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<title>Josias eine Geschichte aus alter Zeit </title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<extent>1 novel in 1 volume</extent>
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<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
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<date>2009</date>
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<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
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<title>Josias</title>
<title type="sub">eine Geschichte aus alter Zeit </title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>E. Keil's Nachf</publisher>
<pubPlace>Leipzig, Germany</pubPlace>
<date>1888</date>
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<head>Band 01</head>
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<head>Titel</head>
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<p/>
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<p>Josias<lb/> Eine Geschichte aus alter Zeit<lb/> von<lb/> Fanny Lewald.<lb/>s<lb/>s.<lb/>Feipzig.<lb/>Verlag von Ernst Keil's Nach
folger.<lb/>z<lb/>si<lb/></p>
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<p></p>
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<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0004_001.tif" n="001"/>
<p>z -<lb/><lb/>Erstes Kapitel.<lb/>Den Josias hatte ich gekannt, so lange ich
denken<lb/>kann, und weil ich ihn sehr lieb gehabt und hoch<lb/>geschätt,
will ich, da er nun lange todt ist, zu<lb/>meiner Befriedigung von ihm
schreiben, weil ich nicht<lb/>mehr mit ihm sprechen kann. Mag die Blätter
denn<lb/>einmal lesen, wem sie in die Hände kommen werden.<lb/>Es leben
jetzt in unserem Zeitalter, in welchem die<lb/>Menschen alle durch einander
gewürfelt und an ein-<lb/>ander abgeschliffen werden wie die Kiesel am
See-<lb/>strand, wohl nicht mehr Viele, die eigenartig ßind,<lb/>wie er's
gewesen!<lb/>Mit den Worten fing die Erzählung in dem Tage-<lb/>buch von
Tante Franziska an, und die Seite trug<lb/>das Datum vom zehnten September
achtzehnhundert-<lb/>achtundsechzig. Die Schreiberin war damals
selbst<lb/>den Sechzigern nahe.<lb/>Fanny Lewald, Josias.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0005_002.tif" n="002"/>
<p>b- Z -=<lb/>Den Josias also hatte ich gekannt, so lange ich<lb/>denken
konnte, und ich habe aus meinen frühesten<lb/>Tagen ein deutliches
Bewußtsein. Unser Vater hatte<lb/>von seinem Vater die großen Seidenfabriken
an der<lb/>Oberspree nach Köpnick zu ererbt, wo damals noch<lb/>ganz freies
Feld gewesen ist. Dorthin zogen wir immer<lb/>in den Sommermonaten, und da
sich an die Fabriken<lb/>unser großer Garten anschloß, so war es ein
angenehmer -<lb/>Aufenthalt, denn von Dampfmaschinen und von der<lb/>durch
den Dampf verdorbenen Luft war noch gar<lb/>keine Rede. Die Luft war frisch,
die Wiesen an der<lb/>Spree waren voll Blumen, und still war es da
draußen,<lb/>wenn die Arbeitsstunden vorüber waren, wenn die<lb/>Webestühle
und die Spulen nicht mehr rasselten,<lb/>gerade wie auf einem einsamen Dorfe
tief im Lande.<lb/>Den Winter aber verlebten wir in dem Hause<lb/>in der
Stadt, in welchem das Verkaufsgeschäft betrieben<lb/>wurde; und der Josias,
dessen Voreltern zugleich mit<lb/>den unseren und mit den anderen
vertriebenen Hugee<lb/>notten zusammen aus Frankreich ausgewandert
und<lb/>in Preußen aufgenommen worden, war immer zu uns<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0006_003.tif" n="003"/>
<p>?-<lb/>==- Z ==<lb/><lb/>gekommen, draußen in der Fabrik sowohl' als in
der<lb/>Stadt. Die französische Kolonie hatte gut zusammen-<lb/>gehalten,
seit sie unter dem preußischen Adler eine<lb/>neue Heimath gefunden, und die
Einzelnen hielten<lb/>auf sich selber, die Bürgerlichen, die zum Theil
große<lb/>Fabrikanten geworden waren, wie die Adeligen in der<lb/>Armee und
unter den Beamten. Vom General her-<lb/>unter bis zum Tanzmeister und
Koiffeur nannten sie<lb/>sich alle noch Refugiss, und waren sie Alle sammt
und<lb/>sonders aus ungerecht und grausam vertriebene Fran-<lb/>zosen
geachtete und treue Preußen geworden. Es<lb/>hatte ein gut Theil von ihnen
mitgefochten in den<lb/>Befreiungskriegen und die Viktoria nach Hause
bringen<lb/>helfen, welche Napoleon nach Frankreich fortgeschleppt<lb/>s
hatte. Sie stand schon wieder auf dem Brandenburger<lb/>Thore in der Zeit,
von der ich rede, und ich war<lb/>achtzehnhundertsechzehn sieben Jahre
alt.<lb/>Wenn der Josias kam, so meldete das Mädchen<lb/>ihn immer als den
Herren Kassenrendanten an. - -<lb/>Was ein Kassenrendant bedeutete, das
wußte ich<lb/>zwar nicht, aber ich zerbrach mir darüber auch weiter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0007_004.tif" n="004"/>
<p>==- e. -<lb/>nicht den Kopf, obwohl ich ein nachdenkliches Kind<lb/>gewesen
bin. Ich hatte schon oftmalö lange darüber<lb/>gegrübelt, wo der liebe Gott
eigentlich hergekommen<lb/>sei, und wo er gewohnt habe, ehe er die Welt
ge-<lb/>schaffen; während ich nach rechter Kinderart über alle<lb/>mich
zunächst umgebenden und meine Welt ausmachen-<lb/>den Dinge und Menschen
noch niemals nachgedacht.<lb/>Es war ja unser Haus, in dem wir wohnten, es
waren<lb/>unser Vater und unsere Mutter, die Onkel, die Tanten,<lb/>der
Doktor und Der und Jener und der Josias! Das ver-<lb/>stand sich Alles ganz
von selbst; das war, wie es war.<lb/>Der Vater, der damals in der Mitte der
Dreißig<lb/>stand, nante den Josias Du, obschon der Josias<lb/>zwölf,
dreizehn Jahre voraus hatte vor ihm. Die<lb/>Mutter hieß ihn, wenn sie zu
ihm redete, lieber Cour-<lb/>ville, und wenn sie von ihm zu uns Kindern
sprach,<lb/>den guten Josias! -- und gut war er zu Jedermann.<lb/>--- Mich
aber zog er doch den anderen Geschwistern<lb/>vor, und wenn er mit mir
scherzte und tändelte,<lb/>nannte er mich Franull.<lb/>Als ich ihn einmal
gefragt, weshalb er das thue,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0008_005.tif" n="005"/>
<p>,<lb/><lb/>- -<lb/>s<lb/>dem Tambourinrahmen die Gardinen für die
Pracht-<lb/><lb/>säle der Königsschlösser stickte. Vor den schönen Kunst-
-<lb/>schnizereien der großen Interlakener Magazine, vor den
-<lb/>Schaufenstern der Uhren- und Goldwaarenfabriken vgn ?<lb/>Genf haben
sie eine Weile stille gestanden und sie<lb/>wissen somit, daß die Schweizer
ein Volk von fleißigen<lb/>Bürgern sind, die Ackerbau und Industrie treiben.
-<lb/>Man hat ihnen gesagt, daß in Basel ein sehr reicher, -<lb/>geldstolzer
und zum Theil pietistischer Kaufmannsstand I<lb/>existirt, daß die südliche
Schweiz einen lebhaften ?<lb/>Handelsverkehr mit Italien treibt, und wenn
sie etwa -<lb/>das Nheinthal hinauf fahren und ihnen auf beiden<lb/>Seiten
des Weges von den steilsten Felshöhen die -<lb/>Trümmer der Ritterburgen und
tiefer hinab die zum ;<lb/>Theil noch bewohnten Schlösser der alten
Geschlechter !<lb/>in die Augen fallen, so stört sie das in ihrem erlernten
-<lb/>Urtheil über das Land und seine Bewohner nicht -<lb/>sonderlich. Sie
fragen sich nicht, woher diese Schlösser -<lb/>einer alten Aristokratie in
der republikanischen Schweiz, s -<lb/>sondern sie rechnen die Ruinen als zur
Decoration des I<lb/>Weges gehörend, unh sie haben ja auch schon am ?
;<lb/>deutschen Rheine eben solche Burgen gesehen.- Was ? -<lb/>denn aus all
den alten Adelögeschlechtern in der freien ? ,<lb/>republikanischen Schweiz
geworden ist, darauf ;lassen - s<lb/>sie sich nicht ein, denn dazu haben sie
auf dex Reise, -<lb/>die sie ja zu ihrem Vergnügen machen, keine
Zeik.<lb/><lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0009_006.tif" n="006"/>
<p>Wer aber etwas mehr Zeit hat, und wer ein an-<lb/>deres Vergnügen von der
Reise erwartet, als das mög-<lb/>lichst schnelle Durchziehen möglichst
weiter Strecken,<lb/>dem muß es, wenn er vom Bodensee aufwärts durch<lb/>das
Glarner Land nach Graubündten geht, sich auf-<lb/>fallend darthun, wie mit
dem sanften, lieblichen Cha-<lb/>rakter der Gegend sich auch die Gestalten
und Physiog-<lb/>nomien seiner Bewohner ändern, und welch eine
Ver-<lb/>schiedenheit den blonden Schweizer von St. Gallen,<lb/>und Glarus
von dem dunkelhaarigen, schlanken und<lb/>doch so kraftvollen Schweizer aus
Graubünden trennt, ;<lb/>über dessen Flecken und Dörfer sich die
eisgekrönten<lb/>Hochgebirge erheben, und in dessen Felsenthäler
einzu-<lb/>dringen und sich festzusetzen, einst den Beherrschern
der<lb/>Welt, den -Mömern, eine so schwere Aufgabe ge-<lb/>wesen
ist.<lb/>Noch steht er da, der hohe viereckige Römerthurm<lb/>mit seinen
altersgeschwärzten Quadern, der Ueberrest<lb/>der alten Vuria lhaetorur,
welche einst die kriege-<lb/>rischen Rhätier im Zaum halten sollte. Noch
nennt<lb/>das Volk von Chur, der Hauptstadt des Bündner<lb/>Landes, diesen
Thurm den Spinöl, die sgins. iv ooulis,<lb/>den Dorn im Auge des Volkes, und
wie der Zeuge<lb/>jener grauen Vorzeit noch von der Höhe auf die
Haupt-<lb/>stadt des Bündner Landes, auf Chur, hinabschaut, so<lb/>ist auch
das Blut der alten Rhätier noch nicht in den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0010_007.tif" n="007"/>
<p>Adern des Volkes versiecht, denn noch heute sind die<lb/>Bündner ein
kriegslustiger und beharrlich ausdauernder<lb/>Volksstamm.<lb/>Wenn schon
die Zeiten lgnge vorüber waren, in<lb/>welchen die alten Rhäätiex ihr Land
mit wilder Energie<lb/>gegen das Eindringen der Römer pextheidigten,
und<lb/>wenn auch den Raubrittern, welche hier im Mittelalter<lb/>eine
furchtbare Tyrannei geübt haben müssen, ihr Ge-<lb/>werbe längst gelegt,
so;schicken doch die alten ße-<lb/>schlechter, die Toggenburg, die Buol, die
Liechtenstein,<lb/>die Salis, die Travers und viele andere,, ihre
Söhne<lb/>, immer noch in das Ausland, um sie zu Söldnern ir-<lb/>gend.
einer Gewaltherrschaft zu machen und sie das<lb/>heiße Blut in fremder Sache
abkühlen zu lassen. Ein<lb/>Theil der alten Bündner Familien, der den
deutschen<lb/>Fürsten gedient hatte, sezte sich inDeutschland fest<lb/>und
half die deutsche Adelsaristokratie verstärken; ein<lb/>anderer Theil aber
blieb, im Eande, stieg, Furch, den<lb/>Wandel der politischen Ereignisse und
, durch die pex-<lb/>änderten Lebensbedingungen gezwungen, aus; seinen<lb/>s
s<lb/>i<lb/>einsamen Burgen, aus seinen Wäldern und von seinen .
j<lb/>Felsen in die Thäler und in die Städte hinab, um<lb/>nach dem Anschluß
des Graubündner Landes gn die<lb/>Eidgenossenschaft unter den freien
Bürgern, der freien -<lb/>Schweiz wenigstens äußerlich ein bürgerliches
Leben<lb/>zu führen.<lb/>l<lb/>a<lb/>?<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0011_008.tif" n="008"/>
<p>==- F ===<lb/>glänzenden Brillantring, und in Gesellschaft erschien<lb/>er
immer in Escarpins mit seidenen Strümpfen und<lb/>Schnallenschuhen. Er
kleidete sich überhaupt nicht wie<lb/>die anderen Männer nach der damals
aufgekommenen<lb/>bequemen, englischen Mode, sondern so, wie es
vorher<lb/>in Frankreich Brauch gewesen war. Sie nannten es<lb/>damals bei
uns in Deutschland d l Werther: im<lb/>blauen Frack, in Kniehosen, kurzen
Stiefeln und weitem<lb/>Hemdkragen, wobei es ihn nicht anfocht, daß
er<lb/>damit in Gesellschaft und mehr noch auf der<lb/>Straße
auffiel.<lb/>Als einmal bei uns ein Fremder darüber eine<lb/>spottende
Bemerkung machte, entgegnete ihm mein<lb/>Vater: ,Herr Courville sei
allerdings in gewissem<lb/>Sinne ein Sonderling, ein Original, aber ein
so<lb/>durchaus ehrenwerther, unterrichteter und vortrefflicher<lb/>Mann,
daß man ihn in seinen kleinen Grillen ge-<lb/>währen lassen müsse. Nun hatte
ich es also endlich<lb/>ganz heraus: Ein Original war ein
vortrefflicher<lb/>Mensch, der Grillen hatte, und den man
gewähren<lb/>lassen mußte. Warum auch nicht?!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0012_009.tif" n="09"/>
<p>s<lb/>- = Z ===<lb/>Seine Schuhe und Schnallen und die
feierlichen<lb/>Escarpins und seidenen Strümpfe thaten ja Keinem<lb/>was zu
Leide, und er that Allen zu Liebe, was er<lb/>nur wußte und konnte.<lb/>Je
älter ich wurde, um so bessere Freunde wurden<lb/>wir, wenngleich meine
Vorstellungen von Josias immer<lb/>öfter wechselten. In der Zeit, in welcher
ich anfing,<lb/>die preußische Geschichte zu lernen und die
Reihen-<lb/>folge der Kurfürsten und Könige mit Selbstbewußt-<lb/>sein am
Schnürchen herzuzählen, war er mir eine,<lb/>Zeitlang zu einer historischen
Person geworden, weil<lb/>sein Vater eine Domäne des alten Fritz
verwaltet,<lb/>weil einer von Ziethens Husaren, der Major Graf<lb/>Josias v.
Dubimin, sein Pathe gewesen war, und<lb/>weil der alte Fritz, als er seine
Domäne einmal be-<lb/>sucht, mit dem kleinen Josias gesprochen und
ihm<lb/>für sein dreistes Antworten einen Dukaten geschenkt<lb/>hatte, den
er dann zum Andenken an den großen<lb/>König unter den anderen-Berloques an
seiner Uhr trug. -<lb/>Dann wieder hatte er mich angezogen, weil er<lb/>im
Gespräch bisweilen schöne Verse anführte,-in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0013_010.tif" n="010"/>
<p>==- ,fs -<lb/>welchen von Liebesleid und Liebesfreud, von Tod
und<lb/>Seligkeit die Rede war.- Man nannte ihn und diese<lb/>Verse
sentimental. Sie klangen aber gut, ich behielt<lb/>sie gut, und da Josias
doch einmal ein Original war,<lb/>das Grillen haben durfte, so konnte er ja
auch die<lb/>Grille haben, sentimental zu sein, wenn's ihm gefiel.<lb/>Ich
hätte nur gern wissen mögen, weßhalb er eben<lb/>ein Original geworden
sei.<lb/>Einmal, als eine größere geladene Gesellschaft<lb/>bei uns
versammelt war, erschien natürlich auch Josias<lb/>in aller seiner Pracht.
Bei seinem Eintreten war von<lb/>irgend einer neu übersetzten indischen
Dichtung die<lb/>Rede, von der Seelenwanderung, wie die Inder sie
sich<lb/>wworwärts und rückwärts bildend gedacht, und mein<lb/>Vater
bemerkte scherzend, er werde danach wohl an<lb/>einen geheimen Zusammenhang
zwischen sich und den<lb/>Elephanten denken müssen, weil ihm der Reis
fast<lb/>die liebste Speise sei.<lb/>Daß mein schöner, schlanker Vater so
Etwas von<lb/>sich sagen konnte, das verdroß mich; aber wie ich mir<lb/>den
Josias darauf ansah, dachte ich, daß der wohl<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0014_011.tif" n="011"/>
<p><lb/>=- P -<lb/>von solchem gutmüthigen Riesenthiere stammen könne;<lb/>und
während das Märchenhafte jener religiösen Vor-<lb/>stellung meine Phantasie
lebhaft beschäftigte, blieb mein<lb/>Auge doch, als hätte ich es nicht
allezeit gesehen, an<lb/>dem kleinen goldenen Ohrring haften, den Josias
in<lb/>dem linken Ohre trug, und ich fand das plötzlich<lb/>lächerlich. Denn
außer an den Schiffsknechten, welche<lb/>die Kähne draußen bei uns am
Spreeufer vorwärts -<lb/>stießen, und an einzelnen Handwerkern hatte ich
an<lb/>Männern einen Ohrring noch nicht wahrgenommen.<lb/>Kaum also entstand
eine Pause in der Unter-<lb/>haltung, so hielt ich mit der Frage nicht
zurück:<lb/>, Josias, nimm's nicht übel, Du bist ja doch kein<lb/>gemeiner
Mann, weßhalb trägst Du denn den Ohr-<lb/>ring ?<lb/>,Das thut unser guter
Josias wohl seiner Augen<lb/>wegen!'' bedeutete mich die Mutter an seiner
Statt,<lb/>,es ist gut gegen Augenschmerzen !'' - und sie glaubte<lb/>das
vielleicht wirklich.<lb/>,Nein, Madame, nein !'' fiel Josias ihr aber
in<lb/>das Wort. ,WZozu eine Unwahrheit in diesem Falle?-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0015_012.tif" n="012"/>
<p>-=- 1 Z-<lb/>Meine Augen sind gesund, mein Kind ! Der Ohr-<lb/>ring ist ein
Souvenir, eine gsgge ä' ammdur !''<lb/>Und wieder befand ich mich vor einem
Räthsel! --<lb/>Es war, das merkte ich, kein, Fertigwerden mit
Josias!<lb/>Wie konnte meine Mutter sagen, daß ein Souvenir,<lb/>eine gszge
ä'srour ein Mittel gegen kranke Augen<lb/>sein sollte? Aber in der That
hielt man damals das<lb/>Tragen eines Ohrringes noch für ein Heilmittel
gegen<lb/>manche Kopfbeschwerden; ich hatte es nur unter
unseren<lb/>Bekannten nie gesehen. Und während also mein<lb/>Freund mir
komisch vorkam mit seinem Auspuh, ge<lb/>wann er doch an dem Abend wieder
einen Stein bei<lb/>mir im Brett. Denn weil es mich bereits
verdroß,<lb/>wenn man mein allerdings oft ungehöriges Gefrage<lb/>mit
Ausflüchten und Halbheiten abspeisen wollte, wußte<lb/>ich es dem guten
Josias doppelt Dank, daß er dies<lb/>nicht zugegeben und mir die ehrliche
Wahrheit ge-<lb/>sagt hatte.<lb/>Seine Wahrhaftigkeit hatte ich übrigens
auch sonst<lb/>schon rühmen hören, wie denn Alle nur Gutes von
ihm<lb/>sagten. Man nannte ihn einen erprobten Landwirth,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0016_013.tif" n="013"/>
<p>s<lb/>-- 1Z -<lb/>s D -e a:E .andteegg<lb/>obschon er kein Gut besaß, sondern
das von seinem<lb/>Vater ererbte verkauft hatte. Einen tüchtigek
Ge-<lb/>schäftsmann hießen sie ihn, aber er betrieb kein
eigenes<lb/>Geschäft. Er lebte als ein reicher Privatmann in<lb/>seinem
schönen Hause, unfern von dem Predigerhause<lb/>der französischen Kolonie,
und machte von seinen Zin-<lb/>sen einen guten Gebrauch. Er war wohlthätig
für<lb/>die Armen, verwaltete als Rendant die Armenpflege<lb/>der
französischen Gemeinde unentgeltlich und übte in<lb/>weitem Kreise eine
feine, vornehme Gastlichkeit aus.<lb/>Er war eben ein ganz vortrefflicher
Mann; nur<lb/>der Ohrring hatte mir in dem Nebermuth meiner Jus<lb/>gend den
guten sentimentalen Elephanten nun einmal<lb/>komisch gemacht, und den
Eindruck wurde ich eine Zeit<lb/>hindurch nicht los, wie sehr die Männer ihn
auch<lb/>achteten, wie gern die Frauen auch mit ihm verkehrten.<lb/>Von den
Frauen aber verdiente er das allerdings<lb/>in höchstem Grade, denn kaum ein
Anderer war für<lb/>sie so aufmerksam als er; und man lebte damals<lb/>doch
noch in den Zeiten, in welchen die Männer<lb/>um die Gunst der Frauen sich
durch Zuvorkom-<lb/>l<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0017_014.tif" n="014"/>
<p>-=- s g. =<lb/>menheit gegen sie und ihre Neigungen und Wünsche<lb/>bemühten,
während heut zu Tage die Rollen allmälig<lb/>gewechselt zu werden scheinen,
und es die Männer<lb/>sind, welche immer mehr von den ihnen zu
gefallen<lb/>bestrebten Frauen umworben werden.<lb/>Man mußte den Josias an
den großen Ehren-<lb/>tagen sehen! An dem Geburtsfest meiner Mutter,
an<lb/>dem Hochzeitstage meiner Eltern oder beim Jahres-<lb/>wechsel!-- Der
Hausfrau bei sohchem Anlaß nicht mit<lb/>einem schönen Strauß aufzuwarten,
ihr zum Neu-<lb/>jahr nicht einen jener künstlich gemalten
Neujahrs-<lb/>wünsche zu üüberreichen, der, mehrfach zu ziehen,
jedes<lb/>Mal eine Neberraschung in galanten Versen und Sinn-<lb/>bildern
enthüllte, das hätte Josias sich nicht verziehen;<lb/>und wie für unsere
Mutter, war er aufmerksam auch<lb/>für die Frauen seiner anderen
Freunde.<lb/>Er war dann womöglich mit doppelter Sorgfalt<lb/>gekleidet.
Sein Taschentuch duftete nach ssu äe mille<lb/>keurs, seine Handschuhe waren
von leuchtendem<lb/>Weiß. Er hielt den Strauß oder den
Neujahrswuunsch<lb/>so behutsam zwischen den beiden Fingern, als sei
es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0018_015.tif" n="015"/>
<p>kz«<lb/>-' s<lb/>SHA:etocSaoeagrguaaAaneaaa<lb/>==- hJ -<lb/>eine Ehre für
ihn, das Geschenk zu berühren, das<lb/>huldigend darzubringen er gekommen
war; und die<lb/>Art und Weise, in welcher er dann die Hand der von<lb/>ihm
verehrten Frau an seine Lippen drückte, während<lb/>er seine schönen braunen
Augen zu ihr erhob, war<lb/>ihm auch ausschließlich zu eigen und komisch. -
Jetzt<lb/>in der Erinnerung kommt mir das alles schön und rüh-<lb/>rend vor,
wenn es den Jungen auch altmodisch er-<lb/>scheinen mag, ich bin ja aber
auch schon altmodisch ge-<lb/>worden. Und besser als das zutappsige
Handschütteln,<lb/>mit welchem heut zu Tage die Männer den Frauen,
alt<lb/>und jung - sie nennen's d larglsäise - so zu sagen<lb/>,,auf Du und
Du'' begegnen, war die alte Mode<lb/>formvoller Huldigung gewiß! Daß der
Josias es<lb/>dabei vielleicht ein wenig übertrieb, weil er ein
Original<lb/>war, dafür konnte er ja nicht.<lb/>Aber -= noch einmal! weßhalb
war er ein Original<lb/>geworden?-- Die Frage beschäftigte mich, je
mehr<lb/>ich heranwuchs, um so mehr, und Niemand gab mir<lb/>darauf
Antwort.<lb/>pggMgggggg<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0019_016.tif" n="016"/>
<p>=- js; - -<lb/>Bweites Kapitel.<lb/>Inzwischen gingen die Tage und die Jahre
ihren<lb/>Lauf. Wir waren in das Jahr achtzehnhundertneun-<lb/>undzwanzig
gekommen. -=- Ich war aus einem Kinde<lb/>ein Mädchen von fast zwanzig
Jahren und, wie es<lb/>im Geiste jener Zeit lag, auch ein recht
schwärmerisches<lb/>Mädchen geworden. Kein Gedicht war mir zu
über-<lb/>schwänglich, kein Roman zu romanhaft. Ich ließ mir<lb/>herzlich
gern den Hof machen, und obschon ich eine Un-<lb/>vermählte geblieben bin,
hat es mir an Verehrern und<lb/>Bewerbern nicht gefehlt. Ich sah --- ohne
Eitelkeit zu<lb/>vermelden -- gar nicht übel aus, unsere Familie
war<lb/>wohl geachtet, und man wußte, daß unser Vater mich<lb/>nicht nackt
und bloß in die Ehe geben würde. Aber<lb/>wie das mit mir gekommen ist, daß
ich trotzdem nicht<lb/>geheirathet habe, daß ich eben Tante Fränzchen,
Mam-<lb/>sell Fränzchen und allein geblieben bin, das hat mit<lb/>dem Josias
nichts zu thun, das steht auf einem an-<lb/>deren Brett, und also hier davon
nichts weiter.<lb/>Dazumal um achtzehnhundertneunundzwanzig
-<lb/>z<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0020_017.tif" n="017"/>
<p>d<lb/>--- 1? =-<lb/>ich entsinne mich des Jahres ganz genau, denn
der<lb/>Vater hatte gerade das Stück Wiesenland gekauft, das<lb/>die Fabrik
und unseren Garten von der Spree ah-<lb/>trennte, damit wir an das Wasser
heran konnten, und<lb/>hatte gleich zwei schöne Böte für uns angeschafft -
dazu-<lb/>mal kamen viel Gäste in unser Haus, und es ging<lb/>lustig bei uns
her. Ich tanzte leidenschaftlich gern;<lb/>mir war dann zum Fliegen leicht
un's Herz. Ich<lb/>weinte jedoch fast noch lieber meine heißen Thränen<lb/>.
mit allen unglücklich Liebenden in der Poesie und<lb/>Wirklichkeit; und da
ich im Nebrigen verständig war,<lb/>die Eltern sich auf meine Vernunft und
Sittlichkeit<lb/>verlassen konnten, und schlechte Bücher im Hause
nicht<lb/>gelitten wurden, so hatte ich freie Wahl für meine<lb/>Leselust
und durfte meinen empfindsamen Neigungen<lb/>ihren freien Lauf
lassen.<lb/>Ich hatte gute Tage. Die Eltern, die Freunde<lb/>liebten und
lobten mich, und der Josias wiederholte<lb/>es immer,,seine schlanke Franull
sei recht ein Mädchen<lb/>nach seinem Herzen!?'<lb/>Gerade in dem Jahre
jedoch war er zum ersten<lb/>Fanny Lewald, Josias.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0021_018.tif" n="018"/>
<p>-=- 1 Z -<lb/>Male krank gewesen. Er hatte einen Anfall von Poda-<lb/>gra
gehabt, und es war verabredet, daß er nach seiner<lb/>Rückkehr von Teplitz,
wohin er zur Kur gegangen, zu<lb/>uns in den Garten kommen und den Rest des
Sommers<lb/>zu seiner Erholung bei uns verbringen sollte. Als
dann<lb/>endlich am Ende des Juli unser Freund, von uns<lb/>Allen ersehnt,
von seiner Reise bei uns anlangte, hatten<lb/>wir zu gewahren, daß äußerlich
eine Wandlung mit<lb/>ihm vorgegangen war, durch die er nicht
verloren,<lb/>sondern eher gewonnen hatte, während er in seinem -<lb/>Jnnern
ganz derselbe gute Josias geblieben wie vorher.<lb/>Der Arzt hatte es ihm
nämlich zur Pflicht ge-<lb/>macht, seine Kleidung seinen Jahren angemessen
zu<lb/>ändern; sich, seines Podagras wegen, zu der üblichen<lb/>Tracht zu
bequemen, weil sie die wärmere sei; und Josias<lb/>ging denn nun gekleidet
wie alle anderen Männer,<lb/>so daß man es nicht- mehr nöthig hatte,
beständig<lb/>seine Absonderlichkeit gegen solche Leute zu erklären<lb/>und
zu vertreten, die mit ihm zum ersten Male in<lb/>Berührung kamen. War es
doch zuletzt auch mir, so<lb/>lieb ich ihn hatte, nicht mehr angenehm
gewesen, mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0022_019.tif" n="019"/>
<p>; - -<lb/><lb/>!<lb/>s<lb/>== ,ß<lb/>ihm durch die Straßen zu gehen, weil die
Menschen ihn<lb/>so verwundert betrachteten, die Kinder, mit den
Fingern<lb/>auf ihn weisend, vor ihm stehen blieben, und wenn er<lb/>es auch
vielleicht sich selber nicht recht eingestand --<lb/>Gott verzeihe mir's,
falls ich ihm Unrecht damit thue -<lb/>ich glaube, es war ihm am Ende gar
nicht unlieb,<lb/>daß er in die große Masse versinken mußte. Man<lb/>kann ja
unter einem Kreuz, das man mit Begeisterung<lb/>auf sich genommen hat, doch
allmälig müde werden.<lb/>Daneben sah der Josias, der nun an das
Ende<lb/>seiner Fünfziger angelangt war, im langen Neberrock,<lb/>mit langem
Beinkleid und mit den feinen, schönen<lb/>Klappenstiefeln, bei seiner
Gestalt weit besser als vor-<lb/>dem aus. Jedweder mußte es jetzt sagen, daß
er noch<lb/>ein schöner Mann sei, und er hätte nicht eben ein<lb/>schöner
Mann sein müssen, hätte er an dem Wohl-<lb/>gefallen, das er erregte, nicht
eine gewisse Freude<lb/>haben sollen.<lb/>Es war von dem Augenblicke gb, da
er zu uns<lb/>hinausgezogen war, von der Mutter festgestellt, daß<lb/>ich im
Besonderen für ihn sorgen solle. Ich hatte<lb/>=-. =-.; »Maa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0023_020.tif" n="020"/>
<p>=-- Zls -<lb/>mich deßhalb mit seiner Haushälterin in Verbindung<lb/>gesetzt,
damit ihm Alles bereitet werden konnte, wie er<lb/>es bei sich gewohnt war,
und es verstand sich also<lb/>auch von selber, daß ich zu Hause blieb, ihm
Gesell-<lb/>schaft zu leisten, als die Eltern an einem Sonntag
nach<lb/>Charlottenburg gefahren waren, der Einladung einer<lb/>befreundeten
Familie zu einem Mittagbrod zu folgen.<lb/>Als ich dann mit meinem Gast und
mit den Ge-<lb/>schwistern unser Mahl eingenommen, für Josias den<lb/>Kaffee
gemacht und er sich in sein Zimmer zurückge-<lb/>zogen hatte, ging ich
hinunter nach dem mit Geis-<lb/>blatt umrankten Gartenhäuschen, das der
Vater eben<lb/>dicht am Wasser hatte errichten lassen, und das, wie<lb/>die
Mode es mit sich brachte, schön mit chinesischen<lb/>Tapeten ausgeschlagen
war.<lb/>Indeß ich sah weder die schlitzäugigen Schönen,<lb/>noch die
langzöpfigen Mandarinen, die mit ihnen in<lb/>Reih und Glied unter den
fremdartigen Blumenbüschen<lb/>saßen. Was gingen die mich an?<lb/>Ich hatte
mir aus der Eltern Bücherschrank den<lb/>heiß geliebten Werther wieder
einmal hervor geholt,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0024_021.tif" n="021"/>
<p>d<lb/>-=- Zh-<lb/>und die Hoffnung schwellte mir das Herz, mich
den<lb/>ganzen, langen Nachmittag, so tief ich wollte, in die<lb/>Poesie von
Werthers Leiden hinein versenken, seine<lb/>letzten Worte lesen, sein
Geschick beweinen und neben-<lb/>her Lotte verdammen zu können, die solcher
Liebe gar<lb/>nicht werth gewesen war. - Und alt, wie ich heut zu<lb/>Tage
bin, fühle ich es auch jetzt noch nicht viel an-<lb/>ders!-- Gott! hätte
mich einer in meinen jungen<lb/>Tagen so geliebt, Vater und Mutter und
Heimath<lb/>und Geschwister und meinen guten Namen hätte ich<lb/>geopfert!
nicht nur einen Bräutigam, der nichts weiter<lb/>war, als ein ordentlicher
Mensch, als einer von den<lb/>Bräutigams, mit denen man sich verheirathet,
wenn<lb/>es gerade so paßt und man nichts Besseres zu thun hat.<lb/>Ich
hatte denn auch, ich weiß nicht zum wie vielten<lb/>Male, das Ende des
Romans gelesen, hatte in voller<lb/>Andacht und Zärtlichkeit die Hände über
dem Buch ge-<lb/>faltet und sah in den Abend hinaus, der sich still
über<lb/>die Wiesen und das Wasser und weit hinaus über die<lb/>jenseitigen
Fluren zu verbreiten begann, als Josias,<lb/>vom Hause kommend, in das
Gartenhäuschen eintrat.<lb/>.kUan<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0025_022.tif" n="022"/>
<p>-- Z!--<lb/>,Nun,'' rief er mich an, ,was hast Du den Nach-<lb/>mittag
gethan, mein Schatz?'<lb/>,Ich habe gelesen!'' entgegnete ich, das Buch
zur<lb/>Seite legend.<lb/>, Und was?' fragte er, indem er es zur Hand
nahm.<lb/>Als er dann den Titel gesehen, blickte er mich an
und<lb/>sprach:,Wirst Du denn gar nicht damit fertig?--<lb/>Der Ton des
Spottes, mit welchem er das sagte,<lb/>fiel mir auf; denn ich wußte, wie
sehr er Goethe be-<lb/>wunderte, und wie er selber sich oft genug Rath
und<lb/>Erhebung aus ihm holte; aber er ließ mir zum Fra-<lb/>gen keine
Zeit.<lb/>,Es springt keiner, wie die Minerva, gleich fix und<lb/>fertig aus
dem Haupte Jupiters. Jeder begeht seine<lb/>Jugendsßnden, und wohl ihm, wenn
er allein und<lb/>nicht andere sie zu büßen haben !'' sagte er.,So
ist<lb/>denn auch der Werther eine von Goethes schweren<lb/>Juugendsünden!''
