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<title>Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp </title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
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<date>2009</date>
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<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
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<title>Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp </title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Otto Janke</publisher>
<pubPlace>Berlin,Germany</pubPlace>
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<p>-TFl o sn d<lb/>,-s-V-K IK<lb/>,;<lb/>=.ud Ülae.<lb/>s Fs-<lb/>Von<lb/>Fanny
Lewald.<lb/>Hünfter and:<lb/>Jer gehte seines Ftammes.<lb/>Famsell<lb/>Druck
un<lb/>Ehilippinens<lb/>serlin,<lb/>16.<lb/>Ehilipp.<lb/>n Otto
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<p>Der Letzte seines Stammes:<lb/> Mamsell Philippinens Philipp<lb/> Von<lb/> Fanny Lewald.<lb/>sspsppspgFZpspsppSGpspsPpPFPsusIpPFspspPFspsFs,ssJFSsFlpPppsFJppJpF.HpaFäpHpsp
F<lb/>Berlin, 1864<lb/>Deu c unv Vbrlag von Otio Jans?-<lb/></p>
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<p/>
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<head>Kapitel 01</head>
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<p>.S Fh<lb/><lb/>1 Kapiies<lb/>!--<lb/>ZK«Gs-Se.<lb/><lb/>Es ist, seit die
Dampfwagen und Dampfschiffe die<lb/>Welt durchsausen, eine ganz neue Art des
Reisens<lb/>unter die Menschen gekommen. Sie sind aus Maß-<lb/>losigkeit
sehr genüügsam geworden. Sie sehen das Meer, ; -<lb/>-die Gebirge, die
Flüsse, die ausgedehnten Eisenbahn-<lb/>linien, auf denen die lange Reihe
der Wagen sich wie<lb/>eine geflügelte Riesenschlange dahin bewegt, sie
sehen<lb/>breite Landstraßen, große Städte mit
hervorragenden<lb/>Monumenten, Gebäuden und Gasthöfen, und
kleinere<lb/>Städte und Dörfer mit etwas kleineren Gasthöfen,<lb/>aber sie
sehen Alles das nur wie aus der Pogelper-<lb/>speetive. Sie behalten die
Physiognomie eines Mit- .<lb/>reisenden im Gedächtnisse, dessen Namen sie
nicht wissen,<lb/>lernen den Namen eines Andern kennen, von dem
sie<lb/><lb/>nicht viel mehr als eben den Namen erfahren, sie<lb/>kennen die
Einrichtung, die Preise, die Wirthe und<lb/>Kellner in den Hotels, sie haben
verschiedene Kirchen -<lb/>und Gallerien durchlaufen, verschiedene Berge
zud<lb/>Thürme erklettert, und ist dann die Reise zurückgelegt, j -<lb/>z
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0005_004.tif" n="004"/>
<p>so haben sie Nichts gewonnen, als eine Reihe von<lb/>äußeren Anschauungen und
von Vorstellungen, welche<lb/>sie sich vollkommen eben so gut und weit
weniger be-<lb/>schwerlich und kostspielig in einem Panorama und
durch<lb/>eine illustrirte Zeitung hätten aneignen können. Sie<lb/>briagen
es zu einer Gesammtanschaunng, wie das<lb/>Geographiebuch sie dem Schüler
giebt, zu einigen<lb/>Privatansichten, die zum großen Theile falsch sind,
und<lb/>der eigentliche Zweck des Reisens, ja sein eigentlicher<lb/>Genuß,
das Heimischwerden in Zuständen, welche von<lb/>den unseren verschieden
sind, das Herantreten des<lb/>Menschen an den Menschen, das allein die Ferne
be-<lb/>lebt und das Dunkel aufhellt, in welches sie sich sonst<lb/>für uns
vcrbirgt, das geht ihnen verloren ein für alle?<lb/>mal. Tausende und
Tausende reisen alljährlich nach<lb/>der Schweiz, aber was wissen die
Meisten bei ihrer<lb/>Heimkehr von dem Lande und von seinen
Bewohnern?<lb/>Sie kennen von Ansehen die grünen Matten, auf<lb/>welchen die
Heerden weiden, und die Sennhütten des<lb/>Hochgebirges, in denen der Käse
bereitet wird. Sie<lb/>kennen ebenso von Ansehen die gewerbfleißigen
Städte,<lb/>auf deren Wiesen die feuerrothen Schweizerkattune
die<lb/>Sonnenprobe bestehen, und sie sind durch Dörfer ge-<lb/>fahren und
haben in Häuser hineingesehen, hinter deren<lb/>kleinen Fenstern der
Webestuhl des Seidenwirkers<lb/>klapperte oder die kunstgeübte Hand der
Näherin aüf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0006_005.tif" n="005"/>
<p>, d<lb/>: s<lb/>s -<lb/>dem Tambourinrahmen die Gardinen für die
Pracht-<lb/>säle der Königsschlösser stickte. Vor den schönen
Kunst-<lb/>schnitzereien der großen Interlakener Magazine, vor
den<lb/>Schaufenstern der Ühren- und Goldwaarenfabriken vgn I<lb/>Genf haben
sie eine Weile stille gestanden und sie<lb/>wissen somit, daß die Schweizer
ein Volk von fleißigen ,<lb/>Bürgern sind, die Ackerbau und Industrie
treiben.<lb/>Man hat ihnen gesagt, daß in Basel ein sehr reicher,
-<lb/>geldstolzer und zum Theil pietistischer Kaufmannsstand<lb/>existirt,
daß die südliche Schweiz einen lebhaften )<lb/>Handelsverkehr mit Italien
treibt, und wenn sie etwa -<lb/>das Nheinthal hinauf fahren und ihnen auf
beiden<lb/>Seiten des Weges von den steilsten Felshöhen die -<lb/>Trümmer
der Ritterburgen und tiefer hinab die zum ;<lb/>Theil noch bewohnten
Schlösser der alten Geschlechter !<lb/><lb/><lb/>in die Augen fallen, so
stört sie das in ihrem erlernten -<lb/>= == e= == ==uta=-
sessg,-?<lb/>Urtheil über das Land und seine Bewohner nicht<lb/>sonderlich.
Sie fragen sich nicht, woher diese Schlösser i<lb/>sondern sie rechnen die
Ruinen als zur Decoration des I<lb/>Weges gehörend, unh sie haben ja auch
schon am ? -<lb/>deutschen Rheine eben solche Burgen gesehen.- Was ?
-<lb/>denn aus all den alte Adelögeschlechtern in der freien
,<lb/>republikanischen Schweiz geworden ist, darauf lassen !<lb/>sie sich
nicht ein, denn dazu haben sie auf dex Reise, -<lb/>die sie ja zu ihrem
Vergnügen machen, keine Zeit.<lb/>=-= =-===a==zs=ss «. z=sJss=s
-<lb/><lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0007_006.tif" n="006"/>
<p><lb/>i<lb/>!<lb/><lb/>Wer aber etwas mehr Zeit hat, und wer ein an-<lb/>deres
Vergnügen von der Reise erwartet, als das mög-<lb/>lichst schnelle
Durchziehen möglichst weiter Strecken,<lb/>dem muß es, wenn er vom Bodensee
aufwärts durch<lb/>das Glarner Land nach Graubündten geht, sich
auf-<lb/>fallend darthun, wie mit dem sanften, lieblichen Cha-<lb/>rakter
der Gegend sich auch die Gestalten und Physiog-<lb/>nomien seiner Bewohner
ändern, und welch eine Ver-<lb/>schiedenheit den blonden Schweizer von St.
Gallen ,<lb/>und Glarus von dem dunkelhaarigen, schlanken und<lb/>doch so
kraftvollen Schweizer aus Graubünden trennt, ;<lb/>über dessen Flecken und
Dörfer sich die eisgekrönten<lb/>Hochgebirge erheben, und in dessen
Felsenthäler einzu-<lb/>dringen und sich festzusetzen, einst den
Beherrschern der<lb/>Welt, den -Römern, eine so schwere Aufgabe
ge-<lb/>wesen ist.<lb/>Noch steht er da, der hohe viereckige
Römerthurm<lb/>mit seinen altersgeschwärzten Quadern, der Neberrest<lb/>der
alten Vuria lhaetorur, welche einst die kriege-<lb/>rischen Rhätier im Zaum
halten sollte. Noch nennt<lb/>das Volk von Chur, der Hauptstadt des
Bündner<lb/>Landes, diesen Thurm den Spinöl, die spirs iv oculis,<lb/>den
Dorn im Auge des Volkes, und wie der Zeuge<lb/>jener grauen Vorzeit noch von
der Höhe auf die Haupt-<lb/>stadt des Bündner Landes, auf Chur, hinabschaut,
so<lb/>ist auch das Blut der alten Rhätier noch nicht in den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0008_007.tif" n="007"/>
<p>??<lb/><lb/>Adern des Volkes versiecht, denn noch heute sind die<lb/>Bündner
ein kriegslustiger und beharrlich ausdauernder<lb/>Volksstamm.<lb/>Wenn
schon die Zeiten lgnge vorüber waren, in<lb/>welchen die alten Rhätiex ihr
Land mit wilder Energie<lb/>gegen das Eindringen der Römer vextheidigten,
und<lb/>wenn auch den Raubrittern, welche hier im Mittelalter<lb/>eine
furchtbare Tyrannei geübt haben müssen, ihr Ge-<lb/>werbe längst gelegt,
so;schicken doch die alten He-<lb/>schlechter, die Toggenburg, vie Buol, die
Liechtenstein,<lb/>die Salis, die Travers und viele andere, ihre Söhne<lb/>,
immer noch in das Ausland, um sie zu Söldnern ir-<lb/>gend. einer
Gewaltherrschaft zu machen und sie das<lb/>heiße Blut in fremder Sache
abkühlen zu lassen. Ein<lb/>Theil der alten Bündner Familien, der den
deutschen<lb/>Fürsten gedient hatte, sezte sich inDeutschland fest<lb/>und
half die deutsche Adelsaristokratie verstärken; ein<lb/>anderer Theil aber
blieb, im Lande, stieg, Purch gen<lb/>Wandel der politischen Ereignisse und
, durch die pex-<lb/>änderten Lebensbedingungen gezwungen, aus,
seinen<lb/>einsamen Burgen, aus seinen Wäldern und von seinen . j<lb/>Felsen
in die Thäler und in die Städte hinab, um<lb/>nach dem Anschluß des
Graubündner Landes gn die<lb/>Eidgenossenschaft unter den freien Bürgern,
der freien ?<lb/>Schweiz wenigstens äußerlich ein bürgerliches Leben<lb/>zu
führen.<lb/>h<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0009_008.tif" n="008"/>
<p>8<lb/>Trozdem sind die Spuren der einstigen Adelsherr-<lb/>schaft noch in dem
ganzen Bündnerlande sichtbar. Im<lb/>Rheinthal und an der Bia Mala, im
Prätigau, im<lb/>Domleschgthal, im Engadin und an den Quellen des<lb/>Inn,
im Bergagliathal und hinab bis zu den italie-<lb/>nischen Seen liegen sie
weit verstreut, die zahlreichen<lb/>Schlösser des Adels mit ihren Thürmen
und mit ihren<lb/>mauerumgebenen Gärten, und selbst in Chur und
in<lb/>seiner nächsten Umgebung sprechen die Stadtwohnungen<lb/>des Adels,
die Häuser mit der alten steinernen Wappen-<lb/>zier auch heute noch von dem
Reichthum, welchen die;<lb/>Geschlechter einst besessen, als sie noch das
Veltlin be-;<lb/>herrschten und, römischen Proconsuln gleich, das
Land<lb/>aussogen, das sie erobert hatten.<lb/>Ein Zufall hatte uns in Chur
zu Bewohnern eines<lb/>solchen alten adligen Herrenhauses gemacht. Es
war<lb/>von außen eben nicht mehr viel Besonderes daran zu,<lb/>sehen.
Unterhalb des Berges, welcher den Dom, den<lb/>Bischofssiz, das Seminar und
das Cantonsgymnasium<lb/>trägt, war es in einem Garten am Mande der
Plessur,<lb/>des wild rauschenwen Bergwassers, gelegen, das, hier<lb/>aus
engem Felsenthale hervorbrechend, sich später in<lb/>den Rhein ergießt. Hohe
Pappeln bezeichneten statt-<lb/>lich des Gartens Eingang, und der räumige
Flur, die<lb/>steinerne breite Treppe im Innern des Hauses, die<lb/>schönen
sich aneinanderreihenden Zimmer der drei Stock-<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0010_009.tif" n="009"/>
<p>9<lb/>werke mußten selbst einer zahlreichen Familie eine
dn-<lb/>;<lb/>gemessene Wohnung dargeboten haben, als die Grafen<lb/>von
Rvttenbuel vas Haus noch inne hatten.<lb/>Jetzt waren die Grafen von
Rottenbuel ausge-<lb/>storben. Ihre Erben, die Herren von Nottenbuel,
be-<lb/>saßen das Haus. Die einzelnen Stockwerke - waren<lb/>schon seit
geraumer Zeit an verschiedene Familien vex-<lb/>miethet, und die nicht eben
vermögenden Eigenthümer ,<lb/>nahmen nur eines derselben in Beschlag. Wenn
ihnen -<lb/>aber auch der alte, einstige Reichthum nicht mehr
ge-<lb/>blieben war, und wenn das im Jahre gchtzehn- s - ;<lb/>?
-<lb/>hundertachtundvierzig im Canton Graubünden erlässene<lb/>Gesez ihnen
auch das lezte Vorrecht ihres Standes, l<lb/>die Erwähnung ihres Adels in
öffentlichen Verhand-<lb/>lungen und Documenten, genommen hatte, so war
ihnen I<lb/>doch noch die schöne und würdige Gestalt ihres
Ge-<lb/>schlechtes als ein dauernder und großer Vorzug eigen<lb/>geblieben.
Der Typus der Köpfe war noch derselbe,<lb/>s<lb/>welchen die Ahnenbilder des
Hauses aufzeigten, und I<lb/>die Herren von Rottenbuel fühlten sich noch als
Be-<lb/>vorzugte und Vornehme, obgleich einzelne Glieder der ,<lb/>Familie,
gegen die frühere Sitte des Geschlechtes, in<lb/>bürgerliche Gewerbe
überzutreten und Handel und In-<lb/>dustrie zu treiben begonnen
hatten.<lb/>Bei meiner Vorliebe für alles Physiognomische hatte ,<lb/>ich
mir oftmals die Bilder betrachtet; welche in der<lb/>i<lb/>-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0011_010.tif" n="010"/>
<p>!<lb/>i<lb/>?<lb/>!<lb/>1<lb/>Wohnung unserer Gastfreunde und selbst auf den
Fluren<lb/>und Treppenwänden umherhingen, weil die Zimmer<lb/>sie nicht alle
zu fassen vermochten. Ich hatte sie mir<lb/>dadurch fest in das Gedächtniß
eingeprägt. Es waren<lb/>zum Theil sehr schöne Köpfe, sowohl die der
Männer<lb/>als die der Frauen, und sie waren, namentlich die aus<lb/>dem
fünfzehnten und achtzehnten Jahrhundert, auch<lb/>von guten Meistern gemalt.
Der Zug der Familien-<lb/>ähnlichkeit ließ sich durch das ganze Geschlecht
hindurch<lb/>verfolgen. Das dunkle Haar, die breite Stirne über<lb/>den
großen, weitgeöffneten Augen, die starke gradlinig,<lb/>vorspringende Nase
und das feste rhätische Kinn mit<lb/>dem kräftig geschnittenen Munde und den
stolz ge-<lb/>schwellten Lippen war fast Allen gemeinsam. Nur der<lb/>Kopf
des lezten Grafen von Nottenbuel, welcher nach<lb/>der Juschrift, die keinem
der Bilder fehlte, zu Paris<lb/>im Jahre siebzehnhundertsiebenundfünfzig
geboren war,<lb/>wich von dem Familientypus ab.<lb/>Das Bild zeigte einen
schönen, etwa dreißigjährigen<lb/>Mann in der Uniform der französischen
Schweizer-<lb/>garden und war ebenfalls gut gemalt. Die Grund-<lb/>formen
des Kopfes waren freilich die des ganzen Ge-<lb/>schlechtes, nur kleiner und
weniger scharf ausgeprägt<lb/>als bei den Andern, aber der Graf war blond,
und<lb/>der Ausdruck der großen dunkelblauen Augen und die<lb/>feinen Züge
um die weichen Lippen hatten etwas so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0012_011.tif" n="011"/>
<p><lb/>1<lb/>Schwärmerisches und Melancholisches, daß man
sich<lb/>unwillkürlich fragte: was hat der Mann gethan
und<lb/>erlebt?<lb/>Wir blieben einige Wochen in dem
Rottenbuel'schen<lb/>Hause und verließen es dann, um einen Besuch
zauf<lb/>einem Schlosse im Prätigau zu machen, dessen gegen-<lb/>wärtiger
Besizer, der hochbetagte Herr von Thurjs,<lb/>mit seiner ebenso bejahrten
Schwester in dem einsgmen<lb/>Edelhofe Haus hielt. Mitten in der wilden,
großartigen<lb/>Natur machte das zehn Fenster breite dreistöckige
Ge-<lb/>bäude mit den vier Thürmen an seinen Seiten, mit<lb/>der starken
Gartenmauer, durch deren Gitterthoxe man<lb/>schon, von außen die hohen
Pyramiden, und Wände<lb/>des glattgeschorenen Buchsbaum und Taxus
erblickte,'<lb/>einen äußerst wohnlichen Eindruck, und wir hatten
da-<lb/>her erst wenige Tage in dem Schlosse gelebt, als wir<lb/>uns in
demselben auch bereits heimisch und bei unseren<lb/>Wirthen, die wir erst
neuerdings kennen gelernt hatten,<lb/>wie bei alten Freunden eingebürgert
fühlten, ---<lb/>Eines Abends, als ein Gewitterregen uns in dem<lb/>Hause
festhielt, hatte Fräulein Ursula die ganze Zimmer-<lb/>reihe des ersten
Stockwerks öffnen lassen, und in der-<lb/>selben auf- und niedergehend,
kamen wir auch an das<lb/>Zimmer, das sie selbst bewohnte, und das wir bis
da-<lb/>hin noch nicht betreten hatten. Mit jener Zurückhgl-<lb/>kung, die
an alten Mädchen, je nach ihrem sonstigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0013_012.tif" n="012"/>
<p>1V<lb/>Charakter, rührend oder lächerlich sein kann, nöthigte<lb/>die
liebenswürdige Person nur mich allein, ihre Stube<lb/>in Augenschein zu
nehmen, und während die Männer<lb/>rauchend und plaudernd ihren Wandelgang
durch die<lb/>geöffneten Säle fortsezten, sah ich mir das kleine,
in<lb/>einem der Thürme gelegene Gemach an, das Fräulein<lb/>Ursula seit
ihrem funfzehnten Geburtstage, an welchem<lb/>die Eltern ihr ein eigenes
Zimmer gegeben, das heißt<lb/>seit vollen funfzig Jahren, inne
hatte.<lb/>Das Stübchen war traulich und sehr schön gelegen.<lb/>Aus den mit
weißen Gardinen verhängten Fenstern<lb/>sah man auf die großartige Natur,
auf die hohen,<lb/>wilden Felsenmassen hinaus, welche sich von allen
Ecken<lb/>um das Thal emporhoben, und auf das schwere, düstere<lb/>Gewölk,
das sich bis in das Thal herniedersenkend von<lb/>dem Sturme hin- und
hergetrieben wurde. In dem<lb/>Stübchen selbst war ein Gegensaz bemerklich
zwischen<lb/>der wohlerhaltenen ursprünglichen Einrichtung des kei-<lb/>nen
Gemaches und den einzelnen Möbeln, welche in<lb/>neuerer Zeit hinzugeschaft
worden waren. Neben der<lb/>schmalen, für ein junges Mädchen berechneten
Bett-<lb/>stelle mit den weißen, rosagefütterten Gardinen sahen<lb/>der
bequeme Lehnstuhl und das große Sopha der<lb/>Matrone befremdlich aus, und
doch machte das Zimmer<lb/>einen guten Eindruck, weil es mit so viel Liebe
ge-<lb/>halten war.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0014_013.tif" n="013"/>
<p><lb/><lb/>1<lb/>,Ich habe hier Alles so belassen,- sagte Jengfer
j<lb/>Ursula, als errathe sie, was mir auffalle, ,wwie meine<lb/>gute Mutter
es mir eingerichtet. Das sind noch die<lb/>Tische und Stühle, die sie für
mich gekauft; und das<lb/>Bett, das sie mir hingestellt und geschichtet,
soll auch<lb/>einmal mein Sterbebette sein. Sehen Sie, das<lb/>Schränkchen
dort'!=- sie wies auf einen jener alt-<lb/>modigen, ausgebauchten und reich
mit Messingbeschlägen<lb/>verzierten Schränke, in welchen man im vorigen
Jahr-<lb/>, hundert feine Tassen und sonstiges Porzellangexäth
auf-<lb/>zubewahren pflegte -,das Schränkchen ist noch von<lb/>der ersten
Pariser Einrichtung meiner Mutter, und ich<lb/>benutze es wie sie. Es ist
eine ganze Sammlung, eine<lb/>ganze Gallerie von Andenken in dem Schränkchen
ent-<lb/>halten. Ich brauche deshalb auch nur darauf hinzu-<lb/>blicken, um
mich im Geiste von einer Menge von<lb/>Menschen umgeben zu sehen, die alle
schon dahinge-<lb/>gangen sind und vorübergezogen, wie dort. die
Wolken<lb/>am Berge.<lb/>Während sie mich auf die ihr werthen
Angedenken<lb/>aufmerksam machte, war mein Auge, von den
zierlichen'<lb/>Kleinigkeiten abschweifend, an denen man die
Ge-<lb/>schmacksveränderung der letzten sechszig Jahre in
un-<lb/>unterbrochener Reihenfolge studiren konnte, auf drei<lb/>in dem
Zimmer befindliche, mit grüner Gaze überzogene -<lb/>Delbilder gefallen;
denn auch dem Schlosse Thuris<lb/>.=.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0015_014.tif" n="014"/>
<p><lb/>1<lb/><lb/><lb/>fehlte es nicht an Bildern, und meinem Blicke
folgend?<lb/>sagte Jungfer Ursula, indem sie von dem mittelsten<lb/>der'
Bilder den Vorhang fortzog: ,das ist meine!<lb/>Mutter !<lb/>Es war ein
merkwürdiges Gesicht, das aus der<lb/>tiefen schwarzen Spitzenhaube
hervorsah! Uralt, wie<lb/>die Fran gewesen sein mußte, als sie zu diesem
Bilde'<lb/>gesessen, denn die dunkelbraune Haut war von un-<lb/>zähligen
Falten und Zügen wwie durchfurcht und die<lb/>Hände sahen trocken und
runzlig wie die Rinde eines<lb/>Baumes aus, wurde man noch durch den
großartigen<lb/>Schnitt des Profiles und durch den Ausdruck
ernster<lb/>Gradheit überrascht, der aus demselben sprach. -<lb/>, Die Frau
muß ein Charakter gewesen sein ! rief,<lb/>ich unwillkürlich aus, ,und eine
Schönheit obenein!<lb/>Sie sehen ihr auffallend ähnlich, Jungfer
Ursula!<lb/>j<lb/>Das gute Mädchen lächelte. ,Sa, man hat das «.<lb/>immer
gefunden, mnd es ist wahr, meine Mutter muß<lb/>sehr schön gewesen sein. Ihr
aber hat ihre Schönheit,<lb/>als sie jung war, keinen großen Segen gebracht,
und<lb/>sie hat damals ihren ganzen Charakter nöthig gehabt,<lb/>um nur mit
dem Leben fertig zu werden. Man sollte<lb/>nicht denken, daß man, wie die
Mutter, achtundachtzig<lb/>Jahre alt werden könnte, wenn man soviel erlebt
und<lb/>getragen hat als sie. Wären Sie vor zwei Jahren<lb/>hergekommen, so
hätten Sie meine Mutter noch am<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0016_015.tif" n="015"/>
<p><lb/>Leben gefunden, und Se hätte an ihr eine ganz<lb/>,,Das gute Erzählen
zhaben Sie auch von Ihrer<lb/>Mutter geerbt!!! bemerkte ich.<lb/>,Ich habe
nuur nicht so viel und so Verschiedenes<lb/>erfahren, ich bin immer i hier
in unsern Bergen ges<lb/>blieben, und so lange die' Muttet gelebt hat,' häbe
ich<lb/>,auch nie daran gedacht, dgß es hätke anders sein kön-<lb/>nen, denn
es kam mir inimer vor, als sei ich nür' Am<lb/>ihretwillen auf der Welt.
Seit sie aber todt' ist, fällt<lb/>es mir bisweilen ein, daß ich gar nicht
für mich ge-<lb/>lebt habe. Ingeß, Gott hat das eben nicht
gewollt,<lb/>i<lb/>- s<lb/><lb/>!<lb/><lb/>i<lb/>si !<lb/>h h<lb/>r s
H<lb/><lb/>z<lb/>-<lb/>und mein Dasein ist dafür auch ein sehr sanftes unb
-I ? z<lb/>,rhiges gewesen.!<lb/>j<lb/>So friebllch sie diese Worte sprach,
dünkte mich s -'<lb/>, doch, als höre ich sie einen leisen Seufzer
unterdrücken<lb/>und als glänze ein feuchter Schimuner in ihreß' schöien s
-<lb/>Augen. Sie hatte sich aber von' mir abgewendet,
und<lb/>i<lb/><lb/>-<lb/>andere Gesellschaft gehabf, als än mir. Sie;
wußte<lb/>- so viel zu erzählen, und Fie erzäählte so schön !'<lb/><lb/>von
den beiden Portraits, welche zur Rechten und zur<lb/>Linken von dem Bilde
ihrer Mutter hingen, die Vor-<lb/>hänge fortziehend, sagte sie: ,das ist
mein Bater, und<lb/>das ist der erste Mann meiner Mutter.'! -<lb/>, Graf
Joseph von Rottenbuel? rief ich mit Neber-<lb/>z<lb/>i.<lb/>raschung, ,Ihre
Mutter war mit dem lezten Grafen<lb/>Rottenbuel
verheirathet?<lb/><lb/><lb/>h<lb/><lb/>s<lb/><lb/>-<lb/>=-l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0017_016.tif" n="016"/>
<p>, Sie kennen das Bilö? fragte mich Fräulein<lb/>Ursula sichtlich
erstaunt.<lb/>,Ich habe das Original desselben, denn dieses scheint<lb/>mir
nur eine Copie zu sein, in dem Rottenbuel'schen<lb/>Hause gesehen,' vetsezte
ich, ,und das schöne, schwer-l<lb/>müthige Gesicht des Grafen hat mich immer
wieder<lb/>angezogen. Ich habe mich oft gefragt, welche Schickj<lb/>sale
dieser Mann gehabt, welche Erfahrungen ihm jenen<lb/>Zug des Seelenleidens
in das ursprünglich so glücklichs<lb/>angelegte Gesicht gezeichnet haben
mögen. Und diesg<lb/>ernste, streng blickende Matrone zwwischen den
beide?<lb/>jungen und schönen Männern hat nun vollends etwas<lb/>N ?
-<lb/>Jungfer Ursula nickte nachdenklich mit dem Kopfe;<lb/>,Ja,' sagte sie,
,die haben viel zusammen erlebt, und<lb/>das ist nachher Alles hier bei uns
zur Ruhe gekommey,<lb/>und hier bestattet worden. Und nicht die Drei
alleinn<lb/>ruhen hier auf unserm Kirchhof in unserm Erbgewölbe.<lb/>Die
Mutter hat das Herz gehabt, auch die Marquisg<lb/>hier bei uns bestatten zu
lassen. Sie war groß ih<lb/>allen diesen Dingen, unsere Mutter. Sie sagte:
,die<lb/>Marquise gehört zu mir, wie Leid zur Freude, wie<lb/>Schatten zum
Licht !'' Sie war groß in allen Dingen!<lb/>Ich hätt' es nicht gekonnt, denn
die Marquise war ihr<lb/>böser Dämon!!!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0018_017.tif" n="017"/>
<p>j<lb/>Die gute Ursula hatte, wie alle Menschen, pwelche<lb/>sich stets in
engem Kreise ,ewegen, gie, ßigenheit, ihr<lb/>Wissen von den Dingen aüch bei
den Andern voraus-<lb/>zusezen; und ihre Aeußerungen und Pemerkungen
über,<lb/>den Charakter ihrer Muttex und über deren Schicksale<lb/>waren
dadurch doppelt geßignet, meinen Antheil ;und;<lb/>meine Neugierde zu
erregHn? - Ich -mochte zjedgh,gn,<lb/>dem Abende ihr mit weiteten Fragen
nicht beschwerlch<lb/>fallen, und erst nach längexem Verweilen h
Schloß.<lb/>Churis, erst nachdem Ursgla michh lieb gewonneg und;<lb/>ich sie
in ihrex ganzen ehfachen Güte hatte schätzeg<lb/>lernen, bat ich sie einmal,
jnir von der Geschichte ihrey<lb/>Mutter, yon dem Schicksal des Gxafen pon:
otten-<lb/>r kar<lb/>Sie zeigte sich augenblicklich dazu geneigt.
,,as;<lb/>ist Alles so lange her,' sagte sie, ,daß es mix, selbst,<lb/>fast
wie ein Stück aus der Historie, erschejnt,.. Die,<lb/>! Leiten, das Leben,
die. Menschen-und, dig itten ind<lb/>hier anders geworden. Damals, gls Graf
Joseph in;<lb/>-- granzösischen Diensten stand, war hier im Lande der,<lb/>s
Adel noch mächtig und Graubünden selbstständig fßr,<lb/>; sich, es hatte
damals noch die Herrschaft über, dgs:<lb/>genossenschaft, wir sind hier im-
Lande nur noch Gutsz -<lb/>s Lewald, Kleine Romane.
?.<lb/>s<lb/><lb/>d<lb/><lb/>i<lb/>f<lb/><lb/><lb/><lb/>h<lb/>i<lb/>I<lb/>V<lb/><lb/>;<lb/>;<lb/><lb/><lb/>h
ß<lb/>s s<lb/>-<lb/>! Veltlin und großen Einfluß und Besiz his gn, die<lb/>-
Seen. Jezt ist das porbei Wir gehören zur Eid-;<lb/>s<lb/>i
-<lb/><lb/><lb/>- - -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0019_018.tif" n="018"/>
<p>besizer, das Veltlin ist nicht mehr unser, und das<lb/>Dienen in fremden
Ländern ist unsern jungen Män-<lb/>nern nun endlich auch verboten.'!<lb/>Sie
hielt inne und meinte dann:,Vielleicht ist das<lb/>Alles recht und gut! Die
Mutter blieb von jeher immer<lb/>dabei, daß es sich für einen Edelmann nicht
schicke,<lb/>außer Landes für eine fremde Sache fechten zu gehen,<lb/>und
sie kannte im Grunde das Alles besser wie ich,<lb/>denn sie hatte es mit
erlebt, wozu es führte; und als<lb/>mein Bruder dann auf Reisen ging und in
Neapel<lb/>Dienste nehmen wollte, hat sie ihm die längsten
Briefe<lb/>dagegen geschrieben, bis er es unterließ.?!<lb/>,Sind denn
überhaupt viel Briefe vön Ihrer<lb/>Mutter erhalten? fragte ich.<lb/>,,Ja
freilich! Briefe von der Mutter und von den<lb/>Andern auch, und Tagebücher
ebenfalls. Sie hat sie<lb/>mir sammt und sonders vermacht, und wenn
ichsuein-<lb/>mal darüber komme, liest es sich wie ein Roman.'!<lb/>Ich bat
sie, mir die Briefe zur Durchsicht zu geben,<lb/>sie willigte ohne Weiteres
ein und schickte erzählend<lb/>alle die Erklärungen voraus, deren ich nach
ihrer Mei-<lb/>nung zum Verständniß desZusammenhanges unter denin<lb/>den
Briefschaften genannten Personen benöthigt ;war.<lb/>,Ich weiß,' sagte fie,
,wwenn Sie das Alles gelesen<lb/>haben werden, so machen Sie gewiß eine
Geschichte<lb/>daraus.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0020_019.tif" n="019"/>
<p>Ich erkundigte mich, ob sie etwas dagegen einzu-<lb/>wenden haben
würde.<lb/><lb/>19<lb/>,O nein!'' versetzte sie, ,meine Mutter kann
nur<lb/>dabei gewinnen, auch meinem Vater und dem Grafen<lb/>Rottenbuel
geschieht keine Unehre damit; und zuletzt<lb/>, ist's wie mit einem
Leichensteine, den man ja auch nur<lb/>aufrichtet, damuit die Todten nicht
vergessen werden,<lb/>wemn Niemand mehr lebt, der sie kannte und der
sich<lb/>ihrer antheilvoll annimmt.. Machen Sie mit den<lb/>Papieren, was
Sie wollen. Es liegt der Art hier<lb/>u -<lb/>im Schlosse noch viel mehr
aufgespeichert, und es ist<lb/>bisweilen recht erstaunlich; so zu lesen, auf
wie wunder- ! - -<lb/><lb/>bare Weise die Menschen aus unsern Bergen von
jeher<lb/>mit den Menschen außerhalb in Berührung gekommen<lb/>sind, und wie
mancher Sturm von außen hier den<lb/>Frieden stören kam. Hier bei uns im
Bündner Lande<lb/>sind oft ganz besondere Dinge vorgegangen !'!.<lb/>Sie
ging bei diesen Worten in das, Zimmer neben<lb/>ihrer Stube, in das
ehemalige Wohnzimmer ihrer<lb/>Mutter, dessen Möbel offenbar einer weit
zurückliegen-<lb/>den Zeit angehörten. Die Hälfte der einen Wand<lb/>wurde
durch einen altersgeschwärzten, unpolirten Eichen-<lb/>schrank eingenommen,
von einer Zusammensetzung und<lb/>innern Abtheilung, wie ich sie nie zuvor
gesehen hatte:<lb/>Die Mitte der oberen Hälfte war offen und mit
Borden<lb/>versehen, wie bei einem Schenktisch, und ,es
standen<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0021_020.tif" n="020"/>
<p>-<lb/><lb/><lb/>auch verschiedene altmodische Silber- und
Porzellange-<lb/>fäße darauf zur Schau. Unten war der Schrank,<lb/>gleich
den beiden Seitenflügeln, mit Thüren verschlossen<lb/>und Jungfer Ursula
zeigte mir, wie tief der Schrank<lb/>sei und wie viel Wäsche und Vorräthe
allein in der<lb/>linken Seite desselben aufgestapelt lagen. Die
rechte<lb/>Seite aber hatte in der Mitte einen verzierten Griff<lb/>von
Eisen, von welchem eine etwa drei und ein halb<lb/>Fuß hohe Stange beweglich
herabhing, und ich hatte<lb/>gleich, als wir in das Zimmer kamen, diese
Eisenstange<lb/>mit Neugierde, betrachtet. Nun schloß Jungfer Uxsula<lb/>ein
über dem Griffe durch das Schnizwerk fast' ver-<lb/>stecktes Schloß auf, und
die Eisenstange fiel. klappernd<lb/>herab, um die Stüze für einen kleinen
Schreibtisch zu<lb/>machen, über dessen Platte sich ein ganzer Thurmbau
von<lb/>kleinen Fächern und verborgenen Schiebladen, ein
wahres<lb/>Wunderwerk alter, ausgelegter Schreinerarbeit, aufthat.<lb/>, Der
Schrank muß zwwei, dreihundert Jahre alt<lb/>sein!'! rief ich mit
Verwunderung aus.<lb/>, O gewiß!!' meinte unsere Wirthin.,Es jst
ein<lb/>altes Erbstück aus der Familie meiner Mutter, Sie<lb/>hat eö aus dem
Engadin, von Schloß Gunta, wo sie<lb/>zu Hause war, hierher schaffen lassen,
als sie aus, Frank-<lb/>reich gekomnen ist, um hier meinen Vater zu
heirathen,<lb/>und sie erzählte oftmals, welche Schwierigkeitens es
ge-<lb/>macht habe, diesen Schrank über die Berge zn bringen. ,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0022_021.tif" n="021"/>
<p><lb/>A<lb/>i -- ;<lb/>Er stand sonst immer in dem großen Saale. Als<lb/>mein
Bruder aber das Erbe antrat und die Mutter<lb/>und ich uns nuun ganz, auf
diesem Seitenflügel des<lb/>Schlosses einrichteten, ließ sie ihren Schrank
und die ,<lb/>drei Bilder hier herüber schaffen.?!<lb/>kungfer Ursula hatte,
während sie also sprach, die<lb/>Wbetreffenden Papiere aus den verschiedenen
Fächern<lb/>hervorgesucht und händigte sie mir sammt und<lb/>sonders ein. Es
waxen Briefe, Notizen, Fage-<lb/>s<lb/>bücher von verschiedener Hand.
Dazwischen fanden -<lb/>sich Tauf- und Trauscheine, auch verschiedene
Diplome<lb/>und Offizierspatente lagen dabei Das gute alte I<lb/>Mädchen war
sehr gerührt, als sie die Papiere -<lb/>und die Andekken an vergangene Tage
und an ein -<lb/>vergangenes Geschlecht vor meinen Blicken auseinan-<lb/>der
legte.<lb/>,,Ich habe oft in den Blättern gelesen, und ihr<lb/>Inhalt ist
mir wie ein eigen, Erlebtes geworden,h,sagte i<lb/>sie freundlich.,Fs soll,
mich wundern, wie Sie, ;die<lb/>Sie gewohnt sind, die Menschen zu beobachten
und -<lb/>zu beurtheilen, diese Ereignisse und die Charaktere
auf-<lb/>fassen werden. Manches, was die Mutter erzählte,<lb/>steht mir so
lebendig vgr der Seele, daß ich selbst,<lb/>wenn die Winterzeit uns nicht
zum Hause herausläßt<lb/>und wir hier in unserm Thale von, allerWelt
abgeschieden, -<lb/>in Schnee und Eis vergraben sind, versucht habe,
die<lb/>- s<lb/>:<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0023_022.tif" n="022"/>
<p><lb/><lb/>s s<lb/>zgg.<lb/>A<lb/>einzelnen Scenen und Vorgänge aufzuschreiben
und =!<lb/>, Das geben Sie mir l' fiel ich ihr in das Wort,<lb/>,,denn was
eine so einfache und wahrhaftige Seele nach<lb/>mündlichen Berichten
niedergeschrieben hat, das muß<lb/>eine Natürlichkeit besizen. welche unsere
Reflexionsbil-<lb/>dung kaum nachzumachen im Stanre ist.!!<lb/>Die gute
Ursula zögerte eine Weile, ließ sich aber<lb/>denn endlich doch erbitten,
und aus ihren Skizzen, wie<lb/>aus den Tagebüchern des lezten Grafen von
Rotten-<lb/>buel habe ich die folgenden Thatsachen zusammengestellt,<lb/>nur
ergänzend, was die vorhandenen Briefe unklar
ließen.<lb/>»MpzpggggggeAöe<lb/>=- Kapitel<lb/>P<lb/>Es war im Sommer des
Jahres 18? und die<lb/>Sonne hatte sich noch nicht aus dem Frühnebel
eines<lb/>heißen Julitages emporgerungen, als zwei Reitsr in<lb/>einem der
entlegensten Theile des Bois de Boulogne<lb/>Halt machten.<lb/>, Es ist noch
Niemand hier!'! sagte Deutsch sprechend<lb/>der Jüngere von ihnen, indem er
vom Pferde stieg<lb/>und dieses dem Reitknecht übergab, welcher ihnen
auf<lb/>dem Fuße gefolgt war.<lb/>,,Um so besser,' entgegnete der andere
Herr, ,so<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0024_023.tif" n="023"/>
<p>a<lb/>N<lb/><lb/>hat man Zeit sich abzukühlen, und die, Hand wixd
-<lb/>ruhig..! Er knöpfte dabei den Reitrock von dunkelm<lb/>Tuche auf, den
er über der rothen Uniform dex könig-<lb/>lichen Schweizergarden trug, nahm
den kleinen, dreiecki-<lb/>gen Hut vom Kopfe und trocknete sich mit dem
feinen,<lb/>von Spitzen gerändertenTaschentuche leicht die Stirne.<lb/>Dann
legte er die Hände auf, dem Rücken, zusgmmnen,<lb/><lb/><lb/><lb/>und fing
an, langsam einen kleinen Raum ig - rgge- s<lb/>mäßigen Wendungen auf- und
nieder zu, schreiten, jals<lb/>wenn ihn keine Sorge drückte und keine
Gefahr, ihm f -<lb/>drohte.<lb/><lb/>i!<lb/>-<lb/>Er war ein großer, z
breitbrustiger und auffallend s<lb/><lb/><lb/>schöner Mann von gerade
dreißig Jahren; weil er aber<lb/>arra<lb/>hs lichen Locken seine Schläfen
umgab, und vie großen,. ; -<lb/>dunkelblauen Augen machten ihn sehr
anziehend. Seine<lb/>äußerst sorgfältige Keidung verrieth, daß er s,ch.
seiner ;<lb/>Vorzüge wohl bewußt war, und,ihnen durch Ekeine ßex-<lb/>;
nachlässigung Abbruch thun -mochte-- -Seine Uniform<lb/>zeigte, wie gut er
gewachsen sei, und sein. Jabot und<lb/>seine Manschetten machten durch die
Sorgfalt, welche<lb/>offenbar auf dieselben verwendet worden war,
seinem<lb/>Geschmacke Ehre.<lb/>,Ich habe Noth gehabt, geftern in den
wenigen, ß s<lb/>-<lb/>Stunden noch meinen Uilaub, zu erhalten !- sagte
er<lb/><lb/><lb/><lb/>1<lb/><lb/>-=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0025_024.tif" n="024"/>
<p><lb/><lb/>s<lb/><lb/>nach einer Weile.,Man schien etwas zu vermuthen,<lb/>man
meinte, es wären eben jetzt schon so Viele beur-<lb/>laubt, ich solle
warten.'!<lb/>,,Und wie erlangten Sie ihn endlich? fragte
der<lb/>Jüngere.<lb/>,Ich sagte die einfache Wahrheit, die aber für
mich<lb/>freilich keine Wahrheit in sich schloß. Ich gab
Familien-<lb/>angelegenheiten vor und sprach von der Heirath, zu<lb/>welcher
Deine Mutter mich zu überreden wünscht. Das<lb/>zerstreute die Muthmaßungen
und Zweifel in doppeltem<lb/>Betrachte, und der Urlaub ward mir dann sogar,
iwie<lb/>ich es wünschte, auf unbestimmte Zeit bewilligt.<lb/>Inzwischen
hatte er seinen Degen losgemacht und<lb/>ihn seinem Gefährten übergeben.
Dieser zog ihn aus<lb/>der Scheide, prüfte seine Schärfe, stemmte die
Spitze<lb/>gegen den Boden und freute sich der feinen, untechalb<lb/>des
Griffes reich mit Gold ausgelegten Kinge. I<lb/>Trotzdem war eine gewisse
Unruhe an ihm zu er-<lb/>kennen. Er sah öfters auf den Weg zurück,
von<lb/>welchem sie gekommen waren, blickte darauf in das<lb/>stolze Antliz
seines Gefäährten und die Allee hinab-<lb/>schauend, an deren Ende ein Wagen
sichtbar wurde,<lb/>sagte er: ,Ich wollte, Onkel, Sie hätten auch
für<lb/>einen Arzt gesorgt!''<lb/>Der Angeredete lächelte, und seinem jungen
Ge-<lb/>fährten auf die Schulter klopfend, entgegnete er: ,Sei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0026_025.tif" n="025"/>
<p><lb/>s<lb/>es<lb/>unbesorgt, Ulrich! wegn ich des Wagens oder des<lb/>Doetors
bedürfen sollts, wird der Chevalier sich ohne<lb/>Frage ein besonderes
Vergnügen daraus machen, mir<lb/>F den seinigen zu überlassen.! Er zog dabei
die hr<lb/>heraus und bemerkte mit einem Anfluge von Spott:<lb/>l l<lb/>i1
ß<lb/>z! s<lb/><lb/>, Er hat's nicht eilig, wie Du siehst!'' -'<lb/>! -
-<lb/>s 1 s<lb/>s -<lb/><lb/>!<lb/>Während dessen wai der Wagenb aber näher'
Ige- ,<lb/>kommen, und man konnte dem jüngern der'' beiden ,<lb/>h Männer
ansehen, daß er mit sich kämpfte, daß er ?<lb/><lb/>i -<lb/>eine Frage thun
wollte und sie unterdrückte. -Erdlich ; -<lb/>1<lb/>z<lb/><lb/>l<lb/>sagte
er:,Haben Sie inir Etwas aufzutragen? Häbe !<lb/>ich Etwas zu besorgen,
Onkel<lb/>t<lb/>t;<lb/>Der Andere lächelte. ,Man ruft dem Jäger, wenn
,<lb/>er auf die Jagd geht, dem Bergmann, wenn er in I<lb/>s<lb/>den Schacht
fährt, ein Glück auf! zu, und Du krächzest I<lb/>Unglücksahnmngen, wwie ein
Rabe!' Das, ist - nicht , -<lb/>Mcnier, mein Junge!'! Und mit einem Ausdruck
vön ,<lb/>selbstgefälligem Stolze, der ihm aber ganz' vortrefflich
-<lb/>anstand, sagte er: Als ich Dir die Ehre anthat, Dich ;<lb/>in dem
Duell zwischenZir, den Grafen Joseph von<lb/>Rottenbuel, und, denc'hevalier
von Eagnac zu meinem<lb/>Seeundanten. zu machen, dachte ich, daß es an' der
s<lb/>Zeit sei, Dir durch diese meine Wahl einen bemerkeüs-<lb/>werthen
Eintritt in die große Welt zu sichern. - Auf<lb/>Deine Rührung wwar es dabei
nicht abgesehen, mein ! -<lb/>lieber Freund !'!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0027_026.tif" n="026"/>
<p>!<lb/><lb/>!<lb/>Der junge Mann wurde roth, seine hellen Augen<lb/>glänzten,
man hätte nicht sagen können, ob vor Weh-<lb/>muth oder vor Zorn.,Sie wissen
es, mein Onkel,'<lb/>sprach er im Tone der Erklärung, ,,wwie sehr
meine<lb/>Mutter Sie liebt! wie sehr =-''<lb/>,Ich weiß, fiel Graf Joseph
ihm in die Rebe,<lb/>,,ich weiß! Und ich denke sie ja auch wieder zu
sehen,<lb/>vielleicht in wenigen Tagen sie wieder zu sehen!!! fügte<lb/>er
begütigend hinzu. ,Im Nebrigen sei ohne Sorge!<lb/>Das Fleuret eines
Chevalier von Lagnac tödtet keinen<lb/>Mann wie mich! Er hatte eine Lektion
nöthig, die<lb/>l<lb/>soll er bekommen und damit basta!r<lb/>Der Graf hatte
diese letzten Worte noch nicht vol-<lb/>lendet, als der Wagen des Chevalier
auf dem Platze<lb/>hielt. Der Diener öffnete den Schlag, und dem
aus-<lb/>steigenden Arzt und Sekundanten folgte der Chevalier.<lb/>Er konnte
etwa zwweiundzwanzig Jahre zählen, ,mmud<lb/>auch er sah auf den ersten
Blick noch jünger aus, denn<lb/>er war klein, von feinem Gliederbau, und die
kecken,<lb/>schwarzen Augen und das kleine Schnurrbärtchen auf<lb/>der
Oberlippe ließen seine helle und frische Gesichts-<lb/>farbe fast weiblich
erscheinen. Trotz des warmen<lb/>Wetters hatte er einen weiten weißen
Tuchmantel über-<lb/>geworfen, und die weißen Casimirbeinkleider, die
wweiß-<lb/>seidenen Strümpfe und der braunrothe, mit Schnuren-<lb/>werk
reich besezte Rock, den er über der weißen Weste<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0028_027.tif" n="027"/>
<p>tug, stachen in ihrer Hellfarbigkeit und Leichtigkeit<lb/>gegen den dunkeln
Reitrock des Grafen ebenso wie das<lb/>Aeußere der beiden Gegner von
einander ab.<lb/>Man begrüßte sich in aller Form, die männliche<lb/>Haltung
des Grafen, die leichte Grazie des Chevaliers<lb/>verleugneten sich dabei
nicht, und nachdem die üblichen<lb/>Verständigungsversuche von den beiden
Seeundanten<lb/>gemacht, von den beiden Kämpfern zurückgewiesen,
das<lb/>Terrain gewählt, die Waffen ausgeglichen, Licht und<lb/>Sonne Beiden
gleich zugemessen worden waren, legten<lb/>der Graf und der Chevalier die
Röcke ab, und das<lb/>Duell begann.<lb/>Es war ein Vergnüügen, diese Männer
einander<lb/>gegenüber zu sehen, zu sehen, mit welch ruhigem Lächeln<lb/>der
Graf sich auslegte, mit welch strahlender Heiterkeit<lb/>der Chevalier ihm
entgegentrat. Wie spielend that<lb/>der Graf die ersten Stöße, aber die
sichere Gewandt-<lb/>heit, mit welcher der Chevalier sie parirte und
er-<lb/>widerte, belehrte den Grafen bald, daß er keinen
ihm<lb/>unangemessenen Gegner vor sich habe, und daß die<lb/>kleine zarte
Hand des jungen Mannes eben so sicher<lb/>die Klinge zu führen wußte, als
sie geschickt eine<lb/>Schleife zu entwenden, einer Dame ein Billet
zuzu-<lb/>stecken und eine Rose zu überreichen verstand.<lb/>Schon nach
wenig Augenblicken hatte der Kampf<lb/>eine andere Gestalt gewonnen, Graf
Joseph warf sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0029_028.tif" n="028"/>
<p>z?<lb/><lb/><lb/><lb/>I<lb/>?<lb/>fester in seine Stellung zurück, sein
Gesicht war ernst-<lb/>hafter geworden, und je unverkennbarer die helle
Zu-<lb/>versicht in dem schönen Antliz seines Gegners hervor-<lb/>trat, je
schneller Stoß auf Stoß einander folgten, je<lb/>mehr verdüsterten sich des
Grafen Züge. Die Lection,<lb/>auf die er es für den Chevalier abgesehen
hatte, war<lb/>nicht so leicht zu geben, als Jener erwartet. Aus
der<lb/>Rolle eines spielenden Angreifers sah er sich, da er<lb/>anfangs
offenbar seinen jugendlichen Gegner zu schonen<lb/>gedacht, in die Lage
eines Angegriffenen versetzt, und<lb/>plötzlich von seiner Lebhaftigkeit
übermannt, that er<lb/>einen Stoß, der bestimmt war, den Arm deö
Chevalier<lb/>zu treffen und ihn kampfunfähig zu machen; indeß eine<lb/>zu
heftige Wendung desselben machte es seinem Secun-<lb/>danten unmöglich, ihn
in der rechten Weise zu decken,<lb/>der Degen entfiel der Hand des
Fechtenden, und<lb/>krampfhaft nach der Brust greifend, sank der
junge<lb/>Mann lautlos zu Boden.<lb/>Eine halbe Stunde spääter fuhr der
Wagen des<lb/>Chevalier langsamen Schrittes über die weichen Sand-<lb/>wege
des Boulogner Gehölzes dem Fauborg Saint-<lb/>Germain zu, während die beiden
Schweizer auf raschen<lb/>Pferden die entgegengesetzte Straße einschlugen,
um<lb/>die Garnison der Grafen, um Versailles zu erreichen,<lb/>wo der Hof
sich aufhielt.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0030_029.tif" n="029"/>
<p><lb/>W9<lb/>K Kapitel<lb/>In dem Boudoir der Königin waren die
Portieren<lb/>herabgelassen, welche es von dem Nebenzimmer trennten.<lb/>,
Zwei Hofdamen saßen in dem letzteren. Die Eine<lb/><lb/>derselben hatte ein
Billet in den Händen, das sie eben<lb/>gelesen und dessen Inhalt auf beide
Damen eine er-<lb/>schreckende Wirkung ausgeübt hatte. Sie sprachen
leise<lb/>mit einander, und ihre Unterhaltung mußte irgend einen<lb/>Bezug
auf ihre Herrin haben, denn sie blickten wäh-<lb/>rend derselben bisweilen
unwillkürlich nach dem Ea-<lb/>binete, als ob von dort her irgend ein
Aufschluß oder<lb/>z eine Entscheiöung zu erwarten stände.<lb/>Es verging
aber eine geraume Seit, ohne daß ein<lb/>n raIr<lb/>! quets von Buchsbaum
und Erlen sangen die Vögel.<lb/>Die Wasser rauschten an allen Ecken und
Enden aus<lb/>den Fontainen hernieder, die Sonne schien hell und<lb/>warm
durch die bis zum Boden herabgehenden Fenster<lb/>herein und leuchtete bis
auf die violetten Vorhänge<lb/>des Boudoirs, deren goldene Quasten sich in
ihrem -<lb/>Lichte prächtig von dem dunkeln Hintergrunde abhoben.<lb/>Die
Stille fing offenbar an, auf die diensthaben-<lb/>den Damen ihren Einfluß
auszuüben, denn sie ver-<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0031_030.tif" n="030"/>
<p><lb/><lb/>8O<lb/>stummten allmälich, und die Eine und die Andere<lb/>hatten
sich mtwüde in die hohen Lehnen der niedrigen<lb/>Sessel zurückgelegt, als
die Portisre des Boudoirs<lb/>plötzlich zurückgeschlagen wurde und die
damals zweiund-<lb/>dreißigjährige Königin Marie Antoinette in der
Thüre<lb/>sichtbar wurde. Sie war noch im Morgenkleide, aber<lb/>ihrer
zugleich frischen und gebietenden Schönheit stand<lb/>eine leichtere und
zwanglose Kleidung so wohl an, daß<lb/>die Königin sie vorzugsweise liebte.
Ihr Gewand von<lb/>weißem Mousselin war mit rosa Bändern s ls Wat-<lb/>teau
aufgeschürzt, so daß man ihr Unterkleid von<lb/>weißem Gros de Tours, die
mit rosa Pompons auf-<lb/>genommenen Falbalas desselben und die
weißseidenen<lb/>Absazschuhe mit den großen blaßrothen Schleifen
sehen<lb/>konnte. Ein Kantentuch s- ls gazssnne mit rosa<lb/>Bändern
durchzogen umgab ihren Nacken und ihren<lb/>Busen, und ein ähnliches
Spizentuch mit rothen Rosen<lb/>verziert, wie die Königin es auch in einem
der lezten<lb/>Schäferspiele in Trianon gekragen, war über ihrer<lb/>hohen,
aber bereits durch die Mode gelockerten Frjsur<lb/>befestigt, so daß die
Rosen gerade über ihrer Stirne<lb/>zu liegen kamen und die langen,
durchsichtig gepuderten<lb/>Locken hinter den Ohren der Königin bis tief auf
ihre<lb/>Schulter hernieder fielen.<lb/>Die Damen erhoben sich bei ihrem
Anblick, und<lb/>im Zimmer umherschauend fragte die Königin: ,Ist<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0032_031.tif" n="031"/>
<p>s<lb/>h<lb/>Hl<lb/>die Herzogin noch nicht hier? Ein Ühr ist vorüber.<lb/>Da
trat eine der Damen an einen Seitentisch<lb/>heran, auf welchem sich auf
silbernem Teller ein ver-<lb/>siegeltes Billet befand, und indem sie es der
Königin<lb/>überreichte, berichtete sie, daß der Läufer der Herzogin<lb/>vor
einer halben Stunde dieses Schreiben überbracht<lb/>habe.<lb/>, Und weshalb
erhielt ich es nicht gleich? rief die<lb/>Königin, indem sie das Billet in
Empfang nahm. -<lb/>,Majestät hatten den Befehl gegeben, Sie
unter<lb/>keiner Bedingung zu unterbrechen !' entschuldigte
die<lb/>Hofdame.<lb/>Die Königin hatte während dem das Blatt
eröffnet.<lb/>Es enthielt gnr die wenigen Worte:,Von der Gnade<lb/>Ihrer
Königlichen Majestät, auf die zu bauen ihre<lb/>huldvolle Güte mich bereits
gewöhnt hat, erbitte ich<lb/>mir die Erlaubniß, mich eine halbe Stunde
spääter bei<lb/>Ihrer Majestät einfinden zu dürfen, da ein
Unglücks-<lb/>fall in meinek Familie mich schwer getrofen hat und<lb/>ich
nicht fassungslos vor den Augen meiner aller-<lb/>gnädigsten Königin zu
erscheinen wage.?<lb/>Die Königin war betroffen, sie liebte die
Herzogin,<lb/>und obschon Königin, war sie eine Frau und der Neu-<lb/>gier
nicht unzugänglich. Sie wendete sich daher an<lb/>die ältere ihrer Dämen und
sagte: ,Die Herzogin<lb/>schreibt mir von einem Uuglücksfall, welcher sich
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0033_032.tif" n="032"/>
<p>A<lb/><lb/><lb/><lb/>l<lb/>h<lb/><lb/>k<lb/>H<lb/>ihrer Familie zugetragen
und sie schwer getroffen habe,<lb/>Wissen Sie, Marquise, was Ihrer Cousine
be-<lb/>gegnet istF<lb/>Die Hofdame verneinte es, indessen ein
flüchtiger<lb/>Wechsel ihrer Farbe strafte ihre Worte Lüge, und
der<lb/>Königin, früh gewöhnt, die Menschen zu beobachten,<lb/>und
scharfsinnig, wenn sie sich nicht alsichtlich ver-<lb/>blenden wollte,
entging die Bewegung der stolzen<lb/>Schönheit nicht. Ihr großes, hellblaues
Auge fest auf<lb/>sie heftend, wollte sie daher eben eine zweite
Frage<lb/>an Frau von Vieillemarin richten, als zu deren Gläcke<lb/>die
Ankunft der Herzogin von Polignac gemeldet wirde<lb/>und diese, nach
erhaltener Erlaubniß, vor der Königin<lb/>erschien.<lb/>Mit jener
persönlichen Ungezwungenheit, welche<lb/>auch bei Hochgeborenen das
sicherste Zeichen ihres<lb/>Selbstgefühls und ihrer Selbstherrlichkeit ist,
-ging<lb/>Marie Antoinette der Herzogin enkgegen, und ohne<lb/>ihr Zeit zu
dem ceremoniellen, vorschriftsmäßigen Ein-<lb/>tritt zu lassen, sagte sie
mit gütiger Lebhaftigkeit: ,Sie<lb/>haben mich mit Ihrem Brief erschreckt!
was hat sich<lb/>in Ihrem Hause Unglückliches ereignet, meine
theure<lb/>Herzogin?<lb/>Die Königin reichte dabei derselben ihre
Hand,<lb/>welche die Herzogin sich tief niederbeugend küßte,
dann<lb/>richtete diese sich auf, und weil sie wohl wußte,, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0034_033.tif" n="033"/>
<p>H8<lb/>fürstliche Herrschaften selbst von liebsten Freunden
Aus-<lb/>einandersezungen ihrer Leiden nicht zu hören lieben,<lb/>antwortete
sie: ,Mein Neffe, der Chevalier von Lagnac,<lb/>ist diesen Morgen tödtlich
im Duell verwundet.r!<lb/>, O, hoffen Sie, er wird genesen!'' rief die
Königin,<lb/>welcher schon die traurige Miene ihrer Freundin pein-<lb/>lich
und beschwerlich war.<lb/>,Der Ausspruch der Aerzte giebt dieser
Hoffnung<lb/>wenig Raum, wendete die Herzogin ein, welche Grünve<lb/>hatte,
die Unterhaltung nicht so kurz abbrechen zu lassen.<lb/>, Und wer war sein
Gegner?' forschte die Königin -<lb/>- weiter, um nur zunächst von dem
Verwundeten nicht<lb/>mehr zu hören und des Beklagens ledig zu werden.<lb/>,
Graf Joseph von Rottenbuel, Ew. Majestät!''<lb/>, Graf Rottenbuel?
wiederholte die Königin, ,der<lb/>Major Rottenbuel? Wie hängt das zusammen?
Kennt<lb/>man die Veranlassung des Zwistes?<lb/>,Ich wenigstens kenne sie,
Majestät!!! antwortete<lb/>die Herzogin, indem ein flüchtiger, aber
finsterer Blck<lb/>an Frau von Vieillemarin vorüberstreifte.<lb/>, So lassen
Sie mich hören, gebot die Königin,<lb/>indem sie in ihr Cabinet zurücktrat
und der Herzogin<lb/>ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Dann wurden
von<lb/>innen die Flügelthüren des Cabinetes zugemacht, und<lb/>die beiden
Hofdamen blieben wieder allein in dem<lb/>Empfangssaale zurück.<lb/>s
Lewald, Kleine Nomane. ?<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0035_034.tif" n="034"/>
<p><lb/><lb/>s<lb/><lb/>s.<lb/>s. Kapites<lb/>Am Abende war ein Gewitter
aufgezogen und es<lb/>regnete stark. Die Nacht brach früh herein, weil
die<lb/>Sonne hinter schweren Wolken versteckt war, und da<lb/>man des üblen
Wetters wegen die Lustpartie hatte<lb/>aufgeben müssen, welche man am Hofe
für diesen Tag<lb/>festgesetzt, war ein Concert in den Gemächern
der<lb/>Königin angeordnet worden.<lb/>Der Anfang desselben war nicht mehr
fern, als<lb/>ein Mann, tief in seinen Regenmantel eingehüllt,
über<lb/>einen der Seitenhöfe des Schlosses schritt und seinen<lb/>Weg nach
dem Flügel einschlug, den die dienstthuenden<lb/>Hofdamen in Versailles
bewohnten. Als er sich dem<lb/>Portale näherte, rief die schweizer
Schildwache ihn an.<lb/>Er gab die Parole als Antwort, und die
Schildwgce<lb/>schien ihn auch zu erkennen, sobald der Strahl der
Laterne<lb/>ihn beleuchtete. Sie präsentirte, als er vorüberging.<lb/>Auf
den Gallerien und Gängen im Schlosse war<lb/>es still und leer. Määnner und
Frauen waren in den<lb/>Toilettenzimmern beschäftigt, die Kammerdiener
und<lb/>Kammerfrauen hatten alle Hände voll zu thun, die<lb/>Lakaien
besorgten die Ordnung und Beleuchtung in<lb/>den Sälen. Der Mann im dunkeln
Mantel mußte<lb/>aber bekannt im Schlosse sein, denn er gelangte,
ohne<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0036_035.tif" n="035"/>
<p>darum fragen zu müssen, an ein Zimmer in dem lezten -<lb/>Pavillon, und
nachdem er, die Hände zusammenlegend,<lb/>leise den nächtlichen Schrei der
Euie nachgeahmt hatte, -<lb/>öffnete sich eine Thüre zur Linken, in welcher
er ver-<lb/>schwand.<lb/>Das Zimmer, in welches er eintrat, war fast
dunkel.<lb/>Die Läden waren gegen den Garten hin geschlossen,<lb/>in der
Ecke auf einem dreifüßigen -Marmortische -<lb/>brannten die Kerzen auf einem
Armleuchter. Sie<lb/>gahen eben nur Licht genug, die prächtige Einrichtung
-<lb/>des großen Raumes zu gewahren, aber der Cavalier be-<lb/>achtete sie
nicht, er schien den Saal zu kennen, und<lb/>i er kannte auch die Dame,
welche ihn dort erwartete,<lb/>, und deren reiches Hofcostüm einen
sonderbaren<lb/>Gegensatz zu der Dunkelheit und Einsamkeit des<lb/>Saales
bildete. Ihre Haltung verrieth ihre Un-<lb/><lb/>ruhe und ihre Aufregung;
die Gelassenheit des Man<lb/>T nes, der ihr gegenüber stand, war anscheinend
um so<lb/>f größer<lb/>,Sie haben mich gerufen, Frau Marquise,'
sagte<lb/>er,,und noch einmal bin ich ihrer Einladung gefolgt,<lb/>obschon
ich nach der Weise, in welcher Sie gestern<lb/>meine Fragen, meine bittenden
Vorstellungen aufge-<lb/>nommen, kaum noch darauf gerechnet hatte, der
Gunst-<lb/>g Hner solchen Einladung theilhaftig zu werden. Darf<lb/>ich Sie
fragen, welchem Ereigniß oder welcher glück-<lb/>z<lb/>l !<lb/>d L -<lb/>d
s<lb/>1 «<lb/>eg=<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0037_036.tif" n="036"/>
<p><lb/><lb/>llchen Stimwnung ich den Borzug verdanke, Sie, und<lb/>eben hier an
diesem Orte wieder zu sehen? ='<lb/>Er sprach diese Worte mit der
Gemessenheit eines<lb/>Menschen aus, der sie vorher überlegt und sich
über-<lb/>haupt die Rolle vorgezeichnet hat, welche er aufrecht<lb/>zu
halten gedenkt; indeß ein Ton von Gereiztheit und<lb/>von Erregung drang
wider seiner Willen daraus her-<lb/>vor. Die Dame empfand das, aber sie
wollte es nicht<lb/>bemerken.<lb/>,Ich würde die Freiheit, die ich mir
genommen,!<lb/>versetzte sie, ,allerdings zu entschulhigen haben,
Herr<lb/>Graf, hätte ich Sie nicht sprechen müssen, um Ihnen<lb/>zn sagen,
was ich Ihnen zu schreiben nicht für sicher<lb/>hielt. Der Zustand des
Chevalier von Lagnac ist hoff-<lb/>nungslos. Ich weiß, daß Sie beurlaubt
sind. Säumen<lb/>Sie nicht, Herr Graf, Ihren Urlaub zu benutzen.
Der<lb/>König, Sie wissen es, ist dem Duell entgegen, seit der<lb/>Graf von
Artois selbst in dem Zweikampf mit dem<lb/>Herzog von Bourbon sein Leben
aussetzte, und der<lb/>Graf von Artois ist in Verzweiflung darüber, daß
er<lb/>kagnac, daß er seinen Günstling und Genossen ver-<lb/>lieren soll.
Die Herzogin aber schürt das Feuer des<lb/>königlichen Zornes. Es handelt
sich um Ihre Freiheit,<lb/>um Ihre Zukunft, Graf! Man spricht davon, ein
Bei-<lb/>spiel. zu statuiren, eine lettre äe oaohet =<lb/>Der Graf lachte
spöttisch.,Sparen Sie die Mühe,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0038_037.tif" n="037"/>
<p>-<lb/>j Marquise, sagte er, ,mir zu beweisen, wie sehr Sle<lb/>mich zu
entfernen wünschen.'!<lb/>j<lb/>Die scharfgezeichneten Augenbrauen der
Marquise<lb/>zuckten leise zusammen, ihre Lippen öffneten sich, aher<lb/>sie
unterdrückte ihre Bewegung, unterdrückte auch die-<lb/>; Antwort, welche sie
zu geben beabsichtigt hatte, und<lb/>z sagte mit wwiedergewonnener Fassung:
IEs steht bei<lb/>Ihnen, Graf Rottenbuel, es zu verkennen, daß- ich
gut<lb/>zu machen, vergessen zu machen wünschte, was ich gegen<lb/><lb/>?-
Sie verschulbet.?<lb/>Und wieder unterbrach sie der Graf. Gut
machen?<lb/>vergessen machen? rief er.,Kannst Du es mich ver-<lb/>h zsene
ei-be beies dezens n dergebgn d dab D<lb/>gessen machen, Franziska, daß ich
in Dir einst die<lb/>sie verrathen hast? Kannst Du sie mich vergessen<lb/>F
machen, Kranziska, die Stunde, in welcher Du hier,<lb/>, eben hier in diesem
Pavillon, mir Treue geschworen,<lb/>mir Deine Hand, Dich selbst für immer
angelobt,' wenn<lb/>lk ich di Lustinmng Deiner Eltern fäe unsere Ver-<lb/>t?
bindung zu erlangen wüßte? Denkst Du des Abends,<lb/>es sind fünf Jahre her,
als Du, das kaum dem Vater-<lb/>n
EaaDk<lb/>rrrr<lb/>ir<lb/>ti<lb/>l<lb/>theile für sich und Deine Brüder von
Deiner eben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0039_038.tif" n="038"/>
<p><lb/>!<lb/>?<lb/>s<lb/>88<lb/>angetretenen Stellung neben der Königin
versprachen?<lb/>Erinnerst Du Dich'! -- er vollendete den Saz nicht,<lb/>und
mit ganz verändertem Tone fügte er hinzu: ,Ich<lb/>ging in die Touraine, ich
sah Deine Eltern, ich er-<lb/>langte ihre Zustimmung; und als ich
wiederkehrte, als<lb/>ich das Herz voll Hofnung vor Dir erschien, als
ich<lb/>es mir vorstellte, welches Glückes wir fern von hier<lb/>in meiner
Heimath genießen würden, da- hatte die<lb/>Herzogin Dich unter ihren ganz
besondern Schutz ge-<lb/>nommen. Die Nachricht vou Deiner
beabsichtigten<lb/>Verlobung mit ihrem Vetter war die erste Kunde,
die<lb/>ich hier empfing, Deine Zustimmung zu derselben, die<lb/>Freude, die
Du mir zum Willkomm zugedacht!!!<lb/>Der Marquise kam diese Scene ungelegen,
aber<lb/>ihre Gefallsucht konnte es nicht ertragen, selbst den<lb/>einst
verschmähten und seitdem von ihr in koketter<lb/>Selbstsucht neben sich
festgehaltenen Mann in Zorn<lb/>und Unmuth von sich scheiden zu sehen. Sie
war nur<lb/>der Huldigungen, nicht der Vorwürfe von ihm gewohnt,<lb/>und
doppelt in ihrer Eitelkeit verletzt, rief sie, schnell<lb/>mit sich darüber
einig, wie sie sich diesem Manne gegen-<lb/>über zu verhalten hätte:,Nun ja!
sei es darum, ich<lb/>fehlte. Ich fehlte gegen Sie, ich brach mein
Wort<lb/>aber muß ich Ihnen denn noch heute, nach fünf Jahren<lb/>voll
heimlich getragenen Unglücks, es wiederholen -<lb/>ich wußte nicht, was ich
damit that, ich ahnte es nicht,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0040_039.tif" n="039"/>
<p>89<lb/>daß ich damit aller Hoffnung, allem Glücke meines<lb/>Lebens ein für
allemal den Stab brach?'<lb/>Ihre Stimme sagte noch mehr als ihre Worte,
und<lb/>vor dem vollen, schmelzenden Blicke ihres Auges, den<lb/>sie fest
auf den Grasen richtete, verstummte er.<lb/>Mehr hatte sie für den
Augenblick gar nicht ge- -<lb/>wollt, und schnell und schneller sprechend,
je weiter sie<lb/>in ihrer Erklärung fortschritt, sagte sie: ,Ich
hoffe,<lb/>Sie endlich von der Wahrheit meiner Worte zu über-<lb/>zeugen; um
Ihretwillen, Graf, hoffe ich, Sie werden<lb/>mir vertrauen. Sie müssen Paris
verlassen, ehe es -<lb/>zu spät wird, aber grade darum sollen Sie mich
hören,<lb/>mich noch einmal hören, ehe wir für immer scheiden.!!<lb/>Sie
machte eine Pause und sezte sich nieder.,Es ist<lb/>wahr,' sagte sie dann,
,ich habe Sie geliebt, ich habe<lb/>Ihnen Treue geschworen und ich habe
diese Treue ver-<lb/>rathen. Ehrgeiz und Eitelkeit rissen mich hin;
aber<lb/>ich war siebenzehn Jahr alt, ich hatte noch nicht den -<lb/>Muth,
mir ein Leben, eine Zukunft für mich' selbst<lb/>zuzuerkennen. Ich wurde die
Gattin des Marquis,<lb/>die Cousine der Herzogin. Man beneidete mein
Loos,<lb/>man lobte meine Fügsamkeit, die erhöhte Liebe meiner<lb/>verehrten
Eltern, die größte Zärtlichkeit meiner Brüder<lb/>lohnten mir das Opfer, das
ich gebracht hatte, und -<lb/>ich war zufrieden. Ich glaubte damals, man
könne<lb/>die Liebe vergessen; es schmeichelte mir, einen der
großen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0041_040.tif" n="040"/>
<p>s<lb/>4O<lb/>Namen Frankreichs zu tragen und die nahe Verwanldte<lb/>der
allmächtigen Herzogin zu werden. Da traten Sie<lb/>auf's Neue an mich heran,
und Ihr Schmerz machte<lb/>mir klar, was ich verloren hatte, er erweckte
mein eigenes<lb/>Herz. Aber es war zu spät. Unter Ihren und mei-<lb/>nen
Thränen schwur ich, Ihnen ='<lb/>,FFranziska, nur daran erinnere mich
nicht!'' rief<lb/>Graf Joseph, ,sprich es nicht aus, daß du mir
ange-<lb/>lobt, mein Ideal zu bleiben, da Du mein Weib nicht<lb/>werden
konntest! denn auch dies, auch dies Versprechen<lb/>hast Du schlecht
gehalten !''--<lb/>S<lb/>Sie schwiegen Beide, dann sagte der Graf:
,Die<lb/>Tage der Jugend, der Täuschungen liegen hinter mir.<lb/>Ich bin
nicht mehr der glückliche Jüngling, der einst<lb/>zu dem Weibe wie zu einer
Gottheit emporschaute, ich<lb/>habe das Weib kennen gelernt in seiner
Schwäche -<lb/>aber ich vermag mich dessen nicht zu freuen. Dich
zu<lb/>sehen, Dir zu folgen, stürzte ich mich in den Kieis<lb/>des Hofes,
für dessen Glanz und Schimmer Du mich<lb/>aufgeopfert. Ich sah, wie Du
verarmten Herzens nach<lb/>Zerstreuung suchtest, ich sah, wie Du,
hineingezogen<lb/>in den Ehrgeiz Deiner neuen Familie, Dir selbst
nur<lb/>noch ein Mittel zur Erreichung Deiner Zwecke wgrst;<lb/>und doch
wollte ich mich darüber täuschen, doch wollte<lb/>ich Andern verbergen, was
ich mir selber nicht verhehlen<lb/>konnte, daß Du der Liebe nicht mehr werth
warst, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0042_041.tif" n="041"/>
<p>1<lb/>ich für Dich in meinem Herzen nicht ertödten konnte. !<lb/>Er hielt
abermals inne, und abermals entstand eine<lb/>Pause.<lb/>Die Marquise hatte
sich in zorniger Bewegung er-<lb/>hoben und sich wieder niedergesetzt, als
wolle sie- sich<lb/>zur Geduld zwingen, indeß ihr Auge fing an,
sich<lb/>spähend auf die Thüre zu richten, durch welche der<lb/>Graf
gekommen, und die leise, aber schnelle Bewegung,<lb/>mit welcher sie den
geschlossenen Fächer öffnete. und<lb/>wieder zusammenfaltete, zeigte, wie
wenig ihre Gedan-<lb/>ken bei der Unterredung waren, wie antheillos
ihr<lb/>Herz sich dabei verhielt, und wie ungeduldig sie den<lb/>Schluß
derselben ersehnte.<lb/>,Wir müssen ein Ende finden, Graf!' sagte
sie<lb/>plötzlich, indem sie wieder aufstand, ,und Sie sollen<lb/>deutlich
in meiner Seele lesen. Sie selbst haben es<lb/>ausgesprochen, ich bin nicht
glücklich. Sie haben auch<lb/>darin Necht! Die Zerstreuung, nach der ich
hasche,Ndie<lb/>Galanterien, in die ich mich verstricke, sie,
befriedigen<lb/>mich nicht, sie erfüllen den Zweck nicht, mich
vergessen<lb/>zu machen, daß ich mein wahres, mein einziges Glück<lb/>mit
dem hochfahrenden Leichtsinn der Jugend, mit der<lb/>schwachen Abhängigkeit
des unerfahrenen Mädchens<lb/>unwiederbringlich verscherzt habe. Wenn dies
Gefühl<lb/>mich bisweilen überwältigte, wenn ich Ihnen zu
Zeiten<lb/>f<lb/>nicht genug verbarg, wie ich noch immer an Sie
ge-<lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0043_042.tif" n="042"/>
<p><lb/><lb/><lb/><lb/>z?<lb/><lb/>fesselt war: wollen Sie, eben Sie mich dafür
tadeln?<lb/>Und wenn die Scheu, dies Geheimniß dem Auge<lb/>meines Gatten,
dem Auge der Welt verrathen zu sehen,<lb/>mich dazu antrieb, mich irgend
einer Bewerbung, einer<lb/>Galanterie geneigk zu zeigen, von der meine
Gedänken<lb/>fern, wer weiß wie fern waren, wollen Sie mir daraus<lb/>ein
Verbrechen machen? Sollte ich es preisgeben, das<lb/>stille, unselige
Geheimniß meines Herzens? Und; war<lb/>es an Ihnen, mir den Trost Ihrer Nähe
durch dies<lb/>traurige Duell mit jenem Knaben zu entziehen,, der<lb/>keinen
andern Werth in meinen Augen hatte, alsj den,<lb/>meinem Gatten ein
angenehmer Gesellschafter zu, sein<lb/>ihm keinen Argwohn einzuflößen und
mich mis der<lb/>Herzogin in gutem Einvernehmen zu erhalten, wäh-<lb/>rend
er unserm Hause und unsern Interessen zugleich<lb/>die Gunst des Grafen von
Artois sicherte, dessen er-<lb/>klärter Liebling er fast seit seiner
Kindheit, ge-<lb/>wesen istF<lb/>Graf Joseph lächelte bitter. ,So klar
raisonniren,<lb/>so geschickt rechnen zu können, muß man sehr
freien<lb/>Herzens sein!' entgegnete er ihr.<lb/>Muß man ein Sklave seiner
Verhältnisse sein!!<lb/>gab sie ihm zur Antwort., Sie kennen, Sie
beur-<lb/>theilen meine, unsere age nicht richtig, Graf! Sie
sind<lb/>unabhängig, sind ein freier Mann, Sie dienen dem<lb/>Könige, weil
Ihr Vater ihm diente, weil es Ihnen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0044_043.tif" n="043"/>
<p><lb/>4s<lb/>- so gefällt; aber Ihre Zgkunft liegt nicht ausschließlich<lb/>,
in der Hand des Königes. Jenseits der Alpen ist<lb/>ihnen eine Heimath, ist!
