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<title>Benedikt.</title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<extent>1 novel in 2 volumes</extent>
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<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
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<date>2009</date>
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<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
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<title level="s">Benedikt</title>
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<title>Benedikt</title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Otto Janke</publisher>
<pubPlace>Berlin, Germany</pubPlace>
<date>1874</date>
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<head>Band 01</head>
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<head>Titel</head>
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<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0002_ttl.tif" n="unum"/>
<p>Benedikt<lb/> von<lb/> Fanny Lewald.<lb/> Erster Theil.<lb/></p>
</div4>
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<pb facs="bene_01_0003_unm.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
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<pb facs="bene_01_0004_unm.tif" n="unum"/>
<p>Hängerin<lb/>Per<lb/>unä Kouponlßln<lb/>a,<lb/>z -<lb/>-Ffz Sinlon Fh zf s-
yenno Aimn<lb/>Z1b slC1skß zißlshsilss lis zs l C1:<lb/>Meine theure
Käthe!<lb/>Deine treue Liebe, Dein seelenvoller Gesang, sind uns<lb/>seit
Jahren in trüben Stunden eine so große Erguickung, in<lb/>heiteren eine
solche Verschönerung derselben gewesen, daß ich<lb/>Dir gern dafür einmal
besonders zu danken, und Dir zugleich<lb/>eine Erinnerung an die Zeit zu
bereiten wünschte, die wir zu-<lb/>sammen in der Schweiz verlebt haben, und
in welcher der<lb/>Plan zu dieser Dichtung in mir entstanden ist.<lb/>Nimm
denn dies Buch als Liebeszeichen hin, und laß uns<lb/>auf ein ferneres gutes
Beisammensein vertrauen.<lb/>Berlin, im Mai 1?.<lb/>Jannn
,ewald-Flahr.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0005_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0006_003.tif" n="0003"/>
<p>Fn den Hochalpen der deutschen Schweiz öffnet<lb/>sich ein schönes weites
Thal, welches in allen Neise-<lb/>handbüchern als einer der bewährtesten
klintatischen<lb/>Kurorte gerühmt wird, weil die hohen Berge, welche<lb/>eö
einschließen, die rauhen Winde abhalten. Eö<lb/>athmet sich auch wirklich
leicht und gut auf seinen<lb/>duftigen, mehr alö dreitausend Fuß üler der
Mereö-<lb/>fläche gelegenen Matten, und in der Frische
seiner<lb/>Tannenwwälder, die sich hoch hinaufziehen an den Wän-<lb/>den
seiner Berge.<lb/>Einsichtige Brüder des vornehmen Benediktiner-<lb/>Ordens
haben die Vorzüge diese? Thaleö denn auch<lb/>frühzeitig gewürdigt, und
schon im zwölften Jahr-<lb/>hundert eine Niederlassung in demselben
begrindet.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0007_004.tif" n="0004"/>
<p>E<lb/>k?-<lb/>s<lb/>k<lb/>k<lb/>he<lb/>s<lb/>s<lb/>h:<lb/>s<lb/><lb/>F<lb/><lb/>-<lb/>K<lb/>?<lb/>=-<lb/>-<lb/>?<lb/>Sie
fand im Laufe der Zeiten zu verschiedenen Malen<lb/>ihre Zerstörung durch
Feuersbrünste, aber die Benedik-<lb/>tiner erbauten sich immer wieder ein
neues Haus, und<lb/>noch heute liegt ihre Abtei stattlich in der Mitte
des<lb/>Thales da, von weißen, mäßig hohen Mauern rings<lb/>umgeben, von des
Kirchthurms Kuppel überragt, auf<lb/>deren Spize der Neumond mit dem
Morgenstern, wie<lb/>die Zeichen der Verkündigung des neuen Lichtes
im<lb/>Sonnenschein erglänzen.<lb/>Das Kloster ist reich begütert. Es besizt
eine<lb/>bedeutende Bibliothek, und seine gelehrten Mönche<lb/>jtehen einer
Lehranstalt vor, welche seit langen Jahren<lb/>eine beträchtliche Anzahl von
Schülern in ihren Mauern<lb/>zu vereinigen pflegte.<lb/>Die Kirche des
Klosters ist sehr groß, und wenn<lb/>man die Verhältnisse des Thales in
Betracht zieht,<lb/>schön und ungewöhnlich prächtig zu nennen. Es
fehlt<lb/>den Altären nicht an Bilderschmuck, nicht an Säulen<lb/>von
seltenen Marmorarten; die Drgel der Kirche ist<lb/>mächtig und der Gesang
der Chorherren lockte uns,<lb/>«<lb/>N- penn wir am Abende von unsern
Spaziergängen zurück-<lb/>F ?ehrten, oftmals, in die feierlichen Hailen des
Gottes-<lb/>?-hauses einzutreten<lb/>- FF - -<lb/>z., R wer ein warmer Abend
des Späfommers.<lb/>?-<lb/>=<lb/>--.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0008_005.tif" n="0005"/>
<p>als wir zum ersten Male der Vesper beiwohnten.<lb/>Draußen war es noch heller
Tag, obschon die Sonne<lb/>für das Thal bereits gesunken und hinter den
Gipfoln<lb/>der Bergpyramiden verschwunden war, die ek nach<lb/>Westen hin
umgeben. In der Kirche war die Däm-<lb/>merung bereita Meister über das
Licht geworden und<lb/>sie war fast leer. Nur in einer der Bänke sas
hoch<lb/>aufgerichtet eine große, starke Bäuerin und in der<lb/>Bank hinter
ihr saßen zwei junge Klosterfrauen, die<lb/>ihrer Tracht nach barmherzige
Schwestern waren. Vorn,<lb/>unweit des schwarz verkleideten Gitters, das den
Chor<lb/>und das Kloster von der Kirche scheidet, knieten und<lb/>saßen
einige wenige, nicht den Thalbewohnern, sondern<lb/>der Fremdengesellschaft
angehörende Frauen und Mn-<lb/>ner, und aus dem Chor stiegen zu der Wölbung
der<lb/>Kirche die volltönenden Stimmten der Mönche hinan,<lb/>die den
Abendsegen sangen.<lb/>Es lag etwas sehr Ergreifendes in dem Gesange,<lb/>in
der einfachen, sich immer wiederholenden Melodie,<lb/>die nun seit hunderten
und aber hunderten von Jahren<lb/>alltäglich um dieselbe Stunde, an
derselben Stelle<lb/>erklungen war, und die vorauösichtlich hier auch
noch<lb/>erklingen wird in fernen, fernen Tagen. Die fort-<lb/>wirkende
Kraft eines großen Gedankens offenbarte sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0009_006.tif" n="0006"/>
<p>uns in diesen feierlichen Klängen wieder einmal auf<lb/>das Neue. Man fühlte
sich von ihnen zu jener lang<lb/>entschwundenen Zeit zurückgeführt, in
welcher die ersten<lb/>geistlichen Ansiedler voll hoher Begeisterung und
starkem<lb/>Glauben hinaufgezogen waren in dies Hochgebirge,<lb/>sich
abwendend von einer Welt, deren Eitelkeit sie<lb/>entsagten; das Ringen und
Treiben des Lebens hinter<lb/>sich lassend, um in Einsamkeit und Betrachtung
der<lb/>s Selbstvollendung nachzustreben; um dem Kultus des<lb/>Heilandes
und der Madonna, des Mannes und des<lb/>Weibes in ihrer höchsten Reinheit
und Jdealität, in<lb/>tiefer Weltabgeschiedenheit einen Altar zu
errichten,<lb/>und unter halb wilden Volksstämmen die Lehre
der<lb/>christlichen Liebe zu verbreiten und zu üben.<lb/>Mit dem Gesange
wechselnd klang die Drgel<lb/>durch die Kirche, dann verstummte Beides.
Nur<lb/>das leise Beten der Mönche war aus dem Chore her<lb/>vernehmbar und
durch die hohen Bogenfenster der<lb/>Kirche ward das Alpenglühen auf den
Gipfeln der<lb/>Schneegebirge sichtlar, noch Licht verbreitend nach
dem<lb/>Untergang der Sonne, ein Widerschein
entschwundener<lb/>Herrlichkeit,<lb/>Als der Gottesdienst beendet war,
verließen die<lb/>Fremden die Kirche Einer um den Andern. Auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0010_007.tif" n="0007"/>
<p><lb/>wir schickten uns zum Fortgehen an. Nur die beiden<lb/>barmherzigen
Schwestern verharrten betend noch auf<lb/>ihren Plätzen; und das greise
Haupt auf die Hände<lb/>gesenkt, daß man ihr Antliz gar nicht sah, lag
die<lb/>ältere Bäuerin in tiefem Gebet versunken, noch auf<lb/>ihren
Knieen.<lb/>Wie wir dann draußen auf dem Kirchhof stan-<lb/>den, dem
allmäligen Erlöschen des Alpenglühens zu-<lb/>zuschauen, gingen die drei
Frauen an uns votüber.<lb/>Man sah, daß die beiden Nonnen die Töchter
der<lb/>Alten waren, denn die schöne Gesichtsbildung, die<lb/>stattliche.
Größe waren allen Dreien gemeinsam, znd<lb/>die Aehnlichkeit zwischen ihnen
wwar auffallend, obsähoit<lb/>der sanfte Gesichtsausdruck der
Klosterschwestern und<lb/>der finstere Blick der Alten starke Gegensätze
bildeten,<lb/>und die voll und starkknochig ausgeprägte Gestalt
der<lb/>Mutter neben den schlanken Leibern der Töchter noch<lb/>wuchtiger
und derber aussah.<lb/>Weil die Abende kühl waren, beendeten wir
nn-<lb/>sere Spaziergänge immer mit dem Sonnenuntergange<lb/>und gewöhnten
uns endlich daran, allabendlich in die<lb/>Kirche einzutreten, in welcher
die alte Bäuerin und<lb/>die beiden Nonnen niemals fehlten. Sie waren
regel-<lb/>mäßig die lezten Beter in der Kirche, und trennien<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0011_008.tif" n="0008"/>
<p>sich dann auf dem Platze vor derselben meist mit<lb/>stummem Gruß. Die Nonnen
gingen thalaufwärts<lb/>nach dem von ihnen verwalteten Armenhause,
in<lb/>welchem die Gemeinde ihre Kranken, ihre Alters-<lb/>schwachen und
ihre Waisen untergebracht hatte; die<lb/>Alte stieg mit starkem Schritte
einen schmalen Fuß-<lb/>pfad hinan, der an der Nordseite des Thales zu
einer<lb/>der prächtigsten Matten und zu dem ansehnlichsten<lb/>Hause des
ganzen Thales führte.<lb/>Die Frau hatte etwas Besonderes an sich.
Ihre<lb/>Züge waren hart und scharf, wie man es an den<lb/>Frauenköpfen auf
manchen der Holzschnitte von Albrecht<lb/>Düürer findet. Ihr Auge wich dem
Blicke der Frem-<lb/>den aus, und von der Freundlichkeit, mit welcher
die<lb/>Landleute des Thales der Anrede eines Fremden im<lb/>Allgemeinen zu
begegnen pflegten, war an ihr Nichts<lb/>zu bemerken. Indeß eben ihre
Zurückhaltung machte<lb/>sie uns anziehend, denn es sind nicht nur die
Kinder,<lb/>welche nach dem Versagten ein gesteigertes Verlangen<lb/>fühlen,
und der Müßiggang macht neugierig. Wir<lb/>meinten einmal sehen zu müssen,
wo und wie sie<lb/>wohne, und als wir eines Tages unsern
Morgenspazier-<lb/>gang nach der Höhe unternommen hatten, auf
welcher<lb/>ihr Haus gelegen war, schlugen wir unsern Rückweg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0012_009.tif" n="009"/>
<p>nach der Richtung ein, welche uns an demselben ro. -<lb/>überführen
mußte.<lb/>Als wir herankamen, überraschte uns das Hans,<lb/>denn es machte
in der Nähe sich noch stattlicher unnd<lb/>schöner, als von der Ferne. Sie
waren offenbar ui:<lb/>Naum und Baumaterial noch nicht verlegen
gewesen,<lb/>die Bauleute, die dies Haus vor nahezu zwei Ichr-<lb/>hunderten
auö den Baumstämmen des Waldes aufge-<lb/>richtet hatten, der sich hinter
demt Hause weit hiaee<lb/>dehnte. Die Zeit hatte wie eine scharfe Beizr
dir<lb/>Stäämme und Balken dunkelbrann gefärbt, und die<lb/>Sonne die in
Blei gefaßten runden kleinen Scheilen,<lb/>aus denen die Fenster sich
zusammensetzten, in wechseln-<lb/>der Farbe schimmern machen. Aber das
Gefüge stand<lb/>noch so fest, als wäre es heute erst gerichtet, daä
Haus<lb/>lag mit seiner dreifachen Fensterreihe hoch und sich<lb/>in
Freiheit ausbreitend, am Duellenrande da; die<lb/>Gallerien zogen sich unter
weithin schüzendem Vordach<lb/>um die beiden oberen Gestocke hin, und mehr
noch<lb/>als sie, boten die uralten Nußbäume dem Hause Scuz<lb/>und
Schatten, die neben und hinter ihm emporge-<lb/>wachsen waren.<lb/>Mlles
verrieth einen alten Wohlstand an dem<lb/>Hause. Die Siallungen konnten Vieh
genug beher-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0013_010.tif" n="0010"/>
<p>E<lb/>Ee?<lb/>E<lb/>E<lb/>F<lb/>?<lb/>s<lb/>s<lb/>?<lb/>;<lb/>1<lb/>bergen,
wenngleich sie jezt zur<lb/>waren. Die ungewöhnliche<lb/>Sommerszeit
verlassen<lb/>Zahl und Größe der<lb/>Wirthschafisgebäude ließ
verm<lb/>athen, daß man hier eine<lb/>habe. Der überdachte<lb/>große
Heuernte zu bewahren<lb/>und wohlgefaßte Quell, der sein klares Wasser
aus<lb/>eiserner, von alter Schmiedekunst gefertigter Röhre in<lb/>die
langen breiten Steintröge ergoß, plätscherte laut<lb/>in seines Reichthums
Fülle, und wie das Wasser<lb/>Kühlung spendete in dieser heißen Zeit, so
verhießß die<lb/>Masse des klein geschlagenen und sorgsam
aufgeschich-<lb/>teten Holzes, daß man in dem Hause auch in den<lb/>Tagen
des Winters von des Wetters Ungunst nicht zu<lb/>iden haben werde.<lb/>Oben
auf der Giebelfirst waren, wie auf dem<lb/>Thurm des Klosters, der Neumond
und der Morgen-<lb/>stern als<lb/>l. K. S.<lb/>und auf<lb/>rath sich<lb/>und
dem<lb/>hin hoo signo rineess prangte am Giebel;<lb/>der schön geschnizten
Planke, die als Zier-<lb/>auf der Giebelfront zwischen dem
Erdgeschoß<lb/>thümlicher<lb/>Auf<lb/>Wetterfahne angebracht. Das Zeichen
des<lb/>zweiten Stockwerk hinzog, stand in alter-<lb/>Schrift zu
lesen:<lb/>Gott vertraut und aufgebaut mit eigner Kraft<lb/>Voe Maria
Vosepha Anschafft<lb/>Bür sich und ihre Nachkommenschaft<lb/>Bnno Dowini
1879.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0014_011.tif" n="0011"/>
<p>Es war eine Inschrift, wie sie uns ähnlich weder<lb/>hier noch anderwärts
jemals vorgekommen war. Sie<lb/>klang so stolz und selbstgewiß, als hätte
die Frau, die<lb/>uns merkwürdig geworden war, sie selbst errichtet;
und<lb/>weil man gewohnt ist, sich die Frauen immer nur<lb/>in der
Abhängigkeit von einem Manne zu denken,<lb/>stand es für uns Mlle sofort
fest, daß es mit jenrr<lb/>Maria Josepha Anschafft, welche dieses Hans vor
zwei-<lb/>hundert Jahren erbaut hatte, und mit dem Hause<lb/>selber, schon
von Anfang an ein eignes Bewandtni,;<lb/>gehabt haben müsse.<lb/>Wir
meinten, es müsse etwas Besonderes verge-<lb/>gangen sein, ehe eine Frau
sich in jenen fernen Tagen,<lb/>und vollends hier zu Lande, so
geflissentlich als Bau-<lb/>herrin und Beschüzerin ihrer Familie kund
gegeben<lb/>habe; und wie wir denn länger und länger auf demn<lb/>Platze
weilten, dessen erfrischender Schatten uns wä! -<lb/>rend der schweren
Mittagshize erguicklich festhielt, fi:l<lb/>es uns allmälig auf, daß daö
reiche stattliche Hane<lb/>jich gegenwärtig alles jenes freundlichen
Schmuckes<lb/>baar und ledig zrigte, an welchem selbst der
weniger<lb/>Bemittelte es seiner Hütte, wenn er es irgend kann,<lb/>nicht
gerne fehlen läßt.<lb/>Der eingezäuute kleine Gartenraum war halb
ven-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0015_012.tif" n="0012"/>
<p>wildert. Was von Blumen noch darin blühte, hatte<lb/>offenbar zufällig und
ungepflegt in demselben fort-<lb/>gewuchert. Der Weg, welcher einst zwischen
den Bee-<lb/>ten gezegen worden, war mit Gras bewachsen. Auch<lb/>an den
Fenstern sah man keine Blume, und sogar<lb/>die Vorhänge an den Fenstern
fehlten, deren leuchtende<lb/>Sauberkeit neben dem dunkeln Holzwerk der
Häuser<lb/>sich hier zu Lande meist so freundlich ausnimmt.<lb/>Während
Einer von uns eben diese Bemerkung<lb/>aussprach, trat die Besizerin des
Hauses aus der<lb/>Thüre unter daö Dach des Vorgeleges heraus und<lb/>sah
uns an, ohne uns auch nur mit einem Gruße<lb/>kund zu geben, daß sie uns
gewahre.<lb/>Wir boten ihr den guten Tag, sie erwiderte es<lb/>kurz. Als wir
danach die Erwartung aussprachen, sie<lb/>werde wohl erlauben, daß wir hier
unter dem Schat-<lb/>ten ihrer Bäume noch ein wenig ruhten, sagte
sie:<lb/>,Dazu ist die Bank ja da!!-- und ging, ohne uns<lb/>weiter auch nur
eines Blickes oder Wortes werth zu<lb/>achten, in das Haus zurück, dessen
Thüre sie hinter<lb/>sich fest zuzeg.<lb/>Eine solche Unfreundlichkeit war
uns in all den<lb/>Wochen, wäährend deren wir im Thale lebten,
noch<lb/>nicht vorgekommen. An so manchem Hause hatten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0016_013.tif" n="0013"/>
<p><lb/>wir gerastet, und überall hatte man uns einen Will-<lb/>kommen, ein
freundlich Wort auch ohne unser Zuthun<lb/>zugerufen.<lb/>Erst am
verwichenen Tage hatten wir vor einem<lb/>Hause gesessen, alä die
Eigenthümerin, eine schwene<lb/>Ladung Gras auf ihrem Haupte tragend und
die<lb/>Sichel in der Hand, von ihrer Matte heimgekommen<lb/>war. Auf unsere
Bemerkung, daß wir es und bei<lb/>ihr bequem gemacht und schon lange
dagesessen hätten,<lb/>war eine herzliche Freundlichkeit über ihr gutes
G-<lb/>sicht gegangen, und uns anlächelnd unter ihrer Last,<lb/>hatte sie
uns zugerufen:,Sizen Sie hier ewigk!<lb/>Das hatte anders geklungen, als
jenes abweisende:<lb/>,die Bank ist dazu da!' welches und plözlich
alles<lb/>Behagen an dem Ruhen und an diefer Stelle nahm.<lb/>Es wurde uns
widerwäirtig, anscheinend nur geduldet<lb/>zu werden, weil kein Grund
vorhanden war, uns fort-<lb/>zuweisen; und wir erhoben uns denn auch nach
wenig<lb/>Augenblicken, um unsern Heimweg fortzusezen.<lb/>, Wenn
Gastfreiheit gegen den Wanderer zu den<lb/>christlichen Tugenden gehört,'
sagte einer unserer Be-<lb/>gleiter, , so hat diese Frau sich heute Morgen
gleich<lb/>wieder einer Sünde schuldig gemacht, die sie Abends<lb/>in der
Kirche bei ihren täglichen Gebeten büßen kann.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0017_014.tif" n="0014"/>
<p>F-<lb/><lb/>S- -<lb/>s<lb/>S-
-<lb/>E<lb/>K<lb/>E<lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/>s<lb/>=<lb/>E<lb/>E<lb/>k<lb/><lb/><lb/>E-<lb/>E-<lb/>kß:
-<lb/>T<lb/>?<lb/>?<lb/>Unwirscher, als sie sich gegen uns gezeigt hat,
kann<lb/>an wohl nicht sein.?<lb/>,,Sie sieht immer finster und alstoßend
auö!'<lb/>bemerkte ein Anderer.<lb/>F<lb/>.<lb/>1e<lb/>ein, und während
unseres ganzen Rückweges kamen<lb/>wir<lb/>at.<lb/>ten<lb/>As<lb/>,Wer weiß,
was sie erlebt haben mag !! wendete<lb/>unwillkürlich noch zu verschiedenen
Malen auf die<lb/>u zu sprechen.<lb/>Vo<lb/>r unserm Gasthofe trafen wir
unsere Wirthin<lb/>Sie<lb/>ihr<lb/>fragte, wo wir gewesen wären? Wir
nann-<lb/>den Weg und ich erzählte ihr unser kleines<lb/>muteuer.<lb/>,Ja!
sagte sie, ,das ist so ihre Art. In ihrer<lb/>ugend ist sie meine beste
Freundin gewesen und<lb/>sehr besonders und sehr stolz war sie schon
dazumal.<lb/>Aber sie war schön und brav, wie selten Eine, und<lb/>wir haben
kein Geheimniß vor einander gehabt, bis<lb/>allmälig all das Unglück über
sie hereingebrochen ist.<lb/>Sezt geht sie allen Menschen aus dem Wege,
nicht<lb/>blos den Fremden, die freilich auch Unglück genug über<lb/>sie
gebracht haben. Sie mag seitdem mit Niemandem<lb/>zu schaffen haben; und
nachdem sie es dem Kloster<lb/>verschrieben hat, ist ihr sogar ihr Haus und
Hof und<lb/>ab und Gut verleidet worden, daß sie nichts Nechtes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0018_015.tif" n="0015"/>
<p><lb/>1<lb/>mehr dafür thut. Ihr ist's jedoch kaum zu verargen,<lb/>wenn sie
die Menschen und das Leben satt bekom-<lb/>men hat.?<lb/>Wir fragten, ob sie
keine Kinder habe? Ob die<lb/>barmherzigen Schwestern nicht ihre Töchter
wären?<lb/>,Freilich! sagte die Wirthin.,Die beiden Mäd-<lb/>chen hätten Sie
aber als Kinder sehen müssen. Eine<lb/>schöner als die Andere - wahre
Engelsköpfe!r<lb/>, Und Shne hat sie nicht?<lb/>Die Wirthin wurde aus dem
Hause mit einer<lb/>Frage angeganFn. Sie gab rasch Bescheid, und
sich<lb/>noch einmal zu uns zurückwendend, sagte sie: ,Von<lb/>dem Hause und
von der Familie ist viel zu sagen,<lb/>schon von alten Zeiten her. Die
Geschichten haben<lb/>sich von Mund zu Mund erhalten. Vieles hat
man<lb/>selber mit erleben helfen, und waä sich danach zuleh!,<lb/>vor jenen
sieben, acht Jahren zugetragen hat, ist<lb/>eigentlich vor unseren eigenen
Augen hier geschehen.<lb/>Sie müssen Sich das von meinem Sohne, dem
Doktor<lb/>einmal auöführlich erzählen lassen. Er war ein Freund<lb/>vom
Benedikt, und meine Tochter weiß auch davon<lb/>Bescheid. Sogar einen Brief
haben sie noch von ihm.<lb/>Er hatte ihn mit Absicht bei dem Doktor liegen
lassen,<lb/>und auch ein Bild ist von ihm da, das ganz natür-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0019_016.tif" n="0016"/>
<p>lich ist. Die fremde Dame hat es seiner Zeit ge-<lb/>macht und es nachher
hier gelassen. Mein Sohn hat<lb/>es bei sich in seiner Stube hängen. Seine
fremden<lb/>Patienten haben es oft bewundert; und er war auch<lb/>wirklich
schön der Benedikt!' sezte sie hinzu, während<lb/>sie einer zweiten Mahnung
folgend, eilig in das Haus<lb/>und an ihr Geschäft ging.<lb/>Sie hatte aber
mit dieser ihrer flüchtigen Aud-<lb/>kunft unsern Antheil an der Geschichte
jenes Hauses,<lb/>wie an dem Schicksal seiner finsteren Besitzerin
wesent-<lb/>lich gesteigert. Indeß in einer Wirthschaft, in
welcher<lb/>Jeder, wie in dieser, sein reichlich zugemessenes Theil<lb/>von
Arbeit hat, und mehr als hundert Gäste täglich<lb/>von ihren Wirthsleuten
einen freundlichen Gruß und<lb/>aufmerksame Beachtung fordern, ist denselben
wenig<lb/>Zeit zu ruhigem Verkehren mit den Einzelnen gegönnt.<lb/>Der
Doktor hatte während der Kurzeit ebenso wenig<lb/>Muße als seine Mutter und
die Schwester, und ek<lb/>vergingen viele Tage, ehe wir seiner oder seiner
Schwe-<lb/>ster habhaft zu werden und sie auf die alte Jakobäa<lb/>und auf
deren Sohn zu bringen vermochten.<lb/>Dazu kam, daß sie Beide immer nur
bruchstück-<lb/>weise bald dieses, bald jenes Ereignisses erwähnten,<lb/>wie
sie denn auch nur gelegentlich und gegen das Ende<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0020_017.tif" n="0017"/>
<p>unseres Aufenthaltes mit dem Bilde und mit dem<lb/>Brief zum Vorschein kamen,
dessen unsere Wirthin<lb/>gegen mich gedacht hatte.<lb/>Was ich auf diese
Weise von der Wirthin und<lb/>von ihren Kindern, theils als alte Sage,
theils als<lb/>Erzählung der Großeltern, und dann wieder als etwas<lb/>von
ihnen Selbsterlebtes erfahren habe, das habe ich<lb/>in Zusammenhang
gebracht, und so weit es thunlich<lb/>war, möglichst wortgetreu in der Weise
wiederzugeben<lb/>versucht, wie die verschiedenen Personen es mir
mitge-<lb/>theilt haben, die Zwischenglieder ergänzend und ver-<lb/>bindend,
wie der Hergang es wahrscheinlich machte<lb/>und gebot.<lb/>F. Lewald,
Benedikt. l.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
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<pb facs="bene_01_0021_018.tif" n="0018"/>
<p/>
</div4>
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<pb facs="bene_01_0022_019.tif" n="0019"/>
<p/>
</div4>
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<pb facs="bene_01_0023_020.tif" n="0020"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0024_021.tif" n="0021"/>
<p>Iz, Auschafft's sind eine der ältesten Familien<lb/>des Thales. Sie sollen
über dreihundert Jahre in<lb/>demselben angesessen und seit ein paar hundert
Jahren<lb/>immer schon sehr wohlhabende Leute gewesen sein.<lb/>Zu den
Zeiten, als der dreißigjährige Krieg in<lb/>Deutschland gewüthet, hat oben
in dem Hofe ein An-<lb/>schafft gesessen, der drei Söhne gehabt hat; und
weil<lb/>er darauf gehalten, daß sein Hof und Anwesen einmal<lb/>nicht
zertheilt werden, sondern beisammen bleiben sollten,<lb/>hat er Nichts
dawider gehabt, daß sich seine beiden<lb/>jüngsten Söhne unter dem
Wallenstein haben anwerben<lb/>lassen, um gegen die Protestanten und gegen
den<lb/>Schwedenkönig, zur Ehre Gottes und der Heiligen<lb/>Jungfrau, in den
Krieg zu ziehen.<lb/>Ee ist einige Jahre keine Nachricht von ihnen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0025_022.tif" n="0022"/>
<p>gekommen, bi? endlich der Jüngste geschrieben hat,<lb/>daß der ältere Bruder
in der Schlacht gefallen, er<lb/>selber aber gesund geblieben sei. Er sei
allmälig zum<lb/>Wachtmeister aufgerückt, er denke also gar nicht
mehr<lb/>daran, nach Hause zurückzukehren, sondern wolle bei<lb/>dem
Waffenhandwerk bleiben, in welchem er es zu<lb/>etwas Ordentlichem zu
bringen hoffe. Es wären<lb/>Obristen und Generale in der Armee, die von
der<lb/>Pike heraufgekommen wären, und was dem Einen<lb/>gelungen wäre, das
könne dem Andern auch gelingen,<lb/>wenn er nur sein Ziel nicht aus dem Auge
ließe, und<lb/>dieses nicht zu thun, sei er ja der rechte Mann.<lb/>Da
während der Abwesenheit der beiden jungen<lb/>Leute ihre Mutter auch
gestorben war, der Aelteste<lb/>aber, auf den der Vater es einzig abgesehen
hatte,<lb/>sich mit einer Erbtochter versprochen hatte, so war<lb/>kein
großes Trauern um den Todten, den zu sehen<lb/>man ohnehin seit Jahren nicht
mehr gewohnt gewesen<lb/>war, und wenn der Jüngste sich zu einem
Obristen<lb/>und großen Manne aufschwingen konnte, so dachten sie,<lb/>daö
solle und könne ihnen recht sein. Indeß es kam<lb/>mit einem Male anders,
als sie es erwartet hatten.<lb/>Dicht vor dem Hochzeitstage legte sich der
Bräutigam<lb/>und starb, und es verstand sich für den Vater nun<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0026_023.tif" n="0023"/>
<p>durchaus von selbst, daß der Jüngste jezt nach Hause<lb/>zu kommen und sein
Erbe anzutreten verpflichtet sei.<lb/>Der mußte aber lange gesucht werden,
ehe man<lb/>ihn in jenen unruhigen Zeiten finden konnte, und als<lb/>man ihn
gefunden hatte, wollte er nicht kommen.<lb/>Er wollte nicht davon hören, daß
er das bunte Waffen-<lb/>kleid von sich thun, den Bauernkittel anlegen,
das<lb/>Schwert mit der Sense vertauschen, und auf des<lb/>Vaters Matte in
dem weltabgeschiedenen Thale als<lb/>ein Landmann leben sollte, statt mit
lustigen Gesellen<lb/>hinter seinem Fähnlein in der Welt
herumzumarschiren,<lb/>und von Flbenteuer zu Abentener fortzuziehen.
Zu-<lb/>lezt jedoch, alö sich auf des Vaters Antrieb sogar der<lb/>Abt des
Klosters mit einem Schreiben an den Obristen<lb/>des Negiments gewendet
hatte, damit er den Anselmus<lb/>Anschafft frei lassen und zur Heimkehr
bewegen möge,<lb/>ist dieser endlich doch nach Hause gekommen, wobei<lb/>es
sich denn bewahrheitet hat, daß es dem Menschen<lb/>nicht immer zum Heil
ausschlägt, wenn er seinen Willen<lb/>durchsezt.<lb/>Das Haus war da, das
Gut war da, die Braut<lb/>und die reiche Aussteuer waren ebenfalls da, und
der<lb/>Anselmus hat es sich zuerst, als er nur erst zu Hause<lb/>war, auch
ganz gut gefallen lassen, in des ältesten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0027_024.tif" n="0024"/>
<p>L<lb/>Bruders Stelle einzutreten. Das Wohlgefallen hat<lb/>jedoch nicht lange
vorgehalten, denn die Sehnsucht<lb/>nach dem unruhigen Leben ist nach kurzer
Jeit gleich<lb/>wieder über ihn gekommen. Dem Vater hat er nicht<lb/>pariren
wollen, weil er kein Offizier, sondern nur ein<lb/>Landmann war; die ruhige
Arbeit hat ihm noch weit<lb/>weniger geschmeckt, als die heimische Kost und
das<lb/>tägliche Einerlei, und seiner Frau ist er nach Jahr<lb/>und Tag
gleichfallö satt geworden, weil er auch darin<lb/>an Wechsel gewöhnt gewesen
ist. Streit und Hader<lb/>haben nicht lange auf sich warten lassen und
nicht<lb/>wieder aufgehört, und wie der Vater nur erst die<lb/>Augen
zugemacht, der doch wenigstens die Hand auf<lb/>dem Geldbeutel gehabt hatie,
ist die Maria Josepha<lb/>ihres armen Lebens mit dem Anselmus nicht
mehr<lb/>froh geworden.<lb/>Mit weinenden Augen hat sie es ansehen
müssen,<lb/>wie der Mann in Spiel und Trunk immer
tiefer<lb/>heruntergekommen, wie die nothwendige Arbeit unge-<lb/>than
geblieben ist, und wie erst eine Matte und dann<lb/>die andere verkauft
worden ist, daß die Frau bald<lb/>nicht mehr viel Anderes ihr Eigen zu
nennen gehabt<lb/>hat, als ihre Kinder und das Dach und Fach über<lb/>ihrem
Kopfe. Aber auch das Dach und Fach sind nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0028_025.tif" n="0025"/>
<p>B<lb/>ihr geblieben, denn als der Mann einmal seiner Sinne<lb/>nicht mehr
mächtig, von der Kirchweih in der Stadt<lb/>zurückgekommen ist, da ist durch
sein Verschulden im<lb/>Hause ein Feuer ausgebrochen, bei dem er selber
zum<lb/>Krüppel geworden ist, und aus dem die Frau Nichts<lb/>gerettet hat,
als die Kinder und das nackte liebe<lb/>Leben.<lb/>Der Mann hat es danach
nicht lange mehr gr-<lb/>macht. Der unglücklichen Wittwe, mit der
Jedermann<lb/>hat Erbarmen haben müssen, sind sie ans dem Kloster<lb/>zu
Hülfe gekommen, und nachdem die brave Frau<lb/>nur erst freie Hand gehabt
hat, hat sie zu arbeiten<lb/>und zu schaffen angefangen, daß es die Leute in
Ver-<lb/>wunderung gesezt hat, und daß sie am Abend ihres<lb/>Lebens wieder
ein schönes Stück Geld zusammen ge-<lb/>bracht, fast alle Matten
zurückgekauft, das Haus oben<lb/>aufgerichtet und mit der Inschrift versehen
hat, die<lb/>noch heute an demselben steht. Durch diese Inschrift<lb/>haben
sich denn ihr Andenken und die ganze Ge-<lb/>schichte unter den Menschen
lebendig erhalten, die<lb/>sonst im Laufe der langen Zeiten natürlich
verloren<lb/>und vergessen worden wären.<lb/>Seitdem ist das Grundstück, und
es sind nun<lb/>bald zweihundert Jahre her, immer unter den An-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0029_026.tif" n="0026"/>
<p>2<lb/>schafft's geblieben, aber eö soll auch von jenen Zeiten<lb/>her unter
ihnen sein, daß der rechte tüchtige Sinn<lb/>und die eigentliche
Arbeitskraft mehr unter den Frauen<lb/>als unter den Männern des Hauses zu
finden ge-<lb/>wesen sind. Das Landsknechts Blut hat in den Män-<lb/>nern
immer herumgespukt. Sie haben Kriegsdienste<lb/>genommen hier und dort. Es
haben Viele von ihnen<lb/>außer Landes ihr Ende gefunden, und unter den
alten<lb/>Leuten des Thales weiß Mancher es noch zu erzählen,<lb/>was er in
seinen jungen Jahren von den Abenteuern<lb/>der verschiedenen Anschafft's
erlebt und berichten ge-<lb/>hört hat.<lb/>Zu der Zeit als die jezige
Besizerin des Hauses<lb/>auf die Welt gekommen ist, hat das Haus
zwei<lb/>Brüdern gehört, die einmal ausnahmsweise Beide<lb/>darin geblieben,
und in gutem Einvernehmen mit<lb/>einander zurecht gekommen sind. Der Eine,
Martin<lb/>Anschafft, hat nuur einen Sohn gehabt, mit Namen<lb/>Maurus, und
dem Andern ist von einer gannzen Menge<lb/>Kindern nur eine einzige Tochter
am Leben geblieben,<lb/>eben die Jakobäa, die noch jezt in dem Hause
waltet.<lb/>Ec hat sich also bei den Vätern ganz von selbst
ver-<lb/>standen, daß Maurus und Jakobäa ein Paar werden<lb/>müßten, damit
das Haus und was dazu gehörte -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0030_027.tif" n="0027"/>
<p>A<lb/>und die Anschafft's waren inzwischen immer mehr in<lb/>die Höhe
gekommen - so in der Familie erhalten<lb/>bliebe, wie die Brüder es
besaßen.<lb/>Dem Mädchen ist das ebenfalls natürlich vorge-<lb/>kommen und
ganz recht gewesen. Der Spruch an den<lb/>Hause, mit dem sie aufgewachsen,
war ihr auch wie<lb/>eingewachsen.<lb/>Jakobäa hat es gar nicht anders
gekannt und ge-<lb/>dacht, als daß fie einmal den Maurus zun
Manne<lb/>bekommen würde, und da sie nebenher von Kindes-<lb/>beinen an sich
zur Wirthschaft gut angelassen, und<lb/>früh gelergt Jat, wie viel Bazen auf
ein Schock gin-<lb/>gen, so hat sie es auch zeitig begrifßen, daß
zwwei<lb/>Hälften ein Ganzes machen, und mehr werth sind,<lb/>als ein
Halbes. Daß einmal eine Andere als sie<lb/>neben dem Maurus in dem Hause
fitzen sollte, oder<lb/>gar, daß sie mit einem Andern aus dem Hause
fori-<lb/>gehen könne, in dem sie geboren worden war, und<lb/>das die Maria
Josepha Anschafft für sich und ihre<lb/>Nachkommenschaft wieder aufgebaut
hatte, das ist der<lb/>Jakobäa in ihrem Stolze ganz unmöglich
vorgekon-<lb/>men. Sie hat also an dem Vetter wie an einem<lb/>Theile von
ihrem Eigenthume festgehalten, und damit<lb/>hat sie es zumeist bei ihm
verdorben. Sie hatte ihn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0031_028.tif" n="0028"/>
<p>7<lb/>gerade damit ganz besonders aufgestachelt, den beiden<lb/>Alten und ihr
selbst zum Trotze fortzugehen in die<lb/>Fremde.<lb/>Die Männer, die mit ihm
jung gewesen sind,<lb/>haben ihn oftmals sagen hören, daß er kein
Felsblock<lb/>sei, der für ewige Zeiten stehen bleiben müsse, wo
er<lb/>einmal stehe. Er sei auch kein Erbstück, wie eine alte<lb/>Truhe,
oder wie das Vieh, daö mit dem Hause und<lb/>dem Hofe übernommen werde. Er
lasse sich von Nie-<lb/>mandem versprechen, so wenig er sich verkaufen
oder<lb/>verdingen lassen würde gegen sein Belieben. Er sei<lb/>ein freier
Mann, und Gott habe dem Menschen Ver-<lb/>nunft und freien Willen gegeben,
damit er über sich<lb/>selbst bestimmen und für sich selber wählen
sollte.<lb/>Hier oben in den Bergen zu bleiben und immer nur<lb/>Gras zu
mähen, das Vieh zu hüten und die Käse<lb/>in die Welt hinauözuschicken, sei
er nicht gesonnen;<lb/>das könnten Andere thun, die nicht seine Kräfte
und<lb/>seine Länge und seine breiten Schultern häiten. Er<lb/>wolle lieber
in die Welt gehen, sich in ihr umthun,<lb/>wie schon so Mancher von ihnen es
vor ihm gethan<lb/>habe. Er wolle sehen, wie es ihm in der Welt
ge-<lb/>fallen werde, und nachher sei es noch Zeit genug, sich<lb/>zu
entscheiden, ob er sich hier oben in den Bergen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0032_029.tif" n="0029"/>
<p><lb/>festsezen, und ob er die Jakobäa oder eine Andere<lb/>zum Weibe haben
wolle oder nicht. Wolle sie das<lb/>abwarten, so habe er nichts dawider,
wolle sie das<lb/>nicht, so sei ihm das eben so genehm. Es müsse<lb/>Jeder
thun, wie eö ihmt, nicht wie es Andern beliebe<lb/>und gefalle.<lb/>Je mehr
die beiden Väter ihm entgegen gewesen<lb/>sind, um so fester hat er
natürlich auf seinem eignen<lb/>Sinn bestanden, und je mehr hat es die
Jakoläa ver-<lb/>drossen, daß er ed kund gegeben, wie er sich gar
Nichts<lb/>aus ihr mache. Aus seiner Gleichgültigkeit und aus<lb/>ihrem
Stolze, gie immer wieder sich an einander ge-<lb/>rieben und gestoßen haben,
ist wie aus hartem Stein<lb/>und kaltem Stahl der Funken in ihr Herz
gefallen.<lb/>Sie hat es ihm nicht zeigen wollen, daß sie ihn liebte<lb/>und
ist bitter nnd eigensinnig gegen ihn geworden;<lb/>und weil sie sich
dazwischen doch verrathen hat, hat<lb/>er auch sein Vergnügen daran gehabt,
sie damit zu<lb/>kränken, daß er sie verschmähte. Es ist ein
immer-<lb/>währender Unfriede zwischen den jungen Leuten
ge-<lb/>wesen.<lb/>Darüber hat es denn endlich auch unter den<lb/>Vätern
Streit gegeben, und wie der Maurus immer<lb/>wieder fest und bestimnt
erklärt hat, daß er unter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0033_030.tif" n="0030"/>
<p>keiner Bedingung länger in dem Hause und in dem<lb/>Thale bleiben werde, so
hat der Beichtvater des Hauses,<lb/>dem die Väter ihre Noth geklagt haben,
sich in das<lb/>Mittel gelegt und dem Widerspenstigen den Rath
ge-<lb/>geben, er solle, wenn er denn durchaus in die Welt<lb/>hinaus wolle,
sich auf eine bestimmte Anzahl von<lb/>Jahren unter die Schweizer
einschreiben lassen, die in<lb/>Rom die Leibwache des heiligen Vaters
bildeten. Das<lb/>sei ein Beruf, an dem Gott Wohlgefallen habe,
man<lb/>wisse denn auch, wo er sei und bleibe. In Rom<lb/>werde er in dem
rechten Glauben aufrecht erhalten,<lb/>und da er ein großer und ansehnlicher
junger Mann<lb/>sei, der in der Klosterschule guten Unterricht
genossen<lb/>habe, so könne er auf diesem Wege nicht nur zu
Ehren<lb/>kommen, sondern auch sein Seelenheil befördern.<lb/>Man hatte dem
Maurus in den alten Bildwerken<lb/>der Klosterbibliothek die Abbildung der
Schweizer Helle-<lb/>bardiere des Papstes gezeigt, die, wie alte Ritter
an-<lb/>gethan, in den großen Prozessionen mit ihren Helle-<lb/>barden vor
dem Thronhimmel hergehen, auf welchem<lb/>der Papst durch die prachtvollen
Hallen der Peterskirche<lb/>getragen wird, und er hat von da ab die
Stunde<lb/>kaum erwarten können, bid er mit des Frühlings An-<lb/>fang sich
auf den Weg nach Rom begeben konnte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0034_031.tif" n="0031"/>
<p>Mußten sie ihn einmal gehen lassen, so war das<lb/>den Vätern noch der
liebste Weg, und da die Jakobäa<lb/>trotz ihres Stolzes fromm und dem
Zuspruch ihres<lb/>Beichtvaters von Herzen zugänglich war, so
söhnte<lb/>auch sie sich mit dem Gedanken aus, daß Maurus<lb/>die Heimath
und sie verlassen sollte, um den heiligen<lb/>Vater zu bewachen, gegen den
in jenen Jahren sich<lb/>in seinen eigenen Landen zu verschiedenen Malen
Auf-<lb/>ständige erhoben hatten.<lb/>Ehe er fort ging, genossen die beiden
Väter und<lb/>Jakobäa und Maurus zusammen noch das heilige<lb/>Abendmahl.
Pater Theophil, der damals eben erst die<lb/>großen Weihen empfangen, hat
ihn besonders noch ge-<lb/>segnet und ihm einen Empfehlungsbrief verschafft,
der<lb/>ihm auf seinem Wege in den Klöstern Aufnahme und<lb/>Herberge
erwirken sollte. Man hatte ihn übrigens gut<lb/>auögestattet, wie es einem
jungen Menschen zukam,<lb/>dessen Vater im Vollen saß, und als er dann
am<lb/>lezten Abende in der oberen Stube die Goldstücke in<lb/>dem
Ledergurte verwahrte, den er am andern Morgen<lb/>auf dem bloßen Leibe
anlegen sollte, hat die Jakobäa<lb/>neben ihm gestanden und nachdenklich
zugesehen, wie<lb/>er die Stücke überzählte.<lb/>Gesprochen haben sie Beide
nicht. Draußen hat<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0035_032.tif" n="0032"/>
<p>H<lb/>der Föhn geweht und der alte Birnbaum, der schon<lb/>seit vielen Jahren
keine Früchte mehr getragen, und<lb/>den man nur noch stehen lassen, weil er
schon wer<lb/>weiß wie lange neben dem Hause gestanden hatte, hat<lb/>in dem
dürren Wipfel geknirrt und geknarrt, daß es<lb/>sich anhörte, als würde er
in jedem Augenblicke brechen.<lb/>, Ob der noch stehen wird! sagte darauf
Mau-<lb/>rus, und Nichts weiter.<lb/>, Der hält noch mehr aus, als die paar
Jahre!'<lb/>meinte Jakobäa, und hatte nicht das Herz, den
Vetter<lb/>anzusehen.<lb/>,Es ist nicht gesagt, daß ich in ein paar
Jahren<lb/>wiederkomme! gab er ihr zur Antwort. , Hier oben<lb/>ist ja
Nichts zu holen.<lb/>Jakobäa hat darauf geschwiegen, und als er
seine<lb/>Sachen hergerichtet hatte, wollte er hinausgehen. Sie<lb/>aber
rührte sich nicht von der Stelle und kämpfte hart<lb/>mit sich. Mit einem
Male, wie er schon unter der<lb/>Thüre stand, trat sie an ihn heran und
hielt ihn fest.<lb/>,Soll ich auf Dich warten? fragte sie.<lb/>Er blieb
stehen, sah sie an, wendete sich wieder<lb/>von ihr ab, und
entgegnete:,Halt' das, wie Du<lb/>willst. Es thut Jeder, was er nicht lassen
kann! --<lb/>und damit ging er fort.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0036_033.tif" n="0033"/>
<p>Heittes<lb/>F. Lewald, Benedikt. l.<lb/>Onpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0037_034.tif" n="0034"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0038_035.tif" n="0035"/>
<p>E: hatte versprochen, daß er Nachrichi von sich<lb/>geben wollte und sie
warteten und warteten darauf,<lb/>ohne daß sie kam. Endlich, weil man gar
Nichts<lb/>von ihm hörte, schrieb der Herr Prior, der in Rom<lb/>viel Anhang
und Bekanntschaft hatte, an Einen, der<lb/>es leicht erfahren konnte, er
möge sich doch einmal<lb/>erkundigen, ob der junge Maurus Auschafft in
Rom<lb/>angekommen, und in die Leibwache des heiligen Vater?<lb/>eingetreten
wäre.<lb/>Die Antwort fiel verneinend aus, und es wußte<lb/>nun hier oben
Niemand, was er nur davon denken<lb/>solle. Die Einen vermutheten, er sei zu
Schaden<lb/>und um das Leben gekommen, die Andern wollten<lb/>nicht daran
glauben, weil er ein starker und ent-<lb/>schlossener Mensch war. Sie
meinten, er würde auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0039_036.tif" n="0036"/>
<p>H<lb/>gut Glück wo anders hingegangen sein, weil er sich<lb/>niemals Etwas
hatte vorschreiben lassen und nie lange<lb/>bei demselben Vorsaz geblieben
sei; und es stellte sich<lb/>danach heraus, daß diese Letzteren das Richtige
ge-<lb/>troffen hatten.<lb/>Er war schon über Jahr und Tag von
Hause-<lb/>fvrt, als endlich ein Brief von ihm ankam, und zwar<lb/>nicht aus
Italien, sondern aus Algier. Das hing<lb/>aber so zusammen.<lb/>Der Herr Abt
hatte ihm, als der Maurus fort-<lb/>gegangen war und weil er durchaus das
Meer zu<lb/>sehen verlangte, die Reisestraße in der Art
vorgezeichnet,<lb/>daß er zuerst nach Genua wandern und sich von
dort<lb/>nach Eivita vecchia einschifen sollte. Nach Genua war<lb/>er auch
wirklich gekommen, und zwar in Begleitung<lb/>von ein paar anderen jungen
Leuten, die auf dem<lb/>Wege nach Frankreich gewesen waren, um dort in
die<lb/>Fremdenlegion für den französischen Kriegsdienst in<lb/>Algier
einzutreten. Es waren lustige, verwegene<lb/>Burschen gewesen, die es ihm
vorgestellt hatten, daß<lb/>es ein langweiliges Gewerbe sei, mit der
Hellebarde<lb/>auf der Schulter heute im Vatikan und morgen im<lb/>Quirinal
auf den Posten zu ziehen, um einen alten<lb/>Pfafen zu bewachen. Sie hatten
dabei nicht ermangelt,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0040_037.tif" n="0037"/>
<p>K<lb/>ihm das Leben eines französischen Troupiers und die<lb/>Aussichten, die
ein muthiger junger Mann grade in<lb/>den französischen Colonien habe, in
den verlockendsten<lb/>Farben auszumalen.<lb/>Maurus hatte diese
Schilderungen sehr nach seinem<lb/>Geschmack gefunden, die mitgenommenen
Goldstücke<lb/>waren vermuthlich in Gesellschaftseiner
neuenFameraden<lb/>auch schnell flüssig geworden, und er meldete denn
jezt<lb/>ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, daß er<lb/>in der
Fremdenlegion Dienste genommen habe, daß;<lb/>es ihm in derselben gut gehe,
und daß er sobald nicht<lb/>wiederkemmen werde. Es sei bei ihnen in Algier
vie!<lb/>schöner und ein ganz anderes Leben als zu Hause.<lb/>Von dem
Heimweh, von dem man immer sage, daß<lb/>es den Schweizer in der Fremde
befalle, und ihn in seine<lb/>Berge zurückziehe, könne er noch Nichts
verspüren;<lb/>und man möge sich also keine Sorgen machen
seinet-<lb/>wegen.<lb/>Oben in dem Thale hörten sie das gelassen an.<lb/>Das
Heimweh wird schon noch kommen, sagten sie,<lb/>und des Maurus Vater verließ
sich auch darauf. In-<lb/>deß es verging ein Jahr um das andere, ohne
daß<lb/>er wiederkehrte. Nachricht gab er immer seltener und<lb/>immer
weniger von sich, bis man sich daran gewöhnte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0041_038.tif" n="0038"/>
<p>78<lb/>daß man Nichts mehr von ihm hörte, und daß er<lb/>eben nicht mehr da
war. Die beiden Alten wirth-<lb/>schafteten mit der Jakobäa ruhig fort, denn
sie war<lb/>noch immer bei ihnen und hatte auch nech keinen<lb/>Mann
genommen, obschon es ihr an Vorschlägen und<lb/>Bewerbern nicht gemangelt
hatte, da sie schön und<lb/>reich war.<lb/>Sie hatte an einem Jeden, der bei
ihr anfragte,<lb/>irgend Etwas auszusetzen. Jeder aber, den sie
also<lb/>abgewiesen, ward ihr Feind, und zuletzt hieß es, sie<lb/>wolle
warten, bis der Maurus einmal umgekommen<lb/>sein würde. Dann wäre sie die
einzige Erbin in dem<lb/>Hause, und sie hoffe ofenbar sich dann noch
besser<lb/>an den Mann zu bringen, als jezt mit dem
halben<lb/>Erbe.<lb/>Damit jedoch ihat man ihr schweres Unnecht,<lb/>denn
sie war weit daven entfernt, sich Nechnung auf<lb/>des Vetters Tod zu
machen. Von frühester Kindheit,<lb/>an hatte sie an ihm gehangen, und von
der Stunde<lb/>ab, da er von ihr mit so kaltem Wort geschieden
war,<lb/>hatte sie keinen anderen Gedanken mehr gehabt, als<lb/>ihn allein.
Sie meinte, er habe sich nur so kalt ge-<lb/>stcllt, um sie zu quälen, wie e
seine Art war. Er<lb/>könne es aber doch in seinem Inneuu gar nicht
anders<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0042_039.tif" n="0039"/>
<p>89<lb/>gedacht haben, als daß sie trotz alledem zusammen-<lb/>gehörten. Er
habe es auch ganz genan gewußt, daß<lb/>sie auf ihn warten würde, bis er
zurückkäme; und<lb/>früher oder später werde er wiederkehren, damit
sie<lb/>hier in dem Hause, daö von der Maria Josepha für<lb/>sie und ihre
Nachkommenschaft gebaut worden war,<lb/>ein Paar werden könnten, wie es sich
gebührte.<lb/>Jakobäa war siebzehn oder achtzehn Jahre alt<lb/>gewesen, als
Maurus in die Fremde gegangen war<lb/>und sie hatte ihre vierundzwanzig
zurückgelegt, als ihr<lb/>der Vater starb. Nun waren nur noch fie und
der<lb/>Ohm im Hause, der auch nicht mehr wie früher bei<lb/>Kräftei war,
und die ganze Wirthschaft lag im Grunde<lb/>ganz allein auf ihr. Sie hatte
Alles in der Hand,<lb/>bestimmte und verhandelte Alles nur nach ihrem
Kopfe.<lb/>Sie betrug sich gar nicht mehr wie ein
unverheirathetes<lb/>junges Frauenzimmer, kümmerte sich auch nicht
mehr<lb/>um die Junggesellen, und so kam sie mit all ihrer<lb/>Schönheit und
mit all ihrem Hab und Gut in das<lb/>alte Register und in Vergessenheit, als
wäre sie für<lb/>die Männer nicht mehr zu haben. Sie sagte
freilich<lb/>immer: so wie es wäre, wäre es ihr gerade recht,<lb/>R M k? -
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0043_040.tif" n="0040"/>
<p>0<lb/>Das ist so hingegangen, bis sie hoch in den Zwan-<lb/>zigern gewesen
und der Ohm endlich auch gestorben ist.<lb/>Natürlich hat das dem Sohne
sogleich angemeldet<lb/>werden müssen. Der Ammann hat es ihm sofort
ge-<lb/>schrieben, der Herr Abt hat ihm gleichfalls schreiben<lb/>lassen,
und sie haben die Jakobäa aufgefordert, es ven<lb/>ihrer Seite ebenso zu
thun.<lb/>Das hat sie aber nicht gewollt. Sie hat ent-<lb/>gegnet, sie habe
dem Maurus weiter Nichts zu sagen.<lb/>Er werde ja kund geben, ob er nach
Hause kommen<lb/>und sein Erbe selbst bewirthschaften wolle oder
nicht.<lb/>Komme er nicht, so müsse sie zusehen, wie sie sich<lb/>mit ihm
auseinandersetze, denn aus dem Hause gehe<lb/>sie in keinem Falle fort. Ein
Frauenzimmer von<lb/>ihrem Stamne hätte es der Zeit für die
Familie<lb/>aufgerichtet, und sie sei eben so gut wie die Maria<lb/>Josepha
im Stande, es bei der Familie auf ihre eigene<lb/>Hand zu erhalten, wenn der
Maurus so pflichtvergessen<lb/>sein könnte, sich davon frei machen zu
wollen. Sie<lb/>werde abwarten, was er zu thun gesonnen sei und<lb/>dann
weiter zuschauen.<lb/>Diesmal haben sie auf seinen Bescheid nicht
so<lb/>lange zu warten brauchen. Der Maurus ist bald<lb/>selber angekommen,
und sie erzählen noch im Thale,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0044_041.tif" n="0041"/>
<p>1<lb/>wie man am Anfang gar nicht hätte glauben wollen,<lb/>daß er es
wirklich sei.<lb/>Er war von der heißen afrikanischen Sonne<lb/>schwarzbraun
geworden, als wäre er in Afrika ge-<lb/>boren. Er hat einen prachtvollen
Bart getragen, und<lb/>obschon er es nicht weiter gebracht hatte, als bis
zum<lb/>Unteroffizier, hat er vornehm ansgesehen und stolz ge-<lb/>than, wie
kein inländischer General. Mlles ist ihm<lb/>z gering vorgekouunten und
Jedeun, der es hat hören<lb/>wollen, hat er gesagt, daß er sich allerdings
frei ge-<lb/>macht habe und zu<lb/>wolle, daß es ihm<lb/>weniger gefalle,
als<lb/>Hause bleiben könne, wenn er<lb/>aber in den Bergen jetzt
noch<lb/>sonst vordem. Er denke fortzu-<lb/>gehen, sobald er nur erst mit
der Jakobäa im Reinen<lb/>sei, was ja wohl nicht lange dauern werde.
Die<lb/>Jakobäa wolle das Haus behalten, daran thue sie auch<lb/>recht und
wohl, denn sie suche in der Wirthschaft<lb/>ihres Gleichen. Er aber sei kein
Bauer, habe auch<lb/>keine Lust am Feilschen und Zusammenscharren, er
wolle<lb/>den Tag am Tage leben, wolle nicht immer an das<lb/>Morgen denken.
Was ihm durch den Kopf gehe und<lb/>was das Herz ihm sage, das thue er. Sich
hier eine<lb/>Fran zu nehmen, sei er nicht gekommen, am wenigsten<lb/>um der
Jakobäa willen. Die wäre das reine Gegen-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0045_042.tif" n="0042"/>
<p>»L<lb/>theil von ihm; doch müsse er ihr zugestehen, daß sie<lb/>ein
Frauenzimmer sei, vor dem er salutire, abgesehen<lb/>davon, daß sie ihm
jezt, wo sie zu Fleisch gekommen,<lb/>doch noch eher gefallen könne, als in
ihren jungen<lb/>Jahren und in deren Magerkeit.<lb/>Troz alledem Gerede und
dem Prahlen zog das<lb/>Verhandeln mit der Jakobäa sich aber mit einem Male
in<lb/>die Länge. Die Wochen vergingen, es wurden Monate<lb/>daraus, der
Schnee lag schon wieder in dem Thale,<lb/>und Maurus war noch immer da. Als
er angekommen<lb/>war, hatte er die Uniform getragen, jezt sah man
ihn<lb/>ab und zu in bürgerlicher Kleidung, und je länger er<lb/>da war, um
so öfter.<lb/>Einen Abend wie den andern kam er in das<lb/>Wirthshaus, wo
die Leute es nicht müde wurden, ihm<lb/>immer wieder zuzuhören, und wo er
immer so viel<lb/>von seinen Erlebnissen zu erzählen hatte, daß er
end-<lb/>lich nicht mehr dazu kam, von seinem Fortgehen
zu<lb/>sprechen.<lb/>Wenn man die Jakobäa fragte, wie lange der<lb/>Vetter
denn noch bleiben werde, sagte sie: dad wisse<lb/>sie nicht, und sie frage
ihn auch nicht danach. Er sei<lb/>im Hause Herr so gut wie sie und könne
sich ein-<lb/>richten, wie es ihm gefalle.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0046_043.tif" n="0043"/>
<p>3<lb/>Die Frauen und Mädchen aber machten die Be-<lb/>merkung, daß Jakobäa
sich jezt niemals ohne ihre<lb/>großen goldenen Haarnadeln und ohne die mit
Steinen<lb/>besezten Dhrringe und Halsketten sehen ließ, die sie<lb/>sonst
nur Sonntags oder Feiertags getragen hatte.<lb/>Sie zeg. wenn sie nicht
gerade bei der Arbeit war,<lb/>ihre seidenen steifen Mieder an den
Wochentagen an,<lb/>und sie sah auch viel vergnügter aus, und zeigte
sich<lb/>redseliger und zuthulicher, als man es sonst ven ihr<lb/>gewohnt
war. Man merkte wohl, da gehe Etwas vor;<lb/>es ließ indeß noch eine Weile
warten, obschon die<lb/>Beiden immer vertraulicher mit einander
verkehrten<lb/>und zusammen zur Messe und in die Kirche gingen,<lb/>wie
Zwei, die von Rechtswegen zu einander gehören,<lb/>was ja im -ßrunde auch
der Fall war.<lb/>Kurz vör Weihnachten kam es zur Verlobung,<lb/>bald nach
Neujahr war die Hochzeit, und Jakobäa<lb/>hatte ed nun erst recht kein Hehl,
daß sie von Kindes-<lb/>beinen an keinen Anderen im Sinn getragen
habe,<lb/>als ihren Veiter Maurus. Sie gestand es ein, daß<lb/>sie es eigens
darauf angelegt, ihn bei sich fest zu<lb/>halten, und daß jie unverheirathet
geblieben jein würde,<lb/>wenn sie ihn nicht hätte haben können. Sie
war<lb/>immer rüstig bei der Arbeit gewesen, jezt wurde sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0047_044.tif" n="0044"/>
<p>4<lb/>es doppelt. Die Lente meinten, sie glänze vor lauter<lb/>Zefriedenheit,
und sie sagte auch Jedem, der es hören<lb/>wollte, daß sie jezt zum ersten
Mal zufrieden sei,<lb/>weil sie nun endlich ihren Willen habe.<lb/>,Ich
habe, so lange ich von mir weiß, immer<lb/>meinen Willen haben müssen,''
sagte sie, zund ich<lb/>habe ihn auch jezt wieder durchgesezt, gar nicht
erst<lb/>zu gedenken, daß ich es seinem Vater auf dem Todten-<lb/>bette
versprochen und zugeschworen hatte, daß ich, so<lb/>viel es an mir wäre,
dazu thun würde, den Maurus<lb/>hier bei mir, und hier bei seinem Haus und
Hofe zu<lb/>erhalten. Hier in das Haus gehört er hin und nun<lb/>kann die
Nachkommenschaft nur immer kommen, je<lb/>eher um so besser. Wenn ich das
Haus auch nicht<lb/>für sie gebaut hale, wie die Maria Josepha, so
habe<lb/>ich doch die Waldwiese dazu gekauft, unsere Heerden<lb/>vergrößert
und Kisten und Kasten wohl angefüllt, seit<lb/>ich das Regiment nach dem
Tode der Mutter und<lb/>der Muhme in die Hand bekommen habe. Et ist<lb/>jezt
Alles, wie es sein muß, und was der Mensch<lb/>will, das sezt er auch durch,
sofern er sich rechtschaffen<lb/>dczu hält. Es ist ein Jeder seines Glückes
Schmied,<lb/>und wenn es Einem schlecht geht, so trägt er ganz<lb/>allein
daran die Schuld.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0048_045.tif" n="0045"/>
<p>4k<lb/>Wenn man ihr darauf zu bedenken gab, daß dieö<lb/>vermessen jei, und
daß es Gott versuchen heiße, so<lb/>wollte sie davon nicht hören. Es war
umsonst, wenn<lb/>man ihr vorhielt, daß der Mensch vor Gott nicht
also<lb/>auf sich trozen dürfe, daß der Herr dem Menschen<lb/>manchmal seine
strenge schwere Hand ganz unerwartet<lb/>fühlbar mache, so entgegnete sie
stolz, sie wisse daö<lb/>fehr wohl. Aber sie lasse es ja am Gebet nicht
fehlen,<lb/>und wenn sie für sich selber schaffe, gebe sie ebenso<lb/>dem
Opferstock voll auf, was ihm gebühre. Auch<lb/>wenn biweilen der Eine oder
der Andere sich darüber<lb/>vernehmen ließ, daß ihr Mann lange nicht so wie
sie<lb/>tüchtig bei der Arbeit sei, focht sie das nicht weiter<lb/>an. Sie
sagte, der Maurus habe sich in Afrika lang<lb/>genug geplagt, nun könne er's
mit ansehen. Nach<lb/>einem Manne, der ihr in Alles hineingeredet
hätte,<lb/>hahe sie es nicht verlangt, den hätie sie gar
nicht<lb/>gebrauchen können. Sie habe einen schönen Mann<lb/>haben wollen,
mit dem vor den Menschen Ehre ein-<lb/>zulegen sei, den habe sie an Maurus
und damit seis<lb/>genug und gut.<lb/>Als darauf im nächsten Herbst das
erste Kind<lb/>in's Haus gekommen ist, war die Freude noch weit<lb/>größer,
nur daß es kein Sohn war, beklagte Jakobäa.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0049_046.tif" n="0046"/>
<p>1<lb/>Indeß es ward doch eine große Taufgesellschaft ein-<lb/>geladen, bei
der es so hoch herging, daß die Tische<lb/>fast brachen unter ihrer Last.
Die Hausfrau und die<lb/>Gäste waren mit Essen und mit Trinken und
mit<lb/>Tanzen lustig vom frühen Vormittage bis in die tiefe<lb/>Nacht. Es
fiel aber dem Einen und dem Andern,<lb/>die zugegen waren, trozdem auf, daß
der Taufvater<lb/>sich nicht so munter zeigte, als die junge Frau;
und<lb/>wie der Postmeister ihn fragte, weshalb er nicht wie<lb/>sonst
gelaunt sei und ob vielleicht der Brief, den er<lb/>gestern in der Frühe
bekommen habe, ihm verdricßliche<lb/>Nachrichten gelracht hätie, gal er ihm
ein heimlich<lb/>Zeichen, daß er von dem Briefe nicht geredet
haben<lb/>wolle.<lb/>Dem Postmeister brauchte man das nicht zweimal<lb/>zu
sagen. Er war ein Mann, der seine Erfahrungen<lb/>nicht umsonst gemacht
hatte. Es ging mancher Brief<lb/>durch seine Hände, besonders an solche
Leute, die aus-<lb/>wärts waren, oder auswärts gewesen und wieder
heim-<lb/>gekommen waren, der nicht an das Amthaus oder an<lb/>die
Kirchenthüre angeschlagen werden durfte. Er<lb/>machte also auch keine
weiteren Worte darüber, als<lb/>Maurus ihn mit der Bitte anging, wenn wieder
ein-<lb/>mal solch ein Brief aus Algier kommen sollte, ihn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0050_047.tif" n="0047"/>
<p>?<lb/>auf dem Postamt zu behalten, und ihm denselben bei<lb/>Gelegenheit
unter vier Augen abzugeben. Es habe<lb/>mit den Briefen keine Eile.<lb/>Das
Geheimniß mußte indessen dem Maurus<lb/>doch mehr am Herzen liegen, als er
sagte, denn der<lb/>Postmeister konnte sich nur dadurch die große
Freund-<lb/>schaft erklären, welche Maurus von da ab plözlich<lb/>für ihn
kund gab. Er sprach immer und immer<lb/>wieder bei ihm ein, ohne deshalb
nach den Briefen<lb/>bei ihm anzufragen. Der Postmeister bemerkte
viel-<lb/>mehr, daß Maurus sehr zufrieden schien, keine Briefe<lb/>für sich
vorzufinden, und wie dann nach einer langen<lb/>Pause einmal ein neuer Brief
unter seiner Aufschrift<lb/>eingelaufen war, wurde Mauru blaß und
stumm,<lb/>als er die Handschrift sah.<lb/>Der Postmeister erwartete also,
Mauruö werde<lb/>bald mit einer Antwort zu ihm kommen. Indeß er<lb/>Irachte
keine und der Andere sezte sich im Stillen<lb/>seinen Vers daraus
zusammen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0051_048.tif" n="0048"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0052_049.tif" n="0049"/>
<p>Wo ging die Zeit hin und noch ehe der nächste<lb/>Herbst vorüber war, war
auch schon das zweite Kind<lb/>und zwar wieder ein Mädchen oben bei den
Anschafft's<lb/>eingetroffen. Die beiden Kinder waren wenig mehr<lb/>als ein
Jahr aus einander und sie gediehen Beide,<lb/>daß es eine Lust war, sie zu
sehen. Die Mutter war<lb/>ganz Nolz auf ihre beiden derben Mädchen, nur
der<lb/>Vater hatte an ihnen nicht die rechte Freude, und es<lb/>mußte wohl
etwas Besonders mit ihm vorgegangen<lb/>sein, denn es schien ihn überhaupt
Nichts mehr zu<lb/>freuen.<lb/>Maurus war wie ausgetauscht. Er war
finster<lb/>geworden, man hätte sagen mögen menschenscheu.<lb/>Redselig war
er gar nicht mehr, er sprach und er-<lb/>zählte auch nicht mehr von Afrika
und von all den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0053_050.tif" n="0050"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0054_051.tif" n="0051"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0055_052.tif" n="0052"/>
<p><lb/>Heldenthaten, die er dort gethan hatte. Er schnitt<lb/>sich endlich
sogar den Schnurrbart und den Knebel-<lb/>bart ab, die er bis dahin mit
großem Stolz getragen<lb/>hatte, er ließ sich das Haar nicht mehr scheeren
wie<lb/>in der Armee; und in dem Wirthshaus, in welchem<lb/>er sonst selten
einmal gefehlt hatte, traf man ihn immer<lb/>weniger an.<lb/>Er kam im
Ganzen nicht viel aus dem Hause. Ein<lb/>großer Kirchengeher war er nie
gewesen, nun setzte<lb/>er den Fuß nicht mehr über des Gotteöhauses
Schwelle.<lb/>Natürlich konnte das den Leuten nicht entgehen. Sie<lb/>fingen
allmälig an, sich ihre Gedanken über ihn zu<lb/>machen und gaben es Jakobäen
auch wohl hie und<lb/>da zu hören, daß mit ihrem Manne Etwas
vor-<lb/>gegangen sein, oder daß er Etwas auf sich haben<lb/>müsse, das ihn
drücke. Aber sie lachte die Leute<lb/>achselzuckend aus.<lb/>,Was soll er
denn haben?! entgegnete sie ihnen.<lb/>,Ich danke alle Tage meinem Schöpfer,
daß er sich<lb/>wieder an das Haus gewöhnt, und daß er kein Ver-<lb/>langen
mehr nach dem Leben trägt, von dem er hier<lb/>zu mir zurück gekommen ist.
Solche Strapazen, wie<lb/>er sie in Algier hat durchmachen müssen, die
sezen<lb/>sich nicht in die Kleider, die gehen in die Knochen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0056_053.tif" n="0053"/>
<p>5<lb/>Die Müdigkeit kommt ihm jezt nach! Jemehr er sich<lb/>hier wieder
festsezt, je weniger mag er Goit sei Dauk!<lb/>an all das wilde
Blutvergießen denken, das er dort<lb/>unten bei den Franzosen hat verüben
helfen müssen.<lb/>Er hat die Fremde satt bekommen und sizt nun
ruhig<lb/>ftille. Wenn er noch länger hier sein wird, bekomme<lb/>ich ihn
auch an die Arbeit, und dann wird er erst<lb/>recht zufrieden sein, daß ich
ihn nicht wieder habe<lb/>fortgehen lassen, und daß er nun mit Frau
und<lb/>Kindern auf unserm Hofe sizt.<lb/>Sie war wie immer die reine
Selbstzufrieden-<lb/>heit und Selbstgewißheit, es schlug auch Alles
ein,<lb/>woran sie ihre Hand nur legte; und verdiente es<lb/>Einer, daß es
ihm wohl ging, so war sie es mit ihrer<lb/>kreuen Arbeit und mit ihrem
festen Sinn, der nicht<lb/>nur zu schaffen, sondern auch zu tragen und zu
sorgen,<lb/>und seine Sorgen zu verschweigen verstand.<lb/>Denn ohne daß sie
ein Wort darum verloren<lb/>hatte, war sie es schon eher als die Anderen
gewahr<lb/>worden, daß auf ihren Manne Etwas lastete. Sie<lb/>hatte es
längst bemerkt, daß er oftmalö, wenn er in<lb/>der Nacht an ihrer Seite lag,
im Schlafe anfschrie,<lb/>wie Einer, dem der Alp das Herz bedrückt, und
wenn<lb/>sie ihn dann schüttelte und anrief, sv schreckte er em-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0057_054.tif" n="0054"/>
<p>5<lb/>por und redete in seiner Schlaftrunkenheit bald auf<lb/>französisch,
bald auch auf aralisch, daß sie nicht er-<lb/>fahren konnte, was er habe.
Wenn er danach zu<lb/>seinen vollen Sinnen kam, so sagte er, er habe
schlecht<lb/>geträumt, und wollte immer wissen, was er denn ge-<lb/>sprochen
und was sie von ihm vernommen habe? Das<lb/>konnte sie ihm nicht sagen, und
er gab sich dann zur<lb/>Ruh.<lb/>Weil sich das aber immer öfter wiederholte
und<lb/>weil ihr Mann auch am Tage sich ganz verwandelt,<lb/>bald still und
finster, bald unruhig und hastig zeigte,<lb/>dachte sie endlich, er könne
das viele Sizen nicht ver-<lb/>tragen, er sei krank oder köntmte eö doch
werden. Sie<lb/>sah ihn deöhalb bisweilen darauf an; aber sobald er<lb/>es
bemerkie, daß sie ihre Augen forschend auf ihn ge-<lb/>richtet hielt, wurde
er barsch und wild und mied sie,<lb/>so wie er es nur konnte.<lb/>Das wurde
ihr allmälig doch zu viel, und in ihrer<lb/>Rathlosigkeit wendete sie sich
endlich an den Pater<lb/>Medikus, der ein sehr gelehrter Arzt war und
mit<lb/>seinen Kuren an den Leuten im Thale schon wahr-<lb/>hafte Wunder
gethan hatte. Man holte ihn viele<lb/>Meilen weit, wenn in irgend einem
andern Kloster<lb/>oder sonst im Lande schwere Krankheit vorkam und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0058_055.tif" n="0055"/>
<p>55<lb/>die Aerzte nicht mehr helfen konnten. Er hatte auch<lb/>den Eltern der
Jakobäa und des Maurus in deren<lb/>lezten Tagen beigestanden und wenn er
auch nicht im<lb/>Beichtstuhl saß und Niemandes Beichte hörte, so
konnte<lb/>man sich auf ihn und seine treue Verschwiegenheit<lb/>doch eben
so verlassen wie auf einen Beichtiger.<lb/>Der Pater hörte sie aufmerksam
an, fragte nach<lb/>Dem und nach Jenem, und meinte dann, sie könne<lb/>immer
Recht haben, daß das Stillsizen dem Manne<lb/>nicht bekäme. Es sei ihm
neulich selber aufgefallen,<lb/>daß Maurus schlecht aussähe, als er ihm
begegnete.<lb/>Er werde wohl ein melancholisches Geblüt bekommen<lb/>haben
und an der Leber leiden. Das finde sich häufig<lb/>bei denen, die lange in
den heißen Ländern gewesen<lb/>wären. Sie solle es zu machen suchen, daß er
nicht<lb/>in der Stube hocke, sondern sich, wie sie und ihre<lb/>Leute, im
Freien an die Arbeit halte. Das werde<lb/>ihm gesund sein und wenn ihm das
nicht helfe, so<lb/>müsse man' dann weiter zusehen. Vor Allem aber<lb/>solle
sie ihm nicht zeigen, daß sie ihn bevbachte oder<lb/>um ihn sorge. Es werde
sich wohl geben.<lb/>Sie that, wie der Pater es ihr geheißen. Sie<lb/>schlug
sich, so gut es gehen wollte, die Sorgen und<lb/>die Gedanken aus dem Sinn,
die ihr bisweilen, sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0059_056.tif" n="0056"/>
<p>wußte selber nicht von wannen, kamen; aber wie zu-<lb/>dringliche Fliegen,
die sich immer auf die wunde Stelle<lb/>setzen, kehrten die Gedanken ihr nur
immer öfter wieder,<lb/>je eifriger sie sie verscheuchte, und sie fingen
ebenfalls<lb/>an, sich immer wieder auf denselben Fleck zu richten.<lb/>Wie
viel Vertrauen sie auch zu dem Pater hatte, sie<lb/>glaubte nicht, daß es
mit ihrem Manne stehe wie der<lb/>Pater sagte. Weil sie von Jugend auf an
ihm ge-<lb/>hangen hatte, kannte sie den Maurus wie sich selber,<lb/>und war
gewiß, daß er Etwas auf dem Herzen trage,<lb/>was er nicht sagen wolle und
was ihm doch nicht<lb/>Ruhe lasse.<lb/>Ihr Frohsinn und ihr Lebensmuth
fingen darunter<lb/>allmälig auch zu schwinden an. Sie that nach
wie<lb/>vor, was an ihr war, in der Wirthschaft und gegen Mann<lb/>und
Kinder; im Thale aber hieß es, sie beginne doch<lb/>zu fühlen, daß der
Maurud nur ein Mitesser und kein<lb/>Mitarbeiter sei. Jakobäa, so sagte man,
sähe es nun<lb/>ein, daß sie klüger gethan haben würde, dem
Maurus<lb/>seinen Antheil auszuzahlen und mit einem anderen<lb/>fleißigen
Manne die Wirthschaft zu betreiben. Aus<lb/>einem afrikanischen Soldaten
werde einmal kein rechter<lb/>Wirth mehr. Wenn Maurus auch kein
Durchbringer<lb/>sei, wie vor jenen Jahren der Mann von der Maria<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0060_057.tif" n="0057"/>
<p>Josepha es gewesen, so habe Jakobäa doch im Siillen<lb/>auch ihr Theil zu
tragen, und es sei nur noch ihr<lb/>Stolz, der sie hindre, das laut werden
zu lassen. Die<lb/>Zeiten, in denen sie alle Tage ihren goldenen
Schmuck<lb/>und die seidenen Mieder angelegt habe, seien vorbei,<lb/>obschon
sie jezt noch weit reicher sei, und es jezt ebenso<lb/>gut thun und haben
könne, wie vordem.<lb/>E war das Alles eben nur Vermuthung und<lb/>Gerede.
Man konnte nicht nachweisen, wer es zuerst<lb/>aufgebracht hatte, es drang
aber hier durch und tauuchte<lb/>dort hervor.<lb/>Der Postmeister hatte von
den geheimen Briefen<lb/>Nichts verlautbart, trozdem sprachen die Leute
davon,<lb/>daß Maurus in Algier Etwas haben müsse, was nicht<lb/>hekannt
werden dürfe. Der Postmeister war ja auch nicht<lb/>der Einzige, der sich
mit der Briefbesorgung zu be-<lb/>fassen hatte. Sagen that es dem Maurus
grade Nie-<lb/>mand, was man von ihm dachte, und der Frau sagte<lb/>man's
noch weniger. Indeß, wie er es mit Unbehagen<lb/>fühlte, daß ihn seine Frau
beobachtete, so empfand<lb/>auch sie es, daß die Leute sich über sie und ihr
Haus<lb/>,ezt heimliche Gedanken machten. Das verdroß sie<lb/>nnd
verbitterte ihr Sinn und Herz.<lb/>Die stumme, zuwartende Neugier kam ihr
wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0061_058.tif" n="0058"/>
<p>ein beabsichtigter Einbruch in ihr Haus vor. Was<lb/>geht es die Leute an,
dachte sie, was in meinem Hause<lb/>vorgeht? Sie suchte ja die Leute nicht,
sie kümmerte<lb/>sich um Niemanden, und es nahm ihr doch ein ge-<lb/>heimes
Etwas ihre alte Sicherheit. Hätte sie es<lb/>machen können, wie es ihr um
das Herz war, so hätte<lb/>sie die Laden vor ihren Fenstern gar nicht
aufgethan<lb/>und wäre nicht hinausgetreten über ihre Schwelle.<lb/>Es lag
unheimlich und bedrückend über ihr wie eine<lb/>schwere Wolke, die man
heranziehen sieht, ohne zu<lb/>wissen, wann und wo sie sich entladen
werde.<lb/>Eines Abends, grade als die Tage am längsten<lb/>waren und das
Wetter so schön, daß selbst den Alten<lb/>und den Kranken, den Sorgenvollen
und den Traurigen<lb/>der Sonnenschein das Herz erhellte, hatte
Jakobäa<lb/>mit ihren Leuten auf der Matte über dem Hause mit<lb/>dem
Heuumwenden zu schaffen. Sie hatte die beiden<lb/>Kinder bei sich und wie
sie den Korbwagen, in dem<lb/>die Kleinste lag, aus dem Bereich der Arbeiter
fahren<lb/>wollte, bemerkte sie, daß der Ammann auf ihr Haus<lb/>zuging und
an ihren Mann herantrat, der mit der<lb/>Pfeife im Munde, wie das seine Art
war, vor der<lb/>Thüre saß, ohne sich viel um das zu kümmern, was<lb/>um ihn
und neben ihm geschah.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0062_059.tif" n="0059"/>
<p>Wie der Maurus den Ammann vor sich sah,<lb/>stand er von seinem Sitze auf.--
Der Ammann<lb/>sprach mit ihm, dann gingen sie alle Beide in daö<lb/>Haus
hinein, aber sie riefen nicht nach Jakobäa und<lb/>wo es Auskuuft über Etwas
zu geben galk, war sie<lb/>doch nöthiger als der Mann.<lb/>,Da ist der
Ammann gekommen!'' sagte die eine<lb/>Magd.<lb/>,Habe ich's etwa nicht
gesehen! entgegnete die<lb/>Frau mit einem Tone, als hätte daö junge
Frauen-<lb/>zimmer ein Unrecht mit der Bemerkung begangen.<lb/>Dann warf sie
den Nechen auf den Boden, befahl<lb/>den Mägden, auf die Kinder Acht zu
gehen, und ging<lb/>von der Matte rasch hinunter in daö Haus.<lb/>Ihre Leute
waren das unwirsche Wesen an ihr<lb/>jezt schon gewohnt, indeß es fiel ihnen
doch heut auf,<lb/>weil gar kein Anlaß zu solcher Herbigkeit gegeben
war,<lb/>und weil sie meinten, die Hausfrau sei erschrocken.<lb/>Es vegging
eine Stunde und darüber. Im<lb/>Kloster lääuteien sie die Abendglocke, die
Leute gingen<lb/>von der Wiese heim, und nahmen auch die Kinder<lb/>mit
sich. Sie wußten nicht, was sie davon denken<lb/>sollten. Jakobäa war nicht
gekommen, die Kinder<lb/>selbst zu holen, was sie doch niemalö unterlassen
hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0063_060.tif" n="0060"/>
<p>Im Hause, in der Stube hörten sie lantes<lb/>Sprechen. Jakobäa's, des Mauruö'
und des Am-<lb/>manns Stimnen klangen durcheinander, es gab Streit<lb/>und
Zwiespalt, das war unverkennbar. Erst als sie<lb/>in der Stube merkten, daß
die Knechte und die<lb/>Mägde in der Nähe wären, wurden sie vorsichtig
und<lb/>sprachen leiser. Dann mit einem Male kamen Mann<lb/>und Frau
zusammen mit dem Ammann in den Flur<lb/>hinaus.<lb/>Maurus sah blaß aus und
verstört, wie Einer,<lb/>der von schweren Kämpfen zu sich kommt,
Jakobäa<lb/>sah nicht viel besser aus. Der Ammann ging schweigend<lb/>neben
ihnen her.<lb/>,,Gebt den Kindern zu essen und eßt selber!'<lb/>sagte
Jakobäa im Vorübergehen. Die Magd, die daä<lb/>zu besorgen hatte, fragte, ob
man für die Frau und<lb/>den Mann das Essen stehen lassen solle. Sie
bekam<lb/>darauf nicht einmal Antwort.<lb/>Die Essenszeit war auch längst
vorüber, die Kinder<lb/>schliefen lange, die Knechte und Mägde waren
schon<lb/>zur Ruh gegangen, als endlich Jakobäa in ihr Haus<lb/>zurückkam-
sie allein.<lb/>Sie rührte keinen Bissen an und ging in ihre<lb/>Kammer. Sie
sah nicht nach den Kindern, sie fragte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0064_061.tif" n="0061"/>
<p>auch nach Nichts. Die Magd erkundigte sich, ob für<lb/>den Mann die Thüre
offen bleiben solle?<lb/>,Nein! schließ die Thüre zu!r befahl ihr
Jakobäa.<lb/>Die Magd gehorchte schweigend.-- Sie hatte<lb/>Furcht vor ihrer
Frau, denn Jakobäa sah wie eine<lb/>Todte aus. Ihr ganzes Gesicht war
eingefallen und<lb/>wie von Stein.-- Und kalt und steinern war es
auch<lb/>am Morgen, als sie aus ihrer Kammer kam, den<lb/>Leuten die
verschiedene Tagesarbeit anzuweisen.<lb/>Keiner derselben traute sich mit
ihr zu sprechen,<lb/>da sie ihnen sichtlich auswich. Sie schickte Alle
fort<lb/>und blieb allein im Hause zurück.<lb/>Die Mägde, welche in der Nähe
des Hauses be-<lb/>schäftigt waren, sahen in der Frühe den Ammann<lb/>wieder
zu ihr gehen, dem der Pater Theophilus auf<lb/>dem Fuße folgte. Dann
verließen die Beiden mit<lb/>Jakobäa zu gleicher Zeit den Hof und Niemand
anderes<lb/>kam hinein.<lb/>?. ===========<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0065_062.tif" n="0062"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0066_063.tif" n="0063"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0067_064.tif" n="0064"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0068_065.tif" n="0065"/>
<p>Ji Mittag wußte man es in dem ganzen Thale,<lb/>daß der Mauru fort und wieder
in die Welt ge-<lb/>gangen sei, ohne die Schwelle seines Hauses,
nachdem<lb/>er es am verwichenen Abende in Jakobäa's und des<lb/>Ammanns
Begleitung verlassen hatte, noch einmal zu<lb/>betreten. Er hatte in dem
Hospizgebäude des Klosters<lb/>die Nacht zugebracht, und war von dort in
aller<lb/>Frühe aufgebrochen.<lb/>Wad an dem verwichenen Abende
zwischen<lb/>Jakobäa und ihrem Manne vergegangen war, dar-<lb/>über hat sie
selber nie ein Wort gesprochen, und ihr<lb/>Aussehen war so finster und so
kalt, daß die Leute<lb/>sich nicht trauten, sie darum zu befragen. Auch
der<lb/>Ammann und der Pater, die eö wissen mußten, rückten<lb/>F. Lewald,
Benevikt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0069_066.tif" n="0066"/>
<p>66<lb/>mit der Sprache nicht heraus. Man solle Jakobäa<lb/>ihre Wege gehen
lassen, sagten sie, sie habe schwer zu<lb/>tragen und ihr könne Niemand
helfen.<lb/>Helfen wollte man ihr gerade auch nicht, man<lb/>wollte nur
wissen, was geschehen sei, denn was man<lb/>durch die Knechte und die Mägde
zufällig erfuhr,<lb/>daraus konnte man sich nicht vernehmen.<lb/>Jakcbäa
hatte die große Matte, die sie selbst er-<lb/>worben und auf die sie eben
deshalb viel gehalten<lb/>hatte, und die kleine Matte über dem Wasserfall,
an<lb/>das Kloster gegen baares Geld verkauft, und hatte<lb/>das Gelübde
abgelegt, ihre beiden Mädchen, sobald sie<lb/>der nothwendigen mütterlichen
Pflege entwachsen sein<lb/>würden, den Klosterfrauen des von der
Benediktiner-<lb/>Abtei geleiteten Klosters der barmherzigen
Schwestern<lb/>zur Erziehung zu übergeben, in deren Kloster sie
auch<lb/>einmal den Schleier nehmen sollten. -<lb/>Dahinter mußte aber etwas
ganz Besonderes<lb/>stecken. Jakobäa hatte sich freilich in den
lezten<lb/>Zeiten fromm erwiesen und dem Kloster noch reich-<lb/>licher als
sonst von ihrem Neberflusse zugewendet.<lb/>Ein stilles, beschauliches
Klosterleben war jedoch nie<lb/>nach ihrem Sinne gewesen; und was sie dazu
bringen<lb/>konnte, die Kinder gleich in früher Jugend von sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0070_067.tif" n="0067"/>
<p>e?<lb/>fort zu thun, das begriß man vollends nicht. Ihre<lb/>Mägde
behaupteten allerdings, die Frau möge dic<lb/>beiden armen Kinder kaum mehr
sehen, seit der Vater<lb/>in die Welt gegangen sei, wer konnte das
indessen<lb/>glauben? Die armen Kleinen trugen doch daran<lb/>nicht
Schuld!<lb/>Inzwischen fingen unheimliche Vermuthngen fich<lb/>Bahn zu
brechen an. Es hieß, dem Ammann sei<lb/>von Bern in einem Schreiben der
französischen<lb/>Gesandtschaft die Nachricht zugekommen, daß
der<lb/>Unteroffizier Anschafft in Algier mit einer Maurin<lb/>rechtskräftig
verheirathet sei; und dabei habe sich ein<lb/>Brief von seiner Frau
gefunden, die ihn beschworen<lb/>habe, zu ihr und zu seinen Kindern
zurückzukehren,<lb/>oder ihnen anzuweisen, wie sie ihm in seine
Heimalh<lb/>folgen könnten.<lb/>Man hätte viel darum gegeben, zu
ermitteln,<lb/>was an dem Gerüchte wahr sei. Denn hatte Maurus<lb/>wirklich
eine Frau in Algier zurückgelassen, so war er<lb/>dem Gericht verfallen, und
wie stand es dann umt<lb/>Jakobäa's Ehe und um ihre Kinder?<lb/>Dem Ammann
und dem Pater Theophilus, die<lb/>das Wahre wußten, war nur leider gar nicht
bei-<lb/>zukömmen, und Jakobääa zeigte sich erst recht unnah-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0071_068.tif" n="0068"/>
<p>68<lb/>bar. Das fand man sehr verdrießlich, weil zulezt<lb/>ein Jeder doch
wissen will, wie er mit seinen Nächsten,<lb/>seinen Nachbarn daran ist, und
was er von ihnen<lb/>zu halten und zu meinen hat. Indeß nicht nur,
daß<lb/>Jakobäa stumm war wie das Grab, sie kam auch<lb/>immer weniger zum
Vorschein. Was in ihrer armen<lb/>Seele vorging, das sollte Niemand sehen,
das vertrug<lb/>kein unvorsichtiges Berühren.<lb/>Denn--- es war ja Alles
richtig, Alles wahr,<lb/>was in dem Thale über sie und über Maurus
und<lb/>über ihre Ehe als Gerücht umherging! Wie es unter<lb/>die Leute
gekommen sein mochte, das konnte freilich<lb/>Niemand sagen.<lb/>Die Ehe
des<lb/>wirklich von seiner<lb/>Siande gekommen.<lb/>Maurus und der Jakobäa
war<lb/>Seite durch ein Verbrechen zu<lb/>Er hatie bereits seit fünf
Jahren<lb/>eine Frau gehabt, als er zurückgekommen war. Er<lb/>uund Jakobäa
hatten also in Sünden mit einander<lb/>gelebt, der Vater von Jakobäa's
Kindern war dem<lb/>Gesez verfallen, und sie hatte es hinnehmen
müssen,<lb/>ohne es ableugnen zu können, als Maurus es ihr<lb/>vor dem
Ammann und vor dem Herrn Abte, an den<lb/>der Pater Theophilus sich um
Beistand gewendet, vor-<lb/>gehallen hatte, wie er durchaus nicht habe
bleiben,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0072_069.tif" n="0069"/>
<p>sondern fortgehen wollen; und daß er auch fortgegangen<lb/>fein würde, wenn
ihn Jakobäa nicht mit ihrer Liebe<lb/>festgehalten hätte wider seinen
Willen.<lb/>Als ihm der Herr Abt es darauf mit strengen<lb/>Worten
vorgeworfen, daß Jakobäa ihn nicht gehalten<lb/>haben würde, hätte er sie
nicht getäuscht und seine<lb/>Ehe nicht vor ihr und aller Welt verschwiegen,
da<lb/>hatte er ihm nur mit Trotz entgegnet. Er habe nicht<lb/>im
Entferntesten vorgehabt, hatte er gesagt, sich hier<lb/>in den Bergen
festzusetzen, habe Niemandem über<lb/>sein Thun und Treiben Rechenschaft
geschuldet. und<lb/>habe die Leute hier zu Lande genug gekannt, um
es<lb/>ihnen nicht aufhängen zu mögen, daß er eine Frau<lb/>genemmen habe,
die keine Christin gewesen, und mit<lb/>der er nicht vor dem Altar zusammen
gegeben worden<lb/>sei. Wie die Jakobäa, die er von früher Jugend
an<lb/>nicht habe leiden mögen, es angefangen habe ihn so<lb/>zu bestricken,
daß er gegen seine Pflicht und Neigung<lb/>bei ihr geblieben, dad würde sie
wohl besser wissen,<lb/>als er für sein Theil. Er habe sich darüber
immer<lb/>seine besonderen Gedanken gemacht. Mit rechten<lb/>Dingen aber
seis gewiß nicht zugegangen<lb/>Vor diesen Anschuldigungen ihres Mannes
hatte<lb/>- Jakobäa dagestanden, wie sie jezt ein Jeder sah; starr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0073_070.tif" n="0070"/>
<p>7<lb/>und kalt und stumm. Was hätte sie auch sagen und<lb/>was thun
sollen?--<lb/>Den Vater ihrer Kinder, den Mann, den sie<lb/>geliebt hatte,
so lange sie von sich selber wußte, den<lb/>Gerichten zu überliefern, das
brachte sie nicht über<lb/>das Herz. Wie konnte sie denn sich selber,
ihren<lb/>Namen und ihrer Kinder Zukunft mit Schimpf und<lb/>Schmach
beladen, so lange es noch in ihrer Hand<lb/>lag, die Kundwerdung solchen
Unheils von sich ab-<lb/>zuwenden?-- Sie schauderte davor zurück, und
kein<lb/>Vernünftiger konnte ihr auch dazu rathen. Aber sich<lb/>wahren vor
jeder künftigen Gemeinschaft mit dem<lb/>Manne, der dieses Elend über sie
gebracht hatte, es<lb/>ihm unmöglich machen, daß er jemals einen
Anspruch<lb/>erheben könne an sie oder an die Kinder, die sie mit<lb/>ihm
erzeugt, das wollte und das mußte sie um jedenPreis.<lb/>Nichts von dem,
worauf er als auf sein Erbe<lb/>Anspruch hatte, wollte sie behalten. Wie die
Kinder<lb/>fortan nur der Mutter eigen bleiben sollten, so sollten<lb/>sie
dereinst auch Nichts besizen, was ihnen von dem , -<lb/>Vater kääme; und
obschon der Ammann und selbst der<lb/>Abt ihr dagegen redeten, ihr
bedeutend, daß sein Ver-<lb/>brechen Maurus zwwinge, nie wiederzukehren in
die<lb/>Heimath und Nichts von sich hören zu lassen in der-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0074_071.tif" n="0071"/>
<p>e1<lb/>selben, blieb sie auf ihrem Sinne. Sie zahlte ihm<lb/>bis auf den
lezten Heller seines Vaters Erbe ans; er<lb/>dagegen mußte sich auf des
Herrn Abit Verlangen<lb/>unter schriftlichem Bekenntniß des von ihm
begangenen<lb/>Verbrechens an Eides Statt verpflichten, nie wieder<lb/>den
schweizer Boden zu betreten, und niemals sich<lb/>weder Jakobäen noch ihren
Kindern in den Weg zu<lb/>stellen, oder ihnen aus der Ferne sich zu
nahen.<lb/>Damit hatte der Abt in Erbarmen mit Jakobäa<lb/>hr Nuhe von außen
zu verschaffen getrachtet; aler er<lb/>Zatte es ihr daneben nicht
vorenthalten, daßß es ein<lb/>schwereö Unrecht sei, einen Verbrecher der
wohl-<lb/>verdienten Strafe zu entziehen, eine Sünde, die<lb/>gesühnt werden
müsse hienieden fort und fort durch<lb/>Bße und nicht endended Gelet, damit
der Herr<lb/>dieselbe nicht heimsuche an ihr und ihren Kindern,<lb/>wenn er
dereinst kommen werde, zu richten die<lb/>Lebendigen und die Todten. Von
Maurus sprach er<lb/>dabei nicht, weil auf dessen Einkehr in sich selbst
man<lb/>vorerst doch nicht zu rechnen hatte, und für Jakobäa<lb/>war dies
Schweigen eine Wohlthat. Selbst in Gebet<lb/>und Buße wollte sie dem Maurus
fürder nicht be-<lb/>gegnen. Es sollte Alleö aus sein zwischen ihm
und<lb/>ihr in dieser Stunde und in diescr Nacht.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0075_072.tif" n="0072"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0076_073.tif" n="0073"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0077_074.tif" n="0074"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0078_075.tif" n="0075"/>
<p>Ai Maurus die Akte unterschrieben hatte, die<lb/>man ihm vorgelegt, als der
Ammann ihn fortgeführt<lb/>hatte in die Zelle, welche man ihm bis zum
Tages-<lb/>anbruch angewiesen, war Jakobäa plözlich wie zer-<lb/>knickt in
sich zusammengesunken.<lb/>gehabt, sie wieder aufzurichten. Der<lb/>Man
hatte Noth<lb/>Pater Therphilus<lb/>selber hatte sie bid an ihre Thüre
heimgeführt und<lb/>war am nächsten Mittage gekommen nach ihr zu<lb/>hören
und zu sehen. Er fand sie in dem Hause bei<lb/>der Arbeit, Alles um sie her
war so wie immer. Nur<lb/>still war es in dem Hause und selbst die
Kinder<lb/>plauderten und lachten nicht wie sonst, weil das Licht<lb/>des
frohen Mutterauges ihnen jezt den Tag nicht<lb/>mehr erhellte und ihre
Munterkeit nicht mehr erweckte.<lb/>Jakobäk klagte nicht und weinte nicht,
ihre Ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0079_076.tif" n="0076"/>
<p>zweiflung war dazu zu groß. Ihr Beichtiger stand<lb/>ihr getreu zur Seite.
Auf seinen Rath und dem<lb/>Drange des eignen Herzens folgend, hatte sie in
jenen<lb/>unheilvollen Tagen es in des Abtes Hand gelobt, die<lb/>Kinder,
welche sie in der Ehe mit Maurus erzeugt,<lb/>dem Himmel zu weihen und der
Kirche. Es war ihr<lb/>ein Trost gewesen, zu denken, daß sie damit
ihre<lb/>Kleinen der Welt entzog. in welcher ihr selber als<lb/>Lohn für
treues Lieben Schmach und Pein zu Theil<lb/>geworden war. Sie sollten büßen
um der Sünde<lb/>willen, in welcher sie geboren worden waren, und
für<lb/>ihre Mutter beten für und für.<lb/>Weil sie um ihrer Kinder willen
nicht selber in<lb/>ein Kloster gehen durfte, lebte sie durch viele
Tage<lb/>in ihrem Hause bei Fasten und Kasteiung mit klöster-<lb/>licher
Strenge. Sie wich den Augen der Menschen<lb/>aus, als thue ihres Nächsten
Blck ihr wehe, als ver-<lb/>verwunde sie felbst das gutgemeinte Wort.