Darauf hielt er einen Augenblick<lb/>inne und setzte dann hinzu: ,Aber werde
Du mir<lb/>nicht schwachherzig oder gar empfindsam! - Weil. Du<lb/>ein so
frisches, ehrliches Kind gewesen bist, habe ich Dich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0026_023.tif" n="023"/>
<p>?<lb/>- ZZ --<lb/>lieb gehabt vor allen Anderen! Empfindsam darfst<lb/>Du mir
nicht werden, denn Empfindsamkeit ist eine<lb/>Schwäche, die ungerecht macht
gegen die Starken; und<lb/>vollends Thränen weinen, um--<lb/>, Um ein
unglücklich liebendes Herz soll man nicht<lb/>weinen?' fiel ich ihm in die
Rede, meinem Ohr nicht<lb/>trauend.<lb/>,Man soll nicht weinen über einen
Deserteur !''<lb/>entgegnete er bestimmt, mir das Wort abschneidend.<lb/>Ich
sah ihn an, als stände ein Fremder vor mir;<lb/>aber gutmüthig, wie er's ja
immer war, mochte er<lb/>fühlen, daß er mich erschreckt, mir wehe gethan,
und<lb/>mit milderem Ton sette er hinzu: ,Wer selbstsüchtig<lb/>nur an sich
denkt, wer flüchtet vor dem Feind, dem<lb/>Schmerz, der vor ihm steht, statt
ihm die Stirn zu<lb/>bieten und sich, wenn auch schwer verwundet, zu
be-<lb/>haupten in Reih und Glied mit denen, zu denen er<lb/>gehört und die
zu ihm gehören, der ist ein Feigling<lb/>und ein Deserteur! Nichts mehr,
nichts weniger! Er<lb/>salvirt sich und fragt nicht nach den Anderen!
Er<lb/>wirft sein Leben, das er nutzen sollte, ehrlos von
sich<lb/>s<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0027_024.tif" n="024"/>
<p>=- ZF -<lb/>und fragt nicht danach, wie schwer er das Leben der<lb/>Anderen
belastet, die besser sind und muthiger als er.<lb/>Leben kann in manchem
Augenblick schwerer sein als<lb/>sterben. Glaube das !''<lb/>Ich kannte ihn
nicht wieder, ich kannte mich selbst<lb/>nicht wieder! Es war mir, als wäre
ich zehn Jahre<lb/>älter geworden, als habe er mich empor gehoben,
um<lb/>mich ihm näher zu bringen; und diese Stunde be-<lb/>nutzend, faßte
ich mir ein Herz.<lb/>,Josias,'' sagte ich, ,Du bist boch selbst
empfind-<lb/>sam! Du trägst noch heute das Souvenir am Ohr,<lb/>das mir als
Kind schon zu denken gegeben.- Du<lb/>hast, ich bin des sicher-- Du hast
geliebt - hast<lb/>unglücklich geliebt.'<lb/>,Du irrst Dich nicht!'' sprach
er, und seine schöne<lb/>wohlklingende Stimme wurde wieder mild.
,Du<lb/>irrst Dich nicht! Ich habe eine leidenschaftliche,
un-<lb/>glückliche, wenn schon erwiderte Liebe gehabt - aber<lb/>wenn sie
auch entschieden hat über mein ganzes Leben<lb/>--- ich habe kein fremdes
Glück zerstört. Ich habe es<lb/>nicht von mir geworfen das Leben, so weh es
mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0028_025.tif" n="025"/>
<p><lb/>»E<lb/>===- FH --<lb/>gethan; ich habe getrachtet, daraus für Andere
zu<lb/>machen, was ich konnte, und - ich bin der Liebe treu<lb/>geblieben,
die dereinst in flüchtiger Stunde mein gan-<lb/>zes Glück gemacht.'<lb/>Und
wieder hielt er inne, und ich hatte mich zu<lb/>sammeln.-- Wie wenig hatte
ich ihn gekannt den<lb/>Mann, unter dessen Augen ich gelebt seit meinem
ersten<lb/>Athemzuge. Und kannten ihn die Anderen mehr?<lb/>Wußten mein
Vater, meine Mutter mehr von ihm, als<lb/>die Anderen alle und als
ich?<lb/>Sein halbes Bekennen hatte mir Muth gegeben.<lb/>,Und sie lebt, die
Du geliebt hast? fragte ich.<lb/>,I. sie lebt!?'<lb/>,Und sie ist
glücklich??<lb/>,Sie lebt an ihres Gatten Seite, im Kreise ihrer<lb/>?
Kinder, geliebt und hoch geehrt.?<lb/>,Aber Du?<lb/>,Die wahre Liebe denkt
nicht an sich! - Mein<lb/>Herz ist zeitig still geworden - mein Gewissen
auch!<lb/>und ich bin nicht verlassen. Ihr Alle liebt mich ja.?<lb/>,Alle,
Alle!'' rief ich, ,und von Herzen! Aber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0029_026.tif" n="026"/>
<p>- Zß -<lb/>wenn Du mich liebst, mich, die Du Franull genannt,<lb/>weil Deine
Geliebte so geheißen - sage mir, wer<lb/>war sie, wo hat sie gelebt, und
warum hast Du sie<lb/>nicht erwerben, nicht zur Frau gewinnen können?<lb/>Er
strich mir mit seiner feinen Hand über das<lb/>Haar, sah dann nach Westen,
nach dem Sonnenunter-<lb/>gang hin. Die Sonne stand noch hoch am
Himmel.<lb/>Vom Thurm der Klosterkirche schlug es sieben Uhr,<lb/>ihr
Glockenspiel tönte freundlich zu uns herüber.<lb/>, Wir haben noch mehr als
drei Stunden vor<lb/>uns, ehe die Eltern von Charlottenburg
zurückkehren<lb/>werden,'' sagte er, ,und die Erzählung dessen,
was<lb/>Deine Zuneigung zu mir Dich hören zu machen wünscht,<lb/>ist bald
geschehen. Es hat sie noch kein Ohr ver-<lb/>nommen. Dir soll sie vertraut
sein, eben weil Du<lb/>jung bist. So lange Du leben wirst, werden wir
fort-<lb/>leben in Deinem Gedächtniß, Franull und ich. Es<lb/>ist ein
Stückchen irdischer Unsterblichkeit, das ich mir<lb/>und unserer Liebe
sichere. - Komm, setz Dich her zu<lb/>mir, wo das Licht nicht blendet; und
nun höre zu.''<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0030_027.tif" n="027"/>
<p>:<lb/>d<lb/>=Z F<lb/>Drittes Kapitel.<lb/>- =?- -1? ue E<lb/>Du weißt, hnb er
an, daß wir Courvilles<lb/>aus dem Bievrethal stammen, wo unser
Vorfahr<lb/>Elaude Frangois Courville auf schönem Grundbesitze<lb/>lebte.
Ohne von Adel zu sein, war unsere Familie<lb/>angesehen; die Herren vom Hofe
hatten, wenn die<lb/>königlichen Jagden sich bis in unsere Gegend
erstreckten,<lb/>zum Defteren einen kurzen Halt vor dem
stattlichen,<lb/>schloßartigen Hause gemacht und sich es gefallen
lassen,<lb/>wenn ihnen in dem trefflichen Wein und den
köstlichen<lb/>Früchten, die unsere Weinberge und Gärten erzeugten,<lb/>eine
Erfrischung dargeboten wurde. Die Courvilles<lb/>waren glückliche Leute
gewesen auf ihrem Grund und<lb/>Boden. Sie hatten auch in der
Kaufmannschaft, in<lb/>der Robe und in der Verwaltung ihre nahen
Ver-<lb/>wandten gehabt, aber die ganze Familie hatte sich<lb/>dem
Katholicismus abgewendet; und eines schönen<lb/>Tages hatte man die
Hugenotten vertrieben, hatte es<lb/>ein Ende gehabt mit all dem Frieden und
mit all der<lb/>Herrlichkeit auch in Beauchamp.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0031_028.tif" n="028"/>
<p>-- Z -<lb/>Seiner Umsicht und einem Zusammentreffen günsti-<lb/>ger Umstände
hatte unser Stammvater es zu danken,<lb/>daß er ein immerhin beträchtliches
Vermögen retten<lb/>können; und nachdem er in Preußen die neue Hei-<lb/>math
gefunden, und die Verhältnisse des Landes ken-<lb/>nen lernen, hatte er, in
Frankreich an die Nähe einer<lb/>großen Stadt, an die Nähe von Paris
gewöhnt, sich<lb/>fünf Meilen von Berlin in der Mark angekauft.<lb/>Die
adelige Familie, welcher das Schloß Eichhausen<lb/>gehört, hatte durch eine
neue reiche Erbschaft im<lb/>Bayreuthischen sich veranlaßt gefunden, den
alten<lb/>Besitz um des neuen willen aufzugeben, und mein<lb/>Vater hatte im
Andenken an Beauchamp sein Schloß<lb/>,Schönfelde'' getauft. In Schbnfelde
sind die Cour-<lb/>villes von Vater auf den Sohn ansässig geblieben,<lb/>und
unter ihrer aus Frankreich mitgebrachten Kennt-<lb/>niß der verbesserten
Landwirthschaft hatte sich Schön-<lb/>felde zu einer Art von
Musterwirthschaft herausge-<lb/>bildet, in welcher namentlich die Pflege des
Obstes<lb/>und die großen Anpflanzungen von Maulbeerbäumen<lb/>die
Aufmerksamkeit erregten. als man ein Jahrhun-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0032_029.tif" n="029"/>
<p>== Zß =-<lb/>dert später von Seiten der preußischen Regierung
die<lb/>Seidenerzeugung im Lande einzuführen und zu
fördern<lb/>beabsichtigte.<lb/>Als mein Vater das Gut von seinem Vater
nach<lb/>Beendigung des siebenjährigen Krieges überkam,' hatten<lb/>wir gen
Osten hin die Königliche Domäne Benwit,<lb/>gen Westen hin Schloß Dombow zu
Nachbarn, welch<lb/>letzteres einem Grafen Dubimin, einem Major von<lb/>den
Zieten'schen Husaren gehörte, der es aber bis dahin<lb/>selten bewohnt, weil
der Dienst ihn fern hielt, und<lb/>weil die schöne Gräfin, die er sich
zugelegt, als er<lb/>ein Mann in den dreißiger Jahren gewesen, die
Freuden<lb/>des Hoflebens nicht entbehren mochte.<lb/>Mit einem Male jedoch
erschien der Graf mitten<lb/>im Winter des Jahres
siebzehnhundertfünfundsechzig -<lb/>plötzlich in Dambow. Seine Wagen, seine
Pferde,<lb/>sein alter Wachtmeister langten mit ihm an. Es<lb/>wurde Alles
auf sein Verweilen eingerichtet; nur<lb/>die Gräfin kam nicht mit, und nicht
der Sohn,<lb/>den sie anderthalb Jahre vorher in ihrer bis
dahin<lb/>kinderlosen Ehe geboren hatte, und über dsn da-<lb/>,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0033_030.tif" n="030"/>
<p>==- Zl<lb/>mals, als die Nachricht von Berlin gekommen, in<lb/>Dambow unter
des Grafen Leuten große Freude ges<lb/>wesen war.<lb/>Sonst war der Graf,
wenn er einmal während<lb/>der Kriegsjahre für kurze Zeit einen Urlaub
erhalten,<lb/>als ein leidenschaftlicher Jäger und lebenslustiger
Herr<lb/>immer gleich von großer Gesellschaft umgeben gewesen.<lb/>Es war
dann hoch hergegangen. Der ganze Adel<lb/>von den Nachhargütern war geladen
worden, die Jagd-<lb/>frühstücke, die Mittagbrode, die Abendfeste hatten
ein-<lb/>ander abgelöst. Von früh bis in die späte Nacht<lb/>war es ein
glänzendes Leben gewesen; dies Mal blieb<lb/>Alles still. Der Förster fragte
vergebens nach des<lb/>Herrn Befehlen. Der Graf gab kaum Acht auf
die<lb/>Berichte über den Wildstand, er rührte keine Flinte an.<lb/>Man
wußte nicht, was man davon zu denken hatte.<lb/>Aus dem Wachtmeister war
Nichts herauszubringen, und<lb/>die Bedienten ließen sich auch nicht viel
vernehmen<lb/>über das, was den Grafen so verwandelt hatte. Und<lb/>trotdem
wußte man es doch bald, daß er seinen Ab-<lb/>schied genommen, daß er seine
Frau und seinen Sohn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0034_031.tif" n="031"/>
<p>== Z! --<lb/>verstoßen habe. Erklären konnte man sich das nicht,<lb/>bis
sechs, acht Wochen später der Verwalter von der<lb/>Königlichen Domaine, der
in Berlin gewesen war, die<lb/>Nachricht mitbrachte, daß der Graf ein Duell
gehabt<lb/>habe. Sein Gegner, ein Sekretär der
französischen<lb/>Gesandtschaft, ein Vicomte von Solanges, sei an
der<lb/>erhaltenen Wunde gestorben. Die Gräfin Dubimin<lb/>sei mit ihrem
Sohn erst zu ihren Eltern, dann aber<lb/>nach Frankreich in die Bretagne
gegangen, da der<lb/>Vicomte vor seinem Tode ihr und ihrem Sohn
seinen<lb/>ganzen liegenden Besitz und sein Vermögen verschrieben.<lb/>Der
Graf habe die Trennung seiner Ehe eingeleitet<lb/>und dabei darauf
angetragen, daß der Gräfin und<lb/>ihrem Sohn die Führung seines Namens
verboten<lb/>würde.<lb/>Was daneben noch weiter über die Gräfin und<lb/>die
näheren Umstände dieses Ehescheidungsprozesses<lb/>verlautete, war traurig
genug für den Grafen und<lb/>zum Wiederholen nicht gemacht. Es konnte sich
damals<lb/>aus den Andeutungen Jeder seinen Vers machen, und<lb/>machte sich
ihn auch.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0035_032.tif" n="032"/>
<p>-- ZZ --<lb/>Wer irgend den Grafen näher kannte, der be-<lb/>klagte ihn. Er
war ein tapferer Soldat gewesen,<lb/>hatte sich Ehre und Ruhm erworben durch
seinen Muth,<lb/>durch seine bis zur Tollkühnheit gehende
Verwegenheit,<lb/>und er hatte eben deßhalb bei dem König, der
solche<lb/>rasche Entschlossenheit, der die Husarenstreiche liebte,<lb/>in
großer Gunst gestanden. - Eben dieser Gunst und<lb/>der Rücksicht auf die
französische Gesandtschaft schrieb<lb/>man es also zu, daß das Duell und die
ganze traurige<lb/>Scheidungsangelegenheit möglichst in der Stille
abge-<lb/>handelt und dem Grafen die lange Festungsstrafe in<lb/>eine kurze
Haft verwandelt worden war, nach welcher<lb/>er seinen Abschied gefordert
und sich auf sein Gut<lb/>zurückgezogen hatte.<lb/>Neberall gab man ihm
Recht. Man sagte, er<lb/>habe gehandelt, wie er mußte, und nun sei, eben
Alles<lb/>in Ordnung. Er jedoch vermochte die schwere Kränkung<lb/>seiner
Ehre und seine verrathene Liebe nicht zu ver-<lb/>winden. Aus dem
lebensfrohen Offizier war ein<lb/>finsterer Mann, man sagte ein
Menschenfeind geworden.<lb/>Er besuchte Niemand; und wenn man ihm
Sonntags<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0036_033.tif" n="033"/>
<p>rf. z.<lb/>aa<lb/>-=- ZZ =-<lb/>in der Kirche begegnete, sah man's ihm an,
wie ver-<lb/>sunken er in sich war, und daß er an seinen alten<lb/>Bekannten
und an Nichts mehr Antheil nahm, obschon<lb/>er in allem Geschäftlichen
seine Schuldigkeit that, und<lb/>seinen Leuten nach wie vor ein gnädiger,
guter Herr<lb/>geblieben war. Nur mit meinem Vater hielt er noch<lb/>einigen
Verkehr, das stammte aus ihrer Kinderzeit.<lb/>So mochten drei Jahre
verstrichen sein, als der<lb/>König einmal in unsere Gegend kam; und als
wolle<lb/>er seinem früheren Major und Günstling öffentlich -<lb/>eine
Ehrenerklärung geben, ließ er ihm die Nachricht<lb/>zuugehen, daß er bei ihm
vorzusprechen denke, wenn er<lb/>die Domäne Banwitz besucht haben werde, die
ein<lb/>gewisser Kräutner seit langen Jahren bewirthschaftete,<lb/>und
schlecht bewirthschaftete. Es war um die Zeit-<lb/>überhaupt die Rede davon
gewesen, daß der König<lb/>die bisherige Verwaltung seiner Güter nicht
zweckent-<lb/>sprechend finde, daß eine andere Einrichtung mit
den<lb/>Domänen gemacht werden solle.<lb/>Die Nachricht, daß der König den
Grafen mit<lb/>seinem Besuche beehren werde, brachte mit einem
Male<lb/>Fanny Lewald, Josias.<lb/>L<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0037_034.tif" n="034"/>
<p>=- Ze -<lb/>Leben in das stille Schloß. Es wurden Reitknechte nach<lb/>rechts
und links gesendet, der Koch und die Diener-<lb/>schaft hatten sich zu
rühren, und auch unser Gärtner<lb/>wurde in Anspruch genommen, in aller Eile
die Ehren-<lb/>pforten errichten zu helfen, mit denen der
König<lb/>empfangen werden sollte. Wer es konnte, war im<lb/>Lande auf den
Beinen,' den König zu sehen, den man<lb/>schon damals den ,großen König''
nannte, und es hatte<lb/>sich viel Volk gesammelt, als er vor Schloß
Dambow<lb/>vorfuhr, wo der Graf, zum exsten Male wieder in<lb/>voller
Uniform, seinen Herrn an seines Gartens Thor<lb/>empfing.<lb/>Es war dem
Grafen die Weisung ertheilt worden,<lb/>daß keine weiteren Gäste einzuladen
wären, und nach-<lb/>dem der König den Grafen huldvoll begrüßt und<lb/>seine
Dankbezeugung gnädig aufgenommen, hatte man<lb/>sich zu dem vorbereiteten
Gabelfrühstück niedergesetzt.<lb/>Vorher hatte jedoch der Generaladjutant
dem Grafen<lb/>mit flüchtigem Worte zu verstehen gegeben, daß der<lb/>König
nicht sonderlich aufgelegt sei, weil er mit der<lb/>Verwaltung der Domäne
und dem Kräutner unzus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0038_035.tif" n="035"/>
<p>=- ZJ--<lb/>frieden gewesen wäre. Kaum aber hatte der Adjutant<lb/>das
gesagt, als der König sich erkundigt, wem das<lb/>Nachbargut Schönfelde
gehöre, da seinem Adlerauge<lb/>trotz des raschen Vorüberfahrens die vielen,
reiche Frucht<lb/>versprechenden Obstspaliere und die Alleen der
kräftig<lb/>emporgewachsenen Maulbeerbäume bei uns
aufgefallen<lb/>waren.<lb/>Der Graf hatte darauf dem Könige meinen
Vater<lb/>genannt, hatte berichtet, was der König sonst noch zu<lb/>wissen
gewünscht, und sofort war auch ein Reitknecht<lb/>nach Schönfelde gesendet
worden, weil der König, der<lb/>auf die Refugiss viel hielt, meinen Vater zu
sprechen<lb/>verlangt. Der Graf war meinem Vater, als man<lb/>ihn in Dambow
gemeldet, entgegengegangen, hatte<lb/>ihn im Voraus benachrichtigt, um was
es sich wahr-<lb/>scheinlich handeln würde, hinzusetzend, daß der
König<lb/>Nerger in Banwitz gehabt und daß der Vater sich<lb/>danach zu
achten habe.<lb/>Wie der Vater darauf vor dem Könige erschien -<lb/>und mein
Vater war ein stattlicher Mann, der sich<lb/>vornehm ausnahm in der schönen
Tracht von damals -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0039_036.tif" n="036"/>
<p>-<lb/>==- Ihs -<lb/>wie mein Vater also ehrfurchtsvoll und wüürdig
vor<lb/>seinem Könige stand, sagte dieser: ,EEr stammt von<lb/>den Refugiss,
wie ich von dem Grafen vernommen,<lb/>und ich lobe seine Obst- und seine
Maulbeerzucht. So<lb/>wie sie bei ihm ist, will ich sie eingeführt haben;
aber<lb/>der Kräutner versteht sein Metier nicht und nicht<lb/>meine
Intention. Er hat Banwitz verwirthschaftet<lb/>und muß fort. Verkaufe Er mir
Schönfelde. Ich<lb/>schlage es zur Domäne, und Er soll mir beide
Güter<lb/>bewirthschaften nach der Weise, wie Er sein Schön-<lb/>felde in
Kultur gebracht hat.?<lb/>Josias machte eine kleine Pause. -,Du
kannst<lb/>Dir wohl denken,'' nahm er darauf wieder das Wort,<lb/>,daß es
kein leichtes Stück war, ein Mein' zu sagen,<lb/>wenn der große Friedrich
seine scharfen, blauen Augen,<lb/>eine andere Antwort erwartend, auf einen
seiner Unter-<lb/>thanen gerichtet hielt. Indeß der Vater hing
an<lb/>seinem, an dem Familiengute. Das Gut, in das<lb/>durch nahezu ein
Jahrhundert beträchtliches Kapital<lb/>hineingesteckt worden war, konnte
auch nicht billig<lb/>fortgegeben werden, und daß der König ein
knapper<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0040_037.tif" n="037"/>
<p>r<lb/>-- Z? --<lb/>Zahler war und sein muußte, das war Jedermann<lb/>bekannt,
das lag in den Verhältnissen. Allein da der<lb/>Vater ein großer Verehrer
des Königs war, da er<lb/>auch den schönen Zug fühlte, einem Hohenzollern,
so<lb/>weit es in seiner geringen Macht stand, sich dankbar<lb/>zu erweisen
für den Schutz, welchen unsere Vorfahren<lb/>unter dem Scepter der
Hohenzollern in Preußen ge-<lb/>funden, so sagte er, als der gewandte und
rasch -<lb/>entschlossene Mann, der er gewesen ist alle Zeit:<lb/>,Majestät
werden es gut zu heißen geruhen, daß ein<lb/>Refugis an seinem Grund und
Boden, den er unter<lb/>dem preußischen Adler erworben hat, mit
derselben<lb/>festen Treue hält, wie an seinem neuen Vaterlände<lb/>und an
dessen ruhmreichem Könige und Herrn! Aber -<lb/>wenn Dero Majestät Zutrauen
zu mir fassen könnten<lb/>und Dero Unterthan eine große Gnade
erweisen<lb/>wollten, so getraute ich mir, da Schönfelde im Stande<lb/>ist
und mir freie Zeit läßt, die Domäne, wenn Herr<lb/>Kräutner bleibt, zu
beaufsichtigen oder zu bewirth-<lb/>schaften, wie Dero Majestät es zu
befehlen geruhen,<lb/>ohue daß ich - Schönfelde deshalb auufgeben
müßte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0041_038.tif" n="038"/>
<p>==- ZZ -<lb/>Denn ich möchte es vererben auf den Sohn, auf das<lb/>erste
Kind, das mir in dieser Nacht geboren ist, wie-<lb/>meine Vorfahren es
vererbt, vom Vater auf den<lb/>Sohn,'<lb/>Mein Vater merkte an den Mienen
der Anwesen-<lb/>den, daß sie von Seiner Majestät etwas Ungnädiges<lb/>zu
vernehmen erwarteten; sie hatten sich aber geirrt.<lb/>Der König war zu
gerecht, um einem Manne ein<lb/>gerechtes Verlangen als Verbrechen
anzurechnen. Er<lb/>sah meinen Vater scharf an, dann sagte er: ,Wenn<lb/>Er
nicht lassen will von seiner Scholle, behalt! Er sie.<lb/>Ich will's mit ihm
probiren! Der Kräutner soll<lb/>Ordre bekommen, sich ihm zu unterstellen.
Seh' Er,<lb/>ob's mit ihm geht. Parirt er nicht, meld' Er's der<lb/>Kanzlei,
dann geht er. Aber nehm' Er's mit Banwitz<lb/>gleich in Angriff! Sein Schade
soll's nicht sein, wenn<lb/>Er seinen König contentirt. Also aufs nächste
Jahr,<lb/>Monsieur Courville! Ich werde nachsehen lassen, wo<lb/>Er halten
wird !'<lb/>Damit reichte er meinem Vater die Hand, der<lb/>sie ihm mit
stolzer Freude küßte; und als dann der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0042_039.tif" n="039"/>
<p><lb/><lb/>- Zß =-<lb/>=e lP SeAF<lb/>König gleich darauf das Schloß verließ,
nickte er dem<lb/>- Vater noch einmal gnädig mit dem Kopfe, bevor
der<lb/>Wagen dem Auge entschwand.<lb/>Der Graf lud den Vater darauf ein,
mit ihm<lb/>in das Schloß zurückzukehren, um bei einem Glase<lb/>Wein zu
besprechen, wann der betreffende Befehl an<lb/>Kräutner eintreffen könne,
und wie es rathsam sei,<lb/>bis dahin von der Angelegenheit zu schweigen.
Dabei<lb/>gab ein Wort das andere. - Des Grafen Herz
war<lb/>aufgeschlossener als seit langen Jahrey- ggDie Gnade<lb/>des Königs
hatte ihn neu belebt, und weil er sich<lb/>befreiten Sinnes fühlte, mochte
er auch Freude be-<lb/>reiten, wollte er dem einstigen Spielkameraden,
dem<lb/>Gutsnachbar, dem der König eben die Huld erwiesen,<lb/>seine freien
Dienste anzunehmen, auch eine Ehre an-<lb/>thun, denn der Vater war nun in
des Grafen Augen<lb/>noch mehr gestiegen und noch ein ganz Anderer
ge-<lb/>worden als bisher.<lb/>Er fragte den Vater theilnehmend nach dem
Be-<lb/>finden der Wöchnerin und settte hinzu: ,Da Ihnen,<lb/>lieber
Courville, gerade an dem Tage, den wir Beide<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0043_040.tif" n="040"/>
<p>=- Fß -<lb/>in unsere Annalen einzutragen haben werden, ein<lb/>Sohn geboren
worden, so nehmen Sie mich, als<lb/>Jugendbekannten, zu seinem Pathen an,
und da ich<lb/>Ihr nächster Nachbar bin, werde ich das Vergnügen<lb/>haben,
ihn unter meinen Augen heranwachsen zu sehen.<lb/>Ein Einsamer muß sich an
fremdem Glück erfreuen<lb/>lernen !'<lb/>Mein Vater erkannte natürlich diese
Ehre dank-<lb/>barst an, und weil des Grafen Stimme und Rede<lb/>weicher und
herzlicher geklungen, als er sie je ver-'<lb/>nommen, sagte er, er hoffe,
der Graf werde nicht<lb/>immer einsam bleiben, und auch ihm und seinem
Hause<lb/>werde noch Glück erblühen, und der Erbe ihm nicht<lb/>fehlen zu
seiner Zeit.<lb/>Der Graf schüttelte verneinend das Haupt. ,Was<lb/>hin ist,
ist dahin!'' sprach er.,Der Baum, den ein<lb/>Blitzstrahl getroffen, mit dem
ist's vorbei, der trägt<lb/>keine Frucht mehr !''<lb/>,Sie irren, Herr Graf,
es kommt nur auf die<lb/>Kraft des Stammes an,'' wendete ihm der Vater
ein.<lb/>,Wenn ich die Ehre haben werde, Sie in Schönfelde<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0044_041.tif" n="041"/>
<p>===- g, --<lb/>zu sehen, zeige ich Ihnen einen Baum, den der Blitz<lb/>vor
Jahren seiner mächtigsten Aeste beraubt; und er<lb/>hat neue Aeste
getrieben, und verspricht noch auf weit<lb/>hinaus Bestehen und gute
Frucht.? Der Graf nahm<lb/>das wie eine gewöhnliche Bemerkung hin. Nur
ein<lb/>flüchtiges Lächeln glitt über sein gefurchtes, düsteres<lb/>Antlitz
und es war weiter die Rede nicht davon.<lb/>Vierzehn Tage danach ward ich in
der Kirche der<lb/>Domäne, in welcher wir und die von Dambow
ein-<lb/>geßfarrt waren, auf den Namen Friedrich Claudius<lb/>Josias
getauft, und mit dem letzten Namen gerufen,<lb/>welcher der des Grafen war;
mit dem Namen, über<lb/>den Du Dich so sehr gewundert hast, als Du noch
ein<lb/>kleines unnützes Ding gewesen bist.?<lb/>Und wieder unterbrach sich
Josias, seiner ge-<lb/>mächlichen Weise getreu, in seiner Erzählung. -
Die<lb/>Sonne war untergegangen, die Luft war klar und hell;<lb/>- von dem
Wasser und von den jenseitigen Wiesen stieg<lb/>es, wie ein kaum merklicher,
leichter Nebel auf. All<lb/>mälig begann er silbern zu schimmern und sich
zu<lb/>färben, denn der Mond tauchte am östlichen Horizont<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0045_042.tif" n="042"/>
<p>== IZ -<lb/>auf. Josias blickte eine ganze Weile in das sanfte<lb/>Wallen und
Weben des Nebels hinein.<lb/>,Sieh,- sprach er, ,wie das nahende Licht
die<lb/>ganze weite Fläche und den Himmel verklärt mit seinem<lb/>Zauber.