Ihnen ein freier, reicher Be-<lb/>siz unverlierbar gewiß. Ich hingegen bin
hier festge-<lb/>bannt, ich und die Meinen sind an den Hof, sind an<lb/>den
guten Willen der Herzogin gekettet, sind einzig<lb/>auf die königliche Gnade
angewiesen, denn der uner-<lb/>, läßliche Aufwand unseres!Standes und die
prachtlieben-<lb/>den Neigungen meines Gatten haben mein Erbe schnell ; ?
-<lb/>perschlungen, und ich stehe nicht allein. Ich habe Kinder.<lb/>Jung
wie diese Kinder jezt noch sind, werdenssie doch ! -<lb/>einst eine Zukunft,
eine Stellung von mir fordern. ? j<lb/><lb/>Die Herzogin kann ihnen dieselbe
leicht vermitteln, wird<lb/>sie ihnen schaffen; aber sie ist stolz auf ihren
Namen,<lb/>stolz auf die Ehre der Frauen in ihrer Familie.
Scharf-<lb/>sichtig ahnt sie, daß unter allen Männern dieses Hofes<lb/>Sie
der Einzige sind, dessen Nähe meinen Frieden<lb/>s stört, dessen Nähe mir
gefährlich ist. Wie sehr ich<lb/>mich bemühte, diesem Argwohn zu begegnen,
es gelang<lb/>mir niemals, ihn völlig zu zerstreuen - und Ihr<lb/>Duell an
diesem Morgen hat mit einem Schlage ver-<lb/>nichtet, was jahrelange
Zurückhaltung und Vorsicht<lb/>mir gewonnen.!<lb/>Sie näherte sich dem
Grafen, legte ihre Hand<lb/>leise auf seine Schulter und sagte, indem sie
ernst und<lb/>bittend in sein Auge blickte: ,Ich habe Sie und mich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0045_044.tif" n="044"/>
<p>!<lb/>1<lb/>Kaua=-<lb/>um Glück betrogen; müssen Sie mich deshalb
ganz<lb/>verderben? Soll zu dem Schweren, das mein eigenes,<lb/>Verschulden
mir auferlegt, mich noch die Angst um Sie<lb/>belasten? Ich muß es Ihnen
wiederholen, der Graf<lb/>von Artois ist auf das Aeußerste erzürnt über die
;<lb/>Verwundung seines Günstlings; die Herzogin, welche s<lb/>diesen
Neffen, den einzigen Sohn ihrer früh verstor-<lb/>benen Schwester, mit
leidenschaftlicher Zärtlichkeit liebt<lb/>und die weitgehendsten Plane für
ihn und seine Zu-<lb/>kunft geschmiedet hat, besizt das Ohr des Königs
durch<lb/>die Königin. Schon heute früh erfuhr die Königin<lb/>durch sie,
was sich ereignet, und als die Herzogin dann<lb/>die Majestät verließ, als
ich vor dieser zu erscheinen<lb/>hatte, da fühlte ich, daß die Königin Alles
wußte, daß<lb/>die Herzogin meinen Namen genannt. Ich fühlte den<lb/>Boden
unter meinen Füßen nicht mehr sicher, ich em-<lb/>pfand es, daß der Sturm,
der sich gegen Sie, mein<lb/>Freund, erhebt, nicht Sie allein vernichten
wird, wenn<lb/>Sie sich nicht entfernen.'!<lb/>Der Graf hatte ihr schweigend
zugehört, und ih.<lb/>Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht.
Von<lb/>den wechselndsten Empfindungen umhergeworfen, von<lb/>der Schönheit
des immer noch geliebten Weibes wie<lb/>von ihren Geständnissen gerührt, so
oft sie ihn auch<lb/>schon getäuscht hatte, und vertraut genug mit
den<lb/>Verhältnissen des Hofes, um zu wissen, daß
Franziska's<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0046_045.tif" n="045"/>
<p>4!<lb/>Schicksal sich wirklich in den Händen der Herzogin be--<lb/>fand,
fragte er sich überwindend endlich:,Was soll<lb/>ich thun? was fordern Sie
von mir, Franziska??,<lb/>Die Marquise athmete auf. Es war hohe
Zeit!<lb/>iief es in ihrem Innern, aber sie faßte sich, sie
wwurde<lb/>ruhiger, nun sie sich ihrem Ziele nahe glaubte.
,Fliehen<lb/>s<lb/>F Sie, Joseph, fliehen Sie noch diese Nacht!''
beschwor<lb/>? sie ihn im weichsten Tone ihrer melodischen Stimmme.<lb/>s
,GGönnen Sie Ihren Freunden Zeit, für Sie zu wir-<lb/>ken. Der König schäzt
Sie, der Graf von Artois. ist<lb/>ß nicht unversöhnlich. Bleiben Sie fort,
bis der Zu-<lb/>z ftand des Chevalier de Lagnac sich entscheidet, bis
die<lb/>Gefahr vorüber, bis er genesen ist;' und er selbst, ich<lb/>s suege
Abnen bafür, ee feus-<lb/>Der Graf trat plözlich zurück, und mit einer
Kälte,<lb/>z welche schneidend gegen seine bisherige Stimmung
con-<lb/>trastirte, sagte er:,O ja! der Chevalier von Lagnaa<lb/>wird, ich
bin deß sicher, auf Ihre Bitte, meine gnädige<lb/>Frau, mir vom Könige die
ßerzeihung für die Lection<lb/>zu schaffen wissen, die er heut von mir
erhalten hat.<lb/>Dann aber, gnädige Frau, dann lehren Sie ihn auch<lb/>die
Ehre der Frauen, die sich ihm anvertrauen, besser<lb/>zu bewahren, heiliger
zu halten, als er es bisher ge-<lb/>than hat.'<lb/>Er verneigte sich und
wendete sich der Thüre zu.<lb/>Die Marquise fuhr bei seinen lezten Worten
zusammen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0047_046.tif" n="046"/>
<p>z<lb/><lb/><lb/><lb/>=<lb/>T<lb/>in<lb/><lb/>k<lb/>?<lb/>V<lb/>K<lb/>h<lb/>A<lb/>H<lb/><lb/>A<lb/>P<lb/><lb/><lb/><lb/>?<lb/><lb/>s<lb/>F<lb/>?<lb/>Das
Gefühl des nahen Triumphes, das auf ihrer<lb/>stolzen Stirne geleuchtet, die
Röthe der Aufregung,<lb/>welche ihre Wangen bedeckt, wichen plötzlich von
ihr.<lb/>Sie verlor die Fassung. Sie wollte sprechens das<lb/>rechte Wort
aber bot sich ihr nicht dar, und dhch hollte<lb/>sie ihn so nicht scheiden
lassen. Schon thai sje den<lb/>Schritt, ihm zu folgen, ihn zu halten, schon
öffneten<lb/>sich ihre Lippen, ihn noch einmal zurüczurjfen, als<lb/>eine
plözliche Neberlegung sie davon abstehen leßh Die<lb/>Hand fest auf den
Tisch gestüzt, das Auge fest auf<lb/>den Scheidenden gerichtet, so verweilte
sie hn ihrem<lb/>Plaze. Sie kannte das Herz des Grafen aus
langer<lb/>Erfahrung, sie wußte, daß er nicht gehen werde, ohne<lb/>sein
Auge noch einmal auf sie zu richten, und sie hatte<lb/>sich darin nicht
betrogen.<lb/>Als unter der Thüre seine Blicke noch einmmal zu<lb/>dem
geliebten Weibe zurückkehrten, sah er,, wie ihre<lb/>starre Gestalt
zusammenbrach. Der Anblick verichtete<lb/>seinen Entschluß. Seiner selbst
nicht mächtig, stürzte<lb/>er zurück und warf sich vor ihr nieder. Sie
hatte<lb/>ihr Gesicht in ihr Tuch verhüllt. Er ergriff ihre<lb/>Hände und
bedeckte sie mit seinen Küssen. Da neigte<lb/>sie ihr Antliz auf sein Haupt
herab, als wolle sie ihm<lb/>den Anblick ihrer Bewegung entziehen, und miit
den<lb/>J, F ==- - =- ===== =<lb/>s<lb/>»A<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>	
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0048_047.tif" n="047"/>
<p>i<lb/>I?<lb/>. Kapites<lb/>!<lb/>Kaum aber hatte sich die Thüre hinter dem
Grafen<lb/>geschlossen, als die Mdarquise den Fopf empor hob,<lb/>wie Einer,
dek eine smühevolle Arbeit abgethan, und<lb/>mit erleichtertem Hetzen Athem
schöpfend, sagte sie:<lb/>,Wohl mir, er geht!f<lb/>Im Schloßhof schlug es
die neunte Stunde. Die<lb/>Marquise nahm den Feuchter vom Tische und trat
an<lb/>einen der Spiegel hetan, ihre Frisur, ihren Anzug zu --<lb/>mustern.
Mit eiligex Hand rückte sie das Brillant-<lb/>schloß an ihrem
Perlenhalsbande zurecht und bog den ! h<lb/>Esprit von Diamanten, der die
dunkelrothen Federn<lb/>auf ihrem Toupet zusammenhielt, ein wenig tiefer
nach<lb/>der Stirne nieder. Ihr Gesicht strahlte ihr in aller<lb/>seiner
klaren, gebieterißhen Schönheit aus dem Spiegel -<lb/>wieder. Und als das
Rauschen ihres Schleppkleides<lb/>nicht mehr in dem Pavillon zu hören war,
als das - -<lb/>Licht ihn nicht mehr erleuchtete,. da schwebten nur
die<lb/>Geister des Schmerzes darin umher, den ein edles<lb/>Männerherz
jetzt eben in dem einsamen- Raume er- I<lb/>duldet hatte.<lb/>Als der Graf
seine Wohnung erreichte, fand er in -<lb/>derselben seinen Neffen, den
Junker Ulrich von Thurid, I<lb/>z der ihn erwartete. Er fragte, ob der Onkel
reisen<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0049_048.tif" n="048"/>
<p><lb/>s<lb/>D<lb/>I<lb/>t<lb/>h?<lb/><lb/>E<lb/><lb/>E<lb/>ßg<lb/>,?<lb/>i<lb/>D<lb/><lb/><lb/>ft<lb/>M<lb/>t<lb/>szf<lb/>F!!<lb/>1<lb/>W<lb/>s<lb/>u<lb/>!?<lb/>D-<lb/>Ai<lb/>t<lb/>t<lb/><lb/>z<lb/>Ds<lb/><lb/><lb/><lb/>z<lb/>8<lb/>werde;
der Graf bejahte es. ,Ich werde auf diese<lb/>Weise endlich einmal in meine
Heimath kommen!!! sagte<lb/>er, gleichsam um sich eine angenehme Aussicht
aus der<lb/>Verdüsterung zu eröfnen, die ihn umfangen hielt, aber<lb/>diese
Aussicht hatte bis jezt wenig Verlockendes für<lb/>ihn, denn er kannte seine
Heimath nicht.<lb/>Schon sein Vater hatte in Diensten der
franzö-<lb/>sischen Königsdynastie gestanden, war zum Range
eines<lb/>Generals empporgestiegen und hatte sich mit einer<lb/>Deutschen
verheirathet, deren Vater von einem der<lb/>kleinen deutschen Höfe als
Gesandter in Parid accredi-<lb/>tirt war. Graf Joseph und dessen einzig
bedeutend<lb/>ältere Schwester waren Beide in Frankreich geboren<lb/>und
erzogen worden, und als der General mit Frau<lb/>und Sohn einmal die Reise
nach der Schweiz gemacht,<lb/>um die eben vermählte Tochter auf ihrem
Schlosse un-<lb/>fern der italienischen Grenze zu besuchen, ,war
Graf<lb/>Joseph noch ein Knabe gewesen. Dunkle Bilder von<lb/>hohen,
schneebedeckten Bergen, von rauschenden Wasser-<lb/>stürzen, von engen,
schwindelnden Alpenpässen, von<lb/>kleinen, freundlichen Stäädten, von
lachenden Dörfern<lb/>nnd von stolzen Burgen auf einsamen Höhen
tauchten<lb/>hie und da in seiner Erinnerung auf, aber er hatte<lb/>bisher
keine Sehnsucht getragen, diese bleichen Erin-<lb/>nerungen neu zu
beleben.<lb/>Bald nach jener Schweizerreise war sein Vater<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0050_049.tif" n="049"/>
<p>n<lb/>ss<lb/>k<lb/>ß<lb/>h<lb/>d<lb/><lb/>i<lb/>;<lb/>z<lb/>- gestorben, und
da die Wohlgeneigtheit des Königs der<lb/>Gräfin mannigfache Vortheile für
die Zukunft ihres<lb/>Sohnes versprach, so hatte die an das Hofleben
ge-<lb/>wöhnte Frau ohne Noth Paris nicht verlassen und<lb/>noch weniger an
einen dauernden Aufenthalt in den<lb/>stillen Gebirgen von Graubünden denken
mögen. Paris<lb/>war für sie allm älig der Mittelpunkt; der Welt
ge-<lb/>worden, und der Hof die Sonne, von welcher Licht<lb/>h'! und Leben
für sie ausging.<lb/>In diesen Neberzeugungen hatte sie ihren
einzigen<lb/>j:<lb/><lb/>i<lb/>?<lb/>?<lb/>L<lb/>s<lb/>l.<lb/><lb/>?<lb/>l
s<lb/>s<lb/>-:<lb/>Sohn erzogen, aber mit ihrer Vorliebe für
Frankreich,<lb/>mit ihrer Hingebung für die herrschende Dynastie
hatte<lb/>sie ihm auch ihre feste Anhänglichkeit an den
Prote-<lb/>stantismus und den Ernst und die Sittenstrenge ein-<lb/>geflößt,
welche seit den Tagen der Reformation das<lb/>T,1 -==-- = ==-<lb/>Auch die
Gräfin war nicht alt geworden, und mit<lb/>achtzehn Jahren hatte Graf Joseph
sich verwaist, im<lb/>Besize einer Officiersstelle in den
Schweizergarden<lb/>und als Herr eines bedeutenden Grunrbesizes sich
selber<lb/>überlassen gefunden: Der Name seineö Vaterd hatte<lb/>ihm früh
eine Geltung in dem Regimente verschafft,<lb/>welches derselbe befehligt,
seine Geburt verband ihn<lb/>mit den ältesten Geschlechtern, und die Gunst,
welcher<lb/>seine Eltern sich von dem Königspaare zu
erfreuen<lb/>!<lb/>Lewald, Kleine Romate! N<lb/>T<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0051_050.tif" n="050"/>
<p><lb/><lb/><lb/>P<lb/><lb/>=<lb/>:<lb/>h<lb/>?<lb/>?<lb/>I=?<lb/>r<lb/><lb/>F<lb/><lb/>k<lb/>e<lb/>W<lb/><lb/>h-<lb/>k<lb/><lb/>i<lb/>E<lb/>T<lb/><lb/>A<lb/><lb/><lb/>gehabt,
hatte auch lhm einen gnädigen Empfang bei<lb/>seiner ersten Erscheinung am
Hofe gesichert. Seine<lb/>Wohlgestalt und ein gewisser Zug von
schwärmerischer<lb/>Ritterlichkeit nahmen die Frauen für ihn ein,
die<lb/>Männer nannten ihn einen Mann von Muth und<lb/>Ehre, einen
vollkommenen Cavalier und gestanden ihm<lb/>alle Vorzüge einer sorgfältig
geleiteten Erziehung zu.<lb/>Das Glück hatte Alles für ihn gethan, ntr
sEines<lb/>hatte es ihm versagt: die Fähigkeit dasselbe zu
genießen,<lb/>oder vielmehr die innere Einheit des Wesens, ohne<lb/>welche
es dem Menschen nie gelingt, seines Lebens<lb/>dauernd froh zu werden.<lb/>,
Der Graf wußte die Vorzüge, wwelche ihn( zu Thejl<lb/>genhorden warhn, wohl
zu schäzen, aber er hätte!einen<lb/>Ehtgeiz, der ach Befriedigung verlangte,
ußd es er-<lb/>öfftete sich füh denselben nicht das Feld. ßr fühlte<lb/>in
sich Kräfte, die er auszubilden, die er zu ghbräuchen<lb/>wünschte, indeß
die glorreichen Tage Frankreichs !schie-<lb/>nen damals vorüber zu sein. Die
Regierung des sech-<lb/>zehnten Ludwig war keine kriegeriiche, es gab
keine<lb/>Lorbeeren mehr auf dem Schlachtfelde zu pflückei, die<lb/>große
Epoche dex Literatur lag ebenfalls schons weit<lb/>zurßck, ja sogar die alte
französische Fröhlichkett belebte<lb/>die iGeister nicht mehr. Dje besondere
Gefnüthsart<lb/>des, Königs, die Zerwürfnisse zwwischen dem Volke
und<lb/>der Regierungs welche immer unverkennbaretj hervor-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0052_051.tif" n="051"/>
<p>l<lb/>h<lb/>51<lb/>f; traten, übten, ohne daß man es sich eingestehen
mochte,<lb/>einen bedrückenden Einfluß auf die Stimmung
des<lb/>i!<lb/>j<lb/>;<lb/><lb/><lb/>lb<lb/>Hofes aus, und man hätte wohl
sagen können, man<lb/>amüsire sich aus Unbehagen, man sei so heiter,
weil<lb/>man anfange Sorgen zu haben. Das leichtsinnig ver-<lb/>wegene Wort:
nach uns die Sündfluth war in der<lb/>Erinnerung der Menschen unvergessen,
wenn schon man<lb/>es nicht mehr nachzusprechen wagte; denn selbst am. -
-<lb/>Hofe gab es Personen genug, welche die Wetterwolken<lb/>deutlich genug
emporsteigen sahen, aus denen der ver-<lb/>nichtende Bliz auf die Dynastie
und ihre Anhänger<lb/>fs<lb/>s hernieder fabren solte<lb/>Zu diesen
Fernsehenden, Scharfblickenden hatte ders s s<lb/>j! igendtche Graf alebigs
nicht gehört, ber mae hanel s f<lb/>-<lb/>ihn zu jenen edlens Unzufriedenen
rechnen können, die -<lb/><lb/>hß<lb/>von dem Tage mehr verlangten, als daß
er vorüber-<lb/>gehe, und von dens Leben mehr als flüchtigen
Genuß.<lb/>Unruhig umhergetrieben von einer lebhaften und
doch<lb/>eigentlich unbestimmten Sehnsucht, Ideale im Herzen,<lb/>?<lb/>wie
der Dichter der Heloise sie in den Menschen
wach<lb/>!<lb/>b<lb/>z<lb/>s<lb/>gerufen, von -der Herzensschwärmerei
berührt, welche<lb/>in der Gestalt des Goetheschen Werther ihren
höchsten<lb/>Ausdruck gefunden, so hatte Joseph seit ein paar Jahren
-<lb/>in der Gesellschaft bes Hofes gelebt, als die siebenzehn-s -
f<lb/>jährige Tochter de Familie de la Roche, zu einer der -<lb/>F
Hoffräulein der Knigin ernannt, am Hofe erschien.
-<lb/>gr<lb/><lb/>k<lb/>hl<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0053_052.tif" n="052"/>
<p>m<lb/><lb/>E<lb/>d<lb/>M<lb/>z<lb/>F<lb/>ß<lb/>hE<lb/>iE<lb/>I<lb/>sdg<lb/>z<lb/>k<lb/>D<lb/><lb/>s<lb/>D<lb/>k<lb/>b<lb/>g<lb/>Er<lb/>z<lb/>E<lb/>h<lb/><lb/>?<lb/>h?<lb/>e<lb/>F,<lb/>d<lb/>l<lb/>z<lb/>z<lb/>Franziska
de la Roche war eine blendende Schön- j<lb/>heit und ebenso klug als schön,
ebenso kalt und be- j<lb/>rechnend als klug. Da sie die jüngste Tochter
einer ,<lb/>zahlreichen Familie war, hatte man sie von
Iugend<lb/>aaaad<lb/>nach der Ansicht ihrer Eltern ein Theil des
Familien-<lb/>capitales, und früh gewiegt in Träumen von Reich-<lb/>thum und
Pracht, die nur um so verlockender wirkten,<lb/>je mehr sie von der
ländlichen Zurückgezogenheit ab-<lb/>stachen, in welcher die junge Franziska
erwuchs, war<lb/>sie bei dem Eintritt in ihren Hofdienst fest
entschlossen<lb/>gewesen, ihre persönlichen Vorzüge zu nutzen und den
-<lb/>Heiter, zuversichtlich, beobachtend und achtsam wl-
!<lb/>größtmöglichen Gewinn von ihnen zu ziehen.<lb/>ein junger Jäger auf
dem Anstand, lebhaft genng, um<lb/>schnell erregt zu werden, und doch nicht
so phantasie-<lb/>voll und sinnlich, daß es leicht gewesen wäre, sie
wider<lb/>ihren Willen zu beschäftigen und hinzureißen, ohne<lb/>Gemüth und
ohne Grundsätze, welche ihrer Selbstsucht<lb/>und ihrem Ehrgeize hätten
Schranken sezen können,<lb/>würde sie unschwer zu beurtheilen und nicht eben
ein-<lb/>nehmend gewesen sein, wenn nicht die ihr anerzogene<lb/>äußere
Zurückhaltung ihr den Ausirich einer Jung-<lb/>frääulichkeit verliehen
hätte, von der man sich keines<lb/>Bösen und keiner Täuschung versah. Sie
galt nach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0054_053.tif" n="053"/>
<p>!<lb/>i<lb/>58<lb/>ihrer strengen häuslichen Erziehuig füc siitsam
und<lb/>religiös, und sie bewies gleich a-ige, - wie klug sie<lb/>sei, indem
sie sich den Beichtvatet er Herzegin zu<lb/>ihrem Seelsorger erwählte. Der
Bictvater empfahl<lb/>sie der Herzogin, und diese, welcher es wichtig
war,<lb/>in der Nähe der Königin nur Personen zu haben, auf<lb/>welche die
herrschsüchtige Familie der Polignac's einen<lb/>bestimmenden Einfluß
ausübte, nahin das junge Hof-<lb/>fräulein in ihren besonderen
Schut.<lb/>Fräulein de la Roche war das sehr wohl zufrieden.<lb/>Sie fand es
bequem, eine Weile am Fuße der Leiter<lb/>zu sitzen, auf welcher sie empor
zu steigen dachte. Sie<lb/>war ganz Ergebenheit, ganz kindlihe Fügsamkeit
gegen<lb/>ihre Beschützerin, was sie jedoch gar nicht hinderte,<lb/>ihr Auge
offen zu behalten und sich nach eine. guten<lb/>Heirath für sich selber
umzusehen.<lb/>Der schöne Graf von Rottenbuel dünkte sie dazu<lb/>der rechte
Mann. Sie sah, daß die Mütter heirath-<lb/>barer Töchter ihn auszeichneten
und daß er am Hofe<lb/>wohl gelitten war. Das genügte ihr, sich die
Aufgabe<lb/>zu stellen ihn anzuziehen, und ihre Schönheit, ihre<lb/>Jugend
erleichterten ihr die Aufgabe um so mehr, als<lb/>dem Grafen jener
berechnende und selbstische Sinn,<lb/>welcher Franziska eigen war, völlig
fehlte. Er hatte<lb/>sich, seinen Reigungen, seinen Träumen gelebt, er
war<lb/>ein glaubensvoller Schwärmer inmitten einer Gesell-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0055_054.tif" n="054"/>
<p>s<lb/>schaft, die nicht glaubte und schwärmte. Er hatte nur<lb/>eine
Befriedigung für sein Herz, nicht wie Fräulein<lb/>de la Roche eine
gesicherte Zukunft für sich zu suchen.<lb/>Er war Majoratsherr, sie die
jüngste Tochter einer<lb/>adelstolzen Familie, deren Grundbesiz gleichfalls
ein<lb/>Majorat war, und deren übriges Vermögen eben nur<lb/>hinreichte, den
jüngeren Söhnen ein standesgemäßes<lb/>Auftreten und für die Töchter eine
unbedeutende Mit-<lb/>gift zu ermöglichen. Graf Joseph gab sich
Franziska's<lb/>Bewerbung arglos hin, er fühlte sich von ihr
gefesselt,<lb/>und bald liebte er sie mit der vollen Hingebung, mit<lb/>dem
schrankenlosen Vertrauen der ersten Liebe. Aber<lb/>gerade das idyllische,
das romantische Element in sei-<lb/>nem Herzen, die Plane, welche er für
seine Zukunft<lb/>an der Seite eines geliebten Weibes entworfen
hatte,<lb/>trennten Franziska von ihm. Sie fand sich zu jung<lb/>und zu
schön, um ihr Leben in dem einsamen Schlosse<lb/>eines unwirthlichen
Gebirgslandes hinzubringen, und<lb/>kaum eröffnete die Galanterie des
Marquis von Vieille-<lb/>marin ihr die Aussicht, als Cousine der Herzogin
in<lb/>ihrer eben angetretenen Stellung neben der Königin<lb/>bleiben zu
können, als sie ibre Absicht auf den Grafen<lb/>aufgab und sich nur noch
demüthiger und fester an<lb/>die Herzogin anschloß.<lb/>Franziska de la
Roche war nach kurzer Zeit Mar-<lb/>quise von Vieillemarin geworden. Sie
hatte den Grafen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0056_055.tif" n="055"/>
<p>55<lb/>getäuscht und ihn ihrem Ehrgeiz g ernet, sie tauschte<lb/>auch ihren
Gatten und die Herzogin, und u uußte es<lb/>doch allen Dreien unmöglich zu
machen, daß man sie<lb/>aufgeben, sich von ihr frei machen und sie
bloßstellen<lb/>konnte. Sie nannte sich gegen den Grufen ein Werk-<lb/>zeug
in den Händen ihrer Familie, sie betheuerte ihm,<lb/>daß seine Liebe ihr
Glück gewesen wäre, daß seine<lb/>Freundschaft ihr einziger Trost in dem
Unglück igrer<lb/>Ehe, daß er ihr unentbehrlich sei. Sie reizte
heute<lb/>seine Liebe und morgen seine Eifersucht auf, sie nahm<lb/>sein
Mitleid, seine Großmuth, seinen marnliühen<lb/>Freundesschuz in Anspruch;
sie wußte, um es mit ei-<lb/>nem Worte zu bezeichnen, Herr über seine
Gedanken<lb/>und Empfindungen zu bleiben, sie nahm ihmu Ruhe,<lb/>Frieden
und Zuknnft, sie gönnte ihm die Freiheit nicht,<lb/>nach welcher sie ihn oft
verlangen sah. Die Liebe, die<lb/>ausdauernde Treue und Freund!haft eines
Mannes<lb/>von fleckenloser Ehre waren schon nach wenig Jahren<lb/>für die
Marquise ein fester Anhalt und ein schüzendes<lb/>Panier, die sie nicht
entbehren wollte und nicht wohl<lb/>entbehren konnte, da ihre Stellung am
Hofe allmählich<lb/>eine bedenkliche geworden war.<lb/>Die Herzogin haßte
Franziska, denn sie hatte sich<lb/>in allen den Voraussetzungen betrogen,
unter denen<lb/>sie dieselbe zur Gattin für ihren Vetter ausersehen.<lb/>Sie
war der Zuversicht gewesen, das kluge, eiufach er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0057_056.tif" n="056"/>
<p>n<lb/>1s.<lb/>kk<lb/>k<lb/>A<lb/>i<lb/>ße<lb/>au.<lb/>-<lb/>= =====- gaaeas
aoawoees- ooww »P<lb/>zogene Fräulein werde den leichtsinnigen Marquis
an<lb/>Ordnung gewöhnen und ihn von seinen verschwende-<lb/>rischen
Neigungen zurückzubringen verstehen. Sie hatte<lb/>darauf gerechnet, in
ihrer jungen Verwandten auch<lb/>künftig die fügsame Ergebenheit wieder zu
finden und<lb/>von ihrer feinen Beobachtung nach wie vor Vortheil<lb/>zu
ziehen., Die Marquise hatte jedoch nur eben erst<lb/>Fjs- - den Boden unter
ihren Füßen gewennen, auf welchem<lb/>g-<lb/>IA)
-<lb/>E<lb/>u<lb/>E<lb/>E<lb/>k<lb/>s<lb/><lb/>E<lb/>F<lb/>h<lb/>z<lb/><lb/><lb/>.<lb/>sie
stehen konnte, als sie auch bereits auf eigene Rech-<lb/>nung zu arbeiten
begann. Sie ließ ihren Gatten ruhig<lb/>gewähren, denn die Freiheit, welche
sie ihm zugestand,<lb/>wünschte sie auch für sih selber in Anspruch zu
nehmen,<lb/>und statt ein Werkzeug der Herzogin zu werden, ward<lb/>sie bald
dreist genug, an eine Nebenbuhlerschaft mit<lb/>ihrer hoch in Gunsten
stehenden Verwandten zu denken.<lb/>Auf diese Weise war zwischen den beiden
Frauen<lb/>ein heimlicher Kampf entbrannt, dessen Erfolg nicht<lb/>lange
zweifelhaft geblieben sein würde, hätte die Herzogin<lb/>nicht bei Allem,
was sie gegen die Marquise unter-<lb/>nahm, die Rücksicht auf ihres Neffen
Ehre, auf die<lb/>Ehre ihres eigenen Hauses zu nehmen gehabt.
Indeß<lb/>Franziska mißbrauchte mit der ihr eigenen Keckheit
die<lb/>Schonung, welche die Herzogin ihr angedeihen ließ,<lb/>bis diese
endlich, mehr und mehr gereizt, ein Ende zu<lb/>machen beschloß, bei welchem
Franziska eben der Fa-<lb/>milienehre geopfert werden sollte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0058_057.tif" n="057"/>
<p>ß<lb/>B<lb/>Wen man in eine Falle zu rclr cen wvunsct, den<lb/>muß man vor
allen Dingen den Weg rerfelgen lassen,<lb/>welcher ihn zu derselben führt,
und die Schxanken und<lb/>Stüzen forträumen, die ihn z,üückhalten und
an<lb/>welche er sich lehnen konnte. So hatte cenn auch die<lb/>Herzogin
bald leichthin ermahnend, bald entschuldigend<lb/>der Verschwendung und den
galanten Abenteuern ihrer<lb/>jungen Cousine zugesehen, ja sie hatte
derselben stets<lb/>das Wort geredet, wenn hier und da eine
mißbilligende<lb/>Bemerkung gegen die schöne Marquise laut geworden<lb/>war;
denn wer konnte an Franziska noch glauben, wer<lb/>konnte nach dieser von
der Herzogin befolgten Vorsicht<lb/>Franziska in Schutz zu nehmen denken,
wenn die Frau,<lb/>welche sich stets als ihre Freundin und Eönnerin
ge-<lb/>zeigt hatte, sich einst gegen sie erhob? Wer konnte sich<lb/>der
Marquise noch annehmen, als etwa d r Graf von<lb/>Rottenbuel in seiner
schwärmerischen Rfkterlichkeit -<lb/>und eben diese hatte die Herzegin jezk
zu gebrauchen<lb/>beschlossen, um Franziska zu verderben, denn die
ver-<lb/>wegene Eitelkeit der jungen Frau war bereits zu einer<lb/>für die
Herzegin bedrohlichen Höhe emporgewachsen.<lb/>Die Herzogin genoß außer dem
vollen Vertrauen<lb/>der Königin<lb/>Artois.
Sie<lb/>Vieillemarin,<lb/>Hofstaat der<lb/>auch die Freundschaft des Grafen
von<lb/>hatte ihren Vetter, den Marquis von<lb/>durch die Heirath nrit
Franziska an den<lb/>Königin attachirt, und ihren Neffen, den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0059_058.tif" n="058"/>
<p>Chevalier von Lagnae, früh in die unmittelbare Nähe<lb/>des Grafen von Artois
gebracht, um ihres Einflusses<lb/>und ihrer Herrschaft an beiden Hofstaaten
sicher zu<lb/>bleiben. Aber Franziska's Ehrgeiz verfolgte ein
gleihes<lb/>Ziel, und die Hoffnung, durch ihre Jugend und Schön-<lb/>heit
die Herzogin überflügeln und sie in der Freund-<lb/>schaft des Grafen von
Artois ersetzen zu können, hatten<lb/>Franziska bewogen, einen Liebeshandel
mit dem Che-<lb/>valier von Lagnac anzuknüpfen, den sie aufzugeben
fest<lb/>entschlossen war, sobald sich ihr die Möglichkeit
eröffnen<lb/>würde, den Gebieter statt des Dieners an sich zu<lb/>fesseln.
Auf dem Punkte, dieses Ziel zu erreichen,<lb/>nöthigte das Duell zwischen
dem Grafen von Rotten-<lb/>buel und dem Chevalier sie, wider ihr Erwarten
stille<lb/>zu stehen; denn was die beiden Männer zu demselben<lb/>veranlaßt
hatte, darüber konnte man eben nicht zweifel-<lb/>haft sein, und die
Herzogin beschloß, die Gelegenheit<lb/>zu einer Demüthigung ihrer
hochfahrenden Verwandten<lb/>zu benutzen.<lb/>Der Marquis von Vieillemarin
war von jeher ein<lb/>biegsames Wachs in den Händen seiner
vielvermögen-<lb/>den Gousine gewesen. Er hatte geliebt und
geheirathet,<lb/>geschwiegen und verziehen, wie die Herzogin es für<lb/>gut
befunden, und es bedurfte nur ihrer Anmahnung,<lb/>daß es ihm nicht gezieme,
den Galanterien der Mar-<lb/>quise länger zuzusehen, um seinen Zorn gegen
dieselbe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0060_059.tif" n="059"/>
<p>d<lb/>k<lb/>zu entflammen und ihn die Rolle de belei. in Gaten<lb/>übernehmen
zu lassen. Aber auch jet-. n:iever wap es<lb/>die Herzogin, die dem
Ausbruape eine« Jorues<lb/>Schranken sezte. Eine Verwandte ihres Haub.s
sollte<lb/>nicht vom Hose entfernt, nicht etwa in Unguaden ent-,<lb/>lassen
werden. Sie sollte nur wissen, wetage Gefahr<lb/>ihr drohte und wessen
Willen ihr Scziajal leuite, sie<lb/>sollte wo möglich von einer
Rebenbuhlerin wieder zu<lb/>einer willfährigen Gehülfin herabgedrückt werdea
und<lb/>einen neuen Beweis davon erhalteu, daß die Herzogin<lb/>das Steuer
noch in festen Händen führe, daß die strenge<lb/>Hand derselben noch über
ihrem Haap.e schwebe.<lb/>Gegen den Bruder des Königs, gegen den
Gtafen<lb/>von Artois, vermochte die Herzogin a=u.- zu unter-<lb/>nehmen,
und der Günstling desselben, ihr ei,eneu Neffe,<lb/>lag auf den Tod
verwundet. Solite Franziska also<lb/>die Macht der Herzogin empfinden, s-
mußte öerjenige<lb/>büßen, auf den die Marquise am jrwhersten vertraute,
-<lb/>und den die Herzogin eben deshalb mit Nebelwollen<lb/>ansah.<lb/>Es
war kein Zweifel, Graf Joseph mußte geopfert,<lb/>mußte verhaftet und
womöglich gänzlich entfernt wer-<lb/>den. Der König handelte dann nach
seiner Ansicht<lb/>über das Duell, der Graf von Artois empfing
eine<lb/>Genugthuung für die Verwundung seiüies Günftlings,<lb/>der Marquis
genoß eine Befriedigung gegenüber seiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0061_060.tif" n="060"/>
<p>Frau, diese selbst mußte, während sie in der Gunst<lb/>der Königin verlor,
ihre eigene Ohnmacht erkennen,<lb/>und die Herzogin zweifelte nicht daran,
daß die Mar-<lb/>auise auch in den Augen des Grafen von Artois<lb/>verloren
sein werde, wenn sie demselben die Be-<lb/>weise für Franziska's
Liebeshandel mit dem Cheva-<lb/>lier zu bieten im Stande sei, in deren Besiz
sie sich<lb/>befand.<lb/>Der Plan war gut angelegt und konnte nicht
leicht<lb/>fehlschlagen, nur einen Umstand hatte die Herzogin<lb/>nicht
erwogen, nur Eines hatte sie nicht in Betracht<lb/>gezogen- die Scharfsicht
und schnelle und gute Be-<lb/>rechnung, deren auch Franziska fäähig war. Wie
schnell<lb/>die Herzogin auch handelte, so hatte sie doch Rück-<lb/>sichten
zu nehmen und ihre äußere Stellung würdig<lb/>zu bewahren, wo für Franziska
wenig zu verlieren<lb/>und Alles zu gewinnen stand; und noch war der
Ver-<lb/>hafibefehl gegen den Grafen von Rottenbuel nicht
unter-<lb/>zeichnet, als der Graf von Artois schon das folgende<lb/>Bißet
Franziska's in seinen Händen hielt:<lb/>,Königliche Hoheit! An wen sollte
eine Frau,<lb/>welche das hohe Glück hat, Sie zu kennen und<lb/>Ihre
ritterlichen Eigenschaften zu verehren, sich in<lb/>ihrer Verwirrung um
Hülfe und um Beistand wen-<lb/>den, als an Sie, der Sie der ganzen Jugend
Frank-<lb/>reichs das hochherzige Beispiel jener großmüthigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0062_061.tif" n="061"/>
<p>61<lb/>Galanterie geben, welche so verzugsweise das Eigen-<lb/>thum unseres
Vaterlandes iste =-<lb/>,,Die eifersüchtige Freundschaft des
unglücklichen<lb/>Chevalier von Lagnac, dessen leidenschaftliche
Er-<lb/>gebenheit für Ihre Königliche Hoheit sich schon<lb/>durch die
Zeichen des huldvollen Antheils beunruhigt<lb/>fühlte, mit dem Ihre
Königliche Hoheit wich zu be-<lb/>gnadigen geruhten, hat sich in einer
Aeußerung Luft<lb/>gemacht, welche das Nebelwollen zu mißdeuten
im<lb/>Stande gewesen wäre, hätte nicht ein Freund, ein<lb/>Freund, den ich
wie einen Bruder lebe, seit der<lb/>Wille meiner Familie und das
unumscränkte Macht-<lb/>gebot der Frau Herzogin mich hinderten, ihm
einen<lb/>zärtlicheren Namen zu geben, sich meiner angenem-<lb/>men. Sie
wissen, Königliche Hoheit, was geschehen<lb/>ist. Man glaubt sich Ihnen
wohlgefäulig zu machen,<lb/>in Ihrem Sinne zu handeln, wenn man den
Grafen<lb/>von Rottenbuel seiner Freiheit beraubt. Erklären<lb/>Sie, mein
gnädigster Herr, ich beschwöre Sie darum,<lb/>daß Sie seine Bestrafung nicht
begehren; oder besser<lb/>noch, lassen Sie ihn wissen, daß Sie ihm die
Ver-<lb/>wundung des Chevaliers verzeihen, und befehlen Sie<lb/>ihm,
Königliche Hoheit, daß er den Urlaub, den er<lb/>bereits gestern gefordert,
zu seiner Sicherung durch<lb/>die Flucht benutze.<lb/>Freilih werde ich dann
ganz einsam, ohne Stüze,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0063_062.tif" n="062"/>
<p>ohne den Beistand eines Freundes mich dem Nebel-<lb/>wollen meiner Familie
preiögegeben finden; aber ist<lb/>mein Vertrauen zu kühn, ist meine Hofnung
auf<lb/>die Gnade Ihrer Königlichen Hoheit trügerisch, wenn<lb/>ich mir
damit schmeichle, Sie würden es nicht ver-<lb/>schmähen, einer Frau Ihre
Theilnahme und Ihren-<lb/>Schutz angedeihen zu lassen, die kein heißeres
Ver-<lb/>langen hat, als Ihnen zu beweisen, Monseigneur,<lb/>wie sohr sio
Ibnen ergeben und in Bewunderung<lb/>zu eigen istf<lb/>Als Graf I seph nach
seiner Unterredung mit !<lb/>Franziska in seine Wohnung zurückkehrte, fand
er in -'<lb/>derselben ein Sehreiben vor, welches von einem
könig-<lb/>lichen Läufer eben erst für den Grafen abgegeben ;<lb/>worden
war.<lb/>Es trug nnr einen Buchstaben, nur ein C. als<lb/>Namensuntschrift,
aber Graf Joseph kannte diesen<lb/>Buchstaben wit dem kühnen Juge, und seine
Wange<lb/>erbleichte, während er die Zeilen las:<lb/>,,Man meldet mir soebeu
den Tod meines Kammer-<lb/>herrn, des armen Chevalier von Lagnac, und
das<lb/>Herz noch blutend von dem Kummer über diesen<lb/>Verlust. will ic
mich überwindend in dem groß-<lb/>müthigen Tinne des jungen Freundes
handeln, den -<lb/>ich verldn<lb/>e. Ich gehöre nicht zu Ihren Geg-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0064_063.tif" n="063"/>
<p>63<lb/>nern, ich verlange nicht, Sie bestraft zu sehen. Ver-<lb/>lassen Sie
Frankreich, Herr Graf! -- Ihre An-<lb/>wesenheit würde Ihre Freunde
verhindern, für<lb/>Sie eintreten zu können, wie das liebenswürdige<lb/>Herz
Ihrer Freundin es für Sie wünscht. Reisen<lb/>Sie, Herr Graf, und überlassen
Sie uns die Sorge<lb/>für Ihre Sicherheit. !<lb/>Ein bitteres Lachen, ein
Lachen, das ihm wehe<lb/>that, tönte von Graf Joseph's Munde an das
Ohr<lb/>seines Neffen, der gekommen war, die Befehle seines<lb/>Onkels zu
vernehmen. Er fragte nicht, was der Brief<lb/>enthalten habe, der Graf
erwähnte desselben mit keinem<lb/>Worte.<lb/>Der Wagen des Grafen stand vor-
seiner Thüre,<lb/>und als in dem Concertsaal des Königsschlosses
zu<lb/>Versailles die mächtigen Klänge der Gluck'schen Iphi-<lb/>genia
ertönten, als der galante Graf von Artois die<lb/>schöne Marquise von
Vieillemarin seines Schutzes und<lb/>seiner gutten Dienste auf das Feurigste
versicherte, rollte<lb/>der Wagen des Grafen von Rdottenbuel zu dem
Thore<lb/>der Stadt hinaus in das Dunkel der schwülen Sommer-<lb/>nacht, die
kein Stern erhellte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0065_064.tif" n="064"/>
<p>f<lb/>l Kapilel.<lb/>Es war seit Jahren zwischen dem Grafen und<lb/>seiner
Schwester, der Freifrau von Thuris, die Rede<lb/>davon gewesen, daß der Graf
die Schweiz besuchen,<lb/>seine Heimath, seine Besizzungen, seine Familie
kennen<lb/>lernen sollte; aber eben der Grund, welcher die Frei-<lb/>frau
die Entfernung ihres Bruders von dem Hofe so<lb/>lebhaft hatte wünschen
lassen, hatte diesen dort gefesselt;<lb/>und nun, da ein Zusammentreffen von
Ereignissen<lb/>ihn nach der Schweiz zu gehen bewogen, war es
so<lb/>plözlich geschehen, daß Niemand von des Grafen Fa-<lb/>milie davon
Kunde erhalten konnte und Niemand von<lb/>den Seinen ihn erwartete. Nicht.
einmal in seinem<lb/>eigenen Hause wußte man, daß der Herr es zu
be-<lb/>suchen denke, und er selber erinnerte sich dieses Hauses<lb/>eben
nur wie eines Gehildes aus irgend einem Traume.<lb/>Die Sonne war im Sinken,
als ihm plözlich bei<lb/>dem Blick auf die Ruinen der Burg Liechtenstein
das<lb/>Bewußtein kam, daß er diese Ruine schon gesehen,<lb/>und an dem
einen Anhaltepunkte stieg die ganze Ge-<lb/>gend in seinem Gedächtniß als
eine bekannte und ihm<lb/>vertraute empor. Hier war er als Kind in dem
gro-<lb/>ßen Reisewagen seiner Eltern gefahren, aus dem er<lb/>hinabgesehen
auf die grünen, weißschäumenden Fluthen<lb/>des Rheines. Das war der
Sessaplana, das der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0066_065.tif" n="065"/>
<p>Gallanda, auf dessen scharfgezeichuetem Gipfel der<lb/>Schnee erglänzte,
obschon das Land zu ieinen Füßen<lb/>sich in die volle Pracht des Sommens
gekleidet hatte;<lb/>und dort, wo das Thal sich verengte, dert ragten
sie<lb/>empor auf der Höhe, der mächtige Dom und der<lb/>breit hingelagerte
Bischofssitz der alten rhätischen<lb/>Stadt, dort erhob sich noch immer der
viereckige, ur-<lb/>alte Thurm der einstigen Römerfeste, der
uris.<lb/>Ihaetorum, die, wie ihm sein Vater damals erklärt<lb/>hatte, mit
weiser Berechnung auf diesem Flecke ange-<lb/>legt, die drei Thäler zu
gleicher Zeit beherrscht und so<lb/>dem Angriff von allen Seiten zu trozen
vermocht hatte.<lb/>Die fernste Vergangenheit, der Gedanke an
seine<lb/>Jugend, an seine Eltern und an das Jüngsterlebte<lb/>schmolzen in
der Seele des Grafen in eine wehmüthige<lb/>Empfindung zusammen. Er fühlte
es, welch ein<lb/>Atom der Mensch sei, und sehnte sicc doch mehr als<lb/>je
zuvor nach einem festen Anhalt für sein flüchtig<lb/>hinschwindendes
Dasein.<lb/>Es schmerzte ihn, daß er den Weg nach seiner<lb/>Heimath, nach
seinem Hause gar nicht kannte, und es<lb/>war eine schmerzliche Reugier, mit
welcher er aus .<lb/>seiner Reisekalesche in die Gegend hinaussah,
die<lb/>Straße verfolgend, welche man ihn führte, und nach<lb/>rr<lb/>- »=-
b- H<lb/>O<lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0067_066.tif" n="066"/>
<p><lb/>t<lb/>T<lb/>s<lb/><lb/>t<lb/><lb/>A<lb/>E<lb/>Der Bursche, der ihn mit
fröhlichem Peitschenknalle<lb/>die lange Pappelallee von dem Flecken Malsanz
nach<lb/>der Stadt hinauffuhr, der so sicher seine Pferde durch<lb/>das mit
Thürmen flankirte alte Stadtthor und durch<lb/>die engen, gewundenen Straßen
leitete, der kannte das<lb/>gräflich Rottenbuel'sche Haus, der wußte es zu
finden.<lb/>- Der Besizer des Hauses hätte das nicht vermocht.<lb/>In der
Stadt war Lebens genug. Die Bürger<lb/>; standen vor ihren Thüren, die lezte
Abendstunde mit<lb/>! einander zu verplaudern, an den Brunnen
tränkten<lb/>italienische und romanische Kärner ihre müden
Thiere,<lb/>welche morgen den Weg über das Gebirge wieder<lb/>zurücklegen
sollten, und schäkernde Burschen mit dunkel<lb/>glänzenden Augen, die
bräunliche Sammetjacke auf<lb/>gut Italienisch über die Schulter geworfen,
hielten<lb/>sich zu den Mägden und Weibern, die ebenfalls an<lb/>den Brunnen
beschäftigt waren oder mit den vollen<lb/>Körben auf dem Kopfe von den
Wiesen und Gärten<lb/>in die Siadt zurückkehrten. Nun bog der Wagen<lb/>um
eine Ecke, nun fuhr man über die Brücke, und<lb/>nun erblickte Graf Joseph
auch das wilde Bergwasser,<lb/>das läärmend und brausend seine Gischtmassen
zwischen<lb/>den schmalen Ufern herniederrauschen ließ zum nahen<lb/>Rhein.
Das war die Plessur, die von den Bergen<lb/>herabkam, und dort am andern
Ufer, das war es,<lb/>das war sein Vaterhaus, seiner Väter Haus zu
Chur.<lb/>R,<lb/>cd<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0068_067.tif" n="067"/>
<p>Die Augen wurden ihm feucht. leit, tte sich das<lb/>Haus größer, höher, den
Thurm se mäctig gedacht.<lb/>Er seufzte unwillkürlich. Auch das Haus war
zn-<lb/>fammengeschrumpft, wie alle seine Ideale, es war nicht<lb/>das, was
er davon erwartet hatte.<lb/>Je mehr sie sich aber dem Hause nahten, je
deut-<lb/>licher er es unterscheiden konnte, um so besser fing es<lb/>ihm zu
gefallen an. Die grünen Läden an den hohen<lb/>Fenstern der sauber
gehaltenen weißen Wände, die<lb/>schönen Pappeln am Eingange des Gartens,
die wohl-<lb/>geschorene Hecke und die zugespitzten Buähsbaum-y-<lb/>ramiden
verriethen, daß hier treulich Sorge für ihn<lb/>getragen worden sei, und da
er fühlte, wie Liebe hier<lb/>für ihn gewaltet, spann sich leise ein Faden
von seinem<lb/>Herzen zu seiner Heimath hinüber.<lb/>Der überraschte
Hauswart hatte Thor und Thüren<lb/>seinem fremden Gebieter geöffnet, und
Graf Joseph<lb/>fand sich am Abende einsam in dem Hause, das er<lb/>zum
ersten Male als das seine betrat. Er hatte sich<lb/>das Zimmer seines Vaters
zum Aufenthalte ausge-<lb/>wählt, sein Kammerdiener sorgte für seines
Herrn<lb/>Bedürfnisse und Bequemlichkeit; indeß die leeren Räume<lb/>ließen
sich nicht beleben, und der Graf kannte Nie-<lb/>mand in Chur, den er hätte
auffordern mögen, ihn<lb/>zu besuchen. Seine Blutsverwandten waren in
dieser<lb/>Zeit schon lange auf ihren Besizungen in den
Bergen<lb/>Hf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0069_068.tif" n="068"/>
<p>und in den hochgelegenen Thälern; und die einzelnenPer-<lb/>sonen aus seiner
Vaterstadt, mit welchen er bei ihren ge-<lb/>legentlichen Besuchen in
Frankreichinflüchtige Berührung<lb/>gekommen war, fühlte er sich nicht
gestimmt zu sehen.<lb/>Al es Nacht geworden war, brachte sein
Kam-<lb/>merdiener ihm das Licht in's Zimmer Er sezte den<lb/>schweren
Armleuchter auf den Tisch, daneben eine<lb/>Flasche des alten Weines, der
seit fast einem Men-<lb/>schenalter ungenutzt in dem gräflichen Keller
gelagert<lb/>hatte, und verließ dann das Gemach.<lb/>Der Graf warf einen
flüchtigen Blick nach dem<lb/>Tische, und der alte Leuchter hellte die ganze
Vergan-<lb/>genheit für ihn auf. Er hatte ihn als Kind
oftmals<lb/>betrachtet, diesen emporschwebenden Genius, der,
aus<lb/>schwerem Silber gearbeitet, die Fackel mit den drei<lb/>Lichtern
emporhielt. Sein Vater hatte dem Grafen<lb/>erzählt, daß dieser Leuchter ein
altes Besizstück seines<lb/>Hauses sei, ein Werk von Benvenuto Eellinis
kunst-<lb/>geübter Hand. Einer seiner Ahnen, Graf Übald von<lb/>Rottenbuel,
der lange in päpstlichen Diensten gestan-<lb/>den, hatte es aus Jtalien
mitgebracht, als er sich in<lb/>die Heimath zurückgezogen und sich ein Weib
genom-<lb/>men hatte. Er hob den Leuchter emvor, er besah<lb/>prüfend die
schöne Arbeit, aber es war nicht das<lb/>Kunstwerk, das ihn
beschäftigte.<lb/>Er hätte Jemand haben mögen, dem er die Ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0070_069.tif" n="069"/>
<p>A<lb/>schichte dieses Leuchters, die Geschichte c:s Grafen<lb/>Übald und die
ganze Herkunft und Abstammung sei-<lb/>nes Hauses hätte erzählen können, wie
sein Vater sie<lb/>ihm hier in diesem Zimmer einst vorezzähl. Das<lb/>alte
Erbstück der Famile, der alte Besiz machten ihn<lb/>sehnsüchtig denselben
weiter fortzuvererben, gaben ihm<lb/>ein Verlangen nach Weib und
Kind.<lb/>Er fuhr mit der Hand über die Stirn. Er wollte<lb/>die Gedanken
bannen, er wollte vielleicht auch ein<lb/>ein Bild verscheuchen, das sich
ihm vor die Augen<lb/>drängte; aber was er auch beginnen mochte, er
wurde<lb/>seiner Stimmung nicht Meister, er konnte in dem ein-<lb/>famen
Hause kein Behagen finden, und die Sebnsucht<lb/>nach einem Menschen, dem er
seit Herz erscließen,<lb/>an den er sich lehnen könne, brachte ihn zu dem
Ent-<lb/>schlusse, sich schon am folgenden Morgen in aller<lb/>Frühe auf den
Weg zu machen, um sein Stammschloß<lb/>in den Bergen noch am Abende zu
erreichen, seiner<lb/>Schwester von dort einen Boten zu senden und
sie<lb/>von seiner Ankunft zu benachrichtigen.<lb/>Am Abende war er als ein
Fremder iy sein Haus<lb/>gekommen, am Morgen erwachte er in demselben
mit<lb/>der Empfindung des Besizers. Er glaubte hier
eine<lb/>Vernachlässigung, dort die Möglichkeit zu einer Ver-<lb/>besserung
zu bemerken. Obschon er sich gleich auf<lb/>den Weg zu machen beabsichtigte,
ließ er den Haus-<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0071_070.tif" n="070"/>
<p>wart kommen und gab die Anweisung zu einigen Ver-<lb/>änderungen, die er
sofort ausgeführt zu haben wünschte.<lb/>Als er seine Befehle aussprach,
dünkte es ihn nicht,<lb/>als habe er damit etwas Besonderes gethan; da
aber<lb/>der Hauswart in die Details des zu Beschaffenden<lb/>einging, fiel
es dem Grafen auf, daß er sich darum<lb/>gekümmert habe, und ohne daß er es
gewahrte, knüpfte<lb/>es ihn an die Reihen seiner Vorfahren an, daß er
für<lb/>die Stätte Sorge trug, welche sie begründet hatten.<lb/>ggggg
gggg<lb/>?. Kapitel.<lb/>Damals war der Weg, der von Chur aus über<lb/>den
Paß des Julier nach den Duellen des Jnn in<lb/>das Engadin führte, noch ein
sehr beschwerlicher.<lb/>Schmale, steile Pfade, nur dem sicheren Schritte
des<lb/>vorsichtigen Bergpferdes und dem festen Fuß des rü-<lb/>stigen
Wanderers zugänglich, stiegen über die Felsen<lb/>hinauf, leiteten an tiefen
Abhängen vorüber, in die<lb/>Thäler hinunter und verloren sich bisweilen
ganz, so<lb/>daß der Wanderer selbst die Stelle zu suchen hatte,<lb/>von der
aus er weiter vorwärts kommen konnte.<lb/>Die Erde lag noch im Schatten, der
Nebel erfüllte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0072_071.tif" n="071"/>
<p><lb/>noch die Thäler, als Graf Joseph, ne ut jci ele Diener<lb/>gefolgt,
langsam die Höhe emporritt. Je höher er<lb/>stieg, um so tiefer sank der
Nebet. Durch Wälder<lb/>von Wallnußbäumen, an Weingärten vorbei,
deren<lb/>große Blätter thautriefend der Sonye warteten, ging<lb/>es hinauf,
und ein leises kühles Wehen erfrischte ihm<lb/>die Brust. Er athmete
leichter und voller als je zu-<lb/>vor, und das Emporsteigen, das
Vorwärtskommen er-<lb/>freuten ihn, denn in Beidem liegt ein Gelingen.
Er<lb/>sah hinab, ein Meer von Nebel schwamm zu seinen<lb/>Füßen, bewegte
sich langsam hin und her, ließ hie<lb/>und da eine Stätte in unklaren
Umrissen erkennen,<lb/>und zog sich dann wieder wirbelnd und schwebend
zu-<lb/>sammen. Er sah empor, und es traf ihn wie eine<lb/>Verklärung. In
einem Schimmer, für dessen Farbe<lb/>und Pracht es keinen Namen gab,
leuchteten die<lb/>schneeigen Grate des Gebirges auf dem unsäglich
klaren<lb/>Himmelsblau, und als wolle das Licht beweisen, daß -<lb/>es noch
die Gewalt habe, welche es in den Tagen be-<lb/>sessen, da die Wasser des
Himmels sich von den Was-<lb/>sern auf der Erde schieden, so zerriß vor der
Sonne<lb/>ersten Strahlen das schwebende Gewölk zu seinen<lb/>Füßen, und
tief geborgen unten im Thale, wo die<lb/>schäumende Plessur aus ihrer engen
Felsenwiege her-<lb/>vorbrach, ruhte die Stadt noch schlummernd und
still.<lb/>Der Graf hielt sein Pferd an, um hinabzuschauen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0073_072.tif" n="072"/>
<p>rrA<lb/>Da lagen sie wieder, der Dom, der Bischofssiz, die -<lb/>Wege, welche
von demselben nach der Stadt hinunter-<lb/>leiteten! Er sah die Bäume,
welche sein Haus um-<lb/>gaben, sah das Haus mit seinen geschlossenen
grünen<lb/>Fensterladen, und auch das Zimmer, dessen Fenster<lb/>offen
waren, sein Zimmer, in dem er die Nacht ge-<lb/>schlafen. Es heimelte ihn
Mlles an. Die Stadt, so<lb/>klein sie war, erschien ihm schön und war ihm
plözlich<lb/>lieb. Er wußte sich die Empfindung nicht zu deuten.<lb/>Er
hatte oft genug von den Höhen des Montmartre<lb/>auf Paris hinabgesehen,
ohne ein Gefühl der Liebe<lb/>für den Ort zu haben, obschon er sein ganzes
Leben<lb/>dort gelebt, obschon er durch alle seine Erinnerungen<lb/>mit
demselben verwachsen war, und doch war es eine<lb/>natürliche Erfahrung, die
er an sich zu machen hatte.<lb/>Große Städte, unübersehbare Häusermassen
erregen<lb/>nur Erstaunen, erregen höchstens Verwunderung, und<lb/>sprechen
durch die historischen Thatsachen, welche sich<lb/>an ihre Mauern knüpfen,
zu unserm Geiste; lieb ge-<lb/>winnen, lieben kann man nur Städte, die man
in<lb/>allen ihren Einzelnheiten erkennen, die man als ein<lb/>Einiges, als
ein Individuum mit einem Blicke über-<lb/>sehen kann; und wenn der
Großstädter ein Weltbürger<lb/>wird und der Kleinstädter mit unwandelbarer
Neigung<lb/>an seiner Heimath hängt, so ist das, wo es geschieht,<lb/>nicht
nur Folge der geistigen Atmosphäre, welche sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0074_073.tif" n="073"/>
<p>g<lb/>,<lb/>in ihren Aufenthaltsorten athmen, ienlrnn es beruht<lb/>auf einem
physischen Gesetz, das auf destüumte Na-<lb/>turen seinen unabweislichen
Einfluß ausübt.<lb/>Steigend und steigend ritt er in dm Tag hinein.<lb/>Hier
rauschte die Rabiosa durch das Thal, dort rie-<lb/>selten kleine Bäche aus
dem Gestein hervor oder fielen<lb/>schäumende Fluhen von Absaz zu Abiaz an
den Felsen<lb/>hernieder, um sich mit den wilden Gleticheur ussern
der<lb/>Rabiosa zu mischen und ihre gemeinsame -ülle dem<lb/>Rhein
zuzuführen, der sich fern ab von zen Schweizer-<lb/>bergen in das Meer
ergießt. Dann wieder sah er<lb/>auf den grünen Matten die Hütten der Seuner,
wie<lb/>sie vom Thal bis zum Bergesgipfe!, I.b in Entfer-<lb/>nungen an
einander reihend, eine Kette l ilden durch<lb/>das ganze Land, und worauf er
seinen Sinn auch<lb/>richtete, die Natur und das Leben d-. Menscen
in<lb/>ihr, Alles war auf Gliederung und Zufauinmenwirkuuug<lb/>begründet.
Die Flüsse und die Meüschengeschlecter,<lb/>sie hatten dieselhe Bestimmung
und oasselbe Schicksal:<lb/>zusammenwirken für die größtmöglichste
Kraftentfaltung<lb/>und sich auflösen in das Allgemeine.<lb/>Er war sich neu
in diesen Betrachtungen, denn in<lb/>dem wechselnden und vielbewegten Leben
von Paris,<lb/>das in jenen Tagen nicht nur die Hauptstadt Frauk-<lb/>reichs
war, hatte er in den letzten Jahren mehr mit<lb/>Andern als mit sich selbst
verkehrt, und wenn manch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0075_074.tif" n="074"/>
<p>Einer in der Zurückgezogenheit an sich die unange-<lb/>nehme Erfahrung machen
muß, daß er nur den Geist<lb/>seiner Umgebung gehabt habe, so wurde Graf
Joseph<lb/>es nun gewahr, wie viel von seinem Geiste er Andern
-<lb/>geliehen, wie viel Empfindung er in Andere hinein-<lb/>gelegt, und wie
er allermeist der Schöpfer der Ge-<lb/>danken und der Gefühle gewesen sei,
die er durch An-<lb/>dere zu empfangen geglaubt hatte. Er begegnete
auf<lb/>seinem einsamen Wege keinem fröhlichen Genossen,<lb/>keinem
Reisegefährten, aber er fand sich selbst in dieser<lb/>Stille, in dieser
erhabenen Natur, und wo man sich<lb/>selber findet, da ist man in seiner
wahren Heimath,<lb/>in seinem eigentlichen Vaterlande. Noch am
verigen<lb/>Abende waren alle seine Gedanken an Paris, an Ver-<lb/>sailles,
an Franziska gebannt gewesen; heute däuchte<lb/>es ihn, als lägen eine
unermeßbare Ferne und eine<lb/>unübersehbare Zeit zwischen ihm und sener
Frau.<lb/>Man war über die Mittagshöhe hinaus, als er<lb/>den Rottenbuel,
sein Stammschloß, zuerst erblickte.<lb/>Auf einem steilen Felskegel lag es
da, weit in die<lb/>Ferne sichtbar, wie ein Adlernest sicher durch
seine<lb/>Einsamkeit. Das Schloß stüzte sich in seiner
ganzen<lb/>Mächtigkeit auf den Steinblock, der es trug, es hatte<lb/>kein
Fundameut als das naturerschaffene, ja es sah<lb/>aus, als sei es die Blüthe
dieses Steines, als habe<lb/>der Stein es mit diesen festen trotzigen Mauern
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0076_075.tif" n="075"/>
<p>n<lb/>h<lb/>hz<lb/>Thürmen aus sich selbst erzeuugt. Kein R.iweg
führte<lb/>zu der Burg hinauf. Die Stallungen waren am<lb/>Fuße des Felsens
gelegen, die Pferde mußten dort<lb/>zurückbleiben, und feierlich und in sich
gekehrt ging<lb/>der Graf die Windungen des Schloßpfades hinauf,<lb/>trat
er, ein einsamer Wanderer, der Einzige seines<lb/>Namens, unter das Portal
seines Stammschlosses ein.<lb/>Altersgraue Diener, Männer so wie Frauen,
um-<lb/>gaben ihn unten in der Halle, und segneten ihn nnd<lb/>schauten voll
freudiger Ergebenheit zu ihn empor, der<lb/>jetzt ihr Herr war; altersgraue
Bilder, so Männer wie<lb/>Frauen, umgaben ihn oben in dem Saule und
schauten<lb/>mit ihren ernsten Mienen zu ihm herab und schienen<lb/>ihn zu
segnen, der ihr Sohn, der jetzt ihr einziger<lb/>Erbe war.<lb/>Da hing das
Bild des Grafen Ruprecht pon<lb/>Rottenbuel, des Ersten seines Stammes, da
hing<lb/>Graf Übald's Bild, von dem sein Vater ihm erzählt.<lb/>Die großen
schwarzen Augen unter den ergrauenden<lb/>Brauen, die weit zurückspringende
Stirne und die ge-<lb/>waltige Adlernase hatten etwas Finsteres und
Wildes.<lb/>! Finster sah auch die schwarze, eiserne Rüstung aus<lb/>! und
die blutrothe Schärpe, die er trug, und finster<lb/>! klang auch die Devise
des Geschlechtes: ,iüiner muß<lb/>! der Lezte sein!?-- Graf Ruprecht hatte
diese Worte<lb/>s gerufen, als er in dem Kreuzzuge des Jahres 12s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0077_076.tif" n="076"/>
<p>bei einem Ausfall aus der Festung Jaffa der Lezte -<lb/>gewesen war, welcher,
den Rückzug deckend, außerhalb<lb/>der Thore Stand hielt, und als Kaiser
Friedrich U.<lb/>den Tapferen in den Grafenstand erhoben, hatte er<lb/>ihm
jene Worte als Devise in sein neues Wappenschild<lb/>zu setzen
geboten.<lb/>Graf Joseph wiederholte die Devise unwillkürlich,<lb/>und wie
er sie laut vor sich hin sprach, daß sie durch<lb/>den Saal tönte, dünkte es
ihn, als höre er dabei<lb/>einen Seufzer, und sie klang ihm unheimlich wie
eine<lb/>böse Vorbedeutung. Aber er war jung und in einer<lb/>Welt
erwachsen, die dem Aberglauben und den<lb/>Ahnungen nicht viel Raum gab; und
von den Män-<lb/>nern seines Geschlechtes sich zu den Bildern der<lb/>Frauen
wendend, erheiterte sich sein Sinn, blieb sein<lb/>Auge endlich an den
sanften Zügen seiner Mutter<lb/>hängen, deren gütevoller Blick, deren mild
lächelnde<lb/>Lippen ihn willkommen zu heißen schienen. Auch<lb/>das Bild
seines Vaters sprach zu ihm. Er trug in<lb/>demselben nicht wie in
Frankreich die Uniform, nicht<lb/>den Rock und die Farben des Königs, aber
er sah<lb/>nur noch vornehmer aus in dem reichgestickten bürger-<lb/>lichen
Kleide, wie er dastand, die Rechte auf den<lb/>Tisch gestützt, auf welchem
neben verschiedenen alten<lb/>Pergamenten die Grafenkrone lag. Er hatte
sich<lb/>darstellen lassen wie ein regierender Herr, und re-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0078_077.tif" n="077"/>
<p>!<lb/>gierende Herren waren die Grafen von Rottenbuei<lb/>hier auf ihrem
Grnnd und Boden, hier iu: Bündner<lb/>Lande, welches das Veltlin beherrschte
und seiner<lb/>Macht bis jenseits der Berge Geltung zu
verschaffen<lb/>wußte.<lb/>Die Brust des Grafen hob sich bei oieser
Vor-<lb/>stellung, denn Herrschaft, auch die kleinste, ist
ewwas<lb/>Verlockendes. Er hatte in seiner Dienstbarkeit unter<lb/>dem
Könige von Frankreich es fast vergessen, daß<lb/>s ss oe»feteoe, weiche ee
po feier kübeke -<lb/>er Herr auf seinem Grund und Boden sei, und<lb/>? gend
auf in seinem Wappen betrachtet und geführt,<lb/>j sah ihm ganz anders aus,
wie sie da auf dem<lb/>j Bilde neben den alten Pergamenten an seines
Baters<lb/>s Sele b=g<lb/>In Chur hatte er sich zwischen den andern
Häu-<lb/>Z sern, deren Bewohner er nicht kannte, in seinem<lb/>f Hause
einsam gefühlt. Hier auf dem Rottenbuel<lb/>, fand er sich frei und gehoben
durch sein Alleinsein.<lb/>j Er schaute von der Höhe hinab, und das
Land,<lb/>h auf das er blickte, war sein eigen. Er öffnete die<lb/>! Thüren
des Saales und trat auf die Altane hinaus.<lb/>s Die Wohnungen der
Dienstleute, die Scheuern mi<lb/>s ihren großen Bogenfenstern, der Garten
mit seinen<lb/>s weithin schattenden Bäumen, der geräumige Hof,<lb/>! die
grosßen Stallungen' machten ihm Freude. Er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0079_078.tif" n="078"/>
<p>ließ sich den Castellan kommen, um die Grenze -<lb/>seines Besizes kennen zu
lernen, um mit dem er-<lb/>fahrenen Diener die Documente durchzugehen
und<lb/>Einsicht in seine eigenen Verhältnisse zu gewinnen. s<lb/>Der Abend,
der nächste Tag vergingen ihm bei !<lb/>der ungewohnten Beschäftigung in der
angenehmsten ;<lb/>Weise. Je mehr er sich in die alten Chroniken
ver-<lb/>senkte, um so heimischer begann er sich auf seinem<lb/>Erbe zu
fühlen, und je weiter er mit seinen Ge-<lb/>danken in die Vergangenheit
seines Goschlechts zurück-<lb/>ging, um so ferner trat ihm, was er selbst,
was er<lb/>eben erst erlebt. Es ging in seinem Innern eine<lb/>Wandlung vor,
die er sich nicht zu erklären wußte.<lb/>Er fand sich plözlich jener
Vergangenheit auf das<lb/>Festeste verknüpft und angehörend, und von ihr in
die<lb/>Zukunft gewiesen.<lb/>Ein Geschlecht, das auf seine Ahnenreihe
zurück-<lb/>sehen konnte bis in das zwölfte Jahrhundert, durfte<lb/>nicht
untergehen, so lange ein Mann da war, es<lb/>fortzupflanzen; das alte Schloß
durfte nicht einsam,<lb/>nicht verlassen dastehen und in keine fremde
Hände<lb/>fallen. Er hatte Augenblicke, in welchen er seinen<lb/>Eltern
zürnte, daß sie ihn von dieser Heimath fern<lb/>gehalten, daß sie selbst
nicht hier gelebt hatten, und<lb/>der vielfach ausgesprochene Wunsch seiner
Schwester,<lb/>daß er heimkehren, sich beweiben und seinen Stamm<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0080_079.tif" n="079"/>
<p>nicht aussterben lassen solle, dünkte ihm jetzt so sehr<lb/>berechtigt, daß
er ihn in einzelnen Stunden auch zu<lb/>dem seinen machte.<lb/>Aber er
konnte für sich nicht an die Ehe denken,<lb/>ohne daß die Frau ihm wieder
einfiel, deren Bild er<lb/>aus seinem Herzen zu reißen beschlosfen hatte;
und<lb/>mit dem Gedanken an Franziska, mit dem einen<lb/>Namen klaffte die
alte Wunde, klaffte der alte Zwie-<lb/>spalt in seinem Herzen wieder
auf.<lb/>AEggggggea<lb/>s. Kapites.<lb/>Graf Joseph hatte vorgehabt, am
nächsten Tage<lb/>seine Schwester aufzusuchen, aber es war noch früh<lb/>am
Morgen, als man ihm meldete, daß die Fieifrau<lb/>von Thuris nach dem
Schlosse komme.<lb/>Der Graf trat an das Fenster, und der
Anblick,<lb/>welcher sich ihm darbot, überraschte ihn., Hinter<lb/>einem
vorreitenden Diener ritt die Freifrau, stolz und<lb/>ruhig auf ihrem Sessel
sizend, auf einem starken<lb/>Pferde den Fuß des Berges hinauf. Ihre
Kammer-<lb/>fran und noch zwei andere Diener folgten ihr ebenfalls<lb/>zu
Pferde.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0081_080.tif" n="080"/>
<p>Konradine von Thuris war sechszehn Jahre älter<lb/>als ihr Bruder, und jezt
in der Mitte der vierziger<lb/>Jahre noch eine Achtung gebietende Schönheit.
