechter Anblick! Komm!<lb/>Er hatte das
Alles mit einer Festigkeit gesprochen,<lb/><lb/>welche dazu bestimmt war,
der Dienerschaft die Weise<lb/>Kammerdiener bei der Leiche bleiben und ihn
benachrichtigen,<lb/>wenn die Behörde gekommen sein wür e. Mich aber
führte<lb/>er in meine Wohnung und schloß die Thüre
zwischen<lb/>-<lb/>-<lb/><lb/>I<lb/><lb/><lb/>dieser und meiner Werkstatt
ab.<lb/>K<lb/>?<lb/>-<lb/>=.<lb/><lb/><lb/>-. =<lb/>-<lb/>F<lb/>demselben
geredet haben wollte. Dann befahl' er seinen-
;'<lb/>z<lb/><lb/>=<lb/>anzudeuten, in welcher er das Ereigniß ansah und von
I<lb/>anderen Leuten, die Werkstatt zu verlassen, hieß den<lb/>- ?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0246_245.tif" n="0245"/>
<p>25<lb/>Ich brach in meinem Schmerz zusanmen, Arrigo<lb/>ging schweigend in
dem Zimmer auf und ab, bis<lb/>er,' vor mir stehen bleibend, die Hand auf
meine<lb/>Schulter legte.<lb/>Muth, mein Lieber! sagte er, Fassung!
Fassung,<lb/>mein Lieber! Es ist allerdings ein Mißgeschick !
Eine<lb/>traurige, eine widerwärtige Geschichte, und man muß<lb/>sehen, daß
man sie todt schweigt, sie baldnöglichsl ver-<lb/>gessen macht. Aber es ist
gut, sehr gut, daß Du<lb/>wenigstens nicht im Hause gewesen, nicht dabei
gewesen<lb/>bist, als sie sich in ihrer wahnsinnigen Leidenschaft
das<lb/>Messer in die Brust stieß.<lb/>Oh! wäre ich nur dagewesen, als sie
kam! rief ich<lb/>aus, aber ich war zu ihr gegangen -<lb/>Arrigo ließ mich
nicht weiter sprechen. Allerdings,<lb/>agte er, trägst Du Schuld an ihrem:
Tode; ich spreche<lb/>Dich auch keineswegs frei! Deine Schwäche,
Deine<lb/>Empfindsamkeit haben sie verwöhnt und endlich über-<lb/>spannt! --
Welch' eine Thorheit, mit einem Modell,<lb/>mit einer Straßensängerin den
Liebenden zu machen!<lb/>Nicht Herr zu bleiben und nicht Meister in einem
solchen<lb/>Handel! Welch' ein Unverstand! -- In Wahrheit! wenn<lb/>jedes
Modell, das man nicht mehr brauchen kann, weil<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0247_246.tif" n="0246"/>
<p>46<lb/>es zu alt, zu stark geworden ist, die verlassene Dido<lb/>spielen und
sich in Liebeöflammen dem Untergange weihen<lb/>wollte-- bei Gott! es wäre
danach angethan, die Kunst<lb/>den Künstlern zu verleiden, wie es Dich
hoffentlich von<lb/>Deiner Empfindsamkeit kuriren wird!- Ein junger<lb/>? RN
T? ---- -<lb/>Schon am Morgen hatten die Kälte und die Ge-<lb/>ringschätzung
mich verwundet, mit welcher Arrigo von<lb/>der Unglücklichen gesprochen.
Jetzt erschienen sie mir als<lb/>die fürchterlichste Härte, und allen
weiteren Erörterungen<lb/>ein Ziel zu sezen, rief ich, von Schmerz und Neue
über-<lb/>wältigt: Sie war mehr werth als ich! Ich werde ihrer<lb/>nie
vergessen!<lb/>z<lb/>Für das Erste sicher nicht! fiel mir mit Bitterkeit
.<lb/>Arrigo ein, denn Du wirst Wochen brauchen, Deine ?<lb/>Arbeit neu zu
machen, und sie hat dafür gesorgt, Dir-I<lb/>- F<lb/>einen langen dunklen
Schatten auf Deinen schönen -.<lb/>hellen Lebensweg zu werfen. Das ist's,
was ich be-<lb/>klage, was ich ihr nicht vergeben kann. -- Und wieder
HF<lb/>wandelte er mit wachsender Ungeduld in dem Gemach I<lb/>-
-<lb/>umher.<lb/>Ich vermochte dagegen Nichts zu sagen. Ich er-
-<lb/>F-<lb/>-«<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0248_247.tif" n="0247"/>
<p>L?<lb/>kannte in seinen Worten seine Freundschaft, seine Sorge<lb/>um mich,
und sie rüihrten mich; aber die Herrschaft,<lb/>welche er über meinen
Schmerz gewinnen wollte, er-<lb/>schien mir unmenschlich. Ich fühlte mich
ihm dadurch<lb/>entfremdet, und sehnte lebhaft die Ankunft der
Polizei-<lb/>beamten herhei, denen ich Rede zu stehen hatte, und
nach<lb/>deren Entfernung ich mir überlassen zu bleiben
hoffen<lb/>durfte.<lb/>Sie ließen sich lange genug erwarten, dafür
war<lb/>aber nach ihrer Ankunft die Sache um so schneller ab-<lb/>gethan;
denn gegenüber dem einflußreichen Prälaten gab<lb/>es für die Beamten keinen
Zweifel und nicht einmal<lb/>Bedenken.<lb/>Arrigo berichtete den Vorgang und
die Verhältnisse,<lb/>welche ihn herbeigeführt hatten, wie er sie ansah.
Wie<lb/>er es angab, befragte man den Portier, der Gloria in<lb/>meiner
Abwesenheit in die Wohnuung eingelassen, den<lb/>Knaben, der meinen Hilferuf
gehört, den Kammer-<lb/>diener,, welcher die Todte bei meiner Ankunft schon
er-<lb/>starrt gefunden hatte. Nach Arrigo's Worten verfaßte<lb/>man das
Protokoll. Kaum daß man eine Frage an<lb/>mich richtete.<lb/>Es war ja
Niemand da, von dem Tode der armen<lb/>- - SoSaws-ß « «s« u<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0249_248.tif" n="0248"/>
<p>L18<lb/>Gloria Rechenschaft zu fordern; Niemand, außer
ihren<lb/>Wirthsleuten, den ntan davon zu benachrichtigen gehabt<lb/>hätte,
oder der außer mir geneigt sein konnte, des<lb/>Grabes in der entlegenen
Kirchhofsecke zu gedenken, in<lb/>welcher man Diejenigen bestattet, die ein
Leben von sich<lb/>geworfen haben, das ihnen in einem Augenblick
der<lb/>Verzweiflung nicht mehr der Mühe es zu leben, werth<lb/>erschienen
war.<lb/>Arrigo's Leute sprachen von Gloria's häßlichem<lb/>Character, wie
sie ihren Herrn davon hatten reden hören.<lb/>Die Beamten beklagten ihn und
mich über den Schreäken<lb/>und die Unbequemlichkeit, welche der Vorfall uns
ver-<lb/>anlaßt haben mußte. Sie versicherten, daß ich mit<lb/>dieser
Angelegenheit nicht weiter behelligt werden würde.<lb/>Die fromme
Brüderschaft, welche am anderen Morgen<lb/>die Leiche bestatten sollte,
wurde sofort davon in<lb/>Kenntniß gesetzt. Die Beamten der Polizei
verließen<lb/>den Palast, sobald sie ihrem Amte genügt, die
Diener-<lb/>schaft ging, ihre Aufregung in der gewohnten
Disciplin<lb/>T<lb/>verbergend, wieder an ihre Geschäfte, nur der
Polizei-<lb/>Z<lb/>direktor, der auf Arrigo's Bitte selbst herbeigekommen, .
-<lb/>war noch im Gespräche mit demselben, als man dem J<lb/>Prälaten melden
kam, daß sein Wagen vorgefahren sei. I<lb/>.<lb/>z.<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0250_249.tif" n="0249"/>
<p>L19<lb/>Er zog die Uhr aus der Tasche, es war spät ge-<lb/>worden. Aber,
sagte er zu dem Polizeichef, ich hale<lb/>noch alle Zeit, Sie in Ihre
Wohnung zu geleiten, oder<lb/>Sie hinzuführen, wohin Sie sonst gebracht zu
sein<lb/>wünschen. -- Dich, mein Freund, werde ich bei Donna<lb/>Carolina
wegen Deines Nichterscheinens entschuldigen;<lb/>und da ich Deine Eltern
dort zu finden hoffe, ihnen<lb/>die nöthigen Mittheilungen machen, für den
immerhin<lb/>möglichen Fall, daß diese Angelegenheit irgendwie zu<lb/>ihrer
Kenntniß käme. Morgen in der Frühe sehe ich<lb/>Dich wieder. Inzwischen lege
Dich zu Bett, die Nuhe<lb/>zu suchen und den Schlaf ! Das ist das
Nöthigste<lb/>flr Dich! Von dem Nebrigen wird morgen mehr zu<lb/>sprechen
sein.<lb/>wie<lb/>mir<lb/>und<lb/>Er verließ mich, und ich brauche nicht zu
sagen,<lb/>ferne die Ruhe und der Schlaf mir blieben, die er<lb/>gewünscht
hatte.<lb/>Die ganze Nacht ging ich in meinem Zimmer auuf<lb/>nieder,
umhergetrieben von Erinnerungen, die in<lb/>wildem Durcheinander spukhaft
mich verfolgten. In<lb/>dem Raume weniger Stunden lebte ich die ganzen
Jahre<lb/>wieder durch, von dem Morgen, an welchem ich Gloria<lb/>zuerst
erblickt, bis zu diesem Abende, da ich sie entseelt<lb/>yat,s=V-= =- -
-<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0251_250.tif" n="0250"/>
<p>27O<lb/>vor mir gesehen hatie; und die Leidenschaft, die ich für<lb/>sie
gefühlt, flammte wie ein verzehrendes Feuer wieder<lb/>in mir auf. Der
Gedanke, daß diese herrliche Gestalt<lb/>zerstört war, daß ich sie nicht
mehr würde vor mir<lb/>sehen in ihrer stolzen Majestät, daß die kalte Erde
den<lb/>schönen Leib verschlingen werde, den ich mit solcher<lb/>Wonne in
meinen Armen gehalten, preßte mir die<lb/>heißen Thränen aus und schlug uich
nieder, als wäre<lb/>mit ihr der beste Theil meines Könnens und
Schaffens<lb/>uir entrissen.<lb/>Ich hatte ein unaussprechliches Verlangen,
sie noch<lb/>einmal zu sehen, zum lezten Male mir die Seele zu<lb/>erfüllen
mit der Schönheit, der ich meine ersten mir die<lb/>Hahn brechenden Erfolge
zu verdanken gehalt hatte. Ich<lb/>ging nach meiner Werkstatt, aber ich fand
sie ver-<lb/>schlossen; und als ich von dem Hausmeister den<lb/>Schllssel
forderte, sagte er mir, der Schlüssel sei nicht<lb/>da, Monsignore habe ihn
vermuthlich aus Versehen mit<lb/>sich
genommen.<lb/><lb/>?<lb/>-<lb/><lb/>I<lb/>. I<lb/>I<lb/><lb/>F<lb/>.=<lb/>Es
war lange nach Mitternacht, als sein Wagen<lb/><lb/>in den Hof fuhr, aber
den Schlüssel fordern zu lassnn, -H<lb/>hätte geheißen, ihn selbst zu mir
entbieten; und ihn zu ,?<lb/>sprechen, trug ich in meiner Verfassung kein
Verlangen. I<lb/>e<lb/>aT<lb/>- z-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0252_251.tif" n="0251"/>
<p>zzR<lb/>Müde vom Umhergehen sezte ich mich endlich nieder und<lb/>sah in die
stille Nacht hinaus, während der Blüthenduft<lb/>berauschend zu mir in das
Zimmer drang, und der<lb/>leichte Wind, der durch die Zweige der Bäume zeg,
daß<lb/>ich ihr fächelndes Bewegen hörte, den feuchten Staub<lb/>des
Springbrunnens kühlend nach mir hintrieb.<lb/>Ohne daßß ich es gewahrte,
wirkte der Zauler der<lb/>Natur erquickend auf mich ein. Die marternde
Span-<lb/>nung meiner Nerven, die herzbeklemmende Pein, die
mich<lb/>gefoltert hatte, wurden linder. Ich konnte zusammen-<lb/>hängend
denken, konnte, wie von einem Hihenpunkte die<lb/>Jahre, die ich mit Gloria
durchlebt, als Ganzes über-<lb/>schauen, und was in diesen Stunden aus der
Per-<lb/>gangenheil eutporslieg, war Alles hell und mild und<lb/>freundlich
wie die Nacht, die mich umgab, und so<lb/>lebendig, daß ich auch Gloria's
nicht wie einer Todien<lb/>dachte. Ich sehnte mich nach ihr, als wäre sie
mir<lb/>nicht verloren, und merkte es nicht, wie allmälig der<lb/>Traum mein
Denken mehr und mehr umspann, bis er<lb/>mich völlig in Vergessenheit wiegte
und mir ein Glück<lb/>vorspiegelte, das mir nimmer wiederkehren
konnte.<lb/>Ich wußte nicht, daß ich geschlafen hatte, als<lb/>schwere
Schritte und der Ton fremder Stimuen mtich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0253_252.tif" n="0252"/>
<p>A<lb/>erweckten. Ich sprang empor und eilte hinaus. E<lb/>war nicht lange
nach Sonnenaufgang. Die Thüren<lb/>meiner Werkstatt waren offen. Leise, daß
ich es nicht<lb/>gehört, hatte man Gloria's entseelte Hille für
die<lb/>Beerdigung vorbereitet; jetzt waren die Kapuziner, die<lb/>sie zu
Grabe tragen sollten, herbeigekommen. Sie hatten<lb/>den Sarg bereits
emporgehoben, die Dienerschaft lag<lb/>betend auf ihren Knieen. Schweigend
und ohne die<lb/>Todtengesänge anzustimmen, schritt die Brüderschaft
mit<lb/>der Leiche in den Garten hinaus; und auf daä Neue<lb/>ergriffen von
der Gewalt meines ceuevollen Schmerzes<lb/>stürzte ich nach dem Sarge hin.
Ich wollte sie noch<lb/>einmal sehen!<lb/>Eine feste Hand hielt mich davon
zurück. Ich wendete<lb/>mich um, es war Pater Cyrillus, mein früherer
Erzieher.<lb/>Ich war mit ihm in den lezten Jahren nur noch<lb/>selten
zusaumengekommen. Er hatte die grosen Weihen<lb/>empfangen, und bekleidete
jetzt ein ansehnliches Amt in<lb/>dem Collegium, das ihm eine erhöhte
Geltung auch in<lb/>F<lb/>e<lb/>der weltlichen Gesellschaft verlieh; indeß
er hielt sich von z<lb/>derselben fern, obschon er in dem Hause meiner
Eltern-<lb/>und auch in anderen unserer angesehenen Familien häufig
;<lb/>=?<lb/>aus- und einging.<lb/>-<lb/>--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0254_253.tif" n="0253"/>
<p>s e<lb/>=- -=<lb/>F Söos=F=z= Jz K z= ggggpggaa ? F7 ss z,a R<lb/>Man wußte,
daß seine scharfsinnige Klugheit, seine<lb/>Umsicht und sein Eifer für den
Orden ihm zu großßer<lb/>Geltung<lb/>wußte.<lb/>fammen<lb/>verholfen hatten,
und daß er diese zu benutzen<lb/>Mir war er, wenn er zufällig mit mir
zu-<lb/>getroffen war, stets freundlich und mit Aner-<lb/>kennuung meiner
Leistungen begegnet, ohne mich jemals<lb/>daran zu erinnern, daß nan früher
auuf eine andere<lb/>Zkunft für uich gerechnet hatte, und ohne es
mich<lb/>ahnen zu lassen, daß er von meiner gegenwwärligen<lb/>Lebensführung
uehr als daöjenige wisse, was sich von<lb/>derselben in neinen Arbeiten und
in meinen gesell-<lb/>schaftlichen Verbindungen offen kund gab. Er
war<lb/>gleichmüthig und sicher, als hätten wir uns am ver-<lb/>wichenen
Abende gesehen, als wäre nichks Außer-<lb/>gewöhnliches hier
vorgegangen.<lb/>Bleiben Sie, mein theurer Freund! sagte er mit<lb/>jenem
Tone sanfter Neberlegenheit, den anzunehmen er<lb/>immer mehr gelernt hatte,
lassen Sie die Brüder ihr<lb/>frommeä Werk vollenden. Stbren Sie die Nuhe
der<lb/>ueodten<lb/>genug!<lb/>wir d?<lb/>meiden<lb/>nicht; ihr Leben war
ruhelos, war unheilvoll<lb/>Und wozu verrathen, was besser nicht
verrathen<lb/>Wozu ein Aergerniß geben, wenn man es ver-<lb/>kann?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0255_254.tif" n="0254"/>
<p>27<lb/>Die Stimme, der ich zu gehorchen durch lange<lb/>Jahre gewohnt gewesen
war, die Scheu vor den<lb/>beobachtenden Blicken der Dienerschaft, übten
ihren Einfluß<lb/>auf mich aus. Ich gab der Hand nach, die mich
zurück-<lb/>hielt, ich sah den Leichenzug unter dem Portale
des<lb/>Vorderhauses verschwinden und ging, dem Pater folgend,<lb/>mit ihm
zurück in meine Wohnung.<lb/>Ich hatte mich schweigend auf einen Sessel
nieder-<lb/>geworfen und das Gesicht mit meinen Händen verhüllt,<lb/>ich
wollte Niemanden sehen lassen, was ich litt. In<lb/>meiner Versunkenheit
fiel es mir nicht auf, den Pater<lb/>neben mir zu finden, denn die Nähe
eines Menschen<lb/>war mir tröstlich, und er störte mich in meinem
Brüten<lb/>nicht. Wie ein geduldig beobachtender Wärter neben<lb/>dem ihm
anvertrauten Kranken, saß er an dem andern<lb/>Ende des Gemachs still' in
seinem Brevier lesend, bis<lb/>ich ihn mit der Frage anging, welchen Tag des
Monats<lb/>wir zählten.<lb/>Wir haben heute den Frühlingsanfang, sagte
er,<lb/>lassen Sie sich das, mein theuerer Benvenuto! ein
gutes<lb/>»gwe?<lb/>Zeichen und auch eine Mahnung sein.<lb/>Ich hörte nur
mit dem Ohre, was er sprach,<lb/>denn ich suchte mir in meinen Erinnerungen
die letzten<lb/>i<lb/>s<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0256_255.tif" n="0255"/>
<p>27<lb/>Ia<lb/>friedlichen und freundlichen Begegnungen mit der
Ver-<lb/>lorenen zu vergegenwärtigen, als der Paier seine
Worte<lb/>wiederholte.<lb/>Lassen Sie sich diesen Beginn einer schöneren
Zeit<lb/>ein gutes Zeichen sein, mein theurer Benvenuto! ein<lb/>Zeichen und
eine Mahnung! Das Jahr steht heute an<lb/>einer seiner Krisen, an eineut
feiner Wendepunkte. Die<lb/>Zeit der Stürme, der jähen Wechsel ist vorüber;
es<lb/>beginnen die Tage voll reineren helleren Lichtes, segens-<lb/>räiche
und die Frucht reifende und zeitigende Tage. Sie<lb/>bringen dem Menschen
die Gewährung der Hoffnungen,<lb/>welche immer und immer wieder von der
gütigen Hand<lb/>der Vorsehung erfüllt zu sehen wir in
glaubensvoller<lb/>Zuversicht erwarten dürfen und müssen. Lassen Sie<lb/>uns
hoffen, mein Benvenuto! daß nach der furchtharen<lb/>Lehre, welche es dem
Herrn über Leben und Tod ge-<lb/>fallen hat, Ihnen angedeihen zu lassen, die
Stürme der<lb/>Leidenschaft sich auch in Ihnen sänftigen, daß Sie
nicht<lb/>mehr von denfelben in wildem Wechsel unhergetrieben<lb/>und von
Ihren eigentlichen Zielen abgewendet werden.<lb/>Es ist nichts Geringes, es
ist ein Zeichen hoher Gna de,<lb/>wenn der, der Herr ist ütber Leben und
Tod, ein Meschen-<lb/>leben opfert, um einen Begnadigten dadurch zu
befreien,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0257_256.tif" n="0256"/>
<p><lb/>um ihn zu erlösei auä der Sünde und ihn auf einen neuen<lb/>Weg zu
führen. Was Ihre zaghafte Nachgiebigkeit und<lb/>Schwäche gegen sich und
gegen die Gefährtin dieser<lb/>Schwäche, nicht zu ihun vermocht, das hat in
seiner<lb/>Weisheit und Barmherzigkeit der Himmel jezt für Sie<lb/>gekhan.
Also blicken Sie getrost und fest empor, mein<lb/>Lieber! Schauen Sie nicht
zurück in dieser Stunde,<lb/>sondern vorwärts in die Zukunft, in welcher Sie
unter<lb/>dem Beistand der heiligen Jungfrau segnen werden, was<lb/>Sie jezt
so schmerzlich beugt und drlckt. Richten Sie<lb/>sich auf, mein
Freund!<lb/>Ohne es zu wissen, gab ich dieser lezten Mahnung<lb/>nach; aber
wenn die Seele eine Menschen von einem<lb/>ausschließlichen Gedanken
hingenommen ist, wird all'<lb/>sein Thun, sofern es nicht mit jenem ihn
beherrschenden<lb/>Gedanken zusammenhängt, seelenlos und äußerlich.
Ich<lb/>hörte, sah, beobachtete, als thäte ich es nicht selbst,
als<lb/>erlebte ich es in einemt Traume, den ich mit Bewußtsein<lb/>als
solchen empfand, ohne mich jedoch aus seinen<lb/>Banden befreien zu
können.<lb/>Die Anschauungsweise meines Erziehers war mir<lb/>vordem
geläufig genug gewesen. Oft genug hatte ich<lb/>es ihn aussprechen hbren,
daß unser Herrgotk, der seinen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0258_257.tif" n="0257"/>
<p>eigenen Sohn für die<lb/>D<lb/>Erlösung der Menschheit ge-<lb/>opfert hat,
auch jezt noch in seiner Alloissenheit und<lb/>Gnade das Opfer eines
Menschenlebens zu Gunsten eines<lb/>andern von ihm für große Zwecke
auserlesenen Menschen,<lb/>wohl verhänge. Diese Theorie, wie der Pater sie
mit<lb/>doppelsinniger Arglist nach den Grundsätzen der Geselt-<lb/>schaft
Jesu deutete, hatte ich immer verabscheuungswerth<lb/>und gotteslästerlich
gefunden, wenn schon auch ich mich<lb/>überzeugt hielt, daß in der Natur
überall das Geringere<lb/>dem Größeren dienen und aufgeopfert werden
müsse.<lb/>In diesem Augenllicke aber gefiel mir plözlich die
Vor-<lb/>stellung sehr wohl, daß nicht mein und Gloria's
eigenes<lb/>Verschulden, sondern Gottes Raihschluß sie in den
Tod<lb/>getrieben habe. Denn leichter war es in der That, dent<lb/>Höchsten
für seinen mir erwiesenen Beistand, für eine<lb/>gewaltsame Erlösung aus den
Banden eines drückend<lb/>gewordenen Verhältnisses zu danken, als mir es
vorzu-<lb/>halten, daß ich Gloria meiner Leidenschaft geopfert, und<lb/>daß
sie leben und vielleicht glüücklich sein würde, hätte<lb/>ich sie ziehen
lassen, als sie mich zu meiden entschlossen<lb/>gewefen war. Weil man aber
sich in selbstsütchtiger<lb/>Bequemlichkeit eine tröstende Widerlegung der
Anklagen<lb/>gern gefallen läst, zu welchen das Gewissen uns zwingt,<lb/>F.
Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0259_258.tif" n="0258"/>
<p>28<lb/>gab ich mich jezt ohne Scheu dem Ergusse meines<lb/>Schmerzes und
meiner Neue vor dent Pater hin.<lb/>Er ließ mich ruhig wie in der Beichte
sprechen,<lb/>und eine Veichte von mir selber war es, in welcher
ich<lb/>mich erging. Als ich dann inne hielt, trat er still an<lb/>mich
heran, und seine Hand kaum merkbar mir auf<lb/>die Schulter legend, sagte
er: Und haben Sie denn es<lb/>so ganz verlernt, sich in der ewig wachenden
Ohuth<lb/>unsers Herrn Jesuö Christus zu fühlen? Erkennen Sie<lb/>es denn in
dieser Stunde: nicht schon selber, mein armer<lb/>Freund! wie der Mensch
hallloö auf deut Hcean des<lb/>Lebens umhergetrieben wird, sobald er aufhört
sein Auge<lb/>zu dem Allgegenwärtigen emporzurichten, welcher allein<lb/>den
Weg kennt und daä Ziel, das er einem Jeglichen<lb/>vorgezeichnet hat?- Sie
wollten nach eigenem Ermessen<lb/>Genuß und Glück erjagen, und haben Leid
gefunden<lb/>und Untergang bereitet, so daß Ihre angstbeladene
Seele<lb/>doch endlich wieder an das mit Ihnen leidende Herz<lb/>des
Freundes flüchtet, den des Höchsten Nathschluß<lb/>Ihnen zum Führer Ihrer
Kindheit und Jugend aus-<lb/>ersehen hatte.<lb/>Er neigte sich bei den
Worten zu mir und faßte<lb/>meine beiden Hände. Muß ich es Ihnen erst noch
sage,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0260_259.tif" n="0259"/>
<p>259<lb/>Benvenüto! daß meine Sek aufgehört hat, fir<lb/>in sorgendem Gebete
darauf zu vertrauen, es müsse<lb/>werde auch an Ihnen des Herrn
vorbestimnter Wille<lb/>erfillen, wenn gleich wir den Pfad nicht
übersahen,<lb/>Sie<lb/>und<lb/>sic<lb/>den<lb/>er für Sie vorbedacht hat,
und die Stunde nicht wußten,<lb/>in welcher er Ihnen seinen Nathschluß
erkemibar uachen<lb/>und Sie in die ruhige Klarheit und in die
Gemeinschaft<lb/>derjenigen beufen wüirde, die sich hienieden vor
allen<lb/>Anderen der Ausbreitung seines Reichs und der Ver-<lb/>herrlichnng
seines Nanenö gewidek habenu?<lb/>Seine Rede überraschte mich, ich wurde
achtsam.<lb/>Vorsichtig wie er sonst immner war, hatte der Pater<lb/>doch
eine ebereilung begangen, indem: er daä Eisen<lb/>zu schnell schmieden
wollte, weil er es grade weich sah;<lb/>aber freilich richtete er mich mit
seinen Worten auf,<lb/>gab mich mir selber wieder, wenn auch nicht
in<lb/>Sinne, in welchem er es beabsichtigt haben mochte.<lb/>besann mich
plötzlich, wen ich vor mir hatte;
und<lb/>und<lb/>dem<lb/>Ic<lb/>tit<lb/>rasch erwachtem Mißtranen legte ich
ihm und mir die<lb/>Frage vor, wer ihn von den Vorgefallenen
unter-<lb/>richtet, wer ihn in dieser Morgeufrüühe zu mir
gesendet<lb/>habe?--<lb/>;?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0261_260.tif" n="0260"/>
<p>26e<lb/>Er ward seinen Mißgriff sofort inne, indeß seine<lb/>Gewandtheit ließ
ihn nicht im Stiche, und weit davon<lb/>entfernt, zurüczuweichen, ging er
enischlossen auf dem<lb/>eingeschlagenen Wege vorwärts.<lb/>Unwahr zu sein
gegenüber einem jungen Manne<lb/>wie Sie, mein Lieber, sagte er, oder Sie
über die Ab-<lb/>sicht täuschen zu wollen, in welcher ich gekommen
bin,<lb/>würde mir nicht wohl anstehen, und würde auch Nichts<lb/>fruchten,
da ich Ihnen, den ich in der sicheren Erwwartung<lb/>rrzogen hale, ihn eiust
uferer heiligen Gemneinschaft<lb/>einverleibt zu sehen, frühzeitig von der
nicht endenden<lb/>Vatersorge des Ordens für seine Angehörigen
gesprochen<lb/>habe. Denn was bedeutet die Sorge eines
leiblichen<lb/>Vaters, den wie zum Beispiel in Ihrem Falle die
eng-<lb/>herzigen Vorurtheile deä Adels und des
Erstgeburtsrechts<lb/>beherrschen, gegen die Vatersorge unserer
Gemeinschaft?<lb/>Unser Orden keunt solche Vorurtheile nicht. Er
hält<lb/>jedes seiner Mitglieder unparteiisch hoch. Er sucht es<lb/>in
seinen Eigenschafien zu fördern und zu ehren, weil<lb/>er sich bewußt ist,
daß Niemand ohne Gottes besondere<lb/>Fügung ihm einverleibt werden kann,
und da jedes<lb/>uns einverleibte Glied, in demt Orden die von
unserem<lb/>Herrgott vorgeschenen Absichten zu erfüllen, seine von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0262_261.tif" n="0261"/>
<p>v ßw<lb/>Oc<lb/>h --<lb/>iht vorher bestiuute Verwendung in dem
Allgemeinen<lb/>zu finden hat. Der Herr Graf, Ihr Vater, vermochte<lb/>von
seinem Vorhaben, Sie der Kirche zu weihen, alzu-<lb/>stehen, sobald der
weltliche Vortheil seines Haufes Ihr.n<lb/>Eintritt in den Orden nicht mehr
zu erheischen schien.<lb/>Unsere Gemeinschaft kann und darf ihre Plane so
leicht-<lb/>herzig nicht wechseln, darf die ihr zugewiesenen
Seelen<lb/>nicht achtlos sich selber überlassen. Wir sind Ihnen
iu<lb/>Geiste immer nah' geblieben; denn es ist ichht nnr
Ihr<lb/>diesseitiges und jenseitiges Wohl, mein Freund! es i't<lb/>das
große, ganze Allgemeine, es ist die Verherrlichung<lb/>Gottes, die wir im
Auge haben. Wie sollten wir also<lb/>gewissenlos und leichtgesinnt darauf
verzichten, die so<lb/>herrliche Ihnen verliehene Begabung anders als zu
der<lb/>Ehre dessen von Ihnen verwendet zu sehen, der sie
Ihnen<lb/>eingegeben hat, als er Sie werden ließ? Wir habe:<lb/>nie
aufgehört, für Sie zu sorgen und zu beten, uuser<lb/>Auuge hat nicht
aufgehörl, Ihnen zu folgen, unsere Hanud<lb/>war da, Sie zu stüzen, wenn
jemals die Stunde käme,<lb/>in welcher Sie der Stütze sich bedürftig fühlen
mufßten<lb/>--- und sie ist gekommen, und wir preisen den Herrn<lb/>dafür,
daß er sie Ihnen so früh gesendet hat!<lb/>Sein Ton, seine Miene und Haltung
hatten jenen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0263_262.tif" n="0262"/>
<p>c1=<lb/>bestrickenden Zauber, der aus einemt von starker Ueber-<lb/>zeugung
erfillten Herzen kommt, aber ich wußte, wie<lb/>fest und enge Neberzeugung
und Berechnung in dem<lb/>Geiste des Ordens, und in dem Geiste meines
Paters<lb/>verbunden waren, und selbst die furchtbare
Erschütterung,<lb/>welche ich erlitten, machte mir den Gedanken,
mein<lb/>freies, schönes Künstlerleben mit demt Zwange eines Ge-<lb/>lübdes
zu bela.sten und mich, denn darauf allein hatte<lb/>Pater Cyrillus es
algesehen, als weltliches Mitglied<lb/>dem Orden anzuschließen, nicht
einlenchtender oder<lb/>wünschenswerther.<lb/>Ich erklärte ihm deöhalb
unumwunden, wie die<lb/>Vorstellung, an dem Orden gegen meinen Willen,
einen<lb/>mich und mtein Thun und Lassen erspähenden Beobachter<lb/>zu
haben, mich deuselben wo möglich noch abgeneigter<lb/>mache als vordem,
indeß ich brachte ihn damit nucht<lb/>aus seiner Ruhe.<lb/>Mit der Milde
höchster Selbstgewißheit entgegnete<lb/>er mir, daß ihm dies Geständniß
nicht auffallend er-<lb/>scheine, daß es ihu aber umt uteinetwillen
Kummer<lb/>mache. Er habe gehofft, die gnadenvolle Warnung,<lb/>welche der
Himmel mir eben jezt habe angedeihen lassen,<lb/>würde genügt haben, uich
erkennen zu machen, wie<lb/>h<lb/>e<lb/>- e<lb/>-<lb/>e<lb/><lb/>-
z-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0264_263.tif" n="0263"/>
<p>Jps-<lb/>g<lb/>O)7D<lb/>unzulänglich die eefcg einzelnen Menschen sei.
sieh<lb/>aufrecht zu erhalten in den Tagen großer Versuchnng<lb/>und großer
Prüfungen. Darin habe er sich geirrt, doch<lb/>dürfe ihn das nicht hindern
mnir seine Vorsorge, seiur<lb/>Theilnahme und seine Gebete zuzuwenden, bis
neue<lb/>Versuchungen und Prüfungen, die mir sicherlich niczt<lb/>fehlen
würden, meinen vermessenen Glauben an die eigene<lb/>Kraft und an die freie
Selbstbestimuung erschütttepn<lb/>uund zu Schande machen, und mich Naih,
Trost d<lb/>Zuflucht suchend, in die Arme der Geuweinschaft
führr<lb/>würden, die mich seit meiner frühsten Kindheit als einen<lb/>der
Ihrigen betrachtet habe. Sie sei auch jezt bereit,<lb/>mir mit ihrem Einfluß
beizustehen, falls irgend welchhe<lb/>unangenehmte Verwicklungen aus dem
Selbstmord Gloria ä<lb/>für mich erwachsen sollten.<lb/>Für dieseä
Anerbieten dankte ich ihn uit der B -<lb/>merkung, daß Monsignore Arrigo
bereits gestern die<lb/>nöthigen Schritte in der Angelegenheit gethan, und
daß<lb/>ich gar Nichts zu befürchten hale.<lb/>Pater Cyrillus sagte, daß er
dieses Alles wisse,<lb/>und zeigte sich von allen Masßnahmen Arrigo's
bin<lb/>in ihre Einzelheiten unterrichtel; trotzdem wwiederholr<lb/>er mir
sein Anerbieten, und verließ mich dann mit der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0265_264.tif" n="0264"/>
<p>e<lb/>zuversichtlichen Haltung eines Mannes, der sich bewußt<lb/>ist fir das
Gelingen eines guten Werkes das Nöthige<lb/>gethan zu haben.<lb/>Ich aber
war aus meinem dumpfen Schmerze<lb/>herauögerissen, denn die herrschsüchtige
Beharrlichkeit des<lb/>Ordens empörte mich, und ich dachte mit
Mißtrauen<lb/>und Widerwillen darüber nach, wer von meiner Umgebung<lb/>den
Kundschafter neben mir gemacht haben mochte, als<lb/>Monsignore Arrigo mich
zu sich bitten ließ.<lb/>Ende des ersten Vandes.<lb/>Beuliner
Buchdruckerei-Actien-Gesellschast<lb/>Setzerinnenschule des
Lette-Verein?.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_01_0266_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
</div2>

<div2 type="volume">
<head>Band 02</head>
<div3 type="front">
<head>Titel</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0267_unm.tif" n="unum"/>
<p>Im Verlage von Otto Janke in Berlin sind ferner<lb/>dlgende Werke
von<lb/>Fannn Pewald<lb/>rschienen und durch alle Buchhandlungen zu
beziehen:<lb/>z e ll a.<lb/>An<lb/>Eine
Weihnachtsgeschichte<lb/>von<lb/>Fauny Lewald.<lb/>Gr. S. geh. 5 Mark B
Pf.<lb/>Die Anzertrennlichen.-- Eflegeeslern.<lb/>Zwei
Erzählungen<lb/>von<lb/>Fanny Lewald.<lb/>Gr. S. geh. s Mar? 50
Pf.<lb/>FsspFFKo<lb/>Bil Riunione<lb/>Eärzählungen eines alten
Tanzmeisters<lb/>von<lb/>Fauny Lewald.<lb/>L Bände. Gr. S. geh. 1
Mark.<lb/>Inhalt:<lb/>etnzesfin Aurora. Eine traurige Geschichte.<lb/>Ein
Schiff aus Euba. =- Domenico.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0268_ttl.tif" n="unum"/>
<p>Benfenuto.<lb/> Ein Poman aus der
Pünßlerwelt.<lb/> Von<lb/> Fanny Lewald.<lb/>Zweiter Band.<lb/>Berlin,
187s.<lb/>Verlag von Otto Janke.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0269_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0270_003.tif" n="0003"/>
<p>Ieh fand Arrigo bei seinem Frühstück sitzend, das<lb/>nach englischer Sitte
reicher war, als wir Jtaliener es<lb/>einzunehmen gewohnt sind.<lb/>Er hieß
mich mit ungestörtem Gleichmuth will-<lb/>kommen, und mich nöthigend, den
Platz einzunehmen,<lb/>den er für mich hatte vorbereiten lassen, sagte er:
Du<lb/>hast, wie ich hoffe, nach der gewaltsamen Erschütterung<lb/>am
gestrigen Abende den nöthigen Schlaf in dieser Nacht<lb/>gefunden; aber Du
hast viel Kraft verbraucht, und D<lb/>wirst gut thun, sie mit tüchtiger
Nahrung baldigst zu<lb/>ersetzen. Im Nebrigen habe ich gestern bei
Donnc<lb/>Carolina Deinen Vater und Deine Mutter gesehen, habe<lb/>der
redseligen Fama rasch vorangehend, den Weg so fest<lb/>vorgezeichnet, den
wir sie nehmen lassen wollen, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0271_004.tif" n="0004"/>
<p>T<lb/>ein Abirren von demselben, ihr nicht recht möglich sein<lb/>wird. Denn
in der That, man kann im Leben, das im<lb/>Grunde weit weniger ernsthaft
ist, als unsere Eitelkeit<lb/>es nimmt, des Erfolges unter den Menschen
immer<lb/>ziemlich sicher sein, wenn man ihnen, wie der
geschickte<lb/>Taschenspieler die Augen stets dahin richtet, wohin
sie<lb/>sehen sollen, und ihnen die Karte hinhält, die man von<lb/>ihnen
gezogen haben will.<lb/>Wie ich meinen Freund kannte, durfte die
Weise,<lb/>in welcher er zu mir sprach, mich nicht befremden, wenn<lb/>sie
mich auch heute ebenso wie gestern, peinlich berührte,<lb/>aber an seine
Worte anknüpfend, theilte ich ihm mit,<lb/>daß Pater Cyrillus, und in
welcher Absicht und mit<lb/>welchen Vorschlägen, er bei mir gewesen sei, und
wie<lb/>also das Gerücht von Gloria's Tod doch bereits
seinen<lb/>selbständigen Weg unter die Leute genommen haben
müsse.<lb/>Arrigo zeigte sich davon keinesweges überrascht. Sie<lb/>sind,
wie die Maulwürfe überall und nirgends, und<lb/>wo sie eine lockere Stelle
finden, tauchen sie sofort<lb/>emyor, sagte er. Ich war überzeugt, daß sie
den Anlaß,<lb/>sich an Dich zu machen, nicht versäumen würden; und<lb/>wer
will sagen, ob sie nicht in irgend einer Weise an<lb/>der wilden That der
armen Gloria ihren Antheil haben!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0272_005.tif" n="0005"/>
<p>Ich faßte seine Meinung nicht. Weißt Du, wer<lb/>der Beichtiger von Gloria
war? erkundigte er sich.<lb/>Die Frage fiel mir auf; denn Gloria hatte
iut<lb/>Laufe des verwichenen Winter ihren Beichtiger ge-<lb/>wechselt. Sie
war bis dahin zur Beichte immer in das<lb/>Kapuzinerkloster gegangen, in
dessen Nähe sie gewohnt<lb/>hatte, so lange sie bei ihrem Vater gewesen war.
Sie<lb/>hatte mir auch oftmals erzählt, wie Pater Franziscus
ihr<lb/>Ehrbarkeit und Treue in dem Verhältniß zu mir zur<lb/>heiligen
Pflicht gemacht, wie er sie stets ermahnt habe,<lb/>durch einen frommen
Lebenswandel den Heiland auszu-<lb/>söhnen mit der Abweichung von seinen
Geboten, und<lb/>wie er sie dafinn belobt habe, daß sie die Messe
nie<lb/>versäumt, daß sie wöchentlich gebeichtet und es an guten<lb/>Werken
nicht habe fehlen lassen. Sie war dabei meist<lb/>heiter und zufrieden
gewesen. Je fester ich aber rück-<lb/>wärts blickte, um so deutlicher
erinnerte ich mich, daß<lb/>Gloria's Eifersucht, daß die Verdüsterung und
Herbigkeit<lb/>ihrer Stimmung sich erst seit dem Zeitpunkte
kund-<lb/>gegeben hatten, in welchem sie sich von dem friedfertigen<lb/>und
nachsichtigen Kapuziner losgesagt, und in einer der<lb/>Jesuitenkirchen in
der Nhe des Corso zur Messe und<lb/>zur Beichte gegangen war. Ich hatte
damals auf diese<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0273_006.tif" n="0006"/>
<p>lenderung ugrer bisherigen Gewohnheit kein Gewicht<lb/>zelegt, denn Gloria
hatte mir gesagt, daß der Weg<lb/>von ihrer Wohnung zu den Kapuzinern ihr
jezt zu<lb/>weit sei; und da ich die Neigung der Frauen aus den<lb/>niederen
Ständen kannte, sich, wenn sie gute Kleidung<lb/>haben, in den Kirchen sehen
zu lassen, welche vorzugs-<lb/>weise von der vornehmen Welt besucht zu
werden pflegen,<lb/>so hatte ich Gloria's Vorhaben mit dem neuen
Shawl<lb/>tuch in Verbindung gebracht, das ich ihr zu ihrem<lb/>Namenstag
gegeben. Ich hatte es deshalb nicht beachtet,<lb/>daß die Kirche, der sie
sich zugewendet, in den Händen<lb/>der Jesuiten war, und daß sie den
Berichtiger, dem sie<lb/>sich in derselben anvertraute, schon ehe sie den
Wechsel<lb/>vorgenommen, in der Familie ihrer Wirthsleute hatte<lb/>kennen
lernen, mit der er weitläufig verwandt war, und<lb/>der er sich, bald
nachdem ich Gloria bei ihnen unter-<lb/>gebracht, näher anzuschließen
begonnen hatte.<lb/>-Welch ein Leichtsinn! rief Arrigo, als ich
mich<lb/>allmälig dieser Thatsachen erinnerte. Und Du kannst<lb/>Dich
wundern, daß Pater Cyrillus in der Frühe bei<lb/>Dir par? Du kannst Dich
wundern, daß er von Gloria's<lb/>Tode sofort Kunde hatte? - Du hast einen
Jesuiten<lb/>um Erzieher:gehabt, und bist arglos genug ef-ee<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0274_007.tif" n="0007"/>
<p>Deine Geliebte einem jesuitischen Beichtvater zu über-<lb/>lassen, bis er
---<lb/>Sie in den Tod getrieben! rief ich, von neuem<lb/>Schmerze
überwältigt.<lb/>Gemach, mein Freund! sagte Arrigo mit ernster<lb/>Abwehr,
solchen Anschuldigungen soll man das Wort<lb/>nicht ohne festen Anhalt
geben, nicht vor sich selber,<lb/>geschweige denn vor einem Anderen, wäre er
auch, wie<lb/>ich, ein Freund dessen man sich sicher weiß. - Aber,<lb/>fügte
er hinzu, während das Lächeln, das ihm selten<lb/>fehlte, wieder seinen Mund
umspielte, ziehe Dir aus<lb/>diesem traurigen Ereignisse die Lehre, daß man
eines<lb/>Weibes, welchem Stande und Bildungsgrade es an-<lb/>gehdre, und in
welchem Verhältnisse es zu uns stehe,<lb/>sofern es der Kirche ergeben und
gläubig ist, niemals<lb/>gewiß sein kann, wenn man mit dem Beichtiger
desselben<lb/>nicht im Klaren, und mit ihm nicht in einem ver-<lb/>ständigen
Einvernehmen ist. Der Character des Beichtigers<lb/>ist wichtiger für unsern
Frieden, als der des Weibes,<lb/>dem wir huldigen oder das wir lieben. - Und
nun,<lb/>mein Lieber, keine Rückblicke mehr, sondern vorwärts<lb/>und muthig
vorwärts! Was hinter uns liegt, mußß<lb/>zurülckgelassen werden wie ein
ausgewachsenes Kleid.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0275_008.tif" n="0008"/>
<p><lb/><lb/><lb/>Wir können in die Vergangenheit doch nicht mehr
zurück!<lb/>Also vorwärts!r=- vorwärts mit der Klugheit, welche<lb/>die
Erfahrungen uns geben sollen! Am Tag die Arbeit<lb/>und' am Abend das
Vergnügen! Wir speisen heute bei<lb/><lb/><lb/>Deinen Eltern, bringe eine
möglichst klare' Stirne mit,<lb/>-<lb/>Deiner Mutter Augen zu erfreuen, und
ihr zu beweisen,<lb/>daß Du es nicht ndthig hast, Dich für eine Weile
zu<lb/>-<lb/>entfernen, wie sie es gegen Deines Vaters
Meinung<lb/><lb/>gerathen hat und für Dich wünscht.<lb/>Ich aber griff
diesen Gedanken meiner Mutter<lb/>lebhaft auf, denn er wär auch der meinige
gewesen. Ich<lb/>- konnte meine Werkstatt nicht betreten, ohne
Gloria's<lb/>- gntseelte Hülle vor mir zu gewahren, ich komnte den<lb/>Abguß
der Armida und die anderen Gestalten, zu denen<lb/>Gloria mein Modell
gewesen war, nicht ansehen, ohne<lb/>daß der Schmerz um sie mich immer
wieder über-<lb/>mannte, und ich glaubte durch eine zeitweilige
Ent-<lb/>fernung, durch das Aufnehmen neuer Eindrücke, mich<lb/>zerstreuen
und beruhigen zu können; indeß Monsignore<lb/>Arrigo wollte das nicht gelten
lassen.<lb/>-? ? Nichti doch! rief er, in einem für uns
kritischen<lb/>Augenblick das Feld zu räumen, ist der grdßte
Fehler.<lb/>Wö-wir unseren Platz verlassen, tritt das
übelwollende<lb/>z?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0276_009.tif" n="0009"/>
<p>v<lb/>z<lb/>Gerücht an die von uns geräumte Stelle. Nur wo<lb/>wir uns zu
behaupten wissen, haben wir's in unserer<lb/>Hand, abzuwehren, was uns
schaden könnte, heran-<lb/>zuziehen, was uns fördern muß. Und nun vollends
mit<lb/>drei und zwanzig Jahren in dem Augenblicke davon zu<lb/>laufen, in
welchem alle schdnen Augen sich auf Dich<lb/>richten, um anf Deiner Stirne
die blasse Schwermuth<lb/>zu betrachten, die dem Helden eines solchen
romantischen<lb/>Abenteuers ja nicht fehlen kann! Welch ein
Einfall!<lb/>Vorwärts! Vorwärts an die Arbeit, und auf
heute<lb/>Abend!<lb/>ktaaaeeuAszseeuiagef -<lb/>Weeegg»esSasSso<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0277_010.tif" n="0010"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0278_011.tif" n="0011"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0279_012.tif" n="0012"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0280_013.tif" n="0013"/>
<p>Z bie Arbeit machte ich mich denn auch bald,<lb/>und sie kam mir treu zu
Hilfe, sowohl wenn sie mir<lb/>glückte, mehr noch, wenn sie mir mißlang.
Denn in<lb/>den mannigfachen Stunden, in welchen ich Noth und<lb/>Mühe
hatte, die von Gloria zerstörte Gruppe wieder<lb/>herzustellen, kam ein
Gefühl des Mißmuths und des<lb/>Zornes immer öfter gegen Gloria in mir auf.
Ein<lb/>Todter aber, dem wir, aus welchem Grunde es immer<lb/>sein mag, zu
zürnen beginnen, hat in unserer Erinnerung<lb/>ein verloren Spiel. Er kann
sich nicht vertheidigen<lb/>kann nichts mehr vergüten. Die Lebenden und das
Leben<lb/>stehen wider ihn, und Beide zeigten sich mir günftiger,<lb/>als
ich's verdiente, ja, günstiger noch, als selbst mein<lb/>Freund in seiner
Kenntniß und Geringschätzung der<lb/>Menschen und ihres Urtheils, es
erwartet haben mochte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0281_014.tif" n="0014"/>
<p>a<lb/>z<lb/><lb/>-
-<lb/>--<lb/>-<lb/><lb/>g<lb/>F<lb/>.<lb/><lb/><lb/><lb/>1<lb/>Schon am Tage
nach Gloria's Bestattung hatte<lb/>das Zeitungsblatt, das unter dem
Einflusse der Jesuiten<lb/>stand, den Tod der schönen Gloria in einer Weise
er-<lb/>zählt, daß Jeder mich, und den Zusammenhang, in<lb/>welchem ich zu
demselben stand, erkennen mußte, auch<lb/>ohne daß mein Name dabei genannt
war; und die<lb/>- Darstellung war dabei doch wieder mit einem so
hinter-<lb/>listigen Geschick abgefaßt, daß es zweifelhaft
erscheinen<lb/>konnte, ob Gloria von meiner oder von der eigenen<lb/>Hand
den Tod gefunden hatte. Der Bericht erzählte,<lb/>von einem Künstler, dem
des Schöpfers Gnade ein<lb/>herrliches Talent für die Seulptur verliehen,
der es<lb/>aber verschmäht habe, diese seine Gaben ausschließlich<lb/>zu
Gottes Ehren anzuwenden, wie der Wille seiner<lb/>fcommen und
hochangesehenen Eltern, die ihn der Kirche<lb/>und dem heiligen Orden Jesu
weihen wollten, es für<lb/>ihn bestimmt hatte. Dafür werde er nun zur
Strafe<lb/><lb/>unihergetrieben auf den Bahnen der Weltlust, sei
in<lb/>Fallstricke und Versuchungen gerathen, in denen er<lb/>nicht; nur
selbst erliege, sondern in welche er auch die<lb/>Vsgössin seiner Lust
verstrickt habe, so daß nicht ein<lb/>gotßeliger, christlicher Tod, sondern
ein Messerstich ihrem<lb/>Figen, Leben. ein schreckliches Ende gemacht habe.