Ist es doch, als löste er die harten Umrisse<lb/>in Duft, als höbe er das
Gesetz der Schwere auf!<lb/>Wie macht diese Herrlichkeit es uns empfinden,
daß<lb/>wir eingeboren sind in die Schönheit der Natur, daß<lb/>wir zu ihr
gehören, ein Theil von ihr sind! Wie<lb/>fühlt man sie aufwallen im Herzen,
die Anbetung<lb/>dessen, der uns diese schöne Welt geschaffen hat! -<lb/>Und
über ein Kleines, ein paar Stunden noch, wenn<lb/>des Mondes Helle unserem
Auge entschwunden sein,<lb/>wenn das Dunkel uns umhüllen wird, so wird
trotz-<lb/>dem das Licht, das jetzt von ihm in' unsere Seelen<lb/>gefallen,
fortleuchten in uns in aller seiner Schönheit,<lb/>in unverlierbarer
Erinnerung -- fortleben und leuchten<lb/>wie die wahre Liebe, die auch ein
Gottgegebenes und<lb/>also auch ein Unverlierbares, ein Ewiges ist,
obschon<lb/>sie uns nicht wiederkehrt, wie des Mondes holdes Licht.?<lb/>Ich
habe diese Worte des guten Josias und dieser<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0046_043.tif" n="043"/>
<p>=- PF-<lb/>Stunde nie vergessen. Ich trage sie im Gedächtniß,<lb/>als hätte
ich sie eben durchlebt. Mir war es zu Muth<lb/>wie in der Kirche, so fromm,
so still, so hingegeben,<lb/>da ich Josias mit solchem Vertrauen aus
seinem<lb/>tiefsten Herzen zu mir reden hörte. - Er jedoch raffte<lb/>sich
plötzlich aus seinen Betrachtungen empor, und<lb/>seine freundlichen Augen
zu mir wendend, sprach er,<lb/>seine Erzählung in seinem gewohnten Tone
wieder<lb/>aufnehmend: ,Wßas ich Dir bis jetzt berichtet, habe
ich<lb/>natürlich nur vom Hörensagen; nun aber kann und<lb/>muß ich von mir
selber und von meinem eignen Er-<lb/>lebten reden, und mein Erinnern reicht
ein gut Ende<lb/>zurück.<lb/>Bis ich in mein siebentes Jahr gekommen
bin,<lb/>flossen meine Tage vorüber, wie sie einem einzigen<lb/>Kinde in
begüterter Familie auf dem Lande eben hin-<lb/>gehen, und eines besonders
lebhaften Eindruckes weiß<lb/>ich mich nicht zu erinnern aus meiner ersten
Kindheit.<lb/>Ich war von je, wie Figura noch heute zeigt, ein<lb/>großer,
starker Bursche gewesen, hatte mit sechs Jahren<lb/>an dem Doktor Hartusius
einen rechtschaffenen, ges<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0047_044.tif" n="044"/>
<p>==- ee -=-<lb/>bildeten Erzieher bekommen, von dem ich mit Ver-<lb/>gnüügen
lernte, weil mir das nicht schwer fiel. Zun<lb/>meinem achten Geburtstage
hatte mein Herr Pathe,<lb/>der Graf, der zum Defteren nach mir sah, und
dem<lb/>ich sonntäglich in der Kirche die Hand zu küssen hatte,<lb/>mir ein
eigenes Pferd geschenkt, und bei dem wachs<lb/>senden Wohlstand meiner
Eltern, bei ihrer Zärtlichkeit<lb/>für mich, lebte ich als ein
seelenvergnüügter Junge in<lb/>dem Sonnenschein ihrer Liebe und des
Glücks.<lb/>Der Vater hatte dem Könige leisten können, was zu<lb/>thun er
sich erboten, er hatte eine Oberaufsicht in<lb/>Banwi geführt, obschon der
bisherige Verwalter ihm<lb/>diese Aufgabe nicht leicht gemacht. Er hatte
Obstbäume,<lb/>Maulbeerbäume pflanzen lassen, Felder- und Wiesen-<lb/>stand
durch bessere Düngung und Wasserableitung in<lb/>ihrem Ertrag gehoben, und
inzwischen hatten die Maß-<lb/>nahmen in der Verwaltung der Domänen sich
geändert.<lb/>Man hatte die Erfahrung immer mehr bestätigt<lb/>gefunden, daß
Nichts dabei herauskam, wenn der Staat<lb/>die königlichen Güter selbst
bewirthschaftete, hatte also<lb/>beschlossen, sie in Pacht zu geben, wobei
dann den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0048_045.tif" n="045"/>
<p><lb/>==- HJ -<lb/>Pächtern die polizeiliche Macht, die Steuererhebung<lb/>und
Gerichtsbarkeit derselben mit dem Titel königliche<lb/>Rentmeister
zuerkannt, und sie also in gewissem Sinne -<lb/>den königlichen Beamten und
den adligen Gutsbesitzern<lb/>gleichgestellt wurden.- Daß man meinem
Vater<lb/>den Antrag machte, die Domäne zu pachten, verstand<lb/>,
-<lb/>sich fast ebenso von selbst, als daß mein Vater ihn<lb/>annahm,
besonders da der König ihm gleichzeitig als<lb/>Zeichen seiner bisherigen
Zufriedenheit einen Orden<lb/>verliehen; und ohne daß darüber gesprochen
wurde,<lb/>hatte sich in der Familie und in der Gegend die<lb/>Meinung
festgestellt, daß auch ich, wenn ich einmal<lb/>so weit sein würde, die
Domäne übernehmen, daß<lb/>die Hohenzollern und die Courvilles zusammen,
bleiben<lb/>würden - wobei dann immer in Erwähnung gebracht<lb/>wurde, daß
ich, als ein reicher junger Mann, die<lb/>Welt sehen und ein Leben haben
würde, wie ein<lb/>solcher junger Mann sich's wünscht. - Durch
meiner<lb/>Mutter Sinn strich daneben wohl auch der Gedanke<lb/>an Adelung
durch des Königs Gnade, an eine vor-<lb/>nehme Heirath für mich in Folge der
Adelung; und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0049_046.tif" n="046"/>
<p>= ls; =-<lb/>die Idee war im Grunde keine vermessene.- So<lb/>jung ich war,
so verstand ich, da ich immer unter Er-<lb/>wachsenen lebte, das Alles
ebenso gut, wie ein Kron-<lb/>prinz es früh verstehen lernt, daß er für den
Thron<lb/>geboren ist. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt!<lb/>- Die
Eltern sind nicht alt geworden, es ist nicht<lb/>gekommen, wie sie es
erwartet.<lb/>Um die Zeit nun, von welcher ich eben jett ges<lb/>redet, ging
ich einmal mit Herrn Hartusius auf dem<lb/>Wege nach Dambow spazieren. Er
war ein feiner<lb/>Mann, denn auf feine Manieren hielt man damals<lb/>mehr
als heut zu Tage. Er hatte in Pvredun bei<lb/>Pestalozzi seine Schule
gemacht, in Leipzig und Weimar<lb/>eine Weile unter den dortigen
Schöngeistern gelebt,<lb/>und war von Gellert an Professor Ramler nach
Berlin<lb/>empfohlen worden. Durch diesen war er in unser<lb/>Haus gekommen,
sehr zur Befriedigung meiner Mutter,<lb/>die eine poetische Seele hatte. Er
machte sehr hübsche<lb/>Verse, machte auch alle die Gedichte, welche ich
bei<lb/>feierlichen Anlässen zu Hause und zum Neujahr für<lb/>meinen Herrn
Pathen abzuschreiben und herzusagen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0050_047.tif" n="047"/>
<p>=- 1F =-<lb/>hatte, und meine beiden Eltern besaßen in dem philo-<lb/>logisch
und ästhetisch gebildeten Mann einen sehr<lb/>angenehmen Hausgenossen und
verläßlichen Freund.<lb/>Ihm verdanke ich meine eigene Freude an der
Poesie<lb/>und meine frühe Bekanntschaft mit unserer
schönen<lb/>Literatur.<lb/>An dem Abende also waren wir noch nicht
lange<lb/>auf dem sonst stillen und einsamen Wege einherge-<lb/>schritten,
als wir uns vor einem Haufen von Leuten<lb/>befanden, die sich zwischen den
beiden letzten Wagen<lb/>der Dambower Gerstenernte, laut
durcheinander<lb/>sprechend und wirr durcheinander schreiend hin und<lb/>her
bewegten.<lb/>Die Binderinnen waren von den Wagen her-<lb/>unter, die
Knechte von den Pferden gesprungen; es<lb/>waren Leute aus dem Dorf dazu
gekommen, zu sehen,<lb/>was da vor sich gehe, und wie wir dann auch
in<lb/>gleicher Absicht herangetreten waren, hatten wir keine<lb/>Mühe zu
erkennen, um was es sich dort handelt.<lb/>Wir sahen einen großen Kerl vor
uns, dem ein<lb/>Affe auf der Schulter saß, während er einen Bären<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0051_048.tif" n="048"/>
<p>== 1F --<lb/>an doppelter Kette neben sich hatte. Hinter ihm hielt<lb/>ein
starker, noch junger Mensch ein altes, kraushaariges<lb/>Pferd, einen
rechten struppigen Pollaken, der schwer<lb/>und hoch mit allerlei
Stangenwerk und sonstigem Kram<lb/>beladen war. Ein kleines, verhutzeltes
Weib trug einen<lb/>zweiten, kleineren Affenin einem Korbe auf dem
Rücken,<lb/>und sie und ein schönes, etwa siebzehnjähriges Mädchen<lb/>mit
rabenschwarzem Haar und großen schwarzen Augen,<lb/>aus denen sie finster
vor sich hinstierte, hatten jede<lb/>einen Pudel an der Leine. - Es war
fahrendes Volk,<lb/>wie es, bald nach dem Kriege, sich oft im Lande
herum-<lb/>getrieben hatte. Jezt in den Friedenszeiten sah man<lb/>es
selten, und der Schulze und der herbeigerufene<lb/>Gendarm wiesen mit lauter
Abwehr die Bitte des<lb/>Mannes zurück, der in Dambow nächtigen und
am<lb/>anderen Tage dort vor allem Volk seine Künste machen<lb/>wollte. Das
Hin- und Herreden, das Hinzukommen<lb/>von immer mehr Leuten hatte die Hunde
unruhig<lb/>gemacht, die laut bellend gegen die Menschen an-<lb/>sprangen.
Der Bär brummte dazwischen; der fremde<lb/>Ton und das zischende Quiken der
Affen regte die<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0052_049.tif" n="049"/>
<p>-- Iß =-<lb/>Kinder auf, und des Schulzen beide Jungen wendeten<lb/>sich
vorbittend für die Truppe an den Vater.<lb/>Wie gesagt, es kam nur selten
vor, daß solche<lb/>Bande sich bei uns blicken ließ, und seit ich ein
paar<lb/>Mal mit den Eltern in Berlin gewesen war, wo man<lb/>mich in die
Komödie und in die Vorstellung einer<lb/>Seiltänzergesellschaft mitgenommen,
machten die Bären-<lb/>führer mit ihrem Gefolge mir nicht mehr den
früheren<lb/>Eindruck. Aber in dem Stillleben auf dem Lande<lb/>war doch
jede Abwechslung etwas Willkommenes, und<lb/>ich bat Herrn Hartusius, er
möge sich ins Mittel legen,<lb/>damit man die Leute in Dambow nächtigen
lasse, wo-<lb/>nach wir dann versuchen wollten, ihnen für den
nächsten<lb/>Abend eine Erlaubniß zum Nächtigen in Schönfelde<lb/>von meinem
Vater zu erwirken, der diesen Abend nicht<lb/>zu Hause, sondern zu einem
Erntefeste in der Nachbar-<lb/>schaft geladen war.<lb/>Der Führer der
Truppe, den sein Gewerbe und<lb/>sein Wanderleben zu schärfster Achtsamkeit
gewöhnt,<lb/>sah nach mir herüber, errieth an meinen Mienen, daß<lb/>???---
== ==-= == ==<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0053_050.tif" n="050"/>
<p>-- Zls -<lb/>zu mir wendend, sagte er: ,Nh, jung' Graf! Pudel<lb/>klug, Bär
marschirt, Aff' reitet wie Husar und zieht<lb/>Säbel, und da, da! Die da!
Franull tanzt! Tanzt<lb/>oben! Hoch! Schön hoch wie Dach!''<lb/>In dem
Augenblick kam der Graf zum hintern<lb/>Gartenthor heraus, übersah mit
raschem Blick was<lb/>vorging, und Hartusius, den die Schönheit und
der<lb/>finstre Blick in den Augen des Mädchens überrascht<lb/>hatten,
machte den Grafen auf dasselbe aufmerksam -<lb/>,Das war Franull?' fragte
ich voll Erstaunen.<lb/>, Unterbrich mich nicht!'' mahnte Josias, der
im<lb/>Fortgang seiner Erzählung lebhafter geworden war.<lb/>Der Graf,
ebenso angezogen als Hartusius und<lb/>selbst ich, trat an das schöne Kind
mit der Frage<lb/>heran, ob der Führer ihr Vater sei. Das
Mädchen<lb/>schüttelte verneinend den Kopf; die Alte aber versuchte,<lb/>dem
Grafen, der es ihr wehrte, den Rock zu küssen,<lb/>und sagte in einem
verständlichen Deutsch, dem man<lb/>den Dialekt von Oberschlesien anhörte:
,S ist meiner<lb/>Tochter Kind! Allergnädigster Herr! Der Vater war<lb/>auch
Kroat wie der hier; der Vater ist im Krieg ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0054_051.tif" n="051"/>
<p><lb/>==- J!--<lb/>blieben. Der da, der Jablonski, lag bei mir ver-<lb/>wundet
im Quartier. Da sind die Preußen gekommen,<lb/>die haben uns das Dach über
dem Kopf angesteckt, daß<lb/>wir uns hingeschleppt bis in den Wald. Und wie
er<lb/>dann wieder gehen, und ich das arme Wurm fort-<lb/>schleppen gekonnt,
da ist's dann so geworden. Erst<lb/>sind wir herumgezogen mit einem Anderen,
der die<lb/>Franull auf die Beine gebracht! Ich hab' gekocht für<lb/>Alle;
dann hat sich gut angelassen die Franull, und<lb/>er hat sich selber zum
Hauptmann machen können;<lb/>aber sie parirt nicht - und sie muß doch, wie
der<lb/>Bär und Alles! Sie muß! Küß' die Hand, Franull!''<lb/>Das Mädchen
gehorchte stumm und ohne aufzu-<lb/>sehen. Der Graf, der kein Auge von der
jungen<lb/>Schönheit verwendete, hatte damit der Alten Zeit ge<lb/>lassen,
ihre Geschichte abzuhaspeln. Mir war sie wie<lb/>ein Märchen zu Herzen
gegangen, um des Mädchens<lb/>willen. Ich gab ihr das Geld, das ich bei
mir<lb/>hatte, sie nahm's ohne Dank und reichte es dem<lb/>Führer.<lb/>Dem
Grafen war das nicht entgangen. ,ßr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0055_052.tif" n="052"/>
<p>-- NJ--<lb/>will hier bleiben und seine Künste machen?' sagte er<lb/>zu dem
Kroaten.<lb/>,Allergnädigster Herr, sind wir doch geworden<lb/>Preußen in
Schlesien. Wollen allergnädigster Herr<lb/>lassen ehrliche Preußen ihr
ehrlich Gewerb' haben hier,<lb/>und sich lassen verdienen ihr elend Brod
hier!-<lb/>Machen schöne Kunst, junger Herr!'' versicherte er mich<lb/>dann
wieder.<lb/>Es waren nicht die Beredsamkeit der Alten, noch<lb/>des Kroaten
Betheuerungen seiner Ehrlichkeit, sondern<lb/>Franulls finstere Schönheit,
die auf den Grafen<lb/>wirkte.<lb/>,Verstehst Du Deutsch?' fragte er. Sie
nickte,<lb/>ohne zu antworten, mit dem Kopfe.<lb/>,Wo kommt Ihr
her?<lb/>,Vom anderen Dorf !'' erwiderte sie, aber sie<lb/>hob die Augen
nicht zu ihm empor.<lb/>,Wie lang seid Ihr unterwegs ?<lb/>,Immer
!''<lb/>,Wo seid Ihr zu Hause?<lb/>,Nirgends !''--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0056_053.tif" n="053"/>
<p>E -<lb/>.<lb/>l.<lb/>RRR? RRRRFRF? RFFRRRFR RFRRR<lb/>===- ZZ=<lb/>Ihre
Wortkargheit, ihre zusammengepreßten<lb/>Lippen, ihre Blässe, die
Erschöpfung,, die man ihr<lb/>ansah, hatten etwas Erschütterndes, und eben
wollte ich<lb/>eine Fürbitte bei meinem gräflichen Herrn Pathen
für<lb/>einlegen, als dieser einen seiner Leute heranwinkte.<lb/>,Bringt sie
in den Schafstall! - er stand leer,<lb/>weil die Schafe noch draußen in der
Hürde blieben. -<lb/>,Bringt sie in den Schafstall, gebt ihnen zu essen,
auch<lb/>Milch dem Mädchen! Sie mögen morgen, da es -<lb/>Sonntag ist,
hinten auf der Koppel ihre Künste<lb/>machen! -- Aber Montag mit
Tagesanbruch fort!?'<lb/>herrschte er den Kroaten an.<lb/>,Fort!'' sprach
Franull dem Grafen nach, der sich<lb/>auf das Wort noch einmal zu ihr
zurückwendete, während<lb/>Jablonski und die Alte in überschwenglichen,
lohpreisen-<lb/>den Ausrufen des Dankes kein Ende finden konnten.<lb/>Der
Graf, dem ich für mein Theil dankend die<lb/>Hand zu küssen hatte, trug mir
einen Gruß an meinen<lb/>Herrn Vater und meine Frau Mutter auf und
machte<lb/>gegen Doktor Hartusius die Bemerkung: ,Söchade um<lb/>das schöne
Geschöpsl''<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0057_054.tif" n="054"/>
<p>-- Ze1 -<lb/>,Es wird unter die Füße getreten werden !''<lb/>warf der Doktor
ein.<lb/>,Wie anders!'' entgegnete der Graf mit Achsel-<lb/>zucken und ging
davon, während wir unseren Heims<lb/>weg antraten.<lb/>Viertes
Kapitel.<lb/>Zu Hause war von dem Vorgang nicht eben viel<lb/>die Rede, denn
es war ja kein außergewöhnlicher, aber<lb/>ich konnte das sonderbare Mädchen
nicht vergessen.<lb/>Die großen, finsteren Augen sahen mich immer
noch<lb/>an, und auch der Doktor erwähnte der jungen, eigen-<lb/>artigen
Schönheit so lebhaft, daß mein Vater lächelnd<lb/>sagte, wir hätten ihn
neugierig gemacht, und wenn<lb/>gerade Nichts dazwischen käme, so könne man
sich ja<lb/>das Wunder morgen einmal ansehen, falls das Wetter<lb/>sich
halte, das mit Regen drohte.<lb/>Indeß am Morgen hatten die Wolken sich
ver-<lb/>theilt, die Sonne strahlte hell hernieder, da wir nach<lb/>Banwitz
zur Kirche fuhren, die der Graf wie wir mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0058_055.tif" n="055"/>
<p>Fe -<lb/>e<lb/>==- ZJ --<lb/>strengster Regelmäßigkeit besuchte; und als wir
nach<lb/>dem Gottesdienste vor dem Kirchhof bei unseren<lb/>beiderseitigen
Wagen zusammentrafen, sagte der Graf<lb/>scherzend zu mir:,Nun, Monsieur
Josias, Er wird<lb/>wohl Lust haben, heute die famose Gesellschaft
in<lb/>Dambow ihre Künste machen zu sehen! Der Kerl<lb/>hat mit merkwürdiger
Geschicklichkeit und Schnelle das<lb/>Gerüst aufgeschlagen und das Seil
gespannt, auf dem<lb/>das Frauenzimmer tanzen soll; und wenn es
den<lb/>werthen Nachbaren gefallen sollte, mit dem Josias und<lb/>seinem
Gouverneur den Kaffee bei mir zu nehmen, so<lb/>würde ich erfreut sein, sie
in Dambow zu empfangen.''<lb/>Solche Einladungen kamen im Laufe des
Jahres<lb/>äb und zu einmal vor, wurden stets eben so dankbar<lb/>angenommen
als erwidert, und es war um die vierte<lb/>Nachmittagsstunde, als wir in den
Schloßhof einfuhren.<lb/>Der Kroat war, nachdem er seine
Vorbereitungen<lb/>am Morgen getroffen, mit seiner Truppe durch die<lb/>drei
Dörfer gezogen, so weit es möglich gewesen, und<lb/>hatte trommelnd oder
trompetend die Leute zusammen-<lb/>gerufen, ihnen die Herrlichkeiten
anzukündigen, deren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0059_056.tif" n="056"/>
<p>b hh -<lb/>sie theilhaftig werden könnten, wenn sie sich pünktlich<lb/>um
fünf Ühr auf der Koppel hinter Schloß Dambow<lb/>einfinden wollten. Er hatte
auch ein paar von den<lb/>Musikanten geworben, die in den Schänken der
Dörfer<lb/>zum Tanz aufspielten, und es sah denn bunt geng<lb/>auf dem
umzäunten Weidenplatze aus, als ich eine<lb/>Stunde später, nach dem
eingenommenen Kaffee, die<lb/>Erlaubniß erbat und erhielt, dem Schauspiel
bei-<lb/>wohnen zu gehen.<lb/>Meine Mutter zeigte Lust, sich mir und
Doktor<lb/>Hartusius anzuschließen, da die beiden Männer sich in<lb/>ihre
Unterhaltung über die Zweckmäßigkeit der immer<lb/>weiter durchgeführten
Domänenverpachtung vertieft<lb/>hatten; und der Graf, der trotz der völligen
Einsam-<lb/>keit, in welcher er sich nach wie vor gefiel, die
feine<lb/>Sitte der guten Gesellschaft doch niemals außer Acht<lb/>ließ,
brach darauf sofort das Gespräch mit meinem<lb/>Vater ab, um meiner Mutter
den Arm zu bieten, als<lb/>sie sich auf seinem Grund und Boden zu ergehen
wünschte.<lb/>Schon im Park klang von der Wiese zwischen<lb/>dem lustigen
Dreitritt, den wir sonntäglich aus dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0060_057.tif" n="057"/>
<p>-=- ZF -<lb/>Kruge zu hören gewohnt waren, der laute Jubel und<lb/>das
Hurrahrufen hinüber, mit dem die zahlreich zus<lb/>sammengeströmte Menge
ihren Beifall' kund gab; und<lb/>wie wir dann den freien Blick auf die
Koppel ges<lb/>wannen, sahen wir - die Thiere hatten ihre Künste<lb/>bereits
alle zum Besten gegeben -- wie Franull sich<lb/>auf dem Seile in gemessenem
Schritte hin und her<lb/>bewegte, sich neigend, sich erhebend, sich wendend
und<lb/>sich wieder neigend, und was immer sie that, es stand<lb/>ihr gut,
und sie sah schön aus in dem elenden, rothen<lb/>Röckchen, das ihr nicht
weit über das Knie hinab-<lb/>reichte, und ihre Glieder, ihre feinen
Schultern, ihre<lb/>schönen Arme dem Blicke überließ. Sie trug
einen<lb/>Kranz von Ebereschen in dem schwarzen Gelock und<lb/>die mit
Schellen besetzte Balancirstange in den Händen.<lb/>Mir kam sie wo möglich
noch schöner als am verwichenen<lb/>Abende vor; aber der Ausruf meiner
Mutter: ,Herr<lb/>Gott! das Mädchen ist ja zum Erbarmen
schön!''<lb/>bezeichnete den Eindruck, den sie machte, auf
das<lb/>Richtigste.<lb/>Unverwandt sah sie auf ihre Stange und auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0061_058.tif" n="058"/>
<p>-=- ZF--<lb/>das Seil hernieder. Sie schien weder die Musik, noch<lb/>die
Freudenrufe der Leute, weder das Janitscharen-<lb/>geklingel des Kroaten zu
hören, noch seinen immer<lb/>wiederholten Zuruf: ,He! he! liustik! he! hoch!
hoch!<lb/>?<lb/>schön Franull! lach', schön Franull!'<lb/>Es machte offenbar
keine Wirkung auf sie. Man<lb/>sah, ihr Thun war ihr eine Qual, und eben
wollte<lb/>der Graf, da wir nahe herangekommen waren, gleich<lb/>meiner
Mutter von Mitleid mit dem armen Geschöpf<lb/>ergriffen, den Befehl geben,
der Vorstellung ein Ende<lb/>zu machen, als Jablonski's Ruf:,Hoch!
hoch!<lb/>oder=- =-- Das fremde Wort mußte eine Drohung<lb/>enthalten, die
er mit der Bewegung seines erhobenen<lb/>Armes noch zu verstärken suchte,
und deren Aus-<lb/>führung das Mädchen zu fürchten gelernt
hatte.<lb/>Franull sprang in die Höhe -- ein allgemeiner<lb/>Schrei des
Entsezens erfüllte die Luft! Die Musik<lb/>verstummte in grellem Mißton! Die
Tänzerin hatte<lb/>das Seil verfehlt, die Balancirstange fiel klirrend
zu<lb/>Boden -= Franull lag leblos auf dem grünen Rasen.<lb/>Der Kroat hob
sie empor. Von allen Seiten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0062_059.tif" n="059"/>
<p>-=- Z -<lb/>liefen namentlich die Weiber zum Helfen herbei. Man<lb/>sah, wie
das rechte Bein des Mädchens schlaff zur<lb/>Seite hing, wie das Blut aus
einer Kopfwunde das<lb/>blasse Antlitz und die nackte Schulter der
Bewußtlosen<lb/>überströmte. Aber ehe noch Jablonski sich mit ihr<lb/>durch
die Herandrängenden hatte fortmachen können,<lb/>war der Graf, dem man
natürlich sogleich Raum ge-<lb/>geben, raschen Schrittes dazwischen
getreten, hatte die<lb/>Bewußtlose in seine Arme genommen, ihren
Ober-<lb/>körper an seine breite Brust gelehnt, dem Doktor<lb/>Hartusius,
der ihm auf dem Fuße gefolgt war, zu-<lb/>gerufen: ,Stützen Sie den
Unterkörper! Das Bein<lb/>ist gebrochen !'' und hatte dann mit seiner
leichten Last<lb/>den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen.<lb/>Das Alles war
schneller vor sich gegangen, als<lb/>ich es erzählen konnte. Der Kroat stand
machtlos<lb/>fluchend auf dem Plan, die Alte schlich händeringend<lb/>dem
Grafen und Hartusius nach. Die Einen schrieen,<lb/>daß man den Schäfer
kommen lassen müsse, der Hand<lb/>anzulegen verstehe, wenn Noth an Mann sei;
der<lb/>Inspector befahl, den Doktorwagen anzuspanten und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0063_060.tif" n="060"/>
<p>==== hzh? -<lb/>sogleich nach Bernau zu fahren, um den Doktor oder<lb/>den
Chirurgen herauszuholen; und ich ging in all<lb/>dem Hin und Her, meinen
Eltern folgend, in das<lb/>Schloß, da die Mutter, als eine erfahrene
Hausfrau,<lb/>zunächst darauf bedacht war, des Mädchens Kopf vor-<lb/>läufig
zu verbinden, um womöglich das heftige Bluten<lb/>desselben zu
stillen.<lb/>Auf der Koppel und im Dorfe wurde es danach<lb/>still, im
Schlosse war's noch stiller. Man hatte Franull.<lb/>auf ein Bett in der
Mägdestube gelegt, meine Mutter<lb/>hatte sie verbunden, die Haushälterin
hatte eine Magd<lb/>an das Krankenbett gesetzt und die Alte
hinausgeschickt,<lb/>die mit ihrem lauten Wehklagen und mit dem
Ver-<lb/>langen, das Bein zu untersuchen, zur Last fiel; und<lb/>unser Wagen
war dann vorgefahren, uns nach Hause<lb/>zu bringen, da man trotz des
Mitleids, das man hegte,<lb/>unmöglich im Schlosse bleiben konnte, bis der
Arzt,<lb/>auch wenn man ihn zu Hause antraf, aus der andert-<lb/>halb Meilen
entfernten Kreisstadt nach Dambow ges<lb/>kommen sein konnte.<lb/>Ee blieb
aber während der Fahrt und auch noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0064_061.tif" n="061"/>
<p><lb/>k<lb/>h<lb/>h<lb/><lb/>AEäcö cFg.<lb/>==- ß! -<lb/>O- Lr-anIuA<lb/>zu
Hause bei dem Abendessen immer die Rede von<lb/>dem Vorfall, von Franull,
von ihrer eigenartigen<lb/>Schönheit; und meine Mutter hegte den
Glauben,<lb/>daß dies Mädchen nicht die Enkelin der Alten, sondern<lb/>ein
geraubtes Kind sei, denn Rosen wüchsen nicht am<lb/>Dornstrauch. Sie band es
deshalb dem Doktor<lb/>Hartusius auf die Seele, daß er dem Grafen
von<lb/>diesem ihrem Gedanken sprechen solle, wenn er am<lb/>nächsten Tage,
wie es verabredet worden, nach<lb/>Dambow hinüber reiten würde, sich zu
erkundigen,<lb/>wie es mit der Verunglückten stehe; und es
erging<lb/>derselben denn so, wie es zu erwarten gewesen
war.<lb/>Der<lb/>Sie lag noch immer bewußtlos in vollem Fieber.<lb/>Arzt
hatte die Erschütterung des Kopfes für<lb/>bedenklich erklärt; und nach
seiner bestimmt aus-<lb/>gesprochenen Ansicht konnte selbst bei der
glücklichsten<lb/>Heilung des Beinbruchs nie wieder die Rede davon<lb/>sein,
Franull ihre Kunst ausüben zu lassen. - Dies<lb/>festgestellt, hatte der
Graf am Morgen den Kroaten<lb/>und die Alte vor seinen Justitiarius kommen
und in<lb/>aller Form verhören lassen, nachdem er erklärt, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0065_062.tif" n="062"/>
<p>hZ -<lb/>er das Mädchen bis zu dessen vollständiger Heilung<lb/>im Schlosse
behalten werde.<lb/>Die Alte hatte unter heißen Thränen beschworen,<lb/>daß
Alles sich verhalte, wie sie es zuerst ausgesagt,<lb/>daß Franull ihrer
Tochter Kind und auf den Namen<lb/>des Kroaten Wizkowich in einer
protestantischen Kirche,<lb/>die sie angab, getauft sei. Wizkowich sei ein
ehrlicher<lb/>Soldat gewesen, der ihre Tochter gewiß geheirathet<lb/>haben
würde, und der Jablonski habe sich auch Nichts<lb/>zu schulden kommen
lassen. Wenn er auch mit Pferd<lb/>und Vieh besser umzugehen verstand, als
mit dem<lb/>Kinde, wenn er das Mädchen wohl auch einmal im<lb/>Zorn seine
Faust habe fühlen lassen; an ihr, an der<lb/>Alten, habe er sich nie
vergriffen, selbst nicht, wenn<lb/>er einmal Etwas im Kopfe gehabt. Hungern
habe er<lb/>sie auch niemals lassen, sondern habe seinen letzten<lb/>Bissen
Brod mit ihnen getheilt, und ein ehrlicher<lb/>Kerl sei er, so wahr Gott
lebe.<lb/>Der Kroat hatte, während die Alte redete, finster<lb/>und mit
geballten Fäusten vor dem Grafen und dessen<lb/>Justitiar dagestanden. Daß
er nicht in Dambow<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0066_063.tif" n="063"/>
<p>== ßZ<lb/>liegen bleiben könne, bis Franull geheilt sein würde,<lb/>das
verstand sich von selbst; und wenn künftig auf<lb/>dem Seile mit ihr Nichts
mehr zu machen war, so<lb/>waren sie, und mehr noch die Alte, ihm nur
eine<lb/>Last. Er hatte also der Erklärung des Justitiars mit<lb/>den Worten
begegnet:,Ja! gleich fort! nix da<lb/>Gllck! fort allein!-- Aber noch