Die<lb/>Frühmette und die Abendvesper fanden sie immer in<lb/>der Kirche vor
dem Herrn in Gebet versunken, und -<lb/>immer inbrünstiger, immer
zerknirschter warf sie sich<lb/>vor der Gottes-Mutter nieder; denn es war
noch nicht<lb/>zu Ende mit der Schmach und mit dem Unglück, das<lb/>aus
ihrer Ehe stammte. Sie war es vielmehr bald<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0080_077.tif" n="0077"/>
<p>nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, mit Entsezen<lb/>inne geworden, daß
sie zum dritten Male Mutter sei,<lb/>und noch einem Kinde des Verhaßten daö
Dasein<lb/>geben müsse; und die Qual und die Zerrissenheit in<lb/>ihrer
Seele wurden nur noch marternder dadurch.<lb/>So ging das Jahr zu Ende, so
begann das<lb/>neue Jahr, bis sie am ersten Tage des
wiederkehrenden<lb/>Frühlings ihr drittes Kind in ihren Armen hielt.<lb/>Es
war ein Knabe, so frisch und schön wie der<lb/>sonnige Morgen, an welchem er
das Licht der Welt<lb/>erblickte, und -- es war ihr erster Sohn!<lb/>Als sie
ihn sah und er die kleinen Händchen<lb/>unsicher tastend regte, wie wenn er
suche, an wen er<lb/>sich zu halten hale in dieser sündigen Welt; als
er<lb/>die Augenlider unmerklich und langsam den Lichte<lb/>öffnete,
strahlte es wie neues Licht und neues Leben<lb/>in die Seele seiner armen
Mutter. Das Herz wallte<lb/>ihr auf in einer Freude, deren sie sich nicht
mehr<lb/>fähig gehalten hatte. Ihre Augen flossen über, ihre<lb/>Thränen
strömten als erster Liebesfegen waum und<lb/>weich auf ihren Sohn
herab.<lb/>Sie drückte ihn mit Wenne an ihr Herz. Auf<lb/>diesem Kinde
hatten des unseligen Mannes Augen<lb/>nicht geruht, dies Kind war nicht
entweiht durch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0081_078.tif" n="0078"/>
<p>=F «-<lb/>= ---<lb/>Se-<lb/>7<lb/>seines Vaters Blick und Kuß. Der Knabe war
ihr<lb/>eigen ganz allein, ihr Sohn, ihr Erbe. Der sollte<lb/>mit ihr wohnen
in dem Hause, daö Maria Josepha<lb/>einst gebaut ,aus eigener Kraft, für
sich und ihre<lb/>Nachkommenschaft'. Niemand hatte einen Anspruch<lb/>an
diesen ihren Sohn, wenn -- und wie ein Schreck-<lb/>gespenst stieg der
Gedanke vor ihr auf -- wwenn nicht<lb/>die Kirche Anspruch auf ihn machte!
Denn sie hatte,<lb/>freilich nicht wissend was sie damit that, ihre
und<lb/>des Maurus Kinder der Kirche und dem Dienste deö<lb/>Erlösers
angelobt; und dieser Knabe, war er nicht<lb/>ihr und des Maurus Kind, so gut
wie ihre beiden<lb/>Töchter?<lb/>Der Zweifel ließ ihr keine Nuhe, aber sie
sprach<lb/>ihn selbst vor ihrem Beichtiger nicht auö. Sie wollte<lb/>nicht
in Anregung bringen, worauf man vielleicht<lb/>ohne ihre Frage nicht
verfallen möchte. Es war ja<lb/>auch genug, wenn ihre Töchter das
Verschulden ihres<lb/>Vaters durch ihr ganzes Leben büßten, in
Einsamkeit,<lb/>in Entsagung, in Gebet! So grausam konnte keine<lb/>Kirche
sein, ihr, der Mutter, den Sohn, den Trost<lb/>zu rauben, auf den gestüzt,
sie sich getraute muthig<lb/>fortzuleben in Arbeit, in Pflichterfüllung und
in jeder<lb/>Buße, welche ihr noch aufzulegen die Kirche nöthig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0082_079.tif" n="0079"/>
<p>und angemtessen finden würde. Der Allmächtige, der<lb/>Allgütige hatte ihr
dies schöne Kind, den Sohn ge-<lb/>gönnt, alö ein Zeichen, daß ihr vergeben
werden<lb/>knne aus des Höchsten Gnadenfülle. Er hatte damit<lb/>neues
Hoffen, frohes Wünschen in ihrem verödeten<lb/>Herzen auferweckt. Er konnte
ihr dies Glück nicht<lb/>zugewendet haben, um es ihr wieder zu
entreißen;<lb/>und ihr den Sohn zu nehmen, daran konnte ja die<lb/>Kirche
gar nicht denken.<lb/>Weil er mit dem Frühlingsanfang, am Tage<lb/>des
Drdensstifters Benediktus, dem Schuzpatron des<lb/>Klvsters und des Thales
geboren worden war, hatte<lb/>man ihm den Namen Benedikt gegeben, und auf
der<lb/>Mutter Wunsch hatie der Herr Abt sich gegen seine<lb/>Art
herbeigelassen, in eigener Person des Knaben<lb/>Taufpathe zu werden, die
Mutter und ihr Kind danuit<lb/>g leichsam vor der Gemeinde in seinen und des
Klosters<lb/>Schut zu nehmen.<lb/>Und es schien denn auch wirklich ein ganz
be-<lb/>sonderer Segen auf dem Kinde zu ruhen, denn es<lb/>gedieh und
entwickelte sich, daß ein Jeder, der es sah,<lb/>an dem schönen Knaben seine
Freude haben mußte.<lb/>Es machte die Mutier glücklich, zu bemerken, wie
die<lb/>Augen der Leute wohlgefällig auf ihm ruhten, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0083_080.tif" n="0080"/>
<p>s<lb/>sie fing an, sich den Menschen wieder mehr zu nahen,<lb/>weil sie sich
mit ihr an ihrem Sohne freuten. Er<lb/>war ihr der Mittelpunkt, um den sich
alle ihre<lb/>Gedanken drehten. Mit grausamer Ausschließlichkeit<lb/>wendete
sie ihm allein ihre ganze Liebe zu, so daß<lb/>das Schicksal ihrer beiden
Töchter neben dem seinigen<lb/>bei ihr kaum in Betracht kam. Es war ihr
vielmehr<lb/>ganz recht und lieb, daß die beiden Mädchen den<lb/>Schleier
nehmen mußten, denn die Mitgift abgerechnet,<lb/>welche sie in das Kloster
einzubringen hatten, wurde<lb/>auf diese Weise Benedikt allein des Hauses
Erbe, und<lb/>um seinetwillen wurden Jakobäen die Arbeit und
daö<lb/>Schaffen und das Erwerben wieder leicht und lieb,<lb/>eine Lust und
eine Freude.<lb/>Wie der Knabe nun gedieh, so gedieh unter der<lb/>Hand
seiner Mutter auch ihr Hab und Gut, das er<lb/>früh genug als seinen
zukünftigen Besiz betrachten<lb/>lernie; und selbst die Schwestern waren
stolz darauf,<lb/>daß ihr Bruder für den schönsten Buben in dem<lb/>Thale
galt, daß er einmal das schönste Haus des<lb/>Thales zu eigen haben würde,
mit welchem gar kein<lb/>anderes sich vergleichen ließ. Ihnen hatte man
von<lb/>jeher es gesagt, daß ße in dem Kloster der barm-<lb/>herzigen
Schwestern Nonnen werden müßten; der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0084_081.tif" n="0081"/>
<p>Gedanke war ihnen deshalb sehr geläufig und sie<lb/>liebten die barmherzigen
Schwestern, von denen eine<lb/>Alte und eine Junge bisweilen in dem Thale
und in<lb/>Jakobäa's Hause als Gäste einzusprechen pflegten.<lb/>Sie
brachten den Mädchen dann regelmäßig hübsche<lb/>kleine Geschenke mit, sie
erzählten ihnen von dem<lb/>großen Garten, in welchem das Kloster gelegen
sei,<lb/>von den vielen Spielgenossen, mit denen sie dort zu-<lb/>sammen
sein würden, und als dann endlich der Tag<lb/>herankam, an welchem Jakobäa
den Wagen anspannen<lb/>ließ, um ihre Töchter nach dem Kloster hin
zu<lb/>bringen, kam daö nicht nur diesen, sondern auch dem<lb/>Bruder als
ein lang ersehntes Fest vor. Es hatie<lb/>noch Keiner von allen Dreien je
des Thales Grenze<lb/>überschritten, es waren also lauter Wunder,
welche<lb/>ihrer jenseits derselben warteten.<lb/>Die Mädchen in stummem
Staunen, Benedikt<lb/>in lautem Jubel, so langten sie am Fuße des
Berges<lb/>in der Hauptstadt des Kantons und in dem Kloster<lb/>der
barmherzigen Schwestern an. Es waren aber<lb/>nicht die Häusermassen, nicht
die Kirchen und auch<lb/>nicht der Marktplaz mit den vielen, um das
alte<lb/>?.? -==- = =- -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0085_082.tif" n="0082"/>
<p>s<lb/>8<lb/>wegenden Menschen, die den Knaben so sehr erfreuten,<lb/>sondern
der weite Auäblick, dessen er hier zum ersten-<lb/>male in seinem Leben
theilhaft wurde.<lb/>Wie ein junger, im Käfig geborner und er-<lb/>zegener
Adler, dem man endlich das enge Gitter<lb/>öffnet, so voll Begier und Lust
sich zu versuchen, that<lb/>er die großen dunklen Augen auf, so freudig
wanderte<lb/>sein fernhinschweifender Blick über das Land zu
feinen<lb/>Füßen, über den breiten und langen See hinweg;<lb/>hinüber zu den
fernen Gipfeln der schneebedeckten<lb/>Berge, die in weiter Ferne, kaum noch
erkennbar in<lb/>des sonnig flimmernden Duftes Verhüllung den<lb/>Horizoni
begrenzten.<lb/>Dorthin zu kommen verlangte er, fort über das<lb/>breite
Wasser wünschte er zu ziehen. Er wollte nicht<lb/>mehr zurückkehren in das
Thal, das seinem Blicke<lb/>Schranken sezte. Er weinte, er bat, ihn an
dem<lb/>Wasser in der Stadt zu lassen, wo er weit hinaus-<lb/>schauen könne
in die offene Welt; und die Augen<lb/>nach der Ferne -sehnsuchtsvoll
zurückgewendet, so lange<lb/>ihm noch ein freier Blick gegönnt war, fuhr er
endlich<lb/>mit der Mutter wieder heim, von nichts Anderem<lb/>sprechend,
von Nichts träumend, als von der Welt,<lb/>die jenseits seiner Berge
lag.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0086_083.tif" n="0083"/>
<p>Die Mutter bemerkte das mit Sorgen, denn die<lb/>Fremde hatte den Männern
ihres Geschlechtes bisher<lb/>kein Glück gebracht; aus der Fremde war auch
ihr<lb/>das Unglück ihres Lebens gekommen, und sie bereute<lb/>es, daß sie
den Knaben so frühzeitig mitgenommen<lb/>hatte in die Stadt. Denn daß
Benedikt nicht in die<lb/>Stadt hinausziehen, daß er im Thale bleiben solle,
und in<lb/>demselben dereinst in ihrem Hause zu leben und zu<lb/>schaffen
habe, wie es sich für einen guten Christen<lb/>und freigebornen Schweizer
ziemte, Niemandes Unter-<lb/>than und Niemandem dienend als dem eigenen
Willen,<lb/>den eigenen Zwecken und dem heimischen Gesetz, das<lb/>hatte bei
Jakobäen fest gestanden seit der Stunde, da<lb/>er ihr geboren worden war,
und davon nicht ab-<lb/>zuweichen war sie auch entschlossen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0087_084.tif" n="0084"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0088_085.tif" n="0085"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0089_086.tif" n="0086"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0090_087.tif" n="0087"/>
<p>Jz« Reise in die Stadt bezeichnete für Benediktus<lb/>einen Lebensabschnitt.
Seine befriedete Lust an dem<lb/>Thale war damit zu Ende, seine Sehnsucht in
die<lb/>Ferne aufgeregt, und sie wuchs mit ihm und
seinen<lb/>Jahren.<lb/>Als Kind hatte er, wenn ihn die Schule frei<lb/>ließ,
die Mutter und deren Leute gern zu der Arbeit<lb/>hinausbegleitet und mit
Hand angelegt, so weit seine<lb/>Kraft und seine Geschicklichkeit das
möglich machten.<lb/>Je älter er wurde, um so weniger zeigte er
sich<lb/>geneigt dazu. Er war über seine Jahre groß und<lb/>stark, war in
der Dorfschule rascher als alle Anderen<lb/>fortgeschritten, der Lehrer
rühmte seine Lernbegier, und<lb/>die rüstigsten Bergsteiger waren darin
einig, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0091_088.tif" n="0088"/>
<p>Jakobäa's Benedikt es mit weit Aelteren aufnehmen<lb/>dürfe, daß er eine
Ausdauer und eine Entschlossenheit<lb/>zeige, wie sie einem so jungen
Burschen nicht oft zu<lb/>eigen wären. Dazu war er schön und frohen
Sinnes,<lb/>auch nicht ängstlich rechnend mit den Bazen, wenn<lb/>die Mutter
ihm einmal Etwaö zugewendet hatte,<lb/>sondern stets bereit, die Anderen
mitgenießen zu lassen,<lb/>was er eben hatte; und wenn die Väter und auch
die<lb/>Mütter es nicht vergaßen, was oben in dem Hause<lb/>dereinst
vorgegangen und wie es mit des Knaben<lb/>Mutter und mit seinem Herkommen
keineswegs richtig<lb/>war, so focht das ihn und seine Spielgenossen
doch<lb/>vorerst nicht an. Sogar die Dirnen, die weit älter<lb/>waren als
Benedikt, winkten ihm zu und lachten,<lb/>wenn er sie mit seinen großen
braunen Augen dreist<lb/>und fröhlich ansah.<lb/>Benedikt war aber nicht
blos bei den Knaben<lb/>und den Mädchen des Thales also wohlgelitten,
auch<lb/>die geistlichen Herren gingen nicht leicht an ihm vor-<lb/>über,
ohne ihm die Hand zu geben. Selbst der Herr<lb/>Abt unterüieß es nicht, wenn
er einmal zu Fuß des<lb/>Weges kommend, auf Benediktus traf, ein
freundlich<lb/>grüßend Wort an ihn zu richten, ihn seinen Pathen<lb/>zu
heißen und ihn zu Fleiß und Wohlverhalten zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0092_089.tif" n="0089"/>
<p>ermahnen, damit er ihm dereinst vor Gott und<lb/>Menschen Ehre machen
möge.<lb/>Man hielt aus dem Kloster überhaupt das Auge<lb/>auf den Knaben
und auf seine Mutter, seit Maurus<lb/>das Thal verlassen, und Jakobäa zwwei
von ihren<lb/>Matten an das Kloster käuflich abgetreten hatte.<lb/>Der
Pater, welchem die Oberaufsicht über die Ver-<lb/>waltung der in dem Thale
belegenen Klosterländereien<lb/>zustand, kam zum Defteren vor Jakobäa's
Haus, um<lb/>ihre Wirthschaft zu beloben, um es zu rühmen, wie<lb/>sie
dieselbe vorwärts bringe. Er machte sich dann<lb/>auch freundlich mit
Benedikt zu thun, der ihn stets<lb/>gerne kommen. sah, denn der Pater war in
der<lb/>Welt herum gewesen und wußte viel von ihr zu sagen<lb/>und zu
melden.<lb/>Der Mutter aber war eö bei diesen Besuchen und<lb/>bei der
Achtsamkeit, welche die geistlichen Herrn über-<lb/>haupt auf sie und ihren
Benedikt verwandten, nie<lb/>recht wohl um's Herz, weil sie ihr von des
Knaben<lb/>Zukunft niemals sprachen. Manchmal beschwichtigte<lb/>sie sich
mit der Vorstellung, es sei über dasjenige,<lb/>was sich von selbst
verstehe, des Redens nicht erst<lb/>nöthig. Ihrem Sohne, dem Erben ihres
Besizes, sei<lb/>ja sein Weg gewiesen, und also darüber weiter
Nichts<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0093_090.tif" n="0090"/>
<p>zu sagen. Die Herren Patres hatten nur eine so<lb/>besondere Art und Weise,
Jakobäens Gutsverwaltung<lb/>zu beloben, daß sie ihr nicht recht erklärlich,
daß sie<lb/>ihr übertrieben schien, weil ja doch nichts Apartes<lb/>daran zu
rühmen war, daß sie rechtschaffen nach dem<lb/>Eigenen sah und Hab und Gut
für ihren Sohn zu<lb/>mehren trachtete, wie sie es vermochte.<lb/>Sie wagte
es indessen nicht, das vor den Herren<lb/>auszusprechen, denn wenn die
Wunde, die ihr einmal<lb/>geschlagen war, auch zu vernarben und ihre
Gewissens-<lb/>bisse zu ruhen begannen, so kannte sie doch die Leute<lb/>in
dem Thale gut genug, um es einzusehen, daß sie<lb/>ihnen gegenüber des
Klosters Schuz und Beistand<lb/>nicht entbehren konnte; und sie wußte es
sehr genau,<lb/>wie sie ihre Unangefochtenheit dem guten Willen
der<lb/>Klosterherren allein zu danken hatte.<lb/>Wenn sie aber in der
Abendruhe von der Vesper<lb/>heimkehrend, ihr Haus auf seiner Höhe vor sich
liegen<lb/>sah, und dann vor dem Hause fast immer ihren<lb/>Benedikt
erblickte, der mit seinen Spielgenossen bei<lb/>dem Kegelspiele mit starken
Armen die Kugel hoch<lb/>über seinem Haupte in die Luft schwang, um sie
im<lb/>raschen Schwunge niederfallen und weit hin rollen zu<lb/>lassen an
ihr Ziel, so dachte sie gar oftmals, auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0094_091.tif" n="0091"/>
<p>über ihrem Haupte schwebe eine schwere Kugel und<lb/>sie werde eines Tages
niederfallen und Alles nieder-<lb/>werfen, Alles, Alles was Jakobäa in ihrem
Leben<lb/>mit Fleiß und Liebe gebaut und geplant, und sie<lb/>werde dann
nicht jauchzen können wie ihr Benedikt<lb/>bei dem Umsturz dieser Kegel,
sondern zu trauern<lb/>haben in aussichtsloser Einsamkeit, ohne Freude
an<lb/>irgend einem Dinge bis an ihr Lebensende.<lb/>Sie wünschte in ihrer
stillen Angst bisweilen,<lb/>der Schlag wäre schon gefallen, damit die
schwere<lb/>Last des langen ungewissen Fürchtens nur einmal von<lb/>ihr
genommen werde und- der Tag der endlichen<lb/>Entscheidung kam denn bald
genug heran.<lb/>Benedikt hatte die Dorfschule durchgemacht und<lb/>in der
jährlichen Prüfung, welcher immer einige der<lb/>Klosterherren anzuwohnen
pflegten, sich als der beste<lb/>ihrer Schüler abermals bewährt. An
Nachmittage,<lb/>um die Stunde, in welcher die Zöglinge des
Klosters,<lb/>von den Instruktoren begleitet, ihren täglichen
Spazier-<lb/>gang machten, gingen dieselben klassenweise an<lb/>Jakobäa's
Hause vorüber, und der Pater Negens, der<lb/>des Ehrentages wegen mit dabei
war, was sonst nicht<lb/>geschah, trat an Jakobäa heran, da er sie unter
ihrem<lb/>Treppendache sizen sah.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0095_092.tif" n="0092"/>
<p>Benedikt kam eben aus dem Hause auf das<lb/>Vorgeleg hinaus. Er hatte den
Springstock in der<lb/>Hand, die Jacke über die Schulter gehängt und
sein<lb/>Ränzel auf dem Rücken. Eine Wanderung hinauf<lb/>zu des Berges
Gipfeln, um Abends den Mondschein<lb/>und früh den Aufgang der Sonne dort
oben zu ge-<lb/>nießen, daö sollte sein Lohn sein für das
wohl-<lb/>bestandene Examen, und die Freude und die Erwartung<lb/>lachten
ihm aus den hellen Augen. Da er aber in<lb/>der Ehrerbietung vor den
geistlichen Herren erzogen<lb/>worden war, nahm er sich zusammen wie er sie
er-<lb/>blickte, und trat heran, dem Pater Negens mit einem<lb/>Handkusse
seine Ehrfurcht zu bezeigen.<lb/>Der Pater klopfte ihm freundlich auf die
Schulter,<lb/>nnd gegen die Mutter gewendet, bemerkte er, es freue<lb/>ihn,
daß der Lehrer ihrem Benedikt ein gutes Zeugniß<lb/>gebe, daß es ihm an
einer guten Fassungsgale und<lb/>an der nöthigen Ausdauer nicht gebreche.
,Laßt ihn<lb/>nun noch umherlaufen diese Woche hindurch, Frau<lb/>Jakobäa,
sagte er. ,Dann beginnt der neue Eursus,<lb/>bei uns in der Schule, dann
müßt Ihr ihn uns<lb/>senden; und wenn er auf dem rechten Wege fleißig
fort-<lb/>geht, so mögt Ihr einst wohl Freude von ihm haben und<lb/>ihn in
unserm OrdenmitEhren vorwärtskommen sehen.'?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0096_093.tif" n="0093"/>
<p>8<lb/>Jakobäa stockte der Athem in der Brust, das<lb/>Wort erstarb ihr auf
der Lippe. Sie getraute sich<lb/>nicht, den Schmerzensschrei auszustoßen,
der ihr die<lb/>Kehle zusammenschnürte, sie wagte es nicht, Nein!<lb/>und
immer wieder Nein! zu rufen, und weiter wußte<lb/>sie doch Nichts zu denken
und zu thun, denn sie<lb/>konnte den Blick nicht aushalten, mit welchem
ihr<lb/>Benedikt ihr in das Antliz starrte. Sie schlug die<lb/>Augen vor ihm
nieder, um nicht das Erschrecken und<lb/>das Entsezen ihres Sohnes sehen zu
müssen.<lb/>Sie hörte es wohl, wie die beiden Geistlichen<lb/>ihr den guten
Abend boten, sie gewahrte es auch, wie<lb/>sie dem Trupp der Schüler
folgten, die paarweise den<lb/>Pfad zum Walde hinanstiegen; aber sie sah es
ner,<lb/>wie man zerstiebende Wolken an sich gleichgültig
vor-<lb/>ülerziehen sieht. Es ging sie gar nicht an.<lb/>Es ging sie in der
Welt ja überhaupt Nichts<lb/>weiter an: nicht ihr Hauö, nicht ihr Land,
nicht ihr<lb/>Hab und Gut, und nicht einmal ihr Sohn! Nicht<lb/>einmal das
einzige Kind, das ihr bis jezt geblieben<lb/>war, in dem sie sich die Freude
ihres Lebens, die<lb/>Stütze ihres Alters, den Erben ihres Gutes zu
er-<lb/>ziehen getrachtet hatte! Er und Alles, Alles was ihr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0097_094.tif" n="0094"/>
<p>eigen war, Alles, was sein eigen werden sollte, war<lb/>für sie
dahin!<lb/>Man hatie still gewartet, bis zur rechten Zeit.<lb/>Jetzt, da die
Stunde gekommen war, mahnte man<lb/>sie an das Gelöbniß, das sie, von ihrer
Schmach ge-<lb/>drückt, dereinst gethan hatte in der grimmigen
Ver-<lb/>zweiflung ihres Herzens, und die Kirche war, das<lb/>wußte sie, ein
Gläubiger, der keine Nachsicht kennt.<lb/>Seit vierzehn Jahren, seit dem
Augenblick, da<lb/>sie den Sohn geboren, hatte sie diesen Fag
gefürchtet;<lb/>aber was man von ihr heischte, war schwerer noch,<lb/>als
sie es erwartet hatte; denn nicht ihr Glück, ihre<lb/>Zukunft war es, was
sie opfern sollte: es war das<lb/>Glück ihres Sohnes, den sie liebte mit
aller Leiden-<lb/>schaft der Mutterliebe; es waren das Fortbestehen
und<lb/>die Zukunft ihres Hauses, ihres durch Jahrhunderte<lb/>bestandenen
Geschlechtes.<lb/>Sie hatte sich niedergesezt, weil ihre Knie sie<lb/>nicht
trugen, und die Hände vor das Gesicht ge-<lb/>schlagen. Benedikt stand noch
auf demselben Fleck und<lb/>starrte dem Zuge nach.<lb/>,Mutter! hub er mit
einem Male an, zwas<lb/>hat der Pater Regens da gesagt?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0098_095.tif" n="0095"/>
<p>H<lb/>Jakobäa zuckte es durch das Herz. Das war<lb/>nicht mehr die frohe
Stimme ihres Sohnes. Es<lb/>war des Vaters harter kalter Ton, und auch
die<lb/>Augen, mit denen Benedikt sie ansah, waren die des<lb/>Vaters. Der
bloße Gedanke an das, was ihm bevor-<lb/>stand, hatte den Knaben
umgewandelt; wie sollte sie<lb/>ihm die Wahrheit kund thun, da sie selber
sich der<lb/>Hoffnung zu entschlagen nicht vermochte, daß doch<lb/>irgend
ein Ausweg möglich, eine Lösung des Gelübdes,<lb/>wenn auch mit schwerstem
Opfer zu erlangen sein<lb/>müsse.<lb/>,Der Pater meint, Du sollst die
Klosterschule<lb/>noch besuchen!' gab sie ihm zur Antwort, ohne
damit<lb/>Etwas auszurichten.<lb/>,Nein!r fiel er ihr in das Wort, ,in den
Orden<lb/>treten soll ich! Aber ich will nicht in den
schwarzen<lb/>Rock!-<lb/>,Will ich denn, daß Du's sollst? eief die
Mutter<lb/>unvillkürlich aus.<lb/>,Nun, dann laß den Pater reden!
lachte<lb/>Benedikt, in dessen jungem Sinne die Eindrücke noch<lb/>eben so
schnell verschwanden, als sie lebhaft waren.<lb/>,Ehe ich den schwarzen Nock
anziehe, gehe ich dem<lb/>Vater nach!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0099_096.tif" n="0096"/>
<p>,Dem Vater? fragte Jakobäa mit steigender<lb/>Angst, ,Du hast keinen Vater
mehr. Dein Vater ist<lb/>lang todt!'<lb/>,So hast Du wohl gesagt,'
entgegnete Benedikt,<lb/>,und ich habe es Dir geglaubt, doch weiß ich's
lang<lb/>schon anders.?<lb/>, Und das sagst Du mir erß heute? rief
die<lb/>Mutter. Benediktus schwieg. Ihr Aussehen machte<lb/>ihn
verwirrt.<lb/>,,Rede!? fuhr sie fort, , was hat man Dir ge-<lb/>sagt? wer
hat es Dir gesagt? Rede! was weißt Du?<lb/>was bildest Du Dir ein?<lb/>,Ach!
laß mich !- sagte Benedikt und wollte<lb/>gehen. Die Mutter aber hielt ihn
fest.<lb/>,Du bleibst! Du sollst mir Antwort geben!<lb/>herrschte sie ihn
an. ,Wer hat Dir es gesagt, daß<lb/>Dein Vater noch am Leben ist?<lb/>,Weiß
ich's? gab der Sohn zur Antwort, immer<lb/>noch gewillt, sich zu
entfernen.<lb/>,Besinne Dich! Du wirst's wohl wissen!r rief , -'<lb/>die
Mutter.<lb/>,Ich habe es so gehört!' entgegnete er verdrießlich<lb/>und
befangen.<lb/>, Wann? von wen?! drängte ihn Jakobäa.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0100_097.tif" n="0097"/>
<p>,Ich weiß eö nicht!' wiederholte er trohig. ,Ich<lb/>habe es gehört von je
an! überall! Er lebt und ist<lb/>Soldat in Afrlka!-<lb/>Jakobäa horchte auf.
Sie fürchtete, er könne<lb/>mehr erfahren haben; da er schwieg, begann sie
sich<lb/>zu sammeln.<lb/>,, Warum hast Du zurückgehalten mit dem,
was<lb/>Dir im Sinn gelegen hat? fragte sie.<lb/>,. Ich dachte,! entgegnete
der Knabe, , er würde<lb/>schon noch kommen! Sie hatten s immer so
ge-<lb/>fagt !<lb/>, Und wer? wer hat Dir das gesagt?<lb/>,Die Leute! Alle
Leute!'' rief Benedikt, den es<lb/>verdroß, daß ihm die Mutter es nicht
einfach zu-<lb/>gestand -- zund einmal muß der Vater doch
nach<lb/>Hause!r<lb/>Jakobäa wußte sich nicht zu helfen. Sie
wagte<lb/>nicht, weiter in ihn zu dringen; denn, wenn er mehr<lb/>wußte, als
er ihr gesagt hatte, wie konnte sie ihn<lb/>dazu nöthigen, daß er es vor
ihrem Ohre aussprach?<lb/>-- Und wenn er nicht die ganze Wahrheit
kannte,<lb/>durfte sie ihm die Mitwissenschaft eines Verbrechens<lb/>auf die
Seele laden, das von seinem Vater begangen,<lb/>F. Lewald, Benedikt.
l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0101_098.tif" n="0098"/>
<p><lb/>aud dessen schuldlose Mischuldige sie selbst geworden<lb/>war? Sollte
sie ihren Benedikt, der bis dahin seinen<lb/>Kopf unter seinen
Altersgenofsen so froh und keck<lb/>erhoben hatte, vielleicht unnöthig dahin
bringen, das<lb/>Auge zu senken und sich zu verbergen, wenn die
Blicke<lb/>der Menschen auf ihm ruhten?<lb/>Es steht geschrieben in den zehn
Geboten: Du<lb/>sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl<lb/>gehe
und dn lange lebest auf Erden!-- Und sie<lb/>sollte mit eigenem Munde
verkünden, was ihrem Sohne<lb/>unmöglich machen muußte, dem Gebote
nachzukommen?<lb/>-- Das lonnte nicht der Wille Gottes sein!--
Besser,<lb/>daß ihr Sohn in dem Kloster für sie verloren war,<lb/>als daß
ihn in der Welt der Fluch verfolgte, sich<lb/>seines Daseins schämen zu
müssen und der Eltern,<lb/>die ihm hies Dasein einst gegeben hatten!--
Aber<lb/>wollte er denn in das Kloster? Und ihr Hab nnd<lb/>Gut? was sollie
aus dem werden? Was sollte aus<lb/>ihr selber werden ohne ihren Sohn und
Erben?<lb/>Der Nachmittag war sonnenhell und klar, über --<lb/>der
unglücklichen Jakobäa lag es aber wie eine Wetter-<lb/>wolke. Wie vom
Wirbelwind geknickte Aeste wirr<lb/>durch die Luft getrieben werden, so
schossen die Ge-<lb/>danken durch ihren Sinn, nnd jeder that ihr
wehe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0102_099.tif" n="099"/>
<p>W<lb/>Sie wußte nicht was sie wollte, noch weniger was sie<lb/>hun sollte.
Sie hätte aufschreien mögen, ein Zeichen<lb/>von Gott für sich zu erflehen;
wie konnte sie jedoch<lb/>ein solches begehren oder hoffen, da ihr
widerspenstiges<lb/>Herz sich weigerte, dem Herrn das Gelülde zu
er-<lb/>füllen, daö sie ihm gethan hatte, und die Buße über<lb/>jich zu
nehmen, die man ihr auferlegt, damit sie ihr<lb/>Vergehen sühne.<lb/>Ihr
Verstummen machte den Knaben ungeduldig.<lb/>,, Du antwortest mir nicht und
die Andern warten.<lb/>Ich will gehen!' sagte er.<lb/>, So geh!? entgegnete
sie ihm kurz; aber wie er<lb/>sich von ihr wendete und sie ihn raschen
leichten<lb/>Schrittes den Pfad hinunter eilen sah, rolllen die<lb/>Thränen
ihr aud den Augen; und die Hände zu-<lb/>sammenschlagend, rief sie: ,es ist
vielleicht das lezte<lb/>Mal, daß ich ihm seinen Willen lasse!?<lb/>Nie
zuvor war der Gedanke, ihren Sohn dem<lb/>Klosterleben weihen zu sollen, ihr
entsezlicher erschienen,<lb/>als in dieser Stunde. Sie mochte die Mauern
des<lb/>Klosters nicht sehen, die stattlich in ihrem gleißenden<lb/>Weiß
durch das ganze Thal hinleuchteten, daß vor<lb/>ihnen kein Entfliehen
möglich schien. Benedikts Aus-<lb/>ruf:,ich will nicht in den schwarzen
Roc!? klang<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0103_100.tif" n="0100"/>
<p>1<lb/>ihr fortwährend in den Ohren. Es ließ ihr den<lb/>Abend keine Ruhe, es
verfolgte sie die ganze Nacht<lb/>hindurch, daß kein Schlaf in ihre Augen
gekommen<lb/>war, als sie sich beim Tagesanbruch wie gewohnt er-<lb/>hob, um
in die Frühmesse zu gehen.<lb/>Die Kirche war völlig leer. Es hatte ja
Nie-<lb/>mand in dem ganzen Thale Grund zur Buße so<lb/>wie sie.<lb/>Diese
Einsankeit war ihr sonst nicht aufgefallen,<lb/>denn sie war derselben durch
die langen Jahre her<lb/>gewohnt. Heute jedoch kam sie ihr unheimlich
ja<lb/>beängstigend vor, und die starken Stimmen der<lb/>Klosterherren, die
hinter dem schwarzen Gitter<lb/>Chores unsichtbar die lateinischen
Morgenhymnen<lb/>sangen, klangen ihr drohend und flößten
ihr<lb/>des<lb/>ab-<lb/>ein<lb/>Bangen ein, wie die Stimme des Gerichtes,
bis die<lb/>vollen weichen Töne der Orgel ihre Seele lösten, und<lb/>sie
sich vor Pater Theophilus an dem Beichtstuhl<lb/>niederwerfen konnte, ihre
Sorgen, ihren Kummer,<lb/>ihr widerspenstig Wünschen und unberechtigt
Hofen<lb/>auszusprechen, und Tiost und Führung von dem Be-<lb/>Th. - -
--==---<lb/>Man solle nicht fordern, flehte sie, daß Benediktus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0104_101.tif" n="0101"/>
<p>11<lb/>büße, waö er nicht verschuldet habe, man solle den<lb/>Sohn nicht von
ihr nehmen. Sie wolle eine ewige<lb/>Messe in dem Kloster stiften, für ihr
und ihrer Kinder<lb/>Seelenheil zu beten. Es solle für diesen Zweck
einer<lb/>nicht aufzuhebende Abgabe an das Kloster auf ihrem<lb/>Gute
übernommen werden; sie wolle Alles thun, es<lb/>solle Mlles, Alles so
geschehen, wie man es ihr vor-<lb/>zuschreiben für nöthig finden werde; nur
den Sohn<lb/>solle man ihr lassen, dem Hause seinen Erben
nicht<lb/>entziehen, Benedikt nicht zwingen, das Ordenökleid<lb/>gegen
seinen Willen anzulegen.<lb/>Der Pater sprach ihr ruhig und zur
Ergelung<lb/>mahnend zu. Er erinnerte sie daran, daß sie frei-<lb/>willig
und von ihres Herzenö Angst getrieben, ihre<lb/>Nachkommenschaft dem Dieuste
des Herrn gewidmet<lb/>habe. Er wies sie darauf hin, wie ihre Töchter
in<lb/>Demuih und Frömmigkeit zunähmen, wie freudig sie<lb/>dem Tage
entgegenharrten, an welchem es ihnen ver-<lb/>gönnt sein würde, den Schleier
anzulegen. Sie gab<lb/>das Alles zu. Aber sie hatte es ja nicht gewußt,
daß<lb/>Benedikt ihr noch geboren werden würde, und Benedikt<lb/>und ihre
Töchter?-- Wie könnte für ihn gelten<lb/>müssen, wwas für diese
galt?<lb/>Pater Theophil war weichen Herzens, mitleidigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0105_102.tif" n="0102"/>
<p>1<lb/>Sinnes. Er kannte Jakobäa von ihrer Jugend auf,<lb/>er fühlte Mitleiden
mit ihr, und wenn er ihr auch<lb/>keine tröstliche Aussicht eröffnen durfte,
gewann er es<lb/>trozdem nicht über sich, ihr die Hoffnung, welche
sie<lb/>noch hegte, sofort mit Unerbittlichkeit zu nehmen. Er<lb/>wollte mit
dem Herrn Alte sprechen, sagte er, der<lb/>Weisheit des Abtes unterbreiten,
was er selber in<lb/>seiner Unterordnung und Beschränktheit nicht zu
be-<lb/>urtheilen, noch weniger zu entscheiden hale. Er wisse<lb/>nicht, ob
es zulässig sei, ihrem heranwachsenden Sohne<lb/>die Wahrheit üüber seine
Herkunft zu verbergen, be-<lb/>senders, da er sie theilweise bereits
erfahren habe,<lb/>und falsche Erwariungen und khörichte Plane
auf<lb/>dieses halle Wissen bauen könne. Wie Benedikt sich<lb/>aber
verhalten, und was er für sich wünschen möchte,<lb/>wenn er über die Lage
seiner Familie unterrichtet<lb/>wäre, darüber dürfte die Mutter sich leicht
täuschen;<lb/>und es gäbe der Wege gar so viele, auf denen die<lb/>Kenntniß
deö wahren Sachverhaltes ihn erreichen<lb/>könnte. So lange Benedikt den
Familiennamen seines,<lb/>Vaterö trage, sei er vor Schmach und Schande
nie<lb/>gesichert. Im Orden sei das anders. Als Glied de<lb/>Ordens gahöre
er der Familie nicht mehr an, er sei<lb/>der Kirche Sohn, die Kirche nehme
ihn unter ihre<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0106_103.tif" n="0103"/>
<p>1<lb/>Fittiche, sie trage, sie beschüze ihn. Mdit seinem Ein-<lb/>tritt in
den Orden bleibe hinter ihm in der Welt all<lb/>dasjenige zurück, von
welchem abgeschieden zu sein er<lb/>in seiner Lage mehr als jeder Andere
wünschen und<lb/>erstreben müsse. Das solle sie erwäigen, daran
solle<lb/>sie sich halten, und sich in Geduld bescheiden, bis er<lb/>ihr
werde sagen können, was der Herr Abt über sie<lb/>und über ihre Wünsche zu
verfügen gesonnen sei.<lb/>Pater Theophilus wußte es vorans, was er
ihr<lb/>zn melden haben wüürde, er wollte ihr nur die Zeit<lb/>lassen, sich
in das Unabweisliche zu fügen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0107_104.tif" n="0104"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0108_105.tif" n="0105"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0109_106.tif" n="0106"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0110_107.tif" n="0107"/>
<p>Poedikt war in voller Zufriedenheit von feiner<lb/>Bergfahrt heimgekehrt. Er
sprach nur von der Herr-<lb/>lichkeit da droben und schien des Klosters gar
nichl<lb/>mehr zu denken.<lb/>In des folgenden Tages Frühe kam
Pater<lb/>Thevphilud ihn daran zu mahnen. Er beschied ihn,<lb/>sich des
Nachmittags bei dem Herrn Abte um die<lb/>fünfte Stunde
einzufinden.<lb/>Benedikt zeigte sich bestürzt. Er fragie, was er<lb/>bei
dem Abte solle? Der Pater meinte, es werde<lb/>sich vermuthlich um den
Eintritt in das Kloster handeln.<lb/>In die Schule wolle er wohl gehen,
sagte<lb/>Benedikt, in den Orden einzutreten habe er nicht Lust.<lb/>Pater
Theophilus sah ihm freundlich in das<lb/>trozige Gesicht. ,Sei ohne Sorge,
mein Sohn!'-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0111_108.tif" n="0108"/>
<p>18<lb/>entgegnete er ihm, zman wird von Dir nicht fordern,<lb/>was zu thun Du
nicht selbst begehrst!?=<lb/>Das beruhigte den Sohn und flößte der
Muttrr<lb/>Hoffnung ein. Ihr irgend eine Auskunft, eine An-<lb/>deutung zu
geben, ob und in welcher Weise der Abt<lb/>sich ihren Wünschen und
Vorschlägen geneigt erwiesen<lb/>habe, ließ sich der Pater nicht
herbei.<lb/>Um: die festgesezte Zeit verfügte Benedikt sich<lb/>nach dem
Kloster. Er hatte die offnen Thore dessel-<lb/>ben wer weiß wie oft
durchstrichen, wenn er, wie alle<lb/>Andern auch, über die Wirthschaftöhöfe
des Klosters,<lb/>hinaus nach den jenseits des Baches belegenen
Wiesen<lb/>und Bergen gegangen war; und nach seiner Firme-<lb/>lung war er
auch einmal in dem Kloster in der,<lb/>innerhalb der Klausur befindlichen
Wohnung des<lb/>Abtes gewesen, ihm die Hand zu küssen, und die
ge-<lb/>weihte Medaille zu empfangen, welche sein Pathe ihm<lb/>als Andenken
an den Besuch des Bischofs mit auf<lb/>den Lebensweg zu geben
dachte.<lb/>Heute aber klopfte ihm das Herz und ihm bangte,-<lb/>als er die
Glocke an der dunklen Pforte zeg, welche<lb/>die offenen Hallen des
Klostergebäudeö von der Klausur<lb/>abtrennte. Denn was mußte der Abt ihm zu
sagen<lb/>haben, daö er durch Pater Theophilus nicht hätie eben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0112_109.tif" n="0109"/>
<p>19<lb/>so gut erfahren können? Etwas ganz Besondereö mußte<lb/>es doch sein,
und seit der neulichen Anrede des Paters<lb/>egens waren das Kloster und
seine Insassen dem<lb/>bisher sorglesen Benedikt verdächtig und ein
Gegen-<lb/>stand der Scheu geworden.<lb/>Der Abt war damals, alö er
Benediktuö zu sich<lb/>holen ließ, noch in seinen besten Jahren, eine
schönte<lb/>feine Gestalt, nicht eben groß, eine
achtunggebietende<lb/>Haltung, die Ruhe der Se!bstgewißheit auf der
hohen<lb/>Stirn. Wo und in welcher Tracht man ihm begegnet<lb/>sein würde,
man hätte es sofort erkannt, daß er ge-<lb/>wohnt sei, zu befehlen und
Gehorsam zu finden.<lb/>Einem alten bürgerlichen Patriziergeschlecht
entsprossen,<lb/>das durch den Handel hoch emporgekommen war, be-<lb/>saß er
den auf weltlichen Besiz gebauten Stolz seiner<lb/>Familie; aber mit diesem
Stolze hatte er auch die<lb/>umsichtige Weltklugheit seiner Ahnen, wie ihre
Lust<lb/>am Erwerb und am Gewinn von ihnen überkommen,<lb/>und des Klosters
Reichthum an Kapitalien und<lb/>Ländereien, deren Erträge verwerthet werden
mußten,<lb/>bot seinen Neigungen wie seiner Klugheit den er-<lb/>wünschten
Spielraum dar. Unumschräänkt gebietend,<lb/>wußte er seine Untergebenen mit
großer Einsicht je<lb/>nach ihren Gaben zum Vortheil des Klosters und
des<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0113_110.tif" n="0110"/>
<p>1<lb/>Ordens zu verwenden, Jedem, den er verwendete, die<lb/>volle
Verantwortlichkeit für seine Leistung aufzubürden,<lb/>und eben dadurch sich
in einer Zurückgezogenheit zu<lb/>erhalten, die ihn des Verkehrs mit der
Außenwelt, wo<lb/>er ihn nicht wünschte, eben so wie jeder
persönlichen<lb/>Verantwortung gegenüüber derselben, fast ganz und
gar<lb/>enthob.<lb/>EI war ein Begebnfß in dem Thale, wenn man<lb/>den Abt
außerhalb des Klostergartens zu Fuß des<lb/>Weges kommen sah; ein großes
Ereigniß, von dem<lb/>geredet wurde, wenn er mit Jemand im
Vorüber-<lb/>kommen gesprochen hatte, und wenn er einmal selber<lb/>handelnd
eingrif, mußte eine ganz besondere Noth-<lb/>wendigkeit ihn erst dazu
bestimmen.<lb/>Von allen Mitgliedern seines Klosters besaß<lb/>keiner sein
Vertrauen in dem Grade, wie der in dem<lb/>ganzen Thale sehr verehrte
Theophilus. Der Pater<lb/>wollte und wünschte für sich selbst hienieden
Nichts,<lb/>er kannte keinen Ehrgeiz als die Macht, die Wohl-<lb/>fahrt
seines Klosters.-- Er war dabei von Herzen -<lb/>menschenfreundlich,
demüthig und fest in seinem from-<lb/>men Glauben, ohne Falsch wie die
Tauben und klug<lb/>wie die Schlangen. Kein Anderer war in dem Thale<lb/>als
Beichtiger mehr gesucht als er. Er hatte der un-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0114_111.tif" n="0111"/>
<p>U11<lb/>zlücklichen Jakobäa schon zur Zeit ihrer Trennung von<lb/>Maurus
beigestanden, mit ihm hatte der Abt die ganze<lb/>Angelegenheit verhandelt.
Er wußte, welche Gründe<lb/>denselben bestimmt, und welche Rücksichten ihn
geleitet<lb/>hatten, als er sich dazu entschlossen, das Verbrechen<lb/>des
Maurus mit Schweigen bedecken, es dem Arme<lb/>:er strafenden Gerechtigkeit
entziehen zu lassen. Pater<lb/>Theophilus war auch nicht zweifelhaft
darüber, was<lb/>jezt mit Benedikt zu geschehen, und was er
dessen<lb/>Mutter zu antworten bekommen würde. Es war ihm<lb/>eben so wenig
unbekannt, daß die ganze Angelegen-<lb/>heit auch eine weltliche Seite
hatie, welche für das<lb/>Kloster selbst von hoher Wichtigkeit war und auf
die<lb/>Entscheidung des Abtes nicht ohne Einfluß
bleiben<lb/>konnte.<lb/>Die vor mehr als siebenhundert Jahren
gegründete<lb/>Benediktinerabtei war im Laufe der Zeiten zu einer<lb/>der
vornehmsten und reichsten des Ordens geworden.<lb/>Ihre Besizungen hatten
sich nicht nur über das ganze<lb/>Hochthal erstreckt, über welches die
Klosteräbte fast als<lb/>souveräne Herren regierten und die hohe und
niedere<lb/>Gerichtsbarkeit übten, sondern das Kloster hatte auch<lb/>weit
hinaus über die Grenzen des Kantons, in wel-<lb/>chem es lag, eine große
Anzahl von Liegenschaften und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0115_112.tif" n="0112"/>
<p>ul<lb/>Einkünften aller Art durch fromme Vermächtnisse er-<lb/>worben, die
seinen Glanz und Reichthum immer mehr<lb/>gesteigert hatten. Allein durch
die revolutionären Be-<lb/>wegungen, welche am Ende des vorigen
Jahrhunderts<lb/>auch die Schweiz ergrifen hatten, war in den
welt-<lb/>lichen Zuständen und Verhältnissen der Abtei eine<lb/>große
Veräänderung eingetreten. Nicht nur waren die<lb/>bis dahin fürstengleich
waltenden Vorsteher derselben<lb/>ihrer weltlichen Herrschaftsrechte und
Privilegien be-<lb/>raubt, und ihre früheren Unterthanen zu freien
Bürgern<lb/>geworden; auch die Besizungen und Einkünfte ded<lb/>Klosters
waren sehr beträchtlich vermindert, ja das<lb/>Kloster selbst ausgeplündert,
und die stattlichen Kloster-<lb/>gebäude durch die Wildheit der
eingedrungenen fremden<lb/>französischen Horden zu einem großen Theile ein
Raub<lb/>der Flammen geworden. Der Wiederaufbau hatte be-<lb/>trächtliche
Summen verschlungen, und Verkauf oder<lb/>Verpfändung mehr als eines Gutes
herbeigeführt. In<lb/>solchen Zuständen hatte der jetzige Abt das Kloster
ge-<lb/>funden, als er den Stuhl seines Vorgängers bestiegen,--<lb/>und je
weniger er der Weltlage nach daran denken<lb/>konnte, der Abtei und ihren
Verwesern die alte<lb/>glänzende Regentenstellung wiederzugewinnen, um
so<lb/>mehr war es sein Ehrgeiz und um so eifriger bemühte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0116_113.tif" n="0113"/>
<p>11<lb/>er sich, wenigstenö diejenigen Verluste, welche dad Kloster<lb/>an
Besiz und Vermögen erlitten haite, durch kluge<lb/>und gesicherte
Operationen einigermaßen auszugleichen.<lb/>Ec war ein großer Dienst, eine
schwer wiegende<lb/>Hilfe gewesen, welche man Jakobäen dereinst in
ihrer<lb/>Noth geleistet hatte, ein Beistand und ein Schuz,
die<lb/>vergolten und aufgewogen werden mußten, und auf-<lb/>gewogen werden
konnten; denn die Anschafft'schen<lb/>Licgenheiten waren bedeutend genug, um
selbst dem<lb/>reichen Kloster noch alö ein ansehnlicher Gewinn
zu<lb/>erscheinen. Ein zu errichtendes Altärchen, eine zu<lb/>stiftende
Messe, ein Zehnten, dünkten den geistlichen<lb/>Herren kein ausreichender
Entgelt für die Schonung<lb/>und die Rettung, welche sie vollzogen hatten.
Ihre<lb/>Voraussicht hatte sich auf mehr gefaßt gemachk.<lb/>Einen
wirklichen Zwang auf die Mutter oder auf<lb/>ihren Sohn auözuüben, lag nicht
in des Abtes Sinn,<lb/>war gegen seine Handlungsweise. Er war kein
Freund<lb/>jener Gewaltthaten, die Nachrede verursachen konnten,<lb/>und
viel zu klug und vorsichtig, um einen Ast so ab-<lb/>zubrechen, daß man es
gewahren mußte, wenn er<lb/>sicher sein durfte, sich der begehrten Frucht,
die an dem<lb/>Aste hing, in weniger auffälliger Weise bemächtigen
zu<lb/>können.<lb/>F. Lewald, Benedikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0117_114.tif" n="0114"/>
<p>11<lb/>Er hatte deshalb aueh den Bericht des Pater<lb/>Theophilus über
Jakobäen's Widerstreben gelassen an-<lb/>gehört, hatie es gebilligt, daß
derselbe sich nicht ab-<lb/>lehnend, oder auch nuur zweifelnd gegen sie
ausge-<lb/>sprochen, baß er ihr vielmehr eine Hoffnung auf die<lb/>Erfüllung
ihrer Wünsche offen gelassen habe; dann<lb/>aber hatte er sich bestimmt und
kurz erkundigt, in wie<lb/>weit Benedikt über seine Herkunft unterrichtet,
bis zu<lb/>welchem Grade sein Verstand und seine Fähigkeit ent-<lb/>wickelt
seien, die weltlichen Verhäältnisse zu begreifen,<lb/>und was der Knabe von
seinem Vater und von dessen<lb/>Vergangenheit bisher etwa erfahren habe.
Pater Theo-<lb/>phil hatte darüber genaue Auskunft gegeben und der<lb/>Abt
ihm dann befohlen, den Knaben selber zu ihm zu<lb/>bescheiden.<lb/>Als
Benedikt sich danach in dem Vorgemache des<lb/>Abtes meldete, wurde er
augenblicklich eingelassen. Er<lb/>fand den Pater Theophilus bei ihm, der
sich jedoch<lb/>enifernte. Des Abtes Unterredung mit dem Knaben<lb/>währte
lange, und Benedikt verließ des Abtes Zimmer ,<lb/>und das Kloster völlig
umgewandelt.<lb/>Der frohe Sinn, die Zuversicht, die Lebenslust<lb/>waren in
ihm gebrochen. Er hatte Scheu bekommen<lb/>vor der Welt, die jenseits dieses
Thales lag, Scheu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0118_115.tif" n="0115"/>
<p>11<lb/>ror den Menschen, die er- kannte und die ihn kann-<lb/>ten; er hatte
gelernt, die Klostermauern als Schutz<lb/>und Zuflucht anzusehen. Er durfte
die Augen nicht<lb/>mehr froh erheben so wie sonst, er war nicht
unbe-<lb/>scholten, wie die Andern Alle. Gesenkten Hauptes<lb/>trat er aus
des Abtes Zimmer, und die breite Dorf-<lb/>straße vermeidend, nahm er den
Weg nach seiner<lb/>Mutter Hause.<lb/>Jakobäa hatte sich geflissentlich
unter dem Vor-<lb/>dach auf der Treppe zu thun gemacht. Von dem<lb/>Plaze
konnte sie mit ihrem scharfen Auge den Sohn<lb/>erblicken, so wie er aus des
Klosterö großer Pforte<lb/>trat; aber wie gespannt ihr Auge auch an dem
Thore<lb/>hing, wie ihr, je länger er auf sich warten ließ, daö<lb/>Herz von
Sorge schwerer und der Sinn von ver-<lb/>muthendem Denken aufgeregter wurde,
Benedikt war<lb/>nicht zu sehen.<lb/>Mit einem Male stand er vor ihr. Er war
auf<lb/>weitem Umwege von oben herunter durch den Wald<lb/>gekommen, und wie
Jakobäa erschrak, als sie seiner<lb/>anfichtig wurde, so schreckte auch er
zusammen, als er<lb/>die Mutter vor der Thüre fand.<lb/>, Benedikt!' rief
sie und wollte ihn fragen, was<lb/>geschehen sei. Aber sie unterließ es, die
Worte woll-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0119_116.tif" n="0116"/>
<p>11s<lb/>ten ihr nicht über ihre Lippen gehen. Sie sah es an<lb/>dem scheuen
finsteren Blick, mit dem er, sie ver-<lb/>meidend, vor sich hin starrte; man
hatte ihm Mlles<lb/>gesagt. Er wußte Mlles! -- Nun war es
ent-<lb/>schieden!-<lb/>Ohne ein Wort an sie zu richten, wendete er
sich<lb/>in das Haus. Das konnte sie nicht ertragen, es zer-<lb/>riß ihr das
Herz, sie mußte seine Stimme hören.<lb/>,Wo willst Du hin? fragte
sie.<lb/>,,Drinnen bleiben- und in's Kloster, wenn es<lb/>dunkel sein wird !
gal er ihr zur Antwort, und ging<lb/>ohne sie nur anzusehen in das Haus
hinein.<lb/>Das war zu viel! Ihr Kind wendete sich mit<lb/>Widerwillen von
ihr ab! Sie folgte ihm auf dem<lb/>Fuße nach. Er hatte den Hut von sich
geworfen und<lb/>saß mitten in der Stube an dem Tisch, den Kopf auf<lb/>die
Arme gelehnt, daß sein Gesicht verborgen war.<lb/>Sie wollte ihm Etwas
sagen, aber sie konnte das<lb/>rechte Wort nicht finden. So blieb sie hinter
ihm stehen<lb/>und hörte ihn weinen.<lb/>Hätte sie ihr Kind beneiden
können,, um diese-<lb/>Thränen hätte sie es gethan, denn ihre Augen
blieben<lb/>trocken. Das Hofen war für sie zu Ende, das Schaffen<lb/>fortan
unnüz; und was ist der Mensch ohne Hoffnung,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0120_117.tif" n="0117"/>
<p>uu<lb/>und ohne Freude an der Arbeit?-- Sie kam sich<lb/>nicht mehr wie
lebendig vor. Nur an dem Mitleid,<lb/>das sie mit ihrem Sohne fühlte, nuur
an dem leiden-<lb/>schaftlichen Verlangen, ihren Benedilt zu retten
vor<lb/>dem schwarzen Rocke, empfand sie es, daß sie noch<lb/>lebte. Ihr
schauderte vor dem Zwang des Klosters<lb/>mehr noch als ihrem Sohne. Er und
sie waren nicht<lb/>dazu gemacht; sich lebendig zu begraben.<lb/>Plözlich
schoß ihr ein Gedanke durch den Sinn:<lb/>sie konnte fliehen mit Benedikt!
Fliehen weit hinaus<lb/>in die Welt, in der Niemand sie kannte, Niemand
von<lb/>ihr wußte, wo die Stimmne des Abtes sie nicht an ihr<lb/>Gelöbniß
mahnen konnte. Aber fliehen?-- Hatie<lb/>der Arm der Gerechtigkeit nicht
dereinst den Maurus<lb/>gefunden hier hoch oben in den Bergen? =- Und
was<lb/>sollte aus ihrem Hause werden, aus ihrem Besiz, wenn<lb/>sie davon
ging, sich in weiter Ferne zu verbergen?--<lb/>Von ihrem Hause, von ihrem
Hale konnte sie nicht<lb/>fort!-- Sie hatie die Grenzen ihres Thales
selten<lb/>einmal überschritten. Was sollte sie in der frem-<lb/>den Welt?
Eine Bettlerin mit ihrem heimathlosen<lb/>Sohne?--<lb/>Es war unmöglich! Von
diesem ihrem Hause<lb/>konnte sie nicht scheiden, sie konnte nicht hinaus
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0121_118.tif" n="0118"/>
<p>18<lb/>jene fremde Welt, aus welcher all ihr Unglück ihr ge-<lb/>kommen war.
Hier, wo sie geboren war, hier mußte<lb/>sie auch sterben. Was für sie
erworben war und<lb/>was sie erworben hatte, das konnte sie nicht
freiwillig<lb/>Fremden überlassen. Sie mußte hierbleiben, nach
dem<lb/>Ihrigen zu sehen, so lange ihre Augen offen standen.<lb/>-- Nachher?
Nachher blieb freilich nur noch Benebikt<lb/>im Thale, als Lezter von dem
ganzen Anschafft'schen<lb/>Geschlecht!<lb/>Und wieder kam ein neuer Gedanke
ihr in den<lb/>Sinn. Sie konnte das Verzweifeln nicht ertragen.<lb/>Athmen,
leben, schafen und hoffen waren Eind in ihr.<lb/>Mochte eö nicht der frische
volle Stamm sein, an den<lb/>sie sich zu lehnen, unter dessen Aesten sie
Schatien zu<lb/>finden erwartet hatte in ihres Alters Tagen, auch
an<lb/>einem schwachen Stabe kann man sich noch halten;<lb/>und ein Gutes,
eine Aussicht blieb ihr doch, wenn<lb/>Benedikt auch in den Orden eintrat.
Er blieb in ihrer<lb/>Nähe, blieb in ihrem Thale.<lb/>Sie konnte ihn sehen,
konnte sehen, wie er heran=?<lb/>wuchs und in dem Kloster vorwärts kam; und
da er<lb/>der Euste gewesen war in seiner Schule, wer wollte<lb/>sagen,
wohin er es in dem Kloster und dem Orden<lb/>bringen konnte? Der Pater
Negens war oben in dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0122_119.tif" n="0119"/>
<p>119<lb/>Walde zu Hause, eines armen Schreiners Sohn; den<lb/>Prior hatten
barmherzige Menschen nach seiner Estern<lb/>Tode aufgepflegt, und es stand
fest, daß er dem Herrn<lb/>Abbs dereinst in seinem Amte folgen würde.
Wenn<lb/>Benediktus fleißig war, wenn er seine Gaben recht be-<lb/>nuzte, so
konnte auch er dereinst des Klosters Prior,<lb/>ja der Abt des Klosters
werden; so konnte sie sich doch<lb/>sagen, daß ihr Hab und Gut nach ihrem
Tode troz<lb/>alledem sein eigen würde, daß es ihm zu Gute käme,<lb/>wenn
sie es einmal dem Kloster hinterließ. Er konnte<lb/>in seinem Namen einen
Altar stiften zu seinem An-<lb/>gedenken, zu ihren und zu Maria Josepha's
Ehren,<lb/>der seinen und seines Hauses Namen in dem Kloster<lb/>wach
erhielt für alle Zeit und Ewigkeit!-- Nur so<lb/>liegen, nur so weinen
sollte Benedikt nicht mehr!--<lb/>Sie konnte das nicht ansehn und nicht
dulden.<lb/>,Genedikt,' sagte sie,,sieh den Herrn Abt an!<lb/>wad fehlt dem
wohl? Rechts und links weicht Alles<lb/>aus und neigt sich, wenn er nur
vorüberfährt. Ein<lb/>Jeglicher küßt ihm die Hand. Er ist der Herr
im<lb/>ganzen Thale!?<lb/>,Was hilft mir das? schluchzte der Knale,
ohne<lb/>aufzusehen.<lb/>,Du kaunst ja Prior werden, kannst einmal
Abt<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0123_120.tif" n="0120"/>
<p>12<lb/>im Kloster wwerden, grade so wie er!? bedeutete ihn<lb/>die
Mutter.<lb/>,Wenn auch!'' entgegnete der Sohn.<lb/>, Der Abt kann kommen und
gehen, reisen und<lb/>in die Welt hinaus, so wie es ihm gefällt!?
sagte<lb/>Jakobäa, dem Lieblingsgedanken ihres Sohnes zu be-<lb/>gegnen, und
ihm fortzuhelfen über die Nothwendig-<lb/>keit, die auf ihm lag, die sie ihm
aufgebürdet hatte<lb/>durch den Eigensinn, mit welchem sie den
wider-<lb/>strebenden Maurus dereinst festgehalten, die sie
ihren<lb/>Kindern aufgebürdet hatte durch ihr Verschulden und<lb/>durch ihr
Gelübde.<lb/>Aber sie verfehlte diesmal ihren Zweck. Denn<lb/>Benedikt
richtete sich bei ihren Worten mit Heftizkeit<lb/>empor, und hell
aufweinend, rief er: , In die Welt<lb/>hinaus?-- Ich will nicht hinaus in
die Welt!--<lb/>Was soll ich in der Welt? Soll ich dem Vater
dort<lb/>begegnen, der Schimpf und Schande über uns ge-<lb/>bracht hat! Ich
bin geboren in Sünde und in<lb/>Schande, darum muß ich hin, wo keines
Menschen. -'<lb/>Aug' mich sieht! Am Liebsten in das Wasser, wo es<lb/>am
tiefsten ist, oder gleich in's Grab!?<lb/>, Benedikt! Benedikt!? stieß die
Mutter mit<lb/>Herzensangst hervor, und wollte ihn umklammern, er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0124_121.tif" n="0121"/>
<p>u2<lb/>aber wehrte sie von sich ab, und zusammenbrechend in<lb/>ihrer Pein,
klagte sie: ,DDas kann der llebe Gott<lb/>nicht wollen! Das ist zu viel!
Mein Sohn wendet<lb/>sich von mir ab! Da Kind wendet sich ab von
seiner<lb/>Mutter!-- Der Abt hat keinen Sohn!'<lb/>Sie sezte sich still in
eine Ecke und sah den<lb/>Knaben an. Er hatte sich aufgestützt und starrte
vor<lb/>sich nieder. Es waren zum Theil die Worte des Abtes<lb/>gewesen, die
er in seinem Schmerze ausgesprochen, und<lb/>seine Erschütterung hatte das
Nebrige gethan. Die<lb/>Mutter wußte ihm Nichts mehr zu sagen und er
wuußte<lb/>auch Nichts mehr. Sie fühlten das Unglück alle<lb/>Beide. Es war
wie eine Lawine auf sie herabgestürzt<lb/>und lag auf ihnen kalt und
finster.<lb/>Draußen schlug es sechs Ühr. Jakobäa ging<lb/>hinaud. Immerfort
an dieser Stelle sizen bleiben<lb/>konnte sie ja nicht, und es war Zeit, daß
sie für das<lb/>Nachtessen der Leute sorgte.<lb/>Benedikt rührte sich nicht.
Erst als die Mutter<lb/>schon eine ganze Weile fort war, stand er auf,
und<lb/>sah sich um. Des Weinens war er sait, des Wartens<lb/>war er müde.
Er wollte etwas Anderes thun.<lb/>Aler was?<lb/>Er ging an den Tisch, zog
die breite Schieblade<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0125_122.tif" n="0122"/>
<p>u<lb/>heraus, sah seine Bücher an und was sonst noch von<lb/>seiner kleinen
Habe darin lag, und schob sie wieder<lb/>zu. Er sah nach seiner Drossel und
nach dem schwar-<lb/>zen Eichhörnchen, dessen Haus auf dem
Fensterbrette<lb/>stand. Die Drossel schlug just ihren schönsten
Triller,<lb/>das Eichhorn drehte sich wie sonst in seinem Rade.<lb/>Es
machte ihm aber kein Vergnügen mehr. Er ver-<lb/>suchte dies und das, und
gab es wieder auf. End-<lb/>lich sezte er sich nieder und paßte auf die drei
Schläge,<lb/>welche alliäglich von der Kirche das Zeichen zum Be-<lb/>ginn
des Abendläutens und der Abendvesper gaben.<lb/>Er war ordentlich zufrieden,
als er sie erklingen hörte.<lb/>Jezt wußte er wenigstens, was er mit sich
machen<lb/>sollte, was zu thun war. Er nahm den Hut und<lb/>ging hinaus. Die
Mutter stand am Heerde.<lb/>,Wo willst Du hin? fragte sie beklommen.<lb/>,Wo
soll ich hin?-- In's Kloster!r gal er ihr<lb/>zur Antwort.<lb/>,Diese Woche
hattest Du ja noch bleiben sollen,'<lb/>meinte sie, ,erst Ende der Woche
solltest Du hinein.? , -<lb/>Er schüttelte den Kopf.,Was soll ich
hier?<lb/>Ich werde froh sein, wenn ich dorten bin!'' gab er ihr<lb/>zur
Antwort.<lb/>Er wollte gehen und stand doch still. --- ,Iß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0126_123.tif" n="0123"/>
<p>noch bei mir zu Nacht!' sagte Jakobäa und die Stimme<lb/>bebte ihr, als sie
es sprach.<lb/>, ch bin nicht hungrig! versezte er.,Cdieu!'?<lb/>nnd ging
der Thür zu.<lb/>, Benedikt! Benedikt! rief die Mutter in ihrem<lb/>bittern
Schmerz ihm nacheilend, um ihn an ihre Brust<lb/>zu ziehen.<lb/>Er machte
sich von ihr los. ,Laß mich gehen,<lb/>ehe sie vom Felde kommen!'' sagte
er.,Wenn ich<lb/>nur erst fort bin, ist's nachher einerlei! Adieu?<lb/>Und
damit ging er von ihr.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0127_124.tif" n="0124"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0128_125.tif" n="0125"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0129_126.tif" n="0126"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0130_127.tif" n="0127"/>
<p>zz Klosterherren waren seelenkundige und viel<lb/>erfahrene Erzieher. Sie
ließen Penedikt ruhig in der<lb/>Menschenscheu gewähren, welche ihn
überfallen hatte,<lb/>seit ihm der Abt das Geheimniß seiner Eltern
kund<lb/>gethan.<lb/>Man nöthigte ihn nicht, an den
regelmäßigen<lb/>Spaziergängen der übrigen Schüler Theil zu nehmen,<lb/>wenn
man diese in das Freie führte, er durfte sich<lb/>im Garten beschäftigen,
oder bei den Büchern sizen,<lb/>je nachdem er Lust dazu verrieth. Man
gewährte ihm<lb/>eine verhältnißmäßige Freiheit innerhalb des
Zwanged,<lb/>dem er sich plözlich unterworfen sah; denn je mehr<lb/>er sich
abgeneigt fühlte, mit der Außenwelt zu ver-<lb/>kehren, um so sicherer
durfte man darauf rechnen, daß<lb/>er sich in das Kloster eingewöhnen würde.
Wenn er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0131_128.tif" n="0128"/>
<p>12<lb/>sich von der eigenen Mutter ferne hielt, war Aussicht<lb/>vorhanden,
daß er um so eher die Kirche als seine<lb/>Mutter anzusehen, den Orden als
seine Familie zu<lb/>betrachten lernte; und Benedikt besaß alle die
Eigen-<lb/>schaften, welche es einer solchen Gemeinschaft
wünschenö-<lb/>werth machen konnten, ihn sich anzueignen. Er war<lb/>schön,
begabt, von lebhafter Empfindung, und der<lb/>reichste Erbe in dem ganzen
Thale.<lb/>Auch trog ihre Berechnung seine Vorgesezten<lb/>nicht. Wie
Benedikt stets der beste Schüler in der<lb/>Dorfschule gewesen war, so
zählte das Kloster ihn<lb/>schon nach Jahresfrist zu den besten seiner
Zöglinge.<lb/>Sein starker Ehrgeiz trieb ihn zum Fleiße an, und<lb/>die
Richtung, welche der Abt dem Gemüthe des Kna-<lb/>ben in jener ersten und
einzigen Unterredung zu geben<lb/>verstanden hatte, sicherte seinen
Vorgesezten seine Füg-<lb/>samkeit, wie sie ihn gottesfürchtig und sein
Gewissen<lb/>rege gemacht hatte. Er wußte seinen Vater von<lb/>schwerer
Schuld beladen, seine Mutter als Theil-<lb/>nehmerin einer Sünde wider die
Gebote Gottes. Er<lb/>war nicht in güültiger Ehe geboren und da er
die<lb/>Welt nicht kannte, glaubte er sich durch diesen Makel<lb/>ihr
gegenüber schwerer beeinträchtigt, als er es in der-<lb/>selben gefunden
haben würde. Es stand in der Bibel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0132_129.tif" n="0129"/>
<p>19<lb/>geschrieben: Gott sei ein strenger Herr, er werde die<lb/>Sünden der
Väter an den Kindern und Kindeö-<lb/>kindern rächen; also war er mit des
Herrn Zorn be-<lb/>liden. Er hatte ihn zu sühnen durch
makellosen<lb/>Wandel, durch unallässiges Gebet. Er hatte sich einzig<lb/>zu
vertrösten auf des Heilandes Gnade, der die Sün-<lb/>den der Menschen auf
sich genommen, der auch für<lb/>ihn den Kreuzestod erlitten. Er hatte zu der
Mutter<lb/>Gottes zu flehen, daß sie bei ihrem Sohne Für-<lb/>sprecherin
werde für den verbrecherischen Maurus, für<lb/>die unglückselige Jakobäa und
für die Kinder, welche<lb/>so unheiligem Ehebunde entsprungen waren.<lb/>Es
währte nicht lange, bis Benedilt den ihm<lb/>einst so verhaßten schwarzen
Rock mit Ruhe, ja mit<lb/>Freuden, und wie ein Ehrenkleid zu tragen
lernte.<lb/>Man war mit ihm zufrieden, man begegnete ihm
mit<lb/>freundlicher Gleichmäßigkeit, seiner Wißbegier
wuurde<lb/>reichlichere Nahrung , geboten, sein
Vorwärtskommen<lb/>anerkannt, und sein Ehrgeiz, diese vorherrschende
Leiden-<lb/>schaft in allen geistlichen Genossenschaften, ward
durch<lb/>seine Vorgesezten nur in so weit-eingeschränkt, alö<lb/>die
Unterordnung unter ihre Befehle und die De-<lb/>muth vor dem Herrn es nöthig
machten. Er hatte<lb/>nicht mehr unter den wechselnden
Gemüthsverfassungen<lb/>F. Lewald, Benedikt. 1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0133_130.tif" n="0130"/>
<p>18<lb/>seiner Mutter zu leiden, nicht mehr mit den Thalbe-<lb/>wohnern zu
verkehren, die ihn früh mit halben Worten<lb/>ahnen lassen, daß seine
Familie unter dem Banne<lb/>eines unseligen Geheimnisses stehe. Die
Nachbars-<lb/>kinder, seine Schulkameraden peinigten ihn nicht mehr<lb/>mit
den Fragen und Bemerkungen, die alle nach der<lb/>wunden Stelle zielten. Er
ging unangefochten in den<lb/>Reihen der Klosterzöglinge einher, er fand
Genossen<lb/>und Freunde unter ihnen, er hatte mit und unter<lb/>ihnen Anlaß
seinen Körper in übenden Spielen zu<lb/>entwickeln, er kam in ihrer
Gemeinschaft hoch in dad<lb/>Gebirge hinauf, machte im Sommer unter
Leitung<lb/>seiner Dberen während der Ferien kleine Ausflüge in<lb/>das
nächste Land zur Erholung in den andern, dem<lb/>Orden gehörenden
Besizungen; und, was nicht gering<lb/>bei ihm in das Gewicht fiel, er war in
dieser Zeit<lb/>der einzige Klosterschüler aus dem Thale, er war
da-<lb/>durch in seinen Augen weit vornehmer als alle die-<lb/>jenigen, die
sich sonst um seiner Geburt willen über<lb/>ihn erhoben hatien. Die Kirche
war ihm für sein<lb/>Empfinden wirklich eine Mutter geworden; sie und .
-<lb/>das Kloster gewährten ihm Schutz, eröffneten und ver-<lb/>sprachen ihm
eine Zukunft, und er gab sich ihnen zu-<lb/>letzt von ganzem Herzen und von
ganzer Seele hin.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0134_131.tif" n="0131"/>
<p>u<lb/>Die eizene Mutter sah er nicht eben häufig. Die<lb/>Abneigung, mit der
er ihr in der Stunde begegnet<lb/>war, in welcher er aus ihrem Hause schied,
hatte ihr<lb/>das Herz erstarren machen. Sie scheute sich vor dem<lb/>Knaben
mehr, als sie einen Fremden je gefürchtet<lb/>hatte; und weil sie ihm, alö
man ihn zum ersten Male<lb/>zu ihr führte, kalt begegnet war, trug er kein
großes<lb/>Verlangen, öfters zu ihr zurückzukehren. Auch sie für<lb/>ihr
Theil verlangte nicht nach ihm. Sie mochte e?<lb/>gar nicht sehen, wenn der
sonst so lebenöfrohe Benr-<lb/>dikt in der schwarzen Soutane, gemessenen
Schrittes<lb/>in Mitten seiner Klasse an ihrem Hause vorüler ge-<lb/>führt
wurde, er kam ihr wie der Schatten seiner sellst<lb/>vor. Das Kloster stand
zwischen ihmu und ihr; nicht<lb/>sie, das Kloster hatte an ihn den
allernächsten An-<lb/>spruch. Sie konnte mit ihm nicht reden, wie es
ihr<lb/>zu Muth war: er war ihr entfremdet worden, und<lb/>wie an einem
Frenden mußte sie versuchen, sich an<lb/>ihn erst wieder zu
gewöhnen.<lb/>Jndeß die Zeit bewährte auch in diesem Falle<lb/>ihre Kraft
und Macht. Man hatte Benediltus ange-<lb/>halten, tääglich für seiner Mutter
und seiner Schweslern<lb/>Seelenheil zu beten--- wie konnte also seine
Ab-<lb/>neigung gegen die Mutter fortbestehen, die er in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0135_132.tif" n="0132"/>
<p>1N<lb/>immer neuen brünstigen Gebeten der erbarmungsvollen<lb/>Gnade des
höchsten Richters anempfahl? Das Mit-<lb/>leid mit ihr zeg mit seiner
wachsenden Neife und sei-<lb/>ner sich erweiternden Einsicht in sein Herz;
und als<lb/>man sich im Kloster erst seiner völligen Hingebung<lb/>an
dasselbe versichert halten durfte, hatte man sogar<lb/>seine Annäherung an
die Mutter auf jede Art zu<lb/>fördern getrachtet. Wer konnte denn besser
geeignet<lb/>fein Jakobäen Sinn zu Gunsten des Klosters zu be-<lb/>stimmen,
als ihr Sohn und Erbe, nachdem er seinem<lb/>Kloster von ganzer Seele eigen
geworden war?<lb/>Er hatte seine Klassen mit Ehren durchgemacht.<lb/>Er galt
für den besten Philologen unter seinen Mit-<lb/>schülern und zrigte schöne
Anlagen für Beredsamkeit<lb/>und Poesie. Aus freiem Antriebe hatte er
lateinische<lb/>und deutsche Hymnen gedichtet, welche den Beifall
der<lb/>Lehrer gefunden; seine dialektischen Fähigkeiten
waren<lb/>anerkennend bemerkt worden und wie er als Knabe<lb/>in dem Thale
um seiner starken und hellen Stimme<lb/>rillen Beifall geerndtet hatte, so
waren jetzt sein Ge-<lb/>sang und seine mehr und mehr hervortretende
musika-<lb/>lische Begabung bald des Klosters Stolz und Freude.<lb/>Er war
beliebt bei seinen Mitschülern, besaß die Gunst<lb/>seiner Vorgesezten; und
seine strenge Gewissenhaftig-<lb/>, r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0136_133.tif" n="0133"/>
<p>aI<lb/>keit, seine tiefe Frömmigkeit machten es, daß man große<lb/>Hoffnungen
auf seine Zukunft bauie, als er mit fron-<lb/>mer Freude in sein Noviziat
eintrat.<lb/>Während dieser Jahre hatten sich aber auch in<lb/>dem Thale die
Zustände sehr wesentlich geändert, und<lb/>die Folgen des erleichterten
Reisens hatten angefangen,<lb/>sich bis hinauf in das Hochgebirge und in
seine Thäler<lb/>geltend zu machen.<lb/>Früher, in den Zeiten, in welchen
Maurn die<lb/>Heimath auf Nimmerwiederkehr verlassen, war selten<lb/>einmal
der Fuß eines Reisenden die einsame und sehr<lb/>beschwerliche Slraße nach
dem Klosterthale empor-<lb/>gestiegen. Seit man jedoch in den, die Schweiz
um-<lb/>gebenden Ländern Eisenbahnen gebaut, und die<lb/>Dampfwagen und
Dampfschife begonnen hatten, die<lb/>Beförderung der Menschen zu Lande und
zu Wasser<lb/>in so großer Zahl, und in vorher ganz ungekannter<lb/>Schnelle
zu ermöglichen, waren in der Schweiz mit<lb/>jedem Jahre der Neisenden immer
mehr, und das Be-<lb/>steigen der höchsten Berge, an welches sich sonst
nur<lb/>die unerschrockene Beharrlichkeit einzelner Gelehnter,<lb/>oder
besonders für die Naturschönheiten begeisterter<lb/>Männer herangewagt
hatte, zu einer Modesache und<lb/>znu etwas fast Alläglichem
geworden.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0137_134.tif" n="0134"/>
<p>5<lb/>Die Stäole der Schweiz hatten während der<lb/>Sommermonate bald nicht
mehr Naum genug für<lb/>ihre ausläändischen Gäfte. Man fing an, auf
dem<lb/>Lande, in den Gasthöfen, an den Seen und in den<lb/>Bergen ein
Unterkommen zu suchen, und je weniger<lb/>dadselbe von denjenigen
Bequemlichkeiten zu bieten ver-<lb/>?<lb/>Benedikt hatte noch in der Zeit
seines Noviziates<lb/>gestanden, als die ersten Fremden sich zu
längerem<lb/>Verweilen bei deö Doktors Mutter in dem
einzigen<lb/>Wirthshause des Thales niederließen. Es waren<lb/>junge
deutsche Gelehrte. Sie waren bald nach ihrer<lb/>Ankunft in das Kloster
gekommen, um Zutritt zu der<lb/>Bibliothek desselben zu erbitten, in der
sie, und nicht<lb/>mit Unrecht, werthvollen Besiz vermutheten. Man<lb/>hatte
ihrem Ansuchen bereitwillig willfahrt; der Ordens-<lb/>bruder, dem die
Aufsicht über die Bibliothek zustand,<lb/>hatte sich, stolz auf die reiche
Handschriftensammlung<lb/>derselben, mit den beiden Fremden viel
beschäftigt; sie<lb/>waren dann alltäglich wiedergekommnen, um zu
kopiren,<lb/>waö ihnen für ihre Zwecke brauchbar dünkte, und trrt<lb/>der
strengen Drdensregel, welche den Verkehr mit der<lb/>Außenwelt während des
Noviziates sehr beschränkte,<lb/>, -- -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0138_135.tif" n="0135"/>
<p>1<lb/>hatte der Bibliothekar eines Tages Benedikt, der just<lb/>vorüberging,
herbeigerufen, ihm ein Missale herbeizu-<lb/>holen, dessen Miniaturen Jener
die Fremden sehen<lb/>lassen wollte.<lb/>Es fanden sich aber diesem alten
Meßbuche noch<lb/>ein paar Pergamentblätter beigebunden, auf denen
in<lb/>uralter Schrift Text und Melodie des Ambrosianischen<lb/>Lobgesanges,
des Po äeum lauäumus geschrieben waren.<lb/>Sie galken, weil sie eine kleine
musikalische Abweichung<lb/>von der gebräuchlichen Melodie enthielten, als
eine be-<lb/>sondere Merkwürdigkeit, und da der Benediktiner-Orden<lb/>sich
rühmen durfte, der Sammler und Herausgeber<lb/>der Werke des zu ihm gehöri
habenden heiligen Am-<lb/>brosius gewesen zu sein, so gefiel der
Bibliothekar sich<lb/>darin, seine gelehrten Gäste eben auf diese
Besonder-<lb/>heit aufmerksam zu machen.<lb/>Der Eine derselben, welcher
musikalisch war,<lb/>wünschte die Musik zu hören. Benedikt nurde
ange-<lb/>wicsen, das Meßbuch nach dem Chor zu tragen, denn<lb/>da Kloster
legte großen Werth auf seine Orgel, wie<lb/>auf seine Kirchenmuusik, und der
Pater Bibliothekar<lb/>hieß ihn, unter Begleitung des jungen deutschen
Ge-<lb/>lehrten, das De äeuru nach der vorliegenden Abweichung<lb/>zu
singen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0139_136.tif" n="0136"/>
<p>18<lb/>Benedikt that dies ohne alle Scheu und ohne<lb/>Zögern; indeß noch
während er sang, gab der Professor<lb/>seinem Erstaunen über die Stimune und
die musikali-<lb/>sche Begabung des jungen Mannes Ausdruck.<lb/>,as ist ja
eine Stimme,' sagte er, als Benedikt<lb/>geendet hatte, ,wie ich sie schöner
nie gehört habe!<lb/>Ihre Fülle, und ihr weicher Ton überfluthen wie
der<lb/>Tenor unsres Wild das Ohr des Hrers und dringen<lb/>in das Herz
ein!-<lb/>=b er andere Fremde meinte, Wild's Stimme habe<lb/>vielleicht noch
eine größere Süßigkeit, auch ihnu aler<lb/>sei der männliche Klang von
Benedikts Drgan, daö<lb/>mit den Jahren nur gewinnen könne, noch viel
lieber.<lb/>Des Jünglings Augen strahlten. Er hatie große<lb/>Freude daran,
daß die Fremden ihn mit einem Sän-<lb/>ger verglichen, den sie offenbar
bewunderten, und er<lb/>horchte hoch auf, alo der Professor die
Bemerkung<lb/>machte, Wild hale seine ersten musikalischen
Studien<lb/>ebenfalls im Dienste der Kirche gemacht. Er sei
Chor-<lb/>schüler gewesen, ehe er in die Fürstlich
Esterhazy'sche<lb/>Kapelle aufgenommen worden; und erst von dieser
sei<lb/>er zu der großen Oper üübergegangen, deren glänzendste<lb/>Zierde er
seitdem geworden sei.<lb/>Der Pater Bibllothekar, dem dieser
Zwischenfall<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0140_137.tif" n="0137"/>
<p>u3<lb/>sehr ungelegen kam, befahl dem jungen Novizen, das<lb/>Meßbuch nach
der Bibliothek zurückzutragen, und Be-<lb/>nedikt gehorchte, wenn auch mit
innerem Widerstreben.<lb/>Er machte sich das allerdings zum Vorwurf.
Er<lb/>klagte sich in der Beichte an, daß das Lob der Frem-<lb/>den seine
Eitelkeit erregt, daß es ihn von der Selbst-<lb/>betrachtung abgezegen habe,
die jezt mehr als jemals<lb/>seine Pflicht sei, daß sich seine Gedanken
wider seinen<lb/>Willen der Außenwelt zugewendet hätten; und an
die<lb/>strenge Klosterzucht gewöhnt, fand er es in der Ord-<lb/>nung und
gerechtfertigt, als Pater Theophil sein Beich-<lb/>tiger, ihm zur Buße die
Strafe auferlegte, sich des<lb/>Gesanges wie des Orgelspielens fortan zu
enthalten,<lb/>und dem Gotteödienste bis zur Beendigung
seines<lb/>Noviziates in schweigender Andacht lautloö beizuwohnen.<lb/>Er
hatte diese Strafe freudig über sich genom-<lb/>men, aber noch kein Herbst
und noch kein Winter<lb/>hatten ihm so lang gedünkt, alö dieser, und nie
zuvor<lb/>hatte er so wenig als in dieser Zeit seine Seele frei<lb/>im
Gebete erheben können. Er fühlte sich, als wäre<lb/>ihm: der Lebenönerv
erschlafft, als versage sich ihm<lb/>allmälig nicht nur daö Wort, sondern
auch der Ge-<lb/>danke, als irennten ihn die schweren
Wolkenschichten,<lb/>die das Thal durchzogen, für immer von dem
reinen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0141_138.tif" n="0138"/>
<p>18<lb/>Aether ab, zu welchem sein Blick sich sonst in sehn-<lb/>fuchtsvollem
Hoffen glaubensstark erhoben hatte. Je<lb/>mehr er unter dieser Stimmung
litt, je ernfter er<lb/>Iegen dieselbe in sich rang und kämpfte, um so
tiefer<lb/>versenkte er sich in seine schwermüthigen Zweifel an<lb/>sich
selbst, und an seine Würdigkeit, dem Herrn zu<lb/>dienen; und es bedurfte
endlich des erhebenden Zu-<lb/>spruchs seines geistigen Führers, ihm mit dem
Hinweis<lb/>auf die Barmherzigkeit des Herrn wieder jenes Zu-<lb/>trauen zu
sich selbst zu geben, ohne welches derjenige<lb/>nicht bestehen kann, der
bestimmt ist, dereinst ein Führer<lb/>und Berather für Andere zu
werden.<lb/>So kam das Ende des Noviziateö für Benedikt,<lb/>und mit ihm der
helle Frühlingstag heran, an welchem<lb/>er, auf die Welt und ihre Lust
verzichtend, die Priester-<lb/>weihe empfangen und Aufnahme in den Orden
fin-<lb/>den sollte.<lb/>In tiefer, demüthiger Zerknirschung,
niedergebengt<lb/>von dem Gedanken an die Schuld und Sünde, der<lb/>er sich
entsprossen wußte, war Benedikt in die heilige<lb/>Handlung eingetreten.
Aber als wirke in der That -<lb/>eine geheimnißvolle Kraft in den Händen der
Priester,<lb/>die sich segnend über ihn breiteten, als komme
ihm<lb/>Stäirkung aus dem heiligen Dele, mit dem man sein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0142_139.tif" n="0139"/>
<p>19<lb/>Hapt und seine Hände salbte, und als ströme ein<lb/>neues Leben in ihn
aus den priesterlichen Gewändern,<lb/>mit welchen man ihn bekleidete, so
richtete sich sein<lb/>Anliz allmälig in die Höhe; und wie im hellen
Jubel-<lb/>rufe tönte sein , le äenm luuuäamus zu dem hohen<lb/>Gewölbe der
Kirche empor, als er zum ersten Male<lb/>ein gesalbter Diener Gottes, im
Vereine seiner Ordens-<lb/>brüder den Herrn wieder preisen durfte im
Gesang.<lb/>Er fühlte sich stark und frei, als wäre cine schwere<lb/>Fessel
von ihm genommen, deren Gewicht ihn die<lb/>Zeit hindurch an den
Erdenschranken festgehalten hatte,<lb/>als sei er sich selber wiedergegeben
und erlöst von<lb/>aller Noth und Pein. Die Gewalt und Kraft
seiner<lb/>Stimme, die in der gezwungenen Ruhe mächtig ge-<lb/>wachsen war,
gab ihm das Vollgefühl der Gesundheit<lb/>zurück. Nicht nur seine Hörer
erschütterte und erfreute<lb/>sein Gesang, er machte ihn selber froh, wie
das Auf-<lb/>jubeln der Lerche, wie der Frühling, wenn er sich<lb/>wieder
über die Erde breitet. Ein Gefühl des Dankes<lb/>gegen seinen Schöpfer, eine
fromme Inbrunst, und<lb/>das Verlangen, den Herrn im Gesang zu feiern
und<lb/>zn loben immerdar, erfüllten seine Seele. Der<lb/>Schöpfer, der ihm
diese Kraft gegeben, diese Freude<lb/>gegönnt hatte, der die Sonne über der
von ihm ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0143_140.tif" n="0140"/>
<p>140<lb/>schaffenen Welt seit Aeonen von Jahren leuchten ließ,<lb/>über Gute
und Böse- auch über seinen Vater oder<lb/>vielleicht schon über dessen Grab
-- und über seine<lb/>Mutter und über ihn und seine Schwestern, der
hatte<lb/>es von Anbeginn voraus bestimmt, daß er in den<lb/>Dienst der
Kirche treten und geheiligt und gereinigt<lb/>werden sollte in der heiligen
Gemeinschaft dieses<lb/>Ordenö; und also gönnte es ihm auch der
Schöpfer,<lb/>daß er in der Töne Fülle schwelgte, daß er in
ihnen<lb/>auszudrücken strebte, wofür das Wort ihm nicht<lb/>Genüge
that.<lb/>In des jungen Mönches Seele war in dieser<lb/>Stunde eine große
Wandelung geschehen, eine Offen-<lb/>barung mächtig geworden. Seine
unbewußte Freude<lb/>am Gesang hatte sich in die Erkenntniß
umgestaltet,<lb/>daß Musik ihm ein Bedürfniß sei, daß er sie liebe<lb/>und
nicht leben könne ohne sie; und es war die ihm<lb/>aufgelegt gewesene
Entbehrung, die ihm dieses kund<lb/>gethan hatte.<lb/>Schon früher war er
auf die musikalischen Werke<lb/>der alten Meister aufmerksam gewesen, deren
die ?<lb/>Bibllothek des Klosters eine reiche Zahl besaß. Jezt<lb/>warf er
sich mit erneutem Eifer auf das Studium<lb/>derselben, und von Seiten seiner
Oberen störte man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0144_141.tif" n="0141"/>
<p>14l<lb/>ihn darin nicht. Man kam ihm jezl, da man sich<lb/>seiner sicher
wußte, vielmehr dabei zu Hilfe; denn der<lb/>bt liebte die Musik. Er legte
also auch Werth<lb/>darauf, in dem jungen reich begabten
Ordensbruder<lb/>einen Musiker heranzubilden, der dem Kloster
einst<lb/>durch seine musikalischen Kenntnisse und Leistungen<lb/>Ehre
machen könne; und schon jetzt fand man es vor-<lb/>theilhaft, in dem jungen
Pater Benedikt einen guten<lb/>und eifrigen Lehrer für die Klosterschüler,
und einen<lb/>Sänger zu besizen, dessen schöne Stimme und
dessen<lb/>Drgelspiel den großen Ceremonien, wie der täglichen<lb/>Andacht,
einen erhöhten Reiz und eine bereits erprobte<lb/>Anziehungskraft verliehen.
Man hielt ihn deöhalb<lb/>hoch und dies Bewußtsein band ihn um so fester
an<lb/>die Ordensgemeinschaft, der er jezt für immer
an-<lb/>gehörte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0145_142.tif" n="0142"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0146_143.tif" n="0143"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0147_144.tif" n="0144"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0148_145.tif" n="0145"/>
<p>nzwischen hatte man in dem Thale mit jedem<lb/>aahre die Zahl seiner Besucher
zunehmen sehen und<lb/>die rüstige Besizerin des Gasthauses war in jener
Zeit<lb/>darauf verfallen, ihrem Hause zwwei Flügel anzubauen,<lb/>um
während der günstigen Jahreszeit Kostgänger bei<lb/>sich aufnehmen, und ein
förmliches Pensionat errichken<lb/>zu können.<lb/>Sie besaß außer dem
hülschen Anwesen, das sie<lb/>von ihrem früh verstorbenen Manne ererbt
hatte, ein<lb/>eigenes nicht unbedeutendes Vermögen, welcheö sie
ihrer<lb/>Zeit in die Ehe mitgebracht hatte; und vorauösichtig,<lb/>wie sie
war, hatte sie bei dem zunehmenden Verkehr in<lb/>ihren Bergen die Tochter
in eine gute Erziehunge-<lb/>anstalt geschickt, damit sie fremde Sprachen
lernen<lb/>F. Lewald, Benedikt. 1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0149_146.tif" n="0146"/>
<p>146<lb/>solle, und ebenso hatte sie dem Sohne, weil er Hang<lb/>gezeigt, sich
dem Studium der Medizin zu widmen,<lb/>die Mittel dazu sehr freigebig
gewährt.<lb/>Er war ein paar Jahr älter als Benedikt, die<lb/>Tochter ein
Jahr jünger als dieser, und sie hatten als<lb/>Kinder, bis Benedikt in das
Kloster genommen worden<lb/>war, gute und herzliche Kameradschaft mit
einander<lb/>gehalten, schon weil die Mütter in der Jugend<lb/>Freundinnen
gewesen waren. Fast um dieselbe Zeit,<lb/>in welcher Benedikt sein Noviziat
beendete, kamen<lb/>auch die Geschwister nach mehrjähriger
Entfernung<lb/>von der Heimath, in das Thal und in das Vater-<lb/>haus
zurück. Sie sollten der Mutter bei der Ein-<lb/>weihung und Eröffnung ihres
neuen Kost- und Logir-<lb/>hauses zur Hand gehen und der Doktor brachte
so-<lb/>gar gleich ein paar vornehme Frauen mit sich in das<lb/>Thal
hinauf.<lb/>Einer seiner Universitäts-Lehrer, der als Dia-<lb/>gnostiker
eineöeuropäischenNufesgenoß, und vonKranken<lb/>aus allen Ländern vielfach
berathen wurde, hatte an-<lb/>gefangen, die Nervenschwachen zur Stärkung in
die<lb/>windstillen Thäler des schweizerischen
Hochgebirges<lb/>hinaufzuschicken. Er kannte das weite
wohlgeschüzte<lb/>Klosterthal, er hatte eine gute Meinung von
seines<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0150_147.tif" n="0147"/>
<p>14?<lb/>jungen Schülers Kenntnissen und Einsicht und da die<lb/>Kranke, um
welche es sich handelte, nicht ohne änzt-<lb/>lichen Beirath in dem Gebirge
bleiben zu können be-<lb/>hauptete, hatte der konsultirte Professor ihr den
Vor-<lb/>schlag gemacht, eben das Klosterthal und das neue<lb/>Pensionshaus
zu ihrem Aufenthalt zu wählen, weil<lb/>sie in demselben zu jeder Stunde der
ärztlichen Pflege<lb/>seines Zöglings theilhaft werden konnte.<lb/>Der junge
Doktor hatte seiner Mutter angezelgt,<lb/>daß sie sich auf den Empfang einer
reichen und sehr<lb/>verwöhnten Dame vorbereiten möge. Er hatte
ge-<lb/>schrieben, daß die Baronin Landeöheimer einen Trag-<lb/>sessel mit
sich führe, hatte angeordnet, daß man vier<lb/>Träger an das Schif hinunter
senden, daß an dem<lb/>Ufer ein paar einspännige Karren zum
Heraufbringen<lb/>des Gepäckes, nebst ein paar Saumthieren für das
Fräu-<lb/>lein und die Kammerjungfer bereit stehen sollten; und<lb/>weil man
in dem Thale derlei vornehme Herrschaften<lb/>bisher noch nicht beherbergt
hatte, war der Wirthin so<lb/>wie ihrer Tchter Angst geworden vor den
Ansprüchen,<lb/>welche die Aükömmlinge erhoben, und die zu
befriedigen<lb/>nicht möglich sein würde.<lb/>Schon vom Nachmittage an
spähten sie an den<lb/>festgesetzten Tage unablässig nach der Seite
hinaus,<lb/>1g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0151_148.tif" n="0148"/>
<p>118<lb/>von welcher die Fremden kommen mußten. Ihre<lb/>Neugier, ihre
Erwartung theilten sich den Nachbarinnen<lb/>mit. Die Eine und die Andere
kam herbei, sich die<lb/>Zimmer anzusehen, in welche man die Kranke
unter-<lb/>bringen wollte. Man sprach von ihrem Alter, von<lb/>ihrem Leiden,
ven ihrer Hinfälligkeit ohne irgend etwas<lb/>Näheres davon zu wissen, bis
sich aus den Vermuthungen<lb/>der Nachbarinnen, aus den -Voraussezungen der
neuen<lb/>Pensionshalterin und ihrer Tochter, endlich in ihnen<lb/>Lllen der
Glaube heranbildete, daß die Baronin Landes-<lb/>heimer eine todtkranke,
hochbetagte Dame sei.<lb/>Wie eine solche die weite Neise auö dem
fernen<lb/>Böhmen habe übestehen können, wie sie, die doch<lb/>gewiß in
einem Palaste zu leben gewohnt sei, es in<lb/>den niederen Zimmern des engen
Hauses aushalten<lb/>werde, davor wurde der Wirthin selber immer
bänger.<lb/>Sie wünschte endlich nur, daß die alte Dame nicht<lb/>ekwa gar
in ihrem Hause sterbe möge, und war noch<lb/>mit der Erwägung all der Noth-
und Nebelstände<lb/>beschäftigt, welche solch ein Unglücksfall in seinem
Ge-<lb/>folge haben würde, als man den Zug auf der west-<lb/>lichen Höhe
erscheinen und raschen Schrittes in das<lb/>Thal hernieder steigen
sah.<lb/>lt und Jung trat vor die Häuser heraus, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0152_149.tif" n="0149"/>
<p>Ks<lb/>19<lb/>Kinder liefen den Fremden neugierig entgagen, denn<lb/>noch
niemal? war eine Dame in das Thal hinauf-<lb/>gekragen wordan, und eine
solche Karavane hatte man<lb/>noch nie zuvor gesehen. Von rechis, von links
schaute<lb/>man nach der Kranken aud, auch die Wirthin snchte<lb/>sie schon
von ferne mit den Augen, und wußte nicht,<lb/>was sie davon zu denken habe,
als sie auf dem Trag-<lb/>sessck eine große, starke Frau entdeckte, die wohl
am<lb/>Ende ihrer vierziger Iahre<lb/>sehr schön aussah und mit<lb/>sein
konnte, aber noch<lb/>Augen nach allen Seiten um<lb/>Aufsehen, dak sie
erregte, ihr<lb/>wetl<lb/>wie<lb/>sie zu belustigen schien.<lb/>den großen
schwarzrn<lb/>sich schaute, weil das<lb/>Das Fräulein, dad elen
so<lb/>schöner war, und nicht wie<lb/>eine Schwester der
Baronin<lb/>heiterem Lachen hier und dort.<lb/>ergnügen zu
machen<lb/>stnitlich, aler nech<lb/>die Tochter, sondern<lb/>aussah, grüüßte
mit<lb/>Sie war, als man<lb/>ror dem Hause anhielt, gleich behende auö dem
Sattel,<lb/>so daß man sah, sie sei ded Reitenö sehr gewehnt.<lb/>Auch die
Baronin kam leicht von ihrem Tragesessel<lb/>auf die Füße, und wenn ihr der
Doktor dalei auch<lb/>seine Hülfe anbot, während die Kammerjungfer
ihr<lb/>mit großer Beflissenheit eln Mäntelchen unn dieSchultern<lb/>ing und
sich ricl mit ihr zu schaffen machte, so über-<lb/>- -. -?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0153_150.tif" n="0150"/>
<p>15<lb/>zengte sich die Wirthin zu ihrer Beruhigung doch so-<lb/>fort davon,
daß es mit dieser Kr:uken so schlimm<lb/>nicht stehen könne, und daß man um
ihren Tod sich<lb/>vorläufig keine Sorge machen dürfe.<lb/>Die Baronin und
das Fräulein waren in der<lb/>allerbesten Laune, Victoire, wie die Mutter
sie immer<lb/>nannte, weil sie zumeist französisch mit einander
sprechen,<lb/>Victoire rief lachend, sie komme sich hier wie
Schillers<lb/>Mädchen aus der Fremde vor. Sie finde es
sehr<lb/>verführerisch, angestaunt zu werden, als steige sie aus<lb/>des
Himmels Höhen nieder, und sie schien es auch<lb/>anit dem Gabenvertheilen
gleich wie das Mädchen<lb/>aus der Fremde halten zu wellen. Denn als
die<lb/>Kinder sich herandrängten, dem ungewohnten Schau-<lb/>spiel
zuzusehen, gab sie ihnen, ohne daß sie »s be-<lb/>gehrken, was ihr eben in
die Hände kam: die Blumen,<lb/>die sie sith während des Weges hatte auf das
Pferd<lb/>hinaufreichen lassen, das Zuckerwetk aus ihrer Tasche<lb/>und auch
Geld, ald sie mit dem Zuckerwerk am<lb/>Ende war.<lb/>Derlei ungeforderte
Freigelizkeit war man hier<lb/>zn Lande nicht gewohnt, und die unverhofften
Spenden<lb/>machten dehalb ihre Empfänger schnell begehrlicher.<lb/>Wer aud
der Ferne deö befremdlichen Vorganges ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0154_151.tif" n="0151"/>
<p>?-.-<lb/>1<lb/>wahr wurde, eilte so rasch er konnte, herbei, um Theil<lb/>zu
haben an der allgemeinen Ernte. Der Zudrang<lb/>wurde immer größer, die
sämmtlichen Kinder waren<lb/>bald beisammen, es streckten allmälig auch die
größeren<lb/>Burschen und die erwachsenen Mädchen ihre Hände<lb/>fordernd
aus, und Viktorine hatke ihren Spaß daran.<lb/>Sie warf, daa die junge
Schaar bald ungestüm zu<lb/>werden anfing, und der Inhalt ihrer Börse
endlich<lb/>auch erschöpft war, dem Einen lachend das kleine,<lb/>seidene
Tuch zu, welches sie um den Hals getragen<lb/>hatte, der Anderen die langen
Handschuhe, die ihre<lb/>schönen Hände bedeckten.<lb/>Die Witihin hatte
Noth, es zu verhindern, daß<lb/>sie nicht in ihrer übermüthigen Fröhlichkeit
den Auf-<lb/>lauf immer größer machte; und der verständigen Frau<lb/>gefiel
der ganze Vorgang überhaupt nicht, weil sie<lb/>es voraus sah, welch
unangenehme Belästigung den<lb/>Fremden fortan durch des Fräuleins
ungehörigen Ein-<lb/>fall zugezogen werden würde. Sie mußte endlich,
als<lb/>der Doktor mit der Baronin in das Haus hinein-<lb/>gegangen war, den
Knecht zu Hülfe nehmen, um die<lb/>in ihrem Jubel laut tobende Kinderschaar
nur aus<lb/>dem Bereich des Hauses zu entfernen. Hätte sie es<lb/>in ihrer
Hand gehabt, sie hätte in dem Augenllicke<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0155_152.tif" n="0152"/>
<p>l<lb/>am liebsten auch die Baronin und daä Fräulein fort-<lb/>geschickt, denn
die Nhörichte Großmuth der beiden<lb/>Fremden und daä Gebahren derselben
waren ihr nicht<lb/>recht geheuer. Si: mißtraute ihnen und sie
gefielen<lb/>ihr keinesweges.<lb/>Der Doktor ließ sich kaum die Zeit, die
Seinen<lb/>zu begrüßen. Er führte die Baronin in die ihr be-<lb/>stimmten
Zimmer, er ließ ihr daö Sopha in die offene<lb/>Gallerie hinauörücken, und
sie streckte sich auf dem-<lb/>selben aus, als wäre der Vorrath ihrer Kräfte
ganz<lb/>und gar erschöpft. Indeß das währte gar nicht lange.<lb/>- as
Niechfläschchen hatte seine W.rkung ofenbar ge-<lb/>ihan, und mit dem
goldenen Augenglas vor dem Ge-<lb/>sicht, fing sie an die Berge und dad
Kloster, und das<lb/>Zimmer, und die Wirthin und der Wirthin
Tochter,<lb/>mit wohlgefälligem Lächeln zu betrachten, und mit
ge-<lb/>flissentlicher Herallassung diesed Alles sehr charmant,<lb/>die
Berge wie die T..rthin und deren dienstbeflissene<lb/>Tochter aber wirklich
ganz charmant und über all ihr<lb/>Erwarten angenehm zu
nennen.<lb/>Biktorine fand Alleö geradezu entzückend, Alles<lb/>ganz
bezaubernd! Die brave Wirthin stand und staunte<lb/>über ihre grrßen Worte.