Ohne<lb/><lb/>s<lb/>- --<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0282_015.tif" n="0015"/>
<p>die Wohlthat des heiligen Sacramentes, ohne Gebet<lb/>und Absolution sei sie
in ihrer Sündhaftigkeit dahin<lb/>gegangen und also einer Verdammniß
anheimgefallen,<lb/>aus der selbst die Messen, welche die fromme
Mutter<lb/>des Verführers der Todten zur Erldsung für ewige<lb/>Zeiten
angeordnet, Mühe haben würden, sie in Jahr-<lb/>hunderten aus den Flammen
des Fegefeuers zu befreien.<lb/>Der Artikel war völlig in dem Style
gehalten, in<lb/>welchem die Bänkelsänger ihre Schilderungen der
Mord-<lb/>thaten auf unseren Straßen abzusingen pflegten, und<lb/>wie diese
machte er in jenen Tagen durchaus noch die<lb/>gewollte Wirkung auf das
Volt. Meine Arbeiter,<lb/>meine Modelle, und die Frau und Tochter
unseres<lb/>Thürstehers, denen sonst ein braöer Messerstich und der<lb/>Tod
eines Menschen durch einen solchen, nicht eben als<lb/>etwas Ungewohntes
oder Entsezliches erschienen, be-<lb/>trachteten mich mit einem gewissen
scheuen Mitleid; und<lb/>wie man einem Kranken auch ungefordert ein Mittel
zu<lb/>seiner Heilung vorzuschlagen wagt, faßte des Thürhüthers<lb/>Frau
sich am Abende ein Herz, und ertheilte mir den<lb/>Rath, die nahe
bevorstehende Osterwoche für mein<lb/>Seelenheil zu benutzen, und sie in
einem guten Kloster<lb/>in büßendem Gebete zu verbringen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0283_016.tif" n="0016"/>
<p>Meinen Vater kränkte der Artikel mehr, als<lb/>Gloria's Tod, der ihm nicht
ungelegen war, ihn kümmerte.<lb/>- -<lb/>Er erwähnte gegen mich indessen
weder des Einen noch<lb/>des. Andern, aber er behandelte mich fremd und
kalt,<lb/>--wie ich es von ihm erwartet und verdient hatte. In<lb/>einer.
Unterhaltung aber, die er mit einem Freunde in<lb/>- meinem Beisein führte,
warf er die Bemerkung hin,<lb/>? daß das Glück, Kinder zu haben, immer ein
sehr<lb/>zweifelhaftes sei, besonders in den Ländern, in welchen<lb/>i man
seinen unangetasteten Namen auf alle seine Söhne<lb/>, zu vererben habe,
ohne zu wissen, wie sie ihn tragen<lb/>- und-zu ehren wissen würden. Meiner
Mutter Augen<lb/>- füllten sich dabei mit Thränen, und wenn das
lebhafte<lb/>ob, welches der Freund dem Gllcke meines Vaters<lb/>--spendete,
dem Söhne wie die' seinen zu Theil geworden<lb/>wären, dem Vorwurf' auch die
Spize abbrach, so hatte<lb/>-' ich seine Schärfe doch empfunden. Weniger
noch als meine<lb/>Eltern schonten meine Geschwister mich.<lb/>; Was Wunder
also, wenn ich meine ganze Familie,<lb/>- so viel ich konnte, mied? Wenn ich
mich zu der<lb/>- Gesellschaft unserer vornehmen Welt hielt, die weit<lb/>-
entfernt mich zu verdammen, mich mit offenen Armen<lb/>,
'.zSaöe<lb/><lb/>h<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0284_017.tif" n="0017"/>
<p>aufnahm, und es gar nicht besser forderte, als mich mir<lb/>selber und meinem
Schmerze zu entziehen.<lb/>Es war für die mythenbildende Phantasie
dieser<lb/>- müßigen schönen Welt gar nicht genug, daß Gloria<lb/>ihrem
Leben ein Ende gemacht hatte, es war vielmehr<lb/>nach ihrem Sinne und
Geschmack, daß - wie der<lb/>Zeitungsartikel, es für möglich annehmen ließ -
ich sie<lb/>in einem Anfall wilder Eifersucht erstochen hätte. War<lb/>doch
Paganini der Held dieser Gesellschaft geworden,<lb/>weil man ihn eines
ähnlichen, in langer Kerkerhaft<lb/>gebüßten Verbrechens schuldig sagte. Und
was waren es<lb/>anders als Zügellosigkeiten und Vergehungen, welche
in<lb/>Alexgnder Dumas! ,Geschichte der Dreizehn' das<lb/>schaudernde
Entzücken der vornehmen Frauenwelt er-<lb/>regten? Es war Mode geworden, das
Verbrechen als<lb/>ein Zeichen des Heroenthumes anzusehen. Man
hatte<lb/>sich in eine Verehrung roher Kraft und
Selbstsucht<lb/>hineinphantasirt, man erkannte denselben eine
Freiheit<lb/>von jedem Zügel, von jeder Schranke des Gesetzes und<lb/>der
Sitte zu, man schmachhtete nach starken Leidenschaften,<lb/>und war bemüht,
dieselben in sich zu erzeugen, und sie<lb/>so viel als möglich kund zu
geben, wenn man sie zu<lb/>empfinden glaubte.<lb/>F. Lewald, Benvenuto.
1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0285_018.tif" n="0018"/>
<p>- Wäre ich damals reifer, in mir gefestigter gewesen,<lb/>ich hätte mich mit
Widerwillen abwenden müssen von<lb/>der zur Schau getragenen Geflissenheit,
mit welcher die<lb/>Frauen mir begegneten. Aber ich war jung,
frühe<lb/>künstlerische Erfolge hatten mich eitel gemacht,
die<lb/>natürliche Auflehnung gegen die peinliche Strenge, mit<lb/>welcher
man meine erste Jugend überwacht, und das<lb/>Beispiel der mich umgebenden
Gesellschaft verleiteten<lb/>mich deshalb ohne Mühe, mich auch als ein
Ausnahme-<lb/>pesen zu betrachten, und als solches mein
willkürliches<lb/>Belieben als das einzige für mich zu Recht
bestehende<lb/>Gesez zu halten.<lb/>- Fortgerissen von der eigenen wie von
fremder<lb/>Leidenschaft und Thorheit, flossen mir die Jahre, welche<lb/>dem
Tode Gloria's folgten, in einer Weise hin, an die<lb/>ich mich nicht gern
erinnern mag. Es war mein Glück,<lb/>daß das schdpferische Verlangen des
Künstlers und mein<lb/>Ehrgeiz in dem wilden Treiben nicht untergingen;
und<lb/>frgge ich mich ehrlich, was mich rettete, so war es<lb/>schließlich
jene Unzufriedenheit mit Allem was ich<lb/>geschaffen hatte, jenes grübelnde
Zweifeln an mir selber,<lb/>die ich doch wiedex oft genug als einen
unheilvollen<lb/>h<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0286_019.tif" n="0019"/>
<p>s<lb/><lb/>A<lb/>Zug in meiner Natur zu beklagen und von öenen ich<lb/>immer
auf das Neue zu leiden hatte.<lb/>Ich habe mich später, wenn ich jener Zeit
gedachte,<lb/>oft vergebens bemüht, einen Ausdruck zu finden,
welcher<lb/>meinen damaligen Zustand mit wenig Worten wieder-<lb/>gäbe, und
weiß ihn auch heute noch nicht anders zu<lb/>bezeichnen, als indem ich sage:
meine Phantasie war<lb/>unbeständig, war leicht zu fesseln und zu
beherrschen,<lb/>aber mein Herz und mein Gedächtniß waren
beständiger<lb/>als meine Phantasie. Meine Erinnerungen traten den<lb/>neuen
Eindrücken, die Vergangenheit trat dem Reiz des<lb/>Augenblickes stdrend in
den Weg. Dadurch glaubte<lb/>ich weder an die Liebe, die ich fühlte, noch an
jene, die<lb/>man mir entgegenbrachte, recht von Herzen. Ich genoß<lb/>sie,
ohne den Glauben an die Dauer der Empfindung,<lb/>welcher der Liebe doch
allein die Begeisterung und die<lb/>Würde verleiht. Und wie der Augenblick
mich auch zu<lb/>berauschen, wie in raschem Wechsel Schdnheit, Geist
und<lb/>Anmuth mich auch hinzureißen vermochten, dennoch<lb/>tauchte die
melancholische Erinnerung an Gloria immer<lb/>wieder in mir empor, und,
wurde endlich recht eigentlich<lb/>zu meiner Retterin. Denn das Leben,
welches ich führte,<lb/>die Gesellschaft, in der ich mich bewegte, und der
sie<lb/>g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0287_020.tif" n="0020"/>
<p><lb/>beherrschende Geschmack, waren nicht ohne Einfluß auf<lb/>meine
künstlerische Laufbahn geblieben.<lb/>Zierliche Schönheit, feingliedrige
Gestalten hatten<lb/>mich verlockt, sie in Marmor nachzubilden.
Canova's<lb/>Beispiel war ohnedies verführerisch genug; und die<lb/>Vorliebe
oberflächlicher Kunstkenner, der kauflustigen,<lb/>fremden Mäcene, that auch
bei mir das Ihre, dem<lb/>weichlich gefälligen Style und Genre Vorschub zu
leisten,<lb/>den die neuere Bildhauerschule meines Vaterlandes zu<lb/>großer
Fertigkeit in sich ausgebildet hat.<lb/>Ein paar Figürchen, in denen diese
oder jene von<lb/>mir gefeierte Schönheit eine Erinnerung an ihre
Reize<lb/>dankbar wieder zu finden glaubte, waren mit Hilfe<lb/>unserer
geschickten Marmorarbeiter immer bald gefertigt.<lb/>Sie ernteten um so
größeren Beifall, je leichter sie in<lb/>einent Saale oder Cabinette
unterzubringen waren,<lb/>je weniger ernsten Sinn und ernste Betrachtung
sie<lb/>begehrten.<lb/>Ich konnte den Anforderungen, welche die
Kauflust<lb/>an mich stellte, weitaus nicht genügen. Man zahlte<lb/>mir für
die kleinsten Arbeiten Preise, die den Werth<lb/>derselben nach meiner
Ansicht beträchtlich übertrafen;<lb/>und obschon gerade in jenen Tagen eine
Umgestaltung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0288_021.tif" n="0021"/>
<p>in meiner Lebenslage eintrat, die mich jeder Noth<lb/>wendigkeit enthob, um
des Erwerbes willen zu arbeiten-<lb/>stand ich, verlockt von der
Leichtigkeit des Geldgewinnes,<lb/>wie von der Geldverschwendung, an die ich
mich ge-<lb/>wöhnte, durchaus in der Gefahr, auch als Künstler
mir<lb/>selbst entfremdet zu werden, herabzusinken unter
die<lb/>Erwartungen, zu welchen meine ersten Arbeiten be-<lb/>rechtigt, und
die großen Ideale aus dem Gesichte zu<lb/>verlieren, zu denen ich mein Auge
bei dem Beginn<lb/>meiner Künstlerlaufbahn mit so ernster Sehnsucht
empor-<lb/>gehoben
hatte.<lb/>zTessasaaet=eSwzoesesasBas=s-soawsäuFaeStEwrazase= =.FSö-FKT,Fe
TSsaägF Jäu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0289_022.tif" n="0022"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0290_023.tif" n="0023"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0291_024.tif" n="0024"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0292_025.tif" n="0025"/>
<p>?<lb/><lb/>s<lb/><lb/>-<lb/>st.<lb/>Ich hatte meine Werkstatt noch immer in
Arrigo's<lb/>Hause, aber seine Gllte hatte mir eine andere Wohnung<lb/>in
demselben eingeräumt, die er mir selber hergerichtet<lb/>hatte; und da die
heimische Gesellschaft und mein leb-<lb/>hafter Verkehr mit den Fremden mich
sehr in Anspruch<lb/>nahmen, war ich auch nicht mehr sein täglicher
Tisch-<lb/>genosse wie vordem.<lb/>Er ließ mich darin völlig frei gewähren,
denn<lb/>eben weil ich ihm so tief verpflichtet war, hielten ihn<lb/>seine
Großmuth wie sein Stolz davon zurück, mir als<lb/>ein Richter
entgegenzutreten. Eine andere Seite seines<lb/>Wesens aber hinderte ihn, mir
es offen auszusprechen,<lb/>wie es zu thun sein Recht gewesen wäre, daß er
weder das<lb/>Leben, welches ich führte, noch die klinstlerische
Richtung<lb/>billigte, in die ich hineingerathen war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0293_026.tif" n="0026"/>
<p>2s<lb/>Was ihn in meinem Thun kränkte, war im Grunde<lb/>die Planlosigkeit
desselben. Auch er war genußsüchtig<lb/>gewesen und war es noch; aber der
ihm angeborene<lb/>- Schönheitssinn ersetzte in ihm den innern Halt,
welcher<lb/>der Mehrzahl der Menschen entweder durch die Religion<lb/>- oder
durch das von ihnen anerkannte Sitten- und<lb/>Moralgesez gegeben wird. Er
blieb im Genusse<lb/>immerdar wählerisch, edel und Herr über sich selber,
weil<lb/>- er sich selbst und die Gestaltung seines Lebens eben auch<lb/>mit
edlem Künstlersinn behandelte. Das machte ihn,<lb/>großmüthig und zu raschem
Einschreiten geneigt, wo es<lb/>nach -seiner Meinung Gutes oder Schönes zu
fdrdern<lb/>- galt; aber es entsprang aus diesen seinen
Eigenschaften<lb/>auch eine Scheu vor unangenehmen Berührungen oder<lb/>-'
peinlichen Erdrterungen, die bis zur Schwäche gehen<lb/>konnte; und ich
fühlte, daß er mich nicht mehr so wie<lb/>früher suchte, um nicht sehen und
nicht tadeln zu müssen,<lb/>pas zu billigen er nicht vermochte.<lb/>, Jedoch
dies Ermahnungen, die er mir zu ertheilen<lb/>Bedenken trug, die
Aufforderung zur Einkehr in mich<lb/>-Helbst, sollten mir darum nicht
fehlen; denn während ich<lb/>- in-wechselnder Zerstreuung mir selber zu
entfliehen<lb/>suchte, waren in rascher Folge schwere
Schicsalsschläge<lb/>g<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0294_027.tif" n="0027"/>
<p><lb/>e<lb/>auf meiner armen Eltern Haupt und unser Geschlecht<lb/>.
-<lb/>s<lb/>zg<lb/><lb/>Ks<lb/>gV<lb/>=TßF<lb/>herniedergefallen.<lb/>Wenige
Wochen nach dem Tode Gloria's hatte<lb/>meinen zweiten Bruder, der in der
Armee des Papstes<lb/>diente, ein jäher Tod ereilt. Er war bei einem
Streif-<lb/>zuge, den man gegen eine versprengte
Insurgentenbande<lb/>angeordnet hatte, von der Geliebten des
Bandenführers<lb/>meuchlings erschossen worden; und nicht zwei
volle<lb/>Jahre waren nach dem verflossen, als eine in Rom<lb/>mit
verheerender Gewalt auftretende Krankheit, auch<lb/>meinen älteren
verheiratheten Bruder hinwegraffte, nach-<lb/>dem sie ihm wenige Tage zuvor
den einzigen Sohn<lb/>entrissen hatte.<lb/>Damit trat ein Stillstand in dem
Strudel des<lb/>Lebens ein, der mich bis dahin in seinem wüsten
Wirbel<lb/>rastlos umhergetrieben hatte. Wider alle Wahrschein-<lb/>lichkeit
fand ich, den man- in der Kirche zu versorgen<lb/>getrachtet, um das
Gesammt-Vermögen der Familie<lb/>dem ältesten Sohne ungeschmälert zu
erhalten, mich<lb/>plötzlich an seine Stelle versetzt, und als den
künftigen<lb/>Besizer des Familien-Majorates. Es war ein großes<lb/>Erbe,
das mich in diesem Falle aber nicht
erfreuen<lb/>konnte.<lb/>==a=öeeaaaosAeaPeöWszpSös R eEEneSaSes
nzeiaüäüseEwöSheEMKTaEöaaeaFFöHggikh<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0295_028.tif" n="0028"/>
<p>S<lb/>Ich hatte meine Brüder trotz der Altersverschieden-<lb/>heit, welche
uns trennte, und trotz der abweichenden<lb/>Ansichten und Meinungen, welche
zwischen uns herrschten,<lb/>lieb gehabt. Ich sah die Mutter
schmerzzerissen, ich<lb/>wußte, daß der Vater meinen Tod weit weniger
schwer<lb/>empfunden haben würde, als den seiner beiden älteren<lb/>Söhne;
und da ich meinen Stolz darein gesetzt hatte,<lb/>meines Gllckes eigener
Schmied zu sein, hatte ich an<lb/>das väterliche Erbe nie gedacht, es nie
begehrt.<lb/>Jetzt erhielt ich in meines Vaters Augen eine<lb/>völlig
veränderte Bedeutung. Auf mir beruhte nun<lb/>seine Hoffnung, den Namen der
Armero's fortgepflanzt<lb/>zu sehen, aber wie ich mich dem Vater in der
uns<lb/>Allen gemeinsamen Trauer um die Hingegangenen auch<lb/>anzunähern
versuchte, konnte ich ihm kein Ersatz für die<lb/>Verlorenen werden, um so
weniger, weil ich seiner bestimmt<lb/>gestellten Forderung, fortan auf die
Ausübung meiner<lb/>Kunst, und vor Allem auf die Verwerthung und
den<lb/>Verkauf meiner Arbeiten zu verzichten, nicht
willfahren<lb/>durfte.<lb/>Ich konnte nicht lebenslang für mich
allein<lb/>arbeiten, konnte mir auch die Ausführung jener
größeren<lb/>Arbeiten nicht zur Unmöglichkeit machen, welche selbst<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0296_029.tif" n="0029"/>
<p>der begüterte Privatmann aus eigenen Mitteln herzu-<lb/>stellen sich nicht
lange zu gestatten vermag, während es<lb/>das berechtigte Verlangen des
Bildhauers sein muß,<lb/>nBedeutende monumentale Arbeiten als ein Zeichen
seines<lb/>Könnens, auf die Nachwelt übergehen zu lassen, und<lb/>sich in
ihnen seine Fortdauer über den Tod hinaus zu<lb/>sichern.<lb/>Der schwarze
Flor, welcher das alte Wappen über<lb/>dem Portal meines päterlichen
Palastes verhüllte, war<lb/>nur eine schwache Andeutung der Trauer und
der<lb/>Düsterkeit, die in demselben herrschten. Meine ver-<lb/>wittwete
Schwägerin war mit ihren beiden Töchtern<lb/>zu ihren Eltern nach Florenz
gezogen. Mein Vater, der<lb/>das Gllick, das er besessen, immer als sein
Recht und<lb/>sein. Verdienst betrachtet hatte, sah das Unglück,
welches<lb/>ihn getroffen, wie eine Art von Ehrenkränkung an, die<lb/>ihn,
in den Augen, der Menschen herabsetzen mußte.<lb/>Er mochte seine Freunde,
denen ihre Söhne lebten, nicht<lb/>mehr um sich sehen. Er gxollte mit der
Welt und mit<lb/>dem Himmel, während meine Mutter, ihr von Gott
so<lb/>schwer getroffenes Geschlecht, durch ihre fromme Unter-<lb/>werfung
unter seinen Willen mit ihm auszusdhnen<lb/>trachtete. Mit der ganzen Fülle
ihrer Mutterliebe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0297_030.tif" n="0030"/>
<p>80<lb/>klammerte sie sich jetzt an mich, an den letzten Sohn,<lb/>der ihr
geblieben war; und doch konnte sie sich des<lb/>auälenden Gedankens nicht
entschlagen, daß der Himmek<lb/>an dem Hause die Misseihat räche, zu welcher
Gloria<lb/>durch mich getrieben worden war, und daß nur meine-<lb/>Bekehrung
zu Gebet und Buße das Unheil von ihr<lb/>abwenden könne, auch mich sterben
und das Geschlecht,<lb/>das so statilich dagestanden hatte, noch vor ihrem
und .<lb/>des Vaters Ende völlig erlöschen zu sehen.<lb/>Sie war wie
umgewandelt, und ich hatte keine<lb/>Mühe, mir die Gründe ihrer
Sinnesänderung zu erklären.<lb/>Das Gllck, das sie von Jugend auf
begünstigt, hatte<lb/>sie in ihrer Weise schön entwickelt. Ihr ganzes
Wesen<lb/>war auf Frieden und auf Heiterkeit gestellt; und weil<lb/>sie in
ihrer Herzensgüte das Bedürfniß fühlte, Alles<lb/>um sich her, wo möglich in
gleicher Verfassung zu sehen,<lb/>überwand sie sich gern und mit
Freundlichkeit, wo es<lb/>darauf ankam, Andere zufrieden zu stellen. So
war<lb/>sie meinem strengen und gebieterischen Vater eine
ergebene<lb/>Gattin, ihren Kindern eine zärtliche Mutter, und mir<lb/>eine
Fürsprecherin und Beschützerin geworden, als es<lb/>darauf angekommen war,
mir die ersehnte Freiheit zu<lb/>verschaffen. Selbst ihre Gottesverehrung
und ihre<lb/>=s =4 - a=assaH seueso sas»eaWeaes=»Hee
üaSaueeroaSaSeaegäieggauaagEgoSegag
yaGEggggg<lb/>-I<lb/>n<lb/><lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0298_031.tif" n="0031"/>
<p>K<lb/><lb/>g<lb/><lb/><lb/>Frdmmigkeit hatten den Character heiterer
Dankbarkeit<lb/>in sich getragen. Auch sie hatte sich ihres
Gllckes<lb/>gern, aber mit demüthigem Sinn zu rühmen geliebt.<lb/>Meine
Erfolge hatten sie gefreut, und über die Unregel-<lb/>mäßigkeit. meiner
Lebensführung hatte sie so viel als<lb/>möglich fortgesehen. Denn obschon
selber rein und edel,<lb/>und strenge gegen sich von Jugend auf, hatte sie
den<lb/>Anderen gegenüber nie engere Sitten- und Moralbegriffe<lb/>kund
gethan, als die Gesellschaft, in welcher sie geboren<lb/>war, und in deren
Mitte sie lebte. Ihre Duldsamkeit<lb/>überließ sich gern dem Glauben, daß
man die männliche<lb/>Jugend, sofern in ihr ein guter Kern sei,
ruhig<lb/>gewähren lassen müsse, um sie dann früher oder später,<lb/>aus
eigener Einsicht auf den rechten Weg und in die<lb/>gebührenden Grenzen
zurückkehren zu sehen. Wie hätte<lb/>sie sich also um meinetwillen mehr
Sorgen machen, oder<lb/>von ihtem Sohne, dem seine lebhafte Phantasie
bei<lb/>ihr zur Entschuldigung gereichte, schlimmer denken und<lb/>weniger
Gutes hoffen sollen, als von der Jugend<lb/>überhaupt?<lb/>Aus diesem
heiteren Seelenfrieden hatte sie das<lb/>Unglick aufgeschreckt. Sie war sich
keiner eigenen<lb/>Schuld bewußt. Sie hatte in ihrem frommen
Gottes-<lb/>HFHeFeSaHreeSSaagueiKhaa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0299_032.tif" n="0032"/>
<p>dienste niemals nachgelassen, und vor den schweren<lb/>Verlusten, die sie
erlitten, zusammenschaudernd, drängte<lb/>sich in ihrer Schmerzzerrissenheit
der verzweifelnde Ruf<lb/>auf ihre Lippen, dessen sich selbst der Gottessohn
am<lb/>Kreuze nicht enthalten kdnnen: Gott! mein Gott!<lb/>warum hast Du
mich verlassen? -- Ihr diese Frage<lb/>auf seine Weise zu beantworten, hatte
es aber an dem<lb/>rechten Manne nicht gefehlt.<lb/>Pater Cyrillus hatte nur
gethan, was die natür-<lb/>lichste Empfindung und die Pflicht der
gewöhnlichsten<lb/>Höflichkeit von ihm gefordert, als er gekommen
war,<lb/>der Familie, deren Hausgenosse er zehn Jahre lang<lb/>gewesen,
seine Theilnahme an ihren Verlusten auszu-<lb/>drücken. Ebenso natürlich und
eben so selbstverständ-<lb/>lich war es gewesen, daß das in seinem Grame
über-<lb/>strömende Mutterherz sich auch ihm erschlossen, daß<lb/>meine
Mutter auch ihm die Frage aufgeworfen hatte:<lb/>was habe ich denn
verschuldet, daß der Himmel mich<lb/>und mein Geschlecht mit solchem
schweren Zorne heim-<lb/>fucht? Was kann und muß ich thun, ihn zu
versöhnen,<lb/>damit mir nicht auch der lezte meiner Söhne
entrissen<lb/>werde?<lb/>Er hatte auf diese Weise mit der Trauernden
ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0300_033.tif" n="0033"/>
<p>g<lb/>T<lb/>,<lb/>leichtes Spiel gehabt. Nur eine geringe Neberredung,<lb/>ja
eigentlich nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit<lb/>hatte es ihn
gekostet, um meiner armen Mutter die<lb/>Neberzeugung aufzudringen, daß der
Himmel ihr die<lb/>Söhne in der Fülle ihrer Manneskraft und das
auf-<lb/>bllhende Leben ihres Enkelsohnes nur deshalb entrissen<lb/>habe,
weil sie von weltlichem Verlangen dazu angetrieben,<lb/>sich dereinst
geweigert, ihm den Sohn zu weihen, der<lb/>von der Stunde seiner Geburt an,
dem Dienste der Kirche<lb/>und ihrer Verherrlichung, in den Reihen der
Gesellschaft<lb/>Jesu, bestimmt gewesen war. Diese Vorstellung
hatte<lb/>einen furchtbaren Eindruck auf ihr ohnehin zerschlagenes<lb/>Herz
gemacht. Ihr ganzes bisheriges Verhältniß zu<lb/>ihrem Schöpfer war dadurch
erschüttert worden.<lb/>Sie hatte bis in das Alter hin ihren Gott
als<lb/>einen gütigen Gött geliebt, Pater Cyrillus lehrte sie<lb/>zittern
vor dem unerbitklichen Nichter, der die Missethat<lb/>des Einzelnen vergilt
und rächt bis in das zehnte Glied;<lb/>und in der Furcht vor einem solchen
erbarmungslosen<lb/>und rächenden Gotte, brach meiner armen Mutter
Kraft<lb/><lb/>zusammen.<lb/>Es war vergebens, daß Monsignore Arrigo,
der<lb/><lb/>sonst großen Einfluß auf ihre Denkungsart geübt, sie<lb/>, E.
Lewald, Benvenuto. 1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0301_034.tif" n="0034"/>
<p>aufzurichten versuchte. Es fruchtete jetzt nicht mehr das<lb/>Geringste, wenn
er ihr zu beweisen trachtete, wie auch<lb/>andere unter den edlen
Geschlechtern unseres Landes<lb/>von ähnlichen Geschicken getroffen worden
seien, und wie<lb/>sie, wenn die Fortdauer unserer Familie ihr am
Herzen<lb/>liege, mich zu gewinnen, mich fester als je zuwor an sich<lb/>zu
fesseln, und zu meinem eigenen Heile, wie um der<lb/>Erhaltung unseres
Namens willen, mich dahin zu<lb/>bestimmen trachten müsse, je eher, je
lieber eine an-<lb/>gemessene Heirath einzugehen. - Meine Mutter
hatte<lb/>bald nur noch den einen Gedanken und den -einen<lb/>Wunsch, den
sie immer wieder vor mir auszusprechen jetzt<lb/>als ihe heilige Pflicht
ansah: meinen Eintritt in den<lb/>Orden Jesu.<lb/>Ihr Zustand ward allmälig
hdchst beklagenswerth.<lb/>Ihr bis dahin trotz ihrer vorgeschrittenen Jahre
immer<lb/>noch gesunder Körper, ihre edle matronenhafte Schönheit<lb/>litten
unter ihrem Seelenleid, unter den finsteren Vor-<lb/>spiegelungen, mit
welchen Pater Cyrillus ihre Phantasie<lb/>erfüllte; und da heidnische Bilder
ihr neben denen des<lb/>christlichen Mythus stets geläufig gewesen waren,
kam<lb/>sie unablässig darauf zurück, sich als eine Niobe zu
be-<lb/>zeichnen, deren eitle Selbstwilligkeit des Himmels Zorn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0302_035.tif" n="0035"/>
<p>, :<lb/>auf sich geladen, der ihr letzter Sohn genommen werden<lb/>würde,
wenn er nicht des Gnadenschatzes theilhaftig zu<lb/>werden suche, der von
den frommen Vätern der Gesell-<lb/>Fchaft Jesu angesammelt, erldsende und
büßende Kraft<lb/>für die Genossen der Gemeinschaft'in sich trage.<lb/>Weder
meine feste Erklärung, daß ich nicht daran<lb/>dächte, mich in irgend einer
Weise dem Orden zu ver-<lb/>, binden, noch der Unwille meines Vaters, der
seine Ab-<lb/>sichten mit mir, durch die Einreden meiner Mutter,<lb/>wenn
auch nicht gehindert, so doch verzdgert zu sehen<lb/>fürchtete, vermochten
sie, ihre bittenden Ermahnungen<lb/>einzustellen. Sie die sich einst gefreut
hatte, mich dem<lb/>Weltleben wiedergegeben zu sehen, konnte jetzt
mit<lb/>flehender Beschwörung in mich dringen, der Welt zu<lb/>ß entsagen,
um Buße zu thun für meine Brüder, für<lb/>meines- Neffen Tod, und flr
Glorias frühes selbst-<lb/>mörderisches Ende.<lb/>Nicht nur die Freude war
aus meinem Vaterhause<lb/>entschwunden, auch die Eintracht meiner Eltern
war<lb/>zerstört, und ein finsterer Geist waltete Allen erkemnbar<lb/>und
doch spukhaft an- der Stätte, an welcher Dank<lb/>meiner freundlichen Mutter
und der edeln zaftlichkeit<lb/>T. - -zssa=a,s=gC.eegodsagssceszKTFFggHsgg. ?
z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0303_036.tif" n="0036"/>
<p>8S<lb/>meines Vaters, bis dahin ein großer Kreis von Menschen<lb/>sich oft
und gern versammelt hatte.<lb/>Mein Vater, der jetzt noch weniger als in
seinen<lb/>jüngern Jahren Widerspruch ertragen konnte, war gegen
den<lb/>Pater Cyrillus, auf den er bis dahin immer viel ge-<lb/>halten, und
in dessen Character und Einsicht er ein<lb/>großes Vertrauen gesetzt hatte,
mißtrauisch geworden, um<lb/>der Herrschaft willen, die er über meine Mutter
gewonnen<lb/>hatte. Er würde deshalb sicherlich nicht angestanden
haben,<lb/>ihm den Eintritt in sein Haus zu wehren, hätte er<lb/>nicht
gewußt, daß er damit der Einwirkung des Paters<lb/>auf die Gesinnung meiner
Mutter keine Schranken setzen<lb/>konnte, und das um so weniger, da meine
Mutter sich<lb/>mehr und mehr dem Verlangen überließ, der Welt ganz<lb/>zu
entsagen, und in kldsterlicher Einsamkeit Buße zu<lb/>thun, für ihre und für
meine Sünden.<lb/>Sie machte es endlich zu einer ausdrücklichen
Be-<lb/>dingung ihres Verbleibens in der Welt, daß ihr der<lb/>Beistand des
Paters ganz nach ihrem Bedürfen gewähr-<lb/>leistet würde, und unter seiner
Leitung lebte sie in<lb/>unserem Hause bereits wie hinter Klostermauern.
Sie<lb/>hatte das Zimmer, das sie seit der Trauerzeit aus-<lb/>schließlich
bewohnte, jades Schmuckes und jder Bequem-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0304_037.tif" n="0037"/>
<p>h<lb/>1<lb/>s<lb/><lb/>lichkeit berauben lassen. Sie genoß bei den
Mahlzeiten,<lb/>die mit uns gemeinsam einzunehmen mein Vater sie<lb/>kaum
noch üüberreden konnte, nur die geringe Kost,<lb/>welche die strengste
Observanz verordnet. Sie verließ das<lb/>Haus nur noch, um die ihr von dem
Pater vorge-<lb/>schriebenen guten Werke ausüben zu gehen, und
selbst<lb/>mit ihren beiden nächsten Freunden, mit Monsignore<lb/>Arrigo und
mit Donna Cgrolina, fing sie an, sich den<lb/>Verkehr allmälig zu versagen.
Denn der Pater hatte ihr das<lb/>Geflhl herzlicher vertrauender
Freundschaft, welches sie<lb/>seit ihrer Jugend mit Arrigo verbunden, zu
verdächtigen,<lb/>und sie gegen Domna Carolina mißtrauisch zu
machen<lb/>verstanden, weil dieselbe meine Neigung, mich der<lb/>Kunst zu
weihen, von Anfang an begünstigt, und die<lb/>Veranlasung zu meiner
Bekanntschaft mit Gloria ge-<lb/>boten
hatte.<lb/>eAgggg<lb/>a=s.espaoazewwsagKhesaenESs=aoFFAKnSzagag=eaSs<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0305_038.tif" n="0038"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0306_039.tif" n="0039"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0307_040.tif" n="0040"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0308_041.tif" n="0041"/>
<p>s<lb/>s<lb/>DF<lb/>D<lb/>.<lb/>L<lb/>Gtuelicherweise ließen weder Monsignore
Arrigo<lb/>nöch Donna Carolina meinen Vater oder mich die
kalte<lb/>Zurückwweisung entgelten, die sie von meiner Mutter er-<lb/>fahren
mußten, und die Verhältnisse in unserem Hause<lb/>hatten sich derart
umgestaltet, daß mein Vater sich<lb/>jenen Freunden meiner Mutter, mehr als
früher anzu-<lb/>schließen Ursache und Bebüürfniß fühlte.<lb/>Mein Vater
zeigte sich jezt weniger erzürnt, wenn<lb/>Arrigo sich mit Entschiedenheit
gegen die Herrschsucht<lb/>der Jesuiten aussprach, wenn er den Einfluß,
welchen<lb/>sie auf den Einzelnen zu gewinnen suchen, als unheil-<lb/>voll
und als das Familienleben und den ruhigen Ver-<lb/>mögensbesitz der Familien
gefährdend bezeichnete; demn<lb/>er selber. machte die Erfahrung, daß Pater
Cyrillus in<lb/>den Bemühungen um meiner Mutter Seelenheil auch<lb/>andere
und sehr weliliche Zwecke zu verfolgen wußte.<lb/>zgßSzgE.epa esaäee
Ie»=K.tn nsaKeeK==aSAöF EeesSäeTaaüuöägeuggegFFgSeSöEk?hgggFF Fg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0309_042.tif" n="0042"/>
<p>4<lb/>Mein Vater war beträchtlich älter als die Mutter,<lb/>ihre Verwandten
hatten also, als die Ehe meiner Eltern<lb/>geschlossen worden, auf den Fall
Bedacht genommen,<lb/>daß ihr Gatte vor ihr, und zwar in einem
Zeitpunkte<lb/>sterben könne, in welchem es ihr noch
wünschenswerth<lb/>erscheinen dürfte, zu einer neuen Verheirathung
zu<lb/>schreiken. Ihr ganzes beträchtliches Vermögen war des-<lb/>halb in
einer Weise für sie sicher gestellt worden, daß<lb/>es von jedem Anspruch
und jeder Beaufsichtigung ihres<lb/>Gatten unbeeinflußt, völlig frei zu
ihrer alleinigef<lb/>Verfügung stand. Bei dem guten Eiwvernehmen,
in<lb/>welchem meine Eltern sich stets befunden, war dieser
-<lb/>Sachverhalt nie abgeändert worden, und meine Eltern<lb/>waren
übereingekommen, daß das mütterliche Vermögen<lb/>einst als Erbe auf den
zweiten Sohn und dessen Kinder<lb/>übergehen solle, während man die
Schwester aus dem<lb/>väterlichen Vermögen ausgestattet, und für meine
Mit-<lb/>gift in das Kloster auch aus demselben zu sorgen beab-<lb/>sichtigt
hatte.<lb/>Aber die Erwartung, meinen zweiten Bruder ver-<lb/>heirathet zu
sehen, hatte sich nicht erfüllt. Er war ehelos<lb/>gestorben, und Pater
Cyrillus, der die Neberzeugung<lb/>gewonnen haben mußte, daß für das Erste
mir
nicht<lb/>e-=u=söepeaaeeesHuseeeags==sa=wasaa.==.tg,<lb/><lb/>j<lb/><lb/><lb/><lb/>;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0310_043.tif" n="0043"/>
<p>f-<lb/>s<lb/><lb/>beizukommen sei, hatte, um seine Zeit nicht zu
verlieren,<lb/>vorläufig sein Augenmerk darauf gerichtet, wenigstens<lb/>das
ansehnliche Vermögen meiner Mutter, der Kirche,<lb/>das hießß in seinem
Sinne, der Gesellschaft Jesu, zuzu-<lb/>wenden.<lb/>Mit einem wahrhaft
gotteslästerlichen Ernste hielt<lb/>er es meiner' armen Mutter vor, wie
unser Herrgott<lb/>auch noch in unseren Tagen durch Zeichen zu
den<lb/>Menschen spreche, nur daß sie in der Zerstreutheit
des<lb/>Weltlebens, der sie sich mit bewußter
Geflissentlichkeit<lb/>überließen, es sich möglich machten, auf seine
Zeichen<lb/>! - nicht zu merken und seine deutlichsten Winke
unbeachtet<lb/>zu lassen, um ihnen nicht Folge leisten zu müssen.<lb/>Er
machte sie aufmerksam darauf, wie es nichts Zu-<lb/>fälliges geben könne in
der Welt, welche von der All-<lb/>wissenheit und Allweisheit eines
allmächtigen Gottes<lb/>regiert werde. Er erinnerte sie daran, wie lebhaft
man<lb/>- meinen zweiten Bruder zum Heirathen angetrieben, wie -- -<lb/>.
der schdne liebevolle Mann, der sonst dem Wunsche<lb/>-Feiner Eltern gern
gehorcht, von einem inneren Abmahnen<lb/>dazu getrieben, freiwillig zur
Ehelosigkeit sich entschlossen<lb/>habe, und wie damn, als ob des Herrn
Wille gar nicht in<lb/>Zweifel gezogen werden solle, die unerwartetste
Todesart<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0311_044.tif" n="0044"/>
<p>z4<lb/>ihn aus dem Leben fortgerifsen. Auch mir werde<lb/>ein unheilvolles
Ende sicher nicht erspart bleiben, wenn<lb/>dem Höchsten nicht auf die eine
oder andere Weise<lb/>Genugthuung bereitet werde, für das ihm und
seiner<lb/>Kirche einst von meinen Eltern und von mir versagte
-<lb/>Opfer.<lb/>Meine Mutter stand in ihrer Schwäche gar nicht<lb/>an,
diese Blasphemien sowohl vor mir und meinem<lb/>Vater, als vor Arrigo und
Donna Carolina glaubens-<lb/>voll zu wiederholen. Aber wenn Arrigo sich
rückhaltslos<lb/>über die Umtriebe des Paters zu äußern nicht
enthielt,<lb/>war es Donna Carolina, welche ihn in Schutz nahm<lb/>und
vertheidigte.<lb/>Sie nannte ihn einen treuen Freund unseres<lb/>Hauses. Sie
rühmte es mit gewohnter froher Keckheit,<lb/>daß er meiner Mutter gegenüber,
selbst ihrer nicht<lb/>schonte, daß er sich von ihr nicht verblenden ließ,
und<lb/>sich die Freiheit nähme, strenger in ihrem Urtheil über<lb/>sie zu
sein, als ihr eigenes leicht zu besänftigendes Ge-<lb/>wissen. Sie
versicherte, daß sie schon zum Defteren dar-<lb/>über nachgesonnen habe, ob
ein so ernster Gewissensrath<lb/><lb/>ihr nicht für die Tage ihres
herannahenden Alters heil-<lb/>sam sein möchte. Da sie das Alles aber
scherzend zum<lb/>- agAeaeHuaeoHegEs»aeawssuäagössSaeeägggggs<lb/>aas=eaaua
ssaösäu-=-e wsoeaz-D--KT. ?<lb/>- . aeu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0312_045.tif" n="0045"/>
<p>:aee -<lb/>Vorschein brachte, gab man darauf nicht weiter Acht,<lb/>und meine
Mutter sah darin nur den Beweis von<lb/>Carolinas gutem Herzen und von ihrem
guten Willen,<lb/>zwischen meiner Mutter und meinem Vater so viel
als<lb/>immer möglich zu vermitteln, während Arrigo eines<lb/>Tages die
Bemerkung machte, daß Donna Carolina des<lb/>Paters gute Eigenschaften erst
zu würdigen scheine, seit<lb/>das Ansehen, dessen derselbe in dem Orden
genieße, ihm<lb/>auch in der Welt zu Einfluß verholfen und
Bedentung<lb/>verliehen habe.<lb/>Eben in jener Zeit, als ich eines Morgens
mitten<lb/>- in meiner Arbeit war, ließ sich Domna Carolina in<lb/>meiner
Werkstatt melden. Das war nichts Ungewöhn-<lb/>liches; denn da sie sich
immer als meine Patronin und<lb/>einstige Beschlttzerin darstellte, und ihr
frisches Wesen<lb/>der schdnen Frau auch jetzt noch wohl anstand, so
sah<lb/>ich sie stets gern bei mir erscheinen. Sie führte auch<lb/>noch
immer Fremde bei mir ein, um ihnen dann -<lb/>regelmäßig zu erzählen, wie
sie zuerst in mir das große<lb/>Talent erkannt, wie sie die Erste gewesen
sei, die mir<lb/>Modell gesessen, und wie jenes Relief, an welchem
ich<lb/>mit dem Herzklopfen jugendlicher Leidenschaft gearbeitet<lb/>- denn
damals habe sie wirklich noch ganz leidlich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0313_046.tif" n="0046"/>
<p>16<lb/>ausgesehen - eigentlich viel geistreicher und auch weit<lb/>ähnlicher
gewesen sei als die Marmorbüste in ihrem<lb/>Salon, mit welcher ihr berühmt
gewordener Schützling<lb/>ihr später' eine dankbare Verehrung bewiesen habe.
Und<lb/>weil sie sich in Aussprüchen wohlgefiel, die man, als<lb/>von ihr
kommend, wiederholen konnte, so pflegte sie<lb/>diese kleine Scene
gewöhnlich mit der Bemerkung abzu-<lb/>schließen: Freundschaft und
Dankbarkeit seien schbne<lb/>Empfindungen, aber nur die Liebe mache den
Künstler<lb/>und schaffe das wahre Kunstwerk.<lb/>Mit dem schwarzen Schleier
über dem Haupte, der<lb/>sie noch ganz vortrefflich kleidete, aus der Messe
kommend,<lb/>mit dem Gebetbuche in der Hand, trat sie rasch herein,<lb/>und
ohne mir die Zeit zu gehdriger Begrüßung zu ver-<lb/>gönnen, fragte sie
mich, ob ich eine halbe Stunde für<lb/>sie übrig hätte.<lb/>Ich stellte mich
ihr völlig zur Verfügung. Sie<lb/>ließ sich nieder, schlug den Schleier
zurück und sich es<lb/>bequem machend, sagte sie: Das freut mich, mein
Lieber!<lb/>freut mich sehr; denn heute bin ich nicht gekommen,<lb/>den
berühmten Meister Benvenuto zu bewundern, sondern<lb/>einmal hier unter vier
Augen mit dem Marchese von,<lb/>Armero ein Wort Vernunft zu sprechen.
Schicken Sie<lb/>l<lb/>g g -e - ssaHeas
-=ea=HüesbGzewweaäwn=Hssaaa»V=aseseeeagptaHeeweoa=ua=s=a=<lb/>-a-a.
aaa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0314_047.tif" n="0047"/>
<p>s<lb/>z<lb/>-,<lb/>meinen Wagen fort, ich werde zu Fuß nach Hause<lb/>gehen.
-=<lb/>Ich sah sie verwundert an, denn beide Befehle<lb/>mußten dem Hauswart
und meinen Leuten auffällig er-<lb/>scheinen, die sie bei mir eintreten
gesehen hatten. Ich<lb/>sagte daher scherzend, ich fände es nicht
vorsichtig, ein<lb/>tsts-ststs so gewaltsam anzumelden, doch sei ich
so<lb/>bereit als glücklich, ihrer Weisung nachzukommen.<lb/>Das war ein
Scherz wie sie ihn liebte. Sie<lb/>lachte hell und frdhlich auf. Fürchten
Sie Nichts für<lb/>Ihre Tugend, Bester! rief sie, ich spiele nicht
die<lb/>Potiphar mit Ihnen und führe Sie nicht in Versuchung.<lb/>Ich bin
vielmehr gekommen allen den Schönen, welche<lb/>derlei Gellste haben
könnten, den Weg zu Ihnen zu<lb/>verlegen. Mit einem Worte, Bewwenuto! Sie
müssen<lb/>heirathen und ich habe eine Frau für Sie.<lb/>Und dazu kommen Sie
am frühen Morgen und<lb/>gerades Weges aus der Messe zu mir? fiel ich
ihr<lb/>gleichfalls lachend ein.<lb/>Da ist Nichts zu lachen! entgegnete
sie. Ich bin<lb/>in Wahrheit nicht zum Scherzen hier. Die Sache ist<lb/>sehr
ernsthaft. Ich habe fie nicht nur mit Monsignore<lb/>Arrigo, sondern auch
mit dem Herrn Vater durchge-<lb/>ue
zs=HszaseaTHzgseKKKeFsSspeAegeSgS.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0315_048.tif" n="0048"/>
<p>18<lb/>sprochen, und habe heute in der Beichte, natürlich mit<lb/>aller
Discretion mein Vorhaben mit Pater Cyrillus<lb/>berathen.<lb/>Seit wann ist
Pater Cyrillus denn Ihr Beichtiger?<lb/>fragte ich höchlich verwundert, und
mißtrauisch ge-<lb/>worden.<lb/>Oh! schon seit längerer Zeit! entgegnete sie
mit<lb/>geflissenilicher Leichtigkeit. Ich erzähle Ihnen ein ander-<lb/>mal,
wie sich das gemacht hat. Heute lassen Sie uns<lb/>nur von Ihren
Angelegenheiten sprechen. Der Patex<lb/>weiß es ja, wie ich seiner Zeit die
allerdings sehr<lb/>unschuldige Veranlassung zu Ihrer Bekanntschaft
mit<lb/>Gloria gewesen bin. Er kennt besser als jeder Andere<lb/>die
Verwirrung und den Schmerz, der daraus für Sie<lb/>erwachsen ist. Er ist der
Vertraute des Kummers, in<lb/>welchen Ihre Familie durch jenen Liebeshandel
und<lb/>seinen traurigen Ausgang gestürzt worden ist; und da<lb/>er ein eben
so kluger als frommer Mann ist, begriff<lb/>er augenblicklich, wie
beruhigend es für mich sein müßte,<lb/>wenn Sie jetzt aus meiner Hand die
Frau empfingen,<lb/>in deren Besiz Sie die Vergangenheit vergessen,
und<lb/>die äls Tochter zu begrüßen Ihre Eltern beide sehr<lb/>gllcklich
sein würden.<lb/>i<lb/>HgöaaeseaaöU<lb/>-<lb/>asa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0316_049.tif" n="0049"/>
<p>p ?<lb/>.<lb/><lb/>s<lb/>!<lb/>Ich hatte Donna Carolina ruhig angehört.
Ihr<lb/>Vorschlag hatte nichts Auffälliges für mich, denn di:<lb/>Frauen
lieben es bei uns wie überall, sich mit dem<lb/>- kleinen Intriguenspiel der
Ehestiftung die Zeit zu ver-<lb/>treiben, und durch dieselbe ihren Einfluß
über die Grenze<lb/>des eigenen Hauses auszudehnen. Zu
verschiedenen<lb/>Malen waren mir von verschiedenen Gönnerinnen
ähnliche<lb/>Eröffnungen gemacht worden, und seit man mich als<lb/>den Erben
der Familiengüter ansehen durfte, natürlich<lb/>noch häufiger als vordem.
Aber Donna Carolina's<lb/>vertrauter Zusammenhang mit Pater Cyrillus war
mir<lb/>eben so neu als verdächtig; und wenn daneben ihre<lb/>Lebendigkeit
und feste Zuversicht auch etwas Heraus-<lb/>forderndes und Belustigendes für
mich hatten, zdgert<lb/>- ich dennoch ihr zu antworten. Bei ihrer leicht
zu<lb/>erregenden Ungeduld brachte sie mein Schweigen so-<lb/>fort
auf.<lb/>Nun, rief sie, nm! was soll das heißen? Sie<lb/>sehen,, wie: die
Sache mir am Herzen liegt, Sie wissen,<lb/>wie ndthig es ist, Ihre Mutter
aus ihrer Melancholie<lb/>herauszureißen, und Sie sitzen und sehen mich an,
als<lb/>verlangte ich pon Ihnen, mich selber aus meinem<lb/>4<lb/>F. Lewald,
Benvenuto. .<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0317_050.tif" n="0050"/>
<p>10<lb/>Wittwenstande zu erlösen und mit mir vor den Altar<lb/>zu
treten.<lb/>Und wenn ich Sie beim Worte nähme? fcagte<lb/>ich in dem Ton,
auf dem sie gern mit sich verkehren ließ.<lb/>So würde ich Ihnen antworten,
sagte sie, indem -<lb/>sie mir mit ihrem Fächer einen Schlag gab:
Sparen<lb/>Sie mir diese schönen Redensarten für den Salon auf,<lb/>und
füttern Sie mich nicht mit Zuckerwerk, wenn ich<lb/>gekommen bin, an Ihnen
ein gutes Werk zu thun.<lb/>Also, wollen Sie meinen Vorschlag
annehmen?<lb/>Doch nicht, ehe ich mindestens den Namen der
mir<lb/>Zugedachten kenne?<lb/>Carolina schlug sich vor die Sticne. Ja so!
So<lb/>bin ich nun - das habe ich vergessen! rief sie. Aber<lb/>Sie werden
meiner Meinung sein, wenn Sie erfahren,<lb/>daß es die einzige Tochter des
Marquis ist, - sie<lb/>nannte den Namen einer alten französischen
Legitimisten-<lb/>Familie - die man Ihnen zudenkt.<lb/>Der FrenndeSeifer
Donna Carolina's ward mir<lb/>damit viel verständlicher. Der Marquis hatte
mit den<lb/>vertriebenen Bourbons sein Vaterland verlassen und sich<lb/>in
Rom heimisch gemacht. Er war ein Wittwer, ein<lb/>reicher Mann, ein strenger
Legitimist, mit allen Standes-<lb/>j - --=<lb/>=..e a st. .saeassas»Ma =?
«.ae -<lb/>. -- aa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0318_051.tif" n="0051"/>
<p>h -<lb/>:<lb/>?<lb/>?<lb/>f<lb/>Vater hochgeschätzt. Seine Schwester, welche
die Haus-<lb/>. frau neben ihm ersetzte, war eine vertraute
Freundin<lb/>Carolina's, und ich selbst war in dem Hause seit
Jahren<lb/>gastlich aufgenommen worden. Ich hatte sagen hören<lb/>daß die
zärhliche Liebe, welche der Marquis für seine<lb/>Gattin gehegt, ihn von der
Eingehung eines zweiten<lb/>Ehebundes abgehalten habe, und ich wußßte, daß
seine<lb/>Tochter in einem belgischen Kloster erzogen wurde, weil<lb/>die
Aebtissin desselben eine Schwester ihrer Mutter war.<lb/>Aber ich kannte das
Alter des Mädchens nicht, ich<lb/>hatte nie ein Bild desselben in dem Hause
des Marquis<lb/>gesehen, und ich sagte dieses Donna
Carolina.<lb/>s<lb/>voruriheilen eines solchen, und deshalb von
meinen:<lb/>Bravo! sagte sie, diese Bebenken kann ich heben<lb/>und sie sind
von guter Vorbedeutung. Die Marchesina<lb/>ist so alt, als die schdne Julia
in der Zeit, in welcher<lb/>sie Ihr Herz zuerst erregte, und blond wie
diese. Ein<lb/>Pastell-Bild von ihr hängt in ihres Vaters
Arbelts-<lb/>zimmer; ein liebliches, gltckversprechendes Gesicht
mit<lb/>blauen Augen.<lb/>Ich war jetzt so ernsthaft geworden, als
meine<lb/>Freundin es nur wünschen konnte. Ich hatte
mein<lb/>fünfundzwanzigstes Jahr beinahe vollendet, und mein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0319_052.tif" n="0052"/>
<p>Vater hatte die Mitte der Siebziger überschritten. Mich<lb/>verheirathet zu
sehen, war ein natürlicher, und wie die<lb/>Verhältnisse lagen, unter der
Anschauungsweise meines<lb/>Vaters ein doppelt berechtigter Wunsch, dem ich
selber<lb/>keine vernünftigen Gründe entgegenzusetzen hatte.