sehen!-- Krank<lb/>Kind sehen! und fort! fort!''<lb/>Die Alte jedoch hatte
natürlich vor Gott und<lb/>nach Gott gebeten, daß man sie nicht
hinausstoßen,<lb/>daß man sie bei ihrer Enkelin bleiben lassen solle,
bis<lb/>diese wieder würde mit ihr gehen können, wonach sie<lb/>dann
zusammen versuchen müßten, sich weiter durch-<lb/>zuschlagen in der Welt;
und wollte der Graf, dessen<lb/>gutes Herz bekannt war, nicht grausam sein,
so hatte<lb/>er kaum eine Wahl gehabt, als Beiden zu willfahren. -=<lb/>Die
Alte wurde sofort in eine der Kathen bei hörigen<lb/>Leuten untergebracht,
und die Wirthin hatte den Befehl<lb/>erhalten, den Kroaten an das Bett
Franull's heranzus<lb/>lassen, nachdem der Graf ihm, wie die Leute
erzählten,<lb/>noch ein Geldstück als Wegzehrung in die Hand
gedrückt.<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 05</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0067_064.tif" n="064"/>
<p>-=- s -<lb/>Die Wirthin war darauf mit dem Kroaten an<lb/>das Bett des
Mädchend gegangen; er war vor dem-<lb/>selben lautlos siehen geblieben,
hatte sie angesehen<lb/>und angesehen. Dann hatte er ein kleines Kreuz
los-<lb/>gemacht, das er unter dem Kolett am Halse getragen,<lb/>hatte es
Franull auf die heiße Stirn gelegt und war<lb/>mit einem kurz
hervorgestoßenen ,Hm !, ohne sich<lb/>umzublicken, aus dem Zimmer
fortgegangen.<lb/>Der Graf selber hatte das dem Doktor Hartusius<lb/>mit dem
Bemerken erzählt, der Kerl habe ihm leid<lb/>gethan, und der Doktor hatte
gegen meine Mutter<lb/>geäußert: wie gütig der Herr Graf sich auuch
gegen<lb/>ihn und gegen mich stets gezeigt, für so gefühlvoll,<lb/>als er
sich bei dem Anlaß erwiesen, hätte er ihn,<lb/>hinter seiner strengen
Außenseite, nie gehalten.<lb/>Fünftes üapitel<lb/>Damit war das Abenteuer
zunächst abgethan.<lb/>Es hatte jedoch die Eltern und den Grafen
einander<lb/>näher gebracht. Der Graf und der Vater luden sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0068_065.tif" n="065"/>
<p>-=- ßJ -<lb/>seitdem häufiger zum Jagen ein; man plauderte beim<lb/>Fortgehen
aus der Kirche länger mit einander, bevor<lb/>man in die Wagen stieg, und da
eben in jenem Herbste<lb/>meine Mutter sich nicht gut befand, so daß sie
längere<lb/>Zeit das Zimmer hüten mußte, kam der Graf, was<lb/>sonst nicht
geschehen war, mehrmals ungeladen nach<lb/>Schönfelde, sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen.<lb/>Alle die Jahre hindurch hatte man als
nächste<lb/>Nachbarn mitten im Lande gelebt, ohne dieses Ver-<lb/>hältnisses
sonderlich zu nutzen; nun fand man sich<lb/>zusammen und hätte doch kaum
sagen können, wie<lb/>oder wodurch es sich also gemacht, während man
es<lb/>mit Behagen bemerkte. Es war angenehm, ab und<lb/>zu eine Partie
Boston zu haben; der Graf, welcher<lb/>in meinem Vater den erfahrenen
Landwirth anerkannte,<lb/>zog ihn gelegentlich gern zu Rathe, und Franll
und<lb/>die Alte wurden zwischen dem Grafen und meiner<lb/>Mutter mehrfach
ein Gegenstand theilnehmender Be-<lb/>sprechung. I<lb/>Als Franull im
Spätherbst so weit genesen war,<lb/>daß sie, wenn auch noch unsicher, wieder
im Hause -<lb/>Fanny Lewald, Josias.<lb/>d<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0069_066.tif" n="066"/>
<p>- hß -<lb/>umher gehen konnte, hatte der Graf gegen meine<lb/>Mutter einmal
die Aeußerung gethan, wie sonderbar<lb/>die Verhältnisse sich manchmal
gestalteten, wenn man<lb/>im gegebenen Augenblicke das von ihm unbedingt
Ge-<lb/>forderte thue, und danach zu erkennen habe, daß man<lb/>damit eine
weitgehende Verpflichtung über sich ges<lb/>nommen, an die man im
Entferntesten nicht gedacht.<lb/>,,Ich hatte gemeint,'! sagte er, ,die Alte
werde<lb/>Gott weiß wie glücklich sein, wenn sie eine Weile<lb/>unter Dach
und Fach ihr Essen und Trinken haben<lb/>würde; aber sie ist an das
Herumziehen gewöhnt, sie<lb/>will nicht arbeiten, treibt sich im Dorf umher,
bestärkt<lb/>die andern Weiber in ihrem Aberglauben an das<lb/>Besprechen
von Menschen und von Vieh, und neulich<lb/>hat meine Wirthschafterin sie
darauf ertappt, daß sie<lb/>dem Mädchen die Schiene aus dem Verband
nehmen<lb/>und ihre Heilkünste an jhm versuchen wollte, wogegen<lb/>dieses
sich gesträubt. Ich habe also meine Maß-<lb/>regeln getroffen und schicke
sie in das Landarmen-<lb/>haus, um sie nicht dem Arbeitshause verfallen
zu<lb/>lassen.?!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0070_067.tif" n="067"/>
<p>= F -<lb/>,Alle Beide?' hatte meine Mutter verwundert<lb/>gefragt.<lb/>,,
bewahre!'' hatte der Graf gerufen. ,Mit<lb/>dem Mädchen ist es ja etwas ganz
Anderes. Das<lb/>ist ein sehr sonderbares Geschöpf.'<lb/>Meine Mutter hatte
sich erkundigt, was er damit<lb/>sagen wolle.<lb/>,Ja! was will ich damit
sagen?' hatte der Graf<lb/>erwidert. ,Bei ihr, bei Franull, ist Alles
gleichsam<lb/>instinktiv. Sie handelt ohne Neberlegung und
trifft<lb/>meistens dabei das Rechte. Sie beobachtet offenbar<lb/>sehr
scharf, erräth, was man von ihr erwartet und<lb/>will, macht nach, was sie
die Andern thun sieht, so-<lb/>weit sie in ihrem jetzigen Zustande es eben
vermag,<lb/>und meine Wirthin und der Diener behaupten, wenn<lb/>man sie gut
anleitete, würde sie ein sehr brauchbares<lb/>Frauenzimmer werden. Natürlich
aber müsse die land-<lb/>streicherische Alte fort. - Sie würden sich
wundern,<lb/>wenn Sie unsere Seiltänzerin sähen! Sie ist im<lb/>Liegen
gewachsen, bei der guten Kost voll und frisch<lb/>geworden, und im Hause hat
Alles sich an sie ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0071_068.tif" n="068"/>
<p>-- hsß =-<lb/>wöhnt, von der Wirthin bis zu den Kindern der Leuute,<lb/>bis
zu den Hunden, die sie charmant zu dressiren ver-<lb/>steht! Und das ist
freilich auch das Einzige, was sie<lb/>gelernt hat.?<lb/>Die Mutter fragte,
ob sie noch so finster aus-<lb/>sähe, wie an dem Unglückstage.<lb/>,Ihr
Ausdruck ist noch immer auffallend schen<lb/>und verschlossen, doch scheint
sie anhänglich zu sein.<lb/>Sie hält sich zu der Magd, zu der Wirthin, die
sie<lb/>gepflegt haben, wie ein Kind oder wie ein junger<lb/>Hund. Es ist
das eben, was ich das Instinktive an<lb/>ihr nenne. Mir kommt sie ja
natürlich selten in den<lb/>Weg, aber dann fährt sie auf, und'' -- der
Graf<lb/>lachte -- ,ich glaube, wenn sie es sich traute, sie<lb/>würde wie
mein Hektor an mir in die Höhe springen.<lb/>Ich brächte sie mit einem Winke
wieder auf das Seil,<lb/>wenn sie sich darauf halten könnte. Sprechen
habe<lb/>ich sie kaum noch hören.?<lb/>, Und was denken Sie mit ihr zu
thuun, Herr<lb/>Graf?' erkundigte sich mein Vater.<lb/>,Man jagt ja einen
Vogel, einen Huund nicht<lb/><lb/>s<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0072_069.tif" n="069"/>
<p>-- ßß =-<lb/>fort, wenn er uns ins Fenster geflogen oder zugelaufen<lb/>ist,
geschweige denn solch ein armes, verwildertes Ge-<lb/>schöpf. Ich behalte
sie eben noch im Schlosse, denn<lb/>sie ist ja auf den Füßen lange noch
nicht fest. Jn-<lb/>zwischen will ich den Schulmeister kommen lassen
und<lb/>mit ihm Abrede treffen, daß sie lesen lernt. Sie ist<lb/>nach den
eingezogenen Erkundigungen im achtzehnten<lb/>Jahr, ist, wie die Alte es
angegeben, wirklich pro-<lb/>testantisch getauft, da muß man zusehen, daß
sie doch<lb/>auch confirmirt wird, denn das ist noch nicht
ges<lb/>schehen.''<lb/>Und wie der Graf es gesagt hatte, so wurde
es<lb/>gehalten. Am Neujahrstage kam Franull zum ersten<lb/>Mal mit der
Wirthschafterin des Grafen nach Banwitz<lb/>in die Kirche, und weil viele
Leute aus der Gemeinde<lb/>dabei gewesen waren, als sie vom Seil
gestürzt,<lb/>richteten sich alle Augen auf sie, und Viele nickten
ihr<lb/>gutmüthig zu, obgleich in der großen, schönen, wie<lb/>eine
anständige Magd gekleideten und schüchtern den<lb/>Gruß erwidernden Person
die blasse, finstere Seil-<lb/>tänzerin kaum noch zu erkennen war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0073_070.tif" n="070"/>
<p>-- FHs--<lb/>;<lb/><lb/>Beim Fortgehen aus der Kirche sprach meine<lb/>Mutter
sie an und ermahnte sie zum Guten. Später<lb/>einmal dankte der Graf ihr
dafür mit dem Bemerken,<lb/>es komme ja für dies Mädchen vor Allem darauf
an,<lb/>daß man es in Reih und Glied stelle mit den Anderen,<lb/>denn bis
jetzt bleibe es immer noch in Ausnahme-<lb/>zuständen, wie auch in der
Kinderlehre, wo es unter<lb/>Kindern als Erwachsene wieder eine Ausnahme
mache.<lb/>Franuull kam von da ab regelmäßig in die Kirche,<lb/>die Leute
gewöhnten sich an sie, achteten nicht mehr<lb/>viel auf sie; nur als sie
dann im nächsten Herbste<lb/>mit den Anderen eingesegnet wurde, fiel es auf,
daß<lb/>sie nicht wie sonst die Kleidung der Mägde trug,<lb/>sondern einen
mehr städtischen Anzug wie die Wirthin,<lb/>und man zog daraus den Schluß,
daß man sie ganz<lb/>im Schlosse behalten, sie zur Hülfe im
Hauswesen<lb/>benutzen werde, wie es auch geschah.<lb/>Wenn man zum Besuch
in das Schloß kam, so<lb/>traf es sich zuweilen, daß man Franull
begegnete.<lb/>Einmal, als wir uns schon oben im Vorsaal befanden<lb/>und
der Graf uns entgegenkam, trat Franull aus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0074_071.tif" n="071"/>
<p>==- 7! -<lb/>einer Seitenthür mit einem Korb voll Erdbeeren<lb/>herein. Ich
rief sie an, trotz des Grafen Gegenwart,<lb/>und fragte, wie es ihr
gehe.<lb/>,Schön Dank! junger Herr! ich bin gesund und<lb/>hab's, ach, so
gut!''<lb/>,Du hast ja ordentlich sprechen gelernt !'' bemerkte<lb/>meine
Mutter, und ohne daß man es Franull geheißen,<lb/>küßte sie meiner Mutter,
dann rasch dem Grafen die<lb/>Hand, der ihr auf die Backe klopfte, und
danach<lb/>machte sie sich davon.<lb/>Meine Mutter war ganz verwundert über
sie.<lb/>Das entging dem Grafen nicht. ,Ja !'' sagte er, ,an<lb/>dem Mädchen
kann man sehen, was rechtzeitige Ver-<lb/>pflanzung für das Gedeihen thun
kann, wo ein guter<lb/>Keim vorhanden. Ich versichere Sie; ich habe
wirk-<lb/>lich Freude daran, es zu beobachten, wie sie vorwärts<lb/>kommt,
wie sie ein ganz anderer Mensch geworden ist;<lb/>und ich frage mich
oftmals, wie es möglich gewesen,<lb/>daß sie bei dem elenden
Landstreicherleben, das sie<lb/>von je geführt, nicht zu Grunde gegangen
ist.? -<lb/>Auf der Heimfahrt am Abende sprachen die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0075_072.tif" n="072"/>
<p><lb/>Mutter und Doktor Hartusius über Franull und über<lb/>den Grafen, und
die Mutter sagte, es sei merk-<lb/>würdig, wie das Leben oft den Menschen
durch Er-<lb/>eignisse zu wandeln wisse, von denen man das durch-<lb/>aus
nicht vorhersehen könne. Seit der Graf die Sorge<lb/>für Franull, für irgend
ein Menschenwesen, wirklich<lb/>über sich selber genommen, sei er wie erlöst
von dem<lb/>Bann der Abgeschlossenheit, in welchen die Treulosig-<lb/>keit
seiner Frau ihn versetzt; und es müsse ja auch<lb/>wirklich ein Vergnügen
sein, das schöne Geschöpf, die<lb/>Franull, um sich zu sehen.<lb/>,Das ist'e
!'' meinte der Vater, ,sie ist zu schön!<lb/>Wir werden ja sehen, wie der
Hase läuft!'' -- Ich<lb/>verstand damals nicht, was er damit meinen
konnte,<lb/>aber eben deshalb fiel mir an dem Abende die Redens-<lb/>art
auf, die der Vater auch sonst wohl gebrauchte,<lb/>und sie blieb mir im
Gedächtniß.<lb/>Seit der Vater die Domäne gepachtet hatte,-<lb/>waren
unmerklich allerlei kleine Veränderungen in<lb/>unserem häuslichen Leben
eingeführt, so daß es weniger<lb/>einförmig und belebter geworden war als
vordem.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0076_073.tif" n="073"/>
<p><lb/>-<lb/>Den Vater führten seine Geschäfte jetzt mehrmals<lb/>im Jahre nach
Bernau und nach Berlin, wir wurden<lb/>dann bisweilen mitgenommen. Die
Beamten, mit<lb/>welchen er in Bernau zu thun hatte, unsere
Berliner<lb/>Verwandten, welche wir auf die Weise öfter wieder<lb/>sahen,
kamen auch häufiger zu uns hinaus, und es<lb/>wurde, wie es dem Vater bei
seinen Verhältnissen<lb/>wohl anstand und der Mutter gefiel, ein breites
Leben<lb/>und ein gastfreies Haus geführt; der Graf aber nahm<lb/>keine
Einladung zu den Gastgeboten an, obschon sein<lb/>Verkehr mit meinen Eltern
immer vertrauter geworden<lb/>war, und beide ihn als ihren Freund
betrachteten und<lb/>hielten. Er besprach mit ihnen, das hörte ich,
viele<lb/>seiner Angelegenheiten, aber von Franull war nicht<lb/>mehr wie
vordem die Rede; und das würde mir<lb/>vielleicht nicht aufgefallen sein,
trotz der neugierigen<lb/>Aufmerksamkeit, die mir so wenig wie anderen
Kindern<lb/>fehlte, hätte ich sie nicht auch in der Kirche vermißt.<lb/>Als
ich der Mutter einmal während des Singens<lb/>sagte:,DDie Franull ist ja
wieder nicht da!''- sprach<lb/>sie leise:,DDie Großmutter ist neulich im
Armenhause<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0077_074.tif" n="074"/>
<p>=- Fe -<lb/>gestorben.?-- ,Cber dann geht man doch erst recht in<lb/>die
Kirche !'' wendete ich ein. Die Mutter tadelte mich,<lb/>daß ich während des
Gottesdienstes spreche und ich<lb/>schwieg also. Als ich jedoch nach der
Kirche, im Fortgehen,<lb/>mit der gleichen Bemerkung wieder kam, wies sie
mich,<lb/>gegen ihre sonstige Gewohnheit, kurz zurück. -,Was<lb/>gehen Dich
des Herrn Pathen Leute und die Franull.<lb/>an!'' sagte sie. ,Vielleicht hat
er sie fortgeschickt.!<lb/><lb/>Das war im Sommer, und die Manöver
waren<lb/>wieder einmal in unserer Gegend, also Leben und<lb/>Bewegung
überall und Einquartierungen in allen<lb/>Dörfern, und Offiziere in allen
Gutshäusern und in<lb/>allen Schlössern. Es gab viel Herüber und
Hinüber<lb/>zwischen Dambow, Schönfelde und der Domäne, in<lb/>welcher der
Stab der Zieten'schen Husaren lag, unter<lb/>Führung von des Grafen früherem
Regiments-<lb/>Chef, und mein Vater hatte als Rentmeister von der<lb/>Domäne
dem General dort die Honneurs zu machen.<lb/>Der General war dadurch auch
unser Gast in Schön-<lb/>felde, des Grafen Gast in Dambow geworden,
und<lb/>als er einmal bei uns gespeist hatte, und ich im
Zimmer<lb/>.?<lb/>,ip<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0078_075.tif" n="075"/>
<p>s--<lb/>-=- F? --<lb/>?« y.Fz-caaErgeg<lb/>sein dürfen, während man den
Kaffee einnahm, hörte<lb/>ich, wie er, von dem Grafen redend, mit Lachen
hin-<lb/>zuufügte, in aller seiner Menschenverachtung und Ein-<lb/>samkeit
habe er sich, wie es heiße, doch getröstet.<lb/>Die Eltern sprachen nach wie
vor mit großer<lb/>Freundschaft von dem Grafen; aber es ging Etwas<lb/>vor,
das hatte ich gemerkt. Es war Etwas anders-<lb/>geworden, und so viel hatte
ich heraus, daß ich nicht<lb/>danach fragen sollte.<lb/>Da, als die Manöver
längst vorüber waren, im<lb/>Herbst, wenige Tage nach meinem elften
Geburtstage,<lb/>zu Ende Oktober - es war ein rauher, grauer und<lb/>so
stürmischer Tag, daß die Aeste an den großen<lb/>Ulmen vor unserem Hause
knarrten und knackten und<lb/>die letzten Blätter in wildem Wirbel durch die
Luft<lb/>gejagt wurden, da trug der Wind das Glockengeläute<lb/>von der
Kirche in Banwitz zu uns herüber, und wie<lb/>ich an das Fenster trete, sehe
ich von Dambow her<lb/>ein Begräbniß herankommen. -- Ich, schnell
hin-<lb/>unter!- Sie sind mit dem Sarge gerade vor unserem<lb/>Gartenthor.
Ich mache es auf und frage: ,Wer ist<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0079_076.tif" n="076"/>
<p>-==- F -<lb/>denn da gestorben?- denn ein Begräbniß kommt<lb/>auf dem Lande
nicht so alltäglich wie in der Stadt<lb/>vor, daß man es gleichgültig wie
anderes Transport-<lb/>fuhrwerk an sich vorüberziehen sieht.<lb/>,Wer
gestorben ist?? -- wiederholte der eine<lb/>der Träger: ,Das Franenzimmer
vom Schloß! die<lb/>Franuull!'' -- und damit gehen sie ihres
trauurigen<lb/>Weges weiter.<lb/>Ich fuhr erschreckend zusammen und hatte
nichts<lb/>Eiligeres zu thun, als mit dieser Nachricht zu
Doktor<lb/>Hartusius zu laufen, der sie mit einer mir
auffallenden<lb/>Gleichgültigkeit hinnahm.-- ,Wissen Sie noch,
Herr<lb/>Doktor, wie wir sie damals auf dem Seile gesehen<lb/>haben?' fragte
ich, ,und wie schön sie aussah !''<lb/>, Freilich,'' gab er mir zurück. ,Es
sind nun<lb/>vier Jahre her und etwas darüber !'' Und als ob ihn<lb/>die
Erinnerung milder stimmte, sezte er hinzu: ,Schade<lb/>um sie!?'<lb/>Auch
beim Mittagessen wurde über den Tod<lb/>Franulls, als ich ihn auf das Tgpet
gebracht, rasch<lb/>hinweggegangen, und die Eltern hatten doch
sonst<lb/>=-aSe=- »GaF d..?z;enV?.b =s ßren = . I=-- e-- -, E.-K is? T,? .?-
-<lb/>-Na. p ==ue =aro f =ee DrEA-KTJze! «z!eaa,k=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0080_077.tif" n="077"/>
<p>immer ein Herz für die Leute von den Dörfern, und<lb/>die Mutter hatte sich
doch für Franull interessirt und<lb/>sich an ihr gefreut. Was konnte
geschehen sein, was<lb/>konnte sie verbrochen haben, daß man es mit
solcher<lb/>Geflissentlichkeit vermied, von ihr zu reden? Es ging mir<lb/>im
Kopf herum. Ich wendete mich, da ich von den<lb/>Anderen keine Antwort
erhielt, fragend an Jeanette.<lb/>Mamsell Jeanette war meine Bonne gewesen,
ein<lb/>braves, nicht mehr junges Mädchen von der Kolonie,<lb/>das man im
Hause behalten, und das zu einer Ver-<lb/>trauensperson geworden war. Sie
behauptete Nichts<lb/>zu wissen, es stürben ja in jedem Herbste
vieleMenschen;<lb/>und da der Vater uns bald darauf wieder nach
Berlin<lb/>mitnahm, wo wir dies Mal länger als gewöhnlich<lb/>verweilten,
kam mir die Sache aus dem Sinn.<lb/>Als wir dann nach Hause zurückgekehrt
waren,<lb/>packte meine Mutter mit Mamsell Jeanette die Koffer<lb/>aus, und
sie hatte mich herbeigerufen, damit ich die<lb/>Bücher in Empfang nehmen
sollte, welche man in<lb/>Berlin für mich gekauft.<lb/>-- ,Was hat es hier
Neues gegeben in unserer-<lb/>z= .-.eaasa===s==zsKP<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0081_078.tif" n="078"/>
<p>-- FF-<lb/>Abwesenheit?'' fragte die Mutter, während Jeanette<lb/>ihr half,
ihre Sachen zu ordnen.<lb/>,Das Neueste,' berichtete Jeanette, ,das
Neueste<lb/>ist, daß der Herr Graf von Dambow das Kind von<lb/>der Franull
in Banwitz mit den Namen seiner Mutter,<lb/>Franziska Wizkowich, hat taufen
lassen, und daß er<lb/>es bei sich im Schloß behält. Da gerade keine
nährende<lb/>Frau unter den Leuten zu finden war, hat er die Frau<lb/>von
dem Grenwitzer Hirten als Amme in das Schloß<lb/>genommen.''<lb/>Die Mutter
machte, mit einem Blick auf mich,<lb/>eine tadelnde und abwehrende Bewegung;
es war aber<lb/>zu spät. Ich hatte Alles gehört und fuhr mit der<lb/>Frage
dazwischen:,Das Kind von der Franull? Die<lb/>hat ja keines
gehabt!''<lb/>,Sie hat eines bekommen in der Nacht, in welcher<lb/>sie
gestorben ist!'' sagte die Mutter, ging hinaus, hieß<lb/>Mamsell Jeanette
ihr zu folgen, und=-'<lb/>,Josias, das war Deine Franull!'' fiel ich
ihm,<lb/>ich möchte sagen jubelnd, in die Rede.<lb/>, Ia, das war sie! Das
ist sie!'' sprach er mit<lb/>l<lb/><lb/>- Jaaaeau<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0082_079.tif" n="079"/>
<p>-- Iß-<lb/>erhobener Stimme und seine treuen Augen leuchteten auf.<lb/>,,Das
war meine Franull! Und ich wollte, Du hättest<lb/>sie gesehen in der
Schönheit, in der Pracht ihrer frühen<lb/>Juugend; Du hättest sie gekannt in
dem unwandelbaren<lb/>Adel ihres Sinnes! Sie hätte einen Thron
geziert.?<lb/>Ich nutte die kleine Pause, die er machte, ihn<lb/>an den
Aufbruch aus dem Freien zu mahnen. Ess<lb/>war kühl geworden, er hatte sich
warm gesprochen.<lb/>Von der Spree und von den Wiesen her machte<lb/>die
Feuchtigkeit sich fühlbar. Ich hatte ja einzustehen<lb/>für den meiner
Pflege anvertrauten Freund, und meiner<lb/>Erinnerung nachgebend, zog er
sich mit mir in das<lb/>Haus zurück, als gerade der Wagen meiner
Eltern<lb/>vorfuhr. Da konnte denn von der Fortsetzung seiner<lb/>Erzählung
an dem Abend nicht mehr die Rede sein.<lb/>IäEeMMäOFM<lb/>Sechstes
Lapitel.<lb/>Der nächste Tag verging, so fängt das neue Kapitel<lb/>an in
der Tante Tagebuch, und noch ein anderer. -<lb/>Bei Allem, was ich that,
dachte ich nur an Josias,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0083_080.tif" n="080"/>
<p>-- Zts =- -<lb/>an den Grafen, an Franuull's Tod und an ihr Kind.<lb/>Ich
träumte davon in der Nacht. Ich schien mir älter<lb/>geworden, nahm mich
wichtiger, weil ich das Vertrauen<lb/>unseres Freundes gewonnen hatte, und
auch -- ich<lb/><lb/>schildere mich nicht besser, als ich mit meinen
zwanzig<lb/>Jahren war-- weil ich mich im Besitze eines Ge-<lb/>heimnisses
wußte, das meinen Eltern vorenthalten<lb/>worden. Ich wartete ungeduldig auf
die Stunde,<lb/>in welcher ich wieder einmal mit Josias allein
sein<lb/>würde, er jedoch suchte offenbar nicht nach der Ge-<lb/>legenheit;
und nicht mich allein wollte es bedünken,<lb/>als sei er nicht so gut
aufgelegt, als bis dahin.<lb/>Am dritten Nachmittag fuhr der Vater, wie
an<lb/>jedem Sonnabend, und es war ein solcher, zur Stadt<lb/>in das
Geschäft, sich die Wochenrechnungen vorlegen<lb/>zu lassen. Die Mutter,
Josias und ich waren allein<lb/>beisammen, und sie sagte zu ihm, allerdings
sei es<lb/>nicht schicklich, einem Gast bemerkbar zu machen, daß<lb/>man an
ihm seine gewohnte gute Laune vermisse;<lb/>-<lb/>es sei ihr jedoch so viel
werth, ihn unter unserem Dache<lb/>zufrieden zu stellen, daß sie ihn bäte,
ihr zu sagen,,<lb/><lb/>z<lb/><lb/><lb/><lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0084_081.tif" n="081"/>
<p>uT - -<lb/>-= F! -<lb/>ob er irgend Etwas entbehre, oder ob Etwas
geschehe,<lb/>was ihm nicht zusagend sei und was man
ändern<lb/>knne.<lb/>,Nein, nein, Madame !'' rief er, ,wie können<lb/>Sie
mich für so anspruchsvoll halten, daß ich nicht<lb/>in jedem Augenblick
dankbarst die herzliche Freundschaft<lb/>und Vorsorge empfände, mit der es
Ihnen gefällt, mich<lb/>zu umgeben. Nur mit mir bin ich unzufrieden,
denn<lb/>ich habe mich verfehlt gegen die Gastfreundschaft und<lb/>gegen die
Zuversicht, die Sie mir gewähren. Ich habe<lb/>Fränzchen ohne ihre
Zustimmung zur Vertrauten meiner<lb/>Vergangenheit gemacht, in welcher --
ich darf das<lb/>sagen --- ich mich keiner Verschuldung anzuklagen
habe,<lb/>die man einem jungen Mädchen zu verbergen hätte.<lb/>Aber es ist
gesündigt worden gegen die Sittlichkeit<lb/>und gegen die Sitte innerhalb
des Kreises, in welchem<lb/>ich meine Kindheit und erste Jugend zuzubringen
ges<lb/>habt, und das hat seinen Schatten geworfen auf meinen<lb/>Lebensweg.
Davon habe ich mit Franziska gesprochen,<lb/>während ich zugleich die
Forderung an fie gestellt, gegen<lb/>Jedermann, also auch vor Ihnen zu
verschweigen, was<lb/>6<lb/>Fanny Lewald, Josias.<lb/>-- - ==a==-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0085_082.tif" n="082"/>
<p>=- ZZ -<lb/>sie von mir gehört. Das war Beides ein Unrecht<lb/>gegen Sie,
meine Freundin! Wollen Sie's verzeihen?''<lb/>Die Mutter, zuerst betroffen,
hatte doch das sich<lb/>nie verleugnende Zartgefühl unseres Freundes
an-<lb/>zuerkennen, aber er ließ ihr zu der Entgegnung nicht<lb/>die Zeit,
sondern bat sie, ihm zu gestatten, daß er<lb/>auch sie in sein Vertrauen
ziehe; und mit ebenso<lb/>raschen als sicheren Zügen schilderte er ihr, wie
er<lb/>dazu gekommen, mit mir von seinen Erlebnissen zu<lb/>sprechen, und
theilte ihr in kurzem Umriß mit, was<lb/>er mir in Ausführlichkeit
berichtet.<lb/>Als er bis zu dem Punkte gelangt war, zu welchem<lb/>er
neulich seine Erzählung geführt, sagte die Mutter<lb/>mit ihrem sanften
Ernste, indem sie ihm die Hand gab:<lb/>, Sie machen sich Ihren Vorwurf
nicht ganz ohne<lb/>Grund, denn Sie haben Franziska verleitet, nicht
auf-<lb/>richtig gegen mich zu sein. Mag sie sich das vergeben,<lb/>wenn
sie's kann. Sie, mein Freund, haben Ihre Buße<lb/>gethan, und nun, da wir
beisammen sind, Mutter und<lb/>Tochter, wie es sich gebührt, erzählen Sie
ihn uns weiter,<lb/>den Roman Ihres Lebens, der uns ja weit näher
an-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0086_083.tif" n="083"/>
<p>==- ZZ -<lb/>geht, als die Erfindung der Dichter, oder die Er-<lb/>lebnisse
von uns fremden Menschen, welche uns zue<lb/>getragen werden in dem
täglichen Verkehr der Gesell-<lb/>schaft, die doch auch nicht frei ist von
Schuld und<lb/>Fehle, so wenig wie der Graf und wie die Frau,<lb/>die ihn
verrathen. Erzählen Sie! Wir hören Ihnen<lb/>mit dem Herzen zu!''<lb/>Josias
küßte ihr die Hand, ich that desgleichen,<lb/>sie wehrte es mir nicht, und
nach ihrer wiederholten<lb/>Aufforderung sagte er:,Die Geburt jenes
Kindes<lb/>war mein Schicksal!<lb/>keinen nachhaltigen<lb/>Doch würde sie in
jenen Tagen<lb/>Eindruck auf mich gemacht haben,<lb/>wäre es nicht eben das
Kind der schönen Tänzerin<lb/>gewesen, deren Sturz vom Seile zu meinen
lebhaftesten<lb/>Erinnerungen gehörte, und wäre diese nicht
gestorben.<lb/>Nun war sie hin und die kleine Franull war eben da.<lb/>Gegen
die Gewohnheit der letzten Jahre ver-<lb/>gingen jedoch mehrere Wochen,
bevor der Graf wieder<lb/>bei uns in Schönfelde erschien. Der Vater war
ein-<lb/>mal ohne die Mutter nach Dambow gefahren, man<lb/>hatte den Grafen
nicht eingeladen, und er hatte sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0087_084.tif" n="084"/>
<p>=- Ze==<lb/>nicht ansagen lassen. Darüber waren wir bis in
den<lb/>-<lb/>Anfang des Dezember gekommen. Der Schnee lag<lb/>schwer auf
Feld und Wald. Der Herbst war sehr<lb/>naß gewesen, dazwischen hatte es
gefroren und wieder<lb/>gethaut, die Wege waren zwischen Halten und
Brechen<lb/>fast grundlos. Es war mit den Wagen kaum durch-<lb/>zukommen.