Sie fragte sich vergebens,<lb/>was ihre Gäste nur bewegen möge, sich mit dem
Aus-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0156_153.tif" n="0153"/>
<p>158<lb/>druck ihrer Zufriedenheit so anzustrengen, und da<lb/>Gehörige so
über die Gebühr zu loben. Recht richtig<lb/>kamen sie ihr nun einmnal nicht
vor; denn obschon<lb/>sie Deutsche und in der Hauptstadt Böhmenö
angesessen<lb/>naren, sprachen sie untereinander bald französisch
und<lb/>bald englisch, und während sie in der Wohnung Alles<lb/>bewunderten
und priesen, war ihnen, als sie sich dann<lb/>endlich gegen den Abend hin in
ihren Stuben nieder-<lb/>lassen wollten, doch wieder gar Nichtö gnt genug
und<lb/>gar Nichts recht.<lb/>Die Wirthin hatte mit gutem Willen ihr
Mög-<lb/>lichstes gethan, aber sie mußte e? schließlich alö ein<lb/>wahreö
Glück betrachten, daß die Baronin ihre Betten,<lb/>ihre Wachskerzen, ihre
silbernen Theegeräthschaften und<lb/>ihren Thee stets bei sich führte, so
daß sie doch, wie<lb/>sie es nun plözlich nannte, in dieser
weltabgeschiedenen<lb/>Einsarnkeit und Dede auf die Befriedigung der
aller-<lb/>unerläßlichsten Ansprüche nicht zu verzichten, und
ihren<lb/>wenigen kleinen häuölichen Gewohnheiten und Be-<lb/>auemlichkeiten
nicht völlig zu entsagen brauchte.<lb/>Sie muußte indessen sonderbare
Vorstellungen von<lb/>Viel und Wenig, und eine große Menge
unerläßlicher<lb/>Nothwendigkeiten und kleiner häuslicher
Gewohnheiten<lb/>besizen; denn des Forderns, des Fragens und Be-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0157_154.tif" n="0154"/>
<p>15s<lb/>gehrens ward stundenlang kein Ende. Die Wirthin<lb/>und die schöne
Katharine saßen am Abende endlich<lb/>müde und matt vor ihres Hauses Thüre,
um noch<lb/>einen letzten ruhigen Athemzug zu thun, ehe sie ihr<lb/>Lager
suchten, als der Doktor rasch und munter von<lb/>den Fremden zu den Seinen
kam.<lb/>Er warf sich lachend und die Glieder dehnend<lb/>neben ihnen
nieder, als könne auch er vor Müdigkeit<lb/>nicht weiter. ,Wenn das so
fortgeht,? scherzte er, ,so<lb/>wird die Baronin unsere Kräfte
herunterbringen,<lb/>während sie die ihren stärkt, und wir werden,
wenn<lb/>sie fortgeht, selber eine Kur vonnöthen haben. -<lb/>Das war heute
keine Kleinigkeit! Reden und reden<lb/>und immer wieder reden, und immer
wieder dasselbe<lb/>in neuen Formen reden, von Morgens acht Uhr bis<lb/>zum
späten Abend! Dagegen ist der Dienst in einem<lb/>Hospitale eine wahrhafte
Erholung. Aber schön sind<lb/>sie alle Beide, und Geld haben sie, mehr als
zu viel!<lb/>,Was hast Du denn bei der Baronin noch so<lb/>späät gethan?
fragte die Wirthin, welcher des Sohnes<lb/>Munterkeit sofort den Muth
belebte.<lb/>,Ich habe mit ihr einen Thee getrunken, der
einem<lb/>Steinmezen oder Mäher den Schlaf benehmen könnte,<lb/>und der ihre
Schlaflosigkeiten sehr erklärlich macht.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0158_155.tif" n="0155"/>
<p>15<lb/>Dann hat sie sich zurückgezogen, um, wie sie es ge-<lb/>wohnt zu sein
behauptet, ihre Seele vor der Nacht<lb/>noch im Gebet zu sammeln; und ich
habe mit Fräu-<lb/>lein Viktorine auf der Gallerie gesessen, die ihr
Auge<lb/>an der ßracht des glorreichen Sternenhimmels und<lb/>an dem
zauberbaften Lichte erquicken wollte, welches<lb/>die Mondeöstrahlen über
die Schneegebirge so ver-<lb/>schwenderisch ergießen.'?<lb/>Er hatie die
Worte in dem Tone und in der<lb/>Weise der Baronin und des Fräuleins
wiederholt,<lb/>seine Schwester und seine Mutier mußten lachen.
Der<lb/>Doktor nahm eine ernsthafte Miene an.<lb/>Er war noch jung, aber er
war, wie alle Schweizer,<lb/>klug, und hatte von der tüchtigen und
umsichtigen<lb/>Mutter das richkige Berechnen frühzeitig gelernt.
Sein<lb/>Fleiß hatte ihn die Beachtung seiner Lehrer eingetragen,<lb/>er war
unter ihrer Leitung ein guter Beobachter ge-<lb/>worden und der berühmte
Arzt, der ihm diese beiden<lb/>Damen als erste Gäste in die neubegründete
Kuranstalt<lb/>seiner Muiter mit hinauf gegeben, hatte ihn in
freund-<lb/>lich kollegialischer Vertraulichkeit über die
Lebens-<lb/>verhältnisse derselben so weit als nöthig
unterrichtet,<lb/>während er ihm gleichzeitig den Nath gegeben
hatte,<lb/>sich die Gunst der Baronin zu erwerben, deren Ein-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0159_156.tif" n="0156"/>
<p>1e<lb/>flß ihm, dem angehenden Prakliker, ebenso wie dem<lb/>Pensienate
seiner Mutter, von wesenilichem Nutzen<lb/>sein könne.<lb/>Katharine zuigte
sich von der Schönheit der beiden<lb/>FFrauen ebenso wie der Doktor
eingenommen. Die<lb/>Mutter meinte, schön wären sie freilich, und
stolz<lb/>schienen sie ihr nicht zu sein, aber ihre Freundlichkeit<lb/>fei
so unruhig und geflissentlich. Sie hätte sich vor-<lb/>nehme Frauen doch
weit vornehmer gedacht, und wie<lb/>Deutsche sähen sie nun einmal gar nicht
aus.<lb/>,,Nicht wie Deutsche? wiederholte der Sohn.<lb/>, Nun, rechte
Deutsche kann man sie auch nicht nennen,<lb/>da sie Juden sind; und vornehm?
scherzte er, dessen<lb/>sarkastische Laune leicht anzuregen wan, zvornehm
sind<lb/>sie ja aus Lribeskräften! Aber in ein paar Jahren<lb/>werden sie's
wohl besser noch verstehen! E will doch<lb/>.ulle? erst gelernt sein! Und
ihr Adel ist nrch jünger<lb/>als ihr Christenthum. Nur ihr Neichthum hat
schon<lb/>Ahnen, und sie hätten auf das Christenthum vielleicht<lb/>von
Harzen gern verzichtet, wäre nur der Adel für<lb/>sie ohne dadselbe zu
erlangen gewesen. Troz alledem<lb/>ist aber der neue Baren ein großer Mann.
Die<lb/>Baronin hat mir heut von ihren vornehmen Bekannt-<lb/>schafien, von
den Grafen und Fürsten, die ihres Hauses<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0160_157.tif" n="0157"/>
<p>k<lb/>u?<lb/>Gäste sind, von dem Bischof, dem sie eine völlige<lb/>Wandlung
ihres Glaulens und Erkennens danke, schon<lb/>nnterweges ohne Aufhören
erzählt. Sie bringt so-<lb/>gar das Empfehlungöschreiben eines Bischofs an
den<lb/>Herrn Abt mit, das sie ihm selber übergeben will.<lb/>Die Wirthin
schüttelte den Kopf. Ihr Unter-<lb/>nehmen, solche Gäste in ihrem Hause zu
beherbergen,<lb/>erschien ihr mehr und mehr vermessen. Sie versank<lb/>in
Berechnungen und Neberlegnngen aller Art, der<lb/>Doktor und die Schwester
plauderten lustig mit ein-<lb/>ander fort.<lb/>Mit einem Male erhellte sich
das große Zimmer<lb/>hinter der Glaögallerie, man hörte auf dem
Klaviere<lb/>einzelne Accorde anschlagen, und von einer
herrlichon<lb/>Altstimme gesungen, tönte Schuberts Ae Muriu, tönten<lb/>die
Worte:<lb/>O Sanetiesimu, o piissima, äuleis irgo Karia!<lb/>durch dis
Stille der Nacht.<lb/>Die Wirthin und ihre Tochter hatten die
Hände<lb/>gefaltet, auch der Doktor horchte hoch auf. Es lag<lb/>etwas
Neberwältigendes in dieser Stimme, Etwas, das<lb/>bis in des Herzens Tiefen
drang. Keiner von den<lb/>Dreien hatte jemals einen ähnlichen Gesang
gehört,<lb/>einen solchen Eindruck empfangen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0161_158.tif" n="0158"/>
<p>15<lb/>, Es ist, als wäre man in der Kirche!'' sagte<lb/>Katharina ganz
gerührt, als das Lied zu Ende war.<lb/>,Sa man könnte schwören, sie wäre mit
dem<lb/>Ae Klariu groß geworden von Kindesbeinen an!'<lb/>meinte der Doktor;
und sie warteten noch eine Weile,<lb/>ob Viktorine nicht noch einmal singen
würde. Aber<lb/>der Gesang verstummte und das Licht
erlosch.<lb/>eag<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0162_159.tif" n="0159"/>
<p>olktes Cnpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0163_160.tif" n="0160"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0164_161.tif" n="0161"/>
<p>11<lb/>Unruhig war es jetzt in dem Hause von früh bis<lb/>spät; so schlimm
jedoch als die Wirthin es sich vor-<lb/>gestellt hatte, war es nicht, und
die jungen Leute<lb/>hatten ihr Vergnügen an dem ungewohnten Leben<lb/>und
Treiben um sie her.<lb/>Die Baronin hatte an dem Morgen kaum
ihre<lb/>Morgenkleidung angelegt, und ihr Frühstück ein-<lb/>genommen, als
sie und ihre Tochter daran gingen,<lb/>die Zimmer, wie sie es nannten,
wohnbar zu machen<lb/>und sie für Viktorinens Beschäftigungen
herzurichten.<lb/>Der Diener mußte die Malgeräthschaften auspacken,<lb/>eine
Staffelei und eine kleine Cumers obsours auf-<lb/>stellen. Viktorine brachte
ihr Teleskop in Ordnung;<lb/>die Kammerjungfer trug farbige Wollen für die
Hand-<lb/>arbeit ihrer Herrin, Päcke von Papier zum Pflanzen-<lb/>trocknen
und eine ganze Menge von Büchern hin und<lb/>her. Polsterkissen,
Fußbänkchen, Reisedecken, Riech-<lb/>flaschen, Toiletten- und
Schreibtischgeräthschaften wurden<lb/>ausgebreitet, wurden versuchsweise
bald in dieser, bald in<lb/>jener Ecke aufgestellt. Stundenlang blieb
dieDienerschaft<lb/>in beständiger Bewegung. Die Baronin lag in
ihrem<lb/>Sessel und gab Anweisungen und Befehle, Viktorine<lb/>SF??Fx
?-=-«=-=== »=--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0165_162.tif" n="0162"/>
<p>1H<lb/>sonderes Arbeitspläzchen, ein kleines einsames ,.hron<lb/>retiro'?
zurecht und die Baronin lehnte endlich in völliger<lb/>Ermattung den Kopf in
ihre Kissen und klagte darüber,<lb/>wie ihre Kräfte ganz erschöpft, wie ihre
Nerven doch<lb/>den Anstrengungen einer solchen Reise in keiner
Art<lb/>gewachsen seien.<lb/>Sie mußte aber doch noch ein gewisses
Maß<lb/>von Kräften in Vorrath haben, denn sie richtete sich<lb/>bald wieder
auf, um dem hochwürdigen Herren Abte<lb/>selbst zu schreiben, ihm den
Empfehlungsbrief Seiner<lb/>Hochwürden des Herrn Bischof zu übersenden,
und<lb/>es Seiner Hochwürden auszudrücken, wie glücklich sie<lb/>sich fühlen
würde, wenn er sie der Ehre seiner Be-<lb/>kanntschaft würdigen wolle, wie
aufrichtig sie es ihn:<lb/>zu danken haben würde, wenn er ihr hier, wo sie
ihres<lb/>gewohnten verehrten Seelsorgers Berathungen ent-<lb/>behren müsse,
einen Geistlichen zuweisen wolle, an dessen<lb/>Zuspruch und Belehrung sie
sich halten und erheben<lb/>könnte.<lb/>Der Diener, der bisher auf der Reise
so zu sagen<lb/>in einer Interims-Kleidung aufgetreten war, mußte<lb/>die
Gala-Livree anlegen, um sich als Botschafter<lb/>seiner Herrin zu dem Abte
in das Kloster zu begeben,<lb/>und die Baronin legte in der Eile noch für
alle Fälle<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0166_163.tif" n="0163"/>
<p>163<lb/>ihr prachtvoll gebundenes Meßbuch und den Phomus<lb/>s Kenpis auf den
Tisch vor ihrem Ruhebett zur<lb/>Schau, neben den Romanen von Dctave
Feuillet, mit<lb/>welchen sie sich während ihrer Reise unterhalten
hatte.<lb/>Viktorine hatte unterdessen anderweit zu thun.<lb/>Sie war in
Verhandlungen mit einem Führer be-<lb/>grifen, den sie für die ganze Dauer
ihres Aufent-<lb/>haltes in Dienst zu nehmen und dessen Maulthier
sie<lb/>ebenfalls für sich ausschließlich zu behalten wünschte.<lb/>Sie
wollte es herausbringen, ob das Thier es wohl<lb/>gewohnt sei, Schellen in
der Kopfaufzäumung ruhig<lb/>zu ertragen, denn Viktorine brachte nicht nur
ihren<lb/>englischen Satiel, sondern auch das Saumzeug für<lb/>ein Maulthier
mit, und wie sie an lebhaften Farben<lb/>und glänzendem Schmucke für sich
selber Freude hatte,<lb/>so hatte sie für das Kopfzeug ihres Maulthieres
auch<lb/>drei rothe Federbüsche und ein hellklingendes Schellen-<lb/>geläute
in das Gebirge mit hinaufgenommen.<lb/>Den Doktor überraschten die
Ausführlichkeit und<lb/>die Wichtigkeit, mit welcher sie sich und die kleine
An-<lb/>gelegenheit behandelte. Das Gemisch von angeborner<lb/>Kargheit und
scheinenwollender Freigebigkeit, die dabei<lb/>abwechselnd zum Vorschein
kamen, dünkten ihn sonder-<lb/>bar. Er konnte es auch nicht recht verstehen,
warun<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0167_164.tif" n="0164"/>
<p>164<lb/>fie die Naturschönheit, nach deren schweigender Er-<lb/>habenheit und
lautloser Stille sie sich zu sehnen be-<lb/>hauptete, durchaus mit
Schellengeläut genießen wollte;<lb/>aber schön war Viktorine, so schön, daß
ihm darüber<lb/>alles Nachdenken verging, und ihre Stimme hatte<lb/>auch im
Sprechen den herzbestrickenden Zauber wie<lb/>bei dem Gesang.<lb/>Da der
Himmel hell und die Luft sehr frisch<lb/>war, wünschte sie gleich an diesem
Morgen einen<lb/>Gang auf die nächste Höhe zu machen, um sich
einen<lb/>vorläufigen Neberblick über das Thal zu verschaffen<lb/>und
auszufinden, von welchem Punkte sich eine hübsche<lb/>Ansicht ihres Hauses
aufnehmen ließe. Sie sezte es<lb/>dabei als selbstverständlich voraus, daß
der Doktor sie<lb/>begleiten werde, obschon sie es ausdrücklich
hervorhob,<lb/>daß sie Nichts weniger alö furchtsam sei, und daß
sie<lb/>eigentlich nichts Besseres kenne, als auf gut Glück und<lb/>ganz
allein in freier Natur umherzuschweifen, sich wie<lb/>ein Vogel
niederzulassen an der Stelle, die ihr lockend<lb/>winke, und davon und
weiter fortzuziehen, wenn des<lb/>Verweilens Lust gebüßt sei.<lb/>Den Doktor
war wunderlich dabei zu Muthe.<lb/>Daß die Baronin über ihn verfügte, das
fand er in<lb/>der Ordnuung, selbst da, wo es ihm unnöthig
erschien.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0168_165.tif" n="0165"/>
<p>z<lb/>16k<lb/>Sie war seine Kranke und es diente seinen Zwecken,<lb/>wenn er
sich ihr gefügig zeigte. Daß die Tochter aber<lb/>in gleicher Weise auf ihn
zu zählen und über ihn zu<lb/>bestimmen geneigt war, das verdroß ihn; und
halb<lb/>absichtlich, halb aus Ungeschick erklärte er ihr unum-<lb/>wunden,
daß er nicht mit ihr gehen könne, denn er<lb/>habe dazu nicht die
Zeit.<lb/>,Sie kömnen des rechten Weges auch gar nicht<lb/>fehlen, sagte er,
zwenn Sie immer am Bache entlang<lb/>den Pfade folgen, welcher allmälig
aufsteigt bis zu<lb/>dem großen Hause oben auf der Matie. Da oben<lb/>an der
Jakobäa Anschafft Haus hat man einen weiten<lb/>Blick, und die Kirche und
das Kloster nehmen sich<lb/>von dort am besten aus.!<lb/>Viktorine blieb
stehen und sah ihn ruhig an.<lb/>Der warme einschmeichelnde Blick fuhr ihm
durch alle<lb/>Glieder. Er konnte diesem Blicke gar nicht wider-<lb/>stehen.
,Ech!r sagte sie,,wenn Sie jezt nicht mit<lb/>mir gehen können, will ich
gern warten. Es war<lb/>mir nicht um mich zu thun mit meinem
Vorschlag.<lb/>Ich gönnte es Ihnen, mir die Schönheit hier zu<lb/>zeigen,
denn es giebt ja Nichts, was mehr erfreute,<lb/>als von einem Andern
bewundert zu sehen, was man<lb/>besizt und liebt!'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0169_166.tif" n="0166"/>
<p>166<lb/>,Freilich! freilich!r rief der Doktor und nach der<lb/>Ühr sehend,
während das Blut ihm die Stirn röthete,<lb/>meinte er. ,er könne sein
Geschäft auch noch ver-<lb/>schieben, er werde sie begleiten, wenn sie es
verlange.<lb/>,,Verlangen?' wiederholte Viktorine und der be-<lb/>strickende
Zauber ihres Blickes berührte ihn noch ein-<lb/>mal,,es zu verlangen habe
ich kein Recht!<lb/>,,Wenn Sie es mir erlauben!' stieß der Doktor<lb/>rasch
hervor; aber es war ein Etwas in ihm, das sich<lb/>gegen seine Fügsamkeit
empörte, und er wäire gern<lb/>zurückgeblieben-- hätte er es nur
vermocht.<lb/>,Sehen Sie,' rief sie, ,so laß ich mir's gefallen.<lb/>So kann
ich Ihr Anerbieten annehmen, ohne mir<lb/>tyrannisch vorzukommen. !-- Damit
ging sie in das<lb/>Haus, sich ihren Hut zu holen.<lb/>Er stand und sah ihr
nach. Sie mußte das<lb/>vermuthet haben, denn sie wendete sich zu ihm
zurück<lb/>und ihm freundlich zunickend, sprach sie:,Warten<lb/>Sie nuur,
wir werden noch gute Freunde werden. Ich<lb/>bin nicht anspruchsvoll und ein
guter Kamerad, wenn<lb/>schon ich meine eignen Wege und meinen
Willen<lb/>haben muß.?<lb/>In dem Augenblicke kam Katharine aus
der<lb/>Wirthsstube heraus. Sie sah, daß der Doktor drei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0170_167.tif" n="0167"/>
<p>-<lb/>16?<lb/>Kreuze in die Luft schlug. Weil das nicht seino Art<lb/>war,
fragte sie, was das bedeute?<lb/>, Reine Vorsicht!' entgegnete der Doktor.
,Ich<lb/>glaube wahrhaftig, mit dem Frauenzimmer ist es nicht<lb/>zanz
geheuer, indessen wenn ich jezt auch mit ihr<lb/>gehe, statt meine Sachen
hier zu ordnen, wie es sich<lb/>gehörte, verhepen und bezaubern will ich
mich nicht<lb/>lassen. Heut soll sie, wie sie es verlangt, ihren<lb/>Willen
haben und ihre Wege gehen; morgen gehe ich<lb/>die meinen.!<lb/>Es war aber
in der That, als hätte Viktorine<lb/>seine Gedanken errathen, denn als sie
wiederkehrte,<lb/>den großen runden Strohhut auf dem Kopfe,
das<lb/>Skizzenbuch in der Hand, schien ein ganz anderer<lb/>Geist üler fie
gekommen zu sein. Ohne alle Phrase<lb/>sagte sie ihm, sie sei bereit, und
sie schien es wahr<lb/>machen zu wollen, daß sie ein guter Kamerad
sei.<lb/>Sie war ernst und ruhig, ihr Schritt schnell wie der<lb/>eines
Jünglings, ihr Gang fest und sicher, selbst wo<lb/>es galt, über
Unebenheiten und auf engen, steilen<lb/>Wegen fortzukommen; und auch die Art
ihrer Unter-<lb/>haltung war freimüthig und klng.<lb/>Sie hatte eine Weise,
ihre Fragen zu stellen,<lb/>welche bestimmtes Antworten leicht und
nothwendig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0171_168.tif" n="0168"/>
<p>168<lb/>machte. Sie erkundigte sich um die Lebenöbedingungen<lb/>der
Thalbewohner, daß man sah, eö sei nicht das erste<lb/>Mal, daß sie sich um
dergleichen bekümmere. Sie<lb/>sprach nit einfacher Klarheit über die
Einrichtungen,<lb/>welche man in der von ihrem Vater in dem
böhmischen<lb/>Gebirge erkauften Herrschaft gemacht habe, erzählte
da-<lb/>zwischen von ihren Reisen und ihrem Aufenthalte in<lb/>London, in
Paris, in Rom; und als man oben vor<lb/>Jakobäa's Hause angelangt war,
fühlte sich der Doktor<lb/>neben ihr so frei und behaglich, daß er sich
einen<lb/>Thoren schalt wegen des Mißtrauens, welches er noch<lb/>eben gegen
sie empfunden hatte.<lb/>Was konnte sie denn auch im Schilde
führen,<lb/>oder von ihm wollen? Und war es ihre Schuld, daß<lb/>ihre Augen
und ihre Stimme wie Sonnenstrahlen<lb/>wärmten und erquickten? Man hatte ja
im Grunde<lb/>für eine solche Schönheit dem Himmel zu danken wie<lb/>für
alles Andere, was unter seinem Lichte herrlich er-<lb/>blühte und gedieh. Er
war ein Thor gewesen! Das<lb/>war Mlles! Seine Schul- und Kathederweisheit
hatte<lb/>ihm keinen Maßstab an die Hand gegeben für ein<lb/>Wesen, das
unter den glücklichsten Bedingungen sich<lb/>in einer dem Doktor noch ganz
fremden Atmosphäre,<lb/>in der vornehmen großen Gesellschaft gebildet
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0172_169.tif" n="0169"/>
<p>189<lb/>entfaltet hatte; und doch hatte gerade er als Arzt sich<lb/>auch für
diese Gesellschaft zu erziehen. Es gal von<lb/>den beiden Frauen Mancherlei
für ihn zu lernen; der<lb/>Professor hatte ihmu das selber angedeutet, als
er sie<lb/>seiner Obhut anvertraute, und er dachte es sich zu<lb/>Nutze zu
machen, so sehr er immer konnte.<lb/>Viktorine ward, je höher sie
hinaufgestiegen,<lb/>immer fröhlicher und freier. Sie fand die
Aussicht<lb/>vor dem Hause, so wie sie dieselbe wünschte. Sie<lb/>ging
hierher und dorthin, versuchte den und jenen<lb/>Punkt, bis sie sich für den
Plaz unter den Nuß-<lb/>bäumen entschied, und sich denn auch rasch an
ihre<lb/>Arbeit machte. Der Doktor stieg die Treppe hinauf,<lb/>um bei
Jakohäa vorzusprechen, sie kam ihm an der<lb/>Schwelle schon
entgegen.<lb/>,Also hat Dich's doch nach Haus gezogen,! sagte<lb/>sie, als
sie seiner ansichtig wwurde, ohne ein Wort des<lb/>freundlichen Willkommens
hinzuzufügen. Der Doktor<lb/>mußte indeß diese Weise an ihr gewohnt sein,
denn<lb/>sie befremdete ihn nicht.<lb/>,Dachtet Ihr,'? entgegnete er, ,ich
würde nicht<lb/>wiederkehren?<lb/>,Ich dachte an Dich gar nicht,' versezte
sie, ,nur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0173_170.tif" n="0170"/>
<p>1<lb/>Benedikt kam jedesmal auf Dich zu sprechen, wenn<lb/>er bei mir
war.?<lb/>,Ich habe es nie anders vorgehabt, als heim-<lb/>zukehren,' gab
der Doktor ihr zur Antwort. ,Ich<lb/>bin gleich mit der Absicht
fortgegangen, mich hier in<lb/>unsern Bergen festzusetzen, wenn ich meine
Studien<lb/>beendet haben würde.<lb/>,Man nimmt sich Manches vor und führt's
nicht<lb/>durch. Wer kennt sich denn im Voraus? sagte sie.<lb/>,Aber dem
Benedikt wird's recht sein, daß Du heim-<lb/>gekommen bist, und Deiner
Mutter auch; obgleich es<lb/>besser wäre, sie hätte mit dem Pensionsbause
Nichts<lb/>angefangen. Es ist jezt ohnehin in den Menschen<lb/>schon Unruhe
genug, und was sollen uns die Fremden<lb/>hier? Was wollen sie bei
uns?<lb/>Bei der Stille, welche auf der Höhe herrschte,<lb/>war Viktorinen
kein Wort der Sprechenden entgangen.<lb/>Sie sah sich endlich nach ihnen um,
und den schönen<lb/>Kopf zu Jakobäa emporgerichtet, sagte sie: ,Was
wir<lb/>hier wollen? Luft schöpfen! weiter Nichts!-- Mich<lb/>dünkt, das
könnten Sie uns gönnen!'<lb/>, Luft, denk' ich, giebt es aller Wegen,''
warf<lb/>Jakobäa ein, , und unser Herrgott hat wohl Jeden in<lb/>die Luft
gesezt, die er gebraucht.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0174_171.tif" n="0171"/>
<p>u?<lb/>,,So trösten Sie sich über unsere Anwesenheit<lb/>und über mein
Verweilen hier an dieser Stelle mit<lb/>dem Glauben und der Neberzeugung,
daß ich ohne<lb/>Ihres Herrgotts ausdrückliche Fügung nicht hier
vor<lb/>Ihrer Thür sizen würde. Aber -- gastfrei und höf-<lb/>lich sind Sie
nicht!'<lb/>Der Doktor wollte begütigen: , Frau Jakobäa<lb/>meint es nicht
so böse,! sagte er, zund das Fräulein<lb/>auch nicht.<lb/>,Nicht doch!' fiel
ihm Viktorine in die Rede,<lb/>,ich weiß sehr wohl, was ich gesprochen habe,
und die<lb/>Frau sieht auch aus, als sagte sie Nichts, was sie<lb/>nicht
meint; und das ist gut. Man weiß dann doch,<lb/>woran man mit einander ist.
Wiederkommen werde<lb/>sch ihr nicht, aber meine Zeichnung werde ich
be-<lb/>enden, wie ich eben kann, da ich doch einmal hier bin<lb/>und sie
angefangen habe.?<lb/>Jakobäa mochte die Entgegnung nicht
erwartet<lb/>haben, der Fremden Weise machte sie indessen stuzig<lb/>und
gefiel ihr wider ihren Willen. Das war Fleisch<lb/>von ihrem
Fleische.<lb/>Sie ging die paar Stufen die Treppe hinab,<lb/>sah der
Zeichnenden über die Schulter und fragte<lb/>nach einer Weile, wo sie her
sei.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0175_172.tif" n="0172"/>
<p><lb/>uA<lb/>Oiktorine gab ihr kurz Bescheid.- , Ist der<lb/>Mann mit Ihnen?
fragte Jakobäa.<lb/>Viktorine sagte, sie habe noch keinen Mann. -<lb/>,,Wie
ein Mädchen sehen Sie nicht aus!? bemerkte<lb/>darauf Jene.<lb/>,Ich bin
auch kein junges Mädchen mehr, sondern<lb/>eine alte Jungfer! Mit meinen
zwanziger Jahren ist<lb/>es bald am Ende.<lb/>, llnglaublich!' rief der
Doktor, der dem ganzen<lb/>Vorgang mit Erstaunen und mit immer
wachsender<lb/>. Theilnahme an Viktorinen folgte.<lb/>,Glauben Sie es
immer!'- sagte sie.,Meine<lb/>Mutter hat nur sechszehn Jahre mehr als ich.
Sie<lb/>war fast noch ein Kind, alö ich zur Welt kam.?<lb/>Sie hatte sich
dabei erhoben und verglich prüfen-<lb/>den Auges ihre Arbeit mit der Natur.
Jakobäa trat<lb/>während dessen nahe an sie heran und betrachtete
sie<lb/>mit dreistem Bllck Mit einemmale sagte sie: , Warum<lb/>haben Sie
sich keinen Mann genommen?<lb/>,Weil ich keinen fand, mit dem es mir
der<lb/>Mühe lohnte. Ich bin gern mein eigner Herr!r<lb/>, Bleiben Sie
dabei!'? sagte Jakobäa mit einem<lb/>Nachdruck, daß Viktorine sich voll
Erstaunen nach ihr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0176_173.tif" n="0173"/>
<p>u<lb/>umsah. Aber Jakobäa hatte sich bereits von ihr ge-<lb/>wwendet, und war
in das Haus gegangen, aus dem sie<lb/>nach einer kleinen Weile
wiederkehrte.<lb/>Sie brachte ein paar Gläser Milch herbei, die sie<lb/>den
Beiden anbot. Der Fremden Freimuth hatte ihr<lb/>Vertranen gewonnen, sie
blieb an ihrer Seite, und<lb/>schien sich zu freuen, als diese auch nach
Brod ver-<lb/>langte.<lb/>Der Doktor erkundigte sich nach Benedikt.
,Er<lb/>hat die Weihen empfangen,' antwortete die Mutter.<lb/>,Sie halten
Alle viel auf ihn. Sie sagen, er ist ge-<lb/>lehrt für seine Jahre und
Gottlob, er ist gesund.<lb/>Groß wie Du, wohl größer noch!'<lb/>Viktorine
wollte wissen, von wem die Rede sei.<lb/>,,Von meinem Sohne!'- sagte die
Mutter mit einer<lb/>stolzen Freude.<lb/>Ein Wort gab nun das andere.
Viktorine er-<lb/>fuhr, daß auch Jakobäa's Töchter Klosterfrauen<lb/>wären.
Sie fragte, ob sie denn keines ihrer Kinder<lb/>bei sich habe?<lb/>,Keines!r
sprach ihr die Mutter nach, ,aber sie<lb/>find glücklich in ihrem Herrn, und
ich sehe Benediktus -<lb/>oft!? -- Damit wollte sie sich entfernen. Als
sie<lb/>schon wieder auf der Gallerie war, blieb sie stehen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0177_174.tif" n="0174"/>
<p>1?e<lb/>,,Wenn Sie wiederkommen wollen, so thun Sie<lb/>es!' sagte sie zu
Viktorine.<lb/>,,Vielen Dank! Ich habe nur noch wenige<lb/>Minuten nöthig,
und dann belästige ich Euch nicht<lb/>mehr! Aber vielen Dank! und lebt
wohl!'<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0178_175.tif" n="0175"/>
<p>Swölltes Tnpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0179_176.tif" n="0176"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0180_177.tif" n="0177"/>
<p>Peezorine war mit diesem ersten Morgen in den<lb/>Bergen wohl zufrieden. Die
Schönheit des Thales<lb/>hatie ihre Erwartungen übertroffen, die
Begegnung<lb/>mit Jakobäa war ein Abenteuer gewesen, wie sie es<lb/>liebte,
und obgleich der junge Doktor ihr sehr gleich-<lb/>gültig war, erheiterte es
sie, daß sie so rasch die Herr-<lb/>schaft über ihn gewonnen hatte.<lb/>Es
war damit doch Etwas gethan, Etwas durch-<lb/>gesetzt; und als rechte
Tochter ihres Stammes und<lb/>ihres Vaters wurde sie ihrer selbst nur froh,
wenn<lb/>sie ihre Kraft, gleichviel an wem und auf welche<lb/>Weise, immer
neu erproben konnte. Der Vater hatte<lb/>es oft genng beklagt, daß ihm kein
Sohn und Erbe<lb/>geboren worden war, der begabt wie sie, die Firma<lb/>F.
Lewald, Benedikt. L.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0181_178.tif" n="0178"/>
<p>7K<lb/>fortzuführen vermochte, die er zu so großer
Bedeutung<lb/>emporgearbeitet hatte.<lb/>Die Landesheimers waren in der
Hauptstadt ihrer<lb/>Heimath schon im Anfang des Jahrhunderts
Geld-<lb/>Wechöler gewesen, hatten dann später die Geschäfte des<lb/>in
derselben angesessenen hohen Adels mannigfach be-<lb/>sorgt, und allmälig
ein Bankhaus begründet, das<lb/>zwischen dem Norden und dem Süden, dem
Osten<lb/>und dem Westen des großen Reiches vermittelnd,<lb/>immer vorwärts
gekommen war, bis es jetzt zu den<lb/>ersten Bankhäusern auf dem Festlande
gehörte. Dem<lb/>reichen Manne hatte es an der schönen reichen Frau<lb/>aus
seinem Volke nicht gefehlt, die Tochter war von<lb/>ihrer Geburt an der
Abgott ihrer Eltern gewesen, und<lb/>mit der Familienliebe, welche den Juden
eigen zu<lb/>sein pflegt. hatte sich in den beiden Gatten die Lust<lb/>der
Emporkömmlinge vereinigt, die sich nicht nur des<lb/>Besizes zu erfreuen,
sondern ihn auch von Andern<lb/>bewundert und, wo immer möglich, Andere,
nament-<lb/>lich diejenigen durch ihn in Schatten gestellt zu
sehen<lb/>wünscht, deren geistige oder gesellschaftliche Bedeutung<lb/>fie
im Innern widerwillig anzuerkennen sich gezwun-<lb/>gen fühlten.<lb/>Was der
Reichthum zu erkaufen vermag, das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0182_179.tif" n="0179"/>
<p>19<lb/>hatte Herr Landesheimer seiner Frau und seiner ein-<lb/>zigen Tochter
mit verschwenderischer Freigebigkeit stets<lb/>vollauf gewährt. Titel und
Orden, wie sie dem jüdi-<lb/>schen Gewerbtreibenden zu Theil werden konnten,
hatte<lb/>er gleichfalls zu erwerben gewußt; aber die Lebens-<lb/>kreise, in
welchen diese Art von Auszeichnungen Gel-<lb/>tung schafften, haten der
Eitelkeit und dem Ehrgeiz<lb/>der Emporgekommenen bald nicht mehr
genügt.<lb/>Die Brillanten der Mutter, die Augen der Tochter<lb/>waren nach
der Meinung ihrer Besizerinnen dazu ge-<lb/>schaffen, in den höchsten
Negionen zu glänzen. Keine<lb/>Prinzessin haite bessere Lehrer gehabt als
Viktorine,<lb/>keine Tochter des hohen Adels war nach Frau
Landes-<lb/>heimers Ansicht schöner und vorstellbarer als
ihre<lb/>Viktorine; und weder dieser noch den Eltern, hatte
ein<lb/>religiöses oder ein Bedenken des eigenen Ehrgefühls<lb/>im Wege
gestanden, als man ihnen angedeutet hatte,<lb/>daß die Erwerbung der
Adelstitel, die sie ersehnten,<lb/>am leichtesten und sichersten durch ihren
Nebertritt in<lb/>die katholische Kirche zu erlangen sein dürften,
welcher<lb/>der Landesherr mit tiefer Neberzeugung anhing. Sie<lb/>hatten
sich also, und nicht ohne Prunk, zum Christen-<lb/>thum bekannt, die
Adelsverleihung hatte danach nicht<lb/>lange auf sich warten lassen, Baron
Landesheimer<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0183_180.tif" n="0180"/>
<p>18<lb/>konnte die siebenzackige Krone auf seine Wagenthüren<lb/>malen lassen,
und die Familie stand an dem Ziele<lb/>ihrer Wünsche, sie war endlich
hoffähig geworden. -<lb/>Sie hatten nun, was sie so lang erstrebt!<lb/>Für
den neuen Baron war das ein großer Triumph,<lb/>aber der Nebertritt zu dem
katholischen Bekenntniß<lb/>hatte auf sein Denken und Empfinden gar
keine<lb/>Wirkung und keinen Eindruck gemacht. Er war ein<lb/>kalter, klarer
Kopf, er nannte sich gern einen frei-<lb/>sinnigen und dabei duldsamen Mann.
Zum eigent-<lb/>lichen Nachdenken über religiöse Dinge hatte er
auch<lb/>niemals Zeit gehabt, und er besuchte jetzt die katholi-<lb/>sche
Kirche und die Messe ebensowenig, als er vorher<lb/>in die Synagege gegangen
war. Doch war er stets<lb/>bereit, sich gegen die Gemeinde, der er eben
angehörte,<lb/>zu betragen, wie es einem reichen Manne, wie es dem<lb/>Chef
des Hauses Landesheimer zukam. Als Jude<lb/>hatte er für die Zwecke der
jüdischen Gemeinde, wo<lb/>immer es gefordert worden war, mit vollen
Händen<lb/>Geld gespendet, und da er es mit Niemandem un-<lb/>nöthig zu
verderben liebte, weil man Jeden - also<lb/>auch die Juden und ihren Gott --
doch immer noch<lb/>einmal gebrauchen konnte, enkzog er ihnen auch
nach<lb/>seiner sogenannten Bekehrung seine freigebige Unter-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0184_181.tif" n="0181"/>
<p>181<lb/>stützung nicht, ohne daß die katholische Kirche darunter<lb/>leiden
mußte.<lb/>Der Baron sah es deutlich ein, wie er sich in<lb/>der neuen
Gemeinde festzusetzen habe, er liebte es auch,<lb/>in jedem Kreise, dem er
angehörte, Geltung und Ein-<lb/>fluß zu gewinnen. Es sagte ihm deshalb zu,
daß die<lb/>katholische Kirche wie die jüdische, Opfer anzunehmen,<lb/>eine
gewisse Stellvertretung zuzulassen bereit war; daß<lb/>er in jener wie in
dieser, für die verstorbenen Mit-<lb/>glieder seiner Familie beten lassen,
daß Andere für<lb/>ihn thun konnten, was zu seinem Seelenheil
gereichte,<lb/>was für seine jenseitige Zukunft heilsam und
ersprieß-<lb/>lich war, während er mit gewohntem Eifer für sein<lb/>und der
Seinen diesseitiges Wohlergehen zu sorgen<lb/>fortfuhr. Er stiftete Messen,
ließ Altäre bauen, ver-<lb/>gönnte es seiner Frau, auf seinen Gütern
Kapellen<lb/>nach Belieben zu errichten, und wenn er Morgens in<lb/>der
Zeitung seine großartige Freigebigkeit für diese<lb/>oder jene
Religionsgemeinschaft verzeichnet und ge-<lb/>priesen fand, freute er sich
seiner hohen Unparteilich-<lb/>keit, und war mehr als je mit sich
zufrieden.<lb/>Auch die Baronin fühlte sich in der neuen Kirche<lb/>wohl,
denn der ganze hohe Adel und die höchsten<lb/>Beamten des Landes waren
katholisch; und daneben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0185_182.tif" n="0182"/>
<p>18<lb/>Jemanden zu haben, der von Amtswegen dazu ver-<lb/>pflichtet war, ihr
geduldig zuzuhören, so oft es ihr<lb/>gefiel von sich und über sich zu
sprechen, das war<lb/>Etwas, was ihrem innersten Bedürfniß ganz und
gar<lb/>begegnete. Es erhöhte für ihr Bewußtsein das Ge-<lb/>fühl ihter
Wichtigkeit, daß für ihr Seelenheil von<lb/>einem Andern, von einer der
größten irdischen Ge-<lb/>meinschaflen so viel Sorge getragen wurde; und
der<lb/>heilige Ernst, mit welchem man sie behandelte, theilte<lb/>sich,
wenn schon in veränderter und wunderlicher Ge-<lb/>stalt, ihr selber mit.
Sie glaubte an ihre Bekehrung<lb/>und fühlte sich durch dieselbe gewandelt,
veredelt und<lb/>beglückt-- freilich auf ihre Art und Weise.<lb/>Mit
Viktorinen war es anderö. Sie hatte kein<lb/>Gemüthsbedürfniß, welchem es an
dem Diesfeits nicht<lb/>genügte, und ihr Verstand machte es ihr
unmöglich,<lb/>sich einem Selbstbetruge hinzugeben. Ihr, wie
ihrem<lb/>Vater, war es allein um den Erfolg zu thun, den<lb/>man hienieden
an jedem Tage neu erringen konnte.<lb/>Sie besaß des Vaters beharrliche
Rastlosigkeit, seine<lb/>Lust am Wagen und Gewinnen, sein Verlangen
nach<lb/>Geltung und nach Anerkennung.<lb/>Ohne ein wirkliches Streben nach
Entwicklung<lb/>ihrer Einsicht, ohne ein eigentliches Begehren nach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0186_183.tif" n="0183"/>
<p>18B<lb/>Schönheit in der Kunst, hatten ihre Lust an der Ar-<lb/>beit, ihre
Freude an jeder Art von Erwerb und von<lb/>Besitz und von Vermögen, auch wo
dieses Vermögen<lb/>geistig und ein Können war, sie bei ihrer
glücklichen<lb/>Begabung dahin gebracht, sich mannigfache Kenntnisse<lb/>bis
zu einem gewissen Grade anzueignen, fremde<lb/>Sprachen zu erlernen, und
sich in Musik und Malerei<lb/>erfreulich auszubilden.<lb/>Sie hatte wissen,
können, leisten und üben wol-<lb/>len, was man können und üben mußte, um in
den<lb/>Kreisen der vornehmen Welt auch in dieser Beziehung<lb/>eine
vortheilhaft hervorragende Erscheinung zu machen;<lb/>und weil sie bei
diesen Beschäftigungen sich denn doch<lb/>entwickelt, gebildet und
verfeinert hatte, fand sie es<lb/>angenehm, unter den katholischen
Weltgeistlichen Söhne<lb/>aus den ersten Familien des Landes anzutreffen,
die<lb/>auch unter dem Priesterkleide noch Edelleute blieben,<lb/>mit denen
es sich angenehm verkehrte. Sie waren<lb/>zum Theil weltgewandter als die
protestantischen Geist-<lb/>lichen, waren nicht wie diese mit der Sorge für
eine<lb/>Familie und für deren Fortkommen belastet, also freier<lb/>und
heiterern Sinnes. Sie zeigten sich beflissen, der<lb/>schönen Neubekehrten
ihre Huldigungen darzubringen,<lb/>ohne daß man deshalb von ihnen
unwillkommene<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0187_184.tif" n="0184"/>
<p>184<lb/>Heirathsanträge befürchten mußte; und obgleich Vik-<lb/>torine nicht
wie ihre Mutter ein müßiges Verlangen<lb/>nach geistlichem Beistand in sich
trug, so hatte es für<lb/>ihre Phantasie doch einen romantischen Reiz, in
dem<lb/>alten Dome, umrauscht von den Tönen einer treff-<lb/>lichen Musik
vor dem Altar zu knieen, den das schöne<lb/>Bild der jungfräulichen
Gottesmutter schmückte, wäh-<lb/>rend der Duft des Weihrauchs in leichten
Wolken sie<lb/>umschwebte. Die weltliche Pracht, das sinnlich
erfaß-<lb/>bare Element in dem katholischen Gottesdienste, ent-<lb/>sprachen
ihrer Neigung und Natur, und ihre Augen<lb/>sahen niemals schöner aus, als
wenn sie dieselben<lb/>ernsten Blicks gen Himmel richtete.<lb/>Es hatte sie
deshalb gefreut, daß oben in dem<lb/>Gebirgsthale, welches man ihrer Mutter
zum Sommer-<lb/>aufenthalte angewiesen, sich ein Kloster vorfand,
und<lb/>daß der Bischof, mit welchem fie eben jezt, während
ihres<lb/>Aufenthaltes in dem Bade, einen angenehmen Umgang<lb/>gepflogen,
sich erboten hatte, ihnen einen Empfehlungs-<lb/>brief an den Abt dieses
Klosters mitzugeben. Ihr<lb/>bisheriger Verkehr hatte noch keine
Ordensgeisllichen<lb/>in sich geschlossen. Die Begegnnng mit einem
solchen<lb/>versprach ihr etwas Neues; das aber war genug, ihr
die<lb/>Bekanntschaft wünschenswerth und anziehend zu machen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0188_185.tif" n="0185"/>
<p>18<lb/>Als sie an dem Morgen von ihrem Spaziergang<lb/>mit dem Doktor
wiederkehrte, fand sie die Mutter in<lb/>der angenehmsten Stimmung. Der Abt
hatte ihr in<lb/>einer eigenhändigen Entgegnung zugesagt, sie an
dem<lb/>nächsten Morgen mit ihrer Tochter zu empfangen und<lb/>ihr dann den
Pater Theophilus vorzustellen, dessen<lb/>Leitung sie sich zuversichtlich
anvertrauen dürfe.<lb/>Viktorine nahm den kleinen Brief zur Hand.<lb/>Das
feine Papier, die schöne Handschrift, die große<lb/>mächtige
Namensunterschrift hatten etwas Weltmänni-<lb/>sches und Vornehmes. Das
überraschte sie in der<lb/>Einsamkeit dieser Berge und machte ihre Neugier
rege.<lb/>Sie meinte selten eine so energische Handschrift von<lb/>einem
älteren Manne gesehen zu haben, und unwill-<lb/>kürlich flog ein heitres
Lächeln der Erwartung über<lb/>ihr Gesicht.<lb/>Ihre Macht, die Männer an
sich zu ziehen und<lb/>sich unterthan zu machen, hatte sich an diesem
Mor-<lb/>gen abermals bewährt, und die Bevbachtung, in wie<lb/>weit und auf
welche Weise ein Jeder von ihnen zu<lb/>gewinnen und zu fesseln sei, das war
das einzige Spiel<lb/>und die einzige Unterhaltung, deren sie nicht
müde<lb/>wurde.<lb/>Sie war sich dessen, was sie damit that, sehr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0189_186.tif" n="0186"/>
<p>186<lb/>klar bewußt; aber von ihren Eltern und von deren<lb/>Schmeichlern
über alles Maß verwöhnt, war sie früh<lb/>dahin gekommen, sich als ein ganz
besonderes Wesen zu<lb/>betrachten, so daß sie sich erlauben zu dürfen
glaulte,<lb/>was sie an Andern zu tadeln nicht verfehlte. Ihr<lb/>lebhafter
Geist mußte, wie sie meinte, eben eine Be-<lb/>schäftigung, mnßte größere
Freiheit haben, als sie<lb/>anderen Frauen zustand. Ihr Herz und ihre
Sinne<lb/>hatten damit Nichts zu schaffen. Es verlangte sie<lb/>nur,
berechnend, wagend, verlierend, gewinnend, täg-<lb/>lich ein neues, täglich
das unter den obwaltenden Ver-<lb/>hältnissen größtmögliche Spiel zu
spielen. Sie war<lb/>eine Kokette geworden, die mit den Männern
spielte,<lb/>weil sie nicht wie ihr Vater, an der Börse
spielen<lb/>konnte.<lb/>Die Baronin beschäftigte sich den ganzen
Nach-<lb/>mittag mit ihrer Selbstbetrachtung. Sie bedauerte es<lb/>dabei
nur, daß sie sich nicht von ihrem heimischen<lb/>Beichtvater einen Bericht
über den Zustand ihrer Seele<lb/>habe anfertigen und mitgeben lassen, wie
sie sich einen<lb/>solchen über ihren körperlichen Zustand von
ihrem<lb/>Hausarzte zu verschaffen niemals verabsäumte, wenn<lb/>sie auf
Reisen ging. Denn sie war nach ihrer Mei-<lb/>nung geistig und leiblich
durchaus eigenartig organisirt,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0190_187.tif" n="0187"/>
<p>1?<lb/>und bedurfte in jedemt Sinne einer sehr schonenden,<lb/>sehr
vorsichtigen und zugleich doch kräftigenden und<lb/>anregenden Behandlung.
Sie verzweifelte deshalb<lb/>fast daran, sich dem Pater in einer ersten
Unterredung<lb/>völlig kund geben zu können, und weil es ihr eine<lb/>Wonne
war, in ungestörter Ausführlichkeit von sich zu<lb/>sprechen, sezte sie sich
endlich nieder, ein schriftliches<lb/>Bild der Wandlung zu entwerfen, welche
sich durch<lb/>die Taufe in ihr vollzogen habe, und ein Bekenntniß<lb/>über
sich und ihre Tugenden und Fehler niederzu-<lb/>gchreiben, bei dem die
Ersteren mit gerechter Würdi-<lb/>gung geschäzt, die Lezteren mit
christllcher Barmherzig-<lb/>keit behandelt wurden.<lb/>Viktorine machte
während dessen einen Ritt in<lb/>das Gebirge. Als sie gegen den
Sonnenuntergang<lb/>nach Hause kam, läutete es zum
Abend-Gottesdienste,<lb/>und da man Anderes nicht zu thun wußte,
beschlossen<lb/>Mutter und Tochter demselben beizuwohnen.<lb/>Es war um die
Zeit der zwweiten Heuerndte;<lb/>Jedermann hatte auf den Matten zu schafen,
die<lb/>Kirche war also völlig leer. Denn wer sonst auch die<lb/>Gewohnheit
hatte zum Abendgottesdienste zu gehen,<lb/>sagte sich heute, bei so
dringender Arbeit und bei dem<lb/>schönen Wetter, welches der liebe Herrgott
zu derselben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0191_188.tif" n="0188"/>
<p>188<lb/>geschickt habe, werde er wohl ein Einsehen haben und<lb/>nicht
verlangen, was man, ohne möglicherweise schweren<lb/>Schaden davon zu
tragen, heute einmal nicht leisten<lb/>konnte.<lb/>Nur Jakobäa kniete wie
immer unweit des Ein-<lb/>ganges an dem Plaze, an welchem sie seit
langen<lb/>Jahren bei keiner Andacht fehlte, und die beiden frem-<lb/>den
Franen ließen sich in ihrer Nähe nieder.<lb/>Die schöne Wölbung des von
farbigen Marmor-<lb/>säulen getragenen Schiffes, die Einsamkeit der
Kirche,<lb/>welche das scheidende Tageslicht, das in breiten
Streifen<lb/>durch die Fenster fiel, doch nicht mehr vollständig
er-<lb/>hellte, machten Eindruck auf die Fremden.<lb/>Es hatte etwas
großartig Geheimnißvolles, als<lb/>hinter dem schwarzen Gitter der feste
Tritt von Män-<lb/>nern hörbar wurde, als unsichtbar die Stimmen
sich<lb/>zum Gebet erhoben und wechselweise die monotone<lb/>Form, in
Strophe und Gegenstrophe sich regelmäßig<lb/>wiederholend, wie eine
Beschwörung durch die Stille<lb/>tönte.<lb/>Das Tempo war rasch, der Vortrag
hatte etwas<lb/>Geschäftsmäßiges. Er beleidigte Viktorinens
kunstge-<lb/>wohntes Ohr im Anfang; und doch währte es nicht<lb/>lange, bis
gerade die einförmige Wiederholung ihre<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0192_189.tif" n="0189"/>
<p>189<lb/>Mächtigkeit erwies und sie der Art zu fesseln, zu<lb/>bannen, zu
beherrschen anfing, daß fie in sich selbst<lb/>zurüückgewiesen, in ein
Nachdenken versank, von dem<lb/>sie bei ihrem Eintritt in die Kirche weit
entferut ge-<lb/>wwesen war.<lb/>Mit einem Male erhob sich, nachdem die
Orgel<lb/>mit weichen Melodien die allgemeinen Gebete abge-<lb/>schlossen
hatte, eine Stimme aud dem Chor gen Him-<lb/>mel, deren Klang wie eine
magische Gewalt das Herz<lb/>berührte.<lb/>, Und es ward Licht!' rief
Viktorine unwillkür-<lb/>lich aus, so daß die Baronin es hörte und
Jakobäa,<lb/>die es vernahm, sich nach ihr umsah.<lb/>Die Töne des Hymnus
quollen in solch frischer<lb/>Fülle aus der Brust, die Stimme hatte etwas
so<lb/>Warmes, die Vortragsweise etwas so Neberzeugendes<lb/>und Inniges,
daß Viktorine ihr mit Entzücken lauschte,<lb/>bis der lezte Ton verklungen
war, und man unter<lb/>dem Nachspiel der Orgel die Mönche den Chor
ver-<lb/>lassen hörte.<lb/>Es war während dessen völlig Abend
geworden,<lb/>der Sakristan klapperte, sich nach dem Ausgang<lb/>wendend,
mit den Schlüsseln, und die Baronin und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0193_190.tif" n="0190"/>
<p>19<lb/>ihre Tochter erhoben sich. Sie trafen bei dem Heraus-<lb/>treten aus
den Bänken mit Jakobäa zusammen.<lb/>,Was haben Sie hier in Ihrer Kirche für
eine<lb/>herrliche Stimme!' rief Viktorine noch unter der Nach-<lb/>wirkung
des Gesanges.<lb/>,Das ist mein Sohn!'' entgegnete die Mutter,<lb/>und man
hörte ihr die Freude und den Stolz an.<lb/>,Das ist eine unvergleichliche
Stimme, sagte<lb/>das Fräulein. , Wenn der liebe Herrgott das
Gebet<lb/>dieser Stimune nicht erhört, muß er kein Herz im<lb/>Leibe
haben!<lb/>, Gott verzeih Ihnen die Sünde!'' schalt Jakobäa,<lb/>sich
bekreuzend vor dem Ausruf Viktorinens, den ihre<lb/>inbrünstige Frömmigkeit
als eine Gotteslästerung<lb/>empfand, während Jene ihn in ihrer
Glaubenslosigkeit<lb/>völlig arglos hingeworfen hatte.<lb/>Auch die Baronin
machte der Tochter einen ge-<lb/>flissentlichen Vorwurf, indeß diese war
nicht gewohnt,<lb/>auf eine Zurechtweisung zu achten, wenn es ihr
nicht<lb/>gefiel, und wie in ihrer Erinnerung nachsuchend, sprach<lb/>sie: ,
Wie ist mir denn? Hat uns nicht schon einmal<lb/>irgend Jemand es erzählt,
daß er hier oben in dem<lb/>Kloster eine so herrliche Stimme angetroffen
habe?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0194_191.tif" n="0191"/>
<p>ug K<lb/>ti<lb/>Die Baronin konnte sich nicht darauf
be-<lb/>finnen.<lb/>,Freilich! freilich!' ef Viktorine. , Der
Professor<lb/>hat es uns gesagt. Er hat hier oben daö Pe äeun<lb/>lunäamus
und auch daö Adoramus von Palästrina<lb/>ingen hören, und den jungen Möpch
kennen lernen,<lb/>der den Tenor gesungen hat- einen schönen
jungen<lb/>Mann, eine jugendliche Heldengestalt ----<lb/>, Das ist mein
Benebikt!' fiel Jakoläin ihr in<lb/>die Rede, die es sich troz des
Erschreckens über de?<lb/>Fräuleins Leichtfertigkeit nicht versagen konnte,
daö<lb/>Lob ihre? Sohnes mit Freuden zu vernehmen. ,Aus<lb/>der ganzen
Gegend kommnen sie herauf, hier an den<lb/>Feiertagen die Messe zu hören;
und daö ist richtig,<lb/>ein Professor ist einmal hier oben gewesen in
demt<lb/>Kloster, und Benedikt hat vor ihm singen müssen - -<lb/>aber er hat
es nachher lang gebüßt!'<lb/>Sie waren während dessen aus der Kirche in
dak<lb/>Freie hinausgetreten und Jakobäa wollte sich von<lb/>ihnen trennen,
als das Fräulein sie mit der Frage<lb/>sthielt: , Sie sagten, Ihr Sohn habe
ek gelüüßt,<lb/>d:ß er vor unserm Freunde sang. Waö will
das<lb/>heißen?<lb/>,Er hat nicht singen dünfen lange Zeit nachher.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0195_192.tif" n="0192"/>
<p>1?<lb/>,Nicht singen dürfen? Und weshalb nicht?<lb/>fragte Iene.<lb/>,Das hat
er nicht gesagt und ich hatte nicht<lb/>danach zu fragen,'' entgegnete
Jakoläa, bot den Frem-<lb/>den eine gute Nacht und ging davon.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0196_193.tif" n="0193"/>
<p>Hreipchntes<lb/>Ep-<lb/>i»l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0197_194.tif" n="0194"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0198_195.tif" n="0195"/>
<p>y,<lb/>Bie schöne Stimme des ungesehenen Mce?<lb/>klang in Viktorinen nrch
lange nach. Al der Doktr<lb/>amu Abend der Baronin seinen Besuc macte,
kan:<lb/>man bald auf die Veäper, auf den Mönch und aus<lb/>das erneuute
;uusamuentreffen mit der Muiier dessellen<lb/>zu sprechen. Der Doktor
erzählte in flüchtigem Um.-<lb/>riß von der Vergangenheit der Familie
Anschafft, wae<lb/>man eben davon<lb/>ren
Schicksalen,<lb/>kannte.<lb/>wußzte, und von Jakobäas besonde-<lb/>weit er
sie durch seinr Mutter<lb/>, Entsezlich! Entsezlich! rief die Baronin,
daß<lb/>solch. Dinge vurgehen können in diesen Bergen. h-<lb/>denen der
Friede und die Ruhe herrschen s- llen. Aber<lb/>ich bitte Sie, lieber
Doktor, sprechen Sie mir nicht<lb/>muehr davon. Sio kennen mein. Natur noch
nicht.<lb/>z H e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0199_196.tif" n="0196"/>
<p>K.s.<lb/>=a-= olll<lb/>,n --<lb/>===»F»»s -<lb/>suchen.<lb/>1.<lb/>zu
gefühlvoll! Ed raubt mir gleich den<lb/>So Etwas muß ich mir immer fern zu
halten<lb/>Ich will recht gern helfen, gern Alles geben,<lb/>was die Leute
brauchen --- nur mit ihnen selbst zu<lb/>thun halen und davon hören kann und
mag ich nicht.<lb/>Hs<lb/>- eine Nerven lassen daä nicht z -<lb/>szz
k?<lb/>Der Doktor brach augenblicklich mit der Ver-<lb/>jicherung, daß hier
von einer Hilfe oder Geldunter-<lb/>stüüzung nicht die Nede wäre, in der
Erzählung ab.<lb/>oakobäa sei eine reiche Frau, sagle er, und der<lb/>jnge
Pater werde sich in seinem Ordenegewande<lb/>wahrsceinlich eben so behaglich
fühlen, als die andern<lb/>zulicen Herren hier oben, die man nur
anzusehen<lb/>.sss<lb/>brauchr, umn sich von ihrer Zufriedenheit bald
z<lb/>überzengen. Iu derselben hätten sie auch allen Grund.<lb/>Due Negel
sei nichts weniger als streng. E gehe<lb/>ihnen an körperlicher Pflege gar
nichtö ab, und sie be-<lb/>säßen daneben auch die Freiheit, sich je nach
ihrer<lb/>Fähigleit und Neigung angemessen zu beschäftigen.<lb/>Sie könnten
in der Klosterschule als Lehrer und Er-<lb/>zieher wirken, sich in der
Verwallung der geoßen<lb/>Kilostergüter bethäitigen, oder mit sogenannter
Be-<lb/>schaulichkeit ihr Leben in gemächlichen Studien und<lb/>bequemter
Muße hingehen lassen. a dem Einen<lb/>Ns<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0200_197.tif" n="0197"/>
<p>1?<lb/>oder dem Andern finde schließlich Jeder sein Genüügen;<lb/>und obschon
er Benedikt, der ein paar Jahr jünger<lb/>fei als er, seit dessen Eintritt
in den Orden noch nicht<lb/>wieder gesehen habe, sei er völlig überzeugt,
ihn in<lb/>jener behaglichenSelbstzefälligkeit anzutreffen, in
welcher<lb/>die meisten der hier im Kloster lebenden Mönche ein<lb/>sehr
hohes Alter zu erreichen pflegten.<lb/>, .st das Scherz oder Ernst? fragte
ihn Viktorine,<lb/>als er inne hielt.<lb/>,,Nicht das Eine, nicht das
Andere, versezte der<lb/>Doktor, ,sondern einfach die Anerkennuung der
That-<lb/>sachen, die wir hier vor Augen haben.r?<lb/>, Und Sie ziehen das
Aufgeben der persönlicen<lb/>Freiheit, die Ehelosigkeit, die
Weltabgeschiedenheit dabei<lb/>nicht in Betracht?<lb/>,Mit der
Weltabgeschiedenheit ist es nicht so<lb/>schlimm!! meinte der Doktor. , Das
Reisen ist unsern<lb/>Benediktinern, wenn sie Verlangen danach
tragen,<lb/>durch die Verbindungen des Ordens, die über den<lb/>ganzen
Erdball reichen, wesentlich erleichtert, und wird<lb/>ihnen unter
Verhältnissen sogar geboten. Dazu sind<lb/>alle Diejenigen, welche, wie z B.
Benedikt, früh-<lb/>zeitig in die Klosterschule und in den Orden
treten,<lb/>meistens wie die Vögel, die im Bauer geboren und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0201_198.tif" n="0198"/>
<p>1<lb/>erzogen sind. Es regt sich in ihnen wohl einmal der<lb/>angeborne
Freiheitstrieb; aber läßt man sie heraus<lb/>und bleibt des Bauers Thüre
hinter ihnen offen, so<lb/>kehren sie, wenn's draußen einmal kalt und
dunkel<lb/>wird, von selber zu dem gewohnten guten Futter und<lb/>in daö
sichere Haus zurück.<lb/>, ls gebrochene, flügellahme<lb/>eigne Heimath,
ohne Familie und<lb/>warf Viktorine ein.<lb/>Existenzen! ohne<lb/>ohne
Vaterland -<lb/>c?,..- cg<lb/>--- - oktor nahm die Worte ernsthaft
auf.,Ic<lb/>glaube,- sagte er, , Sie unterschätzen die Bedeutung<lb/>und die
Genugthuung, welche die geistlichen Herren<lb/>----- neben ihrer gesicherten
Lebenöstellung- -- in dem<lb/>Dienst der Kirche finden. Ich für mein Theil
habe<lb/>als Schweizer, und da ich den Bereichen der vor-<lb/>nehmen Welt
bisher fern geblieben bin, keine rechte<lb/>Vorstellung davon, wie ein Mann
es als ein Glück<lb/>erachten mag, sich den kleinen Juteressen irgend
eines<lb/>kleinen einflußlosen Fürsten, oder gar sich dessen
per-<lb/>sönlichen Launen und Bedürfnissen dienstbar zu machen.<lb/>Aber da
ich selbst durch eine Neihe von Jahren ein<lb/>Schüler unseres Klosters
gewesen bin; da ich, als ich<lb/>herangewachsen war, verschiedenen unserer
hiesigen<lb/>Mönche persönlich näher treten konnte, hale ich auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0202_199.tif" n="0199"/>
<p>19<lb/>einsehen und es wohl begreifen lernen, daß es nichts<lb/>Geringes ist,
sich als ein Glied der Kirche, als ein<lb/>Mitglied jener mit tiefsinniger
Berechnung und<lb/>Menschenkenntniß durch die Jahrhunderte
aufgebauten<lb/>Macht zu empfinden, welche durch alle Zonen
hin,<lb/>Millionen von Geister bindet und beherrscht. De-<lb/>müthig gegen
Gott, sind unsere geistlichen Herren<lb/>doch der Welt gegenüber äußerst
stolz; und wenn<lb/>sie auch des ehelichen Glückes entbehren--<lb/>,as
freilich oft ein zweifelhaftes ist!' fiel ihm<lb/>Viktorine in die
Rede.<lb/>,Wenn sie auch dieses Glückes entbehren, fuhr<lb/>der junge Doktor
fort, ,so haben sie in dem Kloster<lb/>ihrr Heimaih und ihre Häuslichkeit;
sie halen in demn<lb/>Orden die Familie, an deren Wohlergehen
und<lb/>Interessen sie mit leidenschaftlichem: Antheil häängen.<lb/>Die
Weltleute verstehen das Klosterleben nur nicht<lb/>recht. Die Herrschsucht,
die dem Menschen angeboren<lb/>ist, findet nirgends besser ihre Nechnung als
in unserer<lb/>Kirche; das Klosterleben ist verlockender und
vurtheil-<lb/>hafter, als es Ihnen scheint.<lb/>, Wenn man dafür geartet
ist!r warf Viktorine ein.<lb/>, Geartet muß man für jeden Beruf und
jedes<lb/>Verhältniß sein, um Befriedigung darin zu finden:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0203_200.tif" n="0200"/>
<p>L<lb/>für die Medizin so gut als für das Klosterleben, und<lb/>wohl auch für
die große Welt!? entgegnete der Doktor.<lb/>, Und weshalb sind Sie mit Ihrer
unverkenn-<lb/>baren Vorliebe für das Kloster nicht in den Orden
ein-<lb/>getreten? fragte daö Fräulein mit kecer Dreistigkeit.<lb/>, Weil
wir es für vortheilhafter hielten, hier in<lb/>unserm Hause eine Kuranstalt
zu gründen, und weil<lb/>ich mich frühzeitig in eine Anverwandte verliebt
habe,<lb/>die ich heimzuführen denke, wenn das Kurhaus hier<lb/>in gutem
Gange sein wird , gab er ihr mit Gelassen-<lb/>heit zur
Antwort.<lb/>Viktorine ließ das Eine gelten, und das Andere<lb/>sich gesagt
sein; indeß es gefiel ihr Beides nicht.<lb/>Es war danach von den
Anschafft'ä und von den<lb/>geistlichen Herren weiter nicht die Rede, aber
das<lb/>Kloster und seine Bewohner beschäftigen Viktorinens<lb/>Gedanken,
wie sonst irgend ein besonderes Fest sie<lb/>wohl beschäftigt hatte; und sie
sah dem Besuche bei<lb/>dem Abte mit einer neugierigen Erwartung
entgegen,<lb/>als wäire es überhaupt der erste geistliche
Würden-<lb/>träger, den sie kennen lernen sollte, als wäre ihr
nicht<lb/>bereits von Dienern der Kirche beflissene Bewunderung<lb/>zu Theil
geworden.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0204_201.tif" n="0201"/>
<p>bierzehntes<lb/>npitel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0205_202.tif" n="0202"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0206_203.tif" n="0203"/>
<p>»Achwarz gekleidet, die Tracht mit besonderer<lb/>eberlegung gewählt, um sie
ernst und streng erscheinen<lb/>zu machen, ohne daß sie ihrer Schönheit
deshalb Ein-<lb/>trag that, begleitete Viktorine an dem nächsten
Morgen<lb/>ihre Mutter in das Kloster.<lb/>Die breiten kühlen Gänge entlang
schritt<lb/>Pförtner ihnen voran, bis zu dem außerhalb<lb/>Klausur gelegenen
Gemache, in welchem der<lb/>der<lb/>der<lb/>Abt<lb/>fremde Gäste zu
empfangen hatte, und hieß sie in<lb/>demselben warten.<lb/>Der Naum war groß
und hoch gewölbt; die<lb/>fchweren Möbel, der Tisch in der Mitte des
Zimmers,<lb/>den ein kostbarer aber verblichener persischer
Teppich<lb/>Da<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0207_204.tif" n="0204"/>
<p>e<lb/>Stickereien und Gewebe zierten, und die tief nach-<lb/>gedunkelten
Bilder, aus den ältesten deutschen und<lb/>italienischen Malerschulen,
sprachen von fernen Zeiten,<lb/>von fernen Landen. Sie erhöhten die stille
Feierlich-<lb/>keit, die über dem Gemache lag, so daß selist
Vktori-<lb/>nens weltlicher Sinn sich nicht gegen deren Ein-<lb/>wirkung zu
wehren vermochte, wie freundlich das belle<lb/>Sonnenlicht auch durch die
schlichten weißßen Vor-<lb/>häänge und durch das Weinlaub schimmerte, dessen
fette<lb/>Blätter und üppige Nanken von allen Seiten zu den<lb/>Fenst ?n
hineinsahen.<lb/>Die Baronin saß in einem der Sessel, die den<lb/>Tisch
umstanden, daö Fräuulein betrachtete mit Kenner-<lb/>hlick die alten Bilder,
als nach kurzem Warten die<lb/>Thüre, welche nach dem inneren Kloster
führte, sich<lb/>geräuschlos aufthat und, von dem Pater Thevphil
ge-<lb/>folgt, der Abt hereintrat.<lb/>,,Willkommen in unserem Thale!' sagte
er, in-<lb/>dem er mit vornehm freundlichem Grufe der Baronin<lb/>seine Hand
bot, die sich neigte, sie zu küssen, und<lb/>Viktorine damit nöthigte, ihrem
Beispiele zu folgen.<lb/>, .illkommen! Wir waren bislang solcher Gäste
in<lb/>unsern Bergen nicht gewohnt. Lassen Sie uns hoffen,<lb/>daß Sie bei
uns die Stärkung finden, welche zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0208_205.tif" n="0205"/>
<p>O<lb/>== D<lb/>juchen Sie gekommen sind, und wünschen, daß Sie<lb/>nicht zu
schwer entbehren mögen, was Sie hier nicht<lb/>finden können!'<lb/>,.
N<lb/>Dt. waronin nannte sich mit gewohnter Ueber-<lb/>schwängichkeit des
Ausdrucks ganz beseligt durch die<lb/>c-ss.<lb/>=---==- g6z entzückt von der
himmlisäh= -=;-, welche<lb/>hss szsss<lb/>jie umgebe., Ic bin ülerzeuz--
=gke !e, zdaß ich<lb/>rn -s s,z<lb/>hier nicht nur neue Kräfte gewinnen,
sondern zu jener<lb/>gesammelten Einheit in mir selbst gelangen
werde,<lb/>nach der ich so von ganzem Herzen schmachte.<lb/>Der Alt hatte
sie ungestört vollenden lassen.<lb/>,, llnjere =- - -- z-- -»gnete er
danach, ,und für<lb/>,s zz s L? zzzf<lb/>Nfs -ss<lb/>denjenigen, der die
Stille wirklich liebt, u.t hier wohl<lb/>gesorgt. Eintehr und Sammlung in
sich selbst<lb/>häüngen aler weniger, als man es glauht, von der<lb/>äußeren
lmgebung ab. Sie sind ein Bedürfniß ge-<lb/>wisser Naturen, welche sich
dieselben durch einen Akt<lb/>deö festen Willens ülerall ermöglichen können.
Man<lb/>kann mitten in dem Gerääusch bewegten Lebens sich<lb/>einsam in sich
selbst versenkend, seine Seele ganz den:<lb/>Herrn hingeben, und selbst in
der tiefen Stille unseres<lb/>Hauses seinen Geist haltlos umherschweifen
lassen in<lb/>fern abliegende Bereiche. Sind wir -, wo wir
es<lb/>d..<lb/>fuchen, stets mit Gott allein !<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0209_206.tif" n="0206"/>
<p>2e<lb/>Er hatte mit diesen Worten die Geflissentlichkeit<lb/>der Baronin
sofort in ihre Schranken zurüückgewiesen,<lb/>und da er merkte, daß sie die
Lehre verstanden, die<lb/>er ihr zu geben, und den Ton begrifen hatte,
auf<lb/>welchem er mit ihr zu verkehren gedachte, wiederholte<lb/>er n.it
freundlichem Ernste, was er ihr bereits ge-<lb/>schrieben hatte, daß der ihn
begleitende Pater Thev-<lb/>philus, so oft sie es verlange, bereit sein
werde, ihr mit<lb/>seinem Nathe, mit seinem Zuspruch und mit
seinem<lb/>Gebete beizustehen.-- Er deutete ihr damit an, daß<lb/>er selber
sich jedes geistigen Einflusses auf sie zu ent-<lb/>halten, und ihr nur in
weltlichem Verkehr zu begeg-<lb/>nen gedenke.<lb/>Während dann die Baronin
sich zu Pater Thev-<lb/>philus wendete, erkundigte der Abt sich bei dem
Fräu-<lb/>lein nach dem Befinden Seiner Eminenz des Bischofs.<lb/>,,Er hat
mich auf die Nachrichten verwiesen,? sagte<lb/>er, ,welche Sie mir von ihm
geben würden, und er<lb/>hat es dabei nicht unterlassen, mir mitzutheilen,
oaß<lb/>er Ihrer schönen Stimme, Ihrem vortrefflichen Ge-<lb/>sange
mannigfache Erheiterung zu verdanken gehabt<lb/>habe, deren ich nn, da ich
die Musik sehr liebe,<lb/>durch Ihre Güte vielleicht auch theilhaftig zu
werden<lb/>hofen darf.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0210_207.tif" n="0207"/>
<p>N?<lb/>Viktorinen kam diese Wendung des Gespräches<lb/>sehr erwünscht, denn
sie erleichterte ihr die Gelegen-<lb/>heit, sich nach Benediktus zu
erkundigen. Sie war<lb/>übrigens, so fern sie auf sich achtete, vor jenen
Miß-<lb/>griffen und Taktlosigkeiten durchaus sicher, in welche<lb/>ihre
Mutter leicht verfiel, sie gab also schicklich die<lb/>begehrte Auskunft.
Nur das Lob, welches der Bischof<lb/>ihr als Sängerin gespendet hatte,
wollte sie nicht<lb/>gelten lassen.<lb/>,Meine Stimme, ? sagte sie, ,
überschreitet in<lb/>keiner Weise das Maß des Gewöhnlichen; und
Sie,<lb/>Hochwürden, haben Grund, sehr große Anforderungen<lb/>an den Gesang
zu stellen, der Sie erfreuen soll; denn<lb/>ein herrlicheres Organ, als das,
welches ich gestern in<lb/>der Kirche hier vernommen, meine ich nie zuvor
gee<lb/>hört zu haben.-<lb/>,,Sie haben also unserem Gottesdienste
beige-<lb/>wohnt?? fragte der Abt, der Wohlgefallen an ihr<lb/>fand, und
nicht Anlaß hatte, die Mutter in ihrer leise<lb/>geführten Unterredung mit
Pater Theophilus zu unter-<lb/>brechen.<lb/>,Ja! versetzte Viktorine, ,und
zwwar mit un-<lb/>gewöhnlicher Erhebung. Es ist mir gestern in
Ihrer<lb/>Kirche zum ersten Male die Vorstellung gekommen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0211_208.tif" n="0208"/>
<p>L8<lb/>- - ;<lb/>daß jede künstlerische Anlage schon an sich ein
Glück<lb/>und eine Gnade ist. Ich trat zerstreuten Sinnes in<lb/>das
Gotteshaus, und verließ es erhoben und mit einer<lb/>idealen, um nicht zu
sagen, einer frommen Besizes-<lb/>freude über die bescheidene musikalische
Begabung, deren<lb/>ich theilhaftig worden bin.?<lb/>Sie hatte in diesen
Worten der flüchtigen Auf-<lb/>wallung, welche sie gefühlt, eine Bedeutung
gegeben,<lb/>an die zu glauben sie selbst sofort geneigt war, und<lb/>der
Abt war weit davon entfernt, ihr dieselbe zu be- -<lb/>streiten; er
bestärkte sie vielmehr in ihrer Ansicht.<lb/>, Ich habe,? sagte er, ,als ich
jung war, wie<lb/>Sie, einmal plözlich einen ähnlichen Eindruck
em-<lb/>pfangen und er ist ein Wink von oben gewesen, der<lb/>für mein Leben
entscheidend geworden ist. Ich ver-<lb/>stehe also Ihr gestriges Empfinden
wohl. Und wenn<lb/>ich auch nicht annehmen möchte, daß diese Stimmung<lb/>in
Ihnen, der an das Weltleben Gewöhnten, sofort<lb/>eine nachhaltige werden
könnte, so ist sie immerhin<lb/>beachtungswerth. Eine zeitweilige
Abgeschiedenheit von<lb/>seinem Alltagsleben thut übrigens dem Menschen
im<lb/>Allgemeinen gut und noth. Sie giebt ihm Anlaß zu<lb/>erproben, welche
Hilfsmittel er in sich selbst besiyt,<lb/>was er den Andern und was er sich
selber an Be-<lb/>a<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0212_209.tif" n="0209"/>
<p>9<lb/>friedignng verdankt. Et ist bei solchen Versuchen<lb/>manch Einer inne
geworden, wie unzulänglich er ist,<lb/>ohne die stützende Kraft von oben,
die uns nicht fehlt,<lb/>sofern wir sie suchen; und es ist deshalb höchlich
zu<lb/>beklagen, daß die fromme Sitte, nach welcher die<lb/>Weltleute sich
in früheren Tagen zur Zeit der großen<lb/>Kirchenfeste in die Klöster
zurüückzogen, um dort ihre<lb/>Andacht zu verrichten und Einkehr in sich
selbst zu<lb/>halten, mehr und mehr verabsäumt worden ist.<lb/>Er brach
damit auch von diesen Betrachtungen<lb/>schnell wieder ab, und bemerkte,
Viktorine werde, wie<lb/>er hofe, sich der Muße hier erfreuen, da der
Bischof<lb/>sie nicht nur eine treffliche Sängerin, sondern auch<lb/>eine
geschickte Malerin nenne. Er werde sich die<lb/>Freude machen, die Damen in
ihrer Wohnung auf-<lb/>suchen zu kommen, und werde es ihr danken,
wenn<lb/>sie ihm Gelegenheit geben wolle, sie singen zu hören<lb/>und ihre
Zeichnungen zu sehen. Er machte sie und<lb/>die Baronin danach mit
freundlicher Andeutung auf<lb/>die schönsten Aussichtöpunkte des Thales und
der Um-<lb/>gegend aufmerksam und erhob sich dann, sie zu ent-<lb/>lassen.
Auf seinen Wink gab Pater Theophilus ihnen<lb/>das Geleit.<lb/>F. Lewald,
Benevikt. L.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0213_210.tif" n="0210"/>
<p><lb/>Als sie in den Hof gelangten, kam ihnen die eine<lb/>Klasse der
Klosterschüler entgegen, on einemt jungen<lb/>Geistlichen geführt, dessen
ungewöhnliche Schönuheit<lb/>den Frauen sofort in das Auge fiel.<lb/>,Das
ist Pater Benedikt! ief Viktorine.<lb/>Der Auöruf überraschte den
Greis.,Woher<lb/>kennen Sie den Namen? Und was bringt Sie auf<lb/>die
Vermuthung, daß eben dieser Bruder der Träger<lb/>dessellen ist? fragte er
mit dem: eifersüchtigen Mißs-<lb/>trauen seines Standes.<lb/>Viktorine
konnte sich des Lchelns darüber nicht<lb/>erwehren.<lb/>, Seien Sie ruhig,
Paier Theophiluö!? versezte<lb/>sie. ,Ic weiß es nicht durch Zauberei,
sondern auf<lb/>die natürlichste Weise von der Welt. Ich habe oben<lb/>auf
der Matte vor Frau Jakoläa's Haufe gezeichnet,<lb/>und aus dem Zwwiegrspräch
zwischen ihr und unserm<lb/>Doktor erfahren, daß sie einen Sohn hat, der
Benediktus<lb/>heißt. Abends, als wir Frau Jakobääa in der
Kirche<lb/>trafrn, und den Gesang bewunderten, sagte sie, der<lb/>Sänger sei
ihr Sohn, und ich mache jezt eben die<lb/>Bemterkung, daß der junge Pater
ihr sehr ähnlich sieht.?<lb/>Sie trat dabei, ehe der Greis es hindern
konnte,<lb/>rasc an den jungen Mönch heran.<lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0214_211.tif" n="0211"/>
<p>A<lb/>,Wie glücklich sind Sie, daß der Herr Ihnen<lb/>eine Stimme gegeben
hat, die zu den Herzen spricht,?<lb/>sagte sie.,Sie haben uns, alö wir
gestern neben<lb/>Ihrer Mutter unsere Abendandacht verrichteten,
gerührt<lb/>und recht erhoben, und wir Weltleute können das<lb/>Beides
leider sehr gebrauchen! Haben Sie Dank<lb/>dafür, Pater Benedikt, ich hoffe
Sie noch oft zu<lb/>hören!?-- darauf grüßte sie ihn, belustigte sich
über<lb/>des jungen Mannes Betroffenheit und über seine<lb/>stumme,
verlegene Verbeugung, und ging dann rasch<lb/>mit den beiden Andern
davon.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0215_212.tif" n="0212"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0216_213.tif" n="0213"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0217_214.tif" n="0214"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0218_215.tif" n="0215"/>
<p>v<lb/>D. Baronin war von dem Ernste und der<lb/>Tis--s -<lb/>issf Rwifoi-
Hzzzf,z- N<lb/>--=gplell,--- --=-- =- aheophilus sic ihrer an-<lb/>s
fsf-=--»- ?fff=: (,- I.-s s.es<lb/>s z!<lb/>luuuuzsu »=-s » bs, ;; »s=- ==s
- = s - gsls<lb/>Pflichten es ihm gestatteken, ihr<lb/>sofern seine
anderen<lb/>täglich eine Siunde<lb/>--:ikssioffo-: i:i-A z- =fs,s,zi! f,zd.
pz<lb/>s.s- -<lb/>ZsZ=--- -- ---- --=- -=»- z=-; --=- -- -g - .fkNge
sgU=<lb/>a= - =--- z-i befestigen, was, wie sie sagie, in den<lb/>g z zpsf H
zz -<lb/>Güücksicheren, die cristlichen Famil.. ------ -- ---<lb/>fw-
Szfss...hs,-zz ssn<lb/>sich als ein angebornes Erbe eingewurzelt
finde.<lb/>Sie ., u lderte ihm dabei, wie wenig
gewissenhaft<lb/>.s.l<lb/>der Geistliche, der sich ihrer Vrlereitung fir
den<lb/>Eintritt in die katholische Kirce unterzogen hatte,<lb/>diese
Vdrbereitungen betrieben, und wie er sich durch<lb/>ihres Mannek in diesen:
Punkte twa? leichffertige<lb/>Gesinnung zu riner Eile und Oberfliichlickeit
hale<lb/>verleiten lassen, die ihr schmerzlich grwesen und un-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0219_216.tif" n="0216"/>
<p>L16<lb/>genügend erschienen wären. Als eine wahre Schick<lb/>salsfügung sehe
sie es an, daß ihre körperlichen Leiden,<lb/>welche sie nun zu segnen
beginne, sie genöthigt hätten,<lb/>sich hier in diese Weltabgeschiedenheit
zurückzuziehen,<lb/>wo der Herr ihrer Seele die Stärkung
vorbereitet<lb/>habe, deren dieselbe bedürftig sei und die auch
ihrer<lb/>Tochter zuzuwenden ihr Mutterherz inbrünstiglich
be-<lb/>gehre.<lb/>Pater Theophilus hatte unter diesen
Verhältnissen<lb/>wenig Mühe und kaum ein paar Tage nöthig,
das<lb/>unbeschränkte Vertrauen der Baronin zu gewinnen.<lb/>Er erfuhr nicht
nur, wwas sie selber von sich zu glauben<lb/>wünschte, und von Andern
geglaubt haben wollte.<lb/>sondern sein scharfes und geübtes Auge erkannte
auch<lb/>sehr bald in ihr jene eitie Selbstsucht, die unfähig,<lb/>rgend
Evas außer sich selbst zu lieben, danach ver-<lb/>langte, wo möglich auch
von dem Vater im Himmel<lb/>als ein bevorzugtes Wesen begünstigt, von der
Mutter-<lb/>Kirche als ein besonders geliebtes Kind betrachtet
und<lb/>behandelt zu werden. Sie strebte danach, auch im<lb/>Jenseits die
vielbeneidete Baronin Landesheimer zu<lb/>sein; sie wünschte dereinst in
ihrer himmlischen Heimath<lb/>die Geltung und das Ansehen zu erlangen, deren
sie<lb/>hienieden unter ihren Umgangsgenossen allmälig theil-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0220_217.tif" n="0217"/>
<p>At?<lb/>haflig geworden war; und wie ihr Gatte nicht klein-<lb/>lich zu
erwägen und nicht zu kargen gewohnt war,<lb/>wo es sich darum handelte, an
sein Ziel zu kommen,<lb/>so war sie auch durchaus geneigt, sich die
Sicherstellung<lb/>ihres jenseitigen Wohlbefindens, sich die ewige
Seligkeit<lb/>und die himmlischen Freuden schon hienieden ein
Er-<lb/>kleckliches kosten zu lassen, sofern sie dadurch zu er-<lb/>reichen
sein sollten. Sie wußte das mit vieler Ge-<lb/>schicklichkeit anzudeuten,
als einmal zwischen ihr und<lb/>ihrem Berather die Rede auf die Lehre von
den guten<lb/>Werken kam; und ohne die Bedeutung derselben über<lb/>die
Gebühr hervorzuheben, unterließ der Pater es nicht,<lb/>die Baronin in den
guten Vorsätzen zu befestigen,<lb/>welche sie über die zwweckmäßige
Verwendung irdischen<lb/>Besizes zu hegen versichert haite.<lb/>Ehrlicher
noch als über sich selbst, äußerte sich<lb/>die Baronin über ihr
Familienleben, über den Charakter<lb/>ihres Gatten und ihrer Tochter; und
sogar diese Letztere<lb/>gewann auf ihre Weise, wenn auch nicht
Vertrauen<lb/>zu dem Pater, so doch die Neigung, mit ihm zu ver-<lb/>kehren,
weil er, ohne sie aufzusuchen, sich von ihr<lb/>finden ließ, so oft sie sich
ihm näherte.<lb/>Er gab ihr Auskunft über Alles, was ihr in<lb/>dem Thale
auffiel, er stand nicht an, ihr das Kloster-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0221_218.tif" n="0218"/>
<p>18<lb/>leben, das sie viel beschäftigte, in der Weise darzu-<lb/>stellen, wie
es ihm erschien; und er zeigte sich auch nicht<lb/>verletzt, als sie ihm
ohne Aufforderung bekannte, daß<lb/>sie bisher nie ein besonderes religiöses
Bedürfniß<lb/>empfunden habe. Er bemerkte mit völliger Gelassen-<lb/>heit,
der Herr suche Jeden auf seinem besonderen<lb/>Wege, und wisse die rechte
Stunde und das rechte<lb/>Mittel für einen Jeden wohl zu finden.
Manchen<lb/>I? -==-- --<lb/>Viktorinen gefiel das nicht, und weildes
Mönches<lb/>Sanftmuth sie sicher machte, schüttelte fie den
schönen<lb/>Kopf.<lb/>, Verdammen Sie mich nicht, Pater
Theophilus,!<lb/>sagte sie, , wenn ich es auöspreche, auf dem Wege
geht<lb/>es mit mir nicht. Unser Herrgott hat mir einen harten<lb/>Kopf und
ein trotziges Herz gegeben; mit Strafen<lb/>hat man also bei mir nie Etwas
auögerichtet, sie haben<lb/>mich immer nur verschlechtert. Ich glaube
vielmehr,<lb/>daß Glück, großes Glück, wie ich es verstehe, oder<lb/>der
Genuß eines vollkommen Schönen mich in An-<lb/>beiung niederwerfen, in
Demuth hinschmelzen machen<lb/>.:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0222_219.tif" n="0219"/>
<p>N9<lb/>fürchte sie, daß der Pater sie nicht verstehen, oder sie<lb/>tadeln
möchte, füügte sie rasch hinzu: ,Sehen Sie,<lb/>Pater Theophil, ich sagte es
schon dem Herrn Abte;<lb/>in meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so
bis<lb/>in des Herzenö Tiefe bewegt gefühlt, als nenlich an dem<lb/>Abende,
an welchem ich Ihren jungen Pater zum ersten<lb/>Male in dem Dämmerlicht der
Kirche singen hörte.<lb/>Ich bin seitdem an jedem Abende dort gewesen,
und<lb/>neulich ist es mir in Ihrer Kirche klar geworden, daß<lb/>es
eigentlich die Künste sind, oder vielmehr die Kunst<lb/>alö Einheit gedacht,
in welcher sich mir Gott und das<lb/>Göttliche im Menschen am Klarsten
offenbart.?<lb/>Obschon der Pater für die Kunst Empfänglich-<lb/>keit besaß,
mußten solche Worte ihm doch verwerflich<lb/>erscheinen; allein er war
vorsichtig und klug genug,<lb/>mit Denen, die er zu gewinnen hatte, in der
Sprace<lb/>zu verkehren, welcher sie sich selbst bedienten.<lb/>Er erhob
deshalb kaum einen Tadel gegen<lb/>Viktorinenö Ausspruch, sondern entgegnete
ihr in seiner<lb/>gelassenen Weise, daß er sie und ihre Meinuung
zu<lb/>verstehen glaube, wenn er dieselbe auf ihr rechtes
Maß<lb/>zurückführe und beschränke. ,Ich vermag der Kunst<lb/>für mein
Theil,'? sagte er, ,nicht die Bedeutung bei-<lb/>zulegen, die Sie ihr
zugestehen, doch hat die Kirche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0223_220.tif" n="0220"/>
<p>2<lb/>den Künsten von jeher die ihnen gebührende An-<lb/>erkennung und
Stellung eingeräumt. Sie hat sich<lb/>derselben stets zur Zierde ihres
Gottesdienstes, zur<lb/>Erhöhung und Steigerung der
gebundenenEmpfindung,<lb/>zur Verstärkung des Empfindungsausdruckes mit
Vor-<lb/>liebe bedient, und unter ihren eigentlichen Dienern,<lb/>von den
Päpsten und den Kardinälen bis hinab in<lb/>die Hallen unsrer stillen
Klöster, haben begnadigte<lb/>Männer sie geült. Ird Kngelo il bento, Frä
Vartolomeo<lb/>schufen ihre unsterblichen Gemälde in des
Klosters<lb/>Hallen, und der Lobgesang, der Sie bei uns mit<lb/>seiner
göttlichen Gewalt ergriffen hat, verdankt einem<lb/>Drdensgeistiichen sein
Entstrhen.?<lb/>, Das ist'ö ja, was ich meine!'? fiel ihm Viktorine<lb/>ein,
der es ebenso wie dem Pater nicht große Neber-<lb/>windung kostete, sich
fremder Meinung anzupassen,<lb/>M?-=---<lb/>Aber der Pater legte auf ihre
Zustimmung kein<lb/>großes Gewicht, und ohne sich von ihr in seiner
Rede<lb/>unterbrechen zu lassen, fügte er hinzu: , Pflegen Sie<lb/>also
immerhin gewissenhaft in sich die Liebe für die<lb/>Kunst: denn ernste
Vertiefung in dieselbe, namentlich<lb/>in die heili;e Musik, wird und muß
Sie mit Noth-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0224_221.tif" n="0221"/>
<p>s ..<lb/>wendigkeit auf Ihr eigenes inneres Sein hinweisen;<lb/>und des
Allmächtigen und Allweisen Wege sind, ich<lb/>wiederhole es mit Demuth,
mannigfach und unerforsch-<lb/>lich für des armen Erdenkindes blödes Auge
und für<lb/>sein kurzsichtig Erkennen. Vielleicht ist die Liebe für<lb/>die
Kunst in Ihnen jenes hofnungsreiche Aufdämmern<lb/>des Morgenrothes, das den
Aufgang einrs schönen<lb/>Lichtes, den Durchbruch jenes wahren Glaubens
verkün-<lb/>digt und verheißt, der zur Erkenntniß führt. Nur fragen<lb/>Sie
sich ehrlich und gewissenhaft, in wie weit Sie<lb/>in sich als eine Wahrheit
fühlen, was Sie mir aus-<lb/>gesprochen haben. Man ist nuur in zu vielen
Fällen<lb/>gegen sich leichtgläuliger, als man es sein dürfte,
und<lb/>betrügt sich dadurch um sein wahres Heil.<lb/>Der Doktor war
inzwischen herangekomuten, so<lb/>daß er die lezten Worte dieser
Unterhaltung noch ver-<lb/>nommen hatte. Das war gegen Viktorinens
Absicht.<lb/>Sie hatte sich in den paar Tagen bei
verschiedenen<lb/>Anläässen gegen ihn in einer Weise geäußert, die
ihn<lb/>die Wahrhaftigkeit dessen, was sie von sich vor dem<lb/>Pater
ausgesagt, mit Recht bezweifeln lassen konnte;<lb/>und sich, wenn auch in
der schonendsten Weise, im<lb/>Beisein eines jungen Mannes von dem Pater
zurecht<lb/>gewiesen und ermahnt zu sehen, war ihrer Eitelkeit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0225_222.tif" n="0222"/>
<p><lb/>verdrießlich. Auch in diesem Falle kam jene ent-<lb/>schlossene
Gewandtheit, welche sie nicht leicht im Stiche<lb/>ließ, ihr mit geschickter
Ausrede zur Hülfe.<lb/>,Wie scharf Ihr Blc ist!' sagte sie, ,und wie<lb/>er
Anderen dazu verhilft, sich selbst erst in dem rechten<lb/>Licht zu sehen.