Die<lb/>Verbindung, welche man für mich geplant hatte, war<lb/>in aller
äußeren Beziehung in der That eine wünschens-<lb/>werthe. Die Traditionen
der beiden Häuser mußten die<lb/>beiden Väter dem Gedanken an diese Heirath
geneigt<lb/>machen, und meiner Mutter konnte es vielleicht zu
einer<lb/>Befriedigung gereichen, wenn sie mich an der Seite einer<lb/>in
strenger Kirchlichkeit erzogenen Frau, in den Weg<lb/>eines geregelten
Familienlebens eintreten sah.<lb/>Ich sprach also meiner Freundin den Dank
für<lb/>ihre Fürsorge aus, und sie war so höchlich zufrieden mit<lb/>dem,
was sie in ihrer Lebhaftigkeit als meine Ein-<lb/>willigung bezeichnete, daß
ich ndthig hatte, sie daran zu<lb/>erinnern, wie ich das Mädchen doch erst
sehen, erst<lb/>prüfen müsse, ob ich es lieben, ob ich seine Neigung
ge-<lb/>winnen und mit ihm glücklich zu werden hoffen dürfe,<lb/>da die
Altersverschiedenheit zwischen uns nicht unbe-<lb/>trächtüüich
sei<lb/>Altersverschiedenheit! scherzte sie, unb Sie haben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0320_053.tif" n="0053"/>
<p>t3<lb/>mir vor zehn Minuten noch gesagt, daß Sie fähig<lb/>wären, mich zum
Altar zu führen.<lb/>Ich hoffte in dem Falle, daß Ihr Ernst und
Ihre<lb/>Erfahrenheit mir zu Statten kommen und mich die<lb/>schwere Kunst
des Lebens lehren würden! sagte ich<lb/>lächelnd.<lb/>So lassen Sie Ihren
Ernst und Ihre Erfahrenheit<lb/>der Marchesina zu Statten kommen, und
ersparen Sie ihr<lb/>die Schicksalslehren, durch welche ich und Sie zu
der<lb/>Weisheit und Erfahrung gelangt sind, deren wir uns<lb/>rühmen
dürfen. Und lieben? Was will das heißen,<lb/>lieben? -- Wen haben Sie nicht
schon geliebt? Das<lb/>Lieben ist ja nuur eine Sache der Einbildungskraft,
be-<lb/>sonders für einen Künstler! Lieben kann man immer<lb/>und eine jede
Frau, wenn man es nur will! Begeistern<lb/>Sie sich für Alphonsina und Sie
werden bald in ihr<lb/>ein Ideal bewundern, wie einst in der blonden
Julia,<lb/>wie einst in Gloria, wie in meiner Wenigkeit und wie<lb/>in so
viel Anderen. Im Nebrigen spielen Sie vor mir<lb/>nicht den Bescheidenen. An
dem Geliebtwerden zweifeln<lb/>Sie gewiß noch weniger als jeder andere Mann,
denn<lb/>Sie waren mehr als Ihnen gut ist, schon vielfach
der<lb/>Benvenuto!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0321_054.tif" n="0054"/>
<p>IH<lb/>Es war nicht möglich, Donna Carolina wirklich<lb/>ernsthaft zu
erhalten. Die Gewohnheit leichtfertiger<lb/>Galanterie war ihr zur anderen
Natur geworden, und<lb/>sie verließ mich endlich mit der Erklärung, daß
sie<lb/>glücklich sei, die Sache in so guten Gang gehracht zu<lb/>haben, daß
sie sich wie eine wohlthätige Fee erscheine,<lb/>die dem irrenden Ritter die
hilfreiche Hand gereicht habe.<lb/>Nun, da das rechte Wort gesprochen sei,
werde sich wie<lb/>in einem Märchen mit fröhlichem Anögang Alles
zn<lb/>einem guten Ende rasch zusammen finden.<lb/>Also Alphonsina! füsterte
sie mir noch in's Ohr,<lb/>als ich sie bis vor des Palastes Thüre begleitet
hatte<lb/>und sie von mir schied.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0322_055.tif" n="0055"/>
<p>Fünstes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0323_056.tif" n="0056"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0324_057.tif" n="0057"/>
<p>Pz« Ruhe, zu meiner Arbeit zurüchukehren, wollte<lb/>mir nicht kommen. Die
Vorstellungen, welche Donna<lb/>Carolina in mir angeregt, beschäftigten
mich. Ich ging<lb/>in meiner Werkstatt auf und nieder, ließ die
Augen<lb/>über Fertiges und Werdendes in zerstreutem
Betrachten<lb/>hingleiten, und dazwischen kam es mir selber
nothwendig<lb/>vor, mich zu verheirathen, weil ich der
Stammhalter<lb/>unseres Hauses geworden war.<lb/>Ich hatte mich um das
Fortbestehen desselben bis-<lb/>her nie viel gekümmert, oder gar gesorgt;
einmal, weil<lb/>man es als gesichert ansehen konnte und zweitens,
weil<lb/>die Anerkennung, die man mir etwa um meiner Ahnen<lb/>willen zollen
mochte, mich nicht eben reizte. Ich lebte<lb/>freilich in der vornehmen
Gesellschaft, aber in ihr wie<lb/>in den Kreisen der Künstler, hatte ich
seit Jahren meine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0325_058.tif" n="0058"/>
<p>5K<lb/>Geltung nicht als Mitglied des Hauses der Armero,<lb/>sondern als ein
geschickter Bildhauer gefunden, und ob-<lb/>schon ich gewohnt war, mich,
wohin ich immer kam,<lb/>als einen Gllcklichen bezeichnen zu hören, und mich
auch<lb/>als einen solchen zu betrachten, fühlte ich mich gerade<lb/>seit
der Unterredung mit Donna Carolina niedergeschlagen,<lb/>und ergriffen von
einem Wunsche nach beruhigteren Zu-<lb/>ständen, als sie sich mir geboten,
oder als ich sie mir<lb/>bisher zu bereiten verstanden hatte.<lb/>In meinem
Elternhause lasteten die aristokratischen<lb/>Vorurtheile meines Vaters und
die trübe, immer kirch-<lb/>licher werdende Frömmigkeit meiner Mutter schwer
auf<lb/>mir. Die Auszeichnung, die ich in der Gesellschaft er-<lb/>fuhr und
die mich Jahre lang in hohem Grade be-<lb/>friedigt, fing an, ihre Bedeutung
für mich zu verlieren.<lb/>Donna Carolina aber war mir eben heute als die
nicht<lb/>erquickliche Verkörperung jener Gesellschaftskreise
entgegen-<lb/>getreten, die sich die große Welt zu nennen lieben,
ob-<lb/>schon sie sich von der Allgemeinheit strenge
abzusondern<lb/>trachten.<lb/>Dieser Gesellschaft nun sollte ich mich durch
die<lb/>für mich geplante Ehe eng anschließen, dauernd ver-<lb/>binden! -
Aber was hatte diese Gesellschaft mir bisher<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0326_059.tif" n="0059"/>
<p>19<lb/>geboten? Was hatte ich in ihr gefunden und gesucht?<lb/>--
Vorurtheile, welche ich nicht theilte, einen zerstreu-<lb/>enden Genuß, und
die- immer neue Nahrung einer<lb/>äußeren Eitelkeit, die eben, weil sie eine
solche war, auch<lb/>unersättlich und unbefriedigt bleiben muste.<lb/>Nun
sollte durch eine Heirath meinem Leben eine<lb/>neue Gestalt gegeben werden
und ich richtete meinen<lb/>Sinn bedächtig darauf hin. Ich kannte die
Weise,<lb/>in welcher man Ehen wie die gewollte abzuschließen<lb/>pflegte.
aF kontte darauf rechnen, das Bild meiner<lb/>N,<lb/>Zukünftigen zu sehen,
einen oder den anderen kindlichen<lb/>Brief an ihren Vater oder ihre Tante
lesen zu dürfen, und<lb/>wenn man sich meiner Zustimmung versichert hatte,
sie<lb/>aus dem Kloster in ihr Vaterhaus zurückkehren zu sehen,<lb/>aus
welchem ich sie dann nach wenig Wochen und<lb/>kurzen, flüchtigen
Begegnungen unter der Aufsicht ihrer<lb/>Tante, als Gattin in unser Haus zu
führen hatte.<lb/>Ich konnte darauf hoffen, ein reines, schuldloses
Kind<lb/>in ihr zu finden, aber auch Donna Carolina und die<lb/>meisten
unserer Frauen waren einst aus eines Klosters<lb/>Mauern rein und schuldlos
in das Leben eingetreten, und<lb/>was hatte dte Gesellschaft aus Carolina
werden lassen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0327_060.tif" n="0060"/>
<p>60<lb/>was hat sie aus nur zu vielen der Ehen gemacht, die<lb/>unter
ähnlichen Bedingungen geschlossen worden waren?<lb/>Ich sollte einem Kinde
meine Zukunft anvertrauen,<lb/>das ich nicht kannte, für dessen einstige
Entwickelung sich<lb/>noch keine Art von sicherer Aussicht geben ließ;
und<lb/>weil Reichthum und ein alter Name mir zur Seite<lb/>standen, war man
gewillt, mir das Schicksal eines<lb/>jungen Mädchens in die Hand zu geben,
das in seiner<lb/>Neinheit zurückschrecken mußte vor den Erlebnissen,
die<lb/>meine Vergangenheit erschüttert hatten. Wer konnte<lb/>ihm, wer
konnte mir verbürgen, daß eine wirkliche Zu-<lb/>neigung sich zwischen uns
entwickeln, daß sie stark genug<lb/>sein werde, uns dauernd an einander zu
fesseln? -<lb/>Ich hatte gelernt, mir zu mißtrauen; was berechtigte<lb/>den
Vater der jungen Marchesina, besser von mir zu<lb/>denken, als ich selbst es
that? Wie mochte er, der vor-<lb/>gab, seine Gattin in unwandelbarer Treue
noch über<lb/>das Grab hinaus zu lieben, über sein einzig Kind
ver-<lb/>fügen, als habe es keinen eigenen Willen und kein eigen<lb/>Herz?
Ich fühlte Mitleid mit dem Mädchen! Gab es<lb/>der liebeleeren Ehen in der
großen Welt nicht ohnehin<lb/>geng? Oder nahm man in ihr wirklich an, daß
die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0328_061.tif" n="0061"/>
<p>e1<lb/>Ehe Nichts sei, als eine Nebereinkunft zur Macht-
und<lb/>Besizvergröserung der Familien, und daß die Liebe und
die<lb/>Leidenschaft erst über dem Verbrechen des Ehebruches<lb/>ihre
Herrschaft geltend machen dürften?<lb/>In dem Augenblicke traf mein Auge auf
die Blste<lb/>Gloria's, die ich in liebetrunkenen Tagen einst
gemacht,<lb/>und das Herz wallte mir auf in schmerzvoller Gluth.<lb/>Waö
wußte die große Welt und die Frauen, die<lb/>ihr angehören, von der reinen,
starken Liebe, in welcher<lb/>Gloria mein geworden war, aus freiem, eigenem
Müssen,<lb/>ohne den Hinblick auf das, was ich ihr an Hab und<lb/>Gut und
Namen zu gewähren hatte? Oder welche von<lb/>den Frauen dieser großen Welt
besasß die schlichte Grösße<lb/>jenes Mädchens auus dem Volke? Sie
erschienen mir wie<lb/>bleiche Schatten, ihr Lieben und ihr Leiden wie
ein<lb/>Spiel, neben der antiken Einfalt Gloria's. Alles an<lb/>ihr war
einheitlich und wahr gewesen, das Gllck sowie<lb/>das Leid. Es war ihr keine
andere gleich!<lb/>Eine tiefe, gewaltige Sehnsucht nach der
Verlorenen<lb/>bemächtigte sich meiner. Ihre großen Augen blickten<lb/>unter
den breiten, schweren Lidern tiefsinnig nach mir<lb/>hin; ihr stolzer,
festgeschlossener Mund schien mich zu<lb/>fragen: was hast Du geschaffen und
was bist De ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0329_062.tif" n="0062"/>
<p>62<lb/>worden, seit Dein Auge mich nicht mehr sah, seit Dein<lb/>Sinn sich
abgewendet hat von der strengen Schönheit,<lb/>deren tadelloses Vorbild Du
in mir besessen hast?<lb/>Sie standen in der Werkstatt vor mir, in
kleinen<lb/>Hilfsmodellen, in vollen Abgüüssen, das Grabdenkmal<lb/>und die
zahlreichen Figuren, welche in den letzten Jahren<lb/>aus meiner Werkstatt
hervorgegangen waren - Alle<lb/>zierlich, Mlle weichlich, wenn ich sie mit
meinen ersten<lb/>Arbeiten verglich, Alle die leichtsinnige Heiterkeit
deö<lb/>Lebens auf der Stirne!- Ich mochte sie nicht sehen!<lb/>Ich konnte
mich selber nicht begreifen, es fiel wie ein<lb/>Schleier von meinen Augen.
Hätte ich sie mit einem<lb/>Schlage vernichten, sie ungeschaffen machen und
hinweg-<lb/>zaubern können aus dem Besiz derjenigen, in deren<lb/>Händen sie
sich befanden, es hätte mir das Herz er-<lb/>leichtert. Die sanften Mienen,
die lächelnden Lippen<lb/>schienen mein zu spotten. Ihnen und uir selber
zu<lb/>entfliehen, eilte ich von dannen.<lb/>Es war hoher Mittag, der
Sonnenschein des<lb/>winterlichen Tages lockte mich in die Straße
hinaus.<lb/>Ieh ging die Höhe hinan; die Villa Ledovisi war ge-<lb/>öffnet,
ich hatte sie lange nicht betreten, das Museum<lb/>lange nicht besucht, die
hehren Gestalten lange nicht ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0330_063.tif" n="0063"/>
<p>e<lb/>sehen. Die Erhabenheit des Junokopfes, die Gewalt der<lb/>einfachen
Größe in den antiken Bildwerken wirkte auf<lb/>mich wie in den Zeiten, da
ihre Herrlichkeit mir zu-<lb/>erst verständlich geworden war. Ich konnte
mein Auge<lb/>nicht sättigen an ihrer feierlichen Schönheit, und
ging<lb/>erst von dannen, als eine Gesellschaft vornehmer Eng-<lb/>länder,
die ich kannke, in das Museum kam und sich<lb/>mir zugesellen
wollte.<lb/>Planlos, wie ich meine Werkstatt verlassen
hatte,<lb/>schlenderte ich weiter, über den Barberinischen Plaz<lb/>hinweg,
die Straße nach Santa Maria Maggiore hin-<lb/>auf, an Gloria's einstiger
Wohnung vorüber. Ihre<lb/>Fenster glitzerten im Sonnenschein, aber keines
war ge-<lb/>öffnet, und sie stand nicht mehr am Fenster, meiner<lb/>wartend,
um mit mir hinauSzuziehen ans den Manern<lb/>der Stadt in die weithin
lockende Ferne der Campagna,<lb/>die sie mit ihrem Vater einst durchzogen
kreuz und guer,<lb/>von Ort zu Ort; und in der an meiner Seite
umher-<lb/>zuwandern ihre grdßte Lust gewesen war.<lb/>Stundenweit,
meilenweit waren wir so gegangen,<lb/>sie erzählend, ich horchend in
liebevollem Staunen, denn<lb/>sie wußte und kannte von der Welt und von
den:<lb/>Leben nichts, als was sie selbst gesehen und erlebt hatte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0331_064.tif" n="0064"/>
<p>6s<lb/>aber sie erzählte das Erlebte mit einer plastischen Kraft<lb/>und
einer Ungeschmücktheit, daß man nie vergessen<lb/>konnte, was man von ihr
einmal gehört. Es war mit<lb/>ihr nicht lange zu verkehren, ohne daß man
sich der<lb/>Natur genähert, der Wahrheit wiedergegeben fand, von<lb/>denen
unsere künstliche Erziehung und die uns zur Ge-<lb/>wohnheit gewordenen
Formen gesellschaftlicher Lüüge, uns<lb/>entfernen.<lb/>Der Sonnenschein
funkelte und wärmte wie im<lb/>Sommer, als ich aus den Mauern der Stadt
hinaus-<lb/>kam. Mein Auge freute sich an der Schönheit der<lb/>Campagna, an
den Linien des Gebirges, das sie ab-<lb/>schloß. Ich sah die Stäbtchen
glänzen an den Abhängen<lb/>der Berge und die Karren der Weinhändler, die
von<lb/>den Castellen herabgekommen waren, an mir vorüber-<lb/>fahren nach
der Stadt. Ich hörte das Klingeln ihres<lb/>Schellengeläutes und ihre
Antwort auf meinen Anruf,<lb/>und doch empfand ich das Ales wie in einem
Traume.<lb/>Denn wie im Traume war mir, als ginge Gloria wieder<lb/>neben
mir, als spräche sie mir wieder von ihrem Leben<lb/>in jenen Tagen, in denen
ich sie nicht gekannt hatte.<lb/>Und ich hatte sie doch in ihrem Blute
schwimmend, todt<lb/>zu meinen Füßßen liegen sehen, und hatte an der
Stelle<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0332_065.tif" n="0065"/>
<p>gestanden in meines Schmerzes Einsamkeit, an der man<lb/>ihren schönen Leib
der Erde übergeben.<lb/>Ich ging und ging! Gloria war immer bei
mir!<lb/>Zwei Stunden vor der Stadt liegt eine Osterie.<lb/>Gloria hatte es
geliebt dort einzukehren, weil sie mit<lb/>ihrem Vater regelmäßig dort
gerastet, und die stattliche<lb/>Wirthin immer viel auf sie gehalten hatte.
Sogar zur<lb/>Gevatterin hatte sie Gloria gebeten und sie den
jüingsten<lb/>Sohn des Hauses aus der Taufe heben lassen, dem man<lb/>auf
Gloria's Anstiften den Namen ihres Lieblingshelden<lb/>beigelegt. Seit ihrem
Tode war ich nicht mehr in der<lb/>Ostexie gewesen.<lb/>Als ich mich
derselben näherte, stand der Wagen<lb/>Zines Vetturinos vor dem Hause. Die
Wirthin saß an<lb/>der- Thütre oben an der Treppe wie vordem.
Zwei<lb/>Mdnche; bie bei ihr gefrühstückt hatten, brachen eben<lb/>wieder,
aüf. Rinaldo hielt sich an dem Wagenschlage,<lb/>um neben' dem Segen der
frommen Väter, dessen er ge-<lb/>wiß war, womöglich auch einige Bajochi zu
erwischen.<lb/>Aber er' erkannte mich gleich wieder, und in der
Freude,<lb/>mich zu sehen, vielleicht auch in der Erinnerung, daß<lb/>ich
ein besserer Segenspender zu sein pflegte, als die<lb/>F. Lewald, Benvenuto.
1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0333_066.tif" n="0066"/>
<p>6e<lb/>meisten Mönche, ließ er den Wagen ganz im Stich und<lb/>eilte mir
entgegen.<lb/>Er war ein schöner, schlanker Junge geworden in<lb/>den beiden
Jahren, und die großen Augen freundlich auf<lb/>mich richtend, rief er: Aber
wo ist denn die Gloria, Signor'?<lb/>Die Mönche waren während dessen langsam
ein-<lb/>gestiegen. Die Wirthin winkte ihnen noch den Gruß<lb/>zum Abschied,
und mich willkommen heißend, ohne ihre<lb/>bequeme Stellung aufzugeben, oder
auch nur die Hände<lb/>zu bewegen, die sie unter der Brust gekreuzt hielt,
sagte<lb/>sie: Es ist lange her, Signor! daß Ihr nicht hier ge-<lb/>wesen
seid; aber heute ist das Wetter schön! recht ge-<lb/>macht für einen Gang
vor's Thor hinaus.<lb/>Daß sie mich nicht nach Gloria fcagte, traf
mich<lb/>tiefer als des Buben wiederholter Ausruf: aber wo ist<lb/>die
Gloria, Signor?<lb/>Ach was, Gloria! schalt die Wirthin, indem sie<lb/>mit
ihrem Strohstuhl etwas auf die Seite rückte, damit<lb/>ich eintreten und mir
meinen Platz an dem Tische<lb/>nehmen konnte, der gleich neben der Thüre ihr
zur<lb/>Rechten stand. Sei still mit Deiner Gloria! Dumm-<lb/>kopf! Hast Du
denn nicht gehört, daß die Gloria in<lb/>das Paradies gegangen ist? - Und
sich mit einer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0334_067.tif" n="0067"/>
<p>I?<lb/>ernsten und bedeutungsvollen Vertraulichkeit an mich<lb/>wendend,
sezte sie hinzn: denn ich glaube in Wahrheit,<lb/>Signor! daß sie inS
Paradies gegangen ist, obschon<lb/>sie ihrem Leben selbst ein Ende machte.
Sie hat' in<lb/>einem Anfall. von Naserei gethan, die Aerntste!
und<lb/>unser Herrgott wird mit ihr nicht inB Gericht gehen!<lb/>=- Aber was
wollt Ihr essen, Signor? Ihr uisl<lb/>Hunger haben, es ist Zeit zum Pranzo!
-- Wollt Ihr<lb/>Eier? wollt Ihr Schinken und den Orvieto, den
die<lb/>Aermste, die Gloria liebte? Sie war ein braveä Mädchen,<lb/>tapfer
und herzhaft schon als junges Kind!<lb/>Mir war wunderbar zu Muthe. Niemand
hatte,<lb/>seit Gloria nicht mehr war, ihrer mit solchem Freimuth<lb/>gegen
mich gedacht, ich hatte auch mit Niemandemn frei<lb/>und offen über sie
gesprochen; und die schlichte Zun-<lb/>neigung, mit welcher die Wirthin von
ihr redete, schloß<lb/>auch mir das Herz auf und den Mund. Die
Wirthin<lb/>hatte, wie sie mir unumwunden sagte, Dies und Jenes<lb/>über
Gloria's Ende verlauten hören, was nicht gut zu<lb/>wiederholen sei; aber
sie setzte rasch hinzu, sie habe mir<lb/>, nichts Bdses zugetraut, denn sie
habe ja gesehen, daß<lb/>ich Gloria gut behandelt habe und nicht heftigen
Ge-<lb/>müthes sei. Freilich habe sie es der Gloria stetö gesagk,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0335_068.tif" n="0068"/>
<p>68<lb/>daß sie sich mit falschen Hoffnungen betrüge; die habe<lb/>das jedoch
nicht hören, das nicht glauben wollen, und<lb/>die Welt sei eben doch die
Welt!<lb/>Ich stand ihr Rede, wie der Anlaß es erheischte,<lb/>und sie war
nicht die Frau, sich Zweifeln hinzugeben,<lb/>wo sie glauben zu dürfen
meinte; oder sich lang bei<lb/>Dingen aufzuhalten, die nicht mehr zu ändern
waren.<lb/>Inzwischen war ihr Mann hinzugekommen, der in<lb/>der Osterie den
Dienst versah, während die Padrona<lb/>sich mit ihren Gästen unterhielt.
Auch er begrüßte<lb/>mich, aber er machte sich weiter nicht mit mir
zu<lb/>schaffen, trug herbei, was ich bedurfte und setzte es vor<lb/>mir
nieder. Mir fiel das gar nicht auf. Er that nie<lb/>mehr, als was zu thun er
nicht unterlassen durfte,<lb/>ohne daß die Frau es rügte; und für gewöhnlich
war<lb/>ihr's recht, wenn er nicht redete, wo man ihn nicht<lb/>fragte. Sie
lobte ihn sogar deshalb und hatte ihn<lb/>immer als das Muster eines
Ehemannes vor mir<lb/>gerühmt. Diesmal jedoch schien ihr sein Schweigen
zu<lb/>mißfallen.<lb/>Setze den Teller dorthin! mir gegenüber! befahl
sie<lb/>ihm, damit die Sonne dem Herrn nicht in die Augen<lb/>scheint. Und
thue die Lippen auf, den Herrn zu be-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0336_069.tif" n="0069"/>
<p>grüßen. Er hat mit den Tode der Gevatterin nicht<lb/>mehr zu thun als ich und
Du! - Wollt Ihr Ks.,<lb/>Signor? Frischen eaeeia-aartlo? Neiche ihn her,
Lorenzo!<lb/>-- Cs ist, wie ich es immer sagte. Sie hat selbst die<lb/>Hand
an sich gelegt! Ich kannte sie ja alle Beide! und<lb/>ich sagt' es immer,
der Signor Benvenuto ist nicht<lb/>von denen, welche mit dem Messer
spielen!- Aber die<lb/>Gloria war gewöhnt an's Messer, und der Jähzorn
lag<lb/>in ihrem Blute bon dem Vater her, der nicht viel<lb/>werth war. -
Alles liegt im Blut, Signor! und<lb/>-dagegen hilft kein Messelesen und kein
Beten! - Seht<lb/>-den Jungen da! Er wird groß werden und von
starken<lb/>Schultern wie der Vater. - Er ist arbeitssam und<lb/>zgehorcht
wie der Lorenzo, er wird einen guten Ehemann<lb/>Fgeben, so wie der! = Aber
- und sie deutete mit deun<lb/>CZeigefinger auf ihre kluge Stirne - da ist
Nichts<lb/>dahinter! Langsam, langsam im Verständniß wie der<lb/>Vater, und
eigensinnig so wie der! doch ein gutes Herz<lb/>und guten Willen! döe
Heiligen segnen ihn!<lb/>Sie war dabei endlich von ihrem Stuhle an
der<lb/>Thüüre aufgestanden und hatte sich zu mir gesetzt, um<lb/>mich
hilfreich zu bedienen; indeß meine geringe Esßlust<lb/>wollte ihr nicht
gefallen. Sie meinte, ich hätte besseren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0337_070.tif" n="0070"/>
<p>7<lb/>Appetit gehabt, als Gloria mit mir gewesen sei, und<lb/>auch besser
ausgesehen vordem. Alles sei lustiger an<lb/>mir gewesen, selbst die helle
Tracht, die ich derzeit<lb/>getragen.<lb/>Ich erzählte ihr, daß meine Brüder
mir gestorben<lb/>wären, daß ich jetzt meiner Eltern lezter Sohn
sei.<lb/>Der arme Vater! die arme Mutter! rief sie. Die<lb/>Leute haben nun
das Castell dort oben im Gebirge, den<lb/>großen Grundbesiz dabei, den
Palast in der Stadt, und<lb/>nur noch einen Sohn! Die armen Leute! Aber
die<lb/>Menschen kommen und gehen und wir können sie nicht<lb/>halten! --
Was ist da zu machen? Das Trauern und<lb/>das Weinen hilft den Todten nicht,
nicht uns! Es sind<lb/>andere Mittel nöthig! Ihr müßt heirathen,
Signor!<lb/>je eher, je lieber! Euren Eltern ein Vergnügen zu be-<lb/>reiten
und Enkel für sie in die Welt zu setzen.<lb/>Es war als wenn ich meinen
Vater oder Donna<lb/>Carolina reden hörte, nur daß müir die Vadrona
ihre<lb/>Ansicht weit kürzer und gebieterischer als jene
Anderen<lb/>aussprach.<lb/>Ich kenne Euch jetzt fünf, -- nein! wartet,
es<lb/>sind schon sechs Jahre, sagte sie, Ihr müßt über die<lb/>halben
Zwanziger hinaus sein, und ohne eine Frau, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0338_071.tif" n="0071"/>
<p>ihm gehört, treibt ein junger Mann, wie Ihr, kein<lb/>gut Gewerbe. Die Gloria
ist todt, die konntet Ihr<lb/>auch nicht zur Ehe nehmen, denn Ungleiches
soll sich<lb/>nicht zusammen thun! Ihr dürft Euch also nicht be-<lb/>sinnen,
und Ihr habt wohl auch die Rechte schon<lb/>gewählt.<lb/>Das habe ich nicht!
aber mein Vater spricht wie<lb/>Ihr, und hat schon eine Frau für mich in
getio! ent-<lb/>gegnete ich ihr.<lb/>Nun gut! so gehet hin und laßt Euch mit
ihr<lb/>trauen! das wird Euren Herrn Vater und die Frau<lb/>Mama
vergnügen!<lb/>« Und wo bleibe ich und mein Vergnügen? fragte<lb/>ic ste
scherzend.<lb/>-- Ach was! rief sie, eine Alte und eine Häßliche<lb/>wird
man Euch nicht bieten, und mit einem jungen<lb/>häbschen Weibe findet sich
von selber das Vergnügen.<lb/>- Unb dann: Vergnügen! Die Ehe ist kein
Vergnügen,<lb/>die ist des Herrgotts Wille, ist eines
Christen-Menschen<lb/>Pflicht. Euer Vergnügen und Euer Liebesspiel
habt<lb/>Ihr mit der armen Gloria gehabt, die's schwer genng<lb/>bezahlt
hat. Geht jetzt und thut dem Herrn Vater<lb/>,ure Pflicht. Er hat Euch in
die Welt gesezt, Ihr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0339_072.tif" n="0072"/>
<p><lb/>seid ihm Eure Kinder schuldig! - Und wenn sie nach<lb/>Euch schlagen,
werdet Ihr bald anders sprechen. Ihr<lb/>wißt noch nicht, wie Kinder Freude
bringen in ein<lb/>Haus - je mehr je besser! Ich habe deren elf
geboren!<lb/>aber das Dutzend jetzt noch voll zu machen, obwohl
der<lb/>Rinaldo acht Jahre alt ist, sollte mich nicht kränken,<lb/>wenn Gott
es also wollte!<lb/>Sie schenkte mir, während sie also redete, von
dem<lb/>Weine wieder ein, und mehr als dieser erfrischte mir
ihre<lb/>gesunde Heiterkeit die Seele. Es war im Grunde Alles<lb/>wie sie's
sagte, und sie sagte es so einfach, daß keine<lb/>Gefühls»Sophismen Stich
dagegen hielten. Sie hatte<lb/>völlig Recht, ich hatte bisher nur mit selbst
gelebt,<lb/>das Leben, das ich geführt, war kein edles gewesen,
ich<lb/>hatte auf keine reinen Freuden zurückzusehen, und ich<lb/>hatte
Pflichten gegen meinen Vater, der hoch in Jahren<lb/>war, gegen die Mutter,
die in trübem Grame sich der<lb/>Welt entzog, weil der einzige Sohn ihr in
derselben<lb/>nicht zur Stütze werden wollte.<lb/>Klug wie die Frauen
unseres Volkes in der Regel<lb/>sind, merkte die Wirthin es, wie sehr sie
mich er-<lb/>heitert hatte, und es freute sie, als ich ihr
scherzend<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0340_073.tif" n="0073"/>
<p>sagte: wenn ich eine Frau gefunden haben würde, wollte<lb/>ich sie zu ihr
bringen, denn sie habe mich bekehrt.<lb/>Spottet nicht, Signor! und bildet
Euch nicht ein,<lb/>entgegnete sie gut gelaunt, daß ich zu gering für
solch<lb/>ein Werk sei. Bekehrungen sind immer Wunder, und<lb/>Wunder hat
die heiligste Madonna schon durch Geringere<lb/>gethan, als ich bin. Wann
also bringt Ihr mir die<lb/>junge Frau, die hoffentlich es nicht vergessen
wird, sich<lb/>bei mir mit einem schönen Geschenke, wie's Euch<lb/>zukoamt,
für die Bekehrung zu bedanken, von der sie<lb/>profitiren soll?<lb/>Ich
sagte, ich müsse meine Zukünftige doch vor<lb/>allen Dingen sehen. - Gewiß,
entgegnete sie mir, aber<lb/>zacht das rasch ab! Wer lang handelt, läßt
dem<lb/>Anderen Zeit, ihn zu betrügen, und Euer Herr Vater<lb/>wird ja wohl
ein Kenner sein. Verlaßt Euch darum<lb/>auf ihn, wie hier auf mich. - Sie
shenkte mir das<lb/>Glas noch einmal voll: Durstig seid Ihr jungen
Leute<lb/>ra re.D?<lb/>Ihr Gleichniß brachte mich zum Lachen. Ich<lb/>stand
auf, es war hohe Zeit den Heimweg anzutreten.<lb/>Sie rief -den Mann herbei,
daß er die Rechnung mache,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0341_074.tif" n="0074"/>
<p>?<lb/>und steckte dann das Geld ein. Auch der Bube kam<lb/>hinzu und ließ
sich's gern gefallen, daß ich ihm ein<lb/>Andenken an seine Pathin
gab.<lb/>Die Wirthin hatte sich ebenfalls erhoben, sie stieg<lb/>die
Steintreppe mit mir hinab und wiederholte mir, daß<lb/>sie mich nun bald mit
meiner jungen Frau zu sehen<lb/>erwarte. Rinaldo wollte noch ein Ende mit
mir laufen.<lb/>Als ich schon einige Schritte vom Hause fort war,
rief<lb/>sie mich zurück.<lb/>Signor! sagte sie, ich weiß, Ihr habt eine
offene<lb/>Hand und habt es der Gloria niemals fehlen lassen.<lb/>Laßt
reichlich beten für die arme Seele, denn wenn<lb/>der Herrgott anch gerecht
ist: sie ist ohne Sacrament<lb/>gestorben, sie hat's nöthig, daß unser Herr
Jesus und<lb/>die heiligste Madonna Fürbitte flr sie thun. -- Und<lb/>mit
noch einem: auf Wiedersehen! entließ sie mich.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0342_075.tif" n="0075"/>
<p>Zechstes Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0343_076.tif" n="0076"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0344_077.tif" n="0077"/>
<p>zwei Stunden, die ich bis zur Stadt zurück-<lb/>zulegen hatte, wurden mir
nicht lang. Die Unter-<lb/>redung, welche ich am Morgen mit Donna
Carolina<lb/>gehabt, die Gespräche, welche ich mit der Schenkwirthin<lb/>in
der Campagna gepflogen, die Wünsche meines Vaters<lb/>und mein eigenes, von
den erhabenen Werken der alten<lb/>Kunst lebhaft angeregtes Verlangen, mich
zusammenzu-<lb/>fassen, um zu einer neuen besseren Thätigkeit die
Kraft<lb/>in mir zu finden, das griff Alles so unerwartet in<lb/>einander,
daß es mir von guter Vorbedeutung schien<lb/>und mich zuversichtlich
machte.<lb/>Als ich wieder in die Stadt und tiefer in die<lb/>Straßen
hineingekommen war, lagen schon die Schatten<lb/>des Abends in feuchter
Schwlle über ihnen ausgebreitet,<lb/>und gegen den hellen Sonnenuntergang,
von dem ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0345_078.tif" n="0078"/>
<p>7K<lb/>herkam, gegen die scharfe frische Luft, die ich den Tag<lb/>hindurch
geathmet hatte, fand ich die Mauern und die<lb/>Wärme, die in ihnen
herrschte, drückend und be-<lb/>klemmend. Aber ich ging eilig vorwärts, ich
dachte an<lb/>meinen Vater, an meine Mutter, an ihr leer
gewoxdenes<lb/>Haus, und es zog mich, meinen Platz an ihrem
Tische<lb/>einzunehmen.<lb/>In den Straßen herrschte die Lebendigkeit
des<lb/>Sonnabendes. Ich hatte diese Stunde, seit ich selbst zu<lb/>arbeiten
angefangen und kennen lernen, was die Ruhe<lb/>nach wohlgethaner Arbeit
sagen wolle, immer gern<lb/>gehabt, und gern die heitere Geschäftigkeit
beobachtet,<lb/>mit welcher die Leute nach ihrem Tagewerk es sich
an-<lb/>gelegen sein lassen, sich und den Ihren am Abende<lb/>etwas zu Gute
zu thun und ihres Daseins froh zu<lb/>werden. In den letzten Zeiten war ich
jedoch auch<lb/>dagegen gleichgiltig geworden, und nun mit einem
Male<lb/>freute es mich wieder, wie die Feuer in den Defen
der<lb/>Hökerinnen glühten, wie die Fritturen in den Pfannen<lb/>brodelten,
wie Männer und Frauen sie umstanden, das<lb/>ihnen Gemäße für das Nachtessen
zu kaufen. Ich sah<lb/>die Handwerker in raschem Gange von der
Arbeit<lb/>kgmmend, inne halten und bedächtig trotz der Eile, noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0346_079.tif" n="0079"/>
<p>7<lb/>ein Stück Käse oder ein paar Früchte auswählen, umt<lb/>sie als
erwüünschte Zugabe nach Hause bringen zu können.<lb/>Ich mußte lachen über
die Buben, welche die Mütze, in<lb/>der sie die gerösteten Kastanien trugen,
an die Nase<lb/>hielten, sich an ihrem Dufte schon im Voraus zu
er-<lb/>laben. Es hatte Alles, weil ich ausnahmsweise einmal<lb/>darauf
achtete, für mich den Reiz des Neuen und war<lb/>mir doch so heimathlich
vertraut.<lb/>Ich freute mich, als känte ich nach langer Ent-<lb/>fernung
aus der Fremde wieder; der eigene Herd, die<lb/>eigene Familie verkörperten
sich mir in den Bildern,<lb/>die ich vor mir hatte. Ich dachte mit
Wohlgefallen<lb/>an die Ehe und den eigenen Herd. Sie erschienen mir
als<lb/>etwas WünschenSwerthes, wenn Liebe das Haus errichtet,<lb/>die
Familie begründet, und Zutrauen und Verständniß<lb/>an dem Herde wohnen.
Eine solche Liebe freilich hatte<lb/>ich noch nicht gekannt, ein solches
Verständniß hatte ich<lb/>in der armen Gloria nicht besitzen können. Durfte
ich<lb/>hoffen, ihm in dem klösterlich erzogenen Kinde zu<lb/>begegnen, dem
man mich zu verbinden wünschte?<lb/>Ich hatte das Portal meines Vaterhauuses
während<lb/>dessen erreicht, es war der Abend, an welchem meine<lb/>Mutter
sonst ihre Freunde zu empfangen gewohnt ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0347_080.tif" n="0080"/>
<p>8<lb/>wvesen war, aber ihre Säle waren selbst für ihren
engeren<lb/>Freundeskreis geschlossen. Es war Alles still' in
dem<lb/>Portal, still in dem weiten Hofe, den die Laternen<lb/>eben nur
ausreichend erhellten. Ich stieg die Treppe<lb/>hinan. Auf der ersten
Wendung derselben kam mir raschen<lb/>Schrittes eine schlanke, schwarz
gekleidete und tief in den<lb/>großen Mantel eingewickelte Gestalt entgegen.
Eä war<lb/>Pater Cyrillus. Als er mich erkannte, blieb er stehen<lb/>und
reichte mir mit einer Herzlichkeit die Hand, die<lb/>mir auffallen mußte, da
unfer Verkehr seit lange ein<lb/>sehr erkalteter gewesen war.<lb/>Sie kommen
zu guter Stunde, Theuerster! sagte<lb/>er, und es thut mir leid, daß ich
nicht umkehren, Sie<lb/>nicht begleiten kann. Wenn wir einsehen, daß
wir<lb/>einen anderen, als den von uns bisher erkannlen Weg<lb/>zu gehen
haben, muß er so rasch als möglich von uns<lb/>eingeschlagen werden, und Sie
haben wohl gethan, sich<lb/>nicht lange zu besinnen. Ich wünsche Ihnen
Gllck!<lb/>Sie werden heute ganz andere, heitere Mienen oben<lb/>finden! Ich
wünsche Ihnen Gllck!<lb/>ac war wie aus den Wolken gefallen. Der<lb/>-
E,<lb/>freudige Eifer des Paters konnte sich nur auf die für<lb/>mich
beabsichtigte Heirath beziehen, die noch weit im<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0348_081.tif" n="0081"/>
<p>Felde stand, und die Weise, in welcher er sich mir auf-<lb/>drängte, verdroß
mich ebenfo, als daß er von Allem<lb/>und Jedem, was in unserem Hause
vorging, stets im<lb/>Voraus unterrichtet war. Ich that deshalb, als ob
ich<lb/>seinen Glückwunsch nicht verstände, aber er klopfte
mir<lb/>vertraulich auf die Schulter und sagte: Sie sind
zurück-<lb/>haltend, wie es einem Cavalier geziemt, aber mit einem<lb/>alten
Freunde darf man offen sein, und wenn ich Ihnen<lb/>schon im Voraus
gratulire, so hat das seinen guten<lb/>Grund. Die Marchesina ist jung, ist
schön und frommen<lb/>Sinnes. Man hat sie uns als das Muster
edler<lb/>Bildung, trefflicher Erziehung bezeichnet. Dazu hat sie<lb/>ein
sehr beträchtliches Vermögen - und Sie wundern<lb/>sich, daß man Ihnen dazu
Glück wünscht! Nun! ich<lb/>hoffe, Sie thun es auch selber!<lb/>Mir fiel bei
seinem Lob der jungen Dame auf,<lb/>daß er sich auf eigene Nachrichten zu
beziehen schien,<lb/>aber ich mochte ihn mit keiner Frage deshalb
angehen.<lb/>Doch war ich stutzig geworden und aus meiner guten<lb/>Stimmung
aufgeschreckt. Eine Gattin durch seine Ver-<lb/>mittelung zu empfangen, lag
nicht in meiner Absicht.<lb/>Die Reihe der lautlosen Vorsäle entlang, kam
ich<lb/>in meines Vaters Zimmer. Er saß von Papieren<lb/>F. Lewald,
Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0349_082.tif" n="0082"/>
<p>umgeben an seinem Arbeitstische. Ich kannte diese<lb/>Aktenhefte, es waren
alte Familiendokumente. Meine<lb/>Mutter lag auf einem Ruhebette, ein
Lichtschirm, dessen<lb/>ihre vom Weinen angegriffenen Augen bedürftig
waren,<lb/>entzog mir den Anblick ihres Gesichtes, aber es war<lb/>schon an
und für sich ein gutes Zeichen, daß ich sie in<lb/>meines Vaters Nähe fand.
Wie immer empfing sie mich<lb/>mit Zärtlichkeit.<lb/>Mein Vater hatte
wesentlich gealtert. Sein Anblick,<lb/>die hohl gewordenen Schläfen, dig
eingesunkenen Augen<lb/>und die Schärfe aller seiner Züge, rührten mich so
oft<lb/>ich sie bemerkte. Heute, da das Licht der vor ihm<lb/>stehenden
Lampe sein Antliz hell beleuchtete, war mir<lb/>der Verfall seines einst so
kraftvollen Gesichtes dogwelt<lb/>auffällig; aber er wendete sich, da ich
eintrat, lebhaft<lb/>nach mir hin, und mir die mager gewordene
Hand<lb/>entgegenreichend, hieß er mich willkommen.<lb/>Ich bin heute
fleißig gewesen, sagte er, die Papiere<lb/>in Ordnung zu bringen, die doch
in nicht zu ferner<lb/>Zeit in Deine alleinige Obhut übergehen werden.
Du<lb/>wirst einst finden, daß es einen Mann vollauf beschäftigt,<lb/>ein
ansehnliches Familienbesitzthum mit Klugheit zu<lb/>verwalten und vor der
Welt würdig zu repräsentiren.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0350_083.tif" n="0083"/>
<p>8I<lb/>Aber was hast Du getrieben, diesen Tag? Du siehst<lb/>frisch aus wie
Einer, der aus dem Freien kommt.<lb/>Solch' heitere Freundlichkeit lag nicht
in meines<lb/>Vaters Art, und wie die meisten selbstwilligen
Naturen,<lb/>liebte er es auch nicht, gegen Andere seiner
vorge-<lb/>schrittenen Jahre und seines Todes zu erwähnen. Ich<lb/>sprach
ihm also von Herzen den Wuusch ans, daß der<lb/>Zeitpunkt, dessen er
gedenke, noch ein ferner sein mige.<lb/>Laß uns das hoffen! entgegnete er,
denn Lang-<lb/>lebigkeit hat bis auf die traurigen Ereignisse der
lezten<lb/>Jahre zu den schönen Vorrechten unseres Hauuses gehört;<lb/>und
es soll mich freuen, wenn mir noch die Zeit bleibt,<lb/>Dich in die
Geschäfte einzuweihen. Ich habe eine<lb/>brauchbare Hilfe verloren durch
Deines ältesten Bruderö<lb/>Tod. Er hätte es gut verstanden, meine Stelle
aus-<lb/>zufüllen. Du? -- Nun! DaS sind vergangene Zeiten!<lb/>-- Es hat Dir
gefallen, Dich in Liebesabenteuern und<lb/>als Kümnstler zu versuchen
--<lb/>Ich wollte ihn unterbrechen, denn ich merkte bald,<lb/>wohin die
ganze Unterredung zielte und weöhalb meine<lb/>Mutter in ihrem Schweigen mir
die Hand so innig<lb/>drückte. Aber der Vater ließ mich nicht zu
Worte<lb/>kommen, und sich von seinem Sessel erhebend, sezte er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0351_084.tif" n="0084"/>
<p>freundlich hinzu: Glaube nicht, daß ich rückwärts blicke,<lb/>um Dir
Vorwüürfe zu machen! In Wahrheit nicht! Du<lb/>warst der jüngste Sohn, warst
nicht des Hauses Stamm-<lb/>halter und Erbe und thatest nach Deinem
Vergnügen<lb/>-- was freilich nicht das meine war. Aber Du warst<lb/>jung
und davon ist nicht mehr zu sprechen! Komn'! --<lb/>Der Diener erschien in
der Thüre, zu melden, daß die<lb/>Mahlzeit aufgetragen sei - komn'! gieb
derMutterDeinen<lb/>Arm, es wird nach der Mahlzeit weiter davon zu reden
sein.<lb/>Wir saßen, wie fast inmer in den letzten Zeiten,<lb/>nur zu Dreien
bei einander, doch über meine Eltern<lb/>schien plözlich ein anderer Geist
gekommen zu sein.<lb/>Meine Mutter zeigte sich gesprächiger als seit
lange.<lb/>Ich erfuhr von ihr, daß Donna Carolina bei ihr ge-<lb/>wesen sei,
daß sie sich auch wohl genug befunden habe,<lb/>den Besuch des Marquis und
seiner Schwester anzu-<lb/>nehmen. Sie rühmte es, wie Donna Carolina
trotz<lb/>ihrer weltlichen Gesinnung eine treue und
zuverlässige<lb/>Freundin sei, und wie selbst Pater Cyrillus sie in
diesem<lb/>Punkte sehr hoch schätze. Es war danach von den an-<lb/>genehmen
Umgangsformen viel die Rede, deren die alte<lb/>franzdsische Aristokratie
mehr als alle Anderen sich zu<lb/>rlhmen habe;und von dem Allgemeinen zn dem
Vesonderen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0352_085.tif" n="0085"/>
<p>8K<lb/>übergehend, erwähnte mein Vater der Umsicht, mit<lb/>welcher der
Marquis bei dem Sturze der Bourbons,<lb/>zur Zeit seiner freiwilligen
Auswanderung, es verstanden<lb/>habe, sein Vermögen ohne Verluste ans
Frankreich<lb/>herauszuziehen. Er pries an ihm seine Hingebung an<lb/>das
legitime königliche Haus von Frankreich, für das<lb/>er große Opfer gebracht
habe. Meine Mutter zeigte sich<lb/>von der Treue, mit welcher der Marquis
dgs Andenken<lb/>seiner Gattin heilig halte, eben so gerührt, als
erbaut<lb/>von seiner und seiner ganzen Familie tiefen Religiosität,<lb/>und
zwischendurch bemerkte mein Vater beiläufig, der<lb/>Marqnis sei gar nicht
abgeneigt, einen Theil seines<lb/>großen, in der englischen Bank
befindlichen Vermögens,<lb/>in Grundbesitz anzulegen, falls sich im
Kirchenstaate ein<lb/>vortheilhafter Ankauf für ihn machen ließe.<lb/>Die
Unterhaltung bewegte sich durchaus in den<lb/>Grenzen, welche die
Anwesenheit der aufwartenden Diener<lb/>nothwendig machte. Alles was meine
Eltern sagten,<lb/>war von ihrem Standpunkte völlig richtig, aber es
war<lb/>nicht zu verkennen, daß sie sich meiner Zustimmung z<lb/>ihrem Plane
in einer Weise sicher fühlten, der zu ent-<lb/>sprechen ich nicht ohne
Weiteres im Stande war, und<lb/>an die zu glauben, sie nur durch Donna
Carolinas<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0353_086.tif" n="0086"/>
<p>8<lb/>leichtsinnigen Eifer bewogen sein konnten. Daneben be-<lb/>griff ich
weder, welches Interesse eben sie an dem Zu-<lb/>standekommen meiner Heirath
mit der Marchesina nahm,<lb/>noch warum der Pater sich derselben so geneigt
erwies.<lb/>Ich ersehnte deshalb den Augenblick herbei, in<lb/>welchem ich
mich gegen meine Eltern in Nnhe ann-<lb/>sprechen und von ihnen die
nothwendigen Erklärungen<lb/>empfangen konnte, und da ihre sichtliche
Zufriedenheit mit<lb/>mir und ihre Heiterkeit, die zu sehen ich so lange
ent-<lb/>behrt hatte, mich erfreuten, hatte ich den besten Willen,<lb/>mnit
ihnen zu einem Einverständniß zu gelangen. Indeß<lb/>da es sich hier nicht
um eine Gefälligkeit von meiner<lb/>Seite handelte, sondern um zweier
Menschen Glück und<lb/>Schicksal, durfte ich nicht anstehen, meine Eltern
sobald<lb/>als möglich zu enttäuschen. Ich that das auch, sobald<lb/>ich
mich nach aufgehobener Tafel allein mit ihnen sah.<lb/>Ich sagte, da Domna
Carolina heute bei ihnen<lb/>gewesen sei, werde sie auch ihnen von dem
Heiraths-<lb/>vorschlage gesprochen haben, mit welchem sie mich
beehrt<lb/>habe. Die günstige Meinung, welche ich die Eltern heute<lb/>eben
wieder über den Marquis und seine Familie hätte<lb/>ußern hören, mache es
mir zur Freude, ihnen sagen<lb/>zu kdnnen, daß ich kein Widerstreben gegen
die Ehe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0354_087.tif" n="0087"/>
<p>fühle, falls ich in der Tochter des Marquis ein Md-<lb/>chen finden sollte,
das ich lieben und mit welchem ich<lb/>dauernd glücklich zu werden hoffen
kdnnte.<lb/>Mein Vater sah mich mit großen Augen an. Es<lb/>war das offenbar
nicht, was er von mir zu hören er-<lb/>wartet hatte, und sein lebhaftes
Temperament wollte<lb/>auffahren; aber er bezwang sich rasch. Bravo! rief
er,<lb/>das ist gesprochen, wie es einem Manne in Deiner Lage<lb/>ziemt!