Sie<lb/>war groß und stark, wie das ganze Rottenbuel'sche<lb/>Geschlecht,
dessen Süge sie vollständig trug. Die<lb/>starke Nase und die dunkeln Augen,
die frische Farbe<lb/>der Bergbewohnerin und der feste feurige Blick
nahmen<lb/>sich seltsam aus gegen ihr früh ergrautes, fast weißes<lb/>Haar,
das unter der schwarzen Schneppe der Wittwen-<lb/>haube, über welcher sie
den schwarzen breitkrämpigen<lb/>Reithut aufgesetzt hatte, nach der Mode der
Zeit<lb/>in langen Lvcken zu beiden Seiten ihres
Kopfes<lb/>herabfiel.<lb/>Der Graf eilte hinunter, die Schwester, die
ihm<lb/>fast eine Fremde war, zu empfangen, und Freude und<lb/>Rührung in
den ernsten Zügen, stieg sie an seiner<lb/>Seite den letzten Theil des
Berges und die Treppe<lb/>des Schlosses hinauf. Als sie mit ihm in den
großen<lb/>Saal des oberen Stockwerks eintrat, blieh sie unwill-<lb/>kürlich
stehen, schaute umher und blickte den Bruder<lb/>an, als wolle sie den
Bildern ihrer Ahnen sagen, daß<lb/>der Erbe und Herr des Hauses da
sei.<lb/>Dann, als der Diener, welcher ihnen vorange-<lb/>gangen war und
ihnen die Thüren geöfnet, sich ent-<lb/>fernt hatte, trat sie dem Bruder
gegenüber, dessen<lb/>volle Größe sie hatte, nahm seine Hände in die
ihren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0082_081.tif" n="081"/>
<p>und sagte mit fester Stimme, während sir ih:, wie<lb/>der Mann dem Manne, die
Hände schüttelte: ,WZill-<lb/>kommen, mein Bruder, willkommen in Deiner
Hei-<lb/>math! Ich bin früh ausgeritten, um, wie es gebührt,<lb/>das
Oberhaupt meines väterlichen Stammes in seinem<lb/>Schlosse begrüßen zu
kommen. Es hat lange genug<lb/>leer gestanden, dieses gute Haus, denn Du
hattest es<lb/>fast vergessen, daß die Grafen von Rottenbuel
hierher<lb/>gehören. Laßß mich denn gleich in der Stunde
des<lb/>Wiedersehens die Hoffnung aussprechen, daß es Dir<lb/>gefallen möge,
bei uns zu bleiben, auf Deinen Grund<lb/>und Boden, und als ein guter
Bündner und Nachbar<lb/>unter uns leben.!<lb/>Wer sich selbst beherrscht
und, wie er sich zu ge-<lb/>bieten versteht, auch seiner Umgebung zu
gebieten ge-<lb/>lernt hat, dessen Ausdruck gewinnt allmählich
einen<lb/>Ton, welcher auf Andere unwillkürlich bestimmend ein-<lb/>wirkt,
und als die schöne, stolze, hochaufgerichtete Frau<lb/>jetzt mit ihrem
ernsten Worte vor dem Bruder da-<lb/>stand, schloß sich ihre Erscheinung so
ebenbürlig an<lb/>die Reihen ihrer weiblichen Ahnen an, daß er
sich<lb/>davon ergriffen fühlte. Sie erschien ihm wie die Ver-<lb/>körperung
seines Familiengeistes, und eingenommen<lb/>von dem Zauber, welchen die
ganze Umgebung auf<lb/>ihn ausübte, fühlte er neben der Neigung, welche
sich<lb/>n?xFFFF z=- == -==-<lb/>6<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0083_082.tif" n="082"/>
<p>s H- =e-. -e wooe eoee =o g. »<lb/>welche sich ein Etwas in ihm sträubte, so
sehr =« ?<lb/>wünschte, ihr wohlzugefallen und ihr lieb zu werden.
;<lb/>Mane blieb die ersten Stunden ungestört bei- ,<lb/>sammen, denn man
hatte sich einander anzueignen.<lb/>Graf Joseph wußte nur wenig von den
Tagen, in f<lb/>welchen Conradine das einzige Kind der Eltern, und<lb/>der
Stamm der Grafen von Rottenbuel seinem<lb/>Erlöschen nahe gewesen war. Sie
erzählte ihm von<lb/>der Freude, mit welcher der Vater die Geburt
seines<lb/>Sohnes begrüßt, von dem holden Lächeln, mit welchem -<lb/>der
Blick der Mutter an ihm gehangen, und von der<lb/>Rührung, mit welcher sie
selbst ihn über die Taufe<lb/>gehalten hatte. Von ihrem Leben redete sie zu
ihm,<lb/>das hieß für sie, von dem Gatten reden, welchen sie<lb/>verloren,
und von dem Sohne, den sie in seinem An-<lb/>denken erzogen hatte. Sie
rühmte es mit freudiger<lb/>Erhebung, daß kein Thuris jemals einem
fremden<lb/>Herrn gedient, und lobte es, daß auch ihr Ulrich dem<lb/>Zureoen
widerstanden, in Paris in die Schweizer-<lb/>regimenter einzutreten; ,dennk,
sagte sie, ,es ist das<lb/>Einzige, was ich unserm Vater nicht vergeben
kann,<lb/>daß er Dienste nahm. Und auch von Dir, mein<lb/>Bruder, war es
nicht wohlgethan: man soll nicht<lb/>dienen, wenn man frei sein kann
!r'<lb/>,Schau um Dich!r rief sie aus, indem sie ihres<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0084_083.tif" n="083"/>
<p>!<lb/>88<lb/>Bruders Hand ergriff und mit ihm in das Freie<lb/>hinaustrat.
,So weit Dein Auge dieses Thal um-<lb/>faßt, giebt's keinen Herrn außer Dir.
Droben in<lb/>dem Dorfe, dessen schlanker Kirchthurm jetzt so hell<lb/>im
Sonnenlichte wiederleuchtet, betet der Pfarrer,<lb/>den Du eingesetzt, in
der Kirche Sonntags für Dein<lb/>Wohl. Drüben in der Mühle, deren Räder
das<lb/>weiße Wasser der Albula in raschen Schwingungen<lb/>dreht, arbeitet
der Müller für Dich; auf den Matten<lb/>und Triften, welche hinaufsteigen
bis an die Re-<lb/>gionen, in denen das Leben nicht mehr gedeiht,<lb/>wohnen
in zahlreichen Dörfern Deine Leute, weilen<lb/>in noch zahlreichern Schaaren
die Sennen, welche<lb/>Deine Heerden bewachen. Unten tief im Thale
liegt<lb/>der Niederstein, die Burg, welche Graf Emanuel dem<lb/>Geschlecht
erbaut; hoch über dem Arvenwald zu Deiner<lb/>Rechten hebt sich Schloß
Felseck hervor, in dessen<lb/>Mauern die flügelschnellen Falken nisten, über
dessen<lb/>Thürmen der helläugige Adler seine mächtigen Kreise<lb/>zieht.
Das Alles ist Dein! Dein ist dies Herren-<lb/>haus, Dein ist ein Name, dem
sich an Alter und<lb/>Adel nur wenige vergleichen können, die auf
Europa's<lb/>Thronen sizen; Dein ist die ganze lange Reihe
des<lb/>Geschlechtes, das in diesem Augenblicke auf Dich<lb/>und Deine
Heimkehr niederschaut, das seine Fort-<lb/>daner von Dir verlangt, das Dir
gebieterisch zu-<lb/>.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0085_084.tif" n="084"/>
<p>ruft: Du darfst nicht der Lezte, Du sollst nicht der<lb/>Lezte sein
!r'<lb/>Sie hielt inne, der Ton der Begeisterung, der<lb/>Beschwörung, in
welchem sie umwillkürlich gesprochen,<lb/>hatte auf sie selbst
zurückgewirkt, die, Augen glänzten<lb/>ihr feucht, sie mußte sich sammeln,
und schweigend<lb/>umherblickend lehnte sie endlich ihren Arm auf
ihres<lb/>Bruders Schulter und sagte mit mütterlich vorwurfs-<lb/>vollem
Tone: ,Und Du konntest so lange fern von<lb/>Deinem Vaterlande bleiben,
konntest vergessen, daß<lb/>? hier Dein Name eine Macht ist, die den Bund
ver-<lb/>s stärken hiift? Du konntest vergessen, daß Du hier<lb/>! Pflichten
gegen das Volk zu erfüllen hast, welches<lb/>gewohnt ist, von Deinem Stamme
zusammengehalten<lb/>und geleitet, von Deinem Stamme geführt zu
wer-<lb/>den, wenn der Feind uns naht? Mögen diejenigen<lb/>iu's Ausland
gehen, die Haß gesäet in unserm Volke<lb/>und Fluch geerntet. Dem Grafen von
Rottenbuel<lb/>blüht hier iebe, wohnt hier Verehrung und Treue.<lb/>Wie
konntest Du anstehen, sie zu pflegen und zu<lb/>nähren, wie konntest Du, da
ich Dich mahnend rief,<lb/>so lange in Paris in Dienstbarkeit
verweilen?<lb/>Der Graf war bis in das tiefste Herz ergriffen.<lb/>Die
einfache und aus starker eberzeugung erwachsende<lb/>Ausdrucksweise seiner
Schwester erhöhte den Ein-<lb/>druck, welchen ihr erster Anblick auf ihn
hervorge-<lb/>1k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0086_085.tif" n="085"/>
<p>=g<lb/><lb/>-t<lb/>bracht. Ihre Worte prägten sich ihu ein, sezten<lb/>r
?r=<lb/>über sich selbst, er war sich wie entfremdet und es<lb/>dünkte ihn
doch, als werde er jetzt erst sich selber<lb/>zurückgegeben; und von dem
Vertrauen zu der<lb/><lb/>e rra.<lb/>er sich selber rechtfertigen: ,Du weißt
nicht, Schwester,<lb/>was mich hieli!<lb/>Er hatte sich bei den Worten von
ihr abgewendet<lb/>und die Hand über seine Augen gedeckt. Sie trat<lb/>an
ihn heran, erfaßte diese Hand und sagte leise und<lb/>fest: ,Ich weiß
es!<lb/>Ihre Blicke begegneten sich, und sich auflehnend<lb/>gegen die
Macht, welche seine Schwester über ihn<lb/>gewann, versetzte er kurz und mit
kaltem Tone:<lb/>,Ich kam uicht hierher, ein Weib zu suchen, ich kam,<lb/>um
zu vergessen, daß ich vor wenig Tagen einer<lb/>- Frau, die mich verrathen,
ein Menschenleben hin-<lb/>geopfert!?<lb/>Die Augenbrauen der Freifrau zegen
sich kaum<lb/>sihtbar zusammen, ihre Stimme aber und ihre Mie-<lb/>nen
blieben unverändert. ,Du wirst's vergessen!'!<lb/>erwiderte sie
ruhig.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0087_086.tif" n="086"/>
<p>,Und was dann?' fragte er, indem er sein Haupt<lb/>erhob.<lb/>,Sie antwortete
ihm nicht, und er wiederholte die<lb/>Worte: ,Und was dann?<lb/>,Dann wirst
Du sehen, mein Bruder, sagte sie<lb/>in mildem Tone, ,wie gering das kurze,
vergängliche<lb/>Menschenleben uns erscheint, wenn wir die Natur
mit<lb/>ihren nach Jahrtausenden zählenden Wandlungen uns<lb/>gegenüber
haben; dann wirst Du sehen, mein Bruder,<lb/>wie der Einzelne, sich seiner
Vergänglihkeit bewußt,<lb/>das Verlangen trägt, fortzuleben in der Kette und
in<lb/>der Reihenfolge eines Geschlechts, das vor ihm war-<lb/>und nach ihm
sein wird, und in der Erinnerung eines<lb/>Volksstammes, der seine Segnungen
an den Namen<lb/>dieses Geschlechtes knüpft.-<lb/>Kapilel.<lb/>Auf dem Lande
und vollends in den Bergen, wo<lb/>der Winter jedes Dorf und bisweilen jedes
einzelne<lb/>Haus im Dorfe zu einer abgeschiedenen Insel macht,<lb/>bleiben,
wie die Gultur rund umher auch fortgeschritten<lb/>sein mag, doch heilweise
noch heute jene Verhältnisse<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0088_087.tif" n="087"/>
<p>S??<lb/>bestehen, in denen das Haus erzengen und leisten muß,<lb/>was
innerhalb desselben bedurft wird. Der Hausherr<lb/>und die Hausfrau müssen,
wenn sie ihrer Pflicht ge-<lb/>nügen wollen, Rath wissen für jeden
vorkommenden<lb/>Fall und geistig und leiblich die Hülfe zu bieten
ver-<lb/>stehen, die der Augenblick erheischt. Das war aber<lb/>vor siebzig
bis achtzig Jahren und vollends in den<lb/>Schweizer Bergen noch viel
unerläßlicher, und die<lb/>Freiin von Thuris galt in weitem Umkreise fü.
eine<lb/>Frau, die wohlerfahren, rasch entschlossen und auch
sehr<lb/>geduldig war, wo es darauf ankam, ein Leiden des<lb/>Körpers zu
heilen oder einem Kummer der Seete trö-<lb/>stend zu begegnen. Sie verstand
zu reden und reden<lb/>zu machen, und wußte zu schweigen und zum
Schwei-<lb/>gen zu zwingen.<lb/>So hielt sie denn auch den Bruder ab, ihr
sein<lb/>Herz zu enthüllen, so lange dieses Herz ihr nrch
von<lb/>Leidenschaft bewegt und mit sich selbst im Kampfe zu<lb/>sein
schien. Er sollte ihr nichts vertraut haben, was<lb/>ihn vor seinem eigenen
Gefühl oder vor seiner Schwe-<lb/>ster binden konnte, und sie wünschte sich
nicht auf<lb/>eine Widerlegung einzulassen, ehe die Zeit und
die<lb/>Entfernung ihr als siegbringende Bundesgenossen zu<lb/>Hülfe
gekommen wären.<lb/>Sie sprach mit dem Bruder nur von sich und ven<lb/>ihrem
eigenen Leben. Von der Liebe redete sie zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0089_088.tif" n="088"/>
<p>ihm, welche sie ihrem Gotten verbunden, und wie die-<lb/>selbe stark genug
gewesen sei, ihr den ganzen Lebens-<lb/>weg zu erhellen und ihr Herz noch zu
erwärmen, da<lb/>das seine erkaltet war. Sie schilderte ihm den
Hin-<lb/>gegangenen, den Graf Joseph uur gesehen, als er mit<lb/>den Eltern
gekommen war, die Schwzester in Thuris<lb/>nach ihrer Hochzeit zu besuchen,
und indem sie ihm<lb/>, beschrieb, wie ihr Gatte hier im Lande gewaltet
und<lb/>! gewirkt, forderte sie den Bruder, ohne es auszusprechen,<lb/>! zur
Rachfolge auf.<lb/>Die Herren von Thuris waren ein neues Geschlecht<lb/>s im
Vergleich zu den Grafen von Rottenbuel, und sie<lb/>gehörten nicht dem hohen
Adel des Landes an. Einige<lb/>von ihnen haiten aber Töchter desselben
geheirathet,<lb/>viele sich mit den Töchtern nichtadliger freier
Häuser<lb/>verbunden, und gerade diese Stellung zwischen den<lb/>alten
Geschlechtern und dem übrigen Volke hatte den<lb/>Herren von Thuris ihren
Einfluß und ihr Ansehen<lb/>unter dem.Theile der Bündner verschafft, welchem
das<lb/>Nebergreifen der österreichischen oder französischen<lb/>Herrschaft
in Graubünden ein Dorn im Auge war,<lb/>und welcher es deshalb als eine
Schmach ansah, wenn<lb/>die Bündner, welche freie Männer in einem
freien<lb/>Lande waren, sich zu Söldnern an den fremden Höfen<lb/>hergaben
und ihre Söhne die Schlachten fremder<lb/>Fürsten mit ihrem Blute ausfechten
ließen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0090_089.tif" n="089"/>
<p><lb/>89<lb/>Gonradine war in den Begriffen der alteu Aristo-<lb/>kratie
erzogen worden, aber aus der Atmosphäre des<lb/>Hofes in die Berge, aus
ihrem Vaterhause zu Paris<lb/>in das Haus ihres Gatten nach Thuris in die
Stam-<lb/>mesheimath versezt, hatte sie sich, eben weil sie
eine<lb/>nnabhängige und zum Herrschen geneigte Seele war,<lb/>mit warmer
Neberzeugung den Ansichten ihres Man-<lb/>nes angeschlossen, und der Stolz
auf ihr altes Ge-<lb/>schlecht hatte sie die Unabhängigkeit des
Vaterlandes<lb/>schätzen lehren, in welchem kein Fürst die Freiheit
des<lb/>Edelmannes beeinträchtigte und keine Schranke für<lb/>denselben
bestand, sofern er dem Gesetze nicht zu nahe<lb/>trat, das er selbst sich
mit den Theilnehmern der drei<lb/>Bunde auferlegt hatte.<lb/>Geehrt von dem
alten hohen Adel, dem sie durch<lb/>ihre Geburt verbunden war, und dessen
Ansprüche sie<lb/>aufrecht erhalten zu sehen wünschte, geliebt von
den<lb/>nenen Geschlechtern, denen sie sich freiwillig
angeschlossen<lb/>hatte, genoß die Freifrau eines ungemeinen Ansehens<lb/>in
dem ganzen Engadin, und Schloß Thuris war der<lb/>Vereinigungspunkt für alle
diejenigen, welchen die<lb/>ebergriffe der fremden Fürsten und die Tyrannei
der<lb/>Mächtigen gegen die Geringen im Lande gleich ver-<lb/>haßt
waren.<lb/>Nach Thuriö ging man, um sein Herz zu entlasten,<lb/>nach Thuris,
um Rath und Trost für seine Sorgen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0091_090.tif" n="090"/>
<p>und Mitgefühl für seine Freuden zu finden, und wer<lb/>die Freifrau in ihrem
Hause beobachten konnte, wenn<lb/>Leute aus den entlegensten Thälern und von
den<lb/>höchsten Bergen sie aufzusuchen kamen, oder wer sie<lb/>gesehen
hätte, wenn sie bei irgend einer Reise durch<lb/>das Land in den Schlössern
und in den Hütten vor-<lb/>sprach, der hätte eingestehen müssen, daß manche
Kö-<lb/>nigin die Freifrau um die Herrschaft zu beneiden habe,<lb/>welche
sie durch ihre ernste Güte gewonnen hatte,<lb/>- und um die Liebe und
Verehrung, mit welcher man -<lb/>ihr lohnte.<lb/>Was Fraü Conradinen geschah
und sie betraf, war<lb/>an und für sich ein Ereigniß im ganzen
Engadin,<lb/>und man hatte daher kaum erfahren, daß ihr Bruder,<lb/>der Graf
von Rottenbuel, heimgekehrt sei, so wurde<lb/>Schloß Thuris von Gästen nicht
leer, und Graf o-<lb/>seph sah allmälich vor seinen Augen sich
Menschen<lb/>und Zustände entfalten, so verschieden von Allem, was<lb/>er
bisher gekannt, daß er ein Bedürfniß fühlte, fest zu<lb/>halten, was er
erlebte und was er bei diesem Erleben<lb/>dachte. Die Tagebuch -Hefte,
welche Jungfer Ursula<lb/>mir überließ, geben davon Kunde.<lb/>Schloß
Rottenbuel den 18. August 178?. Man<lb/>, erzählt von einem Manne, der so
lange im Gefäigniß<lb/>! gesessen, daß er, der reinen Luft und des hellen
Tages-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0092_091.tif" n="091"/>
<p>?<lb/>f<lb/>N1<lb/>lichtes entwöhnt, sie nicht ertragen konnte und bei
der<lb/>Berührung durch sie todt zu Boden fiel. Aehiulich<lb/>ergeht es mir.
Die reine Luft, welche ich hier athme,;<lb/>regt mir das Blut auf und macht
meine Gedanken<lb/>so unruhig durcheinander wogen, daß ich kaum
weis,<lb/>was ich fühle und was ich wünsche. Die Natur um<lb/>mich her ist
groß und<lb/>ähnlich. Hier geboren<lb/>leben, wenn man
hier<lb/>neidenswerthes Glück,<lb/>ernst, die Menschen sind ihr<lb/>und
erzogen zu sein, hier zu<lb/>erzogen ward, ist vielleicht ein<lb/>aber nicht
Jeder ist für jedes<lb/>Glück geschaffen. Die Sprache klingt rauh an
mein<lb/>Ohr, die Wahrheit des Ausdrucks ist oft zu nackt,<lb/>und erscheint
doppelt so, wenn sie neben der Verfei-<lb/>nerung auftrit, welche eine große
Anzahl meiner Lands-<lb/>leute sich im Auslande erworben haben. In
keinem<lb/>Gesichte sehe ich jenes Lächeln, Franziska's Lächeln,<lb/>welches
mein Herz erwärmte, und keiner Lippe ent-<lb/>quillt ihr süßer Ton!<lb/>Den
B. August. Die Nähe meiner Schwester<lb/>thut mir wohl. Ihre Heimath
freilich ist in diesen<lb/>Bergen. Ihr Sinn ist hoch, ihr Verstand klar
wie<lb/>diese Luft, ihr Herz tief und still wie die ruhenden<lb/>Seen dieses
Landes, und ihr Auge sieht auf Jeden<lb/>und auf Alles so ruhig herab wie
die Soune am<lb/>Mittag. Jeder Tag erschließt mir deutlicher, was<lb/>meine
Schwester ist, jeder Tag macht mir es klarer,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0093_092.tif" n="092"/>
<p>was sie aus mir machen möchte. Vorsorgende Liebe<lb/>soll hier im Lande die
Wege bahnen für eine Aus-<lb/>gleichung, die zu kommen nicht säumen wird. =-
Wie -<lb/>weit hin ihre Verbindungen reichen, wie gut sie unter-<lb/>richtet
ist! -- Die Nähe täuscht den Blick bisweilen (<lb/>wirklich. Mich dünkt,
auch ich sehe von hier aus --<lb/>deutlicher, was sich jenseits der Berge
vorbereitet, was -<lb/>an dem Horizonte Frankreichs emporsteigt, und
was.<lb/>auch hier emporsteigen könnte, ein drohendes Gespenst,<lb/>wenn
man's nicht im Voraus zu bannen trachtet.<lb/>Den W. August. Welch köstliche
Tage habe ich-<lb/>verlebt! Es scheint mir, als hätte ich zum
ersten<lb/>Male, seit ich lebe, frische Luft geathmet. Die Sonne<lb/>ging
eben auf, als wir Thuris verließen. Es war<lb/>kalt auf der Lenzer Haide,
der Inn floß voll und<lb/>weißschimmernd durch die Wiese hin, die hier,
ein<lb/>wahres Naturspiel, zwischen den Felsen ausgebreitet<lb/>ist. Es muß
viel Schnee geschmolzen sein, viel Wasser<lb/>sich gelöst- haben von den
Gletschern, der Strom hat<lb/>sich mächtig gehoben. Die Sonne ist schön,
wenn sie<lb/>über die Berge emporsteigt und warm und liebevoll<lb/>das
Lebendige bis in die tiefsten Gründe suchen und<lb/>erquicken geht. Eine
Sonne sollten die alten Ge-<lb/>schlechter in ihr Wappen setzen- barmherzig
erwär-<lb/>men und beleben müßten sie die Welt mit ihrem<lb/>Lichte, damit
man ihnen das Bestehen gönnte, das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0094_093.tif" n="093"/>
<p>Bestehen wünschte und auf ihr Bestehen hoffne, wie<lb/>auf der Sonne
unfehlbares Licht.<lb/>Ich meinte so viel Menschen zu kennen, so
viel<lb/>Freunde zu haben in Paris, hier will mir's erscheinen,<lb/>als
hätte ich Niemand gekannt und keinen Freund ge-<lb/>habt. Was wußte ich von
den Menschen, die ich täg-<lb/>lich sah? Was wußten die Menschen von mir,
die<lb/>sich meine Freunde nannten?<lb/>Gonradine kannte Kind und
Kindeskinder, wohin<lb/>wir kamen.- Sie wußte, was man erstrebte,
was<lb/>man bedurfte, was Jedem fehlte und worauf er<lb/>hoffte, und
Jedermann wußte von ihr. Man rief ihr<lb/>entgegen, als man mich an ihrer
Seite sah, man hatte<lb/>mich mit ihr erwartet, und man tadelte sie, daz
sie<lb/>den Sohn noch immer in der Fremde lasse. -= ,Ich<lb/>gönne ihm Zeit,
es einsehen zu lernen, sagte sie sich<lb/>vertheidigend, , wie viel besser
es hier in Bünde ist !r<lb/>-- Solche Gemeinsamkeit verdoppelt das eigene
Leben,<lb/>und wenn ich höre, welche Sorgen die Andern zu<lb/>tragen haben,
mit wie Wenigem sie sich zufrieden<lb/>geben, wie viel und wie wenig der
Einzelne leisten<lb/>kann, so bewältizt mich eine Art von
Resignation.<lb/>Daneben kommt mir der Wunsch zu nüzen und
zu<lb/>beglücken-- damit das Leben nicht ungebraucht ver-<lb/>geht. Wie oft
ich auch zurück denke nach Paris--<lb/>was könnte ich dort erfahren, das
mich freute?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0095_094.tif" n="094"/>
<p>H4<lb/>Am Nachmittage langten wir bei dem alten<lb/>Freunde meiner Schwester
an, das bevorstehende Fest<lb/>mit ihm zu feiern. Das ist ein echter
Rhätier, ein I<lb/>echter Bündner, dieser alte Herr von Gunta; und
wie,<lb/>vornehm er aussieht in seiner altväterischen Tracht,<lb/>in der
dunklen, schmucklosen Kleidung! wie schön seine<lb/>Tochter aussah, als sie
an ihres Vaters Seite uns z<lb/>auf der Schwelle ihres Hauses zu begrüßen
kam! !<lb/>Die Falten ihres weißen Kleides flossen leicht bewegt<lb/>an
ihrem schönen Leibe nieder, das blaue Band, das-<lb/>ihr schwarzes,
unfrisirtes Haar zusammenhielt, spielte<lb/>im Winde auf ihrer bräunlichen
Schulter, und die<lb/>dunkeln Augen begrüßten mich so zutraulich, als
hätte<lb/>sie einen Bruder vor sich, oder als wäre die
prächtige<lb/>Jungfrau noch ein Kind, das noch alle Menschen<lb/>liebt und
von Allen sich nur Gutes erwartet.<lb/>Am folgenden Tage fand die abermalige
Installa-<lb/>tion des Herrn von Gunta zum Landammann statt.<lb/>Er war
schon früher dreimal in diesem Amte gewesen,<lb/>und weil er Vertrauen
genießt, kam man von dem<lb/>ganzen Gau zusammen, der Feier beizuwohnen.
Schon<lb/>früh am Morgen zogen die Mädchen spazierend ein-<lb/>her, in den
scharlachrothen, faltenreichen Röcken, auf<lb/>welche von den
schwarzsammetnen, goldverbrämten<lb/>Miedern die langen Bänder bis zu den
Fersen nieder-<lb/>hingen. Wie die seidenen, vielblumigen Schürzen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0096_095.tif" n="095"/>
<p>-<lb/>9B<lb/>schimmerten, und wie keck und fröhlich die Augen<lb/>blizten
unter dem straff emporgekämmten Haar, das<lb/>die kleinen Käppchen und die
großen Silbernadeln<lb/>nicht zusammen zu halten vermochten! Auch
Fräulein<lb/>von Gunta hatte für den Tag die Landestracht an-<lb/>gelegt,
und half den Mägden ihres Hauses bei der<lb/>Bewirthung der Gäste, als wäre
das ihres Amtes.<lb/>Ich machte ihr eine Bemerkung darüber. Sie sah<lb/>mich
mit einem gewissen Erstaunen an. , SSoll ich<lb/>den Menschen nicht dienen,!
sagte sie, ,,wwelche gekom-<lb/>men sind, meinem Vater Vertrauen und Ehre
zu<lb/>erweisen?<lb/>Das Schloß füllte sich mehr und mehr, und da<lb/>die
Hausfrau todt ist, vertrat Veronika ihre Stelle.<lb/>Ihr Anblick rührte
mich, weil ihre stolze Freude über<lb/>ihres Vaters Ansehen sie so demüthig
machte, und alle<lb/>ihre Demuth den Adel ihres Wesens nicht
verbergen<lb/>konnte. Mitten aus dem Kreise der sie umgebenden<lb/>Mädchen
sah man immer sie. Ich habe in Trianon<lb/>manchmal an der Seite der Königin
gestanden, wenn<lb/>sie die Schäferin spielte; man konnte es
vergessen,<lb/>daß man eine Königin vor sich hatte; so lieblich sah<lb/>sie
aus. Veronika's strenge, königliche Schönheit läßt<lb/>sich nicht verhüllen,
fordert in jedem Augenblick Be-<lb/>wunderung- Bewunderung -- nicht
Liebe.<lb/>Den 80. August. Das Volksfest auf Schloß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0097_096.tif" n="096"/>
<p>e<lb/>Gunta liegt mir noch im Einne, die natürliche Freude<lb/>bei demselben
hat mich erwärmt. Jedermann war<lb/>! gerührt, als von fern her der
alterthümliche Marsh<lb/>! erklang, und die drei aufgeputzten Musikanten,
mit den<lb/>! bunten Bändern an, ihren Hüten und Instrumenten,<lb/>, in
feierlich gemessenem Schritte vor den berittenen<lb/>! Wahlmännern
einhergingen, die, fest in ihre Mäntel<lb/>gehüllt, den Degen an der Seite
und eine bunte<lb/>Kokarde am Hute, ihnen bis an die Pforte
des<lb/>Schlosses folgten. Hier stiegen die Wahlmänner ab, s<lb/>und während
die Menge sich in dem Schloßhof und -<lb/>außerhalb desselben immer dichter
zusammendrängte,<lb/>holten die Wahlmänner mit dem bisherigen
Land-<lb/>ammann den neuen Landammann herunter. Bar-<lb/>häuptig und mit
goldbordirten Mänteln sezten sich<lb/>die beiden Landammänner nun ebenfalls
zu Pferde,<lb/>während die Musik und die Menge ihnen entgegen<lb/>jubelten
und die alte Gerichtsfahne, welche schon die<lb/>Schlachten- des fünfzehnten
Jahrhunderts mitgemacht,<lb/>vor ihnen einhergetragen wurde. Eine Weile
ging<lb/>der Zug durch das Land, und selbst die Frauen, selbst<lb/>meine
Schwester und Veronika schlossen sich ihm an.<lb/>Mitten in einer Haide
machte man Halt. Der bis-<lb/>herige Landammann bestieg einen auf der Haide
lie-<lb/>genden Stein und übergab mit Dauk für das Zu-<lb/>trauen seiner
Mitbürger das Amt in des alten Gunta<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0098_097.tif" n="097"/>
<p>z?<lb/>H Hände. Nun betrat dieser die natürliche Tribüne,<lb/>ß; und in einer
Umgebung, die großartiger nicht leicht<lb/>zu denken ist, stehend auf dem
Steinblock, der viel-<lb/>P leicht schon Jahrtausende auf dieser Stelle
gelegen,<lb/>r=arNR<lb/>? gestrichene Stäbchen und das mehrere hundert
Jahre<lb/>ß alte, vergilbte Statutenbuch als Insignien seines Amtes,<lb/>s
die er dem Weibel zur Bewahrung übergab, und sprach<lb/>s dann in kräftig
feuriger Rede zu dem Volke, von dem<lb/>s Glück der Freiheit, deren sie
genossen, und von dem<lb/>s stolzen Bewußtsein, keinen Herrn über sich zu
wissen,<lb/>s als den allmächtigen Schöpfer Himmels und der<lb/>s Erden, der
diese Berge in ihren Grundfesten aufge-<lb/>! richtet, der das Firmament
ausgespannt über die Erde<lb/>s und seine Sonne daran gesetzt, und der
lebendig unter<lb/>! ihnen sei in seinen Wundern und Zeichen.<lb/>Und als
solle dieser Rede ein Schluß gegeben<lb/>j werden, großartig und imponirend
wie der Sinn des<lb/>s Mannes der sie gesprochen, so rollte in dem
Augen-<lb/>j blicke von der nächsten Bergesspite eine mächtige La-<lb/>!
wine hernieder, daß ihr lauter Donner über das Thal<lb/>j hinschallte und
wieder und wieder von den Felsen<lb/>s nachklang, bis das lezte Echo in dem
jubelnden Lebe-<lb/>s hoch und Vivat untergegangen war, mit welchem
die<lb/>s Bürger ihren Erwählten begrüßten.<lb/>Vewald, Kleine Romane.
R<lb/>?<lb/>s<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0099_098.tif" n="098"/>
<p>Ich fühlte mich wohl in den Reihen dieser Men-<lb/>schen. Das Herz schwoll
mir in einer großen Em-<lb/>pfindung, und ich war gerührt. Conradine
bemerkte<lb/>es.,Hast Du Aehnliches erlebt an Deinem Königs-<lb/>hofe zu
Versailles?' fragte sie. Ich bin ihr die Ant-<lb/>kele Atwort uf die Krogen
zu geben, die sleh z s<lb/>wort schuldig geblieben, denn ich weiß mir selber
noch<lb/>mir regen. Mein Sinn wird unwwillkürlich von einer s<lb/>Sehnsucht,
die ich mir nicht eingestehen mag, in die s<lb/>weite glänzende Ferne
zurückgeführt, obschon meine f<lb/>jetzige Umgebung mich anzieht und meine
Theilnahme<lb/>gewinnt. Ich habe den rechten Halt verloren; und<lb/>ich
bildete mir doch ein, ein Mann zu sein! -<lb/>Den ß. September. Meine
Schwester sendete mir<lb/>gestern den Brief, den sie von ihrem Sohne
erhalten.<lb/>Was soll ir mir? was konnte er mir bringen, das<lb/>ich nicht
wußte, nicht erwartet hatte, als der Prinz<lb/>---<lb/>Es war ja lange
Franziska's Plan gewesen, und<lb/>sie hat ihren Weg mit meisterhafter
Sicherheit ver-'<lb/>folgt. Was kümmert es sie, daß sie mein Leben
ver-<lb/>giftet? daß sie mich um Glück und Hoffnung betro-<lb/>gen? daß ich
den Jüngling jezt beweinen und beneiden<lb/>könnte, der durch meine Hand
ihrer schrankenlosen<lb/>Eitelkeit zum Opfer siel?-- Und doch wollte
ich,<lb/>Ulrich hätte geschwiegen. Es thut mir weh, daß Con-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0100_099.tif" n="099"/>
<p>9<lb/>radine sie verachtet. Es brennt mir in der Seele,<lb/>daß ich nicht
Verehrung fordern darf füt das Weib,<lb/>welches ich mit nicht zu
besiegender Leidenschaft ge-<lb/>liebt, für das Weib, das ich verdamme und
das ich<lb/>doch nicht verschmerzen kann.<lb/>Schloßß Thuris, den 1.
September. Welch ein<lb/>Weg, welche Nacht war das!=- Conradiue hat
Recht,<lb/>dies Land, dies Leben müssen auch der Weiber
Herzen<lb/>stählen!<lb/>Wir waren vorgestern hier von Thuris nach
Schloß<lb/>Gunta geritten, den Wahlschmaus zu begehen. Das<lb/>Schloß, seine
Höfe, seine Gärten waren voll Menschen.<lb/>In der großen Halle, auf dem
Hofe avaren die mit<lb/>Speisen und Getränken überfüllten Tische
aufgestellt.<lb/>Die Menschen waren meilenweit herbeigekommen, es<lb/>war
wie bei einer Kirchweih, das Begrüßen, das Be-<lb/>sprechen, die Freude, die
Vivats und das Schießen<lb/>fanden kein Ende, bis man zum Tanze
ging-<lb/>Man tanzte in der großen Hausflur des Neben-<lb/>gebäudes, denn
nur das Volk begehrte den Tanz.<lb/>Die Musikanten, welche an dem Wahltage
ihre Künste<lb/>geübt, spielten auf, ein paar an die Mauer
befestigte<lb/>Lampen, in denen große Unschlittklumpen den
Docht<lb/>tränkten, machten die Beleuchtung. Man begann mit<lb/>dem alten
romanischen Nationaltanze, mit der Sear-<lb/>petta, und der Landammann hatte
darein gewilligt,<lb/>e ss<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0101_100.tif" n="100"/>
<p>zzgg,<lb/>As<lb/>z<lb/><lb/>j<lb/><lb/>10<lb/>auch Veronika an dem Tanze
theilnehmen zu lassen.<lb/>In zwei langen Reihen stellten die Burschen sih
wie<lb/>zu einer Eccossaise auf, Veronika wieder in der Lan-<lb/>bestracht
an der Jungfrauen Spize. Als die Tänzer<lb/>sih geordnet hatten, verstummte
die Musik, man<lb/>tanzte nach Gesang. In langen, gezogenen Tönen<lb/>sangen
die Männer im Chor: Ohi t ksit qvells<lb/>sesrpetts, ehi ts rs tan bsin?
(Wer hat Dir die<lb/>Schuhe gemacht, die Dir so wohl anstehen? und
in<lb/>gleichem Ton und Rythmus erwiderte der Chor der<lb/>Mädchen: Ili l
kait el mi smore, ehi mi -uol<lb/>tsu bsin! (Mein Liebster hat sie mir
gemacht, der<lb/>mir so sehr wohl will!s Sie wiegten sich dabei mit<lb/>den
Körpern nicht unschön nach dem Takte, und so<lb/>oft die Worte tan bein
gesprochen wurden, schlug die<lb/>ganze Gesellschaft rythmisch in die Hände
und sprang<lb/>mit beiden Füßen auf dem Platze empor, den
Takt-<lb/>t<lb/>schlag zu verstärken. Man sezte das eine ganze Zeit<lb/>lang
fort, und ich suchte in Veronika's Zügen zu lesen,<lb/>was sie in dieser
Gesellschaft und was sie bei diesem<lb/>Tanze empfände, der mir den
SüdseeInsulanern ent-<lb/>lehnt zu sein schien. Ihr Auge war hell, ihr
Mund<lb/>lächelte, sie war sehr heiter.<lb/>,Wie können Sie diesen Tanz
ertragen, der kein<lb/>Tanz ist?' fragte ich sie endlich. Sie sah mich
an,<lb/>als falle ihr meine Aeußerung auf, und es wollte mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0102_101.tif" n="101"/>
<p>-<lb/>11<lb/>-;<lb/>bünken, als erröthe sie. Aber mich gleich darauf
mit<lb/>ß lhrem hellen Auge anblickend, sagte sie:.,D, der<lb/>F Tanz ist
schön! Wlr Alle haben die Worte der<lb/>F Searpetta von unsern Müttern
gelernt, und haben -<lb/>die Scarpetta getanzt, sobald wir auf den
Füßen<lb/>stehen konnten. Kindheit und Jugend und unsere<lb/>Mütter und
Gespielen, Alles lebt uns in dem Tanze,<lb/>in der fröhlichen Scarpetta!!!
=- Und gleich darauf<lb/>sang sie wieder ihr: Ili lü kait sl mi swore,
elü<lb/>mi uol tan bein! und sang es mit einem so fröh-<lb/>lich
herausfordernden Blick gegen mich, mit so viel<lb/>Lust, mit so viel eigenem
Behagen und so viel absicht-<lb/>lichem Troze, daß ich mir eingestehen
mußte, es ge-<lb/>t<lb/>höre nicht viel Kunst dazu, diesem schönen Wesen
sehr<lb/>f wohl zu wollen!<lb/>Als man sich in dem Nationaltanze genug
gethan,<lb/>!f spielten die Musikanten den Ländler auf, und eit<lb/>junger
Bursche näherte sich Veronika. Ich sah, daß<lb/>des alten Gunta Stirne sich
runzelte, ich mußte<lb/>lächeln. Die Tochter im Arme des Bauern zu
sehen,<lb/>stand dem aristokratischen Volksmanne doch nicht an;<lb/>aber das
brachte ihn mir menschlich näher, obschon es<lb/>mir, falls es dessen noch
bedurfte, den Beweis gab,<lb/>wie es mit der allgemeinen menschltchen
Gleichheit,<lb/>welche Herr von Gunta und meine Schwester so zu<lb/>preisen
lieben, hier in diesen Bergen beschaffen ist.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0103_102.tif" n="102"/>
<p>1gN<lb/>Auch ich mochte jedoch Veronika dem Bauernsohne<lb/>nicht überlassen.
Ich kam ihm zuvor, nahm ihre<lb/>Hand und führie sie ohne besondere Neigung
in die<lb/>Reihe. Aber es war eine Lust, sie zu heben und zu<lb/>stützen,
sie zu führen und zu halten, in ihr klares<lb/>Auge zu sehen und die
fröhlichen Worte von ihren<lb/>schönen reinen Lippen zu vernehmen. Wohl
dem<lb/>Mann, dem es einst vergönnt sein wird, mit freiem<lb/>Herzen sie die
ersten Laute der Liebe stammeln zu<lb/>hören, den ersten Kuß von diesem
unentweihten Munde<lb/>zu trinken.<lb/>Man tanzte bis in den Nachmittag
hinein, dann<lb/>brach man plözlich auf, denn viele der Gäste
hatten<lb/>weite Strecken zurückzulegen, und auch wir dachten<lb/>uns auf
den Weg zu machen. Da aber Veronika,<lb/>welche ihres Vaters Gäste zu
entlassen hatte, uns be-<lb/>gleiten sollte, um einige Tage in Thuris zu
bleiben,<lb/>wurden wir aufgehalten, und die Sonne neigte sich<lb/>zum
Untergange, als wir Schloß Gunta verließen.<lb/>Gonradine, deren
Selbstgefühl sich in jedem Inge,<lb/>in jeder Aeußerung ihres Wesens
ausspricht, ritt allein<lb/>gleich hinter ihrem Diener her. Ich folgte an
Vero-<lb/>nika's Seite, die Mägde der beiden Frauen und mein
s<lb/>Reitknecht schlossen den Zug. Veronika, die, wie meine
f<lb/>Schwester, immer eine Beschäftigung haben muß,<lb/>unterhielt sich
damit, mir die Namen der Berge, der<lb/>einzelnen Bergspitzen, der
Schlösser, Dörfer und Wei-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0104_103.tif" n="103"/>
<p>108<lb/>- ler zu nennen, an welchen wir verüt.rmen. Aber<lb/>f wir waren noch
nicht lange unterwegs, als e mir<lb/>s auffiel, wie selbst die nächsten
Berge sic vor unserm<lb/>j Blick verschleierten, und wie es dunkler wute,
als es<lb/>, der Zeit nach zu erwarten stand.<lb/>Der Tag war schwül gewesen
troz seiner Hellig-<lb/>s keit, jezt lagerten die Wolken sich dichter und
dichter<lb/>! zusammen. Bisweilen tauchte ein Steru auf, um<lb/>! schnell
wieder zu verschwinden, und ein heißer, schwerer<lb/>! Luftstrom zog in
bebenden Schwingungen dann und<lb/>! wann durch das Thal. Hier und da töntte
es wie<lb/>- ein Seufzen aus den Schluchten empor, hier und da<lb/>hallte es
wie ein unterdrückter Angstschrei von den<lb/>Bergen nieder. Die Vögel
flogen troy der be-<lb/>ginnenden Dunkelheit noch unruhig kreisend
über<lb/>unsern Häuptern umher und fuchten dann in banger<lb/>Hast ihre
Nester zu gewinnen. Veronika war stil!<lb/>geworden, ihr Auge schaute
sorglich nach der Stelle<lb/>hin, an welcher die Sonne untergegangen war.
Die<lb/>Nacht brach vorzeitig ein, die Widstöße folgten ein-<lb/>ander in
immer kürzeren Zwischenräumen, das Pfeifen,<lb/>das Stöhnen, das Grollen in
der Luft wuröe immer<lb/>stäärker und vernehmlicher, und die schwüle
Wärme<lb/>legte sich, obschon wir uns noch hoch genug befanden,<lb/>wie mit
eisernen Reifen athembeklenmend um Brust<lb/>und Gehirn.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0105_104.tif" n="104"/>
<p>?<lb/>104<lb/>Conradine wendete sih um. ,Dein Vater hat<lb/>Recht gehabt,
Veronika!' sagte sie,,der Föhn kommt<lb/>auf f!<lb/>,Ja!'' versezte
Veronika, und beide Frauen schwie-<lb/>gen wieder. Es lag etwas
Achtunggebietendes in<lb/>ihrer Ruhe vor dem Ausbruch einer nahen
Gefahr.<lb/>Und das Unheil ließ nicht lange auf sich warten,<lb/>denn kaum
daß sie gesprochen hatten, so zuckte ein<lb/>gelber Bliz durch das untere
Gewölk, ein zweiter, ein<lb/>dritter flammten von der andern Seite durch
die<lb/>Finsterniß, und als wären alle Stimmen von der<lb/>Natur entfesselt,
so wild brauste, pfiff und hallte es<lb/>durch die Nacht. Der Schall des
Donners verlor<lb/>sih in dem wilden Tosen. Sich auf dem Pferde
zu<lb/>halten war unmöglich, auch wenn die Thiere weniger<lb/>von Angst
ergriffen und scheu gewesen wären. Ich<lb/>hatte die Frauen herabgeheben,
aber ein Obdach, ja<lb/>selbst eine Zuflucht war nirgend zu finden. Der
Re-<lb/>gen begann in Strömen niederzufallen, das ganze<lb/>Firmament stand
in Flammen, der Sturm steigerte<lb/>sich zum Orkan, wir hörten die Wasser
von den<lb/>t. a<lb/>in stechend scharfen Schnee, und wir standen
mitten<lb/>auf der Haide, ohne ein Vorwärts, ohne ein Zurück,<lb/>Mir schlug
das Herz in der Brust, ich bangte für<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0106_105.tif" n="105"/>
<p>105<lb/>s die Krauen, deren Mäntel schon lange kein Schut<lb/>j mehr waren
gegen dieses Wettets vernichtende<lb/>Gewalt.<lb/>Unkundig der hiesigen
Verhältnifse hatte ich beim -<lb/>Ausbruch des Orkans vorgeschlagen uns
unter den<lb/>Schuz der Bergwand zu flüchten, die sich zur linken<lb/>Seite
der Straße hinzeg, aber das Herabrellen der<lb/>Steine, welche das
niederströmende Wasser mit sich<lb/>führte, machte das unthulich, und
chnmächtig und<lb/>schuzlos der Wuth der Elemente preisgegeben,
wurden<lb/>die Minuten uns zu langer Zeit. Die unthätige<lb/>Sorge, die
Unmöglichkeit helfen, abwehren, beschüzen<lb/>zu können, und das lautlose
Schweigen der Frauen<lb/>marterten mich. Ich hätte mich erleichtert
gefühlt<lb/>durch ihre Klagen; ich hätte sie zu beruhigen, zu<lb/>trösten,
ich hätte doch irgend Etwas zu thun, für sie<lb/>zu thun gehabt; ich hätte
weniger lebhaft empfunden,<lb/>wie hülflos wir waren.<lb/>Endlich nach einer
halben Stunde ließ der Orkan<lb/>in seinem Toben nach, die Blitze wurden
seltener,<lb/>Schnee und Regen hörten auf, nur die Kälte
blieb<lb/>empfindlich. Zog noch bisweilen ein Windstoß durch<lb/>die Luft,
so klang es, als ob er jetzt von ferne käme,<lb/>und er fegte das Gewölk und
die Nebel, in denen<lb/>wir uns befanden, vor sich her, daß die blaßgelbe
kalte<lb/>Scheibe des Mondes für Seeunden aus der Finster-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0107_106.tif" n="106"/>
<p>10<lb/>uiß hervorbrach, um eben so schnell hinter den flie-<lb/>genden, sich
zusammenballenden und wieder verschwe-<lb/>benden Wolkenzügen zu
verschwinden.<lb/>Wir athmeten anf, wir konnten daran denken,<lb/>! vorwärts
zu kommen, wenn schon es unmöglich war,<lb/>! die Pferde wieder zu
besteigen, denn die Verwüstung<lb/>auf dem Wege war zu groß. Hier lag eine
riesige<lb/>! Arve entwurzelt, als hätte man sie mit Hebeln aus<lb/>der Erde
gehoben, dort versperrten niedergerollte<lb/>Steinhlöcke den Weg, den an
andern Stellen das<lb/>Wasser des ausgetretenen Flusses durchgerissen
hatte.<lb/>Mt Mühe und Noth erreichten wir spät in der Nacht<lb/>den
nächsten Hof. An ein Weitergehen, an eine Heim-<lb/>kehr war nicht zu
denken. Nicht nur unsere Kleidung,<lb/>auch die mitgenommenen Manielsäcke
waren bis in<lb/>ihren innersten Kern durchnäßt. Man half uns in<lb/>dem
Hofe aus, und der Eindruck des Traumhaften,<lb/>dem ich hier so hääufig
unterliege, umfing mich leb-<lb/>hafter als - je zuvor, da ich mich in jener
Nacht unter<lb/>dem schlichten Dache, an dem weißen Holztisch, in
der<lb/>Kleidung eines Landmanns, den bäuerlich gekleideten<lb/>Frauen
gegenüber befand.<lb/>Als das Feuer auf dem Heerde brannte, uns
zu<lb/>erwärmen, sagte meine Schwester:,Mir ist ganz,<lb/>bange geworden
draußen!!!,Mir auch!! fügte Ve-<lb/>ronika hinzu.,Ich dachte, wie der Vater
um uns<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0108_107.tif" n="107"/>
<p>g?<lb/>in Sorgen sein würde, ich fürchtete auch woirklich, wir<lb/>würden
umkommen in dem Orkan, und ich lebe doc<lb/>so gern !!'<lb/>,Aber Sie
äußerten keine Furcht!' wendete ich ein.<lb/>,,Ich betete in meinem Herzen
!' gab sie mir zur<lb/>Antwort.<lb/>Glückliches Mädchen! möge der Himmel Dir
Dei-<lb/>nen starken und schweigenden Muth, Dein frommes<lb/>Gottvertrauen
und Deine Freude an dem Leben stets<lb/>erhalten. O, daß ich sie zu theilen
vermöchte!<lb/>1. Kapitel<lb/>Die Aufzeichnungen des Grafen Joseph
brachen<lb/>damit ab. Es fanden sich deren auch keine aus<lb/>spätern Tagen
vor; es ist anzunehmen, daß nur das<lb/>erste Alleinsein in der ihm fremden
Natur ihn in<lb/>jene lyrische Stimmung versetzt hat, in der er zu<lb/>dem
schriftlichen Selbstgespräch seine Zuflucht ge-<lb/>nommen. Dagegen bot eine
Reihenfolge von Briefen<lb/>den weiteren Einblick in die Berhältnisse des
Grafen<lb/>Joseph dar. Der erste derselben ist von der Freifrau<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0109_108.tif" n="108"/>
<p>s:<lb/>b<lb/>t<lb/><lb/>A<lb/>fzg<lb/>r
st<lb/>j<lb/>nEs<lb/>zhs<lb/>tHi<lb/>Ih<lb/>ilk<lb/>i
i<lb/>u<lb/>i<lb/>sK<lb/>iz<lb/>tn<lb/>V<lb/>e<lb/>D<lb/>E<lb/>k<lb/>k<lb/>108<lb/>von
Thuris an ihren Sohn gerichtet. Ich theile ihn<lb/>und die ihm folgenden
Briefe ganz so mit, wie sie<lb/>mir übergeben worden sind.<lb/>,T huris, den
1. Februar 1788.<lb/>Ich habe Dir eine Trauerpost mitzutheilen,
mein<lb/>lieber Sohn! Unser alter, trefflicher Freund, mein<lb/>treuer Gunta
ist gestorben. Eine Erkältung, die er<lb/>sich auf der Jagd zugezogen, ist
ihm tödtlich gewor-<lb/>den, und unsere arme Veronika ist nun verwaist.
Sie<lb/>hatte Dir das Unglück, das sie betroffen, den Verlust,<lb/>den wir
Alle erlitten haben, selber melden wollen, ich<lb/>habe es ihr aber
abgenommen, da sie viel zu schreiben<lb/>hat und nebenher für die Freunde
ihres Vaters Sorge<lb/>tragen muß, die gekommen sind, ihm die lezte
Ehre<lb/>zu erweisen. Sie hat sich in allen diesen Tagen,
am<lb/>Krankenbette, bei dem Tode ihres Vaters und in
den<lb/>Obliegenheiten, welche jezt auf sie fallen durchaus be-<lb/>währt,
wie ich sie zu finden gehofft hatte. Ihr Schmerz<lb/>ist sehr tief,. aber
sie bleibt Herr über sich und ihn,<lb/>und zeigt sich sanft und fest
zugleich.<lb/>Ich habe ihr vorgeschlagen, zu mir nach Thuris zu<lb/>j
kommen, wenn die Bestattung ihres Vaters erfolgt<lb/>f sein wird; sie hat
das aber abgelehnt, und ich finde das<lb/>, begreiflich. Sie wird sich
selbst genügen, ihren Gram<lb/>ausleben wollen, wenn sie ihre ersten
Obliegenheiten<lb/>erfüllt hat; ja ich traue ihr zu, daß sie den
Vorsaz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0110_109.tif" n="109"/>
<p>e<lb/>t<lb/>1009<lb/>ausführt, welchen sie am Sarge ihreö Vaters in
den<lb/>ersten Augenblicken nach seinem Tode aussprach, als<lb/>ihre Leute
wehklagend den Verlust ihres Gebieters be-<lb/>klagten. Sie scheint in Gunta
bleiben und mit Hülfe<lb/>ihrer treuen und erfahrenen Leute die
Bewirthschaftung<lb/>ihrer Güter in dem Sinne unseres verehrten
Freundes.<lb/>fortführen zu wollen. Ich wüßte auch nicht, was sie<lb/>daran
hindern sollte, denn ich würde in dem gleichen<lb/>Falle das Gleiche gethan
haben.<lb/>Indeß hoffe ich, daß bald eine andere Hauad ihr<lb/>die immerhin
nicht leichte Aufgabe tragen helfen wird.<lb/>Vielleicht sage ich mit dem
Worte,hoffen'' mehr, als<lb/>ich vertreten kann. Was man aber lebhaft
wünscht,<lb/>das hofft man auch.<lb/>Dein Onkel lebt sich bei uns ein, und
die Nach-<lb/>richten, welche Du mir im vorigen Herbste gegeben,<lb/>haben
sicherlich nicht wenig dazu beigetragen. Schon<lb/>seit Monaten spricht er
nicht mehr von seiuer Rück-<lb/>kehr nach Paris, die anfangs eine fest
beschlossene<lb/>Sache für ihn war. Die Stille und Einsamkeit
auf<lb/>Rottenbuel gewinnen einen Reiz für ihn, die Bewirth-<lb/>schaftung
seines Erbes fängt an, ihm ein Interesse ein-<lb/>zuflößen. Es geht ihm
allmählich der Sinn dafür-<lb/>auf, daß der Adlige nur ein Edelmann ist in
seinem<lb/>eigenen Schlosse, auf seinem eigenen Grund und Boden,<lb/>und daß
er in die Glasse der abhängigen Dienerschaft<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0111_110.tif" n="110"/>
<p>110<lb/>! hinuntersteigt, sobald er sich herbeiläßt, sich fremdem<lb/>s
Willen unterthan zu machen, wäre es auch dem Willen<lb/>s eines Königs. Es
überraschte ihn offenbar, als ihm<lb/>s Veronika dies ihr angeborene
anerzogene Empfinden<lb/>! einmal aussprach, uud ich hoffe, ihr Einfluß wird
ihn<lb/>bewegen, seinen Abschied zu begehren und hier zu<lb/>bleiben, wo er
hingehört. Was hat er an dem Hofe<lb/>Ludwig's K 7. zu suchen? Was soll ihm
diese Mar-<lb/>auise und ihr falsches Spiel?=-<lb/>Sein freier Mannessinn
hat Schaden gelitten in<lb/>der gefährlichen Luft jenes Hofes, sein
Empfinden ist<lb/>verwirrt in dem trügerischen Lichtglanz einer
Atmosphäre,<lb/>in der auch Du, wie mich bedünken will, jetzt lange<lb/>!
freien Natur gelebt und gelernt hat, sie zu beobachten<lb/>genug geweilt
hast. Wer, wie ich, beständig in der<lb/>und zu verstehen, der gewinnt, so
meine ich, auch ein<lb/>Verständniß für die Zeichen in dem Geist der
Menschen<lb/>und der Zeit; und wie ich meist voraussehen kann,<lb/>wenn der
Sturm uns droht in unsern Bergen, so<lb/>dünkt mich, fühle ich das
Herannahen eines Sturmes,<lb/>der vom fernen Westen, über den Dcean herüber,
ein<lb/>Wetter, ein befreiendes, die Luft entladendes Gewitter<lb/>vor sich
hertreibt. Der Marquis von Lafayette, der<lb/>die Reihen seines Regiments
verließ, um den Ameri-<lb/>kanern zu Hülfe zu eilen, welche für ihre
Unabhängigkeit<lb/>kämpfen, war vielleicht schon der Sturmvogel, der
dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0112_111.tif" n="111"/>
<p>tl1<lb/>j Orkan voraufflog. Und wir wissen, was eiu Orkan<lb/>j zerstören
kann! Habe ich das in der Erdeuwelt doch<lb/>s lm lezten Jahre an unserm
armen Walde geungsam<lb/>s erfahren<lb/>Deine baldige Heimkehr würde mir in
jedem Sinne<lb/>! lieb sein, obschon sie um meinetwillen, die ich mich
gut<lb/>s befinde, nicht eben nöthig istr!<lb/>s Veronika von Gunta an den
Grafen von Rottenbuel.<lb/>,,Gunta, den H. Mai 188.<lb/>,,aben Sie meinen
aufrichtigen Dank, mein Herr<lb/>Graf, für alle die gütige Zuvorkommenheit,
wwelche Sie-<lb/>mir während dieses ganzen Winters bewiesen haben.<lb/>Es
that mir sehr wohl, mich Ihrer Theilnahme ver-<lb/>sichert halten zu dürfen,
und wenn Schnee und Eis<lb/>mich bisweilen für Tage und Tage von aller Welt
ab-<lb/>schieden,. und mein armes Haus mir recht verödet<lb/>schien, weil
der Blick, der mein Leitstern durch das<lb/>Leben gewesen ist, nicht mehr
über demselben waltet,<lb/>und die liebe Stimme, die ich jetzt nur noch in
meinen<lb/>Träumen vernehme, nicht mehr über mich und über<lb/>unser Haus
gebietet, dann haben die Bücher mir freund-<lb/>lich Gesellschaft geleistet,
und mein Sinn hat sich daran<lb/>aufgerichtet, mein Herz sich daran
erwärmt.<lb/>Aber ich kannte die beiden Rdomane bereits, die<lb/>Sie mir
zuletzt gesendet haben. Sowohl die dou=elle<lb/>Mloise von Rousseau, als die
Leiden des jungen<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0113_112.tif" n="112"/>
<p>u1<lb/>Werther von Herrn Goethe hatte ich gelesen, als im<lb/>vorigen Sommer
unser Graubündner Dichter Herr von<lb/>Salis uns besucht hatte und viel von
Poesie und von<lb/>den früheren und jezt lebenden Dichiern die Rede
ge-<lb/>wesen ist. Ihre Schwester war nicht dafür, daß mein<lb/>Vater mir
diese Bücher zu lesen verstattete, mein Vater<lb/>aber hatte kein Bedenken,
mir den Genuß zu bereiten,<lb/>und Genuß habe ich sehr viel davon gehabt. Es
war<lb/>mir, während ich las, immer zu Muthe, als stünde<lb/>nach Italien
hin, wo Alles anders und Alles schsnee f<lb/>ich auf unsern Alpenhöhen und
sähe hinab gen Süden<lb/>ist, als bei uns; Alles so warm, so die
Sehusucht<lb/>weckend, so verlockend und sn überwältigend, daß
man-<lb/>Scheu fühlt, es kennen und lieben zu lernen, aus<lb/>Furcht es
wieder entbehren zu sollen. Mein ernster.<lb/>Vater war ganz jung geworden
bei den gedachten<lb/>Büchern, und ich empfinde in der Erinnerung an
ihn<lb/>! und an seine Freude noch ein ganz besonderes Glück<lb/>! und eine
höhere Rührung, so oft ich sie wieder lese.<lb/>Nur Eines, daß ich es Ihnen
bekenne, ist mir da-<lb/>mals und jetzt wieder aufgefallen und hat mich
in<lb/>meinem Genusse innerlich beeinträchtigt. Ich vermisse<lb/>an
Werther's Lotte die rechte Wahrhaftigkeit des Her-<lb/>zens, und ich meine,
wem diese fehle, der könnte auch<lb/>die rechte, wahrhaftige Liebe niht
empfinden, und der<lb/>habe auch die einfache Herzensgüte nicht, welche
Anderen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0114_113.tif" n="113"/>
<p>118<lb/>kein Leid bereiten mag. Wenn ich mich der Thränen<lb/>über Werther's
Leiden nicht erwehren konnte, so kränkte<lb/>es mich immer um so mehr, daß
Lotte ihn mit offner<lb/>Wahrheit von diesen Leiden heilte, und in das
Mitleid<lb/>über des Armen Tod mischte sich ein rechter Zorn<lb/>gegen seine
Lotte. Es muß sicherlich ein großes Un-<lb/>glück sein, keine Gegenliebe zu
erhalten, wo man sein<lb/>Herz hingegeben hat; ich meine aber, Liebe zu
erregen,<lb/>wo man sie nicht empfindet, und Unglück über einen<lb/>guten
Menschen zu verhängen, müsse die Seele zuletzt<lb/>ebenfalls mit sich selbst
in Unfrieden bringen, und ich<lb/>! weiß nicht, wie man mit seinem Gewissen
fertig wer-<lb/>- den kann, wenn man sich eingestehen muß, daß man,<lb/>wie
Lotte, durch Nachgiebigkeit gegen sich selbst oder<lb/>durch
Unaufrichtigkeit gegen einen Andern das Unglück<lb/>eines liebevollen
Herzens verschuldet hat. Wollte ich<lb/>doch lieber mein eigenes Leben in
dem fernsten Winkel<lb/>der Erde still für mich tragen, als eine Seele
betrüben,<lb/>die von mir ihr Glück erwartet. Ich liebe diese
Lotte<lb/>nicht, wie schön Herr Goethe sie auch ausgestattet hat.<lb/>Und
nun verzeihen Sie mir, Herr Graf, wenn ich<lb/>es wagte, Ihnen so unumwunden
meine Meinung zu<lb/>sagen, und Ihre Ansichten in diesem Punkte nicht
zu<lb/>theilen. Damit ich Ihnen aber doch meinen Dank<lb/>ausdrücke, lege
ich Ihnen ein Paar Gedichte des Herrn<lb/>Gaudenz von Salis bei, welche eine
liebe Freundin<lb/>Lewald, Kleine Romane. E.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0115_114.tif" n="114"/>
<p>1l<lb/>mir gesendet hat, und ein Gedicht des Herrn von<lb/>Matthisson, das
man im Bodmer'schen Haus für mih<lb/>abzuschreiben die Güte gehabt hat. Der
Frühling und<lb/>das Grün und der Sonnenschein, die er so gar lieb-<lb/>lich
besingt, lassen sich bei uns leider noch erwarten.<lb/>Vielleicht bringen
Sie mir die Blätter wieder, lieber<lb/>Herr Graf, wenn die prophetische
Beschreibung des<lb/>Dichters sich auch hier bei uns in Wahrheit
verwan-<lb/>delt haben wird. Mit der aufrichtigsten Hochachtung,<lb/>mein
verehrter Herr Graf, Ihre ergebene<lb/>Veronika von Gunta.'!<lb/>Graf Joseph
von Rottenbuel an die Freifrau<lb/>von Thuris.<lb/>,Den s. Mai.<lb/>,,Ich
sende meinen Reitknecht heute nur herüber<lb/>um Dir eine Frage vorzulegen,
liebe Schwester, deren<lb/>genaue Beantwortung ich von Dir zu erhalten
wünsche.<lb/>Kennt Veronika den Namen der Marquise, und was<lb/>weiß sie von
mir, von meiner letzten Vergangenheit?<lb/>Sie hat mir heute einige Bücher
geschickt und mir in<lb/>ihrem kleinen Briefe ein Urtheil über den
Werther<lb/>mitgetheilt, das ich durch eine Kenntniß meiner
per-<lb/>sönlichen Erlebnisse eingegeben glaube. Sei so gut<lb/>mich zu
benachrichtigen, was ich davon halten soll.<lb/>Der Brief hat mich in
doppeltem Sinne überrascht.<lb/>Ich komme in den nächsten Tagen zu Dir
hinüber.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0116_115.tif" n="115"/>
<p>1<lb/>115<lb/>Die Freifrau von Thuris an ihten Bruder.<lb/>,Den s. Mai
1788.<lb/>,,Veronika weiß von der Marquise Nichts! Beruhige<lb/>Dich
darüber, mein lieber Bruder!- Da ich der<lb/>Hoffnung nicht entsagen mochte,
Dich von der Neigung<lb/>zu dieser unheilvollen Frau geheilt zu sehen, und
den<lb/>Wunsch in mir hege, daß Du, wie die Bibel es nennt,<lb/>Dir hier
unter den Töchtern des Landes ein Weib<lb/>nehmen solltest, so habe ich
darauf gehalten, Deine<lb/>Verhältnisse als ein Geheimniß zu bewahren.
Was<lb/>also Veronika Dir auch geschrieben haben mag, eine<lb/>Nebenabsicht
oder einen Hintergedanken hat sie sicher-<lb/>lich nicht dabei gehabt. Aber
Deine Theilnahme für<lb/>sie macht mir Freude und ermuthigt meine
Wünsche<lb/>zu schönen Hoffnungen. Komme bald zu mir, und<lb/>wir wollen die
liebe und schöne Einsame gemeinsam<lb/>besuchen.''<lb/>Die Freifrau von
Thuris an ihren Bruder.<lb/>,Thuris, den 1?. Mai.<lb/>,Du hast nicht Wort
gehalten, lieber Bruder, und<lb/>ich habe Dich seit zehn Tagen vergeblich
erwartet. Man<lb/>sagte mir, Du seist ohne Begleitung auf die Jagd
ge-<lb/>gangen, als ich am lezten Montag bei Dir war.<lb/>Woran liegt es,
daß Du der Bitte, mich zu besuchen,<lb/>die ich Deinen Leuten auszurichten
auftrug, nicht nach-<lb/>z -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0117_116.tif" n="116"/>
<p>11s<lb/>gekommen bist? ch hoffe nicht, daß Dir ein Unfall<lb/>zugestoßen ist,
oder daß Du sonst ein übles Hinder-<lb/>niß gehabt hast. Beruhige mich
darüber, lieber<lb/>Bruder.'!<lb/>Graf Joseph an die Freifrau von
Thuris.<lb/>, Rottenbuel, den 18. Mai.<lb/>,Weshalb ich nicht gekommen bin?
Frage die<lb/>Seligen, weshalb sie sich nicht losreißen aus
ihrer<lb/>trunkenen Anbetung des Göttlichen, um auf die
Erde<lb/>zurückzukehren. Frage ----- o! aber was sollen die<lb/>Worte, was
soll die Mittheilung, da Du ja doch Alles<lb/>schon weißt, wenn Dir diese
Worte die Wonne meines<lb/>entzückten Herzens verrathen haben.<lb/>Vor einer
Stunde bin ich von Gunta heimgekehrt,<lb/>! heimgekehrt in mein Hans, das
mir wie verwandelt<lb/>erscheint, seit ich weiß, daß sie es mit mir
bewohnen,<lb/>! üuut ihr von diesen Erkern hinabsehen werde auf die<lb/>daß
Veronika hier schalten und walten wird, daß ich<lb/>Bäume, wvelche uusere
Altvordern mir hier gepflanzt,<lb/>und unter deren Schatten meine und
Veronika's Kin-<lb/>der einst spielen werden.<lb/>Gesegnet sei die Stunde,
in welcher Du mich zur<lb/>Heimkehr mahntest- ja ich möchte sagen,
gesegnet<lb/>sei das Unheil, das mich von Paris entfernte. Ich<lb/>fühle
mich wie ein verklärter, wie ein neugeborner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0118_117.tif" n="117"/>
<p>s<lb/>U?<lb/>Mensch, ih denke mit anderen Gedauken, ich empfinde<lb/>mit
anderen Sinnen; und das Alles ist ihr Werk,<lb/>Veronika's Werk, der Liebe
Werk, die mir die Seele<lb/>befreit von allen bösen Erinnerungen, und mir
mit<lb/>dem Glauben an die Reinheit des Weibes auch die<lb/>Fähigkeit zu
neuer Liebe und, daß ich es Dir gestehe,<lb/>eigentlich erst das Verständniß
der Liebe gegeben hat;<lb/>denn was mich zu Franziska hingezegen,
verdiente<lb/>diesen Namen nicht.<lb/>Wie das gekommen ist? Ich brauchte es
Dir nicht<lb/>- zu sagen, wenn es mich nicht so glücklich machte, es<lb/>mir
selbst zu wiederholen. Daß Veronika schön sei,<lb/>wer hätte das nicht beim
ersten Blicke sehen sollen?<lb/>Aber es war nicht diese Schönheit, die mich
an sie<lb/>fesselte, so sehr sie mich entzückt. Es war die
reine,<lb/>unverfälschte Wahrheit ihrer einfachen Natur, die
schöne<lb/>Seele, der alles Edle und Erhabene angeboren ist, die<lb/>nur
sich selber nachzugeben braucht, nm immer das<lb/>PH- == = =-<lb/>Ich sah
sie als die gehorsame und gefügige Tochter<lb/>ihres Vaters, als die
gastliche Wirthin ihres Hauses,<lb/>als das Kind des Volkes, in dem sie
gsboren worden.<lb/>Im fröhlichen Tanze, im wilden Orkan der Nacht,
am<lb/>Krankenlager und an der Leiche ihres Vaters, einsam<lb/>in ihrem
Schlosse sich und ihrem Grame überlassen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0119_118.tif" n="118"/>
<p>!<lb/>!<lb/>s<lb/>118<lb/>z<lb/>I<lb/>eine kluge Verwalterin, eine milde
Herrin, eine sanfte<lb/>Helferin der Leidenden - immer, immer war sie
sich<lb/>gleich; und ich konnte sie nicht mehr sehen, ohne mich<lb/>in ihrer
Nähe vor den Stunden zu fürchten, die ich<lb/>fern von ihr zuzubringen
hatte.<lb/>Es hätte Deiner Mahnuung, daß ich Veronika nicht<lb/>eben oft
besuchen möge, nicht bedurft; war sie mir<lb/>doch heilig wie meine Ehre,
wie das Andenken an<lb/>meine Mutter, wie hätte ich sie auch nur dem
Schatten<lb/>einer Mißbilligung preiszugeben vermocht! Aber ich<lb/>konnte
den Trost nicht entbehren, daß sie meiner gedachte,<lb/>und wie die
Schrecken uuseres Winters sich auch zwischen<lb/>uns aufthürmten, so fand
der treue alte Bernhard<lb/>doch stets denz ren mir zu ihr, und unsere
Ge-<lb/>danken traten einander näher, unsere Empfindungen<lb/>wurden. zu
einem einzigen allmächtigen Gefühl.<lb/>z - Im Zweifel an mir selbst hatte
ich mir stets miß-<lb/>traut; endlich litt es mich nicht länger. Die,
heiße<lb/>Sehnsucht, die mich zu ihr zog, die mich mir
selbst<lb/>entfremdete, konnte mich nicht täuschen; und an der<lb/>Wonne,mit
welcher ich den erwachenden Frühling in<lb/>mneine Seele leuchten- fühlte,
ermaß ich, daß mein Herz<lb/>Frej gewoxden sei und, rein genug, die Geliebte
in das-<lb/>selbe aufzunehmen. -<lb/>- In guter Stunde ritt ich nach Gunta.
Daß ich<lb/>Dir -sie beschreiben könnte, diese seligen
Augenblicke<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0120_119.tif" n="119"/>
<p>-<lb/><lb/>-<lb/><lb/><lb/>-<lb/><lb/>e<lb/>-<lb/>--<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>-<lb/><lb/>s<lb/>119<lb/>hoffnungsvoll
bangender Zuversicht! daß ich Dir sie<lb/>Fchildern könte, die
freudigeInbrunst, mit welcher ich<lb/>ieine Jugend mir wiedergegeben'
fühlte!<lb/>Es war schon Mittag,' als ich' ihr Haus sich vor<lb/>mir erheben
sah, und nun ich es erblickte, wankte mein<lb/>Herz. Ich hatte ihr nie von
meiner Liebe für sie ge-<lb/>schrieben, sie hatte Nichts gesagt, was mich zu
hoffen<lb/>berechtigte, so bereitwillig meine verlangende Seele es<lb/>sich
zu meinen Gunsten auszulegen wußte.<lb/>Ich wollte mich sammeln, noch eine
lezte Viertel-<lb/>stunde mit mir allein sein. Ich stieg an der
hintern<lb/>Seite des Gartens vom Pferde, das ich einem Buben<lb/>zur
Führung überließ, öffnete die kleine Pforte neben<lb/>der Gärtnerwohnung,
und trat in das kleine Gehölz<lb/>ein, das dieselbe von dem Garten abtrennt.
Niemand<lb/>hatte mein Kommen bemerkt, die Leute waren bei der<lb/>Arbeit,
und ungesehen ging ich den Weg nach dem<lb/>Schlosse hinauf.<lb/>--
Die:Sonne schien warni hernieder, die hjungen<lb/>Hlätter- zitterten-leise,
als obsiesich -zu entfalten<lb/>jtrebten, das Gras duftete, wo! mein Fuß, es
betrat,<lb/>und funkelnd' in seinem weißen:Gischtesschößf
blizschnell<lb/>das: Wasser- des Baches dan mir- vorüber, zuni
Thal<lb/>-hinab. : Ich jezte michauf der Bank' unter dey?ro-<lb/>ßen
Wallnußbaume nieder und sahpnach ihremn Fenster<lb/>hin, -vor dem die
Vorhänge sich leise im Suftzug be-<lb/>- o<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0121_120.tif" n="120"/>
<p>1<lb/>wegten, und sah zu dem schneeigen Gipfel des
Berges<lb/>rararr<lb/>ronika der Friede für mich sei<lb/>Mit einem Male
hörte ich mir gegenüber die ,<lb/>Zweige des Gebüsches sich bewegen, und
mitten in ;<lb/>dem jungen Grün, wie eine Lichtgestalt schön in
ihrem<lb/>weißen Gewande, stand Veronika vor mir. Ich sprang<lb/>empor, sie
trat erschrocken zurück, aber schnell wieder<lb/>Herr über sich selbst,
sagte sie freundlich:,Ach, Graf<lb/>Joseph, ich dachte an Sie, darum
überraschte es mich<lb/>so, Sie vor mir zu sehen!! ==- Und da ich
stumm<lb/>vor ihrem Anblick stehen blieb und ihre Hände ergriff<lb/>und in
ihr Auge blickte, da füllten diese sanften Augen<lb/>sich mit Thränen, eine
heiße Röthe, die glückverkün-<lb/>dende Morgenröthe meiner Zukunft, überzog
ihre<lb/>Wangen, und trunken und verwirrt ihr liebeseliges<lb/>Antliz an
meiner Brust verbergend, sagte sie: ,Ach,<lb/>Bester! ich kam von meines
Vaters Grabe, und - =-<lb/>Sie vollendete nicht, sie weinte. Ich hielt
mich<lb/>nicht länger und schloß sie in meine Arme. ,Was<lb/>bekümmert Dich,
Veronika?! fragte ich sie.<lb/>,Ich dachte an meines Vaters Grabe nur an
Dich!r!<lb/>seufzte sie und hob die schönen thränenschweren
Augen<lb/>zärtlich zu mir empor.<lb/>Und nun ich es Dir schreibe,
überfluthet sie mich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0122_121.tif" n="121"/>
<p>l<lb/>F<lb/>lAu<lb/>wieder, die ganze Fülle meines Glückcs, daß ich
die<lb/>Brust im Freien kühlen muß. Sage Dir selbst, was<lb/>mich
bewegt!<lb/>Morgen kommt Veronika zu Dir; an Dein Herz.<lb/>das mir dieses
Kleinod herangebildet, lege ich meine<lb/>Braut; bis ich sie als mein Weib
in das Haus un-<lb/>! serer Väter geleiten kann. Sei bei uns mit dem<lb/>! .
Segen Deiner Liebe!r'<lb/>Die Freifrau von Thuris an ihren
Sohn.<lb/>,,huris, den W. Mdai 1788.<lb/>,Mein Lieblingswunsch hat sich
erfüllt, geliebter<lb/>Sohn! Der Onkel hat sich mit unseren Verenika
ver-<lb/>, lobt. Eine bessere Wahl konnte meit BriUer nicht<lb/>treffen, ein
würdigeres Mädchen konnte der Reihe un-<lb/>serer Ahnen nicht einverleibt
werden. In wen'hz Wo-<lb/>chen soll ihre Verbindung gefeiert werden, und
ich<lb/>würde mit freudiger Zuversicht dem Tage entgegen<lb/>sehen, wenn
nicht die allzu lebhafte Empfindung mei-<lb/>nes Bruders mir es deutlich
zeugte, wle sehr die Lei-<lb/>denschaft seines Herzens über ihn Gawoalt hat.