Ich machte, während Sie noch zu<lb/>mir sprachen, eine neue und mich
überraschende Er-<lb/>fahrung. Sie haben Recht, vollkommen Recht!
Auch<lb/>ich bin leichtgläubiger gegen mich gewesen, als ich es<lb/>ahnte
oder dachte. Als ich vorhin jene Behauptung<lb/>über die Wirkung aussprach,
welche die Kunst bisher<lb/>auf mich gemacht hat, vermuthete ich doch im
Grunde<lb/>nur von mir, was ich behaupten wollte. E war<lb/>ein Ariom, ein
Wunsch, ein Einfall! Nennen Sie<lb/>es, wie Sie wollen! Als aber mein
eigenes Wort<lb/>mein Ohr berührte, klang es mir wie ein fremdes,<lb/>wie
ein Gedanke, den aus mir selber zu drzeugen ich<lb/>nicht vermocht haben
würde; und doch empfand ich<lb/>meinen tiefen Zusammenhang mit aller Kunst
leb-<lb/>hafter als je zuvor, als eine mich erhebende und be-<lb/>glückende
Wahrheit- als einen Segen. Mit einem<lb/>Worte: ich erkannte und fühlte, was
ich nur ver-<lb/>muthet! Ich besaß, was ich ersehnt hatte!'?<lb/>,So gebe
Gott, daß diese Wahuheit sich in Ihnen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0226_223.tif" n="0223"/>
<p>o<lb/>mehr und mehr befestige, daß sie in Ihnen wachsen<lb/>und wirken möge!'
entgegnete der Pater, dessen Age<lb/>prüfend auf ihr ruhte. Er reichte ihr
damit die<lb/>Hand und wollte sich entfernen. Sie neigte sich tief<lb/>vor
ihm, so daß er segnend seine Nechle über ihrem<lb/>schönen Haupte schweben
ließ. Dann sagte er dem<lb/>Doktor Lrlewohl und ging von ihnen
fort.<lb/>Viktorine blickte ihm eine Weile nach, der Doktor<lb/>ließ seine
Augen nicht von ihr. Sie bemerkte es und<lb/>fragte, was er damit
wolle.<lb/>,Ich möchte wissen, was Sie im Schilde führrn;<lb/>wissen,
weicheBedeutung PaerTheophilus fürSie hat?<lb/>, Wie sonderbar!'' rief sie,
, Sie mißtraen mir!<lb/>Sie sezen irgend eine Absicht, einen Zweck bei
mir<lb/>voraus. Das ist nicht schön von Ihnen, aber das<lb/>Mißtrauen gehört
zu eines tüchtigen Arztes Eigen-<lb/>schaften, ich muß es Ihnen also wohl
verzeihen, und<lb/>ich thue es um so leichter, als Sie in Ihrer
Ansicht<lb/>irren. Was kann ich hier in diesem Thale wollen,<lb/>als mich,
so gut es gehen will, vergnügen, während<lb/>meine Mutter ihre Rerven
ausruht und belebt? Was<lb/>kann ich mit dem Pater und mit Seinesgleichen
wollen,<lb/>die mir Nichts sein, Nichts bieten können, und deren<lb/>ich
vielleicht kaum mehr gedenken werde, wenn unser<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0227_224.tif" n="0224"/>
<p><lb/>Aufenthalt in Ihren Bergen nach wenigen Wochen<lb/>zu Eunde sein wird?
Ich möchte, wie Sie sich's wohl<lb/>denken können, die Zeit hier oben doch
nicht ganz<lb/>und gar verlieren! Ich uöchte sie auch für meinen<lb/>Theil
benuuzen. Und das Wesen der Klostergeistlichen<lb/>hier in der
Weltabgeschiedenheit zu studiren, finde ich<lb/>so anziehend als
unterhaltend. Wollen Sie mir das<lb/>zu einem Vorwurf machen, der Sie doch
selber ein<lb/>Beobachter sind?<lb/>,Ich hoffe dies dereinst zu werden,''
hub der<lb/>Doktor an.<lb/>Viktorine verneigte sich scherzend.,Wie
beschei-<lb/>den!' sprach sie. , Alö ob ich ed nicht sähe, wie Sie<lb/>mich
und meine Mutter und deren kleine Eigenheiten<lb/>schon jezt vollauf
durchschauen!'-<lb/>Er wollte das von sich abweisen, sie hinderte
ihn<lb/>daran. , Wozu diese gesellschaftliche und kleinliche<lb/>Ziererei?
Ist das die freie Offenheit des Mannes und des<lb/>Schweizers? Da sind Sie
mit mir in Wahrheit besser<lb/>daran! Denn wie ich Ihnen neulich sagte, Sie
würden<lb/>einen guten Kameraden an mir finden, so versichere ich<lb/>Ihnen
heute, daß ich wirklich über all Ihr Erwarten<lb/>wahrhaft sein
kann.<lb/>,Wahrhaftigkeit sezt ein ruhiges Selbstbewußtsein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0228_225.tif" n="0225"/>
<p><lb/>und viel innere Unabhängigkeit voraus, und
diese<lb/>Eigenschaften-'<lb/>, An diese Eigenschaften einer Frau zu
glauben,<lb/>hat man in Ihren Vorlesungen Sie noch nich gelehrt!r'<lb/>fiel
ihmu das Fräulein spottend ein.,Nun, Doktor!<lb/>so gönnen Sie es mir, in
diesem Falle Ihren Lehrer<lb/>vorzustellen; und ihren Lehrern pflegten die
Herren<lb/>doch von Anfang meist zu glauben und auf sie
zu<lb/>schwören.r<lb/>Er betheuerte, daß er bereit sei, ihr zu
glauben,<lb/>was sie auch von sich behaupten möge.<lb/>,Auch wenn ich Nebles
von mir sage? fragte sie.<lb/>,,Aluch dann,'' entgegnete der Doktor, der
im<lb/>Augenblicke völlig unter dem Banne ihrer Reize und<lb/>ihrer
spielenden Gefallsucht stand. ,Euch dann - -- vor-<lb/>ausgesezt, daß Sie es
mir gestatten, Sie gegen sich<lb/>selber zu vertheidigen.''<lb/>,,Gut denn!
So will ich's Ihnen nuur gestehen:<lb/>ich erkenne im Grunde auf der Welt
Nichts an als<lb/>nur mich selbst. Ich und mein Vergnügen, ich und<lb/>mein
Zeitvertreib und mein Behagen sind, wenn ich's<lb/>recht bedenke, mein
alleiniger Zweck, mein einziges<lb/>Ziel -=e<lb/>F. Lewald, Benedikt.
1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0229_226.tif" n="0226"/>
<p>2e<lb/>,Aber Sie sind großmüthig, Sie sind freigebig!?<lb/>fiel ihr der
Doktor ein.<lb/>,, Weil ich Nichts dadurch entbehre, weil ich gern<lb/>in
fröhliche Gesichler sehe und weil ich's liebe, wenn<lb/>man meiner gern und
ehrewvoll gedenkt. ?<lb/>,Mein Fräulein!'- rief der Doktor, der sich
in<lb/>diese Art von Ehrlichkeit nicht finden konnte, weil er<lb/>einer
solchen, das fremde Urtheil völlig geringschätzenden<lb/>Selbstüberhebung
nie zuvor begegnet war, , wie<lb/>mögen Sie so sprechen! Sie wären doch
nicht fähig,<lb/>einem Anderen weh zu thun-=--<lb/>,, llm mein Wohlbehagen
zu befördern?-- er-<lb/>gänzte sie mit dreistem Sinne.,Das weiß ich
noch<lb/>nicht; das müßte ich erst erfahren und erproben.'?<lb/>Er stand vor
ihr, um eine Antwort offenbar<lb/>verlegen. Er wußte in der That nicht, was
er von<lb/>ihr denken sollte.<lb/>Dak machte ihr erst rechte Freude. , Sehen
Sie<lb/>wohl, Doktor! sprach sie, ,daß von mir gar Mancher-<lb/>lei zu
lernen ist und daß es in dem Herzen und dem<lb/>Geiste der Frauen, die Ihr
Herren sammt und sonders<lb/>alö das schwächere Geschlecht behandelt, von
dessen<lb/>weicher Gefühls-Seligkeit Ihr zu spechen liebt, als<lb/>häitet
Ihr daö Sein und Wesen jeder Einzelnen ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0230_227.tif" n="0227"/>
<p><lb/>wogen und erfrrscht,-- daß es unter uns Frauen harte,<lb/>egoistische
und kalte Herzen mit heißen und doch klaren<lb/>Köpfen gielt, von denen Eure
Philosophen sich Nichts<lb/>träumen lassen, weil solche Frauen es nicht eben
nöthig<lb/>finden, sich dem Bereich kurzsichtiger Gelehrsamkeit
zu<lb/>nahen!''<lb/>Sie lehnte sich darauuf mit gekrenzten Armen in<lb/>den
Stuhl zurück und sah in die Ferne hinaus. E<lb/>entstand eine Pause. Der
Doktor war unangenrhm<lb/>betroffen. Er fühlte sich verlezt durch die Rolle,
welche<lb/>Viktorine ihm aus hochmüüthiger Laune aufzuzwingen<lb/>dachte,
und er vermocte dem stolzen welkgewandten<lb/>Frauenzimmer gegenüber doch
nicht dak rechte Wort<lb/>zu finden, um sich vor der Neberlegenheit zu
schüzen,<lb/>die sie ihn fühlen lassen wollte.<lb/>Indeß sie kam ihm noch
einmal zuvor. Mit<lb/>jenem Lächeln, das wie ein warmer Sonnenstrahl
den<lb/>kalten herrschsüchtigen Ausdruck ihrer Mienen weg-<lb/>schmolz,
sagte sie, indem sie sich erhebend ihre Hand<lb/>ihm auf die Schulter legte:
, nicht wahr? wir iangen<lb/>Nichts, wir Frauen aus der großen Welt? und
Sie<lb/>werden nicht einmal glauben, daß man mir glauben<lb/>dürfe?-- Das
ist noch ein Glück! Denn was finge<lb/>ich nun an, hier, wo wir auf Sie
angewiesen sind,<lb/>,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0231_228.tif" n="0228"/>
<p>L2R<lb/>wenn Sie mich nicht für meine eigne Verläumderin<lb/>halten wollten?
wenn Sie all das Schlechte wirklich<lb/>von mir dächten, das ich mir eben
nachgesagt habe?<lb/>---- Haus und Hof müßten Sie ja vor mir
verschließen,<lb/>Mutter und Schwester vor mir warnen; den
Pater<lb/>Theophilus bitten, mit einem Exorcismus Ihrem Hause<lb/>zu Hülfe
zu kommen! Und daß Sie mir noch kein<lb/>Apage zugerufen haben, das ist es
eigentlich, was<lb/>mich am meisten wundert!'=-<lb/>Sie hatte sich damit,
unruhig wie sie es bis-<lb/>weilen troz ihrer guten Manieren sein konnte,
wieder<lb/>in den niedrigen Sessel fallen lassen, der auf der<lb/>offenen
Gallerie stand, und warf mi rascher Hand<lb/>die langen schwarzen Locken von
der erhizten Stirn<lb/>zurück. Der Doktor lehnte ihr gegenüber an
einem<lb/>der Pfeiler, auf welchen das Vordach ruhte. Er hatte<lb/>die Arme
über einander geschlagen und betrachtete sie<lb/>noch einmal mit
unverwandtem Blick,<lb/><lb/>»K<lb/>Das fiel ihr lästig. ,Nun? und was
nun?<lb/>fragte sie ihn plözlich.<lb/>Er hatte sich inzwischen gesammelt und
gefaßt.<lb/>,Apage! werde ich nicht rufen! sagte er, ,doch habe<lb/>ich
Ihnen in der That zu danken für die Lektion, die<lb/>an mir nicht verloren
sein
soll.r'<lb/>A<lb/>z<lb/>s<lb/><lb/>s<lb/>-I<lb/>A<lb/>T<lb/>F<lb/>T<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0232_229.tif" n="0229"/>
<p>L9<lb/>,Sie sind entschlossen, sich vor mir zu hüten?<lb/>meinte
Viktorine.<lb/>, Ich glaube, daß man das sehr nöthig hat!' ent-<lb/>gegnete
er ihr.<lb/>, Sehen Sie, Doktor! wie schnell wir vorwärts<lb/>kommen!' sagte
sie mit einem Tone, dem der Doktor<lb/>eine leise Empfindlichkeit anzuhören
meinte. ,Frei-<lb/>muth gegen Freimuth ! Dad ist der Weg zu jener<lb/>guten
Kameradschaft, die ich uns prophezeite.-- Aber<lb/>lassen wir den Scherz auf
sich beruhen. Sie sind<lb/>ernsthaft geworden und ich bin es auch!'?<lb/>Sie
erhob sich wieder, lehnte sich neben ihm über<lb/>die Brüstung der Gallerie,
sah eine Weile in das<lb/>Thal hinaus und sagte dann mit einer Ruhe, die
den<lb/>jungen Mann fast noch mehr überraschte als die Scene,<lb/>die sie
ihn eben hatte durchleben lassen: , Sie ahnen<lb/>es gar nicht, Doktor! wie
das Leben, das wir führen,<lb/>wie die Gesellschaft, in der ich mich bewege
und in<lb/>welcher ein Jeder Anspruch an unser Einen macht,<lb/>die Nerven
überreizt und das Gefühl abstumpft. Mir<lb/>selber bin ich so wenig
überlassen, daß ich selten ein-<lb/>mal die Zeit gewinne, an mich selbst zu
denken, mich<lb/>auf mich selber zu besinnen.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0233_230.tif" n="0230"/>
<p>1<lb/>== D?<lb/>, Daß Sie nicht zufrieden mit Ihren Lebena-<lb/>8-.- ---- das
grade häite ich nicht vermuthet!'-<lb/>-.-ssP<lb/>b» d Sz- sssz d.<lb/>fiel
der Doktor ein. , Sie sehen sehr gesund aus,<lb/>und scheinen uir
vollkommnen mnit sich Eins zu sein.<lb/>s,zfp<lb/>--- - d=-, daß ich noch
nicht richtig zu<lb/>a..<lb/>beobacten in Stande bin. ?<lb/>, Ic scheine
gesund und scheine zufrieden !<lb/>wiederholte sie. ,Es ist eben All.ä
Schein, was uns<lb/>nmgiekt, und man hat sogar die Aufgabe, ja die
Pflicht,<lb/>dasjenige zu scheinen, wrfür uns zu halten es den<lb/>9s-zR.s-
-<lb/>----- .n belielt. -- Ich wollte, Sie kennten die
Welt,<lb/>wie<lb/>der<lb/>uttt<lb/>der<lb/>ich sie kenne! --- Utter dem
Scheine der Freudr,<lb/>Gasundheit sind wir Alle krank!
gemüthskran!--<lb/>es richtig zu bezeichnen! Und s gelangweilt
von<lb/>llebersättigung! so müüde von dem Suchen nach<lb/>irgend Etwas, das
uns freuen könnte!''<lb/>Ud alermals brach sie in ihrer Rede
plözlich<lb/>ab. Der Doktor sah sie wie eine unerwartete
Natur-<lb/>erscheinung an. Sie kam ihnt wirklich wie gemüths-<lb/>krank vor,
er wußte sie in seine bisherigen Erfahrungenu<lb/>und Vorstellungen nirgend
einzureihen und daß<lb/>sie immner jo unerwartet abbrach, das machte sie
ihm<lb/>-- « ---- --==--atlich. EI war ihm deshalb sehr<lb/>f: d isspli i
»sItei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0234_231.tif" n="0231"/>
<p>t<lb/>willkommen, daß seine Mutter nach ihm scickte und<lb/>daß diese
Unterredung, deren Zweck und Ursrche er<lb/>nicht begreifen konnte, so ihr
Ende fand.<lb/>Vitturine hingegrn war vurdrieflich, alö er sir<lb/>verließ.
Was sie eigentlich gewollt, was sie in Sinne<lb/>gehalt mtit Allem, was sie
gegen Pater Therphil und<lb/>zegen den Doktor ausgesprochen hatte, das zu
sagen,<lb/>der e? sich se!ler zu erkläärrn, wäre sie kaunm im<lb/>Stande
gewesen.<lb/>Sie hatte, wie es ihre Art war, einem Einfall,<lb/>einer Laune
maßlos naehgegeben. Da« - -= -b.-<lb/>K .b»- ßss<lb/>immerfvrt Aufsehen und
Bewunderung zu erregen,<lb/>hatte sie allmälig dahin gebracht, sich vor
jedem Manne<lb/>in einer ihn überraschenden Nolle darzustellen, und
e?<lb/>konnte ihr deöhalb leicht begegnen, daß sie sich in der<lb/>Wahl
derselben in Bezug auf ihr Publikum, oder<lb/>auch in der Behandlungsweise
ihreö Themas gelegent-<lb/>lich vergrif. Sie ging dann in solchen Fällen
regel-<lb/>mäißig weiter, alö sie ek gewollt hatte, oftmalö weiter,<lb/>als
ihr Gegenüler e vertragen lonnte; und widrr<lb/>ihren Wilien that sie bei
solchen geflissentlichen Ent-<lb/>hüllungen ihrer vermeintlichen Seelengröße
und<lb/>Driginalitäät mitunter Blicke in ihr eigentiiche? Wesen,<lb/>vor
denen sie umwillkürlich zusamnenschreckte, und die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0235_232.tif" n="0232"/>
<p><lb/>sie für den Moment jene Seelenleiden in der That<lb/>annähernd empfinden
ließen, mit denen sie sich der<lb/>AbwechAlung wegen gelegentlich zu
schmücken liebte.<lb/>Sie fühlte sich dann ein paar Stunden lang
sehr<lb/>unbefriedigt, ihr bangte vor ihrer Nebersättigung.
ihr<lb/>schauderte vor dem, was- wie sie es dann zu be-<lb/>nennen liebte --
Dämonisches in der Tiefe ihrer Seele<lb/>nach Befriedigung und Freude
lechzend, in ihr ver-<lb/>borgen lag; ja sie konnte Thränen des Mitleids
ver-<lb/>gießen über sich und über ihr Geschick, das es ihr<lb/>nicht
vergönnt hatte, schon in früher Jugend in sanfter<lb/>Liebe still beglückt,
ein unbeachtetes Dasein harmlos<lb/>zu genießen.<lb/>Sie gefiel sich aber
niemals besser, als in dieser<lb/>Rührung, sie sah auch niemals schöner aus,
als in<lb/>der vorübergehenden Ermattung, welche ihren
seelischen<lb/>Seiltänzereien folgte, und sie würde auch heute
dieses<lb/>geistigen Genusses theilhaftig geworden sein, hätte sie<lb/>sich
nicht sagen müssen, daß sie den Doktor nicht be-<lb/>zaubert, nicht
gewonnen, sondern durch ihre Neber-<lb/>treibung achtsam auf sich selbst
gemacht, nnd ihn gegen<lb/>sie ernüchtert habe.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0236_233.tif" n="0233"/>
<p>Sechsschntes Cpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0237_234.tif" n="0234"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0238_235.tif" n="0235"/>
<p>- Doktor ließ sich an dem Abende nicht wieder<lb/>erblicken, und das quälte
Viktorine. Ihr verlangte<lb/>danach, den Mißton auszugleichen, sie wollte
nicht,<lb/>daß man in dem Hause ohne die ihr nöthige und ge-<lb/>wohnte
Bewunderung von ihr spräche, und weil ihre<lb/>Wirthsleute ihr gesagt
hatten, wie ihr Gesang des<lb/>Are Kuritu an dem Abende nach ihrer Ankunft
ihnen<lb/>das Herz bewegt habe, sezte sie sich an das Instrument<lb/>und
sang die schöne Melodie mit meisterhaftem<lb/>Vortrag.<lb/>Aber von der
Wirthin Fanuilie kam Niemand<lb/>mehr zum Vorschein und erst am folgenden
Morgen,<lb/>als er sich nach ihrer Mutter Befinden zu erkundigen<lb/>hatte,
sah sie den Doktor wieder.<lb/>Sie zigte sich so sanft und heiter, daß sie
der<lb/>Viktorine von gestern selbst in ihrem Aeußeren kaum<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0239_236.tif" n="0236"/>
<p>We<lb/>ähnlich sah, und ohne des Doktors Ansprache abzn-<lb/>warten, drückte
sie ihm, nachdem er die weitläufigen<lb/>Auseinandersezungen der Baronin auf
das Neue an-<lb/>gehört hatte, ihr Wohlgefallen an den Thale aus.<lb/>,,Es
ist etwas Geheimnißvolles in diesem eng<lb/>umgrenzten Stückchen Erde,''
sagte sie, ,es hat etwas<lb/>wunderbar Beruhigendes. Ich war gestern
einmal<lb/>recht tief aufgeregt. Sonst klingt dad in mir oft viele<lb/>Tage
nach. Heut ist Alles so still und licht in mir,<lb/>daß ich meine, es sei
auch immer so grwesen. Ich<lb/>mache überhaupt hier lauter mir neue
Erfahrungen.<lb/>In der Stunde unserer Ankunft erauickte mich die<lb/>Stille
des Thalek, entzückte mich der Gedanke, hoch<lb/>über den Häuptern der
anderen Erdbewohner zu athmen,<lb/>und drm gewohnten Alltagsleben und den
Alltags-<lb/>menschen so weit entrückt zu sein. Am zwweiten, am<lb/>dritten
Tage überfiel es mich wie eine Angst. Die<lb/>Berge rückten mir zusammen wie
Gefängnißmauern.<lb/>Ich stellte mnir vor, daß ich hier bleiben, hier
sterben,<lb/>daß ich, um des Dichters Wort zu brauchen, aus dieseö<lb/>a
hales Gründen den Ausgang nicht mehr finden würde;<lb/>ich konnte diese
Angst selbst vor meiner Mutter kaum<lb/>geheim halten, und jetzt--e'<lb/>,
Und jezt? fragte der Doktor.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0240_237.tif" n="0237"/>
<p>D?<lb/>, Jezt legt sich die Stille wie ein Zauber mild<lb/>um meine Sinne und
um meine Seele. Sie spinnt<lb/>mich in sich ein, sie bestrickt mich wider
meinen Willen.<lb/>Noch vor wenig Tagen dachte ich: wie traurig ist
diese<lb/>Snge! wie tödtend muß diese Gleichförmigkeit des<lb/>Lebens hier
auf die Dauer sein! wie ohnmächtig er-<lb/>scheint der Mensch in dieser
Größe der Natur! Wie<lb/>nichtig und gleichgültig ist Alles, was dem
einzelnen,<lb/>rasch vergänglichen Menschen in der kleinen
Gemeinde<lb/>begegnet und geschieht, die sich hier in den uralten,<lb/>durch
Jahrtausende bestehenden Gebirgen wie ein<lb/>Ameisenvolk zusammengefunden
hat.?<lb/>,, Ach!' seufzte die Baronin,,das ist es ja eben,<lb/>daß Du Dich
des Denkens nicht entwwwöhnen kannst,<lb/>daß Du nicht einfach das Vertrauen
gewinnen kannst,<lb/>wie wir Alle nur Eintagsfliegen sind vor des
All-<lb/>mächtigen Auge, der doch kein Haar auf unserm<lb/>Haupte ungezählt
läßt; und vor dem es Thorheit ist,<lb/>an sich selbst zu denken, da seine
weise Hand une<lb/>Freud' und Leid, das Leben und das Sterben
vor-<lb/>bestimmt hat, ehe wir noch waren! Aber glauben<lb/>Sie auch
wirklich, lieber Voktor!r sezte sie ängstlich<lb/>D.-<lb/>htnzu. ,daß es bei
nir mit dem Druck hier in der<lb/>rechten Schläfe im Ernste Nichts zu sagen
hat?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0241_238.tif" n="0238"/>
<p><lb/>--b--- das Geringste! betheuerte der Doktor.<lb/>As.s<lb/>Viktorine
konnte sich eines Lächelnö nicht er-<lb/>wehren. Die Mutter war ihr immer
komisch, wenn<lb/>sie sich im Glauben emporzuschwingen unternahm,<lb/>denn
sie verstieg sich dabei meist auf falschem Wege,<lb/>fie warf auch in der
Regel wie in einem Kaleidoskop<lb/>wahllos durcheinand er, was sie an
religiösen Phrasen<lb/>eben so wahllos aufgelesen hatte; und Viktorine
be-<lb/>merkte also, ohne sich durch die ermahnende Zwischen-<lb/>rede der
Baronin in ihrem früheren Gedankengangr<lb/>irgendwie stören zu lassen, wie
sie erst jezt und ganz<lb/>allmälig, zu einem Gleichgewichte in dieser ihr
neuen<lb/>und fremden Welt gelange, wie sie das Thal zu<lb/>lielen
beginne.<lb/>, Sett ich durch Sie und durch den Pater mehr<lb/>und mehr die
Bedingungen kennen lerne, unter<lb/>welchen diese kleine Gemeinde hier lebt,
seit ich von<lb/>der und jener Familie irgend etwas Näheres
weiß,<lb/>beshäftigt mich daä Alleö! sagte sie.,Ich male es<lb/>mir mit
Wohlgefallen aus, wie leicht es hier sein<lb/>müüßte, mit verhältnißmäßig
geringen Mitteln sehr<lb/>Wesentliches zu leisten; ich stelle mir vor, wie
es hier<lb/>in den verschiedenen Häusern und in den Herzen
ihrer<lb/>Bewohner anssehen mag. Ich betreffe mich darauf,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0242_239.tif" n="0239"/>
<p>9<lb/>daß ich an das Schicksal der Familie Anschafft, an<lb/>Frau Jakobäa
denke. Ich finde es merkwürdiger und<lb/>sie selbst eigenartiger als die
Geschichten und die<lb/>Menschen, die mir zu Hause wichtig erschienen
sind.<lb/>Ich möchte Jakobäa'ö starren Sinn erweichen; und<lb/>ich frage
mich daneben, ob eö ihrem schönen Sohne,<lb/>den die Natur so sehr bevorzugt
hat, denn lebenölang<lb/>genügen kann, hier in seiner weltentlegenen
Kloster-<lb/>kirche Jahr ans Jahr ein imm er ntr Gebete zn<lb/>sprechen,
Knaben zu unterrichten, und mit seiner un-<lb/>vergleichlichen Stimme das
Adoramus zu singen.<lb/>,Ihre Gedanken heften sich an dieses Thal,
wie<lb/>sich ein Hebel an den Steinllock legt, den er aus<lb/>seinr Nuhe und
von seinem alten Plaze fortlewegen<lb/>möchte,' meinte der T ktor, , und ich
finde also in ge-<lb/>?.<lb/>wissem Sinne in Ihnen einen Bundrsgenossen,
denn<lb/>es ist allerdings gar Vieles zu schafen und Mancherlei<lb/>zu thun
hier unter uns, das für uns Alle sehr von<lb/>Nuyen wäre. Auf die
geistlichen Herren hat man<lb/>dalei aler ein für alle Male nicht zu zählen,
die muß<lb/>man lassen, wie sie sind, vom Herrn Abt bis hinab<lb/>zum
Jüngsten, dem Pater Benedikt. ?<lb/>Die Wirthin kam, dem Sohne zu sagen, es
sei<lb/>ein Bote aus dem Kloster da, der Abt verlange ihn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0243_240.tif" n="0240"/>
<p>L40<lb/>zu sprechen. Der Doktor schickte sich zum Aufbruch<lb/>an. Als er
sich schon empfohlen hatte und der Thüre<lb/>zuschritt, sagte Viktorine:,Sie
sprachen vom Pater<lb/>Benediktus; kommt der niemals in Ihr Haus und<lb/>nie
zu seiner Mutter? Ich bin ihm seither nur ein<lb/>einzig Mal begegnet, als
wir den Mittag von dem<lb/>Herrn Abte kamen.r<lb/>,,Die jungen Mönche gehen
selten ganz allein<lb/>aus , antwortete ihr der Doktor. ,Ich traf
ihn<lb/>jedoch schon zweimal in der Morgenfrühe lesend drüben<lb/>auf der
Klostermatte an, und ging mit ihm hinab.?<lb/>Damit verließ er sie, um sich
nach dem Kloster<lb/>und zu dem Abte zu begeben. Es war ihm aber
gar<lb/>nicht lieb, daß er gerufen wuurde, ehe er sich selbst<lb/>gemelhet
hatte. Er wußte, mit wie großer Strenge<lb/>der Abt auf seine Würde und auf
die Ehrfurchts-<lb/>bezeugungen hielt, mit welchen man den Aebten
des<lb/>Klosters in dem Thale von alten Zeiten her gehuldigt<lb/>hatte, und
der Doktor brauchte für seine Zwecke eben jezt<lb/>die Geneigtheit des
Klosters, und des Abtes gutenWillen.<lb/>Auch war es in der That ein
Vorwurf, mit dem<lb/>der Abt den Doktor ansprach, als dieser mit dem
ehr-<lb/>erbietigen Gruße, der dem früheren Klosterschüler<lb/>ziemte, vor
ihn hintrat.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0244_241.tif" n="0241"/>
<p>L41<lb/>,, Nun!'' sprach der Abt, indem er ihn mit seinem<lb/>Blicke mas.
,nnn, Herr Doktor, muß ich Sie erst<lb/>holen lassen? Die weiten Wege, auf
denen Du um-<lb/>hergekommen bist, und die neuen Lehrer, die Du<lb/>gehabt
hast, haben Dich, wie es scheint, den Pfad zu<lb/>jener Stäitte nicht gleich
wieder finden lassen, an der<lb/>man Deine ersten Schritte leitete und
überwachte; und<lb/>man hat Dich, wie es scheint, gelehrt, Deine
ersten<lb/>Lehrer zu vergessen.?<lb/>Die herrische und hochfahrende Art des
sonst<lb/>nicht eben herausfordernden Abtes verletzte den Dokter;<lb/>indeß
genöthigt ihn hinzunehmen, entschuldigte er sich<lb/>mit seinen
Obliegenheiten wegen der anscheinenden<lb/>Versäämniß, und sprach dabei die
Hoffnung ans, daß<lb/>es krin ebelbefinden des hochwüürdigen Herrn
sei,<lb/>welches ihm die Ehre verschafft habe, zu ihm beschieden<lb/>zu
werden.<lb/>, Nein! versezte der Abt, ,ich bin Gottlob noch<lb/>immer rüstig
und wir bedürfen in unserm Kloster<lb/>neben dem Pater Medikus auch keines
anderen Arzte?.<lb/>Nur Deiner Neuerungen wegen habe ich mit Dir
zu<lb/>sprechen.?<lb/>Diesem Tone gegenüber fiel dem selbstständigen<lb/>F.
Lewald, Benebikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0245_242.tif" n="0242"/>
<p>Dd 1 H<lb/>Manne die Unterwerfung schwer, doch sagte er, er<lb/>sehe zu
Bfehl.<lb/>Der Abt ließ sich Zeit. Er nahm langsam eine<lb/>Prise auö der
Dose, die er in der Hand hielt und<lb/>s rach darauf: ,Wie die Verhältnisse
sich nun ein-<lb/>mal unter Gottes Zulassung in unserm Lande
gestaltet<lb/>haben, steht mir freilich kein eigentliches Recht mehr<lb/>z,
darüber zu entscheiden, was der Besizer hier im<lb/>Thale mit und auf seinem
Grund und Boden machen<lb/>will, sofern des Klosterö und der Gemeinde
Wohl-<lb/>f hrt nicht dadurch geschädigt wird. Deine Mutter<lb/>war also
befugt, so wie sie es gethan hat, ihr Gast-<lb/>haus zu erweitern, ein neues
zwweites Gasthaus auf<lb/>ihrem Grund und Bdden zu erbauen, und es
den<lb/>Bedürfnissen der Reisrnden anzupassen, welche unsere<lb/>Berge jept
durchziehen. Mich will jedoch bedünken,<lb/>ehe Du daran gingst, hier eine
Kuranstalt zu be-<lb/>gründen, hätte es sich gebührt, darüber zum
wenigsten<lb/>d Klosters Rath und Meinung einzuholen.r?<lb/>Der Doktor
wollte auffahren, nahm sich jedoch<lb/>zusammen. , Hochwürden, sagte er
ruhig, aler sehr<lb/>btimmt, ,haben mir ebeu selbst eingeränmt,
daß<lb/>Jedermann berechtigt sei. hier sein Gewerbe nach<lb/>eigenem
Ermessen zu betreiben; und ich vermag nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0246_243.tif" n="0243"/>
<p>D i ?<lb/>einzusehen, wie es dem Kloster oder der Gemeinde<lb/>Nachiheil
bringen könnte, wenn meine Kranken zeit-<lb/>weise unter meinem Dache zu
verweilen nöthig finden. ?<lb/>, Und doch ist es unsere Rnehe, unser
Frieden,<lb/>welche Dein Unternehmen hier bedroht. Wir
waren,<lb/>ada-<lb/>=-- weißt es, die ersten Ansiedler in diesen
Bergen;<lb/>das Thal wurde dereinst durch Schenkung unser
freiek<lb/>Eigenthum. Was es an v-=-r besizt, verdankt
es<lb/>EFzsls--<lb/>uns. Wa wir hier suchten: Welt.bgeschiedenheit
für<lb/>uns, und Nuhe für die Schüler unseres Hausek, die<lb/>besaßen wir
noch bis auf diesen Tag, obschon und die<lb/>Machtvollkommenheit über das
ahal und die Ge-<lb/>meinde, welche sich, Dank unserer
vielhundertjährigen<lb/>Hilfsbereitschaft, um unser Kloster und um uns
ge-<lb/>ildet hat, mit unberechtigter Willkür entzogen wsord en<lb/>ist.
Aber diese unsere heilige Nuhe wird gestört, dne<lb/>Siiteneinfalt der
Gemteinde wird vernichiet werden,<lb/>wenn sich hier ein Kurout bilde!; wenn
die Lster der<lb/>müßigen Weltlust sich hier oben Spielranmu
suchen<lb/>kommen, wenn böses Beispiel aller Art dem Sinne<lb/>der uns hier
anvertrauten Voglinge den Ernst und<lb/>die Vertiefung<lb/>Er
hielt<lb/>klugen Augen<lb/>rauht. ?--<lb/>inne, nahm eine neue Prise und
die<lb/>d-sz s,Isz<lb/>unter den feinen noch imme - --<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0247_244.tif" n="0244"/>
<p>1<lb/>Branen auf den Doktor gerichtet, sagte er: ,Die Liebe<lb/>für Deine
Heimaih, der Dank, den Du unserer Anstalt<lb/>schuldest, hätten Dich von
selber zu selcher Neber-<lb/>legung führen sollen, hätten Dich in jedem
Falle be-<lb/>ftimmen müssen, vor allem Anderen unsere Meinung<lb/>über Dein
Uniernehmen einzuholen.?<lb/>Der aoktor hatte den Abt, wie es sich
gebührte,<lb/>ruhig zu Ende sprechen lassen und während dessen<lb/>Zeit
gehalt, sich die rage rorzulegen, wwohinaus<lb/>derselbe wolle. E? lag nicht
in der Taktik des<lb/>Klosters, Streitigkeiten anzuregen, bei denen es,
wie<lb/>in diesem Falle, sicher sein konnte, nicht den Sieg<lb/>davon zu
tragen. Man mußte also etwas Besonderes<lb/>im Sinne haben; und weil es für
den Doktor durch-<lb/>aus geboten war, sich das Wohlgefallen der
geistlichen<lb/>Herren zu erhalten, erwiderte er mit schicklicher
Höflich-<lb/>keit, es freue ihn, versichern zu dürfen, daß Hoch-<lb/>würden
ihm Unrecht thäten.<lb/>,Es war nicht rücksichtslose Selbstsucht,
Hoch-<lb/>würden! nicht allein mein Vortheil, sagte, er,
,sondern<lb/>vielmehr Vorsorge für die Heimath, die mich bei<lb/>meinrm
Plane leitete. Unser Thal ist arm an Erwerbs-<lb/>auellen; alljährlich
verlassen uns tüchtige Burschen,<lb/>um als Söldner in Nom und Neapel
Dienste zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0248_245.tif" n="0245"/>
<p>1<lb/>nehmen; und wie sie von dort wiederkehren, daran<lb/>hale ich
Hochwürden zu erinnern ja nicht nöthig.<lb/>Industrien, wie sie an manchen
anderen Theilen<lb/>unseres Landes mit Erfolg betrieben werden,
halen<lb/>bei unö nicht Wurzel schlagen wollen; ich aber bin<lb/>gewiß, mit
meinem Unternehmen nicht nur den Wohl-<lb/>stand der Gemeinde wesentlich zu
fördern, ich hale<lb/>vielmehr gehofft, daß die Begründung eines
klima-<lb/>tischen Kurorts hier in unsermt Thale auch dem<lb/>Kloster
allmäälig manchen Nuzen bringen könnte.<lb/>Schon jetzt möchte ich von
Hechwürden ein Zu-<lb/>geständniß fordern, dessen Gewährung das
Kloster<lb/>vielleicht in seinem Vortheil finden dürfte.<lb/>,Was soll das
heißen? fragte ihn der Abt.<lb/>,as Klosterland, das gegen Morgen hin
zuu-<lb/>nächst an unsere Häuser stößt,'' sagte der Doktor, , ist<lb/>völlig
unfruchtbar; mir aber wäre es eben um seiner<lb/>Trockenheit willen für
meine Zwecke passend. Ich<lb/>muß in direkter Verbindung mit den Häusern
einen<lb/>bedeckten Wandelgang für meine Gäste schaffen, unter<lb/>dessen
Dach sie auch an nassen Tagen im Freien sizen<lb/>und umhergehen können. Die
Baronin Landesheimer<lb/>geht mich darum an, diesen Gang so rasch als
mög-<lb/>lich herstellen zu lassen, und ich würde Hochwürden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0249_246.tif" n="0246"/>
<p>L16<lb/>sehr verpflichtet sein, wenn Sie mir dort einen mäßigen<lb/>Streifen
Landes für diese Einrichtung zu überlassen<lb/>sich entschließen
wollten.'<lb/>Der Abt antwortete ihm nicht gleich darauf, seine<lb/>Miene
war jedoch heller, sein Blick freundlicher<lb/>geworden. , Wo hast Du denn
die Baronin kennen<lb/>lernen? fragte er.<lb/>Der Doktor war überzeugt, daß
der Abt oder<lb/>Pater Theophilus dies und vieles Andere schon durch<lb/>die
Baronin selbst erfahren hatten. Man mußte also<lb/>noch etwas Besonderes
über sie zu wissen wünschen,<lb/>etwas Anderes als sie von sich ausgesagt
und als der<lb/>Empfehlungsbrief des Bischofs von ihr gemeldet
hatte.<lb/>Der Doktor fing deshalb zu vermuthen an, daß er<lb/>zu dem Abte
nur beschieden worden sei, um irgend<lb/>eine Auskunft über die Fremden zu
ertheilen.<lb/>Er berichtete also, was er aus den Mittheilungen<lb/>des
Professors wie aus den Gesprächen mit den<lb/>Frauen selbst, über sie und
ihre Lebenöstellung<lb/>Günstiges vernommen hatte. Er ließ, als des
Abtes<lb/>Fragen ihm den Anlaß dazu boten, es nicht un-<lb/>erwähnt, daß die
Baronin bereits verschiedene ihrer<lb/>Bekannten aufgefordert habe, ihr in
daö Gebirge<lb/>nachzukommen; und selbst der großen Wohlthäätigkeit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0250_247.tif" n="0247"/>
<p>2?<lb/>derselben, wie der auf das Thal bezüglichen Aeußerungen<lb/>ihrer
Tochter, versäumte er nicht zu gedenken.<lb/>Der Abt nickte mit dem
Kopfe.,Dder Reiz der<lb/>Neuheii,' sagte er. ,Schlimm nur, daß solche
Ein-<lb/>fäälle vergehen wie sie entstanden sind, und daß sie<lb/>Nichts
erschaffen, wenn sie nicht von starker Hand er-<lb/>grifen, von einem
bedächtigen Verstande festgehalten<lb/>und der Ausführung entgegengebracht
werden. Aber<lb/>seze Dich, mein Sohn! Du bist wohl heute
schon<lb/>umhergegangen und wirst müde sein.r?<lb/>Der Doktor, der es
natürlich kränkend gefunden<lb/>hatte, daß der Abt ihn bisher während der
ganzen<lb/>Unterredung hatte stehen lassen, sezte sich nieder, ohne<lb/>auf
die lezten Bemerkungen irgend Etwas zu ent-<lb/>gegnen. Er hatte in der
Schule der geistlichen Herren<lb/>uoch me hr von ihnen gelernt, als nur die
Disciplinen,<lb/>in denen sie ihn unterrichtet hatten. Er verstand
eö,<lb/>sich zu beherrschen und seine Aufwallungen seinen<lb/>Zwecken zu
unterordnen. Das nöthigte den Abt,<lb/>seinem Ziele auf eigenem Wge nahe zu
lomien.<lb/>, Dn scheinst Zutrauen zu den Fremden zu hegen,''<lb/>sagte er,
,und ich will wünschen, daß Deine Er-<lb/>wartungen Dich nicht trügen. I
jedem Falle wirst<lb/>Dn, und Du allein die geistige Verantwortung
dafiür<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0251_248.tif" n="0248"/>
<p>L48<lb/>zu tragen haben, wenn Nachtheile für das Kloster<lb/>und für die
Gemeinde aus Deiner Unternehmnng hier<lb/>erwachsen; wie Dir anderseits das
daraus möglicher<lb/>Weise enstehende Gute anzurechnen sein würde.
Du<lb/>wirst es voraussichtlich in Händen haben, den Sinn<lb/>der Fremden
unserm Thale und unserem Hause in<lb/>Dankbarkeit geneigt zu machen, und es
würde weise<lb/>sein, wenn Du dieses thätest. Wie lange meinst Du,<lb/>daß
die Kurzeit Deiner Gäste bei unö währen sollR<lb/>Der Doktor überhörte das
in diesem Falle be-<lb/>dentungsreiche , bei unö alsichtlich. Er wußte
jezt,<lb/>worauf es algesehen war.<lb/>, Die Dauer des Verweilen, ! sagte
er, ,wird<lb/>bei jedem Kranken nach der Wirkung zu bemessen<lb/>sein,
welche ich mir für sein Nebel von dem hiesigen<lb/>Aufenthalte versprechen
darf. Indeß um die Kranken<lb/>auch in der vorgeschrittenen Jahreszeit mit
Nuzen<lb/>festzuhalten, bedarf ich eben des Terrains, von dem<lb/>ich
Hochwürden schon vorhin gesprochen habe.<lb/>,Du weißt,' gab ihm der Abt
zurück,,ich ver-<lb/>äußere kein Klosterland, und dürfte es auch
nicht<lb/>thun.'<lb/>, Ich weiß es, Hochwürden! Indeß hilfreich,
wie<lb/>nach Hochwürdens eigenen Worten das Kloster sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0252_249.tif" n="0249"/>
<p>L49<lb/>feit Jahrhunderten der Gemeinde angenommen hat,<lb/>giebt es mir
hoffentlich im Interesse der Gemeinde<lb/>den kleinen Streifen Landes gegen
einen guten Jahres-<lb/>zins in Pacht; und daß die Kranken, die hier
Heilung<lb/>finden, dem Kloster nicht gern dankbar sein sollten,<lb/>scheint
mir gar nicht möglich. !<lb/>Der Abt erhob sich, der Doktor folgte
seinem<lb/>Beispiele: sie hatten sich verständigt.<lb/>,Du hast den
Unternehmungsgeist Deiner Mutter<lb/>geerbt, sagte der Abt, ,und rascher
Sinn und Um-<lb/>sicht sind auch Gottesgaben. Wie wir sie benutzen,<lb/>das
ist unsere Sache. Das Kloster wird Dir also bei<lb/>Deinem Vorhaben nicht
entgegen sein, und ich will<lb/>hoffen, daß Du dessen denkst und daß man es
uns<lb/>dankt. Sprich mit unserm Vogte wegen Deiner Sache,<lb/>und mit dem
Pater Almosenier berathe Dich über<lb/>dasjenige, was sich für unsere Armen
etwa thun<lb/>ließe.<lb/>Der Doktor drückte dem Abte seine
Erkenntlichkeit<lb/>aus und empfahl sich dessen fernerer
Geneigtheit.<lb/>Als er sich danach entfernen wollte, hielt der Abt
ihn<lb/>noch zurück.<lb/>,, Richte es der Frau Baronin aus, mein
Sohn,'<lb/>sagte er, ,daß es mich freut, ihren Wünschen und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0253_250.tif" n="0250"/>
<p>27<lb/>Bedürfnissen in Bezug auf die Colonnade entsprechen<lb/>zu können; und
melde ihr, daß ich sie morgen um<lb/>die vierte Nachmittagsstunde besuchen
will, mich von<lb/>ihrem Ergehen selbst zu überzeugen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0254_251.tif" n="0251"/>
<p>Fiehenzehnles<lb/>pitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0255_252.tif" n="0252"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0256_253.tif" n="0253"/>
<p>Gz Unrecht hatte der Abt mit der Behauptung<lb/>nicht gehalt, daß die
Errichtung einer Kuranstalt<lb/>einen zerstreuenden Einfluß auf die
Klosterschüler<lb/>haben werde; denn seit Viktorinens Ankunft war
dad<lb/>fremde Fräüulein in den Arbeitssälen der Schüler, wie<lb/>auf dem
Spielplaz und bei den Spaziergängen, der<lb/>Gegenstand der Unterhaltung und
der Neugier.<lb/>Die Einen hatten erzählen hören, daß sie gleich<lb/>in der
ersten Stunde Geld im Thale ausgetheilt habe,<lb/>die Andern hatten sie
unter einem Baum auf einem<lb/>rothen Teppich sizen sehen, die Dritten waren
ihr<lb/>begegnet, wie sie in langem Kleide, auf ihrem schön<lb/>geschmückten
Saumthiere nach einem der Höhenpunkte<lb/>hinaufgeritten war, und wieder
Andere waren an des<lb/>Doktors Hause vorübergekommen und hatten
sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0257_254.tif" n="0254"/>
<p>4<lb/>singen, so schön singen hören, daß es ganz ülerirdisch<lb/>anzuhören
gewesen war.<lb/>Wer sie erblickt, oder irgend Etwas von ihr ver-<lb/>nommen
hatte, ward darum beneidet und hatte seine<lb/>Freude daran, das Einfache,
was er erlebt, bis in das<lb/>Märchenhafte zu verschönern. Wer ihr danach
be-<lb/>gegnete, wollte, selbst wenn er sich in seinen Er-<lb/>wartungen
betrogen fand, nicht weniger, sondern wo-<lb/>möglich noch etwas größere
Herrlichkeiten als sein<lb/>Vorgänger an ihr wahrgenommen haben; und da
sich<lb/>auf diese Weise der übertreibende Ehrgeiz der Knaben<lb/>in die
Sache einschlich, so geschah es, daß sich, während<lb/>sie noch unter den
Augen ihrer jugendlichen Be-<lb/>wunderer lebte, bereits ein Mythus über
Viktorine zu<lb/>bilden anfing, der weit hinausging über
Wirklichkeit<lb/>und Wahrheit, und endlich auch auf die Phantasie<lb/>der
Ordensbrüder seinen Einfluß übte. Vor Allem<lb/>war das bei Benedikt der
Fall.<lb/>Die flüchtige Begegnnng mit ihr, ihre Schönheit,<lb/>die
Lebhaftigkeit, mit der sie an ihn herangetreten<lb/>war, hatten ihn
überrascht, und die Aeußerungen, welche<lb/>Pater Theophilus über ihren
herrlichen Gesang gethan,<lb/>hatten ihn begierig gemacht, sie auch einmal
zu hören.<lb/>Alltäglich, wenn er die ihm anvertrauten Schüler in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0258_255.tif" n="0255"/>
<p>2B<lb/>das Freie zu führen hatte, war er beflissen, scinen<lb/>Weg so
einzurichten, daß er kommend oder gehend<lb/>des Doktors Haus berührte. Eö
war jedoch in dem-<lb/>selben, wenn er vorübergekommen war, immer
still<lb/>gewesen, und auch gesehen hatte er Viktorine nicht,<lb/>obschon er
nach ihr ausgespäht nach allen Enden hin,<lb/>soweit sein scharfes Auge
reichte.<lb/>Er wußte nicht, woher es also war, aber die Zeit<lb/>hatie ihr
rechtes altes Maß für ihn mit einem Male<lb/>verloren. Die Stunden kamen ihm
bisweilen un-<lb/>begreiflich lang vor, während die Tage ihm
schneller<lb/>als je zuvor dahinflogen. Es war überhaupt Etwas<lb/>anders
geworden; er empfand das, ohne daß er sich's<lb/>erkläiren konnte. Er war
heiterer, als er sich je ge-<lb/>fühlt hatte, und wie er dann darüber mehr
und mehr<lb/>nachzusinnen anfing, meinte er, das Wiedersehen des<lb/>Doktors
und die Unterhaltungen, welche er mit ihm<lb/>gepflogen, hätten ihn erfreut
und seinen Gedanken<lb/>eine neue Richtung und einen neuen Aufschwung
gee<lb/>geben. Er trug ein wirkliches Verlangen danach,
dem<lb/>wiedergekehrten Freunde baldmöglichst zu begegnen,<lb/>und er nannte
es deshalb einen glücklichen Zufall, daß<lb/>er, die Spiele der Scholaren
überwachend, in dem<lb/>Klostergarten saß, als der Doktor von dem Abte
kam.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0259_256.tif" n="0256"/>
<p>25e<lb/>Benedikt ging ihm rasch entgegen, der Doktor<lb/>schüttelte ihm die
Hand. ,Wie sich die Zeiten<lb/>wondeln,' rief er. ,Wie lang ist's denn her,
daß<lb/>wir Beide hier, wie diese Buben, die Röcke von uns<lb/>warfen und
die großen Kugeln schwangen, während<lb/>der gute Pater Markus nicht
aufhörte, sich über das<lb/>Unglück und über die Schäden abzuängstigen, die
wir<lb/>anrichten und uns zuziehen könnten. Jezt sizest Du<lb/>nun hier an
seiner Stelle; doch ohne seine Aengsten,<lb/>wie ich zuversichtlich
hoffe!-<lb/>, Er war alt und schwach geworden , sagte<lb/>Benedikt, ,und
hier auf dieser Stelle, hier auf dem<lb/>Sielplatz, unter der Scholaren
Augen, ist er ein-<lb/>geschlafen, um hienieden nicht mehr zu
erwachen.?<lb/>, So gut wird es nicht einem Jeden! Das Ab-<lb/>leben ist oft
ein verdammt Stück Arbeit!'' meinte der<lb/>Andere mit der Kaltblütigkeit
des Arztes; da er<lb/>jedoch merkte, daß Benedikt vor seiner
Aenßerung<lb/>zurückschreckte, setzte er, um einer Entgegnung
vor-<lb/>zubeugen, rasch hinzu: ,was mich bei dem Eintritt in<lb/>den
Spielplaz vorhin überraschte, war die Dauer der<lb/>hiesigen Zustände, und
das Bestehende im Wechsel.<lb/>So wie diese Buben haben wir, so haben die
Ge-<lb/>schlechter der Schüler hier vor uns gespielt, so
werden<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0260_257.tif" n="0257"/>
<p><lb/>hier Knaben und Jünglinge wohl noch lange nach<lb/>s us
spielen---<lb/>,, Und sich hinauösehnen in die Welt, wie wir eö<lb/>hier
gethan!? fiel Benedikt ihm ein, ,um<lb/>, Um sich nachher in ihrer Heimath,
im selbst-<lb/>gewählten Berufe, wie wir es thun, freiwillig zu<lb/>?
beschränken! sezte der Doktor mit klarer Heiterkeit<lb/>b<lb/>Benedikt
antwortete ihm nicht darauf.,Du<lb/>scheinst anderer Meinung zu sein,'?
bemerkte der Doktor.<lb/>Der junge Mönch blickte nachdenklich vor
sich<lb/>hin.,Warum schweigst Du? fragte ihn der Freund.<lb/>,Ich möchte
nicht,'? sagte der Andere, , daß Du<lb/>es falsch auslegtest, indeß ich
dachte darüber nach, wie<lb/>der Mensch in seiner verblendeten Willkür
immer<lb/>wieder darauf verfällt, von der Freiheit seiner
Ent-<lb/>schließungen zu sprechen, wo er sich mit
unabweislicher<lb/>Ergebung in den Willen der Vorsehung zu fügen,
und<lb/>nur danach zu trachten hat, daß er die Wege verstehen<lb/>lerne, die
sie vor ihm ausbreitet, damit er sie auch<lb/>freudig und zuversichtlich
wandele. -- Du hast mir<lb/>neulich in so hellen Farben die Welt
geschildert, die<lb/>jenseits unserer Berge liegt, und mit so
beredtem<lb/>Worte von den Menschen gesprochen, unter denen Du<lb/>F.
Lewald, Benedikt. l.<lb/>u<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0261_258.tif" n="0258"/>
<p>58<lb/>? z<lb/>in den großen Städten des Auslandes gelebt hast, daß<lb/>ich
Deine Rückkehr in die Heimath nicht recht als<lb/>einen Akt Deiner freien
Selbstbestimmung anzusehen<lb/>vermag. Du bist heimgekommen, weil der
Rathschluß<lb/>Gottes Dich hier geboren werden ließ, weil hier
die<lb/>Deinen leben, und weil Du hier den Dir angeborenen<lb/>Besiz am
Besten zn verwerthen denkst. Ohne diese<lb/>Nothwendigkeit ständest Du wohl
schwerlich hier.?<lb/>Der Doktor sah ihn prüfend an. Der junge<lb/>Mönch
hing mit einem ängstlich gespannten Ausdruck<lb/>an des Freundes Lippen, so
daß es denselben einen<lb/>Augenblick ungewiß über die Antwort machte,
welche<lb/>er ihm geben sollte. Die Begegnungen und Ge-<lb/>spräche, welche
er in den lezten Tagen mit Benedikt<lb/>gehabt, hatten ihm denselben in
neuer Weise an-<lb/>ziehend und lieb gemacht. Er zweifelte nicht
daran,<lb/>daß die kräftige Natur des jungen Benediktiners fchwer<lb/>an dem
ihm aufgezwungenen geistlichen Gewande<lb/>trage und er ging mit sich zu
Raihe, ob es an-<lb/>gemessener sein dürfte, ihn zu schonen, oder ihn
frei-<lb/>müthig zu behandeln. Aber durch seinen Beruf
darauf<lb/>hingewiesen, dem Nebel, dessen Zeichen vor ihm
lagen,<lb/>forschend auf den Grund zu kommen, entschied er sich<lb/>für ein
ofenes Aussprechen, und fragte ihn deshalb<lb/>A<lb/>T<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0262_259.tif" n="0259"/>
<p>?<lb/>259<lb/>unuumwunden: ,bedarfst Du vielleicht, mein Freund,<lb/>des
Glaubens an die allgemeine Unfreiheit des Men-<lb/>schen, um Dich mit der
Deinen abzufinden??<lb/>Benedikt mochte diese Frage nicht erwartet
haben,<lb/>denn sie erschreckte ihn offenbar; indeß die strenge<lb/>geistige
Zucht, in welcher er erwachsen und gehalten<lb/>worden war, hielt ihn auch
jetzt in ihren Schranken fest.<lb/>, Ich dachte nicht im Besonderen an
mich,? ver-<lb/>setzte er, ,wenn schon es mir im Sinne lag, wie wir<lb/>nur
in dem festen Vertrauen auf die Weisheit der<lb/>Vorsehung vor jenen
unruhigen Verlangnissen ge-<lb/>sichert sind, unter deren Einfluß das
beharrliche Ar-<lb/>beiten an dem uns zugewiesenen Theile ganz
un-<lb/>möglich sein würde. Es muß des Verlockenden so<lb/>vieles geben in
der Welt, aus der Du herkommst!<lb/>Wie könntest Du das Alles frohen Geistes
entbehren,<lb/>glaubtest Du nicht, daß eben hier der Plaz Dir
aus-<lb/>ersehen ist, an welchem gerade Du mit Deinen Kräften<lb/>Deine Dir
zuertheilte Aufgabe zu lösen hast, bis des<lb/>Herrn Wille anders über Dich
verfügt?<lb/>Der Doktor blieb ihm geflissentllch die Antwort<lb/>auf die
Frage schuldig. Das beunruhigte Benedikt.<lb/>,Du scheinst diese
Neberzeugung nicht zu theilen!?<lb/>sagte er.<lb/>z7<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0263_260.tif" n="0260"/>
<p>2O<lb/>-A<lb/>z<lb/>A<lb/>, Was kommt es darauf an, sofern wir nur
zu<lb/>gleichem Resultat gelangen?? erwiderte der Doktor.<lb/>,Ich bedarf
des Glaubens an mich selbst, des Ver-<lb/>trauens zu mir selbst, um zu
leisten, wwas ich zu leisten<lb/>vermag. Du hast desselben Glaubens und
Vertrauens<lb/>nöthig, und wirst sie nöthiger noch haben, wenn Du<lb/>darauf
angewiesen sein wirst, der geistige Tröster und<lb/>Berather für Andere zu
sein. Ich suche die Kraft,<lb/>die ich gebrauche, zunäächst in mir und
meinem Wissen;<lb/>Du schöpfest sie aus der Quelle Deines
Glaubens.<lb/>Genug, daß wir sie haben, und also mit Sicherheit<lb/>in uns
beruhen.?<lb/>Benedikt ließ es ebenfalls dabei bewenden, be-<lb/>sonders, da
der Doktor nach der Thurmuhr empor-<lb/>sehend, sich es vorwarf, so lange
verweilt zu haben.<lb/>Er schritt der Gartenthür zu, Benedikt gab ihm
das<lb/>Geleit, aber er sprach nicht mehr zu ihm. Als sie<lb/>jedoch bereits
dem Ausgang nahe waren, meinte er<lb/>zlözlich: ,Eines hast Du doch vor mir
voraus! Du<lb/>hast herrliche Erinnerungen, Dich daran zu freuen.<lb/>Wider
meinen Willen muß ich an die musikalischen<lb/>Genüsse eenken, deren Du
lezthin gegen mich erwähnt<lb/>hast. Ich möchte die großen Dratorien und
Sym-<lb/>phonieen kennen, möchte große Sänger
hören-<lb/>e<lb/><lb/>1<lb/>A<lb/>T<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0264_261.tif" n="0261"/>
<p>1<lb/>, Und bist doch selbst der Gegenstand höchster Be-<lb/>wunderung für
eine große Sängerin!'? fiel ihm der<lb/>Doktor scherzend ein.<lb/>In des
jungen Mönches Antliz regte sich keine<lb/>Miene, nur in seinen Augen
leuchtete es freudig auf.<lb/>Er wußte also, was der Andere meinte, und
sich<lb/>selbst vergessend, sagte er: ,Ich habe sie noch
nicht<lb/>gehört!r'<lb/>,. Wen? fragte der Doktor, den die
Jugendlaune<lb/>überkam.<lb/>,Die Fremde, welche bei der Mutter neulich
vor-<lb/>sprach, und die bei Euch zur Kur ist!? sezte er<lb/>hinzu.<lb/>,
Kommn einmal herüber!'' sagte der Doktor. , Sie<lb/>singt sehr oft und viel,
und sie wird vor Dir sehr<lb/>gerne singen; denn wirklich, sie bewundert
Dich. Für<lb/>den heutigen Nachmittag habe ich den Herrn Abt bei<lb/>unsern
Damen anzumelden!'<lb/>Er zog bei den Worten die eigene Ühr heraus,<lb/>und
machte sich mit einem eiligen Lebewohl auf seinen<lb/>Weg.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0265_262.tif" n="0262"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0266_263.tif" n="0263"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0267_264.tif" n="0264"/>
<p>A<lb/>Zchhzehnes Cnpitel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0268_265.tif" n="0265"/>
<p>IF Baronin hatte den Kaffeetisch selbst geordnet,<lb/>sie wollte wenigstens
Alles gethan haben, was an ihr<lb/>war, den verehrten Gast gebührend zu
empfangen und<lb/>ihm das Verweilen in ihrer einstweiligen
Behausung<lb/>angenehm zu machen. Auch die Wirthin, der zum<lb/>ersten Male
die Ehre widerfuhr, den hochwürdigen<lb/>Herrn Abt über ihre Schwelle treten
zu sehen, hatte<lb/>sich beeifert, das ohnehin saubere und freundlich
ge-<lb/>haltene Haus in seinem besten Lichte erscheinen
zu<lb/>machen.<lb/>Nur Viktorine ließ sich in ihren gewohnten
Be-<lb/>schäftigungen nicht im Geringsten stören. Sie saß<lb/>auf der
Gallerie, ihre frisch gepflückten Pflanzen für<lb/>das Herbarium ordnend,
ohne darauf zu achten, wie<lb/>die Baronin die Sessel anders stellen ließ,
wie sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0269_266.tif" n="0266"/>
<p><lb/>- -b ?<lb/>gg<lb/>A<lb/>diesen Vorhang schloß und jenen öffnete, wie sie
das<lb/>mitgebrachte silberne Kaffeegeräth in das rechte Licht<lb/>zu sezen
und zierlich aufzustellen suchte.<lb/>Daß man sich um Etwas, was sie
vorhatte,<lb/>nicht bekümmerte, konnte die Baronin in dem nie<lb/>weichenden
Gefühle ihrer großen Wichtigkeit jedoch<lb/>nicht lange ertragen.<lb/>Wie
kann man sich nur in dieses Mumen-<lb/>trocknen so versenken!' rief sie der
Tochter zu.<lb/>,Man muß sich hienieden doch die Zeit ver-<lb/>treiben, bis
man in den Himmel kommt, Mamal<lb/>gab die Tocht. ihr zur Antwort; und mit
der Keck-<lb/>heit deö verzogenen Kindes, welches am Wenigsten
die<lb/>eigene Mutter schonte, sezte sie hinzu: ,Es sucht eben<lb/>ein Jeder
auf seine Weise, Mama, wie er sich durch<lb/>das Leben schlägt, und wie er
sich die Aussicht in den<lb/>Himmel öffnet! Du hast die Koketterie des
Silber-<lb/>-zenges, und hoffst Dir mit Deinem Moceakaffee den<lb/>Weg des
Heils zu ebnen und zu kürzen; ich verlasse<lb/>mich eitel auf mein holdes
Selbst, und will versuchen,<lb/>ob ich mir nicht des Jenseits Pforten mit
Gesang er-<lb/>schließen kann. Selig werden muß, wie der
alte<lb/>Preußenkönig es gesagt hat, doch ein Jeder auf die<lb/>eigene
Fagon.?<lb/>K<lb/>-<lb/>?<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0270_267.tif" n="0267"/>
<p>N?<lb/>Die Baronin zeigte sich verletzt. Sie nannte die<lb/>Leichtfertigkeit
der Tochter unverantwortlich, sie ver-<lb/>ficherte ihr, daß sie sie damit
ängstige, daß sie ihr den<lb/>Seelenfrieden damit raube, dessen sie so
nöthig habe.<lb/>Sie schalt sie ihres Vaters rechte Tochter, die
für<lb/>Nichts Empfindung habe, als für die Befriedigung<lb/>ihrer
jedesmaligen Laune; fie sprach sich rasch in<lb/>Zorn, und that danach
gerührt.<lb/>Viktorine stand am Spiegel und ordnete die<lb/>schönen Flechten
ihres Haares, und ringelte die langen<lb/>schwarzen Locken über die Finger,
um sie dann frisch<lb/>und glänzend auf die vollen Schultern niederfallen
zu<lb/>lassen. Sie war ausschließlich nur mit sich beschäftigt.<lb/>Mit
einem Male wendete sie sich um.<lb/>,Rege Dich nicht auf, Mama!r sagte sie,
indem<lb/>sie die Hände auf der Mutter Schulter legte, und sie<lb/>auf die
Stirn küßte. ,Es macht Dich gleich so roth,<lb/>und Du weißt, die starke
Röthe kleidet Dich nicht gut.<lb/>Ich bin auch nicht so gottlos als ich Dir
erscheine,<lb/>Du--- Nun Mama! so weltentfremdet und
so<lb/>himmelssehnsüchtig, als Du es glaubst, bist Du wirk- -<lb/>lich
nicht; und jept sind wir ja noch allein. Kann<lb/>ich dafür, wenn ich nicht
rasch begreife, wenn ich noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0271_268.tif" n="0268"/>
<p>28<lb/>fest wurzle in dem alten irdischen Sündenboden, dem<lb/>ich
entsprossen bin?<lb/>Die Mutter sah sie mit einer Art von Schrecken<lb/>an.
Viktorine lachte laut und herzlich.,Sei un-<lb/>besorgt, Mama ! sagte sie.
,e fester ich in meinem<lb/>alten mir vertrauten Boden stehe. um so dreister
und<lb/>sicherer kann ich die Augen und die Hände hoch er-<lb/>heben, um zu
erlangen, was mein Herz begehrt. Laß<lb/>mich gehen, wie ich mag! Laß mich
ergreifen, wo-<lb/>nach es mich gelüstet: zunächst in jedem
Augenblick<lb/>das Nächste, und,'' fügte sie mit neuem Scherz hinzu,<lb/>,,
bete Du nur immer recht mit Eifer für mein Seelen-<lb/>heil, während ich mir
hienieden das Leben zu ver-<lb/>schönen trachte wie ich mag und kann. Ich
bin nun<lb/>einmal ein Vergnügling! Dein allweiser Gott hat<lb/>mich dazu
erschaffen. Kann ich das ändern? Und<lb/>könnte ich's, wärst Du im Stande es
zu wollen?<lb/>Wolltest Du mich anders haben, als ich bin, Mama?<lb/>Die
Mutter drückte sie an ihr Herz. ,Gott er-<lb/>halte Dich!' rief sie, von der
Tochter kokettem Lieb-<lb/>reiz überwältigt. ,Wie Du heut wieder schön
bist!<lb/>Und die Farbe, die Du hast, seit wir hier oben sind!<lb/>Man gönnt
sich's nicht allein! Heute müßte der<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0272_269.tif" n="0269"/>
<p>26<lb/>Graf Dich einmal sehen! oder die Friedemanns, die<lb/>sich so viel mit
ihren Farben wissen. Schade daß es<lb/>hier so einsam ist!<lb/>,, Einsam?
wiederholte die Tochter, zwir haben<lb/>ja den Pater Theophil, wir haben
unsern hoch ge-<lb/>lehrten jungen Doktor, haben den schönen
geheimniß-<lb/>vollen Pater Benedikt, auf dessen Bekanntschaft
ich<lb/>förmlich lüstern bin - und da kommt auch schon der<lb/>Abt! -- Du
bist sehr anspruchsvoll, Mama! Ich unter-<lb/>halte mich und finde mich in
jede Lage, indem ich<lb/>mir ein Ziel vorseze. Warte nuur, Du sollst es
noch<lb/>erleben, Mama! Ich singe dem Abte wie dem Bischof,<lb/>noch die
Biondina vor, und stelle noch dies Haus, das<lb/>Thal, das Kloster auf den
Kopf.?<lb/>Sie hielt in ihrem phantastischen Plaudern inne,<lb/>denn der
Diener meldete Seine Hochwürden den Herrn<lb/>Abt. Die beiden Frauen erhoben
sich. Der Ausdruck<lb/>schelmischen Nebermuths verschwand von
Viktorinens<lb/>Antliz, Mutter und Tochter gingen dem
hochverehrten<lb/>Gaste entgegen, ihn schon in dem Vorsaal gebührend<lb/>zu
begrüßen.<lb/>Der Pater, welcher ihm bis an des Hauses<lb/>Schwelle das
Geleit gegeben, hatte ihn verlassen, der<lb/>Abt besuchte die beiden Fremden
ganz allein; und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0273_270.tif" n="0270"/>
<p>N<lb/>wenn er auch, ohne ihn abzuwehren, der Frauen Hand-<lb/>kuß annahm, so
zeigte doch die gute Art, in welcher<lb/>er die Baronin nach ihrem Sessel
führte, ebenso wie<lb/>die Freundlichkeit, mit der er zwischen ihr und
ihrer<lb/>Tochter Plaz nahm, daß er gekommen sei, die Auf-<lb/>wartung,
welche die beiden Frauen dem geistlichen<lb/>Herrn gemacht hatten, als
Weltmann zu erwidern.<lb/>Er war viel herumgekommen in seinen
jüngern<lb/>Jahren, hatte sich in Rom zu verschiedenen Malen
-<lb/>aufgehalten, und war seiner Zeit im Auftrag seines<lb/>Ordens in
Frankreich, wie in Spanien und in ßor-<lb/>tugal gewesen, die dortigen
Klöster und ihre Biblio-<lb/>theken kennen zu lernen. Er wußte, während er
sich<lb/>nach denjenigen Personen seiner Bekanntschaft er-<lb/>kundigte, mit
denen die Frauen möglicher Weise in -<lb/>Berührung gekommen sein konnten,
es geschickt zu<lb/>verrahen, daß er gleich ihnen einem reichen
Kauf-<lb/>mannsgeschlecht entstamme, wie er daneben nicht an-<lb/>zudeuten
unterließ, daß es ihm in den Lebenssphären,<lb/>denen der neue Baron und die
Frauen sich anzu-<lb/>schließen getrachtet hatten, an weitreichenden
Ver-<lb/>bindungen nicht fehle.<lb/>Die Baronin hörte ihn mit Bewunderung
sprechen.<lb/>Seine große Neberlegenheit und Viktorinens gesell-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0274_271.tif" n="0271"/>
<p>Au<lb/>schaftlicher Takt hielten sie in angemessenen Schranken,<lb/>ja sie
machten ihr die Schaustellung ihrer Frömmig-<lb/>keit, wie ihre sonstigen
kleinen Zierereien und gelegent-<lb/>lichen Prahlereien fast unmöglich. Sie
konnte gar<lb/>nicht dazu kommen, von den Herrlichkeiten, welche
sie<lb/>besaß, von den Auszeichnungen, deren sie genoß, von<lb/>dem Einfluß
ihres Mannes, und noch weniger von<lb/>den Vorzügen zu sprechen, welche
ihrer Tochter vor<lb/>allen anderen Frauenzimmern eigen waren.
Denn<lb/>Viktorine hatte frühzeitig erlernt, der Mutter wie dem<lb/>Vater,
wo es erfordert war, das ungehörige Wort<lb/>auf das Geschickteste zu
entziehen; und wenn die<lb/>Baronin nur der Genugthuung theilhaftig ward,
daß<lb/>ihre Tochter nach Gebühr gewürdigt wurde, daß sie<lb/>dem Vater
schreiben und später es allen Verwandten<lb/>und Bekannten sagen konnte, wie
auch der Abt des<lb/>Benediktiner-Klosters von ihrer Viktorine ganz
be-<lb/>zaubert gewesen sei, so hatte sie für den gegenwärtigen<lb/>Fall
ihren Kostenpreis heraus, und konnte ihrem<lb/>Seelenheile unter des Paters
Leitung obliegen, an<lb/>dessen huldigender Bewunderung für ihre Tochter
ihr<lb/>nicht eben viel gelegen war.<lb/>Freilich versuchte sie es zu
verschiedenen Malen,<lb/>dem Abte näher zu kommen, indem sie auch ihm
er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0275_272.tif" n="0272"/>
<p><lb/>L<lb/>ey<lb/><lb/>zählte, was sie dem Pater zum Defteren schon
wieder-<lb/>holl, wie sie und der Baron im Geben und im<lb/>Helfen ihre
größte Befriedigung genössen; Viktorine<lb/>war jedoch gleich bei der Hand,
sie mit einem Scherze<lb/>an der Fortsezung dieser Erklärungen zu
hindern.<lb/>, Werden Hochwürden mich verdammen,' sagte<lb/>sie,,wenn ich
Ihnen bekenne, daß mir an dem so-<lb/>genannten eigentlichen Bedürfnißß
meiner Mitmenschen<lb/>weit weniger gelegen ist, als an ihrer Freude?<lb/>Es
war das auch wieder eine von den Behaup-<lb/>tungen, welche sie wie
Leuchtkugeln funkelnd in die<lb/>I<lb/>Höhe zu werfen liebte, obschon sie
wußte, daß sie un-<lb/>haltbar wären und leicht in Nichts
zusammenfielen;<lb/>aber sie glänzten doch für einen Augenblick,
und<lb/>unterhielten sie und auch die Anderen während eines<lb/>solchen, und
das war ihr genng.<lb/>Der Abt neigte freundlich sein kluges Haupt.<lb/>,Das
ist natürlich, entgegnete er, ,da Sie die<lb/>Vorstellung nicht haben, was
die Entbehrung des<lb/>Nothwendigen bedeutet; aber wenn Sie sich mit
der<lb/>Frau Baronin nach dem in der Welt beliebten neuen<lb/>Grundsatz in
die Arbeit theilen, wenn die Frau<lb/>Mutter dem Nothwendigen begegnet, und
Sie das<lb/>Schöne und Erfreuliche hinzuthun, so wird
man<lb/>z<lb/>z<lb/>T<lb/>I<lb/><lb/>-A<lb/>Wu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0276_273.tif" n="0273"/>
<p><lb/>doppelt zu segnen haben, was auf diese Weise geleistet<lb/>werden
kann.<lb/>Er ließ es dabei kurz bewenden; das hatte Viktorine<lb/>nicht
erwartet. Es machte sie also verlegen und es<lb/>war ihr deshalb sehr
willkommen, als der Abt ihr<lb/>sagte, da sie zu erfreuen liebe, wolle er
sie daran<lb/>mahnen, daß er sie singen hören solle. Sie ließ sich<lb/>dazu
nicht erst bitten, sondern erhob sich alsobald und<lb/>sezte sich an das
Instrument.<lb/>Es war ein geringes viel benutztes Pianino,<lb/>indeß sie
wußte es gut zu behandeln, so daß man es<lb/>gerne hören mochte, und nach
einigen einleitenden<lb/>Akkorden intonirte sie das mächtige Adoramus
von<lb/>Palästrina, das vor einigen Tagen auch in der Kirche<lb/>gesungen
worden war.<lb/>Der Abt belobte sie, als sie es beendet hatte.<lb/>Er
verstand Musik zu würdigen, er hatte auf seinen<lb/>Reisen die Meisterwerke
der geistlichen Musik in voll-<lb/>endeten Ausführungen kennen lernen, und
es gefiel<lb/>ihm, sich als Kenner zeigen zu dürfen. Das
machte<lb/>Viktorinen Lust, zu singen. Sie trug, da der Abt<lb/>sie dazu
aufforderte, ihm noch das alte It inaarnstus<lb/>est von Josquin de Prss aus
dem fünfzehnten Jahr-<lb/>h.?? = === ===- =====-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0277_274.tif" n="0274"/>
<p>Ne<lb/>A<lb/>-T<lb/>stammenden Lobgesang auf Rom, das herrliche: ß
loms<lb/>nohilis vor, das der Abt nicht kannte, und das einen<lb/>lebhaften
Eindruck auf ihn machte.<lb/>Sie erbot sich bereitwillig, es für ihn
aufzu-<lb/>schreiben.<lb/>z<lb/>T<lb/><lb/>A<lb/>s<lb/>, Von der schönen
Tenorstimme gesungen,'' sagte<lb/>sie, ,die wir in Ihrer Kirche alltäglich
neu bewun-<lb/>dern, muß das Lied noch eine ganz andere Wirkung -<lb/>machen
als von der meinen; denn der getragene Ge-<lb/>-<lb/>sangg ist eigentlich
nicht meine Stärke. Hätte ich mehr--<lb/>an die Befriedigung meiner
Eitelkeit als an den ver-<lb/>muthlichen Geschmack von Hochwürden gedacht,
so hätte<lb/>ich um die Erlaubniß gebeten, Ihnen ein paar der
-<lb/>Volksliederchen vorsingen zu dürfen, mit denen ich den -<lb/>Herrn
Bischof bisweilen während unseres gemeinsamen ?<lb/>Babeaufenthaltes
erheitern durfte.?<lb/>Der Abt bat sie ganz nach ihrer Wahl und
Nei-<lb/>gung zu verfahren. Er hatte Vergnüügen an dem ihm I<lb/>fremd
gewordenen Verkehr mit Frauen aus der so-<lb/>genannten schönen Welt, er
mochte sich auch nicht -'<lb/>strenger und abgeschlossener zeigen, als der
Bischof es z<lb/>gethan hatie, und die italienischen und französischen
I<lb/>Volkslieder glitten so leicht und spielend von der schönen
-<lb/>-<lb/>Sängerin frischen vollen Lippen, daß er keinen An-
Z<lb/>?<lb/>z<lb/>,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0278_275.tif" n="0275"/>
<p>Ne<lb/>stoß daran nahm, als Viktorine endlich die Melodie<lb/>von der
träumerischen Biondina anstimmte, und ihm ihr<lb/>Ds biomäins in
gomäolets<lb/>D.'altra eers gh'o mens;<lb/>Dal gieer ls gorerste<lb/>Ds j's
imbots. incormomrs.<lb/>D dormirs susto braaeo<lb/>Bi ogni tsrto ls
srsgises<lb/>Ia la bares eke ninuNs<lb/>Ds tornurs u indormenrar.<lb/>in
sanft gezogenem, weicher und weicher hinschmelzen-<lb/>dem Tone von Anfang
bis zu Ende vortrug.<lb/>Sie stand dann auf, während ihr
fiegesfroher<lb/>Blck die Mutter flüchtig suchte. Der Abt hatte
sich<lb/>offenbar an dem Gesange erfreut, und sich überhaupt<lb/>die Stunde
hindurch bei den Frauen sehr wohl unter-<lb/>halten.<lb/>Als er sich dann
erhob, ihnen Lebewohl zu sagen,<lb/>sprach er dabei die Hoffnung aus, daß
die Colonnade,<lb/>zu welcher das Kloster dem Doktor auf der
Frau<lb/>Baronin Wunsch den nöthigen Grund und Boden<lb/>verpachtet habe,
den beiden Frauen gute Dienste leisten<lb/>möge, die wiederzusehen, ehe sie
das Thal verließen,<lb/>er in jedem Falle noch gedenke.<lb/>, Ulnd ich darf
Hochwürden meine Abschrift senden?<lb/>fragte Viktorine.<lb/>zz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0279_276.tif" n="0276"/>
<p>e<lb/>, Sie soll in unserer Bibliothek willkommen sein,?<lb/>versicherte der
Abt, ,denn die geübteren unter den<lb/>musikalischen Zöglingen unserer
Anstalt werden die<lb/>herrliche Hymne gewiß mit Nuzen und mit
Dank<lb/>studiren.''<lb/>Die beiden Frauen folgten dem Abte,
ehrerbietig<lb/>wie sie ihn empfangen hatten, auch bis hinab an
des<lb/>Hauses Ausgang, wo die Wirthin und ihre Kinder<lb/>Ahn erwarteten.
Der Doktor aber erbat und erhielt<lb/>von Abte die Erlaubniß, ihm bis in das
Kloster das<lb/>Geleit zu geben.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 19</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0280_277.tif" n="0277"/>
<p>eunzehntes Cnpiiel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0281_278.tif" n="0278"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0282_279.tif" n="0279"/>
<p>Ih« Besuch des Abtes in dem Kurhause wwar ein<lb/>wichtiges Ereigniß. Niemand
konnte sich entsinnen,<lb/>daß ein Abt des Klosters sich zu einem solchen
Schritte<lb/>je herbeigelassen, und man hette von dem bevorstehen-<lb/>den
Ereigniß also den ganzen Morgen hindurch überall<lb/>gesprochen. Wer, wie
die Kinder, von seinem Hause<lb/>fort, und von der Arbeit eben abkommen
konnte, hatte<lb/>sich aufgemacht, zu sehen, wie der Abt das
neue<lb/>Penfionat des Doktors durch seine Gegenwart beehren,<lb/>und wie
lange er bei den fremden Frauen bleiben<lb/>würde, die dadurch in den Augen
der Gemeinde eine<lb/>noch viel höhere Bedeutung erhielten.<lb/>Drüben, auf
den Baumstämmen, die zum Auf-<lb/>arbeiten für den Bedarf des Winters vor
dem Hause<lb/>lagen, hatten sich ein paar alte Frauen mit ihren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0283_280.tif" n="0280"/>
<p>28<lb/><lb/>- A<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>l<lb/>Strickzeugen förmlich
niedergelassen, um wo möglich<lb/>ihren Handkuß anzubringen und den Segen
des Abtes<lb/>zu erlangen, wenn er das Haus verlassen würde; und<lb/>als
dann Viktorinens Gesang erklungen, waren die<lb/>Leute herbeigekommen, ihn
zu hören.<lb/>So hatte sich wieder einmal ein Theil Menschen<lb/>vor dem
Hause versammelt, und die Schüler, die von<lb/>ihrem Spaziergang
heimkehrend, dies schon von fern<lb/>erblickt, hatten ihren Führer
angelegen, mit ihnen an der<lb/>Pension vorbeizugehen, um zu sehen, was es
dorten<lb/>gäbe. Die eine Klasse war nach kurzem Stehenbleiben<lb/>bereits
von dannen gegangen und in den Klosterhof<lb/>hinein gezegen, als Benedikt
mit seinen Zöglingen in<lb/>die Nähe des Hauses kam, in welchem man den
Abt<lb/>noch vermuthen konnte, und neugierig wie die Knaben<lb/>felber, ließ
er einen Halt machen, als er Viktorinens<lb/>Gesang herniederschallen
hörte.<lb/>Benedikt horchte hoch auf. Er hatte niemals<lb/>einen andern
Gesang gehört, als den der Männer-<lb/>und Knabenstimmen in seinem Kloster,
oder die Volks-<lb/>lieder, die aus den rohen Kehlen der Burschen
und<lb/>Mädchen des Dorfes gelegentlich bis in die stillen<lb/>Zellen
hineingedrungen waren. Die Töne aber, die<lb/>er jetzt vernahm, die waren
etwas Anderes, waren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0284_281.tif" n="0281"/>
<p>8<lb/>Etwas, wovon er die Vorstellung noch nicht gehabt<lb/>hatte, bis zu
dieser Stunde.<lb/>Eine ihm ganz neue Empfindung, für deren Aus-<lb/>druck
er nicht Worte hatte, durchströmte sein ganzes<lb/>Wesen, als die süßen
wollüstigen Klänge der veneziani-<lb/>schen Barcarole von Viktorinens
voller, kunstgeübter<lb/>Stimme, meisterhaft vorgetragen, sein Ohr
berührten.<lb/>Er verstand die Worte nicht, aber die Melodie und<lb/>mehr
noch ein unbestimmtes Etwas in der Stimme,<lb/>machten ihm das Herz erbeben,
und bemächtigten sich<lb/>seiner mit unwwiderstehlicher Gewalt. Er mußte
tief<lb/>aufathmen, um nicht zu weinen vor Angst, vor Freude.<lb/>Er hätte
so stehen bleiben und diese Stimme hören<lb/>mögen fort und fort, und doch
trieb es ihn von dan-<lb/>nen, und er wußte, daß er hier nicht weilen
könne,<lb/>nicht einmal weilen dürfe.<lb/>Es kostete ihn eine Neberwindung,
als er den<lb/>Knaben, die gleichfalls noch zu bleiben wünschten,
das<lb/>Zeichen zum Aufbruch geben mußte; aber er hatte sich<lb/>mit ihnen
schon entfernt und der Gesang war auch<lb/>bereits verstummt, als sein
starkes musikalisches Ge-<lb/>dächtniß unwillkürlich noch die träumerisch
süßen Klänge<lb/>wiederholte, als er noch immer den Ton jener Stimme<lb/>in
der eignen Brust nachzittern fühlte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0285_282.tif" n="0282"/>
<p>8<lb/>-- - -e K J<lb/>-=es<lb/>Er war zerstreut bei seiner Arbeit, er fand
die<lb/>gewohnte Sammlung auch nicht in der Kirche wieder,<lb/>als die
Mönche sich zum Abendgottesdienste in dem<lb/>Chor versammelten. Fremde,
weiche Melodien woll-<lb/>ten sich vordrängen durch die altgewohnten
strengen<lb/>Weisen; und erst als er selber an der Orgel saß, kam<lb/>Stille
und ernste Andacht über ihn, daß er Einkehr<lb/>halten konnte in sich
selbst, und sich emporschwingen<lb/>konnte zu der Vorstellung, mit solchen
Stimmen wie<lb/>diejenige, welche er heute vernommen hatte, werde<lb/>einst
im Himmel lobgesungen werden vor dem Herrn<lb/>von den Geistern der Seligen,
wenn die Erdenschwere<lb/>sie nicht mehr belaste.<lb/>Während dessen saß
Viktorine an dem Theetisch<lb/>ihrer Mutter, an welchem der Doktor seinen
Platz wie<lb/>immer eingenommen hatte.<lb/>Sie war, wie sie es nannte, im
höchsten Grade<lb/>von den ausgezeichneten Manieren des Abtes
ange-<lb/>than. Sie behauptete, sich förmlich geehrt und ge-<lb/>schmeichelt
zu fühlen durch den Antheil, den er ihr<lb/>erwiesen, durch den Beifall,'
welchen er ihr gezollt<lb/>habe; ,und, sezte sie hinzu, ,wenn ich nur
wüßte,<lb/>nach welcher Seite hinaus seine Zimmer gelegen find,<lb/>so
wollte ich als Bänkelsängerin dann und wann an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0286_283.tif" n="0283"/>
<p>W88<lb/>seinen Fenstern vorüberziehen, und ihn mit noch weit<lb/>besseren und
fröhlicherern Liedern unterhalten, als den-<lb/>jenigen, die ich ihm heute
vorgesungen habe.?<lb/>,,Scherze nicht,'? warnte die Mutter, ,und
miß-<lb/>brauche nicht die Nachsicht und Duldsamkeit, wwelche<lb/>der hohe
geistliche Herr Dir heute bewiesen hat.?<lb/>,Nachsicht? Duldsamkeit? Rief
Viktorine, die<lb/>jeder Einwand sofort zum Widerspruch
reizte.,Wer<lb/>hindert denn das Volk, oder wer hindert die
italieni-<lb/>schen Drehorgelspieler, wenn sie vor den Mauern
des<lb/>Klosters vorüber wandern, ihre lustigsten Lieder abzu-<lb/>fingen?
Und wenn meine lustigen Lieder die<lb/>frommen Brüder sehnsüchtig machen
nach der<lb/>Lebenslust der Gottlosen- nun, um so besser! Sie<lb/>gewinnen
dann doch eine Gelegenheit, sich in der<lb/>Selbstüberwindung zu erproben,
einer Versuchung zu<lb/>widerstehen, ihre Tugend an der Verlockung
zur<lb/>Sünde zu üben, und sich mit dem erhebenden Be-<lb/>wußtsein zur Ruhe
zu legen, daß sie besser sind als<lb/>wir, daß sie nicht sind wie
Unsereiner!r<lb/>Die Baronin fand sich der Tochter gegenüber ein<lb/>für
alle Mal waffenlos. Ihre Versuche, sie zurecht zu<lb/>weisen, waren eben nur
Scheingefechte, mit denen sie<lb/>sich und dem sogenannten Anftande ein
schwaches<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0287_284.tif" n="0284"/>
<p>284<lb/>Genüge zu thun für nöthig hielt; denn von dem un-<lb/>vergleichlichen
Geiste ihrer Viktorine und von deren<lb/>Unwuiderstehlichkeit ein für alle
Mal überzeugt, blieb ihr<lb/>nach dem Anlauf, den sie wagte, doch niemals
etwas<lb/>Anderes übrig, als die erneuerte Bewunderung ihrer<lb/>Tochter,
uns die Aussicht auf die Freude, welche die<lb/>Wiederholung von Viktorinens
Worten, dem Vater in<lb/>dem nächsten Briefe machen werde.<lb/>Anders jedoch
verhielt sich's mit dem jungen<lb/>Arzte. Viktorine gefiel ihm immer
weniger, je öfter<lb/>er sie sah. In demselben Grade aber, in
welchem<lb/>das Wohlgefallen nachließ, das ihn anfangs zu ihr<lb/>zezogen
hatte, nahm das Verlangen zu, diese ihm<lb/>völlig fremde Erscheinung kennen
und verstehen zu<lb/>lernen. Er wollte wissen, was sie beabsichtigte,
er<lb/>konnte nicht begreifen, was ihr an der Bewunderung<lb/>eines
bejahrten Klostergeistlichen gelegen sein, oder<lb/>welchen Werth es für sie
haben könne, einem jungen<lb/>Mönche zu begegnen, der gar Nichts gemein
hatte mit<lb/>der Welt, die sie die ihre nannte; und er sprach es<lb/>ihr im
Beisein ihrer Mutter unumwunden aus, wie<lb/>die Erklärungen, welche sie ihm
neulich über ihr Ver-<lb/>halten gegeben habe, ihm dasselbe keineswegs
verständ-<lb/>lich gemacht hätten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0288_285.tif" n="0285"/>
<p>285<lb/>Sie sah ihn, an und schüttelte erstaunt den Kopf.<lb/>,Ich weiß
nicht, Doktor!r sagte sie, ,wie Sie es<lb/>angefangen haben, Ihre Studien zu
absolviren und<lb/>alle die Lehren Ihrer Professoren in sich
aufzu-<lb/>nehmen, wenn Sie so schwer verstehen und begreifen<lb/>und
glauben wollen, was ich Ihnen nun doch schon<lb/>zu verschiedenen Malen klar
und deutlich ausgesprochen<lb/>habe. Aber Shr gelehrten Herren müßt Mlles
erst in<lb/>eine Formel bringen, um es Euch anzueignen. Nun<lb/>denn: Da
haben Sie also die Formel kurz und klar<lb/>und einfach, daß Sie sie gar
nicht mißverstehen<lb/>können: ich bin eine herzlose Kokette! =- Verstehen
Sie<lb/>mich jetzt, und wissen Sie, was das bedeutet? Oder<lb/>soll ich's
Ihnen erst beschwören, daß ich nicht leben<lb/>kann, ohne Eroberungen zu
machen? Ich habe es<lb/>auf Ihre Eroberung, auf die Eroberung des
Abtes<lb/>angelegt, und will mit eignen Augen sehen, wie sich<lb/>ein
Naturkind in einer Benediktinerkutte gegenüber<lb/>einer herzlosen Kokette
ausnimmt!- Ich bin so etwas<lb/>wie ein weiblicher Vampyr, wie eine Sphinx
oder<lb/>eine Loreley,- Nur daß ich mich nicht gleich vom<lb/>Felsen stürze,
wenn man das Räthsel löst, und auch<lb/>überhaupt nicht verlange, daß man
sich vom Felsen<lb/>stürzt um meinetwillen!- Verstehen Sie mich
jetzt?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0289_286.tif" n="0286"/>
<p>28<lb/>und sind Sie jezt im Klaren mit mir und über mich<lb/>und über meine
spukhafte Verderbniß?<lb/>Sie lachte dabei mit ihrem übermüthigsten
Lachen,<lb/>so daß der Mutter erneute Abmahnung davor in<lb/>Nichts
zusammenfiel, und der Doktor es unmöglich<lb/>fand, ihren Worten irgend eine
ernsthafte Bedeutung<lb/>beizulegen. Einer Frau wie Viktorine gegenüber
war<lb/>er selber ein Naturkind, und völlig unfähig, sich in<lb/>einen
Charakter hineinzudenken, dem das Wagniß<lb/>einen Genuß gewährte, je
dreister und bedenklicher es<lb/>war, und der eine Befriedigung darin
empfand, durch<lb/>dies dreiste Wagen zu blenden und zu
täuschen.<lb/>Sprudelnder vor ausgelassener Laune und lieb-<lb/>reizender
als in dieser Stunde, hatte sie der Doktor<lb/>nie gesehen. Es verdroß ihn
freilich, daß sie ihn<lb/>immerfort verspottete, daß sie ihm anrieth, allen
Ernstes<lb/>vor ihr auf seiner Hut zu sein, daß sie ihn fragte, ob<lb/>er es
denn nicht merke, wie sie just heute darauf aus-<lb/>gehe, ihn durch ihren
falschen Freimuth sicher zu<lb/>machen, um ihn zu bezaubern. Er konnte ihr
heute<lb/>weniger als jemals zürnen, und wider seinen Willen<lb/>blieb er
weit über die gewohnte Stunde in den Zim-<lb/>mern der Baronin.<lb/>Als er
sich dann entfernen wollte, reichte Viktorine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0290_287.tif" n="0287"/>
<p>8?<lb/>ihm die Hand, und sie ihm treuherzig schüttelnd sprach<lb/>sie: ,Geben
Sie sich nur zufrieden, Sie sind mir<lb/>nun einmal verfallen und ich lasse
Sie nicht wieder<lb/>los. Aber warnen Sie der Sicherheit wegen
immer-<lb/>hin den Pater Benedikt. Ich schreibe die alte römische<lb/>Hymne
für den Herrn Abt auf, und sie soll gesungen<lb/>werden von den
Klosterschülern. Daß ihm oder seinen<lb/>Schülern nur kein Schaden dadurch
geschieht!?<lb/>,. Verlassen Sie sich darauf, daß ich es
thue!?<lb/>entgegnete ihr der Doktor mit einer Art von Schrecken<lb/>und
sehr ernsthaft.<lb/>,Aber thun Sie es bald!? scherzte Viktorine
,ich<lb/>komme Ihnen sonst zuvor!'<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 20</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0291_288.tif" n="0288"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0292_289.tif" n="0289"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0293_290.tif" n="0290"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0294_291.tif" n="0291"/>
<p>Eg war ein herrlicher Morgen, der dem Abend<lb/>folgte. Alles glänzte, Alles
funkelte in der Natur.<lb/>Die Sonne und die Luft, der Schnee auf den
Gipfeln<lb/>des Gebirges und die Gletscher unterhalb des Schnees,<lb/>die in
wechselndem Farbenspiele leuchteten, je nachdem<lb/>der Sonnenschein sie
traf. Die wallenden Wasser-<lb/>massen, die hier und dort herniederschossen,
schimmerten<lb/>wie flüssiges Silber. Der Thau, der noch von den<lb/>Aesten
der Bäume hernieder tropfte, glitzerte in buntem<lb/>Scheine, und an den
Büschen und auf dem vollen<lb/>Gras der Wiesen, blinkte und strahlte es, als
wäre<lb/>ein Diamantenregen auf das Thal herab gefallen.<lb/>Kein Lufthauch
regte sich, kein Schall, kein Laut.<lb/>Die Stille war überwältigend, als
Viktorine aus<lb/>dem Garten in die Wiesen ging. Sie hatte das
helle<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0295_292.tif" n="0292"/>
<p>W9A<lb/>Morgenkleid ein Wenig aufgeschürzt, sich das Fort-<lb/>kommen zu
erleichtern, ein feuerrother Shawl hing<lb/>über ihrem Arm, ihr Skizzenbuch
trug sie in der<lb/>Hand.<lb/>An dem Steg, der über den Mühlbach
führte,<lb/>blieb sie stehen. Die Erhabenheit der Natur über-<lb/>wältigte
sie. Sie hielt sich an der leichten Lehne und<lb/>sah dem Verstäuben des
Wassers zu, wie es von dem<lb/>breitgezahnten Rade der Klostermühle
niederträufte,<lb/>und dann wieder in Eins gesammelt, rasch
hinabschoß<lb/>durch das Thal, und weit und weiter bis hinunter in<lb/>den
See.<lb/>,,Glänzen! schimmern! verstäuben und unter-<lb/>schiedslos
verschwinden in dem Unerfaßbaren, das man<lb/>als das All bezeichnet!r sagte
sie unoillkürlich zu sich<lb/>selbst, und es flog ein Schatten über ihre
Züge. Aber<lb/>im nähsten Augenblick hob sie ihr Skizzenbuch empor<lb/>und
schrieb stehenden Fußes den Gedanken, wie er ihr<lb/>gekommen war, in dem
Buche nieder; denn er gefiel<lb/>ihr, ud sie wußte Jemand, dem er besser
noch ge-<lb/>fallen ollte, wenn er ihn in einem Briefe von
ihrer<lb/>Handschrift lesen würde.<lb/>Sie folgte dem Lauf des Wassers bis
zu der<lb/>Stelle, da der Weg emporstieg in's Gehölz. Es wehte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0296_293.tif" n="0293"/>
<p>W9<lb/>ihr aus den Büschen frisch und kühl entgegen, und so<lb/>leichten
Fußes sie auch war, konnte sie nuur langsam<lb/>steigen, denn der Pfad war
noch vom Thau getränkt<lb/>und glatt.<lb/>Eine Viertelstunde und darüber
mochte sie so ge-<lb/>zangen sein, als es heller in dem dichten Holze
wurde.<lb/>Breite Sonnenstrahlen fielen durch die Zweige, goldi-<lb/>ges
Licht lagerte sich auf den altbemoosten Steinen.<lb/>Die Eidechsen
schlüpften, sich zu sonnen, schnell hervor,<lb/>die Käfer erhoben sich, die
trocken gewordenen Flüügel<lb/>regend, und aus dem Tannendickicht, das über
dem<lb/>Laubgebüsch die Klostermatte einschloß, quoll warmer<lb/>Harzgeruch
balsamisch auf.<lb/>Da Licht war blendend, als sie aus dem
Holz<lb/>heraustrat, blendend selbst für Viktorinens Auge. Sie<lb/>mußte es
flüchtig mit der Hand bedecken. Als sie dann<lb/>um sich schaute, sah sie
den Pater Benediktus vor sich.<lb/>Er saß lesend auf einer der beiden Bänke,
welche<lb/>da oben aus rohen Stämmen aufgerichtet waren.<lb/>Sein Hut lag
neben ihm, das Sonnenlicht wob durch<lb/>die Aeste der beiden großen
Lärchenbäume hellen<lb/>Schimmer um sein jugendliches Haupt.<lb/>Lls er
Viktorine gewahrte, erhob er sich. --<lb/>, Bleiben Sie! Bleiben Sie ganz
ruhig, Pater Bene-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0297_294.tif" n="0294"/>
<p>W4<lb/>Ekt!? rief sie, indem sie mit freundlichem Gruße<lb/>rasch, wie es
ihre Weise war, an ihn herantrat. ,Sch<lb/>gehe augenblicklich fort! Ich
will Sie nicht in Ihrer<lb/>Andacht stören!?<lb/>Er hatte sein Buch
zugeschlagen und den Hut zur<lb/>Hand genommen. ,Auch meines Verweilens ist
hier<lb/>nicht mehr lange,! entgegnete er. ,Der Unterricht<lb/>beginnt um
die siebente Stunde, ich muß hinab in<lb/>meine Klasse,?<lb/>,Und Sie gehen
alle Morgen auf diese Matte,<lb/>sich im Gebete hier zu sammeln? fragte
Viktorine.<lb/>Es fiel ihm nicht auf, daß sie sich von seiner<lb/>Gewohnheit
unterrichtet zeigte, und nur dem letzten<lb/>Theile ihrer Frage begegnend,
versetzte er: ,Ech glaube,<lb/>sich zu sammeln ist dies nicht der Ort.