Indeß, fügte er hinzu, Du hast Dich, wie mir<lb/>scheint, die Jahre hindurch
des Suchens sehr befieißigt<lb/>uund im Finden noch kein Gllck gehalt. Nun
haben<lb/>wir flr Dich gesucht und sind erfreut, das Mädchen<lb/>gefunden zu
haben, das wir mit Genugihuung als die<lb/>Gattin unseres Sohnes zu
empfangen bereit sind.<lb/>Das ging weiter, als es schweigend
hinzunehmen<lb/>für mich möglich war. Ich zweifle nicht, mein
Vater,<lb/>sagte ich deshalb, daß Sie vorsichtig erwogen haben,<lb/>was mir
nüzlich sein kann, aber in diesem Falle kommt<lb/>es doch auf mein eigenstes
Entscheiden an. Mademoiselle<lb/>Alphonsine ist noch nicht hier.<lb/>Der
Marquis wird sie hierher bescheiden, fiel mir<lb/>der Vater in die Rede,
sobald wir mit einander fertig<lb/>sind; und nur ein Punkt ist es, mein
Sohn, über den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0355_088.tif" n="0088"/>
<p>wir uns zuvor zu verständigen suchen, auf dessen Er-<lb/>füllung aber der
Marquis sowohl als ich bestehen<lb/>müssen!<lb/>Verzeihen Sie, mein Vater,
wendete ich ein, wenn<lb/>ich Sie bitte, über diese Angelegenheit nicht
weiter<lb/>sprechen zu wollen, ehe ich die junge Dame nicht
gesehen,<lb/>nicht kennen gelernt habe. Gewinne ich die Neigung<lb/>der
Marchesina, glaube ich glücklich mit ihr werden zu<lb/>kdnnen, so kennen Sie
mich genugsam, um zu wissen,<lb/>daß ich in materiellen Dingen keine
Schwierigkeiten<lb/>mache. Kann ich mich für das Fräulein nicht
ent-<lb/>scheiden - -<lb/>Wie? fuhr mein Vater auf -- Dich nicht
ent-<lb/>scheiden? Was willst Du damit sagen? Dich
nicht<lb/>entscheiden?<lb/>Er hat das Bild noch nicht gesehen, begüütigte
die<lb/>Mutter, ex wird anders sprechen, wenn er ihr Bild ge-<lb/>sehen
haben wird.<lb/>Nein! liebe Mutter, entgegnete ich, auch wenn ich<lb/>das
Bild gesehen und es schön und liebenswerth ge-<lb/>funden hätte, würde ich
es nicht versprechen kdnnen, ein<lb/>Mädchen zu heirathen, dessen Wesen mir
trotz der<lb/>Schdnheit antipathisch sein könnte. Will der Marquis<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0356_089.tif" n="0089"/>
<p>89<lb/>mir die Gelegenheit geben, die Bekanntschaft seiner<lb/>Tochter zu
machen - -<lb/>Meines Vaters Augen flammten auf. Was denkst<lb/>Du? rief er.
Ist der Marquis ein Handelsnann und<lb/>seine Tochter eine Waare, die er auf
den Markt bringt,<lb/>umt sie annehmen oder zurückveisen zu lassen, je
nach<lb/>den Belieben eines Dritten? Soll er sie aus dem<lb/>Kloster rufen,
wo sie in heiliger Obhut ist, um sie<lb/>dorthin zurüchuschicken, wenn es
Dir nicht gefällt, ihr<lb/>Ehem:ann zu werden? Es ist von Deiner
künftigen<lb/>Gattin, von der wir sprechen, von einer Dame aus<lb/>edelm
Geschlecht, und nicht von einem der Modelle, die<lb/>man sich auf der Straße
auswählt.<lb/>Mein Vater! bedenken Sie Ihre Worte! bat ich<lb/>ihn mit
leberwindung, aber wenn seine Heftigkeit erregt<lb/>war, fiel ihm
Selbstbeherrschung schwer, und mit spotten-<lb/>der Lippe wiederholte er:
Ein Graf Armero kann sich<lb/>seine Gattin nicht so suchen, wie der
Bildhauer das<lb/>Modell, das er fortschickt, wenn er seiner satt
geworden!<lb/>So ist der Bildhauer ohne Frage besser daran,<lb/>als der
Graf! gab ich ihm zur Antwort, denn auch<lb/>mich verließ die Nuhe.<lb/>Ohn'
alle Frage! wenn er kein Gewissen hat und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0357_090.tif" n="0090"/>
<p><lb/>öffentliches Aergerniß zu geben sich nicht scheut! ent-<lb/>gegnete mein
Vater mit seinem bittern Lachen.<lb/>ach hatte mich erhoben, und mich zu
mäßigen<lb/>suchend, weil ich den leidenden Zustand meiner Mutter<lb/>zu
schonen wüinschte, sagte ich: Erlauben Sie, mein<lb/>Vater, daß ich mich
entferne. Ich glaube, wir sind zu<lb/>Ende mit der Verhandlung über diese
Angelegenheit.<lb/>Nein! rief meine Mutter, indem sie mich bei der<lb/>Hand
zurückhielt, nein! mein Sohn! Hört mich, meine<lb/>Lieben! Laßt mich die
Vermitklerin machen zwischen<lb/>Euch, zwischen den beiden Letzten, die der
Himmel uir<lb/>noch gelassen hat. Laß Dich des Vaters Wort
nicht<lb/>kränken. Es ist seine zornige Liebe, die es ausgestoßen<lb/>hat,
weil er Dich Deln Gllck verschmähen sieh;. --<lb/>Sei nicht hart mein Gatte,
mit dem Sohne! Er hat<lb/>Dein heißes Blut, er ist jung gewesen, er hat
gefehlt<lb/>und hat es schwer gebüßt. Aber unser frommer Freund,<lb/>der
edle Pater Cyrillus, hat es heut' noch ausgesprochen,<lb/>es steht
geschrieben: es wird mehr Freude sein im<lb/>Himmel über einen Sünder, der
Buße thut, denn über<lb/>hundert Gerechte! -- Hilf unserem Sohne, mein
Gatte,<lb/>daß er zur Freude unseres Alters, zur Ehre unseres<lb/>Hauses auf
den rechten Pfad gelange, von dem er nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0358_091.tif" n="0091"/>
<p>O<lb/>mehr lassen wird, wenn er den Segen und die reine<lb/>Freude kennen
gelernt hat, die nur auf der von Gott<lb/>gewiesenen Bahn zu finden sind.--
Es ist ein Ausweg<lb/>möglich! Ich will mit dem Marchese sprechen.
Ben-<lb/>venuto soll daä Mädchen kennen lernen, das wir ihmu<lb/>bestimmnen.
Man kann, Gesundheitsrücksichten vorschüzend,<lb/>Fräulein Alphonsine für
die kalten Monate hierher be-<lb/>rufen! -- Nur entscheidet in diesem
Augenblicke Nichts,<lb/>und um der Liebe willen, die ich flr Euch Beide
hege,<lb/>und die allein mich noch an diese Erde knüpft - geht<lb/>nicht mit
Groll im Herzen von einander.<lb/>Sie legte meine Hand in die des Vaters,
der<lb/>Bllck auf ihr vergrämtes Autliz that das Üebrige.<lb/>Wir schwiegen
Alle eine Weile, bis die Mutter, sich zu<lb/>mir wendend, noch einmal daä
Wort ergriff.<lb/>Ich zweifle nicht, sagte sie, daß die Erinnerung<lb/>an
die Liebe, welche er für seine Gattin hegte, dasß der<lb/>hohe Begriff, den
der Marquis von der Heiligkeit der<lb/>Ehe hat, ihn bestimmen werden, dem
Wunsche zu will-<lb/>fahren, welchen Benvenuto in dem gewissenhaften
Ver-<lb/>langen ausgesprochen hat, kein Bündniß einzugehen, an<lb/>das er
sich nicht von ganzem Herzen und für immer<lb/>mit Auöschließlichkeit
hinzugeben vermöchte. Aber nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0359_092.tif" n="0092"/>
<p><lb/>allein um Deine Forderungen handelt es sich hier mein<lb/>Sohn! auch der
Marquis hat Forderungen an Dich zu<lb/>stellen. Er hegt Wünsche für seines
einzigen Kindes<lb/>Gllck, die wir Dir an das Herz zu legen,
versprochen<lb/>haben, und über deren Gewährung wir sicher sein
müssen,<lb/>ehe wir von ihm verlangen dürfen, daß er um Deinet-<lb/>willen
seine Tochter in sein Haus bescheidet.<lb/>Ich bat meine Mutter, mir diese
Wütnsche mit-<lb/>zutheilen. Muß ich sie Dir noch besonders
nennen?<lb/>fragte sie, da ich doch mit Freuden sehe, daß Deine<lb/>Begriffe
von der Bedeutung einer Ehe ernst und würdig<lb/>sind? Du willst das Mädchen
kennen lernen, um zu<lb/>prüfen, ob Du versprechen kannst, es ausschließlich
zu<lb/>lieben; so hast Du sicher auch daran gedacht, welch'<lb/>eine andere
Auäschließlichkeit dereinst eine Gattin von<lb/>Dir zu begehren das heilige
Necht besitzt. Oder hättest<lb/>Du Dir'S niemals vorgestellt, wie es in
einem jungen<lb/>keuschenHerzen die Scham und Eifersucht erregen muß,
wenn<lb/>der Ehemann Blick und Seele weidet an den Neizen<lb/>fremder
Frauen? Und soll ein Vater nicht Bedenken<lb/>tragen, seine Tochter solchem
Schmerze auszusezen?<lb/>Ich wußte jezt, wohin man wollte. Aber als
fürchte<lb/>mein Vater, es mich auösprechen zu lassen, was er von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0360_093.tif" n="0093"/>
<p>K<lb/>mir nicht hören wollte, setzte er rasch hinzu, wie es sich<lb/>hier
nicht nur umt die Sorge eines Vaters für das<lb/>Glück der Tochter handle,
sondern um eine Ehrensache,<lb/>um die Berücksichtigung jener
Ehrenforderung, welche<lb/>zwei Edelleute an den Stammhalter ihrer
beiderseitigen<lb/>Familien zu erheben genöthigt wären, und auf
welche<lb/>einzugehen, mir die Pflicht gebiete, da man bereit sei,<lb/>auch
meinen Ansprüchen uud Verlangnissen vollauf gerecht<lb/>zu werden.<lb/>Meine
Lage war im hohen Grade quälend. Ich<lb/>bat meinen Vater, die Verhandlungen
abzubrechen, um<lb/>es nicht wieder zu Erörternngen über unsere
verschiedenen<lb/>Begriffe von Demjenigen kommen zu lassen, was
Jeder<lb/>von uns für seine Ehre und für Standesehre hielt. Ich<lb/>sprach
mit großer Behutsamkeit, da ich jeden Zwiespalt<lb/>zu vermeiden wüünschte.
Auch mein Vater zeigke sich<lb/>gelassener und milder, als ich es je von ihm
erfahren<lb/>hatte, und das rührte mich; denn in den Tagen seiner<lb/>Kraft
war er vor einer noch so gewaltsamen Entscheidung<lb/>nicht zurückgewichen.
Jetzt machten das Alter und sein<lb/>Ungllick ihn zur Schonung, zum
Verhandeln geneigt, und<lb/>es that mir wehe, als er sich selber anklagte,
wo ich<lb/>erwartet hatte, einen Vorwurf pon ihm zu erfahren.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0361_094.tif" n="0094"/>
<p>94<lb/>Ich habe mich zu tadeln, mich und meine Nach-<lb/>giebigkeit gegen
Dritte, nicht Dich! sagte er, während er<lb/>gedankenvoll vor sich
niederblickte; aber was fruchtet<lb/>diese Erkenntniß uns in dieser Stunde?
Ich handelte<lb/>nicht weise, nicht als Edelmann, da ich auf
Zureden<lb/>Monsignore Arrigo's, auf Bitten Deiner Mutter, Dir<lb/>vergönnte
von der Sitte unserer alten Geschlechter, von<lb/>unseren
Familientraditionen abzuweichen; als ich Dir<lb/>verstattete, den Künstler,
den gewerbtreibenden Bildhauer<lb/>zu machen, statt Dich Deinen Weg unter
der Führung<lb/>jener verehrungswürdigen Gemeinschaft suchen zu
lassen,<lb/>aus deren Neihen Dein Vetier der Bischof und Dein<lb/>Großoheim
der Cardinal hervorgegangen find, die Ring<lb/>und Hut aus den Händen des
heiligen Vater empfan-<lb/>gen haben. Ich wußte wohl, daß ich damit nicht
gut<lb/>that. Aber Du warst ein nachgeborener Sohn, Dein<lb/>Talent war
bedeutend, ich glanbte Deinem Wunsche<lb/>Gehör geben zu dürfen, denn zwei
andere Söhne und<lb/>ein Enkel standen mir zur Seite, den Namen und
das<lb/>Ansehen der Fgmilie aufrecht zu erhalten. - Er machte<lb/>eine
Pause, und mit einem Schmerze, den er schwer<lb/>bewältigte, sagte er
danach: Sie Alle sind uun nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0362_095.tif" n="0095"/>
<p>mehr! Du bist mein letzter Sohn, und meine Tage find<lb/>gezählt. Das
bedenke, ehe Du entscheidest!<lb/>Ich konnte Nichts thun, als versichern,
daß es mich<lb/>glücklich machen würde, mich den Wünschen meiner<lb/>Eltern
anzupassen, sofern man von mir nicht begehre,<lb/>was zu leisten mir
unmöglich sei.<lb/>Nun denn! rief mein Vater, so werden wir diesen<lb/>Tag
zu segnen haben, und Du selbst wirst es erkennen,<lb/>wie ich bemüht gewesen
bin, Deiner Mutter Wünsche<lb/>und die Deinen mit den Pflichten in Einklang
zu brin-<lb/>gen, die zu erfüllen die Ehre unseres Hauses mir
ge-<lb/>bietet.<lb/>Er schwieg darauf eine Weile, und sich in
seinen<lb/>Armsessel zurücklehnend, wie er es zu thun pflegte, wenn<lb/>er
es auf eine längere Auseinandersezung abgesehen<lb/>hatte, sagte er: Ich bin
alt geworden und das Miß-<lb/>trauen, das dem Alter eigen sein soll, habe
ich gegen<lb/>mich selbst empfinden lernen. Ich habe nicht
allein<lb/>entscheiden wollen, sondern habe Rath gepflogen mit
dem<lb/>Manne, den ich zu meinem Nachtheil eine Zeit lang<lb/>hindurch
verkannt habe, und von dem auch Du Dich<lb/>vorurtheilsvoll entfernt hast,
obschon er nicht aufgehört<lb/>hat, unserem Hause in ergebener Treue
anzuhängen, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0363_096.tif" n="0096"/>
<p>96<lb/>Dich mit Freundesaugen auf Deinen Wegen zu begleiten.<lb/>Er ist es
denn auch gewesen, Pater Cyrillus ist es ge-<lb/>wesen, der das Mittel
gefunden hat, meine Wünsche und<lb/>die Deiner Mutter, mit Deinem
künstlerischen Ehrgeiz<lb/>zu vereinen, und zugleich dem Herzen unserer
armen<lb/>verwittweten Schwiegertochter eine tröstliche Erhebung
zu<lb/>bereiten.<lb/>Ich traute meinen Ohren nicht, und nur
besorgter<lb/>werdend, da ich diesen Namen nennen hörte, versetzte
ich:<lb/>einer Verwendung des Paters zu. meinen Gunsten sei ich<lb/>mir in
der That nicht gewärtig gewesen, da er in ver-<lb/>schiedenen Zeitpunkten
versucht habe, nich wenigstens<lb/>einer Affiliation mit dem Orden
zuzuführen, deren ich<lb/>mich geweigert hätte.<lb/>Mein Vater wiegte
langsam das Haupt. Und<lb/>glaubst Du, sprach er, es hätte Dir Schaden
gethan,<lb/>Dich eines so mächtigen Beistandes zu versichern?
Der<lb/>Einfluß des Ordens ist weithin wirksam, und auch der<lb/>Starke und
Mächtige kann zu Zeiten die Beihülfe einer<lb/>so großen, fest organisirten
Kraft sehr wohl gebrauchen.<lb/>Aber davon vielleicht ein andermal! Für
heute laß<lb/>Dir die Versicherung genüügen, daß ich es bereue,
Pater<lb/>Cyrillus eine Zeit hindurch verkannt zu haben. Er hat<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0364_097.tif" n="0097"/>
<p>I?<lb/>sich seit den Ungllicksfällen, die uns heimgesucht haben,<lb/>uns als
ein mitfühlender und ergebener Freund<lb/>bewiesen, und seit Deine
Lebensaussichten sich verändert<lb/>haben, ist er eifrig bemüht gewesen,
unsere Zuversicht zu<lb/>Dir neu zu beleben. Er hat mit dem Glauben
an<lb/>Dein Herz und an den guten Sinn, den er in Dir der-<lb/>einst
gekannt, Deiner Mutter Seele über Deine Irrthüümer<lb/>getröstet, sie mit
neuen Hoffnungen für Dich erfüllt.<lb/>Er hat sie dazu beredet, unter uns
und mit uns zu<lb/>verweilen, weil ihr in unserem Hause noch Freude
durch<lb/>Dich erblühen könne. Er ist eifrig bemüht gewesen, Dir<lb/>eine
Gattin ausfindig zu machen, deren Schönheit,<lb/>Namen, Reichthum allen
Deinen Ansprüchen genügen<lb/>müssen; und ihm auch dankst Du es, dasß der
Marquis,<lb/>troz der Bedenken, welche Deine stürmische Vergangen-<lb/>heit
einem Vater wohl erregen durfte, bereit ist, Dir<lb/>das Glick seines
einzigen Kindes anzuvertrauen. -<lb/>Gestehe ein, mein Lieber, schloß er,
daß dies nichts<lb/>Kleines ist.<lb/>-Aber zu irgend einem Zugeständniß fand
ich nicht<lb/>in mir den Anlaß. Ich sah vielmehr mit
wachsender<lb/>Bestürzung, daß Cyrillus auch meinen Vater wieder in<lb/>sein
Netz zu ziehen verstanden hatte, daß er jezt völlig<lb/>F. Lewald,
Benvenuto. ll.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0365_098.tif" n="0098"/>
<p>WK<lb/>Herr in unserem Hause war. Ich konnte nicht daran<lb/>zweifeln, daß er
meines Vaters angeerbte Neigung für<lb/>den Orden neu zu beleben verstanden
hatte. Ich mußte<lb/>besorgen, in meinem Vater vielleicht einen
weltlichen<lb/>Verbündeten desselben vor mir zu sehen; aber wie dem<lb/>auch
sein mochte, ich ward es mit Bestürzung inne, wie<lb/>fremd ich den inneren
Vorgängen in meiner Familie,<lb/>durch meine eigene Schld geworden
war.<lb/>Daß der Eifer und die Theilnahme des Paters an<lb/>meinem
Schicksale nicht ehrlich gemeint sein konnten,<lb/>daß er nicht mir, sondern
seinen und des Ordens Zwecken<lb/>in unserem Hause diente, dessen war ich
sicher. - Ich<lb/>sollte auch sofort erkennen, auf welches Ziel es
abgesehen<lb/>war, denn meine Mutter ließ es sich angelegen
sein,<lb/>IR--<lb/>Sie sagte, daß sie vor einiger Zeit, hingenommen<lb/>von
ihrem Schmerze und auch von der Sorge um mein<lb/>Heil, das Verlangen gehegt
habe, sich in das Stamm-<lb/>schloß ihrer mütterlichen
Familiezurückzuziehen, welch8be-<lb/>stimmt gewesen war, mit dem dazu
gehörenden Landbesitz<lb/>das Erbe und die Ausstattung meines zweiten
Bruders aus-<lb/>zumachen. Da es diesem Zweck jetzt nicht mehr
dienen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0366_099.tif" n="0099"/>
<p><lb/>könne, habe sie aus dem Hause ein Kloster für Schwestern<lb/>vom
heiligen Herzen Jesu unter der Bedingung machen<lb/>wollen, daß in demselben
fortdauernde Gebete für unser<lb/>Haus gehalten würden; und in der
Gemeinschaft dieser<lb/>Schwestern zu leben und zu sterben habe sie
gewülnscht.<lb/>Von diesem Vorsatz habe der Pater sie zurückgebracht.<lb/>Er
habe sie überredet, ihr Erbe zu weltlichen Zwecken, zur<lb/>Ehre ihres sie
überlebenden Geschlechtes zu verwenden.<lb/>Damit sei mein Vater, der ihr
Fortgehen aus dem<lb/>Hause schwer empfunden haben würde, einverstanden
ge-<lb/>wesen. So habe sie denn den Colleg der Jesuiten<lb/>einen Theil
ihres liegenden Besizes mit meines Vaters<lb/>Billigung zugewiesen, damit
von dem Zinsertrage des-<lb/>selben zwei reich ausgestattete Stipendien für
zwei junge<lb/>Kleriker aus ihrem und unserem Geschlechte gegründet,<lb/>und
Diesen unter Leitung des Ordens eine möglichst<lb/>vollständige Ausbildung
gegeben werden könnte. Den<lb/>Rest ihres Grundbesizes und daä kleine Schloß
habe<lb/>mein Vater käuflich für unser Hans übernommen, und<lb/>mit dem
dadurch frei gewordenen Capitale wünsche sie<lb/>dem Andenken ihrer
heimgegangenen Söhne durch mich,<lb/>durch ihren letzten Sohn, für alle
Zeiten ein würdiges<lb/>Denkmal zu errichten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0367_100.tif" n="0100"/>
<p>1<lb/>Mein Vater hatte die Mutter ruhig ihre Aus-<lb/>einandersetzuugen
machen lassen, nun nahm er das Wort.<lb/>Er sprach sich sehr zufrieden mit
den Entschließungen<lb/>der Mutter aus, und erinnerte mich dann daran,
wie<lb/>schwer es ihm gefallen sei, sich darein zu finden, daß<lb/>ein Mann,
der seinen Namen trage, daß sein Sohn,<lb/>den Arbeiter für Fremde mache.
Ihn habe es verlezt<lb/>und werde sein Ehrgefühl verletzen bis auf den
letzten<lb/>Tag, wenn der erste beste über die Alpen oder den<lb/>Dcean
herübergekommene Fremde sagen könne: Ich habe<lb/>den Marchese Armero für
seiner Arbeit Mih und<lb/>Schweiß bezahlt. Der Marchese hat mein Bild
gemacht!<lb/>ich gab ihm Geld und Brob! -- Den Stammhalter<lb/>seines
Geschlechts in so erniedrigender Abhängigkeit fort-<lb/>leben zu lassen, das
gehe gegen seine Pflicht und sein<lb/>Gewissen. Aber, fuhr er fort, Du hast
die künstlerische<lb/>Neigung und Du hast mir dereinst gesagt, des
Künstlers<lb/>Ehre fordere es, ein Denkmal seines Könnens für
die<lb/>Nachwelt hinzustellen. Nun! ich weiß auch des
Künstlers<lb/>Ehrgefühl in Dir zu achten. Es soll ihm ein volles<lb/>Genüge
zugestanden werden.<lb/>Er hielt inne wie Jemand, der dem Empfänger<lb/>Zeit
vergömnen will, sich auf eine große Gunst im Ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0368_101.tif" n="0101"/>
<p>11<lb/>müthe vorzubereiten, und sprach dann langsam seine<lb/>Worte wägend:
Das Haus der Armero entbehrt biä<lb/>heute einer eigenen Grabkapelle, wie
die Geschlechter--<lb/>er nannte verschiedene Namen - sie sich in
unseren<lb/>Kirchen in alter und in neuer Zeit gegründet haben.<lb/>In der
Kirche . - - (es war in einer der Jesuiten-<lb/>Kirchen Romss will Deine
Mutter eine solche Grab-<lb/>kapelle stiften, dort sollen die Messen für
unser Haus<lb/>gelesen werden für alle kommende Zeit. Dir wird der<lb/>Bau
und die ganze Ausschmückung des Denkmals über-<lb/>lassen. Die Mittel, die
Dir zur Verfüügung stehen,<lb/>geben Deiner künstlerischen Phantasie die
Möglichkeit,<lb/>sich in aller Freiheit zu bethätigen. Wir bieten
Dir<lb/>für Jahre eine Beschäftigung nach Deiner Neigung, die<lb/>Deinem
Namen als Künstler eine Zukunft sichert; aber<lb/>wir verlangen dafür, im
Verein mit dem Marquis, die<lb/>Zusage des Edelmannes, daß er nach
Beendigung dieses<lb/>Werkes, als Edelmann lebend, die Kunstausübung
An-<lb/>deren überlasse, und aufhöre den Bildhauer zu machen!<lb/>Das ist
Pater Cyrillus! stieß ich unwillkürlich aus.<lb/>Mein Vater sah mich mit
finsterem Blicke an.<lb/>Ich hatte von Dir ein anderes Wort, eine andere
Ant-<lb/>wort erwartet! sagte er.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0369_102.tif" n="0102"/>
<p>1<lb/>Ich bedurfte eines Augenblicks, mich zu fassen.<lb/>Das Anerbieten, das
man mir machte, mußte den größten<lb/>Ehrgeiz reizen. Es würde mir wie ein
hohes Glück<lb/>erschienen sein, und ich würde es mit warmem
Danke<lb/>empfangen haben, ohne die Bedingung, die man daran<lb/>knüpfte.
Jetzt empörte die Arglist, mit welcher der<lb/>Pater zu Werke gegangen war,
mein Herz und erfüllte<lb/>mir die Seele gegen ihn mit Hasß. Der Plan
war<lb/>mit genauer Kenntniß der Betheiligten und mit großer<lb/>Klugheit
ausgedachtr Meine eigenen künstüerischen Wünsche,<lb/>das Verlangen meiner
Eltern mich zu verheirathen, die<lb/>Trauer wie die Frömmigkeit meiner
Mutter, und meines<lb/>Vaters aristokratische Vorurtheile, waren von ihm
so<lb/>richtig berechnet und so geschickt mit einander verknüpft<lb/>worden,
daß meine Weigerung, auf das mir von mei-<lb/>nen Eltern Dargebotene
einzugehen, wie ein Mangel an<lb/>Kindesliebe, ein Mangel an Liebe für die
vor mir ge-<lb/>storbenen Brüder erscheinen mußte; und mein
Zurück-<lb/>weisen der durchaus vortheilhaften Heirath konnte in<lb/>noch
üblerem Sinne gedeutet werden.<lb/>Meine Mutter schüttelte traurig das müde
Haupt.<lb/>Er hat verlernt auf uns zu hören, sagte sie, und ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0370_103.tif" n="0103"/>
<p>13<lb/>hatte so fest darauf gebaut, ihn zu erfreuen, ihn er-<lb/>kennen zu
lassen, was die Mutterliebe ist!<lb/>Ich wurde, wie ich mich auch zu fassen
suchte,<lb/>aus einer Empfindung in die andere geworfen. Ich<lb/>hatte viel
gut zu machen, ich wünschte zu versöhnen.<lb/>ach sah, daß mein
unwillkürlicher Ausruf meinen Vater<lb/>gekränkt, meiner Mutter wehe gethan;
und sie waren<lb/>beide in der Hand eines Mannes, dessen Absicht
mich<lb/>von meinen Eltern zu trennen, sie gegen mich einzu-<lb/>nehmen, mir
erst in dem Augenblicke völlig klar ward,<lb/>in welchem er mich
unvorbereitet zu einer Entscheidung<lb/>hingedrängt hatie, über deren
Ausfall er keinen Zweifel<lb/>hegen konnte. Indeß seiner Arglist ohne Kampf
das<lb/>Feld zu räumen, war ich nicht gesonnen. Ich hatte<lb/>nicht allein
mich, auch meine Eltern hatte ich gegen<lb/>die Absichten des Ordens, in
dessen Dienst der Pater<lb/>handelte, zu vertheidigen, und mit der Gewalt,
welche<lb/>die Nothwehr mir zur Pflicht machte, beschwor ich
meine<lb/>Eltern, mich zu hören, mir zu glauben und mir
zu<lb/>dertrauen.<lb/>Ich gestand es ein, daß ich nur mir und
meinen<lb/>Neigungen lebend, bisher den Pflichten gegen sie nicht<lb/>Genüge
gethan hätte. Ich versicherte sie, daß es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0371_104.tif" n="0104"/>
<p>1s<lb/>mir eine Herzens- und Ehrensache sein solle, zu ver-<lb/>güten und zu
ersetzen, was ich so lang versäumt hatte,<lb/>ihnen Freude zu machen, so
weit ich es vermöchte. Ich<lb/>sprach es ihnen aus, daß ich selber mich nach
einer<lb/>Festigung meines Lebens sehne, daß ich mtich zu ver-<lb/>heirathen
wünsche, und stolz sein würde, unserem Hause<lb/>das Denkmal zu errichten,
dessen Ausführung man mir<lb/>anvertrauen wolle, nur dürfe man nicht
fordern, was<lb/>ich nicht zugestehen könne. Nur das Unmögliche,
mein<lb/>Vater, rief ich aus, fordern Sie nicht von mir.<lb/>Mein Vater
hatte mich ohne Unterbrechung reden<lb/>lassen. Was ist unmöglich, wo es
sich gm Pflicht und<lb/>Ehre handelt? fragte er mit einer Kälte, die mir
eine<lb/>üble Vorbedeutung war.<lb/>Ich kann mich nicht begraben in dem
Mausoleum<lb/>der Armero's! sagte ich, um es mit kurzen
Worten<lb/>auszudrücken.<lb/>Laß die Phrase! rief mein Vater, triff
mit<lb/>geradem Worte Deine Wahl und suche nicht beschö-<lb/>nigende
Ausflucht.<lb/>Es ist keine Ausfiucht, kein Beschönigen, das ich<lb/>suche,
betheuerte ich ihm, und ich habe keine Wahl,<lb/>wenn es mir nicht gelingt,
Sie, mein Vater, anderen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0372_105.tif" n="0105"/>
<p>10<lb/>Sinnes zu machen! Soll ich mich lebendig den Todten<lb/>zugesellen?
Meinen Namen, meinen Künstlernamen soll<lb/>ich heften an die Todtengruft
für ferne Zeiten, und<lb/>auf meine Freiheit verzichtend, mein frisches
Künstler-<lb/>leben betten in den Sarkophagen meiner Brüder? Das<lb/>vermag
ich nicht, mein Vater! Das zu thun, kann ich<lb/>nicht versprechen. Denn in
Freiheit schaffen, das allein<lb/>heißt leben für den Künstler, und zum:
Künstler hat<lb/>mich die Natur gemacht. Das Herz würde eö unir
er-<lb/>drücken und den Sinn verdüstern in Verzweiflung, wenn<lb/>ich
dastände vor der vollendeten Grabkapelle, mit dem<lb/>Gedanken: es ist der
letzte Meißelschlag, den Du gethan<lb/>hast! -- Oer welches Gllck, welchen
Trost und Ersaz<lb/>kdnnte ich finden in den Armen einer Gattin, die,
um<lb/>sich meiner Treue zu versichern, mich untreu machen<lb/>wollte, an
mir selber, an meinem eigensten Sein, an<lb/>dem Berufe, durch den ich mir
selber, durch den ich in<lb/>den Augen der Menschen Etwas bin?<lb/>Du bist
ein Graf Armero! fiel mein Vater mit<lb/>stolzer Härte ein, schlimm genng,
daß Du's so lang<lb/>vergessen hast.<lb/>Ich vergaß das nie, mein Vater!
sagte ich bestimmt<lb/>und ehrfurchtsvoll. Er aber achtete nicht
darauf.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0373_106.tif" n="0106"/>
<p>10<lb/>Schlimm genug, daß ich Dich daran mahnen, daß<lb/>ich Dich erst daran
erinnern muß, wie mein Wille noch<lb/>der meine, wie Deine Zukunft noch in
meiner Hand ist,<lb/>setzte er hinzu.<lb/>Die Drohung brachte mich um meine
Fassung, und<lb/>kalt von ihr berührt, erwiderte ich ihm auch mit
Kälte:<lb/>Ich habe nie daran gedacht auf Ihren Willen, auf
Ihre<lb/>freiesten Entschließungen zu meinen Gunsten irgend
einen<lb/>Einfluß auözuüben. Ich habe nie, und darauuf mein<lb/>Vater!
empfangen Sie mein Wort, auf irgend eine<lb/>Begünstigung gerechnet, die mir
von Ihnen kommen<lb/>könnte. Denn was ich auch verschuldet haben
mag,<lb/>von Eigennutz, von Habsucht, von Berechnung weiß ich<lb/>meine
Seele frei. Ich war mir selbst genug - und<lb/>ich denke es zu
bleiben.<lb/>Mein Vater hatte sich mit Heftigkeit erhoben, und<lb/>. dicht
an mich herantretend, sagte er: Also Dir steht<lb/>nicht an, was ich Dir
biete?<lb/>Nein, mein Vater! sagte ich.<lb/>Du denkst die Verbindung mit der
Tochter des<lb/>Marquis nicht einzugehen?<lb/>Nein, mein Vater! wenn man für
dieselbe andere<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0374_107.tif" n="0107"/>
<p>1?<lb/>Bürgschaft von mir fordert, als meinen Treuschwur<lb/>und mein
Manneswort - gewiß nicht.<lb/>So denkst Du den Künstler zu spielen fort
und<lb/>fort? rief er mit wachsendem Zorn; Du denkst fort und<lb/>fort in
niederer Gemeinschaft für Deines selbstgemachten,<lb/>großen Namens Ehre und
Unsterblichkeit Dich in aller<lb/>Freiheit nach immer neuer Nahrung
umzuthun?--<lb/>Nun denn! so geh! hohnlachte er, so geh! und vergiß<lb/>es,
daß Dun einen Vater hatlesl, der Dich zurückhusü hren<lb/>wünschte, Dich
wieder einzureihen wünschte in die Reihen<lb/>Derer, die seines Geschlechtes
Namen mit Ehre und<lb/>Würde trugen! -- Geh! weit, weit weg von mir
und<lb/>meinem Hause auf Nimmerwtedersehen! damit nicht jeder<lb/>Tag mich
schmerzlich mahne, daß ich einst einem Sohne<lb/>das Leben gab, der -
-<lb/>Ein Aufschrei meiner Mutter machte ihn verstum-<lb/>men. Sie war
zusammengebrochen. Ich sprang hinzu,<lb/>sie aufzurichten, mein Vater hatte
mit solcher Gewalt<lb/>die Schelle gezegen. daß ihre Schnur in
seiner<lb/>Hand blieb.<lb/>Tragt die Gräfin in ihr Zimmer! befahl er
der<lb/>herbeigeeilten Dienerschaft, und mir abwehrend die
Hand<lb/>entgegenstreckend, da ich mich anschickte, der
Ohnmächtigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0375_108.tif" n="0108"/>
<p>18<lb/>zu folgen, sagte er: Lassen Sie es genug sein mit diesen<lb/>Beweis
der Kindesliebe, Herr Bildhauer! es gelüstet<lb/>uns nach keinem weiteren.
Aber seien Sie überzeugt, daß<lb/>ich sie zu nutzen wissen werde, die
Freiheit über mein<lb/>Eigenthum zu verfügen, die Ihr hohes Selbstgefühl
mir<lb/>so großmüthig vergönnt.<lb/>Der kalte Spott fiel erstarrend nieder
auf mtein heiß-<lb/>bewegtes Herz. Ich konnte daneben keine
Vertheidigung<lb/>versuchen, und mich vor seinemt Worte beugend,
verließ<lb/>ich das Gemach und meines Vaters Haus.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0376_109.tif" n="0109"/>
<p>iebentes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0377_110.tif" n="0110"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0378_111.tif" n="0111"/>
<p>Ez Ig nlchts Klelnes seines Vaters Zorn auf sich<lb/>geladen, dem Auge der
Mutter Thränen des Schmerzes<lb/>erpreßt zu haben, fortzugehen von des
Vaterhauses<lb/>Schwelle alä ein Ausgewiesener; und ich empfand
die<lb/>Schwere dieses Schicksals in ihrer ganzen Wucht, als<lb/>ich einsam
meines Weges ging.<lb/>Es war spät am Abend. Die Straßßen
waren<lb/>menschenleer und dunkel, und krüb und dunkel war es<lb/>auch in
meinem Innern. Da, als ich aus der Enge<lb/>der Gasse auf den Plaz
hinaustrat, fingen die Wolten<lb/>über meinem Haupte sich zu erhellen an.
Ein flimmern-<lb/>der Schein glizerte in den Fenstern der oberen
Gestocke,<lb/>und die Nacht, die Alles unterschiedlos in ihrem
Schatten<lb/>verborgen, mit siegender Gewalt erhellend, trat der<lb/>Mond
lber die Gipfel der Häuser hellleuchtend empor<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0379_112.tif" n="0112"/>
<p>1<lb/>und brachte Licht, und mit dem Lichte tröstliche
und<lb/>hoffnungssichere Klarheit auch in meine Seele.<lb/>Nachdröhnend wie
ein schwerer Schlag hatte das<lb/>höhnende Wort meines Vaters, jenes
verächtliche: , Herr<lb/>Bildhauer!'' auf mir gelastet. Nun empfand ich's
als<lb/>meine Freisprechung; und was mich niederschmettern<lb/>sollte, ward
mir zur Stütze, an der ich mich emwor-<lb/>richtete. Mochte mein Vater über
den Namen und<lb/>Besiz, der ihm und uns von seinen Ahnen kam,
ver-<lb/>fügen wie er es für gut hielt. mochte er ihn auf die<lb/>Verwandten
übergehen lassen, die mehr seines Sinnes<lb/>waren als sein Sohn, und der
Kirche zuwenden, was<lb/>sie mit arger List erstrebte: mein Können, meine
Freude<lb/>an dem künstlerischen Schaffen konnte keines Vaters<lb/>Wille,
keines Menschen Macht mir rauben. Nie deut-<lb/>licher als in jener Stunde,
da ich mich als einen Ent-<lb/>erbten zu betrachten hatte, empfand ich es,
welch' einen<lb/>Schatz und welche Quelle eines eigensten Gllckes
der<lb/>wahre Künstler in sich und seiner Kunst besizt.<lb/>Spät, wie es
war, konnte ich mir es nicht versagen,<lb/>noch in meine Werkstatt
einzutreten. - Wie ich mit<lb/>gebeugter Seele und gebeugtem Haupte aus dem
Portale<lb/>unseres alten Grafenschlosses fortgegangen war. so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0380_113.tif" n="0113"/>
<p>z z H<lb/>richtete ich mich jezt, fest und sicher in mir selbst
empor,<lb/>und unwillkürlich wiederholte der zum Manne
gewordene<lb/>Jüngling sich den Ausruf, den der Knabe einst in
frohen<lb/>Erstaunen über sein ungeahntes Können vor der
Mutter<lb/>ausgestoßen hatte: . .g bin ein Bildhauer und
Bild-<lb/>N,<lb/>hauer will und muß ich bleiben,-- komme was<lb/>immer
mag.?<lb/>Ich erwachte mit neugestärktem Sinne. Das<lb/>Erlebte zitterte in
mir nach, wie die Erinnerung an<lb/>einen schweren Traum, aber es waren eine
Ruhe und<lb/>Stille in mir, die mir wohlthaten. So war mir in<lb/>den Tagen
meiner frühen Jugend in der Neujghrsnacht<lb/>wohl zu Sinn gewesen, wenn
füür meine Vorstellung<lb/>das alte Jahr begraben und von dem neuen noch
durch<lb/>eine große Kluft getrennt war.<lb/>aeh sah meine Arbeiten darauf
an, wie weit sie<lb/>vorgeschritten waren und bedachte, in wie viel Zeit
sie<lb/>zu beenden sein dürften; denn ich wüünschte, je eher je<lb/>lieber
ein Ende zu machen mit der Art des Schaffens,<lb/>der ich mich in den lezten
Zeiten überlassen hatte.<lb/>Ein paar Büüsten, die ich unternommen, ein paar
Fi-<lb/>gürchen, die ihre Käufer bereits gefunden hatten, waren<lb/>F.
Lewald, Benvenuto. l.<lb/>8<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0381_114.tif" n="0114"/>
<p>1<lb/>von den Hülfsarbeitern soweit vorgearbeitet, daß es nur<lb/>der letzten
Ausführung von meiner Hand bedurfte. -<lb/>Auch das Grabdenkmal, dessen
Vorarbeiten zu dem ersten<lb/>Zerwüürfniß zwischen mir und Gloria den Anlaß
gegeben,<lb/>war so weit fertig, daß die Verabredungen für den<lb/>Zeitpunkt
seiner Aufstellung genommen worden waren.<lb/>Ich blieb den ganzen Tag in
meiner Werkstatt,<lb/>Niemand störte mich in meinem Nachdenken. Ich
sah,<lb/>wie viel ich fördern konnte, wenn ich mich in Sammlung<lb/>an meine
Arbeit hielt, und ich versprach mir, daß der<lb/>Anbeginn des Sommers
vollendet sehen sollte, was von<lb/>angefangener Arbeit unter meinen Händen
war. Daß<lb/>ich wieder einen festen Vorsatz faßte, that inir
förmlich<lb/>wohl.<lb/>Erst, als das Licht mir zu fehlen begann und
die<lb/>Müdigkeit mich überwältigte, ging ich hinaus, aber in<lb/>dem
Augenblicke überkam mich auch die Erinnerung an<lb/>meine alten Eltern mit
allem ihrem Schmerze. Mein<lb/>Selbstgefühl verstummte vor der Liebe zu
ihnen. Ich<lb/>konnte an meine Zukunft nicht denken, ohne mir zu<lb/>sagen,
wie nahe ihr Lebenöziel vor ihnen liege, und ich<lb/>setzte mich nieder,
ihnen zu schreiben, was ich Vermit-<lb/>ielndes zu finden wußte, was das
Herz mir eingab.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0382_115.tif" n="0115"/>
<p>11<lb/>Ich sendete den Brief zu ihnen. Er enthielt am<lb/>Schlusse die
Versicherung, daß es nur ihres Wortes<lb/>bedürfe, mich in derselben Stunde
zu ihnen zu führen,<lb/>und unruhig in meinem Zimmer bald zu dieser,
bald<lb/>zu jener Beschäftigung greifend, wendete sich mein Auge<lb/>immer
wieder nach dem Zeiger der Uhr, die Zeit be-<lb/>rechnend, in welcher der
Bote wiederkehren konnte.<lb/>Er ließ mich nicht zu lange auf sich warten,
aber<lb/>schon die Aufschrift von des Paters Hand verküündete<lb/>mir, was
ich von dem Inhalt zu erwarten habe. Im<lb/>Aufträge meineä Vaters meldete
er mir, daß meine<lb/>Mutter ernstlich erkrankt sei, daß man es nicht
wagen<lb/>dürfe, sie durch eine Erinnerung an mich auf das<lb/>Neue zu
erschilttern, und daß mein Vater, hingenommen<lb/>durch seine Sorge umn die
Kranke, sich nichl von ihr<lb/>zu trennen vermöge. Sein Wille sei mir
bekannt. Sei<lb/>ich gesonnen diesem nachzugeben, so möge ich dies
er-<lb/>klären; wo nicht, so werde er, den Wüünschen der
Mutter<lb/>nachgebend, den Bau der Grabkapelle sobald immer<lb/>möglich
anderen Händen als den meinen anvertrauen,<lb/>und im Nebrigen diejenigen
Maßnahmen und Ver-<lb/>füügungen treffen, die er in Bezug auf die
Ordnung<lb/>der Familienverhältnisse für unerläßlich halte. In<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0383_116.tif" n="0116"/>
<p>116<lb/>einer Nachschrift, die der Pater als eine
eigenmächtige<lb/>bezeichnete, ermahnte er mich zur Fügsamkeit, und
er<lb/>erbot sich zudem in derselben, sich zu mir zu begeben,<lb/>um eine
Ausgleichung herbeizuführen, die für mich in<lb/>jeder Beziehung so geboten
als wüünschenswerth erscheine.<lb/>Einen brieflichen Verkehr, oder gar eine
Begegnung mit<lb/>mir, so setzte er hinzu, habe nein Vater entschieden
ab-<lb/>gelehnt, da die Racksicht auf seine Gesundheit es ihm<lb/>verbiete,
sich noch einmal solcher Gemüthserschütterung<lb/>auszusetzen.<lb/>Ich
faltete das Blatt zusaumed und ging planlos<lb/>in die Straße hinaus, den
Stadttheilen zu, in denen<lb/>ich darauf rechnen konnte, in dieser Stunde
nicht leicht<lb/>einem von meinen Bekannten zu begegnen. Unter<lb/>fremden
Leuten mittleren Standes nahn ich meine<lb/>Mahlzeit ein und kehrte, chne
Jemanden gesprochen zu<lb/>haben, in meine Wohnung zurück. Ich konnte in
der<lb/>Nacht tein Auge schließen. Die Vorstellung, meiner<lb/>kranken
Mutter nicht nahen zu dürfen, muit meinem<lb/>Vater unerwartet
zusammenzutreffen und ihn mich<lb/>meiden zu sehen, brannte mir iu Herzen.
Ich hatte<lb/>von frühester Kindheit an so sehr an Nom gehangen,<lb/>daß mir
der Wunsch, es für längere Zeit zu verlassen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0384_117.tif" n="0117"/>
<p>ue<lb/>eigentlich niemals gekommen war; jezt aber regte sich<lb/>in mir das
dringende Verlangen, meine Arbeit bald<lb/>beendigen und dann fortgehen zu
können, und der Ge-<lb/>danke trieb mich schon in aller Frühe an daä
Werk.<lb/>E war noch zeitig, als sich Donna Carolina bei<lb/>mir melden
ließ. Sie zu sehen, war mir unerwartet<lb/>und auch nicht willkommen, aber
sie ließ mich über<lb/>den Anlaß, der sie zu mir führte, nicht lange
im<lb/>Zweifel.<lb/>In Wahrheit, Benvenuto! rief sie mir entgegen,<lb/>Sie
haben ein wirkliches Genie, Ihre Freunde in Ver-<lb/>legenheit zu sezen!
Wissen Sie, daß ich böse auf Sie,<lb/>daß ich in Empörung über Sie bin! Auch
Ihr Vater<lb/>ist außer sich! Der Mutter Zustand nennt der Arzt<lb/>mehr als
bedenklich, und der Marquis hat mir ungefähr<lb/>die Thüre gewiesen, während
Pater Cyrillus mit einem<lb/>Male Alles in Frage stellt, was er mir füür
meinen<lb/>Neffen fest verheißen hatte, wenn ich Sie dahin<lb/>brächte, den
Eltern zu willfahren und diese ganze<lb/>unnöthige Bildhauerei an den Nagel
zu hängen, das<lb/>heißt, an dem Wappen der Armero's aufzuhängen.<lb/>Und an
eine solche Möglichkeit haben Sie geglaubt?<lb/>fiel ich ihr ein, während
daä Gewebe der Arglist, mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0385_118.tif" n="0118"/>
<p>118<lb/>welchem der Pater ntich umsponnen hatte, mir inumer
mehr<lb/>erkennbar wurde. Sie haben wirklich geglaubt, ich<lb/>könne
aufhören zu arbeiten, zu schaffen?<lb/>Warumt denn nicht? entgegnete sie
mir. Ist<lb/>es denn ein so besonderer Genuß, den nassen Thon zu<lb/>kneten,
und sich mit dem Eisen in der Hand, am harten<lb/>Stein die Hände zu
verderben? Daß Sie ein Künstler<lb/>sind, wenn's Ihnen so beliebt, das haben
Sie ja be-<lb/>wiesen! Nun treten Sie Ihres Stammes Güter an<lb/>und nehmen
sich eine reiche hübsche Frau, wie's Ihnen<lb/>ziemt, und damit
basta!<lb/>Und was hat Pater Cyrillus Ihnen denn eigentüich<lb/>dafür
zugesagt, wenn Sie mich von mir selber abzufallen<lb/>bereden? fragte ich
die Aufgeregte.<lb/>Sie fuhr zusammen, es war ihr unlieb, sich
soweit<lb/>verrathen zu haben. Zugesagt! zugesagt! wiederholte<lb/>sie. Er
hatte mir versprochen, daß mein Neffe Seba-<lb/>stiano die Stelle im
Ministerium der Finanzen haben<lb/>solle, auf die er lange speculirt, und
die es ihm möglich<lb/>machen wüürde, die Wittwe deö reichen Filangieri
zu<lb/>heirathen, der er doch eine Position zu bieten haben muß.<lb/>Also
damit Ihr Neffe eine Liebesheirath schließen<lb/>kdnne, soll ich mich
verknppeln lassen? Vielen Dank!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0386_119.tif" n="0119"/>
<p>1'<lb/>Signora! rief ich aus. Ich bin nicht gesonnen, fremdes<lb/>Glück mit
meinem eigenen zu bezahlen! Aber der<lb/>Pater kannte mich und wußte, was er
that. Sie und<lb/>meine Eltern und die Familie des Marquis hat er
mir<lb/>der Art gegenüber zu stellen verstanden, daß die Weigerung,<lb/>die
ich gegen Sie Alle aus Nothwehr auszusprechen<lb/>gezwungen bin, Sie aus
meinen Freunden in neine<lb/>Gegncr verwandeln mußte. -- Und Sie, Carolina!
die<lb/>noch vor Jahr und Tag so sehr geneigt war, über die<lb/>Arglist der
Pfaffen, über die Ränte der Jesuiten sich<lb/>im bittern Spotte zu ergehen,
Sie lassen sich jetzt dazu<lb/>gebrauchen, dem Orden durch des Paters Hände,
ihre<lb/>nächsten eigenen: Freunde anözuliefern?<lb/>Was heißt das
ausliefern? entgegnete sie utir<lb/>heftig, und welche Worte brauchen Sie?
Gut nachen<lb/>habe ich wollen! Gutes habe ich thun wollen! Denn<lb/>das
Leben mein Lieber! sieht sich anders an, in reifent<lb/>Alter als in
unbesonnener Jugend. Sie wissen, ich<lb/>habe nie die Heilige gespielt, und
canonisirt zu werden<lb/>hab' ich wenig Hoffnung. Aber die Zeit ist
ernsthaft<lb/>geworden, und ich bin es mit ihr. Auch für Sie ist's<lb/>Zeit,
ein anderes Leben zu beginnen! Sie haben genug<lb/>den Don Giovanni gespielt
und Herzen gebrochen, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0387_120.tif" n="0120"/>
<p>1<lb/>die arme Gloria hingeopfert. Es ist häßlich von Ihnen,<lb/>daß Sie von
den Modellen und von dem Leben mit<lb/>diesen lockern Frauenzimmern nicht
lassen wollen! Sehr<lb/>häßlich von Ihnen, Benvenuto! In der That!