Das bot für eine Unterbrechung des Ver-<lb/>kehrs zwischen den Gutsnachbaren
den natürlichsten<lb/>Vorwand. Da kam endlich nach klarem Tage
und<lb/>scharfem Frost ein Abend, den der Mond erleuchtete,<lb/>daß es von
den Zweigen und Aesten unserer Ulmen<lb/>flimmerte wie die Sterne am Himmel,
und man mit<lb/>Vergnügen hinaus sah aus den Fenstern in die Weite,<lb/>und
ich hatte noch nicht lange in dem vorgebauten<lb/>Erker gestanden, als zwei
Reiter sichtbar wurden und<lb/>einritten in den Hof. Es war der Graf,
gefolgt von<lb/>seinem Reitknecht.<lb/>Der Vater eilte ihm entgegen. Gleich
darauf<lb/>traten sie in das Zimmer. Die Begrüßung war die<lb/>herzliche wie
stets, die Unterhaltung und das Abend-<lb/>essen heiter, und als dann Doktor
Hartusius, was ex<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0088_085.tif" n="085"/>
<p>===- sJ=-<lb/>sonst nicht zu thun pflegte, sich gleichzeitig mit
mir<lb/>entfernte, blieben der Graf und meine Eltern noch<lb/>über die sonst
gewohnte Zeit beisammen. Es war<lb/>gegen Mitternacht, als er Schönfelde
verließ, und am<lb/>nächsten Sonntag speisten wir Alle bei ihm in
Dambow.<lb/>Erst viel später habe ich erfahren und begreifen<lb/>können, was
an jenem Abend zwischen dem Grafen<lb/>und den Eltern zur Sprache gekommen
war. Wir<lb/>lebten, ich muß das vorausschicken, damals ja noch in<lb/>den
Zeiten, in welchen auch bei uns in der Mark die<lb/>Leute noch Hörige, wenn
schon nicht mehr im strengsten<lb/>Sinne des Wortes Leibeigene waren. Sie
waren noch<lb/>an die Scholle gebunden, ihr Fortgehen, ihr
Heirathen<lb/>hingen ganz von dem Belieben des Gutsherrn ab,<lb/>und die
Sittlichkeit hatte darunter zu leiden, daß es<lb/>von dem Herrn abhing, ob
er einem Ehepaar ein<lb/>Unterkommen in einer Kathe gebenwollte oder nicht
geben<lb/>wollte. Knechte und Mägde nahmen es leicht mit ihrem<lb/>Verkehr,
die Gutsherren sahen durch die Finger, ließen<lb/>geschehen, was sie nicht
hindern konnten; und ein Kind<lb/>mehr, das in guten Zeiten nicht schwer mit
durchzufüttern<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0089_086.tif" n="086"/>
<p>-=- Zß-<lb/>war, wurde bald zu einer Arbeitskraft, die man
brauchen<lb/>konnte. Nur schlug man bei der Geburt solcher Kinder,<lb/>am
wenigsten, wenn sie unter den Dienern im Guts-<lb/>hause oder in den
Schlössern stattgefunden hatte, nicht<lb/>R -----<lb/>Daß der Graf dies
nicht gethan, er, gegen dessen<lb/>persönlich ernste, ehrbare Lebensführung,
seit er in<lb/>Dambow lebte, nie der Schatten eines Zweifels
laut<lb/>geworden war, daß er, indem er das Kind der Seil-<lb/>tänzerin im
Schloß behielt, ein öffentliches Aergerniß<lb/>und sich dem fremden Urtheil
ohne alle Nothwendigkeit<lb/>Preis gab, das hatten meine Eltern, eben weil
er ihr<lb/>Freund war, und sie streng auf Zucht und Anstand<lb/>hielten, ihm
verargt -- denn sie hatten ihn, als ihren<lb/>Freund, zu vertreten vor allen
Denen, die nicht seine<lb/>nahen Freunde waren und die ihm seine
Abgeschlossen-<lb/>heit als Hochmuth und als Stolz auslegten,
obschon<lb/>sie den Anlaß kannten, der ihn in sich zurückgewiesen.<lb/>Er
hatte denn es natürlich sofort empfunden,<lb/>daß meine Eltern sich von ihm
zurückgehalten, und<lb/>:<lb/>==<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0090_087.tif" n="087"/>
<p>-=- ZF --<lb/>er war, wie gesagt, gekommen, sich zu erklären, sich<lb/>mit
ihnen wieder in das Gleiche zu setzen. Er hatte<lb/>meine Mutter gefragt, ob
sie ihn hören wolle. Wie<lb/>hätte sie ihm das weigern können? Und zum
ersten<lb/>Male hatte er darauf vor den Eltern von der nicht<lb/>zuu
vergessenden, tödtlichen Kränkung gesprochen, die<lb/>er durch seine Frau
erlitten.<lb/>?<lb/>,Wie Jeder, der überhaupt von mir weiß,'' hatte<lb/>er
gesagt, ,werden auch Sie es wissen, welch ein Ge-<lb/>schick mich getroffen,
was mich in die Einsamkeit ges<lb/>trieben. Ich habe mich loszureißen gehabt
von meiner<lb/>ganzen Vergangenheit, ich habe verzichtet auf den<lb/>Dienst
in meines Königs Heer, nach allen Seiten<lb/>habe ich mich durchzuschlagen
gehabt mit harter Ge-<lb/>walt. Man stößt eine Frau, die man frei
gewählt,<lb/>die man sehr geliebt, der man, weil man selbst Ver-<lb/>trauen
verdiente, fest vertraut - man stößt ein Kind,<lb/>das unseren Namen
getragen, an das man sein Herz<lb/>gehängt, seine Hoffnungen geknüpft, nicht
leichten<lb/>Sinnes von sich. Ein Edelmann giebt sich nicht ohne<lb/>die
äußerste Nothwendigkeit dem Gerede der Menge<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0091_088.tif" n="088"/>
<p><lb/>-=- Z--<lb/>Preis, ein Mann, der sich in langen Kriegen, in<lb/>blutigen
Schlachten bewährt, schreitet zu keinem Zwei-<lb/>kampf ohne die
unabweislichste Pflicht, sein Leben an<lb/>die Vernichtung des Mannes zu
setzen, der den schnö-<lb/>desten Verrath an ihm geüübt- da man ja ein
Weib<lb/>und ein Kind nicht tödten kann! -- Es ist mir hart<lb/>an's Leben
gegangen! Die vernarbte Wunde schmerzt,<lb/>da ich sie berühre in diesem
Auugenblick. Wäre mein<lb/>Gewissen nicht rein-- die Menschenverachtung,
der<lb/>Unglaube an die Wahrheit irgend einer Liebe hätten<lb/>mich zum
Menschenhaß getrieben. Die Erinnerung<lb/>an die Liebe, die ich für
Vaterliebe gehalten, die ich<lb/>gehegt für den Knaben, der nicht der meine
war, hat<lb/>mich durch all die Jahre zweifeln machen selbst an<lb/>der
Wahrhaftigkeit meines eigenen Empfindens. Weder<lb/>die Verurtheilung der
Schuldigen, noch die mir seit<lb/>Jahren wieder bewiesene Gnade meines
Königs hatten<lb/>mir die Lust am Leben wiedergegeben in der
liebe-<lb/>leeren Einsamkeit, in der ich gelebt in meinem Hause.<lb/>Ich
that meine Schuldigkeit- Sie haben es ja ge-<lb/>sehen - gegen die Leute,
die abhingen von mir, die<lb/>A<lb/>aa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0092_089.tif" n="089"/>
<p>se-<lb/>=- Zß -<lb/>von den Verhältnissen auf mich gewiesen waren -<lb/>aber
ich that sie kalten Herzens. Sie waren mir<lb/>gleichgültig wie Alles! - Da
warf der Zufall --<lb/>oder sagen wir der Himmel - mir das
todtwunde<lb/>Mädchen in die Arme. Ihre Hülfsbedürftigkeit,
ihre<lb/>Schönheit, ihre Verlassenheit rührten mich, ihre Dank-<lb/>barkeit
wendete ihr meine Sorge zu, die Reinheit<lb/>ihres Herzens erquickte mnich
wie den Verschmachtenden<lb/>der frische Quell, der vor ihm hervorsprudelt,
wo er<lb/>am wenigsten ihn vermuthet. Wie an ein Kind hatte<lb/>ich allmälig
mein Herz an sie gehängt, bis ich sie zu<lb/>lieben begonnen, bis die
Menschennatur, mächtig in<lb/>ihr wie in mir, ihre Liebe für mich, meine
Leiden-<lb/>schaft für sie erweckt und uns verbunden hat. --<lb/>Wäre es
möglich gewesen, ohne noch einmal den Kampf<lb/>mit den Verhältnissen
aufzunehmen durch eine Mes-<lb/>alliance ohne Gleichen, ich hätte Franull
geehelicht.<lb/>Denn die Liebe, an die ich nicht mehr geglauubt, sie<lb/>hat
sie für mich gefühlt. Sie hat mich geliebt wahr-<lb/>haft, ganz
ausschließlich, mit aller Kraft ihrer starken,<lb/>ungebrochenen Natur! und
trotz meiner sechsundvierzig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0093_090.tif" n="090"/>
<p>-=- (s - --<lb/>Jahre habe auch ich sie sehr geliebt. Nicht daß sie
vom<lb/>Leben scheiden mußte und von dem Kinde - daß sie<lb/>von mir gehen
sollte, dao war ihr letzter Schmerz -<lb/>ihre letzte Klage -- ihr letztes
Wort, mit dem sie mir<lb/>das Kind an's Herz gelegt, und an meinem
Herzen<lb/>werde ich es halten!- Die Tochter eines freiherr-<lb/>lichen
Hauses ist mir zum Fluch geworden; das Kind<lb/>des niedrigsten Volkes hat
ihn von mir genommen<lb/>diesen Fluch, hat mich erlöst und der Liebe
wieder-<lb/>gegeben. Und nun -<lb/>Er vollendete nicht. Der Vater reichte
ihmt die<lb/>Hand, er küüßte die Hand meiner Mutter. Sie sagte,<lb/>als sie
mir davon gesprochen, des Grafen Ergriffen-<lb/>heit, der Zwang, den er sich
angethan mit seinem<lb/>Bekenntniß, habe sie überwältigt, obschon sie im:
Grunde<lb/>Nichts erfahren, als was sie sich selber hatte sagen<lb/>können;
und trotz der geforderten Gewissenhaftigkeit,<lb/>mit welcher sie und mein
Vater auf Zucht und An-<lb/>stand hielten, hätte sie empfunden, daß
außergewöhn-<lb/>liche Schicksale eine außergewöhnliche
Charakterentwick-<lb/>lung erzeugen und darum eine besondere
Beurtheilung<lb/>- »K<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0094_091.tif" n="091"/>
<p>===- ßs s --<lb/>und Behandlung verlangen; und so hatte denn trot<lb/>des
Widerstrebens, das meine Mutter gegen die Vor-<lb/>güünge gehegt, die
Freundschaft zwischen meinen Eltern<lb/>und meinem Pathen an dem Abende eine
neue Be-<lb/>festigung erhalten, eben weil man es erkannte, wie<lb/>wichtig
es sei, ihm beizustehen, und daß er an der<lb/>Tochter vergüte, was er an
der Mutter gefehlt.<lb/>Auf den Gütern in der Nachbarschaft aber
fand<lb/>man sich auch bald mit dem Anfangs unglaublichen,<lb/>viel
besprochenen und viel verspotteten Entschluß des<lb/>Grafen ab. Hatte man
doch überall in der Welt,<lb/>auf dem Lande wie in den Städten, überall, wo
man<lb/>unter Menschen lebte, Manches zu sehen und zu wissen,<lb/>was nicht
zu sehen und nicht zu wissen man sich den<lb/>Anschein geben mußte! Manches
und Vieles geschehen<lb/>zu lassen, was man nicht ändern konnte.-
Warum<lb/>sollte man dem Grafen, der ohnehin Niemandem in<lb/>den Weg kam,
der den Sonderling spielte, nicht die<lb/>Grille durchgehen lassen, sich zu
seiner Gesellschaft statt<lb/>eines Pudels oder eines Papageis das Kind
einer<lb/>Landstreicherin auffüttern und aufziehen zu lassen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0095_092.tif" n="092"/>
<p><lb/><lb/>-=- IZ =<lb/>Was er nachher damit machen wüürde, das war
seine<lb/>Sache; was daraus werden würde, das werde man -<lb/>ja erleben. -
Das sagte Dieser, das sagte Jener!<lb/>und man meinte damit fertig zu sein.
Und doch!<lb/>eben weil man auf dem Lande lebte, wo die Neuigs<lb/>keiten
eines Tages die des anderen nicht so rasch ver-<lb/>- drängen, blieb das
Kind im Schloß zu Dambow<lb/>gleichsam ein öffentliches Geheimniß, blieb es
unter<lb/>allgemeiner Aufsicht und der Gegenstand
neugierigen<lb/>Nebelwollens.<lb/>Ess lebten rund um Dambow auf den
adeligen<lb/>Gütern, in den Herrensitzen und Schlössern gar zu<lb/>viel alte
und junge Edelfräulein, die bereit gewesen<lb/>wären, den Grafen Dubimin in
rechtschaffener, christ-<lb/>licher Ehe über seine Vergangenheit zu trösten
und<lb/>die Mutter seiner Kinder zu werden. Warum muußte er<lb/>denn sein
Herz hängen an das Kind einer Zigeunerin?<lb/>Glücklicher Weise schadeten
aber das Gerede und<lb/>das Nebelwollen dem Gedeihen des Kindes nicht,
das<lb/>ja nicht Schuld war an seinem Dasein. Es kam<lb/>natürlich in seiner
ersten Lebenszeit nicht zum Vor-<lb/>l<lb/>t dA<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0096_093.tif" n="093"/>
<p>= Z=-<lb/>schein, wenn ein Gast im Hause war, was selten<lb/>genug geschah,
und als ich sie bei einem Besuche, zu dem<lb/>wir nach Dambow geladen waren,
zum ersten Male<lb/>sah, war Franull schon ihre zwei Jahre alt.<lb/>Wir
hatten im Schlosse gespeist und gingen da-<lb/>nach in den Garten hinaus, in
welchem, wie immer<lb/>in der guten Jahreszeit, unter den Linden, vor
denen<lb/>sich der Rasenplatz ausbreitete, der Kaffee getrunken<lb/>und
zugleich die eben in voller Pracht blühenden<lb/>Rosen in Augenschein
genommen werden sollten; und<lb/>da saß mitten auf dem Rasen die kleine
Franull, hell<lb/>von dem warmen Sonnenlicht umfluthet, eine
Menschen-<lb/>knospe, schöner als die ganze Rosenpracht umher.<lb/>Den
Grafen sehen, sich auf die Händchen stützen,<lb/>um schneller aufzustehen,
ihm mit vorgestreckten Aermchen<lb/>entgegeneilen, das war das Werk einer
Minute. Des<lb/>Grafen ernstes Antlitz erhellte sich bei dem Anblick.<lb/>Er
ging ihr entgegen, hob sie empor, und ich höre<lb/>TT- - - - -<lb/>Man sah
dem Grafen an, wie wohl ihm die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0097_094.tif" n="094"/>
<p>-= ße1 --<lb/>Bewunderung seines Kindes that. - ,Nicht wahr?!<lb/>sagte er,
,sie ist ein liebes Geschöpf! Jeden Morgen,<lb/>wenn man sie mir bringt,
freue ich mich an ihr;<lb/>jeden Abend freue ich mich, daß ich sie am
Morgen<lb/>wieder sehen werde. Ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen er-<lb/>hellen
mir die Tage! Franull! wie lieb hast Du mich?<lb/>,So, so lieb ' rief sie
und schmiegte ihr blondes<lb/>Lockenköpfchen an des Grafen gebräuntes und
ge<lb/>furchtes Antlitz.<lb/>Der Graf küßte sie, settzte sie auf den
Boden;<lb/>meine Mutter machte sich entzückt mit ihr zu schaffen,<lb/>die
Wärterin wollte sie auf den Arm nehmen und sich<lb/>mit ihr
entfernen.<lb/>,Nein! nicht mit Lise !'' rief sie, sich fträubend.<lb/>,
Gehen! gehen !''-- Und wohl weil ich ihr zus<lb/>nächst stand, langte sie
nach meiner Hand und sagte:<lb/>,Komm! Du!''<lb/>Wie alle Burschen meines
Alters hatte ich mir<lb/>aus Kindern nie Etwas gemacht. Jeder Spitz-
und<lb/>jeder Jagdhund waren mir lieber gewesen als ein<lb/>kleines Kind;
aber daß dieses Kind von seltener
Schön-<lb/><lb/>1<lb/>Il<lb/>-l<lb/>z<lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0098_095.tif" n="095"/>
<p>==-- ßß -<lb/>heit wvar, das mußte auch der Achtloseste bemerken;<lb/>und die
selbstwillige Freundlichkeit, mit der die Kleine<lb/>sich an mich hing, sich
meiner bemächtigte, gefiel mir.<lb/>Ich fragte, ob ich mit ihr spielen
solle. --<lb/>,Ja! Du sollst!'' rief sie und zog mich mit sich<lb/>fort,
während ich meine Mutter scherzend sagen<lb/>hörte:,Wie sie befehlshaberisch
ist! -- Wo sollns<lb/>denn hin?<lb/>,Wohin sie will!'' rief ich zurück. ,Ich
weiß nicht!''<lb/>Ach! ich wußte es freilich nicht! - Und ich<lb/>hatte den
Tag schnell geng vergessen, denn bald -<lb/>darauf kam ich in die Stadt, und
erst viele, viele<lb/>Jahre später habe ich dieses Nachmittages wieder
ges<lb/>dacht, und wie oft gedacht wie heut !''<lb/>Da wir Reformirte waren,
hatte nie davon die<lb/>Rede sein können, mich zum
Konfirmandenunterrichtnach<lb/>Banwitz zu schicken, wenn gleich die Eltern
die dortige<lb/>lutherische Kirche regelmäßig besuchten, weil eben
keine<lb/>reformirte in unserem Bereiche vorhanden war. Aber<lb/>zum Genuß
des heiligen Abendmahls waren die Eltern<lb/>alljährlich zweimal nach Berlin
gefahren, und es hatte<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 07</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0099_096.tif" n="096"/>
<p>= ß =<lb/>immer festgestanden, daß ich im vierzehnten Jahr zu<lb/>meinem
Onkel nach Berlin gegeben würde, der die<lb/>Stelle eines Recnungsrathes
bekleidele, um von da<lb/>ab auch das französische Kolleg zu besuchen und
den<lb/>Religions- und Konfirmandenumnterricht in unserer Kirche<lb/>zuu
genießen.<lb/>Als ich mit Doktor Hartusius nach Dambow<lb/>hinüberritt, mich
von meinem Herrn Pathen vor meiner<lb/>Nebersiedlung in die Stadt zu
verabschieden, während -<lb/>der Doktor, der durch Vermittlung unserer
Familie<lb/>eine Anstellung am französischen Kolleg erhalten, sich<lb/>ihm
gleichzeitig ebenfalls empfehlen wollte, sah ich<lb/>mich beim Fortgehen
überall nach Franull um. Ich<lb/>hätte das fröhliche Kind gern wieder
gesehen. Nach<lb/>ihm zu fragen, wagte ich nicht, und ich würde
Franulls<lb/>gewiß bei dem völlig neuen Leben nicht mehr gedacht<lb/>haben,
wäre nicht in meines Onkels Haus ein kleines,<lb/>ihr gleichaltriges Mädchen
gewesen, das mich oftmals<lb/>zu Vergleichen zwischen ihm und Franull
veranlaßte,<lb/>die immer zu Gunsten der letzteren ausfielen, und
das<lb/>steigerte sich mit den
Jahren.<lb/>s<lb/>1<lb/>D<lb/>-<lb/><lb/>!<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0100_097.tif" n="097"/>
<p>= ß?=-<lb/>Es verstand sich von selbst, daß jch alle meine<lb/>Ferien bei den
Eltern in Schönfelde verlebte und<lb/>ebenso, daß ich dabei jedes Mal meinen
Herrn Pathen<lb/>in Dambow besuchte, zu dem wir dann regelmäßig<lb/>auch
eine Einladung erhielten; und jedes Mal, wenn<lb/>ich nach Dambow kam, fand
ich, daß Franull un-<lb/>gewöhnlich rasch heranwuchs, daß sie immer
schöner,<lb/>immer klüger, immer zutraulicher zu mir wurde; und<lb/>kehrte
ich dann nach Berlin zurück und sah dort in<lb/>den Hofkarossen und
sonstigen vornehmen Equipagen<lb/>die kleinen Fürstenkinder und Komtessen
spaziren<lb/>fahren, so gefielen mir die auch sehr wohl, aber
mit<lb/>Franuull waren sie sammt und sonders doch nicht
zu<lb/>vergleichen.<lb/>=FF<lb/>Siebentes Lapitel.<lb/>Darüber gingen wieder
Jahre hin, meine Ein-<lb/>segnung war vorüber, der Graf hatte mir zu
der-<lb/>selben geschrieben, mich mit einer kostbaren englischen<lb/>???;
-===-======-<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0101_098.tif" n="098"/>
<p>-- ßZ --<lb/>Antheil als ein treuer Pathe bezeigt. Ich trage die Uhr<lb/>noch
heute und habe an ihr alle guten und schweren '<lb/>Stunden meines Lebens
abgezählt. Als ich die Klassen<lb/>des Kollegs durchgemacht, stand ich im
neunzehnten<lb/>Jahr. Mein Vater erachtete mich noch zu jung,
mich<lb/>allein auf Reisen gehen zu lassen. Er beschloß also,<lb/>mich nach
Ilsenburg in den Harz zu senden, wo das<lb/>mals ein viel erfahrener
Landwirth und Forstmann,<lb/>Herr Zarenthin, eine Meisterschule für künftige
Land-<lb/>wirthe errichtet hatte; und dieser Plan, mich in
der<lb/>Forstkultur besonders unterweisen zu lassen, hing auch<lb/>mit den
Wandlungen zusammen, welche mein Vater<lb/>in seinen Angelegenheiten
herbeigeführt hatte.<lb/>Er hatte seiner Zeit die Domänenpachtung
für<lb/>zwanzig Jahre üübernommen. Aber er hatte bei seinem<lb/>Eifer und
seinen Kenntnissen nicht so lange Zeit be-<lb/>durft, um die Verbesserungen
zu bewerkstelligen, welche<lb/>der König durch ihn eingeführt haben wollte.
Die<lb/>Maulbeer-Alleen waren schön herangewachsen, die Obst-<lb/>zucht in
Banwitz gab der in Schönfelde und in<lb/>Sanssouci Nichts mehr nach, der
ganze Boden war<lb/>e<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0102_099.tif" n="99"/>
<p>a: - -<lb/>-- ßß --<lb/>ertragsfähiger geworden; und so hatte der Vater
schon<lb/>bei dem Tode Friedrichs des Großen, dem er sich<lb/>verpflcchtet,
daran gedacht, sein Pachtverhältniß zu<lb/>lösen, wenn es ohne Nachtheil für
ihn geschehen könnte.<lb/>Denn während er dem Könige gedient, hatte er
auch<lb/>seinen Besitz nicht vernachlässigt, sondern einen
be-<lb/>trächtlichen Theil der an Schönfelde grenzenden Wal-<lb/>dungen
gekauft, um sein Gut besser abzurunden, und<lb/>er hatte daran gedacht, sich
das Leben durch Rücktritt<lb/>von der Pachtung arbeitsfreier zu machen.
Indeß<lb/>die Regierung hatte damals Nichts davon hören wollen.<lb/>Erst,
als ich nach dem Verlauf meines ersten Studien-<lb/>jahres in Ilsenburg in
die Ferien nach Hause gehen<lb/>wollte, war er zu einem Abkommen mit der
Regierung<lb/>gelangt, da sich ein geeigneter Mann gefunden, welchem<lb/>der
Minister die Vortheile des Banwitzer Rentmeister-<lb/>amtes zuzuwenden
wünschte. Der Vater war gerade<lb/>mit der Nebergabe von Banwitz an den
neuen Pächter<lb/>beschäftigt, als ich in Schönfelde anlangte. Ich
war<lb/>seit länger als einem Jahre nicht mehr dort gewesen, denn<lb/>ich
hatte in den vorigen Sommerferien meine Mutter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0103_100.tif" n="100"/>
<p>-- ,ss(s ==<lb/>in das Bad nach Pyrmont zu begleiten gehabt und<lb/>war von
dort geraden Weges in meine Lehre zurück-<lb/>;<lb/>gegangen. Auch dies Mal
war mein Verweilen bei<lb/>meinen Eltern nur kurz bemessen, und so wollte
ich,<lb/>dieZeit zu ntzen, schon am zweitenTage nach Dambow<lb/>hinüber
reiten.<lb/>Meine Mutter sagte, ich würde dort große Ver-<lb/>änderungen
gewahren. Franuull entwickle sich körperlich<lb/>und auch geistig mit
merkwürdiger Schnelligkeit. Der<lb/>Graf habe neben Madame Fleuron, der
Schweizerin,<lb/>die schon länger bei Franull war, noch einen
Hauslehrer<lb/>für sie angenommen, einen ältlichen, sehr braven
Kan-<lb/>didaten der Theologie, der schon in verschiedenen
adeligen<lb/>Häusern Erzieher gewesen sei, weil ein Halsleiden ihm<lb/>das
Predigen verbiete, und der Graf lebe mur in und<lb/>mit Franull. Er habe ihr
im Frühjahr ein Pferd<lb/>, zugeritten, sie reiten gelehrt, ihr von dem
Schneider,<lb/>welcher in Berlin für die Damen des Hofes arbeite,<lb/>den
Reitanzug kommen lassen, und er sei täglich zu<lb/>Pferde mit ihr zu sehen.-
Wenn man nicht so genau<lb/>Tag und Stunde ihrer Geburt wisse, müsse man
sie<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0104_101.tif" n="101"/>
<p>= ß! -=-<lb/>für mehrere Jahre älter halten, als sie sei Sie habe<lb/>die
große Statur des Grafen Dubimin und des Grafen<lb/>ganze Art geerbt. Er
nenne sie offen seine Tochter,<lb/>sie nenns ihn Vater, und darüber könne
man allenfalls<lb/>hinwegsehen, da dies zwischen Pflegeeltern und
Pflege-<lb/>kindern nichts Ungewöhnliches sei.-- Ob sie und<lb/>mein Vater
für ihr Theil damals xichtig gehandelt,<lb/>als sie des Grafen Zutrauen
nicht abgewiesen, darüber<lb/>habe sie sich schon manchmal schwere Gedanken
ge-<lb/>macht; aber der Graf sei ein so edler, vortrefflicher<lb/>Mann und
das Kind habe sie gejammert. Was man am<lb/>Hofe und in der Welt, dem König
Friedrich Wilhelm l.<lb/>nachzusehen für erlauubt halte, damit müsse sich
der<lb/>Einzelne auch abzufinden suchen, wo es die Befriedigung<lb/>eines
treu bewährten Freundes und eine Gerechtigkeit<lb/>gelte, die zu üben im
Grunde seine Pflicht sei. Der<lb/>Graf allein nenne seine Tochter noch
Franull. Die<lb/>Nebrigen wären angewiesen, sie als Fräulein
Franziska<lb/>anzureden. Die alte Haushälterin und die andere
alte<lb/>Dienerschaft habe das nur schwer erlernt; und in der<lb/>Umgegend
habe man Franull so lange als das gnädige<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0105_102.tif" n="102"/>
<p>- 10!--<lb/>-L<lb/>Fräulein von Dambow verspottet, bis es zur
fest-<lb/>stehenden Gewohnheit geworden sei, sie das Fräulein<lb/>von Dambow
zuu nennen. Was der Graf schließlich<lb/>mit ihr im Sinn habe, könne man ja
nicht wissen.<lb/>Er sei, nachdem er sich vor Jahren zur Beerdigung<lb/>des
Königs zum ersten Male wieder an den Hof be-<lb/>geben, jetzt öfters nach
Hof gegangen und von dem<lb/>König Friedrich Wilhelm l. in Berlin und
im<lb/>Marmorpalais sehr gnädig aufgenommen worden;<lb/>es gehe sogar dac
Gerede, daß er den nächsten<lb/>Winter in Berlin verleben und Franull und
seinen<lb/>ganzen übrigen Hausstand mit sich nehmen werde,<lb/>was ihr
persönlich doch nicht wahrscheinlich dünke.<lb/>Mit diesen Nachrichten
beschäftigt hatte ich mich<lb/>auf's Pferd geworfen und war raschen Trabes
durch<lb/>die köstlichste Herbstluft gen Dambow geritten, als mir<lb/>kurz
vor dem Heck des Dorfes der Graf und Franull<lb/>von der Waldseite entgegen
kamen. Als wir nahe<lb/>geng bei einander waren, rief der Graf mir mit
den<lb/>Worten:,Nun, läßt Du Dich wieder einmal sehen!''<lb/>seinen Willkomm
entgegen, und während Franull ihr<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0106_103.tif" n="103"/>
<p>-- 103 -<lb/>Pferd mit einer Kraft und Sicherheit, zum Stehen<lb/>brachte,
die mir an dem so jungen Mädchen auffielen,<lb/>fiügte sie dem Gruß des
Vaters die Aufforderung<lb/>hinzu: h,Komm heran, daß man Dir die Hand
doch<lb/>geben kann!'<lb/>Ich gehorchte, doch fühlte ich mich verwirrt,
denn<lb/>während ihre Schönheit mich entzückte, verdroß mich<lb/>ihr
gebieterischer Ton, der Ton des Herrenkindes,<lb/>das gewohnt war zu
befehlen und Gehorsam<lb/>zu finden. Weil ich aber doch Etwas
entgegnen<lb/>mußte, sagte ich:,Sie sind eine vortreffliche
Reiterin<lb/>geworden !''<lb/>s ==«<lb/>,Ich habe einen guten Lehrer gehabt
an Papa!''<lb/>gab sie mir zurück, den Blick nach dem Grafen,
hin-<lb/>gewendet, der mich nach dem Ergehen der Eltern,<lb/>nach der Dauer
meines Aufenthaltes fragte. - So er-<lb/>reichten wir das Schloß. Die
Reitknechte kamen heran,<lb/>ich war schnell vom Pferde, Franull meine
Dienste<lb/>anzubieten, und als ich dann den kleinen Fuß -in<lb/>meiner Hand
hielt und sie die ihre auf meine Schulter -<lb/>legte, sagte sie mit der
fröhlichen Unbefangenheit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0107_104.tif" n="104"/>
<p>==- hss. ---<lb/>ihrer frühesten Kindheit: ,Nun Du da bist,
Josias,<lb/>bleibst Du auch!''<lb/>Ich versetzte, daß ich das nicht könne.
,Ach!''<lb/>lachte sie, ,nicht können! Ich werde Papa sagen,<lb/>daß er Dich
nicht fortläßt und damit ist es gut!''--<lb/>Sie eilte, ihr Reitkleid
zusammenraffend, die<lb/>Rampe hinauf, und der Graf nahm mich mit sich
in<lb/>das Zimmer des Erdgeschosses, in dem sein Arbeits-<lb/>pult und die
Registraturen standen, und in dem er sich<lb/>früher ganz ausschließlich
aufgehalten hatte, wenn wir<lb/>nicht seine Gäste gewesen waren und man oben
die<lb/>Zimmer geöffnet.<lb/>Er fragte mich um meine Beschäftigung in
Jlsen-<lb/>burg, erkundigte sich um meine weiteren Plane, und<lb/>wir waren
noch nicht lange bei einander, als der<lb/>Diener meldete, daß das Essen
bereit sei. Der Graf<lb/>hieß mich vorangehen, weil er die Reitstiefel
ablegen<lb/>wolle. Oben im Wohnzimmer stand Franull in ges<lb/>wählter
modischer Tracht an dem Käfig eines Papageiö,<lb/>mit dem sie sich zu
schaffen machte. Madame Fleuron<lb/>saß in demselben Fenster, eine Arbeit in
den Händen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0108_105.tif" n="105"/>
<p>s<lb/>==-- P0H -<lb/>Ich stellte mich ihr vor, sie meinte, ich sei
doch<lb/>noch gewachsen, was ja mit zwanzig Jahren nicht<lb/>auffallend sei,
aber Franull fiel ihr in's Wort: , dlon<lb/>amnis ! ßrief sie ihr zu,
,handeln Sie das nachher beim<lb/>Diner mit ihm ab! Jetzt komm her, Josias!
und<lb/>mache Bekanntschaft mit Coco, er bekommt heute eine<lb/>neue
Lektion, er soll Dich rufen lernen: Komm, Josias!<lb/>---- sprich's nach,
Coco! Komm, Josias! - Sprich!<lb/>Sei ein guter Coco! Komm! Sage: Josias
!''<lb/>Sie hatte sich mir dabei an den Arm gehängt,<lb/>aber Madame Fleuron
trat dazwischen: ,heris!?<lb/>mahnte sie,,Sie sind kein Kind mehr, es
schickt sich<lb/>nicht für Sie, die Gäste des Herrn Grafen u'
zu<lb/>nennen!''<lb/>g<lb/>,Gäste!'' sprach Franull ihr nach --- ,es
kommen<lb/>ja keine in das Haus, und Josias ist nicht des Vaters<lb/>Gast,
er ist sein Pathe! =- Nicht wahr, Papa, der<lb/>Josias ist Dein Pathe, also
mein Freund und wie<lb/>ein Stück Bruder vön mir!'' -<lb/>Der Graf klopfte
ihre heißen, rothen Wangen.<lb/>,Man kann sehr gut Freund sein, ohne
einander zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0109_106.tif" n="106"/>
<p>-=- , fsHs<lb/><lb/>duzen!'' bedeutete er sie, ,und Josias ist nicht
mehr<lb/>ein Wildfang wie Du! Madame Fleuron hat Recht!<lb/>Nun aber zu
Tisch!''<lb/>Wir gingen in den Speisesaal, wo der Kandidat -<lb/>uns
erwartete; der Graf war in seiner würdigen Ge-<lb/>haltenheit gütig füür
mich, wie ich es gewohnt war,<lb/>aber Franull hatte ihr fröhliches
Geplauder eingestellt,<lb/>und ich sehnte mich fortzukommen. Ich mußte
mir<lb/>sagen, daß nuur das Schickliche geschehen sei, ich hatte<lb/>Franll
auch bei den ersten Worten nicht mehr,Du?<lb/>genannt, denn sie sah nicht
mehr wie ein Kind aus; aber<lb/>die ertheilte Parole lag mir auf der Seele
und ich<lb/>war froh, als die Tafel aufgehoben war, alö ich mit<lb/>dem
Grafen und dem Kandidaten wieder allein unten-<lb/>in dem Arbeitszimmer, und
dann die Zeit gekommen<lb/>war, in welcher ich mit Anstand meinen
Rückzug<lb/>nehmen konnte.- Als man mein Pferd vorführte,<lb/>fragte mich
der Graf, ob ich mich nicht Madame<lb/>Fleuron empfehlen und Franziska
Lebewohl sagen<lb/>wolle, da ich ja nach meiner Aussage zunächst
nicht<lb/>wiederkehren könne. Ich nahm die Erlaubniß mit<lb/>ineaa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0110_107.tif" n="107"/>
<p>A<lb/>ggggggp<lb/>-- 10?=-<lb/>gebührendem Danke an, und schon auf der
Treppe<lb/>kam Franziska mir entgegen.<lb/>,Du willst also doch fort!''
sprach sie - gegen<lb/>die von Madame Fleuron erhaltene Weisung -
,Du<lb/>Pillst fort? Und als ich das bejahte, schlang sie ihre<lb/>schönen,
bis zum Ellenbogen entblößten Arme uum<lb/>meinen Hals und rief, französisch
sprechend: ,SSo er-<lb/>lauben Sie, Monsieur Josias, daß Mademoiselle
Fran-<lb/>y<lb/>ziska Sie umarmt zum Abschied! und nun-'<lb/>,Du bist ein
Engel, Franull!'' -- das war Alles,<lb/>was ich, hingerissen von dem
fröhlichen Nebermuth<lb/>des entzückenden Mädchens, hervorzubringen
vermochte,<lb/>während ich es an mich zog-<lb/>Sie aber riß sich von mir
los. - ,Ach was,<lb/>Engel!'' rief sie; ,und nun geh und nimm
Abschied<lb/>von ms honne armie, und umarme sie auch, wenn<lb/>Du Lust
hast!''<lb/>Ihr Lachen schallte noch an mein Ohr, als sie<lb/>mir hinter der
nächsten Thür verschwunden war, und<lb/>eine Viertelstunde später war ich
auf dem Wege nach<lb/>Schönfelde, voll Freude über das reizende
Erlebniß,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0111_108.tif" n="108"/>
<p>- Fßs -<lb/>und mehr davon hingenommen, als ich selber wußte.<lb/>Wie ich
dann zu Hause berichten mußte von dem<lb/>Empfang, den ich gefunden, that
ich es mit aller Ge-<lb/>wissenhaftigkeit; nur was sich zuletzt zwischen
Franull<lb/>und mir begeben, das verschwieg ich, um, wie ich
mir<lb/>einbildete, sie keinem Tadel auszuseten. - Josias<lb/>lächelte bei
den Worten, da er sah, daß es meine<lb/>Mutter that.<lb/>,ka,'' sagte er,
,lächeln wir nur über unsere<lb/>Jugend, wenn sie hinter uns liegt, weit!
wie weit!<lb/>Sie war doch schön!''-- Er seufzte! ---,Und,'' setzte<lb/>er
hinzu, ,ich konnte damals am Ende meines Be-<lb/>richts, trotz meiner
Vorsicht, doch meinen Eltern gegens<lb/>über nicht den Ausruf unterdrücken:
Franull ist<lb/>wirklich zum Verlieben schön!''<lb/>Mein Vater, dem es
offenbar recht gewesen war,<lb/>daß Madame Fleuron die Schranke zwischen
Franull<lb/>und mir gezogen, machte bei meiner bewundernden<lb/>Aeußerung
eine leise Kopfbeweguung, die ich kannte,<lb/>und die bei ihm immer ernste
Abwehr in mildester<lb/>Form bedeutete.<lb/><lb/>.i ssueaauau<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0112_109.tif" n="109"/>
<p>=- 10ss ==<lb/>,Gleich zum Verlieben!'' sprach er mir nach.<lb/>, Unterlassen
Sie das Verlieben, wenn ich bitten darf,<lb/>Monsieur Josias! Franull.