Selbst zum<lb/>Lesen ists hier oben fast zu schön!?<lb/>Die einfachen Worte
überraschten sie, denn der<lb/>Ausdruck seiner Mienen, der Ton seiner
Stimme<lb/>gaben ihnen eine besondere Bedeutung trotz der
Zurück-<lb/>haltung, welche die klösterliche Zucht ihm angeeignet<lb/>hatte.
Viktorine fand ihn schöner noch, als er ihr<lb/>bisher erschienen war, und
auch das schüchterne Wohl-<lb/>gefallen entging ihr nicht, mit welchem er an
ihrem<lb/>Antliz hing.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0298_295.tif" n="0295"/>
<p>25<lb/>,Wie verschieden man empfindet!r bemerkte sie,<lb/>indem sie ihre
Augen auf ihn ruhen ließ. ,Mich<lb/>macht das Betrachten dieser herrlichen
Natur zu frohem<lb/>Dank geneigt, und weil Alles um mich her so
schön<lb/>und so erhaben ist, frage ich mich hier weit eher als<lb/>sonst
irgendwo: Bist du in Harmonie mit so viel<lb/>Schönheit? Bist du werth, sie
zu genießen?-- Das<lb/>aber dünkt mich, das ist Andacht, ist Gebet
und<lb/>Gottesdienst!r?<lb/>,Für Sie kann das wohl sein!'? versezte
er.<lb/>,Sie kennen die Welt, welche jenseits dieser Berge<lb/>liegt; ich
aber--' er brach mit einem Seufzer ab.<lb/>,Nun Sie? fragte
Viktorine.<lb/>,Ich kenne Nichts als dieses Thal und diese<lb/>Berge! Ich
bin zudem an jedem Tage hier! gab<lb/>er ihr zur Antwort.<lb/>, Und was
fesselt Sie denn gerade an die Kloster-<lb/>matte?' fragte sie.<lb/>Er sah
sie an, als verstehe er nicht, was sie mit<lb/>dieser Frage wolle. Er hatte
sich gegen den Stamm<lb/>des Baumes gelehnt und die Arme in einander
ge-<lb/>schlagen. Die Stellung war ebenso natürlich als an-<lb/>muthig;
Viktorine, die sich auf der Bank niedergelassen,<lb/>hatte Freude an seinem
Anblick.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0299_296.tif" n="0296"/>
<p>2<lb/>,Ich meine,'' wiederholte sie, ,der Aufenthalt<lb/>hier oben muß Ihnen
doch erwünscht sein, weil Sie<lb/>ihn immer wieder suchen.?<lb/>,Ich gehe
hierher, sagte er mit trübem Lächeln,<lb/>,, wie ich mich bisweilen
niedersetze an's Klavier -<lb/>ohne recht zu wissen, was ich will!?<lb/>, So
sind Sie vermuthlich gewohnt, wie eine<lb/>Künstlerseele am Instrument zu
phantasiren, und ge-<lb/>neigt zu träumen und zu schwärmen in der
Einsam-<lb/>keit und Stille der Natur!r bemerkte sie.<lb/>Er blieb ihr die
Antwort darauf schuldig; aber<lb/>das Roth, das seine Wangen färbte, und der
erstaunte<lb/>Blick, mit welchem er sich zu ihr wendete, zeigten
ihr,<lb/>daß sie ihn errathen habe.<lb/>,Ich habe Sie gestern singen hören!
sagte er<lb/>dann plözlich, und hielt wieder inne.<lb/>, Und ich bin hier
hinaufgekommen, um hier im<lb/>Freien einen Hymnus aufzuschreiben, den ich
gestern<lb/>dem Hochwürdigen Herrn vorgesungen habe, einen<lb/>Lobgesang auf
Rom, den er von Ihren Schülern<lb/>singen lassen will. Kennen Sie ihn
vielleicht<lb/>schon?<lb/>Er verneinte dies. , So will ich Ihnen
gleich<lb/>die erste Strophe singen,' sagte sie und mit Klarheit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0300_297.tif" n="0297"/>
<p>N?<lb/>die Töne einfetzend, trug sie ihm den Anfang des alt-<lb/>ehrwürdigen
Gesanges ror:<lb/>O Koma no bilis<lb/>Orbis et äomins,<lb/>Vunetarum
urbium<lb/>Tpceellentissims;<lb/>Koaeo murtzrumm<lb/>Ssnguine
rubes,<lb/>Albis et irgimuuu<lb/>Diliis eanäiäs.<lb/>Salatem
äieimus<lb/>Dibi ger ormis.!<lb/>Do bensäieimus<lb/>SUlee ger
sueeulul<lb/>Sie ließ das mächtige sulre ger sseeuls! in<lb/>lang getragenen
Tönen voll und gewichtig ausklingen,<lb/>und sie selber fühlte sich davon
ergrifen. Die Musit<lb/>erschien ihr in der tiefen Einsamkeit bedeutender,
ihre<lb/>Stimme gewaltiger, der Klang der lateinischen
Sprache<lb/>prächtiger, und die anbetenden Segensworte, die
ein<lb/>Jahrtausend überdauert hatten, ehrwürdiger als je<lb/>zuvor.<lb/>Der
junge Mönch stand regungslos vor ihr, die<lb/>Hände wie zum Gebet gefaltet,
das Auge im Ent-<lb/>zücken an die Sängerin gebannt. Er hielt sich
nur<lb/>mit Mühe, daß er nicht vor ihr niederkniete. Seine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0301_298.tif" n="0298"/>
<p>98<lb/>Erschütterung rührte Viktorine und schmeichelte
ihr<lb/>zugleich.<lb/>,Nicht wahr!r sagte sie, als der lezte Ton
ver-<lb/>hallt war, , das lohnt des Aufbewahrens, das
ist<lb/>groß!?<lb/>,Waren Sie in Rom?! fragte Benedikt, wie aus<lb/>einem
Traum erwachend.<lb/>,Sa! zu verschiedenen Malen,? entgegnete sie<lb/>ihm. ,
llnd jedes Mal, wenn am fernen Horizonte<lb/>vor meinem Auge die Kuppel der
Peterskirche sich in<lb/>ihrer Majestät erhob, habe ich der Milllonen
von<lb/>Menschen gedacht, die durch die weite Fläche der<lb/>Eampagna
pilgernd, bei dem gleichen Anblick das<lb/>ts beneäieimus, suuee ger
sseoulu! mit begeisterter<lb/>Inbrunft ausgerufen haben.-- Sie müssen
sehen<lb/>auch nach Rom zu kommen, Pater Benedikt, schon<lb/>als Musiker und
Sänger!''<lb/>,Wenn ich wollen dürfte!r stieß er hervor und<lb/>drängte
zurück, was ihm noch auf der Lippe schwebte.<lb/>Aber diese wenigen Minuten
hatten wie ein urplözlich<lb/>hereingebrochener Orkan seine Seele aufgeregt.
Wie<lb/>mühsam er sich zu beherrschen strebte, er vermochte<lb/>den Strom
seiner Gedanken und Empfindungen in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0302_299.tif" n="0299"/>
<p>W9<lb/>dem Augenblicke nicht einzudämmen in die ihm eng<lb/>und
strenggezogene Schranke; und wider seine Absicht<lb/>fortgerissen, sagte er:
,Ich habe dieses Thales Grenze<lb/>nur ein einzig Mal, nuur als Knabe für
wenig Stun-<lb/>den überschritten, und ob ich es in der Zukunft
je<lb/>einmal verlassen werde, ob ich jemals hinauskommen<lb/>werde aus dem
engen Kreise, den diese Berge und<lb/>unseres Klosters Mauern meinem Blicke
ziehen, dar-<lb/>über zu entscheiden hab' ich nicht.?<lb/>,Aber Ihr Wünschen
würde man vielleicht be-<lb/>achten!'? fiel sie ihm ein, weil die
Leidenschaft in seiner<lb/>Stimme ihre Theilnahme erweckte.<lb/>,Mein
Wünschen? wiederholte er, und hielt<lb/>wie vor sich selbst erschrocken auf
das Neue inne. --<lb/>Seine Selbstbeherrschung machte Viktorine
betroffen,<lb/>sie wußte nicht gleich, was sie ihm sagen sollte, und<lb/>ihr
Schweigen gab dem Aufgeregten seine Fassung<lb/>und die ihm angewöhnte
Haltung wieder.<lb/>,Ich habe nicht zu wünschen,' sagte er mit
er-<lb/>lernter Gemessenheit, ,ich habe zu vertrauen in des<lb/>Herrn
allweise Güte und meinen Oberen zu gehorchen.<lb/>Was sein Wille, was ihr
Befehl mir zuerkennt, das<lb/>habe ih zu thun und zu segnen!'<lb/>Sein Auge
senkte sich, wie er die Worte sprach;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0303_300.tif" n="0300"/>
<p>7O<lb/>der helle Glanz der Jugend, der emporgeflammt war<lb/>in seinem
schönen Anliz, war plötzlich wie erloschen,<lb/>und sich flüchtig vor ihr
neigend, sagte er ihr, der ge-<lb/>sellschaftlichen Form nuur wenig kundig,
ein kurzes<lb/>Lelewohl.<lb/>Sie sah ihm nach, wie er mit raschem
Schritte<lb/>die Höhe niederstieg, bis er endlich in des Klosters<lb/>Mauern
ihrem Blick entschwand.<lb/>,Der Schritt ist viel zu rasch und stolz für
einen<lb/>Kl sterbruder; und zum Entsagen ist der nicht ge-<lb/>macht! sagte
sie zu sich selbst. --- Dann sezte sie sich<lb/>nieder, nahm aus ihrem
Skizzenbuche ein Notenblatt<lb/>hewvor und brachte, ihn leise singend, den
alten Hymnus<lb/>zu Papier.<lb/>Ende des ersten Bandes.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_01_0304_bln.tif" n="0301"/>
<p/>
</div4>
</div3>
</div2>

<div2 type="volume">
<head>Band 02</head>
<div3 type="front">
<head>Titel</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0305_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0306_ttl.tif" n="unum"/>
<p>Benedikt<lb/> von<lb/> Fanny Lewald<lb/> Zweiter Theil<lb/> </p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0307_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head> Chapter 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0308_003.tif" n="0003"/>
<p><lb/>Peaelne war an einem schönen, heißen Tage in<lb/>der Frühe ausgeritten,
die Baronin nahm ihr zweites<lb/>Frühstück ein, die Wirthin stand ihr
gegenüber. Die<lb/>Baronin befand sich wohl, sie war in bester
Laune,<lb/>und rühmte es ganz besonders, wie gut man Alles<lb/>für sie
zubereite. Die Wirthin sagte mit einfacher<lb/>Treuherzigkeit, es freue sie,
wenn sie die Herrschaften<lb/>zufrieden stelle. Es sei ihr bange gewesen,
daß es ihr<lb/>nicht gelingen würde.<lb/>,Cch!r sagte die Baronin, , man
behilft sich ja<lb/>recht gern, wo man so viel guten Willen sieht,
wenn<lb/>man es freilich zu Hause auch ganz anders hat und<lb/>Besseres
gewöhnt ist.? =- Sie rührte dabei langsam<lb/>ihre Chokolade um, genoß ein
paar Löffel davon,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0309_004.tif" n="0004"/>
<p>und meinte dann:,Unser Koch ist berühmt für seine<lb/>Chokoladen - er ist
überhaupt berühmt der beste<lb/>Koch der Stadt! Ich halte darauf, nicht um
meinet-<lb/>willen,'' sezte sie hinzu. ,Sie sehen ja, ich
verlange<lb/>wenig, ich genieße auch nicht viel-- aber es paßt<lb/>sich so!
-- Wissen Sie, es kommt uns so zu, und es<lb/>muß auch so sein. Viktorinchen
hat Recht darin, es<lb/>muß Alles harmoniren, Alles!<lb/>Die Wirthin sagte,
das sei gewiß sehr richtig und<lb/>es verstehe sich ja von selbst, daß man
sich das Beste<lb/>schaffe, wenn man es bezahlen könne.<lb/>, Es ist nicht
um den Genuß ! fing die Baronin<lb/>wieder an, ,es ist nur um den Anstand!--
Aber<lb/>sezen Sie sich doch!'- schaltete sie plözlich ein --<lb/>, sezen
Sie sich, es ist ja weiter Niemand hier, und<lb/>wirklich, ich habe Sie sehr
gern.?<lb/>Die Wirthin nannte das eine große Ehre für<lb/>sich und ließ
sich, da sie gerade Besseres nicht zu thun<lb/>hatte, bei ihrem Gaste mit
der Bemerkung nieder,<lb/>ein Weilchen könne sie schon
bleiben.<lb/>,Wirklich! ich bewundere Ihre Thätigkeit!r ver-<lb/>sicherte
die Baronin. ,Wenn ich es mir so bedenke,<lb/>daß Sie früh den Mann verloren
und Mlles selbst<lb/>in die Hand genommen, und die Kinder erzogen,
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0310_005.tif" n="0005"/>
<p>Alles so auf ein bestimmtes Ziel geleitet haben-- ich<lb/>bewundere
das.?<lb/>Die Wirthin nahm das ruhig hin. ,Das Msen<lb/>ist ein guter
Lehrmeister,? sagte sie mit ihrer klugen<lb/>Schlichtheit, ,da ist kein groß
Bewundern dabei; und<lb/>wenn Einer ganz sicher weiß, daß ihm kein
Andcer<lb/>hilft, so lernt er sich bald selber helfen. Ich haite<lb/>eben
keine Wahll?<lb/>,Ja! das ist ea !? fiel die Baronin ein, der<lb/>nie darauf
ankam, zu hören, was ein Anderer dachte<lb/>oder gethan hatte --- ,das ist
ein Glück! Sie hatten<lb/>keine Wahl! und Ihre Kinder auch nicht. Aber
unfer<lb/>Herrgott hat nicht jeder Mutter ihre Aufgabe so
leiht<lb/>gestellt, als Ihnen hier in Ihrer Einsamkeit!' sezte<lb/>sie
hinzu, es völlig vergessend, daß sie die Wirthin<lb/>eben erst um der Art
und Weise willen bewundert<lb/>hatte, in welcher sie ihr und der Ihren
Schicksale<lb/>zu leiten verstanden hatte. -,Ihre Aufgabe war<lb/>leicht,
und man sollte das auch von der meinen denken,<lb/>denn Viktorinchen ist ja
gut und schön -- es giebt<lb/>ja gar kein Mädchen so wie sie - aber --- was
hilft<lb/>das Alles!-- Kann ich sagen, zuversichtlich sagen: ich<lb/>kann
mein Kind glücklich machen, wie ich es wünsche?<lb/>-- Ich kann es
nicht!'?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0311_006.tif" n="0006"/>
<p>-,Man sollte doch denken,? meinte die Wirthin,<lb/>F =wennn man das Fräulein
sieht, daß ihm zu seinem<lb/>E<lb/>Gläcke gar Nichts
fehle.?<lb/>k<lb/>s<lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/><lb/>E<lb/>s<lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/>c<lb/>E<lb/>e<lb/>-'
,Heute nicht - und morgen nicht!? seufzte die<lb/>Mutter, indem sie die
Augenbrauen mit sehr sprechen-<lb/>dem Ausdruck in die Höhe zog -= ,aber--
ich würde<lb/>das nicht Jedem sagen, indeß vor Ihnen thut es<lb/>Nichts,
Viktorinchen ist bald dreißig Jahre --- und<lb/>dreißig Jahre, das ist ein
Abschnitt, selbst für ein<lb/>Mäbchen, dem man es nicht ansieht, und daß
unsere -<lb/>Tochter eines reichen, eines- warum soll ich
das<lb/>E<lb/>E<lb/>E<lb/>nicht sagen? - eines sehr reichen Mannes,
vornehmer<lb/>Leute, eines großen Hauses Kind ist.-- Gott hat<lb/>uns mit
Hab und Gut gesegnet und sie ist unser<lb/>einzig Kind!?<lb/>- ,a hat sie
also nur zu wählen,? sagte die<lb/>Wirihin, ,wenn sie sich verändern
will.?<lb/>,Das hat sie! und das hat sie ja gehabt, seit<lb/>sie uns
herangewachsen ist! Die größten Partien!<lb/>Junge schöne Männer von den
ersten Häusern in<lb/>ganz Deutschländ und aus Frankreich. Sie hätte
Alles<lb/>haben können! einen Fould! einen Pereyre!
einen<lb/>d<lb/>Rothschild! denken Sie sich!'' sagte die Baronin, des<lb/>F
=-===========<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0312_007.tif" n="0007"/>
<p>F<lb/>Die aber mußte mit jenen Namen offenbar die<lb/>richtige Vorstellung
doch nicht verbinden, denn sie<lb/>sagte einfach: ,Sie haben ihr also
wahrscheinlich nicht<lb/>gefallen, und sie will warten, bis der Rechte
kommt!<lb/>Da thut sie wohl daran!r<lb/>,Wohl! wohl! erwiderte die Mutter,
,was heißt<lb/>wohl? Es waren Millionaire, große Namen! Sie<lb/>hätte ein
Haus, ein großes Haus, ein erstes Haus<lb/>machen können, wo sie gewollt
hätte! Aber sie wollte<lb/>keine Convenienz-Partie - sie wollte eine
Liebes-<lb/>Heirath. Gut! Sie konnte das auch haben! Mlles<lb/>haben! Es
kamen Cavaliere aus alten Familien,<lb/>Männer vom Hofe! - Hat sie sie
genommen?-<lb/>Sie wollen mein Geld! hat sie gesagt und hat den<lb/>Einen
fortgeschickt und den Andern fortgeschickt =e<lb/>,,Es wird nicht der Lezte
gewesen sein!? tröstete<lb/>die Wirthin.<lb/>, Gewiß nicht! Viktorinchen ist
ja heut noch<lb/>reizend! Haben Sies nicht gesehen, der Herr Abt<lb/>war
auch von ihr bezaubert, bezaubert sag' ich Ihnen!<lb/>Und selbst der ernste
Pater Theophilus kann seine<lb/>strenge Miene nicht behalten, sowie sie ihn
nur an-<lb/>lacht! Sie hätten sehen sollen, wie der Bischof
ihr<lb/>gehuldigt hat in diesem Sommer. Er und sein Neffe,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0313_008.tif" n="0008"/>
<p>?; -<lb/><lb/>z<lb/>s
-<lb/>-<lb/>-<lb/>-<lb/><lb/><lb/>-<lb/>-'<lb/>-<lb/>-<lb/>-<lb/><lb/>-<lb/>-<lb/>-<lb/>s<lb/>?<lb/>der
schöne Graf Stefano - alter, ganz alter Adel!<lb/>römischer Adel - und ein
Mann!-- Sie machen<lb/>sich keine Idee von ihm!-- Wie gern hätte
der<lb/>Bischof es gehabt! und ich - wie gern!<lb/>,Und das Fräulein hat
auch diesen nicht gemocht?<lb/>fragte die Wirthin.,So hat es vielleicht
heimlich<lb/>einen Andern im Sinn?<lb/>-- ,Gott bewahre! Gott bewahre!
Freilich im Sinne<lb/>- hat Viktorinchen immer Etwas, denn ich glaube,
sie<lb/>hat eine wunderbare Phantasie; und hätte unser Herr-<lb/>gott uns
nicht so mit Hab und Gut gesegnet, daß<lb/>sie's Gottlob nicht nöthig hat,
so hätte sie etwas<lb/>Großes werden können: eine Malerin, eine
Dichterin,<lb/>eine große Sängerin; denn sie kann Alles, was sie<lb/>will.
Es ist ihr Alles nur ein Spiel und was ihr<lb/>gerade in den Sinn kommt, das
ist ihr in dem Augen-<lb/>blicke Alles. Jezt hat sie hier nur das Thal und
das<lb/>Kloster und den Abt und den jungen Menschen --<lb/>den Mönch- wie
heißt er nur? im Sinne, -<lb/>aber,? - sie bog sich vertraulich zu der
Wirthin hin-<lb/>über und sagte: ,Sie sind doch auch Mutter und<lb/>z<lb/>?
wvenn Ihre Verhältnisse auch nur klein sind, so werden<lb/>Sie mich doch
verstehen!-- Könnten Sie mir viel-<lb/>Z leicht hier oben, in einem der
Nachbarhäuser ein<lb/>?<lb/>D-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0314_009.tif" n="0009"/>
<p>Quartier ausfinden - ein anständiges Quartier?=-<lb/>Sie verstehen mich
doch?<lb/>Die Wirthin mußte bedauernd und sich ent-<lb/>schuldigend
erklären, daß sie leider die Absicht der<lb/>Baronin nicht
errathe.<lb/>,Nicht?-- Merkwürdig! und Sie sind doch eine<lb/>sehr
gescheidte Frau! Sehen Sie, fuhr sie fort, in-<lb/>dem sie näher an die
Aufhorchende heranrückte und<lb/>sich vorsichtig umsah, ob Niemand in der
Nähe sei,<lb/>,es kommt Alles auf die Fassung an -= auf die<lb/>rechte
Fassung, meine ich - bei Juwelen und auch<lb/>sonst! -- Und der Graf ist ein
Mann, wie man<lb/>keinen Andern findet. Solch einen Solitair muß<lb/>man für
sich selber, ohne alle Fassung glänzen lassen!<lb/>Das habe ich meinem
Manne, hat mein Mann auch<lb/>dem Herrn Bischof gleich geschrieben, als wir
uns hier<lb/>niedergelassen hatten - und er ist dazu bereit!'<lb/>,Wer?
Wozu? fragte die Wirthin, der die<lb/>Baronin immer unverständlicher wurde,
je behutsamer<lb/>dieselbe sich auszudrücken strebte.<lb/>,Der Graf!r sagte
diese endlich. ,Er ist Oberst in<lb/>der Nobelgarde Seiner Heiligkeit, er
kann nicht immer,<lb/>wie er möchte, von dem Dienste fort. Aber er
wird<lb/>herkommen in fünf, sechs Wochen, wenn meine Kur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0315_010.tif" n="0010"/>
<p>B<lb/>k
-<lb/>k<lb/><lb/>k<lb/>E<lb/>s<lb/>?<lb/><lb/>f<lb/>k<lb/>k<lb/>k<lb/>k<lb/>b<lb/>k<lb/>f<lb/>?<lb/>f<lb/>E<lb/>s<lb/>E<lb/>de<lb/>r,<lb/>e-<lb/>beendet
ist. Hier oben, wenn Viktorinchen keine<lb/>andere Zerstreuungen hat, wenn
sie sich nur die Zeit<lb/>nimmt, ihn kennen zu lernen-- wenn sie sehen
wird,<lb/>daß er sich nicht hat abschrecken lassen- daß er be-<lb/>harrlich
ist! Und stellen Sie sich vor, ein leiblicher<lb/>Großneffe Seiner
Heiligkeit! -- ein leiblicher Groß-<lb/>neffe! - Wenn ich das erlebte!-- Sie
können sich's<lb/>nicht denken!- Welchen Palast sie wollten, würde<lb/>mein
Mann ihnen kaufen in Rom! welchen sie nur<lb/>wöllten!?<lb/>Nun endlich
wußte die Wirthin doch, worauf es<lb/>abgesehen war, und sie versprach, für
das Nöthige<lb/>zu sorgen, wobei die Baronin es ihr denn zur
heiligen<lb/>Pflicht machte, von der Sache weder dem Doktor noch<lb/>der
Tochter das Geringste<lb/>aber keine Andeutung fallen<lb/>es kund geben
könnte, daß<lb/>Bunde mit dem Grafen<lb/>zu offenbaren; vor Allem<lb/>zu
lassen, welche Viktorinen<lb/>ihre Eltern irgend wie im<lb/>wären. ,Sie hat
so ein<lb/>poetisches Gemüth! sie ist so romantisch! sagte sie,<lb/>,ein
Naturkind in der großen Welt! ein Wunder für<lb/>uns selbst! Alle Leute, die
sie kennen, sagen es, es<lb/>ist nicht zu glauben, wie sie ist!?<lb/>- Sie
hatte die lezten Worte noch nicht vollendet,<lb/>als Viktorine in das Zimmer
eintrat. ,Von wem<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0316_011.tif" n="0011"/>
<p>ist die Rede? wer ist die Unglaubliche? fragte sie,<lb/>indem sie mit ihren
schönen Augen heiter um sich<lb/>bllckte.<lb/>Ein süßliches Lächeln glänzte
auf der Mutter<lb/>Antliz. ,Wer sonst als Du mein Herz! Sehen Sie,<lb/>wie
sie aussieht! -- Wie das Leben! Gott sei<lb/>Dank!?<lb/>,ch so!? elef
Vktorine, und sich zu der Wirthin<lb/>wendend, versezte sie mit einem
dreisten Spotte, der<lb/>ihr aber wohl anstand: ,Ich fürchte, Sie
werden<lb/>mich bald so satt haben, als ich mich selbst. Es giebt<lb/>ja gar
nichts Vernichtenderes für das Wohlgefallen, für<lb/>das der Anderen wie für
das eigene, als wenn man<lb/>sich von Kindheit auf, an jedem Tage immer
wieder<lb/>als ein Wunder aufgetischt wird! Ich bin mir zum<lb/>Neberdruß
dadurch geworden, und Jeder, der mich zu<lb/>bewundern vorgiebt, ist mir's
ebensol'?<lb/>,Viktorinchen!r tadelte die Multer.<lb/>,Kann ich's ändern?
entgegnete die Tochter.<lb/>,Ich suche ja seit Jahren einen Menschen, der
mich<lb/>nicht mag, und der mich meidet, um-'<lb/>, Um was zu thun, mein
Engel? fragte die<lb/>Baronin.<lb/>,, Ulm endlich einmal Eiwas zu haben, was
mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0317_012.tif" n="0012"/>
<p>nicht angeboten wird; was ich mühsam wie ein Anderer<lb/>erringen muß: und um
mich aus reinem Widerspruch,<lb/>zum Zeitvertreib, in eine Leidenschaft für
ihn zu stürzen!r<lb/>betheuerte Viktorine, während sie in bester Laune
auf<lb/>die Gallerie hinausging.<lb/>DieWirthin machte ein bedenkliches
Gesicht. Ihr<lb/>schlichter gesunderVerstand errieth die
schlimmeWahrheit,<lb/>welche sich hinter diesem übermüthigen Scherz
verbarg.<lb/>Sie dankte ihrem Schöpfer, daß der Doktor seiner<lb/>Braut von
Herzen eigen war; aber sie war doch weit<lb/>davon entfernt, zu ahnen, wie
rückhaltlos sich Viktorine<lb/>in den Worten preiögegeben hatte.<lb/>Schon
zwwei Tage hintereinander war sie Morgens<lb/>hinaufgestiegen nach der
Klostermatte, ohne dort, wie<lb/>sie es erwartet hatte, dem jungen Mönche
wieder zu<lb/>begegnen. Das beschäftigte sie und machte sie
un-<lb/>geduldig. Hielt man ihn ab, seinen gewohnten Morgen-<lb/>gang zu
machen? Hatte er freiwillig darauf ver-<lb/>zichtet? und weshalb das Eine?
oder weshalb das<lb/>Andere? Wußte man im Kloster, daß sie ihn
allein<lb/>gesprochen hatte? hatte er es erzählt? gebeichtet?
Wich<lb/><lb/>er aus freiem Willen einem erneueten tusammen-<lb/>treffen
aus, weil er sie gefährlich für sich glaubte?<lb/>T z - Sie häite das wissen
mögen!-- Sie sah ihn<lb/>?<lb/>- -<lb/>:<lb/>?. -<lb/>s-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0318_013.tif" n="0013"/>
<p>nimmer noch in seiner anbetenden Bewunderung vor<lb/>sich stehen, die schönen
Augen auf sie gerichtet. Mit<lb/>solcher Inbrunst hatte ihrem Gesange noch
nie zuvor<lb/>ein Mensch gelauscht. Der Ausdruck seiner Mienen,<lb/>seine
Stellung, hatten sich ihr mit großer Deutlichkeit<lb/>eingeprägt, so
deutlich, daß sie meinte, sie wieder<lb/>geben zu können. Sie hatte es
gestern versucht, ihn<lb/>aus der Erinnerung zu zeichnen, sie versuchte es
heut<lb/>nochmals, es hatte ihr nicht gelingen wollen. Die
alten<lb/>vortrefflichen Maler, die hatten es verstanden,
solche<lb/>unschuldsvolle Anbetung zu malen. Sie vermochte es<lb/>nicht -
und wie sollte sie es auch? So hatte ja<lb/>noch Niemand vor ihr
dagestanden? Solch eine Hin-<lb/>gebung konnte nur in dem Schuze von
Klostermauern<lb/>noch gedeihen!<lb/>Sie hatte den Hymnus zierlich in das
Reine ab-<lb/>geschrieben, den Anfang mit einem schön
gemalten<lb/>Buchstaben verziert; nun sah sie ihre Arbeit noch ein-<lb/>mal
sorgsam durch, und sandte sie mit einigen ver-<lb/>ehrungsvollen Zeilen in
das Kloster hinüber. Der<lb/>Diener war vorgelassen worden und brachte ihr
des<lb/>Abtes persönlichen Dank. Er werde den Hymnus<lb/>sehr bald im
Kloster singen lassen, hatte er gesagt.<lb/>Das genügte Viktorinen nicht.
Sie selber wollte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0319_014.tif" n="0014"/>
<p>ihn von Benediktus hören, für dessen Stimmlage sie<lb/>ihn aufgeschrieben
hatte. Am Abend, als sie mit der<lb/>Baronin wie an jedem Tage der Vesper
beiwohnte,<lb/>hörte sie ihn die gewohnten Strophen intoniren. Es<lb/>war
der Schluß des Abendsegens, aber er sang ihn<lb/>seit zwei Tagen schöner
noch alö sonst. Es schien, als<lb/>habe er von ihr gelernt wie man die Töne
durch<lb/>langsam getragene Verbindung mächtiger ausklingen<lb/>lassen
könne.<lb/>Unter dem Portale traf sie mit Jakobäa und mit<lb/>den Schwestern
Benedikts zusammen. Sie und die<lb/>Baronin hatten ab und zu ein paar Worte
mit den<lb/>Frauen gewechselt, heute stellte sie sich ihnen, als
sie<lb/>-draußen auf der breiten Freitreppe der Kirche waren,<lb/>plözlich
in den Weg.<lb/>Sie sagte, die Mutter und sie hätten schon die<lb/>ganze
Woche hindurch einmal die Schwestern in dem<lb/>Armenhause besuchen wollen,
aber wenn man Nichts<lb/>zu thun habe, theile man seine Zeit nicht ein,
und<lb/>lasse sie ungenuzt verstreichen.<lb/>- Es war nun zwwar von einem
Gange nach dem<lb/>Armenhause zwischen ihr und der Baronin die Rede<lb/>nie
gewesen, indeß die Leztere grif den Gedanken<lb/>angenblicklich auf. Sie
erkundigte sich um die Zahl<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0320_015.tif" n="0015"/>
<p>der Alten, der Kranken und der Waisen, die man<lb/>dort zu verpflegen habe;
sie hatte solche Fragen, da<lb/>sie Wohlthaten zu üben gewohnt war, oft
gethan, sie<lb/>und die Tochter zeigten also Einsicht in
dasjenige,<lb/>worauf es in solchen Anstalten vor allem Andern an-<lb/>kam,
und das gefiel den frommen Schwestern, gefiel<lb/>auch Jakobäa, die sich
dadurch gegen ihre Weise zum<lb/>Verweilen bestimmen ließ.<lb/>Die Abrede
für den Besuch des Armenhauses<lb/>wurde dann genommen, die Schwestern
gingen mit<lb/>ihrem freundlich bescheidenen Gruße schnell, die
ver-<lb/>säumten Augenblicke einzuholen, ihrem Hause zu, und<lb/>wie danach
auch Jakobäa sich entfernen wollte, meinte<lb/>Viktorine, der
Sonnenuntergang verspreche heute be-<lb/>sonderö schön zu werden, sie möchte
noch spazieren gehen.<lb/>,Doch nicht allein! jezt, wo die Sonne bald
her-<lb/>unter istl' meinte die Baronin.<lb/>, Frau Jakobäa, nehmen Sie mich
mit!' bat<lb/>Viktorine, als komme ihr das eben in den Sinn.<lb/>,Es thut
Ihnen Niemand Etwas ! sagte Jakobäa,<lb/>,, Sie können hier in Gottes Namen
gehen, wann und<lb/>wo Sie immer wollen.<lb/>,Gewiß,'' entgegnete daö
Fräulein, , ich bin auch<lb/>keineöwegs ängstlich, nur die Mutter
ist'd.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0321_016.tif" n="0016"/>
<p>z<lb/>16<lb/>,So kommen Sie!r sprach Jakobäa.<lb/>,Jean soll mich holen
kommen, sagte Viktorine<lb/>zur Mutter gewendet, ,und mir einen Shawl
mit-<lb/>bringen, ich werde oben bei Frau Jakobäa auf
ihn<lb/>warten.?<lb/>Die Mutter rieth der Tochter noch, sich ja nicht<lb/>zu
erhizen oder zu erkälten, und Dies und Jenes zu<lb/>thun und nicht zu thun,
und ging darauf allein die<lb/>; kleine Strecke in die Penfion
zurück.<lb/>?<lb/>z<lb/>?-<lb/><lb/><lb/>s<lb/><lb/>k<lb/>E<lb/>E<lb/>W<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0322_017.tif" n="0017"/>
<p>Sweiies Enpitel<lb/>=»=Vaaaa-<lb/>F. Lewalb, Benebikt. .<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0323_018.tif" n="0018"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0324_019.tif" n="0019"/>
<p>e<lb/>Pe, »te Bergbewohner, stieg Frau Jakobäa lang-<lb/>sam den Berg hinauf,
Viktorine hatte ihren Schritt<lb/>zu mäßigen, wenn sie an ihrer Seite
bleiben wollte.<lb/>So gingen sie ein Ende schweigend neben
einander<lb/>her. Mit einem Male fragte das Fräulein, ob Jakobäa<lb/>die
Vesper auch zur Winterszeit besuche?<lb/>,lle Tage!' gab sie ihr zur Antwort
,und die<lb/>Frühmette ebenso!'?<lb/>Das Fräulein meinte, in der schlechten
Jahres-<lb/>zeit müsse das beschwerlich sein, und bei schlechtem<lb/>Wetter
ganz besonders.<lb/>,Man gewöhnt's! versezte darauf die Andere.<lb/>,Sie
sehen dabei freilich Ihre Töchter und hören<lb/>Pater Benediktus singen!r
bemerkte das Fräulein,<lb/>ohne daß Jakobäa eine Antwort darauf
gab.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0325_020.tif" n="0020"/>
<p>?<lb/>-<lb/>s<lb/>Inzwischen waren sie eine Strecke über das
Dorf<lb/>hinausgekommen und Viktorine blieb stehen, weil<lb/>hinter dem
schroffen Grat des Berges, der das Thal<lb/>gegen Osten abschloß, plözlich
der Mond empor stieg,<lb/>und der Abendstern zu funkeln anfing, während
der<lb/>letzte Streif des Sonnenballes noch im Verschwin-<lb/>den
war.<lb/>,Welch ein wundervoller Anblick! welch' eine<lb/>unvergleichliche
Farbenpracht!' rief sie umwillkürlich<lb/>alS. ---<lb/>Jakobäa blieb
ebenfalls stehen , Ja,' sagte sie,<lb/>,schön ist's. Einstmalen hat mich's
auch gefreut.?<lb/>, Und freut Sie's jetzt nicht mehr?<lb/>, Wenn mich grad
Einer darauf bringt. Von selber<lb/>acht' ich nicht darauf!'r sagte
Jakobäa.<lb/>Die ganze furchtbare Vereinsamung der finstern<lb/>Frau sprach
aus diesen ihren Worten, und ohne zu<lb/>F bedenken, was sie damit that,
rief Viktorine: , Gewiß!<lb/>Zum Freuen gehören ihrer Zwei!''<lb/>,Was
wissen Sie davon! Sie sind ja noch<lb/>allein!r warf Jakobäa hin, sich an
ihr erstes Zu-<lb/>sammentreffen mit der Fremden offenbar
erinnernd.<lb/>,Oh! ich habe doch Eltern, Freunde,
liebe<lb/>Freunde!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0326_021.tif" n="0021"/>
<p>Jakobäa machte mit dem Kopfe eine gering-<lb/>schätzende
Bewegung.<lb/>,Rechnen Sie das für Nichts? fragte Viktorine.<lb/>Sie erhielt
darauf gar keine Antwort, und sie gingen<lb/>wieder vorwärts.<lb/>Plözlich
flog es wie ein Lächeln über Jakobäa's<lb/>hartes Antliz. ,ckinder muß man
sehen, sagte sie,<lb/>, wenn sie zum ersten Male darauf achtsam
werden<lb/>und die Häände ausstrecken, um danach zu langen:<lb/>nach dem
Mond und nach den Sternen, als wär's<lb/>für sie da! Al könnte man es ihnen
geben! Und<lb/>das Weinen, wenn's nachher doch nicht zu haben ist!<lb/>wenns
ganz ferne ab vorüberzieht!-- E ist die erste<lb/>Lektion, die sie bekommen,
ihre erste Lektion int Ver-<lb/>zichten und Verzagen!'<lb/>Sie sah wie eine
der Sibyllen aus, während sie<lb/>die Worte, der Hörerin kaum achtend, vor
sich hin sprach.<lb/>,.Es muß hart sein, so wie Sie, alle seine
Kinder<lb/>von sich thun zu müssen,r' bemerkte Viktorine, um zu<lb/>zeigen,
daß sie das Schicksal der Familie kenne, jedoch<lb/>Jakobäa ging nicht
darauf ein.<lb/>, Liegen muß ein Jeder, wie ihn der Herrgott<lb/>bettet!
entgegnete sie, aber ihr Ton und ihre Mienen<lb/>zeigten von Ergebung und
von Demuth keine Spur.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0327_022.tif" n="0022"/>
<p><lb/>, Sich so aufrecht zu erhalten wie Sie, würden<lb/>Viele nicht im Stande
gewesen sein!r hub das Fräu-<lb/>lein wieder an, um die Unterhaltung
vorwärts zu<lb/>bringen.<lb/>,Ich kann's nicht leiden, wenn man mich
be-<lb/>klagt, und war immer gut bei Kräften!'r antwortete<lb/>ihr Jakobäa
kurz und trocken.<lb/>,Das sieht man noch an Ihnen und auch an<lb/>Ihren
Kindern. Vor einigen Tagen habe ich den Pater<lb/>Benediktus kennen
lernen!<lb/>,Se? fragte die Mutter plözlich achtsam wer-<lb/>dend. , Sie?
Wie kam demn daö?<lb/>,Ich traf ihn einen Morgen auf der Kloster-<lb/>matte
und redete ihn an.'<lb/>,Davon hat er mir Nichts gesagt! meinte die<lb/>?
Mutter. Viktorine sagte, er habe wohl nicht mehr<lb/>h darn gedacht. den es
sei schon ein pa=n Vge ber;<lb/>s und dann erkundigte sie sich, ob er
oftmals zu der<lb/>? Mutter komme.<lb/>s<lb/>,Jezt häufiger als in früheren
Tagen,' ent-<lb/>gegnete ihr diese. , Es that ihm wohl vordem zu<lb/>. wehe,
denn er hing auch an dem Hause; und wie<lb/>? sollte er nicht? Nun hat er es
verschmerzt und ist<lb/>zufrieden.?<lb/>z<lb/>s<lb/>s<lb/>L<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0328_023.tif" n="0023"/>
<p>f<lb/>!<lb/>,Ich hätte meinen einzigen Sohn nicht fortge-<lb/>geben,?
behauptete Viktorine mit harter Dreistizkeit.<lb/>Jakobäa schreckte auf. Zum
ersten Male richte-<lb/>ten sich ihre dunkeln Augen fest auf der Fremden
An-<lb/>gesicht. - ,Und was hätten Sie gethan?<lb/>,, Ich wäre mit meinem
Kinde auf und davon-<lb/>gegangen in die weite Welt,? -<lb/>,,EEine
Bettlerin? stieß Sakobäa hervor, indem<lb/>sie ihre starke knochige Rechte
fest um das feine Hand-<lb/>gelenk des Fräuleins legte -- ,Landläufig und
eine<lb/>Bettlerin?-- Ich habe es gewollt, und nicht gekonnt!?<lb/>,Es leben
Millionen ohne Haus und Hof mit<lb/>ihren Kindern von der Hände Arbeit!?
sagte Viktorine,<lb/>welcher der Vorgang immer interessanter
wurde.<lb/>,,Sie haben das wohl nicht gekannt und nicht<lb/>probirt!'? rlef
Jakobäa, ,und gegen des Allmächtigen<lb/>Hand und Willen krümmt sich der
arme Erdenwurm<lb/>vergebens. Nichts wollen, Nichts hoffen, Nichts
ver-<lb/>langen - und aushalten auf seinem Platz und bei<lb/>der Arbeit bis
zulezt!-- Das ist's! Das ist meine<lb/>Aufgabe und meine Bufe.?<lb/>Sie
hatte Viktorinens Hand wieder losgelassen<lb/>und sie gingen schweigend
durch den Abend hin. So<lb/>gelangten sie bis vor Jakobäa's Haus.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0329_024.tif" n="0024"/>
<p>s<lb/>z<lb/><lb/>z-<lb/>?<lb/>-<lb/>s<lb/>,Kommen Sie hinein!' sagte die
Besizerin, da<lb/>Jene stehen blieb.,DDie Sonne ist hinunter: Sie<lb/>sind
erhizt und es weht frisch aus der Schlucht.<lb/>Drinnen sind Sie
sicher!?<lb/>Damit ging sie voran die Stiege hinauf und in<lb/>das Haus. Die
Mägde und Kutechte, die schon von<lb/>der Arbeit heimgekommen waren, sahen
es mit Ver-<lb/>wunderung. Keiner von ihnen hatte es erlebt, daß<lb/>Jakobäa
einem fremdem Gaste ihre Thüre anfgethan.<lb/>Wer nicht Geschäfte mit ihr
hatte, kam über ihres<lb/>Hauses Schwelle nicht.<lb/>Das Zimmer hatte nichts
Besonderes. Es war<lb/>die gewöhnliche Stube, wie jedes alte
Bauernhaus<lb/>sie in dem Lande zeigt. In der Mitte stand der<lb/>schwere
Tisch, wie er von je gestanden hatte. Die<lb/>Hausfrau rückte für die Fremde
einen Stuhl heran,<lb/>der Mond fiel durch das Fenster schräg hinein
und<lb/>streifte mit seinem Licht des Tisches blankgepuzte
Platte.<lb/>Viktorinen war es sonderbar um's Herz. Sie<lb/>fühlte sich unter
dem Banne dieser Frau. Niemals<lb/>seit langen Iahren hatte ihr das rechte
Wort gefehlt<lb/>und jetzt versagte es sich ihr zu ihrem eigenen
Er-<lb/>staunen.<lb/>Jakobäa stand hochaufgerichtet vor ihr, sie sah
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0330_025.tif" n="0025"/>
<p>der niederen Stube noch viel größer und mächtiger<lb/>ans, als in der Kirche
und im Freien.<lb/>,Hier hat er gesessen, hier an diesem Fleck,' hob<lb/>sie
mit einem Male an, ,und hat hingestarrt wie in<lb/>den Tod! Und dazwischen
hat er den Kopf versteckt<lb/>in seine Häinde, als wollt' er das Leben nicht
mehr<lb/>sehen, das vor ihm lag!- Ich hab' hier grad über<lb/>ihm gestanden
und er hat Worte gesprochen, die hier,'?<lb/>sie schlug mit der Hand gegen
ihre Brust, ,wie ein-<lb/>gegraben in mir sind! Aber da war kein Rath
und<lb/>keine Hilfe! Er ist fortgegangen, wie in das kalte<lb/>Grab.--
Nachher ist Mlles einerlei! hat er zu mir<lb/>gesagt. Und so war es denn
auch. E ist nun Alles<lb/>einerlei!'?=-<lb/>Sie wendete sich von Viktorine
ab und sezte sich,<lb/>die geballte Hand gegen den Kopf gepreßt, in
der<lb/>Fensterecke nieder. Seit langen Jahren, seit sie
ihre<lb/>Leidenögeschichte einmal bruchstückweis der Jugend-<lb/>freundin
anvertraut, von der Viktorine sie vernommen<lb/>hatte, war kein Wort mehr
davon über ihre Lippen<lb/>gekommen. Nun saß sie da, so finster, so
erbittert,<lb/>als grolle sie sich darüber, daß sie untren gegen
sich<lb/>selbst geworden war. Was kümmerte denn auch die<lb/>Fremde das
Schicksal, das auf diesem alten Hause<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0331_026.tif" n="0026"/>
<p>k<lb/>lag? Und wie war es gekommen, daß sie sich hatte<lb/>fortreißen lassen,
über das zu reden, --- zu einer<lb/>Fremden zu reden, was doch nicht
abzuändern war?<lb/>Während aber Jakobäa sich brütend in sich selbst<lb/>F.
versenkte, regte die unruhige Vhantasie ihres Gastes<lb/>die
weithintragenden Schwingen; denn die
Glückliche<lb/>K<lb/>?<lb/>h<lb/>t<lb/>E<lb/>hatte es noch nicht erfahren,
daß es ein Unabänderliches<lb/>gebe, so lange der Tod den Umgestaltungen
des<lb/>Menschenlebenö nicht seine finstere Gewalt entgegen-<lb/>gestellt
hat. Sie war auferzogen in dem Glauben an<lb/>die Macht des Willens, an die
Unfehlbarkeit der Kraft,<lb/>wenn sie sich mit Muth und mit Beharrlichkeit
ver-<lb/>bindet. Sie hatte dafür in ihrer Familie die
unwider-<lb/>leglichsten Beispiele und Beweise. Man mußte nur,<lb/>wie ihr
Vater und wie dessen Vorfahren es gethan,<lb/>und wie ja auch die weltklugen
Väter der Gesellschaft<lb/>Jesu es seit Jahrhunderten übten und lehrten,
die<lb/>Mittel wollen, die zum Zwecke führen. Was lag denn<lb/>hier im
Grunde so Unabänderliches vor, wennBenediktus<lb/>wirklich widerwillig in
den Orden eingetreten war?<lb/>wenn er sich unglücklich fühlte in dem
Kleide, das er<lb/>trug?- Hatte denn noch kein andrer Mönch die<lb/>Kutte
abgeworfen? War noch nie ein Mönch der klöster-<lb/>lichen Zucht entflohen?
Sah Benedikt denn danach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0332_027.tif" n="0027"/>
<p>aus, als wäre er geboren, auf das Leben, auf Glück,<lb/>auf Liebe zu
verzichten? Mit einer Gestalt, wie die<lb/>seine, mit seinen Augen und mit
seiner Stimme war<lb/>man für das Kloster nicht bestimmt, war es ein
gutes<lb/>Werk, ihn aus den Banden zu befreien, die ihn ge-<lb/>fangen
hielten.<lb/>Ihre Gedanken waren in weiten Sprüngen rast-<lb/>los vorwärts
gegangen, als der Diener an die Thüre<lb/>klopfte, den die Baronin ihr
nachgesendet hatte. Sie<lb/>stand auf, die Hausfrau that
desgleichen.<lb/>,Schönen Dank für Ihre Gastfreundschaft,'' sagte<lb/>sie,
indem sie der Lezteren ihre Hand hinreichte. ,Lassen<lb/>Sie sich's nicht
verdrießen, daß Sie mich mitgenommen<lb/>haben. Das Schlcksal ist gar häufiz
klüger alö wir<lb/>selbst. E führt die Menschen oft zusammen, ohne<lb/>daß
sie ahnen, was es mit ihnen vor hat. Wer weiß,<lb/>wozu es gut ist, daß ich
hier gesessen habe!?<lb/>, Was soll da gut, was kann da übel sein?
ver-<lb/>sezte Jakobäa.,ber Sie haben hellen Mondschein<lb/>für die Heimkehr
und das ist gut für Sie. Das Thal<lb/>ist schön im Mondschein, wenn man von
dieser Seite<lb/>kommt.!<lb/>, Und ich darf wiederkehren, Frau Jakobäa?
oder<lb/>darf ich's nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0333_028.tif" n="0028"/>
<p>D<lb/>E<lb/>Ag<lb/>u<lb/>z<lb/><lb/>f<lb/>-
-<lb/><lb/><lb/>?<lb/>k<lb/><lb/>F<lb/><lb/><lb/>f<lb/>b.<lb/>k:<lb/>h:<lb/>E<lb/>n<lb/><lb/>b<lb/>-
,Wenn Sie wollen, so kommen Sie,' sagte<lb/>Jakobäa und gab ihr das Geleit
bis hinaus vor ihre<lb/>Thüre.-- Sie stand noch auf der Gallerie und
sah<lb/>ihr nach, als Viktorine im Niedersteigen ihr Taschen-<lb/>tuch zum
Gruße schwenkte und leichten Herzens der<lb/>Einsamen mit heller Kehle ,Gute
Nachtr zurief.<lb/>Jakobäa erwiderte es ihr nicht. Sie sezte sich<lb/>unter
ihrem Vordach nieder, wie sie drinnen gesessen<lb/>hatte an dem Fenster, und
die ganzen langen fünf-<lb/>undzwanzig Jahre lagen vor ihr, daß sie sie
überschaute<lb/>wie mit einem Blicke.<lb/>Denn es war wieder einmal
jährig!-- An diesem<lb/>Tag, vor fünfundzwanzig Jahren war es
zusammen-<lb/>gebrochen mit einem Schlage, all ihr ganzes Glück<lb/>für
immerdar. Heut vor fünfundzwanzig Jahren war<lb/>Maurus fortgegangen aus dem
Thale, und sie war<lb/>zurückgeblieben, einsam, beschimpft, verlassen und
mit<lb/>Schuld beladen, - sie und ihre Kinder.<lb/>War es die. Erinnerung
gewesen an die Herzens-<lb/>angst jener lang begrabenen Zeit, die ihr heute
eines<lb/>Menschen Nähe lieb gemacht? Oder was war es, das<lb/>ihr den Mund
erschlossen hatte der Fremden gegen-<lb/>über?- Sie wußte es sich selber
nicht zu deuten,<lb/>und doch gereute sie die lezte Stunde jetzt nicht
mehr.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0334_029.tif" n="0029"/>
<p>Aber was hatte die Fremde gemeint mit der Klug-<lb/>heit des Schicksals, von
der sie so geheimnißvoll ge-<lb/>sprochen hatte? Sie verstand es nicht, und
mußte doch<lb/>daran auf ihrem Lager denken, bi sie die
Augen<lb/>schloß.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0335_030.tif" n="0030"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0336_031.tif" n="0031"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0337_032.tif" n="0032"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0338_033.tif" n="0033"/>
<p>Jue Vktorine fand den Schlaf nicht gleich wie<lb/>sonst. Sie, die es immer
liebte, sich ihrer guten Ge-<lb/>fundheit und ihres gesunden Schlafes zu
berühmen,<lb/>erzählte dem Doktor, als sie ihn am Morgen sah, daß<lb/>sie in
dieser Nacht nur wenig Nuhe genossen hale,<lb/>daß sie aber trotzdem frisch
und munter sei, weil sie<lb/>sich mit allerlei Planen und Projekten, ja, sie
könne<lb/>sagen, mit der Durchführung eines Romanes beschäftigt<lb/>habe. Er
fragte, wie sie dazu gekommen sei?<lb/>,Sa! wie kommt man zu der Erdichtung
eines<lb/>Nomans? gab sie ihm zur Antwort. , Ich habe mir das<lb/>bisher
selbst nicht vorstellen können, nun aber weiß ich<lb/>es aus eigner
Erfahrung. Man hörtvoneinem Menschen,<lb/>von einemEreigniß, die etwas
Auffallendes an sich haben.<lb/>F. Lewald, Benedikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0339_034.tif" n="0034"/>
<p>E
-<lb/>k<lb/>E<lb/>s<lb/>s<lb/>k<lb/>k<lb/>E<lb/>k<lb/>t-<lb/>E<lb/>d<lb/>s<lb/>F<lb/>e:<lb/>h<lb/>d-<lb/>f<lb/>k<lb/>Man
denkt, wie mag es zugegangensein, welche Umstände<lb/>müssen zusammengewirkt
haben, damit dieser Mensch<lb/>sich so entwickelte, diesesEreigniß möglich
werdenkonnte?<lb/>Was dürfte wohl aus diesem Menschen in der Zu-<lb/>kunft
werden, oder wie möchten die seltsam ver-<lb/>schlungenen Fäden dieser
Verhältnisse Glück bringend<lb/>zu entwirren sein?- Und in dem Nachdenken
über<lb/>die Vergangenheit, in dem Errathenwollen der Zu-<lb/>kunft, in dem
Wunsche, dieselbe vernünftig gestaltet<lb/>zu sehen, erfindet und schafft
man eine Menge von<lb/>Vorgängen-<lb/>,Die wir nächstens als einen Roman zu
lesen<lb/>S-<lb/>ß bekommen werden!r fiel ihr der Doktor in die
Rede.<lb/>f<lb/>,,Durchaus und ganz gewiß nicht!' entgegnete sie<lb/>,; ihm.
, Sie mahnen mich aber an das Wort eines<lb/>-' italienischen Kardinals, das
ich Ihnen wiederholen<lb/>F Suede, wen ich ncht das sark«stische ud i
Grnde<lb/>ß. hochmüthige Lächeln kennte, mit welchem Sie auf uns<lb/>F
herabsehen, wennn wir Ihnen von der großen Welt,<lb/>F von jener Welt, in
der wir leben, einmal sprechen.?<lb/>- Der Doktor wehrte den Vorwurf von
sich ab,<lb/>F gnd Miktorine, die offenbar Lust hatte, das kleine Ee-<lb/>F
eigniß mitzutheilen, sagte: ,dls wir vor einem Jahre<lb/>F - den Winter in
Rom zubrachten, hatte sich durch eine<lb/>t?<lb/>?<lb/>z<lb/>Dss=--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0340_035.tif" n="0035"/>
<p>H5<lb/>Personen-Verwechslung das Gerücht verbreitet, daß
ich<lb/>Schriftstellerin sei. Ein Kardinal, den wir häufig<lb/>trafen,
redete mich als solche an, und ich mußte die<lb/>Ehre von mir ablehnen. ,Oh,
rief er, , das freut<lb/>mich! Ich habe es im Grunde auch nicht für
wahr-<lb/>scheinlich gehalten. Weshalb wollten Sie auch
Romane<lb/>erdichten, da Sie jung und schön genug find, sie er-<lb/>leben zu
können!?- ,Und ich hoffe,? sezte sie mit<lb/>scherzender Anmuth hinzu, ,ich
habe nicht zu sehr<lb/>gealtert in dem einen Jahre. !<lb/>Sie sah in dem
Augenblicke wieder äußerst reizend<lb/>aus, so daß der Doktor sich mit
eigener Verwunderung<lb/>über seine Geistesgegenwart zu dem Fomplimente
empor-<lb/>schwang: man habe jedenfalls Demjenigen Glück zu<lb/>wünschen,
den sie sich zum Helden eines von ihr zu<lb/>erlebenden Romanes ausersehe.
Aber er fand mit dieser<lb/>Schmeichelei bei ihr den rechten Anklang
nicht.<lb/>,,Kennen Sie mich noch so wenig, ' sagte sie,<lb/>, daß Sie
glauben, ich für meine Person würde mich<lb/>auf die Noth und die Qualen
einer Liebesgeschichte<lb/>einlassen. Dazu bin ich ja viel zu selbstisch,
viel zu<lb/>klug und in gewissem Sinne auch zu träge! Aber ich<lb/>denke es
mir sehr verlockend, wie ein leus e: m.ehin<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0341_036.tif" n="0036"/>
<p>E<lb/>E<lb/>k<lb/>F, der aufklärenden Fackel in der Hand, an ein<lb/>dunkles
Schicksal Licht bringend heranzutreten; Ketten<lb/>E<lb/>zu lösen und
Menschen in die ihnen zustehenden<lb/>H- !<lb/>R ---<lb/>?<lb/>,Und solchen
Menschen, solchen Schicksalen glauben<lb/>F Sie hier begegnet zu sein?
fragte der Doktor mit<lb/>z, einer bangen Ahnung.<lb/>, Und wenn ich Ihnen
mit einem Ja entgegnete?<lb/>,So würde ich Sie beschwören, sagte er
mit<lb/>-<lb/>F I tlefem Ernste, ,bleiben Sie den Menschen fern, deren<lb/>?
j innerstes Wesen Sie nicht begreifen, in deren An-<lb/>ß -<lb/>? s
schauungen Sie sich auf keine Weise hineinzudenken<lb/>F , vermögen Heil zu
bringen sind Sie da völlig außer<lb/>- Stande, Unheil anzurichten nur zu
sehr gemacht!<lb/>? -<lb/>T<lb/>f<lb/>s<lb/>k<lb/>E<lb/>f<lb/>,Wie feierlich
Sie mit einem Male werden!'<lb/>scherzte Viktorine, weil sie es nicht
verrathen wollte,<lb/>daß die strenge Mahnung und der sittliche Ernst
des<lb/>jungen Mannes, auf den sie bisher mit
spielender<lb/>Gleichgültigkeit herabgesehen hatte, ihr wider
ihren<lb/>Willen Achtung abnöthigten. Indeß, es war nicht<lb/>zeicht, sie in
ihrem Selbstvertrauen zu erschüttern. Sie<lb/>T T<lb/>?<lb/>?<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0342_037.tif" n="0037"/>
<p>der hiesigen Lebenszustände hineinversezen, als der<lb/>Doktor die Freiheit
des Handelns und Wirkens, oder<lb/>die Möglichkeiten zu ermessen im Stande
war, an<lb/>welche eine bevorzugte Siellung und große Mittel ihr<lb/>zu
denken erlaubten. War doch der Doktor selber ein<lb/>Kind diesek engen
Thales und hatte immer, wann<lb/>und wie er es auch verlassen hatte, in
verhältniß-<lb/>mäßigen Beschränkungen gelebt.<lb/>Sie fand es dreist von
ihm und eigentlich vermessen,<lb/>daß er sich als ihres Gleichen ansah, daß
er es sich<lb/>herausnahm, sich mit seinem Urtheil über sie zu
stellen,<lb/>fich zu ihrem Mentor aufzuwerfen. Und es waren
ja<lb/>eigentlich auch nur müßige Spiele der Phantasie ge-<lb/>wesen, denen
sie sich überlassen hatte. Denn was<lb/>war ihr Jakobäa? Was galt ihr das
Haus der Maria<lb/>Josepha? Was kümmerte es sie, wenn Benediktus<lb/>alt und
grau in seiner Kutte wurde?= Doch nein!<lb/>um ihn, um Benediktus war es
schade.- Und des<lb/>Doktors Warnung hatte so entschieden wie eine
Heraus-<lb/>forderung geklungen, daß sie angethan war, eine
that-<lb/>sächliche Widerlegung zu erfahren.<lb/>Sie war aufgeregt und wußte
nicht wodurch.<lb/>Aber eö war ihr lieb, daß der Doktor in dem
Augen-<lb/>blicke die Sache auf sich beruhen licß. Sie sprachen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0343_038.tif" n="0038"/>
<p>e<lb/>k<lb/><lb/>?<lb/>E<lb/><lb/><lb/>?<lb/><lb/>h<lb/>ß<lb/>ß<lb/>s<lb/><lb/>8<lb/>von
andern Dingen, Viktorinens Phantasie blieb jedoch<lb/>auch als der Doktor
sie verlassen hatte, mit ihren<lb/>Planen für Benedikt beschäftigt. In
müßigem Ge-<lb/>dankenspiel glitt sie von einer Vorstellung zur
anderen,<lb/>bis sich in ihr endlich die Idee festsezte, wie reizend<lb/>es
sein müsse, in der großen Welt als die Beschützerin<lb/>und Retterin eines
ungewöhnlichen Talentes zu er-<lb/>scheinen, dem ungemeinerBeifall um so
weniger entgehen<lb/>würde, wenn es auf geheimnißvollen und
dornenreichen<lb/>Pfaden an sein Ziel gekommen sei. Und was war<lb/>im
Grunde denn so Schweres dabei durchzusezen?--<lb/>Eine Flucht!-- es war
Nichts leichter, wenn dieses<lb/>Thales Grenze einmal überschritten war. Ein
Wechsel<lb/>des Cultus? ein Wechsel in der Form der
Gottes-<lb/>ß<lb/>anbetung - wer konnte vor einem solchen zurück-<lb/>ß
schrecken, wenn in seiner Brust der Genius lebendig
war?<lb/>s<lb/>?<lb/>?.<lb/>s<lb/><lb/>E<lb/>s<lb/>f<lb/><lb/>Sie mußte
durchausmitBenediktus einmal sprechen;<lb/>sie<lb/>ihn<lb/>mußte ihm näher
treten, sein Vertrauen gewinnen,<lb/>einem Worte - sie mußte ihn befreien!
--<lb/>Mit<lb/>und<lb/>aufklären über sich selbst und über sein
Talent.<lb/>Es war dies eine Aufgabe, ein Ziel, die sie mehr<lb/>mehr zu
reizen begannen; und sich zu versagen,<lb/>was sie reizte, war sie nicht
gewohnt. Alles war ihr<lb/>bisher gelungen, was sie sich noch jemals
vorgenommen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0344_039.tif" n="0039"/>
<p>hatte; selbst der Zufall hatte sich ihr, so oft sie seiner<lb/>Gunst bedurft,
geneigt erwiesen, als ob auch er ver-<lb/>ständnißvoll ihr huldigte, weil
sie ihn zu erkennen<lb/>und zu benutzen wußte. Sie rechnete also auch
in<lb/>diesem Falle mit Zuversicht auf ihn; und ihres Ge-<lb/>lingens so
sicher wie ihres Wollens, erlabte sie sich an<lb/>der künftigen
Siegesfreude, ehe noch der Kampf be-<lb/>gonnen hatte.<lb/>Daß sie dem
jungen Pater heute noch oder<lb/>doch sehr bald begegnen werde, davon war
sie über-<lb/>zeugt. Indeß sie sah ihn nicht und nicht einmal
die<lb/>Klasse, die er spazieren zu führen hatte; er mußte<lb/>also nicht
die sonst gewohnten Wege wählen und es<lb/>interessirte fie immer auf das
Neue zu wissen, ob er<lb/>in solchen Dingen aus freiem Antrieb oder nach
er-<lb/>haltener Anweisung zu handeln habe. Fragen mochte<lb/>fie darum
weder den Pater Theophilus nach den<lb/>Doktor, und dieser fand es nicht
nöthig, ihr mitzu-<lb/>theilen, daß er Benedikt um die Zeit der
Spielstunde<lb/>im Klostergarten geflissentlich gesucht, und ihn
auch<lb/>dort getroffen habe.<lb/>Es war ihm, nachdem er eine Weile mit
ihm<lb/>geplaudert hatte, nicht schwer gefallen, das Gespräch<lb/>auf die
Bewohner seines Hauses hinzulenken, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0345_040.tif" n="0040"/>
<p>D0<lb/>Benediktus sagte ihm, daß er das Fräulein habe kennen<lb/>lernen. Der
Doktor erkundigte sich, wie die Fremde<lb/>ihm gefallen habe.<lb/>,DaO mußt
Du mich nicht fragen, da mir die<lb/>Vergleichung fehlt!' entgegnete ihm
Benedikt, während<lb/>ein rasches heißes Roth sein Antliz überflog.<lb/>,Du
hast sie also schön gefunden?<lb/>,Wie eine Erscheinung stand sie mit einem
Male<lb/>oben auf der Matte vor mir!r fiel Benediktus ein,<lb/>die Frage
überhörend, oder ihr aus dem Wege gehend.<lb/>,Ich mußte mich besinnen, um
ihr antworten zu<lb/>können. Und wie sie singt!<lb/>,Sie hat gesungen?'
fragte der Doktor, dessen<lb/>F Sorge um den Freund im Wachsen war, und
der<lb/>ihn sprechen zu machen wünschte. ,Wie kam sie auf<lb/>den
Einfall?<lb/>,Es war Alles plözlich, Alles wunderbar, wie<lb/>«<lb/>z man's
im Traume erlebt, wie man's in Visionen<lb/>F sieht! Unfaßbar und doch
unwergeßlich!' sagte Benedikt<lb/>?. und schwieg, bis er sich
zusammenrafend, die Bemerkung<lb/>I machte: ,Wir studiren jezt den Hymnus
ein! Das<lb/>hohe Lied auf Rom, das sie für unsere Bibliothek<lb/>; gesendet
hat.?<lb/>?<lb/>z?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0346_041.tif" n="0041"/>
<p>, Nimm Dich in Acht vor ihr!? fuhr der Doktor<lb/>rasch heraus.<lb/>,, Vor
Viktorinen? fragte Benedikt.<lb/>,.Woher kennst Du ihren Namen?<lb/>Und
wieder ergoß sich die Röthe über des jungen<lb/>Mannes Angesicht, und den
Blick abwendend von dem<lb/>Freunde, sagte er: ,Er stand auf jener
Abschrift, welche<lb/>das Fräulein für unsern Herrn Abt gemacht hat.<lb/>Ich
hatte danach die Hymne vierstimmig für die<lb/>Schüler
umzusetzzen.'?<lb/>,Hüte Dich vor ihr!' wiederholte der Doktor,<lb/>,,lie
ist eine Komödiantin!-<lb/>,Eine Komödiantin? rief der junge Mönch,<lb/>,
das ist unmöglich, das kann sie nicht sein.r<lb/>Der Doktor mußte lachen, so
wenig er in diesem<lb/>Falle auch dazu geneigt war. ,Nimm eö nicht
wört-<lb/>lich!' sagte er.,Sie singt und spielt nicht vor den<lb/>Leuten im
Theater, sie tanzt nicht auf dem Seile,<lb/>-- aber Komödie zu spielen und
auf dem Seile zu<lb/>tanzen liegt sehr in ihrer Art. Sie ist so schön
als<lb/>falsch -- so Etwas von der Frau Venus, die den<lb/>Ritter Tannhäuser
verlockt, in ihren Zauberberg zu<lb/>treten und ihn in demselben festhält,
daß selbst des<lb/>Papstes Lösung ihn nicht mehr vor ihr errettet.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0347_042.tif" n="0042"/>
<p>Er sprach wie im Scherze, aber der junge Pater<lb/>stand verstummt, und Jener
redete mit Geflissenheit<lb/>von andern Dingen. Benedikt hörte und
antwortete<lb/>auf seine Fragen mit zerstreutem Sinn, der Doktor<lb/>hatte
nach seiner Ansicht jezt gethan, was seine Pflicht<lb/>war, und zum
Verweilen fehlte ihm die Zeit. In<lb/>- dem Augenblicke aber, in welchem er
sich entfernen<lb/>wollte, fuhr Benediktus wie aus einem Traume auf<lb/>und
als wäre von gar nichts Anderem die Rede ge-<lb/>wesen zwwischen ihnen,
sagte er: , Pater Theophilus<lb/>denkt von den Fremden gut. Er nennt sie
groß-<lb/>müthig und rühmt der Frau Baronin Ehrfurcht vor<lb/>der
Kirche.?<lb/>,Ich habe nicht das Gegentheil behauptet und<lb/>der Pater, dem
sie beichten, kennt sie natürlich mehr<lb/>als ich und besser!'r sagte der
Doktor, für den es<lb/>F seine Bedenken hatte, sich über die seiner Obhut
an-<lb/>vertrauten, in seinem Hause lebendenFrauen mißbilligend<lb/>? und
abfällig ausgesprochen zu haben.,Und am Ende,<lb/>setzte er hinzu, , was
kümmert mich der Charakter<lb/>dieser Fremden auch! was kümmern sie nun
vollends<lb/>Dich! Sie bleiben ja nicht lange hier, Du siehst sie<lb/>wohl
kaum wieder!r<lb/>Er ging damit seiner Wege, aber des Doktors<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0348_043.tif" n="0043"/>
<p>B<lb/>psychologische Unerfahrenheit hatte dem Freunde mit<lb/>der Warnung
keinen guten Dienst geleistet.<lb/>Die Phantasie des jungen Mönches war
durch<lb/>das Zusammentreffen mit Viktorine leidenschaftlich
auf-<lb/>geregt. Er sah sie im Traum der Nacht vor seinen<lb/>Augen, er
hörte, wenn er den Hymnus am Klavier<lb/>oder an der Orgel spielte, ihn von
ihrer Stimme<lb/>singen. Sie wurde für ihn zu dem Sinnbilde von<lb/>Rdom;
und wenn es ihn hinzog, wie sie es ihm ge-<lb/>schildert hatte, gen Mom zu
pilgern, war es nicht die<lb/>Stadt der Städte, war's nicht nur Rom, wohin
die<lb/>Sehnsucht ihn verlockte, - es war ein anderes, ein<lb/>heftigeres
Sehnen, das ihn antrieb, das ihm das Herz<lb/>erweiterte, erwärmte, und ihn
unruhig machte bei<lb/>allem seinem Thun.<lb/>Er war sich vollständig
bewußt, daß es anders<lb/>mit ihm stand, als noch vor wenigen Tagen.
Er<lb/>klagte sich der Ungeduld, des Eigenwillen an, weil<lb/>er sich in
selbstständigen Wünschen und Hoffnungen er-<lb/>ging, statt in Ergebung
abzuwarten, was der Wille<lb/>seiner Oberen über ihn dereinst beschließen
würde.<lb/>Es war, bei der Entwicklung, die er unter den Augen<lb/>derselben
genommen hatte und bei den guten Er-<lb/>wartungen, die man von ihm hegte,
zum Deftern die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0349_044.tif" n="0044"/>
<p>»<lb/>Rede davon gewesen, ihn einmal in späteren Jahren<lb/>eine Neise machen
zu lassen, um ihn dem General<lb/>des Ordens vorzustellen, wobei er denn
auch so weit<lb/>als thunlich, die anderen auf dem Wege
liegenden<lb/>Niederlassungen der Benediktiner kennen lernen
und<lb/>vielleicht, da er Neigung verrieth, die Welt zu sehen,<lb/>von dem
Haupte des Ordens eine ihm aagemessene<lb/>Verwendung finden konnte. Dieser
Auösicht hatte<lb/>man sich sogar bedient, um ihn durch den Hinweis<lb/>auf
dieselbe zum Fleiße anzuspornen, als er noch in<lb/>den Klassen gewesen war;
während man zugleich nicht<lb/>ermangelt hatte, ihn daran zu erinnern, daß
nur den-<lb/>jenigen Brüdern solche ehrende Auszeichnungen zu-<lb/>gewendet
würden, deren völliger Hingebung an den<lb/>Orden und deren strenger
Unterwerfung unter seine<lb/>Regeln man sich versichert halten
durfte.<lb/>Er selbst hatte dem Zeitpunkte, in welchem man<lb/>ihn
vielleicht reisen lassen würde, stets mit Freude<lb/>und Hofnung
entgegengesehen, aber die Unruhe, die<lb/>sich jetzt seiner bemächtigt
hatte, war anderer Art, war<lb/>fo heftig, wwie er sie nie gekannt seit
jenem Tage, an<lb/>welchem er mit bittrem Widerstreben in die
Kloster-<lb/>schule eingetreten war.<lb/>Er hatte sie in den letzten Jahren
weit seltener<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0350_045.tif" n="0045"/>
<p>k<lb/>in sich aufsteigen fühlen, die Wünsche, welche er in<lb/>seiner
Knabenzeit gehegt, die schweren Kämpfe, welche<lb/>der Verzicht auf das
Weltleben ihn gekostet hatte.<lb/>Jezt tauchten sie wieder plözlich aus
seiner Erinnerung<lb/>hervor, so daß er endlich, um sich selber zu
be-<lb/>schwichtigen, sich der Vorstellung überließ, das
Su-<lb/>sammentreffen mit dem einstigen Spielgenossen und<lb/>die
Erzählungen desselben seien es gewesen, welche<lb/>ihn so verrwirrend
aufgeregt und ihm das zufriedene<lb/>Insichberuhen für den Augenblick
genommen hätten.<lb/>Er hatte den Doktor deshalb geflissentlich
vermieden,<lb/>und die Unterredung mit dem Doktor hatte ihm dar-<lb/>gethan,
daß er damit das rechte Theil für sich ge-<lb/>wählt habe.<lb/>Er durfte
sich es nicht gestatten, von Viktorinen<lb/>sprechen zu hören und von ihr zu
sprechen; aber deshalb<lb/>blieben des Doktors Aeußerungen ihm nicht
weniger<lb/>räthselhaft. Er verstand nicht, was der Freund damit<lb/>gewollt
hatte, nicht, wie er darauf gekommen war,<lb/>ihm Vorsicht zu empfehlen. Was
sollte und konnte<lb/>die Warnung ihm bedeuten, welche dgr Doktor
gegen<lb/>ihn ausgesprochen hatte? War er denn etwa ein<lb/>Weltmann, ein
Edelmann, dem man eine Bewerbung<lb/>um Viktorine zutrauen durfte? Was hatte
er mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0351_046.tif" n="0046"/>
<p>16<lb/>ihr gemein? Was konnte er, der Klostergeistliche, zu<lb/>fürchten
haben von einer vornehmen Frau, die an<lb/>seinem Horizonte vorüberzog wie
einer der Kometen,<lb/>die man anstaunt, so lange sie in dem
Gesichtskreis<lb/>stehen, und deren Wiederkehr man oftmals nicht
erlebt.<lb/>Was konnte der Doktor gegen Viktorine haben, wenn<lb/>der Abt
sich ihr und ihrer Mutter wohlgeneigt er-<lb/>wies! wenn Pater Theophilus
sie seines Antheils und<lb/>seiner Achtung würdig hielt?-- Sollte der
Doktor<lb/>etwa selber sein Auge auf das Fräulein gewendet,<lb/>seine
Wünsche bis zu demselben erhoben haben und<lb/>abgewiesen worden sein?
Wahrscheinlich war das<lb/>nicht, denn er war verlobt und war auch klug
genng,<lb/>die Entfernnng zu ermessen, die ihn von einer Vik-<lb/>torine
trennte; aber aufgefallen war es Benedikt, daß<lb/>Jener ihm nie von seiner
Braut gesprochen hatte;<lb/>und da die Leidenschaft der Liebe den Menschen
ver-<lb/>messen machen soll, wer konnte es wissen, wozu sie<lb/>seinen
Freund verleitet haben mochte?<lb/>Je länger er darüber nachsann, um so
fester<lb/>überzeugte sich Benediktus, daß nur eine persönliche<lb/>Kränkung
den Doktor angetrieben habe, Viktorine so<lb/>hart zu beschuldigen. Es war
ja nur natürlich, wenn<lb/>ihre Schönheit, ihre anmuthvolle Güte, ihr
un-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0352_047.tif" n="0047"/>
<p>vergleichlicher Gesang das Herz eines Mannes ent-<lb/>zündet hatte, dem es
vergönnt war, ihr zu nahen, für<lb/>den es keine Sünde war, sie anzubeten,
sie zu lieben,<lb/>sie zu begehren und nach Befriedigung für
seine<lb/>Wünsche mit allen seinen Kräften anzustreben.<lb/>Einen Augenblick
lang hatte er dem Freunde<lb/>gezürnt, jezt beklagte er denselben -- und
beneidete<lb/>ihn doch. Denn der Doktor konnte sie sehen und<lb/>sprechen,
so oft als er es wollte; er konnte sie singen<lb/>hören jeden Tag: die süßen
träumerischen Weisen, die<lb/>alten überwältigenden Hymnen und - das war
es,<lb/>ja! das war es ganz allein, was Benediktus für sich<lb/>selber
wünschte. Es war seine Liebe für die hoch-<lb/>heilige Musik, die ihn
immerfort an Viktorine zu<lb/>denken nöthigte, es war das berechtigte
Verlangen,<lb/>andere Musik zu hören, als die er selber machte, die<lb/>ihm
plözlich die Mauern seines Klosters drückend er-<lb/>scheinen ließ, und ihm
die alte Sehnsucht nach der<lb/>Ferne in der Seele wach gerufen
hatte.<lb/>Er glaubte in sich beruhigt zu sein, nachdem er<lb/>für seinen
Zustand diese neue Erklärung gefunden<lb/>hatte, die ihn nicht zwang, gegen
denselben anzuringen,<lb/>oder sich in der Beichte eines ungehörigen,
sündhaften<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0353_048.tif" n="0048"/>
<p>K<lb/>Verlangens zu beschuldigen; und er gönnte eö sich<lb/>deshalb auch, in
den frühen Stunden des nächsten<lb/>Tages wieder, harmlos die alten Wege
aufzusuchen,<lb/>und außerhalb des Klosters mit dem Buche in der<lb/>Hand
seinen Gedanken einsam nachzuhängen, wenn<lb/>schon er die Klostermatte, auf
welcher er zu ver-<lb/>schiedenen Malen mit dem Doktor, und auch an
jenem<lb/>Morgen mit Viktorinen zusammengetroffen war, ge-<lb/>flissentlich
vermied.<lb/>Er hatte seine Mutter lange nicht besucht; unter<lb/>den großen
Bäumen neben ihrem Hause war es<lb/>Morgens kühl und schattig und den Plaz
am Brunnen<lb/>hatte er von Kindheit auf geliebt. In friedlichem<lb/>Sinnen
war er durch das Dorf gegangen und an dem<lb/>Mand des Wildbaches
emporgestiegen, der oben aus<lb/>den Bergen kommend, seiner Muter Grundstück
von<lb/>der Westseite begrenzte. Das Rauschen des Baches<lb/>hatte in seiner
Kindheit immer einen geheimnißvollen<lb/>Reiz für ihn gehabt; es wiegte ihn
auch heut' mit<lb/>seinem Gleichmaß in ein sanftes Träumen ein, daß<lb/>er
gesenkten Hauptes, die Hände hinter sich gekreuzt,<lb/>gegen seine
Gewohnheit ohne sich umzusehen, weit<lb/>und weiter gegangen war, so daß er
erst in dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0354_049.tif" n="0049"/>
<p>19<lb/>Augenblicke, als er vor seiner Mutter Hause anlangte,<lb/>Viktorine
gewahrte, die unter den Bäumen auf den<lb/>Bank am Brunnen saß.<lb/>,,Man
muß Glück haben!' rief sie ihm entgegen,<lb/>als er sie bemerkte. ,Ich war
verdrießlich, als ich<lb/>Ihre Mutter nicht zu Hause fand und wollte
wieder<lb/>hinuntergehen. Da aber sah ich Sie hinaufkommen<lb/>und beschloß
es abzuwarten, ob Sie sich hierher wenden,<lb/>und ob ich nicht eine
Gesellschaft für den Heimweg<lb/>finden würde.?<lb/>,Ich wußte nicht, daß
Sie meine Mutier<lb/>kennten!' sagte er, weil er doch Etwas sagen
mußte,<lb/>seine Neberraschung zu verbergen.<lb/>,Oh !- entgegnete sie ihm,
,ich bin schon öfters<lb/>und in dieser Woche fast alle Tage hier gewesen;
aber<lb/>ich sehe, Frau Jakobäa hat ganz Recht, Sie besuchen<lb/>sie zu
selten, Sie haben Nichts davon erfahren.'?<lb/>Benedikt hörte das mit einer
ungläubigen Ver-<lb/>wunderung. So lange er denken konnte, hatte
seine<lb/>Mutter mit Niemandem freiwilligen Verkehr gepflogen.<lb/>Er
verstand nicht, was sie dazu bewogen haben mochte,<lb/>gegenüber dieser
Fremden von ihrer Gewohnheit ab-<lb/>??.; ? = - = ===-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0355_050.tif" n="0050"/>
<p>E -<lb/>s<lb/>z<lb/>=<lb/>lange nachzudenken, denn Viktorine sagte, sie
habe<lb/>F nun die Gegend in Begleitung ihres Rührers zu Suü<lb/>F und zu
Pferde nach allen Seiten hin durchstrichen,<lb/>? habe von den verschiedenen
Höhen auf das Thal<lb/>F hinabgeschaut, und jetzt könne und müsse sie
dem<lb/>F Doktor beistimmen, der sie gleich an dem Tage nach<lb/>?<lb/>F
ihrer Ankunft zu diesem Hause hinaufgeführt habe,<lb/>ß weil man hier in der
That weitaus die schönste<lb/>Aussicht habe.<lb/>Benedikt freute sich dieses
Lobes. ,Es ist wahr,'?<lb/>h- sagte er, ,man hat nirgend eine so
vollständige Rund-<lb/>schau; und besonders beim Sonnenaufgang, oder
wenn<lb/>das Mondlicht über dem Thale liegt, müßten Sie hier<lb/>f<lb/>-
oben stehen!?<lb/>h<lb/>,Ihr Haus hat nicht nur die schönste Lage, es<lb/>F
j ist auch das stattlichste des Thales,? bemerkte das<lb/>k
Fräulein.<lb/>r'<lb/>,Mein Haus? wiederholte der junge Mönch mit<lb/>k<lb/>(
einer Miene und einem Tone, die aussprachen, was<lb/>1<lb/>z er selbst
verschwieg.<lb/>,Es ist in der That recht hart für Ihre
Mutter,<lb/>-<lb/>hub Viktorine an, , daß alle Ihre Kinder sie
verlassen<lb/>haben, daß nicht Eines bei ihr geblieben ist, dem sie<lb/>dies
schöne Haus vererben könnte; und sie hängt doch<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0356_051.tif" n="0051"/>
<p>H1<lb/>an dem Hause, muß an ihm hängen - an so alt<lb/>ehrwürdigem Besiz. Es
ist wirklich hart für sie.<lb/>, Hat meine Mutter sich daroh beschweut?
fragte<lb/>Benediktus.<lb/>,,Braucht es denn erst der Worte, uns
das<lb/>Natürliche verstehen zu machen? entgegnete sie ihm<lb/>statt der
Antwort.,Ulnd, fügte sie hinzu, zunser<lb/>Verständniß für die Menschen im
Allgemeinen wie<lb/>für den Einzelnen wächst mit dem Antheil, den wir<lb/>an
ihnen nehmen.? -- Sie hielt inne, sah ihn<lb/>forschend an und sagte dann:
,auch von Ihnen weiß<lb/>ich mehr, weit mehr, als Sie vermuthen.''<lb/>,Von
mir? fragte er erstaunt, ,was ist von<lb/>mir zu wissen und zu
sagen?<lb/>,,Die Art, mit welcher Sie vorhin die Worte:<lb/>,mein Haus'
sprachen, hat Sie verrathen, meinte<lb/>Viktorine. ,Es schmerzt Sie noch
heute, daß Sie nicht<lb/>mehr in diesem Hause wohnen. Auch verstehe
ich<lb/>das vollkommen. Der Hinblick auf solch ein an-<lb/>gestammtes altes
Erbe verlängert für unsere Phantasie<lb/>unser engbemessenes Dasein; und es
ist kein Ersaz<lb/>dafür, daß das Kloster, dessen Mitglied Sie
geworden<lb/>sind, noch um viele Jahrhunderte älter ist, als
Maria<lb/>Josephens Haus. Der Mensch verlangt durchaus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0357_052.tif" n="0052"/>
<p>f<lb/><lb/>E<lb/>z<lb/>; nach einem Eigenen, heftet sich nur an das
Eigene,<lb/>und will Genugthuung für sich selber haben; denn<lb/>? das Ich,
der finstere Despot, ist nun einmal nicht zu<lb/>f<lb/>ertödten in unserer
Brust. Es bleibt lebendig, wenn<lb/>h. wir es bezwuungen zu haben glauben,
es kehrt in<lb/>immer neuen Gestalten wieder, wenn wir es
ertödtet<lb/>s<lb/>s?<lb/><lb/>k<lb/><lb/>f<lb/>wähnen - und könnten wir
Ihren Herrn Abt,<lb/>könnten wir den heiligen Vater fragen, der auf
Sanct<lb/>Peters Throne sizt, so befragen, daß sie die kalte,<lb/>traurige
und unerbittliche Wahrheit eingestehen müßten,<lb/>- .r<lb/>F -<lb/>s<lb/>e
entsagen, seine Selbstsucht nicht vollständig zu ver-<lb/>F leugnen, auf
seines Willens Ausübung nicht zu ver-<lb/>zichten vermag. Gott hat uns so
geschafen und -<lb/>g -- die Hand auf's Herz! wünschen und wollen, er-<lb/>F
jtreben und ersehnen Sie denn Nichts, als in Ihres<lb/>F Klosters Mauern Ihr
täglich Tagewerk in vor-<lb/>- geschriebener Arbeit und in vorgeschriebenen
Gebeten<lb/>F His an Ihr Lebensende pflichttreu zu verrichten?<lb/>Er gab
ihr keine Antwort. Er hatte sich unfern<lb/>? von ihr auf der Ecke des
mächtigen Baumstammes<lb/>niedergelassen, der zur Tränke ausgehölt, sein
Wasser<lb/>aus dem Röhrbrunnen empfing, und starrte vor
sich<lb/>k<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0358_053.tif" n="0053"/>
<p>3<lb/>auf den Boden nieder. Er wagte nicht, sie anzusehen,<lb/>es war genug,
es war mehr, als er ertragen konnte,<lb/>daß er es aussprechen, von ihrer
Stimme es aus-<lb/>sprechen hörte, was, seit er in das Kloster
eingetreten<lb/>war, nie völlig aufgehört hatte, ihn gelegentlich
zu<lb/>auälen, und was er gerade in den letzten Zeiten immer<lb/>wieder
hatte durchdenken müssen, obschon er es nieder-<lb/>zukämpfen getrachtet, in
mancher langen Nacht, in<lb/>Selbstanklagen, in Zerknirschung und flehendem
Gebet.<lb/>Was er sich kaum einzugestehen erlaubt, sie<lb/>nannte es ein
Selbstverständliches; wovon er sich mit<lb/>scheuem Schrecken abgewendet
hatte, das stellte sie als<lb/>ein Nothwendiges vor ihm auf. Die Gestalten,
zu<lb/>denen er wie zu den Heiligen emporgesehen, zeg sie<lb/>mit dreister
Sicherheit hernieder in den Kreis ihrer<lb/>urtheilenden und wägenden
Betrachtung. Sie predigte<lb/>die Lehre von dem eigenen, Genuß begehrenden
und<lb/>Befriedigung fordernden Willen; sie lockte ihn hinaus-<lb/>zutreten
auf den Boden dieser Welt, sie schien ihn<lb/>kadeln zu wollen, ihn und
Alle, die mit ihm gleich<lb/>empfanden, die enlsagt hatten, wie er selbst -
und<lb/>es fuhr kein Strahl vom Himmel nieder, und die<lb/>Erde unter ihren
Füßen that sich nicht auf, sie zu<lb/>verschlingen -- und ihn mit
ihr!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0359_054.tif" n="0054"/>
<p>L<lb/>Er hob die Augen zu ihr empor, sie saß vor<lb/>ihm, da in aller ihrer
Schönheit, ihn anlächelnd, gütig,<lb/>mitleidvoll und doch so glorreich, wie
eine der Gott-<lb/>seligen auf dem Bilde über dem Hochaltar des
Chores,<lb/>dessen Flügelthüren nuur eröffnet wurden an den<lb/>großen, der
Menschheit ihr Heil verkündenden Festtagen<lb/>des Jubeljahres! - Und
dennoch war kein Heil in<lb/>ihren Worten!<lb/>Wie die Versuchung trat sie
an ihn heran, daß<lb/>Fliehen das Einzige war, was ihm zu seiner
Rettung<lb/>übrig blieb. Aber Fliehen?-- Wenn er sie jetzt<lb/>verließ, wenn
er von dannen ging, wenn er beichtete,<lb/>was in diesem Augenblick ihm
durch die Seele zeg.<lb/>wenn man ihn bannte in die enge Zelle-
wer<lb/>konnte sagen, ob er sie jemals wiedersah? ob er ihre<lb/>Stimme
jemals wieder hörte?- Er konnte so nicht<lb/>von ihr scheiden! Sie
wenigstens sollte es nicht<lb/>glauben, daß er nichts Anderes begehrt, als
das, was<lb/>j ihm geworden; sie sollte wissen, was ihn fortgetrieben<lb/>ß
hatte aus der Welt, nach der er einst so heiß ver-<lb/>f langt. Ihr wollte
er bekennen, ihr vertrauen, was<lb/>ihn in des Klosters Zelle
hineingewiesen, ihn hinein-<lb/>gewiesen hatte in das schwarze Mönchsgewand,
gegen<lb/>? das sein Herz sich eben jezt in heißem Schmerz empörte.
'<lb/>h<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0360_055.tif" n="0055"/>
<p>5<lb/>Er konnte seine Gedanken nicht ordnen, seine<lb/>Empfindungen kaum
wahrnehmen, geschweige denn<lb/>bewältigen. Es war ein Riß geschehen in
seinem<lb/>Inneren; eine trostlose Tiefe klaffte in ihm auf. Wie<lb/>durch
einen Zauber schaute er in sein eigenes Herz<lb/>und wußte kaum, was er dort
erblickte, und ob es<lb/>sein Herz war, in das er sah. Er wollte
sprechen<lb/>und wußte nicht, was zuerst zu sagen! Für den Zn-<lb/>stand,
der plötzlich über ihn gekommen war, fehlte<lb/>ihm das Wort, ihn
auszudrücken.<lb/>,Ich war der Kirche angelobt, noch ehe ich das<lb/>Licht
der Welt erblickte!r stieß er endlich rasch hervor,<lb/>,ich hatte keinen
Willen, keine Wahl!?<lb/>Der Schmerz, mit welchem er das sagte,
er-<lb/>schütterte Viktorine; seine Jugend, seine Schönheit<lb/>rührten sie.
,Ich weiß das, sagte sie, ,ich bin<lb/>vertraut mit Ihrem und Ihres Hauses
ganzem<lb/>Schicksal!r?<lb/>Er schlug die Hände vor das Gesicht und
blieb<lb/>in sich versunken sizen. Viktorine fühlte ein großes<lb/>Mitleiden
mit ihm. So tiefe Eindrücke hatte sie<lb/>von dem kleinen Abenteuer nicht
erwartet, und mit<lb/>dem Selbstbetruge, der ihr um so leichter fiel, als
ihr<lb/>alle Arten religiöser Anschauungen geläufig waren,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0361_056.tif" n="0056"/>
<p><lb/>s<lb/>F ohne daß eine einzige eine feste Wurzel in ihr, oder<lb/>gar
einen zwwingenden Einfluß auf sie hatte, stellte es<lb/>F sich ihr plözlich
als eine ernste Aufgabe, als eine<lb/>heilige Pflicht dar, Benediktus der
Welt und seiner<lb/>F Mutter zurüczugeben, ihn und Jakobäa frei zu<lb/>?
machen von den Banden, in welche des Klosters weit-<lb/>h reichende
Voraussicht die unglückliche Gattin einst ge-<lb/>F schlagen hatte.
--<lb/>Mochte man es Zufall, mochte man es des<lb/>b<lb/>? Himmels Fügung
nennen, soviel stand für Viktorine<lb/>F fest, sie war durch eine wundersame
Verkettung von<lb/>l<lb/>F Umständen in dies Thal gekommen. Sie war
mit<lb/>F Benedikt, mit seiner Mutter und mit den Vorgängen<lb/>F in deren
Leben, ohne daß sie es gesucht hatte, wie<lb/>ß durch einen höheren Willen
bekannt geworden. Der<lb/>? Himmel hatte ihr, nach ihrer Meinung, recht
eigent-<lb/>F lich die verschlungenen Fäden dieses traurigen Ge-<lb/>J
schickes in die Hand gespielt; er mußte also wollen,<lb/>F. daß sie hier
entwirrend und befreiend eingrif. Während<lb/>F sie noch darüber nachsann,
boten sich auch ihrem<lb/>F phantastischen Geiste easch wie durch Eingebnng
ein<lb/>F. Miitel un ein Ausweg dar, die, wie sie glaubte, sie<lb/>F zum
Siele führen, und für Benedikt wie für Jakobäa,<lb/>ß Rettung und Befreiung
bringen konnten.<lb/>Ms.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0362_057.tif" n="0057"/>
<p>B?<lb/>Sie legte ihre Hand auf des jungen Mönches<lb/>Schulter, und mit
kräftigem Zuspruch sagte sie:, Muth,<lb/>Pater Benedikt! richten Sie sich
auf! Gott will<lb/>nicht, daß der Mensch verzage! Wir sollen uns
des<lb/>Daseins freuen und ihm in Freuden dienen.?<lb/>Er schüttelte
schwermüthig das Haupt. ,In<lb/>Freuden dienen?? sprach er ihr langsam nach
und<lb/>hielt dann inne, bis er, wie mit sich selber redend,<lb/>in die
Worte ausbrach: , Ich glaubte es zu vermögen!<lb/>ich glaubte mich
überwunden, lange schon über-<lb/>wunden zu haben. Ich hatte Stunden, Tage,
Zeiten,<lb/>in denen ich mich glücklich pries, nach unsres
Heilands<lb/>Vorbild der Anderen Schuld auf mich genommen zu<lb/>haben, der
Eltern Sünde zu büßen und zu sühnen.<lb/>Was wird mein Leben sein fortan?-
Nacht! Nacht!<lb/>--- Ein verzweifelndes Ringen in
hoffnungslosem<lb/>Dunkell?<lb/>Sein Klageruf drang ihr zu Herzen, es kam
ein<lb/>schauderndes Bangen über sie, aber sich selbst und
ihn<lb/>ermuthigend, rief sie ihm zu: ,Kkein Lebender und<lb/>kein Geschick
jst hoffnungslos!r<lb/>Er beachtete es nicht. ,Wenn Sie es
wüßten,''<lb/>sagte er, sich zum ersten Male mit seinen Worten zu<lb/>ihr
wendend, ,wie sie auf mich herniederfuhr, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0363_058.tif" n="0058"/>
<p><lb/>ä<lb/>erste Kunde von meiner Eltern Mißgeschick und Misse-<lb/>that! wie
Alles, Alles zusammenbrach, als ich ver-<lb/>nahm, daß meiner Mutter Eid
mich zwang, der Welt<lb/>für immer zu entsagen-- Seine Stimme bebte,
er<lb/>hielt sich mit Gewalt zurück.<lb/>,Und Sie haben nie daran gedacht,'
rief Viktorine,<lb/>, daß der Kirche Gnadenfülle unerschöpflich ist?<lb/>==
Sie haben nie daran gedacht, hinauszuziehen aus<lb/>-<lb/><lb/><lb/>diesen
Bergen, durch die Länder pilgernd bid zu des<lb/>heiligen Vaters Thron, um
niedergeworfen vor ihm,<lb/>der die Macht hat zu lösen wie zu binden,
Vergebung<lb/>und Absolution zu erflehen für die Eltern, von denen<lb/>Sie
geboren sind? Vergebung und Befreiung für sich<lb/>selbst zu suchen, wenn
die Bande Sie drücken, welche<lb/>Sie freiwillig nicht auf sich genommen
haben?-<lb/>Sie haben nie daran gedacht, wie anders Ihre Mutter<lb/>den
Abend ihres Lebens noch genießen würde, dürfte<lb/>sie sich sagen, daß Maria
Josephens Stamm nicht<lb/>erlöschen, daß ihr Haus nicht an das Kloster
fallen<lb/>muß? Sie häätten wirklich nie daran gedacht,
die<lb/>unvergleichliche Gabe des Gesanges, die, der Himmel<lb/>als reichen
Segen Ihnen zugetheilt hat, anders zu<lb/>benutzen als in Ihres Klosters
Chorgesängen??<lb/>Er antwortete ihr nicht. Er war wie geblendet,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0364_059.tif" n="0059"/>
<p>er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, keinen<lb/>Halt mehr. Es war zu
jäh, zu plözlich, zu gewalt-<lb/>sam! Er fühlte sich losgerissen von der
Stelle, in<lb/>der er bis dahin festgewurzelt, losgerissen und wie
ein<lb/>Atom umhergeschleudert in des Weltalls Wirbel. Los-<lb/>gerissen von
der Gemeinschaft, die seine Welt gewesen<lb/>war; hingeschleudert ihr zu
Füßen - ihr, die vor<lb/>ihm stand in ihrer hehren Schönheit! die zu
sehen<lb/>und zu hören ihm Beseligung gewährte.<lb/>Sein Schweigen fing sie
zu ängstigen an, sie<lb/>mußte ihm zu Hülfe kommen.<lb/>,Ich habe einen
Fehler gemacht, Pater Benedikt,.<lb/>sagte sie, indem sie sich freundlich zu
ihm neigte.<lb/>,Wir Weltleute sind plötzlicher Anregungen,
schnell<lb/>wechselnder Eindrücke, lebhafter Erschütterung mehr<lb/>gewohnt
als Sie. Uns überraschen neue Vorstellungen<lb/>nicht, wir erschrecken nicht
vor großen Umgestaltungen,<lb/>ja nicht einmal vor dem sogenannten
Unerhörten.<lb/>Wir wissen, daß schon Mancher das geistliche Gewand<lb/>von
sich geworfen hat, ohne deshalb dem Verderben<lb/>anheim zu fallen. Mit
Ihnen ist das anderk.-- Mein<lb/>Antheil an Ihnen, meine Freude an Ihrer
unvergleich-<lb/>lichen Stimme, mit der Sie die ganze große Welt<lb/>erobern
würden, und die etwas rasche Gewaltsamkeit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0365_060.tif" n="0060"/>
<p>meiner Natur haben mich unvorsichtig gemacht. Ich<lb/>hätte, statt Sie
unvorbereitet in den Tagesglanz zu<lb/>führen, in welchem ich Sie leben
sehen möchte, Ihnen<lb/>nur des Lichtes Schimmer zeigen, und es Ihnen
über-<lb/>lassen sollen, ihm nach, ihm entgegen zu gehen, und<lb/>Ihren Weg
aus eigener Nothwendigkeit zu finden. --<lb/>Aber das ist nun geschehen, ist
nicht mehr zu ändern,<lb/>und zu bereuen vermag ich's nicht. - Fragen
Sie<lb/>sich selbst, ob Sie der Kunst, ob Sie der Kirche, ob<lb/>Sie im
Diesseits, ob Sie im Jenseits leben wollen?<lb/>Nur daran halten Sie sich
fest: der Mensch kann,<lb/>was er will und muß; und für das ihm
Nothwendige<lb/>findet sich die Hilfe. Er kann alle Bande brechen<lb/>und er
bricht sie, sobald er fühlt, daß er es muß.<lb/>Und selbst die Kirche ist
nicht unerbittlich für den,<lb/>der weiß, wie man zu bitten hat.?<lb/>,Sie
kennen die Kirche nicht!r sagte Benediktus<lb/>- halb laut vor sich
hin.<lb/>,Ich kenne sie und kenne ihre Fürsten! ent-<lb/><lb/>gegnete
Viktorine mit ihrem siegesfrohen Lächeln auf<lb/>den Lippen; und dem jungen
Manne die Hand zum<lb/>Abschied reichend, wollte sie sich entfernen. Er
aber<lb/>hielt sie fest, wie der Versinkende sich an seinen Er-<lb/>retter
klammert, und die Augen mit Verlangen auf<lb/>s<lb/>i<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0366_061.tif" n="0061"/>
<p>sie richtend, flehte er: ,Gehen Sie nicht von mir,<lb/>ohne mir zu sagen, daß
ich Sie wiedersehe!<lb/>,Auf Wiedersehen also, und auf bald!<lb/>,,Wo aber?
wann? rief er dringend und voll<lb/>Leidenschaft.<lb/>,Nicht morgen und wohl
in dieser ganzen Woche<lb/>nicht!! sagte Viktorine nach raschem Neberlegen,
, denn<lb/>ich habe einen Ausflug vor, der mich für mehrere<lb/>Tage von
hier ferne halten wird. Wenn Sie aber<lb/>an dem Mittelfenster meiner
Gallerie wieder meinen<lb/>Strohhut hängen sehen, komme ich am
nächsten<lb/>Morgen nach der Klostermatte, und wir sprechen dannn<lb/>mehr
von Ihnen und von Ihrer Zukunft.?<lb/>Sie gab ihm, ehe sie ihn verließ, mit
er-<lb/>muthigenden Worten noch einmal ihre Hand. Sie<lb/>war sehr angenehm
erregt durch das Abenteuer, das<lb/>sich ihr hier oben so unerwartet
dargeboten hatte; denn<lb/>sie hegte das Bewußtsein, sich mit großem
freiem<lb/>Sinne eines Menschen angenommen und sich eine<lb/>Aufgabe
gestellt zu haben, die ihr Ehre machen, die<lb/>ein bedeutendes Gewicht in
die Schale ihrer Er-<lb/>innerungen legen mußte, wenn es ihr gelänge,
sie<lb/>jiegreich durchzuführen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0367_062.tif" n="0062"/>
<p>k<lb/>?<lb/>Und wie sollte ihr das Unternehmen nicht gelingen!<lb/>E.- War
sie doch Viktorine, ihres Vaters Tochter! War<lb/>ß sie doch schön und ihres
Vaters Einfluß nach allen<lb/>F Seiten weit verzweigt und
mächtig!<lb/><lb/>p<lb/>L<lb/>?<lb/>hgggggwpgpogM<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0368_063.tif" n="0063"/>
<p>Gieries Tnpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0369_064.tif" n="0064"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0370_065.tif" n="0065"/>
<p>Igz Baronin war an Neberfluß gewöhnt, sie<lb/>mußte also Alles reichlich
haben, selbst Vertraute für<lb/>ihre Plane wie für ihre Hoffnungen, und sie
wußte<lb/>sich dieselben auch mit umsichtiger Gewandtheit
zu<lb/>verschaffen, ohne sich dadurch den Schein eines Ver-<lb/>rathes gegen
sich selbst zu geben.<lb/>Daß sie mit der Wirthin Rücksprache
darüber<lb/>genommen hatte, ob es möglich sein würde, den<lb/>Grafen Stefano
in einem der anderen Häuser schick-<lb/>lich unterzubringen, war nothwendig
gewesen, und es<lb/>war nach ihrer Meinung ebenso nothwendig
und<lb/>natürlich, dem Pater Theophilus in vertraulichem<lb/>Gespräche die
Frage vorzulegen, ob er glaube, daß<lb/>?F HHf=- == - =-== --<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0371_066.tif" n="0066"/>
<p>?<lb/><lb/>erachten sei, wenn man es sich angelegen sein lasse,<lb/>seinem
Kinde die Lebenswege nach dem eigenen besten<lb/>Wissen zu erschließen und
vorzubereiten.<lb/>Der Pater hatte mit gewohnter Vorsicht ihr
ent-<lb/>gegnet, solche Entscheidung sei nicht unbedingt zu<lb/>geben, es
komme dabei vor Allem auf die besonderen<lb/>Umstände des Falles an. Die
Baronin hatte darauf<lb/>kein Bedenken getragen, auch ihm mitzutheilen,
was<lb/>sie der Wirthin ein paar Tage zuvor kund gethan,<lb/>und er hatte
danach nicht ermangelt, ihre Gewissens-<lb/>zweifel mit der Erklärung zu
beruhigen: wie es den<lb/>F Eltern, als natürlichen Vorgesezten ihrer
Kinder, wohl<lb/>anstehe, diese so zu führen, daß sie nicht etwa
in<lb/>Verblendung, oder um einer Grille wegen das Gute<lb/>F von sich
wiesen, welches des Herrn Huld ihnen in<lb/>F- seiner Weisheit zuzuwenden
beschlossen haben könnte.<lb/>D<lb/>F Er hatte sich bei der Gelegenheit
genau um die Ver-<lb/>F. hältnisse des Bewerbers erkundigt, hatte von
der<lb/>F Baronin alles Dasjenige erfahren, was ihrem Gatten<lb/>k<lb/>z auf
dessen Anfragen über den Grafen Stefano be-<lb/>richtet worden war, und der
Pater hatte seinerseits<lb/>Sorge getragen, das zarte Gewissen der
besorgten<lb/>Mutter nach Kräften zu
beruhigen.<lb/>s<lb/>k<lb/>E<lb/>h<lb/>Abends saß er seinem Abte gegenüber
in dem<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0372_067.tif" n="0067"/>
<p>stillen luftigen Gemache vor dem Schachbrett. Der<lb/>Gottesdienst war lange
schon gehalten, dad Nachtessen<lb/>in dem Refektorium eingenommen worden,
kein Laut<lb/>regte sich in dem ganzen Flügel, in welchem die<lb/>Zimmer des
Abtes sich befanden.<lb/>Die Fenster nach dem Garten standen ofen,
der<lb/>kühle Nachtwind trug den Duft des Reseda und der<lb/>Nelken in den
hohen Raum, und bewegte das leichte<lb/>Tuch, mit welchem der hochwürdige
Herr selber das<lb/>Bauer seiner Drossel verhängt hatte, die mit
dem<lb/>Sonnenuntergange die klugen Augen geschlossen und<lb/>das feine
Köpfchen unter dem Flügel zur Ruhe ge-<lb/>bracht hatte<lb/>Der Abt hatte
das Skapulier, den seidenen<lb/>Gürtel und das Käppchen abgelegt, den
enganliegenden<lb/>Kragen seines Rockes aufgehakt und die Stiefel
gegen<lb/>die weichen Schuhe umgetauscht, welche die geschickte<lb/>Hand
einer ihm ergebenen Klosterfrau für ihn ver-<lb/>fertigt hatte. Die Lampe
brannte auf dem Tische.<lb/>Zu seinen Füßen lagen zwei schöne Cypernkazen.