Indeß<lb/>ich vertraue der liebevollen Klarheit unserer Veronika,<lb/>daß
sie ihn zu beruhigen, zu fesseln und zu beglücken<lb/>wissen wird. Sie grüßt
Dich schwesterlich und hofft,<lb/>Du werdest heimkommen, sie als ein Bruder
zum<lb/>Altare zu geleiten. Auf nahes Wiedersehen also, für<lb/>das es
ohnehin bald Zeit ist.r--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0123_122.tif" n="122"/>
<p>u<lb/>Ulrich von Thuris an seine Mutter.<lb/><lb/><lb/>, Paris, den 1. Runi
178s. z<lb/>,ergieb mir, theuere Mutter, wenn ich Deinem ;<lb/>Wunsche mit
nächstem heimzukehren, noch nicht Folge -<lb/>leiste, und vergönne mir
vielmehr, meine Reisezeit-<lb/>noch auszudehnen. Ich möchte England kennen
ler- s<lb/>nen, Schottland besuchen, ehe ich nach Hause komme. -<lb/>Du
wirst ja ohnehin jetzt weniger einsam sein, ß<lb/>geliebte Mutter, da der
Onkel und Veronika künftig -<lb/>in Deiner Nähe wohnen werden.<lb/>Veronika
des Dnkels Braut! Veronika meine<lb/>Tante! Wie mir das auffällt! Ich hatte
von jeher -<lb/>Deinen Plan gekannt und mit dem Onkel selbst
davon<lb/>gesprochen; nun et sich verwirklicht hat, befremdet mich -<lb/>das
Vorhergesehene, das Erwünschte, ja, es kommt -<lb/>mir unbegreiflich vor.
Kann man denn Mißgunst<lb/>fühlen gegen einen Freund? und eifersüchtig sein
auf<lb/>feine Schwester? Wie wunderlich ist unser Sinn, wie<lb/>eigenfinnig
unser Herz!<lb/>Grüße das Brantpaar von mir und sage ihm meine<lb/>besten
Wünsche. Wenn ich mich zu wundern aufhöre,<lb/>will ich ihnen selbst
schreiben.<lb/>Lebe wohl, theuere Mutter, und laß mich reisen.<lb/>Ist mir's
heute doch, als hätten Du und ich Veronika<lb/>verloren, als hätten wir mein
Herz nicht recht gekannt.<lb/>Sage ihr nicht, daß ihr Glück mich heute noch
nicht<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0124_123.tif" n="123"/>
<p>E<lb/>ues<lb/>s<lb/>Z freut. Lebe wohl, theuere Mutter! Wenn ich
wieder-<lb/>F Lhre, solst Du Deinen alten uleich h mhr
knden.<lb/>h<lb/>t<lb/>=s=sFF . - s;i -<lb/>l. Kapites<lb/>- Die Papiere,
welche sich in meinen Händen be-<lb/>F fanden,. enthielten, wie gesagt,
keine fottlaufenbe Brief-<lb/>s sammlung. Es scheinen gelegentlich große
Swischen-<lb/>F räume ,in der Correspondenz eingetreten zu sein.<lb/>f Graf
Rottenbuel und seine Frau wohnten der Frei-<lb/>f' frau vön Thuris so nahe,
daß man sich häufig sehen<lb/>! und deshalb des Briefwechsels, entrathen
konnte, und<lb/>die späteren Vorgänge machen es, wahrscheinlich,
daß<lb/>Conradine die Briefe ihres Sohnes aus jener Zeit<lb/>nicht
aufzubewahren für gut befand., Der erste Brief,<lb/>welcher sich nach dem
Schreiben gllrich's wieder vor-<lb/>findet, ist der Brief der Gräfn an die
Freifrau, aus<lb/>dem Sommer 10, welcher hier folgt.<lb/>Die Gräfin von
Rottenbuel an die Freifrau von.Thuris.<lb/>,Sie thun mir wirklich Unrecht,
meine theyere<lb/>Schwester, meine geliebte mütterliche Freundin,
wenn<lb/>Sie mich einer schwachen Nachgiebigkeit gegen
meines<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>s<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0125_124.tif" n="124"/>
<p>12e<lb/>1<lb/><lb/>Manes Wünsche anklagen; und weil ich hnen düä,<lb/>gern
auseinander sezen möchte, beste Conradine, sß<lb/>benuze ich die Abwesenheit
Joseph's, der nach Chur !<lb/>hinuntergefahren ist, um Ihnen in aller Ruhe
zu er- -<lb/>klären, was mir selbst die von meinem Manne beab-<lb/>sichtigte
Rückkehr nach Frankreich wünschenswerth und<lb/>als etwas Zweckmäßiges
erscheinen läßt.<lb/>Sie selbst, theuere Schwester, haben mich,
ebenso<lb/>wie mein lieber verstorbener Vater, dazu angehalten,<lb/>mich bei
den Ereignissen nicht zu beumruhigen, son-<lb/>dern ihren Ursachen
nachzuforschen. Das habe ich<lb/>denn auch in unserm Falle gethan, und' ich
finde es<lb/>seitdem sehr natürlich, daß mein Mann sich in
ein<lb/>bewegteres Leben, in eine ängeregte Geselligkeit und<lb/>in den
Wirkungskreid zurücksehnt, in welchem er sich<lb/>bis zu seiner Heinkehr in
die Schweiz stets wohl<lb/>befunden hat.<lb/>Sehen Sie, liebe Conradine!
Joseph ist als<lb/>Militair erzogen, ist in Paris in der glänzenden
Ge-<lb/>sellschaft des Hofes aufgewachsen, und Sie wissen das<lb/>ja selbst,
er hat niemals aus freiem Antriebe daran<lb/>gedacht, das Dasein eines
Landedelmannes zu führen.<lb/>Es waren Ihre Vorstellungen - und auch
nicht<lb/>einmal diese=- es waren das Duell und die Herz-<lb/>zerrissenheit,
die ihn zu uns nach Graubünden brachten,<lb/>und ich segne für mein Theil
die Stunde, in welcher<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0126_125.tif" n="125"/>
<p>1!<lb/>ß ß Kuß unser Land betrat, von ganzem, Derzen und<lb/>ß=n jbem
Vage<lb/>F,«. Meines Männes Seele ist abet jezt längst genesen<lb/>j von
seinem Zweifel an den Frauen, seine Liebe ist<lb/>s! mir ein heiliger,
unverlierbarer Besiz.,Indeß unsere<lb/>s! Ehe ist kinderlos, wir sind
alleinn, und, der Graf, an<lb/>s die Parisee Geselligkeit gewöhnt, findet
keinen Geschmack,<lb/>j keine Befriedigung an dem ausschließlichen
Umgang<lb/>s mrit unsern Nachbarn und Verwandten. Die Land-<lb/>s
wirthschaft, die Jagd, der Gelderwerb, ja selbst der<lb/>s verhältnißmäßige
Einfluß und die Macht, welche unser<lb/>- Besiz ihm gewährt, haben keinen
Reiz für ihn, haben<lb/>denselben auch nie für ihn gehabt. Er hat ja
von<lb/>Anfang an nicht daran gedacht, sich dauernd bei
uns<lb/>niederzulassen, und deshalb seinen Abschied nicht ge-<lb/>fordert,
sondern bisher nur von dem bewilligten r-<lb/>laub Gebrauch gemacht.
;<lb/>Hätte ich, wie der Graf, meine Jugend in der<lb/>großen Welt
zugebracht, ss würde er sich vielleicht<lb/>mit mir zusammen leichter än
diese;Zurückgezogenheit<lb/>gewöhnen. Gemeinschaftliche Erinnerungen
würden<lb/>den Stoff unserer Unterhaltungen vermehren, ich selbst<lb/>würde
besser im Stande sein, zu beuttheilen und zu<lb/>erseten, was mein Mann
entbehrt, und . ist für uns<lb/>in ber Zukunft ein dauernder Aufenthält. in
Bünden<lb/>möglich, so wird er das nur dann sein, wenn wir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0127_126.tif" n="126"/>
<p>17s<lb/>s<lb/>ese Weile in Krankreich gelebt haben, und de:
Eef<lb/>Gelegenheit gefunden haben wird, sich zu überzeigeä<lb/>ob Paris und
die Pariser Gesellschaft ihm jezt noch P<lb/>so reizend erscheinen, als vor
unserer Verheirathukg F<lb/>als in den Tagen, in welchen die herzlose
Gefallsüchk j<lb/>einer eiteln Frau ihn in beständiger Aufregung erhielt!
j<lb/>Gewiß, meine theure Conradine! Sie machen sih ß<lb/>unnöthige Sorge um
mich, um uns, und könnten mik F<lb/>dieser vielleicht grade dasjenige
hervorrufen, was Sie ß<lb/>zu vermeiden wünschen; Sie könnnten Joseph und
michi s<lb/>an der Liebe zweifeln mnachen, die uns zu unserm. I<lb/>Glücke
verbindet.<lb/>Sehe ich aber ganz von mir, von ihm, von unserer -<lb/>Liebe
und unseren häuslichen und ehelichen Verhält-<lb/>nissen ab, so muß ich
meinem Manne darin beipflich-<lb/>ten, daß es, wie die Lage der Dinge sich
in Frank- ,<lb/>reich gestaltet, jezt für ihn eine Ehrensache ist,
seinen.<lb/>Dienst wieder anzutreten und auf seinen Posten
zurück<lb/>zukehren. Die Angelegenheiten werden in Paris
immer<lb/>verwickelter, der König hat sicherlich die Nähe seiner<lb/>Treuen
nöthig; wwenn ich daher vielleicht auch wün-<lb/>schen könnte, daß Joseph
niemals unter den Schwei-<lb/>zern gedient hätte, so vermag ich jetzt doch
nicht, ihn.<lb/>von der Erfüllung einer doppelten Ehtenpflicht
zurück-<lb/>zuhalten, und es freut ihn, daß wir auch in diesem.<lb/>Punkte
uns so ganz in ebereinstimmung befinden:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0128_127.tif" n="127"/>
<p>,??<lb/>=z F<lb/>=a<lb/>ue::<lb/>Fsi: Kurz, meine theure Freundin, Sie sehen,
ich bin<lb/>Fertschlossen, und Sie werden skh hoffeitlich in nicht<lb/>Ezu
ferner Seit überzeugen, daß ich diesmäl das Rich-<lb/>Ikige für uns treffe.
Beruhigt sich die Auftegung in<lb/>FFrankreich, so werde ich dann selbsi den
Grafen bitten;<lb/>Fseinen Abschied zu fordern.<lb/>F! Meine Neugier und
meine Ast, doch auch ein<lb/>gwenig von der Welt zu sehen, werden übrigens
sicher<lb/>CBefriedigung durch unsere Reise erhalten. Ich wwerde,<lb/>Fwie
ich hnffe, auch eine sehr elegante Dame werden,<lb/>Eund wenn ich das
zufällige Glück haben sollte, dem<lb/>g Grafen mit meiner Person in der
Gesellschaft einiger-<lb/>Fmaßen Ehre zu machen, so wird das - ich
kenne<lb/>Jihn darauf -- meinnen Werth in seinen Augen nicht<lb/>s
verringern. Da können Sie an diesen lezteh Aeuße-<lb/>l, rungen gleich
gewahren, wwie schon be bloße. Gebaks<lb/>j an Paris ben Menschen
umgestaltss, Ws mäß etwäs<lb/>s Bezaubernhes in sich schließei, bssses ges!
= Höt<lb/>P doch auch der gute Ulrich mut äll' seiner Lebe für<lb/>Z sein
Vaterland es bei uns nur weitig Motate aus-<lb/>I gehalten, und sich schnell
wieder iach dem blendenden<lb/>F Lichte der Hauptstadt hingewendet, an dem
ich nun<lb/>F auch -- mir die Flügel verbrennen gehen will.<lb/>Ich umarme
Sie und küsse Ahnenn die Hänb!<lb/>ß! Glauben Sie mir, meine theure
Schwägerii, daß lnh<lb/>l! es nie vergesse, welche liebevolle Erzieherin unb
Füh-<lb/><lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0129_128.tif" n="128"/>
<p>128<lb/>il<lb/>El<lb/>rerin Sie mir gewesen sind, und nun fassen Sie
gutehFj<lb/>Mun, wie ich selbst ihn habe. Joseph mnß durchaasßs<lb/>wieder
froh und heiter werden. Hier bleiben und ihntjj<lb/>so oft niedergeschlagen
und mißmuthig sehen, das gehtF<lb/>über meine Kraft. -- Von Herzen Ihre
Ihnen gans!s<lb/>nl<lb/>ergebene<lb/>Veronika, Gräfin von
Rottenbuel.<lb/>Die Gräfin von Rottenbuel an die Freifrau<lb/>von
Thuris.<lb/>P<lb/>-<lb/>-<lb/>,ßaris, den A. Dctober 179.<lb/>,Meine
verehrte Schwägerin! Wir sind vor drei<lb/>Wochen grade an dem Tage hier
angekommen, an<lb/>welchem unser verehrter Landsmann Herr Necker,<lb/>müde
der Leitung eines Schiffes, das vom wilden<lb/>Strudel erfaßt ist, abermals
sein Amt niederlegte, um<lb/>sich auf seine Besitzungen in seine und unsere
Hei-<lb/>math zurückzuziehen; und ich habe Ihnen noch nicht<lb/>geschrieben,
meine Freundin, weil ich Mühe habe, mich<lb/>und meine Gedanken in dem
Sturme zurecht zu fin- -<lb/>den, der mich umgiebt.<lb/>Ich komme zum ersten
Male in eine große Stadt<lb/>und finde ihre sämmtlichen Verhältnisse wie
aufgelöst;<lb/>ich komme an den Hof, in dessen Sonnenstrahlen<lb/>sich Alles
drängte, und finde, daß seine treuesten An-<lb/>hänger sich von demselben
zurückziehen, ich sehe zum<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0130_129.tif" n="129"/>
<p>e<lb/>.<lb/>1<lb/>Fersten Male einen König, einen edeln, sanften, guten<lb/>F
König, und er steht fruchtlos kämpfend einer Gewalt<lb/>gegenüber, die
stärker ist, als er, und die mit jedem<lb/>F Erfolge, den sie erringt, und
mit jeder Niederlage,<lb/>j ioelche das Königthum erleidet, sich ihrer Macht
deut-<lb/>F licher bewußt wird. Eine Reihe von Vorstellungen<lb/>j drängten
sich mir hier bei meiner Anknft auf, die<lb/>, eben so schnell durch die
Erfahrung weniger Wochen<lb/>s j als Aruggebilde vor meinen Augen in ihr
Nichts ver-<lb/>- F sunken.<lb/>l s<lb/>k F Ich hatte geglaubt, hier in
Paris die Verehrung<lb/>! -<lb/>g ß des Königthums verstehen und theilen zu
lernen, und<lb/>s denke jezt nur mit um so größerer Liebe an die Ver-<lb/>F
fassung in der Heimath. Wie schön war es, wenn<lb/>FF das Vertrauen seiner
Mitbürger meinem Vater die<lb/>P Verwaltung und Leitung der gemeinsanen
Angelegen-<lb/>heiten übertrug! Wie anders erscheint uns die Herr-<lb/>F
schaft der freien Nebereinkunft, wenn man sie mit der<lb/>F Alleinherrschaft
vergleicht, gegen welche hier ein ganzes<lb/>j Volk in Waffen steht, und die
zu vertheidigen und<lb/>Z aufrecht zu erhalten, grade dem gütigsten und
schuld-<lb/>! losesten der Könige auferlegt wird. Während ein<lb/>g König
meine ganze Reigung und Verehrung gewinnt,<lb/>Z lerne ich die Bürde der
Krone und die Verantwort-<lb/>s lichkeit ihres Trägers als eine schwere Last
erkennen,<lb/>- und während Sie mit Recht erwarten, daß ich
Ihnen<lb/>s<lb/>Hewald, Kleine Ronaue. N.<lb/>T<lb/>.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0131_130.tif" n="130"/>
<p>18O<lb/>Kunde gebe von dem Eindruck, welchen Paris aüf'<lb/>mich macht, und
Nachricht von unserm persönlichen<lb/>Ergehen, spreche ich Ihnen von dem
Allgemeinen.<lb/>Aber die Aufregung ist hier so groß, die Gefahr
für<lb/>T<lb/>:<lb/>1<lb/>Alle so drohend, daß man es verlernt, an sich
selbst<lb/>und an seine eigenen Angelegenheiten wie an etwas<lb/>besonderes
Wichtiges zu denken.<lb/>Nach dem, was ich Ihnen bisher gesagt,
werden<lb/>Sie sich denken können, wie gnädig mein Mann von<lb/>den
Majestäten aufgenommen worden ist. Die Herr-<lb/>schaften haben so viel
Untreue und Berrath zu dul-<lb/>ni<lb/>den, daß die Treue und Anhänglichkeit
ihnen schäzens-<lb/>werther als villeicht zuvor erfcheinen, und der KBez
ß<lb/>hat dem Grafen gleich nach dessen Ankunft die Stelle ,<lb/>eines
Obristen verliehen, welche eben durch den plötz- ,<lb/>lichen Tod ihres
Inhabers erledigt worden war.<lb/>Joseph sieht schön aus in seiner Uniform
und s<lb/>noch schöner in der zuversichtlichen Zufriedenheit, die<lb/>ihn
erfüllt. Seine Züge sind wieder fest, sein Auge<lb/>hell, sein Mund hat das
stolze Lächeln wieder gefunden,<lb/>und da ein Theil der Gnade, welche die
Majestäten<lb/>ihm beweisen, auch auf mich zurückfällt und man
ihn<lb/>versichert, daß ich- - nun, lachen Sie nich immer<lb/>aus, liebe
Conradine, daß ich schön sei, so scheint er<lb/>sich auch wieder darauf zu
besinnen, daß er mich selbst<lb/>einst schön genannt hat, und das
abgespannte, melan-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0132_131.tif" n="131"/>
<p>18t<lb/>f Holische Lcheln, das mir in Rottenbuel so oft das<lb/>s Herz
beschwerte, ist wie aus seinem Antlize entschwun-<lb/>f ven. Er hat
Vergnügen daran; mnich zu schmücken,<lb/>s und ich selbst finde hier am Hofe
den Schmuck ein<lb/>s heiteres Ding. Er hat Behagen daran, seine
Freunde<lb/>! in seinem schönen Hause zu empfange, und der Reich-<lb/>, thum
erscheint mir hier, wo nian ihn so angenehm<lb/>, verwerthen kann, ein weit
größerer Vorzug als in<lb/>Rottenbuel oder in meinem lieben stillen Gunta.
Kurz,<lb/>ich bin sehr zufrieden mit Paris und mit meinem<lb/>Eintritt in
die mir neue Welt, wenn schon mir dabei<lb/>, das schöne Wort einfällt, das
unser Ahn in Gunta<lb/>, über unser Portal hat meißeln lassen: , Herr,
segne<lb/>i meinen Eingang und meinen Ausgang !!<lb/>Was nun, um Ihnen,
theure Freimdin, Alles zu<lb/>beichten, die schöne Marquise anbetrifft,' so
habe ich sie<lb/>schon zum öftern gesehen, und fehr schön ist sie
wirk-<lb/>lich; aber sie hai jezt Anderes; zu thun, als einen<lb/>treuen
Obristen der Schweizergarden in ihr Liebesnez<lb/>zu locken, da derselbe
auch gar keine Neigung zeigt,<lb/>sich wieder einfangen zu lassen. Sie hat
jetzt, wie<lb/>mir scheint, höhere Ziele und eine schwere und
lohnen-<lb/>dere Aufgabe für sich gefunden. Sie genießt das<lb/>Vertrauen
und die Gunst der Königin und ist, aus<lb/>Ergebenheit für diese und das
Königthum, auf das<lb/>Eifrigste bestrebt, den glänzenden und
flatterhaften<lb/>g<lb/>l:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0133_132.tif" n="132"/>
<p><lb/>1<lb/>Grafen von Mirabeau zu fesseln. Es muß eine
gar<lb/>beneidenswerthe Aufgabe für die ehrgeizige Schöne<lb/>sein, dem
allgemeinen Besten und den eigenen Wün-<lb/>schen gleichzeitig dienen zu
können-- und damit ich's<lb/>s<lb/>Ihnen gestehe, es ist mir nicht eben
unlieb, daß mein<lb/>Mann es sieht, wie sehr die Marqnise sich selbst nur
I<lb/>ein Mittel für ihre Zwecke ist.<lb/>Ehe noch Joseph mich ihr
vorstellen konnte, kam<lb/>sie an dem ersten Abende, an welchem ich bei
Hofe<lb/>präsentirt ward, mit lebhafter Freundlichkeit mir ent-<lb/>gegen.
,Ich bin Ihnen sicherlich keine Fremde, sagte<lb/>sie, ,und ich will hoffen,
Frau Gräfin, daß der Graf<lb/>Ihnen von mir im Sinne der vieljährigen
Freund-<lb/>schaft gesprochen hat, die uns verbunden, ehe
ein<lb/>schmerzlicher Mißklang fie zu stören kam. Aber das<lb/>liegt fern
hinter uns, und mich dünkt, wir Alle, die<lb/>wir das Blut des wahren Adels
in uns fühlen, haben<lb/>jetzt mn die eine Aufgabe, Freunde zu sein und
uns<lb/>als solche um das geliebte, so schwer gekränkte Königs-<lb/>paar zu
schaaren. Ihre Hand darauf, meine theure<lb/>Gräfin!r<lb/>Es kam mir vor,
als habe sie sich diese Anrede<lb/>im Voraus überlegt, und die Marquise
erschien mir<lb/>nicht eben wahrhaft und edel, während sie
dieselbe<lb/>sprach; auch dem Grafen mißfiel sie, und als sie die-<lb/>sem
mit den Worten: sozons amis, Cinns! lächelnd<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0134_133.tif" n="133"/>
<p>18<lb/>e<lb/>die Hand zum Kusse reichte, sah ich, daß er eine Art<lb/>von
Scham empfand, sie nicht wwürdiger vor mir da-<lb/>stehen zu sehen, und nun,
nennen Sie es immer eine<lb/>Anwandlung beruhigter Eifersucht =- ich wußte
es der<lb/>Z Marquise Dank, daß sie sich setbst euthronte. oseph<lb/>F war
sehr kalt gegen sie, und ttoz der Schminke, die<lb/>F sie trug, bemerkte
ich, daß sie die Farbe wechselte.<lb/>s Sie verließ uns dann auch bald, und
meines Mannes<lb/>j Blick und Händedruck verriethen mir, daß ich wohl<lb/>!
gethan, hierher zu gehen.<lb/>So viel von uns, theuere Schwägerin! Ulrich
ist<lb/>- wohl und ist ein gar schöner, schöner Mann gewor-<lb/>den, stark
und kräftig, wie es Ihrem Sohne zu-<lb/>kommt! Ich sage ihm täglich, daß er
nach Hause<lb/>- gehen müsse, daß er Sie nicht allein lassen dürfe,
und<lb/>ich bringe Ihnen damit ein großes Opfer, denn Io-<lb/>seph ist durch
seinen Dienst so vielfach hingenommen,<lb/>- und wenn ich einsam bin, komimt
mir die Stadt mit<lb/>ihren langen Straßen, mit ihren hohen Häusern
un-<lb/>heimlich vor. Ich sehne mich nach einem Blick in's<lb/>Freie, und
das Herz wird mnir schwer, wenn ich in die<lb/>Stille unseres Hofes und
Gartens den Wiederhall<lb/>eines jener Volksaufläufe zu mir dringen höre,
von<lb/>denen kaum ein Tag oder eine Nacht ganz frei ist.<lb/>Ulrich's Nähe
ist mir dann ein gioßer Trost. Er<lb/>schafft mir sichere Kunde von dem,
wwäs draußen bor-<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0135_134.tif" n="134"/>
<p>zuF<lb/>sL<lb/>5<lb/>e<lb/>V<lb/>e<lb/>n<lb/>H,<lb/>i<lb/>i<lb/>n<lb/>-<lb/><lb/>1Ke<lb/>geht,
er sagt mir die Wahrheit, wo Andere mich nur<lb/>zu beruhigen streben; und
ich habe hier fast an jedem<lb/>Tage die Gelegenheit, es an der Todesangst
meines<lb/>Herzens zu ermessen, wie mein Leben an dem Leben<lb/>meines
Gatten hängt. O! mich dünkt, wer noch nicht<lb/>für seine Liebe gezittert
hat, weiß noch nicht, wie sehr<lb/>er lieben kann, und wie sehr er
liebt.<lb/>Die Schweizergarden haben jetzt einen schweren<lb/>Dienst, sie
üben ihn mit grenzenloser Hingebung; aber<lb/>ich werde den innern
Zwiespielt darüber nicht los, daß<lb/>Joseph einer Sache dient, die nicht
die seine ist, daß<lb/>kl<lb/>tl<lb/>er sein Leben daran setzt, eine
Verfassung und Znstände<lb/>aufrecht erhalten und vertheidigen zu helfen,
die er<lb/>in seinem Vaterlande nicht eingeführt zu sehen wün-<lb/>schen
würde. Ich bewundere, ich ehre sein starkes<lb/>Pflichtgefühl, und beklage
doch den Tag, an welchem<lb/>der erste Schweizer jemals fremde Dienste nahm.
O!<lb/>Sie haben sehr wohl daran gethan, theuere Conradine,<lb/>daß Sie
Ulrich vor diesem Zwiespalt bewahrten, daß<lb/>Sie ihn einen freien Mann
bleiben ließen. Seine<lb/>Freiheit ist jezt ein Glück für ihn, für Sie
und,<lb/>so lange er hier noch bei uns bleibt, auch
für<lb/>mich.<lb/>d<lb/>Indeß ich versichere Ihnen und verspreche
Ihnen,<lb/>daß ich nicht selbstsüchtig sein und ihn nicht
halten<lb/>werde.!<lb/>d<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0136_135.tif" n="135"/>
<p>l.e<lb/>A<lb/>l?<lb/>1s<lb/>, Die Freifrau von Thuris an ihren Sohn.<lb/>e
G-.,<lb/>! zs<lb/>15<lb/>Thuris, den H. Mai 171.<lb/>d<lb/>e ,Dein Brief,
mein Sohn, hat mich bekümmert,<lb/>t<lb/>f ohne mich zu überraschen. Da Du
meiner Bitte nicht<lb/>j s seser zabs, waes poe etatt Hees Ht-<lb/>F ,ßeiner
Tante zu verlassen, war ich sicher, daß Du für's<lb/>, si. Erste überhaupt
nicht nach Hause konimen würdest,<lb/>F s, und ich mache die Erfahrung, daß
das Alier und seine<lb/>j f Einsamkelt und seine Sorgen sich mir nöhern
und<lb/>, j, früher an mich herantreten, als ich es naturgemäß er-<lb/>khF
warten müßte.<lb/>u i Da beschleicht dann wohl der Zweifel an dem
eige-<lb/>kh<lb/>! F nen Thun unw an der Richtigkeit meines Handelns
ge-<lb/>jj. legentlich mein Herz, und ich habe mich in den' lezten<lb/>f?.
Monaten je bisweilen gefragt, was ich für mein eige-<lb/>z. nes Glück und
für das Glück der Menschen, die ich<lb/>,! liebe, mit meinem Festhalten an
meinen Neberzeugungen<lb/>s. und anI den Principien Deines Vaters
gewonnen<lb/>, =-<lb/>Ich komme mir dann in meiner Zurückgezogenheit<lb/>F
wie eine jener unglücklichen Sibyllen bor, die in ein-<lb/>F samem
Felsgebirg, den Blick auf ihren geheimnißvollen<lb/>Z Krpstall gerichtet,
das Nahe und das Ferne, das Ge-<lb/>F - genwärtige und das Zukünftige an
ihrem Auge vor-<lb/>!! überziehen sehen, und die troy der vollen
Erkenntniß<lb/>! des Unheils, das herauf steigt, mit ihren
Warnungen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0137_136.tif" n="136"/>
<p>18s<lb/>und Beschwörungen das Unglück nicht verhindern kdn-F<lb/>nen, sich zu
vollziehen.<lb/>Du schreibst nicht, ntrlch! Wie soll ich mr bas<lb/>deuten?
Auch Dein Dnkel und Deine Tante schweigen, F<lb/>und doch müßt Ihr mir
nachempfinden können, wie Z<lb/>jede Kunde, die aus Frankreich, aus Paris
hieher zu F<lb/>mir gelangt, meine Sorge um Euch Alle steigert. Ihr
g?<lb/>müßt mit Euch selbst gar sehr beschäftigt, Ahr mnüßt Z<lb/>von den
Ereignissen, die Euch umgeben, seht hinge- Z<lb/>nommen und verwirrt sein,
daß Ihr meiner ganz ver-<lb/>gessen und meine Unruhe als ein Unwesentliches
bs-<lb/>trachten könnt.<lb/>Ulrich, höre mich, wie fern ich Dir auch sein
möge!<lb/>Du stehst an einem Abgrund, der Dich zu verschlingen<lb/>droht -
wende ihm den Rücken.<lb/>Was hast Du, der freie Mann, zu suchen in
dem<lb/>tobenden Kampfe, der in Frankreichs Hauptstadt die<lb/>Parteien wild
und maßlos an einander hezt? Hier ist<lb/>Dein Platz, denn hierher ruft Dich
Deine Pflicht.<lb/>Oder glaubft Du, der Kampf der Parteien klinge
hier<lb/>nicht nach, bedrohe nicht auch uns, unsere Herrschaft,<lb/>unseren
Besiz? =- Auch hier ist Unzufriedenheit, auch<lb/>hier droht uns wilde
Forderung und Umsturz; und<lb/>es ist vielleicht jetzt noch an der Zeit,
durch maßvolles<lb/>Gewähren ungemessenem Verlangen entgegen zu
treten.<lb/>Kehre heim! Die Aristokratie muß sich verbinden,
sich<lb/>1<lb/>t<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0138_137.tif" n="137"/>
<p>nE<lb/>, R<lb/>gz<lb/>f<lb/>:A<lb/>k?einigen und gemeinsam handeln, ehe das
Volk sich ge-<lb/>ß einigt hier entgegenstellt. D, däß Dein Vater,
und<lb/>Ibaß er kluge Gunta noch am Leben wären! daß Du<lb/>F den Sinn
hättest, mir zu folgen, imd den Ehrgeiz,<lb/>versöhnend ihre SteKe
einzunehnien!<lb/>lh<lb/>- Was willst Du in Paris? wäs willst Du in
der<lb/>ls<lb/>-<lb/>k<lb/>t!<lb/>i!<lb/>1!<lb/>1<lb/>lg<lb/>z<lb/>s<lb/>Nähe
Deiner Tante? Deiner Tante, die Du liebst!<lb/>Kehre heim, Ulrich! Arbeit
wdird Dir zu Hülfe<lb/>kommen. Ich will versuchen, Dir die Heimath
lieb<lb/>zu machen. Leide ich doch genug durch den Kummer<lb/>unserer
Veronika, den sie mir vergebens zu verbergen<lb/>sucht. Veronika ist
unglücklich; und wie fest hatte ich<lb/>ihr und meines Brnders Glück durch
die Berbindung<lb/>dieser Beiden zu sichern gewähnt! Der
knrzsichtige<lb/>Mensch sollte darauf verzichten, das Schicksal
seiner<lb/>Geliebtesten leiten zu wollen, und doch kann mein<lb/>Mutterherz
es sich nicht versagen, dem einzigen Sohne<lb/>zuzurufen: mißtraue Dir und
kehre zü mit zurück!r<lb/>Graf Rottenbüel ait seine Sähwester.<lb/>Paris,
den 2. Runi 17N.<lb/>,Theure Conradine! gieb Ordre, daß man in
Rot-<lb/>tenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem Empfange<lb/>F - in
Bereitschaft halte, denn ich stehe äuf dem Punkte,<lb/>F meine Frau nach
Haüse zu schicken. Paris ist jezt<lb/>H kein Aufenthalt für Frauen. Die
leten Tage haben<lb/>es mnir furchtbar klar gemacht,' welche Irrthum
ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0139_138.tif" n="138"/>
<p><lb/>18s<lb/>T<lb/>begangen, als ich Veronika's Bitten nachgegeben
unbß<lb/>sie mit mir nach Frankreich genommen habe.<lb/>Der König hat am
zwwanzigsten mit seiner Famlließ<lb/>einen Fluchtverjuch gemacht, der nicht
gelungen ist.ß<lb/>Die Wuth des Volkes droht alle Schranken zu über-
Z<lb/>steigen. Nur durch ein Wunder entging der MargulsP s<lb/>von Lafayette
an dem Tage, an welchem man die Z s<lb/>Alucht des Königs in Paris erfuhr,
dem Tode, alsm F l<lb/>zur Beruhigung des Volkes auf dem Greveplat er- j
j<lb/>schien.<lb/>Seit gestern, seit man den König, der sonst so
Z<lb/>jubelnd empfangen wurde, wie ein Missethäter auf ß<lb/>Umwegen in die
Hauptstadt zurückgebracht hat, herrscht j<lb/>ein Schweigen, das mir
furchtbarer erscheint, als selift<lb/>das Tosen der Volkswuth. Eine doppelte
Reihe von<lb/>Nationalgarden, nicht wir, die Schweizerregimenter,<lb/>mußten
den Weg des Königs von den elyseischen Fel-<lb/>dern nach den Tuilerien
beschützen. Der König ist<lb/>in den Händen des ihm feindlichen Volkes und
darf<lb/>sich kaum mehr seinen bisherigen Dienern und Ver-<lb/>theidigern
anvertrauen, ohne die Volkswuth wach zu<lb/>rufen. Kein glückwünschender
Zuruf begrüßte den Kö-<lb/>nig, kein Hut wurde vor ihm abgenommen -
die<lb/>treuen Gardes du Corps, welche auf dem Wagen des<lb/>Königs saßen,
find von dem Volke in das Gefängniß<lb/>geführt. -- Die Sache des Königs ist
abgeurtheilt<lb/><lb/>l<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0140_139.tif" n="139"/>
<p>18s<lb/>D-<lb/>gnd verloren in Paris, und der Haß gegen das Kö<lb/>igshaus
und gegen seine Anhänger wächst mit jedem -<lb/>Ps-<lb/>F., Es erhebt mich,
der Volkswuih mich entgegenzu-<lb/>Fstellen, mich der Aristokeatie auf das
Engste anzu-<lb/>schließen und in ihren Rechte nicht nr, die
legitime<lb/>FSerrschaft in Frankreich, sondern ;auch unsere
eigene<lb/>ßßGerrschaft in Bünden zu vertheidigen und
aufrechter-<lb/>j,halten zu helfen. Das Königthum und öie
Arlskokea-<lb/>stie sind solidarisch unter einander, verbunden durch
bie<lb/>Fganze Welt, und in der Perfassung von Graubünden,<lb/>s,die dem
Niedriggebornen ungebührlich viel Raun ließ,<lb/>jlst es mir ie wwohl
gewesen. st der Adel des, Blu-<lb/>ßg tes ein Borzug, wwas Du selbst nicht
bestreiten kannst,<lb/>j so mnß er nicht nur rein erhalten werden,
sondern<lb/>j! mit seinemß angestammten Blute auch seine angestamm-<lb/>Z;
ten Rechtezu erhalten wissen, und, so lange mein Blut<lb/>Jgin meinen Adern
fließt, werde: ich dies thn. Lch fühle<lb/>, mich wohl' in der Aussicht bes
Kämipfes, der un hier<lb/>zs sicherlich bevorsteht, aber ich mdg Verpnika,
welche<lb/>P, diese Ansichten nicht mir theilt, üicht in mein Schick-<lb/>sI
sal verflechten, und Du hast Recht, meine Schwester,<lb/>s daß Du auch
Deinen Sohn zurückrufst. Ulrich wird,<lb/>s - ich hoffe es, Veronika
begleiten, und Ihr werdet es<lb/>s vielleicht über Euch vermögen, einst die
Rdechte, die<lb/>s uns von unsern Vätern überkominen siid, mit
dem<lb/>1<lb/>A<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0141_140.tif" n="140"/>
<p>1O<lb/>Bauer und dem Bürger friedlich zu theilen. Ahr iS<lb/>det es vielleiht
erlernen, ehrbar bescheidene Bürget'P<lb/>werden und es zu vergessen, daß he
Edelleute ssß<lb/>und welches Blut in Euren Adern fließt. Ich
kän<lb/>T<lb/>und werde das nicht.<lb/>Mein Plas ist hier unter denen, die
meine GeslüH j<lb/>nng theilen, die eines Herzens und eines Slnnes üskl
j<lb/>mir find, so Mann wie Weib. Lch lebe und sterbeh j<lb/>mit der Sache,
die die meine ist-- und die ich veö- s<lb/>theidigen werde bis zum lezten
Athemzuge, wenn schcnßß j<lb/>der Sohn und der Erbe mir verjagt ist, für den
ißF<lb/>die Prärogative unseres Standes zu erhalten wünschte.F<lb/>=- Es
sind schwere Tage, Conradine, in denen witß<lb/>leben, und es ist ein
Schmerz. für mich, daß meiüeJ<lb/>Frau nicht empfindet wie ich, daß ich
allein stehe h<lb/>meinem Hause und in meiner Blutsverwandtschaft. j<lb/>Ich
empfinde das tief und habe dem Schicksal zu ,<lb/>danken, daß ich wenigstens
meine alten Freunde hier F<lb/>unverändert wiedergefunden habe.!<lb/>l.
Fapilel<lb/>Die Briefe, welche sich der Zeitfolge nach diesem<lb/>Schreiben
des Grafen Joseph anschließe., fanden sich<lb/>nicht vor, indeß die
Mittheilungen, welche Jungfer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0142_141.tif" n="141"/>
<p>f<lb/>1<lb/>l n<lb/>, Ixsula von ihrer Mutter erhalten hatten,
ergänzten<lb/>s ßs Rehlende und hatten den Vorzßg, im Zufammen-<lb/>Fange
darzubieten, was die Schreiber jenei Briefe an<lb/>s Fenselben, als ste sie
schriben, noch zu berschweigen<lb/>, Jothwendig gefunden hatten.<lb/>j s!
Nur de Anfang eines Briefes von der Gräfin<lb/>f Jdon Rottenbuel an ihre
Schwägerin lag noch in der<lb/>E -<lb/>zSammlung, und er hatte öffenbar eine
schmerzliche<lb/>j Föerzenergi ßung beginen sollen, welche die Gräfin<lb/>l
Fbann bereut und aufgegeben hatte. Sie klagte sich in<lb/>j Fben ersten
Leilen der Verblendung an, mit welcher<lb/>! Fsie sich dem Rathe ihrer
erfahrenen und weisen Schwä-<lb/>ßgerin widersezt und in die Nebersiebelung
nach Frank-<lb/>Frich gewilligt hatte, und bekannte, daß jene
Heiterkeit,<lb/>t,in der sie der Freifrau von Thuris nach dem
ersten<lb/>(jBegegnen mit der Marguise von Vieillemarin geschrie-<lb/>sß,
ben, ihr nicht natürlich gewesen sei, daß sie pielmehr,<lb/>Fgleich damals
das Herz voll Föser Ahmungen gehabt<lb/>Fhabe, die sie sich nicht
eingestehen fögen, weil es ihr<lb/>s, mnwürdig gedünkt, an dem Worte und an
der Treue<lb/>f - ihres Gatten, und vielleicht gar an, seiner Liebe für
sie<lb/>zu zweifeln.<lb/>Die Gräfin hatte eine innere Wahrhaftigkeit,
welche<lb/>es ihr fast unmöglich machte, an den Selbstbetrug
zu<lb/>k<lb/>t<lb/>?<lb/>glauben. Solche Naturen sind edel, aber meist,
auch<lb/>einseitig und streng, und ihre ernste
Pflihterfüllung<lb/><lb/>j<lb/>i<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0143_142.tif" n="142"/>
<p>1A<lb/>ß<lb/>erschreckt und drückt denjenigen, welcher sich
derselbc<lb/>nicht in gleichem Grade fähig fühlt.<lb/>Veronika war in dem
festen Glauben an die LiF<lb/>ihres Gemahls, an gine unauflösliche
LusammenFR<lb/>hörigkeit mit ihm nach Frankreich gekommen, aber S<lb/>fiel
ihr zleich Anfangs auf, wie sehr der bloße Eiü<lb/>tritt in die alten
Lebenskreise den Grafen veränderteg<lb/>und wie das Leben in einem andern
Lande und unieHP<lb/>einem andern, ihr fremden Volke sich unmerklich
uub'<lb/>doch störend zwischen sie und ihren Gatten stellte Z<lb/>Veronika
war des Französischen, wie damals jeäekH<lb/>Wohlerzogene, völlig mächtig,
indeß man hatte li!<lb/>ihrem Vaterhause nur deutsch gesprochen, sie hatte
diessß<lb/>Gewohnheit auch in ihr eigenes Haus übertragen, ut F<lb/>sie
liebte ihre Muttersprache. Daß sie in der Gesell-' F<lb/>schaft französisch
öeben müsse, verstand sich von selbst;<lb/>aber es that ihr leid, daß Graf
Joseph sich des Deut-' F<lb/>schen völlig entäußerte, sobald sie den Boden
Frank- ,<lb/>reichs betreten hatten, ja daß er ihr eingestand, er<lb/>fühle
sich mehr er selbst, er fühle sich freier und be-<lb/>lebter, wenn er
französisch reden könne. Daß dieß der<lb/>Fall sei, konnte sie gewahren,
aber wer verzichtet gern<lb/>auf den Klang der Sprache, in welcher er von
gelieb-<lb/>tem Munde die ersten Liebesworte sprechen hörte, und<lb/>wer
giebt es gern auf, sein volles Herz in die ihm<lb/>angeborene Muttersprache
zu ergießen?<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0144_143.tif" n="143"/>
<p>h<lb/>1K<lb/>h<lb/>f Es war der Gräfin, als habe sich plölich eine
un-<lb/>Fchtbare Schranke zwischen ihr unb heem Gatten auf-<lb/>Fbau, und
sAlbst das WoilgefMlle, dis Graf oseph<lb/>Fä ben Hulbigungen za haben
schieh, mik denen man<lb/>Fke junge Erau empfing, verochten ihk jene
pein-<lb/>lde Epfibung nicht zu ehmen. Degu hatte gleich<lb/>Zas este
Lusammentreffen mnt der Mäeaulse die Gräfle<lb/>gschreckt, denn dem
aufmerksämen Auge Veronlka's<lb/>car der böse und spöttische Blick nnchi
entgangen, mit<lb/>Felchemt die Marquise sie beträchtete, ünö die
ubor-<lb/>gcömmeüheit derselben hatie das Gepräge einer so stol-<lb/>Fen
uversicht in sich getregen, daß Veronika erkannte,<lb/>Felche Mact ranzisku
i ber fneien Sicherheit der<lb/>,eltgewandtheit vor ihr voraus hatte.<lb/>P
Veronikks ruhige Seelenfreihelt hatte in des Gra-<lb/>He Augen stets Güren
grsüten Rei gebildet, unb diese<lb/>Frelheit ging ihr bald verloren. Sie
wae! klcht etel,<lb/>Honbern sehr, bescheiden, und aufzufallen par ihe
keln<lb/>FGeuuß. Die gute Laune, mlt belcher sie sich vor der<lb/>fFekfrau
von Thuris ihrer Erfölge am Hrfe gerümt,<lb/>h war daher nur wie das laute
Singen gewesen, mit<lb/>fWelchem ein furchtsames Kind sich auf
unbekanntem<lb/>s ünd einsamen Wege Muth zu machen sucht. Sie hlelt<lb/>f
sich selbst geflisseutlich die Mittel vor, welche ihr zu<lb/>j Gebote
standen, aber damnit sie sich bazu entschloß,<lb/>ß ntußte ihr schon die
Befürchtung gekommen sein, daß<lb/>ki<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0145_144.tif" n="144"/>
<p>1s<lb/>fie in die Lage gerathen könne, diese Mittel zu ihre<lb/>Vertheidigung
zu gebrauchen.<lb/>g,<lb/>Leider betrog diese Ahnung ihres Herzens sie
nichtF'<lb/>Die Marquise hatte die eitle nersättlichkelt der
Herrsch<lb/>sucht. Je mehr sie erlangt hatte, um so mehr wolltHHß<lb/>sie
erlangen, und die tmstäde waren ihrem EhrgeßH<lb/>auf das Unerwartetste
entgegengekommen.<lb/>Tros aller Bitten der Königin hatte die
Herzoghnßß<lb/>sich bei dem Beginne der Adelsauswanderung
derselbenF<lb/>angeschlossen und gleichzeitig mit dem Grafen von
Arß<lb/>tois Frankreich verlassen. Die Königin, welche sichßß<lb/>auf diese
Weise ihres nächsten Umgangskreises unöß,<lb/>ihrer eigentlichen Vertrauten
und Rathgeber beraubtF<lb/>gefunden, hatte sich eine neue Umgebung bilden
müssenzß<lb/>und die Marquise, welche weniger zu verlieren und Z<lb/>mehr zu
gewinnen hatte, als ihr Verehrer, der Graf<lb/>von Artois, und ihre Cousine,
die Herzogin, hatte es-<lb/>mit kluger Berechnung vorgezegen, auf einem
Posten ß<lb/>zu bleiben, der ihr, wie immer die Verhältnisse sichh
F<lb/>auch gestalten mochten, nur Vortheile zu versprechen ßß<lb/>schien.
Triumphirte das Königthnm, so mußßte das Z<lb/>treue Ausharren der Marquise
in den Augen der Kö--J<lb/>nigin den Sieg über die Herzogin davontragen, und
J<lb/>sollte, was man damals in der Nähe der Königin ß<lb/>noch für
unmöglich hielt, die Macht des Volkes das ,<lb/>ebergewicht erlangen und das
Königspaar selbstzu F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0146_145.tif" n="145"/>
<p>rF<lb/>1<lb/>F einer zeitwweiligen Entfernung aus seinem Reiche ge-<lb/>F.
üiöthigt werden, das mit Hülfe der befreündeten Mächte<lb/>F wieder erobern
zu können, man sich gewiß glaubte, so<lb/>F konnte die Marquise selbst gegen
den Grafen von Ar-<lb/>F tois, dem zu folgen sie sich geweigert hatte, ihre
Treue<lb/>F an das Herrscherhaus als ein Zeichen ihrer
allgemeinen<lb/>Herzenstreue geltend machen.<lb/>s<lb/>:'<lb/>Marie
Antoinette hatte, so lange die Herzogin in<lb/>ihrer Nähe gewesen war, wenig
Neigung für die Mer-<lb/>auise gehabt und sie richtig und streng
beurtheilt.<lb/>Jetzt glaubte sie ein Unrecht vergüten, eine
verkannte<lb/>Treue belohnen zu müssen, und die demüthige
Beschei-<lb/>denheit, mit welcher die Marqüise die ersten Zeichen<lb/>der
königlichen Gunst und Zuneigung empfing, nahmen<lb/>die Königin, welche
Anhänglichkeit und Ergebenheit in<lb/>diesen Zeiten höher noch als früher
schäzen gelernt hatte,<lb/>zu Gunsten der Marguise ein. Ja selbst jene
Eigen-<lb/>schaften, welche ihr an Franzidka bis dahin mißfällig<lb/>gewesen
waren, ließen sich jezt mit anscheinendem Vor-<lb/>iheil verwerthen. Die
allgemeine Gefallsucht der Mar-<lb/>auise, ihr Hang zu Intriguen! brauchten
nur in der<lb/>zweckmäßigen Richtung geleitet zu werden, um hie und<lb/>da
Nuzen bringen und der Pattei, welcher fie durch<lb/>ihre Geburt und Stellung
angehörte, bielleicht Anhän- -<lb/>ger aus den Reihen der Oposition vder
doch min-<lb/>destens Nachricht von den Absichtei ünd Glänen
der-<lb/>Lewald, Kleine Romane. ?.<lb/>uo<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0147_146.tif" n="146"/>
<p>16<lb/>n<lb/><lb/>z<lb/>selben zuführen zu können. Und wann waren
absolute<lb/>Herrscher und deren Anhänger jemals schwierig hkF<lb/>ver Wahl
der Mittel, wwo es die Erreichung ihrtß<lb/>, Zwecke galt?<lb/>g<lb/>Mitten
in dem drohenden Umsturz, nahe vor demF<lb/>Abgrunde, welcher die Monarchie
zu verschlingen drohtsFs<lb/>genoß die Marquise Selbstbefriedigungen, wie
sie soö<lb/>cher nie zuvor theilhaftig geworden war, und da
ihieF<lb/>Schsnheit eine heransfordernde war, so machte jedeeF<lb/>neue
Erfolg sie glänzender und kühner. Mit einerZ<lb/>Freiheit, welche sich
zuzuerkennen die Herzogin zu stolßF<lb/>und zu sehr in ihren Vorurtheilen
befangen geweseß<lb/>war, bewegte die Marquise sich aus einem
Gesellschafts-'P<lb/>kreise in den andern. Neberall hatte sie
Verbindungen,F<lb/>fuchte sie sich geltend zu machen. Sie hatte es dem
F<lb/>Hofe als ein Zeichen ihrer Treue auszulegen gewußt,F<lb/>daß sie sich
der Auswandernng nicht angeschlossen, sieF<lb/>verstand es in der
Gesellschaft der oppositionellen Kreise, F<lb/>ihr Verweilen in Frankreich
als einen Beweis ihrer ß<lb/>Zuversicht in die Möglichkeit einer friedlichen
Aus-<lb/>gleichung der Parteien und als Zeichen der Hoffnung<lb/>auf eine
beruhigte Zukunft darzustellen, welche der ener-<lb/>gische Edelsinn des
dritten Standes und seiner Führer<lb/>über das Vaterland heraufzuführen
nicht ermangeln<lb/>könne.<lb/>Ihr Selbstgefühl war zu der Zeit, in welcher
Graf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0148_147.tif" n="147"/>
<p>vHF<lb/>c<lb/>1?<lb/>P Joseph seine Gemahlin zum ersten Male bei Hofe
vor-<lb/>F stellte, auf das Höchste gestiegen. Trunken von befrie-<lb/>F
digender Eitelkeik, wie die Marquise es wwar, hatten<lb/>s die Schönheit der
Gräfin und die, sichtliche Genug-<lb/>jHuung, welche die Anerkennung
derselben gdem Grafen<lb/>ßßereitete, dazu hingereicht, Franziska's
Abneigung gegen<lb/>Fie Gräfin in eine entschiedene Feindschaft, zu
verwan-<lb/>F öeln unb ihe die Wiedereroberung des Gräfen als
eine<lb/>FPhrensache erscheinen zu lassen. Die Gelegenheit, sich<lb/>F
beiden Gatten zu nähern, war eine der günstigsten.<lb/>(Zeronika war fremd
in Paris, fremmd in den Sitten<lb/>, nd in der Etiquette des Hofes. Eine
Frau, welche<lb/>f sich, wie Fränziska, schon lange auf dem glatten
und<lb/>f gefährlichen Boden desselben bewegt, konnte' der Gräfin<lb/>s
leicht nüzlich werden, ihr manche Dienste leisten, manche<lb/>F
Unbequemlichkeiten ersparen; auch Graf Joseph hatte<lb/>s burch seine
längere Entfernung vön dem Höfe und<lb/>F and mehr noch durch sie
gewaltsanen Ninwandlungen,<lb/>F welche sich in seier Abwesenheit vollzogen,
nicht mehr<lb/>ß die alte Kenntniß der Zustände und der Personen, die<lb/>F
ihm sonst ein sicheres Bewegen möglich gemacht, und<lb/>es war mit dem
Anschein offensten Freimuths, daß<lb/>F Franziska sich den Ankömmlingen
näherte, ihnen ihre<lb/>F Dienste anzubieten<lb/>auooo
====oo<lb/>zg-<lb/>dt<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0149_148.tif" n="148"/>
<p>11<lb/>. Kapitel.<lb/>F s<lb/>H l<lb/>A, l<lb/>Vl<lb/>Te l<lb/>A
t<lb/>F<lb/>- F<lb/>ß<lb/>Nur wenige Tage nach ihrer Vorstellung bei der
z<lb/>Königin saß die Gräfin eines Mittags in ihrem Boü- H<lb/>doir, als man
ihr die Marquise meldete, und noch ehe F<lb/>fie Zeit gehabt hatte, dem
Diener eine Antwort zü F<lb/><lb/>ertheilen, trat dieselbe bei der Gräfin
ein.<lb/>,Verzeihen Sie mir, meine theuere Gräfin! sagte J<lb/>sie, ,daß ich
so ohne alle Umstände bei Ihnen er- F<lb/>scheine. Wir, die wir unsern
Gebietern treu geblieben Z<lb/>find, haben uns eben hier, sehr wider unsern
Willen, g<lb/>wie ich Sie versichern kann, von denjenigen unserer
F<lb/>Sitten lossagen müssen, welche das sogenannte Volk<lb/>in seiner
sogenannten Gesellschaft nicht anzuerkennei<lb/>für gut befindet.=- Sie
lachte und fügte mit erkün-<lb/>steltem Nebermuthe hinzu:,Kommt und geht
man<lb/>doch jezt auch in den Zimmern der Majestäten
mit<lb/>liebenswürdiger, bürgerlicher Freiheit und Ungezwun-<lb/>genheit.
Also Vergebung, liebe Gräfin, und sehen Sie<lb/>einen Beweis der
Freundschaft darin, daß ich Ihnen<lb/>heute gleich ganz neidlos mein
neuestes Promenaden-<lb/>costüme vorzuführen komme.!<lb/>Sie bot Veronika
dabei die Hand und warf sich<lb/>dann nachlässig in eine der Bergeren, so
daß ihre<lb/>hübschen Füße mit den hohen Hackenschuhen sichtbar<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0150_149.tif" n="149"/>
<p>r<lb/>1<lb/>h<lb/>F wurden, die unter dem engen Neberrock, welcher nach<lb/>,
der neuesten Mode einen männlichen Zifchnitt hatte<lb/>j! und den
Pelerinen-Röcken der englischen Stuzer nach-<lb/>j' gebildet war,
hervorguckten. Der kleine Hut mit der<lb/>j, stehenden und von einem Bouquet
gehaltenen Feder<lb/>j, saß ihr dabei leicht auf einer Seite des Kopfes,
und<lb/>j sie spielte, während sie sprach, mit dem hohen Spazier-<lb/>j
stock, den auch die Damen zu tragen begonnen hatten,<lb/>I, seit sie sich
häufiger als bisher auf ben öfentlichen<lb/>F dromenoden zu zeigen
liebten.<lb/>! Die Gräfin, welche auf ihren Landsizen in Grau-<lb/>ß bünden
nicht Gelegenheit gehabt hatte, das allmäliche<lb/>Z Etstehen dieser Mode zu
beobachten, fand sie in ihrer<lb/>Z ganzen Znsammenhangslosigkeit sehr
abgeschmackt, und<lb/>F sie mißfiel ihr doppelt durch die herausfordernde
unr<lb/>z ar:<lb/>s es mußte, für ihren Besuch, aber Franziskä
bemörkte<lb/>f es, daß sie der Gräfin nicht gefiel, uns mit aller der<lb/>F
Keckheit, welche bei ihr das Zeichen mmangelnden Ehr-<lb/>s gefühls und
eines öden Herzens wwar, richtete sie sich<lb/>! ein wenig aus ihrrer
halbliegenden Srellung auf,<lb/>F faßte ihren Spazierstock in beide Hände,
stellte ihn<lb/>Z vor sich hin, und den Kopf daran lehhnend, sah sie<lb/>!
plözlich gedankenwoll vor sich nieher, s, daß die Grä-<lb/>F fin, an das
gleichmäßige Betragen wükdiger Krauen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0151_150.tif" n="150"/>
<p>15<lb/>gewöhnt, sich i die Weise ber Marguise kaum zf<lb/>g<lb/>finden
wußte.<lb/>Als diese ihr Haupt dann erhob und ihre AugeEP<lb/>auf die Gräfin
richtete, dünkte es dieselbe, als habe ß<lb/>sie nicht mehr jene glänzende
Erscheinung vor siäh ß<lb/>welche eben so geräuschvoll und zuversichtlich
bei ck<lb/>eingetreten war. Franziska's Stirn hatte sich vesF<lb/>düstert,
ihr Auge bewölkt, chre Miene drückte Traue? F<lb/>aus, und sich von ihrem
Plaze erhebend, machte stk<lb/><lb/>Anstalt sich zu entfernen.<lb/>De Gräfin
fühlte ein inneres entschiedenes Ab- F<lb/>mahnen gegen die Marguise, aber
fie war in diesei F<lb/>Augenblick ihr Gaft, und die Befürchtung, fie
verlezt 1<lb/>zu haben, gab Veroinlka die Frage ein, was Iene zu<lb/>so
eiliger Entfernung bewege. ,Sie hätten nlct j<lb/>kommen sollen, Fran
Marquise, sagte sie verbindlich, F<lb/>,wenn Sie genöthigt waren, mich
augenblicklich wie- F<lb/>der Ihre Gesellschaft entbehren zu lassen.!<lb/>Es
war das eine Redeform, Franziska aber griff F<lb/>dieselbe auf. IFreilich,
ich hätte nicht kommen sollen!'' F<lb/>wiederholte ste; ,aber wollen Sie es
mir verargen, j<lb/>Frau Gräfin, wenn ich bes Glaubens lebte, daß die
j<lb/>Gattin des Grafen Joseph von Rottenbuel, die Er- F<lb/>wählte des
großmüthigsten Mannes, den ich je gekannt, F<lb/>ihm ähnlich sein müsse in
der Tugend vertrauensvoller<lb/>Herzensgröße?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0152_151.tif" n="151"/>
<p>z<lb/>s<lb/>D<lb/>e Eine tiefe Röthe überzog der Gräfin Antliz, und<lb/>E,
gelassen, wenn schon im Tone der Abwehr, entgegnete<lb/>sie: ,Zürnen Sie mir
nicht, wein ich diesem Anruf<lb/>ki nicht so würdig, als ich sollte, zu
begegnen vermag.<lb/>F Ich war-- sie zögerte auszusprechen, was sie
dachte,<lb/>ss, änd während sie nöch mit sich zu Rathe. ging, öb sie<lb/>s
besser thue, ihr wahres Empfindeit zutück zu
halten<lb/>ß<lb/>d<lb/>y<lb/>s<lb/>E<lb/>?<lb/>f<lb/>t<lb/>oder es kund zu
geben, trat der Graf herein. -<lb/>l<lb/>z<lb/><lb/>Zum ersten Male, seit
Verönika ihn kannte; war<lb/>seine Ankunft ihr unerwünscht. Nicht baß sie
Miß-<lb/>trauen oder gar Eifersucht gegen ihren Gatten in sich<lb/>getragen
hätte, es verdroß sie mur, der Marauise<lb/>durch ihre zurückhaltende
Unentschlossenheit einen Vor-<lb/>theil über sich eingeräumt zu haben, den
Franzidka<lb/>mit begieriger Schnelligkeit für sich zu benuzen
eilte.<lb/>Willkommen, Graf! rief sie ihm entgegen,
,und<lb/>t<lb/>sl<lb/>:<lb/>dreimal willkommen, obschon es eigentlich dem
Gaste<lb/>nicht zusteht, den Herrn des Hauses in solcher Weise<lb/>zu
begrüßen. Aber Sie find mir, in diefen Mvmente<lb/>mehr als Sie selbst, Sie
sind mir ein Zeichen des<lb/>Himmels, denn nun bleibe ich hier!?- Sie
legte<lb/>Ihren Stock fort, zog ihre Handschuhe ab und sezte<lb/>sich noch
einmal auf ihren frühern ßlaz nieder, als<lb/>habe fie vor, es sich für eine
längere Zeit beuem zu<lb/>machen. Sie beachtete dabei kaum die
verbindliche<lb/>Begrüßung des Grafen oder das Erstaunen seiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0153_152.tif" n="152"/>
<p>K<lb/><lb/><lb/>Rrau. Sie schien nur mit sich selbst beschäftigt, von
Z<lb/>einer Gedankenreihe hingenommen, für deren Mitthei- F<lb/>lung sie die
rechte Form noch nicht gefunden hatte, Z<lb/>denn sie begann zu sprechen,
hielt nach den ersten Z<lb/>Worten inne, hub dann noch einmal an, verstummte
Z<lb/>wieder nnd sagte darauf schnell und lebhaft, als müsse 'F<lb/>sie sich
Gewalt anthun, um nicht abermals von ihrem<lb/>Unternehmen zurück zu
schrecken:,Als ich vorhin zu<lb/>Ihnen kam, theuere Gräfin, geschah es mit
einer ganz<lb/>bestimmten Absicht, die auszuführen Ihr Empfang<lb/>mich
hinderte; und ich war eben daran, meinen Vor-<lb/>satz aufzugeben, als ich
mit jenem Aberglauben, um<lb/>dessenwillen Sie, Graf Joseph, mich so oft
verspottet<lb/>haben, den Himmel anflehte, mir ein Zeichen zu geben,<lb/>das
mich belehrte, wofür ich mich entscheiden solle;<lb/>ob ich gehen und dies
Haus für immer meiden, ob<lb/>ich bleiben und versuchen müsse, auf den
Trümmern<lb/>einer unheilvollen Vergangenheit einen Neubau und<lb/>in ihm
vielleicht eine Zuflucht für uns Alle aufzu-<lb/>richten.!<lb/>Sie hatte das
mit großer Wärme gesprochen,<lb/>schöpfte Athem und fügte dann mit einer
freudigen<lb/>Bewegung hinzu: ,Sie traten ein, Graf Joseph,<lb/>nun wußte
ich, was mir zu thun oblag!! und ihre<lb/>Hände dem Grafen und seiner Gattin
reichend, rief<lb/>fie:,Ich bleibe, ja, jezt bleibe
ich!r<lb/>d<lb/>1<lb/>d<lb/>i<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0154_153.tif" n="153"/>
<p>-?<lb/><lb/>T Wer an ein natürliches und einfaches Handeln ge-<lb/>F wöhnt
ist, kommt selten in die kage, große Erklärun-<lb/>Z gen zu machen,
besondere Auftritte herbei zu führen,<lb/>g uüd hat deshalb eine Abneigung
gegen die billigen<lb/>s Gefühlserregungen, mit denen unwahre und
herzlose<lb/>z( Menschen sich ebenso vor deni eigenen Bewußtsein<lb/>F als
vor ihrer Umgebung aufzuschminken lieben. Es<lb/>war daher nur eine
nothwendige Folge ihrer Natur,<lb/>ä daß Veronika sich von. der Marquise an
jenem Mittage<lb/>ß noch mehr als früher zurückgestoßen fühlte, und
ihre<lb/>P Mißempfindung wurde durch die Bemerkung nicht ver-<lb/>F ringert,
daß der Graf in dem Betragen von Fran-<lb/>z ziöka nicht eben etwas
Unangemessenes oder Anffallen-<lb/>F des zu finden schien. Er versicherte
ihr mit herkömm-<lb/>d<lb/>==ss<lb/>17K<lb/>licher Galanterie, daß er es ihr
nicht verziehen haben<lb/>würde, hätte sie ihn nicht erwarten wollen, aber
sie<lb/>wehrte diese Zuvorkommenheit entschieden von sich ab<lb/>und
sagte:,KKeine Unwahrheit meht; mein theurer<lb/>Freund, wo mir gar nichts
obliegt, als der Gräfin<lb/>die Neberzeugung zu geben, daß Niemand Ihr
Glück,<lb/>mein Freund, mit größerer Genugthuung zu würdigen<lb/>weiß, als
eben ich, welche es einst so leichtsinnig ver-<lb/>schmähte, die glückliche
Urheberin dieses Glückes zu<lb/>werden!! - Und die Hand der Gräfin nochmals
in<lb/>die ihre schließend, sagte sie saift und ernst:; WVer-<lb/>trauen Sie
mir, meine theuere Gräfin, glauben Sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0155_154.tif" n="154"/>
<p>154<lb/><lb/>mir, daß Sie für Ihren Frieden, für die Liebe Ahess<lb/>Gatten
nichts zu fürchten haben. Das Leben Lai<lb/>mich über meine Irrthümer
furchtbar genuug aufge!<lb/>klärt!r'<lb/>»<lb/>Beronika war blaß geworden,
des Grafen ganß<lb/>Haltung veränderte sich, auf seiner Stirne
brauniej<lb/>das Roth des Zornes. ,Es giebt Voraussezungeßp (<lb/>Frau
Marauise, sagte er mit eisiger Kälte, ,welche F<lb/>man nicht machen darf,
ohne demjenigen eine Belel? F<lb/>digung zuzufügen, aut den sie sich
beziehen. Als icZ<lb/>es wagte, der Gräfin meine Hand und meinen Namäi
F<lb/>anzutragen, wwußte ich, daß sie von meinen Erinneruw? F<lb/>gen an die
Vergangenheit für ihren Frieden nichts zu Z<lb/>besorgen hätte; und was
einst -?<lb/>,Hören Sie mich, Joseph! eief die Marguise, die F<lb/>troz
ihrer Schminke ihre leidenschaftliche Empörung<lb/>über diese Zurückweisung
kaum verbergen konnte.<lb/>,Hören Sie mich, Joseph! Wir leben in
Paris,<lb/>nicht in den Wäldern Ihrer Heimath, und es gilt hier<lb/>mehr als
die Befriedigung einer Gemüthsaufwallung.<lb/>Wir stehen auf einem Punkte,
auf dem wir weithin<lb/>fichtbar find. Der kühle Empfang, den die
Gräfin<lb/>mir neulich in den Gemächern der Königin bereitet,<lb/>als ich
ihr so arglos und frendig enkgegenkam, ist auf-<lb/>gefallen. Man hat ihn
besprochen, beurtheilt, man<lb/>hat darüber gelächelt. Sollen wir
=-?<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0156_155.tif" n="155"/>
<p>l1<lb/>15<lb/>j? .a Nauisetr et »= Geef ge l bo Rev-,<lb/>g P.as geht zu
weittr'<lb/>z, Aber Franziska beachtete das nicht. ,Sollei wir<lb/>j -<lb/>s
sdas Gespött des Hofez werden, fuhr sfee fort, ,lollen<lb/>s (woir den Aluch
des Lcherlichein aEf uns laden, bo es<lb/>P fhe unsere Hand gegeben ist;
unsge Vetgangenheit z<lb/>F jrechtfertigen, indem wir uns die Anerkemnung
unserer<lb/>j s Kieundschaft für alte Zukunft zu erwerben suchenr<lb/>ßs
-,Schouen Sie mich, Fraü Marquise!? ekef Veeo-<lb/>s, nikä, ,oder erlauben
Sie mnir, daß ich mich entferne.r?<lb/>l - ,Nein, Veronika, Du ileibst!r
befahl der Graf.<lb/>( ,Was die!Frau Marquise und ich noch mit
einander<lb/>Z gemmeinfann haben, das gehört auch Dir, nein theueres<lb/>l
Weib! das sollst und mußt Du hörent!<lb/>f! ,Gewiß, gewiß! stimmte Franziska
ihm bei, und<lb/>P fchnell sprechenb, als wollte sie die Gebüßd ihner
Hörer<lb/>s! nicht ermüden, sagte sie: ,Ich weiß, daß Grf o-<lb/>j seph
nicht. der Mann ist, ein Geheimnüiß vor' der Frau<lb/>,l zu haben, die
seinen Namen trägt, der er seine Ehte<lb/>F, anvertraut hat. Eben darum aber
mtöchte ich nicht<lb/>F - es ist die einzige Vergütung, die ich Ihnen,
mein<lb/>F theurer Freund, für all den Kumnmer ünd die Leiden<lb/>z bieten
kann; welche meine Verblendung und meine<lb/>F Irrthümeb über Sie
verhängten- ebewidärum möchte<lb/>, ich nicht, daß ein unbegründetes
Mißttanen der Grä<lb/>fin die Welt berechtigte, uns nöch jezt für
schnldig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0157_156.tif" n="156"/>
<p><lb/>15s<lb/>l<lb/>zu halten! Ich kam, um Sie zu bitten, Gräfin,
veeF<lb/>trauen Sie mir, erkennen Sie die Freundschaft änZ<lb/>die ich noch
heute über Mlles Vergangene und Veö-<lb/>gessene hinaus für Graf Joseph in
meinem Herzet's<lb/>fühle, und die ich Ihnen biete. Ihr Leben war
ein-F<lb/>fach, Sie waren immer glücklich, Gräfin! Es stF<lb/>Großmuth, die
ich von Ihnen fordere=-<lb/>Veronika, die vor Zorn und Kränkung
Thränet<lb/>vergoß, schüttelte verneinend das Haupt, der Graf,<lb/>hatte sie
in den Arm genommen. ,Weine nicht, Ve-ß<lb/>ronika!'' bat er, ,die Märguise
kennt die Liebe, kennt F<lb/>das Vertrauen nicht, die uns verbinden; weine
nichtlr<lb/>Aber als hätte es nur des einen Wortes bedurft, P<lb/>um die
ganze Stimmung Franziska's umzuwandeln, F<lb/>so heftig fuhr sie empor ,O!
rief sie, indem sie F<lb/>beide Hände vor das Gesicht schlug, o! also auch
das P<lb/>Lezte mußtest Du mir rauben !'- Sie legte das<lb/>Haupt auf den
kleinen Tisch, der an ihrer Seite stand,<lb/>und fing leidenschaftlich zu
weinen an.<lb/>Der Vorgang war für beide Gatten ein äußerst<lb/>peinlicher,
der Graf besonders befand sich in einer<lb/>sehr widerwärtigen Lage. Er
wünschte Veronika zu<lb/>beruhigen, und Franziska schien Trost von ihm
zu<lb/>erwarten. Wie gern er seine Gattin auch vor dieser<lb/>Scene behütet
hätte, fühlte er doch, daß er sie nicht<lb/>entfernen dürfe, ohne ihr
Veranlassung zu einem<lb/>d<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0158_157.tif" n="157"/>
<p>e<lb/>e<lb/>1srr<lb/>zZweifel an seiner Wahrhaftigkeit und Ursache
zum<lb/>tMißtranen zu geben<lb/>F Er trat zu' der Marquise hin und sprach
ihr ernst-<lb/>haft zu. Er hielt ihr ruhig vot, daß er ihr Ales<lb/>F
verziehen habe, wwas er um sie gelitten, daß er sich in<lb/>F Frieden mit
sich selbst und in einer glücklichen Ehe<lb/>F befinde, die er nicht ftören,
nicht äntastei lassen werde.<lb/>FFr sagte, daß er gehofft hätte, auch sie
verändert und<lb/>F beruhigt zu finden, daß die Zeit nicht dänach
gemacht<lb/>s sei, sich in eigensüchtigen Herzenserregungen zu ver-<lb/>l
zehren, sondern daß man die Aufgabe habe, sich zu<lb/>f, sammeln, um alle
Kraft und Fähigkeit dem Dienste<lb/>s des unglücklichen Herrscherpaares zu
widmen, das in<lb/>j, seinen Rechten auch die Rechte und Vorrechte
des<lb/>Adels und der Befizenden vertrete.<lb/>Die einfache Würde, mit
welcher er zu ihr redete,<lb/>schien auf die Marquise Eindruck zu fnachen.
Sie<lb/>hörte allnählich zu weinen äuf, lieh ihi Ohr schwei-<lb/>gend seinen
Worten, und nachdem' ihre Züge mehr<lb/>und mehr den Anstrich ernster
Sanmlung angenom-<lb/>F, men hatten, erhob sie sich zögernd von ihrem
Size.<lb/>gh Sie hatte das Ansehen eines Menschen, der, von schwe-<lb/>t rem
innerem Kampfe ermattet, nur mühsam Herrschaft<lb/>gF über sich gewinnt. Es
dünkte den Gtafen, öbschvn<lb/>z; er in diesem Augenblick gar nicht in der
Verfassung<lb/>wnar, auf die Schsnheit der Marguise'zu achten, als<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0159_158.tif" n="158"/>
<p>158<lb/>habe er sie nie anmuthiger, nie einnehmendir geseseSß<lb/>als eben
jezt, da ihr. Feuer gedämpft, ihre Kraft g;<lb/>brochen, ihre
Selbstgewißheit vernichtet zu sein schletß<lb/>Langsam, mit erschspfter
Miene, näherte sle si<lb/>der Gräfin. ,Verzeihung, Gräfin!r sagte sie
atk<lb/>,Es ist ein Arrthum meines Verstandes, kein nebes<lb/>wvllen meines
Herzens, für das ich hier ihre Vetgesß<lb/>bung fordern mnnß. Ich vergaß,
daß es ein tnreclst<lb/>giebt, welches uns alle Aussicht auf seine Sühne,
lles<lb/>Aussicht raubt, es zu vergüten oder es durch Anderess<lb/>vergütet
zu, sehen. Sie haben nicht die Pflicht, groß<lb/>müthig gegen mich zu sein!
Die Liebe des Grafeü F<lb/>ist Ihr wohlverdientes Eigenthum, was kümmert
Sie's<lb/>die Unglückliche, welche dies kostbare Gut einst vsü ß<lb/>sich
stieß, welche Jahre lang die treuste Hingebung, F<lb/>das liebevollste
Vertrauen zu täuschen vermochte, welche F<lb/>Jahre lang ihr frevles Spiel
mit einem Herzen triel F<lb/>das ihr gehörte, ihr allein!r<lb/>,Frau
Marquise, schonen Sie mich!' bat Veronikk F<lb/>mit flehender Stimme, und
auch der Graf versuchte, !<lb/>den Bekemntnissen Franziska's Einhalt zu
thun, aber h<lb/>die Wirkung, welche sie auf ihn hervorbrachten, war
(<lb/>doch eine andere, als diejenige, welche sie auf die h<lb/>Gräfin
machten. Auch brach die Marquise plözlich, Z<lb/>auf des Grafen Mahnung,
ihre begonnenen Geständ-<lb/>nisse ab. Das melancholische Lächeln schwand
aus !<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0160_159.tif" n="159"/>
<p>P<lb/>vFH<lb/>V<lb/>159<lb/>LGeen Mienen, ihr Antiiz hellte sich auf, man
sah, dos<lb/>Fsie sich Gewalt anthat. Sie schaute mit einem Blicke<lb/>Fin
dem Gemach umher, als wolle sie sich seine Ein-<lb/>zelheiten einprägen,
reichte dann dem Gräfen die Hand<lb/>Fund sagte: ,eben Sie wohl mein Freid!
ich habe<lb/>eJiezt die Stätte des Glückes und des Frisdens gesehen,<lb/>Fdn
der Sie Trost gefunden für die Seien, welche ich<lb/>Fübee Sie verhängt Ich
weiß jezt, dcß ich diese<lb/>FStätte nicht wieder betreten, daß ich Sie
selbst, mein<lb/>(Freund, niemals anders als in den kalten Eirkeln
der<lb/>hGefellschakt wiedersehen datf, dn es mrir nicht gelingt.<lb/>Fber
Gräfin das nöthige Vertrauen zu mir und zu<lb/>F8hnen einzuflößen, da die
Gräfin mir ihre und ihres<lb/>-Getten Freundschnft, die ich mir zu vetdienen
wünschte,<lb/>s nicht vergömnt.<lb/>s Sie verneigte sich mit erzwungener
Zurückhaltung<lb/>Pund ging hinaus. Der Graf gab ihr ebenso schwei-<lb/>Hs,
aend und zurückhaltend vas Gebeit, um bor der Die-<lb/>e' nerschaft kein
Aufsehen zu erregen.- Veronika äber<lb/>H warf sich mit einem nnterdrückten
Auffchrei in den<lb/>S Sesset nieber.<lb/>T ,D, ich hasse sie!'' eief sie
bitter und schmerzlich.<lb/>g<lb/>gz -I hasse sie, die ihn um seine Jugend
hetrogen hat!<lb/>F- Und sie wird mein Glück zerstören und dad
seine!?<lb/><lb/>==<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0161_160.tif" n="160"/>
<p>1O<lb/>1 Kapitel<lb/><lb/>T<lb/><lb/>Die Marguise war nie besser mit sich
zufrieE<lb/>gewesen, als in dem Augenblicke, in welchem sie däh,<lb/>Hotel
des Grafen von Rottenbuel verließ. Sie haik,<lb/>wie Sie es selbstgefällig
nannte, mit sicherer HandF<lb/>ein gefährliches Erperiment gewagt, und sie
war üiö<lb/>zeugt, daß es ihr gelungen sei Heiter, wie ber
schöc<lb/>Sommertag, wiegte sie sich in den Polstern hris<lb/>kleinen
offenen Wagens, dessen Pferde sie selber führke<lb/>denn sie hatte alle jene
Moden des Tages angenows<lb/>men, die ihren Neigungen begegneten und ihr
dA<lb/>Anschein geben konnten, zu den Bekennern und Anj<lb/>hängern der
neuen Geistesrichtung und der neuen Zeit<lb/>zu gehören.<lb/>Die klare Luft,
der Sonnenschein, die rasche Be- ß<lb/>wegung machten ihr Vergnügen. Die
muthigen Apfes- ß<lb/>schimmel zu regieren, mit spielender und doch fester
f<lb/>Hand die Sügel zu führen, mit scharfem Blick schon F<lb/>in der Ferne
die Hindernisse zu erspähen, welche sie F<lb/>vermeiden mußte, mit kluger
Schnelligkeit dem Uner- F<lb/>warteten auszubeugen, das war recht eine
Beschäfti-<lb/>gung, wie sie sich für Franziska eignete. Wer sie an
F<lb/>jenem Morgen in ihrem Phaeton die Alleen des Bou- F<lb/>logner Holzes
durchfliegen sah, mußte fie bewundern. P<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0162_161.tif" n="161"/>
<p>lF<lb/>s<lb/>18l<lb/>F Se war auf das Angenehmste erregt. Bald hielt
sle<lb/>H, ihren Wagen an, um einem vorübergehenden Bekann-<lb/>F<lb/>F ken
ein Wort des Grußes zu sagen, bald sprach sie<lb/>Z mit irgend einem Reiter,
der Muße hatte, sein Pferd<lb/>F neben ihrem Wagen anzuhalten, und als ob hr
dies<lb/>j Alles nicht genüge, stieg sie endlich, als sie Ulrich von<lb/>Z
Thuris in einer der Alleen bemerkte, aus dem Wagen,<lb/>gab ihrem Kutscher
die Zügel und ging, von
ihrem<lb/>z<lb/>d<lb/>s<lb/>t.<lb/>l<lb/>1<lb/>s<lb/>ä<lb/>s<lb/>Diener
gefolgt, dem jungen Manne entgegen, seine<lb/>Begleitung für einen
Spaziergang zu begehren.<lb/>Das fiel dem Freiherrn auf. Er gehörte nicht
zu<lb/>dem engen Kreise der Hofgesellschaft, und wenn er in<lb/>jenen
Zeiten, in welchen der Hof noch Feste veran-<lb/>staltete, einmal zu einem
solchen geladen worden war,<lb/>so hatte die Marquise ihn wohl um Nachricht
von<lb/>feinem Onkel gefragt, ihn aber sonst iur wenig be-<lb/>achtet.