Wizkowich und ein Cour-<lb/>ville, das vereint sich nicht zusammen! Und das
Fräulein<lb/>von, Dambow, selbst wenn es dem Grafen gefallen<lb/>sollte, es
als Gräfin von Dubimin anzuerkennen -<lb/>was immer denkbar ist nach dem
jetzigen Treiben an<lb/>dem jetzigen preußischen und manch anderem
Hofe,<lb/>mit welchem die Aristokratin sich abzufinden weiß,
das<lb/>Fräulein von Dambow gehört nicht in das makellose<lb/>bürgerliche
Haus der Courvilles in Schönfelde!'' --<lb/>Meine Mutter, die es sehen
mochte, wie be-<lb/>fremdend die strenge Mahnung des Vaters mir
erschien,<lb/>wechselte den Gegenstand der Unterhaltung; in mir<lb/>aber
tönten und wirkten seine Worte fort, und gruben<lb/>mir in die Seele, was
mich vorher nur wie ein<lb/>Freudenstrahl flüchtig berührt hatte. -<lb/>Ich
konnte' die Nacht nicht schlafen. Das war<lb/>mir ein völlig neuer Zustand.
Fxanull kan mir nicht<lb/>aus dem Sinn. Ich rief mir die Zeit in das
Gedächtniß<lb/>zurück, in der ich sie als kleines Kind spielend auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0113_110.tif" n="110"/>
<p>=- ,1ß--<lb/>dem Rasen gesehen und sie sich an meine Hand gee<lb/>hängt. Sie
hatte mich immer lieb gehabt, mich -=-<lb/>je mehr ich darüber nachdachte--
lieber gehabt als<lb/>alle Anderen; und sie war mir, dem Knaben,
schon<lb/>das Urbild aller Schönheit gewesen, aller Holdseligkeit.<lb/>Jmmer
hatte ich sie geliebt! -- Ich stutzte bei dem<lb/>Worte und sagte,
verwundert meine Stimme laut an<lb/>mein Ohr schlagen zu hören: es ist aber
doch wahr!<lb/>--- Und mit dem Gedanken, daß ich sie liebte, der<lb/>mich
glücklich machte, tauchte das Bewußtsein auf, daß<lb/>es etwas Besonderes
sei, ein Mädchen zu lieben, das<lb/>im Grunde noch ein Kind sei; und daneben
regte sich<lb/>in mir das sicherste Kennzeichen der Liebe in
des<lb/>Jünglings Herzen, der Vorsat, einzutreten für die<lb/>Geliebte,
deren ungefestete Verhältnisse nicht sie ver-<lb/>schuldet, und die sie doch
zu büßen hatte.<lb/>Damit kam der erste Zwiespalt in mein Leben.
-<lb/>Konnte, durfte ich dem berechtigten Ehrgefühle meiner<lb/>Eltern
widerstreben, deren Güte sich nie verleugnet,<lb/>denen mein Glück ihr
höchster Wunsch war? Oder<lb/>konnte ich mich blind und taub machen gegen
jenen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0114_111.tif" n="111"/>
<p>-<lb/>-- 111--<lb/>Zauber, dem dereinst das starke Herz des Grafen
er-<lb/>legen war? Und weßhalb hatten meine Eltern, wenn<lb/>ihre Grundsätze
so unerbittlich waren, mich von früh<lb/>an gewöhnt, daran zu denken, daß
auch die strengste<lb/>Zucht und Sitte Nachsicht in Ausnahmefällen zu
üben<lb/>verstehen und für geboten halten sollen. Durften,<lb/>konnten sie
weniger nachsichtig sein, wenn einmal die<lb/>Zeit und Stunde gekommen. sein
würde, in welcher<lb/>ihr eigener Sohn ihr Nachgeben für sich und
sein<lb/>Glück von ihnen zu heischen hätte. Ich fing zu rechnen,<lb/>zu
überlegen an, wann ich das von ihnen fordern<lb/>würde. Dann wieder suchte
ich mir klar zu machen,<lb/>welche Absichten der Graf mit seiner Tochter
haben<lb/>könne. Ich dachte mit Schrecken an die Duldsamkeit<lb/>der Höfe
und des Adels, deren mein Vater erwähnt;<lb/>denn wenn der Graf Franull
anerkannte, so hatte ich<lb/>auch von seiner Seite auf einen entschiedenen
Wider-<lb/>stand gefaßt zu sein; und immer mehr gefiel mir
der<lb/>eigenwillige - Gedanke, die Eltern und den Grafen<lb/>meiner
dereinstigen Verbindung mit dem reizenden<lb/>Geschöpfe geneigt zu machen.
Wie nun alle diese<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0115_112.tif" n="112"/>
<p>-- 1 --<lb/>Vorstellung sich durcheinander zu wirr und in ein-<lb/>ander zu
verschwimmen begannen, fühlte ich wieder<lb/>die kühlen schlanken Arme sich
schlingen um meinen<lb/>Hals, und von ihnen umfangen schlief ich gegen
den<lb/>Morgen ein, um zu träumen - von der Geliebten,<lb/>wie ich sie in
der Nacht zum ersten Male in meinem<lb/>Herzen nannte - und lachen Sie nur
darüber! Ihr<lb/>alter Freund Josias nennt sie heut' noch so.<lb/>Am anderen
Tage kamen Gäste in das Haus<lb/>zur Jagd. Wir hatten eine fröhliche Woche.
Von<lb/>Dambow und von dem Grafen, von dem Fräulein<lb/>von Dambow, das der
Graf jetzt auch im Schießen<lb/>unterweise, und das er wohl dazu bestimme,
dereinst<lb/>als Amazone oder Fähnrich bei den rothen Ziethen-<lb/>Husaren
einzutreten, ward ein paar Mal im Ernst<lb/>-<lb/>s<lb/>s<lb/>F<lb/>und im
Scherz gesprochen, aber man spottete nicht<lb/>mehr darüber. Man hatte
wieder einmal vor den<lb/>feststehenden Thatsachen Front gemacht; und der
erste<lb/>Nachtreif schimmerte auf den Wiesen und glänzte an<lb/>den
Riesentannen des Ilsenburger Waldes, als ich<lb/>von Schönfelde kommend,
nach Ablauf der Vakanzzeit,<lb/>I<lb/>s<lb/>-<lb/>- P<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 08</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0116_113.tif" n="113"/>
<p>=- 11Z =-<lb/>in das Rechnuungszimmer unseres Herrn Zarenthin,
des<lb/>Gründers der Anstalt, eintrat, mich wieder bei
ihm<lb/>anzumelden!''<lb/>Josias erhob sich, als er so weit in seinen
Mit-<lb/>theilungen gekommen war.<lb/>,Wenn man in späten Jahren, wie ich
jetzt. vor<lb/>Ihnen, auf seine Vergangenheit zurückblickt,''
sagte<lb/>er,s,,so sind es eigentlich immer nur die Wendepunkte<lb/>in
unserem Dasein oder die großen Freuden und die<lb/>großen Schmerzen, die
sich uns wie die Berggipfel<lb/>aus der weiten Ferne am deutlichsten vor das
Auge<lb/>stellen, während die lange Reihe' der ruhigeren Tage,<lb/>in deren
stillem: Wechsel sich unsere Entwicklung all-<lb/>mälig vollzieht, gleich
den Thälern, die zwischen den<lb/>Bergen liegen, sich unserem Blick
verhüllen. Und<lb/>nach jenem Besuche in Schönfelde und Dambow<lb/>folgte
eine Reihe von Jahren für mich, von denen<lb/>ich Ihnen Nichts zu sagen
habe, was sich auf den<lb/>Roman meines Lebens bezieht. Vielleicht werden
Sie<lb/>des froh sein, denn ich bin kein Erzähler von Fach,<lb/>und mein
einsames Leben hat mich nicht dazu ver-<lb/>Fanny Lew ald,
Josias.<lb/>8<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0117_114.tif" n="114"/>
<p>-=- I1H --<lb/>- u-<lb/>anlaßt, von mir selbst zu sprechen, wie man's in
der<lb/>Familie gerne thut.-- Schreiben Sie es Ihrer Güte<lb/>zu, Madame,
wenn Ihre Freundschaft mir hier das<lb/>Herz erwärmt und aufschließt, wie
mir's nie zuvor<lb/>geschehen, und wollen Sie das Ende von dem
Liede<lb/>erfahren, so rufen Sie mich zu der Stunde, in welcher<lb/>es Ihnen
paßt!''<lb/>Wir wollten ihm danken, ihm aussprechen, mit -<lb/>welchem
Antheil wir ihm folgten, er wehrte es von<lb/>sich ab.<lb/>,Sie sind mir
gegenüüber immer die Gewährenden<lb/>gewesen, verehrte Freundin!'' versetzte
er. ,Mein<lb/>Leben wäre seit vielen Jahren seiner besten
Freude<lb/>beraubt, ohne Ihre und Ihres Gatten Freundschaft,<lb/>ohne den
Antheil, den sie mir an Ihrem Kinde, an-<lb/>Franull, gewährt, wie ich sie
so gerne nenne; und -<lb/>daß jetzt unter Ihrem Dache noch einmal meine
ganze<lb/>Jugend wie in einer tta Korgans vor mir auf-<lb/>ersteht -- wem
habe ich's zu danken als Ihnen,<lb/>unserer Franull, und Ihrer
Güte!''<lb/>awwwwgpwwwöeFKpwrr Knöegg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0118_115.tif" n="115"/>
<p>K<lb/>=- 11B---<lb/>Kchtes Kapitel.<lb/>Wie Josias nach der ersten
Unterbrechung seiner<lb/>Bekenntnisse mit der Fortsetzung derselben
gezögert,<lb/>so führte er diese jetzt schon am folgenden Tage
von<lb/>selbst herbei.<lb/>,Die Epoche, von der ich Ihnen, zunächst
zu<lb/>sprechen habe, war in der Welt eine ganz andere ge-<lb/>worden, als
jene, in welcher der große Friedrich seine<lb/>lezten Jahre verlebt hatte.
Der amerikanische Frei-<lb/>heitskrieg, dessen Wogen bis nach Europa
hinübep-<lb/>flutheten, hatte Preußen und vollends uns in den<lb/>stillen
Gefilden des märkischen Landes nicht berührt,<lb/>aber mit der französischen
Revolution war es anders;<lb/>und abgesehen davon, war der
preußisch-holländische<lb/>Krieg, den König Friedrich Wilhelm l. im
Interesse<lb/>seiner Schwester und damit seines Hauses unter-<lb/>nommen,
überall bei uns im Lande fühlbar geworden.<lb/>Auch der Reiseplan, den mein
Vater für mich ent-<lb/>worfen, hatte eine Aenderung dadurch erfahren
müssen.<lb/>Er war auf zwei Jahre angelegt gewesen. Mit meinem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0119_116.tif" n="116"/>
<p>-- 11 ß=-<lb/>zweiundzwanzigsten Jahre war meine Lehrzeit in Ilsen-<lb/>burg
beendet; dann sollte ich, wie man es damals<lb/>nannte, die große Tour
machen, das heißt Frankreich,<lb/>England, Holland und Jtalien bereisen, um
zur Zeit<lb/>s<lb/>meiner Volljährigkeit, mit vierundzwanzig Jahren,
in<lb/>das Vaterhaus zurückzukehren und dem Vater so weit<lb/>zur Hand
gehen, daß es ihm möglich wurde, die<lb/>Winter theilweise in der Residenz
zu verleben, wie<lb/>meine Mutter es sich wünschte.<lb/>Von der Reise nach
Frankreich mußte abgesehen<lb/>werden, da die Revolution es durchtobte, und
der<lb/>Feldzug der Koalition gegen die Feinde der franzö-<lb/>sischen
Monarchie es für einen Preußen obenein un-<lb/>möglich machte, sich dorthin
zu begeben. So durch-<lb/>reiste ich Holland, England, Schottland, ging auf
einem<lb/>englischen Schiffe nach Jtalien und war heimkehrend<lb/>bis nach
Genua gekommen, als mich, wenige Monate<lb/>vor der Vollendung meines
vierundzwanzigsten Jahres,<lb/>in Genua die Nachricht erreichte, daß mein
Vater<lb/>hoffnungslos darnieder liez Ein unglücklicher Zu-<lb/>fall hatte
sein Pferd im Walde scheu gemacht. Die<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0120_117.tif" n="117"/>
<p>ggur -<lb/>-- 1? --<lb/>sonst so sichere Hand des Reiters hatte es nicht
zu<lb/>bändigen vermocht. Er war von dem durchgehenden<lb/>Thiere gegen
einen der riesigen Eichenbäume geschleudert<lb/>worden, die Kinnlade war
zerschmettert, er hatte eine<lb/>schwere Gehirnerschütterung davongetragen,
und sein<lb/>Zustand war der Art, daß man sein Fortleben nicht<lb/>wünschen
durfte.<lb/>Es war meine treue Mutter, die mir das Un-<lb/>glück selber
meldete. Der Brief war sechs Wochen<lb/>alt, als ich ihn erhielt; und wie
sehr ich auch eilte,<lb/>die Heimath zu erreichen, so deckte das Grab
schon<lb/>lange die Hülle meines Vaters. - Ich hatte noch<lb/>fünf Wochen
vor mir bis zur Vollendung meiner<lb/>Minderjährigkeit.- Der Graf, wie er
mein Pathe<lb/>gewesen, war mit seiner Bewilligung von meinem<lb/>Vater, als
dieser dereinst sein Testament gemacht,<lb/>auch zu meinem Vormunde ernannt
worden. Die<lb/>nahe Nachbarschaft, die Freundschaft, welche die
beiden<lb/>Männer verbunden, hatte diese Einrichtung zu einer<lb/>sehr
wünschenswerthen gemacht, und meine Mutter<lb/>konnte es nicht genug rühmen,
wie sich der Graf ihr<lb/>. - -. - LoKH<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0121_118.tif" n="118"/>
<p>-- j Z-<lb/>bewährt in dem Unglück, das uns betroffen hatte.<lb/>Mein Vater
hatte sein dreiundfünfzigstes Jahr noch<lb/>nicht vollendet, meine Mutter
war in der Mitte der<lb/>Vierziger --- die Silberhochzeit meiner Eltern,
auf<lb/>die unser Auge stets mit freudiger Hoffnung gerichtet<lb/>gewesen
war-- sie hatten sie nicht erreicht. Ich<lb/>schweige von dem, was Sie sich
selber denken können,<lb/>von meinem Empfinden bei dem Wiedersehen
der,<lb/>Mutter! Meines Vaters Grab hatte man auf dem<lb/>französischen
Kirchhof in Berlin gegraben.<lb/>Was sich während der zwei Jahre meiner
Ab-<lb/>wesenheit in Dambow zugetragen, hatte ich durch die<lb/>Briefe
meiner Eltern erfahren, es war mir also nichts<lb/>Neues mehr. Der Graf war,
sich selber treu, nicht<lb/>auf halbem Wege stehen geblieben. Es war
gekommen,<lb/>wie man es schon zu der Zeit vorausgesehen, in welcher<lb/>ich
die Heimath verlassen. Gleich im Beginn jenes<lb/>Herbstes war das alte
Herrenhaus im oberen Ende<lb/>der Breiten Straße, nahe der Ritterakademie,
wieder<lb/>eröffnet worden, das die Dubimin besessen schon in<lb/>den Tagen
des großen Kurfürsten. Es hatte ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0122_119.tif" n="119"/>
<p>i<lb/>=w<lb/>-- 19 --<lb/>schlossen dagestanden, seit der Graf seine Frau
daraus<lb/>verwiesen. Nun war es neu hergerichtet worden. Der<lb/>Graf hatte
es mit seiner Tochter den Winter hindurch<lb/>bewohnt, überall in den
Konzerten und Theatern hatte<lb/>man sie an seiner Seite gesehen. Er hatte
seine alten<lb/>Verbindungen aufgenommen, war auf, das Verbind-<lb/>lichste
empfangen, und die Herren-Mittagbrode und<lb/>die gelegentlichen
Spielpartien in seinem Hause waren<lb/>mit Vergnügen besucht worden. Einige
alte Freun-<lb/>dinnen von ihm hatten sich allmälig auch zu dem<lb/>Boston
und lorbrs eingefunden. Erst gegen Ostern<lb/>war er nach Dambow
zurückgekehrt, und damals hatte<lb/>man erfahren, daß er - seinem Gewissen
und der<lb/>Ehre seiner Tochter zu genügen -- diese gerichtlich
-<lb/>anerkannt habe. Es ward hinzugesett, daß er diesen<lb/>Schritt mit
ausdrücklicher Zustimmung des Landes-<lb/>herrn gethan, der, wie der Graf
selber, den Namen<lb/>derer von Dubimin erhalten zu sehen gewünscht,
weil<lb/>sie eins der ältesten wendischen Geschlechter in den<lb/>Marken
waren. - Damit stand es denn natürlich<lb/>nun auch fest, daß die Gräfin
Franziska, wenn sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0123_120.tif" n="120"/>
<p>-- 1Z--<lb/>sich verheirathen würde, ihren Familiennamen dem<lb/>Namen ihres
künftigen Gatten beizufügen und auf<lb/>die Kinder zu übertragen haben
werde, die man für<lb/>das Fortbestehen des Geschlechtes von ihr
erwünschte.<lb/>Neberrascht hatte mich die Nachricht nicht, als<lb/>ich sie
in Palermo erhalten, und die überwältigende<lb/>Fülle der rasch wechselnden
neuen Eindrücke hatte sie -<lb/>mich leicht nehmen machen, denn es war ja
schon<lb/>früher die Rede davon gewesen. Als ich jedoch später<lb/>darauf
zurückkam, that Franull mir leid wie ein ein-<lb/>gefangener Vogel, während
ich mir doch sagen mußte,<lb/>welch ein großes Glick es für sie sei, durch
ihres<lb/>-<lb/>Vaters Liebe und Gerechtigkeit aus der falschen,
recht-<lb/>losen Stellung befreit worden zu sein, in der sie bis<lb/>dahin
gelebt hatte. Aber mit dem fröhlich jubelnden<lb/>Flattern, das sah ich ein,
mit dem sie mir bei dem<lb/>letzten Beisammensein die frischen Arme um den
Hals<lb/>geschlungen, mit dem war es freilich nun ein für<lb/>allemal vorbei
- und sie war bezaubernd gewesen!<lb/>Das stand fest, das konnte ich nicht
vergessen; selbst<lb/>nicht, als ich schweren Herzens in meinen
Trauer-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0124_121.tif" n="121"/>
<p>?<lb/>- M21--<lb/>kleidern zum ersten Mal nach meiner Rückkehr
nach<lb/>Dambow hinüberritt. Unwillkürlich fragte ich mich,<lb/>inmitten all
der Gedanken an die Pflichten, die mir<lb/>jetzt oblagen, mitten in dem
Erwägen der zunächst<lb/>mit dem Grafen abzuthuenden Geschäfte: wie
wird<lb/>Franull geworden sein? wie werde ich sie
wieder-<lb/>finden?<lb/>Als man mich bei dem Grafen angemeldet
hatte,<lb/>kam er mir bis an die Thüre seines Arbeitszimmers<lb/>entgegen. -
Ich war kein Schwächling, ich hatte feste<lb/>Nerven, dennoch traten die
Thränen mir in die Augen,<lb/>als der Graf mich umarmte und küßte. Er hatte
das<lb/>nie zuvor gethan, und es that mir wohl.<lb/>,Fasse Dich, mein junger
Freund !'' sprach er,<lb/>und auch mit dieser Anrede hatte er mich nie
zuvor<lb/>begrüßt.,Fasse Dich! Du darfst mit ruhigem Ge-<lb/>wissen an
Deinen Vater denken. Er hat Dich immer<lb/>einen guten, gehorsamen Sohn
geheißen! und es gibt<lb/>ja auch kein festeres Band, als das der Eltern
und<lb/>der Kindesliebe. Es ist eine Naturbestimmtheit und<lb/>bindend wie
jedes Naturgesetz. Halte sie darum heilig,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0125_122.tif" n="122"/>
<p>-- 1L!--<lb/>die beiden kostbaren Vermächtnisse! die kostbarsten<lb/>Güter,
die er Dir hinterlassen; seine treue Lebens-<lb/>gefährtin, Deine Mutter,
und den alten, guten Namen,<lb/>den er noch höher gehoben - Deinen Namen,
und<lb/>seine und Deine Ehre!<lb/>,Man lehrt uns in der Jugend: was hülfe
es<lb/>dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und<lb/>nähme doch Schaden
an seiner Seele; und im Leben,<lb/>mein lieber Josias, heißt es: was hülfe
es dem<lb/>Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme<lb/>Schaden an
seiner Ehre! oder was kann der Mensch<lb/>geben, daß er seine Ehre wieder
löse! -- Und ich<lb/>sage Dir: Alles muß der Mensch geben, Alles muß<lb/>er
daran setzen, daß er seine Ehre wieder löse! Aber<lb/>es ist nichts Kleines,
wenn man dazu gedrängt wird !<lb/>-- Darum lebe mit Bedacht. Sei Herr über
Dich,<lb/>sei Dir ein strenger Richter und laß den Augenblick<lb/>nicht Herr
werden über Dich, denn er bindet Dich<lb/>durch das, was Du ihm
zugestanden!-- Beherzige<lb/>das und mache Dir das Leben leicht !''<lb/>Er
drückte mir die Hand bei diesen Worten und<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0126_123.tif" n="123"/>
<p><lb/>-- 1J --<lb/>brach plötzlich ab. Ich fühlte, wie er großherzig
und<lb/>freimüthig mir mit seinen persönlichen Erfahrungen<lb/>zu Hilfe zu
kommen, wie er mir einen festen<lb/>Halt zu geben gewünscht, nun ich auf
mich selbst<lb/>angewiesen, des Rathes und der Führung zu ent-<lb/>behren
hatte, die mir bis dahin von meinem Vater<lb/>gekommen waren. Ich dankte ihm
aus vollem<lb/>Herzen.<lb/>«<lb/>,, Und nun laß uns von Geschäften reden,'
sprach<lb/>er, während er sich in den großen, alten Ledersessel-<lb/>vor
seinem Schreibtisch niederließ und mich anwies,<lb/>ihm gegenüber Plat zu
nehmen.,Wir wollen gleich<lb/>in den nächsten Tagen abthun, was uns obliegt,
damit<lb/>Du die Hand bald, wenn auch nicht an das Steuer,<lb/>so doch an
den Pflug auf den Feldern legen kannst,<lb/>welche nun die Deinen sind. Ist
Madame Courville<lb/>dazu bereit, so fahren wir morgen in der Frühe
nach<lb/>Berlin, da Dein Vater dort sein Testament hinter-<lb/>legt hat. Das
Nebrige wird sich leicht abwickeln lassen<lb/>in den paar Wochen, während
denen Du noch unter<lb/>meiner Vormundschaft stehst; und heute, Herr
Nachbar!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0127_124.tif" n="124"/>
<p>-- 1F4--<lb/>sei mir wieder einmal ein willkommener Tischgast nach<lb/>so
langer Zeit.<lb/>Er stand auuf und zog die Glocke. ,Herr Cour-<lb/>ville
wird mit uns speisen !'' bedeutete er dem ein-<lb/>tretenden Diener, ,und
sag' Er der Comtesse, ich lasse<lb/>sie ersuchen, zu mir zu kommen, Herr
Courville von<lb/>Schönfelde sei zurückgekehrt.?<lb/>Mir war sonderbar zu
Muthe. Alles, was mich<lb/>umgab, war mir vertraut und berührte mich doch
wie<lb/>ein Fremdes. Der Graf, der während meiner Ab-<lb/>wesenheit in die
Sechsziger getreten, war noch immer<lb/>dieselbe mächtige Gestalt, die
frühere heroische Er-<lb/>scheinung. Das Roth der Gesundheit färbte
sein<lb/>Antlitz noch, und er sah schöner aus als vordem,<lb/>denn der
düstere Schatten, der sonst auf seiner Stirn<lb/>gelagert, die harten Züge
um den stolzen, starklippigen<lb/>Mund, der finstere Blick seiner Auugen,
vor denen ich<lb/>Scheu getragen in meiner Kindheit, das Alles
hatte<lb/>sich gemildert; und wie er mich scherzend seinen Herrn<lb/>Nachbar
genannt, hatte er trotz seines in den beiden<lb/>Jahren völlig ergrauuten
Haares vortrefflich ausgesehen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0128_125.tif" n="125"/>
<p>- 12 --<lb/>Aber war es, daß seine Frische mich doppelt<lb/>schmerzlich an
den Verlust meines Vaters gemahnt,<lb/>der jünger gewesen war als der Graf,
war es der<lb/>gallonirte Diener in des Grafen Farben oder der<lb/>Befehl,
die Comtesse herbei zu rufen- es fiel mir<lb/>Etwas schwer auf's Herz, und
ich fühlte mich unfrei,<lb/>als im nächsten Augenblick Comtesse Franziska
vor<lb/>mir stand und nicht näher an mich herantrat. -<lb/>Ja! es war
Comtesse Franziska! sie durfte nicht mehr<lb/>Franull sein, nicht mehr die
Franull, die ich im<lb/>Herzen getragen, überall mit mir hin! über.
Berg<lb/>und Thal!<lb/>Ich erschrak vor der Deutlichkeit, mit der ich
mir<lb/>dessen bewußt ward, aber der Graf sollte mir seine<lb/>Mahnung nicht
vergeblich an das Herz gelegt haben!<lb/>Es galt, Herr zu bleiben über sich
in dem gegebenen<lb/>Augenblick.<lb/>, Kennen Sie mich nicht mehr, gnädige
Comtesse?<lb/>fragte ich, ihr entgegengehend, mit einer, wie ich
hoffte,<lb/>gut gespielten Unbefangenheit.<lb/>,Doch !'' entgegnete sie,
sich mir nahend, um mir<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0129_126.tif" n="126"/>
<p>=- PFs -<lb/>die Hand zu reichen, die ich an meine Lippen zeg,<lb/>,,doch,
Herr Courville! seien Sie willkommen !''--<lb/>Und nicht das leiseste Zucken
ihrer Hand begegnete<lb/>meiner Huldigung. Indeß die Thränen traten
ihr<lb/>in die Aiigen, und während sie mir die kleine Hand<lb/>entzog, sagte
sie:,Sie haben mir so leid gethan!<lb/>Seinen Vater zu verlieren! --- Ich
kann's nicht<lb/>sagen !''<lb/>Der Graf strich ihr leise über das goldige
Haar,<lb/>sie hob die thränenschweren, schwarzen Augen zu ihm<lb/>empor. Es
war doch Franull! Trotz des seidenen,<lb/>modisch aufgeputten Kleides, trotz
des Chignons, in<lb/>das man ihr schönes Haar zusammen gebunden,
und<lb/>trot der Stelzenschuhe, welche die schnell empor-<lb/>gewachsene,
sich füllende Gestalt noch ansehnlicher<lb/>erscheinen machten, als sie
bereits geworden war.-<lb/>,Keine Thränen, Franziska! was sollen
die?<lb/>tadelte der Graf. ,Herr Courville findet leider der<lb/>Trauer jett
genug in seinem Hause. Er hat Freude<lb/>nöthig. Heiße ihn heiter
willkommen. Du weißt,<lb/>ein Soldatenkind wie Du, darf nicht
thränenselig,<lb/><lb/>s<lb/>s - waggg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0130_127.tif" n="127"/>
<p>s<lb/><lb/><lb/>=- 1F? -<lb/>muß tapfer sein!-- Komm, laß uns
vorangehen!<lb/>Herr Courville wird uns folgen! Er hat ein groß<lb/>Stlck
Welt gesehen, er wird uns Vieles zu erzählen<lb/>haben! Komm, Josias ! Du
kennst den Weg !'<lb/>Ja! ich kannte ihn, den Weg, den ich hier
fortan<lb/>znu gehen hatte, der Graf hatte ihn mir in ehrendem<lb/>Vertrauen
vorgezeichnet mit fester Hand. - Ich saß<lb/>Franull gegenüber, der Graf,
Madame Fleuron, der<lb/>Kandidat erwiesen mir lebhaften Antheil. -Ich
sollte<lb/>berichten von London und von Rom, von der Fingals-<lb/>höhle und
vom Vesuv; und ich erzählte und erzählte,<lb/>und Franull hörte mir achtsam
zu, hier und da meine<lb/>Worte mit einer Frage unterbrechend, und wenn
sie<lb/>dabei ihr Auge auf mich richtete, fragte ich mich: wie<lb/>soll ich
ihn gehen, den Weg, der allein mir offen<lb/>steht, unter dem Lichte dieser
Augen? wie soll ich<lb/>schweigen, wenn die süßen Lippen und der holde
Blick<lb/>mich zu fragen scheinen: bin ich denn nicht mehr ich?<lb/>und Du
nicht mehr Josias? -<lb/>Ich durfte mich nicht versenken in ihr
Anschauen!<lb/>mich nicht anrufen! Wie ein Schlafwandler kam ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0131_128.tif" n="128"/>
<p>-=-- 1I8 --<lb/>durch den Abend hin. -- Hellsehend geworden, langte<lb/>ich
in Schönfelde in meinem Hauuse an.<lb/>Mein Haus! mein Gut! Mitten in
meiner<lb/>Trauer um den Vater, mitten in der Liebesschwär-<lb/>merei
bemächtigte sich meiner eine Empfindung, die<lb/>ich nie gekannt: die Freude
an dem eigenen Grund<lb/>und Boden, am Besitz. Ich schämte mich ihrer,
denn<lb/>sie erwuchs auf meines Vaters Grab, und ich konnte<lb/>sie doch
nicht unterdrücken, verdankte ich sie doch ihm<lb/>und der Vergangenheit
unseres Geschlechtes. Mein<lb/>Vater hatte sie gefühlt wie ich, und sie
erhob mich,<lb/>diese Freude. Es lag so würdig vor mir, unser,<lb/>mein
schönes Haus, wie es, vom Mondlicht übergossen,<lb/>aus dem dichten Laub
unserer Ulmen hervorschimmerte,<lb/>als ich es spät genug erreichte. - Das
Licht aus meiner<lb/>Mutter Fenstern winkte mir so freundlich; die
weißen<lb/>monddurchglänzten Wölkchen, denen mein Auge so<lb/>gern gefolgt
war in den Tagen meiner Kindheit,<lb/>zogen jetzt wie damals lind und leise
darüber hin -<lb/>und wie von meines Vaters klarer Stimme
gesprochen,<lb/>hörte ich wie an jenem längst entschwundenen Tage<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0132_129.tif" n="129"/>
<p>i<lb/>=-- hZß--<lb/>die Worte in mir erklingen: Franull Wizkowich,
das<lb/>Fräulein von Dambow, die Comtesse Dubimin gehört<lb/>nicht in das
makellose Bürgerhaus der Courville von<lb/>Schönfelde.- Sie! die die Zier
und Krone jedes<lb/>Hauses!<lb/>Ich zuckte davon zusammen. »Fs konnte
ehen<lb/>nicht sein! und es gab doch noch ein Anderes als -<lb/>Liebesglück!