Ein<lb/>aus dem Oriente heimkehrender Verwandter hatte sie<lb/>ihm im
verwichenen Jahre mitgebracht, und eben hatte<lb/>der dienende Bruder den
Becher heißen gewürzten<lb/>Weines herbeigetragen, den der Abt gegen die
Ein-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0373_068.tif" n="0068"/>
<p>?<lb/>-
z<lb/><lb/><lb/>?<lb/><lb/><lb/><lb/>?<lb/><lb/>?<lb/><lb/>h.<lb/>ß<lb/>E<lb/>k<lb/>s<lb/>I<lb/><lb/>s<lb/>z<lb/>wirkung
der schnell sinkenden Temperatur an jedem<lb/>Abende zu genießen
pflegte.<lb/>Die Partie war beendet. Der Abt, welcher dem<lb/>Pater
Theophilus im Spiele wie in allen Dingen<lb/>überlegen war, hatte sie
gewonnen, und wie den Einen<lb/>der Sieg erfreute, obschon er ihn oft genuug
errang.<lb/>so brachte den Andern die vielgewohnte Niederlage<lb/>nicht aus
seinem sanften Gleichmuth. Er legte die<lb/>schön geschnizten Figuren
sorgsam in das alterthüm-<lb/>liche Kästchen, und sagte, ohne sich in dieser
Be-<lb/>schäftigung zu unterbrechen: ,Es steht uns hier oben<lb/>wwiel
Besuch bevor.!<lb/>Der Abt fragte, von wannen Theophil
denselben<lb/>vermuthe?<lb/>,Die Frau Baronin erwartet Anverwandte:
eine<lb/>Familie mit Sohn und Tochter!' meldete der Pater.<lb/>,Das Fräulein
bricht morgen in der Frühe von hier<lb/>auf, ihnen bis über den See entgegen
zu gehen. Ihren<lb/>Rückweg denken sie gemeinsam durch das ganze
Ge-<lb/>birge und über die Paßhöhe zu machen. Für das<lb/>»Ende des Monats
hat der Herr Baron seine Ankunft -<lb/>angezeigt, und ich habe von der
Mutter heut erfahren,<lb/>daß man einen Bewerber um der Tochter Hand
gleich-<lb/>falls hierher beschieden hat.<lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0374_069.tif" n="0069"/>
<p>Der Abt hatte sich gemächlich in den Armsessel<lb/>zurückgelegt. Er
streichelte den Kopf des Käzchens,<lb/>das sich ihm auf das Knie gesetzt
hatte, da es ihn<lb/>nicht mehr beschäftigt sah.<lb/>,Sie sind sich so gr
wichtig, diese Art von<lb/>Leuten,' sagte er, , daß sie sogar für das
Einfachste<lb/>und Gewöhnlichste immer besonderer Zurüstungen
zu<lb/>bedürfen glauben! Sie hätten daö vor vier Wochen<lb/>in dem Badeorte
bequemer haben können. Aber diese<lb/>Heirath, die weit hinausgeht über
Alles, was ihres<lb/>Gleichen je erwarten konnte, muß noch mit
einer<lb/>remantischen Zuthat gewürzt und aufgetragen werden,<lb/>um der
Phantasie der Tochter und der Eitelkeit der<lb/>Eltern ganz genng zu thun.
Sie wollen sich den<lb/>Anschein des prüfenden und überlegenden
Zögernö<lb/>geben, wo sie Alles in Bewegung setzten an das Ziel<lb/>zu
kommen, und mit beiden Händen zugegrifen haben.r<lb/>Der Pater hörte mit
Erstaunen, daß der Abt<lb/>die Wünsche der Familie kannte. Er hatte
gemeint,<lb/>eine Neuigkeit zu berichten und fand sich nun
darin<lb/>getäuscht. ,Hochwürden wissen es also schon?<lb/>fragte
er.<lb/>,Daß Graf Stefano hierher kommt? Das hat<lb/>man mir gemeldet,' gab
der Abt zur Antwort,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0375_070.tif" n="0070"/>
<p>7<lb/>während er bedächtig aus dem schön geschlifenen<lb/>Pokale
nippte.<lb/>,Die Mutter sprach mit mir davon, daß sie Be-<lb/>- denken hege,
in wie weit die Vermittlung einer Ehe<lb/>- rathsam und als zulässig zu
erachten sei!r bemerkte<lb/>der Pater.<lb/>=,<lb/><lb/>, Eine
Gewissenhaftigkeit gost kestum, - meinte<lb/>der Abt, ,da die Sache eine
abgemachte ist. Der<lb/>Bischof hat für seinen Neffen des Vaters Wort
er-<lb/>halten. Der Baron muß also doch der Zustimmung<lb/>seiner Tochter
auf eine oder auf die andere Weise<lb/>sicher sein!r<lb/>,Die Baronin hat
Vorkehrungen getroffen, dem<lb/>Grafen eine Wohnung im Dorfe zu ermitteln,
be-<lb/><lb/><lb/><lb/>? -<lb/><lb/><lb/>z<lb/>merkte Theophilus, der seine
Niederlagen im Leben<lb/>wveniger leicht ertrug, als bei dem Spiele, und
der<lb/>den Abte einen Vorschlag zu unterbreiten dachte,<lb/>welcher dem
Kloster nüzlich sein konnte. Aber er<lb/>hatte heut kein Glück, denn noch
einmal kam ihm der<lb/>Abt zuvor.<lb/>,GGraf Stefano wird in unsern
Gastgemächern<lb/>EEFvohnen! sagte er.,Ich habe seinem Dheim
mit-<lb/>getheilt, daß unser Haus zu seinen Diensten stehe.<lb/>? - Es giebt
dem Grafen die gebührende Importanz.<lb/>ß<lb/>k<lb/>Ee<lb/>f<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0376_071.tif" n="0071"/>
<p>wenn er hier unser Gast ist; uns aber kommt es zu,<lb/>es darzuthun, wie wir
die Ehre schätzen, einen, wenn<lb/>auch entfernten Angehörigen Seiner
Heiligkeit in<lb/>unserem Hause zu bewirthen.!<lb/>Er brach damit ab, denn
er hatte, was er auch bei<lb/>dem kleinsten Anlaß, selbst seinen ergebensten
Anhängern<lb/>gegenüber nicht entbehren konnte, sein besseres Wissen<lb/>und
sein Nebergewicht wieder einmal unverkennbar<lb/>dargethan. Das Weitere
mochte sich der Pater, der<lb/>seinen Meister kannte, selber denken, und das
that<lb/>er auch.<lb/>, Die Baronin will behaupten, daß der Graf
des<lb/>Papstes Gunst genieße!' sagte er.<lb/>,Der Bischof deutet mir das
an!' versetzte Jener,<lb/>, und man wird ihn danach zu empfangen
haben.<lb/>Mein Wagen soll ihm bis zum See entgegengehen.!<lb/>Theophilus
hatte das Schachbrett und das Käst-<lb/>chen in der andern Ecke des Gemaches
an den ge-<lb/>wohnten Platz gestellt, und noch während die Dunkel-<lb/>heit
ihn halb verhüllte, sagte er:<lb/>,,Man hat nach den letzten Auffindungen in
den<lb/>römischen Katakomben das Kloster der Franziskaner<lb/>hier über dem
Walde mit zwei Reliquien bedacht. In<lb/>Zügen strömen jezt die Gläubigen zu
den Franziskanern,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0377_072.tif" n="0072"/>
<p>und spüren dort in der Andacht wundersame Hilfe.<lb/>Wir sind an solchen
Gnadenmitteln arm. Eine Kapelle<lb/>am Ende eines Kalvarienberges zu
errichten, zeigt die<lb/>Baronin sich geneigt, besonders da der Doktor ihr
er-<lb/>klärt hat, daß sie in jedem Jahre hohe Bergluft auf-<lb/>zusuchen
habe; und sie hat Vertrauen zu ihm ge-<lb/>faßt.?<lb/>Der Abt antwortete
nicht darauf. ,Der bedeckte<lb/>Gang,! sagte er, ,den der Doktor an seinem
Hause<lb/>angelegt, nimmt sich gut aus. Es ist auch zu be-<lb/>loben, daß er
bei seinen Gästen eine kleine Taxe für<lb/>die Armen einführt, und es freut
mich, daß er und<lb/>seine Mutter sich nicht undankbar erweisen; der
Küchen-<lb/>meister rühmt, daß sie gefällig sind. Es ist ihr<lb/>eigener
Vortheil, und klug war ja die Mutter immer.<lb/>Der Doktor hat jedoch zu
lange in den Hörsälen der<lb/>deutschen Hochschulen verweilt.?<lb/>Er
vollendete den Satz nicht, sie waren gewohnt,<lb/>der Abt und sein
Vertrauter, sich auch mit halben<lb/>- Worten zu verstehen.<lb/>-' ,Der
Doktor macht sich mehr als Noth thut mit<lb/>P; Benedikt zu schaffen,
entgegnete der Pater, ,und<lb/>g,auch das Fräulein wendet Diesem um seiner
Stimme<lb/>FHillsn vielAnheil z. Ich komme nie zu der
Beronin,<lb/>E<lb/>E<lb/>g?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0378_073.tif" n="0073"/>
<p>ohne daß die Tochter mir von seinem Singen spricht.<lb/>Sie kennt übrigens
auch seine Herkunft, wie seiner<lb/>Mutter Schicksale, und schon zu
verschiedenen Malen<lb/>habe ich sie oben vor Jakobäa's Hause
angetroffen.<lb/>Sie sizt dort lesend oder zeichnend; sie hat
Jakobäa<lb/>fogar dahin gebracht, mit ihr zu verkehren und sie<lb/>zu
bewirthen. Selbst Jakobäa's Töchter hat sie heim-<lb/>gesucht, hat sie nach
der Abendandacht, die sie um<lb/>Benediktus willen nie versäumt, bis zu dem
Armen-<lb/>hause zurückgeleitet- und Benedikt ist nicht, wie<lb/>sonst, in
sich gesammelt und mit sich im Frieden.<lb/>,Was will das sagen,! erkundigte
sich der Abt,<lb/>der aufmerksam geworden war.<lb/>,,Er hat es neulich im
Refektorium offen aus-<lb/>gesprochen, daß der Lobgesang auf Rom ihm
die<lb/>Sehnsucht wachgerufen habe, eine Pilgerfahrt dorthin<lb/>zu machen,
und noch darüber fort bis zu dem heiligen<lb/>Grabe hin. Er wandert wieder
viel umher, er sucht<lb/>außerhalb des Klosters oie Einsamkeit. Er ist
hastig<lb/>und zerstreut, daneben aber unermüdlich vor der<lb/>Orgel Gesang
und Spiel studirend. Seine Eitelkeit<lb/>ist wieder aufgestachelt.??<lb/>Der
Abt entgegnete ihm darauf Nichts, und erst<lb/>nach einer Weile sagte er:
,Jakobäa ht bis zu dieser<lb/>, =<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0379_074.tif" n="0074"/>
<p>Stunde über ihr Vermögen noch Nichts festgestellt,<lb/>und wir haben es
erfahren, daß sie für Niemand zu-<lb/>gänglich ist, als für ihren Sohn. Ihn
fortschicken,<lb/>wie man's könnte, würde nicht gerathen sein, so
wenig<lb/><lb/>.<lb/><lb/>gs<lb/>als den Fremden eben jetzt zu nehmen, was
sie ver-<lb/>missen und wonach sie fragen würden, oder den<lb/>Gästen,
welche sie erwarten, die Erbauung und die<lb/>Freude durch den Gottesdienst
in unserm Hause zu<lb/>verkürzen. Die Freude ist mittheilsam, ist geneigt
zu<lb/>spenden; und dem kurzen Aufenthalt der Fremden, die<lb/>der erste
Reif von dannen scheucht, folgt des Winters<lb/>Ruhe. Inzwischen muß man auf
Benediktus achten.<lb/>Was man im nächsten Sommer über ihn
beschließt,<lb/>wird zu erwägen sein.!<lb/>Der Abt hatte während der
Unterredung den<lb/>Becher ganz geleert, draußen von dem Thurm
der<lb/>Kirche schlug es neun. Durch die Stille des Klosters<lb/>hörte man,
wie die Schüler aus den Arbeitssälen<lb/>nach den Schlafgemächern gingen,
wie man die Thüren<lb/>überall verschloß.<lb/>Theophilus stand noch neben
des Abtes Sessel<lb/>an dem Tische. Er wollte sprechen und zögerte
doch<lb/>damit. Er hing an dem jungen Mönche mehr als<lb/>an irgend Jemand
sonst, sein Seelenheil lag ihm am<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0380_075.tif" n="0075"/>
<p>Herzen. Er wünschte ihm zu helfen, ihn zu behüten<lb/>vor Gefahren, von denen
seine ahnungsvolle Sorge<lb/>ihn bedroht sah; und doch ftand er an, ihn in
einer<lb/>Weise zu verdäächtigen, die seinem Schüzling die Gunst<lb/>des
Abtes entziehen könnte.<lb/>,Noch,- sagte er wie zu sich selbst, ,ist
seine<lb/>Seele rein, sein Herz unangetastet, sein Gewissen ruhig<lb/>und
von keiner Schuld beschnert!'?<lb/>Der Abt hatte sich erhoben, ohne des
Paters<lb/>Worten zu begegnen. Er schellte dem Laienbruder,<lb/>der ihm
vorzuleuchten hatte in das Schlafgemach, und<lb/>erst, als dieser schon
unter der Thüre sichtbar wurde,<lb/>sagte er:,Gesser wäre ihm, daß er sich
nicht in<lb/>sichrer Selbstverblendung gehen ließe; daß er sie
kennen<lb/>lernte, die Versuchungen der Welt, nach der ihn immer<lb/>noch
gelüstet. Daß er an sich erführe, wie dem<lb/>Schuldbeladenen zu Muthe ist,
der bußfertig und be-<lb/>reuend zu des Erlösers Füßen liegt, und auf
die<lb/>Welt verzichtend, nur nach der Gnade trachtet, um<lb/>seine Seele zu
erretten. Sind doch der Heiligen viele<lb/>erst durch schwere Prüfung und
Versuchung auf den<lb/>Weg des Lichtes gelangt! Selbstverachtung
führt<lb/>sicherer zum Heile als Gefallen an sich selbst und an<lb/>dem
eignen Thun-- und einzugreifen in die Hand<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0381_076.tif" n="0076"/>
<p>des Höchsten ziemt uns nicht! Er weiß, was er<lb/>Jedwedem schickt und was
ihm frommt, auch wo wir's<lb/>nicht begreifen, und kleinmüthig verzagten
Herzens<lb/>fürchten.<lb/>Der Abt verließ damit das Zimmer; der
Pater<lb/>ging still von dannen, die langen einsamen Corridore<lb/>hinab
nach seiner Zelle. Er hatte seinen Oberen nur<lb/>zu gut verstanden. Aber
sein Geist war traurig, sein<lb/>Herz beschwert, und die Mitternacht fand
ihn noch<lb/>wach auf seinem Lager, in Betrachtung und Gebet.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0382_077.tif" n="0077"/>
<p>FFünlies Cpitel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0383_078.tif" n="0078"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0384_079.tif" n="0079"/>
<p>Prens Abwesenheit gefiel den Leuten nicht.<lb/>Man hatte sich, da man sonst
so Weniges erlebte,<lb/>bereits daran gewöhnt, sie alltäglich auf ihrem
bun-<lb/>geschmückten Maulthier vorüberreiten zu sehen, und<lb/>nach ihrem
Kommen und Gehen auszuspähen. De<lb/>Frauen, die vor ihren Thüren
arbeiteten, entbehrten<lb/>ihren munteren Zuruf, die Kinder sahen sich
ver-<lb/>gebens nach der schönen Fremden um, die immer<lb/>Etwas für sie in
der Tasche hatte, und sogar Jakobäa<lb/>betraf sich darauf, daß sie nach der
Kirchthurmuhr<lb/>hinüberblickte in den Stunden, in welchen Viktorine<lb/>in
dem Laufe der lezten Woche zu verschiedenen Malen<lb/>bei ihr vorgesprochen
hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0385_080.tif" n="0080"/>
<p>?<lb/>?<lb/><lb/><lb/>Es war durch den Verkehr mit Viktorinen eine<lb/>große
Veränderung mit Jakobäa vorgegangen. Ihre<lb/>Leute merkten das vielleicht
mehr noch als sie selbst<lb/>,,Es ist, wie wenn ihr die Augen wieder
auf-<lb/>gegangen und ein Schloß ihr von dem Munde fort-<lb/>genommen wäre!
sagte die Magd, die bei den An-<lb/>schafft's alt und grau geworden
war.<lb/>Seit Jahren hatte Jakobäa nicht mehr daran<lb/>gedacht, Etwas für
ihres Hauses Zier zu thun. Es<lb/>war ihr gleichgültig gewesen, wie es
drinnen oder<lb/>draußen aussah. Nur die gute Gewöhnung, nur
die<lb/>angeborene Liebe für ihr Erbe, und der ihr ebenso<lb/>fest
innewohnende Trieb, das Bestehende nicht unter-<lb/>gehen zu lassen, hatten
sie dazu vermocht, in un-<lb/>wandelbarer Ausdauer täglich ihre Schuldigkeit
zu<lb/>thun, ohne eigenes Verlangen, ohne jede Lust und<lb/>Hoffnung. Jezt
mit einem Male war das anders.<lb/>Sie hatte mit eigener Hand die lang
verwahrten,<lb/>weißen Vorhänge rund um das Haus an allen
Fenstern<lb/>aufgesteckt, und aus dem Schranke den seit Zeiten<lb/>und
Zeiten nicht benutzten schönen Krug hervorgeholt,<lb/>um Viktorinen die
Milch in demselben aufzutragen.<lb/>Der Knechl hatte die Bank unter den
Bäumen mit<lb/>einem neuen Siz versehen, die Ranken an der Laube<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0386_081.tif" n="0081"/>
<p>in dem Gärtchen schneiden und an die Laiten binden<lb/>müssen. Das war Alles,
wer weiß wie lange nicht<lb/>gethan worden, und auch an der schweren
eisen-<lb/>beschlagenen Truhe, in der sie die alten Verschreibun-<lb/>gen
und Papiere der Familie aufbewahrte, hatte man<lb/>sie nicht herumhandtieren
sehen so wie jetzt.<lb/>Das mußte Etwas zu bedeuten haben, so gut<lb/>wie
die Besuche von Pater Benedikt, der in den<lb/>Tagen immer mit seiner Klasse
des Weges gegangrn<lb/>und stehen geblieben war, mit der Mutter zu
ver-<lb/>kehren. Aber nicht nur mit seinen Schülern hatte er<lb/>die Siraße
eingeschlagen, selbst früh am Morgen war<lb/>er wieder und wieder
hinaufgekommen und hatte sich<lb/>mit seinem Buche hingesetzt auf die Bank
am Brunnen,<lb/>und hatte dagesessen, das Brevier in Händen, ohne<lb/>es nur
aufzumachen. Rasch wie in seinen Knaben-<lb/>jahren war er dann
hinaufgestiegen in den Wald,<lb/>und auch dort oben hatte der Knecht ihn
lesend an-<lb/>getroffen, als ob er das im Kloster nicht bequemen<lb/>haben
konnte.-- Sie hätten es wissen mögen, was<lb/>er da oben wollte, waö er bei
seiner Mutter jetzt mit<lb/>einem Male suchte.<lb/>Benediktus selber fragte
sich das nicht, denn er<lb/>scheute die Antwort, die er sich darauf hätte
geben<lb/>F. Lewald, Benevikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0387_082.tif" n="0082"/>
<p>z<lb/>k<lb/>müssen. Eine unüberwindliche Unruhe trieb ihn<lb/>; umher,
Vorstellungen, die er nie gehalt, gaukelten in<lb/>verschwimmendem Wechsel
vor seinen Augen, reizten<lb/>ihn auf, sie zu verfolgen, ihnen nachzudenken,
auf<lb/>Mittel und Wege zu sinnen, wie er sie erreichen<lb/>könne.<lb/>Er
wußte es nur zu gut! Viktorine hatte Recht<lb/>gehabt mit ihrem Ausspruche,
daß für den Ent-<lb/>schlossenen Alles möglich sei, daß man Alles
erreichen<lb/>könne, wenn man nur die rechten Mittel wähle, an<lb/>- - das
vorgesteckte Ziel zu kommen. Auch aus diesem<lb/>- Thale, auch aus seinem
Kloster war ja zu Ende des<lb/>. vorigen Jahrhunderts, als die Armeen
Suwaroffs die<lb/>Schweiz durchzogen, einer der Mönche entflohen; und<lb/>s
obschon man es in dem Kloster abzuleugnen trachtete,<lb/>E ging doch im
Thale das Gerücht, daß jener flüchtig<lb/>F gewordene Pater Paulus in
Rußland zu großen Ehren<lb/>F emporgestiegen sei, daß er ein Kriegsmannn
geworden<lb/>ß sei, der zulezt als General hoch in seines Kaisers<lb/>F
Gunst gestanden habe, und daß einmal die Kinder<lb/>F -des Generals gekommen
wären, um seiner Erinnerung<lb/>F willen das Kloster zu besuchen. Was für
den Pater<lb/>Paulus möglich gewesen, was einem Andern gelungen<lb/>? war,
das konnte auch ihm gelingen und leicht
gelingen,<lb/>E<lb/>s<lb/>z<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0388_083.tif" n="0083"/>
<p>wenn ihm Vktorine hilfreich dazu ihre Hand bot.<lb/>Sie, die Einzige, die bis
zu dieser Stunde Mitleid<lb/>mit ihm gefühlt hatte, mehr als die eigene
Mutter;<lb/>die Einzige, deren Sinn nicht eingeengt war in dieser<lb/>Berge,
dieser todten Steine Riesenmassen, die ihm<lb/>die Brust bedrückten, die ihn
beängstigten selbst in<lb/>seinen Träumen, wenn sie zusammenrückend ihm
den<lb/>Weg zur Flucht versperrten, oder zerschmetternd auf
ihn<lb/>niederfielen, sobald er an Viktorinens Hand des Thales<lb/>Grenze
überschritten zu haben glaubte.<lb/>Er konnte sich's nicht denken, wie er
künftig in<lb/>dem Thale leben sollte, ohne sie. Er begrif nicht,<lb/>wie es
werden würde, wenn er nicht mehr die Tage<lb/>und die Stunden zählen konnte
bis zu ihrem nächsten<lb/>Wiedersehen?<lb/>Schwärmend und träumend war er an
einem<lb/>Morgen wieder hingezogen zu dem Brunnen an seiner<lb/>Mutter Haus,
zu der Stelle, an welcher Viktorine<lb/>zuletzt wie ein Engel der
Verkündigung und Ver-<lb/>heißung vor ihm erschienen war.<lb/>Jakobäa sah
ihn schon von ferne kommen. Die<lb/>Leute waren alle, wie um diese Stunde
immer, bei<lb/>der Arbeit; sie war allein im Hause. Da er die<lb/>Treppe
nicht emporstieg, trat sie zu ihm hinaus. Viel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0389_084.tif" n="0084"/>
<p>;<lb/><lb/>Reden war nie ihre Art gewesen, selbst nicht mit<lb/>Benedikt, und
zu sagen hatten sie einander auch nie<lb/>viel gehabt, seit er im Kloster
war.<lb/>Er bot ihr kurzweg , Guten Tag, sie gab ihm<lb/>- das ebenso kunz
zurück, und blieb oben unter ihrem<lb/>Vordach stehen.<lb/>, Die Bank ist
neu gemacht,? sagte Benediktus<lb/>endlich, weil die Mutter ihn so
unverwandten Blickes<lb/>ansah, daß er merkte, sein Schweigen wundre
sie.<lb/>,Die alte hielt nicht mehr!r gab sie ihm zur Ant-<lb/>wort. Er
schöpfte den Becher voll, der an dem Brun-<lb/>nen hing und trank
daraus.<lb/>,Das Wasser ist doch das frischeste rund um!'<lb/>bemerkte
er.<lb/>,Das spricht das Fräüulein auch!? sagte die Mutter<lb/>z
hastig.<lb/>z<lb/>,Ist sie zurück? fragte der Sohn, während bei<lb/>dem
bloßen Gedanken an Viktorine ihm das Blut<lb/>s<lb/>- die Wangen
färbte.<lb/>Die Mutter verneinte es. Sie wußte auch nicht,<lb/>j -<lb/>F?
wannsie wiederkehren würde, und er wagte weiter<lb/>nicht, von ihr zu
sprechen, aber Jakobäa that es. Sie<lb/>ß chatte nur darauf
gewartet.<lb/>f<lb/>,Ich sah es mit Verdruß, als sie zum
ersten<lb/>f<lb/>i<lb/>s?<lb/>s<lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0390_085.tif" n="0085"/>
<p>Male herkam,? sagte sie und brach dann ab. Er<lb/>fühlte, daß die Mutter
Etwas auf dem Herzen hatte,<lb/>und er hätte gern erfahren, was es sei; fie
wußten<lb/>sich aber Beide nicht zu helfen. Endlich trug der<lb/>Mutter
Ungeduld den Sieg davon.<lb/>,. Komm hinein, es wird hier draußen
heiß!r<lb/>sagte sie, obschon kein Strahl der Sonne durch das<lb/>dichte
Laub der Bäume drang, und der Himmel sich<lb/>bewölkte. Er folgte ihrer
Mahnung.<lb/>Wie er nun drinnen in dem großen kühlen<lb/>Raume saß, zog sie
die Thüren des Hauses und der<lb/>Stube zu, und sah sich um, als müsse sie
sich ganz<lb/>besonders überzeugen, daß sie Niemand höre. Dann<lb/>blieb sie
ihm gegenüber stehen.<lb/>,Gerufen hätte ich Dich nicht,? sprach sie, ,
aber<lb/>Du bist von selbst gekommen und sie hat mir gesagt,<lb/>was ich ja
gewußt habe von der ersten Stunde an,<lb/>und was mir auf dem Herzen gelegen
hat seit dem<lb/>Tage, an dem Du Alles ersahren und hier gesessen<lb/>und
die Augen von mir abgewendet hast.?<lb/>,Laß mich gehen, Mutter!'- fiel er
ihr in's Wort,<lb/>,und laß das ruhen!<lb/>,,Nein,- sprach sie mit eiserner
Bestimmtheit.<lb/>,Ich hab's in mir verschlossen alle die Jahre
lang.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0391_086.tif" n="0086"/>
<p>k.<lb/>s<lb/>k<lb/>?<lb/>? und kein Wort davon ist über meine Lippen
gekom-<lb/>F- men. Einmal aber will ich's sagen.- Ich kann sie<lb/>nicht
ansehen, sie und ihre schwarzen Röcke, wenn sie<lb/>F hier vorüberschleichen
und schielen nach dem Hause<lb/>hinauf und gehen über meine Matten, als
könnten<lb/>- sie die Stunde nicht erwarten, daß es ihre sein und<lb/>- ihre
Kasten füllen und sie mästen wird. Und daß<lb/>s<lb/>z Du es nun weißt!
verschreiben thue ich's ihnen nicht,<lb/>ß so lange ich noch meine fünf
Sinne klar zusammen<lb/>s habe. Für uns ist es gebaut, bei uns soll es
auch<lb/>s<lb/>? bleiben!r<lb/><lb/>,Bei uns? wiederholte Benedikt mit
Bitterkeit,<lb/>z , ich dächte Mutter, Du hättest gut dafür
gesorgt--<lb/>Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. , Wenn<lb/>es auf einen
Menschen herniederfällt, er weiß nicht<lb/>?- wie, da hält er sich, woran er
kann; da glaubt er<lb/>Alles, da thut er Alles, was man ihn ihun
heißt,<lb/>F denn er kann sich nicht besinnen.!<lb/><lb/>- Und wieder hielt
sie inne und sagte dann so<lb/><lb/>F leise, als fürchte sie den Ton der
eigenen Stimme:<lb/>E ,Wäre sie damals hergekommen, sie oder ein
Anderer,<lb/>der mehr von der Welt verstanden hätte als ich in<lb/>ß meizer
erschlagenheit, und es häte mir Einer ge-<lb/>s sagt wie sie: ,was hast Du
denn verbrochen? Du<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0392_087.tif" n="0087"/>
<p>hast Unglück gehabt und bist betrogen worden zum Er-<lb/>barmen. Mache gut an
Deinen Kindern, was an<lb/>Dir gesündigt worden ist von ihrem Vater, denn
sie<lb/>haben Niemand auf der Welt, als Dich allein, und<lb/>die Menschen
werden ihnen den schlechten Vater um<lb/>der guten Mutter willen nicht
gedenken.' Hätte mir<lb/>Einer das gesagt, ich hätte es verstanden und
danach<lb/>gehandelt! Aber sie waren lüstern nach unserm Hab<lb/>und Gut,
und mit meinen weinenden Augen habe ich<lb/>das nicht gesehen in meiner
Angst, und habe es über<lb/>mich und Euch gebracht!?<lb/>Ihre Rede war fest,
sie venzog keine Miene, aber<lb/>die Thränen liefen ihr über die Wangen.
Sein Lebe-<lb/>lang hatte der Sohn sie also nicht gesehen, es
wendete<lb/>ihm das Henz um in Erbarmen und in Mitleid.<lb/>Er hatte sie nie
so sehr als seine Mutter, sich als<lb/>ihren Sohn, als Denjenigen empfunden,
der berufen<lb/>war, ihr ein Stüzer zu sein in dem Schicksal, dem<lb/>sie
unterlegen war.<lb/>,Laß es gut sein Mutter, und sei ruhig!'-
tröstete<lb/>er sie. , Es klagt Dich Niemand an. Die Schwestern<lb/>sind ja
freudig in der Arbeit, die ihr Theil geworden<lb/>ist und ich=-<lb/>, Eüge
nicht!' rief die Mutter, noch ehe er vell-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0393_088.tif" n="0088"/>
<p>k<lb/>H<lb/>enden konnte. --- ,Ich weiß es Alles, sie hat es
mir<lb/>gesagt.-- Du bist nicht ruhig, kannst es njemaGd<lb/>werden. Gott
hat die wundersame Stimnße Did, in<lb/>die Brust gelegt, und wie die
gefangene DSdssel zEg-<lb/>schellst Du Dir den Schädel an den Mauer;
sn<lb/>denen sie Dich halten!? -- Sie stieß die Wdrte,<lb/>denen er es
anhörte, daß sie ihr von Viktorinen kamen,s<lb/>mit Heftigkeit hervor, und
sie erschreckten ihn, al<lb/>hätte er nicht, seit er die Fremde kannte, dad
Gleiche<lb/>oft genng gedacht.<lb/>Die Mutter hatte seine Hand ergrifen und
zeg<lb/>ihn hin bis zu der alten Truhe, die sie vor ihm auf-<lb/>schloß.
,Sieh!r sagte sie, scheu wie die Missethat<lb/>um sich blickend, , da liegt
das Geld! Nimn's und<lb/>geh! -- Sie kennt Weg und Steg, sie hat
Freunde<lb/>und hat Macht und Einfluß. Ich will Dir eilig<lb/>F folgen, und
Beide wollen wir dann pilgernd hin-<lb/>s zehen und knieen, Du und ich an
rechter Stelle. Tag<lb/>und Nacht wollen wir flehen vor Sankt
Peters<lb/>Thron! Alles will ich daran sezen! Dpfek will ich<lb/>bringen, so
viel man heischen mag, denn ich bin reicher-<lb/>als sie es vernzuthen. --
nur daß Du der Erbe dieses<lb/>Hauses wirst.r? -<lb/>s -<lb/>Sie nahm aus
einem kleinen Schube eine Rolle<lb/>---<lb/>-z -<lb/>-1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0394_089.tif" n="0089"/>
<p>89<lb/>Goldstücke hervor, sie ihm zu geben. Seine Blicke<lb/>flogen danach
hin, seine Hand streckte sich mit raschem<lb/>Verlangen danach aus. Es war
die Aussicht auf Be-<lb/>freiung, die ihn reizte, nicht der Besiz des
Hauses<lb/>und das Erbe. Aber vor sich selbst erschreckend, ent-<lb/>fernte
er sich von der Mutter. Denn jetzt, hier unter<lb/>diesem Dache, hier unter
der Mutter hartem Blick<lb/>und Wort, trat plözlich die nackte Wirklichkeit
an ihn<lb/>heran, und hob die gewaltige Hand auf gegen ihn<lb/>und gegen
sein Verlangen, und gegen die Hoffnun-<lb/>gen, welche Viktorinens
gauklerische Phantasie in ihm<lb/>entstehen machten.<lb/>Hier von eben
dieser Stätte war dereinst sein<lb/>Vater durch sein Verbrechen
fortgetrieben worden in<lb/>die Welt. Durch diese Thüre war seine Mutter
fast<lb/>ein Menschenalter lang an jedem Tage früh und
spät<lb/>hinausgeschritten, ihre büßende Andacht in der Kirche<lb/>zu
verrichten. An diesem Tische hatte er gesessen,<lb/>nachdem er es erfahrxn,
daß und weshalb ihn seine<lb/>Mutter mit einem heiljgen Eide der Kirche
angelobt.<lb/>Und standen sie denn nicht mehr drüben, die Kirche<lb/>und des
Klosters Mauern? Hatte er das Gelübde der<lb/>e?<lb/>Mutter nicht auf sich
genommen, und es aus eignem<lb/>Entschlusse bekräftigt in der Stunde, in
welcher er<lb/>N<lb/>? =<lb/>.<lb/>e<lb/>!-<lb/>1<lb/>z<lb/>s=.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0395_090.tif" n="0090"/>
<p>die Weihen empfangen, in welcher er geschworen hatte,<lb/>in Keuschheit, in
Armuth und in Gehorsam der Welt<lb/>und ihren Freuden zu entsagen, um seines
Vaters<lb/>Schuld zu sühnen und dem Herrn zu dienen für und<lb/>für?=- Was
war denn über ihn gekommen?-- Ach!<lb/>er wußte es nur zu gut!-- Er schlug
verzweifelnd<lb/>die Hände in einander; es stand schlimm um ihn und<lb/>um
sein Heil!<lb/>Wie die rasch aufgestiegenen grauen Wolken<lb/>draußen - so
düster und in so wildem Zuge jagten<lb/>die Gedanken durch sein Hirn. Er sah
die Mutter<lb/>vor sich stehen und hörte doch daneben
Viktorinens<lb/>verlockende Worte, und vernahm sie auch, die nicht
zu<lb/>übertäubende Stimme seines Gewissens, die sich auf-<lb/>lehnte gegen
die Mutter und gegen Viktorine, und<lb/>die niedergehalten wurde von jenem
geheimen Ver-<lb/>langen, vor dem ihm schauderte, daß er ihm den<lb/>rechten
Namen nicht zu geben wagte.<lb/>Der Mutter Auge folgte jeder seiner
Bewegungen<lb/>und Mienen, sie näherte sich ihm und zog ihn mit
starker<lb/>Hand zu sich zurück. ,Du zauderst?? fragte sie, in-<lb/>f dem
sie ihm ihr Gold noch einmal darbot.<lb/>,Der Wahnsinn kommt über Dich und
mich!?<lb/>rief er, ,laß ab von mir mit dieser Qual!'r<lb/>- s<lb/>.
=s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0396_091.tif" n="0091"/>
<p>,Du zauderst? wiederholte sie mit Bitterkeit<lb/>und von der wilden Gewalt
des lang verhaltenen<lb/>Schmerzes hingerissen; sie stieß seine Hand von
sich<lb/>und höhnte: , Bleib denn ihr Knecht, und trage ihre<lb/>Kutte und
ihre Ketten bis an Dein Lebensende!r und<lb/>mit raschem Schlage den Deckel
der Truhe zuwerfend,<lb/>sagte sie: , Ich wollte, das Wetter, das dort
aufsteigt,<lb/>zerschmetterte das Haus und mich, ehe daß es ihnen<lb/>in die
Hände fält!r'<lb/>,,Mutter! Mutter! warnte und flehte Benedikt.<lb/>,Es
liegt schon Fluch genug auf diesem Hause!<lb/>, So geh' hinweg von seiner
Schwelle! geh! und<lb/>sing' und bete mitten unter ihnen, die ihre
habgierigen<lb/>Häinde heuchelnd falten, bis sie es an sich
gerissen<lb/>haben werden, all unser Hab und Gut! Und kehre mir<lb/>nicht
wieder, denn Du hast kein Herz, keine Ehre!<lb/>Du bist zu feig zu sühnen,
was Dein Vater an mir<lb/>gesündigt hat! Nicht einmal es zu versuchen hast
Du<lb/>Muth!- Muß es denn mit uns aus sein und mit<lb/>unserm Hause, so seis
je eher, je besser! Geh! auf<lb/>Nimmerwiederkehrl?<lb/>Sie lachte laut auf
wie im Irrsinne. Es fuhr<lb/>ihm kalt durch Mark und Bein. Wie die
fahlen<lb/>Schwingen aufgeschreckten Nachtgevögels, verwirrend<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0397_092.tif" n="0092"/>
<p>H<lb/>und ungreifbar, schwirrte es durch seinen Sinn, daß<lb/>ihm davor
graute.<lb/>,Auf Nimmerwiederkehr!r sprach er ihr tonlos<lb/>nach, und sie
fliehend, um sich vor sich selbst zu retten,<lb/>eilte er von
dannen.<lb/><lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0398_093.tif" n="0093"/>
<p>Hechsies Cnpiiel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0399_094.tif" n="0094"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0400_095.tif" n="0095"/>
<p>I Pater Theophilus' Brust schlug ein mildes,<lb/>weiches Herz. Er liebte
Benedikt wie sein leiblich<lb/>Kind, und härmte sich um der Versuchung
willen, der<lb/>er ihn ausgesetzt und um den Kampf, in welchen er<lb/>ihn
verwickelt wußte.<lb/>Als er sich vor jenen langen Jahren
Jakobäa's<lb/>angenommen hatte, war es ihm nur um sie und um<lb/>ihr Heil zu
thun gewesen, wo des Abtes weitblickende<lb/>Klugheit gleich im ersten
Augenblicke die Vortheile<lb/>erwogen hatte, welche das Mißgeschick der
Rathsuchen-<lb/>den dem Kloster bringen konnte, wenn man es richtig<lb/>zu
benuzen wußte; und Jakobäens und ihrer Kinder<lb/>Heil und Frieden lagen dem
greisen Pater auch noch<lb/>jezt am Herzen, wenn schon er seines Oberen
Zwecken<lb/>diente.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0401_096.tif" n="0096"/>
<p>F<lb/>Er selber hatte keine Angehörigen mehr. Das<lb/>Kloster war seine
Heimath, die Brüderschaft seine<lb/>Familie geworden, wie der Doktor es
Viktorinen zu-<lb/>treffend genuug bezeichnet hatte. Aber der
unabweis-<lb/>liche Trieb der menschlichen Natur nach irgend
einem<lb/>Wesen, dem er seine liebende Sorge, seine Pflege an-<lb/>gedeihen
lassen konnte, jenes Verlangen, das dem Ein-<lb/>samen die Spinne werth
macht, welche sich an das<lb/>Fenster seines Zimmers heftet, war in des
Mönches<lb/>sanfter Seele darum nicht erloschen, und seine
ganze<lb/>Zärtlichkeit hatte sich Benediktus zugewendet. Seine<lb/>Gebete
galten ihm, seine Gedanken folgten ihm, seine<lb/>Liebe wachte über ihn. Er
hatte es deshalb mit<lb/>Genugthuung vernommen, daß Viktorine für
einige<lb/>Tage das Thal verlassen hatte, denn er hoffte,
ihre<lb/>Abwesenheit solle Benediktus heilsam werden und ihm<lb/>Ruhe
gönnen. Der Jüngling aber war von Ruhe<lb/>weit entfernt.<lb/>Wie ein
Sturmstoß den Ast vom Baume, so<lb/>hatte der Mutter ungemessene
Leidenschaft ihn hin-<lb/>-weggetrieben von der Schwelle seines
Vaterhauses.<lb/>-Er war gegangen, er wußte nicht wohin. Keines<lb/>festen
Gedankens, keiner klaren Vorstellung mächtig,<lb/>war er vorwärts geeilt,
nicht achtend des schweren<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0402_097.tif" n="0097"/>
<p>Wetters, das emporstieg, nicht achtend des stärker und<lb/>stärker werdenden
Sturmes, mit dem das finstere<lb/>Gewölk, das Licht verschattend, in das
Thal einzeg.<lb/>Schon waren der Berge Gipfel nicht mehr sichtbar,<lb/>schon
hörte sich's wie ferner Donner in der Luft; die<lb/>Vögel suchten ängstlich
gegen den Wind ankämpfend<lb/>ihre Nester. Von dem breiten Fahrwege, der
das<lb/>ganze Thal durchzog, wirbelte hoch der Staub empor.<lb/>Ein fahler
Sonnenstrahl, der durch die Wolken nieder-<lb/>fiel, durchleuchtete ihn
einen Augenblick, dann ward<lb/>es wieder dunkel, und nur der weiße Gischt
erglänzte<lb/>noch auf den finstern Wellen des Bergwassers, daö<lb/>durch
das zitternde Gras der Wiesen rauschte. Mt<lb/>grellem Streiflicht zuckte
ein Bliz vorüber. Den Laut<lb/>deö Donnerö verschlang das Heulen des
Sturmes.<lb/>Er beugte die Wipfel der Bäume, daß die Aeste<lb/>knarrend
stöhnten. Hier flog zwischen den Blättern,<lb/>die er vor sich hertrieb, ein
Zweig, dort ein anderer<lb/>zu Boden. Ein neuer heftiger Sturmstoß, ein
flam-<lb/>mender Bliz, ein Donner, der von den Bergen wieder-<lb/>hallte,
daß alle Kreatur davor erbebte- und in<lb/>prasselnden Strömen fiel
schallend der Regen vom<lb/>Himmel auf die Erde nieder.<lb/>F. Lewald,
Benedikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0403_098.tif" n="0098"/>
<p>Benedikt hatte den Aufruhr in den Elementen<lb/>kaum empfunden. Mit festem
Schritte war er an-<lb/>gegangen gegen den brausenden Wind; es hatte
ihm<lb/>wohlgethan, einen äußeren Widerstand zu besiegen,<lb/>weil er des
inneren nicht Herr zu werden vermochte.<lb/>Ohne sich zu fragen, wohin er
wolle, war er, von<lb/>seiner Unruhe getrieben, fort und fortgegangen, bis
er<lb/>aufathmend sich auf der Klostermatte wiederfand. Ein<lb/>unbewußtes
Verlangen hatte ihn hingezogen nach der<lb/>Stätte, an welcher er sie zuerst
allein getrofen, nach<lb/>dem Platze, an dem sie ihm wieder zu begegnen
ver-<lb/>heißen hatte.<lb/>Er wußte, daß sie nicht da sein konnte, und
sein<lb/>uge suchte sie doch! Er wußte, daß er sie liebte
--<lb/>leidenschaftlich liebte, -- er, der gottgeweihte Mönch,<lb/>für den
es Meineid war, an sie zu denken! Und doch<lb/>fühlte er sich versucht, nach
ihr zu rufen, nur um den<lb/>Namen auszusprechen, in dem für ihn sich alles
Glück<lb/>und alles Leid zusammendrängte; aber er preßte den<lb/>Laut in
seine Brust zurück. Er fürchtete, sie werde<lb/>ihm erscheinen: ein
Truggebild, sie und doch nicht sie,<lb/>die Verlockung zu vollenden, die wie
mit einem Zauber<lb/>ihn befangen hatte seit der Stunde, in welcher
sie<lb/>ihm den Sinn umstrickt mit ihrem Singen, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0404_099.tif" n="0099"/>
<p>W9<lb/>ihm den Blick eröffnet hatte in die Welt, in der<lb/>sie lebte.<lb/>Er
lehnte wieder unter dem Baume, an welchem<lb/>er dazumal gestanden. Drüben,
jenseit der Thal-<lb/>schlucht lag sein Vaterhaus, zur Rechten stiegen
die<lb/>Mauern und Thürme des Klosters in die Höhe; aber<lb/>der dichte
Regen und die tief im Thale ziehenden<lb/>Wolken verschleierten die Einen
wie das Andere, daß;<lb/>er es sah, als wäre er weit davon entfernt, als
zueg-<lb/>ten die Wasser eines Meeres zwischen ihm und jenen<lb/>Stätten,
als schwellten und stiegen sie um ihn emper,<lb/>in neuer Sündfluth ihn und
alles Erschaffene zu ver-<lb/>schlingen, um ein Ende zu machen dem Kampfe
und<lb/>den Qualen, denen er sich nicht gewachsen fühlte.<lb/>Wie ein
Schwert war die Erkenntniß, daß er in<lb/>Liebe für ein Weib entbrannt sei,
durch seine Seele<lb/>gefahren und hatte sie in sich zerspalten, daß
sein<lb/>Wünschen und Begehren sich wie Feinde erhoben gegen<lb/>seinen Eid,
und sich nicht beugen wollten vor dem<lb/>Ruf des eigenen Gewissens. Er
wollte sich besiegen<lb/>und streckte sehnend die Arme aus nach ihr, die
all<lb/>das Unheil über ihn gebracht, die auch seine Mutter<lb/>aus ihrem
schwer errungenen Frieden aufgescheucht, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0405_100.tif" n="0100"/>
<p>? s<lb/>- .<lb/>.<lb/><lb/><lb/><lb/>s<lb/><lb/>1<lb/>ihr das Herz verwandelt
hatte wie ihm; ver-<lb/>wandelt, wie der Freund es warnend ihm
vor-<lb/>ausgesagt --- daß keine Macht den Zauber lösen<lb/>konnte, der ihn
gefangen hielt und an sie band; daß<lb/>Nichts ihm übrig blieb, daß er
verloren war, verloren<lb/>hier und dort in alle Ewigkeit!<lb/>Die Gewalt
des Wetters hatte sich ausgetobt, der<lb/>Regen fiel allmälig still und
dicht hernieder. So<lb/>weit sein Auge reichte, war kein Mensch zu
sehen.<lb/>Frei war er in diesem Augenblicke! Wenn er diese<lb/>Gelegenheit
benuzte, zu entfliehen, wenn er diese<lb/>Stunden benuzte, dad Thal zu
verlassen, so war ein<lb/>weiter Vorsprung für ihn möglich, und Beistand
zu<lb/>finden durfte er gewiß sein, wenn er dem Dringen<lb/>- der Mutter,
der Weisung Viktorinens nachgab. In<lb/>dieser Stunde, vielleicht in keiner
anderen jemals<lb/>wieder, hatte er sein Schicksal in der Hand.<lb/>Er
brauchte nur zu wollen, und er konnte er-<lb/>reichen, was ihn in seinen
Knabenträumen so gereizt.<lb/>Die Welt lag vor ihm ofen, wenn er die Kraft,
den<lb/>Muth besaß, sich jeyt in sie zu stünzen.<lb/>Den Muth! Die
Kraft!<lb/>Er hielt mit einemmale inne. Den Muth, mit<lb/>allen seinen
Kräften nach Befriedigung seiner Be-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0406_101.tif" n="0101"/>
<p>11<lb/>gierden zu ringen, den besaß jedweder rohe Mensch,<lb/>den besaß sogar
das wilde Thier!-<lb/>Aber war das die Kraft, nach der er
getrachtet<lb/>hatte, als nach seinem höchsten Ziele? Der Muth
der<lb/>irdischen Selbstsucht, was hatte der gemein mit jener<lb/>Kraft und
jenem Muthe all der Tausende von Män-<lb/>nern und Frauen, die, der Welt und
ihrem lrügeri-<lb/>schen Schein entsagend, auf all ihr menschlich
Wollen<lb/>und Begehren verzichtet hatten, dem Heilande nachzu-<lb/>folgen
und ihm ähnlich zu werden, dem Gottessohne,<lb/>dessen Bild sich hier vor
ihm erhob?<lb/>Er schlug sein verdüstert Auge scheu empor zu<lb/>dem Kreuze,
das inmitten der Klostermaue aufgerichtet<lb/>stand. Wie oft hatte er vor
demselben geknieet, ein<lb/>Knabe noch, als sein ungezähmter Sinn sich
wider-<lb/>willig aufgelehnt gegen den Gedanken, daö Ordens-<lb/>kleid zu
tragen! Wie viele Stunden hatte er sich hier<lb/>versenkt in Betrachtung und
Anbetung des Lebens und<lb/>des Beispiels dessen, der es der Menschheit kund
ge-<lb/>than, wie sie zu leben habe, um sich emporzurichten<lb/>aus der
Finsterniß zum Licht, aus der Erde Schlamm<lb/>in reinere Regionen. Hier an
dieser Stelle hatte er<lb/>geknieet auch an dem Abende des Tages, an
welchem<lb/>er die Weihen empfangen, und hatte freudigen Herzens<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0407_102.tif" n="0102"/>
<p>1<lb/>die Eide wiederholt, die er gläubiger Neberzeugung<lb/>voll, am Altar
ausgesprochen, in Keuschheit, in Armuth<lb/>und in Gehorsam zu verharren bis
zu seinem letzten<lb/>Athemzuge, um ein würdiger Verkünder zu sein
der<lb/>höchsten Gedanken, deren die Menschenseele fähig ist,<lb/>und deren
sie nöthig hat, um nicht herahzusinken zu<lb/>dem Thier: die
Selbstverleugnung und die Nchsten-<lb/>liebe.<lb/>Er fiel auf seine Kniee,
und als hätte ein<lb/>Gnadenschaz sich angesammelt hier an dieser Stelle,
so<lb/>erweichte sich sein Schmerz. Der feste Glaube, der<lb/>ihn hier so
oft erhoben, die fromme Zuversicht und<lb/>Rührung früherer Tage, sie
dämmerten wieder in ihm<lb/>auf. Sie leuchteten ihm hell und heller in
das<lb/>Dunkel seines Kampfes, und träufelten milde, be-<lb/>seligende
Wehmuth in sein Herz.<lb/>Er preßte seine heiße Stirne gegen das Kreuz,
er<lb/>rief in flehender Angst zu ihm empor, der aller Ver-<lb/>suchung und
Verlockung widerstanden, der gerungen<lb/>und gekämpft hatte als des
Menschen Sohn, der wie<lb/>ein Mensch geschaudert hatte vor der Bitterkeit
des<lb/>Schmerzes und des Todes, und der dennoch über-<lb/>wunden hatte in
Glauben und im Vertrauen, und<lb/>hingegangen war, den Kreuzestod zu leiden
-- er, der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0408_103.tif" n="0103"/>
<p>18<lb/>Sündenfreie! Der auf sein schuldlos Haupt gendm-<lb/>men die ganze
Sündenlast der Menschheit, die vor<lb/>;Mxf - -- ---<lb/>Mit beiden Armen
klammerte er sich an das<lb/>Kreuz.- Er konnte wieder beten: für sich, für
seine<lb/>Mutter, und auch für sie! Er konnte beten, und er<lb/>konnte
weinen. -<lb/>Es war schon gegen den Mittag hin, als er end-<lb/>lich durch
das Thor des Klosters einging. Man<lb/>hatte ihn vermißt, und fast
gefürchtet, daß ihm ein<lb/>Unfall bei dem schweren Wetter zugestoßen
wäre.<lb/>Seine Erschöpfung fiel nicht auf, sie war nur zu
er-<lb/>klllrlich, und man sah ihn ruhig nach seiner Zelle<lb/>gehen. Nur
Pater Thevphilus folgte ihm dorthin,<lb/>des Greises Auge war so wenig wie
sein Henz zu<lb/>täuschen.<lb/>Er fragte, was geschehen sei.<lb/>Statt der
Antwort warf sich Benodikt in seine<lb/>Arme; der Greis hielt ihn an seinem
Herzen fest.<lb/>Er drang nicht mehr in ihn, da Jener schwieg. Er<lb/>kannte
seinen Schüler und wußte, wie er ihn zu<lb/>nehmen hatte.<lb/>Benedikt hatte
sich von ihm les gemacht und war<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0409_104.tif" n="0104"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0410_105.tif" n="0105"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0411_106.tif" n="0106"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0412_107.tif" n="0107"/>
<p>Früh am andern Morgen knieete, als die Früh-<lb/>mette gesungen war, der
Jüngling vor dem Beicht-<lb/>stuhl, in welchem Pater Theophilus Beichte
hörte.<lb/>Das Gewitter des vergangenen Tages hatte die<lb/>Natur erfrischt,
die Kirchenthüren standen offen, der<lb/>Morgenluft den Einzug zu gestatten.
Die Sonne<lb/>schien warm hinein. Sie beleuchtete die
Weihrauchs-<lb/>wölkchen, welche von der Frühmette her noch durch<lb/>des
Chores Gewölbe zogen. Eine verirrte Schwalbe<lb/>schoß unter dem hohen Dome
hin und wieder, ängst-<lb/>lich den Ausgang suchend, während die
geöffneten<lb/>Thüren ihr doch denselben boten. Sonst regte sich<lb/>in der
Kirche Nichts. Nur den schweren Pendelschlag<lb/>der Thurmuhr vernahm man in
der tiefen Stille.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0413_108.tif" n="0108"/>
<p>z<lb/>108<lb/>Benedikt hatte seinem Beichtiger das tiefste Innere<lb/>seines
Herzens bloß gelegt. Er hatte Nichts zurück-<lb/>behalten, Nichts
beschönigt. Wie er in den bangen<lb/>Stunden dieser Nacht unerbittlich die
lezte Falte seines<lb/>Herzens vor sich selbst enthüllt, so sprach er jezt
vor<lb/>seinem Beichtiger all sein Irren und sein Fehlen, sein<lb/>sündhaft
Wünschen und sein frevelnd Hoffen aus.<lb/>s -Ze-===-Fe« F=- Er öerichtete,
wie Viktorinend Herantreten ihn<lb/>?<lb/>überrascht, wie ihr Gesang ihm
Leib und Seele auf-<lb/>geregt. Er klagte sich an, daß er sein erstes
einsames<lb/>Begegnen mit ihr geflissentlich verschwiegen, daß
des<lb/>Doktors wohlgemeinte Mahnung ihn nur noch leb-<lb/>hafter gereizt
habe, die Sängerin wiederzusehen. Er<lb/>gestand, wie er sich absichtlich
betrogen, wie bei aller<lb/>Begeisterung, welche er für die Kunst empfinde,
es<lb/>nicht die Liebe zur Musik allein gewesen sei, die ihn<lb/>die Fremde
suchen machen, sondern die Leidenschaft<lb/>der Liebe für sie selbst, in
ihrer ganzen verzehrenden<lb/>Gewalt.<lb/>Er schilderte dem Greise, wie
Viktorine ihm von<lb/>einem Leben in der Welt und in der Kunst
gesprochen<lb/>habe, bei welchem ihm der Erdenfreuden und der
Be-<lb/>wunderung reiches Maßß nicht fehlen könne; wie sie<lb/>ihn auf die
Möglichkeit verwiesen, durch des höchsten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0414_109.tif" n="0109"/>
<p>19<lb/>Priesters Gnade seiner Eidespflicht enthoben, und<lb/>zur Rüückkehr in
die Welt, zur freien Hingebung an<lb/>die Kunst ermächtigt zu werden. Selbst
daß sie seiner<lb/>Mutter das gleiche Ziel als ein für ihn
erreichbares<lb/>bezeichnet, und daß die eigene Mutter mit
flehender<lb/>Bitte in ihn gedrungen habe, das Wagniß zu bestehen,<lb/>um
dann als ihres Hauses Erbe sein Geschlecht einst<lb/>fortzupflanzen, selbst
das enthielt er seinem Beichtiger<lb/>nicht vor.<lb/>Aber seine Stimme
bebte, seine bleichen Wangen<lb/>röthete die Scham, als er diese Worte über
seine<lb/>Lippen gehen ließ, und obschon er deö Sprechend<lb/>ebenso
gewohnt, als des Ausdrucks mächtig war, ver-<lb/>stummte ihm der Mund. Erst
des Paterö Frage, was<lb/>er erwidert und gethan habe auf der Mutter
Vor-<lb/>schlag, rief ihn aus seiner Versunkenheit empor.<lb/>,Wie des
Irrlichts Flamme, die in die Tiefe<lb/>lockt, aus der kein Wiederkehren
ist,? sprach er, »le<lb/>erglänzte und lockte das Gold vor meinen Augen.
Es<lb/>war der Schlüssel zu dem Glück der Welt. Eine<lb/>höllische
Versuchung stellte mir in Bildern, die ich<lb/>nie erschaut, ihre Freuden in
hellstem Lichte vor, und<lb/>es war der eignen Mutter Hand, die es mir bot,
es<lb/>war meine Mutter, die in mich drang, zu fliehen und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0415_110.tif" n="0110"/>
<p>1<lb/>des Lebens zu genießen in der Welt, in welcher =-e<lb/>Er hielt inne
und preßte die gefalteten Hände<lb/>gegen seine Stirn.<lb/>Theophilus
erbarmte seiner, doch schonen durfte<lb/>er ihn nicht. ,Vollende!' mahnte
er, ,und sprich es<lb/>aus, was Du zu denken nicht gescheut hast.
Was<lb/>war das lezte Ziel, nach dem Du strebtest in
der<lb/>WeltF<lb/>,Gönne mir's, mein Vater, daß mein Mund sie<lb/>nicht mehr
nenne !'r bat der Jüngling kaum vernehm-<lb/>bar, und auf seine inbrünstig
gefalteten Hände fielen<lb/>ein paar heiße schwere Thränentropfen
nieder.<lb/>Der Pater ließ ihm eine kleine Rast.<lb/>, Und was hielt Dich
zurück? fragte er danach.<lb/>,,Nicht meine Kraft, mein Vater!r bekannte
Bene-<lb/>dikt. ,Mir wallte das Herz auf in sündiger Begier.<lb/>Ich
streckte die Hand aus, ich war entschlossen, ob-<lb/>schon ich wußte, was
ich damit that. Da- - wie<lb/>soll ich's nennen, was mich plözlich hielt und
bannte?<lb/>Und noch einmal stockte ihm das Wort, daß Theophilus<lb/>ihn zu
sprechen mahnen mußte.<lb/>,Ich dachte nicht an Gott, nicht an den
Heiland,<lb/>nicht an mich und meiner Seele Heil, nicht an
die<lb/>Verdammniß, der ich mich überliefern wollte. Es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0416_111.tif" n="0111"/>
<p>11<lb/>war kein heiliger Gedanke, der mich zaudern machte.<lb/>Eine weltliche
Rücksicht war es ganz allein. Ich fühlte<lb/>ein Mitleid, ein Erbarmen mit
der Mutter. Ich sah<lb/>ihr verstörtes Angesicht, das zornige Feuer
ihres<lb/>Blickes, und ich sagte mir: des eidbrüchigen
Mannes<lb/>unglückseliges Weib soll nicht die Mutter eines Sohnes<lb/>sein,
der seinen Eid gebrochen hat!- Sie soll sich<lb/>vor den Menschen des Sohnes
nicht zu schämen haben<lb/>wie des Gatten, nicht zu büßen haben auch für
mich!<lb/>Besser, daß ihr Zorn sich auf mich richtet, als daß<lb/>der
Heiland sein Antliz wenden muß von ihr, auf<lb/>der des Unheils und des
Fluches genug schon<lb/>lastet!?<lb/>,Hast Du ihr das ausgesprochen? fragte
Theo-<lb/>philus, dem ungesehen die Augen übergingen, daß er<lb/>sie
trocknen mußte mit der Hand.<lb/>Benediktus verneinte es. ,Ich war mit
meiner<lb/>Kraft zu Ende, die Versuchung war zu groß, ich<lb/>konnte Nichts
als fliehen !'- und von der Gewalt<lb/>seiner unterdrückten Leidenschaft
rasch und rascher vor-<lb/>wärts getrieben, sprach er dem Beichtiger von
dem<lb/>Widerstreben jeines Sinnes, von der Auflehnung seines<lb/>irdischen
Menschen gegen das Begehren, sich aus der<lb/>sündigen Verirrung
emporzurichten und seine Seele<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0417_112.tif" n="0112"/>
<p>u1<lb/>zu erheben zu dem Herrn und Heiland in freudiger<lb/>Entsagung.
-<lb/>, Hilf mir dazu, mein Vater!' flehte er, , hilf<lb/>mir, daß ich nicht
erliege unter dem Sturm der Sinne,<lb/>der mich verwirrt, daß ich Nichts
sehen und denken<lb/>kann, als sie - als sie allein!?<lb/>Er brach zusammen,
in seinem Schmerz ver-<lb/>stummend. Der Pater störte ihn nicht, er ließ
ihm<lb/>sich zu sammeln Zeit, und er hatte auch mit sich selbst<lb/>zu Rathe
zu gehen. Er war katholischer Christ aus<lb/>tiefster, treuster
Neberzeugung; er hatte das Ordens-<lb/>kleid als das höchste Ehrenzeichen
angelegt, nach dem<lb/>sein frommes Herz getrachtet, und nie ein
anderes<lb/>Ziel gekannt, als in Gottesfurcht und Menschenliebe<lb/>sein
Dasein in des Klosters heiliger Abgeschiedenheit<lb/>zu verbringen, bis des
Herrn Wille ihn dereinst rufen<lb/>würde, um ihn gnädig einzuführen in die
Gefilde<lb/>einer besseren Welt, hin zu des Paradieses heiligen<lb/>Pforten.
Sein ganzes irdisches Wünschen hatte sich<lb/>auf Benedikt bezogen. Ihn
hatte er fortschreiten zu<lb/>sehen gewünscht in Wissenschaft und Kunst, für
ihn<lb/>hatte er ehrgeizige Hofnungen gehegt Er war stolz<lb/>gewesen auf
des Jünglings mächtige Stimme, und<lb/>was er sich bisher nicht eingestanden
hatte, selbst auf<lb/>sa=saTaasSuseaaaTsasüsSsKKFzaä<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0418_113.tif" n="0113"/>
<p>118<lb/>des jungen Mannes stattliche Gestalt und Schönheit.<lb/>Er empfand
dies jetzt mit schwerer Reue, als er in<lb/>das bleiche, schmerzzerrissene
Antliz schaute, das zu ihmn<lb/>emporsah. Auch er hatte gefehlt, auch er
hatte sich<lb/>anzuklagen. Weil du an einen sterblichen Menschen,<lb/>so
sagte er sich, dein Herz gehängt, mehr als dir<lb/>heilsam war, trifft dich
des Herrn Hand in diesem<lb/>Gegenstande deiner Erdensorgen, und dir
geziemt's, mit<lb/>ihm zu büßen seine Schuld, ihm tragen zu helfen,<lb/>was
ihm auferlegt ist, auch um deiner eigenen Sün-<lb/>den willen!<lb/>Hätte er
seiner Einsicht folgen, nach seinem Er-<lb/>messen handeln dürfen, so würde
er Benediktus mit<lb/>irgend einem Auftrage, der angestrengte Arbeit
erheischte,<lb/>weit weg entsendet haben in ein fernes Land; abeu<lb/>des
Abtes Wille hatte anders über ihn bestimmt und<lb/>Theophilus hatte sich vor
dem Willen seiner Oberen<lb/>in Gehorsam zu bescheiden.<lb/>Sein unbeirrtes,
kindliches Vertrauen in die gött-<lb/>liche Vorsehung kam ihm dabei zu
Hülfe. Es gab<lb/>ihm die Festigkeit, deren er zum Troste für sich
und<lb/>Benedikt bedurfte. Der Abt hatte es ausgesprochen,<lb/>daß es dem
Menschen nicht zustehe, in des Höchsten<lb/>Fügung vermessen einzugreifen.
Wer durfte Bene-<lb/>F. Lewald, Benedikt. 1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0419_114.tif" n="0114"/>
<p>geaaaeag<lb/>1l4<lb/>diktus also zu schützen trachten, wenn des
Höchsten<lb/>Weisheit es beschlossen hatte, ihn in Versuchung fallen<lb/>zu
lassen, damit er ringen und kämpfen und sich be-<lb/>jiegen lerne?=- Und
wieder tauchten die Vorliebe und<lb/>das ehrgeizige Hoffen für den Sündigen,
ohne daß er<lb/>sich dessen bewußt ward, in dem frommen Greise auf.<lb/>Sie
waren ja Alle viel geprüft worden, und schwer<lb/>versucht, und hatten
unterlegen und sich erst in heißen<lb/>Kämpfen zu befreien trachten müssen,
die. heiligen<lb/>Märtyrer, die Blutzeugen und Nothhelfer, um
deren<lb/>selige Häupter jezt der Glorienschein erglänzte. So<lb/>mußte denn
auch Benediktus sich unterwerfen, sich dem<lb/>Rathschluß Gottes
unterwerfen, und sich zu erretten<lb/>suchen durch Kasteiung seines
Fleisches, durch Er-<lb/>hebung seines Geistes; an Theophilus aber war
es,<lb/>ihm beizustehen, ihn zu ausharrendem Neberwinden
zu<lb/>ermahnen.<lb/>Mit beredtem Worte sprach er dem Zerknirschten<lb/>zu.
Was ihm selber wie eine Erleuchtung in der<lb/>Nacht der Trübsal gekommen
war, das goß er ernst<lb/>und doch erbarmungsvoll dem Schmerzzerrissenen
in<lb/>das Herz.<lb/>,Seit Du die Hände zu falten vermochtest und<lb/>Deine
Lippen die Worte stammeln konnten,? sagte er,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0420_115.tif" n="0115"/>
<p>115<lb/>, hat man Dich angehalten, das Gebet zu sprechen, das<lb/>der Heiland
uns gelehrt. Früh und spät hast Du<lb/>mit seinen Worten zu dem Herrn
gefleht: Führe uns<lb/>nicht in Versuchung! Und da die Versuchung nuu<lb/>an
Dich herantritt, da der Allweise sie Dir in Deinen<lb/>Weg stellt, damit Du
Dir bewußt würdest Deiner<lb/>Unzulänglichkeit, und angetrieben Dich um so
in-<lb/>brünstiger zu ihm zu wenden, von dem allein uns<lb/>Heil und Hilfe
kommt, jezt denkst Du sie nicht zu be-<lb/>stehen die Prüfung, die der Herr
Dir zuerkennt?<lb/>Jezt denkst Du feig zurückzuschrecken vor der
Arbeit<lb/>an Dir selbst, die Dein zugewiesen Thell ist?-- Ist<lb/>das der
Glaube an die Vorsehung? Ist das die Nach-<lb/>folge des Heilandes, der sein
Kreuz auf sich genommen<lb/>hat, und zu dem Du Dich bekannt
hast?<lb/>Benediktus neigte das Haupt hernieder. , Es ist<lb/>in der
Ereatur,! fuhr der Greis mit wachsender<lb/>Strenge fort zu ihm zu sprechen,
,daß ihre Verzagt-<lb/>heit widerspenstig vor dem Leidenmüssen
schaudert.<lb/>Auch der Heiland, so lange die Menschlichkeit ihn
noch<lb/>umhüllte, hat sich niedergeworfen auf seine Kniee und<lb/>hat
emporgeschrieen zum Vater: Herr! ist's möglich,<lb/>so gehe dieser Kelch an
mir vorüber!- und da der<lb/>Erdenleib ihn bannte in den irdischen Schmerz,
ist er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0421_116.tif" n="0116"/>
<p><lb/>?<lb/>F<lb/>.<lb/>118<lb/>verzagt und hat in seinem Zweifel aufgestöhnt:
Gott!<lb/>mein Gott! warum hast Du mich verlassen? =- Aber<lb/>er hat das
Erdenleben überwunden und den Tod, und<lb/>ist eingegangen in das ewige
Leben, aus dem er<lb/>niederbickt auf einen Jeden, und sich wendet zu
einem<lb/>Jeden, der in der Versuchung Angst und Noth das<lb/>Auge und das
Herz zu ihm erhebt. Und Du wolltest<lb/>feige fliehen, da Dein Erlöser mit
Dir ist? Das sei<lb/>ferne von dem, der ihn erkannt hat und sein
Ge-<lb/>löbniß abgelegt auf ihn.?<lb/>Er faltete die greisen Hände zu
schweigendem<lb/>Gebet. Die Stille wirkte auf Benediktus noch
ge-<lb/>waltiger als des frommen Paters Mahnung. Wie<lb/>hatten sie ihn
sonst entzückt, der frische Lufthauch, der<lb/>so leise durch die Kirche
zeg, das Sonnenlicht, das<lb/>durch die Fenster leuchtete! -- Jezt aber
kühlte der<lb/>Lufthauch seine heiße Stirn nicht, das
Sonnenlichter-<lb/>freute ihn nicht mehr, es lockte ihn nicht hinaus
in<lb/>die Natur, die Gott erschaffen. Er hätte sich verber-<lb/>gen mögen
in der Klostermauern engste Zelle, gefesselt<lb/>hätte er sein mögen, um nur
seines freien Willens<lb/>ledig zu sein, um sie nicht suchen zu können, ihr
nicht<lb/>mnehr begegnen zu können, auf die alle seine
Gedanken<lb/>hingewendet waren im Wachen und im Traum.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0422_117.tif" n="0117"/>
<p>,Was hast Du über mich beschlossen? Was solk<lb/>ich thun, mein Vater?!
fragte er endlich bang be-<lb/>klommen.<lb/>,Des Tages Arbeit so wie
immer!'r gab der<lb/>Greis zur Antwort.<lb/>Benediktus zuckte vor dem
einfachen Gebot zu-<lb/>sammen. Der Greis bemerkte es, und er wußte,
was<lb/>der Andere erwartet hatte; aber es stand nicht bei<lb/>ihm, dem
Jünglinge die Art von Buße aufzuerlegen,<lb/>nach welcher es dem
Schwankenden verlangte.<lb/>,Deine Tagesarbeit, wiederholte
Theophilus,<lb/>, muß von Dir gewissenhaft geleistet werden, damit<lb/>im
Kloster Niemand durch Dich Aergerniß empfange,<lb/>damit Niemand aus der
Schülerzahl irre werde an<lb/>dem Beispiel eines unserer Brüder, der ihnen
zum<lb/>Lehrer und zum Vorbild dienen soll. Arbeiten sollst<lb/>Du vor der
Menschen Augen, und knieen vor dem<lb/>Herrn in Fasten und Gebet, daß er,
der Dir die Ver-<lb/>suchung auferlegt, Dir die Kraft verleihe, ihr zu
wider-<lb/>stehen; daß er Dich stärke und Dich rüste mit des<lb/>Wortes
Macht, auch die Mutter, die Dich geboren<lb/>hat, zurückzuführen von dem
Wege des Verderbens,<lb/>auf den sie hingerathen ist, damit nicht untergehe
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0423_118.tif" n="0118"/>
<p>s<lb/>-<lb/>-<lb/>118<lb/>Verdammniß sie und ihr ganzes in Sünde und
Ver-<lb/>brechen geborenes Geschlecht!'?=-<lb/>Er legte ihm dann die Art der
Fasten, die Art<lb/>und Zahl der geistigen Nebungen auf, denen
Benedikt<lb/>sich unterziehen sollte, er sprach den herkömmlichen<lb/>Segen
über ihn, und verließ den Beichtstuhl und die<lb/>Kirche.<lb/>Benediktus
aber lag noch da in Reue und Zer-<lb/>knirschung ganz allein. Erst als die
Glocke zum<lb/>Gottesdienst der Schüler rief, erhob er sich, und
müde<lb/>und langsam wie Einer, der eine schwere Bürde trägt,<lb/>ging er,
wohin die Pflicht ihn rief - heiligen Willens<lb/>voll, aber erbangend vor
dem Kampfe, den er kämpfen<lb/>foilte, und vor dem langen Leben, das noch
vor<lb/>ihm lag.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0424_119.tif" n="0129"/>
<p>Jchies<lb/>Cnpitel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0425_120.tif" n="0120"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0426_121.tif" n="0121"/>
<p>Porine hatte ihre Anverwandten wohlauf an-<lb/>getroffen. Die Begegnung mit
ihnen, die gemeinsame<lb/>Reise waren ein ununterbrochener Genuß für sie
ge-<lb/>wesen, und die Neuangekommenen in dem Thale<lb/>herumzuführen, in
welchem sie seit Wochen heimisch<lb/>geworden, war ihr der Gipfel des
Vergnügens.<lb/>Der Vetter und der Oheim, die mitgekommen<lb/>waren,
versicherten, daß die Baronin und Viktorine nie<lb/>besser ausgesehen
hätien, als eben jetzt; die Cousine<lb/>fand das Reitkleid, das Jene sich
für das Gebirge<lb/>ausgesonnen und nach dem Bedürfniß zurecht
gemacht,<lb/>viel schöner als die sämmtlichen Anzüge, welche sie<lb/>daheim
und unterweges in den ersten Magazinen an-<lb/>getroffen hatte. Die Baronin
merkte es erst in dem<lb/>Beisammensein mit einer größeren Anzahl von
Per-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0427_122.tif" n="0122"/>
<p>u<lb/>sonen, daß ihre Kräfte in unerwarteter Weise zuge-<lb/>nommen hatten.
Der Doktor wurde mit Anerkennung<lb/>überhäuft, das freundliche Haus belobt,
die Kost mit<lb/>der Eßlust von Bergsteigern genossen. Es war gerade<lb/>wie
bei der Ankunft der Baronin, nur daß man sich<lb/>nicht der phantastischen
Freigebigkeit befleißigte, die<lb/>Viktorine an den Tag gelegt hatte; und
die Gäste wie<lb/>die Wirthe waren voll Zufriedenheit, beseelt von
bester<lb/>Laune.<lb/>Am Nachmittage des zweiten Tages regnete es<lb/>ein
wenig. Die beiden älteren Frauen plauderten am<lb/>Kaffeetisch, die Männer
spielten Karten, Viktorine<lb/>hatte sich mit der Cousine in ihrer Gallerie
niederge-<lb/>lassen. Sie wollte den Hut derselben nach ihrer
Er-<lb/>findung aufstutzen, und die kleine lockige Nanette sah<lb/>mit
Staunen und Vergnügen, wie ihr das Vorhaben<lb/>gelang.<lb/>,Es ist
unglaublich,? sagte sie, indem sie vor<lb/>Viktorine niederknieend, die
Schleife betrachtete, welche<lb/>diese eben an der linken Seite des Kopfes
so geschickt<lb/>befestigt hatte, daß sie den Rand des Schirmes hob,<lb/>die
Feder fest hielt, und den breiten Bändern doch alle<lb/>Freiheit ließ,
flatternd die Schultern zu umspielen,<lb/>,es ist unglaublich, wie Du das
Alles anzufassen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0428_123.tif" n="0123"/>
<p>1<lb/>Alles nach Deinem Sinn zu machen weißt! Dir<lb/>glückt wirklich Alles,
was Du in die Hand nimmft!?<lb/>Viktorine ließ sich nicht in ihrer Arbelt
stören.<lb/>Sie wußte, daß sie das Jdeal Nanettens war, daß<lb/>der Kleinen
höchster Ehrgeiz dahin ging, es ihr we-<lb/>möglich nachzuthun, bewundert
und gefeiert zu werden<lb/>wie sie, und das machte ihr das Mädchen lieb.
Sie<lb/>hielt den Hut prüfcnd in die Höhe, besah ihn von<lb/>vorne, und
meinte dann: ,Das ist angeborenes Ge-<lb/>schick und freilich auch ein wenig
künstlerische Bildung.<lb/>Indeß diese sich anzueignen, muß eben eine
Anlage<lb/>dazu vorhanden sein, und zuletzt kommt's immer und<lb/>überall
auf die tiefsinnige Weisheit der Meerkazen im<lb/>Faust hinaus:<lb/>Und wenn
es glückt<lb/>Und wenn es sich schickt,<lb/>So siud es Gedanken!<lb/>Damnit
Du aber siehst, daß ich wirklich geistreiche<lb/>Einfälle habe, werde ich
Dir hier oben nech, als<lb/>Krönung des Gebäudes, die Spielhahnfeder
hinstecken,<lb/>die Du unterwegs gekauft hast.<lb/>Nanette fand das
entzückend, Viktorine nestelte<lb/>und heftete eifig an den Bändern, an dem
Schleier,<lb/>und ließ es dabei geschehen, daß die Cousine in der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0429_124.tif" n="0124"/>
<p>:<lb/>Gallerie hin und wiedergehend, sich die Zeichnungen,<lb/>die Bücher,
die Noten, die Pflanzen und die mannig-<lb/>fachen Gegenstände ansah, die
auf den Tischen ausge-<lb/>breitet waren.<lb/>, Wenn man sich das Alles so
betrachtet,? meinte<lb/>das junge Mädchen, ,dann begreift man es
freilich,<lb/>wie Du es hier in diesen Wochen auch ohne
jegliche<lb/>Gesellschaft ausgehalten hast. Ich hatte Dich
wirklich<lb/>beklagt, weil Du so lange in dieser Weltabgeschieden-<lb/>heit
verweilen mußtest.<lb/>,Du kennst die Gesellschaft nicht so
auswendig<lb/>als ich!' warf Viktorine hin, und versuchte es, noch<lb/>eine
Stahlschnalle an dem Hute anzubringen.<lb/>,Die Gesellschaft, in der man
täglich lebt, kennt<lb/>im Grunde Jeder von uns zur Genüge, sagte
Na-<lb/>nette, die doch eine verhältnißmäßige Erfahrenheit kund<lb/>zu geben
wünschte, ,aber eben weil man der gewohn-<lb/>ten Gesellschaft, der
gewohnten Umgebung müde ist,<lb/>geht man ja auf Reisen.?<lb/>Viktorine
lächelte.,Der holde Schaz! Er geht<lb/>noch auf Reisen, um neue Eindrücke zu
empfangen,<lb/>geistreiche Bekanntschaft zu machen! Auf Eisenbahnen,<lb/>in
Dampfschifen! wo der Eine wie der Andere seinen<lb/>Bäädeker und Murray in
der Hand hält, wo Niemand<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0430_125.tif" n="0125"/>
<p>1<lb/>mehr weiß, als er gedruckt vor Augen hat, und Keiner<lb/>an etwas
Anderes denkt, als an sein Gepäck und an<lb/>sein Unterkommen in dem
nächsten Nachtquartier!'<lb/>, Man bleibt aber doch nicht immer in der
Eisen-<lb/>bahn. Man lebt in fremden Ländern, unter fremden<lb/>Menschen,
man trifft doch bisweilen wirklich geistreiche<lb/>Männer an !=- wendete
Nanette ein.<lb/>,,Geistreiche Männer,'' wiederholte Jene mit leich-<lb/>tem
Spotte, ,geistreiche Männer, denen wir und unsere<lb/>Schönheit neu sind,
die sich überrascht von ihr, die<lb/>sich hingerissen von uns zeigen, deren
Huldigungen<lb/>wir noch nicht empfangen haben! Indessen-- ob<lb/>man Dir
das englisch und französisch zu verstehen<lb/>giebt, es ist im Grunde immer
nur dasselbe, und läuft<lb/>im besten Falle doch zuletzt darauf hinaus, daß
man,<lb/>mit welcher Wendung es auch sei: uns und was wir<lb/>an Besiz
besizen, zu besizen wünscht! Das aber ist<lb/>recht langweilig, wenn man es
immer wieder durchzu-<lb/>machen hat; denn ein Mann, der uns von Liebe
spricht<lb/>und Liebe fordert, ist immer lächerlich, wenn man ihn<lb/>nicht
schon selber liebt.r?<lb/>Sie kannte genau die Wirkung, welche
derartige<lb/>Behauptungen auf jüngere und vom Glück noch
nicht<lb/>verwöhnte Frauenzimmer machten. Die Herrschaft und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0431_126.tif" n="0126"/>
<p>12s<lb/>der Zauber, mit denen sie die jüngeren Mädchen an<lb/>sich fesselte,
beruhte zum großen Theil auf der Gering-<lb/>schätzung der Männer, auf der
Verspottung der Liebe,<lb/>in denen Viktorine sich gehen zu lassen liebte,
denn<lb/>wer dasjenige verschmähen und verachten kann, was<lb/>Andere heiß
ersehnen, stellt sich damit hoch über sie.<lb/>Die Cousine staunte auch den
mächtigen Aus-<lb/>spruch wie es sich gebührte an, es war jedoch
zuviel<lb/>von dem Blute ihrer Familie und ihres Volks in ihr,<lb/>als daß
sie sich so leichten Kaufes abweisen lassen<lb/>sollte, und schelmisch zu
der Beschäftigten hinüber-<lb/>blickend, meinte sie: ,Du sagst, eine
englische und<lb/>eine französische Liebeserklärung sei eben so
langweilig<lb/>als eine deutsche --- von einer italienischen hast Du<lb/>das
nicht gesagt.?<lb/>,Sieh, wie Du klug bist, Kleine! Woher kommt<lb/>Dir aber
dieser gar nicht üble Einfall?<lb/>Nanette machte ein pfiffiges Gesicht.
,Man<lb/>findet doch, troz allem Deinem Spotte,! sagte fie,<lb/>,auf der
Reise hie und da einen Menschen, der nicht<lb/>so ist, wie alle Welt. Wir
zum Beispiel sind erst vor<lb/>wenig Tagen mit einem Italiener
zusammengetroffen,<lb/>den man gar nicht übersehen konnte. Groß, schlank,
breit-<lb/>schultrig, das prächtigste Haar und ein paar Augen=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0432_127.tif" n="0127"/>
<p><lb/>ue?<lb/>,Nun? fragte Viktorine, da Jene mit Berech-<lb/>nung inne
hielt.<lb/>,Die Mutter war ganz fort, ganz außer sich<lb/>über seine Augen,
über seine wahrhaft fürstlichen<lb/>Manieren; und so scharfsichtig waren
diese Augen, daß<lb/>fie es gleich entdeckten, wie ich einer Dame
ähnlich,<lb/>sehr ähnlich sähe, die er-e-<lb/>, Kleiner Narr! Meinst Du mich
überraschen zu<lb/>können?- sagte Viktorine gut gelaunt, indem sie
sich<lb/>erhob, den fertig gewordenen Hut der Cousine zum<lb/>Probiren
hinzureichen. Aber wie sehr Nanette sich in<lb/>dem neuen Aufputz auch
gefiel, es war ihr doch noch<lb/>wichtiger, sich Viktorinen gegenüber als
Mitwissende<lb/>und Vertraute zu behaupten.<lb/>,Du weißt also, daß er
kommt? fragte sie ge-<lb/>heimnißvoll.<lb/>,Sweifelst Du daran, mein Kind?
gab Viktorine<lb/>ihr zur Antwort.<lb/>,,Die Tante hat aber meiner Mutter
doch gesagt,<lb/>sie sei bedenklich, wie Du des Grafen Kommen an-<lb/>sehen,
und was zu thun Du Dich entschließen würdest.<lb/>Sie hat mir und der Mutter
das tiefste Schweigen<lb/>anbefohlen.r<lb/>,Ouu glaubst also, wie ich sehe,
auch noch an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0433_128.tif" n="0128"/>
<p>s<lb/><lb/>128<lb/>Mütter, die verschwiegen sind, wo es sich um
ihrer<lb/>Töchter Heirath handelt?-- Wie Du gläubig bist!<lb/>-- Ich glaube
beinah, Du glaubst sogar, daß Du<lb/>selbst verschwiegen bistl?<lb/>Nanette
wurde roth.,Bist Du mir böse? rief<lb/>sie, indem sie der älteren Freundin
Hand ergrif.<lb/>,Wie sollte ich? entgegnete ihr diese, indem sie<lb/>ihr
einen leichten Schlag versezte. , indeß Du hast<lb/>heut einen guten Tag, Du
bekommst heute unentgelt-<lb/>lich Lehren der tiefsten Weisheit, und zwar im
Neber-<lb/>fluß. Merk Dir es also zum beliebigen Gebrauch:<lb/>Frauen und
selbst Männer, die zu schweigen fähig<lb/>sind, wenn durch Sprechen ihre
Eitelkeit befriedigt<lb/>werden kann, sind seltener als weiße Raben! -
und<lb/>ich selber mache, wie Du siehst, heut keine
Ausnahme<lb/>davon!'<lb/>Das junge Mädchen warf sich an
Viktorinens<lb/>Brust.,Ech, Viktorine!r rief es, ,wenn Du wüßtest,<lb/>wie
mich das freut! Du bist also entschlossen, Dich<lb/>ihm zu
verbinden?<lb/>,Hast Du daran gezweifelt, Kind? Hast Du es<lb/>für möglich
gehalten, daß er kommen würde, wäre er<lb/>des Empfanges, der ihn erwartet,
nicht zum Voraus<lb/>ganz gewiß? - Sich einen Korb zu holen! und
gar<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0434_129.tif" n="0129"/>
<p>19<lb/>so weit zu reisen, um ihn sich zu holen, ist er nicht<lb/>der
Mann.'?<lb/>, Und Du liebst ihn also? fragte Nanette, der<lb/>die Cousine
nie bedeutender erschienen war, als in dem<lb/>kühlen Gleichmuth, mit
welchemu sie ein, nach Nanettens<lb/>Meinung, neidenöwerthes Schicksal
hinnahm. ,Ou<lb/>liebst ihn also<lb/>Viktorine konnte sich es nicht
versagen, ihre Rolle<lb/>bis in die kleinsten Einzelnheiten durchzuführen. ,
Was<lb/>heißt das, lieben? sagte sie. ,Ic war sehr glücklich<lb/>ohne seine
Liebe, ich hoffe durch sie noch glücklicher<lb/>zu werden, und ich habe
sogar schon einen Plan dar-<lb/>auf gebaut.?<lb/>,Pu meinst, Ihr werdet Rom
bewohnen?' fiel<lb/>ihr die Cousine ein.<lb/>,,Natürlich!' sagte Jene, ,aber
das war es nicht,<lb/>woran ich dachte. Mein Plan bezog sich nicht
auf<lb/>mich und meine Wünsche.<lb/>Nanette verstand sie nicht. Viktorine
rääumte ihr<lb/>Arbeitsgeräth zusammen, und sagte, hin und
wieder<lb/>gehend:,Was Ihr Andern in Eurem Sinne Huldi-<lb/>gung und Liebe
nennt, das hat für mich, weil ich es<lb/>zu früh und gar zu oft genossen
habe, seinen Neiz<lb/>verloren. Aber hier oben in der Einsamkeit habe
ich<lb/>F. Lewald, Benedikt. ll.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0435_130.tif" n="0130"/>
<p>18<lb/>ein kleines Abenteuer gehabt, das mich entzückt hat,<lb/>und es hätte
nur gefehlt, daß ich mich selbst verliebte.?<lb/>Der Cousine Neugier war
angeregt; sie bat mit<lb/>dringender Frage, Viktorine möge ihr vertrauen,
und<lb/>diese verlangte es nicht besser, hatte es anders gar<lb/>nicht
vorgehabt.<lb/>, Sieh!r sprach sie, indem sie ihren Federhut an<lb/>das
Mittelfenster der Gallerie aufhing, so daß er von<lb/>der Straße leicht
ersichtbar war --- ,so lasterhaft ist<lb/>die Cousine, die Du liebst! In
diesem Augenblickbe-<lb/>stimme ich ein benäet-rouu!<lb/>Nanette nahm es
fröhlich als einen Scherz auf.<lb/>,Eache nicht! Ich sage Dir die Wahrheit,r
versicherte<lb/>ihr Viktorine. ,Euf dies Zeichen treffe ich morgen<lb/>in
der Frühe in tiefer Einsamkeit den Sänger, den<lb/>wir gestern Abend hörten,
und den wir heute wieder<lb/>hören werden.r<lb/>,,Den schönen Mönch, von dem
Du uns ge-<lb/>sprochen hast?<lb/>,lben diesen!?<lb/>Nanette wurde
verwirrt.,Cber weshalb? Wozu?<lb/>rief sie erschreckend, und doch voll Lust
an der Ro-<lb/>mantik des Ereignisses.<lb/>,Was das für Fragen sind !r
tadelte die Andere.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0436_131.tif" n="0131"/>
<p>11<lb/>Es entstand eine kleine Pause, Nanette konnte<lb/>sich in das
Abenteuer nicht gleich finden, denn ihre<lb/>unverdorbene Phantasie
vermochte den Launen und<lb/>Verwegenheiten, deren Viktorine fähig war, noch
nicht<lb/>zu folgen. Trozdem traute sie sich nicht, ihre Be-<lb/>denken
auszusprechen, um nicht als ein einfältiges Kind<lb/>verlacht zu werden, und
doch kam sie ein Schauder<lb/>an. Sie begrif es nicht, wie Viktorine eben
jezt an<lb/>etwas Anderes, oder an einen Anderen denken konnte,<lb/>als an
Graf Stefano, und mit beklommenem Herzen<lb/>fragte sie: ,Liebst Du den
Much?<lb/>,, Liebe und kein Ende!r rlef Viktorine, ,und<lb/>dazu siehst Du
aus, alö verdienten ich und er nur<lb/>gleich den Holzstoß und das
Purgatorium hinterdrein.<lb/>Sei aber unbesorgt, es ist nicht auf Liebe
sondern<lb/>einzig auf eine Befreiung abgesehen! Stefano soll<lb/>mir dabei
helfen, und die sogenannte Liebe ist nur die<lb/>Handhabe, mit der ich meine
Aufgabe durchzuführen<lb/>hoffe; denn, unter uns, wenn mich nicht Alles
trügt,<lb/>so liebt der schöne Pater mich --- und vielleicht
leiden-<lb/>schaftlicher als er selbst es weiß.?<lb/>Nanette ftand in
sprachlosem Erstaunen vor ihr.<lb/>Viktorine gefiel der Ausdruck ihrer
Mienen nicht, sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0437_132.tif" n="0132"/>
<p>u<lb/>gab sich jedoch den Anschein, sie nicht zu beachten.<lb/>Plözlich legte
das junge Mädchen seine Hand auf<lb/>ihren Arm.<lb/>,Du bist klüger, bist
älter, hast andere Erfah-<lb/>rungen als ich -- ich weiß das Mllee!? sprach
sie,<lb/>,aber Deine Vermessenheit flößt mir Entsetzen ein.<lb/>Wird Graf
Stefano Dir helfen wollen, wenn Dich<lb/>der Pater liebt? Und was soll aus
diesem Armen<lb/>werden, wenn Dein Plan mißlingt??<lb/>, Willst Du ihn etwa
trösten? scherzte Viktorine,<lb/>und sich danach zusammennehmend, sprach sie
ernst-<lb/>haft: ,Wer an sich glaubt, ist immer mächtig, Kind!<lb/>Mich
aber, merk es Dir, muß man ohne jeden war-<lb/>nenden Anruf meine Straße
gehen und aus freiem<lb/>Antrieb handeln lassen; dann gelingt mir
Alles-<lb/>und-<lb/>Sie horchte auf; draußen schlug drei Mal
nach<lb/>einander die Glocke des Klosterthurmes drei Schläge<lb/>an, dann
läutete es zum Abendgottesdienst.<lb/>,Laß Dir Deinen Mantel bringen, wir
wollen<lb/>nach der Kirche gehen!r sagte sie.<lb/>,Du hast Dich vorhin in
Deiner Rede unter-<lb/>brochen,' erinnerte sie Nanette, die sich so
schnell<lb/>nicht von den Vorstellungen abzuwenden vermochte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0438_133.tif" n="0133"/>
<p>1s<lb/>welche Viktorine in ihr erregt hatte. ,Was wolltest<lb/>Du noch
sagen?<lb/>,Nichts weiter. Aber willst Du mit mir wetten,<lb/>daß Du den
Pater, der heute den Abendsegen singt,<lb/>einst noch andere Dinge singen
hören wirst, und zwar<lb/>in Rom aus meiner Loge in der großen Oper??<lb/>,
Und wenn nicht? brachte Nanette, die durch<lb/>Viktorinens Keckheit ganz
benommen war, mit Schüch-<lb/>kernheit hervor.<lb/>,,WZenn nicht? Nun so hat
der Arme doch Etwas<lb/>erlebt, und die Erinnerung gewonnen, daß sein
Herz<lb/>einmal für eine Frau geschlagen, für die sich erwärmt<lb/>zu haben
immerhin der Mühe lohnte! Und Zeit zur<lb/>Reue und zur Buße hat er dann
vollauf.?<lb/>Sie hing einen leichten Schleier über ihr schwarzes<lb/>Haar,
warf den Shawl um die Schultern, und ging<lb/>mit dem Gebetbuch in der Hand,
die Mutter und die<lb/>Gäste zum Besuch der Kirche
abzuholen.<lb/>gwopgwwpwwpwnwwgpöupggggpg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0439_134.tif" n="0134"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0440_135.tif" n="0135"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0441_136.tif" n="0136"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0442_137.tif" n="0137"/>
<p>He Hut hatte am Fenster gehangen von früh<lb/>bis spät, und Viktorine hatte
ihr Wort gehalten. Sie<lb/>war um die gewohnte Stunde hinaufgegangen
nach<lb/>der Klostermatte, indeß Benedikt war nicht dort ge-<lb/>wesen. Sie
hatte ihn erwartet bis zu der Zeit, in<lb/>welcher er in seiner Schulklasse
erscheinen mußte, hatte<lb/>sich nach ihm, ja sogar nach einem Zeichen von
ihm<lb/>umgesehen, bis sie sich in diesem Warten komisch vor-<lb/>gekommen,
und davon gegangen war.<lb/>Der neugierig fragende Blick ihrer jungen
An-<lb/>verwandtin steigerte ihre gute Laune.,Ich habe von<lb/>da oben,!
sagte sie, ,wieder eine neue und sehr wich-<lb/>tige Lehre mitgebracht, mein
Schaz, die Du Dir zu<lb/>Nuze machen sollst! Jede Kunst will erst
ordentlich<lb/>gelernt sein, selbst die Kunst, ein Stelldichein zu
ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0443_138.tif" n="0138"/>
<p>188<lb/>abreden. Es ist, wie ich heut erfahren habe, nicht<lb/>genng, daß man
gewissenhaft das Zeichen giebt, man<lb/>muß sich auch versichern, daß es
gesehen worden ist.<lb/>Wer weiß, wohin mein heiliger Schäfer in
diesen<lb/>Tagen seine junge Heerde führen mußte, und ob er<lb/>hier nach
unserer Seite kommen konnte. Ich muß<lb/>also die Sache noch einmal
beginnen. In der Ro-<lb/>mantik bin ich eben noch ein Stümper und muß
mein<lb/>Lehrgeld zahlen.?<lb/>Sie sagte das mit jener Heiterkeit, die ihr
so<lb/>wohl anstand, obschon das Ausbleiben des Erwarteten<lb/>sie verdroß,
je mehr sie darüber nachdachte. Sie<lb/>ging auch gleich am Nachmittage, als
die Andern sich<lb/>einer kurzen Ruhe überließen, hinauf nach
Jakobäa's<lb/>Hause.<lb/>Sie hatte es jetzt nicht mehr wie früher
nöhig,<lb/>ihr Kommen zu bevorwanden. Die Weise, in welcher<lb/>sie
empfangen wurde, bewies vielmehr, daß Jakobäa<lb/>sie erwartet hatte; aber
der finstere Zug, der Viktorinen<lb/>anfangs so abschreckend erschienen war,
lagerte wieder<lb/>über ihren dunklen Augen, als die Einsame ihr
unter<lb/>dem Vordache ihres Hauses rasch entgegen trat.<lb/>,Es ist Nichts
mit ihm! sagte sie, ohne Viktori-<lb/>nens Frage abzuwarten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0444_139.tif" n="0139"/>
<p>189<lb/>, Was soll das heißen? erkundigte sich diese.<lb/>, Es ist zu späk!'
antwortete die Mutter. ,Sie<lb/>haben ihr Werk an ihm gethan. Wie ein Vogel
mit<lb/>zerbrochenen Flügeln stand er da! Und er brauchte<lb/>doch nur zu
wollen, um zu können!'?<lb/>,Haben Sie ihm etwa mitgetheilt,? fragte
Vik-<lb/>torine, sichtlich von der Mutter Mittheilung betroffen,<lb/>, was
ich mit ihm im Sinne hatte, was ich möglich<lb/>für ihn glaubte?<lb/>,Wie
sollte ich es nicht, da er hier bei mir war?<lb/>entgegnete die Mutter im
Gefühl des nächsten Anrechts<lb/>an den Sohn.<lb/>,Nein!'' entgegnete
Viktorine sehr bestimmt, ,Sie<lb/>sollten's nicht, denn das war meine
Sache!-- Sie<lb/>wollte sich mit diesem Vorwurf für alle Fälle den<lb/>Weg
zu einem Rückug öfnen, falls ihr Plan miß-<lb/>lang; indeß Jakobäa war die
Frau nicht, sich davon<lb/>einschüchtern zu lassen.<lb/>,Ich habe ihn dahin
gebracht,'? versezte sie, ,daß<lb/>er in's Kloster mußte, ich habe ihm also
auch dazu<lb/>zu helfen, daß er es verläßt, wenn, wie Sie mir be-<lb/>deutet
haben, Dispens für ihn zu schaffen möglich ist. ?<lb/>,,Möglich in sofern,
als er ihn wünscht und will!?<lb/>fiel ihr Viktorine ein.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0445_140.tif" n="0140"/>
<p><lb/>1O<lb/>,Sie haben mir gesagt, daß er ihn wünsch' und<lb/>wolle!-- und
wie konnte er es anders, da ihm das<lb/>Kloster so hart angekommen war!r
rief Jakobäa, deren<lb/>grader, auf sein einziges Ziel gerichteter Sinn es
sich<lb/>nicht vorzustellen vermochte, daß man anders denken<lb/>und
empfinden könne als sie, daß dem Sohne nicht<lb/>als ein Heil erscheinen
sollte, was ihr bei der instinkt-<lb/>artigen Leidenschaft, mit welcher sie
an ihrem Hause<lb/>und an ihrem Erbe hing, wie eine Rettung und ein<lb/>kaum
gehofftes Glück vor Augen schwebte.<lb/>,Alles habe ich ihm gesagt, Mlles!'
rlef sie.<lb/>,Ich habe es ihm hingehalten, habe es ihm aufge-<lb/>nöthigt,
das Geld zur Flucht, und er hat sich feig<lb/>davon zurückgewendet. Aber so
machen sie's, dahin<lb/>bringen sie den Menschen! So haben sie's mit
mir<lb/>gemacht und so mit ihm!-- Sie zerbrechen den<lb/>Menschen mit der
Gewissenspein, die sie dem Hin-<lb/>gesunkenen aufbürden noch über der Last,
an der er<lb/>selber trägt. Sie zerstören ihm den Glauben, daß er<lb/>sich
selber helfen, sich selber aufrichten und erheben<lb/>und wieder zu Kräften
kommen könne; und wenn sie<lb/>wissen, daß er ganz in sich vernichtet, daß
er hienieden<lb/>zu Nichts mehr nütze ist, dann reichen sie ihm
ihre<lb/>Hand, dann richten sie ihm die Augen auf den Him-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0446_141.tif" n="0141"/>
<p>11<lb/>mel, und erheben ihn hoch und immer höher, bid er<lb/>zuletzt sich
besser dünkt, als die da unten, und herab-<lb/>sieht auf die eigene Mutter,
und herab auf Mlles,<lb/>was ihm erb und eigen ist, daß er es gering
hält<lb/>und es in ihre offenen Hände fallen läßt, die sich<lb/>schon lang
danach begierig ausgestreckt!-- Das kann<lb/>jedoch nicht Gottes Wille sein,
daö kann der Herr<lb/>nicht wollen- und wenn er's kann-- sie hielt<lb/>nur
mit Gewalt zurück, was Schmerz und zornige<lb/>Enttäuschung ihr auf die
Lippen drängten, und setzte<lb/>mit Bitterkeit hinzu: ,ein Sohn, der von
sich stößt,<lb/>was ihm die Mutter bietet! Ein Mann wie er, und<lb/>hat
nicht so viel Muth, als eine alte Frau! als ich!<lb/>Mag er denn leben oder
sterben und verderben,<lb/>wie er's willlb?<lb/>Sie sezte sich nieder,
stüzte den Kopf auf die<lb/>Hand, und stierte vor sich hin. Es überrieselte
Viktorine<lb/>mit Eiseskälte. Sie hatte nie im Leben ein Antliz<lb/>fo
verfinstert, so von Zorn entstellt, so von Ver-<lb/>zweiflung voll gesehen.