-<lb/>Kommen Sie! seien Sie vernünftig! Sie heirathen die<lb/>Marchesina,
mein Sebastiano verbindet sich mit der<lb/>schönen Filangieri - und Sie
haben an mir die alte<lb/>Freundin wie zuvor, und ich posaune als Fama
Ihre<lb/>Umkehr zu dem Pfade der Tugend durch die Welt.<lb/>Seit ich zu
einem eigenen Urtheil gekommen war,<lb/>hatte ich Carolina niemals ernsthaft
in Betracht gezogen.<lb/>Dennoch erzürnte und erschreckte es mich in
hohem<lb/>Grade, daß auch sie der listigen Versuchung des Paters<lb/>ihr Ohr
geliehen hatte, und sich gegen mich auf seine<lb/>Seite stellte. Ich fand es
unerträglich, mich mit einem<lb/>Male von den mir nächststehenden Personen
bevormundet,<lb/>mit Bekehrungsversuchen behelligt, in meiner Freiheit
beein-<lb/>trächtigt, und da ich ihren Verlangnissen nicht Folge<lb/>leisten
konnte, gewaltsam verlassen zu sehen. Das Ge-<lb/>fühl der Kränkung, der
Beleidigung, das ich vor meinen<lb/>Eliern mühsam zum Schweigen verdammt,
brach der<lb/>Leichtfertigen gegenüber rückhaltslos hervor; und mich<lb/>mit
aller Kraft verwahrend gegen jede Beeinflussung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0388_121.tif" n="0121"/>
<p>uu<lb/>durch sie, sprach ich ihr lebhaft aus, zu welcher thörichten<lb/>und
schlechten Rolle fie sich unter der Leitung des<lb/>Paters hergegeben, der
es mit Sicherheit gewußt habe,<lb/>daß ich nie und nimmer darauf eingehen
könne, mitten<lb/>in der Fülle des Lebens einen geistigen Selbstmord
an<lb/>mir zu begehen. Ich versuchte es ihr einsichtlich zu<lb/>machen, wie
der Pater das ganze Gerüst seiner auf<lb/>meine Besserung hinzielenden
Beglückungsplane auf<lb/>einem Boden aufgebaut, von dem er wußte, daß
er<lb/>hohl sei, wie er sicher darauf gerechnet habe, mich den<lb/>Hals
brechen zu sehen, sobald ich es berührte, und wie<lb/>wohl er Alles
vorbereitet habe, soweit als möglich den<lb/>Orden in mein Erbe eintreten zu
machen.<lb/>Carolina nannte daä Alles Hirngespinnste meiner<lb/>Phantasie.
Sie gehörte zu der großen Zahl der Frauen,<lb/>welche Nichts zu hören,
Nichts zu verstehen vermögen,<lb/>was ihren jeweiligen nächsten Begehrnissen
entgegen ist,<lb/>und wie sie von diesen beherrscht werden, sich auch
in<lb/>blindem Glauben Demjenigen anvertrauen, der ihnen<lb/>zur Erreichung
ihrer augenblicklichen Absichten die Aus-<lb/>sicht und die
Wahrscheinlichkeit eröffnet. Immer selbst-<lb/>willig beschäftigt, war und
blieb sie auf diese Weise<lb/>fortdauernd in der Abhängigkeit von fremdem
Willen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0389_122.tif" n="0122"/>
<p>?<lb/>Bald dies, bald jenes eifrig wünschend, wurde sie nach<lb/>den
verschiedensten Richtungen hin und her gezogen, diente<lb/>sie oft den
Andern, wo sie für sich selbst zu wirken<lb/>meinte; und so konnte sie in
dem Wahne, für ihre<lb/>Freunde treu und verläßlich zu sein, ihnen zu
einer<lb/>gefährlichen Feindin werden, wie ich es jeht zu spät<lb/>für mich
erfuhr.<lb/>Meine Heftigkeit regte die ihre auf. Wir kannten<lb/>und wußten
von einander gerade genug, uns tddtlich<lb/>kränken und verletzen zu können,
ohne harte Worte laut<lb/>werden zu lassen. Obschon sie mit lächelnden
Munde<lb/>von mir Abschied nahm, als ich sie nach ihrem
Wagen<lb/>hinausgeleitet hatte, war ich gewiß, daß fie in dieser<lb/>Stunde
mir Feind geworden war, und daßß ich mich<lb/>vor ihr zu hüten hatte, weil
ihr Leichtsinn nicht Be-<lb/>denken tragen würde, mich völlig preiszugeben,
wenn sie<lb/>sich dadurch des Paters Mitwickung zu der Heirath<lb/>ihres
Neffen und dereinstigen Erben, mit der reichen<lb/>Wittwe zu erkaufen hoffen
durfte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0390_123.tif" n="0123"/>
<p>Kctes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0391_124.tif" n="0124"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0392_125.tif" n="0125"/>
<p>war<lb/>KHuflgore Arrigo war nicht in der Stadt. Er<lb/>für ein paar Tage auf
das Land gegangen, und<lb/>seine Abwesenheit war mir willkommen. Ich hatte
bis<lb/>dahin, auch seitdem ich weniger mit ihm zusammen<lb/>gewesen war und
seine Zufriedenheit nicht mehr wie<lb/>vordem besessen hatte, mich doch
stets an ihn gewendet,<lb/>wo ich mich des Raths bedürftig wußte, und er
hatte<lb/>mir denselben auch niemal fehlen lassen, ja er war<lb/>mir mit
demselben in treuer Freundschaft oft zuvor ge-<lb/>kommen.<lb/>So hatte er
mich auch bei verschiedenen Anlässen<lb/>auf den wachsenden Einfluß
aufmerksam gemacht, welchen<lb/>Pater Cyrillus in seinem Orden sowohl, als
in den<lb/>regierenden Kreisen gewonnen, und auf die
zunehmende<lb/>Herrschaft, die er in meinem Vaterhause sich zu
erobern<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0393_126.tif" n="0126"/>
<p>z O<lb/>-ai<lb/>verstanden hatte. Er hatte mich ermahnt, mich gegen<lb/>die
Eingebungen zu verwahren, die Cyrillus meinen<lb/>Eltern nachen könnte, und
uir vielfach e zu bedenken<lb/>gegeben, was ein reicher Besitz dem Menschen
werth sei,<lb/>und welche Macht und Freiheit er verleihe.<lb/>Ich sah also
voraus, daß er auözugleichen, zu ver-<lb/>mitteln suchen würde, schon um
meiner Mutter ein<lb/>Herzleid zu ersparen; aber mein Bedürfniß mir
genug<lb/>zu thun und endlich einmal mit Pater Cyrilluö meine<lb/>Abrechnung
zu halten, war so groß, daß ich mich eines<lb/>Abends niedersezte, um es ihm
unumwunden auszu-<lb/>sprechen, wie verächtlich ich seine Handlungsweise
fände.<lb/>Daß es nicht klug gehandelt war, den Pater in<lb/>solcher Weise
herauszufordern, wußte ich sehr gut. Trotz-<lb/>dem fühlte ich mich freier,
als ich es gethan hatte, und<lb/>sicher war, seiner heuchlerischen
Freundschaft nicht mehr<lb/>begegnen zu düürfen, nachdem ich ihm offen
ausgesprochen<lb/>hatte, wie ich in ihm meinen und meiner Eltern
Feind<lb/>erkannt hätte.<lb/>Bald nachdem ich daä Schreiben an Cyrillus
ab-<lb/>gesendet hatte, kehrte Arrigo in die Stadt zurück. Ich<lb/>hatte die
Tage still für mich gelebt, hatte mich völlig<lb/>in mir selbst zurecht
gefunden, und konnte mit verhält-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0394_127.tif" n="0127"/>
<p><lb/>nißmäßiger Ruhe dem alten Freunde von dem Geschehenen<lb/>Nachricht und
Auskunft geben.<lb/>Er hörte mich an, ohne eine Neberraschung
z<lb/>verrathen. Ich habe Dich zum Hefteren gewarnt, sagte<lb/>er, als ich
geendet hatte, und würde Dich vielleicht ab-<lb/>gehalten haben, dem Pater
Deinen Handschuh hinzu-<lb/>werfen. Du hast, weil Du dies wußtest, auch
ohne<lb/>mich entschieden, und wo ein Ausweichen oder Umkehren<lb/>nicht
mehr möglich ist, thut man wohl daran, entschlossen<lb/>vorwärts zu gehen.
Du hast jetzt einen Feind Dir<lb/>gegenüber, der großes Spiel zu spielen
liebt, wenn er<lb/>es auch nicht verschmäht, sich dabei der kleinsten,
elendesten<lb/>Mittel zu bedienen; und weil er Dich kennt, verläßt
er<lb/>sich, wie die Schlechten und Gewissenlosen es in solchen<lb/>Fällen
immer thun, auf Deine Wahrhaftigkeit und auf<lb/>Dein Ehrgefühl. Denn wer
sichert ihn, als eben diese,<lb/>daß Du nicht nach den weisen Lehren
handelst, mit denen<lb/>er Deine frlhe Juugend so freigebig genährt
hat?<lb/>Ich verstand nicht, was Arrigo damit meinte.<lb/>Ein Lächeln flog
über sein noch schönes Antliz, und<lb/>mit einer der sprechenden
Handbewegungen, deren Adel<lb/>man von je an ihm bewundert hatte, sagte er:
und diesen<lb/>Menschen haben sie zum Jesuiten machen wollen! Dich!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0395_128.tif" n="0128"/>
<p>128<lb/>der auch in diesem Augenblicke noch nicht auf die Mög-<lb/>lichkeit
verfallen ist, sich mit einem inneren Vorbehalte,<lb/>durch eine zeitweilige
Unterwürfigkeit unter den thörichten<lb/>Willen zweier Greise, eine völlige
Freiheit für sein Thun<lb/>nach ihrem Tode zu erkaufen!<lb/>Nein! in
Wahrheit, rief ich, solch ein Gedanke war<lb/>und ist mir fern.<lb/>Ich weiß
das und der Pater weiß das ebenso;<lb/>aber ich zweifse nicht, das er sich
selbst flr diesin Fall<lb/>vorsehen, und Deine augenblickliche scheinbare
Unter-<lb/>werfung für Deine spätere Freiheit unwirksam zu machen<lb/>wissen
würde, indem er Deinen Vater dahin bringt,<lb/>Dich nach seinem Tode der
Aufsicht des Ordens zu<lb/>überantworten, auf dessen Wachsamkeit er sich
verlassen<lb/>darf. Also großes Spiel gegen großes Spiel! -- Voll-<lb/>ende
die Arbeiten, zu denen Du Dich verpflichtet hast,<lb/>und dann rasch fort
von Deinem Vaterhause, von Rom,<lb/>und in die Welt! Du warst nicht des
Hauses Erbe<lb/>als Du geboren wurdest, hattest nicht darauf
rechnen<lb/>können, es zu werden, so darf's Dich auch nicht
schmerzen,<lb/>jetzt ein Enterbter zu sein. Geh' Deines Weges, und<lb/>warte
das Ende ab. Ich bleibe hier, Dein Platz in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0396_129.tif" n="0129"/>
<p>129<lb/>meinem Hause bleibt Dir auch, und von hier fortzu-<lb/>kommen wird
Dir wohl thun.<lb/>Die freundliche Beflissenheit, die großmüthige
Nach-<lb/>sicht, mit welcher Arrigo sich in diesen Zeiten wieder
meiner<lb/>annahm, ohne mich jemals fühlen zu lassen, daß ich<lb/>auch ihn
verabsäumt hatte, machte mich ihm noch mehr<lb/>zu eigen, als ich es je
gewesen war. Sie flößten mir<lb/>jene erhebende Liebe, jene begliückende
Dankbarkeit für<lb/>ihn ein, die ich meinem Vater gegenüber nie
hatie<lb/>empfinden lernen.<lb/>Alles was ich in den folgenden Tagen und
Wochen<lb/>Peinliches zu erfahren hatte, ward für mich gemildert,<lb/>da er
sich zu dem Neberbringer der Nachrichten machte,<lb/>welche mir nicht
vorenthalten werden durften.<lb/>Er hatte es vergeblich versucht, meine
Eltern zu<lb/>meinen Gunsten umzustimmen. Meine Mutter hatte<lb/>ihn nicht
empfangen, weil, wie man ihm sagte, ihr<lb/>Befinden dies verbiete. Mein
Vater hatte sich mit<lb/>großer Erbitterung gegen mich geäußert und ihm
mit-<lb/>getheilt, wie er seines verstorbenen Halbbruders Sohn,<lb/>der das
nächste Erbrecht an das Majorat des Hauses<lb/>hatte, eingeladen habe für
die kommende Villeggiatur<lb/>F. Lewald, Benvenuto. Ü.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0397_130.tif" n="0130"/>
<p>18<lb/>sein Gast zu sein, und wie er mit den Architekten<lb/>Seiner
Heiligkeit Rücksprache wegen der Kapelle genommen,<lb/>in der er selber
einst neben den Seinen sich die Ruhe-<lb/>stätte zu bereiten wünsche. Er
hatte hinzugefügt, daß<lb/>sein Neffe soeben seine Studien in dem Collegium
der<lb/>Jesuiten beendigt, daß er, obschon jünger als ich, mir<lb/>doch an
ernster Sittlichkeit und richtiger Lebensauffassung<lb/>voraus, und also
unter allen Verhältnissen besser als<lb/>ich geeignet sein würde, einem
Vater sichere Bürgschaft<lb/>für seiner Tochter Gllck zu geben.<lb/>Die
Nachrichten fanden mich nicht unvorbereitet<lb/>und ich nahm sie wie ich
mußte auf. Widerwärtig aber<lb/>war es mir, die Kunde von meinem Zerwürfniß
mit<lb/>den Eltern, von der für mich geplanten und nicht zu<lb/>Stande
gekommenen Heirath, in dem ganzen Kreise<lb/>meiner Bekannten mit einer so
geflissentlichen Entstellung<lb/>ber Wahrheit verbreitet zu finden, daß ich
über die<lb/>Quellen, aus welcher sie entstammte, nicht im
Ungewissen<lb/>bleiben konnte.<lb/>Gewohnt, mich als einen Glücklichen
gepriesen zu<lb/>sehen, mich überall mit Freuden und
Zuvorkommenheit<lb/>empfangen zu sehen, beleidigten mich die fragenden
An-<lb/>deutungen und das vorsichtig. zur Schau getragene Mit-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0398_131.tif" n="0131"/>
<p>leid meiner Umgangsgenossen. Man ließ mich ahnen,<lb/>daß man mein Fortgehen
als nothwendig habe bezeichnen<lb/>hören. Man erzählte sich, wie ich es dem
rechtzeitigen<lb/>Dazwischentreten des Paters Cyrillus, dieses
treuen<lb/>Freundes, zu verdanken gehabt hätte, daß man damals<lb/>über
Gloria's Tod keine weiteren Nachforschungen ange-<lb/>stellt, und es bei dem
vorgegebenen Gerücht von einem<lb/>Selbstmorde habe bewenden lassen; und
dieselben Frauen,<lb/>welche mich einst als den Helden jenes traurigen
Aben-<lb/>teuers in besondere Gunst genommen hatten, nannten es<lb/>jetzt
plötzlich selbstverständlich, daß unter so bewandten<lb/>Verhältnissen, ein
zärtlicher und gewissenhafter Vater<lb/>nicht hätte daran denken können,
meiner Werbung um<lb/>fein Kind Gehör zu geben.<lb/>Es war unverkennbar
darauf abgesehen, meinen<lb/>guten Ruf, meine gesellschaftliche Stellung zu
unter-<lb/>graben, mir den Aufenthalt in der Heimath zu verleiden;<lb/>und
mein ausgesprochener Vorsaz auf Neisen und in<lb/>das Ausland zu gehen, lieh
den gegen mich verbreiteten<lb/>Gerüchten Nahrung.<lb/>So kam die Zeit
heran, in welcher die Gesellschaft<lb/>sich in Rom zu trennen, und je
nachdem auf ihre Güter,<lb/>oder auch in ihre transalpinische Heimath
zurlickzukehren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0399_132.tif" n="0132"/>
<p>18A<lb/>pflegte. Mein Grabdenkmal war fertig geworden, und<lb/>der Besteller
desselben nahm meine Erklärung, daß ich<lb/>geneigt sei, es selbst in
England abzuliefern und an dem<lb/>ihm bestimmten Platze aufrichten zu
lassen, mit großer<lb/>Freude an, während es mir willkommen war, auf
diese<lb/>Weise ein nächstes und bestimmtes Ziel vor mir zu<lb/>haben. Die
Gruppe war verpackt und eingeschifft, meine<lb/>andern Arbeiten waren auch
vollendet, und ich war da-<lb/>bei, die Vorkehrungen für meine Abreise zu
treffen, als<lb/>Arrigo mich an einem Mittage mit der Nachricht<lb/>empfing,
daß der Cardinal-Staatssecretair ihn am Morgen<lb/>habe zu sich entbieten
lassen, um ihn zu fragen: ob er<lb/>Neigung habe, sich der Nebermittelung
eines Auftrages<lb/>an dem Hofe zu unterziehen, bei welchem er schon
früher<lb/>in ähnlichen Geschäften verwendet worden war. Der<lb/>Cardinal
hatte ihm die Angelegenheiten in einer Weise<lb/>gestellt, die daä
Anerbieten als eine besondere Vertrauens-<lb/>sache, als eine ehrende
Anerkemnung seiner früher ge-<lb/>leisteten Dienste erscheinen machte, und
eine Ablehnung<lb/>kaum zuließ; denn Arrigo erfreute sich troz seiner
vor-<lb/>geschrittenen Jahre einer trefflichen Gesundheit, hatte<lb/>immer
sich mit Vorliebe seines Aufenthalts und seiner<lb/>Wirksamkeit an jenem
lebenslustigen Hofe erinnert,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0400_133.tif" n="0133"/>
<p>uV<lb/>und die sommerliche Jahreszeit mußte ihm eine Neise<lb/>und ein
Verweilen jenseits der Berge nur annehmbarer<lb/>erscheinen lassen.<lb/>Und
Sie werden gehen? fragte ich.<lb/>Nein! entgegnete er mir, da man mich
fortzuschicken<lb/>wünscht, gewiß nicht! Der Kdder, den der Gardinal<lb/>mir
vorhielt, als er wie zufällig der neuen bevorstehen-<lb/>den
Cardinals-Creirungen gedachte, konnte mich nicht<lb/>verlocken. Mit den
Gesinnungen, die man an mir kennt,<lb/>hat man jetzt meine Ernennung nicht
im Plane, und<lb/>die Mission, mit welcher man mich betrauen will,
ist<lb/>eine, die nothwendig erfolglos bleiben muß. Man würde<lb/>also, wenn
ich verblendet genug wäre, sie anzunehmen,<lb/>nicht ermangeln, mir das
Mißlingen derselben zuzuschrei-<lb/>ben, würde es mir allenfalls verzeihen,
indem man aus-<lb/>sprengte, daß ich nicht mehr im Vollbesiz meiner
früheren<lb/>Gewandtheit sei, und während meiner Abwesenheit würde<lb/>Pater
Cyrillus nicht zu befürchten haben, daß ein ver-<lb/>ständiger Einfluß, ein
mahnendes Abrathen, ihn in den<lb/>Planen störte, welche er in Deinem
Vaterhause weiter<lb/>zu verfolgen denkt. - Denn unverkennbare
Zeichen<lb/>deuten darauf hin, daß die Berufung des Lehnsvetiers<lb/>nichis
als eine Finte ist, hinter welcher die Absicht,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0401_134.tif" n="0134"/>
<p>1H<lb/>das ganze Erbe der Armero dem Orden zuzuwenden,<lb/>vorläufig sich
noch verbirgt. Packe Du also Deinen<lb/>Koffer. Ich bleibe hier als Dein
Geschäftsträger,<lb/>und gehe im Nebrigen in Freiheit meinen
Neigungen<lb/>nach, wie ich's seit lang gehalten habe. Mir ist es<lb/>am
Wohlsten in der Heimath, und Dir wird's gut ihun,<lb/>als ein Fremder in der
Fremde eine freiere Luft zu<lb/>athmen, als die, in welcher wir hier
leben.<lb/>Wenige Tage darauf, stand ich noch einmal an<lb/>meiner Eltern
Thüre und wurde abgewiesen. Ich schäme<lb/>mich der Thränen nicht, die ich
zerdrückte, als ich von<lb/>meines Vaterhauses' Schwelle schied, und auch
Arrigo<lb/>wußte sie zu ehren. An demselben Abende verließ ich,<lb/>von
seinem treuen Segenswunsch begleitet, ihn und meine<lb/>Heimath für eine
längere Zeit, als ich es in jener<lb/>Stunde vorausgesehen hatte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0402_135.tif" n="0135"/>
<p>Meuntes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0403_136.tif" n="0136"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0404_137.tif" n="0137"/>
<p>Ze habe Ihnen, als wir uns kennen lernten, von<lb/>meinem Leben im Auslande
zum Defteren gesprochen<lb/>und Ihnen den überraschenden Eindruck zu
schildern ver-<lb/>sucht, welchen in jenen Zeiten, in der Mitte der
vierziger<lb/>Jahre unseres Jahrhunderts, ein Aufenthalt in England<lb/>und
Frankreich auf einen jungen Römer machen mußte,<lb/>der die in ihren
mittelalterlichen Traditionen hin-<lb/>träumende Hauptstadt des
Kirchenstaates und der ka-<lb/>tholischen Welt, bis dahin nicht verlassen,
und keine<lb/>andere Gesellschaft gekannt hatte, als die der
römischen<lb/>Aristokratie. Selbst bie Ausländer, welche ich
innerhalb<lb/>derselben kennen gelernt, hatten sich mehr oder weniger<lb/>zu
dem, unter der alten römischen Adelswelt herrschen-<lb/>den Credo bekannt,
oder dasselbe doch aus geselliger<lb/>Höflichkeit zu schonen gewßt. Nun war
ich diesem ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0405_138.tif" n="0138"/>
<p>188<lb/>feiten Kreise wie mit einem Zauberschlage entrückt, und<lb/>hatte
unablässig erstaunend, zu bewundern und zu<lb/>lernen.<lb/>Ich brachte,
nachdem ich meine Arbeit abgeliefert,<lb/>den ganzen Sommer und einen Theil
des Herbstes in<lb/>England und in Schotiland zu, und fühlte mich wie
in<lb/>ein Wunderland versezt. Von einer Cultur des Bodens,<lb/>von einer
Thätigkeit in Handel und Gewerbe, wie ich<lb/>sie dort antraf, von
-gemeinnüützigen, auf das Wohl-<lb/>befinden des niederen Volkes berechneten
Einrichtungen,<lb/>von einer persönlichen Freiheit, wie ich sie dort
kennen<lb/>lernte, hatte mir in der Heimath die Vorstellung gefehlt.<lb/>Ich
wurde es nicht mülde, in den großen Hafenstädten<lb/>die Schiffe kommen und
gehen zu sehen, welche in fdr-<lb/>derndem Verkehre alle Theile der Erde mit
einander<lb/>verbanden. Ich sah die Bekenner der verschiedenen
Reli-<lb/>gionen in eigenen Gotteshäusern ihren Cultus unge-<lb/>hindert
üben, sah überall einen Wohlstand, einen Reich-<lb/>thum mich umgeben, den
die freie Bethätigung der<lb/>Kräfte immer neu erschuf. Ich konnte die
Erfahrung<lb/>machen, wie die herrschende Sitte ein strenges
Erbrecht<lb/>mit den Anforderungen der Zeit allmälig vermittelt<lb/>hatte;
wie frei und ungehindert dort die jungen Söhne<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0406_139.tif" n="0139"/>
<p>D<lb/>der ältesten Adelsgeschlechter sich erwerbenden Geschäften<lb/>zuwenden
durften, während aus ihren Reihen, wie aus<lb/>den unteren Klassen des
Volkes diejenigen, welche sich<lb/>zu hervorragender Bedeutung
emporgearbeitet hatten,<lb/>von der Regierung mit neuen Adelstiteln belehnt,
neue<lb/>Adelsgeschlechter als Stützen des monarchischen
Systems<lb/>begründeten.<lb/>Aber noch während ich mich in England
meiner<lb/>Freude an dem Lande überließ, meldete mir ein Brief<lb/>des Pater
Cyrillus in Auftrage meines Vaters, den Tod<lb/>meiner Mutter. Den Briefe
war eine Abschrift ihres<lb/>Testamentes beigelegt, in welchem sie mit
Bewilligung<lb/>ihres Gatten, über ihr ganzes beträchtliches
Vermögen,<lb/>soweit der Kapellenbau es nicht in Anspruch nahm,
zu<lb/>Gunsten frommer, unter dem Schutze des Jesuitenordens<lb/>stehender
Stiftungen verfügt hatte. Der Brief erwähnte<lb/>der Gottergebenheit und des
Seelenfriedens, in denen<lb/>die Gräfin gestorben sei, berichtete, daß der
Graf die<lb/>Trauerzeit in seines Neffen tröstlicher Gesellschaft
fern<lb/>von der Stadt auf seinen Gütern zuzubringen denke,<lb/>und daß man
von der Nuhe und der guten Luft die<lb/>Kräftigung seiner ebenfalls
wankenden Gesundheit wohl<lb/>erhoffen dürfe. Aber kein Wort in dem ganzen
Briefe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0407_140.tif" n="0140"/>
<p>1<lb/>deutete es an, daß ein Gedanke der Sterbenden sich<lb/>ihrem letzten
Sohne zugewendet habe, und nicht ein Mal<lb/>in dem ganzen Briefe hatte
Cyrillus meinen Vater oder<lb/>meine Mutter als solche bezeichnet. Er wollte
mich es<lb/>empfinden machen, daß ich, der es verschmäht hatte in<lb/>die
Mutterkirche und in die Bruderschaft des Ordens<lb/>aufgenommen zu werden,
von meiner leiblichen Mutter<lb/>enterbt, von meinen nächsten
Blutsverwandten vergessen<lb/>und verlassen sei. Ung, leugnen kann ich's
nicht, es<lb/>traf mich schwer und tief, mich von meiner Mutter
so<lb/>völlig aufgegeben zu finden, bis ein Brief des treuen<lb/>Freundes,
Monsignore Arrigo's, mich erreichte, und mir<lb/>das Herz erhob.<lb/>Meine
Mutter hatte ihm, wie ich aus ihrem Te-<lb/>stament ersah, das Bildniß zum
Andenken hinterlassen,<lb/>das bald nach meiner Geburt gemalt, sie noch in
ihrer<lb/>vollen Schönheit zeigte, und sie darstellte, wie sie mich<lb/>auf
ihren Armen trug. Einen Tag vor ihrem Tode,<lb/>so schrieb mir Arrigo, hatte
sie ihn zu sich fordern<lb/>lassen, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen.
Indeß<lb/>er war eben nur in ihr Krankenzimmer eingetreten, als<lb/>auch der
Pater angemeldet und vorgelassen wurde. Bei<lb/>der Schwäche der Kranken
hatte Arrigo nicht lange<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0408_141.tif" n="0141"/>
<p>11<lb/>neben ihr verweilen dürfen, aber mitten in seiner Trauer<lb/>um den
nahen Verlust der ihm so werthen Fran, hatte<lb/>er an ihr eine ängstliche
Unruhe bemerkt, die ihn ver-<lb/>muthen machen, daß sie ihm etwas
anzuvertrauen ge-<lb/>wünscht, was auszusprechen die Anwesenheit des
Paters<lb/>sie verhindert. Er hatte sie also ausdrücklich befragt,<lb/>ob
sie ihm vielleicht einen Auftrag zu geben habe, und<lb/>sie hatte das
verneint. Als er sich dann aber zu ihr<lb/>herabgebeugt, ihre Hand noch
einmal zu erfassen, hatte<lb/>sie ein kleines, eng zusammengefalietes
Blättchen in die<lb/>seine gleiten lassen, und ihn danach ruhig und
gefaßt<lb/>scheiden sehen.<lb/>Noch heute trage ich dies Blatt Papier auf
meinem<lb/>Herzen. Es hat mich die Bedeutung der Reliquien
kennen<lb/>lehren; und obschon die Zeit die wenigen mit schwacher<lb/>Hand
geschriebenen Worte fast erlöscht hat, stehen sie<lb/>vor meinen Auge heute
noch ebenso deutlich wie an<lb/>jenem Tage da.<lb/>Wir hießen Dich den
Willkommenen, mein Ben-<lb/>venuto! als Du uns geboren wurdest! lauteten die
Worte.<lb/>Möge in dem Paradiese, in das ich durch des Heilands<lb/>und
seiner gebenedeiten Mutter Fürsprache einzugehen<lb/>sehnlich hoffe, ich
Dich einst als einen unserm Herrn und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0409_142.tif" n="0142"/>
<p>1H<lb/>Heilande Willkonmenen wiedersehen. Die heiligste Gottes-<lb/>Mutter
sei mit Dir, wie das Dich segnende Gebet der<lb/>Mutter, die Dir das Leben
gab. Sie fieht Dich an,<lb/>es würdig und zu Gottes Ehren zu gebrauchen
und<lb/>Deine Seele zu erlösen durch Gebet und Buße. Dem<lb/>Freunde, der
Dir ein zweiter Vater wurde, habe ich mein<lb/>Bildniß hinterlassen, damit
es später Dir verbleibe,<lb/>Dich an Deine Mutter zu erinnern. Und somit
segne<lb/>Dich unser Herr Jesus Christus!<lb/>Die ganze Liebe meiner Mutter
und die tyrannische<lb/>Gewalt, unter welcher der eiserne Wille des Paters
sie<lb/>zu bannen gewußt hatte, sprachen auus diesen Zeilen;<lb/>aber sie
sezten mich, den von seinem müiterlichen Hab<lb/>und Gut Enterbten, in das
volle Erbe ihrer Liebe wieder<lb/>ein, und gaben mir die Beruhiguung und den
tröstenden<lb/>Halt, deren ich bedurfte.<lb/>Unter dem Eindruck und der
Nachwirkung des eben<lb/>erlittenen Verlustes kam ich nach dem
lebenslustigen,<lb/>freudestrahlenden Paris, und wie das Leben in
England<lb/>mich von Anfang an für sich eingenommen und mir<lb/>Theilnahme
und Vorliebe für das Land und für das<lb/>Volk eingeflößt hatte, so wirkte
die helle, vielgestaltete<lb/>und vielfarbige Frdhlichkeit der franzdsischen
Hauptstadt<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0410_143.tif" n="0143"/>
<p>143<lb/>zuerst fast abstoßend, oder doch wenigstenö verstimmend<lb/>und
niederschlagend auf mich ein.<lb/>In England hatte ich in den Besitzern von
ver-<lb/>schiedenen meiner Arbeiien Bekannte vorgefunden, und<lb/>war nach
der gastlichen Landessitie rasch in das mir<lb/>völlig fremde und mich doch
anmuthende Familienleben<lb/>des reichen Bürgerstandes und des
grundbesizenden Adels<lb/>aufgenommen worden. In Paris war ich ein
Fremder,<lb/>und in meiner Traurigkeit nur wenig dazu gemacht,
die<lb/>Empfehlungsbriefe zu benutzen, mit welchen Arrigo's<lb/>Freundschaft
mich versehen hatte.<lb/>Wenn ich in England einsam in den
buschigen<lb/>Wiesen und in den schattigen, wasserreichen Thälern
des<lb/>Landes umhergewandert war, hatte ich mich nicht allein<lb/>gefühlt,
denn in der freien Natur ist ein Jeder, der<lb/>Empfindung für sie hat, in
seiner Heimath. Aber<lb/>wenn auf den Pariser Boulevards die
genuußsuchende<lb/>Menschenmenge mich umwogte, wenn am Abende die<lb/>Ströme
von Licht aus den Tausenden von Magaginen,<lb/>aus den Kaffeehäusern und den
Vorhallen der Theater<lb/>mich umflutheten, so wendeten sich, ohne daß ich's
wollte,<lb/>meine Gedanken von der lauten, hellen Fröhlichkeit
nach<lb/>jenem engen, stillen Platze hin, auf welchem die dunklen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0411_144.tif" n="0144"/>
<p>14<lb/>Steingewölbe meines Vaterhauses sich erhoben. Mit<lb/>einem Schmerz
und einem Heimweh, wie ich sie noch<lb/>nicht gekannt hatte, dachte ich des
Greises, der dort in<lb/>schweigender Verlassenheit, habsüchtiger
Priesterherrschaft<lb/>anheimgefallen, seinen letzten Sohn von sich
gewiesen<lb/>hatte, den Einzigen, der ehrlich und von Herzen mit<lb/>ihm
trauerte um die Gattin und die Söhne, welche er<lb/>verloren hatte.<lb/>Ich
war nach Paris gegangen, um dort jene Studien<lb/>nachzuholen, welche
gewissenhaft zu betreiben, mein<lb/>rasches und erfolgreiches Vorwärtskommen
mich bisher<lb/>gehindert hatte, während ich doch selber fühlte, daß
sie<lb/>mir unentbehrlich waren. Ich wollte einen gründlichen<lb/>Eursus der
Anatomie durchmachen, die Geschichte der<lb/>Kunst studiren, und nachdem ich
in Rom sehr vorzeitig<lb/>als fertiger Meister aufgetreten und gefeiert
worden war,<lb/>wieder in Zurückgezogenheit mir selber und meinen
Ein-<lb/>gebungen folgend, das allein fördersame, ruhig schaffende<lb/>Leben
eines unbekannten Künstlers führen.<lb/>Eine Werkstatt in einem der stillen
Stadttheile war<lb/>bald gefunden. Niemand kannte mich dort,
Niemand<lb/>beachtete mich außer den Künstlern, die gleich mir in<lb/>dieser
Gegend wohnten und mit denen ich zu Mittag<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0412_145.tif" n="0145"/>
<p>14k<lb/>speiste. Es war das erste Mal, daß ich auf solche<lb/>Weise
ausschließlich als Künstler unter Künstlern lebte,<lb/>und ich fand daran
ein ungekanntes Wohlgefallen.<lb/>In Rom hatte ich immer meine
Ausnahmsstellung<lb/>eingenommen. Ich war für die heimischen
Künstler<lb/>stets der Marchese Armero geblieben, und in den
mir<lb/>angestammten Umgangs - Kreisen hatte es mich aus-<lb/>gezeichnet,
daß ich ein Küinstler war. In England<lb/>waren meine Adelstitel und mein
Künstlername mir<lb/>gleichmäßig zu Gute gekommen; in Paris aber,
unter<lb/>der großen Anzahl der dort studirenden fremden
Künstler,<lb/>erregte der Einzelne nicht leicht die Neugier der
Per-<lb/>sonen, mit welchen sein tägliches Leben ihn in
Berührung<lb/>brachte. Ich war ihnen eben ein Jtaliener, ein Bild-<lb/>hauer
und Nichts mehr. Man war mir bereitwillig<lb/>zur Hand, wo ich für meine
ersten Einrichtungen des<lb/>Raths bedurfte, man ließ mich gehen, wo ich ihn
nicht<lb/>forderte. Man war es gern zufrieden, wenn ich mich<lb/>der
leichtlebigen und höflichen Geselligkeit, in der man<lb/>sich ohne allen
Zwang hewegte, auf meine Weise an-<lb/>schloß, aber man -suchte mich nicht
besonders auf, Nie-<lb/>mand fragte mich um das, was ich von mir
nicht<lb/>selber sagte. Wie verschieden sie auch von einander<lb/>F. Lewald,
Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0413_146.tif" n="0146"/>
<p>16<lb/>waren, schienen die Künstler doch Alle nur dem Augen-<lb/>blick zu
leben, und wenn der Ehrgeiz auch in ihnen<lb/>brannte und sie vorwärts
trieb, wenn Manchen heim-<lb/>liche Sorge bedrückte oder der Sturm der
Leidenschaften ihm<lb/>das Herz durchtobte, ward davon nur wenig auf
der<lb/>Oberfüäche sichtbar. Jeder benutzte auf seine Weise die<lb/>in
Frankreich herrschende Freiheit der Sitte und des<lb/>Verkehrs. Man lebte,
man kleidete sich nach eigenem<lb/>Ermessen und nach der emsigen und ernsten
Tagesarbeit,<lb/>wie im Fluge hinschwärmend durch die Genisse, die
sich<lb/>von allen Seiten boten, wußte man sich etwas damit,<lb/>nirgends
gefestet, und wie der Zigeuner überall zu Hause,<lb/>in stack bemessener
Willklr nach allen Richtungen bis<lb/>an die äußerste Grenze des Erlaubten
vorzuschreiten.<lb/>Man nannte sich in der That nach den Zigeunern,<lb/>l
Bohöme, und nicht nur die bildenden Künstler, auch<lb/>die jüngeren unter
den Dichtern, Musikern und Bühnen-<lb/>künstlern hielten sich zu dem
schwungvoll bewegten<lb/>Kreise; und wieder einmal hatte ich es zu
empfinden,<lb/>wie fördersam und fruchtbringend der Verkehr mit
Kunst-<lb/>genossen für den Künstler wird.<lb/>Ich war nach den Erlebnissen,
die hinter mir<lb/>lagen und nach dem schmerzlichen Verluste, den ich
eben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0414_147.tif" n="0147"/>
<p>1?<lb/>erst überstanden hatte, wenig geeignet, mich rasch in die<lb/>mich
umgebende Lebenslust hineinzufinden; ich war im<lb/>Grunde auch weit älter
als meine Jahre, da eine fröh-<lb/>liche Jugend mir nie zu Theil geworden
war. Aus<lb/>der quälerischen Zucht meines Jesuiten war ich in<lb/>den engen
und vertrauten Verkehr mit meinem edeln<lb/>Freunde gezogen worden; und ehe
ich selber noch das<lb/>Leben und die Menschen kannte, hatten seine
genaue<lb/>Kenntniß und seine weltmännische Geringschätzung der-<lb/>selben,
mir viel von jener Ursprünglichkeit und jenem<lb/>beglltckenden Glauben und
Vertrauen zu den Menschen<lb/>und an die Welt geraubt, in denen das große
aber<lb/>freilich vergängliche Gllck der Jugend beruht, das man<lb/>aber
gekannt haben muß, um sich seiner Jugend gern zu<lb/>erinnern.<lb/>Eine
geraume Zeit hindurch blickte ich auf die<lb/>Gesellschaft, in welcher ich
in Frankreich lebte, mit dem<lb/>wohlgefälligen Erstaunen hin, mit welchem
der Zuschauer<lb/>einem ungewohnten, eigenartigen Schauspiel
beiwohnt.<lb/>Indeß der rasche Austausch der Gedanken, die schnellen<lb/>und
oft wie mit einem Schlage den Zweifel über-<lb/>windenden Einfälle,
beschleunigten mein eigenes Denken.<lb/>Die immer wiederholte Gelegenheit,
das Auge an den<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0415_148.tif" n="0148"/>
<p>148<lb/>werdenden Werken der neuen Kunst zu üben, schärfte<lb/>mein Urtheil
und ggh mir neue Maßstäbe; aber während<lb/>ich unter den fröhlichen
Genossen mich allmälig wieder<lb/>jnger und wie neugeboren fühlen lernte,
tauchte trotz-<lb/>dem in all dem bunten Treiben und in der
strahlen-<lb/>den Herrlichkeit des lebendurchflutheten Paris, in
über-<lb/>wältigender Majestät die Erinnerung an meine Vater-<lb/>stadt und
mit derselben die höchste Bewunderung für<lb/>die Erhabenheit der antiken
Kunst wieder in mir empor.<lb/>Und ich war nicht der Einzige, der also
empfand.<lb/>Damals, in jenen Tagen war es, daß ich zuerst<lb/>mit unseren
deutschen Freunden zusammeutraf und mit<lb/>ihnen, die bereits in Rom
gewesen waren, in Neber-<lb/>einstimmung empfand und dachte. In der
Malerei<lb/>hatten die Franzosen alle anderen Nationen überholt<lb/>und die
Maler aller Nationen hatten von ihnen zu<lb/>lernen. In der Saulptur
schienen sie mir dagegen hinter<lb/>demjenigen weit zurückgeblieben, was
einst Jean Goujon<lb/>und Le Puget geleistet, und was nach ihnen noch
Pigalle<lb/>und Houdon für die französische Saulptur hatten er-<lb/>warten
lassen. Canova's weichlicher Styl war, weil er<lb/>sich an die glatte
Oberfläche haltend, am Leichtesten<lb/>nachzuahmen war, auch in Frankreich
zur Herrschaft<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0416_149.tif" n="0149"/>
<p>19<lb/>gelangt, und Diejenigen, welche dem oppositionellen<lb/>Sinne von
David dAngers folgend, zu der Darstellungs-<lb/>weise von Le Puget
zurückkehren zu wollen schienen,<lb/>waren in eine Unruhe und Gewaltsamkeit
verfallen,<lb/>welche dem Wesen der Plastik entschieden
widersprachen<lb/>und den Adel und das Insichberuhen der
antiken<lb/>Sculptur nur um so unwiderleglicher als die einzig<lb/>zu
erstrebenden Vorbilder erscheinen ließen.<lb/>Oft, wenn ich darüber
nachsann, fiel es mir auf,<lb/>wie sonderbar mein Weg mich geführt hatte.
Ich war<lb/>nach Frankreich gegangen, um unter Franzosen zu leben,<lb/>um
die französischen Bildhauer zu studiren, und es<lb/>waren vornehmlich die
dort lebenden deutschen Künstler,<lb/>welchen ich mich zugesellte, weil ich
mit ihnen in der<lb/>Liebe für Italien und für meine Vaterstadt, in der
un-<lb/>bedingten Bewunderung der Antike mich zusammenfand.<lb/>Aber auch in
unserer Sinnesart zeigte sich eine Ver-<lb/>wandtschaft, und sie trafen ohne
es zu wissen das<lb/>Richtige, wenn sie scherzend behaupteten, es müsse
vor<lb/>alten Zeiten, vielleicht von irgend einer
longobardischen<lb/>Aeltermutter her, deutsches Blut in meinen Adern
fließen,<lb/>das mich zum Grübler mache, mich ihnen annähere,<lb/>und mich,
so wie sie verhindere, gleich den Franzosen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0417_150.tif" n="0150"/>
<p>15<lb/>völlig im Genuß des Augenblickes aufzugehen, wenn<lb/>schon derselbe
uns bisweilen auch in seine Wirbel zog<lb/>und mehr als billig, mit sich
fortriß.<lb/>Die Freundschaft, welche ich damals mit Adalbert<lb/>und Helmar
schloß, war für mich ein Glück, und wenn<lb/>sie diese Blätter lesen, werden
sie selber es am besten<lb/>wissen, wie viel ich ihnen danke.<lb/>Abalbert
war um mehrere Jahre älter, Helmar<lb/>war jünger als ich. Beide waren sie
bürgerlicher Her-<lb/>kunft, selbstgemachte Männer, wie der Engländer
das-<lb/>nennt, und Beide Protestanten. Sie brachten Erinne-<lb/>rungen an
ein beschränktes inniges Familienleben, an<lb/>beglückende, weil von der
Familie getheiüte Sorgen und<lb/>Leiden mit. Ich sah bei ihren zufälligen
Erzählungen<lb/>in eine bewußte Gesittung, in eine freiwillige
Selbst-<lb/>beschränkung, in eine Welt voll Liebe, Treue,
Pflicht-<lb/>gefühl hinein, die mir viel fremder war als Alles, was<lb/>mir
in England und in Frankreich auf der Oberfläche<lb/>des Lebens, fremd
begegnet war. Dazu waren sie groß<lb/>gczogen in der Kenntniß und in dem
Verständniß einer<lb/>idealistischen tiefsinnigen Literatur, an der sie mit
solcher<lb/>Vorliebe hingen, daß ihre Vaterlandsliebe aus ihr immer<lb/>neue
Nahrung schöpfte, und daß sie mich endlich dahin<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0418_151.tif" n="0151"/>
<p>15<lb/>brachten, mir einen deutschen Lehrer anzunehmen, um<lb/>ihre Sprache
zu studiren, um die Werke ihrer Denker<lb/>und Dichter kennen, und ihre
melodischen Lieder singen<lb/>zu lernen.<lb/>Was ich dem Studium Winkelmanns
und Lessings,<lb/>was ich der Vertrautheit mit Göthe und Schiller
schul-<lb/>dig geworden bin, das brauche ich Ihnen Allen, denen<lb/>die
Verehrung Ihrer Klassiker ein Cultus ist, und die<lb/>Sie mich ja kennen,
nicht zu sagen. Sie wurden mir<lb/>zu lauter neuen Offenbarungen, und sie
lösten mir auch<lb/>das Geheimniß in der eigenen Brust.<lb/>Ich verzweifelte
nicht mehr an mir selber, wenn<lb/>ich mir im Schaffen nicht genügte, wenn
mein Können<lb/>und mein Wollen sich nicht deckten, wenn ich
hinter<lb/>meinem Ideale weit zurückblieb. -- Sie trieben mich<lb/>an, mich
in mir selber zu versenken, mit größerer Hin-<lb/>gebung an mein Werk zu
gehen, dem Idealen unablässig<lb/>nachzustreben, und in dem ernsten,
geduldigen Vorwärts-<lb/>gehen auf dem erkannten Wege, Befriedigung zu
finden.<lb/>Sie machten mich sehnsüchtig nach dem
unschuldsvollen<lb/>Liebesglück, das sie in ihren Liedern priesen, nach
der<lb/>verständnißvoll getheilten Liebe, nach der Treue sonder<lb/>Wank.