Es gab die Axbeit, die Erfüllung der<lb/>Pflichten, welche der Besiy mir
auferlegte. Ich hatte<lb/>meiner Mutter ihre Liebe zu vergelten, sie so
glücklich<lb/>zu machen, als sie es ohne meinen Vater sein konnte.<lb/>Auch
die Plane des Grafen durfte ich nicht durch-<lb/>kreuzen. Er war meines
Vaters Freund gewesen,<lb/>hatte sich großsinnig mir zum Freunde
angeboten.<lb/>Ich hatte den schwer errungenen Frieden seines
Herzens,<lb/>das schwer erkämpfte Gllck seines Lebensabends, und<lb/>vor
Allem hatte ich die Herzensruhe seiner Tochter<lb/>zu ehren, auf welcher all
seine Hoffnungen beruhten.<lb/>Meine Liebesträume mußten weichen; der Tag
der<lb/>Arbeit war gekommen. Ich hatte einzustehen und<lb/>Af
---<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0133_130.tif" n="130"/>
<p>-=- 1Zß-<lb/>Festen Willens trat ich in der Mutter Zimmer.<lb/>Ich hatte es
sie vergessen zu machen, daß wir nicht<lb/>mehr zuDreien einander gegenüber
saßen. Ich ging leicht<lb/>über den Besuch in Dambow hinweg, ich hielt
mich<lb/>an das dort geschäftlich Verhandelte. Ich erlangte ,<lb/>es, daß
wir am nächsten Tage zur Eröffnung des<lb/>Testamentes uns nach Berlin
begaben. Ich wollte<lb/>zur Vollendung der Ernte in Schönfelde sein.
Den<lb/>Leuten sollte, trot des Todes ihres bisherigen Herrn,<lb/>ihr
Erntefest nicht fehlen, ich hatte zu zeigen, daß<lb/>ich seines Sinnes sei.
Auf meine Veranlassung hatte<lb/>er einen neuerfundenen Pflug aus England
kommen<lb/>lassen; ich wollte die ersten Furchen mit ihm ziehen<lb/>mit
eigener Hand. Wie die ersten Courvilles die Maul-<lb/>beeren nach Schönfelde
gebracht, so wollte ich's ver-<lb/>suchen mit dem Mais und manchem Anderen
noch.<lb/>Ich redete mich an dem Abende immer zuversichtlicher<lb/>in meine
Seelenruhe und Charakterfestigkeit hinein,<lb/>die Zufriedenheit meiner
Mutter machte mich immer<lb/>heiterer. Mein neuer guter Wille wirkte auf
mich<lb/>wie neuer Wein. Er stieg mir zu Kopfe. Ich be-<lb/></p>
</div4>
</div3>                                                                                       
<div3 type="chapter">                                                                          
<head>Kapitel 09</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0134_131.tif" n="131"/>
<p>--- 1Z!--<lb/>rauschte mich an mir selbst; und sehr mit mir zu-<lb/>frieden,
schlief ich an dem Abend ein, um wieder-<lb/>einmal zu träumen von Franull,
der schönen Comtesse<lb/>von Dubimin.''<lb/>Josias lächelte bei diesem
Schlusse.-,Weiter!<lb/>weiter,' riefen meine Mutter und ich, denn er
machte<lb/>uns mit erleben, was er uns erzählt. Er aber wehrte<lb/>uns ab
mit sachter Handbewegung.<lb/>,Gemach, gemach, Madame!'' sprach er.
,Ver-<lb/>leiten Sie einen alten Mann, der sich schon genugsam<lb/>selbst
bespiegelt, nicht dazu, sich auch im Alter noch<lb/>an sich selber zu
berauschen. Es war genug an jenem<lb/>einen Male.'<lb/>,Aber Josias!'' stieß
ich hervor, ,es ist ja Poesie,<lb/>ein Roman, den Du uns hier erzählt - und
Du bist<lb/>ein Dichter.?<lb/>,Mein Kind !' bedeutete er mich, ,die
Jugend<lb/>und die Liebe sind an sich die wahre Poesie, nur daß<lb/>wir's
oft erst inne werden, wenn sie entschwunden<lb/>sind, wenn wir sinnend an
der sanften Herrlichkeit<lb/>des Alpenglühens es erkennen, wie hell die
Sonne<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0135_132.tif" n="132"/>
<p>b=- hZF--<lb/>auch uns dereinst geleuchtet. Wer wahrhaft ge-<lb/>liebt hat,
hat sein Theil dahin! - Doch nun zum<lb/>Schluß!'<lb/>Meuntes
Kapitel.<lb/>Alle unsere Verhältnisse waren von meinem<lb/>Vater auf das
Sorgfältigste geordnet. Wir waren<lb/>reiche Leute. Es haftete keine Schuld
auf meinem<lb/>Gute, außer dem eingebrachten Vermögen meiner<lb/>Mutter, das
ich ihr zu verzinsen hatte. Als das<lb/>Ende des August und mit ihm meine
Mündigkeit ges<lb/>kommen war, legte der Graf mein Vermögen in<lb/>meine
Hände, und ich konnte nach eigenem Ermessen<lb/>vorwärts gehen. Die Ernte
war sehr reich aus-<lb/>gefallen, ich hatte mit einem eigenen Boten
einen<lb/>Erntekranz nach Berlin auf meines Vaters Grab<lb/>geschickt,
geflochten aus den Aehren, zu denen er noch<lb/>die Saaten streuen ließ; und
der Erntetanz und<lb/>das Erntebier hatte unseren Leuten nicht
gefehlt.<lb/>, »e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0136_133.tif" n="133"/>
<p><lb/>b.<lb/>= 1ZZ -<lb/>Mit dem Beginn des Herbstes gab es mehr und<lb/>mehr
für mich zu thun. Die Bestellung der Felder,<lb/>der Forst nahmen mich in
Anspruch. Ich hatte die<lb/>beiden letzten Jahre nur mir selbst und dem
Genuß<lb/>gelebt, ich fand jetzt in der Arbeit fast größere
Be-<lb/>friedigung, als in dem Reiseleben; und betraf ich<lb/>mich darauf,
daß ich nach einem Vorwand suchte, der<lb/>mich nach Dambow führen konnte,
so wies ich ihn<lb/>zurück. Neben meinen anderen Beschäftigungen
spielte<lb/>ich Komödie mit mir selbst, und betrog, wie ich mußte,<lb/>mich
mit tugendhafter Lüge.<lb/>Sah ich doch an jedem Sonntag in der
Kirche,<lb/>wie Franull sich immer strahlender entwickelte! Konnte<lb/>ich
sie doch ungestört beobachten, wenn sie die Blicke<lb/>niedersenkte in das
Gesangbuch, wenn ihre Augen sich<lb/>auf den Pfarrer richteten; aber wenn
sie sie erhob,<lb/>wenn sie mich streiften - ach, nicht wie eine
Heilige<lb/>sah sie aus - sie war mit ihrem goldgelockten Haar<lb/>die
strahlende, farbenprächtige Aurora, die auf den<lb/>Bildern der alten
Meister mich entzückt - die Aurora,<lb/>die dem Sonnengott voranzieht, das
glorreiche Licht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0137_134.tif" n="134"/>
<p>- 1I -<lb/>des Tages zu verkünden. Mit meiner Andacht freilich<lb/>war es
schlecht bestellt.<lb/>Wir sprachen den Grafen und seine Tochter
nach<lb/>wie vor an jedem Sonntag nach dem Gottesdienste,<lb/>und da Franull
immer mehr zuur Dame werdend, an<lb/>sicherer Haltung gewann, wurde ganz von
selbst unser<lb/>Verkehr einfach und natürlich. Ich freute mich
dessen;<lb/>denn was sollte daraus werden, wenn sie und ich es<lb/>einander
gegenüber nicht vergessen konnten, daßsie einmal<lb/>ein Kind gewesen war,
wenn ich es überhaupt nicht lernte<lb/>zu vergessen, wenn ich dem Grafen
meine Liebe für die<lb/>Comtesse verrieth und ihn damit nöthigte, mir
den<lb/>Zutritt zu ihr zu versagen? - Aber mit aller meiner<lb/>Weisheit und
Vernunft stand ich dabei doch immer<lb/>auf dem alten Fleck! Ich liebte die
Comtesse. Ich<lb/>liebte die Jungfrau mit Leidenschaft, die ich als
ein<lb/>Kind geliebt; jedoch des Grafen Mahnung hatte ich<lb/>nicht
vergessen. Ich wwar Herr über mich geworden,<lb/>und ich blieb es bis auf
die eine letzte Stunde.<lb/>Kaum ein Monat verging, in welchem ich
nicht<lb/>ein oder zwei Mal nach Dambow kam und immer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0138_135.tif" n="135"/>
<p>i<lb/>!<lb/><lb/>fand ich<lb/>Berliner<lb/>adel, der<lb/>b= 1ZH--<lb/>Gäste
dort. Sie gehörten meistens den<lb/>Adelskreisen an; denn der märkische
Land-<lb/>immer sehr ausschließlich gewesen, war dies<lb/>seit dem Ausbruch
der französischen Revolution nur<lb/>noch mehr geworden, und der Graf hatte
sich dem-<lb/>selben nicht genähert, weil er sich der Möglichkeit<lb/>nicht
aussetzen durfte, seine Tochter nicht nach seinen<lb/>Wünschen aufgenommen
zu finden. Es sah ja am<lb/>Ende des vorigen Jahrhunderts ganz anders bei
uns<lb/>aus als jetzt, weil sich gleich nach den Freiheitskriegen<lb/>bei
uns viel geändert,<lb/>einander in Reih und<lb/>in denen alle Stände
unter-<lb/>Glied für das Vaterland ge-<lb/>fochten, in denen
der<lb/>Bürgerhause, der Sohn<lb/>verwundete Grafensohn im<lb/>des
Handwerkers seine Pflege<lb/>gefunden hatte von der Fürstentöchter
Händen!<lb/>Der Graf hatte, seit er die Tochter anerkannt,<lb/>sich an eine
bestimmte Jahreseintheilung für seine<lb/>Lebensweise gewöhnt. Im Frühjahr
besuchte er das<lb/>Karlsbad, im Winter verlebte er während der
Gesell-<lb/>schaftszeit zwei Monate in Berlin, und die Tochter<lb/>und
Madame Fleuron waren dabei seine beständigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0139_136.tif" n="136"/>
<p>-- 1ZG--<lb/>Begleiter. Die Comtesse müsse Uusagge äu monäe<lb/>gewinnen,
sagte der Graf. Madame Fleuron, die<lb/>mit meiner Mutter eng befreundet
war, gab zu ver-<lb/>stehen, daß er sie natürlich zeitig zu verheirathen
denke,<lb/>damit sie nicht allein stehe in der Welt, wenn er<lb/>früher oder
später abgerufen werden sollte, In ihren<lb/>Verhältnissen konnte sie ja
auch eines Beschützers<lb/>und Haltes weniger entrathen, als jedes
andere<lb/>Mädchen.<lb/>, Und hat der Graf einen bestimmten Gatten<lb/>für
sie im Auge?'' fragte einmal meine Mutter.<lb/>Madame Fleuron entgegnete,
sie wisse das nicht,<lb/>aber sie glaube, daß eine entfernte Verwandte
des<lb/>Grafen, an die Comtesse für einen ihrer Söhne<lb/>denke.<lb/>,Was
hilft das Denken der Mutter,'' sprach die<lb/>meine, ,wenn Gott nicht die
Herzen der Kinder lenkt!''<lb/>----- und ich hatte keine Mühe zu verstehen,
was sie<lb/>damit meinte. Ich hatte es abgelehnt, eine meiner<lb/>Cousinen
zu heirathen, die Tochter des Rechnungss<lb/>rathes, in dessen Hause ich
dereinst gelebt; und ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0140_137.tif" n="137"/>
<p>!<lb/>-- PZ? -<lb/>mußte lächeln, als Madame Fleuron tröstend
vec-<lb/>sicherte, was nicht geschehen sei, könne deßhalb doch<lb/>immer
werden, und der rechte Augenblick erfülle oft<lb/>plötzlich, was man
vergebens lang erwartet!- Nun,<lb/>er ist nicht gekommen dieser Augenblick
für mich; aber<lb/>für<lb/>zur<lb/>und<lb/>die Verwandte des Grafen, welche
sich Franuull<lb/>Schwiegertochter ausersehen, kam der Augenblick,<lb/>wir
kannten diese Verwandte bereits, sowie<lb/>den Sohn, für den sie um die
schöne reiche Erbin<lb/>warb.<lb/>Schon bei meiner Heimkehr von der. Reise
hatte<lb/>die Baronin v. Klothen einmal in Dambow ges<lb/>troffen. Sie war
älter als meine Mutter, dem<lb/>Grafen irgendwie aber sehr entfernt
verschwägert,<lb/>eine Frau von sanfter, vornehmer Haltung, mit
klugen<lb/>Augen und freundlichem Ton in der Sprache. Ver-<lb/>mögend von
Hause her, hatte sie einen Herrn<lb/>v. Klothen geheirathet, der
Hofmarschall eines der<lb/>Prinzen, und ein schöner Lebemann gewesen
war.<lb/>Er hatte das Vermögen der Frau verspielt, war zeitig<lb/>gestorben
und hatte die Baronin mit ihren drei Söhnen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0141_138.tif" n="138"/>
<p>-=- 1 ZF--<lb/>in beschränktesten Verhältnissen zurickgelassen. Mit<lb/>dem
Beistand, welchen der Hof ihr gewährt, hatte sie<lb/>ihre Söhne zu braven
Männern erzogen. Des Vaters<lb/>Beispiel hatte ihnen zu einer heilsamen
Lehre gedient.<lb/>Die beiden Jüngeren waren im Militär, der
Aelteste,<lb/>Baron Hans v. Klothen, der viel Sprachtalent besaß<lb/>und
sich eine allgemeine Bildung angeeignet hatte,<lb/>wurde im Ministerium des
Auswärtigen beschäftigt.<lb/>Er war ein paar Jahre älter als ich und ein
schöner<lb/>Mann.<lb/>Die Baronin kam allmälig häufiger zum Besuch<lb/>nach
Dambow und verweilte bei jeder Rückkehr länger.<lb/>Sie war von zarter
Gesundheit, versicherte, die Ruhe<lb/>thue ihr so wohl, und da sie sich
anspruchslos erwies,<lb/>war sie dem Grafen eine angenehme Gesellschaft,
ein<lb/>gutes Vorbild für Franziska, die sich bald an sie ge-<lb/>wöhnte,
weil die Baronin sich ihr mit Vorliehe ge-<lb/>fällig zeigte. Es währte denn
auch nicht lange, bis<lb/>man in der Pfarre davon sprach, Madame
Fleuron<lb/>denke daran, in ihre Heimath nach der Schweiz zurück<lb/>zu
kehren, und die Baronin werde sie ersetzen, weil<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0142_139.tif" n="139"/>
<p><lb/>--- 1Zß-<lb/>der Graf eine Dame neben ihr haben müsse, die
hof-<lb/>fähig sei und seine Tochter an den Hof begleiten<lb/>könne. Im
Rentamte zu Banwitz und in der übrigen<lb/>Nachbarschaft ging das Gerücht,
der Graf werde sich<lb/>mit der Baronin verheirathen. Seit ich zum
ersten<lb/>Mal den schönen Baron Hans neben Franull ges<lb/>sehen hatte,
wußte ich, was ich davon zu halten hatte;<lb/>und es war das ja auch völlig
in der Ordnung, es<lb/>mußte so, es konnte gar nicht anders sein! Ob
sie<lb/>Baron Hans oder einen anderen Edelmann zum<lb/>Gatten nahm -
erleben, erleiden mußte ich es<lb/>doch einmal.<lb/>Die Thatsache, daß
Madame Fleuron entlassen<lb/>wurde, ergab sich bald als richtig. Im zweiten
Früh-<lb/>jahr nach meiner Nebernahme von Schönfelde, als<lb/>wieder die
Badereise nach Karlsbad vor der Thüre<lb/>stand, fuhr an einem Nachmittage
der gräfliche Wagen<lb/>bei uns vor. Der Diener meldete die Frau
Baronin,<lb/>Madame Fleuron und die Comtesse von Dubimin.<lb/>Was hatte das
zu bedeuten?- Die Baronin<lb/>war nie zuvor in unserem Hause gewesen,
Franull<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0143_140.tif" n="140"/>
<p>-=- j gßs -<lb/>hatte es seit lange nicht mehr betreten, der Graf
war<lb/>stets allein gekommen, und ich hatte mir das zu deuten<lb/>gewußt,
denn sie hatte es nie hehl gehabt, daß sie<lb/>Vorliebe füür mich hegte, und
er kannte ihre Natur,<lb/>unnd<lb/>ihn<lb/>behandelte sie danach.<lb/>Die
ganze Liebe, welche das arme Kroatenkind fitr<lb/>gehegt, hatte es mit
seinem Blute auf die Tochter<lb/>vererbt, die bei ihrem frühreifen und
scharfen Verstande<lb/>nebenher klar einsah, was sie der Zärtlichkeit ihes
Vaters<lb/>verdankte. Er durfte sicher sein, Alles von ihr zu
er-<lb/>erlangen, wenn er sie nicht durch Strenge an die<lb/>Willenskraft
erinnerte, die sie ebenso geerbt hatte von<lb/>ihm, mit dem stolzen Sinn der
Grafen von Dubimin,<lb/>wie von dem Kind des Volks.-- Was war
geschehen,<lb/>das den Grafen bestimmte, von dem bisherigen Ver-<lb/>halten
abzuweichen?-- Weil ich mir es nicht erklären<lb/>konnte, regte es mich
auf.<lb/>Ich eilte unsere Gäsie zu empfangen, auch meine<lb/>Mutter kam
ihnen entgegen. Ich hatte der Baronin<lb/>den Arm zu bieten; sie sagte
meiner Mutter, da sie<lb/>fortan in Dambon leben werde, habe sie
gewüinscht,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0144_141.tif" n="141"/>
<p>- hH! -<lb/>sich als Nachbarin vorzustellen. Madame Fleuron<lb/>sprach von
ihrer Abreise und wollte mit diesem<lb/>Besuche zugleich Abschied nehmen. Es
war die<lb/>Rede davon, die freundliche gegenseitige Gesinnung<lb/>auch
ferner aufrecht zu erhalten zwischen den Hausfrauen<lb/>von Schloß Dambow
und Schönfelde. Es wurde,<lb/>während wir durch den Garten nach der
Mooshütte<lb/>schritten, viel leeres Höflichkeitsstroh gedroschen,
ich<lb/>half dabei, wie sich's gebührte. Die Comtesse ging<lb/>ruhig
nebenher.<lb/>Ich athmete auf, als ich die Baronin in die<lb/>Hütte
geleitet, als die beiden fremden Damen sich<lb/>auf dem Kanapee
niedergelassen hatten, als man den<lb/>Kaffee trank, und ich endlich, etwas
seitab sitzend mit<lb/>Franull, sie fragen konnte, was uns die Ehre
ver-<lb/>schaffe, auch sie einmal wieder bei uns begrüßen
zu.<lb/>dürfen.<lb/>,Mein Verlangen hierher zu kommen, und die<lb/>gute
Tante Klothen! Ich bin auf Probe in Vakanz!''<lb/>gab sie mir zur Antwort,
ohne eine Miene zu ver-<lb/>ziehen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0145_142.tif" n="142"/>
<p>-- !F-<lb/>,Wie soll ich das verstehen, gnädigste Comtesse?<lb/>fragte ich
wieder.<lb/>,Erklären Sie sich's vorläufig, wie Sie wollen!<lb/>Ich sag' es
Ihnen später!?!--<lb/>Die Unterhaltung mit den Anderen ging daneben
-<lb/>ruhig fort, und während mich die Ungeduld verzehrte,<lb/>wurde mir die
Gelassenheit Franull's nur räthselhafter.<lb/>Nahezu eine Stunde mochte so
hingegangen sein, als<lb/>die Damen sich erhoben, eine Promenade durch
den<lb/>Garten zu machen, den ich in den letzten beiden Jahren<lb/>nach der
Forstseite eröffnet und so weit ausgedehnt<lb/>hatte, daß er sich parkartig
in den Wald hineinzog<lb/>und verlief. Bei dem Herumgehen war es leicht
für<lb/>mich, an Franuulls Seite, den Anderen ein Ende<lb/>voraus und aus
dem Hörbereich zu kommen. Als<lb/>sie das bemerkte, fing sie von selber zu
sprechen an.<lb/>,Sie wundern sich, mich hier zu sehen,
Herr<lb/>Courville!'' sagte sie, ,aber ich hoffe, Sie werden sich<lb/>noch
mehr gewundert haben, mich hier nicht gesehen<lb/>zu haben seit Ihrer
Rückkehr. Daran aber trage ich<lb/>allein die Schuld.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0146_143.tif" n="143"/>
<p>==- PgZ -<lb/>,Sie, Comtesse? Sie wollten also nicht mehr zu<lb/>uns
kommen?'<lb/>,Ich hatte mir selbst die Möglichkeit dazu ver-<lb/>scherzt;
durch mein ungehöriges Betragen bei Ihrem<lb/>ersten Besuche in Dambow, nach
Ihres guten Vaters<lb/>Tod. Ich lerne es leider etwas schwer, mich zu
be-<lb/>meistern; ich tanze dann immer auf bem Seill Vor<lb/>Ihnen kann ich
das ja sagen!'' schaltete sie mit einem<lb/>spöttischen Lächeln ein, das sie
viel älter erscheinen<lb/>machte als ihre sechzehn Jahre. -- ,ßor
Anderen<lb/>betrage ich mich schon völlig eomwwe gur ssng. Ich<lb/>wollte,
Sie sähen mich in Berlin!''<lb/>,Ich bin glücklich genug, Sie hier zu
sehen,<lb/>Comtesse!'' entgegnete ich ihr. Ich durfte ihr auf<lb/>dem Weg
nicht folgen, den sie eingeschlagen. Ich<lb/>wollte das Vertrauen des Grafen
verdienen, wollte,<lb/>und das war doch die Hauptsache, mich der
Freude<lb/>nicht berauben, sie auch künftig wieder zu sehen in<lb/>meinem
Hause.<lb/>Sie nahm jedoch die Worte, die wie eine leere<lb/>Höflichkeit
klingen sollten, in ihrem wahren Sinne.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0147_144.tif" n="144"/>
<p>=- j H H=-<lb/>, Und glauben Sie, daß ich nicht ebenso von<lb/>Herzen froh
bin, hier zu sein?! fiel sie mir in die<lb/>Rede mit der Lebhaftigkeit, mit
welcher sie zu sprechen<lb/>gewohnt war. ,Ich habe lang danach
getrachtet,<lb/>hierher zu kommen; Ihre Mutter und Sie in dem -<lb/>Garten,
in dem Hause wieder zu sehen, in welchem<lb/>ich willkommen und geliebt war,
bevor man sich<lb/>anderwärts entschloß, mich auch nur zu bemerken.<lb/>Ich
sehnte mich förmlich danach, in das Haus zu-<lb/>kommen, in dem ich meine
arme Mutter nicht zu<lb/>verleugnen brauche, wie ich es ja sonst überall
--<lb/>außer in der Pfarre - thun muß, wenn ich ihr<lb/>gleich sein will in
ihrer Liebe und in ihrem Gehorsam<lb/>für den besten aller Väter, wenn ich
seinem Willen<lb/>und seinen Planen nicht entgegen handeln will.<lb/>Glauben
Sie es mir, Josias, ich tanze auf dem Seil!<lb/>Aber ich falle nicht
herunter. Wir Dubimins haben<lb/>feste Köpfe. Um mich soll mein Vater keine
trübe<lb/>Stunde haben !'!<lb/>, Comtesse Franziska!'' warnte ich, und Gott
weiß<lb/>es, was es mich kostete, ,nicht weiter!,Wenn der
Herr<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0148_145.tif" n="145"/>
<p>- PHJ--<lb/>Graf, die Frau Baronin es hörten, wie Sie die<lb/>schmerzliche
Vergangenheit heraufbeschwören !''<lb/>,Sind Sie auch pedantisch geworden,
wie der<lb/>Kandidat, wie die gute Fleuron? Wollen Sie ihn mich<lb/>nicht
genießen lassen, den Nachmittag, den ich mir als<lb/>Tugendpreis von der
Tante Klothen dafür errungen, daß<lb/>ich jeht ganz somne il kaut und
durchaus präsentabelbin?<lb/>Schämen Sie sich, Josias! Könnte ich denn
meinen Vater<lb/>lieben, anbeten, wenn ich meine Mutter zu vergessen<lb/>im
Stande wäre? Ich kenne Sie nicht mehr, Josias!<lb/>Hatten Sie nur Mitleid
mit dem Kinde, gls es scheel<lb/>angesehen wurde, und nicht mehr mit
mir?<lb/>,Mitleid mit Ihnen, Comtesse! die Sie=-<lb/>Sie ließ mich nicht
weiter sprechen.,Ja! Mit-<lb/>leid mit mir, trotz all dem Glanz, trotz
meines Vaters<lb/>Liebe! O! wir haben nicht Zeit, viel Worte zu
ver-<lb/>lieren, und Sie dürfen mit mir nicht umgehen wie<lb/>die Männer,
die der reichen Erbin huldigen! In<lb/>Verhältnissen wie die meinen, wird
man zeitig klug.<lb/>Ich habe sehen, hören, verstehen gelernt in dem
Alter,<lb/>-?? ;?; -- ===- =-<lb/>1ü<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0149_146.tif" n="146"/>
<p>-- 11ss--<lb/>Ich ütbersehe meine Zuuustände sehr klar und ich
kenne<lb/>meine Pflichten ebenso.?<lb/>Diese Seelenstärke hatte ich nicht in
ihr ver-<lb/>muthet; aber sie rief die meine auf, so schwer es<lb/>mir ward,
mich zu behaupten. Ruhig und ernst, als.<lb/>hämmerte mir das Blut nicht in
den Schläfen, als<lb/>dränge mein Herz mich nicht, niederzuknieen vor
ihr,<lb/>sagte ich: ,Ich weiß das, fühle ja das Alles! aber<lb/>wohin soll
es Sie führen?<lb/>Sie blieb stehen, sah mich an, dann gab sie mir<lb/>die
Hand. ,Sie haben recht!'' sagte sie, ,und nun<lb/>ist's ja auch gut. Nun
habe ich, was ich gewollt, was<lb/>mir gefehlt hat.-<lb/>Ihr Ton, ihre
Mienen waren wie umgewandelt.<lb/>Sie blickte mir fest ins Gesicht und
wiederholte:,Nun<lb/>habe ich, was ich gewollt!''<lb/>, Und was ist das? Was
hat Ihnen gefehlt?<lb/>Was haben Sie gewollt?<lb/>,Ich habe mir's einmal,
vom Herzen sprechen<lb/>wollen, was mir seit lange, und vollends seit
ich<lb/>die Gräfin Dubimin geworden bin, wie eine schwere<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0150_147.tif" n="147"/>
<p>= 1? -<lb/>Last auf demt Herzen gelegen hat; und- sie reichte<lb/>mir
abermals die Hand- ich behielt sie in der<lb/>meinen, ,ich habe wie Sie,
nicht Bruder und<lb/>nicht Schwester! ich habe keine Mutter, keine
Kind-<lb/>heits-, keine Jugendfreundin, Niemand als meinen<lb/>Vater. Aber
ich weiß es ietzt, ich weiß es ganz bes<lb/>stimmt, jetzt habe ich an Ihnen
den Freund gefunden,<lb/>dem ich mein Herz ausschütten kann, wenn es
einmal<lb/>mir gar zu schwer ist. Sie sind der Freund in der<lb/>Noth meines
Alleinseins !?<lb/>,Ihr Freund auf jede Probe !'' betheuerte ich,<lb/>ihre
Hand an meine Lippen pressend, und ich durfte<lb/>ihr nicht sagen: ich bete
Dich an! Ich durfte ihr<lb/>nicht die stolze Stirne, nicht die Thränen
fortküssen,<lb/>die in ihren Augen perlten und die sie zu
zerdrücken<lb/>strebte, als sie mit lächelndem Munde, die Hände
zus<lb/>sammenschlagend, ausrief: ,Gottlob! nun ist mir wohl!<lb/>Nun bin
ich nicht mehr allein! Ich habe einen Ver-<lb/>trauten, einen Freund! Ach
Josias, Sie wissen<lb/>nicht, was das für mich heißt und wie ich's
Ihnen<lb/>danke!''<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0151_148.tif" n="148"/>
<p>-- h 1Z =-<lb/>Es war gut für mich, daß aus der Seitenallee<lb/>die drei
Frauen heraus- und vor uns hintraten, daß<lb/>ich, ihrem Lob der neuen
Anlagen zu begegnen, mich<lb/>mit ihnen zu beschäftigen hatte, und daß die
Anwesen-<lb/>heit unserer Gäste nicht mehr lange währte. Ich -<lb/>sprach
Franull nicht mehr allein, sie sah heiter und<lb/>zufrieden aus, redete mit
voller Unbefangenheit zu<lb/>mir. Eine Schwester konnte sich dem Bruder
gegen-<lb/>über nicht sicherer und ruhiger betragen. Mir war<lb/>nichts
weniger als brüderlich zu Muthe. Ich war<lb/>ans Kreuz geschlagen und sollte
lächeln! Ich brachte<lb/>es zu Stande. Ich hielt auch Stich, als meine
Mutter<lb/>mir von dem Aufsehen erzählte, welches die Schön-<lb/>heit der
Comtesse in Berlin erregt; aber die alten<lb/>Maler, welche uns die
lächelnden Märtyrer gemalt,<lb/>haben sehr wohl gewußt, was sie thaten, wenn
sie<lb/>dieselben meistens von Menschen umgeben
dargestellt<lb/>haben.<lb/>Als ich mich endlich allein fand, brach
der<lb/>Schmerz wild in mir hervor. Ich fragte mich wieder<lb/>und wieder:
was ist es mit der Gewalt unserer Liebe,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0152_149.tif" n="149"/>
<p>-= P49 -<lb/>wenn diejenige sie nicht empfindet, der sie geweiht ist,<lb/>die
wir mit aller ihrer Gluth umfangen? Sah, fühlte<lb/>Franull es nicht, daß
sie mein ganzes Dichten und-<lb/>Trachten war? Klang Nichts in ihrer Seele
wieder -<lb/>von alle dem, was die meinige erfüllte? Oder betrog<lb/>sie
sich? Wußte sie Alles, und wollte sie mir helfen -<lb/>fortzukommen über das
Unabänderliche? Ich fand -<lb/>mich nicht zurecht. - Ich bewunderte sie, ich
segnete -<lb/>sie, ich grollte ihr, ich nannte sie fühllos! Ich
ver-<lb/>wüünschte alle ihre Bewunderer und Bewerber, Hans<lb/>von Klothen
an ihrer Spitze! Ich verwünschte des<lb/>Grafen Liebe für seine Tochter,
ihre Anerkennung<lb/>und die ehrbare Bürgerlichkeit meiner Familie.
E<lb/>stand ja das Alles mir entgegen. Ein Landloser, ein<lb/>Landstreicher
hätte ich sein mögen wie der Kroat und<lb/>s<lb/>mit ihr, dem ehrlos
geborenen Kinde, fortziehen mögen-<lb/>in die weite Welt, über das Weltmeer
hinweg, mir-<lb/>meine eigene Welt, mein Liebesglück, mein täglich
-<lb/>Brod und einen eigenen Namen und neue, eigene -<lb/>.=R<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0153_150.tif" n="150"/>
<p>- 1Jß --<lb/>sich meiner bemächtigt! - und Franull ging in be-<lb/>glückender
und beglückter Kindesliebe ruhig ihres<lb/>Weges, als hätte sie kein Herz in
der Brust! Stützen<lb/>wollte sie sich an mir, halten wollte sie sich an
mir!<lb/>sich halten an mir!-- Und ich war selber ein Halt-<lb/>loser, der
empörten Sinnes, nur gebunden durch die<lb/>Macht der Gewohnheit, der
Erziehung, in der Tret-<lb/>mühle des Alltagslebens, dies Leben und sich
selbst<lb/>verfluchte, während er, sich selber darob verspottend,<lb/>an
jedem Tage sein Tagewerk abhaspelte, wie es eben<lb/>als ein Gebotenes vor
ihm lag.<lb/>An jedem Morgen fragte ich mich: wird heut<lb/>die Nachricht
kommen, daß sie der Graf verlobt hat?<lb/>Und wenn der Gedanke daran mich
genugsam<lb/>geguält, so wünschte ich, wär's erst geschehen, damit<lb/>ich
Ruhe fände!-- Aber sie waren im Bade ges<lb/>wesen, heimgekehrt, hatten uns
besucht, wir hatten<lb/>den Besuch erwidert, und Alles war still, war
geblieben<lb/>wie bisher, und es kamen sogar weniger Gäste in das<lb/>Schloß
als in den beiden letzt verwichenen Jahren;<lb/>denn die wachsenden
Schrecken der französischen Re-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0154_151.tif" n="151"/>
<p>-- 15 --<lb/>volution nahmen dem grundbesitzenden Adel. das<lb/>Gefühl der
Sicherheit, in welchem er überall und<lb/>vornehmlich bei uns in der Mark
bisher gelebt. Was<lb/>jenseits des Rheines geschehen war, konnte auch
bei<lb/>uns geschehen. Wie vor einem fernen, furchtbaren<lb/>Erdbeben fühlte
man den eigenen Boden unter den<lb/>Füßen mit erzittern; und die großen
Weltereignisse,<lb/>ebenso wie das Stillleben, das mich für den
Augen-<lb/>blick umgab, fingen doch an, mich allmälig zu be-<lb/>ruhigen.
Wie nach einem hittigen Fieber kam ich zur<lb/>Besinnung. Ich nannte mich
einen Thoren, daß ich<lb/>mich und mein Glück so wichtig genommen!