Wie die den Lebensfaden zer-<lb/>schneidende Parze saß Jakobäa vor ihr da,
und zum<lb/>ersten Male überschlich sie bei ihrem Anblick eine
un-<lb/>bestimmte Scheu vor der Gewalt der Leidenschaften,<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0447_142.tif" n="0142"/>
<p>E<lb/>14?<lb/>welche sie in dieser Frau und in dem jungen
Mönche<lb/>entfesselt hatte.<lb/>Wäre sie im Stande gewesen, sich Vorwürfe
zu<lb/>machen, in diesem Augenblicke hätte sie es gethan,<lb/>weil, wie sie
plötzlich einzusehen meinte, der groß-<lb/>müthige Zug ihres Herzens und ihr
freier Sinn, sie<lb/>über Jakobäa's, wie über des jungen Mönches
Natur<lb/>und Seelenstärke betrogen hatten. Sie verargte es<lb/>der Mutter
wie dem Sohne, daß sie nicht dasjenige<lb/>waren, was sie in ihnen zu finden
erwartet hatte.<lb/>Benedikt hatte keinen Werth für sie, wenn er
nicht<lb/>die Begeisterung für die Kunst, und in dieser den<lb/>Muth besaß,
Alles an die Erreichung seines Ziels zu<lb/>l<lb/>sezen; und seine Mutter
war in Viktorinens Augen<lb/>nur ein gewöhnlich Weib, wenn ihr jene
Entsagung<lb/>der wahren Liebe fehlte, die Nichts begehrt, als
dem<lb/>Gegenstande derselben das Glück zu bereiten, welches<lb/>er ersehnt.
Jakobäa hatte in ihrer Selbstsucht Eifer<lb/>der Vorschrift Viktorinens
nicht gehorjamt. Sie hatie<lb/>dem Sohne eigenmächtig die Pforten einer
schöneren<lb/>Zukunft aufthun wollen; aus ihrer Hand hatte er
seine<lb/>Befreiung empfangen, für sich und ihre engherzigen<lb/>Plane hatte
sie ihn gewinnen wollen. Sie hatte es - -<lb/>-aK<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0448_143.tif" n="0143"/>
<p>13<lb/>Viktorinen nicht gegönnt, ihm als die befreiende Göttin<lb/>zu
erscheinen. Und doch hatte Vikterine es Jakoläa<lb/>ausdrücklich zur Pflicht
gemacht, ohne ihre bestimmte<lb/>Weisung Nichts zu thun, sondern ihr und
zwwar aus-<lb/>schließlich ihr, die Führung und Leitung dieser
An-<lb/>gelegenheit zu überlassen; und Jakobäa hatte ihr nicht<lb/>vertraut
und nicht gefolgt. Sie hatte sie um die Ge-<lb/>nugthuung und den Triumph
gebracht, die Viktorine<lb/>sich von ihrem Plane mit Zuversicht versprochen
hatte.<lb/>Dem Dcange ihrer Ungeduld nachgebend, hatte sie<lb/>verdorben,
was Viktorine auf das Beste eingeleitet zu<lb/>haben glaubte; und ihrem
Unmuthe gegen die Un-<lb/>glückliche das Wort vergönnend, rief sie: ,Wer
hieß<lb/>Sie auch, ihn aufzuschrecken, ehe die rechte Zeit ge-<lb/>kommen
war? Wozu ihm den Becher hinreichen, ehe<lb/>seiner lechzenden Lippen Durst
danach verlangte?-<lb/>Es war nicht genug, daß ein geheimos Sehnen
ihn<lb/>erfüllte. Mit Vorsicht mußte man ihm das Ziel ent-<lb/>hüllen, das
man für ihn erreichbar glaubte. Er mußte<lb/>nach demselben schmachten,
mußte begehren, streben,<lb/>fordern, sich vertrauen lernen - und ich kannte
das<lb/>Mittel, ihn dazu zu vermögen! Ich kannte auch den<lb/>Weg, auf den
man ihn zu führen hatte, und er würde<lb/>ihn gegangen sein an meiner
Hand!?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0449_144.tif" n="0144"/>
<p>1<lb/>Jakobäa hatte sich grgenüber diesen Vorwürfen<lb/>hoch aufgerichtet und
sah ihr fest in's Auge.,So<lb/>brauchen Sie das Mittel! geben Sie ihm denn
die<lb/>Hand !r sprach sie eben so herrisch, und mit der
gleichen<lb/>Bitterkeit wie Jene.<lb/>Die Worte klangen wie ein Trotz und
wie ein<lb/>Zweifel. Das genüügte, um Viktorinens Eitelkeit
her-<lb/>auszufordern, und ihr zu Wagnissen stets bereiter Geist<lb/>hatte
ohnehin den übeln entmuthigenden Eindruck, den<lb/>Jakobäa's Mitiheilung auf
sie gemacht, schon halb-<lb/>wegs wieder überwunden; denn durchzusezen, was
sie<lb/>sich vorgenommen hatte, gleichviel auf welche Weise<lb/>und um
welchen Preis, das war es eigentlich, und<lb/>nicht die Sache selbst, was
sie in den meisten Fällen<lb/>reizte und beglückte.<lb/>Ihr Zorn, der
flüchtig war, wie all ihr Empfinden,<lb/>hatte sich gesänftigt. Sie schwieg
nachdenklich eine<lb/>kleine Weile, dann erkundigte sie sich mit
ruhiger<lb/>Bestimmtheit um alle Einzelnheiten des Gespräches<lb/>zwischen
Benedikt und seiner Mutter. Jakobäa wieder-<lb/>holte so gut wie sie es
vermochte, was sie gesprochen,<lb/>was sie dem Sohne angeboten, was er ihr
erwidert<lb/>hatte, und wie sie dann geschieden waren.<lb/>, Und seit dem?
fragte Viktorine.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0450_145.tif" n="0145"/>
<p>sea... -s-e-. .<lb/>14k<lb/>,Seitdem ist er des Weges nicht mehr
gekom-<lb/>men!'' sagte die Mutter. ,Was sollte er auch bei<lb/>mir? Ich
habe es ja gesehen, wie sie ihn halten mit<lb/>der Hand von Eisen, die sanft
anfaßt und doch zer-<lb/>knickt, und niemals losläßt, was sie erst
ergrifen<lb/>hat.r?<lb/>Viktorine antwortete ihr nicht darauf. Sie
setzte<lb/>den Hut auf, den sie in ihrer Erregung abgenommen<lb/>hatte, und
ordnete die Bänder desselben, so gut es<lb/>ohne Spiegel gehen
wollte.<lb/>,, Ulnd doch muß man von ihnen lernen,' sagte<lb/>sie mit einem
Male.<lb/>Jakobäa herchte auf, ohne sie zu verstehen.<lb/>,,Ich meine von
den Klosterherren!'- bedeutete<lb/>das Fräulein.<lb/>,Lernen? fragte
Jakobäa.<lb/>,Das, was sie so meisterhaft verstehen: abwarten,<lb/>und den
Augenblick ergreifen, wenn er kommt!r
sagte<lb/>Viktorine.<lb/>frau.<lb/>,,Wenn er kommt!'' wiederholte die
Haus-<lb/>Viktorine entgegnete Nichts mehr darauf, und so<lb/>schieden sie.
Jakobäa blieb sizen, ohne ihr das Geleit<lb/>F. Lewald, Benedikt.
1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0451_146.tif" n="0146"/>
<p>ses- -<lb/>16<lb/>zn geben. Sie hatte mit sich selbst zu thun, und
das<lb/>Fräulein vermißte ihre Höflichkeit auch nicht.<lb/>Ihre Phantasie
war wieder voll von Entwürfen<lb/>und voll Hoffnung.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0452_147.tif" n="0147"/>
<p><lb/>Sehntes<lb/>Cnpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0453_148.tif" n="0148"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0454_149.tif" n="0149"/>
<p>s<lb/>EF atte von Anfang an nicht in der Absicht<lb/>ihrer Verwandten
gelegen, der Baronin einen langen<lb/>Besuch zu machen, und sie war auch
nicht beeifert, sie<lb/>über die Zeit hinaus, von welcher immer die
Rede<lb/>gewesen war, in ihrer Nähe festzuhalten. Man hatte<lb/>die Ankunft
des Barons in Aussicht, Graf Stefano<lb/>sollte auch noch im Laufe dieses
Monats eintreffen,<lb/>und Viktorinen war in diesem Augenblicke an
de:<lb/>Gesellschaft ihrer Angehörigen weniger noch als
sonst<lb/>gelegen.<lb/>Sie war sich bewußt, einen Fehler begangen
zu<lb/>haben, als sie in dem Gefühle ihrer Sicherheit die<lb/>Cousine zur
Vertrauten ihres Abenteuers mit dem<lb/>jungen Mönche gemacht hatte. Sie war
damit von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0455_150.tif" n="0150"/>
<p>15O<lb/>dem Grundsaz ihres klugen Vaters abgewichen, nie-<lb/>mals von seinen
Absichten und Planen Etwas zu ver-<lb/>rathen, sondern erst die vollendeten
Thatsachen zu Ver-<lb/>kündern derselben zu machen, und sie bereute das
auf<lb/>ihre Weise.<lb/>Die kleine Nanette war zu gut erzogen und ihr<lb/>zu
unterwürfig, um sie mit Fragen zu belästigen, wo<lb/>sie zur Mittheilung
sich nicht freiwillig geneigt erwies;<lb/>aber die Neugier sprach aus jedem
ihrer Blicke, und<lb/>es machte Viktorine mißmuthig, nicht darthun
zu<lb/>können, was sie so zuversichtlich verheißen hatte,
nicht<lb/>berichten zu können, daß sie den schönen Mönch ge-<lb/>sehen und
gesprochen habe. Nicht einmal zufällig be-<lb/>gegnete man ihm. Viktorinens
Hut war schon seit<lb/>Tagen von dem Fensterkreuze fortgenomnmen, und
ob-<lb/>schon sie vor der Mutter Benedikts mit großer Sicher-<lb/>heit die
Lehre von dem geduldigen Abwarten gepredigt<lb/>hatte, war Niemand zu der
Ausübung derselben weniger<lb/>als eben sie geeignet.<lb/>Benediktus kam ihr
nicht mehr aus dem Sinn.<lb/>Keiner von all, den Männern, die sich eifrig um
ihre<lb/>Gunst beworben, hatte ihre Gedanken jemals so
völlig-<lb/>hingenommen, als dieser junge Mönch; sie konnte sich<lb/>nicht
darüber tääuschen, fie vermißte ihn, sie suchte ihn;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0456_151.tif" n="0151"/>
<p>s<lb/>15<lb/>einen Zustand wie ihren gegenwäärtigen, hatte sie noch<lb/>nicht
erlebt.<lb/>,Was ist das? fragte sie sich, wenn sie in der<lb/>Nacht
erwachend es inne ward, daß sie von Benedikt<lb/>geträumt hatte.- ,Was
bedeutet es, daß es mich<lb/>nicht ruhen läßt um die Stunde,? fragte sie
sich, ,in<lb/>welcher ich ihn auf der Klostermatte angetroffen habe,<lb/>und
um die Zeit, in der er seine Klasse auszuführen<lb/>pflegte? Liebe ich ihn
etwa gar? - Sie kam sich<lb/>sonderbar vor, als sie diese Möglichkeit erwog.
Vor<lb/>einer solchen Thorheit oder Schwäche wußte ihr Ver-<lb/>ftand sich
sicher, aber ihre Eitelkeit, ihr Ehrgeiz<lb/>standen in Gefahr eine Kränkung
zu erleiden. Diese<lb/>Besorgniß war es, die sie beschäftigte und quälte,
und<lb/>sie machte an sich die Erfahrung, daß sehr verschiedene<lb/>Ursachen
oft die gleiche Wirkung haben, und daß in<lb/>kalten selbstischen Naturen
Eitelkeit und Eigensinn<lb/>sich gelegentlich wie Liebe darstellen und
erscheinen<lb/>können. --<lb/>Sie hatte sich bei dem Doktor einmal
gelegent-<lb/>lich um Benedikt erkundigt, der hatte ihn aber
nicht<lb/>gesehen. Sie war oft nahe daran gewesen, den Pater<lb/>Theophil
nach ihm zu fragen, indeß sie mochte ihre<lb/>Theilnahme an dem jungen
Mönche nicht mehr ver-<lb/>asa=--e«. .<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0457_152.tif" n="0152"/>
<p>1<lb/>rathen, ehe sie nicht sicher darüber war, ob sein Wille<lb/>oder seiner
Oberen Befehl, ihn von ihr ferne hielt.<lb/>Darüber konnte ihr keine
Auskunft werden, als eben<lb/>nur durch ihn; und ihre Gedanken kehrten also
auf<lb/>das Neue zu ihm und zu der Nothwendigkeit zurück,<lb/>den
unterbrochenen Zusammenhang mit ihm wieder<lb/>herzustellen.<lb/>Inzwischen
ging in dem Kloster Alles seinen<lb/>ruhigen gewohnten Gang. Niemand
kümmerte sich<lb/>darum, was es zu bedeuten habe, daß Benediktus
sich<lb/>ein Fasten auferlegte, welches in den Ordensregeln<lb/>nicht
vorgeschrieben war, und daß er Nachts noch<lb/>betend wachte, wenn die
andern Brüder lange schon<lb/>auf ihrem Lager ruhten. Er war ebenso eifrig
ge-<lb/>wesen in den Tagen, in welchen er sein Noviziat be-<lb/>endet hatte,
und man hielt ihn nicht nur für ge-<lb/>wissensstrenge und bußfertig, man
traute ihm auch<lb/>den Ehrgeiz zu, sich auszeichnen zu wollen, um
der<lb/>Beachtung seiner Oberen willen.<lb/>Er wohnte dem Gottesdienste bei
wie immer, er<lb/>that als Lehrer seine Pflicht in seiner Klasse, er
führte<lb/>sie in das Freie, wie es ihm vorgeschrieben war,
aber<lb/>z<lb/>s<lb/>A<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>I<lb/>R<lb/>die Knaben waren
die Ersten, die es fühlten und<lb/>P<lb/>bemerkten, daß seine Seele nicht
wie sonst dabei war.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0458_153.tif" n="0153"/>
<p><lb/>15<lb/>Er hatte nicht mehr wie bisher das freundliche<lb/>Wort als
Entgegnung für ihre Anrede; ihrer Frage<lb/>um Auskunft und Belehrung
begegnet nicht mehr der<lb/>rasche, lebhafte Bescheid. Es lockte ihn Nichts
mehr<lb/>an, es schien ihn gar Nichts mehr zu kümmern, so-<lb/>gar seine
Freude an der Natur hatte ihn verlassen.<lb/>Sonst war er es gewesen, der
dazu getrieben<lb/>hatte, die Höhen zu ersteigen, die großen
Fern-<lb/>sichten zu suchen, den Zuug der Vögel zu verfolgen,<lb/>bis sie
sich in der Weite oder hoch oben in der<lb/>Luft dem Blick entzogen; und
seinem scharfen Auge<lb/>war nicht leicht Etwas entgangen. Jezt
mochlen<lb/>die Vögel über ihm kreisend schweben und ziehn, wo-<lb/>hin sie
wollten. Er sah und achtete auf Nichts. Der<lb/>Sonnenschein erheiterte ihn
nicht, die Quellen rausch-<lb/>ten und rieselten, die Blumen blühten und
dufteten,<lb/>aber sie rauschten und rieselten nicht mehr für ihn,
für<lb/>ihn blühten und dufteten sie nicht mehr.<lb/>Anfangs wagte sich
Einer oder der Andere seiner<lb/>Schüler mit der Frage an ihn heran, ob er
krank sei,<lb/>oder was ihm fehle? Aber seine Antwort, daß er<lb/>sich gut
befinde, konnte sie nicht zufrieden stellen, und<lb/>mit der natürlichen
Abneigung, welche die gesunde<lb/>Jugend gegen Traurigkeit empfindet,
besonders wenn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0459_154.tif" n="0154"/>
<p>154<lb/>sie gegen dieselbe keine Hilfe zu leisten vermag, über-<lb/>ließen
sie ihn bald sich selbst und seiner Schwermuth,<lb/>um durch dieselbe in
ihrem Vergnügen nicht gestört<lb/>zu werden. Er war ihnen fremd geworden,
und er<lb/>war sich selbst entfremdet.<lb/>Es half ihm nicht, daß er seinen
Leib kasteite, um<lb/>seinen Geist in den Banden seiner Pflicht zu halten,
seine<lb/>Phantasie wurde dadurch nur unruhiger und erregter.<lb/>Er kniete
vor dem Altar in der Kapelle, und<lb/>vor seinen Augen, die er auf die
Gottesmutter richtete,<lb/>schwebte Viktorinens Bild. Grade so, wie von
dem<lb/>Haupte der Gebenedeiten, fielen die dunklen Locken<lb/>von ihrem
feinen Kopfe an dem weißen Halse und<lb/>auf die Schultern nieder. So wie
aus der hei-<lb/>ligen Jungfrau sanften Blicken, strahlte aus
Vik-<lb/>torinens Augen das beseligende Licht erwärmend<lb/>in die Herzen,
und so wie der Madonna schwe-<lb/>bende Gestalt, hatte das helle Sonnenlicht
auch<lb/>sie umspielt, als sie scheidend vor ihm gestanden, daß<lb/>er
emporgeschaut hatte, um zu sehen, ob nicht aus derHöhe<lb/>lobpreisende
Engelchöre sich zu ihr hernieder neigten.<lb/>Es jagte ihn im Schrecken von
den Stufen des<lb/>Altars empor: er glaubte sich im Gebet versunken,
-<lb/>und seine Andacht war Gotteslästerung gewesen.
Er<lb/>j<lb/>z<lb/>z<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0460_155.tif" n="0155"/>
<p>17<lb/>sollte ihr Bild aus seiner Seele reißen! Wie konnte<lb/>er das thun,
ohne ihrer zu gedenken? Und wenn eö<lb/>ihm gelang, was blieb ihm dann
hienieden übrig, als<lb/>die Dede und die Leere, als die Hofnung auf
ein<lb/>Jenseits, in welchem er der irdischen Erinnerungen<lb/>ledig, neue,
reinere und höhere Freuden kennen lernen<lb/>würde, vorausgesezt, daß er
sich zu befreien vermochte<lb/>von der Sünde, in der er jetzt befangen war -
von<lb/>der Sünde, die seine Qual war und sein Glück!<lb/>Er sah keinn
Ausweg aus dem sinnverwirrenden<lb/>Labyrinthe! und wenn sein greiser Freund
es unter-<lb/>nahm, ihn auf denselben hinzuweisen, vermochte er<lb/>ihn in
seiner Verwirrung doch nicht zu erkennen, nicht<lb/>zu finden.<lb/>Pater
Theophilus ließ ihn nicht aus dem Auge,<lb/>und zog die Hand nicht von ihm
ab. Er war ihm<lb/>ernst und streng wie einem Sünder, und übte
nach-<lb/>sichtige Geduld mit ihm, wie mit einem in wüsten<lb/>Phantasien
befangenen Kranken. Alles, was sein eigenes<lb/>gottergebenes Herz, sein
frommer vertrauensvoller<lb/>Glaube, und eine lange Lebenserfahrung ihm
eingaben,<lb/>das hielt er dem Verirrten vor; sogar an den Grün-<lb/>den der
weltlichen Vernunft ließ er es ihm nicht fehlen,<lb/>obschon er es sich zum
Vergehen anrechnete, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0461_156.tif" n="0156"/>
<p>17e<lb/>er in solchem Falle dergleichen auch nur in Be-<lb/>krachtung
z.<lb/>Er schilderte ihm Viktorinens Charakter, wie<lb/>seine Beobachtung
ihm denselben klar gemacht hatte,<lb/>und die Welt, in der sie auferwachsen
war. Er<lb/>sprach ihm von ihrer leichtsinnigen und eitlen
Selbst-<lb/>sucht; er setzte es ihm auseinander, wie der
Antheil,<lb/>welchen sie ihm und seiner Mutter erweise, nur
der<lb/>Langenweile entstamme, welche das Entbehren der ge-<lb/>wohnten
Zerstreuungen in ihr erzeuge. Er gab ihm<lb/>zu bedenken, daß sie sich weder
seiner noch seiner<lb/>Mutter mehr erinnern werde, wenn sie einmal
das<lb/>Thal verlasse, und er versicherte ihn, daß eben jetzt-<lb/>andere,
ihr näher liegende Verhältnisse und Dinge, sie<lb/>beschäftigten und ihr im
Sinne lägen,<lb/>,Sieh um Dich, sprach er, ,bist Du der Einzige,<lb/>der
leidet auf der Erde, daß Du es gar so wichtig<lb/>nimmust? Wähnst Du, es
hätte kein Anderer unserer<lb/>Brüder seine irdischen Aufwallungen und
Hofnungen<lb/>begraben müssen, ehe er einsehen lernte, daß
keine<lb/>dauernde Zufriedenheit auf das Vergängliche zu bauen<lb/>ist? Ein
kalter Trunk, ein rauher Wind können Dir<lb/>schon morgen den Klang der
Stimme rauben, um -<lb/>deretwillen die Fremde Dich beachtet hat, und
auf<lb/><lb/>1<lb/>H<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0462_157.tif" n="0157"/>
<p>1?<lb/>welche Deine Eitelkeit ihre frevelhaften, gotvergessenen<lb/>Plane
baut; und was bliebe Dir dann übrig, wenn<lb/>Du Dich selbst verloren
hättest, Dich, und des Höchsten<lb/>Gnade für Zeit und
Ewigkeit!<lb/>Benedikt hörte das Alles, und die geduldige Liebe<lb/>des
Greises erquickte ihn, wie den Fiebernden die<lb/>treue kühle Hand erquickt,
die sich ihm auf die heiße<lb/>Stirn legt; aber von seinen Qnalen konnte es
ihn<lb/>nicht befreien, es konnte die Wunde nicht heilen, die<lb/>ihm
geschlagen war. Und doch war sein Glaube an<lb/>die Allweisheit der
Vorsehung in keiner Art erschüttert.<lb/>Das Gelübde, das er geleistet
hatte, war ihm heilig,<lb/>wie in der Stunde, da er es über sich
genommen,<lb/>und er hatte in dem Augenblick, in welchem er
das<lb/>Anerbieten seiner Mutter von sich gewiesen, ihm zun<lb/>Flucht zu
verhelfen, mit jenen weltlichen Wünschen<lb/>ein für alle Mal gebrochen,
welche einst in früher<lb/>Jugend in ihm angeregt, durch Viktorinens
phantasti-<lb/>sches Dazwischentreten ein neues Leben gewonnen<lb/>hatten.
Er fühlte sich als Gottgeweihten, als Priester<lb/>der alleinseeligmachenden
Kirche, der er fest ergeben<lb/>war. Er hatte nie mit größerer Hingebung und
mit<lb/>mehr Erhebung zu dem Bilde des Heilandes empor-<lb/>gesehen, nie
ernstlicher und begeisterter danach getrach-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0463_158.tif" n="0158"/>
<p>158<lb/>iet, die Selbstsucht in sich zu ertödten und an die<lb/>Stelle des
eigenen Verlangens die Nächstenliebe in<lb/>seiner Seele einzuwurzeln; aber
wie er auch rang<lb/>und kämpfte, er vermochte den Aufruhr seiner<lb/>Sinne
nicht zu überwältigen. Die volle Kraft seiner<lb/>ungebrochenen Jugend ließ
sich so leicht nicht nieder-<lb/>zwingen. Er liebte Viktorine, und der
Eigensinn<lb/>der Leidenschaft machte ihn unempfänglich für
jeden<lb/>Zuspruch der Vernunft, wie er ihn ohnmächtig machte<lb/>gegen sein
eigenes Verlangen, sich seinem Eide unter-<lb/>werfend, mit Freuden zu
entsagen. Gegen seine Liebe<lb/>kam nichts Anderes dauernd in ihm auf. Er
ging<lb/>gewohnheitsmäßig durch sein Tagewerk, sein Geist<lb/>unterwarf sich
jeder ihm auferlegten Anordnuung, sein<lb/>Herz beharrte in seiner
Auflehnung. Er war wie<lb/>zerrissen in sich selbst.<lb/>Pater Theophilus
hatte von ihm gefordert, daß<lb/>er sich zu seiner Mutter hinbegeben solle,
denn Jakobäa<lb/>hatte, seit der Sohn an jenem Gewittermorgen zu-<lb/>lezt
bei ihr gewesen war, sich nicht in der Kirche<lb/>sehen lassen, ja sich
nicht einmal bei dem Beginn des -<lb/>Monates, der in die Zeit gefallen war,
zur Beichte<lb/>=: aD<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0464_159.tif" n="0159"/>
<p>159<lb/>und Pater Theophilus wußte sich nach den Bekennt-<lb/>rE =<lb/>Glaube
an die Unmöglichkeit einer Aenderung in<lb/>ihrem und ihrer Familie
Schicksal, nur der Gedanke,<lb/>daß ein Dispens von ihren Gelöbnissen nicht
zu er-<lb/>langen sein könne, hatten es im Lauf der Zeiten da-<lb/>hin
gebracht, daß sie sich, wenn auch heimlich grollend,<lb/>in das
Unabänderliche hineingefunden hatte. Ihrer<lb/>ganzen Natur nach weder zur
Religiösität, noch zum<lb/>Entsagen angelegt, mußten die unvorsichtig in
ihr<lb/>von der Fremden erweckten, und durch des Sohnes<lb/>Weigerung
zerstörten Hoffnungen sie aus ihrem schwer<lb/>D<lb/>hafter noch gegen den
Orden gewendet haben werde,<lb/>der ihres Sohnes Führer gewesen war, und den
zum<lb/>Erben ihres Besizes zu ernennen, sie sich noch immer<lb/>nicht
entschließen können.<lb/>Benediktus unterwarf sich schweigend der
An-<lb/>weisung, die Mutter zu besuchen; seine Miene aber<lb/>verrieth es
Theophilus, daß ihm die Aufgabe nicht als<lb/>leicht erschien.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0465_160.tif" n="0160"/>
<p>160<lb/>,Du zögerst, Benediktus? fragte ihn der Greis.<lb/>,Ich zögere, mein
Vater!r gab Benedikt zur<lb/>Antwort, ,weil ich gelernt habe, mir zu
mißtrauen.<lb/>Mir bangt davor, wieder vor die Mutter hinzutreten,<lb/>deren
Verlangen mich so schwer versucht und deren<lb/>Zorn mich von ihrer Schwelle
für immer fortgewie-<lb/>sen hat.?<lb/>, Und das Vertrauen erhebt Dich
nicht, das man<lb/>Dir jezt erweist? sprach Theophilus. , So ganz
bist<lb/>Du versunken in der Selbstsucht Tiefen, daß Du nicht<lb/>mehr der
eigenen, vom rechten Pfade abgeirrten Mutter<lb/>die Hand zu reichen Dich
gedrungen fühlst, da Nie-<lb/>mand so sicher als Du die Mittel dazu besizet,
und<lb/>Niemand so wie Du die Pflicht hat, sie auf den Weg<lb/>des Heils
zurück zu leiten.<lb/>,,Ich? mein Vater? fragte Benedikt, ,wie könnte
.<lb/>ich helfen und stüzen, da ich mir selber zu helfen<lb/>nicht vermag!
Wie könnte ich einen Andern auf-<lb/>richten wollen, da ich selbst danieder
liege? oder wie<lb/>dürfte ich daran denken, eines Anderen Sinn zu
len-<lb/>ken und zu bestimmen, da ich mir selbst abhanden<lb/>gekommen bin,
und ohne Dich, der Du mich hinweisest<lb/>auf die Quelle des Heils und der
Gnade, verloren<lb/>sein würde ganz und gar.!<lb/>- t, -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0466_161.tif" n="0161"/>
<p>f<lb/><lb/>s<lb/><lb/>i<lb/>161<lb/>Der Greis ließ ihn auf die Antwort eine
Weile<lb/>warten.,Weißt Du nicht,? sprach er danach, ,das<lb/>der Herr ist
mit den Schwachen? daß kein Auftrag<lb/>Dir gegeben, keine Pflicht Dir
auferlegt werden kann,<lb/>ohne daß er's also will, und daß er Dir die
Kraft<lb/>verleihen wird, zu thun und zu vollführen, was Dir<lb/>zu thun von
Deinen Oberen geboten wird?-- Hast<lb/>Du in diesen langen Tagen der
Selbstbetrachtung nie<lb/>daran gedacht, wie sehr dem Irrenden, dem
Verirrten<lb/>damit geholfen ist, wenn man eine Schranke aufrich-<lb/>tet,
die den Bethörten in ihren Grenzen festhält, und<lb/>es ihm unmöglich macht,
sich in das Ungemessene zu<lb/>verlieren??<lb/>Benedikt horchte auf jedes
dieser Worte, und faßie<lb/>ihren Sinn doch nicht.<lb/>,Welch eine Schranke
ist es, die gezegen werden<lb/>soll? fragte er, , und was kann ich thun, sie
herzu-<lb/>stellen? Sag' es mir, mein Vater, denn mein Sinn<lb/>ist
verdunkelt und mein Geist ist stumpf.-<lb/>Sie waren, während sie das mit
einander sprachen,<lb/>aus dem Klostergarten hinaus in das Freie
gekommen,<lb/>und Theophilus schlug die Straße ein, die über den<lb/>stillen
Klosterkirchhof fort die Richtung nach Jakobäa's<lb/>Hause hatte. Die helle
Mittagssonne beschien die<lb/>F. Lewald, Benedikt. l.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0467_162.tif" n="0162"/>
<p>18N<lb/>breite Vorderseite desselben, daß seine Fenster weithin<lb/>glänzten,
und die Augen sich schon aus der Ferne un-<lb/>willkürlich darauf
richteten.<lb/>,, Wenn man es da so liegen sieht, Deiner Mutier<lb/>Haus,''
sagte der Greis, , lo sollte man meinen, es<lb/>herrsche Friede und Freude
in demselben, und hat doch<lb/>nun seit langen Jahren Nichts darin gewohnt,
als<lb/>Sünde und als Leiden, daß man sagen könnte, wie<lb/>Deine Mutter
selbst gethan, es wäre besser, des Him-<lb/>mels Feuer käme, es zu
verzehren.<lb/>Das Wort that Benediktus wehe. Er sah auf-<lb/>schreckend zu
dem Vaterhaus hinüber, doch überwand<lb/>er rasch die Anwandlung, und den
schwermuthsvollen<lb/>Blick zu Boden senkend, sprach er: ,mein Herz
hängt<lb/>an dem Hause nicht.?<lb/>, Um so mehr der Mutter Herz, sagte
Theophilus,<lb/>,und das ist ihr Verderben. Sie wußte, was sie da-<lb/>mit
that, als sie den Fluch dagegen aussprach. Wie<lb/>der Same eines
verderblichen Unkrauts, haben in den<lb/>Mauern dieses Hauses Stolz und
Vermessenheit fort-<lb/>gewuchert seit Jahrhunderten, und haben auch
Deiner<lb/>Mutter Sinn umgarnt, daß sie den Maurus, Dein<lb/>und Deiner
Schwestern Vater, um des Hausbesizes -<lb/>willen festgehalten wider sein
Begehren, bis er daraus<lb/>s<lb/><lb/>e<lb/>==<lb/>z<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0468_163.tif" n="0163"/>
<p>163<lb/>hat flüchten müssen in die Welt, ein Verfehmter vor<lb/>den Menschen
wie vor Gott. Ihr ist nicht zu helfen,<lb/>sie reiße denn ihr Herz endlich
von diesem unheil-<lb/>vollen Hause los und verzichte, da ihre Kinder
ihn<lb/>nicht erben können, schon jezt auf diesen irdischen Be-<lb/>sitz, um
höhere Güter zu erwerben in einer besseren<lb/>Welt.?<lb/>Benediktus ging in
Schweigen neben Theophilus<lb/>her, der Greis ließ ihm die Zeit zum
Nachdenken<lb/>und Neberlegen. Als sie an den Kreuzweg gekommen<lb/>waren,
an welchem die Schlucht anhebt, durch die<lb/>man im Schatten und im Kühlen
bis nahe an Jakobäa's<lb/>Haus gelangen konnte, blieb der Pater
stehen.<lb/>,Trachte danach,' sprach er, ,daß Deine Mutter<lb/>abrechnen
lerne mit ihrem weltlichenVerlangen, damit sie<lb/>wieder bußfertig und mit
ihrem Loos zufrieden werde.<lb/>-- Wie stände es heut um sie und Euch, wenn
das<lb/>Kloster sich nicht beschützend ihrer angenommen, wenn<lb/>die Kirche
Euch nicht in ihrem Schooße behütet und<lb/>geborgen hätte? Als das Eheweib
eines Zuchthäuslers<lb/>würde sie, als die Kinder eines solchen würdet Ihr
leben,<lb/>mit Schimpf bedeckt, gemieden von den Menschen,<lb/>oder fern vom
Vaterlande als heimathlose Fremde.<lb/>Wie ein Vater hat der hochwürdige
Herr Abt an ihr<lb/>Pj ?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0469_164.tif" n="0164"/>
<p>164<lb/>-gehandelt, wie eine Mutter hat das Kloster Dich auf-<lb/>genommen in
seinen sichern heiligen Schutz. Die Last<lb/>ihrer weltlichen Unehre und der
Deinen, hat Deine<lb/>Mutter dem Kloster dereinst in sich zu bergen
gegeben;<lb/>so gebührt es sich denn auch, daß es dafür von
ihr<lb/>empfange, was sie an weltlichem Besiz und Gut ihr<lb/>eigen nennt,
damit von ihr und ihrem schuldbeladenen<lb/>Namen dereinst Nichts übrig
bleibe, als die in unserm<lb/>Kloster durch die täglichen Gebete unserer
Brüder ge-<lb/>läuterte Erinnerung an ihr Geschlecht, an sie und
ihre<lb/>Kinder, die dem Herrn dienten und der Kirche an-<lb/>gehörten.- Und
so geh mit Gott!'?<lb/>T<lb/><lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0470_165.tif" n="0165"/>
<p>Ellies Cnpitel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0471_166.tif" n="0166"/>
<p><lb/>- . -<lb/>W. -
-.1AFeE<lb/>-<lb/>D«<lb/><lb/>-<lb/>?<lb/>-F<lb/>-»N<lb/><lb/>IK<lb/>--<lb/>-zz-<lb/>-
F<lb/>- J<lb/>E?-<lb/>-;<lb/>-K<lb/>J<lb/>- -
zF<lb/>E<lb/>-<lb/>-e<lb/>M<lb/>- - S<lb/>H?<lb/>. »<lb/>.- G,<lb/>,
z-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0472_167.tif" n="0167"/>
<p>Fe sich versunken ging Benedikt die Schlucht<lb/>hinan. Die alten Buchen und
Rüstern, die am Wege<lb/>standen, neigten von beiden Seiten die mächtigen
Aeste<lb/>nach dem Wasser hin, daß sie den Weg ganz über-<lb/>dachten, und
das Buschwerk an den beiden Ufern des<lb/>Wildbachs, der die Schlucht
durchrauscht, dunkelgrün<lb/>erschien gegen das sonnig durchleuchtete Laub
der<lb/>Bäume. Kaum ein anderer Punkt im Thale hatte<lb/>eine so üppige
Vegetation. Die festen rauhen Brombeer-<lb/>zweige, an denen die reifende
Frucht sich kräftig färbte,<lb/>bezogen die ganzen Wände und fielen nieder
bis zu<lb/>den großen Steinblöcken, die das Wildwasser im<lb/>Frühjahr
alljährlich von den Bergen niederbringt,<lb/>und selbst der Stein ermangelt
dort des Schmuckes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0473_168.tif" n="0168"/>
<p>168<lb/>nicht. Schillernde Flechten und Algen bedecken ihn,<lb/>wo nicht
weiches, dichtes Moos ihn umhüllt, hier und<lb/>da wächst ein Büschel
schönblättriger Hirschzunge empor<lb/>und wo das Wasser den Boden berührt,
glänzt das<lb/>zierliche Venushaar an schwankendem braunem
Stengel.<lb/>Alles war still ringsum. Die rechte Zeit des<lb/>Vogelsanges
war bereits vorüber, aber aus Busch und<lb/>Strauch sahen die klugen
Köpfchen der Vögel furcht-<lb/>los nach dem Einsamen hinüber, während die
schreck-<lb/>haften Eidechsen mit rascher Wendung hierher und<lb/>dorthin
huschten, sich in Sicherheit zu bringen, und<lb/>die behaglichen Frösche mit
behendem Sprunge guaxend<lb/>in die silberhelle Tiefe tauchten.<lb/>Benedikt
hatte nur wenig in der Nacht geschlafen;<lb/>sein Kopf war heiß, die Frische
that ihm wohl, mehr<lb/>noch die Einsamkeit. Theophilus hatte ihm, seit
der<lb/>Jüngling ihm gebeichtet, es untersagt, das Kloster<lb/>ohne
Begleitung zu verlassen, und er hatte sich im<lb/>gerechten Mißtrauen gegen
seine Festigkeit dem Befehl<lb/>gern unterworfen. Aber der Einsamkeit im
Freien<lb/>sonst gewohnt, umfing sie ihn, da sie ihm heute ver-<lb/>gönnt
war, mit ihrem ganzen bestrickenden Zauber,<lb/>und um ihrer, wenn auch nur
für wenig Augenblicke -<lb/>s<lb/>A<lb/>s<lb/>zu genießen, ließ er sich auf
einen Stein hinsinken,<lb/><lb/><lb/>-?<lb/>?-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0474_169.tif" n="0169"/>
<p>18<lb/>der, hart am Bache liegend, an einem anderen aufrecht<lb/>stehenden
Felsblock seine natürliche Lehne besaß.<lb/>Er hatte in seiner Kindheit auf
diesem Steine<lb/>oft gesessen und zugesehen, wie allerlei
schnellfüßiges<lb/>Gethier zwischen den Schmerlen hin- und
wiederschoß;<lb/>und wie er nun wieder an derselben Stelle weilte<lb/>und
wieder hinabschaute in das klare Wasser, das zu<lb/>Thale rauschte wie
vordem, kam in der Ermüdung<lb/>seiner Seele eine sanfte traumhafte Ruhe
über ihn.<lb/>Die Jahre, die zwischen jener Zeit und dieser
Stunde<lb/>lagen, waren ihm wie verschwunden. Er dachte nicht<lb/>an das,
was er seitdem erlebt, nicht an das, was er<lb/>seitdem erlitten hatte, noch
weniger an den Auftrag,<lb/>den ihm Pater Theophil gegeben. Er saß und
blickte<lb/>hinauf in das Laubdach über seinem Haupte, und sah<lb/>dann
wieder hinab in's Wasser.<lb/>So hatien die Zweige immer sich geneigt,
so<lb/>waren die Sonnenstrahlen immer zwwischen ihnen durch-<lb/>gebrochen,
so langsam und licht waren die verstreuten<lb/>weißen Wölkchen hoch oben
immer hingezogen, wenn<lb/>er nach der offenen Stelle emporgesehen hatte, an
der<lb/>die alte Tanne vom Sturm aus ihrem Boden gehoben<lb/>worden war. Die
gelbe Königskerze und der purpur-<lb/>farbene Fingerhut blühten immer noch
an jenem Fleck,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0475_170.tif" n="0170"/>
<p>17<lb/>und dichter als an dem kleinen Rinnsal, an welchem<lb/>die Amsel und
die Schwarzdrossel ihre Tränke hatten,<lb/>standen die blauen
Vergißmeinnicht im ganzen Thale<lb/>nirgends.<lb/>Das war Alles wie vordem,
er empfand es auch<lb/>wie in den Zeiten, in denen er eingeboren und
ein-<lb/>gefügt in diese heimische Natur, dem Augenblick
ganz<lb/>hingegeben, bewußtlos seines Daseins froh gewesen<lb/>war wie die
Blume, wie der Vogel, wachsend und<lb/>sich entfaltend in dem warmen
Sonnenlicht. So<lb/>ohne Rückerinnern und Verlangen, dachte er, muß<lb/>der
Mensch sich fühlen, wenn er des Irdischen ent-<lb/>kleidet eingeht zu den
Gefilden, in denen die Seligen<lb/>der Ewigkeit genießen! Aber selbst diese
Vorstellung<lb/>haftete nicht lang in ihm. Kaum wahrgenommen,<lb/>schwebte
sie vorüber wie die Wölkchen überseinemHaupte,<lb/>wie der Vogel, der durch
die Zweige huschte, wie der<lb/>blankbeschwingte Käfer, der vorüberschwebend
schnell.<lb/>erscheint, ohne daß das Auge ihm zu folgen, oder ihn<lb/>zu
suchen unternimmt. Er wünschte nicht besonders,<lb/>daß dieses Ruhen dauern
möge, weil es ihm gar nicht<lb/>war, als ob es jemals wieder enden könne.
Wie im<lb/>Traume war das Maß der Zeit nicht für ihn da, und<lb/>der selige
Augenblick umfaßte eine Unendlichkeit für ihn.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0476_171.tif" n="0171"/>
<p>r?<lb/>Mit einem Male schreckte er empor. Weiter hinauf<lb/>in der Schlucht
hörte er lachen und sprechen; und<lb/>während noch der Klang der Stimme, die
er ver-<lb/>nommen, sein Herz erbeben machte, trat Viktorine auch<lb/>schon
schnellen, leichten Schrittes hinter dem um-<lb/>buschten Vorsprung auf den
Steg hinaus, welcher an<lb/>jener Stelle von dem einen Ufer zu dem
anderen<lb/>hinüber führte.<lb/>Weil man das alljährlicheAnschwellen
desGletscher-<lb/>wassers in Betracht zu ziehen hatte, waren die
Baum-<lb/>ftämme und Balken, welche diese naturwüchsige Brücke<lb/>bildeten,
ziemlich hoch gelegt, und es gehörten ein<lb/>schwindelfreier Kopf und ein
sicherer Fuß dazu, sie<lb/>furchtlos zu beschreiten. Viktorine, die sich
auch in<lb/>diesem Punkte auf ihre Festigkeit verlassen konnte,<lb/>hatte
den Steg schon zum Defteren benuzt und war<lb/>ohne alles Neberlegen auch
jetzt wieder in die Mitte<lb/>desselben gelangt, als Nanette, die ihr folgen
sollte,<lb/>zaudernd stehen blieb, und selbst durch der
Freundin<lb/>ermuthigenden Zuruf nicht bewogen werden konnte,<lb/>ohne
Beistand sich vorwärts zu wagen. Es blieb<lb/>Nichts übrig, Viktorine mußte
umkehren, der Furcht-<lb/>samen ihre Hand zu reichen, und sie unter
ihrem<lb/>scherzenden Zuspruch hinter sich herführend, war sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0477_172.tif" n="0172"/>
<p>u<lb/>nech mitten auf dem Stege, als ihr Auge vorwäris<lb/>blickend, den
jungen Pater in der Schlucht entdeckte.<lb/>Er starrte sie an, als hätte er
nichk gewußt, daß<lb/>sie noch in seiner Nhe weile. Er hatte ihrer
nicht<lb/>m ehr denken wollen, und nun stand sie vor ihm da,<lb/>so nahe,
daß ihr auszuweichen gar nicht möglich war<lb/>---- und strahlend in
Schönheit und Lebensfülle.<lb/>Ehe er noch wußte, was er thun solle, hatte
ihr<lb/>Anruf ihn bereits erreicht. Sie ließ Nanettens Hand<lb/>los, sobald
dieselbe ihrer Hilfe weiter nicht bedurfte,<lb/>und kam zu Benedikt
heran.<lb/>,.Was haben Sie denn angefangen, Pater Bene-<lb/>dikt,r sagte
sie, ,und wo haben Sie gesteckt, daß ich<lb/>Sie gar nicht zu sehen bekommen
habe? Nicht Ihnen,<lb/>nicht Ihrer Klasse sind wir begegnet, seit ich mir
meine<lb/>kleine Cousine hergeholt habe; und stände das Kloster<lb/>mit
seinem dicken Thurm nicht dort unten, und hörte<lb/>ich Sie nicht alle Abend
singen, ich hätte glauben<lb/>können, es wäre hier ein Erdbeben oder sonst
irgend<lb/>etwas Schauriges geschehen, und die Klasse und Sie<lb/>wären mit
einemMale versunken und verschwundenln =-<lb/>Sie hatte das Alles mit jener
Leichtigkeit hin-<lb/>geworfen, mit der man in der Gesellschaft einen Be-
-<lb/>kannten zu behandeln gewohnt ist; und sich zu ihrer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0478_173.tif" n="0173"/>
<p>1<lb/>Begleiterin wendend, sezte sie mit einem Blicke, den<lb/>diese sich zu
deuten wußte, noch hinzu: ,Mein Schaz!<lb/>das ist der junge Pater, von dem
ich Dir so viel er-<lb/>zählt habe, und dessen wundervolle Stimme uns
gestern<lb/>wieder so erfreut hat.?<lb/>Nanette horchte freudig auf. Sie
fühlte eine große<lb/>Genugthuung über das Begegnen, und weil sie
hinter<lb/>der Cousine nicht zurückzubleiben wünschte, spendete sie<lb/>dem
jungen Möuche bereitwillig das wärmfte Lrb.<lb/>Benedikt war fassungslos. Er
sagte sich, daß es noth-<lb/>wendig sei, irgend eine Entgegnung zu machen,
aber<lb/>er wußte nicht, was er sagen sollte, da er die Wahr-<lb/>heit hier
nicht sagen konnte; und wo war die Ver-<lb/>mittlung zu finden zwischen
Viktorinens und der andern<lb/>Fremden heller Freude und seinem stillen
Leid? Er<lb/>brachte endlich stockend und verlegen die Frage heraus,<lb/>ob
Nanette ebenfalls zur Kur in's Thal gekommen<lb/>wätre.<lb/>Er schämte sich
der Frage, denn er wußte, daß<lb/>fie müßig, daß sie als Entgegung auf
Viktorinens<lb/>und des andern Fräuleins Ansprache ungehörig,<lb/>ja eine
Thorheit sei, daß sie ihnen auffallen und un-<lb/>geschickt erscheinen
müsse; indeß er mußte fortzukommen<lb/>suchen über den Moment, ohne die
Hände zusammen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0479_174.tif" n="0174"/>
<p>1?e<lb/>zu schlagen und Viktorine auf Knieen zu beschwören,<lb/>daß sie
Erbarmen haben möge mit seiner Pein und Noth.<lb/>Die aber war keineswegs
gewillt, ihn so leichten<lb/>Kaufes zu entlassen. Sie sah die Neugier, mit
welcher<lb/>ihre Cousine den jungen Mönch betrachtete, und sie<lb/>selber
überraschte die Gluth der Leidenschaft, die in<lb/>seinen dunkeln Augen
brannte. Er war nicht mehr<lb/>derselbe, als welchen sie ihm zuerst begegnet
war. Er<lb/>sah älter aus und war weit schöner noch geworden.<lb/>Sein
Antliz war vergeistigt, seine Züge hatten einen<lb/>tieferen Ausdruck
bekommen; ein Maler hätte sich kein<lb/>besseres Vorbild für einen heiligen
Sebastian er-<lb/>wünschen können, als diese herrliche Gestalt, der
auch<lb/>der Todespfeil im Herzen steckte.<lb/>Nanette hatte ihm auf seine
Frage erwidert, daß<lb/>sie schon am nächsten Morgen aus dem Thale
scheide,<lb/>,und,' sagte sie, ,gerade deshalb freut es mich, daß
ich<lb/>Sie noch gesehen habe, da Sie mir bisher nuur, wie<lb/>die Echo,
unsichtbar vernehmlich wurden.'?<lb/>,Glaubst Du,'? fiel ihr Viktorine in
das Wort,<lb/>, die geistlichen Herren wüßten es nicht, wie
anziehend<lb/>die geflissentliche Zurückhaltung sie macht? Keine
Frau<lb/>versteht das besser! auch Pater Benedikt hat das be- -<lb/>reits
begrifen. Er thut, als habe er vergessen, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0480_175.tif" n="0175"/>
<p>17<lb/>wir uns wiedersehen wollten. Und weil ich nicht ge-<lb/>wohnt bin,
mich selten zu machen und erwarten zu<lb/>lassen, bin ich mehrfach
auögegangen ihn zu suchen!r<lb/>, Sie mich ? stieß Benedikt hervor.<lb/>,Wie
denn anders? Ich pflegte Wort zu halten<lb/>und ich habe Wort gehalten!r
fügte sie bedeutungs-<lb/>voll hinzu, ,Sie aber haben dieses nicht gethan.
Auf<lb/>der Klostermatte bin ich gewesen und bei Ihrer Mutter,<lb/>aber Sie
haben auch die Mutter nicht besucht = e<lb/>,Ich befinde mich auf dem Wege
zu ihrem<lb/>Hause!'' sagte Benedikt, dessen Verwirrung mit jedem<lb/>ihrer
Worte wuchs.<lb/>,, Oh! wie schade, eben komme ich von dort und<lb/>habe von
Ihnen mit Ihrer Mutter gesprochen, während<lb/>meine Freundin sich
erfrischte. Nun, Sie werden's<lb/>von der Mutter hören. Aber wo halten Sie
mit<lb/>dem Einstudiren meines Hymnus? Singen ihn die<lb/>Schüler
schon?<lb/>,,Der Herr Abt erwartet einen Gast, zu dessen<lb/>Ehren er
gesungen werden soll,r' bemerkte Benedikt.<lb/>Viktorine äußerte das
Verlangen, der Aufführung<lb/>beiwohnen zu können; er meinte, das werde
möglich<lb/>sein, da sie in dem großen Schulsaale geschehen solle,<lb/>der
sich außerhalb der Klausur befinde; indeß er sprach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0481_176.tif" n="0176"/>
<p><lb/>das Mlles, ohne recht zu wissen, was sie fragte und<lb/>was er ihr zur
Antwort gab.<lb/>Daß er sie sah, daß er ihre Stimme hörte, er-<lb/>füllte
seine ganze Seele; daß sie nicht für ihn da war,<lb/>daß sie so sehr zu
lieben ein Verbrechen für ihn war<lb/>und daß er sündigte mit der
sinnverwirrenden Freude<lb/>dieses Augenblickes, das war Alleö, was er
deutlich in<lb/>sich wußte und empfand; und sich aufraffend mit
dem<lb/>Neste der Fassung, die ihm übrig blieb, wollte er von<lb/>ihnen
scheiden.<lb/>Sein Kampf und die Gewalt, die er sich an-<lb/>that, waren
jedoch so unverkennbar, daß sie auch dem<lb/>jüngeren Mädchen nicht
entgingen. Das war's, was<lb/>Viktorine wünschte.<lb/>, Sie wollen gehen?
fragte sie.<lb/>, Ich habe mit meiner Mutter zu verhandeln!?<lb/>gab er ihr
zur Antwort.<lb/>, So darf ich Sie nicht halten, und auf Wieder-<lb/>sehen
also!r sagte sie, indem sie ihm die Hand hin-<lb/>hielt.,Ich hoffe Sie bald
einmal wie heute anzu-<lb/>treffen!r sezte sie mit klugem Blicke um sich
schauend,<lb/>bedeutungsvoll hinzu.<lb/>,Nein! wünschen Sie mir das nicht!r
sagte er, -<lb/>seiner nicht mehr mächtig, und ging, ohne die
darge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0482_177.tif" n="0177"/>
<p>ur<lb/>gebotene Hand zu fassen, mit kurzem Lebewohl<lb/>von ihr.<lb/>Die
beiden jungen Frauenzimmer sahen ihm be-<lb/>troffen nach, bid er, ohne den
Blick zurück zu wenden,<lb/>die Brücke überschritten hatte und hinter der
Felsecke<lb/>verschwunden war.<lb/>,Der Aermste! wie er Dich liebt!r' sagte
endlich<lb/>die Cousine mitleidsvoll.<lb/>Viktorine antwortete ihr nicht
gleich. Benedikts<lb/>Leidenschaft, die sich wider seinen Willen so
unverhohlen<lb/>und so scheu verrathen, hatte sie erschreckt; indeß
sie<lb/>wollte das nicht merken lassen, und mit der siegge-<lb/>wohnten
Miene, die ihr selten fehlte, sagte sie:,es<lb/>giebt, wie Du gesehen hast,
sonderbare Arten, eine<lb/>Liebeserklärung zu machen! Diese war mir selber
neu<lb/>---- und war doch klar und deutlich, wie nur Eine,<lb/>so daß sie
Nichts zu wünschen übrig ließ.<lb/>Sie bückte sich dabei zum Wasserrande
nieder,<lb/>Vergißmeinnicht zu pflücken und forderte auch die<lb/>Cousine
dazu auf, als ob nichts Anderes sie beschäf-<lb/>tige und kümmere, und sie
sah dabei sogar heiter und<lb/>zufrieden aus. Nanetie hatte jetzt erfahren
und erlebt,<lb/>was sie nach Viktorinens Willen erfahren und
wissen<lb/>sollte. Das Nebrige mochte sie sich vorstellen und<lb/>F. Lewald,
Benedikt. k.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0483_178.tif" n="0178"/>
<p>1s<lb/>denken, wie es ihr gefiel. Es konnte dadurch an<lb/>Romantik nur
gewinnen, den Zauber, der um Vik-<lb/>torine schwebte, in den Augen der
Cousine nur erhöhen,<lb/>und Viktorine war in ihrem Innern auch bereits
von<lb/>einem anderen Gegenstande eingenommen, der für sie<lb/>wichtiger war
als Benedikt.<lb/>,Hast Du's gehört, sprach sie, nachdem sie
die<lb/>gepflückten Blumen mit weichen Halmen zusammen<lb/>gebunden hatten,
und danach eine Weile schweigend<lb/>ihres Wegs gegangen waren, ,hast Du es
gehört, im<lb/>Kloster erwarten sie einen Gast, dem sie besondere<lb/>Ehren
zu erweisen denken. Wer kann das sein??<lb/>,Soll ich ihn Dir nennen? fragte
die Cousine.<lb/>Die Andere verlangte nicht danach. ,Daß
ich<lb/>unwissentlich den alten Lobgesang auf Rom zu seiner<lb/>Ehre in das
Kloster schicken mußte - wie wunderbar<lb/>ist das! sagte sie und schaute
mit den dunkeln Augen<lb/>gedankenvoll in's Weite.<lb/>,Ich würde es als ein
gutes Zeichen, als eine<lb/>günstige Vorbedeutung ansehen,' meinte die
Coufine,<lb/>und Viktorine nahm es selber auch mit solcher Mei-<lb/>nung
auf.<lb/>-<lb/>e<lb/>- F<lb/>'<lb/>,Laß uns hoffen, daß es uns Glück
verheißend ,<lb/>H<lb/>sei!'- sagte sie. ,Der Graf wird übrigens an
der<lb/><lb/><lb/>T<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0484_179.tif" n="0179"/>
<p>E<lb/>E<lb/>E<lb/>sa.<lb/>1<lb/>Stimme dieses jungen Mönches!- sie nannte
ihn<lb/>nicht mehr Benediktus oder ihren jungen Pater wie<lb/>bisher ---
,auch seine große Freude haben. Er lielt<lb/>die Musik und ist ein Kenner
aller Kunst: ein echter<lb/>ohn Italiens und Roms!?<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0485_180.tif" n="0180"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0486_181.tif" n="0181"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0487_182.tif" n="0182"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0488_183.tif" n="0183"/>
<p>Febikt hatte sich niedergesezt, sobald er sich aus<lb/>dem Bereich von
Viktorine wußte. Er hatte sich<lb/>überwunden und war geflohen- indeß waö
half<lb/>ihm das?<lb/>Wohin er sich auch wendete, sie war bei ihm!
---<lb/>Wohin er immer blickte, sah er sie! Es war kein<lb/>Raum in seinem
Herzen, seiner Seele, den sie nicht<lb/>erfüllte - und schaudernd ließ er
die Worte des<lb/>Psalmes über seine Lippen gleiten:,Wo soll ich
hin<lb/>fliehen vor Deinem Angesicht? Führe ich gen Him-<lb/>mel, so bist Du
da, bettete ich mich in die Hölle, jo<lb/>bist Du auch da!?--<lb/>E war
wieder eine Läisterung in diesen Worte:n,<lb/>wie er sie gebrauchte,
sündhaft war Alles, was er<lb/>that und dachte; er war verdammt, sich nicht
mehr zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0489_184.tif" n="0184"/>
<p>184<lb/>erheben. Dante's verhängnißvolles: , Laßt alle Hoff-<lb/>nung
fahren!'' war für ihn gesprochen. Es blieb ihm<lb/>Nichts als bis an's Ende
willenlos in unverbrüch-<lb/>lichem Gehorsam an jedem Tage durch den Tag
zu<lb/>gehen - und das mußte er auch heute thun.<lb/>Er erhob sich seufzend
und schritt hinauf nach<lb/>feiner Mutier Hof.<lb/>Die Thüre des Hauses
stand offen und die Küchen-<lb/>thüre ebenso. Vom Heerde aus konnte Jakobäa
Jeden<lb/>sehen, der über ihre Schwelle kam.<lb/>Langsam und mit müdem
Schritte stieg der Sohn<lb/>die Treppe hinan, er hatte die Mutter seit
jenem<lb/>Morgen nicht mehr aufgesucht. Das war an sich<lb/>nichts Seltenes,
denn es war oft eine weit längere<lb/>Zeit darüber hingegangen, ohne daß der
Eine oder<lb/>die Andere es wesentlich beachtet; diesmal jedoch
hatten<lb/>sie Beide die Zahl der Tage nachgerechnet und
Jakobäa's<lb/>Bitterkeit war mit jedem Tage gewachsen.<lb/>Sie sah ihn
eintreten, ohne den Blick auf ihn<lb/>zu richten, und ließ ihn herankommen,
ohne ihn will-<lb/>kommen zu heißen. Es fiel ihm schwer, dagegen<lb/>Stand
zu halten, denn er war ohne dies genug be-<lb/>laden. Die ganze Verzagtheit
des Unglücks hatte ihn<lb/>befallen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0490_185.tif" n="0185"/>
<p>185<lb/>,Mutter,'' sagte er endlich, als er schon dicht vor<lb/>ihr stand,
,so soll es zwischen Sohn und Mutter doch<lb/>nicht sein !?<lb/>Sie legte
das Messer aus der Hand, stellte die<lb/>Schüssel fort, die sie auf ihren
Knieen gehalten hatte,<lb/>und hob die Augen zu ihm auf. ,Wa haben
sie<lb/>mit Dir gemacht? Wie siehst Du aus? rlef sie vor<lb/>der
Verstörtheit seines Angesichts erschreckend.<lb/>Er sagte, es sei ihn Nichts
geschehen.<lb/>,Du siehst nicht kenntlich auö wiederholte sie,<lb/>und von
der Angst des Mutterherzend fortgerissen<lb/>über ihren Zorn, sezte sie mit
rascher Dringlichkeit<lb/>hinzn:,Was frag' ich noch! Ich hatte mir'
ge-<lb/>dacht! Du hast gebeichtet und mußt büßen! Rede!<lb/>Rede! Ich sehe
es ja ohne das ?<lb/>Ihre Zärtlichkeit schloß ihm das Herz auf. Eu<lb/>hatte
derselben nöthiger denn je, und bemüht, sie zu<lb/>vergelten, sagte
er:,Sorge Dich nicht um mich!<lb/>Ich bin krank gewesen in meiner Seele, die
ganzr<lb/>lange Zeit! Doch wird Gott mir helfen, daß ich da-<lb/>von
genese!'<lb/>,,Genesen? -- Ja! Genesen von der Erdennoth<lb/>und von dem
Leben! Wenn man das genesen nennen<lb/>willlr rief sie. ,äu der Art von
Genesung werden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0491_186.tif" n="0186"/>
<p>18<lb/>sie Dich bringen, wenn sie's Dich so weiter treiben<lb/>lassen, und
dahin wollen sie Dich haben, denn sie<lb/>denken, damit wären sie an ihrem
Ziele!r<lb/>Benediktus bangte vor dem Tone. ,Mutter!'<lb/>fagte er, , ich
war gekommen, um mit Dir zu sprechen,<lb/>wie es dem Sohne ziemt, dem Dein
Gelöbniß seinen<lb/>Pfad bestimmt hat, ehe er geboren war; und der<lb/>nicht
Dir, nicht sich gehörte, seit er hienieden athmet!r<lb/>Sie ließ ihn nicht
vollenden. , Das ist es! Das<lb/>ist es ja!'- rief sie mit Leidenschaft. ,
Was warst Du<lb/>mir, da Du mir nicht gehörtest? Wie sollte ich
mein<lb/>Herz hängen an Denjenigen, und Denjenigen lieben<lb/>und mich
sorgen um den, der nicht mehr mein eigen<lb/>war? Ich habe zu lügen und zu
heucheln nicht ge-<lb/>lernt. Aber seit sie in das Thal gekommen ist,
und<lb/>mir begreiflich gemacht hat-- sie brach plözlich ab<lb/>und sagte,
indem sie näher zu ihm rückte:,Sie ist<lb/>hier gewesen, neulich und heut
wieder, und ich habe<lb/>allein mit ihr geredet=-e'<lb/>,Ich weiß es,' sagte
er, ,ich habe sie gesehen!r<lb/>,Du? Und wann? und wo?<lb/>,Jetzt eben. Am
Wildbach, in der Schlucht!?<lb/>, Und davon bist Du so verstöüt? fragte sie
mit<lb/>dem Scharfblick des Weibes und der Mutterliebe. Er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0492_187.tif" n="0187"/>
<p>1?<lb/>antwortete ihr nicht darauf, aber die brennende Röthe,<lb/>die seine
bleiche Stirne übergoß, schien ihr Muth zu<lb/>machen, denn ehe er es
hindern konnte, sagte sie:<lb/>,Sie hat mir Alles aufgeklärt! Die Welt ist
umge-<lb/>wandelt eben jetzt, jenseits der Berge. Es sind Ge-<lb/>setze
gegeben worden in dem neuen Neich, welche der<lb/>löster Pforten aufthun.
Nur hinülerzngehen hast<lb/>Du nöthig-<lb/>,Nicht weiter, Mutter! rief der
Sohn, ,wenn<lb/>Du mich nicht zum zwweiten Male von Dir treiben<lb/>willst.
Ich weiß das wohl! -- Doch nicht um solcher<lb/>Dinge willen kam ich her zu
Dir.?<lb/>, Höre mich!- gebot sie und hielt ihn bei der<lb/>Hand.,Ich bin
alt, Benedikt; lter alö meine Jahre,<lb/>denn Leiden zählen rascher als die
Tage des Kalen-<lb/>ders, und es wird mir keine Ruhe mehr lassen,
nun<lb/>ich weiß, daß Rückkehr aus dem Kloster in das Leben<lb/>möglich ist
=<lb/>,Nicht für mich, Mutter!' sagte Benediktus mit<lb/>völliger
Entschiedenheit. , Nicht für mich!-- Und<lb/>schlössen sich mir heut die
Pforten unferes Klosterö<lb/>auf, ich würde den Weg nicht gehen, den Du
mir<lb/>zeigst. Ich werde nicht lassen von dem Pfade, auf<lb/>dem zu wallen
ich in der freudigen Neberzeugung ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0493_188.tif" n="0188"/>
<p>188<lb/>schworen habe, daß er mich zum Heile führt, selbst<lb/>wenn mein Fuß
ihn hart zu gehen findet und die<lb/>Dornen am Wege ihn zerreißen, ehe ich,
den Frieden<lb/>findend, an mein heiß ersehntes Ziel gelange.!<lb/>Er hatte
sich über sich und seiner Seele Schwäche<lb/>emporgehoben, indem er die
Mutter zu erheben unter-<lb/>nahm; aber der lebensmüde Ausdruck seiner Züge,
der<lb/>bebende Klang seiner Stimme machten, daß sie seinen<lb/>Worten nicht
Gehör gab, und bei ihrem Sinne blei-<lb/>bend, sprach sie: ,Willst Du mich
glauben machen,<lb/>daß Deine Wangen von Ruhe und Frieden so
blaß<lb/>geworden, Deine Augen von Glück und Freude Dir<lb/>so eingesunken
sind?<lb/>,, llnd wäre es von Kummer und von Schmer-<lb/>zen, was wäre es
denn anders? gab er ihr zur Ant-<lb/>wort. ,kch habe das Kreuz auf mich
genommen und<lb/>ich will es tragen, bis es mir zum Siegeszeichen
wird<lb/>-- zum Zeichen des Sieges über mich-- und über<lb/>Dich!-- oder bis
ich unterliege unter seiner Last.? =-<lb/>Sie stand auf und sah ihn an. Sie
war, klug<lb/>genng, es zu bemerken, wie er sich erst bei ihr all-<lb/>mälig
aufgerichtet hatte, und daß er jetzt aus vollem<lb/>Herzen zu ihr
sprach.<lb/>Aber Viktorinens Zuversicht und ihr Dringen<lb/>- -,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0494_189.tif" n="0189"/>
<p>189<lb/>hatten die Vorstellungen Jakobäa's nun einmal in<lb/>die neue Bahn
gelenkt: sie hatte sich in ihrer Ein-<lb/>famkeit Tag und Nacht damit
beschäftigt, wie Bene-<lb/>diktus fliehen, wie er jenseits der Alpen seine
Freiheit<lb/>finden und wie sie dann später ihn dorthin folgen<lb/>werde, um
ihr und sein Gewissen zu beruhigen, um<lb/>vor dem Thron des heiligen Vaters
Vergebung fü<lb/>ihre und für des Sohnes Sünden durch
Viktorinens<lb/>Beistand zu erlangen. Bei ihrer Unkenntniß der
ob-<lb/>waltenden Verhältnisse war Jakoläa ebensowenig im<lb/>Stande, das
Phantastische und Unerfüllbare diese;<lb/>ihrer Hoffnungen einzusehen, als
die zähe Beharrlich-<lb/>keit ihrer Natur von denselben zu lassen
vermochte.<lb/>Mit beredter Leidenschaft stellte sie dem Sohn<lb/>noch
einmal vor, was sie von ihm erwartete, wad<lb/>Viktorine ihr verheißen
hatte. Benedikt ließ sie ge-<lb/>währen, ohne sie zu unterbrechen. Als sie
vollendet<lb/>hatte, sagte er: ,Sie hat mir das Alles angedeuten<lb/>und sie
glaubt es so; aber es wäre uns besser, win<lb/>hätten sie nie gesehen, nicht
Du, nicht ich!<lb/>,Du traust ihr nicht? rlef Jakobäa zürnend.<lb/>,Wie
dürfte ich? versezte er,,da ich den Kampf<lb/>erprobt, in den sie mich
verstrickt hat, da ich in mir<lb/>erfahren habe, was es kostet ihn zu
bestehen.'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0495_190.tif" n="0190"/>
<p>19<lb/>,Weil Du den Muth nicht hast, Dich zu be-<lb/>freien!'? fuhr Jakobäa
auf.<lb/>Benedikt entgegnete auf ihren Vorwurf nicht, und<lb/>erst nach
einer Weile sagte er: , Ich bin nicht muth-<lb/>los, Mutter! Ich habe in
diesen Zeiten große Ver-<lb/>suchnngen mit Gottes Hilfe, wie ich hoffe,
überstanden.<lb/>Ich habe, seit sie zuerst zu mir geredet, oft
hinausge-<lb/>schaut mit heißer Sehnsucht nach den Freuden und<lb/>dem Ruhm
der Welt, und nach Genüssen, an die ich<lb/>früher nicht gedacht habe und
die mir nicht bestimmt<lb/>find. Ich weiß und hab's empfunden, wie sie
ver-<lb/>lockend sind! Aber sie suchen zu gehen auf dem Wege,<lb/>von dem
sie redet, und an den Du glaubst, das hieße,<lb/>selbst wenn er zum Ziele
führen könnte, kurze Lust<lb/>mit ewiger Verdammniß sich erkaufen.?<lb/>Er
machte eine Pause, als halte er zurück, was<lb/>ihn bewege, und sich dann
zusammennehmend, sagte<lb/>er mit scheuem Zögern: ,Es steht nicht gut um
mich!<lb/>Aber auch um Dich, Mutier, steht's nicht gut! Du<lb/>bist
abgekommen von der Kirche, von der Beichte, von<lb/>dem Pfade, auf dem wir
gegangen sind, Du und<lb/>Deine Kinder, unbeirrt seit meines Vaters
Flucht,<lb/>um seiner Sünden und um Deinetwillen. Dabei,<lb/>Mutter! muß es
bleiben! damit Deine Kinder, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0496_191.tif" n="0191"/>
<p>19<lb/>für Dich gebetet haben, seit sie beten lernten, nicht<lb/>muit
hoffnungsloser Sorge an die Mutter denken<lb/>müssen, die sie in die Welt
geboren hat, damit sie<lb/>nicht die Mutter wie den Vater meiden müssen
und<lb/>verlieren.'?<lb/>Jakobäa war ergriffen, ihr Sohn war es
nicht<lb/>minder. Es war das erste Mal, daß er es unter-<lb/>nahm, sich also
über sie zu stellen, daß er in solcher<lb/>Weise zu ihr von ihrer Schuld und
ihrer Bußpflicht,<lb/>daß er als der Priester ihres Gottes zu ihr
sprach,<lb/>und der Eindruck, den er auf sie machte, wirkte
er-<lb/>muthigend auf ihn selbst zurück.<lb/>Er lernte es empfinden, wie der
Geist sich stärkt<lb/>in Denen, welchen es Pflicht ist, Andere zu leiten,
und<lb/>er genoß daneben den ersten Neiz des Herrschens,<lb/>während er
demüthig dem Befehle seiner Oberen ge-<lb/>horchte. Das Geheimniß jener klug
berechneten Ver-<lb/>bindung von Herrschaft und Gehorsam, das
die<lb/>Glieder der Kirche untereinander und in der Kirche<lb/>so
meisterhaft zusammenhält, bewährte sich an ihm.<lb/>Er konnte in dem
Augenblick absehen von sich<lb/>selbst, es vergessen, was ihn eben noch
befangen, was<lb/>ihn verwirrt hatte, als er vor die Mutter
hingetreten<lb/>war. Er fand eine Genugthuung darin, sich in dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0497_192.tif" n="0192"/>
<p>19<lb/>Dienste der Kirche, in der er erwachsen und erzogen,<lb/>deren Theil
und Glied er war, alö Berather und Er-<lb/>mahner zu versuchen; und was er
als Glaubenssatz der<lb/>Mutter vorhielt, ward in ihm als Neberzeugung
in<lb/>neuem Sinne mächtig; so daß er ihr mit Ruhe den<lb/>Wunsch aussprach,
sie möge sich entschließen die Schen-<lb/>kung ihres Hab und Gutes für ihren
Todesfall zu<lb/>Gunsten seines Klosters zu vollziehen.<lb/>Jakobäa blickte
ihn in stummem Schrecken an.<lb/>Sie hatte diesen Vorschlag von ihrem Sohne
nichter-<lb/>wartet, am wenigsten in dieser Zeit.<lb/>Er war ihr fremd wie
er jezt vor ihr stand, die<lb/>herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, den
leuchtenden<lb/>Blick ihr zugewendet, sie ermahnend mit feuriger
Be-<lb/>schwörung, sie bitend mit dem weichen Ton der Liebe,<lb/>nur an ihr
Seelenheil zu denken. Des Sohnes Wort<lb/>drang anders an ihr Herz, als das
des greisen Paters.<lb/>Sie neigte sich vor ihm und sah zu ihm empor,
sie,<lb/>die ihn geboren, die ihn an ihrer Brust genährt, auf<lb/>ihren
Knieen groß gezegen hatte. Wie sie sich um<lb/>sein irdisch Theil all die
Zeit gesorgt hatte, wie sie<lb/>jezt noch darauf dachte, ihn einzusetten in
sein Erbe,<lb/>so sorgte er sich, ihrer Seele jenseits dieses
Lebens<lb/>ihre Heimathsstätie zu bereiten; der Sohn, dem sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0498_193.tif" n="0193"/>
<p>1<lb/>sein irdisch Dasein einst geschenkt, wollte ihr die Ver-<lb/>geltung
dafür sichern in der Ewigkeit.<lb/>Es war ein Aufwallen, ein Fluthen von
Empfin-<lb/>dungen in ihr, über welche sie sich Rechenschaft zu<lb/>geben
nicht vermochte. Die Trauer, die sie fühlte, schloß<lb/>doch Freude in sich,
und das Glück der Mutterliebe<lb/>barg in sich den Schmerz, daß Benedikt
sich zu be-<lb/>freien verweigerte. Sie wünschte, ihm nachzugeben,<lb/>ihm
willfahren zu können, sie hatte ihm bisher so<lb/>wenig Zärtlichkeit
erwiesen; aber was konnte ihm seine<lb/>Mutter und Mutterliebe sein, ihm,
der nicht einmal<lb/>an dem Hause seiner Väter hing, der in sie
drang.<lb/>um seines und um ihres Heiles wegen, sich des
alt-<lb/>ehrwürdigen Besizes zu entäußern? Nicht nur ihn,<lb/>sich selber
sollte sie der Freude an ihrem Hab und<lb/>Gut berauben! und sie konnte ja
noch lange leben in<lb/>dieser Welt, ehe sie abberufen ward zu einer
anderen.<lb/>Sie hatte es dem Sohne heute ausgesprochen:<lb/>ihre leiblichen
Kinder hatte sie nicht von Herzen lieben<lb/>können, seit sie ihr nicht mehr
allein gehörten, und<lb/>auf Ausschließlichkeit und Dauer war ihr Sinn
ein-<lb/>mal gestellt. Die Kinder hatte sie schon mit dem<lb/>Kloster
theilen, sie an das Kloster verlieren müssen;<lb/>t? === =- = =-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0499_194.tif" n="0194"/>
<p>19<lb/>und Gut entsagen, sollte nur noch als Verwalter<lb/>schaffen, sich
nicht mehr als unbeschräinkte Besizerin<lb/>empfinden auf ihrem Grund und
Boden und in ihrem<lb/>Hause? Bei lebendigem Leibe sollte sie wie ein
Schemen<lb/>und Gespenst umhergehen neben denen, die auf ihren<lb/>Heimgang
ihre Plane bauten?- Nimmermehr!--<lb/>Benedikt wollte nicht von seinem Eide
und von seinem<lb/>?:<lb/>Es brachte sie anßer sich, daß er dies nicht
be-<lb/>grif, daß er nicht wie sie an diesem Hause hing, daß<lb/>er nuur an
den Himmel und das Jenseits dachte, und<lb/>fast ohne es zu wissen, rief sie
in ihrem Schmerze:<lb/>, Er ist bei mir und nicht bei mir! Die Welt
liegt<lb/>zwischen ihm und mir!'?--<lb/>,Ja die Welt! Ja die Welt!- sprach
Benedikt<lb/>ihr mit gehobener Stimme nach, ,diese
vergängliche<lb/>trügerische Welt, in welcher schon in der
nächsten<lb/>Stunde uns entrissen sein kann, woran wir hängen,<lb/>als wären
wir nicht selbst vergänglich und in jedem<lb/>Augenblick dem Tode verfallen!
Du kannst nicht<lb/>lassen von dem Hause, magst nicht denken, daß
es<lb/>Andern dereinst gehören soll? Aber weißt Du, ob der<lb/>nächste
Morgen Dir noch tagt? Ob dieses Haus, auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0500_195.tif" n="0195"/>
<p>1<lb/>das Dn neulich des Himmels Bliz hernieder riefest,<lb/>nicht morgen
schon des Feuers Beute wird?-- Dut<lb/>denkst an mich! =- An mich?- Wer bin
ich, Mutter?<lb/>Was ist mir diese Welt? Was hat sie mir zu bieten?<lb/>Was
hab ich denn in ihr zu hoffen? Die Tage und<lb/>Stunden habe ich
minutenweise algezählt, und hab<lb/>in meines Herzens Angst gefleht zu Ihm,
dessen das<lb/>Leben ist, daß er es mir verkürze--''<lb/>,. Benedikt!r tief
die Mutter voll Eutjezrn<lb/>, was ist denn geschehen?<lb/>Er fuhr zusammen.
Während er die Mutter<lb/>abzulösen trachtete von dem Hängen an dem
Irdi-<lb/>schen, hatte seine Phantasie sich willenlos zurückge-<lb/>wendet
in die Erinnerung an das eigene gezuungene<lb/>Verzichten, an sein Leiden,
und zu ihr, die ihm der<lb/>Inbegrif des Lebens und der Welt geworden
war.<lb/>Das Wort verstummte ihm im Erschrecken vor sich<lb/>selbst.<lb/>Die
Mutter stand vor ihm und sah ihm fest<lb/>in's Antliz. Er senkte den Blick
vor ihr zu Boden.<lb/>Eine unheilvolle Ahnung bemächtigte sich
ihrer.<lb/>Die Aussichten, welche Viktorine ihr eröffnet,<lb/>hatten sie
gereizt, sie hatte sich darin versenkt, wie<lb/>man das Auge weit vorwärts
in die Fernr dringen<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0501_196.tif" n="0196"/>
<p>19<lb/>läßt, während man auf festem Boden sicher da steht.<lb/>Sie hatte
Benedikt von den Banden frei zu sehen<lb/>gewünscht, die sein Eid ihm
auferlegte; aber noch<lb/>waren diese Bande nicht gelöst, noch band ihn ja
sein<lb/>Eid, ein heiliger Eid, den nicht brechen zu können<lb/>und zu
wollen er erklärte. Vor der Macht der<lb/>Gegenwart, der Wirklichkeit
gegenüber, fiel auch vor<lb/>Jakobäa's Augen das unbestimmte Hoffen auf
eine<lb/>Umgestaltung ihrer und ihres Sohnes Zukunft in<lb/>sich selbst
zusammen, und die Gewalt des angeerbten<lb/>Glaubens und der angeerbten
Vorstellungen trat auch<lb/>bei Jakobäa in ihr altes Recht.<lb/>,Du bist des
Herrn Priester,' sprach sie mit er-<lb/>habenem Ernste, indem sie ihre
schwere Hand auf<lb/>seine Schulter legte, ,und ich verehre ihn in
Dir;<lb/>aber ehe Du sein Priester warst, warst Due mein<lb/>Sohn, ich Deine
Mutter! Du hast mir mein Herz<lb/>gedeutet und vor Deinem Erkennen hab' ich
mich ge-<lb/>beugt.- Ich will Dir das Deine deuten, denn ich<lb/>hab's
erzeugt!''<lb/>, Mutter! Um Gottes Barmherzigkeit willen,<lb/>sprich das
Wort nicht aus!r rief Benedikt.<lb/>,,Wer will mich hindern, meinem Kinde in
das<lb/>Herz zu sehen? sprach sie und hielt ihn fest. ,Wer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0502_197.tif" n="0197"/>
<p>?<lb/>soll Dir'I sagen, was er sieht, wenn ich's nicht thue?<lb/>Läugne mir
es, wenn Du es kannst!-- Du liebst die<lb/>Fremde, Benedikt!=?<lb/>Ein
dumpfer Schrei rang sich aus seiner Brust<lb/>empor, und das Gesicht
verhüllend, sank er vor Ihr<lb/>nieder.<lb/>Sie umschlang ihn und drückte
ihn an ihre Brust.<lb/>So hatten Sohn und Mutter sich noch nie
umfangen.<lb/>Jezt verstand sie ihn, und Mlles war jezt anders<lb/>zwischen
ihnen. Was Liebe sei, das wußte Jakobäa!<lb/>Daß Liebe nicht vergessen,
nicht einem Andern zuge-<lb/>wendet werden könne, das hatte sie an sich
erfahren,<lb/>und Benediktus war ihr Blut, ihr Sohn! Und er<lb/>war Mönch,
der geweihte Priester seines Gottes!<lb/>Sein Unglück, sein Schmerz, sein
Vergehen<lb/>fielen, nun sie sie erkannte, wie schwere Hammerschläge<lb/>auf
sie nieder. Sie öffneten gewalisam die Quellen<lb/>der Zärtlichkeit in ihrer
Brust, die Leid und Einsam-<lb/>keit so lange verschlossen hatten. Ihre
Liebe für den<lb/>unglückseligen Sohn verwandelte ihr ganzes Wesen.<lb/>Sie
fluchte der Fremden in ihres Herzens Tiefen, und<lb/>hielt dennoch das harte
Wort zurück, um Benedikt<lb/>nicht weh zu thun, der sie liebte. Sie hätte
ihr<lb/>Leben darum geben mögen, häte sie ungescehen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0503_198.tif" n="0198"/>
<p>198<lb/>machen können, was sie selber die ganze Zeit hindurch<lb/>an ihreä
Sohnes Nuhe und Frieden gefrevelt und ge-<lb/>fündigt hatte.-- Sie haßte und
verabscheute sich selbst<lb/>und den Besiz, um dessen willen sie den Sohn
ge-<lb/>peinigt, um dessen willen sie der Fremden ihr Ver-<lb/>trauen
geschenkt, ihr willfährig Gehör gegeben, und<lb/>um dessen willen sie die
neue Schuld auf sich geladen<lb/>hatte und auf ihren Sohn.<lb/>Sie fand, da
ihre Angst nach Hilfe suchte, eine<lb/>tröstende Zärtlichkeit in sich, deren
sie sich nicht bewußt ge-<lb/>wesen war, und eine Sprache für den Sohn, die
sie noch<lb/>nie zu ihm gesprochen hatte. Der heiße Strom
der<lb/>Mutterliebe floß frei in ihrem Herzen und ergoß sich<lb/>über
Benediktus, daß die Mutter und der Sohn<lb/>unter dem Gewicht des
Schicksals, unter dessen Last<lb/>kein Erkommen und kein Hofen übrig blieb,
doch<lb/>eines Glückes genossen, dessen sie nicht theilhaftig ge-<lb/>wesen
war bis zu dieser Stunde.<lb/>Benedikt umarmte die Mutter noch einmal,
dann<lb/>stand er auf; sie folgte seinem Beispiel.<lb/>,, Und was soll nun
werden?' fragte sie, beseelt<lb/>von dem Verlangen, ihn zu befriedigen und
zu<lb/>trösten.<lb/>Er reichte ihr die Hand hin. ,Gott ist über<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0504_199.tif" n="0199"/>
<p>199<lb/>uns gewesen in dieser Stunde,! sagte er, ,und hat<lb/>uns heut
gesegnet! Laß unö ihm dafür dienen in<lb/>dankbarem Verzichten auf Mlles,
was nicht bestehen<lb/>mag vor ihm.? Er schickte sich zum Fortgehen
an.<lb/>Sie ging mit schwerem Schritte neben ihm.<lb/>,. Komm wieder!'? bat
sie, als er sich dem Aus-<lb/>gang nahte.<lb/>, Nicht eher, bis sie nicht
mehr in dem Thale<lb/>ist!' gab er ihr zur Antwwort.<lb/>,Ich komme in die
Kirche heute Abend, da werd'<lb/>ich Dich doch hören!r sagte die
Mutter.<lb/>,Geh' auch zur Beichte!'' mahnte er, und sie ent-<lb/>gegnete,
es verlange sie danach, das Herz sei ihr be-<lb/>laden, sie habe der
Vergebung nöthig -- auch<lb/>von ihm.<lb/>,Denk' nicht an mich!'r sprach
Benedikt.<lb/>Da brach ein Strom von Thränen ihr aus den<lb/>Augen, und sich
noch einmal ihm in die Arme werfend,<lb/>rief sie: ,An wen soll ich denn
denken, als an mein<lb/>eigen Fleisch und Blut, an Dich, an meinen
unglück-<lb/>seligen Sohn!?<lb/>,,Gott wird mir helfen zu tragen, was er
mir<lb/>auferlegt,' versetzte er und ging hinaus.<lb/>Sie blieb
unentschlossen auf der Schwelle stehen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0505_200.tif" n="0200"/>
<p><lb/>Sie konnte ihn nicht scheiden lassen, ohne ihm ein<lb/>Zeichen ihrer
Liebe gegeben zu haben, aber es kam ihr<lb/>hart an wie der Tod.<lb/>,,
Benedikt!' rief sie. Er wendete sich um.,Würd<lb/>- es Dich freuen, wenn
Dein Kloster mich beerbte?<lb/>,Wir haben, Du und Deine Kinder, alle
Drei<lb/>der Fürbitte sehr nöthig, Mutter!' gal er ihr zur<lb/>Antwort, ,
und Dein Andenken geehrt zu sehen unter<lb/>uns, das wäre mir ein
Segen.''<lb/>,,So sollen sie es aufsezen, ich will es
nnter-<lb/>schreiben!'' stieß sie rasch hervor.<lb/>, Gott sei gedankt, daß
er Dein Herz gelenkt!<lb/>rief Benedikt, aber sie hörte es nicht mehr. Sie
war<lb/>hineingegangen in das Haus, ihm ihre Thränen
zu<lb/>verbergen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0506_201.tif" n="0201"/>
<p>rehehntes<lb/>'npilel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0507_202.tif" n="0202"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0508_203.tif" n="0203"/>
<p>Ai Abend, um die Vesperstunde knieete Jakobä<lb/>wieder an ihrem alten Platze
in der Kirche. Di<lb/>Fremden kamen erst lange nach ihr in das
Gottes-<lb/>haus; Viktorine bot ihr, als sie an ihr vorüberging,<lb/>die
Zeit, aber Jene gab ihr keine Antwort, und machtr<lb/>das Zeichen des
Kreuzes über sich. -- Der Chorge-<lb/>sang war gerade beendet, Benedikt's
Stimme erhol<lb/>sich hell im Einzelsang.<lb/>,Daß man das heute zum lezten
Male hört!<lb/>sagte Nanette mit Bedauern.<lb/>,Es ist unglaublich, welche
Fortschritte er gemacht<lb/>hat, seit wir zum ersten Male in der Kirche
waren,''<lb/>meinte die Baronin. ,SSchön war seine Stimme<lb/>immer, aber es
ist jezt ein Ton, ein Ausdruck in sie<lb/>hineingekommen, den sie vor sechs
Wochen noch nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0509_204.tif" n="0204"/>
<p>e<lb/>hatte. Man könnte in der That vor Rührung wei-<lb/>nen, wenn man nicht
seine Freude daran hätte.!--<lb/>Viktorine, welche des jungen Mönches
Singen<lb/>sonst am lebhaftesten gepriesen hatte, schwieg heute zu<lb/>der
Bemerkung der Baronin.<lb/>Als dann der Gottesdienst beendet war, und
die<lb/>Fremden bei dem Fortgehen aus der Kirche wieder<lb/>an Jakobäa
vorüberkamen, fand die Baronin, welche<lb/>sich gewöhnt hatte, in dem Thale
bei jedem Anlaß<lb/>die huldvolle Beschützerin zu spielen, sich
gemüßigt,<lb/>an die Mutter Benedikts heran zu treten und ihr zu<lb/>fagen,
wie gefühlvoll ihr Sohn heute gesungen habe.<lb/>,Ich wollt', Ihr Fräulein
sänge einmal so wie<lb/>er!' warf Jakobäa hin, während ihr Blick finster
über<lb/>Viktorine hinstreifte.<lb/>,, Oh, versetzte die Baronin, ohne
Ahnung von<lb/>dem, was Jene meinte, ,meine Tochter hat oft geist-<lb/>liche
Musik gesungen und versteht sich außerordentlich<lb/>darauf!'? Und um das
Maß ihrer Herablassung heute<lb/>voll zu machen, setzte sie hinzu:,?ommen
Sie doch<lb/>einmal zu unserer Wirthin, liebe Frau! Dann sollen<lb/>Sie
meine Tochter hören; Ihr Herr Abt war ganz<lb/>von ihr entzückt.r?<lb/>,Ich
hab' mehr als genug von ihr gehört!! sagte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0510_205.tif" n="0205"/>
<p>2<lb/>akobäa und ging von ihnen, ohne Gruß und Lebe-<lb/>wohl.<lb/>Die
Baronin fühlte sich durch diese Abweisung<lb/>-schwer gekränkt, besonders
weil ihre Anverwandten die<lb/>Zeugen derselben waren. Sie nannte Jakobäa
eine<lb/>unheimliche abstoßende Person, die ihr von Anfang an<lb/>zuwider
gewesen sei. , Aber meine Viktorine,? sagte<lb/>sie, ,hat eine wahre
Leidenschaft für das Driginelle,<lb/>weil sie selber so originell ist, und
sucht sich solche<lb/>Menschen auf. Wenn man nuur wüßte, was die
Frau<lb/>heut' hatte!r<lb/>Sie waren während dessen an den Ausgang
der<lb/>Kirche gelangt, die Baronin und ihre Tochter traten<lb/>an das
Becken, sich mit dem Weihwasser zu benezen,<lb/>die Andern, die noch Juden
waren, standen von fern<lb/>und sahen ihnen zu. Der lebertritt zum
Christen-<lb/>thum und zur Landeskirche gehörte in ihren Augen<lb/>mit zu
dem Luxus, den ihre reichen Verwandten sich<lb/>hatlen erlauben
dürfen.<lb/>Als Viktorine sich allein mit ihrer Mutter sah,<lb/>sagte sie:
,Sprich nicht mit Jakobäa und nicht von<lb/>ihr! Pater Benedikt hat eine
Leidenschaft für mich<lb/>und ich sehe, seine Mutter weiß darum. Die
Töne<lb/>auollenihm ja heute auch wie heißeTropfenaus derBrust!'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0511_206.tif" n="0206"/>
<p>Le<lb/>Die Baronin that einen überraschten Ausruf;<lb/>indeß verwundern that
die Mittheilung sie keineswegs,<lb/>sie fand die Sache sehr natürlich. Es
hatte ja kaum<lb/>ein Mann den Reizen ihrer Tochter widerstanden.<lb/>Nur
wie es mit dem Pater so gekommen sein konnte,<lb/>das begrif sie nicht, und
häti's doch wissen mögen.<lb/>Die Tochter sagte, sie werde ihr's erklären,
wenn die<lb/>Gäste fort, und wenn man wieder in Ruhe sein würde.<lb/>,
Nanette weiß darum, sezte sie hinzu, ,wir sind ihm<lb/>heute noch begegnet
und haben ihn gesprochen. Er<lb/>ging von uns zu seiner Mutter
Haus.'<lb/>,Der Aermste! rief die Baronin, ein mitleids-<lb/>volles Lächeln
auf den Lippen, ,wie er mich dauert!<lb/>, Und mich erst!r sagte Viktorine,
während sie sich<lb/>den Anverwandten wieder zugesellte; aber die
Baronin<lb/>blickte von Zeit zu Zeit mit zärtlichem Vergnügen<lb/>ihre
Tochter an, und so bald es sich nur thun ließ,<lb/>nahm sie Nanettens Arm,
um in eifrigem Gespräch<lb/>mit ihr hinter allen Andern weit zurück zu
bleiben.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0512_207.tif" n="0207"/>
<p>Vierzehntes Cnpitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0513_208.tif" n="0208"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0514_209.tif" n="0209"/>
<p>mit<lb/>Ee paar Siunden später, als man in der Pension<lb/>den Abreisenden
noch wohlgemuth beisammen<lb/>war, folgte in dem Kloster Pater Theophil wie
immer<lb/>dem Abte in seine Zimmer.<lb/>Die Jahreszeit war vorgeschritten,
die Fenster<lb/>waren überall geschlossen, die kluge Drossel in
dem<lb/>Bauer ließ sich nicht mehr hören. In dem großen<lb/>niedrigen Ofen
prasselte das Fener, die Greise konn-<lb/>ten am Abend das geheizte Zimmer
bereits wohl<lb/>gebrauchen, und die beiden Cypernkätzchen hatten
sich<lb/>auf dem Teppich so gelagert, daß die Wärme aus der<lb/>Ofenthüre
sie berührte, ohne daß der Strahl des Feuero<lb/>ihre halbgeschlossenen
Augen traf.<lb/>Pater Theophil hatte das Schachlrett herbeige-<lb/>holt,
indeß der Abt legte die Hand darauf, ehe Iener<lb/>F. Lewald, Benedikt.
l1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0515_210.tif" n="0210"/>
<p>N1<lb/>die Figuren heraus nehmen konnte, und fich in den<lb/>weiten Armstuhl
zurücklehnend, sagte er:,Die neue<lb/>Einrichtung unserer bischöflichen
Zimmer ist zur rechten<lb/>Zeit vollendet worden. Sie nehmen sich reich
und<lb/>stattlich aus. Es ist mir lieb, daß wir dem Grafen<lb/>Stsfano als
erstem Gast dieselben jezt schon bieten<lb/>können. Auch in diesen Dingen
hat man daö Ansehen<lb/>des Klosters zu beachten, die Gemächer für die
Frem-<lb/>den müssen gut gehalten sein.?<lb/>, Hochwürden erwarten also jezt
den Grafen?<lb/>fragte Theophil, obschon er von der bevorstehenden
An-<lb/>kunft dieses Gastes durch die Unterbeamten hinläng-<lb/>lich
unterrichtet worden war.<lb/>, Mein Wagen geht ihm morgen bis an den<lb/>See
entgegen, zur Mittagsmahlzeit wird der Graf<lb/>hier oben sein!'r entgegnete
der Abt, ,und nach der-<lb/>selben können ihm die Schüler die neustudirte
Hymne<lb/>singen. Benediktus hat sie gut gesetzt und eingeübt.?<lb/>,,Er ist
auch sonst zu loben,? meinte Pater Theo-<lb/>phil, der seit sie allein
beisammen waren die schickliche<lb/>Gelegenheit erwartet hatte, dem Abte die
erwünschte<lb/>Kunde mitzutheilen und seinem Günstling eine
An-<lb/>erkennung zu erwirken. ,Benediktus ist zu loben.<lb/>Seine Mutter
hat auf seinen Wunsch und seine eber-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0516_211.tif" n="0211"/>
<p>redung heute endlich darin eingewilligt, die Ver-<lb/>schreibung ihrer
liegenden und ihrer sonstigen Habe<lb/>zu des Klosters Gunsten zu
vollziehen!<lb/>Des Abtes Augen leuchteten schnell und flüchtiz<lb/>- auf. ,
Und ist das sicher? fragte er.<lb/>Theophilus entgegnete, daß Benediktus
eigenö zu<lb/>ihm gekommen sei, ihm die Mittheilung zu machen,<lb/>nachdem
er denselben ernstlich ermahnt habe, von seiner<lb/>Mutter die Ausführung
dieses frommen Aktes nach-<lb/>drücklich zu begehren.<lb/>,Hat er gesagt,
auf welche Weise er die Zuusage<lb/>von ihr erlangt hat? erkundigte sich der
Abt.<lb/>Der Pater konnte ihm darüber keine Auskunft<lb/>geben, er
wiederholte aber, daß man den Entschluß<lb/>nur Benedikt verdanke, und daß
dieser, nach einer<lb/>heutigen Unterredung mit der Mutier ihm
gemeldet<lb/>habe, sie sei bereit, für den Fall ihres Todes
die<lb/>Schenkungsakte wie man sie abzufassen nöthig fände,<lb/>sofort zu
unterschreiben.<lb/>,So muß man sie morgen auöfertigen lassen<lb/>und Sorge
dafür tragen, daß Frau Jakobäa nicht<lb/>schwankend werde in dem guten
Vorsatz. Senden Sie<lb/>mir den Pater Benedikt; ich will selber mit ihm
reden,<lb/>und zwar noch heute und sogleich.?<lb/>11<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0517_212.tif" n="0212"/>
<p>A1<lb/>Von dem Spiel war keine Rede mehr, man hatte<lb/>eben Wichtigeres zu
thun.<lb/>Theophilus trug das Schachbrett fort und begab<lb/>sich in den
Saal hinunter, in welchem Benedikt die<lb/>Beschäftigung seiner Klasse
überwachte.<lb/>In einer Gemeinschaft, in welcher Alles seine<lb/>Zeit und
seine Stunde hat, in welcher die kleinste<lb/>Alweichung von der
festgesezten Negel als ein außer-<lb/>ordentliches Ereigniß Aufsehen macht,
blieb natürlich<lb/>das Erscheinen des greisen Paters in dem
Arbeitssaale<lb/>von keinem der Schüler unbemerkt. Es kam sonst<lb/>niemals
vor, daß man ihn um diese Siunde, die er<lb/>allabendlich mit dem Abte
zuzubringen pflegte, noch<lb/>auf den Corridoren antraf, und unter den
Scholaren<lb/>hatte man ihn, so lange man sich zu erinnern wußte,<lb/>nach
der Abendmahlzeit nie gesehen. Aller Augen<lb/>richteten sich daher auf ihn.