Sie gaben mir die Jugend des Herzens zurück!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0419_152.tif" n="0152"/>
<p>Und wie der Wüstenwanderer sein Auge sehnsüchtig auf<lb/>die Spiegelbilder
der kata morgsme richtet, so dachte<lb/>ich oftmals, wenn ich die deutschen
Dichter las, an ein<lb/>Liebes- und Eheglück, das ich in meiner Heimath
und<lb/>innerhalb der Lebensbereiche, in denen ich geboren<lb/>worden war,
zu finden keine Aussicht hatte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0420_153.tif" n="0153"/>
<p>Iehntes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0421_154.tif" n="0154"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0422_155.tif" n="0155"/>
<p>Pe volle Jahre blieb ich in Paris. Was ich<lb/>in jener Zeit geschaffen, das
haben Sie, wenigstens in<lb/>den Abgüssen und Hilfsmodellen gesehen, als Sie
mich<lb/>in Rom zuerst in meinem Atelier besuchten, und ich<lb/>glaube, daß
der lange Aufenthalt in Paris und jene<lb/>ernste Arbeitszeit nicht ohne
Nutzen für mich gewesen sind.<lb/>Ueber meine Erlebnisse in jenen Jahren
gehe ich<lb/>hinweg. Ich habe kein Bedenken getragen, Ihnen und<lb/>den
Freunden von den Leidenschaften und Irrthümern<lb/>meiner frühen Jugend mit
aller Offenheit zu sprechen,<lb/>weil sie meine künstlerische Laufbahn
wesentlich beein-<lb/>flußten. Was darauf folgte, war wenig
unterschieden<lb/>von den Herzensangelegenheiten und Abenteuern, deren
die<lb/>Mehrzahl der Männer sich je nach dem, mit Vergnügen<lb/>oder mit
Reue zu erinnern hat.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0423_156.tif" n="0156"/>
<p>17<lb/>Keine der Frauen, die ich in Frankreich kennen<lb/>lernte, hatte mich
dauernd festgehalten, mich voll und<lb/>ganz beschäftigt. Ich galt ihnen für
wankelmüthig und<lb/>für treulos, während ich mich anklagte, immer noch
von<lb/>dem Reiz der äußeren Schönheit geblendet, hinter ihr<lb/>auch die
entsprechende geistige Schönheit zu suchen und<lb/>zu erwarten, die ihr oft
genug gebricht; und während<lb/>meine Freunde mir den Antheil neideten, den
die Frauen<lb/>an mir nahmen, weil meine rasche Empfänglichkeit
ihnen<lb/>schmeichelte und wohlgefiel, fing ich an, geringer von<lb/>ihrem
Werth zu denken, ohne sie deshalb weniger zu<lb/>suchen und zu umwerben. Die
Frauen' und ich spielten<lb/>mit einander oft ein frohes Spiel, aber ich
ward all-<lb/>mälig des Spielens wie des Spielzeuges müde und es<lb/>freute
mich nicht mehr.<lb/>So nahte sich das vierte Jahr meines Aufenthalts<lb/>in
Frankreich seinem Ende. Mit Monsignore Arrigo<lb/>war ich in
ununterbrochenem Verkehr geblieben, mein<lb/>Vater aber hatte alle meine
Versuche, mich ihm wieder<lb/>anzunähern, vollständig unbeachtet
gelassen.<lb/>Seine Sinnesart hatte sich noch mehr verdüstert,<lb/>seit der
freundliche Einflüß meiner Mutter ihm nicht<lb/>mehr zur Seite stand. Die
Gesellschaft seines in der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0424_157.tif" n="0157"/>
<p>1<lb/>Schule der Jesuiten zu gänzlicher Willenlosigkeit herab-<lb/>gedrückten
Neffen war ihm bald zur Last geworden. Er<lb/>hatte ihn deshalb in seine
Familie zurückgeschickt und<lb/>von der Adoption, deren gesetzliche
Schwierigkeiten mein<lb/>Vater ebensogut als Pater Cyrillus gekannt, war
zu-<lb/>nächst die Rede nicht gewesen. Niemand aber hatie<lb/>weniger
Ursache gehabt, sie zu betreiben, als eben der<lb/>Pater, der sie nach
Arrigo's und nach meiner Ueber-<lb/>Zeugung auch nur vorgeschlagen hatte,
weil er in dem<lb/>Augenblickedes Zerwürfnisses mit mir, den Gedanken
meines<lb/>Vaters eine Ableitung zu geben gewünscht, während er<lb/>mit
Sicherheit vorausgesehen hatte, daß mein Vater<lb/>eben an diesem Neffen
kein Gefallen finden, und auch<lb/>der Marchese ihn nicht zum Gatten für
seine Tochter<lb/>wählen würde, wie er dieselbe denn auch anderweit
ver-<lb/>heirathet hatte.<lb/>Der Pater war inzwischen in seinem Orden
zu<lb/>immer höherer Bedeutung emporgestiegen. Er galt für<lb/>einen
Vertrauten des Generals, hatte überall einen<lb/>wesentlichen Einsluß, und
in der Gesellschaft nahm man<lb/>es als festbehend an, daß das rasche
Emporkommen<lb/>von Donna Carolina's Neffen, ihrer vertrauten
Freund-<lb/>schaft mit dem Pater zuzuschreiben sei. In meines<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0425_158.tif" n="0158"/>
<p>158<lb/>Vaters Hause war er fast der alleinige Gast. Er<lb/>war auch fast
immer der Begleiter des Grafen, wen<lb/>derselbe an jedem Tage um die
gleiche Stunde nach der<lb/>Kirche fuhr, das Fortschreiten des Kapellen
-Baues zu<lb/>beaugenscheinigen.<lb/>In der Mitte des Sommers stellte man
die letzten<lb/>Verzierungen an der Kapelle her. Ihre Vollendung
und<lb/>Ausschmückung waren fr den Grafen der Gegenstand<lb/>jeines
lebhaftesten Interesses geworden. Er hatte selbst<lb/>Alles auf da Genaueste
überwacht und ausgewählt:<lb/>die Bilder, welche sie zieren sollten, wie die
Art der<lb/>Silbergeräthschaften für den Altar, sögar die
Stickereien<lb/>der Altardecke und des Teppichs; und es war von
ihm<lb/>beschlossen worden, am Tage des heiligen Ignatius von<lb/>Loyola,
der auch sein Namenstag und zugleich der Tag<lb/>war, an welchem er sein
achtzigstes Jahr vollendete, die<lb/>Kapelle weihen, und die Leichen seiner
Gattin, seiner<lb/>Söhne und seines Enkels in dieselbe überführen
zu<lb/>lassen.<lb/>Alles war seit Wochen und Monaten für diese<lb/>Geremonie
vorbereitet worden. Der Graf zeigte sich<lb/>geneigt, bei diesem Anlaß noch
einmal den Glanz und<lb/>den Reichthum seines Hauses zu entfalten, und
bei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0426_159.tif" n="0159"/>
<p>159<lb/>einer feierlichen Frühstücksmahlzeit die Gllcwünsche der-<lb/>jenigen
Personen entgegenzunehmen, welche er zu der<lb/>Einweihungsceremonie
einzuladen dachte.<lb/>. Arm an wechselnden Vergnügungen, aber
desto<lb/>reicher an einer müßigen Gesellschaft aus allen Ländern<lb/>der
Welt, wie Rom es stets zu sein pflegte, war das<lb/>Begehren, von dem Grafen
zu diesen Feierlichkeiten ein-<lb/>geladen zu werden, unter den
Einheimischen wie unter<lb/>den Fremden ein sehr großes. - Donna
Carolina,<lb/>welche in dem Hause meines Vaters an dem Tage die<lb/>Gäste
empfangen und begrüßen sollte, zeigte sich hoch-<lb/>erfreut über die ihr
zugedachte Ehre und über die<lb/>Mdglichkeit, Gunst zu gewähren, wo es ihr
beliebte,<lb/>und Zurückweisung zu üben, wo sie es für gut fand,<lb/>ihren
Abneigungen einen schweigenden Ausdruck zu<lb/>geben.<lb/>Sie war in
beständigem Briefwechsel mit' den<lb/>Fremden und mit der befreundeten
heimischen Aristokratie,<lb/>welche Alle zu dem Tage eigens von ihren
Villeggiaturen<lb/>nach Rom zu kommen dachten. Sie fand sich, was<lb/>sonst
nicht der Fall gewesen war, fast an jedem Tage<lb/>in dem Palast meines
Vaters ein. Aber sie sowohl, als<lb/>der Pater bekundeten gegen die
Außenstehenden eine so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0427_160.tif" n="0160"/>
<p>1<lb/>agstliche Sorgfalt um das Befinden desselben, sprachen<lb/>mit solchen
Bedenken davon, ob der Graf auch im<lb/>Stande sein würde, die Ermüdung zu
ertragen, welche<lb/>der Einweihungstag ihm auferlegen mußte, und
welche<lb/>Folgen sie für ihn haben könnte, daß man sich unwill-<lb/>kürlich
zu der Frage hingedrängt fand, weshalb zwei so<lb/>besorgte Freunde den
Greis nicht von einem Vorhaben<lb/>abzubringen trachteten, das durchzuführen
über seine<lb/>Kräfte gehen konnte.<lb/>Aber nicht nur in der vornehmen Welt
beschäftigte<lb/>mgn sich mit der Grabkapelle der Armero, auch das<lb/>Volk
war darauf gestellt, die Procession, zu sehen, mit<lb/>welcher der weihende
Bischof, oder gar am Ende der<lb/>Papst in Person, sich zu dem feierlichen
Acte hinbegeben<lb/>würde. Dazwischen tauchte in der Stadt immer
leb-<lb/>hafter das Gerücht auf, Graf Armero habe seinen
ganzen<lb/>bedeutenden Besiz dem Orden der Jesuiten verschrieben,<lb/>und
werde an dem Tage nach der Einweihung in den<lb/>Orden eintreten, um die ihm
noch gegönnten Lebenstage.<lb/>in einem ihrer Klöster beschaulich zu
verleben.<lb/>Meiner gedachte man dabei wohl hier und da mit<lb/>F Bedauern,
indeß die vorsichtigen Mahnuungen an mich;<lb/>sIgggsche von Seiten seiner
Standesgenossen gelegentlich an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0428_161.tif" n="0161"/>
<p>18l<lb/>meinen Vater herangekommen waren, hatte sein Stolz<lb/>als eine
Anmaßung kalt zurückgewiesen; und wie meine<lb/>rdmischen Kunstgenossen und
jene Leute, die ich beschäftigt,<lb/>oder die sonst mit mir zu thun gehabt
hatten, es be-<lb/>klagten, daß die Habgier der Pfaffen ernten wüäde,
was<lb/>man dem letzten Sprossen eines edeln Geschlechts ent-<lb/>ziehe, das
kam nicht zu meines Vaters Ohren. Ich<lb/>selber war schließlich froh, wenn
Arrigo meiner voraus-<lb/>sichtüchen Enterbung gar nicht weiter gegen mich
er-<lb/>wähnte, da dieselbe zu Gunsten der Kirche viel leichter<lb/>als zum
Besten eines Blutsverwandten auszuführen war,<lb/>und die unter den
obwaltenden Umständen zu hindern<lb/>mir die Mdglichkeit gebrach.<lb/>Ich
hatte mich in den Jahren, welche ich in<lb/>Frankreich zugebracht, ganz und
gar daran gewöhnt,<lb/>ein Künstlerleben zu führen, ein Künstler zu ssin
und<lb/>nichts Anderes vorzustellen. Ich hatte daneben einen<lb/>reichlichen
Erwerb, und wäre es nicht der Schmerz ge-<lb/>wesen, dem kein Mensch
entgeht, wenn sich die Liebe<lb/>seines Vaters ihm entzieht, so hätte ich
mich ebenso<lb/>freien und frohen Muthes gefühlt, wie in den Tagen,<lb/>in
welchen meine Brüder und mein Neffe noch zwischen<lb/>mir und dem
Familienerbe gestanden hatten. Indeß<lb/>F. Lewald, Benwenuto. N.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0429_162.tif" n="0162"/>
<p>1<lb/>Arrigos Freundschaft für mich und sein tiefer Wider-<lb/>wille gegen
jene Art von Priesterherrschaft, von welcher<lb/>Pater Cyrillus in unserer
Familie das Beispiel gab,<lb/>ließen ihn nicht einen müßigen Zuschauer bei
dem<lb/>Ereigniß bleiben, das sich in meinem Vaterhause
vor-<lb/>bereitete.<lb/>Je näher der Tag der Kapellen-Weihung
heran-<lb/>rückte, um so häufiger hörte er von dem schlechten Be-<lb/>finden
meines Vaters, von den bedenklichen Zufällen<lb/>sprechen, denen derselbe
unterworfen sei. Daneben wollte<lb/>man selbst in geistlichen Kreisen mit
völliger Bestimmt-<lb/>heit wissen, daß er die Schenkungen an den Orden
be-<lb/>reits vollzogen habe, und daß er zu diesem Entschlusse<lb/>gekommen
sei, weil sich ihm Vermuthungen, die er von jeher<lb/>über meine Geburt
gehegt hätte, zu der Zeit, in welcher<lb/>seine Gattin gestorben war, zur
Gewißheit erhoben hätten.<lb/>Mit derselben Geschicklichkeit,mitwelcher die
Urheberdes Ge-<lb/>rüchtes sich verbargen, braehte man Arrigo's
großmüthige<lb/>Freundschaft für mich, das Verlangen meiner Mutter,
ihn<lb/>noch einmal vor ihrem Tode wiederzusehen und das<lb/>Vermächtniß des
Bildes, welches sie und mich zusammen<lb/>darstellte, mit einander in
Verbindung. Man ging<lb/>endlich so weit, zu behaupten, daß die für mich
seiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0430_163.tif" n="0163"/>
<p>16s<lb/>Zeit beabsichtigt gewesene Heirath mit der Tochter des<lb/>Marquis,
sich aus dem gleichen Grunde zerschlagen<lb/>hätte, und daß der Beginn von
meineä Vaters finsterer<lb/>und der Welt abgewendeter Stimmung, auf den
Zeit-<lb/>punkt zurüczuführen sei, in welchem er die unwider-<lb/>leglichen
Beweise von dem Verrath Arrigo's und von<lb/>der Untreue seiner Gattin
erhalten habe.<lb/>Arrigo besaß die Geringschätzung gegen das
Urtheil<lb/>der Meuschen, welche mnan gewinnt, wenn man erfahren<lb/>hat,
durch welche elende Mittel es zu bestimmen, zu<lb/>verwirren und zu
beherrschen ist, und wie bequem die<lb/>Schlechten es finden, an das
Niedrige und Schlechte,<lb/>besonderä in den Fällen zu glauben, in welchen
es<lb/>einem Menschen angedichtet wird, den sie bis dahin über<lb/>sich zu
stellen und widerwillig zu verehren hatten. Er<lb/>war mit großer
Unbekümmerniß durch sein Leben ge-<lb/>gangen, aber die Gerüchte, welche man
jetzt plötzlich in<lb/>der Gesellschaft gegen die Ehre meiner Mutter in
Um-<lb/>lauf setzte, und die zugleich auch seine Ehre und
meine<lb/>rechtmäßige Geburt verdächtigten, mußßten nothwendig<lb/>seinen
Zorn und seine Empörung erregen. Neber die<lb/>Quelle, auf welche er den
Ursprung jener Verleumdungen<lb/>zurückhuführen hatte, konnte sein
Scharfsinn natürlich<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0431_164.tif" n="0164"/>
<p>16<lb/>nicht im Zweifel sein. Und weil er sie kannte, ver-<lb/>schmähte er
es, sich an die Urheber der auf die öffent-<lb/>liche Meinung wohl
berechneten Verleumdung zu wenden,<lb/>sondern fuhr geraden Wegs zu meinem
Vater, obschon<lb/>seine letzten Besuche bei demselben von dem
Thürsteher<lb/>mit dem Bemerken abgewiesen worden waren, daß<lb/>Krankheit
den Grafen hindere, Jemanden, wer es auch<lb/>sei, zu empfangen und zu
sprechen.<lb/>Auch an dem Morgen versuchte man es, die er-<lb/>haltenen
Befehle vorschützend, Arrigo abzuweisen, indeß<lb/>derselbe bestand darauf,
zu dem Grafen geführt zu<lb/>werden, und erlangte denn auch seinen
Einlaß.<lb/>Der Graf empfing ihn kalt und fremd. Er war<lb/>jedoch so wohl
bei Kräften, als man es bei einem so<lb/>hohen Alter nur irgend fordern
konnte, und ungebrochenen<lb/>Geistes, wenn auch schroff und
finster.<lb/>Was an dem Tage in der langen Unterredung<lb/>zwischen den
beiden Greisen vorgegangen und verhandelt<lb/>worden ist, das ist geheim
geblieben zwischen ihnen.<lb/>Ich aber befand mich am Morgen des
fünfundzwanzigsten<lb/>Julius in meiner Werkstatt ruhig bei der Arbeit,
als<lb/>ein Brief mir ausgehändigt wurde, der durch eine<lb/>Estafette nach
Paris gesendet worden war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0432_165.tif" n="0165"/>
<p>185<lb/>Er enthielt Nichts als die von Arrigo's Hand<lb/>geschriebenen Worte:
Angesichts dieses Blattes mache<lb/>Dich auf und kehre ohne eine Stunde zu
verlieren, heim.<lb/>Sichere Deine Ankunft auf jede Weise und steige
wie<lb/>immer bei mir ab. Dein Vater befindet sich gut.<lb/>Dem Briefe mehr
als dieses zu vertrauen, hatte<lb/>Arrigo bei seiner Kenntniß der römischen
Postverwaltung<lb/>nicht gewagt, und daß ich kommen würde, wenn er<lb/>mich
kommen hieß, dessen hatte er sich versichert halten<lb/>dürfen. Dazu konnte
ich berechnen, daß ich, wenn ich<lb/>der erhaltenen Weisung folgte, eben
noch am Vorabende<lb/>der Kapellen-Weihung meine Vaterstadt erreichen
würde;<lb/>und um dem Nathe meines Freundes zu entsprechen,<lb/>der mir
angedeutet, daß ich meine Ankunft geheim zu<lb/>halten habe, vermochte ich
Adalbert, die Neise mit mir<lb/>zu machen, sich von der preußischen
Gesandtschaft, in welcher<lb/>er bekannt war, für sich und einen Diener
einen Paß<lb/>geben zu lassen, und mich als solchen über die Grenze<lb/>und
in Monsignore Arrigo's Haus zu schaffen.<lb/>Noch an dem nämlichen Abende,
an welchem die<lb/>Estafette mich erreicht hatte, fuhr ich aus den
Mauern<lb/>von Paris dem Süden und der lang entbehrten Heimath<lb/>Zu; und
am Vorabend des Festes trat ich, da die Sonne<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0433_166.tif" n="0166"/>
<p>15<lb/>schon zur Rüste gegangen war, in das Zimmer meines<lb/>Freundes
ein.<lb/>Sein Haar war völlig weiß geworden in den<lb/>Jahren, aber sein
Greisenantliz war noch immer schön.<lb/>Seine großen Augen leuchteten noch
in dem alten Feuer,<lb/>und mir mit froher Neberraschung die Hände
entgegen<lb/>reichend, rief er: Willkommen, Du Willkommener, und<lb/>nicht
allein für mich, und nicht allein in diesem meinem<lb/>Hause! Es geschehen
noch Wunder in der Welt, wenn<lb/>man ihnen nur die Wege bahnt, sich
kundzugeben! -<lb/>Damit trat er rasch an seinen Schreibtisch, warf
ein<lb/>paar Worte auf ein Blatt Papier, das er seinem<lb/>Diener zur
sofortigen Besorgung an den Grafen von<lb/>Armero übergab.<lb/>Ich verstand
nicht, was ich sah und hörte, ich<lb/>mußte wirklich an ein geschehenes
Wunder glauben und<lb/>ich sprach das aus. Aber Arrigo ließ sich auf
keine<lb/>Auseinandersetzung ein, und schön in seiner Herzensfreude<lb/>rief
er: Spiele nicht den Thomas, den Ungläubigen!<lb/>dann, auf das Bildniß
meiner Mutter hindeutend,<lb/>das die Hauptwand seines Zimmers schmückte,
setzte er<lb/>hinzu, indem er mich vor dasselbe hinführte, das ist<lb/>die
Heilige, die mir das Wunder hat vollführen helfeü.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0434_167.tif" n="0167"/>
<p>1?<lb/>Deine Mutter ist's und Deines Vaters Liebe und Ver-<lb/>ehrung für ihr
heiliges Gedächtniß, die uns zum Siege<lb/>füühren, und die endlich
wenigstens in Eurem Hause<lb/>das stolze in hoe signo der Allmächtigen zu
Schanden<lb/>machen werden.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0435_168.tif" n="0168"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0436_169.tif" n="0169"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0437_170.tif" n="0170"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0438_171.tif" n="0171"/>
<p>Pee fßen ln ebhaftem Gespräche bei der Mah -<lb/>zeit noch beisammen, als der
von Arrigo abgesendete<lb/>Diener die Antwort meines Vaters .
überbrachte.<lb/>Sagen Sie meinem Sohne, hatte er geschrieben,<lb/>daß ich
morgen kommen werde, ihn zu der Feierlichkeit<lb/>mit mir zu nehmen; und
ersuchen Sie ihn bis dahin<lb/>wie wir es verabredet haben, Ihr Haus nicht
zu ver-<lb/>lassen.<lb/>Die Neberraschungen wurden für mich
immer<lb/>größer, die Näthsel häuften sich. Daß mein Vater<lb/>mich nicht zu
sich beschied, daß er mich in Arrigo's<lb/>Haus aufsuchen wollte, war mir
unbegreiflich; und wie<lb/>Arrigo sich auch darin behagte, mich unter
lauter<lb/>Wundern umhergehen zu sehen, mußte er sich endlich<lb/>doch dazu
bequemen, mir sie zu deuten, damit ich mich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0439_172.tif" n="0172"/>
<p>u<lb/>in den Wandlungen zurechtfinden lernte, von denen ich<lb/>mich hier
umgeben sah und die, wenn man das Ge-<lb/>schehene und den Character meines
Vaters in Erwägung<lb/>zog, doch sehr erklärlich wurden.<lb/>Stolz auf den
Namen, den er trug, und gehoben<lb/>von dem Bewußtsein der eigenen
Ehrenhaftigkeit, hatte<lb/>er von je kein anderes Ziel gekannt, als die
Erhaltung<lb/>seines Stammes und die Erhöhung des Ansehens und<lb/>des
Reichthums seiner Nachkommen. Diesem Verlangen<lb/>hatte jede weichere
Empfindung in ihm nachgestanden,<lb/>diesem Ziele hatte er ohne Rücksicht
auf das Wünschen<lb/>oder Wollen der Seinen zugestrebt. Nicht
abzugehen<lb/>von seinen Vorsätzen hatte er sich gern berühmt, und<lb/>er
hatte es nicht verschmerzen, es mir und auch Arrigo<lb/>und meiner Mutter
nie vergessen können, daß er sich<lb/>um meinetwillen von seinen Planen, von
seinen An-<lb/>sichten über dasjenige hatte abwendig machen lassen,<lb/>was
einem Mitgliede seines Hauses zustehe und was<lb/>aicht. Zum: ersten Male
hatte er sich nach seiner<lb/>Meinung einer Schwäche, eines Fehlers
anzuklagen ge-<lb/>habt, weil er meiner Neigung nachgegeben hatte. AlS
dann<lb/>nach dem Tode seiner älteren Söhne und seines Enkels<lb/>Niemand
von seinem Geschlechte ihm mehr geblieben war<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0440_173.tif" n="0173"/>
<p>als eben ich, dem er die Möglichkeit gegeben, abzufallen<lb/>von den
Traditionen der Armero's und den Namen<lb/>derselben, wie mein Vater es
bezeichnete, durch Lohn-<lb/>arbeit zu schänden, da hatte jene
Unzufriedenheit, die er<lb/>gegen sich selbst gefühlt, sich in eine bittere
Reue um-<lb/>gewandelt, die Pater Cyrillus vorsichtig und doch
mit<lb/>sicherer Hand zu nutzen verstanden hatte.<lb/>Zwischen meinem Vater
und meiner Mutter an-<lb/>scheinend zu meinen Gunsten vermittelnd, hatte er
ein<lb/>Doppelspiel gewagt, das meiner Mutter arglose Fröm-<lb/>migkeit und
meines Vaters Bedürfniß, seinen Willen in<lb/>seinem Hause aufrecht zu
erhalten, ihm erleichtert hatten.<lb/>Und nach meiner armen Mutter Tode von
Erfolg zu<lb/>Erfolg fortschreitend, hatte Cyrillus in der
össentlichen<lb/>Meinung endlich Alles darauf vorbereitet, meine
völlige<lb/>Enterbung dereinst nicht auffallend, ja als eine
berech-<lb/>tigte erscheinen zu lassen, während die
Zurückgezogenheit,<lb/>in welcher mein Vater lebte, die Gerüchte von
seiner<lb/>Bekehrung zu strenger Kirchlichkeit, und den Glauben an<lb/>seine
körperliche Schwäche derartig genährt hatten, daß<lb/>man seinem allmäligen
Absterben entgegensah, und<lb/>Niemand es vermuthen konnte, wie in dem
Greise die<lb/>einst so mächtige Kraft noch keineswegs erloschen
war,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0441_174.tif" n="0174"/>
<p><lb/>und wie in ihm der Lebensfunke nur angefacht zu werden<lb/>brauchte, um
noch zu heller Flamme auflodern zu<lb/>kdnnen.<lb/>Die ganzen langen Jahre
hatte er dagesessen in<lb/>der Verdüsterung seines Sinnes, dem Himmel
grollend,<lb/>der ihm sein Gliick und seine Hoffnungen zerstört.
Jede<lb/>Stunde des Tages und der Nacht hatte ihm die Vor-<lb/>stellung
vergällt, das stolze Erbe seines Hauses mittel-<lb/>losen Seitewverwandten
hinterlassen zu sollen, die er<lb/>gering achtete, oder es in die Hände der
Kirche über-<lb/>gehen zu sehen. Er haßte deshalb jene
Anverwandten.<lb/>Auch den Orden Jesu, den er einst hochgehalten
hatte,<lb/>fing er an zu hassen, und nicht minder den Priester,<lb/>der als
des Ordens beflissenster Diener, sich neben ihm<lb/>eingenistet und eine
Gewalt über ihn gewonnen hatte,<lb/>die er mit Grimm empfand und der er sich
zu entziehen<lb/>doch nicht mehr vermochte. Er haßte endlich auch
mich,<lb/>der sich ihm nicht gefügt, und zulezt sich selber, weil<lb/>er
mich früh aus seiner Hand und der Führung eines<lb/>Anderen übergeben
hatte.<lb/>In bitterem Lebensüberdruß hatte er sich hinsterben<lb/>Lassen,
bis Arrigo's Ankuf ihn plözlich aufgeschreckt und<lb/>ihn gezwungen hatte,
noch einmal einzutreten für seines<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0442_175.tif" n="0175"/>
<p>B<lb/>Hauses Ehre, für den guten Namen seiner verstorbenen<lb/>Gattin, der
Mutter seiner Kinder; und einmal auf diesen<lb/>Weg gelangt, hatte das tief
gekränkte Herz des Greises<lb/>mit wahrer Wollust sich der Aussicht
hingegeben, die<lb/>Fäden, mit welchen man in Arglist ihn umsponnen
hatte,<lb/>gewaltsam zu zerreißen.<lb/>Mit derselben Behuthsamkeit und
Umsicht, mit<lb/>welcher Pater Cyrillus ihn zu umgarnen
verstanden,<lb/>hatte mein Vater getrachtet, keinen Argwohn gegen
sich<lb/>in dem Pater Cyrillus aufkommen zu lassen, um die<lb/>Machinationen
desselben in der rechten Stunde plözlich<lb/>und unerwartet vernichten zu
können. Dem schleichenden<lb/>Schritt der Pfaffen wollte er mit dem festen
Tritt des<lb/>Edelmannes begegnen, der sich noch Manns genng
emt-<lb/>pfindet, Herr zu bleiben in dem eigenen Hause und es<lb/>forterben
zu lassen in dem eigenen Geschlecht.<lb/>Mir zu verzeihen und mir
nachzugeben, hätte mein<lb/>Vater aus freiem Antriebe sich wahrscheinlich
nie ent-<lb/>schlossen. Aber daß die Umstände, daß freude
Ver-<lb/>messenheit ihn zwangen, mir seine Hand zu reichen unt<lb/>seiner
eigenen, wie um meiner Mutter und meiner Ehre<lb/>willen, das hatte er, ohne
daß er's ausgesprochen, offenbar<lb/>als eine Befreiung für sich selbst
empfunden. Mit neu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0443_176.tif" n="0176"/>
<p>1s<lb/>belebtem Sinne hatte er mit Arrigo Edächtig Alles<lb/>vorbereitet,
seinen Racheplan in einer Weise auszuführen,<lb/>welche ihn vor der
Gesellschaft, der er angehörte, noch ein-<lb/>mal in seiner vollen
Selbstherrlichkeit erscheinen ließ,<lb/>während er die zuversichtlichen
Hoffnungen seiner heuch-<lb/>lerischen Freunde vor aller Welt Augen mit
fester<lb/>Hand zu Boden schmetterte.<lb/>Ich brachte die Nacht fast
schlaflos zu, und doch<lb/>war mir'S beständig wie in Träumen. Mein
ganzes<lb/>Leben zog so deutlich an meinem Geiste vorüber, daß<lb/>ich es
eben erst zu erleben meinte, und mir Alles wie<lb/>ein großes Ganze, wie
eine überwältigende Hegenwart<lb/>erschien. Ich entsann mich jeder
Einzelheit mit unge-<lb/>wohnter Klarheit, und es kam mir doch Alles fast
un-<lb/>glaublich vor: mein langes Künstlerleben in Paris, wie<lb/>meine
Heimkehr. Ich war an den Gedanken meiner<lb/>Enterbung so gleichmüthig
gewöhnt gewesen, daß die<lb/>mir nun plötzlich wieder eröffnete Aussicht
dereinst in<lb/>den Besiz des Majorats einzutreten, etwas
Befremdliches<lb/>für mich besaß; und während mir die Ceremonie
vor<lb/>Augen schwebte, durch die wir an dem folgenden Tage<lb/>zn gehen,
und in welcher ich unfreiwillig eine Haupt-<lb/>rolle zu spielen hatte,
dachte ich an mein Pariser<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0444_177.tif" n="0177"/>
<p><lb/>Atelier, an die Arbeiten, die ich dort begonnen, und an<lb/>die
Nothwendigkeit, dorihin zurüchukehren.<lb/>Ich wunderte mich, wenn ich um
mich schauend,<lb/>mich in Arrigo's Hause fand. Der Reihe nach
zogen<lb/>sie' an nir vorüber, die Mitglieder der römischen
Adels-<lb/>gesellschaft, in deren Mitte ich morgen als der will-<lb/>kommen
geheißene verlorene Sohn erscheinen sollte. Ich<lb/>konnte die Sympathien
berechnen, auf die ich hoffen<lb/>durfte, wie die Antipathien, welche ich
bei allen Den-<lb/>jenigen zu erregen sicher war, die durch irgend
ein<lb/>Interesse mit dem Orden zusammenhingen, dessen Nänke<lb/>ich
durchkreuzte. Als athme ich sie mit der Lunge ein,<lb/>so lastend fühlte ich
den geheimen Bann, die nie rastende<lb/>leberwachung, die engherzige,
mißtrauische Herrschaft,<lb/>unter deren vielgestalteter finsterer Tyrannei
man im<lb/>Kirchenstaate seufzte, und wie zur Rettung wendete mein<lb/>Auge
sich nach der Seinestadt zurück; bis die beglückende<lb/>Empfindung, wieder
in Rom, in meiner Heimath, in<lb/>der Stadt der Städte, der Versöhnung mit
meinem<lb/>greisen Vater sicher zu sein, mir wie Sonnenschein die<lb/>Nacht
erhellte und ihren Stunden Flügel lieh.<lb/>Und ein goldenes Sonnenlicht
ergoß sich an dem<lb/>Morgen auch über die Höhen der Stadt und durch-<lb/>F.
Lewalö Benvenuto. 1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0445_178.tif" n="0178"/>
<p>1<lb/>fluthete ihre Straßen und ihre Plätze und glitzerte in<lb/>buntem
Farbenschimmer in dem Wasserstrahle, den der<lb/>alte moosbewachsene Triton
in Monsignore Arrigo's Hof<lb/>lustig in die Höhe blies, als meines Vaters
schwerer<lb/>Galawagen über die Quadern rollte, und zu dem Auf-<lb/>gang vor
der Wohnung anhielt.<lb/>Der Graf hatte gewünscht, daß ich ihm nicht
ent-<lb/>gegenkommen, sondern in Arrigo's Zimmern ihn erwarten<lb/>möchte,
weil er die Dienerschaft nicht zu Zeugen unseres<lb/>Wiedersehens machen
wollte. Ich sah es also, wie die<lb/>alten Diener ihm aus dem Wagen halfen,
sah, wie die<lb/>Jahre ihn gebeugt hatten, wie er sich auf den
Krück-<lb/>stock stützte, Er, der es immer unmöglich genannt,
sich<lb/>solcher Hilfe zu bedienen; und von Rührung, von Mit-<lb/>leid, von
altgewohnter Liebe überwältigt, warf ich mich<lb/>in seine Arme, als die
Diener die Thüren vor ihm<lb/>aufgethan hatten und endlich, nach Jahren der
Trennung,<lb/>meines Vaters Augen wieder auf mir ruhten.<lb/>Gemach! gemach!
Marchese! sagte er, das Alter<lb/>will sanfter angefaßt sein! aber es
scheint mir, daß Du<lb/>wie wir Armero Alle, gut bei Kräften bist, und
das<lb/>freut mich! Sei willkommen hier in Rom!<lb/>Seine Stimme drang mir
freudig in das Herz,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0446_179.tif" n="0179"/>
<p>1D<lb/>sie hatte noch den alten starken Klang. Da ich mich
aber<lb/>niederbeugte, seine mager und knochig gewordene Hand<lb/>zu küssen,
wie in den Tagen, die nicht mehr waren,<lb/>fühlte er, daß meine Augen
überflossen, während er mir<lb/>seine Linke auf das Haupt legte.<lb/>Laß
das, Marchese! laß das, mein Sohn! rief er,<lb/>mich nun auch umarmend; und
sich zu Arrigo wendend,<lb/>in dessen edeln Zügen sich unsere Nührung
widerspiegelte,<lb/>setzte er hinzu: Das Herz seiner Mutter! Er hat
seiner<lb/>Mutter Herz! Er ist gefühlvoll! Sie haben Recht,<lb/>Arrigo, man
muß Geduld haben und Nachsicht mit<lb/>ihm üben!<lb/>Er war während dessen
vorwärts gegangen, und<lb/>als er Arrigo seine Hand hinreichte, war ihm der
Stock<lb/>entglitten. Ich bückte mich, ihn aufzuheben, er schob<lb/>ihn mit
dem Fuße weiter fort.<lb/>Bemüh' Dich nicht, sagte er, das ist jezt ein
über-<lb/>flüssiges Ding! Du wirst ja künftig da sein, mir Deinen<lb/>Arm zu
leihen, wenn ich ihn brauche! Aber ich fühle<lb/>mich heute gut! sehr gut!
Ich denke, es soll noch lange<lb/>währen, ehe Du mich für immer nach der
Kapelle bringft,<lb/>die selber für uns zu erbauen, Du verschmäht
hast!<lb/>;g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0447_180.tif" n="0180"/>
<p>18<lb/>Er hatte sich bis dahin geflissentlich in dem Tone<lb/>einer ihm von
Natur fremden Heiterkeit erhalten, wie<lb/>es seine Art war, wenn er eine
weiche Gemüthsbewegung<lb/>zu verbergen wünschte, und mit der ihm
angeborenen<lb/>Großmuth sofort bemüht, mich den Vorwurf vergessen<lb/>zu
machen, den er kaum absichtlich gegen mich erhoben,<lb/>trat er einen
Schritt von mir zurück, musterte mich mit<lb/>festem Blicke und sagte dann:
Wie er dem Aeltesten,<lb/>dem armnen Euilio, gleich geworden ist! Nur
größer,<lb/>stattlicher, als Emilio es mit dreißig Jahren war.<lb/>Ein
Armero von Kopf bis Fuß! und er kleidet ihn<lb/>gut, der Bart, den er al
kraneeso trägt! -- Plözlich<lb/>hielt er inne, sah nach dem Bilde meiner
Mutter hin-<lb/>über und verdeckte seine Augen mit der Hand.<lb/>Das währte
jedoch nur einen Moment, dann richtete<lb/>er sich auf. zog die Ühr hervor
und sagte: Arrigo, mein<lb/>Theurer! Benvenuto dankt Ihnen viel, sehr viel,
und<lb/>so auch ich! Glauben Sie's, mein Freund, daß ich dies<lb/>lebhaft
fühle! Aber es ist zehn Uhr und wir haben<lb/>keine Zeit mehr zu
verlieren.<lb/>Arrigo schellte, die Diener brachten uns die Hüte,<lb/>er gab
Befehl, die Wagen vorfahren zu lassen.<lb/>Deinen Arm, Marchese! sagte mein
Vater, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0448_181.tif" n="0181"/>
<p>18<lb/>mit dem Lächeln triumphirenden Spottes, dessen ich<lb/>mich aus seinen
guten Tagen wohl entsann, setzte er<lb/>hinzu: Ich bin in Wahcheit sehr
begierig, die Freude<lb/>zu sehen, welche die unerwartete Rückkehr meines
Sohnes<lb/>dem braven Pater Cyrillus und unserer Freundin<lb/>Earolina heute
bereiten wird. Vorwärts also, und in<lb/>die Kapelle!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0449_182.tif" n="0182"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0450_183.tif" n="0183"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0451_184.tif" n="0184"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0452_185.tif" n="0185"/>
<p>« Firche war von einer großen Menschenmenge<lb/>dicht umringt. Die
Carabinieri, die den Dienst ver-<lb/>sahen und die Livrse des Grafen
kannten, bahnten uns<lb/>den Weg.<lb/>Auch die Kirche war von Leuten voll.
Die ge-<lb/>schicktesten Ausschmücker hatten das Mögliche gethan,
sie<lb/>mit den schweren, golddurchwirkten Seidenstoffen,
mit<lb/>Laubgewinden und vergoldeten Emblemen aller Art in<lb/>Farbenfülle
aufzupuzen; und troz des hellen Tageslichtes<lb/>flammten überall die
Kerzen, flimmerten die Glas-<lb/>behänge an den Kronen, die von den Decken
niederhingen<lb/>und von den Wandleuchtern, die man an den Säulen<lb/>und
Pfeilern angebracht hatte, wo es irgend zulässig<lb/>gewesen war. Der Duft
des Weihrauchs. gemischt mit<lb/>dem Geruch der Kerzen und des frischen
Laubes hatte<lb/>etwas Berauschendes, das Flüstern der Menge etwas<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0453_186.tif" n="0186"/>
<p>18<lb/>Geheimnißvolles; und die leise an uns
vorübergleitenden<lb/>Geistlichen drückten dem mir fremd gewordenen
Bilde,<lb/>noch das eigentlich rdmische Gepräge auf.<lb/>Hinter den
Broncegittern der neuen Kapelle, deren<lb/>Thüre ein Saeristan nur den
Geladenen erschloß, hatten<lb/>dieselben sich dereits vollzählig
eingefunden. Donna<lb/>Carolina in reichem Schmucke, noch immer eine
Be-<lb/>wunderung fordernde Gestalt, hatte sich, da sie es über-<lb/>nommen,
den weiblichen Gästen die Ehrenbezeugungen<lb/>zu machen, auf den Sitzreihen
der Damen zunächst dem<lb/>Altar niedergelassen, und inmitten der anwesenden
Geist-<lb/>lichkeit hatte Pater Cyrillus den ihm gebührenden
Platz<lb/>eingenommen, die befriedigte Herrschsucht und den durch<lb/>sie
genährten Ehrgeiz, hinter der ihm zur Natur ge-<lb/>wordenen demüthigen
Haltung dem Unkundigen geschickt<lb/>verbergend.<lb/>Alle Blicke wendeten
sich dem Eingange zu, als<lb/>mein Vater die Stufen zu der Kapelle mit
gehobenem<lb/>Haupte, auf meinen Arm gestützt, festen Schrittes
hin-<lb/>aufstieg. Ein unterdrückter und doch hörbarer Ausruf<lb/>des
Erstaunens schlug an unser Ohr.<lb/>Der Graf! der Graf und der Marchese! -
hörten<lb/>wir es hier und dort erklingen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0454_187.tif" n="0187"/>
<p>u?<lb/>Hier stand Einer auf, sich zu vergewissern, daß er<lb/>sich nicht
täusche, dort erhob sich ein Anderer, meinem<lb/>Vater und mir in froher
Neberraschung die Hand bieten<lb/>zu kommen. Das Aufsehen, das Erstaunen
waren all-<lb/>gemein. Aber wie der Vorgang mich selber auch in<lb/>Anspruch
nahm, ich sah den Blick, der von Donna<lb/>Carolina zu dem Pater schnell
hinüberflog. Ich sah das<lb/>Antliz des Paters sich entfärben und seine
schmalen<lb/>Lippen sich zusammenpressen, als müsse er gewaltsam<lb/>den
Ausruf unterdrücken, den das Erschrecken ihm ent-<lb/>- locken wollte, und
der sicher keinen Segenswunsch für<lb/>mich enthielt.<lb/>Und noch einmal
öffnete sich die Eingangsthüre.<lb/>In der Kirche wie in der Kapelle beugten
sich die Kniee,<lb/>senkten sich die Augen. Der Chor der Sänger
intonirte<lb/>den Weihegesang, und während man die Reliquie voran-<lb/>trug,
welche durch die Huld des Papstes der Kapelle<lb/>überwiesen worden war,
schritt der Weihbischof, ein<lb/>stattliches Gefolge von Priestern hinter
sich, zu dem<lb/>Altar, die Weihung zu vollziehen und die erste Messe<lb/>zu
lesen für die Seelen derer, die jetzt ihre Ruhestätte<lb/>hier gefunden
hatten.<lb/>Wie es während des Gottesdienstes in den Herzen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0455_188.tif" n="0188"/>
<p>188<lb/>der Anderen aussah, wage ich nicht zu sagen. Ich<lb/>fürchte, es wird
von wahrer Andacht in ihnen nicht viel<lb/>zu finden gewesen sein, und auch
meine Gedanken<lb/>schwärmten unruhig hin und her.<lb/>Ohne daß ich's
wollte, betrachtete ich den Bau<lb/>und seine Ausschmückung. Ich dachte der
Todten, deren<lb/>Büsten in den Nischen über ihren Sarkophagen
standen.<lb/>Ich sah, wie meines Vaters Blick mit stolzer Energie<lb/>den
Pater wieder und wieder suchte, und ich hatte eine<lb/>knstlerische Freude
an dem Ausdruck verständnißvoller<lb/>Ruhe, den Cyrillus allmälig in allen
seinen Mienen<lb/>zn zeigen, über sich gewann. Man hätte glauben
sollen,<lb/>er sei in daä Geheinniß meiner Ankunft eingeweiht ge-<lb/>wesen,
so freundlich blickte er mich an. Kaum aber waren<lb/>die lezten Accorde der
Musik verstummt, die lezten Ge-<lb/>bete gesprochen und die Ceremonie
beendet, als auch der<lb/>Pater, den höheren Würdenträgern, wie es sich
gebührte,<lb/>den Vorrang lassend, die meinem Vater ihre Glück<lb/>wünsche
zu des Baues Vollendung und zu meiner un-<lb/>erwarteten Heimkehr
abstatteten, sich uns zu nähern<lb/>strebte. Indeß Donna Carolina kam ihm
noch zuvor,<lb/>und von der Frauentribüne niedersteigend, rief
sie,<lb/>meinem Vater rasch entgegengehend: Aber was haben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0456_189.tif" n="0189"/>
<p>18<lb/>Sie denn gemacht, Don Ignatio? Sie laden uns ein,<lb/>der Beisezung
von Todten beizunsohnen, und wir haben<lb/>das unerwartete Vergnügen, die
Auferstehung eines<lb/>Lebendigen in Ihrer Grabkapelle zu begehen. Wir
kleiden<lb/>uns zu einer Trauerceremonie, man singt ein Requieu,<lb/>und wir
kommen hier zu einem Freudenfest! Jn Wahr-<lb/>heit, Don Ignatio! Sie machen
Ihre Freunde ganz<lb/>verwirrt!<lb/>Mein Vater konnte sich eines
triumphirenden<lb/>Lächelns nicht erwehren. Sind Sie empfindlich,
schöne<lb/>Freundin, sagte er, daß Ihnen ein alter Mann einmal<lb/>Ihr
Vorrecht streitig macht, die Gesellschaft durch etwas<lb/>Unerwartetes zu
überraschen? Verzeihen Sie es mir,<lb/>Carolina! Es wird meines Sohnes
Pflicht sein, Sie zu<lb/>versöhnen; denn der Marchese bleibt in Rom und
zwar<lb/>bei mir - und Sie waren ja immer seine Gönnerin<lb/>und
Freundin.<lb/>Carolina hatte lange genug in der großen Welt<lb/>gelebt, um
schnell ihre Fassung wieder zu gewinnen und<lb/>ihre Partie zu nehmen. Sie
sprach mir mit heiterster<lb/>Lebendigkeit ihre große Zufriedenheit mit
meinem Ent-<lb/>schlusse aus, und wir schüttelten einander wie in
alter<lb/>Zeit die Hände. Sie betheuerte, daß ich ein sehr schöner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0457_190.tif" n="0190"/>
<p>1<lb/>Mann geworden sei, mein Vater nahm das als eine<lb/>Huldigung für seine
Fämilie mit der erneuten Bemerkung<lb/>entgegen, ich hätte in der That den
Kopf und die Haltung<lb/>der Armero; und währenddessen war auch Pater
Cyrillus<lb/>bis zu uns herangekommen.<lb/>Willkommen! willkommen, Don
Benvenuto! welch'<lb/>eine glückverheißende Wandlung erleben wir an
diesem<lb/>Tage! sagte er, indem er die Augen mit ernstem Auf-<lb/>schlage
erhob, so daß er dem Blick des Grafen auswich;<lb/>und wie würde erst die
Frau Gräfin, die hier vor uns<lb/>ruht, die Stunde gesegnet haben, die den
Sohn in's<lb/>Vaierhaus zurückgeführt hat. O, welch' ein Gllck<lb/>ist
das!<lb/>Er bot mir seine Rechte; ich konnte mich jedoch<lb/>nicht
überwinden, sie anzunehmen, und er ließ die Hand<lb/>sinken, als sei es eine
absichtslose Bewegung gewesen,<lb/>die er vorher gemacht. Er fragte nach
meinem Ergehen,<lb/>nach der Stunde meiner Ankunft. Er stimunte
endlich,<lb/>da die kurzen Antworten, die er erhielt, ihm nicht<lb/>Anlaß zu
längerem Gespräch boten, und er sich doch<lb/>vor den Leuten von dem ihm bis
dahin so geneigten<lb/>Grafen nicht als einen Abgewiesenen zeigen wollte,
in<lb/>Donna Carolina's wiederholten Ausruf über meine Aehn-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0458_191.tif" n="0191"/>
<p>191<lb/>lichkeit mit meinem Vater ein, und nuun hielt der Graf<lb/>sich
länger nicht.<lb/>Die Last der Jahre hatte seinen Rücken gebeugt,<lb/>aber
er hob den mächtigen Kopf doch noch fest empor,<lb/>wemn ihm die Kraft
seines Zornes zu Hülfe kam, und<lb/>seine Hand auf des Paters Schulter
legend, daß er den<lb/>Druck derselben fühlen mußte, rief er: Nicht wahr,
nicht<lb/>wahr, mein Pater Cyrillu8? das ist mein echter Sohn!<lb/>und ich
bin sicher, er wird es machen, wie sein Vater!<lb/>Er wird die Augen
aufihun, ehe es zu spät ist, und<lb/>Herr bleiben in dem Hause der
Armero!<lb/>So es Gott gefällt! schaltete Cyrillus fromm er-<lb/>geben ein.
So es Gott gefällt, dessen Nathschllssen und<lb/>wundersamen Fügungen wir
uns unterwerfen müssen,<lb/>ohne daß wir sie voraussehen und
verstehen.<lb/>Dritte Personen trennten uns, Monsignore Arrigo<lb/>befand
sich unter ihnen. Ich hatte meinen Vater nie<lb/>so wohlgemuth gesehen. Er
lehnte sich auf meinen Arm,<lb/>er war voll offener Freundlichkeit für mich,
und mit<lb/>einem Seitenblick den Pater streifend, sagte er zu
Arrigo:<lb/>-Er verdient General zu werden; ein geschickter und
ent-<lb/>schlossener Nückug ist ein halber Sieg!<lb/>Aber der Pater hatte
sich bereits von uns ent-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0459_192.tif" n="0192"/>
<p>1<lb/>fernt, die Fremden hatten die Kapelle verlassen, es war<lb/>Zeit, an
unsere Heimfahrt zu denken; denn die Stunde,<lb/>für welche der Empfang in
unserem Hause vorgesehen,<lb/>war nicht mehr fern, und während man der
Todten-<lb/>feier kaum gedachte, fand ich mich, wie Donna Carolina<lb/>es
bezeichnete, als den Helden des Tages, mit welchem<lb/>neues Leben einziehen
sollte in das lang verödete, freuden-<lb/>lose Haus.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0460_193.tif" n="0193"/>
<p>Ireischntes Capttel.<lb/>F. Lewald, Benvenuto. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0461_194.tif" n="0194"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0462_195.tif" n="0195"/>
<p>Jufgeregt von den Eindrücken der letzten vierund-<lb/>zwanzig Stunden, müde
von den Anfragen, denen ich<lb/>nach allen Seiten Rede zu stehen gehabt, von
den<lb/>Freundschaftsversicherungen, mit denen ich mich über-<lb/>schütttet
fand, war ich gegen Abend, wie ich es mit dem<lb/>treuen Freunde, mit
Adalbert, verabredet hatte, der die<lb/>Todtenfeier und den ihr folgenden
Empfang in unserem<lb/>Hause mit durchgemacht, nach dem Gasthofe
hingegangen,<lb/>in welchem er abgestiegen war, um ihn zu einem
ge-<lb/>meinsamen Spaziergange abzuholen. -- Er wird sich,<lb/>wenn er diese
Zeilen liest, des Abends wohl so gern<lb/>erinnern, als ich dessen
denke.<lb/>Der Tag war selbst für unser Klima und für<lb/>diese Jahreszeit
sehr heiß gewesen und die Schwüle<lb/>brütete zwischen den hohen
Häuserreihen in den engen<lb/>zFe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0463_196.tif" n="0196"/>
<p>t0<lb/>Straßen. Neberall waren die Fenster weit geöffnet,<lb/>leicht
gekleidete schöne Frauen saßen an den vorspringenden<lb/>Eisengittern
derselben, um eines erfrischenden Luftzuges<lb/>theilhaftig zu werden und
suchten ihn, sich fächelnd, zu<lb/>verstärken. Auf den Balkonen, vor den
Thüren und in<lb/>den Gärtchen der Conditoreien eilten geschäftig die
Kellner<lb/>mit den Sorbettogläsern zwischen den Plaudernden um-<lb/>her und
traten auf die Straße hinaus, die vornehmen<lb/>Kunden in den vorgefahrenen
Carossen zu bedienen; während<lb/>um die Buden der Limonadenverkäufer Männer
und Frauuen<lb/>aus dem Volke, Alt und Jung in buntem
Durcheinander,<lb/>sich in immer neuen Gruppen zusammenfanden, um
das<lb/>erhitzte Blut mit der unentbehrlichen geeisten Limonade<lb/>zu
erfrischen.<lb/>Ich aber fühlte nicht die Hitze, nicht den Staub,<lb/>mich
drückte auch die Schwüle nicht, so glücklich war ich.<lb/>Wohin ich sah war
Etwas, das mich freute, und mal<lb/>auf mal schoß mir der Gedanke durch den
Sinn, so<lb/>fröhlich, so wunschlos und in sich befriedigt müsse
der<lb/>Zustand sein, den die Gläubigen in der Seligkeit des<lb/>Paradieses
anzutreffen hoffen.<lb/>Seit meiner frühen Jugend hatte ich in
meinem<lb/>Vaterhause nicht gewohnt, und ich hing doch an dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0464_197.tif" n="0197"/>
<p>1?<lb/>altehrwürdigen Bau. Meine Vaters Freundlichkeit war<lb/>mir niemals so
zu Theil geworden wie in diesen letzten<lb/>Stunden, ichh hatte nie das
Glück gekannt, ihm hilfreich<lb/>meine Hand zu reichen, nie von seinem Munde
das<lb/>Wort vernommen, das er heute gesprochen: er hoffe die<lb/>Stütze
seines Lebensabends in mir zu finden, er rechne<lb/>darauf, daß ich trachten
werde, ihm die Verlorenen zu<lb/>ersetzen.<lb/>Eä war die erste Forderung
einer Liebesleistung,<lb/>die er an mich machte, und sie lieh mir einen
neuen<lb/>Werth in meinen Augen. Sie verband mich mit meinem<lb/>Vater, denn
nicht die Liebe, die man uns gewährt, die<lb/>Liebe, die wir üben und mit
der wir dienen und be-<lb/>glücken, ist es, die uns an die Menschen fesselt,
die uns<lb/>ihnen zu eigen giebt.<lb/>e,<lb/>aah hatte meinen Vater eben
erst verlassen, weil<lb/>er allein zu bleiben und auszuruhen verlangte, aber
ich<lb/>sorgte um ihn mehr und ängstlicher als in all' den<lb/>Jahren, die
ich ferne von ihm zugebracht. Ich hatte<lb/>ein wahrhaftes Verlangen, irgend
einem Menschen eine<lb/>Liebe zu erweisen, eine Freude zu bereiten, heitere
Mienen<lb/>zu sehen, freundliche Worte zu vernehmen, und- um<lb/>es so
auszudrücken, wie ich es an dem Abend dachte:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0465_198.tif" n="0198"/>
<p>198<lb/>ich wäre am Liebsten unser Herrgott und allmächtig ge-<lb/>wesen, um
alle Menschen so glücklich zu machen, als ich<lb/>mich selber
flhlte.<lb/>Adalbert fand ich mich bereits erwartend. Er fragte<lb/>mich, ob
ich Etwas dawider hätte, wenn er zu unserem<lb/>Spaziergang eine Dame mit
uns nähme.<lb/>Irgend einem Menschen ein Verlangen abzuschlagen<lb/>oder ein
Vergnügen zu verderben, wäre mir an dem<lb/>Abende unmöglich gewesen, und
sich in der Gesellschaft<lb/>eines nicht liebenswürdigen Frauenzimmers ein
paar<lb/>gute Stunden zu verderben, das lag nicht in unseres<lb/>Freundes
Weise. Ich erklärte mich also mit seiner<lb/>Absicht einverstanden und
erkundigte mich nur, wer die<lb/>Dame wäre.<lb/>Sie ist eine Landsmännin von
mir, sagte Adalbert,<lb/>ein Mädchen aus einer norddeutschen adeligen
Familie.<lb/>Der Vater war Offizier, Magdalenenö Brüder dienen,<lb/>wie der
Vater es gethan, in der preußischen Armee.<lb/>Die Eltern Beide sind ihr
früh gestorben, und eine Groß-<lb/>tante, eine kinderlose Frau von großer
Bildung, die<lb/>einsam auf ihrem Gute lebte, hat sie zu sich
genommen<lb/>und erzogen. Auf dem Landsiz dieser Großtante habe<lb/>ich
Magdalenen kennen lernen, als ich mich einmal, um<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0466_199.tif" n="0199"/>
<p>199<lb/>Studien zu zeichnen, in der Gegend aufhielt. Die treffliche<lb/>Frau
war damals schon krank und Magdalene ihre aus-<lb/>schließliche Pflegerin.
Das wird nahezu zehn Jahre her<lb/>fein, und ist die ganze Zeit so
fortgegangen. Im ver-<lb/>wichenen Herbste ist die Großtante gestorben, hat,
wie<lb/>sich das gebührte, ihr Gut Magdalenen hinterlassen,<lb/>und da diese
ihr Leben bis zu der Tante Tode, namentlich<lb/>in den lezten Jahren, in
einer wahrhaft klösterlichen<lb/>Einsamkeit zugebracht hat, die nur in den
Sommer-<lb/>monaten hie und da einmal durch ein paar Gäste, unter<lb/>denen
ich gelegentlich mitzählte, unterbrochen wurde, so<lb/>benutzt sie jetzt
ihre Freiheit, und sieht sich Etwas in<lb/>der Welt um. Sie war im Herbste
in Paris und ging<lb/>dann hierher. Gestern ist sie mit anderen
Bekannten<lb/>von Albano herübergekommen, die Kapellenweihung
mit-<lb/>zumachen. In der Kapelle habe ich sie unerwartet an-<lb/>getroffen,
und da ich gern mit ihr verkehre, habe ich<lb/>selbst ihr heute das
Anerbieten gemacht sie abzuholen,<lb/>weil ich sicher war, daß ihre
Gesellschaft Ihnen nicht<lb/>stdrend sein würde, da sie eine durchaus
verständige und<lb/>bequemlebige Person ist.<lb/>Ich wußte damit mehr, als
ich zu erfahren ein<lb/>Interesse hatte. Wir sprachen dann von meinen
Ange-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0467_200.tif" n="0200"/>
<p>s<lb/><lb/><lb/>e<lb/>s<lb/><lb/><lb/>s<lb/>f<lb/>z-<lb/><lb/>f<lb/>h<lb/>?<lb/>?<lb/>n<lb/><lb/>s<lb/>s<lb/>g.<lb/><lb/>I<lb/><lb/><lb/>legenheiten,
von dem Bau der Kapelle, von ihrer künst-<lb/>lerischen Ausstattung. Ich
sezte es Adalbert mit wenig<lb/>Worten auseinander, wie ich die Sache mir
anders ge- ,<lb/>dacht, was ich selbst daran anders und, wie ich
meinte,<lb/>besser gemacht haben würde, ohne in zu auffallender Weise
,<lb/>von dem Nococostyl abzuweichen, der in der Kirche, wie'<lb/>fast in
allen Jesuitenkirchen vorherrschend war. Da- -<lb/>durch wendete das
Gespräch sich auf mein Pariser<lb/>Atelier, auf die Schwierigkeit, die dort
begomnenen-<lb/>Arbeiten nach Rom hinüberzunehmen; und da ich
er-<lb/>wähnte, daß es mir leid sein würde, meinen Vater - -<lb/>deshalb
bald und wieder für eine längere Zeit zu ver-<lb/>lassen, erbot sich
Adalbert mit einer Bereitwilligkeit, für -<lb/>die ich ihm noch heute
dankbar bin, sich in Paris der -<lb/>Mühewaltungen für mich zu unterziehen.