Was<lb/>war der Einzelne werth? was war an mir gelegen,<lb/>wenn ein
Herrscherpaar enthauptet worden war, wenn<lb/>täglich Bessere, Wichtigere
als ich, ihr Leben lassen<lb/>mußten auf offenem Platze unter Henkers
Hand?<lb/>Nun gut! ich war nicht glücklich! ich konnte es<lb/>nie werden!
Aber weshalb sollte ich mich des Guten,<lb/>das ich noch genießen konnte,
nicht erfreuen? -- Ich<lb/>konnte jetzt sie öfter, immer öfter sehen! Der
Graf,<lb/>der sich wieder an Geselligkeit gewöhnt, sah mein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0155_152.tif" n="152"/>
<p>-=- 1IL--<lb/>Konmnen gern, forderte mich dazu auf. Franull's<lb/>heiterer
Gleichmuth machte ihn sicher, wiegte mich ein.<lb/>Fch fing an, mir in der
Entsagung zu gefallen, ich<lb/>bildete mir ein, meine Leidenschaft in einen
Kultus<lb/>verwandelt zu haben. Es waren sanfte, schöne, glück-<lb/>selige
Tage voll lauter Selbstbetrug, und es war<lb/>Niemand, der uns darin störte;
am wenigsten die<lb/>Baronin, die gute Tante Klothen, wie sie ein
Jeglicher<lb/>im Hause, ja in der ganzen Gegend hieß.<lb/>Die beiden
jüngeren Söhne der Baronin standen<lb/>im Heere jetzt an der Grenze, Baron
Hans war schon<lb/>vor Jahr und Tag als Legationssekretär der
Gesand-<lb/>schaft in Wien beigegeben. Er schrieb sehr regel-<lb/>mäßig. Die
Briefe wurden im Schlosse viel besprochen,<lb/>die Berichte von dem Leben am
österreichischen Hofe,<lb/>die Schilderungen der verschiedenen Personen
waren<lb/>sehr interessant; die Grüße an die Comtesse, an
die<lb/>holdselige, gnädige Eousine, an den schönen Wildfang<lb/>fehlten
nie. Ab und zu, wenn die Entsendung eines<lb/>sich gefällig erweisenden
Couriers es ermöglichte,<lb/>sendete Baron Hans seiner Mutter ein Geschenk,
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0156_153.tif" n="153"/>
<p>-- 15Z --<lb/>es lag dann meist irgend eine elegante Kleinigkeit<lb/>dabei,
von welcher der Absender erhoffte, daß Com-<lb/>tesse Franziska es nicht
verschmähen würde, sie anzus<lb/>nehmen; und diese Zwischenfälle erregten
immer<lb/>Freude, wie jede Abwechslung in dem gleichförmigen<lb/>Dasein auf
dem Lande.- Ich sah und erfuhr das<lb/>Alles. Manchmal, wenn ich meine
ruhigen Tage hatte,<lb/>nahm ich's wie ein Selbstverständliches hin; an
andern<lb/>Tagen, wenn Franull's Zutraulichkeit meine Leiden-<lb/>schaft
mehr als sonst erregte, fand ich es unerträglich,<lb/>neben ihr den Tag der
Entscheidung erwarten zu<lb/>sollen. -- Nun ist's genuug! heute bist Du zum
letzten<lb/>Mal in Dambow gewesen! sagte ich mir, wenn ich<lb/>sie
verlassen! - Und ehe die Woche zu Ende war,<lb/>fand ich mich auf dem alten
Punkte, die Tage zählend,<lb/>die seit meinem letzten Besuch im Schlosse
verstrichen<lb/>waren, und überlegend, wann die gebotene Zurück-<lb/>haltung
es mir gestatten würde, wieder gen Dambow<lb/>zu reiten und sie wieder zu
sehen!- Das Ende<lb/>stand ja doch vor der Thüre bald genug! Aber
von<lb/>den in Paris zum Tode Verdammten drängte sich ja<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0157_154.tif" n="154"/>
<p>-=- hJz--<lb/>auch keiner dazu, die Guillotine zu besteigen! Jeder<lb/>Tag,
jede Stunde des Aufschubs war Gewinn und<lb/>Gluc!<lb/>Und so ward es noch
einmal Sommer und Herbst<lb/>und Winter und Frühling; und wie unser
Herrgott<lb/>seine Sonne scheinen ließ über Gerechte und Un-<lb/>gerechte
und über all mein Glück, all meine Ver-<lb/>zweiflung, so ließ er es auch
wachsen und gedeihen<lb/>um uns rund, und Franull blühte in ihrem
achtzehnten<lb/>Jahre schön wie die Natur um sie her; und in<lb/>Dambow
stand die Karlsbader Reise vor der Thüüre.<lb/>Sie sollte wie immer am
ersten Juni angetreten<lb/>werden. Am neunundzwanzigsten Mai fuhren
meine<lb/>Mutter und ich nach Dambow, um die Herrschaften<lb/>noch einmal zu
sehen, bevor sie gingen.<lb/>Dort angelangt, fanden wir den Grafen nicht
zu<lb/>Hause. Er war zu einer Taufe in der Nachbarschaft<lb/>und wurde erst
am Abende zurückerwartet. Wir<lb/>wurden wie immer herzlich empfangen,
erfuhren gleich<lb/>bei der ersten Unterhaltung mit den Damen, daß
die<lb/>Baronin und die Comtesse, seit wir sie zulett gesehen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0158_155.tif" n="155"/>
<p>--- 1J -<lb/>in Berlin gewesen waren, Einkäufe an Kleidern, Put<lb/>und
Schmuck zu machen; und während die Baronin<lb/>meiner Mutter eine und die
andere dieser Herrlich-<lb/>keiten zum Ansehen herbeiholen ließ, schlug die
Com-<lb/>tesse mir vor, in den Garten hinaus zu treten.<lb/>Das war oftmals
geschehen, seit sie mich zu ihrem<lb/>Vertrauten gemacht. Sie hatte dann in
aller Seelen-<lb/>ruhe mit mir von jenen kleinen Ereignissen
geplaudert,<lb/>die sich zugetragen, sie hatte auch von den
Büchern<lb/>gesprochen, mit denen sie sich gerade beschäftigt, ab<lb/>und zu
war von den Hilfsleistungen die Rede gewesen,<lb/>mit welchen der Graf jetzt
mehr noch als bevor sich<lb/>seiner Unterthanen annahm und bei denen er
die<lb/>Baronin und die Comtesse sich zur Hand gehen ließ,<lb/>um eben ein
gutes Verhältniß zwischen der Herrschaft<lb/>und den Leuten fortbestehen und
die Leute nicht auf-<lb/>sässig werden zu machen; und von dem Allem
hatten<lb/>wir verhandelt, als wäre ich wirklich ihr ein Bruder,<lb/>nur ein
Bruder! nicht eben ich!<lb/>An dem Abende jedoch waren wir schon
ein<lb/>ganzes Ende vom Schlosse entfernt, ohne daß sie ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0159_156.tif" n="156"/>
<p>==-- ! Jhs---<lb/>Wort gesprochen, und mir war es gleich am
Anfang<lb/>aufgefallen, daß ein Schatten über ihrer Stirne lag.<lb/>Sie war
trotz ihrer Freundlichkeit ernster gewesen als<lb/>sie sich zu zeigen
pflegte. Es überfiel mich eine<lb/>Bangigkeit. Ich mußte wissen, was es mit
ihr war.<lb/>,Sie sind so schweigsam, theuerste Comtesse!<lb/>darf ich
fragen, was Sie innerlich beschäftigt? denn<lb/>beschäftigt sind Sie!''
sagte ich.<lb/>,Wie Sie mich kennen !' entgegnete sie mir, sah<lb/>aber zu
Boden, nicht mir ins Gesicht. -- ,Es ist<lb/>wirklich eine Füügung Gottes,
daß Sie gerade heute<lb/>noch gekommen sind, denn ich wäre sehr ungern
fort-<lb/>gegangen, ohne daß Sie's wußten; und seit all den<lb/>Tagen habe
ich gesonnen und gesonnen, wie ich es<lb/>Ihnen kund thun sollte; denn Ihnen
schreiben konnte<lb/>ich doch nicht!''<lb/>,Sie wollten mir schreiben, daß
Sie am ersten<lb/>Juni reisen werden? Das stand ja fest, als ich
die<lb/>Ehre hatte, Sie zum letzten Mal zu sehen !''<lb/>,Nein! das nicht!''
sprach sie mit einer Befangen-<lb/>heit, die mich mit ergriff und mich
erschreckte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0160_157.tif" n="157"/>
<p>-- 1??--<lb/>,Aber was denn? was denn wollten Sie mir<lb/>schreiben?<lb/>,Was
Sie'' -- ihre Stimme wurde immer<lb/>weniger sicher ---,was Sie, Courville!
= Sie, der Sie<lb/>mich ja kennen -- mein Vertrauter, mein
vertrauter<lb/>Freund sind!-- Wissen mußten Sie's vor allen<lb/>Anderen-
?<lb/>,Reden Sie! reden Sie! was soll ich erfahren??'<lb/>rief ich mit
angstvoll dringender Bitte. Ich konnte<lb/>ja nicht zweifeln, was es
war.<lb/>,Sie stockte, nahm sich zusammen und sagte:<lb/>,Es ist eigentlich
kindisch, daß man so davor bangt,<lb/>so Etwas auszusprechen, Etwas, das
sich die Spatzen<lb/>auf den Dächern schon lang erzählt haben.?--
Und<lb/>wieder stockte sie:<lb/>Wie um mich, um sie zu halten, hatte ich
ihre Hand<lb/>ergriffen. Mir schauderte vor dem Wort, das ich doch<lb/>hören
mußte. Sie hielt meine Hand in der ihren fest.<lb/>,Ich sehe, Sie wissen' !'
begann sie auf das<lb/>Neue, ,also kann ich kurz sein! Wenn wir
nach<lb/>Karlsbad kommen, finden wir den Vetter Klothen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0161_158.tif" n="158"/>
<p>== h JZ --<lb/>s<lb/>schon dort, und - dann-- nun, Sie wissen's ja!<lb/>dann
wird unsere Verlobung gefeiert !''<lb/>,Franull! Franull !'' schrie ich auf,
meiner selbst<lb/>nicht mächtig; aber in demselben Augenblicke hing
sie<lb/>an meinem Halse, preßten wir Brust gegen Brust,<lb/>brannten meine
Lippen auf den ihren, und bebend<lb/>unter meinen Küssen rief sie:,Ich hab's
ja nicht<lb/>gewußt! nicht geahnt! - Wie konnte ich, da es ja<lb/>immer,
immer so gewesen ist!''<lb/>,,Franull !'' rief ich wieder - ,immer!
immer<lb/>so gewesen ! -- Ich kannte sie, mich selber nicht<lb/>mehr; der
jähe Wechsel war zu groß<lb/>,Immer! immer !'' sprach sie mir
nach.,Ee,<lb/>jett weiß ich's! jetzt! Ich habe Dich geliebt! geliebt<lb/>wie
die Augen in meinem Kopfe, ohne je daran zu<lb/>denken, daß ich sie habe.
Und weil's immer so ge-<lb/>wesen, hab' ich's nicht gemerkt! Es war mit
mir<lb/>geboren, glaub' ich, mit mir geboren wie die Liebe<lb/>für meinen
Vater !''<lb/>Sie ließ die Arme sinken, machte sich von mir<lb/>los. Ich
wollte sie halten.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0162_159.tif" n="159"/>
<p>-=- P59 =-<lb/>- z==aaaaaJ,aa ,aaaaaaaaaaaaaaagp.aaaaaaaagggggggs ,,
aao,aaaaa,aa- asg ,. =aaa
aaaaaaaaaaaaaaaaaa.ggg,,aag,ggg,gg,gg,,.ööGgögpööör<lb/>, Laß mich! laß mich
!'' stieß sie hervor. -<lb/>,Mein Vater!-- Ach! mein Vater !'' und
heiße<lb/>Thränen entströmten ihren Augen. --<lb/>Wie ein Blitzstrahl war
das Wort niedergefahren<lb/>zwischen ihr und mir.<lb/>, Er wird nicht
unerbittlich sein !'' sagte ich trot<lb/>der Gewißheit, daß er's sein würde.
Es war uns<lb/>nicht zu helfen.<lb/>, Er wird es sein, er muß es sein!''
sagte Franull.<lb/>,, Ich habe ihm, er hat dem Vetter sein Wort
gegeben!<lb/>Ich, grad' ich darf meinem Vater mein Wort nicht<lb/>brechen,
und er bricht auch das seine nicht. ---<lb/>Andere Töchter mögens können!
Aber es ist nicht<lb/>zwischen mir und meinem Vater, wie zwischen
Anderen!<lb/>Oder könntest Du mich lieben, könnte ich vor ihm,<lb/>vor Dir
die Stirn erheben, wenn ich ehrlos handelte<lb/>gegen ihn, der mir mehr
gegeben als das Leben, der<lb/>mir seine Liebe gegeben, seine Ehre, seinen
Namen?<lb/>Der sein Leben neu auferbaut hat in seiner Liebe<lb/>für meine
Mutter und für mich ?'<lb/>,Und mit der Liebe, die Du, Du Abgott
meiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0163_160.tif" n="160"/>
<p>--- 1ß-<lb/>Seele mir eingestehst, mit der Leidenschaft, die
uns<lb/>durchzittert in dem seligen Augenblick, den Du geruht<lb/>an meiner
Brust, mit dieser Liebe willst Du Dich<lb/>einem Anderen anverloben, willst
Du das Weib werden<lb/>eines Anderen?<lb/>,Mach' mich nicht wahnsinnig!''
flehte sie, die<lb/>Hände zusammenschlagend und wie im Gebet zu
mir<lb/>erhoben.<lb/>,Besinne Dich!'' mahnte ich, auf ihre Liebe<lb/>bauend,
und hoffend - ich wußte nicht worauf;<lb/>denn daß der Graf sie mir nicht
geben würde,<lb/>, darüber konnte ich mich nicht täuschen, hätt' ich's
auch<lb/>gewollt.<lb/>,Ja !'' sagte sie, ,ich besinne mich, ich
komme<lb/>zur Besinnung !''-- Und wieder sank sie mir ans<lb/>Herz, wieder
hielt ich sie umschlungen. Dann richtete<lb/>sie sich auf, und mit einer
Stimme, deren Wehklage<lb/>in mir nachtönen wird in meiner letzten
Stunde,<lb/>sprach sie:,Nuun geh, und laß mich gehen!''<lb/>,Aber was soll
denn werden aus Dir? aus<lb/>mir?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0164_161.tif" n="161"/>
<p>.- 1ß! -<lb/>,Was aus mir werden soll? Was zu sein ich<lb/>eben jetzt
vergessen: meines Vaters Eigenthum und Hans<lb/>von Klothens Frau, zu der er
mich bestimmt. Kein<lb/>Athemzug soll je daran erinnern, daß ich Dich
ge-<lb/>liebt, daß ich es Dir gestanden, daß ich diesen Augen-'<lb/>blick
der Freiheit und des Glücks gekannt! Ich muß<lb/>es vergessen, Dich
vergessen - vergiß auch Du!?'<lb/>Die gewaltsame Fassung, zu der sie sich
zwang!<lb/>mit ihrer jungen Kraft, brachte mich außer mir, ich<lb/>grollte
ihr darüber. Unfähig den Gedanken zu er-!<lb/>tragen, daß sie mich liebend,
geliebt von mir, einen,<lb/>Anderen angehören sollte, rief ich:,Franull!
bedenke<lb/>was Du thust! entehre Dich nicht, unsere Liebe.<lb/>nicht! Thust
Du's, so ist's mein lezter Tag!?' -<lb/>Ihre Arme waren schlaff
herabgesunken, sie trat,<lb/>von mir zurück starren Angesichtes. Sie sah
sich<lb/>selbst nicht ähnlich. Ich rief sie an, sie gab mir
keine<lb/>Antwort. -- ,Franull, sprich, Franull! sage mir<lb/>wenigstens,
daß Du mich hörst!''<lb/>. ,Ich darf Dich nicht hören, ich höre Dich
auch<lb/>nicht. Die Franull ist jetzt gestorben. Ich muß sie<lb/>Fanng
Lewald, Josias.<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0165_162.tif" n="162"/>
<p>-- l ts.-<lb/>vergessen, Dich vergessen, diese Stunde! Alles! Alles!<lb/>Kein
Wort mehr zwischen Dir und mir! - Und<lb/>kannst Du nicht leben-- nun! Mach
mich nicht<lb/>wahnsinnig !'' rief sie noch einmal, sich selber
unter-<lb/>brechend.,Soll ich denn leben mit dem Bewußtsein,<lb/>Dich gejagt
zu haben in den Tob?'<lb/>,Lebe, lebe, Du Engel meines Lebens !''
rief<lb/>ich.,ßebe, Franull! Ich will nicht kleiner sein<lb/>als Du! Ich
will leben, weil Du leben mußt! Es<lb/>soll kein Schatten fallen auf Deine
Zukunft! aber<lb/>vergessen kann ich nicht! Ich will's im Herzen
tragen<lb/>für uns Beide, will's bewahren in mir, unser, ach!<lb/>so kurzes
leidensvolles Glüc!=- Und nun ein letztes<lb/>Lebewohl!-- Lebewohl!'' Und
noch einmal hielt ich<lb/>sie -- dann war's zu Ende!<lb/>Behntes
Lapitel.<lb/>Josias fuhr sich mit der Hand über die Stirne<lb/>und trocknete
sich dabei die Augen, die ihm feucht<lb/>geworden waren.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0166_163.tif" n="163"/>
<p>==- 1isZ--<lb/>, Josias, guter Josias!'' rief ich, ,ach, nun ver-<lb/>stehe
ich's! Nun weiß ich, was Du gemeint, als<lb/>Du das Wort gesprochen, das
mich damals so schwer<lb/>gekränkt hat, als Du den Werther einen
Feigling,<lb/>einen Deserteur genannt, der sein Leiden höher
an-<lb/>geschlagen als das Leiden und als das Glück
der<lb/>Geliebten!''=-<lb/>Er wiegte schweigend das Haupt. Meine
Mutter<lb/>fragte, was meine Worte bedeuteten. Ich hatte es<lb/>ihr zu
erklären, und wie ich es that - ich konnte mir<lb/>nicht helfen, und warum
sollt' ich's nicht?- da kniete<lb/>ich vor ihm nieder und küßte ihm die
Hand.<lb/>,Recht so!'' sagte die Mutter. ,Verdient es -<lb/>Einer, daß man
ihn mit Verehrung liebt, so ist es<lb/>unser Freund! --- Jetzt erst sind Sie
ganz der Unsere,<lb/>wir die Ihren! - Und nun nur noch das Eine:<lb/>Wie
ward's danach mit Ihnen? Haben Sie die<lb/>Gräfin in der That nicht mehr
gesehen?''<lb/>,kn den ersten Jahren sah ich sie nicht! - - Ich<lb/>hatte es
zu vermeiden für uns Beide. Später habe<lb/>ich sie oft gesehen. Zuerst
einmal, als sie an mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0167_164.tif" n="164"/>
<p>- hisg.-<lb/>vorüberfuhr ,lnter den Linden?, an ihres Vaters<lb/>Seite, ihr
Gatte und zwei schöne Knaben mit einer<lb/>Wärterin ihr gegenüber; und
später, noch ganz<lb/>neuerdings habe ich sie im Theater gesehen mit
ihrem<lb/>Manne, mit ihren verheiratheten Kindern. Das<lb/>Leben hat eine
heilende Kraft und die Narben hören<lb/>auf zu schmerzen. Daß ich aber durch
jenen ersten<lb/>Tag gekommen bin, das ist mir heute noch ein<lb/>Räthsel.
Als sie mich verlassen hatte, ging sie nach<lb/>der anderen Seite, ohne sich
umzublicken, dem Schlosse<lb/>zu und entschwand mir in der Thüre von
ihres<lb/>Vaters Arbeitsstube. Ich sah ihr nach, wußte,<lb/>daß ich allein
sei, und sah sie doch noch immer so<lb/>deutlich vor mir stehen, daß ich
mich halten mußte,<lb/>nicht die Arme auszustrecken in das Blaue.-
Mir<lb/>bangte für meinen Verstand. Ich schaute um mich<lb/>her!- Die Bäume,
der Garten, es war Alles so<lb/>wie sonst- da blinkte Etwas an der Erde! -
Ihr<lb/>kleiner Ohrring war es! Ich hob ihn auf. Er war<lb/>ein Heiligthum
für mich! Er hatte ihr gehört, sie<lb/>hatte ihn getragen. Er war mir
zugefallen!''<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0168_165.tif" n="165"/>
<p>, =- 1ßJ --<lb/>Von der Uhr des Wirthschaftshauses schlug es<lb/>sieben. Das
war die Stunde, zu welcher unser<lb/>Kutscher den Befehl erhalten hatte,
vorzufahren. Ich<lb/>ging nach dem Balkon vor der Baronin Zimmer, wo<lb/>wir
die- Damen verlassen. Ich fand nur meine<lb/>Mutter und in sichtbarer
Bestürzung-<lb/>,Wo bist Du denn geblieben? Was ist vor-<lb/>gegangen? Die
Comtesse ist unwohl aus dem Garten<lb/>gekommen, hat sich zurückgezogen,
ohne bei uns vor-<lb/>zusprechen. Die Kammerjungfer ist es der
Baronin<lb/>melden gekommen, sie hat sich zu ihr begeben und<lb/>ist noch
nicht zurückgekehrt. Was ist geschehen?<lb/>Warum hast Du sie nicht
hineingeleitet, wenn sie<lb/>sich nicht gut befunden?' fragte meine Mutter
in<lb/>sichtlicher Bestürzung.<lb/>,Sie hat mich geheißen, ihr nicht zu
folgen.<lb/>Es hatte sie plötlich ein jäher Schmerz in der
Brust<lb/>befallen.'' --<lb/>!<lb/>Ich fügte weiter Nichts hinzu, ich
fühlte, daß<lb/>ich keinen Glauben fand, daß das Mutterauge nicht<lb/>zu
täuschen war. Die Baronin kam dann auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0169_166.tif" n="166"/>
<p>==- , ßHs --<lb/>herbei, da das Rollen des Wagens sie gerufen.<lb/>Sie sprach
leichthin über den kleinen Anfall, den<lb/>wohl die Hitze dem vollblütigen
lieben Kinde zugezogen.<lb/>Sigz hatte am wenigsten Grund, mein Bleiben
zu<lb/>wünschen. -<lb/>Wortkarger hatten wir den Weg von Dambow<lb/>nach
Schönfelde nie zurüückgelegt, und wie große Auf-<lb/>regungen den Menschen
hellseherisch machen, merkte<lb/>ich es meiner Mutter an, daß ihr das Herz
befreit<lb/>war, daß sie in ihrer Liebe und Sorge für mich<lb/>aufgthmete
wie nach einem schweren Gewitter, das<lb/>man lange heraufziehen sehen und
das sich nun ent-<lb/>laden. Wozu hätte sie auch führen sollen die
Leiden-<lb/>schaft, die ich von früher Jugend an fir Franull<lb/>gehegt?--
Es war ein Glück, daß der Graf die<lb/>Tochter verlobt, daß sie aus unserer
Nähe fortkommen<lb/>wüürde durch ihre Heirath, weit fort!-- Es war<lb/>die
Rede von Klothens Versetzung nach Petersburg!<lb/>-- Ee würde doch endlich
mit mir von einer schicklichen<lb/>Heirath zu reden sein, ich würde doch zur
Vernunft<lb/>kommen müssen.<lb/>b===========aaFaa.a..=== == == -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0170_167.tif" n="167"/>
<p>,====================- ==========================gp=======oooooFwe, ,<lb/>=--
18? -<lb/>Nichts von dem allem wurde unterwegs geeI<lb/>sprochen! Ich aber
hörte das alles heraus aus<lb/>meiner Mutter gelegentlichen Bemerkungen
während<lb/>unseres Abendessens. Und bei dem allem wußte ich<lb/>im Grunde
doch nicht, was ich hörte oder sprach! Zur<lb/>Vernunft kommen! Zu Verstand
kommen! Ich<lb/>fühlte ner zu sehr, wie sehr ich's nöthig hatte,
mich<lb/>zusammen zu nehmen, wenn ich ihn nicht
verlieren<lb/>wollte.<lb/>Ich sprach laut mit mir selber! ich weinte!
ich<lb/>warf mich auf mein Lager in der Einsamkeit meines<lb/>Zimmers und
sprang wieder auf! -- Verachten Sie<lb/>mich nicht, meine Freundin! Lächle
nicht über den<lb/>Greis, mein Kind! Die Leidenschaft in einer
ge-<lb/>sunden Seele ist eine dämonische Kreft!-- Ich<lb/>hatte die Pistole
in der Hand! der Gedanke an<lb/>Franull hielt mich zurück! Es lag so lang,
so grau,<lb/>so öde vor mnir das Leben, das zu leben ich
ihr<lb/>gelobt.<lb/>Durch einen Zufall griff ich in die Tasche.
Ihr<lb/>Ohrring kam mir in die Hand. Ich drückte ihn an<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0171_168.tif" n="168"/>
<p>--- 11ß --<lb/>meine Lippen. Ihr warmes Blut hatte gegen ihn<lb/>pulsirt, sie
hatte ihn lange, lange getragen. Ich<lb/>preßte ihn mit fester Hand mir
durch das Ohr --<lb/>ich trage ihn noch heute! Er soll begraben mit
mir<lb/>werden.<lb/>Und wie dem verirrten Wanderer in tiefem<lb/>Dunkel ein
Stern auftaucht, so leuchtete inmitten<lb/>meiner Verzweiflung der Gedanke
in mir auf: Sie<lb/>hat Dich doch geliebt! von je geliebt! Sie will
es,<lb/>daß Du lebst, und Du bist glücklicher als sie. Du<lb/>brauchst sie
nicht zu vergessen! Du bist frei - und<lb/>blelbst es!-- Wollte ich nicht
verzweifeln, so mußte<lb/>ich mich zwingen, es lernen, mich glücklich
zu<lb/>preisen.<lb/>,Und Sie haben es gelernt! Sie haben es<lb/>vermocht,
Josias!'' sagte die Mutter, ,sich und Ihr<lb/>Leben zu einer Freude für
Andere zu machen. Sie<lb/>haben empfunden, daß eine große. Liebe
den<lb/>Menschen, dem sie zu Theil wird, erhebt, ihn<lb/>adelt, ihn für sich
selber heiligt; und wie Franull Sie<lb/>geliebt, so haben Sie bleiben, so
haben Sie sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0172_169.tif" n="169"/>
<p>RRRRRFFFRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRA<lb/>= Phß =-<lb/>selber sehen wollen für und
für! -- Oh! nun verstehe<lb/>ich Alles! Darum haben Sie beharrt in der
Tracht,<lb/>die Sie an jenem Tage getragen!''<lb/>,Ja, darum !'' bekräftigte
Josias.,Ihr feines<lb/>Herz hat es errathen. - Zuerst war's eine
Schwär-<lb/>merei. Alles, was sie, was Franull berührt, war zur<lb/>Reliquie
für mich geworden. Dann befing mich die<lb/>Gewohnheit und der Reiz des
Eigenwillens.?<lb/>, Und so - ach, Josias !'' rief ich aus, ,wenn<lb/>Du es
wüßtest, was für Kopfbrechen es mich gekostet,<lb/>wenn sie sagten, Du
seiest ein Original! =-' so bist Du<lb/>zum Orginal geworden !<lb/>Er
lächelte. ,Thörichte, liebe Franull!'' sagte<lb/>er; aber die Mutter meinte:
,Hätten wir viele solche<lb/>Originale wie Sie, die Glück zu finden wissen
in<lb/>dem Wohl der Anderen, wenn ihnen selber das Leben<lb/>nicht gewährt,
was sie für sich erstrebt! Was aber<lb/>haben Sie gemacht mit Schönfelde,
und wie hat<lb/>Ihre Mutter sich darein gefunden, daß Sie es
ver-<lb/>kauft?'<lb/>,Sie hat es nicht erlebt !'' antwortete ihr
Josias<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0173_170.tif" n="170"/>
<p>=-- ( Fhs -<lb/>seufzend. ,Es war gekommen, wie die Comtesse es<lb/>mir
gesagt. Sie war verlobt worden in Karlsbad,<lb/>ihre Hochzeit war für den
Herbst anberaumt. Ich<lb/>wollte, durfte nicht in Schönfelde sein in
jenem<lb/>Zeitpunkte. Ich hatte wenig Mühe, meine theure<lb/>Mutter zu einer
Reise in den Süden zu überreden.<lb/>Sie hatte selber an eine solche oft
gedacht, sie geplant<lb/>mit meinem Vater fir die Zeit meiner Rückkehr
von<lb/>meiner Reise. Wir machten uns im Beginne des<lb/>Septembers auf den
Weg, und sie genoß die Herbst-<lb/>monate wie den Winter in Oberitalien und
in Rom<lb/>mit großer Freude; aber der tiefe Süden zeigte sich<lb/>ihr
verderblich. Ein Malariafieber, das sie befallen<lb/>in Neapel, entriß sie
mir.- Ich kehrte gegen den<lb/>folgenden Winter allein nach Schönfelde
zurück.-<lb/>Der Graf Dubimin-Klothen, so nannte sich der
junge<lb/>Legationssekretär jetzt mit königlicher Bewilligung,<lb/>hatte
seine Flitterwochen in Dambow und Berlin<lb/>verlebt und sich dann mit
seiner Gemahlin nach<lb/>Petersburg begeben auf seinen neuen Posten.<lb/>Ich
sah den Grafen, meinen Pathen, nach wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0174_171.tif" n="171"/>
<p>z ez<lb/>R h f P -<lb/>vor. Er und Frau von Klothen blieben mir
wohl-<lb/>gesinnte Freunde, und ich behielt Schönfelde noch<lb/>mehrere
Jahre, bis es feststand, daß Graf Hans sich<lb/>vom Dienste zurückziehen und
mit seiner Frau und<lb/>seinen Kindern bei seinem Schwiegervater in
Dambow<lb/>leben würde, das er ja dereinst zu übernehmen hatte.<lb/>Damit
war mein Weg mir vorgezeichnet, mein Ent-<lb/>schluß gefaßt.<lb/>Der älteste
meiner Berliner Vettern war ein<lb/>tüchtiger Landwirth geworden und ein
Mann von<lb/>Ehre durch und durch. Er hatte einiges Vermögen<lb/>von Haus
aus und eine reiche, wackere Fagu! Er<lb/>war ein Courville, den die Familie
hoch zu halten<lb/>hatte. Ihm habe ich Schönfelde abgegeben. Es
ist<lb/>heute noch im Besitze unserer Familie, und der<lb/>König hat meinem
Nachfolger in neuester Zeit den<lb/>erblichen Adel verliehen. Sie nennen
sich jetzt Couur-<lb/>ville von Schönfelde!- Das Nebrige, nun,
das<lb/>wissen Sie! und möge es bleiben zwischen Ihnen,<lb/>meiner Freundin,
Ihrem theuren Mann und diesem<lb/>Kinde und mir so wie bisher! Sie drei
haben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0175_172.tif" n="172"/>
<p>g r.z<lb/>=- ! F .a -<lb/>mich'ö vergessen machen, das: ich einsam stehe in
der<lb/>Welt!<lb/>, Und die Gräsin?'' fragte meiee Mutter.<lb/>, Ich glaube
Ihnen schon gesagt zu haben, daß ihre<lb/>Ehe eine durchaus glückliche
geworden ist. Graf Hans ist<lb/>nach Allem, was ich von ihm erfahren, ein
Edelmann<lb/>im besten Sinne und ihrer werth. Ihr Vater hat<lb/>Freude
erlebt an der Tochter, dem Schwiegersohn,<lb/>den Enkeln; und hat die Gräfin
von mir gehört,<lb/>nuun, ich hoffe, sie wird Nichts von mir
vernommen<lb/>haben, daß mich des Glückes unwerth gemacht,<lb/>ihre Liebe
besessen zu haben, ihre erste Liebe gewesen<lb/>zu sein. -<lb/>Damit endet
die Erzählung in der Tante<lb/>Franziöka altem Tagebuche; und es steht
noch<lb/>Mancherlei darin, das frend klingt in unseren Tagen.<lb/>Aber wir
wollen sie nicht schelten die Zeit der<lb/>romantischen Liebe!-- Drängt sich
mir doch selber<lb/>oft genug die Frage auf: Ist das, was an die
Stelle<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="josi_01_0176_173.tif" n="173"/>
<p>der Romantik getreten, besser, edler, erhebender als<lb/>ihre süße
Schwärmerei?<lb/>Die Autwort darauf wird verschieden genng<lb/>ausfallen!--
Ich für mein Theil halte die meine<lb/>zuurick. Doch ist sie vielleicht
darin zu erkennen,<lb/>daß ich die Geschichte des Josias eben des
Erzählens<lb/>werth gefunden. Sind die Leser der gleichen Meinung,<lb/>nun,
so erzähle ich wohl noch eine oder die andere,<lb/>wie es
kommt.<lb/>==ee-<lb/>z<lb/></p>
</div4>
</div3>
</div2>
</div1>
</body>
</text>
</TEI>