Es mußte etwas Be-<lb/>sonderes geschehen sein, sein Kommen mußte
etwas<lb/>Besonderes zu bedeuten haben! Aber was?<lb/>Die Frage ging von
Mund zu Munde; Niemand<lb/>hatte darauf die Antwort. Man sah, daß er
mit<lb/>Pater Benediktuö sprach, daß dieser den Arbeitssaal<lb/>verließ und
der Greis den Platz einnahm, an welchem<lb/>der junge Lehrer bis dahin
gesessen hatte. Das war<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0518_213.tif" n="0213"/>
<p>1B<lb/>noch nicht dagewesen. Keiner der Schüler vermochte<lb/>bei seiner
ruhigen Beschäftigung zu bleiben. Ein<lb/>Meteor, das am Horizonte plözlich
sichtbar geworden<lb/>wääre, hätte nicht größere Neugier erwecken, nicht
mehr<lb/>und gewagtere Vermuthungen erregen können.<lb/>Während dessen begab
sich Benedikts nach des<lb/>Abtes Zimmer. Der Abt hatte dem Laienbruder,
der<lb/>ihm den gewohnten Nachttrunk brachte, die Weisuna<lb/>gegeben,
denselben fürerst zurüczustellen. Er ging,<lb/>sehr wohl mit sich zufrieden,
und dadurch auch füe<lb/>Andere gut aufgelegt, in dem Gemache hin und
wie-<lb/>der. Der Plan, den er vor fünfundzwanzig Jahren<lb/>umsichtig
entworfen, war endlich dem Gelingen nahe;<lb/>die Frucht, des Wartens werth,
war jezt endlich reis<lb/>geworden und man konnte sie zu ernten hof
en.<lb/>Ala Benediktus ihm gemeldet wurde, ließ der<lb/>Abt sich in dem
großen Sessel nieder. Die Lampe,<lb/>die auf dem Tische vor ihm brannte, war
nach seiner<lb/>Seite grün verhängt, während sie die andere Seite<lb/>des
Zimmers hell genug beleuchtete.<lb/>, Hochwürden haben mich befohlen!' sagte
Bene-<lb/>dikt sich tief verneigend vor seinem Oberen.<lb/>, Ich wünschte
Dir mitzutheilen, daß ich die Ent-<lb/>schließung Deiner Mutter um
ihretwillen segne,' ent-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0519_214.tif" n="0214"/>
<p>N1ä<lb/>gegnete der Abt, ,nnd daß ich Dein Verhalten billige,<lb/>svfern Du
in Demuh zu derselben mitgewirkt hast.<lb/>Sie hatte es hoch nöthig, sich
abzuwenden von den<lb/>Gütern, die sie höher schätzte, als ihr Seelenheil,
und<lb/>sie wird ruhiger in ihrem Herzen werden, wenn nicht<lb/>immer wieder
der Zweifel und die Sorge sie beschleichen,<lb/>was dereinft aus ihrem
Nachlaß werden solle. Hat<lb/>sie Dir angedeutet, wie sie ihre Schenkung
machen,<lb/>und ob sie dieselbe auf ihr Haus und auf ihren<lb/>liegenden
Besiz beschränken wolle, oder sie auch auf<lb/>ihre übrige bewegliche Habe
auszudehnen denke?<lb/>, Sie hat darüber Nichts gesagt, sprach
Benedikt,<lb/>, nur beauftragt hat sie mich, Hochwürden zu ersuchen,<lb/>daß
Sie das Dokument der Schenkung nach Ihrer<lb/>Einsicht auszufertigen
befehlen. Sie wird es unter-<lb/>schreiben, wie man es ihr vorlegt. !<lb/>,
Hat sie Angehörige, die sie zu bedenken, auf die<lb/>sie Rücksichten zu
nehmen wünscht?<lb/>, Hochwürden wissen, daß von mir und
meinen<lb/>Schwestern keine Rede sein kann; und für die sehr<lb/>entfernten
Anverwandten, die uns im Aargau leben,<lb/>hat sie keine Art von
Freundschaft. Sie ist ihnen<lb/>eher abgeneigt. ?<lb/>, Und weißt Du, was
zwischen ihnen steht)<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0520_215.tif" n="0215"/>
<p>L1?<lb/>Benedikt schien zu überlegen, ob er auösprechen<lb/>solle, was er
denke, dann sagte er: ,Sie mißtrautn<lb/>ihren gelegentlichen Annäherungen,
weil sie meinte<lb/>sie trachteten nach ihrem Erbe.r?<lb/>,Das ist es!- rief
der Abt, ,daö ist der Sinn,<lb/>der Alles vergiftet und verpestet in der
Wolt. Zwischen<lb/>Blutsverwandte, selbst zwischen Kind und
Eltern<lb/>drängt sich die Habsucht ein, zerfrißt der Geiz wie<lb/>scharfer
Rost die Bande, die sie aneinander ketten!---<lb/>Du hast ein gutes Werk
gethan, mein Sohn, daß Du<lb/>Deine Mutter dahin bestimmt hast, sich nicht
über ihr<lb/>Grab hinaus um Geld und Gut zu sorgen. Bis zu<lb/>ihrem Tode
bleibe sie Herrin über dieselben wie bis-<lb/>her, und nach ihrem Abscheiden
lebt sie dann in Ehren<lb/>fort in unserm Hause, in dem Hause, dessen
Ange-<lb/>höriger Dn geworden bist. Es soll geschehen, wie sie<lb/>es
begehrt. Du selbst kannst ihr die Gewährung ihres<lb/>Wunsches morgen in der
Frühe melden.'?<lb/>Benedikt wollte nach erhaltenem Befehle sich
ent-<lb/>fernen. Der Abt gebot ihm zu verweilen. , Pater<lb/>Theophilus,''
sprach er, ,hat mir berichtet, daß Deine<lb/>Gesundheit nicht die beste ist;
und wenn der Schein<lb/>des Lichtes mich nicht täuscht, so siehst Du
ang--<lb/>grifen aus. ?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0521_216.tif" n="0216"/>
<p>L16<lb/>Der Jüngling wollte sagen, daß es mit ihm<lb/>Nichts auf sich habe,
aber der Abt kam ihm zuvor.<lb/>,Ich frage Dich nicht, sagte er. , woran Du
krankst,<lb/>es ist das die Sache des Pater Medikus, und es ist<lb/>Dir
Pflicht, die nöthige Sorgfalt zu verwenden auf<lb/>den Leib, mit dem Dich zu
bekleiden es dem Herrn<lb/>gefallen hat. Auch kann's bisweilen Jedem von
uns<lb/>heilsam und geboten sein, den Körper durch Kasteiung<lb/>daran zu
verhindern, daß er den Geist darnieder halte.<lb/>Ist das Dein Fall, mein
Sohn, so laß es ihn empfin-<lb/>den, daß Du Deines Fleisches Herr und
Meister bist;<lb/>und Der, der es ausgesprochen: Der Geist ist
willig,<lb/>aber das Fleisch ist schwach!: wird mit Dir sein!
-<lb/>Indessen,? fuhr er nach einer kleinen Pause fort, ,Du<lb/>hast zum
Defteren das Verlangen kund gegeben, die<lb/>Welt jenseits der Berge kennen
zu lernen, und uns<lb/>hier oben ist die rauhe Jahreszeit nicht fern. Es
wird<lb/>zu überlegen sein, was für Dich frommt.-- Man<lb/>könnte Dich
vielleicht gen Süden gehen lassen! -<lb/>Ich will es mit Pater Theophil
bedenken, sobald wir<lb/>Deiner Mutter in ihrem Vorhaben den nöthigen
Rath<lb/>ertheilt, und angeordnet haben werden, was sie wünscht.<lb/>Und
somit geh zur Ruh! Gott sei mit Dir!?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0522_217.tif" n="0217"/>
<p>u?<lb/>Er ertheilte ihm den Segen, Benedikt küßte seine<lb/>Hand und ging
hinaus.<lb/>Der Abt läutete, man brachte ihm den Schlaf-<lb/>trunk; dann
ließ er noch einmal den Pater Theophilus<lb/>rufen, und sie blieben lang
über die sonst von ihnen<lb/>eingehaltene Zeit beisammen. Der Abt sezte
mit<lb/>eigener Hand den Entwurf der Schenkungsakte auf.<lb/>War sie nur
erst vollzogen, so konnte man später<lb/>Benediktus zu seiner inneren
Herstellung, falls es sich<lb/>zweckentsprechend zeigen würde, für einige
Zeit in ein<lb/>andered Kloster, oder auf einen andern Posten
senden;<lb/>denn der Hauptsache war man dann versichert.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0523_218.tif" n="0218"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0524_219.tif" n="0219"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0525_220.tif" n="0220"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0526_221.tif" n="0221"/>
<p>z« Gelden Greise hatten eine ruhige und guute<lb/>Nacht; Jakobäa aber saß auf
ihrem Lager und sah<lb/>zu, wie der Mondschein, durch die Fenster fallend,
erst<lb/>diesen und dann jenen Balken des Getäfels in ihrer<lb/>Kammer mit
seinem zitternden und schwankenden<lb/>Lichte streifte und erhellte. Sie
kannte jeden Nagel<lb/>und jede Maser in dem alten Holze. Als Kind
schon<lb/>hatte sie darauf geachtet, und wunderliche Gebild.<lb/>darin
gesehen, bald thierische, bald menschliche Gestal-<lb/>tung. Maria Josepha
hatte das Alles zimmern lassen<lb/>, für sich und ihre Nachkommenschaftr?.
Es hielt und<lb/>stand noch Alles, und konnte stehen und halten noch<lb/>wer
weiß wie lange!-- Aber von der Nachkommen-<lb/>schaft war sie die Letzte,
die dies Haus bewohnte.<lb/>Heute noch war es ihr eigen, war sie
unum-<lb/>schränkter Herr darüber, morgen schon vielleicht nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0527_222.tif" n="0222"/>
<p><lb/>mehr! und Niemand trug daran die Schuld als jene<lb/>Fremde, die ihr und
ihrem Sohne zum Fluche in das<lb/>Thal gekommen war. Ihr Zorn, ihr Grimm
regten<lb/>ihr das Blut auf. Sie konnte nicht rasten auf dem<lb/>Bette, sie
erhob sich, zündete ein Licht an und öffnete<lb/>das Fenster.<lb/>Dies Haus,
ihr Haus, das sollte sie verschreiben<lb/>an die Mönche!-- Sie hatte den
ganzen Tag nichts<lb/>Anderes gedacht, die Vorstellung war ihr heut
ge-<lb/>läufiger geworden als vordem; was aber würde aus<lb/>der Bettsponde,
in welcher die Besizerinnen dieses<lb/>Hauuses gelegen hatten, Eine nach der
Andern seit<lb/>zweihundert Jahren?-- Was aus der alten Truhe,<lb/>die in
der Stube in derselben Ecke stand, seit Maria<lb/>Josepha das Haus neu
aufgerichtet hatte?-- Was<lb/>aus dem Schrank, an dessen Thüren die alten
Knap-<lb/>pen mit den langen Degen ihren Leinwandschaz
be-<lb/>wachten?<lb/>Sie ging aus ihrer Kammer in die Stube und<lb/>schloß
die Thüre ihres Schrankes auf. Die Bretter<lb/>lagen voll bis an die Ränder!
Für Kind und Kindes-<lb/>kind war hier aufgesammelt - und das Alles
sollte<lb/>jetzt nur für das Kloster gesponnen und gewoben sein.<lb/>Alles
für die Mönche, die nicht gearbeitet und nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0528_223.tif" n="0223"/>
<p>L2<lb/>gesammelt hatten wie die Frauen dieses Hauses! Für<lb/>die Mönche, die
gelebt hatten ohne Müh' und Sor-<lb/>gen wie die Lilien auf dem Felde, und
die nun sollten<lb/>gekleidet und genährt werden mit dem Habe,
das<lb/>fleißige Hände, das auch ihre Hände hier- geschaffen<lb/>- hatten,
Iahr auf Jahr in rastlos eifrigem Be-<lb/>mühen.<lb/>Sie mochte gar nicht
daran denken, sie mochte<lb/>die Sachen nicht mehr sehen, und schob die
Riegel der<lb/>schweren Thüren wieder zu.<lb/>Draußen war Alles still, im
Hause regte sich auch<lb/>Nichts, nur der Holzwurm tickte um die Wette
mit<lb/>der alten Uhr; und wenn diese Ühr ihr einst die<lb/>Todeöstunde
schlug, dann kamen sie aus dem Kloster<lb/>guten Muths herbei, ihr die lezte
Ehre anzuthun, ihr<lb/>die Epequien zu singen -- und trugen wad ihnen
be-<lb/>liebte, mit geschäftigen Händen aus den Schränken<lb/>fort, und
sezten einen Meier in Maria Josephens<lb/>Haus hinein, es zu verwalten zu
des Klosters Bestem,<lb/>wie auch sie es von dem nächsten Tage ab nur
noch<lb/>verwalten sollte für dasselbe.<lb/>Stück für Stück besah sie von
Allem, was heute<lb/>noch ihr eigen war. Kein Schub, den sie nicht
auf-<lb/>zeg, kein Löffel und kein Glas, an dem ihr Herz nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0529_224.tif" n="0224"/>
<p>L<lb/>hing, und das ihr nicht einen Seufzer auspreßte.<lb/>Sie hätte Nichts
mehr sehen mögen und konnte doch<lb/>nicht davon lassen. Sie kam sich wie
ein irrer Geist<lb/>vor, der seiner nicht mehr Meister ist.<lb/>,, Sie
werden wohl beten müssen, damit ich Ruhe<lb/>finde in dem Grabe und nicht
umgehen muß allnächt-<lb/>lich hier in diesem Hause!'' sagte sie zu sich
selber,<lb/>und ein Schauder flog ihr durch die Glieder, wie sie<lb/>diese
Worte vor ihrem Ohr erklingen hörte. Sie war<lb/>des Denkens und des Lebens
müde. Sie sezte sich<lb/>vor ihrem Bette nieder, denn es kam ihr nicht mehr
wie<lb/>das ihre vor; und den Kopf gelehnt an seine hochge-<lb/>thürmten
Kissen, schlief sie eine Weile, bis das Grauen<lb/>des Tages sie erweckte,
bis im Kloster zur Frühmette<lb/>geläutet ward, und sie hinabging in die
Kirche.<lb/>Einige Stunden später, als die Verwandten der<lb/>Baronin das
Thal verlassen hatten, ging auch die<lb/>Wirthin der Pension hinüber in das
Kloster. Die<lb/>Büchse, welche sie gleich bei Eröffnung der
Kuranstalt<lb/>in ihrem Hause für die Armen aufgestellt, hatte durch<lb/>die
Abreisenden reiche Spenden erhalten. Sie faßte Z<lb/>sich schwer an, das
Geld, das man hinein that, fiel-.<lb/>und klang nicht mehr; und da es für
das Armen und - -<lb/>das Waisenhaus bestimmt war, wußte die Wirthin
sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0530_225.tif" n="0225"/>
<p>N<lb/>etwas damit, oie erste Sammlung schon jezt dem<lb/>Zahlmeister des
Klosters abliefern zu können.<lb/>Der Doktor, der das Mißtrauen der
Klosterherren<lb/>kannte, hatte ihr vorsichtig gerathen, sich für
die<lb/>Sammlung eine von dem Zahlmeister verschlossene<lb/>Büchse geben zu
lassen, und da man sie nun öffnete<lb/>und sich ihr Inhalt beträchtlicher
erwies, als man es<lb/>erwartet hatte, ward der Neberbringerin ein
sehr<lb/>freundlicher Empfang zu Theil. Der Zahlmeister<lb/>rühmte den
christlichen und barmherzigen Sinn, den<lb/>die Frauen dieses Thales von
jeher bis auf diesen<lb/>Tag bewiesen hätten und ihre Anhänglichkeit an
daä<lb/>Stift, dem allerdings die Gemeinde ihr Aufkommen<lb/>und ihr
Gedeihen verdanke. Er sprach das, wie man<lb/>desgleichen in solchen Fällen
im Kloster und von der<lb/>Kanzel stets zu sagen pflegte; es klang der
Wirthin<lb/>jedoch, als hätte es heute noch eine besondere Mei-<lb/>nung,
und daß des Paters kleine scharfe Augen allein<lb/>über den Inhalt der
Armenbüchse sogar freundlich<lb/>glänzten, kam ihr nicht wahrscheinlich vor.
Sie mochte<lb/>jedoch nicht gerade fragen und er sagte weiter
Nichts.<lb/>Draußen auf dem Hofe vor den Wirthschafts-<lb/>gebäuden, als sie
die erhaltene Quittung in den Leder-<lb/>beutel steckte, den sie immer in
der Tasche trug, sah<lb/>F. Lewald, Benedikt. Ü.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0531_226.tif" n="0226"/>
<p>e<lb/>sie Jakobäa aus der Klosterthüre herauskommen. Sie<lb/>krafen sich
selten einmal, denn die Wirthin hatte vor-<lb/>nehmlich in der Sommerszeit
immer viel zu schaffen,<lb/>und Jakobäa ging erst recht nicht mehr von
ihrem<lb/>Hause fort, wenn es nicht zur Kirche war.<lb/>,Was hast Du hier zu
thun? fragte die Wirthin.<lb/>Jakobäa hob die Augen kaum zu ihr
empor.<lb/>,Jezt Nichts mehr!'r sagte sie und ihre Stimme klang<lb/>dabei so
sonderbar, daß die Wirthin meinte, es sei ihr<lb/>schlecht geworden. ,Ich
habe überhaupt Nichts mehr<lb/>zu thun!'?<lb/>,Sez Dich nieder!r sagie die
Wirthin.<lb/>,Sa dorten!! antwortete ihr die Andere und<lb/>ging ihr durch
den Hof voran, bis zu dem Gottes-<lb/>acker, der an die Kirche
stieß.<lb/>Hart an der Mauer hatten die Anschaffns ihr<lb/>Erbbegräibniß.
Jakobäa trug den Schlüssel immer an<lb/>dem Bund am Gürtel mit ihren andern
Schlüsseln,<lb/>Wie sie an das Gitter kam, schloß sie die Thüre auf.<lb/>Die
Wirthin glaubte, es habe irgend einen Streit ge-<lb/>geben um den Plaz, oder
es sei an den Gräbern<lb/>von Muthwilligen gefrevelt worden; aber
Jakobäa<lb/>sah sich gar nicht danach um, sondern sezte sich auf,<lb/>ihres
Vaters Grabhügel und starrte vor sich nieder<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0532_227.tif" n="0227"/>
<p>s<lb/>E<lb/>während sie die gefalteten Hände zwischen ihren<lb/>Knieen
hielt.<lb/>Der Wirthin wurde Angst dabei. ,Sage mir<lb/>nur, was Du hast?
ermahnte sie.<lb/>,Das ist Alles, wwas mir bleibt! Und danach<lb/>werden fie
wohl kein Verlangen haben!'' sprach Jakobäa<lb/>vor sich hin.<lb/>Die
Wirthin verstand die Meinung nicht und<lb/>wiederholte ihre Frage. Da
richtete Jakobäa ihr Ge-<lb/>sicht empor und sagte: ,Im Grunde ist das
Alles<lb/>Euer Werk, Deines und des Doktors!-<lb/>Die Wirthin meinte, sie
rede irre und wie sie es<lb/>versuchte, ihr beizukommen, brach Jakobäa davon
al,<lb/>bis sie nach einer Weile wieder zu reden anfing:<lb/>,Sieh mich an!r
sagte sie, ,So sieht Einer aus, oer<lb/>auf der Welt Nichis mehr sein eigen
nennt, als diese<lb/>Gräber hier, und auf dessen Tod sie warten.
Icch<lb/>hab' mein Haus und Hof, mein Hab und Gut auf<lb/>meinen Tod
verschrieben an das Kloster! Ich hcb<lb/>jezt keine Heimath mehr!?<lb/>Die
Wirthin that einen Audruf des Erschreckens<lb/>und des Mitleids, aber man
hatte eigentlich in dem<lb/>Thale diese Möglichkeit schon lang
vorauögesehen, und<lb/>weil es ihr darauf ankam, die
Zusammengebrochene<lb/>zz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0533_228.tif" n="0228"/>
<p>N8<lb/>aufzurichten, sagte sie zu Jakobääa tröstend: , So lange<lb/>Du lebst,
bleibt es ja Dein! und wem wolltest Du's<lb/>auch geben, da Deine Kinder
Alle geistlich sind.<lb/>Jakobäa wiegte gedankenvoll den Kopf. ,Eaß
es<lb/>gut sein!' sprach sie, indem sie aufstand. , Mit dem<lb/>Trost kommst
Du mir nicht auf den Grund. Wer<lb/>im Glück sizt, sieht in's fremde Unglück
nicht hinein!<lb/>Es ist auch einerlei!?<lb/>Die Wirthin wußte mit ihr
Nichts zu machen,<lb/>sie gingen schweigend neben einander her, bis
Jakobäa<lb/>mit einem Male sagte: ,Und daß ich es noch um<lb/>seinetwillen
thun mußte, daß ich es gethan, um ihm<lb/>wenigstens doch eine Freude auf
der Welt zu machen,<lb/>daß er es so verlangt hat um seiner Seelen
Selig-<lb/>keit!-- Er hat still dabeigestanden, als ich es
ver-<lb/>schrieben und fortgegeben habe, was unser gewesen<lb/>ist, seit
Menschengedenken. Mir hat die Hand ge-<lb/>zittert und ich habe nicht
gesehen, was ich schrieb. In<lb/>feinem Gesicht da hat sich Nichts geregt.
Aber freilich!<lb/>er hat's auch nicht besessen, und hat jetzt nicht
hinauf-<lb/>zukommen in das Haus, wie ich, unter meine Knechte<lb/>und
Mägde, selber nuur noch des Klosters Knecht und<lb/>Magd, das erntet, wo ich
säe und schaffe.r?<lb/>Sie blieb jedem Zuspruch unzugänglich. Es
half<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0534_229.tif" n="0229"/>
<p>2<lb/>nicht, daß die Freundin ihr wiederholte, sie könne duch<lb/>noch Freude
haben an den Töchtern und besonders an<lb/>dem Sohne.<lb/>,Freude? Rch!'--
fiel Jakobäa ein. ,Woran?<lb/>An wem? Ich habe Nichts und Niemand
mehr!<lb/>Keine Erben, und zu vererben auch Nichtä? -- Mich<lb/>ficht jetzt
Nichts mehr an; ich bin zu End' mit Freud'<lb/>und Leid !<lb/>Es graute der
Wirthin, da Jakoläa also sprach;<lb/>indeß wie dieselbe nun einmal war, ließ
sich Nict<lb/>weiter mit ihr machen. Sie hatten auch Beide nicht
di.<lb/>Zeit, noch länger zu verweilen und gingen von
ein-<lb/>ander.<lb/>Als die Wirthin nach Hause kam, saß Viktorine<lb/>in dem
kleinen Garten in der Laube, und der Doktor,<lb/>der seine Krankenbesuche
abgemacht hatte, war auch<lb/>herangetreten.<lb/>Viktorine sprach mit ihm
davon, ob ihre Anrer-<lb/>wandten wohl schon den Paß nach dem andern
Thale<lb/>überschritten haben würden und sagte: ,Wir Menschen<lb/>sind doch
wunderlich geartet, und eigentlich, wie ich<lb/>glaube, gar nicht für die
Geselligkeit geschaffen, obschon<lb/>man uns das glauben machen möchte. Ich
hatte<lb/>wirklich mein Vergnügen an der Anwesenheit der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0535_230.tif" n="0230"/>
<p>W<lb/>Tante und ihrer Familie, ich freute mich jeden Tag,<lb/>daß Nanette mit
uns war; nun sie aber wieder fort<lb/>sind, finde ich, daß das Mlleinsein
unbeschreiblich süß<lb/>ist; und ich kann sagen, ich hale einen
köstlichen<lb/>Morgen hier in der Siille zugebracht.?<lb/>,Da sind Sie
besser daran gewesen als ich,'be-<lb/>merkte die Wirthin, ,denn ich habe
eine Begegnung<lb/>gehabt, die mir in der Seele wehe gethan
hat.!<lb/>Viktorine wollte wissen, wa es gewesen sei und<lb/>die Wirthin
hatte keinen Grund, mit ihrer Neuigkeit<lb/>hinter dem Berge zu halten. Sie
erzählte in aller<lb/>Ausfühtlichkeit, was heute geschehen war.<lb/>, Und
heute, sagen Sie, tlef Viktorine, , hat<lb/>Frau Jakobäa die
Schenkungsurkunde vollzogen? Und<lb/>fie hat behauptet, sie habe sich auf
ihres Sohnes<lb/>Wunsch dazu entschlossen? Das versteh' ich nicht.?<lb/>Der
Doktor fragte, ob sie denn Jakoläa näher<lb/>kenne und sie neuerdings
gesprochen habe?<lb/>, Ach, freilich kenne ich sie näher; sehr
genau!<lb/>Und ich habe sie noch gestern in der Frühe gesprochen!<lb/>Ich
war mit der Eousine bei ihr, und noch gestern<lb/>hegte und äußerte sie
Plane, die mit ihrem heutigen<lb/>Eutschlusse in gradem Widerspruche
stehen!-- Pater<lb/>Benediktus war alleudings nach mir bei seiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0536_231.tif" n="0231"/>
<p>L8t<lb/>Mutter, um, wie er sagte, Geschäfte uit ihr
alzu-<lb/>handeln.'?<lb/>Der Doktor und seine Mutter waren ganz
ver-<lb/>wundert. Viktorine hatte niemals kund gegeben, daß<lb/>fie Jakobäa
und den jungen Pater zum Defteren ge-<lb/>sehen habe, sie näher kenne; aber
sie zeigte sich jezt<lb/>plözlich mit den Verhältnissen und
Seelenzuständen<lb/>der Mutter und des Sohnes so vertraut, und
zugleich<lb/>so betroffen üler das, was die Wirthin eben gemeldet<lb/>hatte,
daß es den Beiden auffallend erscheinen mußte.<lb/>, E ist auf diese Art von
Leuten doch gar kein<lb/>wirklicher Verlaß!'' sagte sie mit Unmuth und
Gering-<lb/>schätzung, und ging davon und in das Haus.<lb/>Der Blick, mit
wwelchem ihr der Doktor folgte,<lb/>war Nichts weniger als freundlich. ,Wa
sie nur haben<lb/>mag ? fragte die Wirthin.<lb/>,Was sie hat? Ohne Zweifel
irgend eine Teufelei,<lb/>die sie da oben angerichtet hat! entgegnete der
Doktor.<lb/>,, Ich kenne das, wenn sie sich mit einer ihrer
tief-<lb/>finnigen Sentenzen aus dem Staube macht. Das<lb/>thut sie
regelmäßig, wenn ihr Etwas nicht gelegen<lb/>kommt und sie's verbergen
will.?<lb/>, Und dazu Jakobäa,- sprach die Wirthin, ,die<lb/>mir bitter
vorwarf, Du und ich, wir Beide trügen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0537_232.tif" n="0232"/>
<p>7<lb/>eigentlich die Schuld an ihrem<lb/>nicht einmal, was sie sich
dabei<lb/>zu sehr zrrschlagen. -<lb/>Der Doktor horchte auf.<lb/>Erklärung
aufzudämmern, aber<lb/>Unglück. Ich fragte<lb/>dachte, denn sie
war<lb/>Ee<lb/>schien ihm eine<lb/>sprach nicht aus,<lb/>- -==- ==-- «--
T.I<lb/>was er besorgte. ,Erage auch nicht<lb/>Falle gut, nicht viel davon
zu reden!'<lb/>=ac<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0538_233.tif" n="0233"/>
<p>Sechssehnes<lb/>npitel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0539_234.tif" n="0234"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0540_235.tif" n="0235"/>
<p>Jefarlne ließ sich den ganzen Vor- und Nach-<lb/>mittag nicht sehen. Sie
speiste freilich immer mit<lb/>der Baronin allein in ihren Zimmern, aber sie
hatte,<lb/>seit die Pension mehr Gäste und unter diesen eine<lb/>Anzahl
junger und angenehmer Männer beherbergte,<lb/>sich meist um die Kaffeestunde
unter der neugebauten<lb/>Veranda der allgemeinen Gesellschaft angeschlossen
---<lb/>heute blieb sie aus.<lb/>Sie machte sich nicht gern mit Anderen zu
thnn,<lb/>wenn sie nicht mit sich im Gleichgewichte, nicht
die<lb/>Heiterkeit strahlende Viktorine war, und sie war immer<lb/>mit sich
unzufrieden, wenn es ihr nicht gelungen war,<lb/>ihre Einfälle und ihren
Willen durchzusezen. Solchen<lb/>Zustand hielt sie jedoch nie lange aus, fie
suchte rasch<lb/>und fand gar leicht die Mitiel, ihn zu beenden und
sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0541_236.tif" n="0236"/>
<p>8e<lb/>mit sich selber auszusöhnen. Sie kam auch heute<lb/>bald damit
zurecht.<lb/>Was war denn Unvorhergesehenes geschehen?<lb/>fragte sie sich
selbst. Sie hatte sich geirrt in einem<lb/>Falle, in welchem sich getäuscht
zu haben schön war;<lb/>sie war besiegt worden in einem Kampfe, dem
kleine<lb/>und beschrtinkte Seelen nie zum Opfer werden, weil<lb/>sie nicht
daran denken können, ihn jemals einzugehen;<lb/>und sie hatte eine Erfahrung
gemacht, die ihr nicht<lb/>verloren sein sollte: sie hatte die hohe
Bedeutung der<lb/>kirchlichen Tradition für alle diejenigen Menschen
ken-<lb/>nen lernen, die nicht durch eine freie philosophische<lb/>Bildung,
wie sie und ihr Vater sie besassen, sich auf<lb/>sich selbst zu stüzen, in
sich selbst zu beruhen, und aus<lb/>eigner Machtvollkommenheit mit den
Dingen und mit<lb/>den Erlebnissen fertig zu werden verstehen.<lb/>Wenn
Jakobäa, troz der Aussichten, die sie ihr<lb/>eröffnet hatte, sich denselben
nicht zuzuwenden wagte;<lb/>wenn weder seine Liebesleidenschaft, noch die
Begeiste-<lb/>rung für die Kunst den jungen Mönch bewegen konn-<lb/>ten,
sich zu befreien; was bewies das Anderes, als-<lb/>daß er und seine Mutter
mit Zuversicht die Selig-<lb/>keit erwarteten, welche sie im Jenseits für
ihr irdisches<lb/>Entsagen schadlos halten sollte! Daß sie zu
dieser<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0542_237.tif" n="0237"/>
<p>Ne<lb/>Erkenntniß gekommen war, ehe Benediktus einen ent-<lb/>scheidenden
Schritt gethan hatte, das war ein Glück<lb/>zu nennen. Es wäre immer, so
sagte sie es sich, bei<lb/>so gearteten Naturen schwer zu verbürgen
geblieben,<lb/>,ob sie in der Welt, in welche sie bereit gewesen
war<lb/>bieselben einzuführen, sich festsezen, sich heimisch machen<lb/>und
Ersaz finden würden für die verhältnißmäßige<lb/>Zufriedenheit und für das
Glück, die sie bidher be-<lb/>sessen, und -die ihnen in gleicher Weise nicht
zuzu-<lb/>sichern gewesen sein würden, falls sie sich
entschlossen<lb/>hätten ihr nachzufolgen. Dies Alles und noch
manches<lb/>Andere, was Viktorine sich nicht vorgehalten hatte,<lb/>als sie
mit ihren phantastischen Planen Jakobäa und<lb/>Benediktus auö ihrer mühsam
errungenen Ruhe auf-<lb/>gerüttelt hatte, das sezte sie sich jetzt mit
großer Klar-<lb/>heit auseinander, da ihr daran gelegen war, sich
über<lb/>eine peinliche Erinnerung und eine unheimliche
Sorge<lb/>fortzuhelfen. Sie konnte, wie es ihr Bedürfniß war,<lb/>hell sehen
oder sich verblenden, je nach dem!<lb/>Zufrieden, das konnte sich Viktorine
nicht ver-<lb/>bergen, war freilich Jakobäa nicht, und wie ein
Glück-<lb/>licher hatte gestern Benedikt nicht ausgesehen, als er<lb/>in der
Schlucht von ihr geschieden war. Aber Zu-<lb/>friedenheit und Glück! Wer
konnte sich ihrer auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0543_238.tif" n="0238"/>
<p>728<lb/>berühmen? Wer besaß sie, wie er's wünschte?--<lb/>Sie schlug die hent
gemachten Erfahrungen immer<lb/>höher an.<lb/>Sie fing nachgerade an, es für
sich selbst als<lb/>einen Segen zu betrachten, daß sie in dies
Thal<lb/>hinaufgekommen war; sie fühlte sich beinah versucht<lb/>es wie ihre
Mutter eine Schickung der Vorsehung zu<lb/>nennen. Denn da es ihr beschieden
war, als die<lb/>Gattin des Grafen Stefano lünftig sich in den
Kreisen<lb/>zu bewegen, in welchen die Macht der
christkatholischen<lb/>Kirche gipfelt, so war es von hoher Wichtigkeit
für<lb/>sie, daß sie hier in der Einsamkeit einen anderen und<lb/>tieferen
Einblick in daö Wesen der Kirche gethan hatte,<lb/>alö jenen, zu welchem ihr
bisher in der Gesellschaft<lb/>und an ihrer Mutter Seite, die Gelegenheit
gebeten<lb/>worden war. Sie schämte sich, je mehr sie es be-<lb/>dachte, des
frevelhaften Leichtsinnes, mit welchem sie<lb/>sich über ihre religiösen
Ansichten und über die Kirche<lb/>F<lb/>gegen Pater Theophil geäußert hatte;
sie war ent-<lb/>schlossen, ihm dies offen zu bekennen, und weil
sich's<lb/>so am Sichersten und Besten ihun ließ, kam sie auf -<lb/>den
Einfall, am nächsten Morgen ihm zu beichten, was-<lb/>sie bisher zu thun
unterlassen hatte. Sie wollte mit ?<lb/>diesem öffentlichen Anerkenntniß
sich beugen vor jener<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0544_239.tif" n="0239"/>
<p>W89<lb/>Macht, die fest in sich geschlossen, durch ihre meister-<lb/>hafte
Drganisation ihr plözlich der Bewuunderung<lb/>werth erschien, schon
deshalb, weil sie immer noch<lb/>Millionen Menschen stüzte, tröstete,
beherrschte!--<lb/>Denn Herrschaft- das war das Einzige, wovor
sie<lb/>wirklich Achtung und Bewunderung hegte; und der<lb/>Gedanke an die
große Macht der Kirche richtete sie auf<lb/>und hob sie über sich und über
den bangen Mißmuuth<lb/>empor, der sie unheimlich befangen hatte.<lb/>Das
Gaukelspiel desSelbstbetruges war damit wieder<lb/>einmal von ihr geschickt
vollendet worden. Sie athmete<lb/>wieder befreiten frohen Herzenö auf, sie
kam sich besser,<lb/>einsichtiger und reifer vor, als noch vor wenig
Stun-<lb/>den. Es gefiel ihr zu denken, daß ein
wunderbares<lb/>Zusammenwirken ungewöhnlicher Verhältnisse sie
auf-<lb/>gekläärt, ihre Thorheit umgewandelt habe in Erkennt-<lb/>niß. Wenn
sie auch mit den Gläubigen zu glauben<lb/>nicht vermochte, so hatte sie den
Glauben derselben<lb/>doch anerkennen, ihn als eine Kraft verehren
lernen,<lb/>und das war für sie ein Großes, um ihrer eigenen<lb/>Zukunft
willen.<lb/>Sie stand auf, da sie an der Baronin Thüre<lb/>klopfen hörte. Es
war die Stunde, zu welcher die-<lb/>selbe den Pater Theophil erwartete. Sie
verfügte sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0545_240.tif" n="0240"/>
<p>L40<lb/>zu ihrer Mutter, um mit Theophil zu sprechen. Sie<lb/>wollte ihn auf
die Sinnesänderung vorbereiten, welche<lb/>sie erfahren hatte; und ihm ihre
Neigung kund thun,<lb/>morgen oder doch an einem der nächsten Tage
sich<lb/>zur Beichte bei ihm einzustellen.<lb/>Die Baronin machte die
Bemerkung, Viktorine<lb/>habe, seit sie die Heimath verlassen, diese heilige
Pflicht<lb/>noch nicht erfüllt; die Tochter entgegnete, sie sei
nicht<lb/>immer fähig, sich zu sammeln; in ihr sei Alles plöz-<lb/>lich, ihr
komme das Beste unerwartet, und selbst die<lb/>Sammlung erfasse ohne all ihr
Zuthun meist plözlich<lb/>ihr Gemüth. Sie könne sich derselben nicht als
ihres<lb/>Werkes berühmen, sondern habe sie als einen Segen<lb/>von oben zu
empfangen.<lb/>Sie war dem Pater neu in dieser Geistesrichtung,<lb/>er
mißtraute also ihren Reden, wenn schon er's ihr<lb/>nicht kund gab. Sie
frage, ob er sie morgen hören<lb/>wolle? Er entgegnete, zur Nebung seiner
Amtspflicht<lb/>sei er stets bereit, er stehe ihr zu Diensten. Als
man<lb/>eben damit umging, die Stunde für die Beichte fest-<lb/>zusetzen,
rollte des Abtes Wagen vor dem Hause rasch<lb/>vorüber.<lb/>Der Pater hatte
sich nicht umgesehen; Viktorine,<lb/>welche dem Fenster gegenüber saß,
sprang empor:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0546_241.tif" n="0241"/>
<p>1<lb/>, Was ist das?- Graf Stefano ! rief sie -,Welch'<lb/>eine Neberraschung
!''<lb/>Der Graf hatte emporgeblickt, hatte sie gesehen<lb/>und freudenvoll
gegrüßt. Viktorinens Antliz, die eben<lb/>so wenig als ihre Mutter von dem
Tage seiner Ankunft<lb/>unterrichtet gewesen war, hatte sich rasch gefärbt;
aber<lb/>sie versuchte es, ihre Aufregung dem Pater zu verbergen.<lb/>,Wie
reizbar wird man in der Einsamkeit!'' sagte<lb/>sie. , Sie stählt die Nerven
nicht, sie macht sie ner<lb/>empfindlicher!?<lb/>,Deine Hände sind eiskalt!'
bemerkte die Mutter<lb/>und griff nach ihrem Aetherfläschchen, während sie
ihre<lb/>Genugthuung nicht zu verbergen vermochte. ,Gott,<lb/>was sie für
ein Herz hat! Sie fühlt doch Mlles tiefer,<lb/>schöner, als die anderen
Menschen!'?<lb/>Viktorine wies der Mutter Lob wie ihren Bei-<lb/>stand ab.
,Was werden Sie nur von mir denken,<lb/>Pater Theophilus? fragte sie, und
das Lächeln, das<lb/>auf ihren Zügen lag, gab ihr einen
mädchenhaften<lb/>Liebreiz.<lb/>,Nichts, als was Sie morgen mir
anvertrauen<lb/>werden!' sagte der Greis und wollte sich
entfernen.<lb/>Viktorine hielt ihn noch zurück. Sie erkundigte<lb/>sich, ob
er den Grafen etwa kenne. Er verneinte es,<lb/>F. Lewald, Benedikt.
1.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0547_242.tif" n="0242"/>
<p>L4L<lb/>sagte aber, er habe gewußt, daß der Herr Abt ihn<lb/>schon seit
längerer Zeit erwartet, und heute gesendet<lb/>habe, den Gast hinauf zu
holen.<lb/>Sie war erregter, als er sie je gesehen hatte, es<lb/>war
unverkennbar, daß sie den Grafen auf ihre Weise<lb/>liebte. Sie konnte sich
nicht wie sonst beherrschen<lb/>und als der Pater schon an der Thüre stand,
ging sie<lb/>ihm nach.<lb/>,Verrathen Sie mich nicht!r bat sie. Er
sagte,<lb/>sie könne sich auf seine Verschwiegenheit verlassen.<lb/>Die
Baronin nahm sie in die Arme und küßte sie.<lb/>,Du holder Engel!r rief sie,
,wwie würde es ihn<lb/>entzücken.<lb/>, Und dazu das gottverfluchte Spiel mt
Benedikt!?<lb/>sprach Theophil in seinem Herzen, und hatte seines<lb/>ganzen
christlichen Erbarmens nöthig, nicht voll Abscheu<lb/>den Stab zu brechen
über sie in seinem Herzen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0548_243.tif" n="0243"/>
<p>Fichenzehnies<lb/>npiiel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0549_244.tif" n="0244"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0550_245.tif" n="0245"/>
<p>,wei Stunden später lag Graf Stefano zu Vit-<lb/>torinens Füßen, hing sie an
seinem Halse. Es war<lb/>ein stolzes, ein gar schönes Paar und wie
geschaffen<lb/>für einander.<lb/>Das ganze Haus nahm Theil an der
Verlobung,<lb/>die jedoch geheim gehalten werden sollte, bis zu
der<lb/>Ankunft des Barons, dem man sofort davon die Mit-<lb/>theilung
gemacht hatte. Der Diener blieb in! einem<lb/>Gehen und Kommen, der
Telegraph hatte keine Ruh<lb/>noch Rast.<lb/>Die Baronin schwamm in Wonne.
Sie um-<lb/>armte die Wirthin, sie küßte deren Tochter. Weil der<lb/>Himmel
ihr so gnädig war, wollte sie es ihen Mit-<lb/>menschen auch nicht an
Herablassung und Gnade fehlen<lb/>lassen. Noch spät am Abend mußte der
Diener ein<lb/>Zettelchen hinüber tragen in das Kloster. Pater
Ther-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0551_246.tif" n="0246"/>
<p>L4s<lb/>phil mußte es durch sie selbst erfahren, daß Gott ihr<lb/>L<lb/>-
g<lb/>A<lb/>-<lb/>Gebet erhört, ihres Herzens heißesten Wunsch
erfüllt<lb/>habe. Sie hoffte jezt für ihrer Tochter Seelenheil,<lb/>z<lb/>so
schrieb sie ihm, das Beste, da sie dem skeptischen j<lb/>Einfluß ihres
Vaters entzogen und in die Nähe dessen<lb/>gelangen werde, von dem der
irdischen Kirche ihr<lb/>Licht ausströme.-- Und als dann der Diener
aus<lb/>dem Kloster wiederkehrte, theilte fie es noch in aller<lb/>Eile
ihren nächsten jüdischen Arverwandten in der<lb/>Heimath mit, daß ihre
Viktorine sich so eben mit dem<lb/>römischen Grafen Stefano verlobt habe,
der zu den<lb/>nächsten Nepoten Seiner Heiligkeit gehöre und in
der<lb/>Nobelgarde Obrist sei.- Ihre Eousine hatte sich<lb/>Etwas darauf
eingebildet, daß ihre Tochter schon mit<lb/>sechszehn Jahren einen adligen
Offizier geheirathet<lb/>hatte!-- Viktorine machte jetzt mit ihren
neunund-<lb/>zwanzig Jahren eine andere Partie! Wie kleidete es<lb/>sie,
wenn sie italienisch mit dem Grafen sprach! Wie<lb/>zärtlich war die Tochter
heute auch gegen sie, und wie<lb/>glücklich sah sie aus!<lb/>Viktorine
fühlte sich auch glücklich!-- Vor wenig<lb/>Stunden noch hatte sie sich
gesagl, daß im Grunde<lb/>Niemand ganz zufrieden, Niemand völlig glücklich
sei.<lb/>Und jezt bewies der Himmel ihr, wie viel der
Freude<lb/>z<lb/>-<lb/>A<lb/>T<lb/><lb/>A<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0552_247.tif" n="0247"/>
<p>L?<lb/>und des Glückes er dem Menschenherzen spenden<lb/>könne; jezt fand sie
es in sich bestätigt, was sie zur<lb/>Zeit ihres ersten Zusammenkommenö mit
Pater Thev-<lb/>phil von sich behauptet, daß großes, volles Glück,<lb/>ein
Glück, wie sie eö sich erträumt, sie rühren,<lb/>sie in Demuth vor der Gunst
des Himmels nieder-<lb/>nerfen wüürde. Ihr Herz war voll von frohem
Dank,<lb/>fie weinte Freudenthränen, als sie ihr Haupt zum<lb/>Schlafe
niederlegte, sie dachte npch über des Schicksalö<lb/>Walten lange
nach.<lb/>Wie war ihr Loos verschieden von vieler anderen<lb/>Menschen Loos!
Von Benedikta! Von Jakobäa's! --<lb/>Wer konnte das Weshalb ergründen? Wer
sagen,<lb/>wozu ihr Leiden jenen frommen sollte? Sie beklagte<lb/>Beide
aufrichtig! Sie nahm so vielen Theil an ihnen,<lb/>und konnte ihnen doch
nicht helfen, konnte gar Nichts<lb/>für sie thun, so wie sie einmal waren!
Das; Pater<lb/>Theophil die Mutter und den Sohn getreu berieth,<lb/>war ihr
ein großer Trost. Sie wollte sich auch üler<lb/>diese Beiden morgen gleich
mit ihm besprechen. Die<lb/>Ausicht, ihm zu beichten, that ihr wohl, und mit
dem<lb/>inbrünstigen Wunsche, daß der Himmel ihre und des<lb/>Grafen Zukunft
segnen und behüten möge, schlief sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0553_248.tif" n="0248"/>
<p>L48<lb/>ein. Sie kam sich zum ersten Male recht von Herzen<lb/>fromm
vor.<lb/>Früh, als sie zur Beichte ging, stand Graf<lb/>Siefano am Fenster
in dem Zimmer, das er außer-<lb/>halb der Klausur in den Gastgemächern
bewohnte.<lb/>Sie hatte auf gut römisch einen schwarzen Schleier<lb/>über
ihr Haupt geschlagen, und trug den Strauß, den<lb/>ihr Stefano mit einem
Liebeswort gesendet, in der<lb/>Hand. Er sah sie kommen und freute sich
ihrer<lb/>Schöne; sie bemerkte ihn auch, aber um der Andacht<lb/>willen, zu
der sie ging, versagte sie sich's, ihm dieö<lb/>zu zrigen.<lb/>E war das
Fest vun Mariä Geburt, die Kirche<lb/>war schon voll von Betern, die Arbeit
ruhte, die<lb/>Schüler hatten keinen Unterricht, Benedikt hatte
seine<lb/>Klasse auf einen Morgenspaziergang zu begleiten. Als<lb/>er mit
ihnen aus dem Kloster trat, sah auch er, wie<lb/>Viktorine in die Kirche
ging, und da die Schüler,<lb/>die sie Alle kannten, sie begrüßten, that er'd
eben-<lb/>falls. Sie dankte dem Gruße, ohne Benedikt beson-<lb/>derö
anzusehen, und ihr Auge hatte ihm doch stets so<lb/>hell geleuchtet, war ihm
immer so warm in's Herz<lb/>gedrungen!--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0554_249.tif" n="0249"/>
<p>L49<lb/>Er sah in die Höhe, die Sonne stand in vollem<lb/>Glanze an dem
herbstlich klaren Himmel, und ihn.<lb/>war's doch dunkel geworden vor den
Augen, und hatte<lb/>ihn fröstelnd überlaufen, als ob ein finsterer
Wolken-<lb/>zug der Erde das Sonnenlicht verbärge.<lb/>Auf dem Wege nach dem
Wasserfall stieß der<lb/>Doktor zu Benedikt und den Scholaren. Sie
hatten<lb/>einander seit einer Reihe von Tagen nicht getroffen,<lb/>und der
Doktor sah mit Besorgniß die Veräündernng,<lb/>die mit dem jungen Mönche
vorgegangen war, obschon<lb/>er die Ursache derselben nicht zu suchen
brauchte.-<lb/>Trotzdem hielt er es für angemessen, ihn darum
zu<lb/>befragen, und sich zu erkundigen, wie es ihmu seither<lb/>ergangen
sei.<lb/>,,Was ist von unser Einem viel zu sagen!'' er-<lb/>widerte ihm
Benedikt. ,Meine Erlebnisse lassen sich<lb/>an den Klassentafeln ablesen,
und was von Zeit da-<lb/>neben übrig bleibt, hat auch seine gewiesene
Bestim-<lb/>mung !''-- Er trug dabei den Kopf gesenkt, ließ die<lb/>Arme
hinter sich herabhängen und hatte die Hände<lb/>dabei verschränkt. Die
Haltung verrieth seine ganze<lb/>Zerbrochenheit; sein Schweigen war vollends
gegen<lb/>seine sonstige Natur.<lb/>Der Doktor meinte es gut mit ihm. Er
wollte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0555_250.tif" n="0250"/>
<p>2<lb/>ihn zum Sprechen bringen und hielt es auch gerathen,<lb/>ihm die
Verlobung Viktorinend mitzutheilen, ohne daß<lb/>ein Anderer dabei
war.<lb/>,Du sagst,r' hub er an, , Du hätiest Nchts
er-<lb/>=zs<lb/>--<lb/><lb/>lebt und doch ist gestern, wie ich hörte, etwas
sehr<lb/>Wichtiges geschehen. Deine Mutter hat zu des Klosters<lb/>Gunsten
über ihren Besiz verfügt.?<lb/>,Ja,' versezte Benedikt, ,und es ist gut, daß
sie<lb/>es gethan hat. Sie wird zur Ruhe kommen, nun es<lb/>also fest steht.
Der Mensch schickt sich amn besten in<lb/>das Unabänderliche. Das lernt er
begreifen und damit<lb/>findet er sich ab.<lb/>, Und es hat Dich nicht
betroffen, nicht ge-<lb/>schmerzt?<lb/>,Mich? fragte Benediktus --,was habe
ich<lb/>mit weltlichem Besiz zu schaffen?? und wieder ver-<lb/>sank er in
sein stilles Brüten. Des Doktors Sorge<lb/>um ihn steigerte sich
dadurch.<lb/>Mit einem Male machte sich unter den Schülern<lb/>eine gewisse
Unruhe bemerklich. Der Eine wendete<lb/>sich zum Andern, sie zischelten,
lächelten, drängten sich<lb/>vorn nach dem Wege, von dem man auf die
Kloster-<lb/>matte niedersehen konnte. Benedikt wurde achtsam,<lb/>rief
einem der jüngeren Knoben, der sich unter den<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0556_251.tif" n="0251"/>
<p>E<lb/>L<lb/>Armen der Anderen hindurch zu bringen suchte, die<lb/>Weisung zu,
davon zu bleiben, da eben hier der Ab-<lb/>hang hoch und steil, und nach den
lezten Regengüssen<lb/>die Nagelflüe aufgeweicht, ein Abfall also möglich
war.<lb/>Da der Kleine dem Befehle nicht gleich Folge leistete,<lb/>ging er,
ihn zurück zu halten; aber in demselben<lb/>AD?<lb/>den er zusammenpreßte,
als müsse sein furchtbares<lb/>Weh sich einen, wenn auch stummen Ausdruck
schaffen.<lb/>, Haben Sie's gesehen, Pater Benedikt, rief einer<lb/>der
ältesten Schüler,,dort sizt das fremde Fräulein<lb/>mit dem Herrn Grafen!
Die müssen wohl ein Paar<lb/>sein.?<lb/>Und freilich hatte Benediktus es
gesehen. Unten<lb/>auf der Klostermatte, an derselben Stelle, an
welcher<lb/>er sie zuerst gesprochen, an der Stelle, an der sie ihm<lb/>in
jener Morgenfrühe das Loblied auf Rom gesungen,<lb/>das er heut zu Ehren
ihres Geliebten und Verlobten<lb/>mit seinen Schülern auszuführen hatte, auf
jener<lb/>Matte, auf welcher er im Sturm der Elemente inne<lb/>geworden war,
daß er sie liebe mit leidenschaftlichem<lb/>Verlangen, und vor dem Bilde des
Gekreuzigten ge-<lb/>rungen hatte, das heiße Begehren seines Herzens
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0557_252.tif" n="0252"/>
<p><lb/>- A<lb/>IA<lb/><lb/>z<lb/>«<lb/>!<lb/>Entsagung erstarren zu machen für
immerdar, auf J<lb/>derselben Stelle saß sie, den schönen Leib
umschlungen<lb/>von des Grafen Arm, den Kopf gelehnt an seine<lb/>Brust,
achtlos für Alles um sie her, versunken in ihr<lb/>Liebesglück!<lb/>Er that
dem Doktor herzlich leid, und doch war<lb/>es ihm lieb, daß er in diesem
Augenblicke ihm zur<lb/>Seite stand.<lb/>,Dir ist nicht wohl! sagte er, auch
die Knaben<lb/>waren achtsam auf ihn geworden.<lb/>Benedikt gewann sich mit
Gewalt ein Lächeln ab.<lb/>, Es ist Nichts, gar Nichts,' versezte er,,ein
leichter<lb/>Schwindel, wie ich ihn zum Defteren verspürte; es ist<lb/>auch
schon vorüber.?<lb/>Die Schüler beruhigten sich damit; der Doktor<lb/>konnte
sich nicht entschließen, ihn sich selbst zu über-<lb/>lassen, denn wie
Benedikt sich auch zwang, ihm ruhig<lb/>zu erscheinen, sah Jener doch die
Tropfen auf des<lb/>Freundes blasser Stirn, und hörte an dem
gepreßten<lb/>Ton seiner Sprache die Aufregung, in welcher er
sich<lb/>befand.<lb/>Offen zu dem jungen Mönch zu reden, hielt er<lb/>für
ungerathen, ja für nnzulässig. Er wollte ntr bei<lb/>ihm bleiben, bis er
ruhiger geworden war, und
um<lb/><lb/><lb/>1<lb/>P<lb/>z<lb/>-P<lb/><lb/>z<lb/>e<lb/>z<lb/>»<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>s<lb/>T<lb/>!<lb/>A<lb/>A<lb/>z<lb/>z<lb/>-<lb/>?<lb/>-<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0558_253.tif" n="0253"/>
<p>27B<lb/>sich nicht den Schein zu geben, als ob er ihn zu<lb/>überwachen
denke, sagte er mit möglichster Sorglosig-<lb/>keit: ,Ich glaube, sie werden
jezt sammt und son-<lb/>ders bald von dannen gehen. Sie erwarten nur
noch<lb/>den Baron, um die Verlobung, weil sich das sehr vor-<lb/>nehm
ausnimmt, hier aus dem Hochgebirge zu publi-<lb/>ziren, und dann verlassen
sie das Thal. Es war<lb/>. übrigens, wie ich durch meine Mutter weiß, eine
ab-<lb/>gekartete Geschiche!r<lb/>Der Doktor hatte die leztere Bemerkung in
der<lb/>bestimmten Absicht gemacht, dem Freunde damnit einen<lb/>F neuen und
ihn enttäuschenden Einblick ln Viktorinend<lb/>k<lb/>l<lb/>Charakter zu
gewäähren, gegen welche er selber eine<lb/>wahrhafte Erbitterung hegte; aber
Benedikt schien ihn<lb/>nicht zu verstehen, denn er fragte, was abgekartet
sei?<lb/>,,DDie Heirath des Grafen Stefano mit Viktorine.<lb/>Die Baronin
hat meiner Mutter schon vor Wochen<lb/>davon gesprochen, sich um eine
Wohnung für ihn um-<lb/>gethan; nur Tag und Stunde seiner Ankunft
haben<lb/>sie, wie ich vermuthe, nicht gewußt.?<lb/>Benedikt ließ das Alles
auf sich beruhen. ,lEr-<lb/>innerst Du Dich unserer Unterredung bald
nach<lb/>Deiner Heinkehr? fragte er dann nach langem<lb/>Schweigen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0559_254.tif" n="0254"/>
<p><lb/>, Dn denkst jenes Gespräches über die Grenzen-<lb/>der freien
Selbstbestimmung ? erkundigte sich der<lb/>Doktor, ,wie kommst Du eben jetzt
darauf zurück<lb/>,Das würde zu weitläufig und auch schwer zu<lb/>erklären
sein!' entgegnete Benedikt, den es gereuen<lb/>mochte, dies Thema wieder
angeregt zu haben.<lb/>Der Dokor meinte, Benediktus grübele zu viel,<lb/>er
habe mehr Bewegung, habe körperliche Anstrengung<lb/>und auch Zerstreuung
nöthig. Et -stecke nuun doch<lb/>einmal ein gut Theil Landsknechtsblut in
ihm, daö<lb/>verarbeitet werden wolle.<lb/>Benedikt sagte, das könne wohl so
sein. Er<lb/>habe wirklich ein melancholisches Gemüth bekommen<lb/>T<lb/>und
man scheine das im Kloster ebenfalls zu glauben,<lb/>denn der Herr Abt habe
ihm davon gesprochen, ihn<lb/>fortzuschicken.<lb/>,Bravo!' rief der Doktor,
,das ist Dir auch<lb/>das Rechte. Wohin wirst Du gehen?<lb/>.-<lb/>Ich habe
danach nicht zu fragen, bis er mir's
ver-<lb/>-<lb/>A<lb/>T<lb/>g<lb/>A<lb/>, Ein Bischen nachhelfen und
befördern, ein-<lb/>A<lb/>flüstern und anregen kann man doch troz
alledemlr?<lb/>scherzte der Doktor.<lb/>R<lb/>A<lb/>,Das Ob und Wohin ist
des Herrn Abtes Sache!-<lb/>kündet und befiehlt.?<lb/>A<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0560_255.tif" n="0255"/>
<p>7<lb/>, Ja gewiß!r sagte Benedikt, , wwenn man wie Dn,<lb/>sich zutraut,
freier Wahl und freier Selbstbestimmung<lb/>zu genießen, wenn man sich nicht
unter dem unab-<lb/>änderlichen Nathschluß seines Schöpfers fühlt
und<lb/>weiß!-- Wir können Nichts suchen und Nichts för-<lb/>dern, Nichts
thun und Nichts erleiden, als was uns<lb/>vorbestimmt ist. Das ist unser
Trost und unser Bann,<lb/>unsere Ohnmacht und doch wieder unsere Kraft
und<lb/>Sko.<lb/>Es war das ein Gebiet, auf welches hin der<lb/>Doktor sich
mit ihm einzulassen nichk geneigt nan,<lb/>um so weniger, als er dachte, daß
Benedikt in diesem<lb/>Glauben an die Vorsehung, wie er ihn eben
ausge-<lb/>sprochen hatte, die ihm nöthige Hülfe besize; und er<lb/>nahm
sich vor, den Pater Theophil, der fast täglich<lb/>in das Haus zu der
Baronin kam, gelegentlich darauf<lb/>hinzuweisen, daß er Benediktus sehr
verändert, daß er<lb/>ihn schwermüthig geworden finde, und daß man,
nach<lb/>seiner ärztlichen Meinung, gut thun würde, ihn in die<lb/>Ebene,
oder besser noch bis an das Meer zu schicken,<lb/>damit sein Blick einmal
für lange einen freien Spiel-<lb/>raum, sein Geist ganz neue Bilder in sich
aufzu-<lb/>nehmen habe. Er sprach dem Freunde diese Absicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0561_256.tif" n="0256"/>
<p><lb/>aus, der dankte ihm dafür, und sagte, wenn es ihm<lb/>so beschieden sei,
so werde man des Doktors Rath-<lb/>schlag ja wohl hören, doch meine er, es
werde nicht<lb/>von Nöthen sein.<lb/>-K<lb/>--<lb/>-
-.<lb/><lb/>-<lb/>K<lb/>Fs<lb/>»<lb/>Sa<lb/><lb/>-
T<lb/>ä<lb/><lb/>T.»Aa<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0562_257.tif" n="0257"/>
<p>Zchhzehntes Cnpiel.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0563_258.tif" n="0258"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0564_259.tif" n="0259"/>
<p>-<lb/>II; Baron war angekommen, die Verlobung er-<lb/>klärt worden, der Graf
hatte die Erlaubniß erbeten<lb/>und erhalten, seine Braut dem Herrn Abte
vorzu-<lb/>stellen. Aus Rom waren die telegraphischen Glück-<lb/>wünsche der
vornehmen Verwandten für das neue<lb/>Brautpaar angelangt. Der Abt hatte den
künftigen<lb/>Schwiegervater des Grafen, da dieser Leztere sein Gast<lb/>und
Tischgenosse war, zu einem Frühstück eingeladen,<lb/>und da er selbst sich
einer großen Geschäftskenntniß<lb/>berühmen durfte, hatte er Wohlgefallen an
der raschen<lb/>Nebersicht des vielerfahrenen Finanzmannes gefunden.<lb/>Die
Zuvorkommenheit des Prälaten war dem<lb/>Baron, wie sehr er sich auch den
Anschein gab, derlei<lb/>nur leicht zu nehmen und in der Ordnung zu
finden,<lb/>doch sehr schmeichelhaft gewesen; und da er bei
der<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0565_260.tif" n="0260"/>
<p>2O<lb/><lb/>e<lb/><lb/><lb/>=T<lb/><lb/>g<lb/>-<lb/>Rr . -<lb/>A<lb/>achtete,
daß man gleich und unumwunden thun müsse, Z<lb/>was man Gutes zu thun
entschlossen sei, hatte er denn<lb/>auch nicht gezögert, dem Abte seine
Meinung kund zu<lb/>geben.<lb/>-<lb/>Als man nach der eingenommenen Mahlzeit
in<lb/>den schattigen, im altfranzösischen Geschmack ge-<lb/>schnittenen
Laubgängen des Klostergartens langsam auf<lb/>und nieder ging, die Verdauung
vorschriftsmäßig zu<lb/>befördern, sagte er, er habe dem hochwürdigen
Herrn<lb/>eine Frage vorzulegen.<lb/>,Hochwürden werden es vielleicht
wissen, daß es<lb/>ihm, Gott sei Dank, im Leben wohl gegangen sei, -<lb/>daß
seiner redlichen Arbeit der Erfolg nicht gefehlt -<lb/>habe. Dazu habe er
nur die eine Tochter ,und,! -<lb/>sezte er hinzu: , Hochwürden können das
vielleicht als z<lb/>W<lb/>eine Eitelkeit erachten und als solche tadeln,
aber der, -H<lb/>Mensch hat nuun einmal das Verlangen -= undichi -!<lb/>habe
es auch,?- schaltete er lächelnd ein, ,nicht ver- Z<lb/>gessen zu werden.
Ich liebe es, wenn man an den z<lb/>Orten, an welchen ich mich mit den
Meinigen aufge-' ;<lb/>, z<lb/>halten habe, unserer gedenkt im Guten denkt,
ver.'<lb/>steht sich.?<lb/>- -,'.<lb/>-r I==<lb/>-
z<lb/>'h<lb/>=<lb/>=?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0566_261.tif" n="0261"/>
<p>61<lb/>Der Abt, zu dessen vornehmen Eigenschaften die<lb/>Geduld gehörte, mit
welcher er Andere reden zu lassen<lb/>und ihnen zuzuhören vermochte, nannte
dies ein sehr<lb/>erklärliches und auch berechtigtes Verlangen.<lb/>,Das
freut mich, Hochwürden! Auf mein Wort!<lb/>Das freut mich!r rief der Baron,
,und da Sie mich<lb/>darin so gut verstanden haben, werden Sie es
auch<lb/>begreifen, daß man seinen Namen doch nicht an
etwas<lb/>Unzweckmäßiges knüpfen, seine Hülfe nicht unnütz ge-<lb/>leistet
haben will. Seien Sie also offen mit mir,<lb/>Hochwürden! Erzeigen Sie mir
die Ehre und geniren<lb/>Sie sich gar nicht. -- Meine Frau hat hier,
Gott<lb/>sei Lob und Dank! ihre Gesundheit so gut hergestellt,<lb/>daß sie
fast wie vor zwwanzig Jahren aussieht; meine<lb/>Tochter hat sich hier
verlobt, ganz wie wir es uns<lb/>für unser einzig Kind gewünscht haben. --
Offenherzig<lb/>also, Hochwürden!-- Was könnte man hier in dem<lb/>Thale
Gutes stiften oder thun? - Offenherzig! Meine<lb/>Frau ist dies ja schon dem
Pater Theophilus schuldig,<lb/>für alle die Zeit und Sorgfalt, die er ihr
mit der<lb/>Bewilligung von Hochwürden zu ihrer Erbauung zu-<lb/>gewendet
hat. ?<lb/>Der Abt ließ dem Baron die Zeit, sich von<lb/>seiner
Beflissenheit ein wenig zu erholen; dann sagte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0567_262.tif" n="0262"/>
<p>A<lb/>er, daß es ihn immer freue, wenn er bei Weltleuten,<lb/>bei
Geschäftsmännern und namentlich bei Neubekehrten .<lb/>--- diese Erinnerung
ihm zu ersparen, fand der Abt<lb/>nicht nöthig-- auf die Erkenntniß stoße,
daß man<lb/>in Bezug auf seine guten Werke wohl thue, sich mit<lb/>der
Kirche zu berathen, welche die Bedürfnisse der Ge-<lb/>meinde natürlich
besser als jeder Andere kennen müsse.<lb/>So lange das Kloster die
Herrschaft gehabt, habe e?<lb/>im Thale auch für das Nothwendige einstehen
und<lb/>jorgen können; seit ihm dieselbe entzogen und die<lb/>Einkünfte der
Brüderschaft so beträchtlich geschmälert<lb/>worden, während das Thal auch
nicht zu den reichen<lb/>des Landes gehöre, habe man es dankbar zu
erkennen,<lb/>wenn von wohlmeinenden Gläubigen- das Wort<lb/>war die
Entgeltung für die vorhergegangene Mahnung<lb/>-- der Kirche die Mittel
geboten würden, die Kinder<lb/>der Gemeinde schon früh in ihre Obhut zu
nehmen,<lb/>um sie von Anfang an auf den rechten Weg zu führen.<lb/>Et fehle
in dem Thale an einem Schulhause, und<lb/>natürlich auch an den Mitteln, ein
solches zu errichten.<lb/>Wolle der Baron dieselben in seine Hände legen,
so<lb/>hoffe der Abt, wenn Frau von Landesheimer im
näch-<lb/><lb/>A<lb/><lb/><lb/>sten Jahre, wie sie die Absicht ausgesprochen
habe,<lb/>z<lb/>sog<lb/>Fe<lb/>ihre Luftkur zu wiederhelen komme, in ihrem
Beisein<lb/>»K<lb/><lb/>RA<lb/>-'<lb/>'?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0568_263.tif" n="0263"/>
<p>2s<lb/>die neue Schule schon eröffnen zu können; denn der<lb/>Plaz und der
Plan zu einer solchen seien bereits vor-<lb/>handen und entworfen, wennschon
man an die Aut-<lb/>führung noch nicht habe denken können.<lb/>Da man über
die Hauptsache sich in der Art<lb/>verständigt hatte, machte das
Nebereinkommen über<lb/>die zu dem Schulbau erforderliche Summe noch
weit<lb/>?wweniger Schwierigkeiten. Der Baron, der es beständig<lb/>mit
großen Unternehmungen zu thun hatte, war mit<lb/>Beträgen, die daneben nur
unbedeutend erschienen, zu<lb/>kargen nicht geneigt; und nur die Andeutung
erlaubte<lb/>er sich, daß es seiner Fran, bei ihrem Gemüthe, wie<lb/>er
glaube, sehr wohl thun würde, wenn man bei der<lb/>Gründung des Schulhauses
ihrer Dankbarkeit für die<lb/>Herstellung gedenken würde, die ihre
Gesundheit hier<lb/>gefunden habe.<lb/>Der Abt kam ihm auch hierin mit
feinen Ver-<lb/>ständniß auf halbem Wege entgegen. Er sagte, die<lb/>Jugend
des Thales zur Erkenntlichkeit zu gewöhnen,<lb/>und spätere Kurgäste zum
Dank für gewonnene Stär-<lb/>kung zu ermuntern, solle eine Tafel über des
künftigen<lb/>Schulhauses Eingang der Gründer Angedenken
wach<lb/>erhalten.<lb/>Herr von Landesheimer meinte, das jei weit
mehr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0569_264.tif" n="0264"/>
<p><lb/>als er beansprucht habe, es werde das hescheidene Ge-<lb/>müth der
Baronin, wie er fürchte, fast beschämen; ,<lb/>Hochwürden würden aber
freilich wissen, was mit einer<lb/>solchen Gedenktafel zu errejchen sei; und
nicht allein<lb/>Hochwürden, sondern auch der Baron wußte es sehr<lb/>wohl,
was mit der öffentlichen Lobpreisung dieser<lb/>Wohlthat von Seiten des
umsichtigen Prälaten für<lb/>J ?? -==- »== ==== = =-<lb/>Man war von beiden
Theilen mit einander sehr<lb/>zufrieden. Die Familie von Landesheimer
beschloß<lb/>am nächstfolgenden Tage in Begleitung des Grafen<lb/>nach
Deutschland zurückukehren. Der Baron, der das,<lb/>was ihm oblag, immer bald
aus dem Kopfe zu haben<lb/>wünschte, war der Meinung, daß die Hochzeit noch
im<lb/>Verlauf des Jahres gefeiert werden solle, und die<lb/>Leidenschaft
des Grafen war damit mehr als einver-<lb/>standen. Viktorine ihrer Seits
verlangte es nicht<lb/>besser, alö schon in diesem Winter in der
römischen<lb/>Gesellschaft zu erscheinen, und die Baronin hatte
vor<lb/>lauter Besprechungen mit den Ihren, mit Pater Theo-<lb/>phil, mit
dem Doktor und mit der Wirthin, gar keine<lb/>Zeit zu irgend einem
zusammenhängenden Gedanken.<lb/>L<lb/><lb/>s<lb/>=F<lb/>K<lb/>-<lb/>Sie
schrieb Briefe, telegraphirte, und hatte alle Hände<lb/>=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0570_265.tif" n="0265"/>
<p>5<lb/>voll zu thun, weil man noch den Gästen der Pension<lb/>ein kleines
Abschiedsfest zu geben wünschte, welchem<lb/>es denn doch anzumerken sein
sollte, daß es die Baronin<lb/>von Landesheimer war, die es
veranstaltete.<lb/>Viktorine kam durch alle diese Zwischenfälle wenig<lb/>zu
sich selbst. Der Graf, die Eltern, nahmen sie<lb/>völlig in Beschlag, nicht
einmal zum Besuch der<lb/>Abend-Andacht konnte sie es bringen, obschon sie
eine<lb/>Aktvon Sehnsucht hatte, Benedikt, ehe sie fortging,<lb/>zum lezten
Mal zu hören. Der Graf scherzte über<lb/>diesen Wunsch. Er meinte, man werde
ja in der<lb/>Peterskirche bald ganz andere Musik genießen. Den<lb/>Baron
langweilten alle Andachten ein für allemal,<lb/>sie wollten Beide einen
Ausflug nach einer der Fern-<lb/>sichten unternehmen, und es verstand sich,
daß die<lb/>Braut den Bräutigam begleitete.<lb/>Am andern Morgen, als sie
eben das Packen<lb/>ihrer Mappen und ihrer Bücher überwachte,
schoß<lb/>Viktorine der Gedanke durch den Kopf, noch ein Mal<lb/>Jakobäa zu
besuchen. Ein paar Kinder, denen sie<lb/>häufig Blumen abgekauft, ein
Bildschnizer, den sie<lb/>viel beschäftigt, kamen dazwischen ihr kleine
Abschieds-<lb/>geschenke darzubringen. Damit ging viel Zeit verloren<lb/>und
wenn sie sich es recht bedachte, so hatte sie Jako-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0571_266.tif" n="0266"/>
<p>2e<lb/>bäen nach dem Entschluß, den dieselbe gefaßt, jetzt<lb/>auch Nichts
mehr zu 'agen. Die Angelegenheit war<lb/>abgethan, die Unterredung konnte
Beiden nicht er--<lb/>auicklich sein; es war am Ende das Geschickteste
und<lb/>Beste, ihr ein schriftliches Lebewohl mit irgend einem<lb/>Andenken
zu hinterlassen. Sie stellte ihre Portrait-<lb/>karte und ein kleines
Weihwassergefäß von hübscher<lb/>Arbeit, dessen sich Benedikt bedienen
konnte, wenn er<lb/>es wollte, für den Zweck zurecht. Das Bildniß
des<lb/>jungen Mönches, das sie aus dem Gedächtniß skizzirt<lb/>und das sehr
ähnlich war, that sie in ihr Album, um<lb/>es zur Erinnerung an das
romantische Abenteuer mit<lb/>sich zu nehmen.<lb/>Der Tag ging hin, man
wußte nicht, wo er ge-<lb/>blieben war. Da-- als man in dem Saale
schon-<lb/>die Tafel zu dem Abendessen rüstete, gab sich mit<lb/>einem Male
eine Unruhe unter den Wirthsleuten und<lb/>unter der Dienerschaft kund. Auch
auf der Straße<lb/>traten die Leute zusammen. Ein paar der bewährte-
-<lb/>sten Führer standen mit Pater Theophil und zwweien<lb/>von den
erwachsenen Scholaren bei einander. Der- -'<lb/>und Jener kam hinzu. Die
Scholaren sprachen und -'<lb/>gestikulirten mit großer Lebhaftigkeit. Sie
zeigten<lb/>=<lb/>nach der Teufelswand hinauf, sie schienen die
Haupt-<lb/>-, ?<lb/>zs<lb/>»<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0572_267.tif" n="0267"/>
<p>?<lb/>personen des Ereignisses zu sein, und wenn man sie<lb/>gehört hatte,
ging man mit einem Kopfschütteln von<lb/>dannen.<lb/>Die Unruhe verbreitete
sich von den Eingebornen<lb/>auf die Fremden; der Baron, der an den
sogenannten<lb/>Vergnügungs- und Erholungsorten ohnehin nie wußte,<lb/>was
er mit solch einem langen Tage machen solle,<lb/>saß mit Frau und Tochter
auf dem Balkon, der an<lb/>den Speisesaal anstieß. Graf Stefano war für
eine<lb/>Stunde in seine Wohnung gegangen, dem Abte auf-<lb/>zuwarten. Die
Wirthin verhandelte mit ihrem Sohne,<lb/>man hörte ihr bedauerndes: ,Herr
Gott! Herr Gott!'<lb/>-- Was der Doktor sagte, konnte man nicht
ver-<lb/>nehmen.<lb/>,Was ntr geschehen sein mag? fragte
die<lb/>Baronin.<lb/>,Sicher Etwas, was uns Nichts angeht,- an!-<lb/>wortete
ihr Mann, , aber man kann sich ja erkundigen.?<lb/>Und sich an den Doktor
und dessen Mutter wendend,<lb/>fragte er, was vorgegangen sei.<lb/>Mutter
und Sohn traten zusammen auf den<lb/>Balkon hinaus, man sah Beiden das
Entsezen an.<lb/>,Es ist ein fürchterliches Unglück geschehen!r
ant-<lb/>wortete die Wirthin. ,Man hätte es Ihnen heut'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0573_268.tif" n="0268"/>
<p>268<lb/>lieber nicht gesagt, aber von Einem oder dem Andern<lb/>häätten Sie
es doch und vielleicht gerade bei der Tafel<lb/>erfahren können, und das
wäre noch schlimmer gewesen,<lb/>denn Sie haben ihn ja auch gekannt! - Pater
Bene-<lb/>diktus ist von dem Vorsprung der Teufelswand
hinab-<lb/>gestürzt!?--<lb/>, Und beschädigt?! fragten der Baron und
seine<lb/>Frau wie aus einem Munde.<lb/>,Todt und zerschmettert! sagte der
Doktor, wäh-<lb/>rend sein Blick voll Abscheu auf Viktorine fiel;
,man<lb/>ist eben hinaufgegangen, ihn zu holen, wenn man<lb/>dahin gelangen
kann, wo er liegt. ?<lb/>Viktorine war mit einem Aufschrei in den
näch-<lb/>sten Stuhl gesunken, Vater und Mutter waren eifrig<lb/>um sie
bemüht, die Wirthin zeigte die gebotene schick-<lb/>liche Theilnahme, der
Doktor hatte sich entfernt. Er<lb/>wolle nach der unglücklichen Jakobäa
sehen, sagte er.<lb/>Viktorine weinte, als sie zu sich kam, und
ver-<lb/>langte eine Weile in ihrem Zimmer auszuruhen. Man<lb/>möge, wenn
der Graf inzwischen kommen sollte, ihm<lb/>von ihrem Unwohlsein Nichts
sagen, sie wolle ihm<lb/>nicht nervenschwach erscheinen. Man ließ sie
ihren<lb/>Willen haben, so wie immer. Dem Vater jedoch war,'<lb/>ihr
Zusammenbrechen aufgefallen.<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0574_269.tif" n="0269"/>
<p>269<lb/>,Was war das? fragte er, als die Tochter fort-<lb/>gegangen war.
,Viktorine pflegte doch nicht nerven-<lb/>schwach zu sein.'?<lb/>Die Mutter
sah sich um, ob Niemand sie höre.<lb/>,Du weißt gar nicht,'? hub sie an, ,
was dak arme<lb/>Kind hier ausgestanden hat. Der junge Mönch,
der<lb/>umgekommen ist,'?-- sie sah sich noch einmal um,<lb/>ob sie auch
allein mit ihrem Manne sei und sagte<lb/>dann: ,er hatte eine ganz
wahnsinnige Leidenschaft<lb/>für sie gefaßt. Mit seinem Tode ist es ganz
gewiß<lb/>nicht richtig!r<lb/>,Narrenspossen!? entgegnete der Baron,
der,<lb/>wenn er einmal gar nichts Anderes zu thun hatte,<lb/>wohl einen
Roman zur Hand nahm und sich durch<lb/>denselben nicht ungern rühren, oder,
wie der gemeine<lb/>Ausdruck lautet, spannen und erschüttern ließ;
während<lb/>er daneben der festen Meinung war, daß etwas<lb/>Romantisches,
etwas Außerordentliches in anständigen<lb/>Familien, und nun gar in einem
Hause wie das seine<lb/>und bei seiner einzigen Tochter, durchaus nicht
vorzu-<lb/>kommen habe.,Narrenspossen! Man braucht Frauen-<lb/>zimmer nur
allein zu lassen, so phantasiren sie sich<lb/>sogar hier unter den Bauern
und den Pfaffen eine<lb/>neue Auflage von Werthers Leiden zusammen.
Was<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0575_270.tif" n="0270"/>
<p>Me<lb/>soll denn da nicht richtig sein? Thust Du doch, bei<lb/>z<lb/>Gott!
als wäre im Gebirge noch kein Anderer zu<lb/>Schaden gekommen. Der junge
Mensch wird einen<lb/>II. -- -- - =<lb/>,Ja !r fiel die Wirthstochter ein,
die inzwischen<lb/>dazu gekommen war, ,so haben es die Schüler
auch<lb/>erzählt. Er hat schon neulich, als mein Bruder mit<lb/>dabei
gewesen ist, einen solchen Anfall und einen so<lb/>heftigen gehabt, daß er
sich an meinen Bruder hat<lb/>anhalten und stützen müssen; und die Schüler
sagen,<lb/>er sei diese lezten beiden Tage sehr verändert gewesen.<lb/>Sie
hätten sich gewundert, als er mit ihnen heute<lb/>den beschwerlichen Weg
nach der Teufelswand einge-<lb/>schlagen habe. Oben angekommen, sei er
freundlich<lb/>mit ihnen gewesen, wie immer, dann sei er allein<lb/>vorwärts
gegangen, so daß sie gemeint hätten, er wolle<lb/>nach Etwas sehen, und in
demselben Augenblicke sei<lb/>er mit ausgebreiteten Armen hinabgestürzt.
Heut<lb/>Nachmittag ist er noch hier in des Bruders Stube<lb/>gewesen, das
war, seit er in's Kloster trat, zum ersten<lb/>Male. Vielleicht hat er ihn
noch berathen wollen.<lb/>R Mr
D<lb/><lb/>F<lb/>---<lb/>F<lb/>F<lb/>T<lb/><lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0576_271.tif" n="0271"/>
<p>Nichts weiter hinterlassen. Es war kurz vorher, ehe<lb/>er mit den Scholaren
hier vorüber ging. -- Er sah<lb/>schon die ganze Zeit nicht gut aus, er hat
es mit den<lb/>Bußübungen wohl übertrieben. Wer kann's wissen?<lb/>Aber es
ist Schade um ihn; man dachte immer, er<lb/>würde in die Höhe und zu Ehren
kommen. Die arme<lb/>Mutter und die Schwestern jammern mich.?<lb/>,Da hörst
Du's!r sagte der Baron, während<lb/>Katharine wieder in den Saal an ihre
Arbeit<lb/>ging.<lb/>-Die Baronin schüttelte ungläubig den Kopf.<lb/>,Ich
weiß, was Viktorine mir gesagt hat, und das<lb/>Mädchen bildet sich Nichts
ein. Warum sollte sie es<lb/>auch? Ihr hat's doch an Anbetern wahrhaftig
nicht<lb/>gefehlt! Aber freilich- wenn Du Recht behalten<lb/>willst, glaubst
Du nicht, was Du mit Deinen eigenen<lb/>Augen und Ohren siehst und
hörst!r<lb/>,,Ganz gewiß nicht, wenn es mir nicht paßt!''<lb/>sagte lächelnd
der Baron.,Ulnd diese Geschichte paßt<lb/>mir nicht, und paßt sich nicht! --
Jezt! Wo sie sich<lb/>mit einem Römer, mit Graf Stefano verlobt hat!
-<lb/>Viktorine soll kein Kind sein und keine Narrenspossen<lb/>machen! Geh
und sprich mit ihr! Ich will davon<lb/>Nichts hören! Es ist
lächerlich!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0577_272.tif" n="0272"/>
<p>A<lb/>Die Baronin ließ sich das gesagt sein. Der<lb/>Tochter waren des Vaters
praktische Bedenken immer<lb/>leicht verständlich, sie war selber darauf
angelegt, sich<lb/>mit den feststehenden Thatsachen abzufinden, und
un-<lb/>geschehen zu machen war Geschehenes doch nicht.<lb/>Am Abend speiste
man mit der übrigen Gesell-<lb/>schaft, Viktorine entzückte die Anwesenden
durch ihren<lb/>herrlichen Gesang, man tanzte schließlich auch; der<lb/>Graf
jedoch bemerkte, daß auf der schönen Stirne seiner<lb/>Braut ein trüber
Schatten lagerte, und befragte sie<lb/>deshalb.<lb/>Sie sagte, der
schreckliche Tod des schönen und<lb/>so reich begabten jungen Mönches habe
sie erschreckt.<lb/>Sie sei eben sehr impressionabel!-- Der Graf
nahm<lb/>die Sache einfach wie ihr Vater, und wußte sie
zu<lb/>zerstreuen.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 19</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0578_273.tif" n="0273"/>
<p>Feunzchnes<lb/>F. Lewalb, Benedikt. Ü.<lb/>Cnpitel.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0579_274.tif" n="0274"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0580_275.tif" n="0275"/>
<p>Jmu andern Morgen wurden die Exequien für<lb/>Benedikt gehalten. Man hatte
seine Leiche aufge-<lb/>funden.<lb/>Nah am Chore stand der schwarz
verhängte<lb/>Katafalk, die Kerzen brannten trotz des hellen
Sonnen-<lb/>lichtes, ihr gelber Schein beleuchtete das große
silberne<lb/>Kruzifir, das auf dem Sarge lag. Der Gesang der<lb/>Mönche
erklang in seiner feierlichen Mächtigkeit--<lb/>Benedikts Stimme fehlte in
dem Chore!--<lb/>Die Kirche war voll Menschen. Wer in dem<lb/>Thale irgend
Kunde von dem Unglücksfall bekommen,<lb/>war herbeigeeilt, dem Todten die
letzte Ehre zu er-<lb/>weisen und sein Gebet mit den Gebeten zu
vereinen,<lb/>die für ihn gehalten wurden. Auch die Fremden<lb/>waren sammt
und sonders in der Kirche.<lb/>zF<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0581_276.tif" n="0276"/>
<p>Ne<lb/>Auf ihrem gewohnten Plaze knieeten Jakobäa<lb/>und ihre Töchter. Die
Wirthin war an Jakobäa's<lb/>Seite. Die Unglückliche war wie versteint, es
kam<lb/>keine Thräne in ihr Auge, es war kaum noch ein<lb/>Wort über ihre
Lippen gekommen.<lb/>Als die Klosterbrüder den Sarg erhoben, um
ihn<lb/>fortzutragen, stand fie jählings auf, aber sie sank<lb/>wieder auf
die Kniee, und die starren Augen zu der<lb/>Wirthin gewendet, sprach sie:
,Ich hab's herauf be-<lb/>schworen! Ich allein!-- Ich habe Gott
versucht!<lb/>Ich sagte, mit Leid und Freud sei es für mich vorbei!<lb/>Mich
fechte jezt auf der Erde Nichts mehr an!-- Gott<lb/>hat mir's anders zeigen
wollen! Er ist der Herr!? -- -<lb/>Der Zug der Brüder war vorüber, die
Leute<lb/>schlossen sich ihm an, man verließ die Kirche. Als<lb/>Viktorine,
auf des Grafen Arm gelehnt, die Augen<lb/>voll von Thränen, an Jakobäa
vorüberging, drängte<lb/>es sie, stehen zu bleiben; aber Jakobäa schlug
ein<lb/>KEreuz vor ihr, wie vor dem Bösen, und der Blick,<lb/>den sie auf
sie richtete, fuhr ihr wie ein Stich durch's<lb/>Herz. Stefano hatte Nichts
davon bemerkt, er kannte<lb/>Jakobäa nicht.<lb/>,'<lb/>- Die Rührung, die
Erschütterung waren allgemein,.,<lb/>der Baron hatte also Nichts dagegen,
daß Viktorine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0582_277.tif" n="0277"/>
<p>Ar<lb/>der ihren freien Ausdruck gab. Sie hing sich, als<lb/>man wieder zu
Hause war, an seinen Arm und sagte:<lb/>,Hast Du mir die Smaragden schon
gekauft, die Du<lb/>mir versprochen hast??<lb/>Er verneinte es, er habe sie
nicht ganz nach<lb/>Wunsch gefunden.<lb/>,So verzichte ich darauf, gieb mir
das dafürbe-<lb/>stimmte Geld ! sagte sie.<lb/>Der Baron wollte wissen, zu
welchem Zweckc.<lb/>,Ich habe PaterBenedikt sehr gern gehabt und
seine<lb/>Mutter auch, sagte Viktorine. , Ich möchte ihr
eine<lb/>Genugthuung bereiten, möchte eine kleine Kapelle er-<lb/>richten
lassen an der Stelle, an welcher der Arm<lb/>verunglückte, oder besser noch
auf der Klostermatte, die<lb/>er sehr geliebt hat, und auf der ich ihn
getroffen habe.<lb/>,Du kannst in der römischen Gesellschaft
nicht<lb/>genuug von Schmuck besizen, und die Smaragden sind<lb/>bestellt!rr
entgegnete der Baron. , Aber wenn Du es<lb/>durchaus willst, kann man das
Eine thun, ohne das<lb/>Andere darum zu lassen. Ich hindere Dich nicht,
im<lb/>Gegentheil! Es paßt mir sogar. Es sind hier unter<lb/>den Gästen ein
paar junge Eiteraten; bekannt würde<lb/>es durch sie bei uns werden, daß wir
hier die Kapelle<lb/>bauen, und möglicher Weiso ist es selbst dem
Grafen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0583_278.tif" n="0278"/>
<p>NK<lb/>recht, der im Kloster Gastfreundschaft genossen hat.<lb/>Mach' das mit
Pater Theophilus ab, oder schreibe an<lb/>den Abt.-- Deiner Mutter wird es
überdies zu einer<lb/>besonderen Satisfaktion gereichen, und wenn's
daneben<lb/>noch die Mutter von dem jungen Menschen tröstet,<lb/>soll mir's
lieb sein!<lb/>Viktorine umarmte den Vater, sie freute sich
des<lb/>Zugeständnisses, und mehr verlangte er von seinem<lb/>einzigen Kinde
nicht.<lb/>Das Schicksal der Familie Anschafft wurde unter<lb/>den Gästen
viel besprochen, man mengte Wahres und<lb/>Erdichtetes wie immer
durcheinander. Viktorine unter-<lb/>nahm es endlich, die Geschichte
ausführlich zu berichten.<lb/>Der Doktor kam dazu, als sie dieselbe mit der
Be-<lb/>merkung schloß, daß das Dichterwort recht eigentlich<lb/>für diese
Familie gesprochen sei:<lb/>Das eben ist der Aluch der bösen That,<lb/>Daß
sie fortzeugend Böses muß gebären!<lb/>Man fand die Art, in welcher
Viktorine erzählt<lb/>hatte, sehr anziehend, ihr Eitat sehr geistreich.
Die<lb/>jungen Literaten versicherten ihr, es sei zweifellos, daß<lb/>fie
zur Schriftstellerin eine ungemeine Anlage besitze.<lb/>Sie sagte nicht
nein! -- Der Doktor dachte sich sein<lb/>Theil dabei.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0584_279.tif" n="0279"/>
<p>A<lb/>Am nächsten Morgen schied die Familie Landes-<lb/>heimer in des Grafen
Begleitung aus dem Thale; die<lb/>Gesellschaft sah fie ungern fortgehen, die
Eingebornen<lb/>sprachen von der Baronin und von Viktorinen wie<lb/>von
guten Feen, Mlles rief ihnen ein ,Aluf Wieder-<lb/>sehen!'' nach.<lb/>Auch
die Wirthin und ihre Tochter und der<lb/>Doktor thaten dieses Leztere, und
hatten allen Anlaß,<lb/>es zu thun.- Pater Theophilus war noch am
Mor-<lb/>gen bei den Damen; der Abt schickte ihnen durch seinen<lb/>Gärtner
ein paar aus Alpenblumen schön gebundene<lb/>Sträuße.<lb/>Nur Eine stand
einsam, oben vor der Thür des<lb/>Hauses, das Maria Josepha gebaut hatte für
die Nach-<lb/>kommenschaft, die nun dem Erlöschen verfallen war,<lb/>und sah
finsteren Auges, wie die Wagen die Straße<lb/>hinanfuhren, die aus dem Thale
führt, und sie hatte<lb/>Mühe, die Verwünschungen zu unterdrücken, die
ihr<lb/>auf den Lippen brannten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0585_280.tif" n="0281"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 20</head>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0586_281.tif" n="0281"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0587_282.tif" n="0282"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0588_283.tif" n="0283"/>
<p>? ,<lb/>P- Doktor hatte starke, gesunde Nerven, aber<lb/>die lezten Tage
hatten ihn doch angegrißen. Er hatte<lb/>Benedikt sehr lieb gehabt, sein
furchtbares Ende ging<lb/>ihm schmerzlich nahe. Er war zufrieden, daß er
am<lb/>Nachmittage sich ein paar Stunden Ruhe gönnen<lb/>konnte. Er hatte
Mancherlei nachzuholen, mancerlei<lb/>Papiere zu ordnen.<lb/>Als er die
Taschen seiner Briefmappe durchs ichte,<lb/>fiel ihm ein versiegelter Brief
in derselben auf, der<lb/>an ihn gerichtet war und geflissentlich zwischen
an,dere<lb/>Papiere hineingeschoben zu sein schien. Der Tltor<lb/>hatte die
Mappe in den letzen zwei Tagen nicht mehr<lb/>in der Hand gehabt.-- Benedikt
hatte den Brief<lb/>hineingelegt, als er den Doktor nicht in seiner
Woh-<lb/>nung angetroffen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0589_284.tif" n="0284"/>
<p>84<lb/>,Ich schreibe dies Blatt,? hieß es in demselben,<lb/>,für den Fall,
daß es mir nicht mehr gelingen sollte,<lb/>Dich zu sehen; wenn Du es liest,
wird es hienieden<lb/>zu Ende mit mir sein. Ich vermag nicht mehr
zu<lb/>leben!- Gott hat, ehe ich noch von mir wußte, mir<lb/>ein Schicksal
auferlegt, das zu tragen er mir die Kraft<lb/>versagt. Er hat eine
Versuchung in meinen Weg ge-<lb/>stellt, der nicht zu unterliegen ich
gerungen habe, so<lb/>sehr ich es gekonnt. Aber ich bin irre geworden
an<lb/>Allem, was da ist und sein wird- ich kann nicht<lb/>weiter! Giebt es
einen allgütigen, allweisen Vater<lb/>jenseits dieses Erdenlebens, in das
wir gewiesen wer-<lb/>den ohne unsern Wunsch, so wird er Erbarmen
haben<lb/>mit meiner armen Seele und mit der Unzulänglichkeit<lb/>der armen
Kreatur, die er geschafen hat.<lb/>Lebe wohl! Du hattest mich gewarnt! Es
war<lb/>mein Schicksal, daß ich Dich nicht hörte!<lb/>Steh' meiner Mutter
bei! Meinen Schwestern<lb/>wird ihr fester Glaube helfen. Lebe
wohl!?<lb/>wDweegggggggg<lb/>Wir hatten dieses Blatt, das uns der
Doktor<lb/>anvertraut, in der Kapelle gelesen, welche Viktorine<lb/>nach
ihrem Nebereinkommen mit dem Abte, auf der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="bene_02_0590_285.tif" n="0285"/>
<p>8?<lb/>Klostermatte errichten lassen. Es ist nur ein klciner<lb/>aber
hübscher Bau, der die Gegend schmückt. Graf<lb/>Stefano hat ein schönes
Kästchen mit der gewünschten<lb/>Reliquie dahin gesendet, das Kloster hat
Stationen<lb/>auf dem Wege nach der Benediktskapelle eingerichtet,<lb/>fie
wird viel besucht. Das Andenken des verunglicten<lb/>jungen Paters steht im
Thale wie im Kloster schr in<lb/>Ehren.<lb/>Benedikts Schwestern beten
täglich in der Kapelie,<lb/>seine Mutter hat sie nie betreten. Sie ist
ihrem<lb/>alten Plaze in der Klosterkirche treu geblieben.<lb/>Weshalb die
unglückliche Greisin aber den Frem-<lb/>den sich so feindselig erweist, das
war uns, seit wir<lb/>ihr Schicksal kannten, sehr erklärlich.<lb/>Im lezten
Winter ist sie auch gestorben. Das<lb/>Kloster hat jezt den Besiz des ihm
vermachten An-<lb/>schafft'schen Legates angetreten. Jakobäa's Hau
ist<lb/>dem Doktor vermiethet. Er wird es im nächsten Som-<lb/>mer als
Dependance der Kuranstalt benuten.<lb/>E n d e.<lb/></p>
</div4>
</div3>
</div2>
</div1>
</body>
</text>
</TEI>