Ulrich war damit auch ganz zufkieden gewesen,<lb/>denn er dachte von
Franziska, wie sie es verdiente.<lb/>Zufällig, anwillkürlich, darauf kannte
er sie gengsam,<lb/>war in ihxem Verhalten Nichts, und sie ließ ihm
denn<lb/>an jenem Morgen auch nicht lange Zeit, darüber nach-<lb/>zufinnen,
welcher Ursache er das Zeichen ihrer Günst<lb/>verdanke ünd was sie bewogen
habe, seine Geseslschaft<lb/>zu verlangen.<lb/>Mit derselben Berechnuiig,
mit welcher sie bor<lb/>dem Grafen und vor Veronika von ihrer Liebe
und<lb/>V<lb/>; Lewald, Kleine Romae. ?.<lb/>e<lb/>u<lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0163_162.tif" n="162"/>
<p>1s<lb/>T<lb/>A<lb/>D<lb/>von ihrem Zusammenhange mit dem Ersteren
gesproeP<lb/>chen, bekannte sie Ulrich, daß sie ihn eben jetzt
nuung<lb/>aufsuche, um sich durch Mittheilung von einem Er-F<lb/>eigniß, von
einem Vorgange zu erholen, der sie auf<lb/>das Tiefste ergriffen und
erschüttert habe. Sie er-ß<lb/>.<lb/>zählte ihm Alles, was in dem Cabinet
Veronika's ges'F<lb/>schehen war, und sie erzählte es im Ganzen wahrheitae
F<lb/>treu; aber sie wußte die Farbe und den Ton so un- ß<lb/>merklich und
doch so geschickt zu wandeln, daß ein F<lb/>Mann, welcher weniger als Ulrich
gegen die Marquise ß<lb/>eingenommen und weniger von dem Seelenadel
Ve-<lb/>s<lb/>ronika's überzeugt gewesen wäre, sich leicht hätte
ver-<lb/>sucht fühlen können, derselben jenen Mangul an Groß-<lb/>muth
vorzuwerfen, dessen die Marquise sie beschuldigte.<lb/>Franziska wußte, daß
Selbstanklage dem gerechte-<lb/>sten Mißtrauen und dem schwersten Vorwurf
gar leicht<lb/>die Spize abbricht. Sie hatte also gar kein Hehl,<lb/>daß sie
aus Selbstsucht ein Unrecht begangen, daß sie<lb/>mehr als ihr zugestanden,
an sich und an ihre Be-<lb/>friedigung gedacht und darüber die Herzens -
und<lb/>Weltunerfahrenheit Veronika's nicht berücksichtigt, daß<lb/>sie
vergessen habe, wie die junge, in Einsankeit erzo-<lb/>gene Frau noch in den
romanhaften Vorstellungen<lb/>von einer einzigen und unheilbaren Liebe
beharren<lb/>möge. Bald sprach sie ernst und nachdrücklich, bald<lb/>zeg sie
die Sache in den Bereich des Scherzes
hin-<lb/>!<lb/><lb/>?<lb/>k<lb/><lb/>B<lb/>-P<lb/>F<lb/><lb/>F<lb/>is<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0164_163.tif" n="163"/>
<p>z<lb/><lb/>»s<lb/>h?<lb/>188<lb/>P<lb/>Fg. über. Wie fein und gewandt sie
aber auch zu Werke<lb/>ßts ging, um Ulrich zu gewinnen und ihn gegen
die<lb/>Fs Gräfin einzunehmen, ihre Berechnung scheiterte an der<lb/>F
»rusten Gradheit des jungen Edelmannes und an<lb/>Fe<lb/>zg- seiner
vertrauensvollen Liebe für die junge Gräfin<lb/>zF Mit der scharsen
Voraussicht eines Herzens, das sich<lb/>z<lb/>,;. z besiegen und zu
verleugnen, und eben darum un-<lb/>P? beirrt in fremden Seelen lesen gelernt
hat, ahnte<lb/>Iz<lb/>n Ülrich, welch' ein Weh Franziska's Arglist der
Gräfin.<lb/>F?<lb/>g aefügt habe. Er konnte daher den Augenblick
nlcht<lb/>-. erwarten, in welchem er die Marquise zu ihrem Wa-<lb/>z<lb/>g!
en zurückgeleiten und sich zu Veronika verfügen durfte,<lb/>!; und er fand
die Zerstörung, welche in dem Leben der-<lb/>F selben angerichtet worden
war, denn auch noch schlim-<lb/>F mer, als er sie erwartet hatte.<lb/>Die
Gräfin sprach ihm nicht von dem Besuche der<lb/>d<lb/>F Marquise, sie
empfing ihn schwesterlich und gütig wie<lb/>zz sonst, aber ihr ganzer
Ausdruck, ihre Züge, ihre<lb/>F Stimme, ihre Haltung waren verändert. Sie
war<lb/>Hs matt, als hätte sie eben eine schwere Krankheit über-<lb/>F
standen, unsicher, als sei sie nicht in ihrem Hause,<lb/>F! und das Lächeln,
das sie ihren Lippen abnöthigte, um<lb/>A!<lb/>e ihren Zustand zu verbergen,
war traurig, wie der<lb/>F! matte flüchtige Schimmer des Sonnenstrahles, der
die<lb/>Fs graue Trübe eines Wintertages nicht zu durchbrechen<lb/>! und
nicht zu erwärmen
vermag.<lb/>,<lb/>h!<lb/>A!<lb/>P!<lb/>z<lb/>-H<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0165_164.tif" n="164"/>
<p>s<lb/>=<lb/>1?<lb/>Veronika war nicht allein, der Graf war bei ihr.<lb/>0s
kamen und gingen Besuche, man unterhielt sich in<lb/>gewohnter Weise, aber
Ulrich sah und hörte bei jedem<lb/>Worte, welches sein Onkel und dessen
Gattin äußerten,<lb/>daß sie anderweit beschäftigt waren, daß außer
der<lb/>allgemeinen Gefahr ein noch näheres Unheil über ihnen<lb/>schwebte,
daß Veronika dieses erkannte, es zu vermeiden<lb/>wünschte, und daß doch
bereits jene rechte Gemein-<lb/>samkeit zwischen den Eheleuten gestört war,
welche es<lb/>ihnen leicht gemacht haben würde, sich dem
drohenden<lb/>Verhängniß zu entziehen.<lb/>Es geschieht oftmals, daß
Personen von den ver-<lb/>schiedensten Charakteren, von den abweichendsten
Mei-<lb/>nungen und Ansichten in so einfache Verhältnisse ver-<lb/>sezt
werden, daß sie troz ihrer völligen Ungleichheit<lb/>das Gleiche denken nnd
empfinden müssen. Das macht<lb/>es ihnen dann möglich, sich
zusammenzufinden, sie<lb/>fassen Neigung füür einander, gewöhnen sich
dasjenige,<lb/>was ihnen an dem Andern fremd erscheint, als
seine<lb/>Eigenheit zu ehren, als eine schöne Besonderheit zu<lb/>schäzen,
und sie gelangen also leicht zu einer gegen-<lb/>seitigen Liebe, in der sie
ihr Eigenstes aufgeben möch-<lb/>ten, um sich das Fremde völlig anzueignen.
Indeß<lb/>solche Verbindungen find mit ihrer Daier nur zu<lb/>häufig auch an
den Ort ihres Entstehens und an die<lb/>Bedingnisse geknüpft, unter welchen
sie
geschlossen<lb/>V<lb/>s<lb/><lb/>=,<lb/>T<lb/>s.<lb/>ß<lb/>eK<lb/>g<lb/>n<lb/>i<lb/><lb/><lb/>B<lb/>k<lb/>l<lb/>ä<lb/>L<lb/>s<lb/>s<lb/>T<lb/>V<lb/><lb/><lb/>V<lb/><lb/>T<lb/>d<lb/>A<lb/>z<lb/>K<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0166_165.tif" n="165"/>
<p>ö<lb/>bV<lb/>?<lb/>1K<lb/>Fs<lb/>-- worden sind, und die Ehe des Grafen
Joseph hatte<lb/>F u. lee Neihe gehsr:<lb/>s;<lb/>Er war bestimmbar und
selbstwillig, hingebend und<lb/><lb/>g?<lb/>I herrschsüchtig, rasch
empfänglich und ausdauernd, ie<lb/>F, nach der Seite seines Wesens, welche
von den Ver-<lb/>P hältnissen berührt ward. Seine Seele hatte Adel,
er<lb/>A<lb/>F! bewunderte das Schöne und Gute, aber seine Empfind-<lb/>F?
samkeit wie seine Empfindlichkeit schreckten vor jeder<lb/>- strengen
Anforderung zurück und gaben sich willig der<lb/>Einwirkung hin, die ihnen
schmeichelte. Er schäzte<lb/>F daher die Wahrheit, wenn sie ihm wohlthat,
und suchte<lb/>- sich über dieselbe zu täuschen, sofern sie ihn
unange-<lb/>- - nehm berührte. Da er in sich selber die Gegensätze<lb/>-
stets zu vermitteln bemüht war, so oft er in einen<lb/>! innern Widerspruch
gerieth, so strebte er auch im<lb/>Leben auszugleichen, was sich irgend dazu
anließ, und<lb/>Hinhalten, Abwarten und Hoffen waren ihm stets
na-<lb/>türlicher gewesen, als rasches Vorwärtsdringen zu einer<lb/>?<lb/>Z
gewaltsamen Entscheidung.<lb/>In der Zurückgezogenheit, in welcher er die
ersten<lb/>F Jahre seiner Ehe auf Schloß Rottenbuel zugebracht,<lb/>! hatte
er nicht Gelegenheit gehabt, es zu bemerken, wie<lb/>H sollkommen der
Charakter seiner Gattin dem seinigen<lb/>P! entgegengesezt war. Ihr ruhiges
Walten hatte von<lb/>A!<lb/>ihrem täglichen Leben jede Störung entfernt,
ihre<lb/>z<lb/>P! Liebe für ihn jeder seiner Neigungen unbedenklich
nach-<lb/>z!<lb/>z<lb/>fS<lb/>»<lb/>A<lb/>=f<lb/><lb/>g<lb/>I ?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0167_166.tif" n="166"/>
<p>16e<lb/>gegeben, und ihr Vertrauen hatte sich lange über die<lb/>Quelle der
Melancholie getäuscht, die sich seiner all-<lb/>mählich bemächtigt. Im
Nebrigen wußte die Gesell-<lb/>schaft des Bündner Adels sich unter einander
zu scho-<lb/>nen und zu respectiren, und Graf Joseph, der an und<lb/>für
sich reich, nach seiner Heirath mit der ebenfalls<lb/>sehr begüterten
Erbtochter von Gunta zu einem der<lb/>reichsten Besizer des Landes geworden
war, hatte in-<lb/>nerhalb der Bündner Oligarchie, deren
natürliches<lb/>Interesse die Aufrechterhaltng des Einzelnen
forderte,<lb/>bei seiner Heimkehr in die Schweiz eine Aufnahme<lb/>und einen
Einfluß gefunden, die seiner Lust an per-<lb/>sönlicher Geltung wohl
entsprochen haben würden, wäre<lb/>er nicht mit seinen Erinnerungen an Paris
gefesselt<lb/>und an Aufregungen gewöhnt gewesen, welche er in<lb/>dem
Frieden seiner Heimath und seiner Ehe, ohne daß<lb/>er sich davon
Rechenschaft gab, sehr bald vermißt<lb/>hatte.<lb/>Der Graf gehörte zu der
großen Anzahl der Men-<lb/>schen, deren Aeußeres bedeutender ist als ihr
Charakter<lb/>und die deshalb unwillkürlich täuschen. Daß ein<lb/>Mann von
solch stolzer und mächtiger Gestalt, von<lb/>E
l<lb/>,l<lb/>i<lb/>s<lb/>i<lb/>jg
P<lb/>.kV<lb/>n.<lb/>ü<lb/>d<lb/>A<lb/>Et<lb/>hl<lb/><lb/><lb/>g<lb/>H<lb/>-J<lb/>Fe;<lb/>ß<lb/>A<lb/>so
gebietendem Ansehen jene Eitelkeit besize, die sich<lb/>durch fremde
Anerkennung Genugthuung verschaffen s<lb/>muß, daß er es bedurfte, sich in
der Gnade eines<lb/>Mächtigen zu sonnen, sich in jedem Augenblicke
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0168_167.tif" n="167"/>
<p>sF<lb/>fg<lb/>! K<lb/>a<lb/>k K<lb/>t K einen Kampf mit einem Nebenbuhler
verwickelt zu<lb/>d s<lb/>e a wissen, um sich womöglich seiner
Neberlegenheit über<lb/>e<lb/>, Hs denselben zu erfreuen, das würde man ihm
ebenso<lb/>! F, menig zugetraut haben, als er selbft, sich dieses ein-<lb/>?
zestand.<lb/>l h-<lb/>So lange er in Paris sich in dem Glanze und<lb/>j ß s=
e-e-o -s epts »=, e j-ao =o Ee-<lb/>F z; nnng und Aufregung angehalten, in
welcher seine<lb/>z v-<lb/>N Liebesleidenschaft für die Marquise ihn
versezt, hatte<lb/>F er sich bald glücklich, bald unglücklich, immer aber
be-<lb/>! F schäftigt gefühlt. Später waren ihm der völlige<lb/>zs<lb/>s gg
Bechsel seiner Lebensverhältnisse, seine Neigung und<lb/>- Liebe für
Veronika und das prächtige Herrenleben auf<lb/>-F;<lb/>Schloß Rottenbuel,
das ihm durch die Zärtlichkeit<lb/>seines jungen Weibes noch verschönt
worden, zu einem<lb/>Anreiz geworden; aber wer nicht in sich selbst
beruhen<lb/>kann, ist für eine glückliche Ehe, für die Ehe,
welche<lb/>L<lb/>auf wechselloses Vertrauen und wandellöses
Zusanmen-<lb/>gehören angelegt ist, nicht geschaffen.<lb/>Die immer gleiche
Ergebenheit Veronika's, ihr täg-<lb/>lich stilles Thun, ihr ernstes
Gleichmaß, ja selbst die<lb/>F zügsamkeit, mit welcher sie sich dem Grafen
unterzu-<lb/>ordren wußte, erschienen demfelben bald als ein Man-<lb/>gel an
Temperament. Veronika's sanfte Zufriedenheit<lb/>F dünkte ihm ein Zeichen
dafür zu sein, daß ihr Sinn<lb/>Fs beschränkt, daß sie ohne Verlangen nach
weitern Le-<lb/>1<lb/>l<lb/>E<lb/>i<lb/>A<lb/>h<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0169_168.tif" n="168"/>
<p>g<lb/>es<lb/>t<lb/>ih<lb/>t<lb/>1618<lb/>k<lb/>bensverhältnissen und darum
auch sicher nicht befähigks<lb/>sei, dieselben erfolgreich zu bewältigen.
Ehe sie seiis<lb/>Weib geworden war, hatte er sich an ihrer
Begeiste?<lb/>rung für die Poesie erfrent; als sie dann an seinerZ<lb/>Seite
es versucht, sich das idealische Glück zu schaffen,Z<lb/>von dem sie
getränmt, und das auch der Graf, ihr ZF<lb/>Verlobter, ihr in so
schimmernden Farben darzustellen F<lb/>gewußt, da hatte er gemeint, daß die
immergleiche F<lb/>friedensvolie Liebe den Sinn ermatte. Er fühlte sich
F<lb/>nicht mehr als derselbe, weil er der zornigen Aufwal- (<lb/>lungen,
des bittern Schmerzes, der Eifersucht, der F<lb/>peinvollen Erwartung und
Hofnung entbehrte; der Z<lb/>Morgen brachte ihm keine Besorgniß, der Abend
kein Z<lb/>unerwartetes Begegnen. Er war gewohnt, durch sei- F<lb/>nen
Dienst Pflichten zu haben, die er erfüllen mußte, ß<lb/>er war ebenso
gewohnt, die Auszeichnung eines Vor- F<lb/>gesezten, die Gunst eines Fürsten
zu genießen, welche F<lb/>Andern nicht in gleichem Mafße zu Theil ward, und
P<lb/>ihm fehlte die Genugthuung, welche ihm dies gewährte, P<lb/>ebenso,
als die Mißgunst der Menschen, welche ihn in F<lb/>Paris um sein Glück
beneidet hatten.<lb/>Es war vergebens gewesen, daß die Freifrau, daß
F<lb/>Veronika ihn an den Segen der Freiheit und der
I<lb/>Selbstherrlichkeit mahnten. Er hatte die rechte Em=<lb/>pfindung nicht
dafür. Er war zu lange in Diensten ;<lb/>gewesen, um des Herrn entbehren zu
können, und zu -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0170_169.tif" n="169"/>
<p>öF<lb/>z<lb/>18<lb/>Pange von der willkürlichen Laune einer Kokente He-
'<lb/>herrscht worden, um die ruhige Liebe eines edlen und<lb/>Fehrlichen
Hetzens gebührend zu würdigen und zu<lb/>Ischäzen. Wer irgend eine Art von
Selaverei mit Be-<lb/>Ffriedigung zu tragen vermochte, ist ein für
allemal<lb/>t,für die Freiheit verdorben und verloren.<lb/>F Veronika vor
allen Andern hatte sich über den<lb/>LCharakter ihres Gemahls getäuscht. Sie
hatte ge-<lb/>ßglaubt, der Graf sehne sich nach den Vergnügungen<lb/>F,der
großen Welt, als sie ihn in ihren Bergen immer<lb/>-Fttrüber und
abgespannter werden sah; indeß fehlte ihm<lb/>jgmr der Stachel eines fremden
Willens, der ihn in<lb/>F ßewegung sezte, und kaum in Paris angelangt,
kaum<lb/>F in seine Dienstverhältnisse eingetreten und in die Nähe<lb/>F des
Königs zurückgekehrt, der ihm von Jugend auf<lb/>Fdie Sonne seiner Tage
gewesen war, hatte er die<lb/>F frühere Lebendigkeit wiedergefunden Ja, er
fühlte sich<lb/>F fnehr als früher zum Genusse des Daseins geneigt<lb/>Hs;
Die Entfernung von, Paris hatte bewirkt, daß ihm<lb/>edie Reize, welche
diese Weltstadt darbot, neu erschienen<lb/>S ind er sie neu genoß, obschon
er wweder die Gesell-<lb/>Z fchaft, noch die Lebensweije wiedergefundei, die
er<lb/>B feüher dort gekannt.<lb/>bsg -<lb/>P Die Zeit hatte sich geändert,
Jeder hatte mit sich<lb/>hs flbst zu thun, der Tag verschlang den Tag noch
eili-<lb/>h? als je zuvor Allerdings gab es noch'
Stunden,<lb/>s!<lb/>-<lb/>d<lb/>t<lb/>s<lb/>l<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0171_170.tif" n="170"/>
<p><lb/><lb/><lb/>g<lb/>A<lb/>z<lb/>welche man von r Sorge frei zu halten wußte,
gß,<lb/>es der Zuversichtigen noch genng, die, wie Graf Söß<lb/>seph,
zwweifellos überzengt von dem Rechte und besg,<lb/>halb auch von dem Siege
der absoluten MonarHä?<lb/>sich nicht scheuten, den Becher der Freude unter
de,<lb/>grollenden Donner des nahenden Orkanes an ihö;<lb/>Lippen zu seten,
und man scherzte und lachte, maßh<lb/>sang und schwärmte jezt lauter als
zuvor, um die;<lb/>drohenden Worte, um den Spott und den Hohn, uüF<lb/>die
Anzeichen des Sturmes zu übertäuben, die siHs<lb/>überall vernehmen ließen,
wohin man sich auch flüchF<lb/>tete. Der Graf hatte vor seiner Berheirathung
fük<lb/>einen schwärmerischen Idealisten gegolten, jezt nachf<lb/>derselben,
schien es, als wolle er zum Lebemann wer?<lb/>den, und Veronika vermochte es
zu ihrem KummetFß<lb/>nicht, ihm auf dem Wege zu folgen, den er einschlug;
F<lb/>vermochte die Welt um sie her nicht mit seinen Auget
F<lb/>anzusehen.<lb/>Sie hatte es dem Grafen nachgefühlt, daß es ihm
h<lb/>eine Pflicht sei, dem Könige, dem er und sein Vater Z<lb/>Treue gelobt
und lebenslang gedient hatten, in der I<lb/>Stunde des Kampfes und der Noth
nicht zu fehlen, Z<lb/>indeß sie hegte weder die Verehrung ihres Gatten vor
H<lb/>dem Königthum, noch theilte sie seinen Glauben an F<lb/>den Sieg
desselben. Die Vorstellung, daß der Graf F<lb/>einer mit Recht verlorenen
Sache diene, lähmte ihren F<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0172_171.tif" n="171"/>
<p>z<lb/>,z<lb/>u<lb/>Fme Sie konnte sich weder an der höffenden
Be-<lb/>geisterung der Royalisten erwärmen, noch, die wach-<lb/>snde Energie
dei Volkspartei verdammen. Der Par-<lb/>Fistreit, welcher die Außenwelt
durchwogte, drohte, sich<lb/>Fuch innerhalb der gräflichen Ehe geltend, zu
machen,<lb/>Fnnd bange Sorgen um die Sukunft, zärtliche Aigst<lb/>Fm die
Gekahr, welcher ihr Gatte sich fast alltäglich<lb/>huszusezen hatte, nahmen
Veronika den heitern Gleich-<lb/>Futh und den Frohsinn, welche Graf Joseph
an ihr<lb/>Feliebt hatte und auf die er bei seinem Weibe
nicht<lb/>Ferzichten wollte.<lb/>,l: Sie waren noch nicht lange in
Frankreichs Haupt-<lb/>gstadt gewesen, als Veronika zu ahnen begann,
was<lb/>gsßr hier persönlich drohe. Aus der Aufregung durch<lb/>gdds
öffentliche Leben, aus der Neberreizung in einer<lb/>Besellschaft, die sich
inmitten der Gefahr verwegen zur<lb/>-Sorglosigkeit und zum Genusse
aufstachelte, kehrte der<lb/>raf zu einer Frau zurück, die sich nicht zur
Freude<lb/>- zu zwingen vermochte, und dieser Abstand war ihm<lb/>.
peinlich. Er beklagte es, daß Veronika nicht den Sinn<lb/>ber Jugend, nicht
die heitere Leichtlebigkeit der beweg-<lb/>F lchen Französin besize; er
nöthigte' sie, ihre Säle zu<lb/>Sffnen, Gesellschaft zu sehen, um, so viel
es dem ein-<lb/>-' zelnen Edelmann möglich war, die Sicherheit kund
zu<lb/>geben, von der die Aristokratie sich noch inimer getra-<lb/>gen
fühlte; und bereitwillig, wenn auch schweren
Her-<lb/>?<lb/>ß<lb/>K:<lb/>s<lb/>s -<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0173_172.tif" n="172"/>
<p>E<lb/>eA<lb/>zens, hatte Veronik sich dem Wilten thres Gattetß<lb/>fügt, als
der deiste Besuch der Marquise jene S<lb/>herbeiführte, welche der Gräfin
ben Rest iheee Za.<lb/>n<lb/>sicht und ihres Friedens rauben
sollte.<lb/>Freilich hatte der erste Eindruck, den sie bamltß<lb/>macht den
Erwartungen der Marquise nicht ucl,<lb/>entsprochen, denn chr Auftreten
hatte den Grafe F<lb/>leidigt, und er hatte noch Liebe genug für selne
G<lb/>tin gehabt, um in ihrer Seele zu empfinden und Scß,<lb/>nng für sie zu
verlangen. Auch hatte er VeroMl,<lb/>zu bernhigen gestrebt, er hate
Kranziska's eüesek<lb/>tose Selbftsucht, wie ihren Mangel an weibllcher
Wüi<lb/>getadelt und sich freiwillig bereit erklärt, sie zu vs,<lb/>meiden;
aber troz seiner Einsicht und seiner Sugßß<lb/>stänbnisse regte sich eine
Stimme in ihm, welche fi,<lb/>Franziska sprach. Es hatte ihn ergrifen,
wieder eil<lb/>mal die Sprache der Leidenschaft zu vernehmen, h<lb/>die sie
ihn gewöhnt, und alle die wechselnden Scens,<lb/>des Vorwurfs, des Streites
und der Versöhnung<lb/>welche er mit ihr durchlebt, waren ihm plözlich
i<lb/>einer einzigen Empfindung gegenwärtig geworden unl<lb/>hatten ihn
auf's Neue an die Vergangenheit geketiF<lb/>von der er sich für immer
losgeriß'en geglaubt.<lb/>bedauerte das Leiden Veronika's, er hätte lebhaft
gs?<lb/>wünscht, daß es ihr erspart geblieben wäre; und docs<lb/>that es ihm
heimlich wohl, daß sie eine Vorstellung.<lb/>.= . -<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0174_173.tif" n="173"/>
<p>u<lb/>Fi jener feurigen Leidenschaft erhalten, welche ihr nach<lb/>Fner
Meinung fehlte, und wwelche die Marquise be-<lb/>Hen oue<lb/>, Von jenem
Tage an war Veroika's Frieden für<lb/>Fmer gestört. Mt dem klaren Auge der
Unschuld<lb/>särchschaute sie Franziska's absichtliches Spiel, aber
sie<lb/>Frstand es nicht, sich dagegen zu schüzen, und hätte<lb/>ze den
Kanpf mit ihrer Nebenbuhlerin aufnehmen<lb/>gögen, ihr hätten die Waffen
gefehlt, derselben zu
be-<lb/>Fe<lb/>s<lb/>P<lb/>T<lb/>A<lb/>FsööEeoeäeowewoöAoeeeooewoeeaapoegpaaeeMF<lb/>1.
Hsp-=--<lb/>=öszs<lb/><lb/>-? Die Dienstverhältnisse des Grafen und der
Mar-<lb/>bise brachten es mit sich, daß sie einandet am Hofe<lb/>ft begegnen
mußten; und daß Franziskä' es durch-<lb/>sezen werde, den Grafen auch im
Besondern zu sehen,<lb/>kävon hlelt die Gräfin sich überzeugt. Andeß ihr
Herz<lb/>kAr jung und kräftig, sie mochte nicht verzagen, fie<lb/>kdnnte
nicht aufhören zu lieben und zu hoffen, und<lb/>, üiitten in ihrem Kummer
tröstete sie sich doch wieder<lb/>- Eiit dem Gedanken, daß ein Mann, der
seinem Könige<lb/>Re Treue heilig bewahre, auch seinem Weibe nicht
ver-<lb/>, lbren gehen könne. Bald wollte sie! dem Grafen
ihre<lb/><lb/>s<lb/>- 1<lb/>t<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0175_174.tif" n="174"/>
<p>1<lb/>Besorgniß mittheilen, bald schreckte sie davor als ss, j<lb/>-
h<lb/>einer Beleidigung gegen ihn und gegen die Heiligssß s<lb/>Ghrer Ehe
zurück Sie wollte es nicht glaube, K s<lb/>man sich von dem Unwürdigen
anziehen und fessä,<lb/>lassen könne, wenn man es einmal als ein solches
H<lb/>- l<lb/>kant, und der Graf selbst hate ihr in den Töäß ,<lb/>nach
ihrer Verlobung ein Bild von dem Charakter Iß; v<lb/>t<lb/>Marguise
entworfen, das nur zu treu und richtig g !<lb/>s<lb/>wesen war.<lb/>Veronika
beschloß also zu schweigen und abzuwäöz<lb/>ten; aber schweigen zu müssen,
wo man sich gewöhh<lb/>hat, sich offenen Herzens hinzugeben, ist ein
schweiet;<lb/>wang, der alle unsere Rähigkeiten lähmt. Eine
stlllh<lb/>Angst, eine dumpfe nfreiheit lasteten auf der jungeß<lb/>rau. Ihr
mangelte nicht nur die freie Luft deö<lb/>Heimath und die freie Bewegung in
der weiten Naß<lb/>tur, ihr fehlte vor Allem die geistig reine
Atmosphäreß;<lb/>in welcher sie bis zu ihrer Ankunft in Paris
geleöß<lb/>hatte, und der schöne Glanz ihrer Jugend begannn da-FF<lb/>vor zu
schwinden.<lb/>Jahr und Tag waren sie hingegangen In Frank-ß<lb/>reich, in
Paris tobte der Parteikampf, war die Revo-<lb/>lution zu einer vollendeten
Thatsache geworden. Derl<lb/>König war bereits völlig in der Gewalt des
Volkes,F<lb/>das ihn hierhin und dorthin zu gehen nöthigte, c'schon'ß<lb/>er
sich noch anscheinend in Freiheit befand, und wie'ß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0176_175.tif" n="175"/>
<p>pz<lb/>c<lb/>s-<lb/>?s<lb/>Pein zum Tode Kranker sein Dasein, peinvoll und
doch<lb/>eFzoch auf die Zukunft hoffend von einem Tage zu dem<lb/>ßgndern
hinschleppt, so wankte die Monarchie ihrem<lb/>PAntergange entgegen<lb/>z An
die Stelle hochfahrenden Nehermuthes wwar all-<lb/>FFnählich verzagter Troy
getreten. ,Deute baute man<lb/>FFauf Hülfe von auswärts und sah
zuversichtlich über<lb/>Fdie Grenzen des Reichs hinaus, morgen-dachte
man<lb/>F daran, diese Grenzen zu erreichen, um sich der Volks-<lb/>F
herrschaft zu entziehen, um das Königreich mit Schwer-<lb/>F tesgewalt neu
zu erobern, und alle diese Entwürfe<lb/>F wurden immer wieder aufgegeben,
weil der König und<lb/>Z bie Königin, bei der Ungleichheit ihrer Naturen,
keinen<lb/>Z einstimmigen Willen hatten und nicht dazu kamen, ge-<lb/>ZJ
meinsamen Plan zu fassen, so lange dafür noch Zeit<lb/>F und Möglichkeit
vorhanden war.-<lb/>e<lb/>, Eine endlose Reihe von Heimlichkeiten und
Sntii-<lb/>ß gnen war die nächste Folge dieser innern Uneinigkeit<lb/>? des
Herrscherpaares. Neberall hatte man Kundschaf-<lb/>- s ter, überall suchte
man Verbindungen anzuknüpfen,<lb/>-s und die Getreuen des Hofes wurden in
einer bestän-<lb/>, digen Bewegung erhalten, hatten viel mit einander
zu<lb/>, s verkehren, waren bald hier, bald dort, und immer<lb/>aufregend
beschäftigt. Bald galt es einen sicheren<lb/>! Boten für eine Nachricht
ausfindig zu machen, welche<lb/>rr l<lb/>' s onen anser Eandes gelangen zu
lssen wünschte, bald<lb/><lb/>-Khs<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0177_176.tif" n="176"/>
<p>7s<lb/><lb/>1l<lb/>handelte es sich dar, Menschen z ermitteln, aEß
s<lb/>welche man bei gewissen Möglichkeiten eechnen köieß s<lb/>und da die
Marquise in aue Absichte der Königl,<lb/>mit eingeweiht, da man mehr und
mehr auf die Träih<lb/>und Verlässigkeit der Schweizergarden angewiesen wat
j<lb/>so brauchte Rranziska gar nicht erst die Amuässe gß j<lb/>suchen,
welche sie mit dem Grafen zusammen führtetZ j<lb/>Die großen Eirkel am Hofe
hotten schon langis j<lb/>aufgehört, Veronika hatie also nur selten zu
erscheine s<lb/>und sah daher die Marquise auch nur selten. Desß
s<lb/>häufiger traf der Graf mit ihr zusammen, und sö j<lb/>nannte es eine
billige Rücksicht für Veronika, daß eiH<lb/>von diesen Begegnngen nicht mit
ihr sprach. Sö z<lb/>lange er dieses noch mit gutem Gewissen von sich be-
P<lb/>haupten konnte, war die Gefahr für seine Gattin noch F<lb/>nicht
dringend. Indeß den nothwendigen Begegnun- Z<lb/>gen mit der Marquise
folgten die freiwilligen Zusam-<lb/>menkünfte in nicht zu langer Zeit, und
diese natürlich<lb/>mußten der Gräfin aus besonderen Gründen wohl
ver-<lb/>schwiegen bleiben.<lb/>Der Graf hatte, als er Franziska nach jener
Seene<lb/>in seinem Hause zuerst wieder gesehen, ihr Vorwürfe<lb/>gemacht,
und sie hatte sich zu vertheidigen gewünscht.<lb/>In den Sälen der Königin
war das unmöglich ge-<lb/>wesen. Sie hätte es gefordert, sich rechtfertigen
zu<lb/>dürfen, sie hatte verlangt, daß der Graf sie in
ihrer<lb/><lb/>l<lb/><lb/>l<lb/>?<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0178_177.tif" n="177"/>
<p>?<lb/>e<lb/>f Dienstwohnung besuche, denn sie hatte jezt keine an-<lb/>s dere
mehr. Aher Franziska war dort auch völlig frei,<lb/>war ganz allein, man
konnte frei bei ihr sprechen, frei<lb/>F bei ihr mit den nächsten Vertrauten
der Känigin ver-<lb/>P kehren, frei einander bekennen, was Jeder hoffte,
was<lb/>hJ er fürchtete, was ihn drückte. Sie meinte, auch den<lb/>is Grafen
müsse es nach solchem freien Austausch
der<lb/><lb/><lb/>s<lb/>F<lb/>i<lb/>s<lb/>1<lb/><lb/><lb/><lb/>Seele
verlangen. Er lehnte das nicht äb; das hieß<lb/>mit andern Worten, er gab es
zu, eine Vertraute zu<lb/>brauchen und Franziöka war klug geng, für's
Erste<lb/>die Rolle anzunehmen, welche die Gelegenheit ihr an<lb/>die Hand
gab.<lb/>Der Graf rühmte seine Gattin, und auch Fran-<lb/>- ziska lobte sie,
aber sie bedauerte, daß die junge Frau<lb/>eben zu solchem Zeitpunkte nach
Paris gekommen sei.<lb/>Darin stimmte der Graf ihr bei, nnd er ging
noch<lb/>weiter. Er nannte es einen Mangel an Voraussicht,<lb/>daß er ein
Mädchen geheirathet habe, welches fetn von<lb/>der großen Welt, fern vom
Hofe und nicht in den<lb/>rechten Begrifen der Loyalität erzogen worden
sei<lb/>Franziska gab ihm darin Recht. Sie nannte es ge-<lb/>fährlich für
ihn und für die Gräfin, aber sie legte es<lb/>ihm nur als eine Pflicht auf,
Veronikk zu schonen,<lb/>s<lb/>sie allmählich zur Erkenntniß kommen zu
lassen, sie<lb/>V<lb/>nicht gewaltsam überreden und überzeugen zu
wollen.<lb/>Er sollte sie gehen, sie gewähren, sie ihr stilles,
un-<lb/>1?<lb/>Lewald, Kleine Romane.
?<lb/>-<lb/>l<lb/>,l<lb/>?<lb/>e<lb/>,s<lb/>h<lb/>,
l<lb/>l<lb/>s<lb/>l<lb/>, s<lb/>s<lb/>k<lb/>:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0179_178.tif" n="178"/>
<p>t7K<lb/>'<lb/><lb/>schuldiges Pflanzenleben führen lassen und sich
daräl<lb/>erfrenen, daß ihm mitten in der unheilvollen Verwic,<lb/>rung, in
welcher man sich befand, durch VeronlkäI<lb/>kindliche tnschuld eine Dase
des Friedens eröffnet weri<lb/>in der er sich ausruhen und erheben könne,
wenn -<lb/>entmuthigt und ermüdet fei.<lb/>, Of' rief sie,,das Leben übt
s-ine Vergeltung<lb/>aus; ihr, der stillen Kindesseele, die Ruhe und
dEt<lb/>Frieden! mir die Sorge und der Kampf! Und für die<lb/>Tage der Sorge
und des Kampfes will ich auch Ihnen -<lb/>bleiben, mein theurer Freund! --
-<lb/>Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie an, und<lb/>ihre feine Hand
wußte eisern festzuhalten, was sie er-<lb/>griffen hatte; denn es gab damals
mehr Stunden der<lb/>Sorge und des Kampfes, als Stunden der Ruhe und<lb/>des
Friedens, und die Marquise hatte für sich mit ;<lb/>kluger Wahl den größten
Theil von dem Leben des s<lb/>Grafen beansprucht, als sie ihm jenen
Vorschlag ge- s<lb/>than hatte.<lb/>Es fiel der Marquise nicht schwer, ihm
zu bewei- s<lb/>sen, daß er eine Pflicht gegen Veronika erfülle, wenn
?<lb/>er ihr selbst die Kenntniß der Unternehmungen fern<lb/>hielt, in
welche die Getreuen des Hofes oft mit eige- s<lb/>ner Gefahr verwickelt
waren; und wie sie den Grafen !<lb/>immer leidenschaftlicher für die Sache
der Königin zu<lb/>begeistern wußte, so gelang es ihr, ihn ebenso
wieder<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0180_179.tif" n="179"/>
<p>zs<lb/>c<lb/>77<lb/>Z an sich zu fesseln, deren Hingebung an ihre
Gebieterin<lb/>F, allein schon ein Grund für ihn sein mußte, sie noch<lb/>g,
höher zu schäzen, noch feuriger zu lieben, als je<lb/>Pi nen<lb/>zF
Jedweder, der noch ein Auge dafür hatie, konnte<lb/>F, es sehen, wie neben
der großen Schicksalstragödie,<lb/>ß welche damals in Paris ihrem lezten
Acte entgegen-<lb/>F reifte, sich das Schicksal einer schuldlosen Frau
immer<lb/>F düsterer gestaltete; Jeder mußte es bemerken, daß die<lb/>s
Gräfin täglich mehr von ihrem Gatten verabsäumt<lb/>und die Marquise wieder
die Beherrscherin des Grafen<lb/>j wurde; nur er selber täuschte sich
darüber. Das Ge-<lb/>webe von Arglist und Verführung, mit welchem
Fran-<lb/>F ziska ihn umgarnte, war so geschickt angelegt und<lb/>F<lb/>F so
fein, daß der Graf noch an Veronika zu hängen<lb/>- glaubte, als er schon
wieder gänzlich der Marquise zu<lb/>!<lb/>aa<lb/>eigen war, und daß er für
die Ruhe und Sicherheit<lb/>seiner Gattin zu sorgen wähnte, während er sie
auf<lb/>den Anrath ihrer Feindin zu einer halben Gefangen-<lb/>schaft in
ihrem Hause verurtheilte.<lb/>RFweeEöwwwggpegpgpggggggg<lb/>15.
Fapites<lb/>Die Lage einer Frau, welche nicht mehr geliebt und<lb/>um einer
Andern willen verlassen wird, ist doppelt<lb/>:A<lb/>gs<lb/>1-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0181_180.tif" n="180"/>
<p>1
l<lb/>1-T<lb/>1e<lb/>lK<lb/>k<lb/>k<lb/>18<lb/>zF;<lb/>k<lb/>K<lb/><lb/>E<lb/>rathlos,
wenn sie sich sagen muß, daß die äußern An-<lb/>lässe der Art sind, ihren
Mann in Anspruch zu neh-<lb/>men und ihm den Verkehr mit ihrer
Nebenbuhlerin<lb/>nothwendig zu machen. Man bedarf eines sichern
Bo-<lb/>dens, um eine feste Stellung einnehmen zu können,<lb/>man muß
wissen, worauf man fußen, worauf man<lb/>bauen und rechnen kann, um eine
Richtschnur und<lb/>einen ompaß für seine Handlungen zu haben. Wo<lb/>aber
sollte die Gräfin diese Hülfsmittel für sich finden?<lb/>Ihr Gatte war mit
sich selber in Zwiespalt ge-<lb/>rathen, seit die Marquise wieder seine
Vertraute ge-<lb/>worden war. Was er erlebte und empfand, das
ver-<lb/>traute er ihr, und sie wußte es ihm zu deuten. Was<lb/>er für
Veronika bestimmte, war Franziska's Werk, was<lb/>er an dieser hoch hielt,
das tadelte er an jener. Er<lb/>liebte den kühnen, unternehmenden Geist, den
festen<lb/>Muth, die Energie des festen Willeus an Franziska;<lb/>er hatte
auch an Veronika einst ihr starkes tapferes<lb/>Herz geschätzt. Jezt aber
bezeichnete er es als ein<lb/>Heraustreten aus des Weibes Schranken, wenn
Vero-<lb/>nika es mit flehender Bitte von ihm begehrte, einge-<lb/>weiht zu
werden in seine Geheimnisse und Plane, jetzt<lb/>nannte er es ihr
bevorzugtes Loos, daß ihr nichts ob-<lb/>liege, als der hingebende Gehorsam
an den Willen des<lb/>Mannes, der ihr seinen Namen und dieses
Namens<lb/>Ehre zu hüten gegeben
habe.<lb/>K<lb/>K<lb/>l<lb/>z-<lb/>T<lb/>L<lb/><lb/><lb/>z<lb/>1<lb/>A<lb/>e-<lb/><lb/>z<lb/>d<lb/>k<lb/><lb/>z:<lb/><lb/>E<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0182_181.tif" n="181"/>
<p>I<lb/>F?<lb/>181<lb/>Er hieß es gut, wenn Franziska, wo es sich für<lb/>F.
eine Dame ihres Standes thun ließ, frei in der Deffent-<lb/>F lichkeit
erschien, er begleitete sie, wo immer es geschehen<lb/>r t<lb/>ihres Gatten
theilhaftig zu werden, wurde von
dem<lb/>-?<lb/>H<lb/>k<lb/><lb/>I<lb/>D<lb/>l<lb/>l<lb/>t<lb/>ü<lb/>Grafen
mit der Erklärung zurückgewiesen, daß er die<lb/>Gräfin von Rottenbuel nicht
der Gefahr preisgeben<lb/>wolle, die Beleidigungen zu erfahren, mit denen
die<lb/>Weiber aus dem Volke die Damen der Aristokratie zu<lb/>verfolgen
begonnen hatten.<lb/>Es kamen Stunden, in welchen Veronika zu glau-<lb/>ben
wünschte, was der Graf ihr sagte. Sie wollte<lb/>ihre Zweifel besiegen, sich
ihre richtige Erkenntniß ab-<lb/>leugnen, sich beruhigen und trösten. Aber
wie sie sich<lb/>auch das Herz stärkte, um sich aifzurichten und,
ihrem<lb/>Gatten nicht durch ihre Entmuthigung lstig zu fallen,<lb/>wie sie
sich auch demüthigte, ihm zu zeigen, daß sie<lb/>ertragen wolle, was er über
sie berhänge, wenn er ihr<lb/>nur die Hoffnung auf die Rückkehr seiner Liebe
lasse:<lb/>er schien das Alles bald nicht mehr zu sehen, zu em-<lb/>pfinden,
und Veronika konnte es sich endlich nicht ver-<lb/>hehlen, daß der Graf, sie
nie geliebt habe, daß seine<lb/>Heirath mit ihr nur die Folge eines
augenblicklichen<lb/>Zornes gegen die Marquise, die Folge einer
augen-<lb/>blicklichen Herzensleere gewesen sei.<lb/>h<lb/>s<lb/>n
z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0183_182.tif" n="182"/>
<p>1<lb/>18<lb/><lb/><lb/>ß-<lb/>s<lb/>Iz<lb/>A<lb/>Hätte Veronika sich zu
beklagen vermocht, das heißt, F<lb/>hätte sie den Grafen weniger geliebt und
wäre sie einsF<lb/>weniger stolzes Herz gewesen: so hätte sie der
Mar?!(<lb/>auise die MBglichkeit benommen, sie der Kälte unds
F<lb/>Gleichgültigkeit zu zeihen, und dem Grafen nicht die. F<lb/>reiheit
gelassen, diesen Anschuldigungen Franziska's<lb/>Gehör zu schenken. Aber
Veronika ertrug ihr Unglück F<lb/>ernst und still. Sie kämpfte mit aller
ihrer Macht'<lb/>gegen ihre Einsicht an, sie wollte sich's nicht
einge-<lb/>stehen, sich's nicht bekennen, daß sie einem Manne
an-<lb/>gehörte, den sie nicht achten konnte, und daß sie ihn<lb/>liebte,
obschon er diese Liebe weder begehrte noch ver-<lb/>diente.<lb/>Nur ein Mann
weilte in ihrer Nähe, der es sah<lb/>und wußte, was in ihr und mit ihr
vorging. Einer<lb/>lebte in ihrer Nähe, der ihr Leiden wie einen
eigenen<lb/>brennenden Schmerz empfand, und der den Mann ver-<lb/>achtete,
welcher das Unglück Veronika's geworden war.<lb/>Ulrich's Liebe wachte über
sie und wachte über sich<lb/>selbst so streng, daß nicht sein Onkel, nicht
der Späher-<lb/>blick Franziska's, die den Schatten eines Verdachtes<lb/>mit
Freuden benutzt haben würde, dem Grafen einen<lb/>Zweifel gegen die
tadellose Reinheit seines Weibes ein-<lb/>zuflößen, es ahnten, was in
Ulrich's Herzen vorging.<lb/>Mit der Sorge eines Bruders, mit dem
Scharf-<lb/>sinn der Leidenschaft, die nur stärker und tiefer
gewor-<lb/>s<lb/>t<lb/>K<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0184_183.tif" n="183"/>
<p>F<lb/>ß den war, je fester er sie in sich verschlossen, war er<lb/>,sdem
ränkevollen Treiben der Maiquise seit ver An-<lb/>zs?unft seines Dnkels in
Paris gefolgt. Vorsichtig, wie<lb/>T'es dem jüngern Manne gegen den ältern,
dem Neffen<lb/>j gegen den Onkel zustand, hatte er densellben daran
zu<lb/>zl erinnern gewagt, wer und was Franziska sei, und wel-<lb/>s ches
Spiel sie mit ihm getrieben vön Anfang an. In-<lb/>F beß der Graf hatte
nicht darauf geachtet! Kleine, aber<lb/>,, peinliche Erörterungen waren die
Folge solcher Ge-<lb/>F, spräche gewesen, und Ulrich hatte es nicht bis zu
einem<lb/>s Aeußersten kommen lassen mögen, um nicht aud
der<lb/>1<lb/><lb/>s<lb/>?<lb/>i<lb/>s<lb/>t'<lb/>l<lb/>k<lb/>'<lb/>i!<lb/>Nähe
Veronika's verwiesen zu werden, und um ihr<lb/>nicht zu fehlen, falls einmal
die Stunde kommen sollte,<lb/>in welcher sie seiner bedurfte.<lb/>Er war
viel in dem Hause seines Onkels, denn er<lb/>war unbeschäftigt in Paris, und
er sah Veronika häufig<lb/>allein, die er als seine Tante zu betrachten
nicht er-<lb/>lernen konnte. Aber wie oft auch er ihre stillen
Seuf-<lb/>h<lb/>t!<lb/>18<lb/>zer hörte, wwie oft er sie einsamn und in
Thränen fand,<lb/>und wie oft er Zeuge davon wurde, wenn sein Onkel<lb/>an
der Seite der Marquise auswärts und strahlend<lb/>!<lb/>in Heiterkeit
erschien, niemals ward ein Wort der<lb/>Klage von Veronika gegen ihn
geäußert, niemals hatte<lb/>er sie gefragt: was fehlt Dir, Veronika? und
wie<lb/>könte ich Dir helfen?-- Die strenge Selbstbeherr-<lb/>schung, zu
welcher die Freifrau und der Vater Vero-<lb/>1ß<lb/>z
n<lb/>h<lb/>hß<lb/>pt<lb/>ui<lb/>AL<lb/>z<lb/>'g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0185_184.tif" n="184"/>
<p>18s<lb/>F<lb/><lb/>V<lb/>t<lb/>A<lb/>ika's die Beiden gewöhnt, hielt sie in
ihren Bandenßj<lb/>und obschon wohl nie ein großer Kummer
verschwiskF<lb/>gener getragen wurde, als Veronika und Ulrich
ihre<lb/>Schmerzen trngen, so wußte doch Jeder von ihneü<lb/>was der Andere
litt, und Jeder von ihnen hatte seßF,<lb/>nen Trost an der unaussprechlichen
Theilnahme des<lb/>F<lb/><lb/>Anderen.<lb/>Nur des Grafen Schicksal, nur das
Allgemeine, sö'F<lb/>weit es ihn betreffen konnte, lag Veronika am
Herzen<lb/>und Fragen um die Vorgänge in dem Lande, in der F<lb/>Stadt, in
der Nationalversammlung nnd in den Clubs F<lb/>waren es, welche Ulrich der
Grääfin zu beantworten F<lb/>hatte, wenn er bei ihr erschien. Jeder
Trommelschlag, F<lb/>jedes Freiheitslied, deren Klänge von der Straße
in<lb/>die Säle ihres Hauses drangen, machten sie erbeben,<lb/>jedes
Zeitungsblatt vermehrte ihre Angst, denn der<lb/>Haß gegen die Leibwächter
des Königs, gegen die<lb/>Schweizer-Regimenter, war in den untern Klassen
fa-<lb/>natisch geworden, und Veronika begann zu fühlen, daß<lb/>ihre Kräfte
sie verließen.<lb/>Ein sehnsüchtiges Verlangen nach einem weiten<lb/>Blick
in's Freie, nach Feldern, Wiesen, Wald und Ber-<lb/>gen, die ersten Zeichen
eines schmerzlichen Heimwehs<lb/>fingen an sich ihrer zu bemächtigen, aber
sie wollte<lb/>dieselben nicht erkennen, und doch beengten die
Mauern<lb/>ihres Gartens, die Häuser der Stadt ihr mit
jedem<lb/>h<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0186_185.tif" n="185"/>
<p>ös<lb/>»<lb/>i<lb/>18<lb/>As<lb/>FFage mehr das Herz, doch würde dieser
Sommer ihr<lb/>Z,s ner Lal, vor der sie stch nicht z berzen wußte<lb/>Eines
Morgens befand sie sich in einem der Säle<lb/>z' des Erdgeschosses, dessen
bis zum Boden gehende Fen-<lb/>=F ster sich nach dem Garten öffneten. Die
Orangen-<lb/>l, bäume, die in doppelten Reihen auf der Terrasse auf-<lb/>ß,
gestellt waren, sendeten ihren Duft in das Zimmer, in<lb/>F dem vergoldeten
Gitterwerk der Volisren unter den<lb/>ßz, Buchsbaumhecken sangen die Vögel.
Aus der Muschel<lb/>F des Tritonen stieg vor dem Mittelfenster der
Wasser-<lb/>z strahl in die Höhe und hob in regelmäßigem Wechsel<lb/>ß- die
goldene Kugel bald hoch bis zu den Spizen der<lb/>F regelrecht geschnittenen
Buchsbaum - Obelisken empor,<lb/>- bald ließ er sie niederfallen bis hart an
den Rand der<lb/>e<lb/><lb/>s<lb/>d<lb/><lb/><lb/>z<lb/>s<lb/>Muschel; und
wohin Beronika das Auge auch richtete,<lb/>überall war es heute wie gestern,
wie ehegestern, und<lb/>wie es vor dem Jahre gewesen war.<lb/>Mitten in dem
Saale stand ein Marmortisch.- Ve-<lb/>ronika saß in einem Sessel zu seiner
Rechten, der Graf<lb/>saß an der andern Seite. Ein Diener hätte das
Früh-<lb/>stückgeräth aus Sövre -Porzellan äufgetragen und sich<lb/>dann
entfernt, denn man hatte von Rottenbuel her<lb/>die Gewohnheit mitsammen zu
frühstücken beibehalten,<lb/>und es war das fast die einzige Stunde, in
welcher<lb/>Veronika den Grafen ohne Zeugen sah und sprach.<lb/>Sie hatte
ihm die Chocolade eingeschenkt, bas
Früh-<lb/>lk<lb/>lh<lb/>lt<lb/>l<lb/>1<lb/>!<lb/>ln<lb/>t<lb/>t
sl<lb/>t<lb/><lb/>t<lb/>l<lb/>bz<lb/>ll<lb/>hs<lb/>E?<lb/>kls<lb/>zt<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0187_186.tif" n="186"/>
<p>l<lb/>k -<lb/>18e<lb/>A<lb/><lb/>T<lb/>stüück war beendet, und der Graf trat
danach, in vollee F<lb/>Uniform, zum Ausgehen angekleidet, an den vergolde-
F<lb/>ten Ständer des weißen Papageys, welcher gewohnt F<lb/>war, an jedem
Morgen aus der Hand des Grafen sein F<lb/>Biseuit zu empfangen.<lb/>,Du
könntest Pollo auf die Terrasse hinausbringen F<lb/>lassen,' sogte der Graf,
gleichmüthig mit dem Bogel<lb/>tändelnd,,Pollo ist in dem warmen Wetter gern
im ß<lb/>Frelen !-- und als wolle er dem Vogel sein Be- F<lb/>hagen je eher
je lieber bereiten, löste er das Schloß der F<lb/>Kette, mit welcher
derselbe an seinem Ständer befestigt Z<lb/>war, und trng ihn nach der
Voliere hinaus, um ihn<lb/>dort an einer ihrer hervorstehenden Verzierungen
zu<lb/>befestigen.<lb/>Es ist immer ein Tropfen, der den
vollgefüllten<lb/>Becher zum Neberfließen bringt. Allen den
Zuvor-<lb/>kommheiten, aller der Aufmerkjamkeit und Willfährig-<lb/>keit,
welche der Graf der Marquise bezeigte, hatte Ve-<lb/>ronika mit äußerer
Fassung gegenüber gestanden, seiner<lb/>Fürsorge für Pollo vermochte sie
nicht zu stehen.<lb/>,Zür den Vogel sorgt er, sagte sie leise zu
sich<lb/>selbst, und in ihrem Herzen fügte sie hinzu: ,und an<lb/>mich denkt
er nicht !'!-- Die Thräänen kamen ihr in<lb/>die Augen, das Herz schwoll ihr
empor und that ihr<lb/>wehe, daß sie den tiefen Seufzer nicht
unterdrücken<lb/>konnte. Aber sie schämte sich ihrer Schwäche
und<lb/>k<lb/>k<lb/>t<lb/>s<lb/>1<lb/>T<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0188_187.tif" n="187"/>
<p>k,<lb/>j-<lb/>1?<lb/>s (wendete sich ab, bem Grafen ihre Aränen zu
verber-<lb/>j jgen, den, ibren Seufzer vemnepmend, zu ihr zurücksah.<lb/>lh
cRa? - -<lb/>j (wie polo! versepte sie, ,ich shne mich is Feeee!<lb/>,Und
weshalb fährst Du nicht aus? fragte der<lb/>j j Geaf weiter, in jenem Tone,
mit wwelchem man eine<lb/>s s oberflächliche Unterhaltung mit einem Fiemden
fort-<lb/>j ß sest, üid doch Leute und Dferde ist unbeschktigt<lb/>j,
=e<lb/>,Du nanntest es bedenklich, Bester,' erinnerte
die<lb/>lg<lb/>A<lb/>Gräfin,,als ich neulich daran dachte, in das
Gehölz<lb/>zu fahren.'<lb/>,Die Wappen sind jetzt von den
Wagenschlägen<lb/>abgenommen, und ich habe unseren Leuten bis
auf<lb/>Weiteres die Livröe untersagt!'' bemerkte der Graf
mit<lb/>Bitterkeit.,Es hat also keine Gefahr!!!<lb/>,, Und Du hast Nichts
dagegen, wenn ich ausfahre?<lb/>Ich möchte wohl einmal nach SaintDenis, nach
Mont-<lb/>morency !'!<lb/>,Warum so weit? Warum nicht in das Gehölz?<lb/>,
Ach!' rief die Gräfin, einmal ihrer selbst nicht<lb/>mächtig, ,,wenn Du mich
begleiten, mit mir kommen<lb/>wolltest! Wenn wir nur einmal, nur einmal
wieder,<lb/>s! wie in den schönen Tagen, die nicht mehr sind, uns<lb/>F!
gemeinsam die Seele erfrischen könnten an dem
vollen<lb/>l<lb/>I<lb/><lb/>-<lb/>,<lb/><lb/>i<lb/>z<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0189_188.tif" n="188"/>
<p>188<lb/>A<lb/><lb/>K<lb/>h<lb/>Sonnenschein, an der frischen Luft in Wald und
Felb?<lb/>wenn nnr eine jener Stunden wiederkehren möchte, hF<lb/>welchen
wir in der Heimath, auf unsern Schlösswzzz<lb/>des schönen Glaubens
lebten-<lb/>E<lb/>Der Graf ließ sie nicht zu Ende reden. SeiüO<lb/>Miene war
finster geworden, er ging nach der SeitsF<lb/>des Zimmers, an welcher sich
neben der Thüre dsk<lb/>Drücker zur Klingel befand.<lb/>z<lb/>, Die
Monarchie geht unter, wir stehen am Rande;<lb/>eines Abgrundes, und Du hegst
die tändelnden Gö<lb/>danken einer schwärmerischen Mädchenseele! Jeder
FagF<lb/>kann unser lezter werden, und Du magst daran denkeng<lb/>Dich zu
vergnigen!'' sagte er unwillig, weil die WorteJ<lb/>der Gräfin und der Ton,
mit welchem sie gesprochen P<lb/>wurden, ihm unwillkürlich eigene
Erinnerungen wach ß<lb/>riefen, die er zu übertäuben gelernt hatte.<lb/>Er
hatte den Klingelzug ergrifen; die Gräfin,P<lb/>welche aufgestanden und dem
Grafen gefolgt war, hielt Z<lb/>seine Hand zurück Sie war blässer geworden,
als sie F<lb/>es jezt ohnehin schon war; aber ihre Augen erglänzten
Z<lb/>hell, obschon Thränen in ihnen schimmerten, und ihrem F<lb/>Gatten
fest in das Antliz schauend, sprach sie, wei! ß<lb/>sein Vorwurf ihr das
Herz umwedete: ,Ich mich ver-<lb/>gnügen, Joseph? Woher sollte mir die
Neigung dazu s<lb/>kommen? Es giebt kein Vergnügen, keine Freude für
F<lb/>ein verlassenes Weib, für ein Weib, das sich sagen F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0190_189.tif" n="189"/>
<p>-<lb/>-L<lb/>O<lb/>T<lb/>189<lb/>Fimuß, es wurde nie geliebt, und alle seine
Liebe, alle<lb/>FGluth und Treue seines Herzens reichte eben nur hin,<lb/>ß
dem Manne, dem sie geweiht waren, für einen Augen-<lb/>Fblck die Untreue
einer Anderen vergessen zu machen.<lb/>F Der Graf fuhr auf. ,Was soll das,
Veronika?<lb/>Lkief er,,was sollen uns Erörterungen, die Keinem<lb/>Fbon uns
fruchten? Wir haben uns getäuscht -- Du<lb/>ßsagst es-- sei es drum! Aber
können wir das ändern?<lb/>PKönnen wir Geschehenes ungeschehen machen?<lb/>-
,Joseph!' rief die Gräfin, die sich kaum aufrecht<lb/>FFu erhalten wußte,
,Joseph! besinne Dich; mit diesen:<lb/>ZWorten trittst Du meine
Vergangenheit mit üßen,<lb/>ßzerstörst Du und vernichtest Du mir die
Zukunft!<lb/>Z Nimm diese unglückseligen Worte zurück Laß mir<lb/>Fbie
Möglichkeit, die Möglichkeit wenigstens, mich zu<lb/>s -<lb/>P täuschen,
mich mit meinen Träumer und Hoffnungen<lb/>Izu täuschen. Es ist die erste
Klage, die Dü von mei-<lb/>zz?<lb/>,kem Munde hörst, es soll die lezte
sein!';<lb/>I Sie war außer sich, und sich ihhn zu Füßen wer-<lb/>ßfend,
rief sie; ,Täusche mich, um Gottes Varmherzig-<lb/>Ileit willen täusche
mich! Mach' es mich glauben, o!<lb/>gz mach' es mich glauben, daß Du mich
einst geliebt hast,<lb/>F daß Du mich einst noch wieder lieben wirst! Ich
kann<lb/>I!nicht leben ohne diesen Glauben!''<lb/>F! Der Graf hob sie empor,
der Vorgang hatte ihn<lb/>Ferschreckt, er ängstigte und guälte, er
erschütterte
ihn<lb/>e!<lb/>e<lb/>lk<lb/>ni<lb/>i<lb/>lk<lb/>li<lb/>l<lb/>tt<lb/>uuu<lb/>ik<lb/>as<lb/>1t<lb/>z
Hs<lb/>d<lb/><lb/>t<lb/>u1<lb/>s<lb/>!<lb/><lb/>t<lb/>l<lb/>--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0191_190.tif" n="190"/>
<p>19O<lb/>z<lb/><lb/><lb/><lb/>sogar, aber er rühete ihn nicht. Die Marguise
häg<lb/>der Gräfin das Herz ihres Gatten vollständig abngß<lb/>wendig
gemacht.<lb/>eß<lb/>, Veronika, sagte er, und an der Ruhe, mit wwä<lb/>cher
er zu ihr sprach, konnte sie die ganze Kluft H<lb/>messen, welche ihn von
ihr trennte, ,wir Menschen siß;<lb/>nicht Herren über unser Herz. Was ich in
früheä<lb/>Jahren an Franziska auch getadelt habe, ich habe ß<lb/>geliebt
seit meiner ersten Jugend. Als ich Dich sh,<lb/>glaubte ich sie vergessen zu
können. Du bist die eiß<lb/>zige Fran, wwelche mir diese uversicht
eingeflößt. NlF<lb/>Dein, nicht mein und nicht Zranziska's ist die
Schul,<lb/>daß mich mein Herz betrog. Ich liebe Franziska, nß<lb/>je zuvor,
und ihre heroische Hingebung an die SaähF,<lb/>welcher ich diene, einer
Sache, die Dir feemd ist, hFß<lb/>sie mir jezt verehrungswürdig gemacht. Es
ist nlch<lb/>gut, daß es so ist, aber es waltet eben ein unglücß<lb/>liches
Verhängniß über uns. Wer kann das änderüh<lb/>Die Gräfin war starr vor
Schrecken. Sie schwiF<lb/>eine Weile, wwie gelähmt vom Schmerz, dann
schlüß<lb/>sie die Hände über ihrem Haupte zusammen, und nß<lb/>einer
Stimme, der man ihre ganze Verzweiflung at<lb/>D:Ue<lb/>die Worte nicht
mehr, die von ihr zu ihm, von ihe<lb/>zu ihr die Brücke bilden konnten. Das
dauerte einet<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0192_191.tif" n="191"/>
<p>-<lb/>VF<lb/>1<lb/>Jugenbtick, eudlich nahm Veronika ihre lezte
Kraft<lb/>zzusammen und sagte: ,Du hast es ausgesprochen, und<lb/>Hich habe
es längst geglaubt, daß jedweder Tag uns hier<lb/>sg<lb/>=; die lezte Stunde
bringen könne. Das eben, trieb mich<lb/>zu dem Verlangen, noch einmal zu
Dir' von Grund<lb/>, der Seele zu sprechen. Ich wollte Dich erinnern
-<lb/>ich wollte versuchen --- sie vollendete nicht. -<lb/>, Umsonst!
umsonst!'' rief sie, und ihr Gesicht in ihren<lb/>l<lb/>Gemach.<lb/>Der Graf
stampfte unmerklich mit dem Fuße. Er<lb/>s<lb/>t<lb/>s<lb/>s<lb/>Händen
verbergend, verließ sie eiligen Schrittes das<lb/>hatte Veronika ungerührt
gegenübergestanden, nun sie<lb/>sich entfernt hatte, begrif er das Elend,
das er über<lb/>sie gebracht, und er beklagte sie, er fühlte sich
schul-<lb/>dig. Aber er hatte zu lange aufgehört sie zu lieben,<lb/>er hing
zu fest an Franziska, um an eine Versöh-<lb/>nung, an eine innere
Herstellung seiner Ehe zu<lb/>glauben, und der Gedanke an die Trennung
derselben,<lb/>den Franziska ihm oftmals nahe gelegt, bot sich ihm<lb/>jetzt
zum ersten Male aus eigenem Antrieb dar, wei!<lb/>er durch die Scheidung
sich und Veronika die Freiheit<lb/>und mit dieser sich und ihr den Frieden
wiedergeben<lb/>zu können meinte.<lb/>Er wollte zu ihr gehen, in diesem
Sinne mit ihr<lb/>sprechen, als Ulrich ihm angemeldet wirde. Das
än-<lb/>berte seinen Entschluß. Es schiei ihm gerathen,
erst<lb/>l<lb/>1<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>=-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0193_192.tif" n="192"/>
<p>19A<lb/>L<lb/>T<lb/>K<lb/>den Eindruck ausklingen zu lassen, welchen die
ebeäF<lb/>erlebte Unterredung auf Veronika gemacht haben mußteH<lb/>und da
die Vorstellung der Scheidung ihn nun plögs-<lb/>lich völlig hinnahm, wollte
er lieber erst reiflich dar?<lb/>über nachsinnen, wie er sie seiner Gattin
anbieten und<lb/>anehmbar machen könne. Sein Sinn richtete sihJ<lb/>damit
thätig in die Zukunft, eröffnete sich einer Hoff-<lb/>nung, und womit er
selbst beschäftigt war, als seinß<lb/>Neffe bei ihm eintrat und nach des
Grafen und derF<lb/>Gräfin Ergehen fragte.<lb/>, Veronika bekommut das
Heimweh! sagte der Graf,ß<lb/>dem dieser Einfall wie eine Erleuchtung durch
die SeeleF<lb/>schoß,,und zwwar, wie ich fürchte, das Heimweh
imiß<lb/>wahren Sinne des Wortes. Sie hatte heute ein Ver-P<lb/>langen, die
Stadt zu verlassen, in das Freie zu fab-h<lb/>ren, das wirklich etwas
Krankhaftes an sich trug. Pn F<lb/>könntest mir einen Dienst leisten, mein
Freund, wwenn F<lb/>Du sie begleiten wolltest.<lb/>, Und Sie werden nicht
von der Partei sein, ß<lb/>nkel? fragte der Fieiherr.<lb/>, Mir fehlt die
Ruhe dazu!'' entgegnete der Graf ß<lb/>, Wer hat jezt auch Zeit, sich wie
Veronika des jungen ß<lb/>Grüns und der Sonnenstrahlen zu erfreuen!!' Er
hatte h<lb/>das in einer Weise gesprochen, die er zu bereuen schien,
H<lb/>denn er fügte hinzu:,Man könnte sie um eine Sorg- F<lb/>losigkeit
beneiden, welche in diesem Angenblicke an sich Ps<lb/>.<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0194_193.tif" n="193"/>
<p>yeg<lb/>T<lb/>19K<lb/>t und an irgend eine Befriedigung für sich zu
denken<lb/>fähig ift.<lb/>! Aber die Begütigung, welche er zu machen
beab-<lb/>t<lb/>fichtigt hatte, schloß eigentlich nut einen neuen
Vor-<lb/>wurf in sich, und Ulrich wußte, was Veronika erdul-<lb/>dete, und
Ulrich liebte Veronika.<lb/>Heißer Zorn röthete seine Wangen, er hielt
die<lb/>t<lb/>Antwort, die sich ihm aufdrängte, jedoch zurück,
und<lb/>e<lb/>d<lb/><lb/>sagte ruhig, aber mit unvetkennbarer
Selbstbeherr-<lb/>schung:,Es ist nicht Sorglosigkeit, mein Onkel,
was<lb/>die Wangen Veronika's gebleicht hat und ihr ein be-<lb/>freienderes
Aufathmen in Gottes Natur zu einem Be-<lb/>dürfniß werden läßt !'!<lb/>Der
Graf war bei der Ankunft, seines Neffen auf<lb/>die Terrasse hinausgegangen,
und sie schritten lust-<lb/>1<lb/>wandelnd neben einander her. Bei Ulrich's
Worten<lb/>e<lb/>wendete er' seine Augen nach ihm, aber zs paßte
ihm<lb/>s<lb/>nicht, es zu verstehen, was die Mieneü des jungen<lb/>Mannes
deutlich aussprachen. ,Gewiß nicht!'! entgeg-<lb/>nete er deshalb,,aber das
Heimweh überwältigt sie,<lb/>wie es mir scheint.!<lb/>Weil er die Wahrheit
verbergen wollte, gewann<lb/>F! sein Ausdruck etwas Leichtfertiges, das den
Freiherrn<lb/>F! empörte. Er konnte es nicht ertragen' zu schweigen<lb/>F!
oder sich das Ansehen zu geben, als glaube er dem<lb/>?; Wort des Grafen.
Und auffahrend in seinem Sorne<lb/>1<lb/>Lewwald, Kleine Romane. ?.<lb/>=.
?<lb/>1<lb/>n<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>l<lb/>n<lb/>k<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0195_194.tif" n="194"/>
<p>19<lb/>f<lb/>n<lb/><lb/>sagte er:,Es wäre sehr erklärlich, daß die
Aermfte,<lb/>sich vom Heimweh ergrifen fühlte, da sie hier
keiüe<lb/>KK<lb/>Heimath gefunden hat !r<lb/><lb/>Der Graf hielt in seinem
Gange inne. Fest' unöF<lb/>stolz, wie er sich in solchen Augenblicken gab,
trat eßF<lb/>vor seinen Neffen hin und sagte: ,Männer hinterhalsF<lb/>ten
nicht, wenn sie Etwas wider einander haben. F<lb/>Was hast Du mir zu sagen,
Ulrich! Speich es auek?P<lb/>Der Graf mußte sehr aufgeregt sein, um so
ge-<lb/>waltsam einer Erklärung entgegen zu gehen, das stanb Z<lb/>für
tlrich fest, aber er war selbst zu erregt, um den P<lb/>Anlaß, der sich ihm
darbot, nicht zu benuzen; unb Z<lb/>eben so entschieden, wie die Frage an
ihn gerichtet F<lb/>war, antwortete er:,Sie haben der Marquise von
F<lb/>Vieillemarin das Leben eines Mannes geopfert, und F<lb/>ich war euge
davon. Lassen Sie mich nicht Zenge F<lb/>davon werden, Dnkel, daß Sie der
Marauise auch die ß<lb/>Edelste der Frauen opfern !''<lb/>, ulricht' eief
dee Graf im Jähzorn auflodernd, (<lb/>,Ou vergissest, zu wem Du
sprichst!''<lb/>. =, daß ich es vergessen könnte!'' eief der Rrei-
ß<lb/>herr.,Daßß ich es vergessen könnte, wie Sie sie mir ;<lb/>geraubt, und
wie ich geschwiegen, in dem Glauben, P<lb/>dem bessern Manne zu weichen. Daß
ich sie vergessen ,<lb/>könnte, die brennende Eifersucht, mit welcher ich
Ve-<lb/>ronika zuerst an Ihrer Seite wiedersah!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0196_195.tif" n="195"/>
<p>e<lb/>zL<lb/>tk<lb/>! Er schwieg eine Weile, der Graf sah ihm fest
in's<lb/>Fs Auge. Endlich hub Ulrich wieder gn: Ich floh meine<lb/>F Tante,
die ich liebte, ich floh meinen Dnkel, den
ich<lb/>I<lb/>t<lb/><lb/><lb/><lb/>1<lb/>I<lb/>e<lb/>e<lb/>h<lb/>zi<lb/>-g1<lb/>gs<lb/>-
195<lb/>verehrte, weil das Herz meiner Mutter an dem Bru-<lb/>ß.<lb/>der
hing; ich verließ Alles, ich opferte Alles, die Nähe<lb/>der Mutter, die
Heimath, das Vaterland. Ich ver-<lb/>bannte mich, ich wollte Nichts, Nichts
als ihr Glück.<lb/>Kein Gedanke, der sie begehrte, sollte in ihrer
Nähe<lb/>sich regen! Ich hätte damit sie zu entweihen, ihr Glück<lb/>zu
entheiligen gefürchtet, das ich so wohl geborgen<lb/>wähnte an der Seite
ihres Gatten. Da kamen Sie<lb/>nach Paris.'!- =<lb/>Ulrich verstummte, auch
der Graf war stumm. Der<lb/>Freiherr warf sich auf einen der Gartensessel
nieder<lb/>und stüzte den Kopf in seine Hände, der Graf stand<lb/>wie
angewurzelt an dem Flecke und starrte den Boden<lb/>an, als habe sich vor
ihm die entsezliche Tiefe eines<lb/>grausen Abgrundes eröffnete. Endlich
raffte er sich<lb/>empvr, ging eine Strecke mehrmals langsam auf
und<lb/>nieder und blieb vor Ulrich stehen, ihn
gedankenvoll<lb/>betrachtend. Dann, als dieser sich mit plötzlichem
Ent-<lb/>schlusse aufrichtete, sagte er: ,Was wir einander noch<lb/>zu sagen
haben, Ulrich, wird kurz sein, und wir wer-<lb/>den uns für immer trennen.