Mit Hilfe -<lb/>meines sehr geschickten Marmoraren, der gar
nichts--<lb/>Besseres verlangte, als gleich mir in unsere
rdmische-.<lb/>Heimath zurüchukehren, versprach er die ganze Neber-.
-<lb/>siedelung in's Werk zu setzen.<lb/>Darübex waren wir von dem Gedanken
an unsere -<lb/>Begleiterin völlig abgekommen und ich stand, innerlich
;.<lb/>mit Neberlegungen beschäftigt, die sich alle auf mein<lb/>Atelier
bezogen, in gelassener Erwartung vor der Thüre -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0468_201.tif" n="0201"/>
<p>-<lb/>z<lb/>s-<lb/>fs<lb/><lb/><lb/>g<lb/>-<lb/>F<lb/><lb/>E<lb/>-<lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/>--<lb/>-<lb/>A<lb/>1<lb/>des
Hauses, in welchem Magdalene wohnte, als Adalbert<lb/>mit ihr in die Straße
hinaustrat.<lb/>Ich war betroffen bei ihrem Anblick. Nicht, daß<lb/>sie mir
als eine ungewöhnliche Schönheit auffiel, aber<lb/>ich hatte nach den
Mittheilungen des Freundes in<lb/>Magdalenen ein älteres Frauenzimmer zu
finden erwartet,<lb/>und es überraschte mich deshalb angenehm, als
die<lb/>schlanke jungfräuliche Gestalt, anmuthig grüsßend, sich<lb/>mir
näherte.<lb/>Da Adalbert italienisch gesprochen hatte, als er<lb/>uns
einander vorgestellt, setzte Magdalene die Unter-<lb/>haltung in gleicher
Weise fort, und die große Sicherheit,<lb/>mit welcher sie meine
Muttersprache handhabte, machte<lb/>mir Vergnüügen. Alles gefiel mir an ihr,
gleich in dieser<lb/>ersten Stunde. Ihr mittelgroßer feiner Wuchs,
ihre<lb/>edeln Züge und der sanfte ruhige Blick ihrer schönen<lb/>Augen,
denen man es anzusehen meinte, daß sie gut und<lb/>richtig zu beobachten im
Stande wären. Das schlichte<lb/>weiße Kleid, das sich fügsam an ihren Körper
legte,<lb/>das schwarze Spitzentuch, das ihre vollen Schultern
leicht<lb/>umgab, der kleine Strohhut, in dem die dunkel-<lb/>bonden Locken
in weichen Wellen ihr an den Wangen<lb/>und biszum Busen niederflossen,
kleideten sie vortrefflich. -<lb/>...<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0469_202.tif" n="0202"/>
<p>-<lb/><lb/>s<lb/>i<lb/>i<lb/>!<lb/><lb/>z<lb/><lb/>s<lb/>;<lb/>f<lb/>s<lb/>i<lb/>s<lb/><lb/>zp<lb/><lb/><lb/>Sie
gefiel mir sehr, und doch war sie nicht schön! Aber<lb/>da sie den einen
ihrer Handschuhe noch nicht aufgezogen<lb/>hatte, bemerkte ich ihre
zierliche und dabei kräftige Hand,<lb/>und wie mir, als sie aus dem Hause
herausgekommen<lb/>war, ihr kleiner Fuß aufgefallen war, so nahm
mich<lb/>der ruhige und sichere Schritt, mit welchem sie zwischen<lb/>uns
herging, für sie ein; denn ich habe immer gefunden,<lb/>daß der Character
der Frauen sich mit großer Deutlichkeit<lb/>in ihrem Gange
ausspricht.<lb/>Wir gingen den Corso entlang zum Capitol hinauf<lb/>und
stiegen dann in das Campo vaccino hernieder, da.?<lb/>wir es darauf
abgesehen hatten, die Sonne von der Höhe<lb/>des Colosseums untergehen zu
sehen.<lb/>Magdalene war in Rom vollkommen zu Hause.<lb/>Sie hatte ihren
Winter gut benutzt, man hatte ihr gar<lb/>Nichts zu erklären. Aber sie
theilte meine und Adalberts-<lb/>Freude an der Stadt und an der Gegend mit
warmer -<lb/>Lebendigkeit, und ihre Art sich auszudrücken und zu
be-<lb/>haben, war so einfach und natürlich, daß man gar nicht<lb/>daran
dachte, wie man ein junges Frauenzimmer neben<lb/>sich habe, bis irgend eine
ihrer Aeußerungen oder eine<lb/>ihrer Bewegungen und Mienen durch ihre
weibliche An-<lb/>muth erfreuten uhd bezauberten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0470_203.tif" n="0203"/>
<p>R<lb/>Friedlich und vertraulich, als wären wir Drei seit<lb/>Jahren schon
zusammengewesen und auf diesen Wegen<lb/>gemeinsam gegangen, kamen wir vor
dem Colosseum an,<lb/>durchwandelten die Arena und stiegen seine
hochgestuften<lb/>Treppen empor, so weit es möglich war.
Magdalene<lb/>bedurfte auch dabei keiner Hilfe, und ich lobte das.<lb/>Sie
meinte, dabei sei gar Nichts zu loben. Ich<lb/>bin auf dem Lande
aufgewachsen, sagte fie, und habe<lb/>bei meiner armen gelähmten Großtante
von Kindes-<lb/>beinen an, mich immer ruhig halten und viel
stille<lb/>sitzen müssen. Wurde ich dann einmal hinausgelassen in<lb/>das
Freie, so bin ich umhergelaufen und herumgeklettert,<lb/>wo ich nur immer
konnte. Das hat mich sicher auf<lb/>den Füßen und schwindelfrei gemacht,
ohne daß ich's<lb/>wußte oder wollte.<lb/>Langsam vorwärts gehend, pflückte
sie hier eine<lb/>Federnelke, dort einen Goldlackzweig oder eine
Epheu-<lb/>ranke, die aus den Fugen des Getrümmers empor-<lb/>gewachsen
waren; und tief aufathmend, mit freude-<lb/>strahlendem Blicke um sich
schauend, setzte sie sich endlich<lb/>nieder, als wir an unser Ziel gekommen
waren.<lb/>Die Sonne war schon im Sinken. Von der weiten<lb/>Ebene der
Campagna zeg ein erfrischender Lufthauch zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0471_204.tif" n="0204"/>
<p>We<lb/>uns herüber, purpurgesäumt stieg, von der Sonnengluth<lb/>gefärbt,
goldenes Gewölk bis hoch zum Horizont empor,<lb/>wo es blaß und blässer
werdend, sich endlich in rosigem<lb/>Schimmer in daä Blau des noch vbllig
hellen Hiut-<lb/>mels auflöste. -- Und wieder überwältigte uns
die<lb/>Herrlichkeit des Panoramas, das sich vor unseren
Augen<lb/>aufthat.<lb/>Da lagen sie nebeneinander: die hohen
Wblbungen<lb/>der Basilita Aemilia, der Tempel der Venus und Noma,<lb/>der
Boge des Constantin und die bebuschten Hügel,<lb/>unter denen sich die
Trümmer der Kaiserpaläste bargen.<lb/>Weithin zur Nechten, über dem Bogen
des Constantin<lb/>hinweg, starrten in wild romantischem Gezack
die<lb/>Trümmer der Caracalla -Thermen in die Luft. Fernab<lb/>zur Linken
hatte man die Ruinen der Titusthermen vor<lb/>sich, und über das Alles
hinaus that sich die weite<lb/>schweigende Ebene, die römische Campagna auf,
während<lb/>am Horizonte die feinen scharfen Linien des
Albaner-<lb/>gebirges sich tiefer und tiefer zu röthen begannen. -<lb/>Man
konnte sich nicht genug thun im Betrachten und<lb/>Schauen!<lb/>Gllcklich
diejenigen, welche hier ihre Heimath<lb/>haben! rief Adalbert aus, während
ich dasselbe dachte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0472_205.tif" n="0205"/>
<p><lb/>In den Menschen, die hier geboren werden, die von ihrer<lb/>Jugend an
umgeben sind von den Monumenten großer<lb/>Zeiten, die früh gemahnt werden
an gewaltige Thaien<lb/>und an die Geschlechier, welche sie volllraclen,
uus;<lb/>ein anderes Bewußtsein, eine andere Weltanschauung<lb/>erwachsen,
als in unser Einem, der in Sand und<lb/>Sumpf zu Hause ist, und in dessen
heimischen Kiefern-<lb/>wäldern Bären und Wölfe noch die Herrscher
waren,<lb/>während hier die Cäsaren die Kunstschätze Egyptens
und<lb/>Griechenlands um sich versammelten, und Horaz und<lb/>Ovid ihre Oden
und Liebespoesien dichteten.<lb/>Ach! bat Magdalena, schelten Sie unsere
Heimath<lb/>nicht! Auch an unseren Seen und in unseren Wäldern<lb/>ist es
schön! Und diese Herrlichkeit, diese Farbenfülle,<lb/>die uns hier
umleuchtet - sie hielt inne, sie war un-<lb/>verkennbar gerührt, aber sie
überwand sich schnell, und<lb/>hinüber blickend in das wogende Farbenspiel
des fluthen-<lb/>den Lichtes sagte sie: sie ist ja unvergeßlich,
diese<lb/>Schönheit! wir nehmen sie ja mit uns, wenn
wir<lb/>scheiden!<lb/>Als eine quälende Sehnsucht, die uns nicht
mehr<lb/>verläßt! schaltete Adalbert ihr ein.<lb/>Oder, die uns antreibt,
wieder aufzusuch en, wa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0473_206.tif" n="0206"/>
<p>2e<lb/>uns lieb geworden ist! bedeutete sie, ihrer Bewegung<lb/>wieder völlig
Meister.<lb/>Ich fragte sie, ob sie Rom bald zu verlassen<lb/>gedenke. Sie
verneinte das. Sie habe keine Eile, heim-<lb/>zukehren, sagte sie, ihre
Angelegenheiten in der Heimath<lb/>wären in guten Händen und sie habe sich
also auch<lb/>kein Ziel gesteckt. Sie hoffe, noch manch liebes Mal<lb/>auf
diesem Platze zu stehen und sich zu fceuen, daß ihr<lb/>dies gegönnt
sei.<lb/>Darüber war die Sonne ganz hinabgesunken und<lb/>wir wendeten uns
nach der Stodt zurück. Adalbert.<lb/>wollte in wenig Tagen wieder nach Paris
gehen,<lb/>Magdalena in der nächsten Frühe nach Albano hinaus-<lb/>fahren;
und auch mein Vater wollte sich auf unseren<lb/>Landsitz begeben, auf dem
Monsignore Arrigo mit uns<lb/>die heißen Monate verleben sollte. Da man sich
auf<lb/>diese Weise bald zu trennen hatte, schlug Adalbert vor,<lb/>noch in
das Cafs Ruspoli zu gehen, um in dessen<lb/>Gärtchen das Beisammensein noch
eine Stunde zu ver-<lb/>längern. Magdalena war damit gleich
einwerstanden.<lb/>Der Gedanke, daß dies Beisammensein eines
jungen<lb/>Frauenzimmers mit zwei ebenfalls jungen Männern an<lb/>einem
dffentlichen Orte gegen die Landessttte anstieß,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0474_207.tif" n="0207"/>
<p>A?<lb/>schien ihr nicht zu kommen, und ich selber dachte nicht<lb/>daran, so
lange wir bei einander waren.<lb/>Ich hatte unter meinen Bekannten, sowohl
unter<lb/>den Engländern als unter den Franzosen, Frauen<lb/>getroffen, die
sich in voller Freiheit in der Welt und<lb/>in der Männergesellschaft
bewegten, aber sie hatten dies<lb/>Alle mehr oder minder mit dem Bewußtsein
gethan.<lb/>sich über Schranken hinwegzusezen, die ihnen lästig<lb/>geworden
waren. Sie hatten es in trotziger Auflehnung<lb/>gegen die herrschende Sitte
und mit dem Willen gethan,<lb/>sich als gleichberechtigt mit den Männern zu
behaupten<lb/>In Magdalena war von solchem Willen und Bewußtsein<lb/>keine
Spur. Alles, was sie that, geschah so absichtslos<lb/>wie ein Gesunder
athmet, und eben deshalb nahm man<lb/>es in gleicher Weise auf.<lb/>Die
Stunde verging uns wie im Fluge. Wir<lb/>begleiteten Magdalena nach ihrer
Wohnung zurück,<lb/>Adalbert sagte ihr vor der Thüre sein Lebewohl.
Sie<lb/>dankte uns, daß wir sie mitgenommen hätten, und<lb/>bedauerte, daß
er schon wieder scheide und daß sie ihn<lb/>wohl so bald nicht wiedersehen
würde.<lb/>Nun, meinte Adalbert, dafür lasse ich Ihnen<lb/>meinen Freund
hier. Den Marchese haben Sie heute<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0475_208.tif" n="0208"/>
<p>8<lb/>nicht zum letzten Mal gesehen. Von seines Vaters<lb/>Schloß bis nach
Albano ist es ja nicht weit. Der<lb/>reitet wohl hinüber, Ihnen aufzuwarten;
und da er<lb/>eine große Vorliebe für uns Deutsche, für unsere<lb/>Dichter
und für unfere Musik gewonnen hat, so kdnnen.<lb/>Sie ein patriotisches Werk
thun, wenn Sie ihn auf<lb/>diesem guten Wege erhalten und ihm noch weiter
vor-<lb/>wärts helfen.<lb/>Ich hatie selbst im Sinne gehabt, sie in
Albano<lb/>aufzusuchen. Ich bat also um die Erlaubniß, ihc
meine<lb/>Aufwartung machen zu dürfen. Sie nahm das Wieder-<lb/>sehen als
selbstverständlich an, und mir die Hand<lb/>reichend, sagte sie: Kommen Sie,
Herr Marchese! und<lb/>dann sprechen wir auch deutsch! -- Das waren die
ersten<lb/>deutschen Worte, die ich von ihr hörte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0476_209.tif" n="0209"/>
<p>Pierzehnles Capitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0477_210.tif" n="0210"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0478_211.tif" n="0211"/>
<p>PFe Abstand von meinem Leben in Paris zu den<lb/>stillen Tagen, die ich in
der Gesellschaft und als der<lb/>Gesellschafter der beiden Greise inunserem
Schlossezubrachte,<lb/>war sehr groß; aber wenn ich auch mit
mancherlei<lb/>Sorge an mein Atelier und oftmals mit innerer Un-<lb/>geduld
an meine Arbeiten dachte, so that mir dennoch<lb/>die Einsamkeit wohl. Ich
genoß wie nie zuvor die<lb/>Schönheit der Gegend, die Freude an dem Besiz,
den<lb/>wir in derselben hatten, und das Glück, meinem Vater<lb/>willkommen
und angenehm zu sein.<lb/>Seit den Tagen, in welchen Arrigo's
Freundschaft<lb/>mich vor der schwarzen Soutane bewahrt und in
seinen<lb/>Schutz genommen, hatte ich nicht wieder auf dem Lande<lb/>gewohnt
und unser Schloß nicht wieder betreten.<lb/>Damals hatte mein Erzieher mich
auf Schritt und<lb/>Tritt überwacht, damals war ich, in dem
ersten<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0479_212.tif" n="0212"/>
<p>u<lb/>Jünglingsalter und eben erst zum Bewußtsein meiner<lb/>selbst gekommen,
gleich in den Kampf um meine freie<lb/>Entwicklung verstrickt worden, und
hatte die Gunst meines<lb/>Vaters eingebüßt. Jetzt war ich ein freier und
gemachter<lb/>Mann. Mein Vater sah, wie mir daran gelegen war,<lb/>ihn
zufrieden zu stellen. Arrigo that das Seine, es ihm<lb/>beständig in das
Gedächtniß zu rufen, daß ich ein<lb/>Künstler sei und bleiben müsse, und ich
selber gewann<lb/>daneben ein Interesse an der Verwaltung der Güter<lb/>und
des Besizes, der mein Vater sich lebenslang mit<lb/>Gewissenhaftigkeit
gewidmet hatte und die er noch immer<lb/>mit großer Umsicht leitete. Wir
naren auf diese Weise<lb/>alle drei mit einander zufrieden. Selbst der
Todten fing<lb/>mein Vater an mit ruhiger Wehmuth zu gedenken, und<lb/>weil
es ihm gelungen war, sich aus den umstrickenden<lb/>Banden des Paters zu
befreien und die habsüchtigen<lb/>Plane des Ordens mit Arrigo's Hülfe noch
rechtzeitig<lb/>zu Schanden zu machen, hatte er Glauben an seine<lb/>Kraft,
und damit an eine noch längere Lebensdauer<lb/>gewonnen, so daß er mich mit
Heirathsvorschlägen nicht<lb/>bedrängte, sondern sich oftmals in guter Laune
über<lb/>das bequeme Junggesellenleben, das wir in dem Schlosse<lb/>führten,
scherzend vernehmen ließ.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0480_213.tif" n="0213"/>
<p>L3<lb/>Ich war dabei in eine Beschaulichkeit hineingerathen,<lb/>die ich nie
gekannt hatte. Mein ganzes bisheriges Leben<lb/>war mir wie von mir selber
loögelöst, ein Gegenstand<lb/>ruhiger Prüfung und Betrachtung. Ich dachte,
mich<lb/>felber kritisirend, an meine Handlungen wie an die<lb/>Arbeiten,
die ich geschaffen hatte. Ohne daß ich<lb/>modellirte oder auch nur den
Stift zur Hand nahm,<lb/>empfand ich, wie das prüfende Rückvärtsblicken
im<lb/>Verein mit der Anschauung der belebten Natur mich<lb/>innerlich
förderten, wie neue Bilder, neue Vorstellungen,<lb/>neue Entwürfe durch
zufällige äußere Eindrücke in mir<lb/>rege wnrden, wie sie feste Gestalt
annahmen und sich<lb/>so vollständig vor meinem inneren Auge
entwickelten,<lb/>daß ich eben jenes Gllickes genoß, welches, wie ich
Ihnen<lb/>klagte, die Ausführung mir oft zerstört, diese Gestalten<lb/>als
Jdeale zu erschauen, und sie als solche, wenigstens<lb/>für mich selber eine
Zeitlang zu besitzen.<lb/>Der ganze Monat war uns in diesem
Seelenfrieden<lb/>hingegangen. Ich war mit meinen beiden Alten, wenn<lb/>die
Hitze sich gemäßigt hatte, in der Gegend eine Stunde<lb/>umhergefahren und
oftmals allein weit umhergeritten,<lb/>um wieder heimisch zu werden in den
Lande, das mir<lb/>fremd geworden, unter den Leuten, die in unseren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0481_214.tif" n="0214"/>
<p>1<lb/>Besizungen angesessen waren, und deren Herr ich dereinst<lb/>werden
sollte. Dabei fing das Behagen an dem Besiz<lb/>des eigenen Grundes und
Bodens sich in mir zu regen<lb/>an, auch die Lust zum Verschönern dieses
eigenen Besizes<lb/>ward lebendig. Ich sah jeden Punkt, an dem ich
vor-<lb/>überkam, darauf an, welche Aussicht sich von demselben<lb/>etwa
eröffnen ließe; und jedes kleine Kapellchen, jedes<lb/>ungestaltete
Madonnenbildniß unter einem Baum am<lb/>Wege wurden mir wichtig, weil ich
mir vorstellte, wie<lb/>es mir leicht sein wüürde, die einen geschickter
auszu-<lb/>schmücken, und die anderen durch bessere Arbeiten der-<lb/>artig
zu ersezen, daß sie auch dem Auge des Künstlers<lb/>Freude machen
müßten.<lb/>Dies stille innere Schaffen hatte mich in seinen<lb/>engen Kreis
gebannt, und obschon ich mich recht häufig<lb/>des schönen angenehmen
Abendes erinnerte, den ich am<lb/>ersten Tage nach meiner Rückkehr mit
Adalbert und<lb/>Magdalenen zugebracht, hatte sich immer Etwas
zwischen<lb/>meinen Vorsatz, das liebenswürdige Mädchen aufzusuchen,<lb/>und
seine Ausführung gestellt. Endlich an einem<lb/>sonnigen Nachmittage ritt
ich von unserem Castell<lb/>hinunter, durch die Ebene und nach Albano
hinüber.<lb/>Erst unterwegs fiel es mir ein, daß ich die junge<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0482_215.tif" n="0215"/>
<p>1?<lb/>Deutsche leicht möglich nicht mehr in Albano treffen<lb/>wiade. Ich
hatte nicht gehört, ob sie den ganzen<lb/>Sonmer dort verweilen wolle; und
selbst, wenn sie sich<lb/>noch ku Albano aufhielt, war es sehr leicht
möglich,<lb/>daß ich sie nicht bei sich zu Hause antraf. Je länger<lb/>ich
ritt, je unruhiger machte mich die Aussicht, sie am<lb/>Ende zu oerfehlen,
und doch glaubte ich auch wieder<lb/>nicht, daß mir etwas so Verdrießliches
begegnen könne.<lb/>Wie ich dann mit dem Gedanken an sie beschäftigt,
von<lb/>Castel Gandolo herabkommend, mich gen Albano hin,<lb/>dem Ausgange
des Waldes näherte, trat sie mir unter<lb/>dem Schatten der immergrünen
Eichen, im weißen<lb/>Kleide, wie ich si zuerst gesehen hatte, mit einem
Mal<lb/>entgegen. Sie war nicht allein. Sie hatte eine ältere<lb/>Dienerin
mit sich und einen Knaben, der ihr einen<lb/>Feldstuhl und eine kleine Mappe
nachtrug.<lb/>Ich konnte den Ausruf meiner Freude nicht unter-<lb/>drücken,
und rasch vom Pferde springend, bot ich ihr<lb/>die Hand. Auch sie sah mich
mit Vergnügen wieder,<lb/>und sie hdrte mir freundlich zu, als ich ihr
erzählte,<lb/>wie ich besorgt gewesen sei, sie zu verfehlen, und wie<lb/>ich
daneben doch eigentlich die Neberzeugung gehegt hätte,<lb/>daß mir dies
nicht geschehen würde.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0483_216.tif" n="0216"/>
<p><lb/>Das ist sonderbar! meinte fie, aber was gab Ihner<lb/>diese letzte
Zuversicht?<lb/>Soll ich es Ihnen ehrlich bekennen, entgegnete
ch,<lb/>während ich in ihre Augen sah, soll ich es Ihnen ehr-<lb/>lich
bekennen, so war es der felsenfeste Glaube, dnß Sie<lb/>keinen Menfchen
einen Verdruß oder eine Enttäuschung<lb/>bereiten könnten.<lb/>Gern thue ich
das freilich nicht! sagte si, während<lb/>ein Lächeln so sonnig über ihr
Gesicht gltt, daß es<lb/>kaum zu sagen war, ob der helle Schimmer von
dem<lb/>Lichte herkam, das durch die Zweige streie, oder ob es<lb/>aus ihrem
klaren Innern wideustrahlte. Aber die<lb/>Hauptsache ist, es freut mich,
setzte sie hinzu, daß wir<lb/>uns hier gefunden haben; und nun lassen Sie
uns<lb/>hinuntergehen nach der Stadt, damit Sie sich nach dem<lb/>langen
Ritt in meinem kühlen Zimmer erst erfrischen.<lb/>Ich gab dem Knaben den
Zügel meines Pferdes,<lb/>die alte deutsche Frau, die in ihrem weißen
Häubchen<lb/>hier ganz landfremd aussah, nahm ihm dafür den<lb/>Feldstuhl
und die Mappe ab, und auf meinen Arm<lb/>gestützt, ging Magdalena mit mir
durch die Galerien<lb/>nach Albano hinunter.<lb/>Sie hatte in dem besten
Hause der Stadt eine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0484_217.tif" n="0217"/>
<p>A<lb/>Wohnung inne, und gleich bei dem Eintritt in dieselbe<lb/>empfand man
den Geist und merkte man die Hand, die<lb/>hier gewaltet hatten.<lb/>Die
Einrichtung in demselben war nicht anders,<lb/>als man sie in jedem solchen
Hause antrifft; aber jeder<lb/>Stuhl und jeder Tisch nahmen den Platz ein,
an<lb/>welchem sie am Besten dienen konnten. Alles glänzte<lb/>vor:
Sauberkeit. Vasen und Gläser voll Wald - und<lb/>Gartenblumen standen, wo
sich der Raum dafür nur<lb/>finden wollte; und die Notenhefte und Bücher,
die auf<lb/>dem bescheidenen Pianino lagen, die Arbeitskdrbchen und<lb/>ein
Tisch, auf welchem neben einem Zeichenbrette, sich<lb/>ein Kästchen mit
Wasserfarben befand, verriethen, daß<lb/>die Bewohnerin des Hauses sich zu
beschäftigen liebe<lb/>und verstehe.<lb/>Da Magdalena beim Eintreten in ihr
Zimmer, der<lb/>Alten, deutsch sprechend, den Befehl gegeben hatte,
uns<lb/>Kaffee und Eiswasser zu bringen, und ich dies an-<lb/>genommen,
führte ich die Unterhaltung, ohne besonders<lb/>daran zu denken, in
derselben Sprache fort. Magdalena<lb/>freute sich darüber, denn indem sie
ihren Hut abnahm<lb/>und ihren Schirm in eine Ecke stellte, sagte sie:
Nun<lb/>setzen Sie sich und seien Sie schdn willkommen! Und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0485_218.tif" n="0218"/>
<p>N1<lb/>ich danke Ihnen, daß Sie heute deutsch mir mir svrechen<lb/>wollen,
denn so oft ich eine fremde Sprache reden muß,<lb/>komme ich mir wie maskirt
vor.<lb/>Ich wendete ihr ein, daß mir dieses auffalle, da<lb/>sie sich im
Jtalienischen sehr frei bewege. Sie meinte,<lb/>frei bewegen könne man sich
unter Verhältnissen in jeder<lb/>Tracht und in jeder Verkleidung, da es ja
immer ganze<lb/>Völker gäbe und ganze Zeiten gegeben habe, denen die<lb/>uns
fremde Tracht die angemessene und bequemste<lb/>erscheine und erschienen
sei; indeß, derjenige, der sie als<lb/>eine fremde trage, könne es nicht
leicht vergessen, daß<lb/>er etwas Anderes vorstellen und bedeuten solle,
als das,<lb/>was er eben sei, und ihr falle das ein für alle Male<lb/>ganz
besonders schwer.<lb/>Die alte Dienerin brachte während dessen den
Kaffee<lb/>in das Zimmer, dem sie nach eigenem Ermessen eine<lb/>Menge
Backwerk, und Brot und Butter hinzugefügt<lb/>hatte, weil sie meinte, nach
einem weiten Ritte müsse<lb/>ich Eßlust haben.<lb/>Nun, scherzte Magdalena,
wenn der Herr Marchese<lb/>sie uns auch nicht mitbringt, so hast Du Recht,
wenn<lb/>Du die Gelegenheit benutzest, uns einmal einen ordent-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0486_219.tif" n="0219"/>
<p>9<lb/>lichen deutschen Imbiß zu bereiten; und wer weiß, ob<lb/>unser Gast
sich denselben nicht gefallen läsßt.<lb/>Sie deckte selbst das weiße Tuch
über den Teppich<lb/>des Tisches, legte dann mit Hand an, die
Geräthschaften<lb/>darauf zu stellen, und die alte Hanna war dabei
eben<lb/>so ruhig geschäftig, als die schlanke Herrin. -<lb/>Magdalena
erzählte mir, die alte Hanna sei ihre<lb/>Wärterin gewesen, als sie die
Mutter verloren habe,<lb/>sie sei immer bei ihr geblieben, und sie finde
sich in<lb/>dem Reiseleben, welches sie seit einem Jahre führten,<lb/>besser
zurecht, als sie es Beide erwartet hätten. Aber,<lb/>setzte sie neckend
hinzu, Hanna und ich sind ein paar<lb/>alte Jungfern, und denen wird es
überall gleich heimisch,<lb/>wo sie ihren Theetopf und ihre Kaffeekanne
finden. Jm<lb/>Nebrigen, fuhr sie gegen mich gewendet fort, hänge
ich<lb/>nicht wie die Katzen an dem Hause, sondern wie die<lb/>Hunde an den
Menschen. Mit ein paar guten Büchern,<lb/>ein paar Blumentöpfen, mit einem
Jnstrumente, das<lb/>sich ungefähr wie ein Clavier anhört, und in
jedem<lb/>Zimmer wo das Gesicht meiner alten Hanna zur
Thüre<lb/>hineinguckt, da bin ich überall zu Hause und sie ist es<lb/>mit
mir.<lb/>Sie schnitt während sie sprach, den Kuchen in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0487_220.tif" n="0220"/>
<p>A<lb/>Stücke, strich Butter auf das Brot, reichte mir den<lb/>Kaffee -- es
war das Alles eben so gewöhnlich, wie<lb/>das Geplauder, das sie dabei
führte. Aber die<lb/>italienischen Frauen aus den höheren Ständen
geben<lb/>sich zu solchen häuslichen Diensten nicht leicht her, und<lb/>ihr
stand das Alles so wohl an, es nahm sich Alles<lb/>so natürlich und zugleich
so vornehm an ihr aus, daß<lb/>trotz ihrer typisch deutschen Gestalt der
Adel ihrer<lb/>Stellungen und Bewegungen mich beständig an die
edle<lb/>Gemessenheit antiker Vorbilder gemahnte. Ich hätte<lb/>fort und
fort so sitzen und sie sehen und hören mögen;<lb/>und doch bemerkte ich es
eben in diesen Stunden,<lb/>daß sie älter sein mußte, als sie mir an dem
ersten<lb/>Abende vorgekommen war, daß sie wohl fünfundzwanzig<lb/>Jahre und
darüber zählen konnte.<lb/>Wir redeten von Dem und Jenem: von ihrer
und<lb/>von meiner Heimath, von deutscher und italienischer<lb/>Musik und
Poesie, von den Kunstwerken, die sie hatte<lb/>dennen lernen. Ich fragte, ob
sie singe, spiele, zeichne?<lb/>Sie sagte, sie könnte von dem Allen gerade
so viel, um<lb/>sich über eine einsame Stunde fortzuhelfen, ohne
irgend<lb/>einen Anspruch darauf gründen zu dürfen. Sie habe<lb/>das Wenige
aber schätzen lernen, weil es ihrer alten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0488_221.tif" n="0221"/>
<p>Lu<lb/>Großtante Vergnügen gemacht habe. Und, bemerkte sie,<lb/>wenn man so
wie ich, schon in früher Jugend das Alter<lb/>und seine Leiden vor Augen
gehabt hat, so wird man<lb/>wirklich dankbar für das Wenige, das man thun
kann,<lb/>um in die trüben Tage des Lebenswinters etwas Licht<lb/>und
Sonnenschein zu bringen. Ich singe die Lieder, an<lb/>denen meine Tante sich
erfreute, und liebe meine kleinen<lb/>Blumen- und Landschaftsskizzen, die
sie bewunderte, noch<lb/>heute, obschon ich weiß, daß sie recht schlecht und
gar<lb/>Nichts werth sind.<lb/>Ich erzählte ihr, wie auch ich in diesem
Augen-<lb/>blicke für zwei Greise zu sorgen und ihnen Gesellschaft<lb/>zu
leisten hätte, und wie mir ihre Bemerlung so eben<lb/>die ruhige
Befriedigung erklärlich mache, die ich in<lb/>diesen Wochen zu meinem
Erstaunen in der Einsamkeit<lb/>unseres Schlosses genossen hätte.<lb/>Nicht
wahr, meinte sie, wir sind Alle Egoisten,<lb/>Alle darauf gestellt, Freude
zu haben an unferem<lb/>Thun. Sich zu sagen, daß man in dem Leben
eines<lb/>anderen Menschen der Sonnenschein ist, das ist ein
an-<lb/>genehmes Ding.<lb/>Wie gut sind Sie! rief ich. Wenn man Sie
hört,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0489_222.tif" n="0222"/>
<p>AA<lb/>sollte man meinen, Sie hielten das Opferbringen und<lb/>das Leisten
für ein Gllck!<lb/>Nennen Sie es nicht das Leisten und das
Opfer-<lb/>bringen, sondern einfach die Möglichkeit, helfen zu
können,<lb/>und Sie werden es ebenso wie ich betrachten, wenn Sie<lb/>die
Menschen lieben, mit denen Sie's zu thun haben.<lb/>Ich bringe Ihnen kein
Opfer und leiste Ihnen Nichts,<lb/>wenn ich Ihnen dies Eiswasser eingieße;
aber ich glaube,<lb/>daß es Ihnen angenehm ist, und so macht Ihr
Durst<lb/>mir Vergnügen! setzte sie scherzend hinzu, so kaß man<lb/>sah, sie
liebe es nicht, sich eingehend über sich selber<lb/>auszusprechen. Indeß sie
war mir zu neu und zu an-<lb/>ziehend in ihrer einfachen Selbstlosigkeit,
als daß ich<lb/>ihrem ablenkenden Winke nachgegeben hätte, und ich
fragte<lb/>also weiter: ob sie es nie ermüdend gefunden hätte,<lb/>mit dem
Alter zu verkehren? ob nicht das Verlangen<lb/>nach wärmerer Liebe sich in
ihr geregt, ob mit einem<lb/>Worte, sich ihr Herz denn nicht in Liebe und
Leiden-<lb/>schaft für einen Mann geöffnet habe?<lb/>Sie fragen Viel auf ein
Mal und legen mir<lb/>lauter Gewissensfragen vor, entgegnete sie, aber
ich<lb/>kann sie Ihnen leicht beantworten. Nein! ich habe nie<lb/>geliebt.
Indeß das ist für mich weder ein Tadel noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0490_223.tif" n="0223"/>
<p><lb/>ein Lob, denn so lange ich auf unserm Gute war, bin<lb/>ich kaum einem
Manne begegnet, der geeignet gewesen<lb/>wäre, in mir die Liebe zu erwecken;
und da unsere<lb/>Umgebung immer auf uns wirkt, so mag wohl von<lb/>dem Grau
des Alters, früh ein Wenig an mir hängen<lb/>geblieben sein und sich wie
eine erkältende Asche über<lb/>mich gebreitet haben.<lb/>Sie sprach auch das
ohne Verlegenheit, als redete<lb/>sie nicht von sich, obschon ein leichtes
Roth sich über<lb/>ihr Gesicht ergoß und ihr Hals und Nacken färbte.<lb/>Ich
begrisf es dabei nicht, wie sie mir noch kurz vorher<lb/>lber die erste
Jugendbllthe hinweg zu sein geschienen,<lb/>denn sie sah in dem Momente
jinger als die Jüngste<lb/>aus, weil sie so offen und so ehrlich war, wie
nur die<lb/>Kinder es noch sind. Aber ihr Gleichniß von der
Asche<lb/>aufnehmend, sagte ich: Sie haben's wohl gesehen, wie die<lb/>Gluth
unter einer leichten Aschenlage nur kräftiger und<lb/>reiner
fortrennt!<lb/>Ja, wenn sie erst entfacht war! versezte sie, sich<lb/>den
Scherz gefallen lassend. Sie lenkte jedoch augen-<lb/>blicklich davon ab,
und wir kamen auf andere Dinge zu<lb/>sprechen. Die Zeit verging uns rasch
und angenehm.<lb/>Ich hatte endlich an meinen Aufbruch zu denken,
wenn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0491_224.tif" n="0224"/>
<p>»Z s<lb/>ich meinen Vater zu der gewohnten Stunde nicht auf<lb/>mich warten
lassen wollte.<lb/>Der Knabe holte mein Pferd aus den Gasthofe<lb/>herbei,
nach welchent ich es hatte führen lassen, wir<lb/>gingen in der Straße auf
und nieder bis zu der<lb/>Schlucht, die nach Arriccia führt, und von
deren<lb/>hohem Rande das Auge weit hinauöschaut bis zum<lb/>Meere.<lb/>Wir
standen, uns des Anblicks erfreuend. Sie hatte<lb/>meinen Arm angenommen und
sich auf ihn gelehnt.<lb/>Als der Knabe mit dem Pferde kam, schraken
wir<lb/>Beide auf. Es fiel mir schwer zu scheiden, weil der<lb/>Abend schdn
zu werden verhieß, und weil Magdalena<lb/>sagte, daß sie ihn mit Bekannten,
die täglich von<lb/>Arriccia herüber kämen, zu genießßen hoffe. Ich
gönnte<lb/>das den Anderen nicht, und mit schnellem Abschied,<lb/>weil es
doch geschieden sein muußte, sugte ich ihr Lebe-<lb/>wohl, die Gunst des
Wiebersehens von ihr erbittend.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0492_225.tif" n="0225"/>
<p>Fünfzehntes Capitel.<lb/>, Benvenuto. l<lb/>gLF.LLF<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0493_226.tif" n="0226"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0494_227.tif" n="0227"/>
<p>Ie eitt heiter durch das schöne Land, mich mii<lb/>Vergnügen jedes Wortes
erinnernd, das wir gewechselt<lb/>hatten; und heiter in der von Magdalena
mir erregten<lb/>Vorstellung, als Lebenssomnenschein den Abend
des<lb/>Vaters und des Freundes zu verschönern, langte ich eben<lb/>noch in
dem Augenblicke im Schlosse an, in welchem<lb/>man sich zu der Abendmahlzeit
niedersetzen wollte.<lb/>Die Tafel war gedeckt, die beiden alten
Diener,<lb/>denen man einen jüngeren Gehülfen beigegeben
hatte,<lb/>versahen, da wir zu Dreien an der Tafel saßen, wohl-<lb/>geschult
den Dienst. Indeß, es kam mir Alles unbehilf-<lb/>lich und hölzern vor, was
sie thaten und machten, und<lb/>zum ersten Male, seit wir in dem Schlosse
beisammen<lb/>waren, vermißte ich die erheiternde Auuuuth
weiblicher<lb/>Gesellschaft.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0495_228.tif" n="0228"/>
<p>L8<lb/>Ich hatte jedoch von dem freundlich verlebten Nach-<lb/>mittag genug
Licht und Wärme mit mir gebracht, um<lb/>die Liebespflicht, die Magdalena
mir in so schönem Bild<lb/>verkörpert hatte, gut erfüllen zu können; und an
einem<lb/>der nächsten Tage nöthigten Geschäfte, welche sich auf<lb/>die
Ankunft des Schiffes bezogen, das meine Arbeiten<lb/>von Frankreich brachte,
mich, nach Rom zu gehen.<lb/>Es war nothendig, in meinem Vaterhause
für<lb/>die Unterbringung derselben die angemessenen Räume zu<lb/>ermitteln,
sie nach meinem Bedürfen herrichten zu lassen,<lb/>und ich hatte
angestanden, die Verabreduungen darüber<lb/>mit meinem Vater zu treffen, bis
es unerläßlich ward. Aber<lb/>da er durchaus gewohnt war, Alles in großem
Styl zu<lb/>unternehmen, stieß ich auf keine Art von
Schwierig-<lb/>keiten.<lb/>Er hatte sich nun darein ergeben, meine
Marmor-<lb/>blöcke in dem Hofe seines Palazzo liegen zu sehen,
die<lb/>pickenden Hammerschläge der Marmorarbeiter erklingen<lb/>zu hören,
wenn er durch die Galerie zu seinem Wagen<lb/>niederstieg. Denn seit er
einmal in einer guten Stunde<lb/>das Wort gefunden, daß alle Armero einen
harten Kopf<lb/>und ihre Schrullen hätten, ließ er mir es endlich
hin-<lb/>gehen, daß ich eigenwillig wie wir Alle, die Schrulle<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0496_229.tif" n="0229"/>
<p><lb/>hegte, als ein gräflicher Bildhauer eine Seltenheit in-<lb/>der
Gesellschaft, und ein Unicum zu sein in unserem<lb/>alten Hause.<lb/>Ich
wurde länger als ich es erwartet hatte, in<lb/>der Stadt zurückgehalten. Als
ich dann wieder auf das<lb/>Land hinauskam, führte mich mein erster Ritt
zu<lb/>Magdalenen, und es folgte ihm sehr bald der nächste<lb/>und ein
dritter.<lb/>Der Anblick meiner halbvollendeten Arbeiten, die<lb/>Skizzen
und Entwürfe hatten meine Lust zum Schaffen<lb/>neu belebt. Ich sehnte mich
nach der Arbeit, die neuen<lb/>prächtigen Räume meiner Werkstatt lockten
mich förmlich;<lb/>und die große Lebensfreiheit, der Reichthum, die
ich<lb/>jetzt vor mir in Aussicht hatte, hoben mir den Muth,<lb/>und machten
mir Verlangen, sie als Künstler auszu-<lb/>nutzen. Ich konnte die Ungeduld
endlich kaum be-<lb/>meistern, die mich zu meiner Werkstatt hinzog, und
nur<lb/>ein Mittel gab es, sie zu beschwichtigen - ich ritt
zu<lb/>Magdalenen hin.<lb/>Sie bat mich nicht, zu kommen, sie wunderte
sich<lb/>nicht, wenn ich mich häufig bei ihr einfand, nicht, wenn<lb/>ich
länger ausblieb. Sie war sich immer gleich, immer<lb/>gastlich, immer
freundlich und gefällig, und ich ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0497_230.tif" n="0230"/>
<p>7e<lb/>wöhnte mich allmälig, mit ihr zu verkehren wie mit<lb/>mir selbst. Nur
daß sie mich oft besser als ich mich<lb/>selbst verstand.<lb/>Im Herbste,
als wir unsern Landaufenthalt ver-<lb/>ließen, war auch sie schon von Albano
fort und wieder<lb/>in die Stadt gezogen, und es verging seitdem kaum
noch<lb/>ein Tag, an dem ich sie nicht sah und sprach. Alles<lb/>gewann für
mich an Reiz, wenn sie es mit mir theilte.<lb/>Es war mir ein Genuß, mit ihr
durch die Museen und<lb/>Galerieen zu wandern, ihr schönheitsdurstiges Auge
mit<lb/>Entzücken auf den Meisterwerken der Kunst verweilen<lb/>zu sehen,
ihrer glücklichen Auffassungsgabe erklärend vor-<lb/>wärts zu helfen, oder
mit ihr umherzuwandern in der<lb/>Umgebung der Stadt und unter den
Monumenten, die<lb/>aufrecht und in Trümmern, von vergangenen
Jahr-<lb/>hunderten und Jahrtausenden erzählen.<lb/>Ohne daß sie's wußte,
lernte ich von ihr an jedem<lb/>Tage. Denn wie mir einst in Gloria die
großartige<lb/>Formenschönheit der Antike unerwartet
entgegengetreten<lb/>war, so hatte ich an Magdalenen immer auf das
Neue<lb/>jene Harmonie in der Bewegung und im Ausdruck an-<lb/>zustaunen,
die wir in den Gebilden der griechischen<lb/>Kunst als den Geist der Antike
bezeichnen; und weil<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0498_231.tif" n="0231"/>
<p>Nu<lb/>ihr Thun ein so ruhiges und gleichmäßiges war, und<lb/>ich mich ihren
Gewohnheiten anzupassen trachtete, um<lb/>sie sehen und sie begleiten zu
können, kam auch in<lb/>meine Tageseintheilung eine feste Regelmäßigkeit,
die ich<lb/>bis dahin niemals eingehalten hatte. Dadurch gewann<lb/>ich Zeit
für Alles, was mir oblag: für meine Arbeit,<lb/>für meinen Vater, für
Magdalena; sogar das Leben in<lb/>der Gesellschaft kam nicht dabei zu kurz.
Ich habe<lb/>niemals mehr und mit mehr Glück gearbeitet, als in<lb/>jenen
ruhig befriedigten Tagen, und Magdalenens still-<lb/>beglückte Mienen zu
beobachten, wenn sie mit einer oder<lb/>der andern von ihren Bekannten von
Zeit zu Zeit mein<lb/>Atelier besuchend, das Fortschreiten meiner Arbeiten
sah<lb/>und pries, war mir jedes Mal ein Fest. Mit feinem<lb/>Verständniß
errieth sie, was ich wollte, sah sie, was<lb/>mir gelungen war. Ich konnte
mich bald des Gedankens<lb/>nicht erwehren, daß sie, und sie allein es
wisse, wie<lb/>mein Jdeal beschaffen sei; daß sie mit mir empfand,
wo<lb/>ich es nicht erreichte, wo der Geist des Stoffes nicht<lb/>vollkommen
Meister geworden war.<lb/>Magdalena ging nicht in die großen
Gefellschaften,<lb/>obschon ihr die Wege dazu durch Freunde und
Empfeh-<lb/>lungen geöffnet waren. Dennoch traf ich sie hier und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0499_232.tif" n="0232"/>
<p>2<lb/>dort, da sie von ihren in Rom lebenden oder zeitweise<lb/>dort
verweilenden Landsleuten sehr gesucht uud geschätzt<lb/>wurde; und wo immer
ich ihr begegnete, kam das er-<lb/>quickliche Gefühl des Heimischseins
gleich über mich.<lb/>Wo sie mir fehlte, fehlte mir die Ruhe, überkam
mich<lb/>Langeweile. Ich vermißte sie in den Sälen der vor-<lb/>nehmen Welt.