Uns als Feinde zu be-<lb/>gegnen, hindert uns die Liebe für Deine. Mutter,
die<lb/>zwischen uns steht; uns jezt zu berständigen,
hindert<lb/>zz<lb/>m<lb/>ht<lb/>l<lb/>il<lb/>tit<lb/>l<lb/>lt<lb/>l<lb/>d<lb/>E<lb/>h<lb/><lb/>A<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0197_196.tif" n="196"/>
<p>19e<lb/>A<lb/><lb/>?<lb/>s<lb/>uns Veronika, die ebenfalls zwischen uns
steht. Soh<lb/>-e<lb/>laß uns denn scheiden, und=-<lb/>--F<lb/>,Und
Veronika? elef tlrich bleich nnd regungsloßI<lb/>Der Graf war ebenso blaß
geworden. ,Vertrainf<lb/>fie mir!'' sprach er mit einer Erschütterung, wie
e;<lb/>fie nie zuvor empfunden hatte. ,Vertraue sie mlel,<lb/>jezt kannst Du
sie mir anvertrauen.!<lb/>-K<lb/>Er reichte seinem Nefen die Hand, ulrich
kok<lb/>I<lb/>sich nicht überwinden, sie anzunehmen.<lb/>,Ich will
versuchen, Ihnen zu vertranen!! sagteßß<lb/>er gepreßt. Dann entfernte er
sich, und der GräfF<lb/>blieb allein zurück, sich selbst und seinen Gedanken
unö<lb/>Vorsäzen überlassen.<lb/>zguggggggggge<lb/>1 Kapitel'<lb/>Die Flucht
des Königs, die unheiluole Rückkehr F<lb/>desselben und die Ereignisse,
welche sich daran knüpf-ß<lb/>ten, hatten dem Grafen den Anlaß geboten,
einen F<lb/>Plan auszuführen, dessen Gelingen ihm jezt, nachdem<lb/>er die
Leidenschaft Ulrich's für Veronika kennen lernen F<lb/>hatte, einen Ausweg
aus der innern Bedrängniß zu j<lb/>zeigen schien, welche mehr und mehr auf
ihn einzu- F<lb/>s<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0198_197.tif" n="197"/>
<p>,?<lb/>b-<lb/>??<lb/>D-<lb/>h; stürmen begann, denn keine seiner Empfindungen
war<lb/>, eine reine und ungebrochene.<lb/>. Bei aller seiner Leidenschaft
für die Marquise, bei<lb/>F der willenlosen Hingebung, mit welcher er ihr
Vero-<lb/>F nika gevpfert hatte, und troz des Zutrauens, welches<lb/>Z, ihre
zur Schau getragene Begeisterung für die könig-<lb/>Z, liche Sache ihm
einflößte, fehlte ihm jener rechte
per-<lb/>t<lb/>1<lb/>t<lb/>1<lb/>s<lb/>T<lb/>1<lb/>?<lb/>k<lb/><lb/><lb/><lb/>sönliche
Glaube an Franziska,' der sein Glück und sei-<lb/>nen Frieden in den Händen
eines geliebten Weibes<lb/>wohl aufgehoben weiß. Es kamen doch immer
wieder<lb/>Stunden, in welchen er nicht vergessen konnte, was<lb/>einst
geschehen war, und in welchen er die ganze<lb/>Stärke seiner Leidenschaft
für sie heraufbeschwören<lb/>mußte, um die Zweifel zu übertäuben, die sich
in ihm<lb/>gegen sie erhoben und ihn dann an sich selbst' und<lb/>an der
Berechtigung seines ganzen;Thuns; irre werden<lb/>ließen. Er machte sich
dann das Unglück Veronika's<lb/>zum Vorwurf, er hätte sie lieben, i
Franziska vergessen<lb/>mögen, und fand Beides unmöglich. Er konnte
sich<lb/>keine Zukunft für sich ohne Franziska vorstellen, und<lb/>hatte
nicht Härte genng, gleichgültig an das künftige<lb/>Loos seinet Gattin zu
denken, obschon er sich nicht<lb/>scheute, sie unglücklich zu machen, da sie
noch in seinem<lb/>Hanse und in seiner Nähe lebte.-<lb/>Unentschlossene
Menschen halten sich für frei und<lb/>selbstständig, eben weil sie
unentschhlossen sind und sich<lb/>-
!<lb/><lb/>ssl<lb/>1ßs<lb/>h<lb/>ll<lb/>l!<lb/>P
s1<lb/>il<lb/>1n1<lb/>lr<lb/>ul<lb/>u<lb/>tlt<lb/>ßd!<lb/>ll<lb/>l<lb/>l<lb/>n<lb/><lb/><lb/>K<lb/>A<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0199_198.tif" n="198"/>
<p>198<lb/>h<lb/><lb/>s<lb/>F<lb/>I<lb/>also beständig in der Lage befinden,
ihren EntschläßF<lb/>noch fassen zu können; und sie meinen eine Wahl
al?<lb/>innerer leberzeugung getroffen zu haben, wennt' einZ<lb/>von Außen
kommender Anlaßß sie zum Handeln anF<lb/>teeibt. An solcher Loge war es, daß
Graf JosephFF<lb/>wie wir sahen, seiner Schwester schrieb, auf
deülZ<lb/>Rottenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem EmpfangF<lb/>herrichten
zu lassen. Die Zustände in Paris botsü P<lb/>einem besorgten Manne Anlaß
genng, an die Ent- Z<lb/>fernung seiner Frau zu denken, und der Graf
traukeF<lb/>es sich zu, von Veronika, die wirklich leidend wakß<lb/>die
Einwilligung zu einem Wcchsel ihees Aufenthaltss F<lb/>zu erlangen. War sie
erst fern von Paris, danitZ<lb/>hoffte er Alles sowohl von ihrer Güte, als
von ihrem F<lb/>Stolze. Er wufßte, daß sie ihn liebte und ihn glück-
Z<lb/>lich zu sehen wünschte, er kannte sie auch daranf, daß F<lb/>es ihr
nicht möglich wäre, seine Gattin zu bleiben,<lb/>wenn er nur einmal das
Verlangen ausgesprochen, h<lb/>seine Ehe getrennt zu sehen, und er, aus
dessen Her- F<lb/>zen Veronika's starke und ausdauernde Liebe die Mar-
F<lb/>auise nicht hatte verdrängen können, überließ sich der<lb/>Zuversicht,
daß Ulrich's Lebe Veronikas Herz gewin- ß<lb/>nen und daß sie dahin kommen
werde, in einer Ehe F<lb/>mit tlrich das Glück zu finden, das er selbst ihr
nicht ß<lb/>hatte bereiten können. Regte sich dann jenes Gefühl<lb/>der
Eifersucht in ihm, mit dem er die Frau, welche F<lb/>n<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0200_199.tif" n="199"/>
<p>.<lb/><lb/>F er zu lieben geglaubt und die er als sein Weib be-<lb/>Ff sessen
hatte, sich nicht als die Gattin eines
Andern<lb/>1<lb/>!<lb/>?<lb/>1<lb/><lb/><lb/>l<lb/>T<lb/>t<lb/>denken
konnte, so kämpfte er es nieder, oder bezeich-<lb/>nete sich seine
Eifersucht als die !Strafe und Buße,<lb/>welche er zur Sühne für den Irrthum
seines Herzenö<lb/>und zur Herstellung und Aufbauung eines
allseitigen<lb/>Friedens und Glückes freiwillig über sich nehmen<lb/>müsse..
Er hatte den vollen Leichtsinn eines durch<lb/>sein günstiges Loos
verwöhnten und darum zu bestän-<lb/>digem Selbstbetrug geneigten
Menschen.<lb/>Sein Schreiben, das bei der damaligen Lage
der<lb/>1<lb/>l<lb/>s<lb/>199<lb/>Dinge nur durch die Vermittelung
vertrauter Personen<lb/>über die Grenze zu bringen war, erreichte die
Freifrau<lb/>erst, als der Sommer sich schon zu seinem Ende neigte,<lb/>und
hätte Veronika daran gedacht, sich der Anordnung<lb/>ihres Gatten zu fügen,
so hätte sie sich bereits auf<lb/>dem Rottenbuel befinden müssen, ehe des
Grafen Brief<lb/>seiner Schwester zu Händen, kani. Indeß wie sehr<lb/>der
Graf auch in Veronika drang, Paris für den<lb/>Augenblick zu verlassen, in
dein einen Pünkte fand er<lb/>sie unnachgiebig, da er aus Scheu vot den
Erörterun-<lb/>gen und Erschütterungen, welche einer solchen Erklä-<lb/>rung
nothwendig folgen mußten, ihr nicht von seinem<lb/>Verlangen nach einer
Trennung seiner Ehe zu sptechen<lb/>I! wagte.<lb/>=;<lb/>n=! Veronika's
Leben wurde von diesem Zeitpunkte ab<lb/><lb/>agsJssss =ssg== zss= =-=- ====
=<lb/>- =-<lb/>j<lb/><lb/>l<lb/>l<lb/>t<lb/>1<lb/>I<lb/>g<lb/>-- F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0201_200.tif" n="200"/>
<p>O<lb/>A<lb/>I<lb/>g<lb/>s«<lb/>also nur noch trauriger. Ulrich, dessen Treue
ihr stets,<lb/>ein Trost gewesen, ließ sich nicht mehr sehen, und
ihülh?<lb/>zu schreiben mußte sie sich versagen, da der Graf. slö<lb/>von
einem Zerwürfniß unterrichtet hatte, welchesNF<lb/>zwischen ihm und seinem
Neffen statigefunden. Die'ß<lb/>Freunde und Gesinnungsgenossen des Grafen,
vonß<lb/>denen Veronika einst mit so auszeichnender Zuvorkons h<lb/>menheit
empfangen worden war, hatten die Theilnahme F<lb/>für sie verloren, weil der
Graf selbst sie vernachlässigte ß<lb/>und weil man ihr, Dank den Andeutungen
der Mas F<lb/>auise, zu mißtrauen angefangen htte. Man wfs F<lb/>daß der
Freiherr von Thuris, ihr Freund und Iugenö? g<lb/>genosse, unter den
Mitgliedern der National-Versamnb z<lb/><lb/>lung Bekaunte und Freunde
zählte, und blind wie der F<lb/>Parteihaß es in Zeiten großer Krisen immer
ist, kostete P<lb/>es ranziska wenig Mühe, das plöpliche Ausbleibe F<lb/>des
Freiherrn aus dem gräflichen Hause mit der ge z<lb/>litischen
Unzuverlässigkeit Veronika's in Verbindung<lb/>zu bringen, gegen welche ihr
Gatte es endlich nöthig<lb/>gefunden habe, sich zu schützen.<lb/>Niemand
sprach davon mit dem Grafen. Eine<lb/>Treulosigkeit seines Weibes wäre in
den Augen der<lb/>Gesellschaft, zu welcher er gehörte, für ihn keine
solche<lb/>Schmach gewesen, als ihre mangelnde Hingebung an<lb/>die gute
Sache und an das königliche Haus; nnd da<lb/>man, sonst an Huldigungen und
Ehrenauszeichnungen<lb/><lb/>V<lb/>k<lb/>E<lb/>y<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0202_201.tif" n="201"/>
<p>K<lb/>A1<lb/>zI!<lb/>IFF! aller Art gewöhnt, jezt der Beleidigungen und
De-<lb/>-?gf!<lb/>sFs müthigungen genng zu tragen hatte, machte man
sich<lb/>s ein Vergnügen daraus, diejenige, bei welcher nian eine<lb/>sHs
abweichende Gesinnnng voiaussezte, die Kränkungen<lb/>Fs entgelten zu
lassen, die man von dem Volke hinneh-<lb/>xs wen mßte<lb/>e. F! So kam es,
daß die Gräfin, von den Freunden<lb/>rFF! ihres Mannes nicht gesucht und'
sie ebenfalls nicht<lb/>,Efs<lb/>zs suchend, weil sie mehr oder weniger
Freimnde und An-<lb/>g F! hänger der Marquise waren, sich mitten in Paris
in<lb/>Vtzl<lb/>einer Einsankeit befand, die niederdrückend war,
weil<lb/>P<lb/>g; ihr die Ruhe uitd der Friede freiwsilligeit
Alleinseins<lb/>g l<lb/>Oß! fehlten. Und als endlich die wwachsende Gefahr
für die<lb/>-! Sicherheit der königlichen Familie deni! Gtasen
die<lb/>V<lb/>=e; Pflicht auferlegte, seine Dienstwohnung in det
Kasekne<lb/>ßl<lb/>gFf! seines Regimentes zu beziehen, ußn in jedem
Aigen-<lb/>ez;<lb/>; blicke auf seinem Posten zu sein, herrschte in!
dem<lb/>=I; schönen Hotel, in welchem Beronikä krairig und ver-<lb/>s<lb/>?!
lassen weilte, eine Stille, als befände sie sich in einem<lb/>.<lb/>!
Kloster.<lb/>s-'!<lb/>Was bon außen durch die Zeikungen und
durch<lb/><lb/>Je - die Berichte ihrer Leute zu ihr drang, ttug dazu
bei,<lb/>. - ihr die Verlassenheit noch schwerer zu machen, und<lb/>E s die
Besuche, welche der Graf ihr abstattete, ließen sie<lb/>h!<lb/>z nur zu
deutlich empfinden, daß er keine Gemeinschaft<lb/>F- mehr mit ihr habe, daß
ihr kein änderer.Antheil
mehr<lb/>e.<lb/>«<lb/>s<lb/>-<lb/>F<lb/>?<lb/>gggggog=e,<lb/>- -=- - -- =
s«<lb/>us<lb/><lb/>E<lb/>A<lb/>m<lb/>ß<lb/>z<lb/>t<lb/><lb/>ul<lb/>l<lb/>uh<lb/>gk<lb/>1<lb/>P<lb/>ts<lb/>tl<lb/>Al<lb/>!<lb/>1<lb/>--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0203_202.tif" n="202"/>
<p>?<lb/>ß<lb/>ic.<lb/>RF<lb/>P<lb/>F<lb/>an ihm geblieben, als die Angst und
die Sorge, mnitsz'<lb/>welcher sie ihn im Geiste begleitete, wenn er von
ihtßßß<lb/>entfernt war. Selbst die Hoffnung auf irgend eineäsß<lb/>Zufall,
welcher eine Aenderung in dem Sinne ihress(<lb/>Gatten erzeugen oder ihr die
Gelegenheit geben würdsfF<lb/>seine Neigung wieder zu gewinnen, fing an ihr
zu:E<lb/>entschwinden.<lb/>Tag auf Tag, Monat auf Monat waren so dahin-
F<lb/>geschlichen, der Herbst, der Winter waren vergangen, Z<lb/>der
Frühling zurückgekehrt und von dem Sommer ver? Z<lb/>drängt worden, und
Veronika hatte die lange Zeit Z<lb/>nach Stunden abgezählt und in Gram
durchmessen. F<lb/>Aber auch der Frau von Thuris war es in ihren
F<lb/>Schlosse nicht besser ergangen. Sie war stets die F<lb/>Vertraute
ihres Sohnes gewesen, seit er selbst sein g<lb/>Herz erkannt hatte, und sie
wußte Alles, was in Paris<lb/>zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohne
vorgefallen g<lb/>war. Ulrich's Briefe, der Herzenskummer, welchen sie
ß<lb/>aus jedem derselben herauslas, auch wenn er sich nicht F<lb/>beklagte
und nicht von sich sprach, die Schilderungen, Z<lb/>die er ihr von
Veronika's leidendem Zustande maäh?e. ß<lb/>und ihres Bruders wiederholtes
Verlangen, daß sfe g<lb/>die Gräfi bestimmen möge, nach der Schweiz zurß
F<lb/>zukehren, ließen der Fieifrau endlich keine Ruhe mehn g<lb/>in ihrem
Schlosse.<lb/>s<lb/>Abwarten, Zusehen, Geschehenlassen war nicht
in<lb/>t<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0204_203.tif" n="203"/>
<p>fz-<lb/>t!<lb/>l1<lb/>t!<lb/>i<lb/>l1<lb/>2<lb/>hrer Art, und sie hatte sich
schon seit Jahren den<lb/>Zwang der schweigenden Zurückhaltung auferlegt.
Das<lb/>war ihr um so schwerer gefallen, äls ihre ehtliche und<lb/>strenge
Gewissenhaftigkeit es ihr beständig vorgehalten,<lb/>daß sie es gewvesen
sei, welche die Heiräth ihres Bru-<lb/>t!<lb/>ders mit Veronika geplant, daß
sie es gewesen, welche<lb/>s F die Beiden für einander einzunehmen und zu
gewin-<lb/>F nen gestrebt, und daß ihr Verlangen, den Stamm der<lb/>l-<lb/>g
z! Grafen von Rottenbuel nicht erlöschen zu sehen, mit-<lb/>1 F bestimmend
auf den Entschluß ihres Bruders einge-<lb/>s ß wirkt, der, als er von
Frankreich gekommen war, im<lb/>Gefühl seiner Abhängigkeit von Franziska,
nur wenig<lb/>an eine Heirath gedacht hatte.<lb/>z<lb/>d<lb/>,
e!<lb/>F!<lb/>Wo sie gefehlt, wo sie Unheil gestiftet zu haben<lb/>glaubte,
wollte sie auch, so viel an ihr war, herstellen<lb/>und tragen helfen; vor
allen Dingen aber wollte sie<lb/>bei den Ihren sein, wollte init eigeien
Augen sehen,<lb/>mit eigenen Ohren höten, den Sohn,' die
Pflegetochter,<lb/>T<lb/>den Bruder wo möglich aus einem Banne'erlösen,
dessen<lb/>Fs unselige Folgen vielleicht durch ein zu rechter Zeit
ge-<lb/>F! sprochenes Wort noch zu beschwören wwaren, und<lb/>y! wenn Gefahr
ihnen drohte, wollte sie sie theilen, statt<lb/>Fs sie aus quälender Ferne
mit verdoppelter Herzensangst<lb/>jZ! für Aües, was sle Gellebes «uf Eeben
besaß, an<lb/>s! jedem Tage zu
befürchten.<lb/><lb/><lb/>z!<lb/>kl<lb/>ouwauä<lb/>====s===aaaassssaa<lb/>h<lb/>tl<lb/>h<lb/>llh<lb/>tltt<lb/>uil<lb/>A<lb/>sk<lb/>uk<lb/><lb/>i<lb/>ki<lb/>tn<lb/>i<lb/>kn<lb/>Ek<lb/>E<lb/><lb/>e<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0205_204.tif" n="204"/>
<p>Ws<lb/>- 1.
Kapitel<lb/>H<lb/>K<lb/>R<lb/>V<lb/>l<lb/><lb/>h<lb/>g!<lb/>a<lb/>Die
Freifrau hatte sich in der lezten Hälfte des,ß<lb/>Juli auf den Weg gemacht,
aber es war damals nichkIZ<lb/>leicht, vom Auslande her die französische
Grenze zk' P<lb/>passiren, und Ichwerer noch, nach Parid zu gelangen
F<lb/>wenn man einen aristokratischen Namen trug. Con. F<lb/>radine hattte
sich also entschlossen, in ihrem Passe auf F<lb/>denselben zu verzichten.
Ihr Kammerdiener, der artig Z<lb/>in Holz zu schneiden verstand, hatte den
Paß für sich F<lb/>und eine kranke Schwester ausstellen lassen, welche in
P<lb/>Paris einen Arzt berathen sollte, während er die Hol- F<lb/>waaren,
die man aufgekauft hatte, an den Mann zu P<lb/>bringen suchte.<lb/>Auf
weiten mwegen, nach beschwerlichee vdess F<lb/>langte die Freifrau auf diese
Weise in ihrem beschei- P<lb/>denen, mit Kisten bepackten Wagen, den stolzen
Kopf F<lb/>in der weißen Dormeuse der Bürgerfrau verhüllt, vor Z<lb/>den
Thoren von Paris an, das sie seit einer langen ß<lb/>Reihe von Jahren nicht
mehr gesehen hatte.<lb/>Es war der achte August des Jahres siebzehnhun-
F<lb/>dertzweiundneunzig. Die Sonne war schon unterge- F<lb/>gangen, aber es
war noch nicht Nacht. Der Tag wer F<lb/>heiß gewesen, es regte sich kein
Windhauch; ein schwerer j<lb/>Dunst erfüllte die ganze Luft und hüllte die
Stadt ß<lb/>in ein dumpfes fahles Grau ein.<lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0206_205.tif" n="205"/>
<p>-<lb/>T<lb/>Auf dem Wachtposten am Thore ging es
unruhig<lb/>s<lb/><lb/><lb/>k<lb/>s<lb/>i<lb/><lb/><lb/>französischen Heeres
angehörten, saßen. zwischen den<lb/>Soldaten, welche den Posten besezt
hielten. Es war<lb/>ein Trupp von den siebenhundert Föderirten, die
einige<lb/>Tage vorher von Marseille nach' det Hauptstadt ge-<lb/>kommen
waren, und das Erste, was die Freifrau in<lb/>Paris vernahm, war ein
frechesSpottlied äuf dieKönigin.<lb/>Je weiter sie in die Stadt hineinfuhr,
um so mehr<lb/>fiel ihr die Veränderung auf, welche sich in
dekselben<lb/>vollzogen hatte. Sie kannte die Straßen, es waren<lb/>die
alten Wege und die alten Häuser, aber ihre Be-<lb/>völkerung schien nicht
mehr dieselbe zu sein. National-<lb/>braunen, stets lärmenden
südfranzösischen Föderirten,<lb/>Weiber und Männer aus bem Volke, oelche
sonst am<lb/>Wochentage ihre Werkstätte in den eitlegenen Vor-<lb/>städten
nicht zu verlassen pflegten, trieben sich in mü-<lb/>ßiger Untuhe auf den
Boulevards umher und waren,<lb/>als die Freifrau den Plaz Ludwig's des
Fünfzehnten<lb/>passirte, üm sich nach der im Faubourg St.
Germain<lb/>belegenen Wohnung ihres Sohnes zu begeben, auf dem<lb/>Plaze in
großer Anzahl und in aufgeregter Stimmung<lb/>;
versammelt.<lb/>-<lb/><lb/>strich hatten und doch nicht irgend einer Uniform
des<lb/>pikenbewaffnete Mäimner und dazwische die
kleinei,<lb/>z<lb/>g<lb/>her. Männer in Trachten, die einen militärischen
An-<lb/>garden mit der blau und rdthen Kokarde von
Paris,<lb/>ss<lb/>t.<lb/><lb/>E<lb/>d<lb/>ß<lb/>E<lb/>h<lb/>E!<lb/>ül<lb/>ß<lb/><lb/>hl<lb/>l<lb/>i!<lb/>A<lb/>T<lb/>1<lb/>T<lb/>E<lb/>d<lb/>z<lb/>»hK<lb/>?F<lb/>es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0207_206.tif" n="206"/>
<p>Ns<lb/>P<lb/>A<lb/>g<lb/>F<lb/>An einer Stelle, an welcher ihr Wagen
haltez<lb/>mußte, weil man in dem Gewühle sein HerankommekZ<lb/>nicht
beachtet hatte, bog Conradine sich heraus, unh<lb/>zu erfahren, was sich da
begeben. ,Was geht hiet-F<lb/>vor? fragte sie den Nächststehenden, einen
Mann in<lb/>guter bürgerlicher Kleidung. Er sah sie verwundertP<lb/>an,Woher
kommen Sie, Madame,. entgegnete et, F<lb/>,baß Sie nicht wissen, was heute
geschehen ist? Ske ß<lb/>haben Lafayette den Verräther freigesprochen, und
es F<lb/>ist Zeit, daß man solchen Freisprechungen ein Ende
P<lb/>T<lb/>macht !<lb/>Ulrich war nicht zu Hause, als seine Mutter bei
F<lb/>ihm anlangte. Er hatte den Brief nicht erhalten, in F<lb/>welchem sie
ihm ihre Absicht, nach Paris zu kommen, F<lb/>mitgetheilt, es war also keine
Vorkehrung irgend einer F<lb/>Art für sie getroffen worden. Nur der alte
Diener, Z<lb/>rr A!<lb/>zu sagen, wohin sich lrich begeben, noch wann er
F<lb/>wiederkehren würde.<lb/>b<lb/>Auf Conradinens Frage, ob der Junker
wohl sei, h<lb/>antwortete der Diener bejahend, indeß er fügte achsel-
F<lb/>zuckend hinzu: , So wohl, als Einer es hier bleiben ß<lb/>kann, wo
Alles drunter und drüber geht. Unser Z<lb/>Junker ist auch nicht mehr
derselbe. Er hat keine sz<lb/>Ruhe mehe. Bew ist er hier, batd dort In
der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0208_207.tif" n="207"/>
<p><lb/><lb/>t<lb/>1<lb/>1<lb/>!<lb/><lb/><lb/>i<lb/>d<lb/>t:<lb/>d<lb/>A??<lb/>lezten
Woche ist er ein paar Mal initten' in ber Nacht<lb/>noch aufgestanden und
fortgegangen, wenn es unryhig<lb/>in den Straßen war. Heüte ist ber Juiker
seit dem<lb/>Morgen nicht nach Hause gekonimen und, gnädige<lb/>Frau
verzeihen Sie, daß ich dies säge, zu ihren gräf-<lb/>lichen Gnaden dem Herrn
Onkel und der Frau Tante<lb/>lst er fast seit Jahr und Tag nicht mehr
gegangen!<lb/>Die gnädige rau werden äuch finden, daß unser<lb/>Junker nicht
nehr seine rothen Backen und seine<lb/>hellen Augen hat, wie sonst!<lb/>Erst
nach Mitternacht kehrte Ulrich heim, und<lb/>seine Mutter mußte sich
überzeigen, daß der alte<lb/>Diener wahr gesprochen. Ulrich war sehr
verändert.<lb/>Seine Gestalt war noch fester und männlicher, aber<lb/>sein
Antliz war schwermüthig geworden, seine Wangen<lb/>waren bleich und in
seinen Augen leuchtete eine dunkle<lb/>Gluth, die sich hier und da unter den
schmerzlich und<lb/>müde herabsinkeden Lidern verbärg. E war
unver-<lb/>kennbar, daß er viel gelitten, und baß ihm neben der<lb/>Ruhe der
Seele auch körperlich die nöthige Ruhe ge-<lb/>fehlt hatte.<lb/>Sie hatten
viel mit einander zu sprechen, die<lb/>Mutter und der Sohn, und der Morgen
dämmette<lb/>herauf, als die Freifrau sich ermüdet für ;eine Stunde<lb/>auf
des Sohnes Lager legte, der in einem Sessel' dn<lb/>ihrer Seite ruhte. Er
nannte es den ersteit
erauicken-<lb/>s<lb/>ut<lb/>h<lb/>ki<lb/>h<lb/>kt<lb/>i<lb/><lb/>E<lb/>AEt<lb/>ut<lb/>E!<lb/>d<lb/>s<lb/>k<lb/>l<lb/>1<lb/>k<lb/>l<lb/>h<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0209_208.tif" n="208"/>
<p>28<lb/>v,<lb/>s<lb/>s<lb/>F;<lb/>I<lb/>den Schlaf, den er seit lange genossen
hatte, als e;<lb/>von der Helle des Tages erweckt, mit
erleichtertsü,z<lb/>Herzen in das ernste, klare Auge seiner Mutter
schautößh<lb/>Als Conradine am Arme ihres Sohnes die Steaß<lb/>betrat, um
sich zu Fuß nach dem Hotel ihres BriF?<lb/>ders zu begeben, fanden sie es
auf ihrem Wege ruhigß<lb/>Die Sttadt war stiller als seit langer Zeit. Wie
eäsF<lb/>Löwe, ehe er sich zu gewaltigem Sprunge entschließhIg<lb/>einen
Schritt zurückweicht und Kraft zum Ansaz santh?F<lb/>melnd, schweigend
daliegt, so ruhte die Volksmasse vöiH<lb/>s<lb/>Paris am Morgen des neunten
August.<lb/>A<lb/>Man wußte, was in der gesetzgebenden Versamm<lb/>lung
vorging, man kannte den Bericht im Voraus,F<lb/>welchen der Maire von Paris
an dem Tage verlesen F<lb/>lassen würde, denn die Insurrection, vor der er
war-F<lb/>nen zu wollen schien, war bereits eine beschlossene
F<lb/>A<lb/>Sache. Die Minister verlangten in der Versammlung Z<lb/>den
Schuz derselben für den König, und in dem F<lb/>Elub der Cordeliers, in
welchem die Marseiller Con- F<lb/>föderirten sich befanden, beschuldigte
Danton Ludwig Z<lb/>den Sechszehnten, daß er eben an diesem Tag und F<lb/>in
dieser Nacht die Hauptstadt mit Feuer und Schwert F<lb/>zum Gehorsam und in
seine Gewalt zu bringen be- Z<lb/>absichtige. Er erinnerte daran, daß die
fremden<lb/>Alliirten in ihren Manifesten geschworen, in Paris<lb/>keinen
Stein auf dem andern zu lassen; und der<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0210_209.tif" n="209"/>
<p>A<lb/>z-<lb/>t.<lb/><lb/>k<lb/>209<lb/>Vorsaz des Volkes, keinen Stein des
Tuilerien-Schlosses<lb/>auf dem andern zu lassen, war die Folge seiner
Rede.<lb/>Jedermann wußte es, Jeder mußte sich es sägen,
man<lb/>k!<lb/>stand vor einer schweren Entscheidung, vor dem Be-<lb/>ginn
des furchtbaren lezten Kampfes, es handelte sich<lb/>h<lb/>um Erhaltung oder
Untergang der Monarchie. Und<lb/>k'<lb/>neben diesem die Welt bewegenden
Vorgange, um<lb/>welche Gefahr und welche Verluske hatte der
Einzelne<lb/>sich zu sotgen!<lb/>s<lb/>Als die Freifrau in dem Hotel des
Grafen erschien,<lb/>fand sie Veronika nicht zu Hause. Ihre Unruhe
hatte<lb/>sie angetrieben, nach dem Schlosse zu fahren, wo
die<lb/>Schweizergarde ihren Dienst that. Die Oberofficiere<lb/>kamen schdn
seit Tagen kaum zur Ruhe, denn man<lb/>hatte eine Abtheilung der Schweizer
in die Normandie<lb/>geschickt uid sie nicht zurückberufen, weil die
gesezge-<lb/>e<lb/>bende Vetsamnlung überhaupt die Entfernung
der<lb/>t<lb/>Schweizer gefordert hatte Es waren ihrer also kaum<lb/>noch
tausend in Parid, der Haß! der gänzen Bevöl-<lb/>kerung waer gegen sie
gerichtet, -und der Graf war<lb/>t<lb/>bereits seit mehreren Tagen nicht in
seinem Hause ge-<lb/>wesen. Die wiederholten Aufläufe hatten ihn in
den<lb/>Tuilerien festgehalten. Jede Stunde konnte einen<lb/>Kampf bringen,
konnte unter den obwaltenden Ver-<lb/>i<lb/>hältnissen die letzte für ihn
werden, und Veronika's<lb/>z<lb/>i<lb/>t!<lb/>ganze Seele war darauf
gestellt, ihn zu sehen, ihn zu<lb/>Lewald, Kleine Romane.
N<lb/>1<lb/>n<lb/>Cn<lb/>Ir<lb/>i<lb/>h<lb/>gn<lb/><lb/>h<lb/>It<lb/>ä<lb/>d<lb/>K<lb/>i<lb/>zt<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0211_210.tif" n="210"/>
<p>1d<lb/>V<lb/><lb/><lb/><lb/>sprechen. Indeß die Posten im äußßeren Umkreis
bes F<lb/>Schlosses waren nicht von den Schweizern, sondern F<lb/>von den
Nationalgarden besetzt, und nach allen ihregF<lb/>vergeblichen Versuchen,
Einlaß in das Schloß zu er-'H<lb/>halten, kehrte die Gräfin, ohne ihren
Sweck erreicht zu F<lb/>haben, in ihr Hotel zurück.<lb/>Bleich, erschöpft,
im Jnnersten verzagt, so trat sie Z<lb/>in ihr Zimmer und mit einem
Aufschrei, der das F<lb/>ganze Elend ihres Herzens offenbarte, sank sie, als
sie F<lb/>die Freifrau so unerwartet vor sich sah, der Freundin,<lb/>der
Schwester ihres Gatten in die Arme. Daß Ulrich,,ß<lb/>der sie so lange
gemieden, jetzt wieder in ihr Haus F<lb/>gekommen war, schien ihr nicht
aufzufallen. Sie hatte F<lb/>nur einen Gedanken, die Gefahr, welche dem
Grafen F<lb/>drohte, nur ein Verlangen- Kunde zu erhalten von F<lb/>dem, was
in der Stadt geschah, was für ihn zu F<lb/>fürchten war.<lb/>Ulrich ging und
kam. Er vergaß sich selbst, ver- F<lb/>gaß die zornige Abneigung, welche er
gegen den<lb/>Grafen hegte, es war kein Tag, an welchem ein Mann F<lb/>wie
er an sich selber denken konnte.<lb/>Spät am Abende klopfte es an das äußere
Thor des ß<lb/>Hotels. Beronika sprang empor, es war der Graf, F<lb/>sie
kannte seine Art und Weise. Das Aussprechen F<lb/>ihres langverhaltenen
Grames, die vertrauten Unter- F<lb/>redungen mit der Freifrau hatten das
Herz der Grä- F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0212_211.tif" n="211"/>
<p><lb/><lb/><lb/>d<lb/><lb/>T<lb/><lb/>fin aufgeregt, die Erinnerung an die
Tage des Glückes,<lb/>welche sie als Braut und äls Neuvermählte
unter<lb/>Conradinens Augen verlebt, hatke ihr wieder auf's<lb/>Neue das
volle Bewußtsein ihrer großen Liebe für<lb/>den Grafen gegeben, und als ob
Nichts sie getrennt<lb/>hätte alle diese Jahre her, so eilte sie ihm
entgegen.<lb/>,, Gott Lob, daß Du da bist, daß Du lebst!<lb/>rief sie aus,
da er in die Halle eintrat, und warf sich<lb/>ihm an die Brust.<lb/>Der Graf
schloß sie in seine Arme, das war lange<lb/>t<lb/>k<lb/>l<lb/>A<lb/>nicht
geschehen.,Armes Weib !' sagte er, ,DDu freust<lb/>Dich, daß ich lebe, und
ich habe Dir doch keine Freu-<lb/>den gebracht!<lb/>Er war aufgeregt von
raschem Gange, und eine<lb/>tiefe Schwermuth umhüllte sein Gesicht; aber
Vero-<lb/>nika bemerkte das kaum. Der Ton der Güte, welcher<lb/>von seinen,
Livpen erklang, die Worte, welche er zu<lb/>ihr sprach, nahmen ihren ganzen
Sinn gefangen, und<lb/>die Hoffnung, daß jener Augenblick der
Herzenswand-<lb/>lung gekommen sei, auf den sie sich in den Zeiten<lb/>ihres
bittetsien Schmerzes doch noch oft vertröstet<lb/>hatte, der Gedanke daß die
Stunde der Gefahr ihn<lb/>in sein Inneres habe blicken laffen, und daß er
er-<lb/>kannt habe, was er an der Liebe seiner Gattin besize,<lb/>schwellte
ihre Seele mit Freude und Zubersicht. .<lb/>, Komn! komm! rief sie, indem
sie ihn mit
zärt-<lb/>Ju<lb/>e!<lb/>Et<lb/>ts<lb/>h<lb/>h<lb/>l<lb/>k<lb/>i<lb/>In<lb/>As<lb/>E<lb/>n<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0213_212.tif" n="212"/>
<p>AlR<lb/>A<lb/>z<lb/>z<lb/>licher Hst nach dem Saale leitete, in wetche
MF<lb/>Freifrau und deren Sohn sich aufhielten, ,komnm ük5Z<lb/>sieh es
selber, wie in guter Stunde uns alles EeZ<lb/>g<lb/>wiederkehrt.r!<lb/>De
Thüren waren offen geblieben, als VeroF<lb/>dem Grafen entgegengeeilt wwar,
und mit den nächsti?Z<lb/>Schritten vorwärts sah der Graf seine Schwester
und ßß<lb/>seinen Neffen vor sich. Seine Wange erbleichte, lkF<lb/>er sie
gewahrte, er war seiner eigenen EmpfindungEs<lb/>nicht sicher, in so raschem
Wechsel lösten sie einander,<lb/>ab; indeß er faßte sich gewaltsam, und
Beiden, dEkF<lb/>Rreifrau und tlrich, die Hände reichend, sprach er: ,h?
F<lb/>seid, wieFreunde in derNoth, zu rechter Zeit gekommen!? F<lb/>Die
Feierlichkeit des Grafen erschütterte die Sei- Z<lb/>nen; aber die Freifrau
wollte das bange Ahnen, ds F<lb/>sich ihrer plözlich bemächtigte, nicht in
ssch aufkommet F<lb/>lassen, und in den Ton gewöhnlicher Bewegung ein-
F<lb/>lentend, sprach sie: , und Du wunderst Dich nlht Z<lb/>mich hier zu
finden, Du fragst nicht, was mich hier- Z<lb/>her geführt?<lb/>Indeß es
gelang ihr nicht, die Stimmung Ihres F<lb/>Bruders umzuwandeln.,Was Dich
auch hergebrachk ß<lb/>hat, sagte er mit. demselben ruhigen Ernste, ,ich
F<lb/>danke es Dir, daß Du hier bist, daß Ihr Beibe hier<lb/>seid! Ihr nehmt
eine schwere Sorge von mir und I<lb/>befreit mir das
Herz!''<lb/>z<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0214_213.tif" n="213"/>
<p>ke h<lb/><lb/>l<lb/>Er hatte dabei stets die Hand Veronika's, die<lb/>bleich
und angstvoll zu ihm emporschaute, in der seinen<lb/>behalten. Jezt rief
sie, sich mit ihrer Stirne an seine<lb/>Schultern lehnend: ,O, sprich nicht
so! sprich nicht<lb/>also, Joseph! Du redest wie Einer, der =- =-
Sie<lb/>schauderte zusammen, ihre Lippeit sträübten sich
es<lb/>auszusprechen, was sie dachte. f<lb/>Der Graf drückte ihr die Hand
und' leitete sie zu<lb/>einem Sessel.,Erinnerst Du Dich,! sagte er zu
Ulrich-<lb/>,wie ich Dich einst tadelte, als Du an jenem Mor-<lb/>gen,
welcher dem Chevalier von Lagnac das Leben<lb/>kostete, mich an meine
Pflichten. gegen meine Neber-<lb/>lebenden erinnertest? Heute habe ich
selbst daran<lb/>gedacht.-<lb/>I<lb/>18<lb/>, Mein Bruder,, sagte Conradine,
und auch von<lb/>ihrem Antliz war die Farbe entwichen, ,ist denn der<lb/>F
Gang so ernst, den Du zu gehen hast? st de Ge-<lb/>, fahr so groß, die Dich
bebroht?<lb/>Der Graf antwortete nicht gleich, er mochte über-<lb/>! legen,
ob es gerathen sei, den Seinen die ganze Wahr-<lb/>j heit mitzutheilen, aber
die dringende Bitte der Frauen<lb/>! bestimmte seinen Entschluß.<lb/>,Ja!',
sagte er, ,uns steht ein ernster, ein schwe-<lb/>! rer Tag bevor, und
doppelt schwer, weil das weiche<lb/>s Herz des edelsten der Könige
zurückschrickt vor der<lb/>;! Nothwendigkeit, die Macht, welche noch in
seinen
Hän-<lb/>nsr<lb/>s-<lb/>uß<lb/>Ei<lb/>ih<lb/>Et!<lb/>uu<lb/>lh<lb/>!<lb/>Ih<lb/>b<lb/>7<lb/>i<lb/>j?<lb/>gT<lb/>O
h<lb/>?-<lb/><lb/>zF;<lb/>1H<lb/>.;<lb/>;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0215_214.tif" n="214"/>
<p>L<lb/>A<lb/><lb/>k<lb/>?<lb/>den ist, gegen die verruchte Rotte der Empörer
z<lb/>gebrauchen.! -- Er hielt inne, zog ein Pack PapieSF<lb/>aus seinem
Busen und reichte sie Ulrich hin.,DF<lb/>Leit drängt, ich muß in einer
halben Stunde äeß<lb/>meinem Posten sein!'' sprach er.,Was mir,
wwosZ<lb/>Jedem von uns in dieser Nacht oder an dem morF<lb/>genden Tage
begegnen mag, kann man nicht wisseii g;<lb/>z<lb/>Für alle
Fälle---<lb/>Veronikn ließ ihn nicht zu Ende sprechen, sie wäk F<lb/>außer
sich vor Aufregnng, und sich ihm zu RüßenF<lb/>werfend, rief sie mit
flehender Bitte: ,Joseph! gehe J<lb/>nicht fort, geh' jept nicht fort von
mir, da ich endlich,F<lb/>endlich wieder den wahren, den alten Ton Deinet
H<lb/>Stimme vernehme !'-<lb/>Sie konnte vor Schmerz nicht weiter reden, er
F<lb/>hob sie sanft empor.,Weine nicht, Veronika!! sagte F<lb/>er mit trübem
Lächeln, .ich habe Deine Thränen nicht F<lb/>verdient, und es handelt sich
heut' um Größeres, als Z<lb/>um unser Leben und um unsern eigenen Schmerz.!
H<lb/>Mit einer Ruhe, wie er sie lange nicht mehr be- F<lb/>sessen hatte,
sprach er von der Stimmung des Volkes, F<lb/>von der Lage, in welcher ver
König und mit ihm die F<lb/>Monarchie sich befaden, von den Mitteln der Ver-
ß<lb/>theidigung, welche man besaß, und von der festen
F<lb/>Entschlossenheit der Schweizergarden, bei dem Könige Z<lb/>auszuharren
bis auf den lezten Mann. Die Seinen F<lb/>T<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0216_215.tif" n="215"/>
<p>t -<lb/>O<lb/>l<lb/>i<lb/><lb/>waren ernst und ergrifen wie er. Die Größe
und<lb/>Bedeutung des Augenblicks hob Jeden über sich
selbst<lb/>empor.<lb/>Noch während er sprach, hörte man
Trommelwirbel<lb/>aus der Ferne. Der Graf richtete sich horchend
empor;<lb/>Veronika erbebte, als sie sah, wie er seiie Augen nach<lb/>dem
Tische richtete, auf den er Hut und Degen hin-<lb/>gelegt. ,Ich mnß fort!''
sagte er. Veronika trat<lb/>noch einmal an ihn heran. Mit heißer Bitte
beschwor<lb/>fie ihn, ihr Nachricht von sich zu senden, und er sagte<lb/>ihr
dies zu. Dann wendete er sich zu Ulrich.,Das<lb/>Packet, das ich Dir gegeben
habe, enthält mein Te-<lb/>stament. Falls mir ein Menschliches begegnen
sollte,<lb/>sorge für seine Ausführung und sorge für Veronika!r<lb/>--- Er
nahm ihre Hand, legte sie in Ulrich's Rechte<lb/>und wiederholte:,Dir
vertraue ich ihre Zukunft an,<lb/>mache sie glücklicher als ich!'
-<lb/>,Aber woher diese ungewöhnliche -Sörge, mein<lb/>Dnkel?! rlef Ulrich
sich ermannend, weil er einen An-<lb/>halt suchen mußte gegen die
widersprechenden Gefühle,<lb/>die in ihm auf- und niederwogten.,Woher diese
un-<lb/>gewöhnliche Traurigkeit, meine Mutter? Muth, Ve-<lb/>ronika! Muth,
meine Mutter! laßt Euch nicht nieder-<lb/>werfen. Ist's doch des Onkels
Pfliht, vorsorglich alle<lb/><lb/>Möglichkeiten zu erwägen - auch jene
MöFlichkeit,-<lb/>die hofennich icht eintrfftl s Ahe hsrts ja!
der<lb/><lb/>ge<lb/>Ii<lb/>Il<lb/>k!<lb/>ll<lb/>t<lb/>hh<lb/>z<lb/>uun<lb/>l<lb/>ht:<lb/>t<lb/>hä<lb/>i<lb/>l!<lb/>I<lb/>v<lb/>z<lb/>I<lb/>?<lb/>t<lb/>zz<lb/>1<lb/>u<lb/><lb/>tt'n<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0217_216.tif" n="216"/>
<p>N1s<lb/>ß<lb/>I<lb/>H<lb/><lb/><lb/>ßs<lb/>Onkel sagt's Euch, daß seine
Truppen, daß die Nationale; ß<lb/>garden vom besten Sinne beseelt sind, daß
die An- F<lb/>hänger des Königs, Jüünglinge, Männer und Greiss' F<lb/>der
alten Adelsgeschlechter sich um den König schaaren, D<lb/>daß im Volke
vielfache Meinungsverschiedenheit diefß<lb/>Kraft zersplittert. Muth,
Veronika! er wird wieder-<lb/>kehren-- wer weiß, ob es zu neuem Kampfe
kommt!r?<lb/>A<lb/>=t<lb/>-P<lb/>ug<lb/>Veronika versuchte sich zu
beherrschen. Sie hörte<lb/><lb/>den Worten Ulrich's mit jener Inbrunst zu,
die nichts<lb/>A<lb/>Besseres verlangt, als glauben zu können; guch
die<lb/>Freifrau war ihrer Bewegung Meister geworden.<lb/>Der Graf stand an
dem Seitentische und steckte seinen<lb/>Degen an, während seine Schwester
leise zu ihm<lb/>sprach.<lb/>Inzwischen war es dunkel geworden, die
Diener<lb/>?<lb/>s<lb/>brachten die Lichter in das Zimmer und setzten
einen<lb/>Imbiß auf den Tisch. Veronika forderte den Grafen<lb/>auf, Etwas
zu genießen, er willfahrte ihr. Sie selbst<lb/>schenkte ihm den Wein ein,
Ulrich füllte die andern<lb/>Gläser, reichte sie der Mutter und Veronika
hin, und<lb/>sein Glas erhebend und es gegen das des Grafen
an-<lb/>klingend, sagte er:,Auf viel frohe Mahle in
unsern<lb/>Bergen!r<lb/>Der Graf wollte auf den Ton eingehen, den
sein<lb/>Neffe angab. Er stieß mit ihm an und nökhigte die<lb/>Frauen das
Gleiche zu thun. In demselben Momente<lb/><lb/><lb/>s<lb/>y<lb/>lä<lb/></p>
</div4></div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 19</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0218_217.tif" n="217"/>
<p>vog<lb/>Fz<lb/>=e<lb/>1<lb/>E!<lb/>I<lb/>zl<lb/>z<lb/>t<lb/>s<lb/>!;<lb/>A<lb/>ertönte
der Wirbel der Lärmtrommel lauter und näher<lb/>als vorher, das erste
Sturmläuten von der Isle de<lb/>Saint Louis schallte in das Faubourg Säint
Germain<lb/>herüber, und sei es, daß der Schrecken Veronika's<lb/>Hand zu
einem zu heftigen Stoße bewegte, aber der<lb/>Ton klang schrill, als sie mit
dem Grafen anstieß,<lb/>und sein Glas zerbrach in seiner Hand.;<lb/>- Er
sezte es achtlos nieder,' es wvar seines Bleibens<lb/>nicht mehr. Er ümarmte
Veronika, umaimte seine<lb/>Schwester und eilte fort. Ulrich begleitete
ihn.<lb/>Veronika sank auf ihre Kniee nieder, und während<lb/>draußen die
Kanonen auf dem Straßenpflaster rasselnd<lb/>vorüber zu, fahren begannen,
hob ihre Seele sich in<lb/>heißem Gebet zu Gott empor, Schuz hernieder
flehend<lb/>auf den Mann, dessen ganzes Verschulden gegen sie<lb/>für ihr
Herz getilgt war durch die eben erlebte Stunde.<lb/>, ==ssss j<lb/>1.
Kapites<lb/>Der folgende Morgen brachte eines der großen<lb/>Ereignisse in
dem Fortschritt der Revolution. Es<lb/>war der 1. August, der Tag, an
welchem das Volk<lb/>die Tuilerien belagerte und stürmte, der Tag,
an<lb/>tze<lb/>tk<lb/>ßö<lb/>u<lb/>h<lb/>-<lb/><lb/><lb/><lb/>1i<lb/>zz<lb/>E<lb/>N<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0219_218.tif" n="218"/>
<p>N8<lb/>;<lb/>f<lb/>z<lb/><lb/>1z<lb/>welchem der König sich mit seiner
Familie in dennz<lb/>Schuz der gesetgebenden Versammlung begab. t?,<lb/>Der
leidenschaftlichste Bürgerkrieg war mit Tages,<lb/>anbruch innerhalb der
Hauptstadt entbrannt, rund uni;<lb/>die Tuilerien und bald auch in ihnen
wüthete dstz<lb/>Kampf. Die Schweizer fochten wie die Löwen. EFA<lb/>Theil
von ihnen war dem Könige nach der gesezgebensZZ<lb/>den Versammlung gefolgt,
die übrigen und Graf Jos z<lb/>seph an ihrer Spize waren im Schlosse zurück
geä?<lb/>blieben, den Angreifern die Stien zu bieten. ?F<lb/>Im Hotel des
Grafen hatte man die Nacht inz<lb/>banger Angst hinschwinden sehen und Noth
gehabtl,<lb/>die Gräfin im Hause fest zu halten. Endlich als derß<lb/>Tag
schon hell am Himmel stand, hatte sie sich besg<lb/>wegen lassen, eine
Stunde der Ruhe zu pflegen A<lb/>Wider alles Erwarten schien sie fest
eingeschlafen zß g<lb/>sein, denn sie blieb lange aus. Man ging nach iht
I<lb/>zu sehen und fand ihr Zimmer leer. Es war kein<lb/>Lweifel, wohin sie
sich gewendet hatte, und Ulrich F<lb/>folgte ihr nach.<lb/>Durch die
Schaaren der Kämpfenden, zwischen den F<lb/>Kanonen, die, in den Höfen
aufgepflanzt, ihr Feuer F<lb/>einzustellen begannen, sei der König das
Schloß ver- F<lb/>lassen, bahnte Ulrich sich seinen Weg. Es brannte F<lb/>an
verschiedenen Stellen im Schlosse, die Verwirrung F<lb/>war grenzenlos. Hier
versuchte man es, dem Feuer F<lb/>ß<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0220_219.tif" n="219"/>
<p>pgF-<lb/>Ns<lb/>Einhalt zu thun, dort versuchte man Feuer anzulegen,<lb/>hier
zogen die Nationalgarden, die dem Könige treu<lb/>- geblieben waren, von den
Tulerien ab, da sie die Wei-<lb/>sung bekommen, den Kampf gegen das Volk
nicht fort-<lb/>zuführen, dort stürmten die Bataillone der
National-<lb/>garde, welche mit den Föderirten und den Pikenmän-<lb/>nern
gemeinsame Sache gemacht hatten, auf die A-<lb/>- ziehenden ein. Hier trug
man einen der greisen Roha-<lb/>listen, die sich zur Vertheidigung des
Königs um den-<lb/>selben gesammelt hatten, schwer verwundet auf
Seiten-<lb/>wegen davon, um ihn der Wuth des Volkes zu ent-<lb/>ziehen; dort
eilten Hofchargen und Adjutanten des<lb/>Königs, von Steinwürfen verfolgt,
von Kugeln be-<lb/>droht, in das Schloß, um Nachrichten einzuziehen
und<lb/>einander widersprechende Befehle zu überbringen; und<lb/>mitten in
dem unheilvollsten Kampfe, mitten im wü-<lb/>thenden Handgemenge der
streitenden Päiteien suchten<lb/>die Augen, suchte das angstvoll schlagende
Herz des<lb/>Freiherrn ein junges, edles Weib, däs Weib, das er<lb/>liebte
von seiner Kindheit än, dessen Schicksal ihr<lb/>Gatte, sein nächster
Blutsvetwandter in seine Hand<lb/>gelegt.<lb/>Er hatte die Treppe glücklich
erreicht, welche nach<lb/>dem von Ludwig dem Sechszehnten bewohnten
Theil<lb/>des Schlosses führte. Durch den Qualm, der aus dem<lb/>brennenden
Seitenflügel durch alle Räume drang,
in<lb/>l<lb/>h<lb/>1<lb/>A<lb/>Iz<lb/>l<lb/>A<lb/>I<lb/>I<lb/>1<lb/>7<lb/>W<lb/>fs<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0221_220.tif" n="220"/>
<p>Ae<lb/>k<lb/><lb/>iß<lb/>seinem Fortschreiten aufgehalten, gelangte er nur
auf(s<lb/>weiten Umwegen und vielfach irrend an die Stellesß<lb/>an welcher,
wie er erfahren, die Schweizer gefochten<lb/>Todte, Verwwundete und
Sterbende zeigten ihm dieß,<lb/>Richtung an, welche er einzuschlagen hatte.
Oben anF<lb/>Eingang des Saales, auf den die große Treppe mün='F<lb/>det,
lagen sie dicht über einander, hingemäht wie dle P<lb/>hohen Garben eines
reichen Felbes, die Veriheidigee Z<lb/><lb/>des Königs und des
Thrones.<lb/>Seitwärts, nur wenige Schritte von dem Leichess H<lb/>- hügel
der Tapfern, die den Aufgang zur Treppe ver- F<lb/>theidigt, saß ein Weib.
Ahr Haar hing aufgelöst an F<lb/>ihrem Haupte nieder, ihr Antliz war blaß
wie die ß<lb/>Wangen des Mannes, dessen Haupt in ihrem Schooße Z<lb/>ruhte.
So starr, so schmerzvoll, so vernichtet sah sie Z<lb/>aus, daß Niemand es
gewagt hatte, sie anzutasten,<lb/>K<lb/>daß auch der Rohesten keiner sich
unterfangen, sich an<lb/>dem Verwundeten zu versündigen, über welchem
ss<lb/>verzweiflungsvolle Liebe Wache hielt.<lb/>,Veronika!' rief Ulrich, da
er sie erblickte, ,Ve-<lb/>ronika, so finde ich Dich!<lb/>, Komm! komm! er
lebt! noch lebt er!'' rief fie<lb/>ihm entgegen, hilf mir! noch ist's
Zeit!'<lb/>Der Graf schlug matt die Augen auf. ,Es ist<lb/>vorbei!? sagte er
leise. ,Führe sie fort! fort von<lb/>hier!<lb/>g<lb/>A<lb/>s-,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0222_221.tif" n="221"/>
<p>-K -<lb/>e
-<lb/>s;<lb/>ß<lb/>F<lb/>k<lb/>1<lb/>Ai<lb/>P<lb/>K!<lb/>A<lb/><lb/>z<lb/>z-<lb/>,
Nein! nein !'' versezte Ulrich, indem er den Ver-<lb/>wundeten mit dem Shawl
verhüllte, den er von den<lb/>Schultern der Gräfin riß, um der Menge den
Anblick<lb/>der Schweizer Uniform zu entziehen; und als wolle<lb/>das
Schickfal ihm beistehen, so fanden sich ein paar<lb/>Männer, die mitleidig
mit dem Elend und dem Jam-<lb/>mer der schönen Frau freiwillig Hand
anlegten, den<lb/>Verwundeten aus dem Schlosse zu entfernen.<lb/>Es war ein
langer, heißer, schweret Weg. Auf<lb/>z!<lb/>z!<lb/>Fs<lb/>dem Läger eines
zertrümmerten Prachtsopha's, den man<lb/>als Bahre benuzte, hatte man den
Grafen gebettet,<lb/>und Hülfe erkaufend, wo sie zu finden war,
gelangte<lb/>man mit dem sterbenden Grafen, denn sterbend war<lb/>er, über
die Seine und in sein Hotel.<lb/>Die Freifran empfing ihn in dem Saale, in
wel-<lb/>chem sie ihn gestern wiedergesehen! Er war bei
voller<lb/>Geisteskraft und äußerst ruhig. Als er bie Schwester<lb/>sah,
wendete er das Haupt nach ihr und reichte ihr<lb/>z;; die
Hand.<lb/><lb/>AA<lb/>, Es ahnte mir gestern,' sagte er, ,daß es mit
uns<lb/>,e<lb/>P. ! z Ende ginge,' und mit jenem melancholischen
Lächeln,<lb/>s das ihm von jeher eigen gewesen war, sagte er:,Einer<lb/>F.
muü der Lezte sein!<lb/>F<lb/>,Du nicht! Du nicht!'' ief Veronika, die an
sei-<lb/>h<lb/>S. nem Lager kniete,,DDu wirst leben, Joseph,
der<lb/>ß;<lb/>ß.. e-<lb/>s<lb/>k<lb/>H!<lb/>hp.<lb/>T !<lb/>bz.
,<lb/>,<lb/>il<lb/>t<lb/>h<lb/>i<lb/>:i<lb/>l<lb/>;
U<lb/>sh<lb/>c<lb/>h<lb/><lb/><lb/>A<lb/><lb/>Al<lb/>I<lb/>hAt<lb/>s<lb/>A<lb/>h<lb/>1<lb/><lb/>uä<lb/>-P<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0223_222.tif" n="222"/>
<p>AA<lb/>A;<lb/>ß<lb/>. T<lb/>e<lb/>A<lb/>, Kann mir nicht helfen!!' sagte der
Graf, und dann Z<lb/>seine Hand auf ihr Haupt legend, fügte er hinzn-
gß<lb/>,Du hast Dein Wort gehalten! Bis in den Tod
z<lb/>z<lb/>getreu!'<lb/>i<lb/>Er seufzte, ein leiser Schauer flog über sein
Ant- Z<lb/>liz und durch seine Glieder, seine Lippen bewegten sich<lb/>noch,
aber was er sagte verstanden die Seinen nicht<lb/>mehr. -- War es der Name
der Frau, welcher sein<lb/>Leben angehört, war es der Name des Königs,
für<lb/>den er gestorben, oder noch ein reuevolles Wort des<lb/>Dankes für
die Unglückliche, deren Liebe er gekränkt<lb/>und verschmäht-- wer will das
sagen?<lb/>Stumm standen die Neberlebenden an seiner Leiche,<lb/>sein Tod
schloß die lange Reihe seiner Ahnen, die De-<lb/>vise der Grafen von
Rottenbuel erfüllte sich an ihm,<lb/>und mit düsterm, thränenlosem Blicke
auf ihn nieder-<lb/>schauend, während sie ihm die Augenlieder schloß,
wie-<lb/>derholte die Freifrau seine Worte:,Einer muß der<lb/>Lezte sein !'
Dann aber schlug sie die Hände in ge-<lb/>waltigem Weh krampfhaft zusammen,
und ihr festes<lb/>Herz erzitterte in der Klage um den einzigen
Bruder<lb/>und um den Untergang ihres alten stolzen Stammes<lb/>und
Geschlechts!<lb/>D<lb/><lb/>A<lb/>s<lb/>?<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 20</head> 
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0224_223.tif" n="223"/>
<p>zk<lb/>?<lb/><lb/>ö!!<lb/>t<lb/><lb/>1<lb/><lb/><lb/>h<lb/>!<lb/>Ai!<lb/>;<lb/>ß<lb/><lb/><lb/>z<lb/><lb/>W.
Kapites<lb/>Ich hatte es mit Jungfer Ursäla verabredet,
daß<lb/>1<lb/>s<lb/>AK<lb/>ich ihr die Erzählung zu lesen geben würde,
welche ich<lb/>nach ihren schriftlichen und mündlichen
Mittheilungen<lb/>zusammen zu skellen unternahm. Als ich meine
Arbeit<lb/>beendet hatte, brachte ich sie ihr. Sie behielt sie ein<lb/>paar
Tage, und als sie mir dieselbe dann zurückgab,<lb/>fragte ich sie, ob sie
zufrieden sei, und ob sie glaube,<lb/>daß ich den innern Zusammenhang der
Personen und<lb/>Ereignisse, soweit derselbe aus den vorhandenen
ßa-<lb/>pieren nicht zu ersehen war, richtig ergänzt hätte.<lb/>,,Jah' sagte
sie, ,so wird's gewesen sein, und ich<lb/>habe es mir selbst oft so gedacht;
nur wie es nachher<lb/>geworden ist, das haben Sie nichk berichtet.!<lb/>Ich
erinnerte sie, daß sie selbst mir die Erzählung<lb/>von dem späteren
Schicksal ihrer Eltern, noch schuldig<lb/>geblieben sei, und da wir eben an
dem Abende allein<lb/>beisammen waren, holte sie nach, was ich noch
zu<lb/>wissen nöthig hatte. Weil sie aber bei ihrer Erzäh-<lb/>lung die
handelnden Personen immer als ihre Groß-<lb/>mutter und ihren Vater und ihre
Mutter bezeichnete,<lb/>welche Bezeichnung den Leser nur verwirxen kann,
so<lb/>will ich auch den Schluß der Geschichte, wenn Ischon<lb/>möglichst
mit den Worten der, Jungfer Ursula, sö doch<lb/>t!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0225_224.tif" n="224"/>
<p>e<lb/><lb/>.<lb/>1<lb/><lb/><lb/>js-<lb/><lb/>mit den Eigennamen der
betreffenden Personen zuZ<lb/><lb/>Ende führen.<lb/>Der Zustand von Paris
und die völlig untergrSßg<lb/>bene Gesundheit der Gräfin bestimmten die
Freifräü?<lb/>ey<lb/>und Ulrich, auf eine schleunige Abreise zu dringen,
die,<lb/>FFKK<lb/>jedoch nicht leicht in's Werk zu setzen war, denn
Aez<lb/>ronika bestand darauf, nicht ohne die Leiche ihres GelF<lb/>ten in
die Heimath zurück zu kehren. Als dann siß<lb/>Bekanntschaften des Freiherrn
ihm endlich die Erlaiiz<lb/>niß und die Papiere verschafften, welche in dem
res.??<lb/>lutionirten Lande, mitten durch ein von Mißtraueü<lb/>und
Verdacht aufgeregtes Volk, den Transport einesg<lb/>verschlossenen Sarges
möglich machten, trat man düeßz<lb/>traurige Reise an, die nur langsam von
Stat- J<lb/>H<lb/>ten ging.<lb/>s<lb/>Es war schon Herbst, als die Gräfin
auf dem einn P<lb/>samen hochgelegenen Rottenbuel eintraf, dennoch ver-
Z<lb/>weigerte sie es, mit der Freifrau nach Thuris zu gehei jß<lb/>oder das
im Prätigau gelegene Schloß Calanz zu be- F<lb/>ziehen, welches Graf Joseph
in seinem Teftamente, da J<lb/>es nicht zu dem Majorate gehörte, sondern
Privat-<lb/>besiz war, seiner Witwe als persönliches
Eigenthum<lb/>verschrieben hatte. Was man auch thun mochte, Ve-<lb/>ronika
zu überreden und zu überzeugen, daß sie es<lb/>nöthig habe, unter Menschen
zu sein, daß sie den Ihren<lb/>den Trost bereiten möge, sie pflegen und
warten zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0226_225.tif" n="225"/>
<p>-z<lb/>==<lb/>l<lb/>Ad<lb/>ß dürfen, sie wies es mit fester und ruhiger
Entschieden-<lb/>heit zurück.<lb/><lb/>l<lb/><lb/>,,Ich muß Zeit haben, das,
was! ich erlebte,<lb/>; ! g -<lb/>zu begreifen!'' gab sie stets: zat
Antwort, und es<lb/>war unvetkennbar, daß irgend ein Eiidruck,
über<lb/>welchen sie nicht sprach, ihr die Erinnetüng an<lb/>den Tod und an
die Todesstunde des Gräfei nöch<lb/>l.<lb/>furchtbarer machte. Aber sie
verschwieg ihn fest, und<lb/>z<lb/>F erst als sie schon eine Greisin war,
ließ eine ihier<lb/>s Aeußerungen es Ursula errathen, daß sie' noch in
den<lb/>fs lezten Augenblicken des Grafen eine Begegnung mit<lb/>ei der
Marguise gehabt hatte, die ihr das Herz vollends<lb/>P zerrissen; was jedoch
geschehen war, das hat sie Nie-<lb/>F! mandem anertraut.<lb/>Der Graf hatte
in seinem lezken Willen die Hoff-<lb/>ß! nng ausgesprochen, daß es der Liebe
seines Neffen,<lb/>! der er, ohße es zu wissen, störend in den Weg
ge-<lb/>tß! treten sei, einst gelingen werde, Veronikä's Heiz zu<lb/>ß!
rühren und ihr Ersaz zu bieten für das Nnglück ihrer<lb/>rRa<lb/>s!
vergessen vermögen, daß sie ihres Herzens Liebe be-<lb/>- graben und daß
ihnen damit die Hälfte ihres eigenen<lb/>Seins genommen ist. Ihr Schmerz
war' ihr ein Eul-<lb/>- tus, dem ausschließlih zu leben ihr Bebüifniß
war,<lb/>- und erst nach vielen Jahren gewann sie bie Seelen-<lb/>u<lb/>,
Lewald, Kleine Romane
?.<lb/>v,<lb/>s<lb/><lb/>h<lb/>i<lb/><lb/>L<lb/>I<lb/>z<lb/><lb/>,itl<lb/>hzs<lb/>i<lb/>z<lb/>-<lb/>--.<lb/>-
a=aaes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0227_226.tif" n="226"/>
<p>Ne<lb/>Dz,<lb/>T<lb/>F<lb/><lb/>z<lb/>freiheit, welche es ihr möglich machte,
der Bewerbnüg,<lb/>ntrich's Gehör zu schenken, seine Treue als einen
Seg,<lb/>gen anzuerkennen und seine Frau zu werden. ß<lb/>Die Ehe war würdig
und schön, wie man es vons,<lb/>dem Charakter der beiden durch ihr Leben
geprüftsü,<lb/>Menschen erwarten konnte. Veronika hatte die LeihäH<lb/>des
Grafen in Calanz begraben lassen und sich sT'F<lb/>sehr an diesen Aufenthalt
gewöhnt, daß der Freiheröl,<lb/>nach seiner Verheirathung darein willigte,
dort seinewß<lb/>ef<lb/>eigentlichen Wohnsiz aufzuschlagen.<lb/>,Wir führten
ein Leben, erzählte Jungfer Ursula-;<lb/>,von dem eben nicht viel zu sagen
war. Wir hattenF;<lb/>Wohlstand, Friede im Hause, Verwandte und
Freundsß?<lb/>im Lande und in der Nachbarschaft, und ich wüßte,?.<lb/>mich
aus meiner Kindheit keiner besonderen Ereignisse z<lb/>zu erinnern, denn
selbst die Kriegsjahre gingen an uns P<lb/>gnädig genug vorüber, und was ich
davon weiß, habe Z<lb/>ich nur von Hörensagen behalten, wie mir scheint. -
F<lb/>I Vahre us aber, als ich schon ein zlemlich Z<lb/>erwachsenes Mädchen
und die Mutter eine Frau von Z<lb/>nahezu fünfzig Jahren war, saßen wir
einmal spät<lb/>Abends unten im Saale Alle beisammen, die Eltern, IF<lb/>der
Bruder und ich. Es war Ende April, aber das F<lb/>Frühjahr kam spät und war
sehr kalt, und hier oben F<lb/>bei uns in den Bergen lag noch Schnee. Wir
hatten<lb/>einen starken Föhn, die Wetterfahnen auf den Thür-
F<lb/>h<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0228_227.tif" n="227"/>
<p>z<lb/>s<lb/>h<lb/>z<lb/>drr<lb/>men pfiffen gellend auf ihren Angeln, und der
Wind<lb/>schüttelte die Bäume so heftig, daß die Leste knarrten.<lb/>Aus den
Rinnen floß das thauende Wasser plätschernd<lb/>herab, und von allen Bergen
rieselte es nieder, daß<lb/>das Wasser überall stark geworden war und man
es<lb/>rauschend dahinströmen hörte. DiesWegewaren grund-<lb/>los, denn der
Schnee war noch nicht ganz fortge-<lb/>schmolzen, und von Besuch ünd
Fremdewverkehr war<lb/>also nicht die Rede. Jedermann war froh, wenn
er<lb/>zu Hause bleiben konnte, und die Mutter sprach das<lb/>eben aus, ;als
die Hunde anschlugen und es an der<lb/>Pforte klingelte.<lb/>Gleich darauf
kam der Diener herein und meldete,<lb/>saß der Wirth vom Kruge da sei und
den Vater<lb/>sprechen wolle. ,Damals wär Bünden schon eidge-<lb/>nössisch
geworden,. schaltete Veronika ein, ,und der<lb/>Wirth war also so gut wie
wir, oder kam sich doch.<lb/>wenigstens so vor. Der Vatex sagte ihi daher,
daß<lb/>er sich sezen solle, er schien's äber, sehr eilig zu haben,<lb/>denn
er, der sich das sonst' von, unser Finem nicht<lb/>zwweimal anbieten ließ,
blieb stehen und sägte, er ;bäte<lb/>um Entschuldigung, aber es sei ihm eine
Frau,,eine<lb/>Sß<lb/>z,; kranke Frau in's Haus gekommen, die er nicht
recht<lb/>p s verstehen könne, da sie französischs rede, undi was er<lb/>g s
verstehe, das sei so verwirrtes' Zeug, daß er meine,<lb/>gz s le rede irre.
Sie sehe nicht besonders aus, habe auch<lb/>1s<lb/>t
!<lb/>ss<lb/>s<lb/><lb/>?-<lb/><lb/><lb/>k<lb/>P<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0229_228.tif" n="228"/>
<p>A<lb/>k<lb/>F<lb/>M<lb/>nur armseliges Gepäck bei sich. Aber so lange
sielttEf!<lb/>den Beinen gewesen, habe sie sich großes Ansehen
F.,<lb/>geben, und nun sie darnieder liege, halte sie immks?<lb/>ein Bild in
den Händen, das sie am Halse hängeI?<lb/>habe. Er wisse nicht, was er aus
ihr unb milt H<lb/>machen solle, und er bitte deshalb, ob niht der
Vätteei?.<lb/>einmal herunterkommen wolle, um zu sehen, was M!<lb/>mit der
Person auf sich habe, und ob man den B?F<lb/>-F<lb/>tor kommen lassen müsse
oder nicht.<lb/>Wo es einem Leidenden beizuspringen galt, dc F<lb/>durfte
man bei dem Vater nicht erst zweimal anfrEe F<lb/>gen, und die Mutter war da
noch viel schneller s F<lb/>der Hand. Die Eltern hießen den Diener
sogleichF<lb/>eine Laterne besorgen, die Mutter nahm ihren
Capuß<lb/>zenmantel um, und so gingen sie mit dem Wirthe auff' F;<lb/>dem
nächsten Wege nach dem Krug. Dabei erfuhren F<lb/>sie auf meines Vaters
Frage, wo denn die Kranke<lb/>1<lb/>hergekommen sei, daß des Wirthes Sohn
sie mitge-<lb/>bracht habe. Er hatte deutsche Herrschaften über
dei<lb/>Splügen nach Italien gefahren, und im Gasthof zu<lb/>Chiavenna, wo
er die Nacht mit seinem Gefährt ge-<lb/>rastet, war die Fremde zu ihm
gekommen und hatte<lb/>mit ihm darüber verhandelt, daß er sie für einen
bil-<lb/>ligen Retourpreis nach der Schweiz mitnehmen möge,<lb/>von wo sie
nach Frankreich in ihr Vaterland zurück-<lb/>kehren wolle. Der Wirth in
Chiavenna hatte ihm<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0230_229.tif" n="229"/>
<p>ze<lb/>F<lb/>N.?<lb/>-<lb/>As<lb/><lb/>PJ zrgeredet, sie nicht abzuweisen,
denn er hatte sie wahr-<lb/>P scheinlich los zu sein gewünscht, und am
ersten Tage<lb/>zP der Reise hatte sie ihrem jungek Fuhrmann zu
ver-<lb/>=ß<lb/>Fs stehen gegeben, daß sie eine vornehme- Däme sei,
die<lb/>:-<lb/>durch die Revolution aus Frankreich vertrieben
wor-<lb/>ze<lb/>?<lb/>e<lb/>T<lb/>der von seinem Lande Besiz genomnien habe,
nach<lb/>Paris zurückkehre, wo es ihr än Ehre ;ünd Reichthum<lb/>gar nicht
fehlen könne.<lb/><lb/>Der Wirth schalt, als er das erzählt hatte,
auf<lb/>seinen Svhn und nannte ihn einen einfältigen Tropf,<lb/>daß er sich
solche Dinge aufbinden lasse, da man doch<lb/>in der Schweiz seit den Zeiten
der französischen Emi-<lb/>gration der Leute genug im Lande gehabt habe,
welche<lb/>goldene Berge versprochen und nicht einen
gebogenen<lb/><lb/>ä<lb/>den, und daß sie jezt, da der rechtmäßige König
wie-<lb/>Heller in' der Tasche gehabt hätten. Und die Kranke<lb/>bei mir im
Hause, sagte er, sieht gerade so aus, als<lb/>gehörte sie auch zu solcher
Art Emigranten.<lb/>Sie waren während des Sprechens nach dem<lb/>II!
Wirthshaus gekommen, der Wirih ging den Eltern<lb/>n!<lb/>Pi! voran, den
Flur entlang, an der Küche vorüber in<lb/>?<lb/>z; das Nebenhaus. Da machte
er die Thüre auf, und<lb/>k<lb/>z ; ß dem großen Bette am oberen Ende der
Stube<lb/>z! sahen die Eltern beim Schein einer kleinen Dellampe<lb/>F! die
Fremde, die mit geschlossenen: Augen dalag. Weil<lb/>H<lb/>F s es aber
dunkel h der Stube war, so daß man das<lb/>K<lb/>t!<lb/>D<lb/>;z
s<lb/>g<lb/>.
-«T?AH=e.<lb/>1<lb/><lb/><lb/>K<lb/>Fi<lb/><lb/>!<lb/>i<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0231_230.tif" n="230"/>
<p>O<lb/>I<lb/>F<lb/>,<lb/><lb/>Gesicht der Kranken nicht deutlich erkennen
komle, g!<lb/>hieß die Mutter ein Licht herbeibringen, und nachdGß<lb/>sie
es so hingesezt hatte, daß sein Schein der Leiden- K;<lb/>den nicht
beschwerlich fiel, schlug sie den Bettvorhang P<lb/>vollends zurück und trat
an das Lager heran.<lb/>E<lb/>Davon ermunterte sich die Fremde, die wie im
P<lb/>z<lb/>Halbschlaf gelegen hatte, schlug die Angen auf unb
?<lb/>richtete sich jäh auf ihrem Lager in die Höhe; und h I<lb/>der
Bewegung, in dem Blick war Etwas, das meine ?<lb/>-l<lb/>Mutter bis in's
Herz traf. Eine Erinnerung, eine z<lb/>Vermuthung stiegen in ihr auf, die
sie entsezten, sie z,<lb/>winkte dem Vater, und eben als er herankam, sagte
;,<lb/>die Kranke, als bemerke sie die Neberraschung meiner
Z.<lb/>Eltern:,Ah! Sie wundern sich! Sie glauben nicht, Z<lb/>daß ich's bin,
weil sie mich hier finden! Aber nur F<lb/>Geduld! nur Geduld! noch wenige
Tage und-- « F<lb/><lb/>sie lachte, sah mit irrem Blick umher, und
sprach<lb/>dann schnell und leise, als flüstre sie mit einer neben<lb/>ihr
stehenden Person, so daß es unmöglich war, ihre<lb/>Rede zu
deuten.<lb/>Indeß es bedurfte dessen nicht. Das Auge meiner<lb/>Mutter hatte
sie nicht betrogen: die kranke, im Fieber<lb/>glühende Frau, die verfallene
Gestalt, um deren ein-<lb/>gesunkene Wangen das bereits ergraute Haar
ver-<lb/>wirrt umherhing, war die ftolze, die einst so
strahlenbe<lb/>Marquise von Vieillemarin, war die Frau,
welche<lb/>I<lb/><lb/><lb/>z<lb/>e<lb/>s<lb/><lb/>-T<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0232_231.tif" n="231"/>
<p>eFs<lb/>?<lb/>8l<lb/>meiner Mutter die Tage ihrer Jugend so
schmerzens-<lb/>reich gemacht hatte.<lb/>Wie vor einem Gottesgerichte
standen die Etern<lb/>einen Augenblick sprachlos vor dem Krakkenbette;
dann<lb/>aber thaten ste, was Menschenpflicht gebot. Man<lb/>sendete nach
dem Arzte, die Mutter wollte wissen, ob<lb/>die Marquise in's Schloß zu uns
zu btingen sei, und<lb/>als der Arzt dies bewilligte, wurde gleich am
andern<lb/>Morgen ihre Nebersiedlung bewerkskelligt. Die Mut-<lb/>P<lb/>Z
ter selbst übernahm ihre Pflege, aber sie hatte das<lb/>ZZ schwete Amnt, bas
ihr die alten traurigen Erinnerungen<lb/>ß! weckte, uicht allzulange zu
üben. Noth und Entbeh-<lb/>F! rungen, Verzweiflung mnd zügellose Hoffnungen
hatten<lb/>F! an der Unglücklichen ihr Werk gethan, und eine Ge-<lb/>l!
hirnentzündung zehrte den Rest Ghrer Kräfke in wenig<lb/>j! =- =k<lb/>Sie
hatte keinen hellen Augenblick; Balb schien<lb/>! sie sich in der Nähe ber
Königli Mare Atöinette<lb/>f! zu glduben, bald mußte sie ßielnen, äiter
armen Seu-<lb/>Fs ten zu sein, deren Hülfe sie ie Auspüüäh ahm. Da-<lb/>zs
zwwischen täuchten Bilder aus den Tägen der Schreckens-<lb/>j! zeit vor ihr
auf. Sie sprach vom Teinnple, von der<lb/>;! Guillotine, sie nahm Abschied,
und damn wiebek brüche<lb/>,; sie das Bildniß, das sie an ihren Hälse trüg,
an ihre<lb/>!! Lippen und betheuerte, daß sie in ihrer Trebe nie ge-<lb/>s!
wankt, daß sie nie ein anderes Bilb im Herzen
ge-<lb/>u<lb/>l<lb/>A<lb/>is<lb/>e<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0233_232.tif" n="232"/>
<p>E<lb/>AA<lb/>F<lb/><lb/>M<lb/>tragen habe, und daß es nun an der Zeit sei,
ihregh<lb/>Lebe und Trene zu belohnen. Sie ließ Alles mt shZ<lb/>geschehen,
nur als meine Mutter einmal den VersuchI,<lb/>machte, das Bild in die Hand
zu nehmen, um -z J<lb/>sehen, wen es darstelle, schrie die Marquise auf,
He<lb/>»z<lb/>deckte das Portrait mit beiden Händen, und in deü
J<lb/>Augenblicke erkannte sie auch das Antliz meiner Mut- ß<lb/>ter, denn
sie faßte nach ihr, sah ihr starr in die Aigen F<lb/>-P<lb/>und sagte: ,Was
wollen Sie hier, Gräfin? Sie gs- ,<lb/>hören nicht hierher, nicht hierher!
Sie waren nicht z<lb/>treu, schöne Gräfin!?- Darauf lachte sie wieder
Z<lb/>wie das oft geschah, und dann rief sie: ,Er war tren ß<lb/>mir! mir!--
Ich will's ihm auch vergelten, der Prinz F<lb/>soll's ihm vergelten, wenn
ich nur erst dort bin!?<lb/>z<lb/>Die Mutter hatte mir einmal den lezten
Abend F<lb/>der Marquise geschildert. Es war, als müßte sie mit g;<lb/>einem
Menschen davon sprechen, um die Erinnerung z;<lb/>los zu werden.- In der
Nacht, welche diesem Tage g<lb/>folgte, ist die Marquise hier drüben, in dem
blauen P<lb/>Zimmer verschieden. Niemand als die Mutter ist bei g<lb/>ihrem
Tode zugegen gewesen, und wie ich die Mutter g<lb/>kenne, hat sie überhaupt
Niemand bei der Kranken z<lb/>lassen mögen, damit kein Anderer es höen
sollte, wenn F<lb/>die Marquise etwa von dem Grafen Joseph gesprochen
F<lb/>hätte.<lb/>Als die Marauise dann gestorben war, sah man.
-F<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0234_233.tif" n="233"/>
<p>F<lb/>8<lb/>s öaß das Medaillon an ihrem Halse däs Bildniß und<lb/>F eine
Locke des Grafen von Artois enthielt. Es mußßte<lb/>H einmal eine kostbare
Fassung gehgbt hahen, aber die<lb/>s Steine waren ausgebrochei. Die
Noih!hatte die Mar-<lb/>Rra<lb/>P Sie es sehen wollen; mein lBrüder hat es
als ein<lb/>Z Andenken, als ein Curiosum aufbewahrt.<lb/>, Und Sie wissen
nicht;' fragte ich, ,wwelches das<lb/>,- Schicksal der Marquise in den
Jahren von siebzehn-<lb/>hundert zweiundneunzig bis achtzehnhundert
vierzehn<lb/>gewesen ist?!<lb/>,Nein,' versezte Ursula, ,aber wir können es
doch<lb/>annähernd vermuthen. In dem kleinen Koffer, den<lb/>sie bei sich
führte, fanden sich einige Briefe des Gra-<lb/>T<lb/>H<lb/>fen von Artois,
die in kühlem Ton abschlägige Ant-<lb/>ten vertrösteten. Einer war nach
Florenz, ein paar<lb/>nach Neapel und einige andere- nach Wien
adressirt.<lb/>ß<lb/>?<lb/>worten auf Bittgesuche enthielten und auf bessere
Zei-<lb/>Die Marquise wird also wohl ai verschiedenen Höfen,<lb/>an denen
sie bourbonistische, Symathien voraüssetzen<lb/>konnte, ihr Heil versucht
haben, und ist, wie so viele<lb/>Andere, endlich nahe am Ziele, im
Augenblick der Re-<lb/>stauration, die ihr vielleicht auch Hülfe gebracht
haben<lb/>würde, dem Elend erlegen.!<lb/>Jungfer Ursula brach hier ab.
,Wollen Sie mor-<lb/><lb/>l<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0235_234.tif" n="234"/>
<p>h!<lb/>E<lb/>h<lb/><lb/>-<lb/><lb/>?<lb/>z<lb/><lb/>gen einmal mit mir nach
dem Kirchhof gehen,! frägke F<lb/>sie, ,so will ich Ihnen zeigen, wo meine
Eltern aid F<lb/>wo Graf Joseph begraben sind. Seitwärts, aber nsch F<lb/>in
unserm Erbbegräbniß, ist bas Grab der Marqüiseä!<lb/>, Und die Freifrau?
fragte ich.<lb/>, Of!' versezte Jungfer Ursula, und ihr ganzes<lb/>liebes
Gesicht hellte sich auf. ,Die Großmutter ist<lb/>auch über das achtzigste
Jahr hinausgekommen, wie<lb/>die Mutter, und ich kann wohl sagen, sie und
meine<lb/>Eltern sind Alle jung geblieben bis auf ihre letzten<lb/>Stunden.
Ich glaube, es war das gute Gewisseü,<lb/>das ihnen den frohen Muth gegeben
hat, nachdem die<lb/>Jahre des Grams für meine arme Mutter überstan-<lb/>den
waren. Es ist dann auch, wie ich Ihnen neulich<lb/>sagte, darauf gehalten
worden, daß Keiner von der<lb/>Familie mehr im Ausland gedient hat. Sein
eigener<lb/>Herr sein, pflegte der Vater zu sagen, heißt erst ein<lb/>Mensch
sein! und, fügte sie hinzu,,ich möchte eigent-<lb/>lich auch nicht einmal
eines Menschen wirklicher Herr<lb/>sein! Es ist freilich wahr, der Adel hat
hier aufgehört<lb/>zu bestehen, hat hier seine Rechte verloren, aber
wenn<lb/>sie mich in der Familie bisweilen auch darum verlachen,<lb/>mir ist
wohler seitdem. Ich gönne Jedem das Seine<lb/>und mag lieber zufriedene
Menschen und gute Freunde,<lb/>als Unzufriedene und Neider um mich
haben.'!<lb/>Sie sprach das, als habe sie diese Empfindung
in<lb/>T<lb/><lb/>1<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0236_235.tif" n="235"/>
<p>!<lb/><lb/>d!<lb/>!<lb/>!<lb/>i<lb/>zl!<lb/>!<lb/>g<lb/>ß<lb/>sh!<lb/>ßi!<lb/>i
!<lb/>!<lb/>8B<lb/>genissem Sinne zu entschuldigen, und sie wußte
nicht,<lb/>die gute Seele, wie hell ihr altes schönes Angesicht
in<lb/>seiner herzlichen Menschenliebe mir dabei in die
Seele<lb/>leuchtete.<lb/>Nicht das Bild des Grafen von Attoid, das
man<lb/>mir zeigte, habe ich zu besitzen gewünscht, aber
Jungfer<lb/>Ursula's Bilb wollte ich gerne haben, und ihr Bruder<lb/>brachte
sie auch dazu, es für mich malen zu lassen.<lb/>Es ist mir, wie die ganze
Erinnerung an sie, das<lb/>Beste und Liebste, was ich von meiner
Schweizerreise<lb/>heimgebracht.<lb/>eeeeeeaeeyeE<lb/>d<lb/>A<lb/>A<lb/>1<lb/>P<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0237_236.tif" n="236"/>
<p/>
</div4>
</div3>
<div3 type="narrative">
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0238_237.tif" n="237"/>
<p>H- -----= --<lb/>'; fg;: -<lb/>s Maunsels Philinninens
Philinn.<lb/>!<lb/><lb/>Erzä hlung.<lb/>»oeee<lb/><lb/>!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0239_238.tif" n="238"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0240_239.tif" n="239"/>
<p>f<lb/>en<lb/>l1<lb/>1 1<lb/>d
d<lb/>t<lb/>1.l<lb/>?H<lb/>1<lb/>1K<lb/>t<lb/>g<lb/>td<lb/>tk<lb/>i!<lb/>l<lb/>1l<lb/>h<lb/>!<lb/><lb/>K<lb/>s!-<lb/>s<lb/>z<lb/>y<lb/>z<lb/>-<lb/>i<lb/>t<lb/>f!<lb/>I<lb/>k<lb/>4!<lb/>s<lb/>Wer
einmal in unserer Stadt gewesen ist, der<lb/>kennt auch das Haus an der
rechten Seite des Mark-<lb/>tes, das die Ecke der schmalen Straße bildet,
und das<lb/>jetzt noch das einzige alte Giebelhaus auf dem ganzen<lb/>Plaze
ist. Es hat nach dem Markte hin, an seiner<lb/>Frontseite, freilich nur drei
Fenster, aber dafür ist es<lb/>fieben Stockwerke hoch und verläuft sich mit
seinen<lb/>Böden und kleinen Bodenfenstern in einen vielgezackten<lb/>spizen
Giebel. Auf dem Giebel ist eine Windrose<lb/>und über der Windrose erhebt
sich noch eine schöne.<lb/>hohe Wetterfahne, und über der Wetterfahne; der
Bliz-<lb/>ableiter mit seiner goldenen Spizej so daß es aussieht,<lb/>als
wolle das Haus gar kein Ende nehmen. Dafür<lb/>aber, daß es oben so gar spiz
zuläuft, ist es unten<lb/>um so tüchtiger und massiver gebaut. Das
schwere<lb/>Fundament, das steinerne Portal mit seinen Arabesken<lb/>und
Figuren, die breiten, ebenfalls steinernen Fenster-<lb/>einfassungen, die
weit vorspringenden eisernen Gitter<lb/>h<lb/>vor dem untern Geschosse, sind
recht für die Dauer<lb/>;; geschaffen und nebenbei auch reich verziert; ja
selbü.<lb/>;<lb/>s!<lb/>z - . -<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0241_240.tif" n="240"/>
<p>O<lb/>-h;<lb/>A<lb/>?<lb/>z<lb/>der große Thürklopfer von Messing hat einen
Grelfe-;<lb/>kopf und Flügel, und man kann es ihm und der aus-
F<lb/>getretenen Thürschwelle ansehen, daß seiner Zeit viel<lb/>Verkehr in
dem Hause gewesen ist.<lb/>Das muß aber lange her sein, denn seit das Haus
F<lb/>unter dem Namen des alten Hauses bekannt ist, das F<lb/>heißt seit der
Zeit, in welcher die andern Häuser am j<lb/>Markte allmälig modernisirt und
umgebaut wurden! Z<lb/>sind feine Bewohner auch wunderliche Leute
gewesen<lb/>bis auf die jezige Generation herab, und es bliebe<lb/>schwer zu
sagen, ob die Eltern und Großeltern des<lb/>gegenwärtigen Besizers das Haus
nicht umbauen<lb/>ließen, weil sie sonderbare Menschen waren, oder
ob<lb/>sie so absonderlich wurden, weil sie in dem alten, viel<lb/>treppigen
und vielwinkligen Hause lebten.<lb/>Zu Anfang des Jahrhunderts gehörte
nämlich das<lb/>Haus noch der Senatorin, einer wahren Kernfrau,
die<lb/>V<lb/><lb/>recht eigentlich Herrin in ihren vier Pfählen war.
Ste<lb/>hatte mit ihrem Manne, obschon er außer dem Hause<lb/>seinen eigenen
Weg ging, ein ganz exemplarisches Le-<lb/>ben geführt und ihm und ihrem
Sohne und ihrer<lb/>Tochter im Hause nichts durchgehen lassen, was nicht
-<lb/>ganz und gar nach ihrem Sinne war. Man erstaunte -<lb/>ordentlich, als
der Senator sich eines Tages die Frei- !<lb/>heit nahm, in seinem Hause mit
Tod abzugehen, da<lb/>er doch wußte, daß seine Frau darüber traurig sein
?,<lb/>H<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0242_241.tif" n="241"/>
<p>H<lb/>z<lb/>Le1<lb/>, würde, und es schien auch beinahe, als hätte sie
ihm<lb/>ß das übel genommen, denn sie tröstete sich leichter und<lb/>vergaß
ihn schneller, als man es irgend für möglich<lb/>Sorge für ihre Kinder,
sagte sie, ließen ihr nicht viel<lb/>Zeit zum Trauern, es müßte doch Einer
da sein, der<lb/>den Kopf auf dem rechten Flecke behalte und die
Zügel<lb/>in die Hand nehme.<lb/>Die hatte sie nui freilich immer in Händen
ge-<lb/>K<lb/>ß!<lb/><lb/>t<lb/>e<lb/><lb/>z!<lb/>E<lb/>es<lb/>e<lb/>h<lb/><lb/><lb/>gehalten
hatte. Die Ordnung des Nachlasses uid die<lb/>habt, und es war also in
dieser Beziehung bei dem<lb/>Tode ihres Mannes gar nichts Neues
vorzunehmen,<lb/>aber die Senatorin wollte die Zügel wo möglich
doch<lb/>noch ein bischen kürzer fassen, damit Sohn und Toch-<lb/>ter, die
jetzt zu Vermögen gelangt waren, nicht etwa<lb/>auf den Einfall kommen
könnten, ihrer Herrschaft zu<lb/>entwischen. Indeß eine solche Absicht lag
den Beiden<lb/>wirklich fein, sie hatten die Tyrannei der Mutter
von<lb/>Sugend auf ertragen und sich darein, Jedes auf seine<lb/>Weise und
nach seiner Natur, gefügt.<lb/>Mamsell Philippine, ganz so herrschsüchtig
und ganz<lb/>so kräftig, wie die Mutter, hatte sich in ihrer
ersten<lb/>Jugend schwer darein gefunden, keinen eigenen Willen<lb/>haben zu
dürfen. Als ihr Vater starb, war sie es<lb/>P!<lb/>aber schon seit einer
Reihe von Jahren gewohnt, neun-<lb/>!!<lb/>h<lb/>k!<lb/>undzwanzig Jahre alt
zu sein und mit ihrem wie in<lb/>Holz geschnittenen Lächeln den Leuten zu
versichern,<lb/>A<lb/>Lewald, Kleine Romane.
.<lb/>V<lb/>?<lb/>a<lb/><lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0243_242.tif" n="242"/>
<p>N<lb/>-<lb/><lb/>z<lb/>daß sie nur für ihre Mutter lebe und sich
nlemelsF<lb/>von ihr trennen werde. Das mußte abschreckend wir- F<lb/>ken,
wenn ja einmal ein Mann den Gedanken faßte, ß<lb/>Mamsell Philippine zu
seiner Gattin zu erwählen. F<lb/>Denn eine energische Frau zu nehmen, wenn
er da- ß<lb/>neben noch eine energische Schwiegermutter in dek ß<lb/>Kauf
bekommt, dazu hat nicht jeder Mann den Muth. Z<lb/>Philippine wurde also in
dem Leben für ihre Muttek Z<lb/>nicht gestört, und auch der Sohn, der
Prokurator, F<lb/>war, wie er immer sagte, ebenfalls nur für seine Mut-
F<lb/>ter da, was ihn freilich gar nicht abhielt, auch, wie ß<lb/>sein Vater
es gethan, recht heiter für sich selbst za F<lb/>leben, wenn er nicht zu
Haise war. Und ein Proku- Z<lb/>rator hat doch Geschäfte und kann nicht
immerdar in F<lb/><lb/>feiner Wohnung und neben seiner Mutter
sitzen.<lb/>Die Senatorin ließ das ruhig gehen. Sie wat sP<lb/>ganz
zufrieden, wenn der Sohn, der viel gefügiger F<lb/>war, als ihre Tochter,
nur bei ihren Mahlzeiten nicht Z<lb/>fehlte, wenn er sie und seine Schwester
sonntäglich in F<lb/>der alten Karosse zur Kirche begleitete, wo sie den
Z<lb/>großen Stand geradeüber von der Kanzel hatten, F<lb/>und wenn er gar
nicht daran zu denken schien, daß F<lb/>es jemals anders werden oder daß
überhaupt irgend F<lb/>Etwas anders sein könne, als es eben war.
Sie<lb/>wußte zu sehen, zu hören und zu schweigen, wie's ihr<lb/>eben paßte,
und scharfblickend oder kurzsichtig zu sein<lb/>ss<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0244_243.tif" n="243"/>
<p>-h<lb/><lb/>48<lb/>F<lb/>z? je nach Bedarf; vorausgesezt, daß äußerlich nur
Alles<lb/>f? respektabel herging, denn die Respektabilität der Fa-<lb/>f!
milie ging ihr über Alles, und was nicht respektabel<lb/>F war, das fand vor
ihrem Urtheil kein Erbarmen, ob-<lb/>sF; schon sie sonst nicht allzustreng
war. ,Man muß der<lb/>is Jugend Etwas nachsehen!'' sagte sie dem alten
Die-<lb/>,? ner, dem es nicht beguem war, spät zuu' wachen, wenn<lb/>., der
Prokurator lange ausblieb; äber Mamsell Philip-<lb/>z; pine durfte von der
Nachsicht hrer Mutter für den<lb/>f? Bruder nichts erfahren. Sie sollte es
nicht lernen,<lb/>,! daß man in gewissen Fällen nachgeben und
schweigen<lb/>ß? uk, wwo man herrschen und das Wort behalten will.<lb/>Man
lebte auf solche Weise äußerst ruhig im Hause<lb/>ls! der Senatorin. Es war
alles Liebe, alles Rücksicht<lb/>,l. und gute Form und Sitte, und so blieb
es auch, als<lb/>P ob sich das von selbst verstände, nur daß Jedes
von<lb/>j, ihnen sich etwas mehr herausnahm, als zü Lebzeiten<lb/>s ihrer
Mutter. Das kam Mammsels Philihpinen am<lb/>! meisten zu Gute. Sie hatte
neben dem Charakter<lb/>F der Senätorin eine gewisse gefühlvolle Ader' von
dem<lb/>Vater geerbt, wwelche die Mutter streng' niederzuhalten<lb/>F.
gewußt. - Weil aber der Mensch doch auch Etwas füb<lb/>z sich selber sein
und ein wenig Freiheit, wenn aüch<lb/>z. nur in seinen Träumen, haben wpill,
soi hatte Mamsell<lb/>! Philippine sich gewöhnt, bei Allem, wäs sie that,
sich<lb/>Z in eine bessndere Rolle zu versetzen, und sich in
dieser<lb/>zg<lb/>zn<lb/>ul<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0245_244.tif" n="244"/>
<p>1e<lb/>h?<lb/>l<lb/>t
i<lb/>lt<lb/>h<lb/>l.<lb/>lsi<lb/>h<lb/>n<lb/>ls<lb/>tur?<lb/>ih<lb/>l<lb/>n<lb/>ts<lb/>1z<lb/>l.<lb/>lös<lb/>l?<lb/>t'<lb/>sf<lb/>h?<lb/>h.<lb/>;<lb/>f<lb/>s<lb/>z<lb/>vor
sich selber aufzuputen, wie der Anlaß sich ihr g<lb/>eben darbot. So lange
die Hand der Senatorin auf<lb/>ihr gelegen, hatte sie sich mit
selbstgefälliger Emphase,<lb/>bei den einfachsten Leistungen, in die Rolle
der guten<lb/>Tochter geworfen. Jetzt verwandelte sie sich
augen-<lb/>blicklich in die gute, selbstvergessene Schwester, und
die-<lb/>ser Rollenwechsel kostete nicht eben große Mühe, denn<lb/>der
Prokurator verlangte gar nichts weiter, als die<lb/>alte Ordnung in seinem
Hause zu finden, und so viel<lb/>außerhalb desselben leben zu können, als es
ihm gut<lb/>dünkte. Mamsell Philippine hatte also keine wesent-<lb/>lichen
Metamorphosen mit sich vorzunehmen. Sie sezte<lb/>sich von dem
Mittelfenster, an dem sie immer ihren<lb/>Plaz gehabt, nun an das
Eckfenster, an welchem die<lb/>Senatorin bisher gesessen hatte, weil man von
diesem<lb/>aus am besten sehen konnte, wenn der Prokurator das<lb/>Haus
verließ und wenn er wiederkehrte; sie schwieg<lb/>und ließ ihn seiner Wege
gehen, wie die Mutter das<lb/>gethan hatte; der alte Diener berichtete jetzt
auch gar<lb/>nichts mehr, denn der Prokurator war sein Herr ge-<lb/>worden,
und im Nebrigen blieb Alles wie zuvor. Der<lb/>Bruder war ganz damit
einverstanden, wenn Mamsell<lb/>Philippine ihre guten Bekannten zu einem
Partiechen<lb/>und zum Kaffee einlud, und sie fand es in der Ord-<lb/>nung,
wenn der Bruder Abends zu seinem Spielchen<lb/>ausging. Es störte fie auch
nicht, daß er in der Re-<lb/><lb/>1<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0246_245.tif" n="245"/>
<p>l<lb/><lb/>s? gel lange fortblieb; er war Herr, Alles zu thun und<lb/>jZ zu
lassen, wie's ihm gut düntte, sle legten beide ein-<lb/>l ander beide nkcht
das Geringste in den Weg. Der<lb/>d<lb/>F Geist der Mutter, der Geist der
innigsten Familien-<lb/>g liebe und der strengsten Respektabilität schwebte
über<lb/>1«<lb/>IF-ihnen und über ihrem Hause, und es wäre
wahrschein-<lb/>h? lich so ruhig und so friedlich fortgegangen bis an
ihr<lb/>l? Lebensende, wenn die Kriegsjahre nicht die ganze Welt<lb/>, in
Aufruhr versezt und damit auch in das Haus der<lb/>F - Senatorin, denn so
nannte man es noch immer, Un-<lb/>s ruhe und Verwirrung gebracht
hätten.<lb/>Llles kam in Unordnung. Die besten Zimmer, das<lb/>FF ganze
erste Stockwerk mußte der Einquartierung preis-<lb/>gegeben werden; auf den
stillen Treppen klapperten<lb/>I die Schleppsäbel; heute hörte man
fraizöfisch sprechen<lb/>F und morgen italienisch reden oder deutsch von
fremden<lb/>? Zungen radebrechen, und als dann gar die franzöfische<lb/>ß
Retirade durch die Stadt ging, und Rüssen und Pren-<lb/>F ßen ihnen folgten,
daß man vor Freude und vor Sorge<lb/>und Mühe kaum zum Bewußtsein kam, da
war das<lb/>Z! ganze Leben der Menschen so zu sagen völlig außer<lb/>F Athem
gekommen. Mait mußte, als die Siegesglocken<lb/>-- läuteten und die
Dankgebete für den iviedergewonne-<lb/>e! -<lb/>; nen Frieden gesungen
wurden, stehen bleiben und sich-<lb/>z! besinnen ind Luft schöpfen, ehe man
wieder in das<lb/>-<lb/>l<lb/>t<lb/>pl<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0247_246.tif" n="246"/>
<p><lb/>;<lb/>Ne<lb/>K<lb/>alte Geleise gelangen konnte, in das Mancher sich
gar<lb/>nicht mehr hineinzufinden wußte.<lb/>Die Menschen hatten sich so
sehr an einen fort-<lb/><lb/>dauernden Wechsel der Dinge und an Hast und
Un-<lb/>ruhe gewöhnt, daß sie sich ordentlich wunderten, als<lb/>Mamsell
Philippine mit einem Male wieder anfing,<lb/>auf dem Platze der Senatorin an
dem Fenster zu<lb/>fizen, aus dem inzwischen der französische General
mit<lb/>seiner schönen Geliebten, und dann Graf Pork mit<lb/>seinen klugen
Augen und zulezt der tolle russische Ko-<lb/>faken-Obrist herausgesehen
hatte, der einen Kalmucken<lb/>und einen Tataren zu Bedienten gehabt. Die
Leute<lb/>blickten ganz erstaunt zu Mamsell Philippine hinauf,<lb/>und wie
sie so da saß, merkten sie erst, daß Mamsell<lb/>Philippine sich ganz
verwandelt hatte. Sie trug nicht<lb/>mehr die steife Frisur, die seit ihrer
ersten Jugend nicht<lb/>geändert worden war, sie sah auch lange nicht
mehr<lb/>so ernst und regelrecht aus, wie zu Zeiten ihrer Mut-<lb/>ter. Von
den Seiten ihres Kopfes fielen lange<lb/>Schmachtlocken auf ihren Busen
hernieder, sie hatte<lb/>die silberne Alliance-Kette mit den kleinen
Erinnerungs-<lb/>medaillen an die Siege der Alliirten um den
Hals<lb/>gehängt, ein sanftes, wehmüthiges Lächeln schwebte<lb/>immer auf
ihren schmalen Lippen, und ihre Augen suchten<lb/>in wundersamem Aufschlag
jenseits der Wolken ein Et-<lb/>was, das sie auf der Erde nicht gefunden
haben schienen.<lb/>l<lb/>z<lb/>,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0248_247.tif" n="247"/>
<p>s<lb/>p<lb/>1 ;<lb/>Ae?<lb/>Der und Iener fragten sich, was ihr wohl
ge-<lb/>fFß swhehe sein möge? Eine und die Andere besan sich,<lb/>j; daß
Mamsell Philippine sich viel mit einem alten Ar-<lb/>jj, tilleriehauptmann
zu schaffen gemacht hahe, der in dem<lb/>sß Hause im Quartier gelegen hatte,
und es konnte nach<lb/>jj der allgemeinen Meinung ihrer Bekamnten nur
auf<lb/>j diesen gehen, wwenn Philippine seufzend von den Opfern<lb/>j des
Krieges sprach, und von der unheilbaren Wunde,<lb/>js welche ihrem Herzen
durch den Krieg geschlagen wor-<lb/>jj den sei Da sie aber im Grunbe nichts
zu erzählen<lb/>lß batte und immer sehr verwirrt und verlezt schien,
wenn<lb/>?? man sie fragte, was ihr denn begegnet sei und wen<lb/>j; sie
eigentlich so besonders betraure, so wurde nan es<lb/>h<lb/>bald müde, sich
um sie zu kümmern, und ließ es bei<lb/>.<lb/>!<lb/>-!<lb/>i<lb/>dem Glauben
bewenden, daß sie sich nach ihrer alten<lb/>unwahren Weise eine unglückliche
Liebesgeschichte zum<lb/>Zeitvertreib erfunden habe. - Es gab damals sö
viele<lb/>unglückliche Bräute, so viele trostlöse Fraüen uid Müt-<lb/>ter,
die dem Grame um wirkliche Verluste erlagen,<lb/>daß man sich um
eingebildete Liebesleiden nicht beküm-<lb/>merte, und der Herzensgram hatte
im Ganzen keinen<lb/><lb/>? schlimmen Einfluß auf die gute Philippine. Im
Ge-<lb/>FF gentheil, sie befand sich wohl dabei, denn sie hatte da-<lb/>mit
eine neue bestimmte Haltung für sich gefunden;<lb/>A<lb/>i; sie war nicht
mehr die alte Jungfer, sie: war eine un-<lb/>F tröstliche Braut, so gut wie
viele andere, sie war eine<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0249_248.tif" n="248"/>
<p>1T<lb/>hi<lb/>lb<lb/>t!<lb/>l?<lb/>l<lb/>ss<lb/>l<lb/>te;<lb/>Iß-<lb/>lk<lb/>tli<lb/>tI<lb/>.,<lb/>tt<lb/>ül<lb/>il<lb/>t
s<lb/>ut:?<lb/>ik<lb/>ll!<lb/>ll<lb/>tss<lb/>t!:<lb/>l<lb/>tt!<lb/>s<lb/>thi!<lb/>h<lb/>li<lb/>ß<lb/>L8<lb/>deutsche
Jungfrau, die ihren Geliebten in dem Kampfe<lb/>für das Vaterland verloren
hatte, und es war eine<lb/>Ehrensache für sie, ihren Erinnerungen als
deutsches<lb/>Mädchen bis an ihr Lebensende treu zu bleiben.<lb/>Niemand
widersprach ihr, und es mochte von ihrer<lb/>Seite auch wohl irgend eine
stille Liebe für einen ihrer<lb/>Einquartierten obgewaltet haben, denn sie
war in der<lb/>That viel weicher und umgänglicher geworden, als sie<lb/>je
gewesen war, aber der Schein der Lächerlichkeit haf-<lb/>tete von früher her
an ihr und ein solcher Anstrich<lb/>verwischt sich nicht leicht. Sie hielt
übrigens dem<lb/>Prokurator das Haus nach wie vor in Ordnung, ließ<lb/>ihn
seine Wege gehen, that den armen aus dem Kriege<lb/>heimgekehrten Invaliden
manches Gute, kaufte viele<lb/>Liebeslieder und lyrische Gedichte, und daß
sie immer<lb/>einen Kranz von Vergißmeinnicht auf ihrem Fenster-<lb/>brette
stehen hatte, daß sie in ihren Jahren noch Unter-<lb/>richt im
Guitarrespielen zu nehmen begann, um schöne,<lb/>gefühlvolle Lieder im
Mondenscheine am offenen Fen-<lb/>ster singen zu können, das störte im
Grunde Niemand.<lb/>Der Prokurator war um diese Zeit nicht zu Hause,<lb/>und
bis auf die Straße hinunter war Philippinens<lb/>Stimme nicht zu vernehmen.
Kurzum, sie hatte sich<lb/>in der deutschen Jungfran ganz gemüthlich
eingerichtet,<lb/>nnd es war nicht abzusehen, daß Jemand sie in
der-<lb/>selben stören
sollte.<lb/>l<lb/>l<lb/>zl<lb/>P<lb/>;<lb/>Ps<lb/>eh<lb/><lb/>s<lb/>un
l<lb/><lb/>t<lb/><lb/>h<lb/>P<lb/>ß;<lb/>ißs<lb/>s<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0250_249.tif" n="249"/>
<p>F<lb/>K<lb/>A<lb/>F<lb/>A<lb/>z<lb/>e<lb/>K<lb/>z<lb/>N<lb/><lb/>vz<lb/>z<lb/>zl<lb/><lb/><lb/><lb/>=i!<lb/>!<lb/>j<lb/>b!<lb/>F!<lb/>-sj<lb/>d-!<lb/>z1<lb/>A<lb/>z:<lb/>?;<lb/>I<lb/>s!<lb/><lb/>e<lb/>d<lb/>1<lb/>N9<lb/>Indeß,
es gibt für den kurzlebigen Menschen nir-<lb/>gends ein dauerndes Glück, und
sein Schicksal weiß<lb/>ihn oft von einer Seite zu verwunden, von der er
es<lb/>am wenigsten vermuthet. Mamsell Philippine saß eines<lb/>Abends
stillvergnügt mit ihrem Liebesleid am Fenster.<lb/>Vor ihr standen der
unverwelkliche Vergißmeinnicht-<lb/>kranz und der Myrthenstock, der mur
einmal geblüht<lb/>hatte und seitdem nicht wieder blühen wollte, sie
hatte<lb/>das blaßblaue Band ihier Guitarre um den Nacken<lb/>geschlungen
und fing an das Prälürium zu ihrem Lieb-<lb/>lingsliede,Thekla eine
Geisterstimme zu spielen, als<lb/>ganz unerwartet die Thüre sich öffnete,
und nicht ein<lb/>verklärter, seliger Geist, sondern der Prokurator in
ihr<lb/>Zimmer trat.<lb/>Das war um diese Zeit etwas ganz
Unerhörtes,<lb/>auch mußte etwas Besonderes geschehen sein, denn er<lb/>ging
nicht, wie er sonft immer that, gerades Weges<lb/>auf das Sopha zu, sondern
er holte sich einen Stuht,<lb/>stellte ihn unten neben den Fenstertritt hin,
auf wel-<lb/>chem Philippine ihren Plaz hatte, und sezte sich nie-<lb/>der.
Der Mond schien in die Stube hinein, sie konn-<lb/>ten einander erkennen und
sehen wie am hellen Tage.<lb/>Das war dem Prokurator ungelegen. Er rückte
seit-<lb/>wärts, und wie er sich dann mehr ini Schatten be-<lb/>fand, sprach
er:, Sage mir um Gdtteswillen, Schwe-<lb/>ster, was soll das mit Dir
werden!' Ich sehe nun seit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0251_250.tif" n="250"/>
<p><lb/>k<lb/>k<lb/>s<lb/>k<lb/>B5<lb/><lb/>1<lb/>s<lb/>Jahr und Tag Dein Thun
unb Treiben ruhig an, ,<lb/>indeß jedes Ding muß einen Grund und auch ein
z<lb/>Ende haben. Was ist Dir geschehen, und um wen P<lb/>klagst und
seufzest Du denn immer?<lb/>K<lb/>Mamnsell Philippine wollte auffahren, denn
es war<lb/>y<lb/>Blut vom Blute ihrer Mutter in ihr, aber sie
besani<lb/>sich, daß Dulden und Schweigen das Loos des Wei-<lb/>bes sei, und
mit einer Selbstbeherrschung, in der sie<lb/>sich sehr erhaben schien,
sprach sie: ,Laß mir mein still<lb/>Geheimniß, Gabriel; wage ich doch
niemals, Deine<lb/>Seele anzutasten.- Sie seufzte dabei wieder, sah<lb/>gen
Himmel, und sie hatte sich eigentlich bei der Hin-<lb/>deutung auf ihren
Bruder nicht das Mindeste gedacht.<lb/>Ihm aber kam diese Redewendung sehr
gelegen,<lb/>denn als guter Advokat schnell bei der Hand, sich
den<lb/>Vortheil zu Nutzen zu machen, der ihm dargeboten<lb/>wurde, sagte
er:,Ou weißt es also?<lb/>,Was denn? fragte Mamsell Philippine.<lb/>,Weßhalb
ich zu Dir komme und was ich Dir<lb/>mitzutheilen habe?<lb/>,Du mir? Wie
sollte ich?' entgegnete die Schwe-<lb/>ster und legte, halb neugierig und
halb von einer un-<lb/>heimlichen Ahnung überschlichen, ihre Guitarre aus
der<lb/>Hand.<lb/>,Ich wollte Dich ersuchen, vom nächsten Monat<lb/>ab
wieder die Zimmer im obern Stocke zu beziehen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0252_251.tif" n="251"/>
<p>B<lb/>tß<lb/>P -<lb/>a h, die Du zu Zeiten unserer Mutter inne gehabt
hast'',<lb/>k=<lb/>z z bedeutete sie der Prokurator. ,Diese vorderen
Zim-<lb/>,h mer im ersten Stockwerk brauche ich.!- Er war<lb/>,k hastig in
seiner Rede und bebiente sich nicht der ihm<lb/>!; sonst zur Gewohnheit
gewordenen höflichen Wendun-<lb/>j - gen. Das mnußte Etwas hedeuten, denn
ein Mann<lb/>1s in den Vierzigen läßt nicht leicht von seiner Weise;<lb/>,
und die Schwester legte sich die Sache auch sehr schnell<lb/>jg zurecht. Er
mußte Etwas vorhaben, wöbei er ihren<lb/>l; Widerstand erwarten konnte, und
deßhalb wollte er<lb/>gß gleich mit fester Entschiedenheit beginnen, damit
er<lb/>P -<lb/>zF nachher seinen Ton nicht erst umzustimmen brauchte.<lb/>!
- Er dachte auch wirklich: die beste Deckung sei der<lb/>j, Hieb. Abet er
kannte anscheinend jene Taktik der<lb/>k Frauen noch nicht, die dem Hiebe
auszuweichen und<lb/>, damit die männliche Kraftanstrengung zu einem
lächer-<lb/>lichen Schlag in's Blaue umzuwandeln wweiß.<lb/>Kampfgerüstet
saß der Prokurator da,. wider sein<lb/>Vermuthen tönte ihm jedoch nur ein
sanftes: ,Wie<lb/>Du es wünschest, lieber Gabriel! entgegen, und um<lb/>ihre
Ergebung und die Härte seines Tones noch deut-<lb/>licher zu machen, sezte
Philippine demüthig hinzu:<lb/>,Das Haus ist Dein, ich bin ja seit der
Mutter Tode<lb/>nur ein Gast in Deinem Hause.!<lb/>Der Prokurator schlug
sich ärgerlich mit der Hand<lb/>auf das Knie.,Verfluchte Sanftmuth !''
brummte er<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0253_252.tif" n="252"/>
<p>n<lb/>i<lb/>U<lb/>B<lb/>h<lb/>h l<lb/>-e !<lb/>leise, denn nnun hatte er die
Mühe des Anfangens nochh l<lb/>einmal. Er überlegte, wie er das zu machen
habelZ z<lb/>und Mamsell Philippine hätte nichts Klügeres thueß j<lb/>könen,
als sich ganz abwartend zu verhalten; ab8khj<lb/>die Neugier brannte sie wie
mit Nesseln, daß sie nichkF j<lb/>ruhen und nicht rasten konnte. Die
Sekunden des F j<lb/>Schweigens regten sie auf, daß das Herz ihr klopfteß
!<lb/>s l<lb/>und es ihr in den Fingern zuckte, bis sie, die Pein P j<lb/>zu
enden, sich mit der Frage hervorwagte: ,Du denksh Fj<lb/>doch nicht daran,
Dein Bureau in die Stube zu ssek Ff<lb/>legen, in der unsere Mutter selig
sich aufgehalten hat? ß<lb/>,Gott bewahre!r' rief der Prokurator, und einen
Z<lb/>Anlauf nehmend, wie Einer, der über einen Grabei! P<lb/>wegzuseten
hat, sprach er schnell und laut: ,as stllle<lb/>Leben hier im Hause ist mir
widerwärtig, ich will hei-' F<lb/>rathen !''<lb/>Es war ihm wohl, daß er es
ausgesprochen hate? F<lb/>Er knüpfte sich die Weste auf, fächelte das Jabot
hin F<lb/>und her trocknete sich den Schweiß von der Stirne F<lb/>und erhob
sich dann, um mit munteren Schritten hin ,<lb/>und wieder zu gehen, als wäre
nichts Außerordentliches F<lb/>d<lb/>vorgefallen.<lb/>Mamsell Philippine
konnte keine Fassung, keine,ß<lb/>Worte finden.,Bruder! Gabriel!
Prokuratorl'' rief<lb/>sie endlich aus, und der Ton ihrer Stimme hätte ein
F<lb/>weniger festes Herz, als das des Angeredeten er-<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0254_253.tif" n="253"/>
<p>gr=<lb/>1 =<lb/>1 z<lb/>Fs<lb/>A<lb/>5s<lb/>F schüttern müssen. ,u? Du
ksntest so Etwas<lb/>thun?!<lb/>h<lb/>tern. Er mochte von der Schwester
nicht ertragenn,<lb/>was er von der Mutter hingenommen hatte.
,Du<lb/>solltest froh sein,. meinte er, ,daß ich endlich an mich<lb/>denke
und mir das Leben angenehm zu machen wünsche.<lb/>Aber urtheile darüber, wie
Dein Herz Dir's eingibt;<lb/>fo viel steht fest, morgen werde ich in der
Kirche auf-<lb/>geboten, und heute in vier Wochen sizt hier meine<lb/>Frau
am Fenster, die zu lieben oder nicht zu lieben,<lb/>die gut oder übel zu
empfangen ganz und gar in Dei-<lb/>ner Macht steht, wie es denn in meiner
Macht liegt,<lb/>je nach Deiner Weise meine Maßregeln zu
nehmen.'!<lb/>Mamsell Philippine erkannte den Bruder in dieser<lb/>Stimmung,
in dieser herrischen, heroischen Haltung<lb/>gar nicht hwieder. Er mußte
eine sonderbare Wahl<lb/>getroffen haben, weil er sich im Voraus anschickte,
sie<lb/>zu vertheidigen, und bebend bor Besorgniß und vor<lb/>Zorn fragte
sie:,Wer ist'4? Wer ist es denn?'<lb/>,Du kennst sie! Ich heirathe unsere
Nachbarin!!<lb/>-- Er nannte ihren Namen nicht.<lb/>,,Herr Gott im Himmel!''
rief Mamsell Philippine<lb/>aus, ,die Französin? die Feindin unseres
Vaterlandes?<lb/>die Conditorin?'<lb/>u!<lb/><lb/>Der Prokurator zuckte
verdrießlich mit den Schul-<lb/>,,Höre, Philippine, bringe mich' nicht in
Harnisch!''<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0255_254.tif" n="254"/>
<p>:<lb/><lb/><lb/>2s<lb/>h<lb/>L<lb/>s<lb/>E<lb/>fagte der Prokurator.,Marion
ist jung, ist shsi<lb/>hat sich, seit ihe Mann hier während des Krieges
starkf<lb/>anständig ernährt, ich habe sie seit drei Jahren
alltäg7?<lb/>lich und an jedem Abende besucht =<lb/>, O, das weiß ich!''
rief die Schwester.<lb/><lb/>, Nun, so kann Dich's doch nicht wundern! muö
s<lb/>kurz und gut, heute in vier Wochen ist Marion melkeF<lb/>- Frau und
Herrin dieses Hauses. Das Nebrige macßß F<lb/>. P<lb/>mit Dir selber
ab.'<lb/>t<lb/>Er ging hinaus, pfiff die Melodie des Liebeaß<lb/>,Be!
Männern, welche Lebe fühlen, vor sich hii,F<lb/>und Philippine saß im
Mondenschein allein, um, wie H<lb/>der Bruder sie geheißen hatte, daß
Vebrige mit sich H<lb/>selber abzumachen.<lb/>h<lb/>Verwundert war sie ganz
und gar nicht, sie hatie l<lb/>das lange kommen sehen, alle Welt hatte auch
längsk;<lb/>davon gesprochen, aber Philippine hatte nur keine an- I<lb/>dere
Art und Weise gewußt, ihrem Bruder ihren Zorn F<lb/>zn zeigen, als durch ein
erheucheltes Erstaunen, obschon F<lb/>zu diesem eigentlich gar kein Anlaß
aufzufinden war. ß<lb/>Denn der Prokurator besaß Vermögen genug, um eine
F<lb/>unbemittelte Frau heirathen zu können, und es lebteI<lb/>Niemand in
der Stadt, welcher der kleinen Franzöfin ß<lb/>hätte Böses nachsagen können.
Ihr Mann war wäh- F<lb/>rend des Krieges als Regimentszahlmeister mit den
F<lb/>Kaisergarden nach Rußland gezogen, war dort umge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0256_255.tif" n="255"/>
<p>zrrr =- - ---<lb/>F<lb/>s<lb/>1<lb/>kommen, und da der Wittwe das Geld zur
Heimkehr<lb/>nach Frankreich mangelte, hatte sie angefangen, Früchte<lb/>zu
kandiren, und mit der Rührigkeit, welche den<lb/>Frauen ihres Volkes eigen
ist, so fleißig gearbeitet<lb/>und ihre Geschäfte so geschickt geleitet, daß
sie eine<lb/>kleine Conditorei eröffnen konnte, in welcher die Män<lb/>ner
gern verkehrten, weil die Heiterkeit und die gnten<lb/>Manieren bon Madame
Marion, wie man sie nannte,<lb/>Jedermann angenehm unterhielten.' Reich wai
sie da-<lb/>i<lb/><lb/>2K<lb/>bei in den paar Jahren natürlich nicht
geworden, indeß<lb/>sie hatte zu leben gehabt, hatte sich uid ihre
Gäste<lb/>munter und bei guter Laune erhalten, und es darüber<lb/>allmälig
zu vergessen gesucht, daß sie einst bessere<lb/>Tage gekannt hatte und daß
man es ihr in Paris<lb/>nicht an der Wiege vorgesungen, anf welche Weise
sie<lb/>einst in dem fernen Deutschland ihr Brod erwerben<lb/>werde.<lb/>Ob
sie gerade eine große Zuneigung für den Pro-<lb/>kurator fühlte, darüber
wußte man nichts zu sagen.<lb/>Aber er war ein angesehener Mann, das Haus an
der<lb/>Ecke des Marktes war sehr in's Auge fallend, Mam-<lb/>sell
Philippine saß äußerst bequem am Fenster und<lb/>fuhr sehr gemächlich
spazieren, während Madame Ma-<lb/>rion hinter ihrem Ladenfenster stand; und
die kluge,<lb/>hübsche Frau mochte denken, daß die Kutsche weit<lb/>besser
aussehen würde, wenn eine junge artige Fran-<lb/>e..<lb/>wr<lb/>1 -<lb/>l
-<lb/>-<lb/>l s<lb/>s -<lb/>, s<lb/>! -<lb/>!
(<lb/>1<lb/>l<lb/>t<lb/>t!<lb/>ßl<lb/>t<lb/>I<lb/>a<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0257_256.tif" n="256"/>
<p>t<lb/>A<lb/>h<lb/>G<lb/>kl<lb/>25s<lb/>T s<lb/>s l<lb/>I l<lb/>I!<lb/>zösin
neben dem Prokurator in derselben säße. Die,s j<lb/>Heirath mit dem
Prokurator wurde von Madame F !<lb/>Marion mit derselben Entschlossenheit
ergrifen, mit F !<lb/>welcher sie einst ihren kleinen Handel unternommek F
l<lb/>hatte. Es war eine Verbesserung ihrer Umstände; j ,<lb/>welche nicht
von der Hand zu weisen war;. aber wie F j<lb/>alle ehrenhaften und guten
Naturen, dachte sie rechts ß<lb/>schafen zu bezahlen, was sie empfing, und
tneu und Pj<lb/>ordentlich zu erfüllen, was sie zu leisten verspracht F
,<lb/>Sie war eine tüchtige Kaffeewirthin, sie wollte alsa ß ?<lb/>auch eine
tüchtige Frau für den Prokurator werden; I<lb/>und da sie ihr kleines
Kaffeehaus aus einer elenden ß<lb/>Spelunke in einen hübschen, zierlichen
Raum verwan- ,<lb/>delt hatte, zweifelte sie nicht daran, daß es ihr auch
ß<lb/>gelingen werde, den etwas altmodischen Prokurator Z<lb/>auf ihre Weise
umzustuzen und aus dem pedantisch (<lb/>gewordenen Junggesellen einen ganz
angenehmen und<lb/>zufriedenen Ehemann zu machen. Hatte er doch
be-<lb/>reits mit asen Bedenken über das Urtheil der Leute<lb/>gebrochen, da
er, der Prokurator, der Sohn der Se-<lb/>natorin, der Bruder von Mamsell
Philippine, sich zu<lb/>der Ehe mit einer Conditorin entschloß.
Darauf<lb/>ließen sich gute Aussichten bauen, und die kluge, mun-<lb/>tere
Frau versprach sich, sie auf das Beste zu benüzen.<lb/>Während sich der
Prokurator zu seiner Auser-<lb/>wählten begab und in deren Hinterstübchen
eine an-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0258_257.tif" n="257"/>
<p><lb/>t<lb/>:<lb/>!<lb/>Bö<lb/>genehme Stunde genoß, befand sich Mamsell
Philip-<lb/>pine in der schlimmsten Lage, in der man sich befinden<lb/>kann:
sie wußke nicht, was fie thun sollte. Einer<lb/>deutschen Jungfrau wurde es
zugemuthet; eine Fran-<lb/>zöfin Schwester zu nennen; ihr keusches Herz
sollte<lb/>sich darein finden, ihren -Bruder nit einer Frau vor<lb/>den
Altar treten zu sehen, die schon das Weib eines<lb/>Andern gewesen war; die
Patrizierstochter sollte, eine<lb/>Gonditorin als ihresgleichen anerkennen,'
in das teiche<lb/>Haus sollte eine Mittelose eingeführt werden, und
dieser<lb/>sollte Philippine das ganze erste Stockwerk und den<lb/>Stuhl am
Mittelfenster überlassen - das war mehr,<lb/>als sie ertragen konnte, mehr,
als der Himmel ein<lb/>Recht hatte ihr aufzuerlegen. Einsam mit sich
und<lb/>ihrem Zorne, blieb ihr nichts übrig, als, sich alle ihre<lb/>Leiden,
all ihr bevorstehendes Unglück laut, und pa-<lb/>thetisch vorzuhalten, um
sie zu den bittern Thränen<lb/>und zu der Herzzerrissenheit -zu jteigern,
die sie in<lb/>dieser Stunde nothwendig vergessen haben mußte,
wollte<lb/>sie vor sich und vor den Freundinen bestehen, die am<lb/>s!
nächsten Morgen, wenn die Verlobung des Prokura-<lb/>z;! tors bekannt
gemacht wurde, unausbleiblich zum Be-<lb/>F! suche kommen würden. Sich
selbst zu Thränen zu<lb/>z ; rühren, wo sie sich vernünftig zusammennehmen
müß-<lb/>F! =n, ist ein Vergnügen, das die Krauen sich gar zu<lb/>z! gerne
gewähren.<lb/>sßs Lwaww, kteie Romae.<lb/>?<lb/>r<lb/>A<lb/>d
l<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0259_258.tif" n="258"/>
<p>t<lb/>n<lb/>i!<lb/>l<lb/>5K<lb/>rz<lb/>-s-<lb/>V<lb/>z<lb/>F<lb/>.<lb/>Indeß
Zorn und Erbitterung sind eine scharfejg<lb/>Luft, welche den Thau der
Thränen bald verzehreil,<lb/>und es ist daneben etwas sehr Unangenehmes,
wensi,<lb/>man vor sich selber die Rolle nicht aufrecht erhalten<lb/>kann,
in der man sich gefällt. Alle Sanftmuth, alle ß,<lb/>Entsagung, alle
Nachsicht der Schwesterliebe, alle Un? z<lb/>terwürfigkeit unter den
geliebten Bruder, hielten nichi F<lb/>vor gegen die Empörung und den
Ingrimm, dek F<lb/>Mamsell Philippine in sich brennen fühlte, und mit
,<lb/>dem Ausruf: , Keine Stunde bleibe ich unter diesem<lb/>Dache, wenn
Madame Marion in das Haus kommt!k<lb/>d<lb/>erhob sie sich von ihrem
Sitze.<lb/>s<lb/>Dem lauten Ausruf antwortete aber eine Stimme<lb/>in
Mamsell Philippinens Innerem: Das wird deüi<lb/>Prokurator und der Frau
Prokuratorin wahrscheinlich<lb/>sehr willkommen sein!-- und Philippine
beschloß zl<lb/>bleiben, zu bleiben-- und, wie sie sich sagte, daraüf<lb/>zu
wachen, daß Zucht und Ehrbarkeit nicht ganz aus<lb/>diesem Hause schwinden;
zu bleiben, damit ihr armer,<lb/><lb/>verführter und betrogener Bruder nicht
einsam unö<lb/>verlassen dastände in der Welt, wenn die Binde ein-<lb/>mal
von seinen Augen fiele und er es gewahr würde,<lb/>wie er umgarnt worden sei
und was er gethan habe.<lb/>Es schlääft sich gut, wenn man einen
Entschluß<lb/>gefaßt hat, der recht aus der eigenen Natur kommt<lb/>und also
ihr auch in der Folge zu entsprechen ver-<lb/>d<lb/>s<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0260_259.tif" n="259"/>
<p>,<lb/><lb/>V59<lb/>h heißt. Mamsell Philippine erwachte am Morgen ganz<lb/>F!
munter und gestärkt, und noch während ihre Freun-<lb/>Fs dinnen und Bekannte
an ihren verschiedenen Früh-<lb/>,i stückstischen die Nachricht von der
Verlobung des Pro-<lb/>I, kurators in der Seitung lasen, besorgte sie ihren
Aus-<lb/>Fs zug aus dem ersten in das zweite Stockwerk. Sie<lb/>I! wollte
einerseits es ihrem Bruder zeigen, daß sie sei-<lb/>,! nem Glücke nicht im
Wege stehe, und wie sehr sie<lb/>I! ihm gehorsam und fügsam sei;
anderepseits sollten die<lb/>Zs Besuche, welche nothwendig am Morgen
kommen<lb/>F! mußten, um sich mit ihr über die wirklich sehr auf-<lb/>N,
fallende Verlobung des Prokurators auszusprechen, es<lb/>I! doch gleich
erkennen, welche Folge dieselbe für die<lb/>s Tochter der Senatorin, für ein
so ächt weibliches und<lb/>z; deutsches Gemüth, bereits nach sich gezogen
habe.<lb/>! Auch hatte man niemals besser von Philippine<lb/>P! gesprochen
als an diesem Tage. Ihre Resignation,<lb/>F! ihr rücksichtsvolles Schweigen,
waren ein Gegenstand<lb/>F! der Bewundernng für alle Frauen und Mädchen
ihrer<lb/>! Bekanntschaft, und je weniger sie sich über die bevor-<lb/>F!
stehende Heirath ihies Bruders und über chr Miß-<lb/>ZFs fallen an derselben
aussprach, um so lebhafter thaten<lb/>F! die Frauen es für sie. Es half gar
nichts, daß ver-<lb/>ß ständige Männer ihnen in Erinnexung brachten,
daß<lb/>F! Madame Marion von sehr guter Herkuift, däß 'ihre<lb/>z!! Familie
unter dem Beil der Guillotine gestorben sei,<lb/>1<lb/>i!!<lb/>s!<lb/>e
=<lb/>i<lb/>K -<lb/>k l<lb/>ks<lb/>Hl<lb/>P<lb/>-? -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0261_260.tif" n="260"/>
<p>s<lb/><lb/>--- = -e nawe<lb/>T<lb/>P<lb/>z<lb/>r :tt<lb/>Tüchtigkeit durch
das Leben geholfen habe. Es nügtk F<lb/>auch nicht, daß man es den
eifrigsten Hausfrauen vöt? F<lb/>hielt, welch eine vortreffliche Hausfrau
sie sei, und daß gg<lb/>eine Frau, die Geld erwerben könne, auch sicher ver?
ß<lb/>stehen werde, es zusammenzuhalten. Wo das Heft F<lb/>kömmliche als das
höchste Gesez geschäpt wird, ist dae F<lb/>Ungewöhnliche an und für sich ein
Uurecht, und die<lb/>Arauen, welche sich für vornehm halten, weil erst dek
Z<lb/>Vater und dann der Gatte ihnen ein sorgenfreies und F<lb/>leidlich
müßiges Dasein bereiteten, sehen natürlich üulk F<lb/>Geringschäzung auf
diejenigen herab, die sich selbst.;<lb/>ihren Pfad zu suchen und für sich
selbst um des Lss F<lb/>, ls<lb/>bens Nothdurft zu kämpfen
haben.<lb/>?<lb/>Es stand also noch an demselben Tage, an welchem H<lb/>die
Verlobung des Prokurators publizirt worden war; P<lb/>in dem ganzen
Gesellschaftskreise von Mamfell Phi- F<lb/>lippine fest, daß ihr Bruder ein
ganz unverantwort- F<lb/>liches Verbrechen gegen die Gesellschaft begehe,
indem F<lb/>er eine Frau nach seiner Neigung nehme, und diejeni- F<lb/>gen,
die selbst gern in dem Eckhause als Frau Pro-<lb/>kuratorin am Fenster
gesessen und ihre gute Freundin F<lb/>Philippine nicht nur in das obere
Zimmer, sondern F<lb/>zum Hause hinaus gewünscht haben würden, waren
F<lb/>am eifrigsten bei der Hand, das schwere Schicksal der-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0262_261.tif" n="261"/>
<p>h<lb/>7e1<lb/>sß. 1Gb=n z b-ae. = Nooe eeeo -o ==s<lb/>g ß Inglück der bisher
so respektabeln Familie zu betrach-<lb/>hjß; ten und zu verdammen.<lb/>,ß
Diesen Hauptsaz einmal festgestellt, verstand das<lb/>,j nebrige sich ganz
von selbst. Die erhäbensten und<lb/>,l! rengsten Vgenden, die im Grunde doch
am wenig-<lb/>gßßI ten für sich fürchten durften, erkannten die
Ausschlie-<lb/>sß', ßung der künfiigen Prokuratorin hls eiiue
Nothbpen-<lb/>1ß! digkeit für die Erhaltung der Sitte und' der
Gesell-<lb/>jß, schaft =n; und kuw war man in der Verdonmung<lb/>lß, des
Prokurators und seiner Auserwählten einig, so<lb/>1-<lb/>gjßj begann man
Philippinen immer eifriger zu beklagen,<lb/>slI bis man sie, die bis dahin,
wie gesagt, der Gegenstand<lb/>eines gewissen Spottes gewesen war, allmälig
für<lb/>h<lb/>k<lb/>eines der edelsten Herzen, ja als ein wahres
Muster<lb/>aller Frauen zu erklären für angemessen fand. Je<lb/>tiefer man
Madame Marion hinunterdrückte, um so<lb/>höher stieg. Philippine empor, und
äls nach wwenig<lb/>Wochen die verfehmte Prokuratorin inn dem
ersten<lb/>Stockwerk schaltete, thronte über ihrem Haupte Mam-<lb/>sell
Philippine als ein Gegenstand allgemeiner Theil-<lb/>nahme und Verehrung,
und das alles nur, weil sie<lb/>t<lb/>schwieg und alle Andern reden
ließ.<lb/>F ! rnd sie schwieg, daß es Madane Marion fast zur<lb/>F-
Verzweiflung brachte. Sie schwieg zu dem Freund-<lb/>Fj lichsten, das diese
ihr erwies, sie schwieg. zu dem Hei-<lb/>D<lb/>K<lb/>I<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0263_262.tif" n="262"/>
<p>;<lb/><lb/><lb/><lb/>i<lb/>;<lb/><lb/>;<lb/>L<lb/><lb/>K<lb/>e<lb/>tersten,
woran der Prokurator und seine Frau sic.ß<lb/>ergözten, sie schwieg, wenn
dieser in einem Anfall uFs<lb/>Zorn sie über ihr Schweigen zur Rede stellte,
odEe F<lb/>wenn die Frau all ihre Beredtsamkeit aufbot, das h<lb/>Schweigen
der Schweigenden zu besiegen, die gerake P<lb/>immer nur so viel Worte und
Sylben vernehmen ließ, R<lb/>als nöthig waren, es darzuthun, was sie alles
veö- F<lb/>schweige, und wozu sie schweige. Ja nicht einmal sö P<lb/>viel
Rede gönnte sie ihren Hausgenossen, als nöthig Z<lb/>gewesen wäre, sie in
einen ehrlichen Streit zu bet- F<lb/>wickeln, der Anlaß geboten hätte, sie
aus dem Hause<lb/>zu entfernen. Sie sah zulezt wie die GBttin des
J<lb/>Schweigens selber aus, denn ihre ohnehin schmaleit Z<lb/>Lippen
schlossen sich immer fester, das Lächeln vot ?.<lb/>Liebesschwermuth, das
ein paar Jahre hindurch auf F<lb/>denselben geschwebt, war ganz verronnen,
die Guitarre ßß<lb/>erklang nicht mehr, die Schmachtlocken fielen nicht
Z<lb/>mehr auf ihre Schultern herab, alles an ihr war wies<lb/>der Ernst und
Würdigkeit geworden, wie zu ihrer<lb/>Mutter Zeiten, und doch vollzog sich
während ihres<lb/>eigensinnigen Schweigens eine Wandlung in
ihrem<lb/>Herzen, gegen die sie sich vergebens sträubte, die sie<lb/>sich
nicht klar machen, noch weniger einem Dritten<lb/>eingestehen mochte: sie
mußte Marionwider ihren Willen<lb/>lieben, sie begann ihren Bruder zu
lieben, der ein ganz<lb/>Anderer geworden war, seit die Frau an seiner Seite
lebte.<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0264_263.tif" n="263"/>
<p>t<lb/>gV<lb/>Selbstlose Güte und einfache Wahrhaftigkeit haben<lb/>F eine
erwärmende und erleuchtende Kraft und wirken<lb/>h sicher, auch wenn man es
nicht gleich gewahrt. Aber<lb/>P diese Eigenschaften hatten im Hause der
Senatorin<lb/>j von Anfang an gefehlt; ihre Herrschsucht und ihre<lb/>-
Eigenliebe hatten das Herz ihrer Kinder zusammen-<lb/>ß gedrückt, und da sie
mit ihrer Tprannei nur Sklaven<lb/>F zu erziehen vermocht, so hatten
Verschlossenheit und<lb/>h List, Unwahrheit, Selbstbetrug und
schmneichelnde, schön-<lb/>Z, thuende Heuchelei über dem Hause und zwischen
seinen<lb/>? Bewohnern gewaltet, bis der Prokurator die Zunei-<lb/>ß, gung
für Marion gefaßt unb sie als Gattin unter<lb/>ß sel Dach geführt
hatte.<lb/>?! Mlles an Marion war einfach und natürlich. Sie<lb/>s. pfsegte
ihren Mann, sie hielt ihm sein Haus in Ord-<lb/>hj nung, sie paßte sich
seinen Eigenheiten an und wußte<lb/>h diese zugleich zu mildern, als
verstände sich das ganz<lb/>F von selbst. Sie schien die Zurücksezüng! nd
Beleibi-<lb/>s! gung, welche ihr von Seiten der anderi Frauen so<lb/>z-
unverdient und hochmüthig zugefügt wwurde, gar nicht<lb/>, ; zu bemerken,
sie schien gar nicht zu leiden von der<lb/>-! Abneigung, welche ihre
Schwägerin ihr bewies. Ihr<lb/>-! Kummer war das einzige Geheimniß,. das sie
vor<lb/>F - ihrem Manne hatte, ihre sorglose Heiterkeit die
einzige<lb/>Verstellung, die sie übte. Je herber Philihpine sich<lb/>gegen
sie berhielt, je öftet sie daräüf hindeutete, welch<lb/>i:<lb/>ni<lb/>z
-<lb/>v<lb/>K<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0265_264.tif" n="264"/>
<p>u<lb/>A<lb/>A<lb/>Iä<lb/><lb/>i<lb/>I<lb/><lb/>l?<lb/>lb<lb/>t<lb/>s<lb/>?<lb/>h<lb/>I<lb/>eine
Schmach es für den Prokurator sei, eine Fran, Z<lb/>neben sich zu haben, die
in einem offenen Laden als F,<lb/>Berkäuferin gestanden, um so freier sprach
Marion s Z<lb/>ous, wie glücklich fie der Wechsel ihres Lvoses mache
J<lb/>und wie dankbar sie ihrem Manne dafür sei, daß er F<lb/>sie den
bürgerlichen Berhältnissen wiedergegeben habe, in F<lb/>denensie in
frühererZeitgelebt. Ohne daß sieeineplötzliche j<lb/>Umänderung vornahm,
wußte sie der Einrichtung des ß<lb/>Hauses, so weit sie eö bewohnte, ein
anderes Ansehen, der<lb/><lb/>ganzen Lebensweise einen behaglichen Zuschnitt
zu gebe.<lb/>e<lb/>Der verstorbene Senator war seiner Zeit
deh<lb/><lb/>?<lb/>Abends niemals zu Hause gewesen, der Prokurator<lb/>war
dem Beispiel seines Vaters gefolgt, und die<lb/><lb/><lb/>FFrauen hatten die
lezten Stunden des Tages von<lb/>jeher in Einsamkeit zugebracht. Jezt
verließ der Pro-<lb/>kurator das Haus nicht mehr, an das die
Freundlich-<lb/>keit und der Frohsinn seines Weibes ihn fesselten;
und<lb/>wenn es anfangs auch nur Neugier war, welche Mam-<lb/>sell
Philippine bewog, sich ab und zu außer den ge-<lb/>wohnten Stunden in die
Zimmer ihrer Schwägerin<lb/>zu verfügen, so blieb sie doch hie und da ein
wenig<lb/>länger in denselben, als die vorgeschützte
Veranlassung<lb/>s<lb/>ihres Kommens es nöthig machte, und sie hätte
alles<lb/>Empfindens baar sein müssen, wenn die
bereitwillige<lb/>Zuvorkommenheit ihr nicht hätte wohl thun sollen,<lb/>mit
der Marion sie jedesmal empfing.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0266_265.tif" n="265"/>
<p>t g!<lb/>le<lb/>ls<lb/>s<lb/>e<lb/><lb/>H<lb/>d<lb/>K<lb/>8K<lb/>Aber was
durch einen langen Winter festgefroren<lb/>ist, das schmilzt auch die
hellste Sdnne nur sehr all-<lb/>mälig, und Mamsell Philippine war es viel zu
lange<lb/>Zeit gewohnt gewesen, sich in Posktion zu sezen und<lb/>etwas
vorzustellen, als daß es iht möglich gewesen<lb/>wäre, mit einem raschen
Schritte, mit einem willens-<lb/>kräftigen Entschlusse plözlich in den
Gereich der Wahr-<lb/>heit überzugehen. Sie konnte es, nicht
,einräumen,<lb/>daß Marion sie überwinde, sie konnte es vor
ihren<lb/>Freunden nicht bekennen, daß man der Französin Un-<lb/>recht thue,
daß keine Deutsche eine bessere Hausfrau<lb/>und Gattin sein könne; das
hätte geheißen von dem<lb/>Sockel niedersteigen, auf welchen die Abneigung
gegen<lb/>die Conditorfrau die Tochter der Senatorin erhoben<lb/>hatte, und
sich selbst zu beeinträchtigen war Mamsell<lb/>Philippine nicht gemacht.
Indeß die Egöisten haben<lb/>das Eine mit den Kindern Gottes gemein, daß
alle<lb/>Dinge zu ihrem Frommen gereichen müssen.- Kaum<lb/>empfand
Philippine, daß es sich angenehmer mit den<lb/>Ihren, als in der
Abgeschiedenheit von ihnen leben<lb/>lasse, so fing sie an, sich als die
großmüthige und ver-<lb/>zeihende Beschüzerin derselben hinzustellen, und
eine<lb/>neue Heiligsprechung der Halbbekehrten war im Werke,<lb/>?<lb/>F!
als der Ernst des Schicksals an sie herantrat und<lb/>z ihrem Leben eine
neue Wendung gab<lb/>Marion hatte nahezu zwei Jahre an der
Seite<lb/>e<lb/>-<lb/>l.<lb/><lb/>ß<lb/>a<lb/>, i<lb/>,<lb/>s<lb/>e
s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0267_266.tif" n="266"/>
<p>N6<lb/><lb/>ihres Mannes verlebt, als sie ihm einen Sohn gebar. F;<lb/>In
staunender Betrachtung, in stummer Anbetutkg F<lb/>stand Mamsell Philippine
vor der Offenbarung, welche P<lb/>jede neue Menschwerdung für den Menschen
in sich F<lb/>schließt. Sie sprach kein Wort, und doch hätte sie b<lb/>?a
nu<lb/>als ob das Eis gebrochen und alle Liebe, deren ihr Z<lb/>enge Seele
fähig war, in warmen Fluß gekommnt<lb/>wäre. Sie hielt das Kind in ihren
Armen, sie sah F<lb/>auf die Mutter hin, auf den Vater, der ihr Bruder
h<lb/>war, das Alles hing mit ihr zusammen, konnte ihr F<lb/>gehören, konnte
sie erfreuen, und sie hatte sich davön F<lb/>entfernt, weil sie nicht
begriffen hatte, wie reich mäü Z<lb/>werden kann, wenn man sich selber in
Wahrheit zur g<lb/>rechten Stunde aufzugeben, und sich an andere zt
F<lb/>verlieren weiß. Die kleinen Händchen, welche sich ss I<lb/>tastend und
so hilfsbedürftig in die Höhe hoben, schiö- g<lb/>nen recht eigentlich nach
ihr zu langen, die kleinen Z<lb/>Augen, die sich dem Tageslichte noch nicht
zu öffnen F<lb/>wagten, schienen sie zu suchen; sie stand an der Wiege
F<lb/>und weinte, und sie merkte es nicht, wie leise Marion H<lb/>klagte und
stöhnte, in wie banger Angst ihr Bruder F<lb/>an dem Bette seiner Gattin
stand, wie sorgewvoll der<lb/>z<lb/>Arzt an ihrem Lager wachte:<lb/>Marion
war im Sterben. Nur von Zeit zu Zeit Z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0268_267.tif" n="267"/>
<p>fchien sie Bewußßtsein zu haben. Damn richteten
ihre<lb/>1<lb/>t<lb/>t<lb/>Aa?<lb/>Augen sich immer nach Philippinen hin,
und sie sah,<lb/>mit welcher Inbrunst der Liebe das sonst so
kalte<lb/>Autliz des alten Mädchens auf den Neugeborenen<lb/>t<lb/>schaute.
Als es schon dunkel wurde, naimte sie leise<lb/>Philippinens Namen. Es fuhr
derselben wie ein Stich<lb/>k<lb/>durchs Herz. Sie erhob sich und trat an
das Schmer-<lb/>t<lb/>F zenslager beran ,Ich banke Ahne dafüe, baß Se<lb/>F
mich lieb gewonnen haben, sagte sie:,haben Sie<lb/>F, auch den armen Kleinen
lieb und seinen armen Vater.<lb/>Philippine sank auf ihre Kniee und ergrif
Marions<lb/>F Nnd, um sie zu küssen..Vergebung! Vergebung !<lb/>s rief sie.
-- Aber der Arzt zog sie von der Kranken<lb/>Z, fort,Denken Sie an die arme
Frau und nicht an<lb/>F: die Verzeihung, die Sie wünschen,! sagte er,
und<lb/>z Philippine sah es, wie das Haupt der jungen Mitter<lb/>h, sich
noch einmal leise zu bewegen süchte und bann<lb/>ßß, zurücksank in ihres
Manes Aim, der stäir und ohne<lb/>h s eine Thräne äuf bem Rande ihres Bees
saß; bis der<lb/>H! lezte Athenzug verklungen war, bis die Augen
seiner<lb/>Z! Frau sich kür immer geschlossen hatien. Der Tod war<lb/>h s
herniedergeschwebt auf das alte Häus; und wohin er<lb/>, ; seinen Fuß sezt,
da behauptet er seine feierliche Herr-<lb/>s I schaft für eine Spanne Zeit
und gestaltet dieses üm<lb/>g.! und gestaltet jenes um, daß die Menschen km
ersten<lb/>j; Fbreen zlaben, -s fe n dee Loe des inen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0269_268.tif" n="268"/>
<p>78<lb/>?<lb/><lb/>F<lb/>Hingeschiedenen nicht nur in den Außendingen
eine,'<lb/>Veränderung vorgegangen, sondern sie selber hätten,<lb/>sich
verwandelt. Indeß, was einmal in deül--<lb/>Kern eines Menschenwesens
steckt, däs wandelt sihZ<lb/>üicht um vor dem Anblick eines Todten, es
schweigtF<lb/>nur davor, und wenn die Leiche dem Auge entzoge?<lb/>und die
Trauerklänge verhallt und das Gepränge uilb'<lb/>die augenblickliche
Herrschaft des Todes von dsähI<lb/>Hause verschwunden sind, so kommt fast
überall untst ,,<lb/>den Lebenden der alte Mensch zum Vorschein,
wenn?<lb/>schon bisweilen in einer sehr veränderten Gestalt. ,<lb/>Auch der
Prokurator, so gern er seine Frau gehaitZ<lb/>hatte, und so angenehm ihm die
beiden Jahre an ihreth<lb/>Seite verflossen waren, kehrte bald zu den alten
Ge- F<lb/>wohnheiten seiner Junggesellenzeit zurück. Er gingF<lb/>Morgens
vom Gerichte eine Stunde in das Weinhaus- F<lb/>Nachmittags eine halbe
Stunde in das Kaffehaus unö!Z<lb/>Abends in die Ressource, um zu Hause nicht
die'<lb/>freundliche Marion zu vermissen. Was hätte ihn auch F<lb/>von
dieser Lebensweise abhalten sollen? Ein Männ, ;<lb/>und vollends ein Mann,
der nicht mehr jung ist, kann F<lb/>mit einem kleinen Kinde eben nicht viel
anfangen, wenn J<lb/>es ihm nicht durch die selbstlose Liebe eines Weibes
F<lb/>vermittelt und erklärt wird. Für dieses Amt war bei<lb/>dem besten
Willen doch natürlich Niemand weniger<lb/>geeignet, als seine Schwester
Philippine, die, egoistisch<lb/>L<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0270_269.tif" n="269"/>
<p>289<lb/>in ihrem Schmerze, wie in ihrer Reue, nur an sich<lb/>selber dachte,
und es darüber fast vergaß,! daß nicht<lb/>sie, sondern ihr Bruder den Tod
des jungen Weibes<lb/>zu beklagen hatte.<lb/>Aber ihr Schmerz währte nichts
lange' Seit, denn<lb/>Philippinen war mit der Geburt des -ihr
anheimge-<lb/>-fallenen Kindes ein wahrer Glücksstern aufgegangen.<lb/>Auch
das kälteste Frauenherz, und Philippinens Herz<lb/>, war gar kein solches,
birgt die Fähigkeit der Mutter-<lb/>, liebe in seiner Tiefe, und mit nie
gekannter Wonne<lb/>fand sich das alte Mädchen plözlich auf eine
natür-<lb/>liche Pflicht, auf eine neue Thätigkeit hingewiesen.<lb/>Sie
hatte an dem Neffen, an dem Neugeborenen<lb/>Mutterstelle zu vertreten, und
sie gelobte sich, ihm im<lb/>vollsten Sinne des Wortes eine Mitter zu
sein.<lb/>Auf ihre Bitte hatte man dem Knaben ihren<lb/>Namen beigelegt, und
der kleine Philipp hätte es für<lb/>seine ersten Wsihre gor nicht bessek
haben können.<lb/>als unter der Aufsicht seiner Tante. Alles
verschwand<lb/>in der Erinnerung derselben vor ihrem neuen, vor<lb/>ihrem
ersten wahren Glück. Sie sprach nicht mehr<lb/>davon, welch gute Tochter sie
gewesen war, sie dachte<lb/>nicht mehr an ihren auf dem Felde der Ehre
gefalle-<lb/>nen Helden, die Guitarre, die Blumen auf dem
Fen-<lb/>sterbrette hatten keine Bedeutung mehr für sie, sie<lb/>vergaß es,
wie sehr sie die arme Marion einst gehaßt,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0271_270.tif" n="270"/>
<p>L<lb/>v<lb/>i<lb/>wie allmälig und verschlossen sie dieselbe dann
geliebtsF<lb/>fie dachte bald gar nicht mehr an Marion, sie hatteß<lb/>nur
ein Gefühl des Dankes gegen den Himmel unk F<lb/>die höchste Bewunderung vor
den Wegen der Votsj<lb/>sehung, die ihr den Knaben geboren werden, die
un'F<lb/>ihretwillen seine Mutter hatte sterben lassen, die ßiß<lb/>das
Glück der reinsten aller Empfindungen, der Muts F<lb/>terliebe, hatte
zubereiten wollen. Machte dann einmal ß<lb/>ihrer Freundin eine, die nicht
wie Philippine von deii Z<lb/>Widerwillen gegen die verstorbene Prokuratorin
geheilt ß<lb/>war, die gelegentliche Bemerkung, der Himmel habe !<lb/>es
offenbar auch nicht gewollt, daß die Tochter des Z<lb/>Hauses durch eine
Fremde verdrängt und auf die ß<lb/>Seite geschoben werden solle, so sagte
Philippine dazu -<lb/>nicht nein. Sie hatte Stunden, stille, einsame Stun-
ß<lb/>den, in welchen sie im Grunde ihres Herzens ganz Z<lb/>dasselbe
dachte, denn die Vorsehung oder das SchicksalI<lb/>find ja der Sündenbock,
dem die megchliche Eitelkeit j<lb/>und Verblendung alle ihre thörichten und
oft auch ?<lb/>bösen Gedanken aufzubürden lieben. Mancher würde
?<lb/>stutzig werden und in sich gehen, wenn er selbst ver-<lb/>treten
sollte, was er den unsichtbaren Mächten zuzu-<lb/>schieben kein Bedenken
trägt.<lb/>Aber darüber machte die glückliche Tante sich keine !<lb/>Sorgen.