Ich dachte, wenn das kokette Federball-<lb/>spiel galanter Unterhaltung mich
gefangen nahm, an<lb/>die Vorabend -Stunde des nächsten Tages, an dem
ich<lb/>in heiterem Gespräch mit ihr verkehren würde. -<lb/>Wenn ich die
Gefallsucht der Frauen und Mädchen sich<lb/>abmühen sah, jeden ihrer Reize
in das rechte Licht zu<lb/>stellen, um jedem seine zündende Wirkung zu
ermög-<lb/>lichen, so sah ich im Geiste Magdalenen vor mir, die<lb/>gar
nicht wußte, wie das feine Spiel ihrer keusch ver-<lb/>hüllten Glieder den
Sinn beschäftigte.<lb/>Ich hegte großes Vertrauen zu ihr und
ihrem<lb/>Verstande. Es war mir etwas Neues, ein Frauenzimmer<lb/>ihres
Alters mit so ruhigem Ernste über die Verhält-<lb/>nisse ihres Vermögens und
Besizes sprechen zu hören,<lb/>wenn ihr regelmäßig die Berichte ihres
Verwalters ein-<lb/>gesendet wurden, von dem sie schon in den letzten
LebenS-<lb/>jahren der Großtante in diese Geschäfte eingeweiht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0500_233.tif" n="0233"/>
<p>28<lb/>worden war. Ich überlegte, ich berieth mit ihr meine<lb/>eigenen
Angelegenheiten gern. Ich fühlte mich ihrer und<lb/>ihrer Theilnahme
vollkommen sicher, weil ich ihr sehr<lb/>ergeben war, und kein Mißverstehen,
keine der kleinen<lb/>Eifersüchteleien, welche sogar der Freundschaft eigen
sind,<lb/>störte unseren Frieden. Die Gewißheit, sie an dem<lb/>nächsten
Tage zu sehen, ließ mich vergessen, daß auch<lb/>dieser entschwinden, daß
die Tage, welche ihm folgen<lb/>würden, flüchtig sein würden, so wie er. Ich
glaube,<lb/>ich habe mich nie gefragt, was ich für sie empfinde,<lb/>was
mich zu ihr ziehe. Ich ging zu ihr, gab mich ihr<lb/>hin und nahm sie in
mein Leben auf, wie reine Luft<lb/>und warmen Sonnenschein: als hätte ich
ein Recht<lb/>darauf und als kdnne mir das niemals fehlen. Wie<lb/>ein Kind
lebte ich im Glück des Augenblicks, und das<lb/>allein ist das
Glück.<lb/>Mein Vater, der mich ein und das andere Mal<lb/>mit ihr gesehen
hatte, wenn seine tägliche Ausfahrt ihn<lb/>über die Passegiata des Monte
Pincio geführt, hatte<lb/>mich nach ihr gefragt. Ich hatte sie ihm genannt,
ihm<lb/>von ihren Verhältnissen gesprochen und dabei erwähnt,<lb/>daß ich
viel mit ihr verkehre. Ich hatte das mit voller<lb/>Unbefangenheit gethan,
mein Vater es ohne Arg hin-<lb/>= rsF= »aasJöässaJsw=s Gg... « «<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0501_234.tif" n="0234"/>
<p>284<lb/>genommen. Ein deutsches, protestantisches, nicht durch<lb/>Schönheit
auffallendes Edelfräulein lag so ganz und<lb/>gar außer dem Bereich seiner
Heirathspläne für mich,<lb/>daß es gar nicht in Betracht kommen konnte;
und<lb/>wenn er mir auch bei jedem schicklichen Anlaß von<lb/>seinem
Wunsche, mich zu verheirathen, sprach so schien<lb/>er mir zunächst die
freie Wahl zu gönnen und sich<lb/>damit zu hegnügen, daß ich die Kreise viel
besuchte, in<lb/>welchen allein nach seiner Ansicht eine passende
Wahl<lb/>für mich zu treffen möglich war.<lb/>Von Pater Cyrillus hörten wir,
nur durch Donna<lb/>Carolina. Er hatte kurze Zeit nach meiner
Rückkehr<lb/>in die Heimath, ein paar Mal bei meinem Vater
vor-<lb/>gesprochen, und war schließlich noch einmal gekommen,<lb/>ihm
Lebewohl zu sagen, weil er Nom und seinen bis-<lb/>herigen Wirkungskreis auf
Befehl seiner Oberen verließ,<lb/>um in Frankreich eine anderweitige
Verwendung zu<lb/>finden. Er hatte dabei nach mir gefragt, hatte
die<lb/>vdlligste Sicherheit des Betragens an den Tag gelegt,<lb/>und sich
sehr geehrt gezeigt, durch die Mission, mit der<lb/>man ihn betraut, nachdem
man die Neberzeugung ge-<lb/>wonnen haben mochte, daß jene Mission, der er
sich in<lb/>unserem Hause freiwillig unterzogen hatte, unter den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0502_235.tif" n="0235"/>
<p>2<lb/>obwaltenden Umständen von ihm nicht mehr erfolgreich<lb/>durchzuführen
sei. Er hatte im Nebrigen auch sein<lb/>Theil gethan. Das ganze Vermögen
meiner Mutter war<lb/>auf die eine und die andere Weise in des
Ordens<lb/>Hände und Besitz gekommen.<lb/>Donna Carolina aber hatte
äußerlich ihren Frieden<lb/>ganz und gar mit mir gemacht, und mein Vater
und<lb/>Arrigo riethen mir, mich nicht dagegen aufzulehnen.<lb/>Sie sprach
es unumwunden aus, daß sie von mir und<lb/>unseren alten Familienbeziehungen
aus alter Gewohn-<lb/>heit nicht lassen kdnne. Die Liebe könne und
dürfe<lb/>treulos sein, die Freundschaft nicht; und eine
treue,<lb/>wohlmeinende Freundin, das würde ich selber wissen,<lb/>fei sie
mir stets gewesen.<lb/>Des Paters erwähnte sie immer nur, um mir
oder<lb/>meinem Vater mitzutheilen, mit welcher Auszeichnung<lb/>man
demselben, in Folge der ihm von Nom mit-<lb/>gegebenen Empfehlungsbriefe, im
Faubourg St. Germain<lb/>entgegenkomme. Gelegenilich hatte sie aber auch
darauf<lb/>hingedeutet, daß ich eine große Thorheit begangen hätte,<lb/>als
ich die Hand von Fräulein Alphonsine nicht an-<lb/>genommen, da sie jezt zu
den gefeiertsten Frauen des<lb/>Faubourg gehöre. Sie rühmte mir dann auch
diefe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0503_236.tif" n="0236"/>
<p>28e<lb/>oder jene junge Dame, warnte mich davor, nicht allzu-<lb/>lange zu
wählen, weil man gemeiniglich aus Neberdruß<lb/>an seiner
Unentschlossenheit, etwas recht Uebereiltes und<lb/>Unzweckmäßiges zu thun
pflege, und ich ließ das an<lb/>meinem Ohre vorübergehen wie Baumesrauschen
aus<lb/>der Ferne, als Etwas, das mich gar nichts anging.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0504_237.tif" n="0237"/>
<p>Becsschnles Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0505_238.tif" n="0238"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0506_239.tif" n="0239"/>
<p>zSeuber war der Winter verstrichen, das Früh-<lb/>jahr herangekommen, und mit
ihm der Todestag meines<lb/>ältesten Bruders. Wir waren, mein Vater und
ich,<lb/>nach unserer Kapelle gefahren, in welcher die Seelen-<lb/>messe für
den Verstorbenen gelesen wurde. Die nächsten<lb/>Freunde unseres Hauses
hatten der Feierlichkeit mit<lb/>angewohnt, und sie hatte meinen Vater sehr
erschüttert.<lb/>Alä wir miteinander bei der Heimfahrt allein im<lb/>Wagen
waren, saß mein Vater eine Weile in seine<lb/>Gedanken versunken schweigend
neben mir. Dann richtete<lb/>er sich auf und sagte mit einer müden Ruhe, die
sich<lb/>jetzt bisweilen an ihm kund gab: Im nächsten Jahre<lb/>wirst Du
vielleicht allein dem Bruder die Ehren- und<lb/>Liebespflicht zu leisten
haben, und wer wird da sein,<lb/>wenn die Reihe einst an Dich
kommt?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0507_240.tif" n="0240"/>
<p>1<lb/>Ich suchte ihn mit den Hoffnungen zu ermuthigen,<lb/>zu welchen seine
kräftige Natur mir den Muth gab<lb/>und die meine Liebe für ihn erfüllt zu
sehen begehrte.<lb/>Er ließ das unbeachtet.<lb/>Ich spreche nicht von mir,
von Dir ist es, daß<lb/>ich rebe! sagte er. Du bist gesund, bist im
kräftigsten<lb/>Alter, ein jugendlicher Mann. Aber Delne Brüder,<lb/>waren
sie das nicht? Des Schickfal, wie Du die Vor-<lb/>sehung zu nennen liebst,
hat seine Launen. Die Vor-<lb/>sehung führt den Menschen und die
Menschengeschlechter<lb/>auf Wege, welche von denselben nicht erwartet
werden.<lb/>Ich hatte nicht gedacht, als Du uns geloren wurdest,<lb/>daß mir
in Dir die Hoffnung meines Lebensabendes<lb/>gegeben würde. Was ich von Dir
wünsche und erwarte,<lb/>weißt Du! Ichh habe Dir Zeit gelassen, habe
Dich<lb/>nicht bedrängen, Dir freie Wahl vergönnen wollen.<lb/>Du hast Dich
bisher zu einer solchen nicht entschließen<lb/>können, obschon in den uns
befreundeten Familien jetzt<lb/>sehr schickliche Heirathen mit
liebenswürdigen Personen<lb/>für Dich zu finden waren. Du wirst mir
einwenden,<lb/>daß Du keine Eile, daß Du keine zwingende Reigung<lb/>zu
solchem Schritte habest, denn die Jugend pflegt nur<lb/>an sich zu denken;
aber, vergiß es nicht, mein Sohn,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0508_241.tif" n="0241"/>
<p>41<lb/>ich habe Eile, und wenn ich meine Augen schließe, bist<lb/>Du
allein!<lb/>Der Wagen war in das Portal eingefahren, die<lb/>Diener dffneten
den Schlag, ich führte meinen Vater<lb/>die Treppen hinauf, er zog sich in
sein Zimmer zurück,<lb/>die Unterhaltung hatte ein Ende. Mir aber waren
die<lb/>lezten Worte, welche er zu mir gesprochen hatte, wie<lb/>ein
elektrischer Funke in das Herz geschlagen, daß es<lb/>aufwallend in heißer
Gluth sie wiederholen und wieder-<lb/>holen mußte, um zu erkennen, was
unerkannt in mir<lb/>gelebt, fast seit ich Magdalenen zum erstenmal
gesehen<lb/>hatte.<lb/>Allein! allein! klang es in meinem Innern
nach.<lb/>Und ist sie denn nicht da? ist Magdalena denn nicht<lb/>da? rief
ich, daß ich es hörte, als hätte es ein Anderer<lb/>mir gesagt. E
überraschte mich und war mir doch<lb/>nicht neu. Ich war mir der Liebe
bewußt gewesen,<lb/>mit der ich an ihr hing, der Zärtlichkeit, mit der
ich<lb/>um sie sorgte. Unermüdlich hatte mein Auge sich an<lb/>ihrer Anmuth,
ihrer Wohlgestalt geweidet. Jeden Iug,<lb/>jede Miene ihres sanften
Gesichtes liebte ich, jeden Blick<lb/>und Aufschlag ihrer Augen kannte ich,
sie war mir<lb/>F. Lewald, Benvenuto. 1l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0509_242.tif" n="0242"/>
<p>LB<lb/>immer reizend, immer beachtenöwerth erschienen. Im<lb/>Traume hatte
ich sie einst umfangen, war aufgeregt von<lb/>der Erinnerung bei ihr
eingetreten, und ihre ahnungs-<lb/>lose, unschuldige Ruhe hatte das
leidenschaftliche Ver-<lb/>langen schweigen machen, daß mich jetzt um so
mächtiger<lb/>ergriff und fortzog --- hin zu ihr.<lb/>Weil mein ganzes
Empfinden sich zusammendrängte<lb/>in einen einzigen Gedanken, weil ich
meiner so sehr<lb/>sicher war, zweifelte ich noch weniger an ihr.
Ich<lb/>stand vor ihrem Hanuse, ich trat in ihre Wohnung ein,<lb/>gewiß sie
zu Hause anzutreffen. Ihre alte Begleiterin,<lb/>des Dienstes sehr gewohnt,
öffnete mir die Thüre. Ich<lb/>fragte nach der Herrin, sie war ausgegangen.
Ich sollte<lb/>sie erwarten, sagte die Dienerin, fie müsse sehr
bald<lb/>wiederkehren.<lb/>Magdalenens Zimmer waren mir' vertraut
und<lb/>lieb. Ich kannte jeden Plaz, jedes ihrer Bücher, jede<lb/>ihrer
Nähgeräthschaften. Ich hatte sie alle oft in<lb/>Händen gehabt: mit der
Scheere gespielt, die Maaß-<lb/>Bandrolle oft um meinen Finger gewickelt,
wenn ich in<lb/>ruhigem Gespräch mit ihr, auf dem Stuhle vor
ihrem<lb/>Ecksopha gesessen hatte. Ich ging hin und her. Ich<lb/>blätterte
in ihren Büchern, ich sah ihre kleinen Blumen-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0510_243.tif" n="0243"/>
<p>24<lb/>malereien durch. Sie ließ sich lange erwarten und sie<lb/>war sonst
immer pünktlich.<lb/>Ich rief ihre Dienerin, ich fragte, wo die
Herrin<lb/>hingegangen wäre. Sie wußte es nicht zu sagen, und<lb/>wieder
schritt ich in dem Zimmer umher und stand am<lb/>Fenster, voll Sehnfucht,
endlich die liebe schlanke Ge-<lb/>stalt die Straße hinaufkommen zu sehen.
Daneben<lb/>dachte ich mit Beklommenheit daran, daß ich neuen<lb/>Kämpfen
mit meinem Vater entgegenzugehen hätte.<lb/>Magdalena war Nichts weniger als
eine Heirath, wie<lb/>sie sich nach seinen Ansichten für den Erben des
Ar-<lb/>mero'schen Besizes schickte. Ihr bescheidenes Vermögen<lb/>kam neben
dem unseren nicht in Betracht. Sie war<lb/>sechsundzwanzig Jahre, sie hatte
weder eine Schönheit,<lb/>noch einen großen Namen, die für den fehlenden
Reich-<lb/>thum als eine Entschädigung gelten konnten; vor Allem<lb/>aber
war sie keine Katholikin, und daß ein Armero<lb/>daran denken konnte, sich
mit einer Protestantin zu ver-<lb/>binden, das mußte meinem Vater nothwendig
als eine<lb/>Unmöglichkeit erscheinen. Indeß weil ich meiner dauern-<lb/>den
und opferwilligen Liebe für Magdalena sicher wr,<lb/>so hielt ich mich der
gleichen Empfindungen auch von<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0511_244.tif" n="0244"/>
<p>L44<lb/>ihr gewiß; und wenn sie sich entschloß, um meinet-<lb/>willen sich zu
unserer Kirche zu bekennen, hoffte ich alle<lb/>anderen Schwierigkeiten,
wenn auch nur langsam und<lb/>mit geduldiger Beharrlichkeit, überwinden zu
können.<lb/>Beharrlichkeit! Gerade sie war es, die mir bis dahin<lb/>gefehlt
hatte. Meine Wünsche, meine Neigungen, meine<lb/>Leidenschaften hatten oft
gewechselt. Ich wußte das,<lb/>ich sagte mir das, und fühlte daneben, daß
ich von<lb/>Magdalenen niemals lassen könne, denn ganz andere<lb/>Bande, ein
ganz anderes Verständniß, eine Liebe, die<lb/>ich nie gekannt hatte, bis ich
sie gefunden, ketteten mich<lb/>an Magdalena. Aber Geduld? -- Wie konnte ich
ge-<lb/>dnldig sein, da fie nicht kau, da sie gegen alle Voraus-<lb/>sicht
so lange auf sich warten ließ?<lb/>Ich dachte darüber nach, wo fie nur sein
kdnne,<lb/>ich fühlte mich versucht, ihr entgegen zu gehen, ohne<lb/>zu
wissen, wohin-- nur weil sie mir hier in diefem<lb/>Raume gar so schmerzlich
fehlte. Ich besann mich auf<lb/>den gestrigen Abend und auf die lezten
anderen Male,<lb/>in denen ich sie zuletzt gesehen hatte, und ich
meinte<lb/>mich zu erinnern, daß sie nicht so heiter, daß sie<lb/>weniger
gleichmäßig gewesen sei, als ich sie zu sehen<lb/>gewohnt war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0512_245.tif" n="0245"/>
<p>I1<lb/>Gestern noch waren ihr bei einem gleichgültigen<lb/>Anlaß, als ich ihr
davon gesprochen hatte, wie ich im<lb/>nächsten Herbste an die Ausführung
der Penelope gehen<lb/>würde, zu der ich einmal eine kleine Skizze
modellirt.<lb/>die Thränen in die Augen gekommen. Auch neulich war<lb/>das
Nämliche geschehen, als sie mir davon erzählte, wie<lb/>man auf den Gütern
in ihrem Vaterlande die Vollendunzz<lb/>der Ernte als Fest begehe, und wie
sie in dem Sommer<lb/>dieses Jahres dabei zum ersteu Male als Herrin
walten<lb/>werde, da sie den lezten Sommer außer Landes zu-<lb/>gebracht
habe.<lb/>Jetzt, weil ich's wünschte, deutete ich dies Leztere<lb/>zu meinen
Gunsten aus; und wie ich dann noch einmal<lb/>an das Fenster trat, um nach
ihr zu spähen, vermißte<lb/>ich plötzlich in der Ecke zur linken Hand eine
kleine<lb/>Terracotta und einige andere kleine Kunstgegenstände,<lb/>welche
immer dort gestanden hatten. Die ganze kleine<lb/>Etagere war heute leer,
und auch die Mappen mit den<lb/>Kupferstichen und den Ansichten von Rom, die
ich in der-<lb/>selben Ecke immer stehen sehen, waren heut'
verschwunden.<lb/>Gleichgültig, zufällig, wie solche Aenderung mir<lb/>in
jedem anderen Falle vorgekommen sein würde, fiel<lb/>sie mir jezt auf. ,ch
sah mich um, die Sachen waren an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0513_246.tif" n="0246"/>
<p>L4e<lb/>keinem anderen Platze zu entdecken, und nun erst entsann<lb/>ich
mich, daß bei meinem Eintritt, in dem Vorflur eine<lb/>Holzkiste gestanden
hatte, die ich bisher dort nie bemerkt<lb/>hatte. Ich wollte hinausgehen,
die Dienerin zu fcagen,<lb/>was das zu bedeuten habe. In dem Augenblick
trat<lb/>Magdalena ein, und mich an das Aeußerlichste haltend,<lb/>weil mir
das Herz so voll war, rief ich, ohne sie nur<lb/>zu begrüßen: Wo haben sie
denn die Mappen hin-<lb/>gebracht und die Sachen von der Etagöre?<lb/>Ich
habe sie verpacken lassen! gab sje mir zur<lb/>Antwort; aber sie reichte mir
nicht die Hand, und sah<lb/>nicht zu mir auf. Ihre Begleiterin war
eingetreten,<lb/>ihr den Hut und den Shawl abzunehmen, sie selber<lb/>ging
in die andere Ecke des Gemachs, ihre Handschuhe<lb/>und ihren Fächer
fortzulegen.<lb/>Ich sah das, ich hatte ihre Worte auch vernommen,<lb/>aber
weil sie in solchem Widerspruch mit meinem<lb/>Herzen und der Absicht
standen, in der ich zu ihr ge-<lb/>kommen war, in der ich die Minuten und
die Secunden<lb/>bis zu Magdalenens Heimkehr an dem Zeiger der Ühr<lb/>hatte
vorübergleiten sehen, kamen sie mir unvernünftig<lb/>vor, und sie
nachsprechend, ohne es recht zu wollen,<lb/>sagte ich: Verpacken lassen?
Weshalb denn verpacken lassen?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0514_247.tif" n="0247"/>
<p>Iu?<lb/>Ich wünsche sie zu Hause vorzufinden! bedeutete<lb/>sie mir. Jedes
ihrer Worte fiel mir wie ein kalter<lb/>Tropfen auf mein heißes Herz. Zum
ersten Male erschien<lb/>mir ihre Ruhe fürchterlich - und wie in
einen<lb/>Zauberspiegel tauchte in meiner Seele jener Morgen auf.<lb/>an
welchem Gloria gekommen war, mir von ihrer be-<lb/>vorstehenden Abreise zu
sprechen. Ein Blick, ein Aus-<lb/>ruf waren genug gewesen, sie in meine
Arme, an meine<lb/>Brust zu führen, denn sie hatte mich geliebt.
Magdalena<lb/>hingegen schien nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht<lb/>zu
ahnen, was in diesem Augenblicke in mir vorging.<lb/>Ich war wie gelähmt.
Wie sollte ich ihr von<lb/>Liebe sprechen, die so kalten Blutes von mir
gehen<lb/>wollte? Wie konnte ich erwarten, daß sie bereit sein<lb/>würde,
mir das Opfer zu bringen, daß ich von ihr<lb/>fordern mußte? Daß sie
einwilligen wüirde, mit mir gegen<lb/>die großen Hindernisse geduldig
anzukämpfen und auszu-<lb/>harren, welche unserer Verbindung schwer
entgegenstanden?<lb/>Sie, die vorsorglich darauf bedacht war, es sich
bequem<lb/>und angenehm zu machen in der Heimath, in dem eigenen<lb/>Hause,
fern, ach wie fern von mir!<lb/>Ich nannte mich in meinem Herzen einen
eiteln<lb/>Thoren, ich kam mir lächerlich vor, aber ich war dabei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0515_248.tif" n="0248"/>
<p>218<lb/>sehr unglücklich; und unfähig, ein Wort zu finden, setzte<lb/>ich
mich schweigend nieder.<lb/>Jetzt wurde sie aufmerksam. Was haben
Sie?<lb/>Weshalb sprechen fie nicht mit mir? Was ist Ihnen
denn<lb/>geschehen, mein Freund? fragte sie.<lb/>Mein Zustand war ein
unerträglicher. Ich wußte,<lb/>daß das erste Wort, welches über meine Lippen
käme, ein<lb/>Vorwurf sein würde, der ihr verrieth, was ihr zu
ge-<lb/>stehen ich nicht mehr wünschen konnte. Endlich aber<lb/>hielt ich
mich nicht mehr länger; und mit dem bös-<lb/>willigen Ungeschick gekränkter
Lebe sagte ich: Sie haben<lb/>eine sonderbare Weise, Ihre Absichten vor
Ihren Freun-<lb/>den zu verbergen. Sie rüsten sich zum Aufbruch,
Sie<lb/>wollen Rom verlassen, und ich erfahre das nur bei-<lb/>läufig, nur
durch einen Zufall.<lb/>Sie zuckte zusammen, ich sah, wie sie die
Antwort<lb/>unterdrückte, die ihr auf den Lippen schwebte, und leise<lb/>den
Kopf bewegend, sprach sie: Sie tadeln mich! und<lb/>ich hatie es wirklich
gut gemeint. Ich wollte Ihnen<lb/>wenigstens das Erwarten der Trennung
ersparen, das<lb/>immer weh thut, wenn man gern beisammen war, und<lb/>von
einander geht, ohne zu wissen, ob man ein Wieder-<lb/>sehen haben
wird.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0516_249.tif" n="0249"/>
<p>49<lb/>Ihre Fassung raubte mir die meine völlig, und<lb/>ihre Hände fest
ergreifend, sagte ich ihr Alles, was ich<lb/>für sie auf dem Herzen hatte.
Ich sagte ihr, wie ich<lb/>neben ihr hingelebt in einem ungekannten Glück
und<lb/>Frieden, wie ein neuer Sinn in mich gekommen, seit ich<lb/>sie
kennen lernen, wie mein Wollen, mein Thun, mein<lb/>Wünschen umgewandelt
seien durch sie; und mit all meiner<lb/>Liebe bot ich ihr meine Hand an, bat
ich sie, die Meine<lb/>zu werden. Aber ich wartete vergebens auf ihr
Wort<lb/>der Zusage. Ihre Hände waren kalt geworden, ihre<lb/>Lippen preßten
sich krampfhaft zusammen, ich sah, wie<lb/>angstvoll ihre Brust sich hob und
senkte, sie war so<lb/>blaß geworden, daß es mich erschreckte.<lb/>Ich rief
sie mit ihrem Namen, meine Angst um<lb/>sie steigerte meine Leidenschaft.
Ich beschwor sie, mir zu<lb/>antworten, mir zu sagen, daß sie mich liebe.
Sie hatte<lb/>sich von mir frei gemacht, und die gefalteten Hände<lb/>gegen
die Brust gedrückt, flehte sie: Wenn Sie mich<lb/>lieben - nicht weiter!
nicht weiter! Es geht über<lb/>meine Kräfte, Sie zerreißen mir das
Herz!<lb/>Ich stand ihr rathlos gegenüber und auch mir<lb/>krampfte sich das
Herz zusammen in der Brust. Es ist<lb/>hart und bitter sich verschmäht zu
sehen, beschämend,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0517_250.tif" n="0250"/>
<p>25<lb/>sich eingestehen zu müssen, daß man mit eitlem Hoffen<lb/>sich
betrogen hat. Aber das Verlangen, sie mir zur<lb/>Gattin, zur
Lebensgefährtin zu gewinnen, war mächti-<lb/>ger, als jedes andere Gefühl,
und um mich herauszu-<lb/>finden aus dem Chaos widerstreitender Gedanken
fragte<lb/>ich: Magdalena! also lieben Sie mich nicht?<lb/>Die Thränen
tropften ihr still' aus den Augen,<lb/>die sie mit der Hand verdeckt hielt,
sie schllttelte leise<lb/>das Haupt: Nein! nicht, wie Sie es wünschen,
wie<lb/>Sie's fordern müssen! sagte sie kaum hörbar, und ging<lb/>schnell
hinaus.<lb/>Ich stand und sah ihr nach. Ich hätte ihr zürnen<lb/>mögen, denn
es war mir schlecht zu Muthe. Aber wie<lb/>sollte ich ihr zürnen, da ich
ihren Schmerz gesehen hatte<lb/>und voll Mitleid, voll Sorge um sie
war.<lb/>Die Dienerin, die mir das Geleit gab, fragte mich<lb/>zutraulich,
ob ich am Abend wiederkäme. Ich hatte ihr<lb/>nicht wie sonst die Antwort
darauf zu geben. Noch<lb/>einmal blickte ich nach dem Zimmer zurück, über
dessen<lb/>Schwelle ich manch liebes Mal in froher Zuversicht
ge-<lb/>schritten war, dann ging ich meines Weges. - Aber<lb/>meine Gedanken
fanden keine Nuhe.<lb/>Ich erschdpfte mich in Muthmasßungen über<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0518_251.tif" n="0251"/>
<p>Bt<lb/>Magdalenens Weigerung. Ich sann und sann, mir zu<lb/>erklären was sie
zurückhalte, sie hindere, sich mit mir<lb/>zu verbinden. Ein früheres
Versprechen konnte es nicht<lb/>sein, denn sie selber hatte mir gestanden,
sie habe nie<lb/>geliebt; und an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln,
kam,<lb/>trotz, meiner Verwirrung nicht einen Augenblick in meinen<lb/>Sinn.
Ich erinnerte mich ihres Betragens seit der<lb/>ersten Stunde unserer
Bekanntschaft. Ich konnte mir jede<lb/>Stunde unseres Beisammenseins mit
Deutlichkeit zurück-<lb/>rufen. Mir fielen Worte, Mienen, Freundlichkeiten
von<lb/>ihr ein, die mich sicher neben ihr gemacht, die mich zu<lb/>dem
Glauben berechtigt hatten, daß ich ihr theurer sei,<lb/>daß sie mich liebe.
Der Tag verging mir in wirrer<lb/>Pein, in einem Schmerz, dessen ich mich
hätte schämen<lb/>mögen, hätte ich es vermocht.<lb/>Gegen den Abend brachte
ihre Dienerin mir einen<lb/>Brief von ihr. So klar und ruhig, daß mir gar
kein<lb/>Zweifel über ihre Gesinnung bleiben konnte, sezte sie<lb/>mir
auseinander, wie sie eine ernste und herzliche Freund-<lb/>schaft für mich
habe, wie sie diese zu den besten Er-<lb/>werbnissen ihres Lebens zähle;
aber wie jene innere<lb/>Stimme, von der sie sich habe führen lassen bis
auf<lb/>diesen Tag und die sie nie betrogen habe, ihr die un-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0519_252.tif" n="0252"/>
<p>od7D<lb/>umstößliche Neberzeugung gebe, daß fie weder mich glück-<lb/>lich zu
machen, noch in der Ehe mit mir glücklich zn<lb/>werden im Stande sei. Habe
ich Achtung vor ihr,<lb/>hege ich Vertrauen zu ihr und liebe ich sie, so
möge<lb/>ich sie in ihrem Entschlusse, der nach ihrer festen
leber-<lb/>zeugung zu unserm beiderseitigen Heil gereiche,
nicht<lb/>beirren. Ihre Vorbereitungen für die Abreise seien schon<lb/>seit
Tagen vollendet. Morgen mit dem Frühesten werde<lb/>sie gen Norden in die
Heimath ziehen; und sie begehre<lb/>es von uir als einen Liebeödienst, daß
ich sie ohne<lb/>weitere Erörterungen scheiden lasse. Habe ich
dereinst<lb/>das Glück gefunden, das sie muir nicht bereiten könne,<lb/>so
möge ich ihrer darüber nicht vergessen, sondern an<lb/>sie denken, wie an
die Genossin schöner Tage und<lb/>Stunden, die als leuchtende Erinnerung ihr
Leben ver-<lb/>schönen würden, wie es in der Zukunft sich auch
ge-<lb/>stalten möge.<lb/>Der Brief war edel, würdig, gütig, aber er
wirkte<lb/>doch anders als dgs Wort von ihrer Stimme. Er<lb/>kränkte meine
Liebe und beleidigte meinen Stolz. Sie<lb/>sollte ihren Willen haben. Jedoch
in Rom zu bleiben,<lb/>so lange sie dort noch verweilte, das vermocht'
ich<lb/>nicht.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0520_253.tif" n="0253"/>
<p>=5I<lb/>Ich schrieb ihr: Sie sollen gehorsamt werden!<lb/>Leben Sie wohl! --
Ihrer Entschlossenheit gegenüber<lb/>war ja auch weiter Nichts zu
sagen.<lb/>Mein Vater hatte schon seit einigen Tagen ge-<lb/>äußert, daß es
ihm lieb sein würde, wenn ich einmal<lb/>in das Gebirge ginge, nach unseren
dortigen Angelegen-<lb/>heiten zu sehen. Ich ließ mein Pferd satteln und
ritt<lb/>hinas. Wie ich an das Thor kam, wie sich das osfene<lb/>freie Land
vor meinen Augen aufthat, erschreckte mich<lb/>die Weite.<lb/>Gewaltsam zeg
es mich zurück und hin zu ihr.<lb/>Aber als Schwächling wollte ich der
Willensstarken nicht<lb/>erscheinen - - und hier endet der Roman!<lb/>Als
ich vier Tage später nach der Stadt zurück-<lb/>kam, war Magdalena schon
lange abgereist. Die Fenster<lb/>ihrer Wohnung waren weit geöffnet, die
Dienstboten<lb/>des Hanses handtirten mit Bütrsten und Besen in
den<lb/>Zimmern umher. Ich machte, daß ich aus der Straße<lb/>fort kamn. Ich
konnte das Haus nicht sehen, ich konnte<lb/>viele Tage lang die Promenade
nicht betreten, die Pfade<lb/>und Wege nicht gehen, auf denen ich in
glücklichen<lb/>Stunden ihr Begleiter gewesen war. Sie fehlte
mir<lb/>überall! überall! und-- sie fehlt mir hente noch!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0521_254.tif" n="0254"/>
<p>B?s<lb/>Einmal, wenig Wochen nach unserer Trennung,<lb/>ich stehe nicht an,
es Ihnen zu bekennen, habe ich ihr<lb/>geschrieben. Sie hat mir auch
geantwortet, wie sie es<lb/>vordem gethan, und ich habe mich
beschieden.<lb/>Seitdem ist mein Vater hingegangen, ich bin allein<lb/>in
unserem Hause und ich fühle es oft genug, wie es<lb/>nicht gut ist, daß der
Mensch allein sei, wie es gerathen<lb/>wäre, mir eine Frau zu nehmen, eine
Gattin, eine<lb/>Herrin einzuführen in mein ödes Haus. Aber Magda-<lb/>lena
steht zwischen mir und jeder anderen Frau!<lb/>Ich habe schönere,
glänzendere Frauen gekannt,<lb/>geliebt, als sie; und ich denke jener
Frauen, als läge<lb/>ein halb Jahrhundert und die ganze Welt zwischen
mir<lb/>und ihnen. Sie bedeuten Nichts mehr für mein Leben.<lb/>Magdalena
kann ich nicht vergessen. Unbeständig,<lb/>wie ich es gewesen bin, hänge ich
an ihr noch heute.<lb/>Und nun werden Sie e verstehen, das Bekennt-<lb/>niß,
das ich Ihnen bei unserem lezten Beisammensein<lb/>gethan habe und das Sie
damals lachen machte: daß<lb/>ich verschmäht ward, als ich zum ersten Male
wahrhaft<lb/>liebte. Lachen Sie auch heute darüber, wenn Sie<lb/>mögen. Ich
vermag es nicht!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0522_255.tif" n="0255"/>
<p>Ziebenzehntes Capilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0523_256.tif" n="0256"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0524_257.tif" n="0257"/>
<p>,Fenvenuto's Aufzeichnungen endigen damit, und ih<lb/>habe nicht gelacht bei
ihrem Schlusse.<lb/>Es war ein wunderbarer Zufall, der uns
ihn<lb/>wiederfinden lässen in der Pariser Ausstellung, und der<lb/>mir
damit die Fäden seines Schicksals und nicht allein<lb/>des seinen, in die
Hand gegeben hatte. Denn ich kannte<lb/>Magdalena, und ich wußte mehr von
ihr, als sie Ben-<lb/>venuto zu sagen für gut befunden hatte.<lb/>Ihre
Mutter war mir eine Freundin gewesen bis<lb/>zu ihrem frühen Tode. Ich hatte
Magdalena aus der<lb/>Taufe gehoben und war, da auch ihre Großtante
mir<lb/>nahe gestanden hatte, nicht ohne Einfluß geblieben auf<lb/>die
Erziehung, die man ihr gegeben. Nach dem Tode<lb/>ihrer Pflegemutter, und
nachdem ihr das Vermögen<lb/>derselben zugefallen war, hatte ich selber sie
veranlaßt,<lb/>F. Lewald, Benvenuto. P.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0525_258.tif" n="0258"/>
<p>L78<lb/>ihre Heimath zeitweilig zu verlassen, um sich selbst-<lb/>ständiger
zu bewegen, als es bis dahin möglich für sie<lb/>gewesen war, um sich einen
weiteren und freieren Blick<lb/>in die Welt zu verschaffen, und einen
belebenden Menschen-<lb/>verkehr zu suchen und kennen zu lernen. Ich hatte
den<lb/>Reiseplan für sie entworfen, und alle ihre Briefe sprachen<lb/>mir
es aus, daß ich das Richtige für sie getroffen hätie,<lb/>daßß sie ihres
Lebens froh sei, wie nie zuvor.<lb/>Namentlich seit sie sich in Rom befand,
schien ein<lb/>neuer Geist über sie gekommen zu sein. Ihre Briefe<lb/>waren
schwungvoll, ihre Schreibweise hatte einen ande-<lb/>ren Rythmus bekommen,
ihr ganzes Wesen eine uner-<lb/>wartete Entfaltung. Ich schob das auf die
Einwirkung<lb/>von Nom, auf den Verkehr mit Menschen aus den
ver-<lb/>schiedensten Gegenden, auf den Unigang mit
den<lb/>Künstlern.<lb/>Plözlich blieben ihre Briefe aus. Es war nach<lb/>dem
neuen Jahre, der Carneval halte begonnen, ich ver-<lb/>muthete also, daß die
gesellschaftlichen Zerstreuungen sie<lb/>in Anspruch nähmen, und ich machte
mir keine Sorge<lb/>um ihr Schweigen. Indeß es fiel mir endlich
dennoch<lb/>auf, und mit ein paar Zeilen, die ich unter ihrer<lb/>rdmischen
Adresse an sie abgehen ließ, erkundigte ich mich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0526_259.tif" n="0259"/>
<p>259<lb/>nach ihr. Die Antwort ließ mehrere Wochen auf sich<lb/>warten, und
als ich sie in Händen hielt, fand ich zu<lb/>meiner Verwunderung, daß der
Brief den Poststempel<lb/>des deutschen Landstädtchens trug, in dessen
nächster<lb/>Nhe Magdalenens ererbtes Gut gelegen war.<lb/>In der Stunde, in
welcher ich ihn erhalten, hatte<lb/>der Brief mich sehr erschüttert. -- Ich
las ihn wieden,<lb/>als ich Benvenuto's Bekenntnisse beendet hatte; und
ich<lb/>theile ihn hier mit, da keine Rücksicht irgend einer Art<lb/>es mir
verbietet. Er enthält die Lösung für Magda-<lb/>lenens räthselhaftes
Fortgehen, wie er die Zauberformel<lb/>in sich schloß, das Dunkel zwischen
den beiden Liebenden<lb/>aufzuhellen, und das Leid in Freude zu
verwandeln.<lb/>Du wirst Dich wundern, meine treue mütterliche<lb/>Freundin,
so lautete das Schreiben, wenn Du aus<lb/>meinem Dorfe die Antwort auf den
Brief empfängst,<lb/>mit welchem Deine Güte mich in Rom aufsuchen
wollte.<lb/>Ist es mir doch selbst noch unbegreiflich, daß ich hier<lb/>bin,
wo unter einem trüben Himmel der Schatten<lb/>unserer alten Linden mein
Zimmer heut' noch dunkler<lb/>macht, und wo ich hingegangen bin, um das Land
voll<lb/>Licht und Sonne zu vergessen, um Alles! Alles zu be-<lb/>graben,
was ich doch nicht vergessen kann und nicht ver-<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0527_260.tif" n="0260"/>
<p>O<lb/>gessen will. Nein! ich will es nicht vergessen; denn<lb/>mein Leben hat
erst Werth bekommen, seit ich weiß was<lb/>Leben heißt, seit ich an Glück
und Leid erprobt habe,<lb/>was ich zu genießen und was zu tragen ich
im<lb/>Stande bin.<lb/>Das klingt geheimnißvoll, klingt Dir vielleicht
auch<lb/>überspannt. Aber glaube mir, ich habe kein Geheim-<lb/>niß zu
verbergen, dessen ich mich vor Dir, oder, was<lb/>noch mehr ist, vor mir
selber schämen müßte. Das was<lb/>ich that, würde Dir, ich bin deß sicher,
von der Ver-<lb/>nunft, ebenso wie von der leidenschaftlichen Liebe
als<lb/>Nothwendigkeit geboten erscheinen, die ich für ihn hege.<lb/>Frage
um Nichts! Was ich Dir sagen kann, will<lb/>ich Dir sagen. Es wird mir noch
schwer, davon zu<lb/>sprechen; es ist Alles noch zu neu, zu frisch.
Das<lb/>Herz blutet noch und schmerzt mich noch. Es ist auch<lb/>nicht viel
davon zu berichten, es ist Mlles mit wenig<lb/>Worten abzuthun.<lb/>Ich habe
einen Mann kennen lernen, den ich liebte,<lb/>bald nachdem ich ihn gesehen
hatte. Er war aus-<lb/>gezeichnet durch Schönheit, durch vornehme Geburt,
ein<lb/>Künsler von hoher Bedeutung. Ich wußte, daß ihm<lb/>die große Welt,
in der er lebte, huldigte, daß er zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0528_261.tif" n="0261"/>
<p>21<lb/>wählen hatte unter den schönen Frauen, die von alle:<lb/>Völkern in
Rom zu treffen sind. Man hatte mir aucz<lb/>gesagt, daß sie ihm
schmeichelten, daß er viel Leiden-<lb/>schaften angefacht, viel Leidenschaft
durchlebt, daß e<lb/>schwere Schicksale bestanden habe, schwere
Familien-<lb/>Zerwürfnisse ihn Jahre hindurch aus seinem
Vaterlande<lb/>fortgetrieben, von seinem Vater getrennt hatten, und
daß<lb/>er eben erst heimgekommen sei, ausgesöhnt mit diesem<lb/>stolzen
Greise, um neben demselben in dessen letzten Tagen<lb/>die Sohnespflicht in
liebender Ergebung zu erfüllen.<lb/>Ich hatte das angehört, wie ich in
meiner Kindheit<lb/>den Schilderungen von dem fernen Süden
gelauscht<lb/>habe. Es war mir Alles so fremd, lag gar so weit<lb/>ab von
den Bereichen, in die ich mich hineingehörig<lb/>fühlte. Es zog mich an,
doch sagte ich mir, derlei sei<lb/>nicht für mich vorhanden; es kümmerte
mich persön-<lb/>lich nicht.<lb/>Aber wie des Sütdens Sonne, als ich so
unerwartet<lb/>nach Jialien gelangte, mir das Herz erschloß, daß es<lb/>mit
schnelleren Pulsen schlug; wie ich es inne wurde<lb/>unter Jtalienö
lichterfülltem Himmel, daß auch ich<lb/>geboren sei, um das Glück des
Daseins mit menschlichem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0529_262.tif" n="0262"/>
<p>2<lb/>Entzücken zu empfinden, so wachte ich zum Vollgefühl<lb/>der Liebe auf,
als ich ihn sah.<lb/>Ich wußte bald, was mir geschehen war; aber<lb/>statt
zu fliehen, statt zu meiden, was ich begehren<lb/>lernte und was nicht für
mich da sein konnte, blieb ich.<lb/>Das war ein Fehler, war die Schuld, die
ich jetzt büße.<lb/>Ich vertraute meiner Kraft. Sie reichte eben hin,
mir<lb/>schweigend den Stachel in die Brust zu drücken, und<lb/>mit einer
Lütge von ihm fortzugehen für immerdar.<lb/>Auch das wirst Du wieder nicht
verstehen. Nun<lb/>denn! Weil ich gewöhnt war, ehrlich in dem
eigenen<lb/>Herzen zu lesen, las ich bald in dem seinen mit der<lb/>gleichen
Deutlichkeit. Ich sah, wie sein Antheil an mir<lb/>sich in Zuneigung
verwandelte, wie es ihm behaglich<lb/>war, dem an die Frauen der romanischen
großen Welt<lb/>gewöhnten Manne, in der stillen Umgebung, die
wir<lb/>Deutsche nicht entbehren kdnnen; wie die Beschränkung<lb/>ihm wohl
that, wie er sich in ihr sammelte und ver-<lb/>tiefte, und wie neu es ihm
war, sich von der Vorsorge<lb/>einer ihn liebenden Frau, statt von einer
eihe bezahlter<lb/>Domestiken bedient zu sehen. Er kannte unsere
Sprache,<lb/>er lernte mehr und mehr und endlich mit tiefem Ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0530_263.tif" n="0263"/>
<p>2L<lb/>ständniß unsere Dichter, unfere Lieder lieben. -- Es war<lb/>Alles
Liebe zwischen mir und ihm, und er ahnte nicht<lb/>die meine, er war sich
der seinen nicht bewußt. Wie<lb/>follte er es auch? -- Ich war den Frauen,
die er<lb/>bisher geliebt hatte, so wenig ähnlich. Ich war nicht<lb/>schön,
nicht glänzend, ich war nicht einmal jung! Nach<lb/>römischen Begriffen war
ich alt mit meinen sechsund-<lb/>zwanzig Jahren. Ich sagte mir das an jedem
Tage.<lb/>An jedem Tage wiederholte ich mir, daß mein<lb/>Gllck nicht lange
währen würde. Ich hielt mir Alles<lb/>vor, was ich von seiner
Unbeständigkeit vernommen<lb/>hatte. Ich sagte mir, daß er des friedlichen
Verkehrs<lb/>mit mir bald müde werden würde; und sah ich ihn<lb/>dann auf
der Promenade an der Seite einer jener<lb/>stolzen Römerinnen, deren
flammende Augen das be-<lb/>zaubernde Lächeln auf seine Lippen lockten, so
kehrte ich<lb/>heim und dachte: heut kommt er nicht! Er kommt<lb/>wohl auch
gar nicht wieder! -- Und wenn er dennoch<lb/>kam! immer wieder kam- -- Aber
die Tage sind<lb/>ja dahin!<lb/>Sein Vater hatte glänzende Verbindungen für
ihn<lb/>im Auge. Sein altes Geschlecht, von je eine Stütze der<lb/>Kirche
und ihr ganz zu eigen, war dem Erlbschen nahe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0531_264.tif" n="0264"/>
<p>2l<lb/>Ich wußte, daß des Sohnes Weigerung, die von dem<lb/>Vater gewünschte
Ehe einzugehen, jenes Zerwürfniß<lb/>herbeigeführt hatte, von dem ich Dir
berichtet habe.<lb/>Ich wußte das Alles, und ließ einen Tag hingehen
nach<lb/>dem andern; denn ich liebte ihn mit der Liebe, mit
der<lb/>Leidenschaft, denen keine andere folgen kann. Ich sah es<lb/>endlich
mit unaussprechlichem Entzücken, wie er sich<lb/>fester und fester an mich
anschloß -- und wenn ich<lb/>mir am Abende, auf meinem Lager in der
dunklen<lb/>Nacht, es zugerufen hatte, das vernichtende: hoffnungs-<lb/>los!
-- so sagte ich mir in meiner bitteren Pein, weil<lb/>ich nicht anders
konnte: nur morgen noch! Und der<lb/>Morgen ging mir auf mit allem seinem
mich mehr<lb/>und mehr verstrickenden Zauber, mit allem seinem<lb/>goldenen
Glück.<lb/>Ich kannte mich selbst nicht mehr. Oftmals<lb/>betraf ich mich
auf dem frevelhaften Wunsch, seine Un-<lb/>beständigkeit möge mir zu Hilfe
kommen, mich zur<lb/>Besinnung bringen! Und grade in solchen
Augenblicken<lb/>dachte ich daran mit Schaudern, daß ich rettungslos
zu<lb/>Grunde gehen müßte, wäre ich sein Weib und sähe ihn<lb/>einer Anderen
zugewendet.<lb/>Ich war völlig haltlos. Wie in einer Brandung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0532_265.tif" n="0265"/>
<p>2B<lb/>trieb ich umher, das Auge in meiner Angst bald dem,<lb/>bald jenem
Punkte zugekehrt. Nur das Eine wuiste<lb/>und empfand ich immer: einen Mann
wie ihn dauernd<lb/>zu beglücken, war ich nicht die Frau; und seine
Untreue<lb/>zu ertragen, fehlte mir die Kraft.<lb/>So raffte ich mich
endlich auf. Ich machte<lb/>heimlich die Vorkehrungen zu meiner Abreise,
denn mit<lb/>ihm davon zu sprechen, fehlte mir der Muth. Er sollte<lb/>es
nie erfahren, was es mich kostete, von ihm zu scheiden,<lb/>nie erfahren,
daß mein Leben begonnen hatte und be-<lb/>schlossen war in der kurzen Spanne
Zeit, in der die<lb/>Schönheit seines ganzen Wesens es erleuchtet
hatte.<lb/>Er sollte in Frieden meiner denken, mich ohne
Bedauern<lb/>vergessen können.<lb/>Aber ein so sanftes Ende meines schönen
Traumes<lb/>ward mir nicht beschieden. Die Mahnung seines Vaters,<lb/>an die
Wahl einer Gattin zu denken, hatte ihm sein<lb/>Herz enthüllt. Er kam und
begehrte mich zur Frau.<lb/>Er forderte von mir, mit ihm die Hindernisse zu
be-<lb/>kämpfen, die seines Vaters Ueberzeugungen und Ansichten<lb/>uns
entgegenstellen würden. Ich sah neue Kämpfe,<lb/>r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0533_266.tif" n="0266"/>
<p>2e<lb/>Schönheit offenen Sinn. - Ihm und mir wollte ich<lb/>zu Hüülfe kommen,
Leid ersparen. Aus Liebe zu ihm<lb/>verfuhr ich grausam mit mir
selber.<lb/>Er ist an jenem Tage von mir gegangen, ohne<lb/>es zu wissen,
daß ich ihn geliebt habe, und ich habe<lb/>ihn im Unmuth von mir scheiden
sehen. Nun bin ich<lb/>hier und bleibe hjer.<lb/>Mehr sage ich Dir heute
nicht. Es ist nicht<lb/>einem Jeglichen beschieden, glücklich zu werden auf
der<lb/>Erde, seine Ideale verwirklicht zu sehen, seine höchsten<lb/>Wünsche
zu erreichen. Es giebt Epistenzen, die, wie<lb/>manche Pflanzen, für den
Schatten geschaffen sind:<lb/>farblose Epistenzen, die des Künstlers Aug'
nicht lang<lb/>erfreuen, wenn sie es auch auf eine kurze Zeit
beschäf-<lb/>tigen können. Eine solche farblose Natur bin ich.<lb/>Wohl mir,
daß die Strahlen seiner Schbnheit und<lb/>einer großen Liebe mich getroffen
haben! Sie leben<lb/>und wirken unablässig in mir fort. Ich kann und
werd'<lb/>es nicht bereuen, daß ich ihn abgehalten habe, ihn, in<lb/>dem
sich mir mein Ideal verkörpert, noch einmal<lb/>seines Vaters Zorn auf sich
zu laden, sich um meinet-<lb/>willen in Zwiespalt zu bringen mit der Welt,
in der<lb/>er lebt, um sich an eine Frau zu binden, der es das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0534_267.tif" n="0267"/>
<p>e?<lb/>Herz gebrochen haben würde, ihn auch nur in einen<lb/>Stunde es
wünschen zu sehen, daß er nicht eben dies:<lb/>Wahl, daß er eine andere
getroffen hätte.<lb/>Und nun denke meiner mit der gewohnten Güüte<lb/>und
ohne jede Sorge. Daß es mir nicht beschieden<lb/>sein könne ihn zu besitzen,
das habe ich mir an jeden<lb/>Tage gesagt und wiederholt, seit ich jhn sah
und liebte<lb/>und ich war gefaßt in dieser Erkenntniß, gefaßt
und<lb/>ergeben. Aber ihn verlieren zu müssen, nachdem ich<lb/>ihn besessen
hatte, das würde mein Tod gewesen sein<lb/>Ich wußte, was ich that, als ich
von ihm ging<lb/>und ich wußte, warum ich's that. Ich bin noch müde<lb/>von
dem schweren Kampfe gegen mich selbst -- müde<lb/>und auch traurig; indessen
mein Gewissen ist ruhig, und<lb/>hier ist es einsam und still genug, sich in
sich selbst zurecht<lb/>zu finden, ohne Andere sehen zu lassen, daß man
leidet.<lb/>Bin ich gesammelt genug, mich bei Dir einzu-<lb/>stellen, so
komme ich von selbst zu Dir.-- Ich denke,<lb/>Du wirst mich nicht weniger
freundlich willkommen<lb/>heißen, weil ich nun selber aus eigenster
Erfahrung<lb/>von dem Glück und von dem Leid zu sagen weiß, die<lb/>Du uns
so oft geschildert hast.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0535_268.tif" n="0268"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0536_269.tif" n="0269"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0537_270.tif" n="0270"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0538_271.tif" n="0271"/>
<p>se Betenntnisse der beiden theuren Menschen<lb/>lagen vor mir. Ich brauchte
mich nicht lange zu be-<lb/>denken, was mir hier zu thun oblag. Es galt
wieder<lb/>einmal einen Roman zu einem befreienden und beglücken-<lb/>den
Abschluß zu bringen.<lb/>Noch an demselben Abende sendete ich
Magdalenens<lb/>Brief nach Nom, und Benvenuto's schriftliche
Erinnerungen<lb/>in das stille Haus, in welchem das treffliche
Mädchen<lb/>segensreich nnd voll Entsagung waltete und wirkte.<lb/>Wenige
Monate später fand Magdalenens Trauung<lb/>mit dem Grafen Armero statt, zog
die junge, deutsche<lb/>Hausfrau als Herrin ein, in den alten
römischen<lb/>Palast, in dessen prächtigen, von alter und neuer<lb/>Kunst
geschmückten Näumen sie in ungetrübtem Glücke<lb/>lebt seit der Stunde, da
sie ihn zuerst betreten hat.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0539_272.tif" n="0272"/>
<p>A<lb/>Monsignore Arrigo war während der ersten Jahre<lb/>ihrer Ehe noch am
Leben, und noch geistesfrei und<lb/>geistesfrisch genug, die Gesellschaft,
welche sich über des<lb/>Grafen Heirath mit einer Deutschen, mit
Magdalenen,<lb/>sehr verwunderte, nach des alten Grafen Beispiel mit<lb/>den
Worten zu beschwichtigen, daß jeder Armero seinen<lb/>Kopf und seine
besondere Grille habe.<lb/>Donna Carolina, so geneigt sie der
Nomantik<lb/>auch noch in ihrem vorgeschrittenen Alter war, konnte<lb/>sich
jedoch in diese neue Laune des Grafen gar nicht<lb/>finden. Sie verlangte,
Monsignore Arrigo solle ihr<lb/>erklären, weshalb Benvenuto eben auf diese
Wahl be-<lb/>standen habe. Und man erzählte, daß er ihr mit
seinem<lb/>unzerstörbaren sarkastischen Humor darauf erwidert habe:<lb/>Was
wollen Sie? was ist da zu erklären? Man bedarf<lb/>doch endlich einer
kleinen Abwechselung. Sonst bekehrten<lb/>unsere römischen Jesuiten die
deutschen Frauen, jezt hat<lb/>einmal eine Deutsche die Sache umgedreht.
Donna<lb/>Magdalena hat das Wunder vollbracht, einen Römer<lb/>zu bekehren,
indem sie Don Benvenuto zu dem Muster<lb/>eines treuen, würdigen
Familienvaters machte. Wenn<lb/>der gute Pater Cyrillus nicht schon heute
darauf anträgt,<lb/>Donna Magdalena dafür zu canonisiren, so liegt
das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0540_273.tif" n="0273"/>
<p>K<lb/>nuur daran, weil weder er, noch Einer seines Ordens,<lb/>jezt in den
Palast der Armero kommuen, und weil sie<lb/>also gar nicht wissen, welch
eine Art von heiliger Familie<lb/>in demselben weilt.<lb/>Der innere Frieden
und die Selbstbeschränkung,<lb/>welche mit seiner Ehe über Benvenuto
gekommen, sind<lb/>seiner künstlerischen Entwickelung von großem
Nutzen<lb/>gewesen. Sie prägen sich in allen seinen späteren Werken<lb/>aus.
Seine rastlose quälende Unzufriedenheit mit dem,<lb/>was er geschaffen, hat
einem besonnenen Urtheil, einer<lb/>strengen Selbstkritik Plaz gemacht. Er
weiß jetzt, was<lb/>er will und muß. Er wird nicht mehr von einer
idealen<lb/>Vorstellung zur andern fortgezogen, sondern beharrt
mit<lb/>festem Sinne bei der jedeämaligen Arbeit, bis er sich<lb/>sagen
darf, daß er geleistet habe, was ihu überhaupt<lb/>zu leisten möglich sei,
daß er die Arbeit vollendet habe.<lb/>Er hat gelernt, sich wie jeder
Künstler vor seinem<lb/>Werke zu bescheiden. Er lebt und webt in
Schönheils-<lb/>freude und innerer Harmonie, und diese
Seelenstimmung<lb/>verleiht seinen Gestalten den beruhigenden Zauber,
den<lb/>die Antike auf uns ausübt.<lb/>Manche aber von unseren Landsleuten,
denen diese<lb/>Blätter in die Hände kommen, werden bei dem Lesen<lb/>F.
Lewald, Benwenuto. 1,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0541_274.tif" n="0274"/>
<p>e<lb/>derselben sich an die guten Stunden zu erinnern haben,<lb/>die sie zu
Nom der Gastfreundschaft im Palazzo Armero<lb/>verdanken. Sie werden mit
Freuden zurückdenken an<lb/>das edle Paar, das, von seinen stattlich
aufbllhenden<lb/>Söhnen und Töchtern froh umgeben, sich eines
Daseins<lb/>erfreut, welches man beneidenswerth nennen müßte,<lb/>wäre das
Glick, das Benvenuto und Magdalena<lb/>mit einander bewusßt genießen, nicht
zugleich ein<lb/>wohlverdientes.<lb/>E n d e.<lb/>Berliner
BuchdruckereiActien-Gesellschan<lb/>Setzerinnenschule des
Lette-Vereins.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="benv_02_0542_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
</div2>
</div1>
</body>
</text>
</TEI>