Ihr Philipp war ihr jezt der Mittelpunkt s<lb/>der Welt, und als ein
plözlicher Tod dem kaum drei-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0272_271.tif" n="271"/>
<p>A<lb/>jährigen Knaben auch den Vater raubte, als das Kind<lb/>nun ganz ihr
eigen war, da hielt es schiwer, in der<lb/>zärtlich vorsorgenden
Pflegemutter, in der. selbstver-<lb/>gessenen Wärterin des Knaben,' die
jeder helle Blick<lb/>des Kleinen wie mit Freüdenstrahlen übergoß,
die<lb/>starre, kalte Mamsell Philippine wieber zu erkennen.<lb/>Sie
erheuchelte nichts mehr, sie stellte nlchts mehr vor,<lb/>sie wollte von
Grund des Herzens! das Beste ihres<lb/>Philipp. Aber ein thörichter Mensch
wird nicht leicht<lb/>weise, und Erziehen ist eine schwere Kunst, schon
darum,<lb/>weil Maßhalten eine Hauptbedingung für ihr Gelin-<lb/>gen ist.
Maß zu halten verstand nun leider die neue<lb/><lb/>Pflegemutter
nicht.<lb/>Ihr Philipp sollte alle ihre Jdeale in sich ver-<lb/>wirklichen.
Er sollte gesund an Leib und Seele er-<lb/>P wachsen, sollte ein Deutscher
werden bis in's tiefste<lb/>Herz, sollte Rein und keusch seln; wie fie'
felber, das<lb/>Schöne lieben, bas Niedrige und Gemeine gar nicht<lb/>F
kennen, die Ehre seiner Families die sein guter Vater<lb/>g<lb/>zP. nicht
genug gewahrt, hoch und heilig halten; und da<lb/>Z- ihr durch des Himmels
wundervolle Gnade ein Sohn<lb/>Z l Philipp z Theil geworden war, so höffte
sie es<lb/>z s dereinst noch zu erleben, daß dieser Sohn ihr eine<lb/>I
Tochter nach' ihrem Herzen. in das Haus shre Mutter<lb/>=s - einführen
werde.<lb/>z; - Ie hatte kein Interesse mehr, als ihren
Ahilipp.<lb/>-,<lb/>n,<lb/>lf<lb/>ls<lb/>:<lb/>i<lb/>s s<lb/>k s<lb/>A
s<lb/><lb/>?-<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0273_272.tif" n="272"/>
<p>A<lb/>,<lb/>z?<lb/>A<lb/>Jeder mußte sie von ihm sprechen hören, und
nöähs<lb/>hatte das Kind kaum errathen lassen, was einmal aüß-<lb/>ihm
werden könne, als Mamsell Philippinens Philkh?<lb/>schon ein Spottname für
dasselbe und der Kleine, eh?<lb/>Is<lb/>Gegenstand des Scherzes für alle
diejenigen gewordens<lb/>war, welche seine Tante und deren
Vergangenhe!',<lb/>kannten. Aber Philippine focht das wenig an.
Siü,<lb/>hatte ein völliges Genügen in dem Kinde gefundeü,<lb/>es kümmerte
sie nichts mehr als dieses Kind. VökF<lb/>Allem sollte es gesund erwachsen.
Es sollte Suft undIF<lb/>Licht genießen, wie die alte Stadt sie nicht zu''
bieksüP<lb/>vermochte, und rasch entschlossen faßte sie den Pla,ß<lb/>mit
ihrem Knaben fortan auf dem Landsize zu lebetgz<lb/>welchen derselbe als
Erbe der Familie, im Herzen där,,<lb/>ze?<lb/>Provinz besaß, und den zu
bewohnen ihr bis dhinP<lb/>immer ein Dpfer gedünkt, wenn der Wille
ihrer<lb/>Mutter sie je bisweilen dort zu leben gezwungek
F<lb/>ß<lb/>hatte.<lb/>Die Leute trauten ihren Ohren nicht, als Philhs
F<lb/>pine ihnen diese Absicht kund that, sie trauten ihren F<lb/>Augen
nicht, als sie wirklich eines Morgens die eiser-F<lb/>nen Laden vor dem
untern Stockwerk des Eckhauses<lb/>geschlossen sahen, als die Vorhänge an
dem Fenster,z-<lb/>an welchem die Senatorin und nach ihr
Mamsellg.<lb/>Philivpine so und so viele Jahre, wie ein Wahrzeichen
F<lb/>der alten Stadt, in ihrer Würde dagesessen hatte, mit J<lb/>-
z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0274_273.tif" n="273"/>
<p>AK<lb/>einem Male heruntergelassen waren. Man wollte es<lb/>nicht glauben,
daß die Leztere wirklich auf den Ver-<lb/>kehr mit ihren alten Bekannten
verzichten, daß sie von<lb/>allen ihren Lebensgewohnheiten Abschied nehmen
werde<lb/>um eines Kindes willen; indeß ,man btachte dabei die<lb/>k<lb/>F
Eigenartigkeit von Philippinens Charakte nicht in<lb/>F r=pe<lb/>Jahre und
Jahre vergingen, in welchen sie nur<lb/>P einmal in der Mitte jedes
Hochsommers, zur Seit des<lb/>F Jahrmarktes, für wenige Tage in die Stadt
käm.<lb/>ß Sie brachte dan ibren dfleglig but slch, fie führte<lb/>D ihn
auch zu ihren Bekannten und zu den verschiedenen<lb/>F Mitgliedern ihrer
Familie, damit man sich überzeuge,<lb/>b! wie gut der Knabe in ihrer Obhut
gedeihe; sie fuhr<lb/>A<lb/>F - mit ihm in der Stadt umher, die alte
Karosse, rasselte<lb/>N<lb/>s - Pn der bestimmten Stunde wieder durch die
Straßen,<lb/>P sie ging mit Philipp auf den Maikt, es wurde ihm<lb/>k<lb/>g
gekauft, was er nur begehrte, aber er kam nicht von<lb/>FF der Hand der
Tante los, und selbst wenn sie mit ihm<lb/>H sich in den Häusern der
Verwandten aufhielt, durfte<lb/>z re nuur in ihrem Beisein mit seinen
kleinen Altersge-<lb/>j! nossen spielen und verkehren. Es war vergebens,
daß<lb/>ß. Einer oder der Andere ihr wohlmeinend den Rath<lb/>s<lb/>-;
ertheilte, den Knaben nicht so einsam zu erziehen.<lb/>s Sie mochte ihn mit
Niemand theilen, imd da bei<lb/>J alten unverheirathetenPersonen die
Gewohnheit zu einem<lb/>FF Lewald, Kleine Romane.
?.<lb/>1<lb/>z<lb/><lb/><lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0275_274.tif" n="274"/>
<p><lb/>z<lb/>sie beherrschenden Tyrannen wird, so mochte
Mamssltr?<lb/>Philippine schon nach wenig Jahren nicht mehr da-''s<lb/>ernd
in der Stadt verweilen, ganz abgesehen davon, ?<lb/>daß es ihr bei ihrer
jetzigen Lebensweise nur nsch?<lb/>leichter wurde, das Vermögen ihres
Philipp und ihr!' ß<lb/>eigenes, das ja auch einst das seine werden mußte, i
-?<lb/>immer schnellerem Wachsthum zu vergrößern.<lb/>-1<lb/>-z<lb/>Wie
Philipp seine Kindheit einsam zugebracht -z<lb/>hatte, so verlebte er auch
seine Jgend einsam auf I<lb/>dem Gute seiner Tante, unter der Obhut eines
eigenen z,<lb/>Erziehers, der zwwar ein gelehrter Mann und als
Leh--F<lb/>rer wohl befähigt, im Nebrigen aber noch pedantischef -<lb/>,
Is<lb/>als Mamsell Philippine und ganz dazu geschaffen war, F<lb/>sich den
Anordnuungen und Wünschen seiner eigenwil- ;<lb/>ligen Patronin ohne große
Neberwindung unterzu 'M1?<lb/>.?<lb/>ordnen.<lb/>Is<lb/>Sparsam bis in's
Kleinliche, wo es die eigenen!I<lb/>Bedürfnisse galt, ließ es Mamsell
Philippine in keiner I<lb/>Weise fehlen, sobald die Bildung ihres Neffen in
Be-<lb/>tracht kam, und je mehr man sie davor warnte, den<lb/>jungen
Menschen von den Genossen seines Alters, von<lb/>der Berührung mit dem Leben
so geflissentlich zu ent-<lb/>fernen, nm so mehr befestigte sie sich in der
Grille,<lb/>-<lb/>ein Meisterstück von Erziehung an ihrem Philipp
zu<lb/>liefern, der erst als ein vollständig gebildeter junger<lb/>Mann in
die Stadt und in die Familie zurückkehren sollte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0276_275.tif" n="275"/>
<p>Ke<lb/>Je mehr der Held ihrer Erziehungsgrundsäze sich<lb/>dem Zeitpunkt
näherte, in welchem Mamsell Philip-<lb/>pine ihn nach ihrer Meinung
freisprechen wvollte, um<lb/>so eifriger wurde sein Unterricht betriebei!
Sprach-<lb/>lehrer, Tanzmeister, ja ein Stallmeister wurden wäh-<lb/>rend
der verschiedenen Sommerferien, in denen die<lb/>Stadt ihnen wenig
Beschäftigung zu bieteis hatte, auf<lb/>das Gut hinaus beschieden, und
Philipp wußte sich<lb/>die ihm gebotenen Lehren wohl zu Nuze zu
machen.<lb/>Aber jeder dieser Meister steigerte auch mit seinen
Be-<lb/>richten von dem Leben in der Welt das Verlangen<lb/>des Einsamen, in
die Welt hinauszukommen, und es<lb/>wwäre in jenen Tagen, welche dem
zwanzigsten Geburts-<lb/>- tag ihres Philipp vorangingen, schwer zu
entscheiden<lb/>- gewesen, wer den festgesezten Termin lebhafter
herbei<lb/>- sehnte, ob Mamsell Philippine, die ihren Philipp den<lb/>Leuten
vorzustellen dachte, oder dieser selbsts der mehr<lb/>- und mehr darnach
verlangte, die Welt zu sehen, die<lb/>er sich nach seinen flüchtigen Blickeü
in bieselbe und<lb/>, nach seinen Büchern wie ein Parädies der
Freude<lb/>dachte, während seine Tante und sein Mentör ihm<lb/>; immer nur
bon Fallstricken zu sprechen wißten, die<lb/>seiner dort harren würden, und
welchen sich zu ent-<lb/>ziehen die sittliche Aufgabe seiner Zükunft sein
wwerde.<lb/>s Nnschuldiger hatte nie ein Aügenpaäi ii das
Lebei<lb/>hinausgeblickt, träumerischer nie ein Jünglinng sich
Luft-<lb/><lb/><lb/>l !<lb/>ls-<lb/>l!
-<lb/>le<lb/>z:<lb/>l<lb/>j<lb/>lu<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0277_276.tif" n="276"/>
<p>s<lb/>z<lb/>D<lb/>schlösser erbaut. Was er ersehnte und erhoffte, Mha<lb/>er
am meisten wünschte, hätte er selber nicht zul sgkfß<lb/>gewußt; er hatte
keinen bestimmten Plan fük söhs<lb/>künftige Beschäftigung, er hatte keinen
Ehrgeiz, dekE?ß<lb/>er war reich und hatte niemals neben
Mitsteeiöifs<lb/>gearbeitet und gelebt. Er hatte auch kein
eutschGisö?<lb/>nes Berlangen nach Abenteuern, kein
ausgespiocheiE!<lb/>Bedürfniß irgend einer Art; nur nach Bewegüiß<lb/>sehnte
er sich, nach Ungekanntem, nach Genuß üiO<lb/>Aufregung, und während er in
seiner Herzensenäkf?ß<lb/>goldene Bilder an dem fernen Horizonte sich
spiegAKi! ';<lb/>sah, der sich ihm in der Stadt eröffnen sollte,
gäFF<lb/>seine und seiner Tante bevorstehende Nebersiedelung hE
F<lb/>dieselbe bereits einen Gegenstand der Belustigung fük
j?<lb/>O<lb/>ihre Freunde ab.<lb/>Schon den ganzen Sommer hindurch hatte sse
H,<lb/>denselben die schriftlichen Anzeigen gemacht, daß fäß<lb/>ihres
lieben Philipps Bildung und Erziehung yon' H<lb/>ihrer Seite jezt das
Mögliche geschehen, und daß es J<lb/>also an der Zeit sei, ihm in der
Gesellschaft die lezzte F<lb/>Politur für dieselbe zukommen zu lassen, da ja
der F<lb/>Diamant nur mit Diamanten zu schleifen sei. Und' g<lb/>sie hatte
dann niemals unterlassen, es hinzuzufügen, Z<lb/>wie glücklich sie der
sanfte Charakter und der gebildete F<lb/>Geist ihres Philipp machten, und
wie es sie freue, F<lb/>daß er so viel Sinn für das ruhige und
beschaulichöF<lb/>u<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0278_277.tif" n="277"/>
<p>Ae<lb/>Leben habe, welches zu führen sein großes Vermögen<lb/>ihn vollkommen
ermächtige.<lb/>Mit vorsichtiger Berechnung hgtte sie das Haus<lb/>des
Commerzienraths, ihres Vetters, zu dem ersten<lb/>Auftreten ihres Philipp
auserwählt. Der Commnerzien-<lb/>rath galt für den reichsten Mainn ber Stadt
und war<lb/>einer ihrer angesehensten Bürger. s Seine! Frau gab<lb/>den Ton
in der Gesellschaft an, seine Töchtei hatten<lb/>eine glänzende Erziehung
genossen, waren vortreffliche<lb/>Partien, und wenn, wie Mamsell Philippine
gar nicht<lb/>zweifelte, ihr Philipp in diesem Kreise die ihm
ge-<lb/>bührende Anerkennung fand, so war mit einem Schlage<lb/>seine
Position gemacht und seine günstige Aufnahme<lb/>in der Gesellschaft
festgestellt. Im November feierte<lb/>der Commerzienrath seine silberne
Hochzeit, die ganze,<lb/>in Norddeutschlands Handelsstädten weit
ausgebreitete<lb/>s Kamilie hatte für den Tag ein Züsaünmeßtreffen
ver-<lb/>F abredet, und auch Mamsell Phillppine hatte acht Tage<lb/>f vorher
ihrei Landaufenthalt verlassen, tm ihre Vor-<lb/>s bereikungen für das
würdige Auftreten ihres Neffen<lb/>F zu machen.<lb/>Wo aber eine große
Familie versammelt ist, findet<lb/>? man auch eine Schaar jungen Volkes, das
stets be-<lb/>s reit ist, sich neben dem allgemeinen Feste noch seine<lb/>;
Privatvergnügungen zu bereiten; ünd Scherz und<lb/>? Spott liebend, hatte
man sich seit mehreren Tagen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0279_278.tif" n="278"/>
<p>7K<lb/>!<lb/>e l<lb/>!<lb/>im Voraus daran ergött, wie Mamesell Philippine ai
gg;,<lb/>- z<lb/>dem Himmel des Familienfestes zu besonderer ES s
z<lb/>höhung seines Glanzes ihren Philipp erscheinen lasss
I,j<lb/>K1<lb/>werde.<lb/>, z'<lb/>Am Abende, als man sich zum Balle
vereinte ind ,'ss<lb/>der große Saal schon voll von Gästen war, thäten ;si
!<lb/>sich plözlich die Thüren auf, Mamsell Philippine trät ;; !<lb/>mit
ihrem Philipp ein und auch die Ernsthaftesten uü ?<lb/>-= l<lb/>ter den
Alten konnten sich eines Lächelns nicht erweh- z; z<lb/>R l<lb/>ren, denn
ein seltsameres Paar hatte wohl nie des F ,<lb/>. »!<lb/>Parket eines
Tanzsaales beschritten.<lb/>Stolz und mit hochaufgehobenem Haupte, siezbss F
?<lb/>wußt vom Kopf bis zum Fuß, schaute Mamsell ghll F<lb/>h<lb/>lipine um
sich her. Sie hatte, um ihrem Philipö F;<lb/>Ehre zu machen, sich neu und
nach der Mode ange- (<lb/>kleidet. Die hohe, damals unter dem Titel s l gie-
Z<lb/>al bekannte Frisur machte ihren schmalen, spizen Z<lb/>Kopf noch
länger aussehen, die kurze Taille, die brei- ß:<lb/>. - ?<lb/>ten Gigotärmel
zeigten erst recht die Magerkeit ihret z.<lb/>Gestalt, und der altmodische
Schmuck von hellgrünen F<lb/>Chrysopras, mit Diamanten eingefaßt, die noch
alt- -ß<lb/>modischere Brillant-Aigrette, die sie in den Puffen ß<lb/>ihres
falschen Haares angebracht hatte, machten den IF<lb/>Eindruck der
geflissentlichen Ausstaffirung nur noch I?ß.<lb/>komischer. Neben ihrer
selbstgewissen Steifheit ver- L<lb/>Fs<lb/>schwand der Neuling des
Ballsaales, verschwand dse IF<lb/>s<lb/><lb/>E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0280_279.tif" n="279"/>
<p>AD<lb/>arme Philipp ganz und gar, obschon ihre ;Geberden<lb/>Aller Augen auf
ihn zu lenken suchten. s<lb/>Mamsell Philippine hatte eine fast männliche
Höhe,<lb/>ihr Philipp war nur mittelgroß, wie seine Mutter es<lb/>gewesen.
Er sah der reizenden Marion sprechend ähn-<lb/>lich, hatte ihre feinen Züge,
ihre freundlichen Augen,<lb/>ihren lächelnden Mund und ihre schönen Zähne.
Man<lb/>hätte ihn recht hübsch finden müssen, wäre er nicht<lb/>ein junger
Mann und zwwanzig Jahre alt gewesen.<lb/>Schneider und Schuster und selbst
ein Friseur hatien<lb/>ihr Bestes an ihm gethan, Rock und Hose saßen
ihm<lb/>vortrefflich, das schöne schwarze Haar fiel ihm in
regel-<lb/>rechten Locken auf die linke Schläfe herab, die Ührkette<lb/>war
nach der neuesten Mode, die Handschuhe schlugen<lb/>keine Falte, und doch
lachten die jungen Mädchen, als<lb/>sie ihn erblickten, doch war er wirklich
im hohen Grade<lb/>lächerlich der arme, hübsche Philipp, als er gleich
an<lb/>der Eingangsthüre die regelrechte, ihm von seinem<lb/>Tanzmeister
eingelernte Verbeugung mmachte, die er, so-<lb/>bald Jemand an ihn heran
trat; mit ängstlicher Blö-<lb/>digkeit widerholte. Die Tante ganz Freude,
Stolz<lb/>und Redseligkeit, der Neffe verlegen und bei jedem<lb/>s<lb/>Worte
erröthend, fortdauernd von der Tante mit Blick<lb/>und Miene ermuthigt und
fortwährend bemüht, sich<lb/>zu verbergen, immer von ihr in das, Gespräch
gezogen,<lb/>und scheu jeder Anrede ausweichend; bildeten sie ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0281_280.tif" n="280"/>
<p>78O<lb/><lb/>A<lb/>F<lb/>wunderliches Gegenspiel. Man mußte denken, sie hät-
?;<lb/>ten im Maskenscherze ihr Costüm gewählt. Tanke,l<lb/>Philippine hatte
nie männlicher, ihr Philipp nie mäd--<lb/>chenhafter ausgesehen, als an
diesem vielbespröcheneäI<lb/>Abend ihrer beiderseitigen Verherrlichung; die
Taite F<lb/>war mit sich niemals zufriedener gewesen, als in d<lb/>sem
Augenblicke, Philipp empfand zum erstenmale el Z<lb/>,<lb/>Mißbehagen, das
er sich nicht zu deuten wußte. -<lb/>Alles war ihm entgegen, er war sich
selbst gn Z<lb/>Last. Seine Arme hingen ihm herunter, er hätte sie
?<lb/>hinter sich verbergen, sie gar nicht haben mögen, hätie.l<lb/>er den
leidigen Hut nicht halten müssen. Wo er stand,'z<lb/>dünkte es ihm, als sähe
Jedermann auf ihn und seiie.;<lb/>Füße. Er mußte seine Stellung
unwillkürllch alls'?<lb/>Augenblicke wechseln. Sein Anzug genirte ihn, so
be- ,<lb/>quem er ihm zu Hause auch auf dem Leib gesessen ,<lb/>hatte. Sein
Haar fiel ihm in's Gesicht, daß er sä s<lb/>ein Mal ums andere nach hinten
werfen mußte, unb ?<lb/>hatte er endlich eine Art von Haltung und von Ruhe
ß<lb/>gefunden, so trat gewiß gerade in dem Momente die j<lb/>Tante mit
irgend einem Herrn oder gar mit einer ?<lb/>Dame an ihn heran, um ihren
lieben Philipp vorzus<lb/>stellen, und Philipp mußte eine Reihe von
gleichgül- P<lb/>tigen Fragen beantworten, zu welcher Antwort die
j<lb/>Tante in ihrem sonst so starren Antliz schon im Vor- I<lb/>P<lb/>aus
die entsprechende Miene in Bereitschaft hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0282_281.tif" n="281"/>
<p>78t<lb/>Er war wie auf der Folter! Wäre er geistlos, wäre<lb/>er ungebildet
gewesen, er hätte nicht halb so viel ge-<lb/>litten. Mit einer stummen
Verzweiflung dachte er an<lb/>Alles dasjenige, was er wußte.! Er dachte an
seine<lb/>alten Sprachen, an Geschichte und Literatur, an Ma-<lb/>thematik
und' Geographie, aber Niemänd fragte ihn<lb/>darnach, Niemand sprach davon,
und auf die leichten<lb/>Fragen, die man an ihn richtete, war nach seiner
Mei-<lb/>nung selten mehr als ein einfaches Ja oder Nein zu<lb/>erwidern,
das, wenn er es gesagt hatte, der Tante<lb/>offenbar nicht genügte, nnd auch
den Andern zu kei-<lb/>nem weiteren Verkehre den Anlaß darzubieten
schien.<lb/>Man wollte wissen, welchen Beruf er wählen würde,<lb/>für welche
Art der Thätigkeit er sich vorbereitet habe.<lb/>Er sollte berichten, ob er
schon ein Stück von der<lb/>Welt gesehen, die jungen Männer fragten ihn um
Feste<lb/>und Vergnügungen, die ihm nie geworden waren, und<lb/>Allen, das
sah, das fühlte er, war er eine ungewohnte<lb/>komische Erscheinung.<lb/>Er
stand und stand. Je voller es in dem Saale<lb/>wurde, um so verlassener
fühlte er sich, und doch ge-<lb/>fiel ibm das helle, strahlende Gemach, doch
entzückte<lb/>ihn der leichtbeschwingte Rhythmus der jubelnden
Tanz-<lb/>musik, doch bewegte der Ablick all der schönen Mäd-<lb/>chen ihm
das Herz, daß er die Männer beneidete,<lb/>welche die reizenden Gestalten so
sorglos, und als ob<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0283_282.tif" n="282"/>
<p>A8A<lb/><lb/>das nicht ein großes Unterfangen wäre, in ihren Ar-k;<lb/>men
durch die Reihen hoben. Er wollte auch tanzen, ys<lb/>er stellte sich mit
einem Mädchen in den Kreis, das F<lb/>man ihm als eine seiner Basen aus
Hamburg bs- J<lb/>sßs<lb/>zeichnet hatte, aber die ungewohnte Wärme des Saa-
I<lb/>les, die Schnelligkeit der Bewegung, ja selbst der Glanz<lb/>der
Lichter und vor Allem die Nähe seiner Tänzerin<lb/>verwirrten ihm den Sinn,
es schwindelte ihm, und die (<lb/>Base mußte ihn halten, damit er nicht in's
Taumeln ,<lb/>käme. Sie lachte, die Nebrigen lachten mit ihr, und
Z<lb/>bleich vor Scham und Ingrimm zog der Gequälte stch Z<lb/>in das letzte
Gemach der Zimmerreihe zurück, in wel-F<lb/>W<lb/>chem er einsam sich auf
einem Sessel niederließ. zß<lb/>Die Stille, die kühlere Luft thaten ihm
wohl, esJ<lb/>löste sich wie ein Krampf von seinem Herzen, und eks<lb/>paar
heiße Thränen, die ihm der Zorn erpreßte, tratenß;<lb/>ihm brennend in die
Augen. Er hatte sich lächerlich(.<lb/>gemacht, er war sich selbst
verächtlich. Alles, was ihmFß<lb/>bisweilen wie eine Befürchtung
vorgeschwebt, hakteJ;<lb/>sich bewahrheitet. Er war unerfahren wie ein
KindJ<lb/>und stand dem Mannesalter nahe, man hatte ihn zu'e<lb/>bilden
vorgegeben und hatte ihn als ein Spielzeug?<lb/>einer tyrannischen Liebe und
willkürlichen Laune vön?<lb/>seinem eigentlichen Berufe fern gehalten, er
war außer,l<lb/>dem Zusammenhange mit der Welt, in der er
lebeßßß<lb/>follte, und alle die Fragen, welche ihn heute der
Reihe<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0284_283.tif" n="283"/>
<p>2K<lb/>nach bedrängt hatten, mußte er sich jetzt selber vor-<lb/>legen, sie
stürmten jetzt plötzlich auf ihn ein. Was<lb/>bin ich? was soll und muß ich
thun? klang es immer-<lb/>fort in seinem Innern, und es war vergebens, daß
er<lb/>sich die tausendmal gehörte Erklärung von Mamsell<lb/>, Philippine
vorbehielt, daß er reich sei und nichts zu<lb/>s thun brauche, als seinen
Neigungen lehen..<lb/>Heftig warf er die Handschuhe von sich, es
peinigte<lb/>- ihn, die Hände leiblich eingezwängt zu fühlen, weil
sie<lb/>ihm geistig bisher gebunden gewesen waren, und wie<lb/>man in der
Aufregung im Kleinen wie im Großen<lb/>stets über das Maß hinausgeht,
schleuderte er die<lb/>Handschuhe bis mitten in das Zimmer, so daß sie
ge-<lb/>- rade vor den Füßen eines jungen Mädchens nieder-<lb/>fielen,
welches durch eine Seitenthüre eingetreten war<lb/>und augenscheinlich in
den Hauptsaal gehen wgllte.<lb/>Ohne auf Philipp hinzusehen und offenbar- in
dem<lb/>Glauben, daß er sie mit den Handschuhen haben tref-<lb/>fen wollen,
rief sie empfindlich: ,Ich berbitte mir der-<lb/>gleichen! Ich bin keine
Dienstmagd und biü kein Kinb<lb/>mehr!r<lb/>Philipp hatte sich schon seiner
Heftigkeit und sei-<lb/>nes Gebahrens bei dem Eintritt des Mädchens
ge;<lb/>schämt. Die Worte brachten ihn völlig aus; der Fas-<lb/>sung. Er
stand auf, ging zu der Erzürnten hin und<lb/>sagte: ,Ich hatte Dich nicht
gesehen, vergieb! -<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0285_284.tif" n="284"/>
<p>28e<lb/>z<lb/><lb/>, Aber warum werfen Sie denn die guten,
neus<lb/>Handschuhe an die Erde? fragte sie;,das ist ja
ßnFF<lb/>verantwortlich!''-- Sie bückte sich, sie aufzuhebenz Ei<lb/>wollte
ihr zuvorkommen, und eilig, wie sie wake<lb/>ftießen sie mit den Köpfen so
heftig zusammen, bäh,<lb/>Beide sich die schmerzenden Stirnen rieben,
währeih<lb/>-s;<lb/>sie doch herzlich lachen mußten.<lb/>,Das ist eine
komische Art, unsere Bekanntschaft?<lb/>»O<lb/>zu erneuen!!! meinte das
Mädchen.<lb/>,Erneuen?' wiederholte Philipp.,Es ist mir, alh<lb/>sähe ich
Dich heute zum erstenmale, ich kenne Dilhs<lb/>eß<lb/>kaum
wieder.!<lb/>,Dann brauchen Sie mich nicht Du zu nemenfF<lb/>erwiderte sie
verlegen und schnippisch zugleich. he<lb/>, Nein, gewiß nicht! Nehmen Sies
nicht übel, lleGö<lb/>Hedwig!-- und nun er sie so höflich angeredet
hattäh,,<lb/>lachten sie wieder alle beide, und Philipp kam sich
nk'ß'<lb/>einem Male so befreit und leicht vor, daß er Lust züä)<lb/>Tanzen
fühlte.<lb/><lb/>,Wollen Sie nicht einen Walzer mit mir
tanzenMß<lb/>-h<lb/>fragte er.<lb/>.Ich? Wo denken Sie hin! Ich tanze hier
nicht?P<lb/>, g<lb/>entgegnete sie.<lb/>I<lb/>,Aber' weßhalb nicht?<lb/>,,D,
schauen Sie mich nur an; ich gehöre ja gak ?<lb/>nicht zur Gesellschaft,'
entgegnete sie und warf die (<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0286_285.tif" n="285"/>
<p>28K<lb/>kleine volle Oberlippe spöttisch und schmollend in<lb/>s =e
ebe<lb/>Er that, wie sie ihn geheißen und bemerkte dabei,<lb/>dafß sie
allerdings nicht wie die übrigen Damen in<lb/>Balltoilette gekleidet war,
aber gerade deßhalb gefie!.<lb/>sie ihm besser. Sie sah auch reizend aus in
ihren<lb/>Kleide von rosa Mousseline mit der kleinen
schwarzen<lb/>Taffetschürze, die ihre schlanke Taille so zierlich
hervor-<lb/>hob, während der hübsche Kopf mit den klugen braunen<lb/>Augen
sich keck auf dem schlanken Halse hin und her<lb/>bewegte. Er überlegte, wie
alt sie jezt wohl sein möge,<lb/>denn es war lange her, daß sie einst mit
ihrer Mut-<lb/>ter bei Mamsell Philippine gewesen war, als diese
sich<lb/>nach ihrer Gewohnheit um die Jahrmarktszeit einige<lb/>Tage mit
Philipp in der Stadt aufgehalten. Damals<lb/>hatte die Tante sie und ihre
Mutter, mit Kleidungs-<lb/>stücken beschenkt, und er erinnerte sich, gehört
zu haben,<lb/>daß sie Anverwandte wären, daß ihr Vater todt und<lb/>ihre
Mutter arm sei Er hätte gern wissen mögen,<lb/>ob sie noch immer in Armuth
lebe, aber er konnte sie<lb/>das doch nicht fragen, und um sie wenigstens
durch<lb/>sein Sprechen in seiner Nähe zu behalten, erkundigte<lb/>er sich,
wo sie wohne.<lb/>,,aben Sie mich denn nicht gesehen?'' rief sie
ver-<lb/>wundert,,ich habe Ihnen ja alle die Tage; seit Sie<lb/>hier find,
dicht gegenüber am Fenster gesessen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0287_286.tif" n="286"/>
<p>18e<lb/>l<lb/>Il<lb/>ß<lb/>l<lb/>ePi<lb/>,,Sie mir? und wo das?<lb/>.eir
wobnen i i de Eckhase Aöen gegeüsesfIj<lb/>Aber freilich in der schmalen
Gasse, wo der Herr Conis<lb/>n l<lb/>merzienrath uns in seinem alten Hause
im SeitenI!z t<lb/>n !<lb/>flügel zwei Stuben eingeräumt hat; und wer, wie
Slöß<lb/>noch bem Maekte hinaussehen knn, der guckt klch
üj<lb/>d<lb/>;<lb/>die schmale Gasse!<lb/>Er wollte eben ihre Hand ergreifen
und ihr sagenßg z<lb/>daß er nun sicherlich nicht mehr nach dem MarkieP
!<lb/>hinausschauen werde, sondern lieber zu ihr hinüberz<lb/>aber im
Nebenzimmer rief man nach ihr; die Tochiee P<lb/>vom Hause, eine große,
prächtige Blondine, gab ißö,g,<lb/>einen Auftrag. Hedwig ging wieder durch
das ZimFß<lb/>mer, kam dann eilig mit einem Korbe voll
Blumen'l?<lb/>Ap<lb/>zurück, der für eine allegorische Aufführung
geforderk,z<lb/>wurde, und obschon Philipp ihr in den Saal
nachö''?<lb/>ging, nm anfzupassen, wo sie bleibe, fand er sie nlhk
F<lb/>AF<lb/>wieder.<lb/>In der Thürbrüstung blieb er stehen und schaute,
h<lb/>in den Saal hinein. Die Tanzenden drehten sich in ?<lb/>buntem Wirbel
vor seinen Augen umher, er beachtete z,<lb/>es nicht, aber er fühlte auch
keine Langeweile und kein g<lb/>Unbehagen mehr. Er überlegte, wie es
zugegangen. -?<lb/>- zzet<lb/>daß er alle die Jahre hindurch nicht an Hedwig
ge' Z;<lb/>dacht, daß er sie habe vergessen können, und daß er
-<lb/>ife<lb/>sie dann doch augenblicklich erkannt habe, obschon
sie'<lb/>g<lb/>s<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0288_287.tif" n="287"/>
<p>H<lb/>so groß und so schön geworden war, wie man es gar<lb/>nicht vermuthen
mögen, als sie noch ein Kind ge-<lb/>wesen.<lb/>Er rechnete aus, daß sie
wohl siebzehn Jahre alt<lb/>sein müsse, aber wie er mit ihr verwandt sei,
wer ihr<lb/>Vater gewesen, und weßhalb sie allein in der ganzen<lb/>reichen
Familie in Dürftigkeit lebe, das wüßte er nicht.<lb/>Noch weniger vermochte
er zu begreifen, weßhalb Tante<lb/>Philippine, die sonst eine lebendige
Chronik war, ihm<lb/>niemals von siesem Theile seiner Familie
gesprochen<lb/>habe, und aus welchem Grunde man das Mädchen,<lb/>das ihm
reizender dünkte, als die ganze übrige Ge-<lb/>sellschaft, von dem Feste
ausschließen und dienend bei<lb/>demselben auftreten lasse.<lb/>Er mußte das
ermitteln, und mit einer Sicherheit,<lb/>die zu fühlen er noch vor einer
Stunde weit entfernt<lb/>gewesen war, schritt er durch den Sadl bis in
das<lb/>Nebengemach, in welchem ein Theil der älteren Perso-<lb/>nen und
untet ihnen Mamsell Philippine, an den<lb/>Spieltischen saßen. Ganz
hingenommen vvn seiner<lb/>antheilvollen Neugier, trat er an die Tante
heran,<lb/>und da sie mit aller Freundlichkeit, deren ihre Züge<lb/>fähig
waren, zu ihm hinauf sah, fragte er lebhaft und<lb/>ohne alle Vorbereitung:
,Tante, wie sind wit eigent-<lb/>lich mit Madanie Meerfeld verwoandt? und
wätum hast<lb/>Du mir nicht gesagt, daß Hedwig Meerfeld mmir ganz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0289_288.tif" n="288"/>
<p>288<lb/><lb/>f<lb/><lb/>nahe gegenüber wohnt? Sie ist hier, und Du würdest'
?<lb/>Dich wundern, wie hübsch sie geworden ist.'! - hse =<lb/>r-,<lb/>,So?
versezte Mamsell Philippine mit einer Gütez P<lb/>die ihren Unmuth nur
schlecht verbarg, währenb Phl '??-<lb/>lipp bemerken konnte, daß seine Frage
auf die übriges''<lb/>Mitspielenden auch einen besonderen Eindtuck
machte<lb/>denn sie lächelten, sahen einander an, und der alte
Ge(.<lb/>neral, der die Schwester des Commerzienraths Ph? -<lb/>Frau hatte,
und von oben bis unten mit Orden be;'. ;<lb/>deckt war, meinte mit einem
vielsagenden Blicke: ,Jß, I<lb/>der That, Cousine Philippine, ihr Philipp
hat dig..,<lb/>Naivetät eines jungen Huronen. Ich mache Ihnen ,?<lb/>mein
Kompliment dazu.''<lb/>e?<lb/>Tante Philippine wurde blaß, sie nahm sich
jedochh<lb/>zusammen und sagte ruhig: ,Gesser zu naiv, als zu
ß<lb/>aufgeklärt!'' und sich gegen Philipp wendend, tröstete- P<lb/>-
kjK<lb/>sie:,DDu sollst es zu Hause erfahren; störe uns jezt, I<lb/>nicht,
mein lieber Sohu!'!- Aber er sah, wie die<lb/>Aigrette auf ihrem Kopfe
zitterte und wie sie NothI;<lb/>hatte, ihren erger zu verbergen. Und
ärgerlich war?,<lb/>er selbst, denn schon wieder hatte man über ihn
gg?,<lb/>lacht, schon wieder hatte er sich eine Blöße gegebeß.' ,<lb/>und
daran war Niemand schuld, als seine Tante, Niez;;<lb/>mand schuld, als sie,
die ihn aufwachsen lassen, ggs,'<lb/>sollte er ein Mönch wwerden und in ein
Kloster gehesiJ.<lb/>während er reich war, und sein eigener Herr,
undI<lb/>-es zsz<lb/>A<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0290_289.tif" n="289"/>
<p>89<lb/>thun und lassen konnte, was er wolle, sobald er es<lb/>P<lb/>nur
wollte.<lb/>Er fragte sich, weßhalb ihm das nach niemals ein-<lb/>gefallen
sei, aber er hatte sich diese Frage auch kaum<lb/>gethan, als er die
Nothwendigkeit. empfand, der Tante<lb/>zu beweisen, daß er kein Kind und daß
er, gesonnei<lb/>sei, sich nicht, wie äin solches mit dek Antwvort
auf<lb/>seine Frage bis zu einer gelegeneren Zeit vertrösten<lb/>zu lassen.
Der Saal, die ganze Gesellschaft war ihm<lb/>ohnehin zuwider. Was sollte er
in bieser Hitze, in-<lb/>mitten aller der gleichgültigen Menschen, da die
Ein-<lb/>zige nicht unter ihnen war, der wieder zu begegnen<lb/>ihn
verlangte?<lb/>Er ging hinaus, sah sich noch einmal in dem K-<lb/>binette,
in welchem er Hedwig begegnet war, nach der-<lb/>selben um, und da er sie
nicht in demselben anwesend<lb/>fand, verließ er die Festgemächer, forderte
seinen Man-<lb/>tel und stand ,nach wenigen Sekunden mitten auf dem<lb/>-
Markte, unschlüssig, wwohin er sich jezt wwenden solle.<lb/>Es mochte nahezu
elf Ühr sein. Die Nacht war<lb/>trocken und für die Jahreszeit noch mild.
Der Voll-<lb/>mond mußte schon aufgegangen sein, denn obschon man<lb/>ihn
noch nicht sah, erhellte er doch bereits die Straßen,<lb/>daß man die
Architektur der Gebäude genan erken-<lb/>nen und sich mit Vergnügen zwischen
ihnen ergehen<lb/>konnte.<lb/>Lewald, Kleine Romane. .<lb/>19<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0291_290.tif" n="290"/>
<p>W0<lb/><lb/>j-<lb/><lb/>Philipp hatte die lange Hauptstraße bald
bueGß<lb/>schritten, trat in eine Nebengasse ein, gelangte auf
Z,<lb/>mancherlei Umwegen an das Thor und ging in das ?<lb/>Freie hinaus.
Die Stadt war früher eine Festung Z<lb/>gewesen, man hatte aber bald nach
dem Kriege dieh ,<lb/>Festungswerke demolirt, die Wälle abgetragen und
siel,j-<lb/>in eine Promenade verwandelt, welche die ganze Stabt
;<lb/>umgab, und hinter welcher sich, von der Freiheit He
J<lb/>nzg;<lb/>günstigt, weite Vorstädte angebaut und mit der Stabt
F<lb/>vereinigt hatten. Fest in seinen Mantel gehüllt, schrlttg,<lb/>ber
Jüngling vorwärts. Das Alleinsein that ihki?-<lb/>wohl, der freie, weite Weg
zog ihn immer weiter aifh;;<lb/>sich fort. Er mußte sich erinnern, daß er in
det Hei-P<lb/>math sei, so fremd erschien ihm diese Gegend um
diesej<lb/>iL<lb/>Stunde, so verändert fühlte er sich selbst in seinet zO,.
-<lb/>Lage. Er dachte daran, welch' ein Genuß es sei (<lb/>müsse, einsam
durch ferne Läänder zu wandern, die Ge<lb/>- z<lb/>genden zu sehen, von
denen er bis dahin nur gelesen, J,<lb/>bie Gefahren zu überwinden, deren
Schilderung ihm fs-<lb/>seine Einsamkeit auf dem Lande verkürzt, ünd ss kme
F<lb/>ihm räüthselhaft vor, daß er nicht schon lange den
P<lb/>n-,ee<lb/>Wunsch gehegt habe, auf Reisen zu gehen. Entzog er ;
-<lb/>sich dadurch doch mit einem Schlage der Unigebung, hn
?-<lb/>!F<lb/>der es ihm heute so unbehaglich gewesen, in der er sih.
;<lb/>so lächerlich gemacht hatte und in der er von Kindes- J<lb/>beinen an
immer als Mamsell Philippinens Philihh I'?,<lb/>-«<lb/>R<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0292_291.tif" n="291"/>
<p>A1<lb/>bezeichnet worden war. So sollte ihn fortan Niemänd<lb/>mehr nennen,
darauf gab er sich das Wort.<lb/>Er hatte bis dahin immer des guten
Gläubens<lb/>gelebt, daß er seine Tante liebe. Jezt hatte er
keinen<lb/>andern Gedanken, als den festen Vorsatz, sie zu ver-<lb/>lassen,
und sie konnte ihn daran gar nicht hindern.<lb/>Sie selbst hatte ihm immer
davon gesprochen, daß er<lb/>mit seinem zwanzigsten Jahre Herr über die eine
Hälfte<lb/>seines Vermögens werde, wenn: sonst gegen seine Auf-<lb/>führung
und seine Moralität nichts einzuweiden wäre.<lb/>Er hatte jezt sein
zwwanzigstes Jaht zurückgelegt, sein<lb/>Gewissen gab ihm das beste Zeugniß,
es konnte ihn<lb/>nichts länger in der Heimath zurückhalten, er
brauchte<lb/>nicht länger in dem alten Hause zu sitzen und auf
die<lb/>Straße hinauszusehen, wie die Tante. Es freute ihn,<lb/>daß er jung,
däß er reich und daß er ein Mäim ivar!<lb/>, Er war noch nie so heiter, so
zubersichtlich gewesen,<lb/>! als hier auf diesem einsamen Wege dirch die
Nacht.<lb/>Er pfiff ein Lied vor sich hin, es machte ihm Ver-<lb/>- gnügen,
an das Staunen der Tante Philihpine zu<lb/>, denken, wenn sie ihn auch in
seinem Ziminer noch nicht<lb/>, antreffe. Er zwg seine Ühr heraus und ließ
sie tepe-<lb/>tiren. Es war, dreiviertel auf Eins. Die Tate nußte<lb/>längst
heimgekehrt sein. Ob Hedwig schon zu Hause<lb/>s ist? fragte er sich
plözlich und wendete in demselben<lb/>Momente seine Schritte wieder der
Städt zu.
Er<lb/>:<lb/>gt<lb/>Dü<lb/>iEii<lb/>P<lb/>T<lb/>K<lb/>k<lb/>s<lb/>et<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0293_292.tif" n="292"/>
<p>WA<lb/><lb/>zF<lb/>R<lb/>mußte sehen, ob sie noch Licht in ihrer
Stül<lb/>z<lb/>habe.<lb/>;<lb/>Als er auf den Marktplaz kam, stand der
Mbnd;;<lb/>hoch am Himmel. Einzelne Wagen fuhren vorübsr!;<lb/>es saßen
Gäste von dem Balle darin. In dem ZiüF?<lb/>mer seiner Tante war es noch
hell. Er lachte, alsF<lb/>a<lb/>das gewahrte; aber auch in Hedwigs Wohnung
hap<lb/>er noch Licht, obschon die Vorhänge heruntergelasse<lb/>waren. Es
unterhielt ihn, auf dem Markte auf äund;<lb/>nieder zu gehen. Bisweilen
hoffte er, irgend ein Zi''<lb/>fall werde Hedwig noch an das Fenster führen,
bäüf<lb/>wieder belustigte es ihn, die Tante warten zu lasssgh,<lb/>Er
schalt sich boshaft, als er sich diese Freude eiige?s<lb/>stand, das
hinderte ihn aber gar nicht, sie dennoch zät<lb/>empfinden, und eben hatte
er wieder eine neue Töur:,;<lb/>rund um den Marktplaz angetreten, als zwei
weiblihe Z<lb/>Gestalten, die eine jung und leichten Ganges, die an-
F<lb/>dere offenbar eine dienende und betagte Person, audF<lb/>einer der auf
den Platz mündenden Straßen heki'<lb/>K.e<lb/>vorkamen und geraden Weges auf
die Ecke der -<lb/>schmalen Gasse zuschritten. Er konnte sich nicht
täu»<lb/>schen, es war Hedwig und eine alte Frau, die sie
be'?<lb/>gleitete.<lb/>P;<lb/>,Gut, daß ich Dich treffer' rief er ihr
eitgegen;?<lb/>,, Sag' mir, wie sind wir eigentlich mit einander
beö??.-<lb/>wandt? Ich habe die ganze Zeit darüber
nachgesonnsn?-<lb/>F<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0294_293.tif" n="293"/>
<p>VK<lb/>! Er merkte gar nicht, daß er sie gegen ihre Weisung<lb/>! wieder Dn
genannt hatte.<lb/>,Bist Du deßhalb noch auf der Straße? fragte<lb/>, sie,
während sie ihm das Du so arglös wie in ihrer<lb/>z Kindheit wiedergab. ,Das
hätte Matsell Philippine<lb/>, Dir ln Eurem Wagen beguemer sagens könnenn.!
-<lb/>,Ich bin nicht mit ihr gefahrei'! versezte er mit<lb/>f einem gewissen
Triumphe,,und ich mag sie äuch nicht<lb/>? mehr nach Dir'
fragen.?!<lb/>,Damit wirst Du ihr sicher einen Gefallen thun,<lb/>,
bedeutete das junge Mädchen, und ihre Stinme und<lb/>? ihr Ton klangen
plözzlich so ernsthaft, baß Philipp eine<lb/>! fremde, ältere Person
sprechen zu hören meinte. Sie<lb/>! wendete sich dabei von ihm ab, und da
sie vor ihrer<lb/>Thüre standen und die Alte aufschloß, sagte Hedwig<lb/>-
dem Jüngling plözlich gute Nacht und wollte hinein-<lb/>gehen. Aber Philipp
ließ sich das nicht gefallen.<lb/>,Bleibe doch noch!'' bat er sie fSie
entgegnete,<lb/>die Alte, die nicht in ihren Diensten, sondern nur
eine<lb/>Aufwärterin sei, dürfe nicht länger
zurückgehalten<lb/>werden.<lb/>,Schicke sie doch fort, und laß uns noch
einmal<lb/>um den Markt herumgehen, schlug er ihr vor. Hed-<lb/>wig machte
die Einwendung, so etwas habe sie nie<lb/>gethan. Er sagte, er sei auch noch
niemals so allein<lb/>in der Nacht umhergewandert. Darüber lachte
sie,<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0295_294.tif" n="294"/>
<p>Wet<lb/>t<lb/>s,<lb/>=i<lb/>zz<lb/>aber sie nahm der Alten den Schlüssel ab,
hieß sie f<lb/>gehen, und folgte ihrem jungen Freunde, jedoch unter
-Z<lb/>der Bedingung, daß sie wirklich nur einmal den Weg!<lb/>P<lb/>machen
und er ihr dann die Thüre öffnen solle.- ßls,<lb/>Er versprach das, und wie
sie sich dann allein Tuf,'<lb/>dem Plaze fanden, wußßten sie nicht, was sie
saget;' -<lb/>sollten. Die eine Seite des Marktes gingen sie
schwei-gf<lb/>gend neben einander her. Philipp zählte, daß noch, F<lb/>drei
Seiten vor ihm lägen, noch hatte er Zeit. Ala(g<lb/>h-le<lb/>aa<lb/>,Du
Glücklicher!'' rief sie aus. Damit war es zug1?<lb/>kig<lb/>Ende, aber das
hatte er ihr eigentlich gar nicht mitsg<lb/>theilen wollen, er hatte von ihr
sprechen, von ihr hören<lb/>r sß<lb/>wollen, und als sie sich gar nicht mehr
fern von Hed-, z,<lb/>wigs Hause befanden, fielen ihm plözlich ihre früheöen
F<lb/>=-z<lb/>Worte ein.,Weßhalb glaubst Du, daß Tante Phi-! z<lb/>lippine
sich freuen wird, wenn ich sie nicht nach Dir J<lb/>F<lb/>frage?' hub er
plözlich an.<lb/>p<lb/>,Weil sie Alle meine Mutter verläugnen!'' etgegn
J<lb/>nete sie ihm jetzt kurz und bitter.<lb/><lb/>Philipp erschrak vor dem
Tone, er wagte nicht, wei-<lb/>K<lb/>ter zu forschen. ,Verzeih, bat er und
nahm ihre<lb/>R<lb/>Hand, aber mit derselben Entschlossenheit, mit welcher I
ß<lb/>Iö<lb/>fie diese lezte Antwort gegeben hatte, svrach sie: ,Da
I<lb/>ist gar nichts zu verzeihen, und da Du es doch hören;
?<lb/>A<lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0296_295.tif" n="295"/>
<p>WK<lb/>wirst, so ist's besser, daß ich Dir's. sage, damit sie mei-<lb/>ner
armen Mutter kein Unrecht thun. Die Mutter<lb/>ist eine rechte Cousine von
Deiner Tante und vom<lb/>Kommerzienrath, und sie sagt, er hätte sie zur
Frau<lb/>haben wollen, obschon sie nicht reich gewesen sei, wie<lb/>er. Sie
hat aber meinem Vater lieber gehabt, der ein<lb/>Opernsänger und ihr
Musiklehrer und' jung und schön<lb/>gewesen ist; und weil sie' ihr den nicht
haben zum<lb/>Manne geben wollen, ist sie mit ihm davon gegangen<lb/>und
auch Schauspielerin gewgrden. Ihr Vater hat<lb/>sie darauf verstoßen, meine
Eltern sind auch niemals<lb/>wieder in diese Gegend gekommen, und haben von
Nie-<lb/>mand etwas gefordert oder begehrt, so lange mein<lb/>Vater am Leben
war. Der ist aber früh gestorben,<lb/>die Mutter hat drei Kinder gehabt,
zwei andere Töch-<lb/>ter und einen Sohn, und als ich dann nach
meines<lb/>Vaters Tode auch noch zur Welt, gekömnen -bin, da<lb/>ist sie
lange und schwer krank gewvesei und lahm ge-<lb/>blieben für ihr ganzes
Leben. Da haben sie sich ihrer<lb/>erbarmt, und wir leben nun hier. Sie
haben mich<lb/>in die Schule geschickt, haben mich feine Arbeiten
und<lb/>die Wirthschaft lernen lassen, und ich helfe immer aus,<lb/>wo etwas
in Hause des - Kommerzienraths zu thun<lb/>ist. Sie sind recht gut zu mir,
es fehlt uns,an nichts<lb/>-- nur daß wir ihre Verwandten sinnd, datan
dürfen<lb/>wir sie nicht erinnern!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0297_296.tif" n="296"/>
<p>We<lb/>V<lb/>V,<lb/>;<lb/>=<lb/>Sie brach ihre Rede wieder ganz plözlich ab,
saghe I<lb/>nach einer Weile:,Nün weißt Du's also; mun fhlleß I<lb/><lb/>-
=; ie ?<lb/>anf - !'-<lb/>Philipp stand wie angewurzelt.,Wo sinb den
Ag<lb/>Deine Schwestern und Dein Bruder? fregke z ?<lb/>u
A<lb/>endlich.<lb/>,Todt!' antwortete sie in ihrer kurzen Weise ,Ke
Ph<lb/>starben, als dle Mutter in Noth und Elenb wa, ehe ßs<lb/>wir hierher
gekommen sind. Schtleß aufl'' wlebenzafß I,<lb/>sie befehlend. Er konnte den
Ton ihrer Sllmente iicht z<lb/>arrAnt<lb/>,That's Dir demn nlct lelb, als be
AubeeuMe;ps<lb/>auf dem Bolle waren and mnzten,' eiet DatFT Iß<lb/>noa =e
sao-nne =en. tw e »äs-söf ;<lb/>fragte er wiedet.<lb/>i !<lb/>Sie king
bitterlich zu weinen an. ,Speic flesk ;ßß<lb/>so! Daran muß unsereins nichr
denkeu!' eef sEeas!h<lb/>=- g -<lb/>wendete sich von ti ab. Ideß er zog
GekSit,.;<lb/>an seine Lippen und küßte sie, und da fke fazäEßßtßez
,<lb/>feine Tbränen auk hee Stleee fietee, lisEf h<lb/>Kopf an seie Schulee
und ee kägte sle'sMö j<lb/>andere, bis ste sich aufrichtete, Bhm awch
-nDF<lb/>gab, und ut den Wöetm ,Du sls uwDöfk sStß<lb/>ihnen allen -- gute
Nacht, schlafiiöß =« Sebi<lb/>sej<lb/>nen ging.<lb/>H<lb/>i<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0298_297.tif" n="297"/>
<p>V?<lb/>Er machte die Thüre zu, hörte, wie sie den Schlüs-<lb/>sel in das
Schloß steckte und zuschlöß. Er kopfte,<lb/>er bat, daß sie öffnen solle,
sie antworkete nicht mehr,<lb/>aber er blieb nöch steben, bis er annehmen
konnte;<lb/>däß sie das obere Stock erstieher habe. Dänn erst<lb/>ging er
fort, nicht ohne daran'ze denkeü, ob sie in der<lb/>Dunkelheit auch gut
hinaufgekoniten sei, und nicht<lb/>ohne nach ihren Fenstern noch
emporzublicken. Das<lb/>kleine matte Licht, das aus ihnen
hervrrschimmmierte,<lb/>rührte ihn, daß er wteder seine Argeti naß
werden<lb/>fühlte; aber das ging bald borüber. Er ständ mit<lb/>wenig
Schritten vor seiner Thüre. Mit starker Hand<lb/>zog er die Schelle, welche
seit langen Jahren um solche<lb/>Stunde nicht niehr erklungen war.<lb/>,
Jezt weiß ich doch, wozu ich reich bin !' sagte er<lb/>sich mit
triumphirender Freude, und =- das alte Haus<lb/>seines Grosßvaters und
seines Vaters, das Haus der<lb/>Senatorin und Mamsell Philippinens hatte
plözlich in<lb/>seinem jetzigen Besizer einen neuen Hetrn gewonnen.<lb/>Als
er die Treppe hinaufkam und die'Stimme sei-<lb/>ner Tante ihm entgegenrief,
ob er es sei, und was<lb/>ihm eingefallen, was ihm zugestoßen wäre,
berdrossen<lb/>ihn ihr Ton und diese Fragen. Er wollte. eine
heftige<lb/>Ablehnung machen, indeß er sah, wie die Angst um<lb/>ihn sie
aufgeregt hatte, und eben so gutmüthig, als<lb/>an Fügsamkeit gegen Mamsell
Philippine von Jugend<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0299_298.tif" n="298"/>
<p>WK<lb/>auf gewöhnt, sagte er, es sei ihm zu heiß gewesen auf ;<lb/>dem Balle,
er sei hinausgegangen, der schöne Mond ;<lb/>habe ihn verlockt, der Genuß
der Einsamkeit ihn fort- ,<lb/>gerissen, es sei ihm eine unwiderstehliche
Lust gekon ,<lb/>men, allein in die Welt hinauszugehen, mit einem
-ss<lb/>Worte, er sagte ihr Alles, nur nicht, daß er Hedwig j<lb/>getroffen
und was zwischen ihnen vorgegangen watt -s<lb/>Aber selbst troz dieser
Zurückhaltung konnte Mamsel Iss<lb/>Philippine sich in die Veränderung nicht
finden, bie Is<lb/>mit ihrem Philipp vorgegangen war.<lb/>-<lb/>Er kam ihr
so groß vor, daß sie sich einmal neben N<lb/>ihn stellte, um zu sehen, ob er
denn in der lezten If J,,<lb/>so sehr gewachsen sei; er war jedoch nicht
höher, oß ,,;<lb/>bisher, er hob den Kopf nur anders, als zuvor. Stß
g;<lb/>wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte, und gös gz,<lb/>wöhnt,
ihn zu beherrschen, sagte sie in ihrer Ungedulö I<lb/>f<lb/>und
Aufregung:,Ich bitte mir es aus, daß solähe z;<lb/>Dinge nicht wieder
vorkommen, daß ich Dich niht zs ,,<lb/>suchen brauche, wenn ich müde und
matt pon eineiä f;<lb/>Feste heimkehre, das ich sicherlich nicht um
meinekhillet --<lb/>besucht haben würde. Seit Jahren hatte ih lh ge-
,<lb/>freut, Dich der Familie vorzustellen; mei Stohs üeine ;<lb/>Ehre war,
es, Dich gebildet und erzogen zu häben, ,<lb/>und Alle haben sie gespottet
und gelacht, gls ich bä ,<lb/>stand, Dich suchend, nach Dir frägend, und
Niemanb<lb/>mir sagen konnte, was aus Dir geworden sei? =-<lb/>z<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0300_299.tif" n="299"/>
<p>W<lb/>Die Stimme zitterte ihr vor Zorn, vor Schmerz, sie<lb/>hätte weinen
mögen, aber bei starkem Sturme fällt<lb/>kein Regen vom Himmel, und seit
Mamsell Philippine<lb/>zu wahren Empfindungen gelangt- war, hatte sie
die<lb/>Kunst verlernt, sich selbst zu Thränen zu xühren.<lb/>Philipp stand
schweigend da. Er war ehrlich ge-<lb/>ng, sich es einzugestehen, daß et ein
Uirecht gegen<lb/>die Tante begangen habe, aber er fühlte sich zu
glücklich,<lb/>um es bereuen zu können, und abbitten mochte er es<lb/>ihr
nun vollends nicht. Er konnte es ihr nicht, ver-<lb/>geben, daß auch sie
Hedwigs Mutter, wie die Andern<lb/>verstoßen hatte, daß sie Hedwig nicht als
ihre Anver-<lb/>wandte hielt und liebte; denn daß sie ihn durch
die<lb/>einsame Erziehung zum Sklaven und vor den Leuten<lb/>lächerlich
gemacht habe, daran dachte er jetzt nicht mehr.<lb/>,u wirst ,Dich gewöhnen
müssen; Tante!'' sagte<lb/>er nach einer Weile, ,mich nicht immer neben Dir
zu<lb/>haben, denn länger kann es nicht! bleiben, wwie bishek.<lb/>Ich muß
doch endlich fort.!<lb/>,Philipp!''s rief sie,,wprichst Du! erusthäfi?
De<lb/>könntest wirklich daran denken, mich zu, verlassen? Soll<lb/>das der
Dank für meine Liebe sein? Soll - das der<lb/>Lohn sein für die langen
Jahre, die ich Dir, mich selbst<lb/>vergessend, ganz und gar geopfert habe?!
--<lb/>Er wußte sich nicht recht zu fassen. Die Tante<lb/>hatte es immer gut
mit ihm gemeint, er hatte sie auch<lb/>k<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0301_300.tif" n="300"/>
<p>8c<lb/>lieb und war ja anch zufrieden gewesen bis zu dieseE<lb/>Tage, ja bis
zu diesem Abende. Er verfolgte die Reihe<lb/>seiner Gedanken nicht bis an
ihren Anfang, nicht bd ,<lb/>an ihr Ende. Mamsell Philippine sah sein
SchwanF ?<lb/>ken, sie wollte es sich zu Nuze machen, und' mit enäb
-<lb/>Emphase, wie sie sie in früheren Jahren bei ähnlichen
-<lb/>Zerwürfnissen zwischen sich und ihrem Bruder stets ,<lb/>erfolgreich
angewendet hatte, rief sie:,Man bräinchk h<lb/>sein Herz, sein Leben nur an
das Leben eines Meit?<lb/>nes zu knüpfen, um Undank zu erndten und
Selists<lb/>sucht zu finden, wo man sich Liebe verdient' zü haben<lb/>glaubt
!'<lb/>Ji<lb/>Es war das erste Mol, daß sie eine solche Seene -<lb/>iiit
ihrem Philipp hatte, und darum aucß daszgersth<lb/>Mal, daß sie wieder in
ihre alte! Gewohnheith' einöäs I<lb/>vorzustellen, zurückfiel. Auf ihren
Pflegesohi veifehlte I<lb/>sie damit jedoch die Wirkung völlig! Weit
entfernt ,<lb/>ihn zu rühren, machte sie ihm einen unangenehmen. -<lb/>um
nicht zu sagen einen widerwärtigen Eindruck -Se<lb/>hatte sich stets
wahrhaft gegen ihn gezeigt, er fähe<lb/>also die Nebertreibung und die
Komödie in ihren Aeuße-<lb/>rungen und in ihren Gesten, und sie hatte ihn
seht<lb/>zur Unzeit für sich selber daran gemahnt, daß er ein ;<lb/>Mann und
sie ein Weib sei<lb/>Eine Weile ließ er ihren Ausruf völlig unbeachtet,
;<lb/>er war mit sich selbst zu sehr beschäftigt, es ging ihm,
-<lb/>?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0302_301.tif" n="301"/>
<p>8e1<lb/>wie es eben seiner Tante mit ihm ergangen war, er<lb/>kannte sich
selbsk nicht wieder. Er fühlte eine Reihe<lb/>von Gedanken in sich, die er
nie zuvor gedacht, er war<lb/>sich plözlich alles dessen, was er geisiig
durch seine<lb/>Studien erworben, als eines Besizes, er war' sich
sei-<lb/>ner bevorzugten, Stellung, seines Vermögens, ja einer<lb/>Menge von
Kräften bewußt, die bis dahin nicht be-<lb/>nutzt zu haben ihn eben so
verdroß, als er entschlössen<lb/>war, sie künftig zu gebrauchen. Der Tag war
zu sei-<lb/>ner Einführung in die Gesellschaft festgesetzt gewesen,<lb/>und
war ihm zu einer Einkehr in sich selbst geworden.<lb/>Die Tante hatte mit
ihm Ehre einzulegen beabsichtigt,<lb/>und er war es inne geworden, daß er
gegen seine<lb/>Ehre und sein Recht in unnatürlicher, kindischer
Ab-<lb/>hängigkeit erhalten worden sei, und daß es ihm zu-<lb/>komme, ein
Mann zu werden und seine eigene Ehre<lb/>zu vertreten. -Wodurch diese
Wandlung ini ihm voll-<lb/>zogen worden war, das fragte er sich nicht. Er
freute<lb/>sich nur der neugewonnenen Erkenntniß, und hatte<lb/>das Herz
voll niegekannter Lust.<lb/>Er hatte sich an das Fenster gesezt und sah
still<lb/>auf den monderhellten Markt hinaus. Mamsell Phi-<lb/>lipgine
beobachtete ihn verstohlen, obschon sie ihre Augen<lb/>mit dem Taschentuch
bedeckte Mit einem Male er-<lb/>hob er sich und ließ sich an ihrer Seite
nieder, und<lb/>wie er sie so bei dem Scheine der Lampe
betrachtete,<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0303_302.tif" n="302"/>
<p>KcA<lb/><lb/>die vor ihr auf dem Tische stand, sah er, daß sie ilt<lb/>sei,
und sie that ihm leid.<lb/>»s<lb/>,<lb/>Er hatte ihr bedeuten wollen,
weshalb er ihr' vor-<lb/>hin die Vorwürfe gemacht, jetzt fehlte ihm das
Herj<lb/>dazu. Er nahm ihre Hand, es rührte ihn, daß sie ss<lb/>welk und
runzelig war, und doch küßte er sie mit an-<lb/>derer Empfindung, als er es
je vorher gethan hatkk<lb/>,Sei nicht böse, Tante!'' sagte er,,ich bin eben,
kein<lb/>Kind mehr, und willst Du, daß ich Dich liebe,'
nie<lb/><lb/>Fl<lb/>-= l<lb/>ßi<lb/>bisher, so mußt Du aufhören, mich leiten
za
wllen<lb/>Au<lb/>-d<lb/>Ae<lb/><lb/>»<lb/><lb/>,ls<lb/>eh<lb/>Ja<lb/>A<lb/>I<lb/>I<lb/>Man
hat heute gelacht über Dich und mich! Dasoll<lb/>R<lb/>anders werden, ich
verspreche es Dir. Und! müü ggeh! =-<lb/>nzis<lb/>schlafen, liebe Tante!
Morgen wollen wir heiter da-<lb/>von reden. Geh' schlafen, llebe Tante!' s i
ßpgj- »N<lb/><lb/>Ee drückte ihr die Hand und ging hlnäüs effSt
pg<lb/>.n<lb/>blickte ihm wortlos nach. Auch in ihrem Herzen'bög?
.ge<lb/>-F<lb/>ten die widerstrelendsten Empfindungen. Sieinar
hzß,<lb/>erzürnt, verlezt, sie fühlte sich auf die Seste geschö z<lb/>ben
und hätte gern den Nefen aklagen mögeni, böö? ?<lb/>sich aus ihrem
Pflegsohne mit einem Male ;gfFSeü<lb/>IL<lb/>Berather aufschwang, aber sie
vermochke es nlch17H z<lb/>.e<lb/>Lebe war mächtiger, als ibre Eitelkeit
und'lhre HerHh-' IH<lb/>sucht, und in Thränen ausbrechend die ihr warm und'
Jge<lb/>reich entströmten, sagte sie, indem sie seufzend die, FFx<lb/>Hände
faltete:,Er ist ein Mann geworden und' ih
R<lb/><lb/>F<lb/>e<lb/>i<lb/>E!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0304_303.tif" n="303"/>
<p>Kz<lb/>bin nur ein arnies altes Weib !' =- Sie sprach es<lb/>aus, was er
empfunden hatte.<lb/>Am andern Morgen saßen sie bei dem
Frühstück<lb/>zusammen, als wäre es noch so wie ann gestrigen Mor-<lb/>gen
gewesen. Sie unterhielten sich voit dem Balle,<lb/>von den verschiedenen
Personen, welches inan gesehen,<lb/>und mit großer Freimüthigkeit erwähnte
Philihp des<lb/>Eindrucks, welchen die Fragen auf ihn gemacht, die<lb/>man
in Bezug auf seine Lebensplane an ihn gerichtet<lb/>hatte. Er sagte, er habe
sich seines bisherigen Müs-<lb/>siggehens geschämnt, und es wollte icht
helfen, als die<lb/>Tante ihn erimnerte, daß sie ihn seine Zeit nicht
habe<lb/>verlieren lassen. Das gab er ihr zu, aber er berlange<lb/>nach
einer andern Thätigkeit, erklärte,' er wolle ar-<lb/>beiten, wolle selöst
erwerben, wie die Andern; älle, wie<lb/>sein Vater und Großvater es gethän.
!<lb/>Maemsell Philippine fand bas khskicht Se ben-<lb/>dete ihm ein, däß er
dies bei seinen Mitteln gar iicht<lb/>nöthig habe. s,Aber mein Vater: hak!
geärbeitet und<lb/>meine Mutter auch,' versezte er, und dachte dabei
in<lb/>seinem Innern nur an Hedwig, die er, als er am<lb/>Morgen an das
Fenster getreten war, schon init ihrem<lb/>Nähzeug auf ihrem Plaz am
Nähtische wahrgenom-<lb/>men hatte.<lb/>Mamsell Philippine liebte es nlcht,
wenn der Neffe<lb/>sich seiner Mutter erinnerte.,O! mrlt Deiier
Müt-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0305_304.tif" n="304"/>
<p>804<lb/><lb/>T<lb/><lb/>ter war das etwas Anderes, sagte sie: ,Deine Mut-
;ß<lb/>ter hatte kein Vermögen, Deine Mutter mußte si F<lb/>ihr Brod
verdienen=-<lb/>,Willst Du damit sagen, daß es eine Schande sei,<lb/>sein
Brod ehrlich zu erwerben? fuhr Philipp auf, ß<lb/>und seine Augen funkelten
vor Zorn. Das konnte<lb/>die Tante nicht ertragen.<lb/>,Sag' mir um
Gotteswillen,' hob sie an, gwoher ß<lb/>kommen Dir seit gestern alle die
Gedanken, woher<lb/>nimmst Du die Art und Weise, in der Dn zu mir
;<lb/>sprichst, und in der selbst Dein Vater nie zu mnit, gb ?<lb/>sprechen
wagte? Das ist das französische Blut, das Et I<lb/>EaA<lb/>reden hören von
der Ehre sich sein Brod zü berdis- -<lb/>nen, und sie ist doch herzlich froh
gewesen, als Deli -<lb/>Vater sie aus ihrem Kaffeehause in unser Haus ge-'
-I<lb/>bracht hat, in dem ='<lb/>, O!' rief Philipp, seiner selbst nicht
mächtig, Sed--<lb/>wig würde auch Nichts dawider haben, wenn sie müüs-
,<lb/>sig dasizen könnte, wie die Cousinen, statt,ihre grmien, ,<lb/>schönen
Augen in der Morgendämmerung, bei. chrem F<lb/>Nähzeug zu verderben,
Hedwig-'<lb/><lb/>, Hedwig? was sprichst Du demn von Hedwig? '<lb/>fragte
Mamsell Philippine und ihre Lippen bebtei, FF<lb/>ghg<lb/>während ihre
scharfen Augen in das Herz des Jüng- I<lb/>-f<lb/>M<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0306_305.tif" n="305"/>
<p>l<lb/>805<lb/>lings einzudringen und seine Gedanken zu erspähen<lb/>suchten.
Aber bie Mühe konnte sie sich ersparen, denn<lb/>mit einer Heftigkeit, derei
sie! ihn nie, für fähig ge-<lb/>halten hatte, sagke Philipp: ,Ihr vekachtet
den, der<lb/>sich sein Brod verdienen ntuß und laßt Eure
leiblichen<lb/>Anverwandten vdn früh bis spät el chrer Arbeit sigen.<lb/>Ihr
verstoßt sie, weil ihre Mutter sich einenü Mann<lb/>genommen, den sie
liebte, unb laßt sie zusehen, wie<lb/>gut die Andern es auf der Erde haben.i
Von meinem<lb/>Reichthum habe ich immer hören müssen uid mein<lb/>Haus hier
hat leer gestanden alle die Jahre und Jahre,<lb/>und Hedwig hat drüben
gesessen in der schmalen Gasse,<lb/>in die kein Sonnenstrahl hineindringt,
und ich soll immner<lb/>müssig gehen und Hedwig soll immer weiter arbeiten,
ohne<lb/>Licht und ohne Freude! - Das witd nicht geschehen !'<lb/>Mamsell
Philippine war vor Entsezet starr.,Was<lb/>weißt Du denn von Hedwig? fragte
sie.<lb/>,Alles weiß ich, gab er ihr kurz! zur Ainwort.<lb/>,Ich habe sie
gesprochen, gestern inder Nacht;' ich bin<lb/>mit ihr spazieren gegangen,!
setzte er trozend' hinzu,<lb/>da er bemerkte, wie jedes seiner Worte den
verhalte-<lb/>nen Grimm der Tante steigerte. ,Ich habe sie ge-<lb/>fragt und
Alles etfahren..!<lb/>Er stand auf; die Tante erhob sich auch. Als
er<lb/>fich nach der Thür wendete, fragte sie, wvhin er wolle?<lb/>,Ich gehe
auf mein Zimmer!'' entgegnete et kurz.<lb/>Lewald, Kleine Romane.
?.<lb/>N<lb/>h<lb/><lb/>F<lb/>ü<lb/>A<lb/><lb/><lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0307_306.tif" n="306"/>
<p>80<lb/>Das war ihr ein Trost. Sie hatte gefürchtet, er werde<lb/>zu Hedwig
gehen.-- und er wäre gern zu ihr ge-<lb/>gangen, hätte er nur den Muth dazu
gehabt.<lb/>Rathlos blieb die Tante zurück, sie fühlte es,
ihre<lb/><lb/>-VPe<lb/><lb/>A<lb/>ze<lb/><lb/>zt<lb/>K<lb/>k<lb/>Herrschaft
war zu Ende, ihr Philipp war nicht mehk<lb/>e<lb/>der Ihre, sie hatte ihn
verloren, verloren in der ersten z,<lb/>Stunde, da sie ihr Auge von ihm
abgewendet: Ea I<lb/>schnitt ihr durch das Herz.<lb/>r
-<lb/>-<lb/>.»?<lb/>,, Und an wen habe ich ihn verloren? rief sie,
,,an<lb/>-1 A<lb/>-, F<lb/>. ?F<lb/>ein Kind, an ein Mädchen, das nichts
ist, nichts häk,<lb/><lb/>an die Tochter einer elenden Schauspielerin, an
ein ,h,<lb/>Wesen, das nichts für ihn gethan hat, das ihn nicht
ZI<lb/>llebt!! - Sie weinte, aber ihre Thränen waren nicht''<lb/>befreiend
wie die in der verwichenen Nacht. I SI<lb/>z,<lb/>rmüßte Undank dulden, wie
sie meinte, Undank yön gg;<lb/>dem Sohne ihres Herzens, und eines Kindes
Undnk -hgP<lb/>--=<lb/>ist ein schwerer Schmerz. Aber dieser ersten
Empfin'ß,j<lb/>dung folge das dringende Verlangen, dem Inbel..;ßs<lb/>von
welchem sie sich und ihr Haus nn jumeFSeköiJg<lb/>Maie bedroht sah wo
möglich noch elne Schißkegaj<lb/>sesen, se bpnge -s Seit wae. S- htf'Fes'Rss
jF<lb/>mischung in ihre Erziehungsplane immer vön sih äb- F!<lb/>gewiesen,
jden Rati, jede Erdbnug venschmöbn, Is<lb/>welche die Männer der Familiehie
und da an sie ge-IH<lb/>langen ließen, nn mußte sie eingestehen, daß sie
sith'!<lb/>e!<lb/>! ; g?s D<lb/>nicht zu helfen wußte.<lb/>====»»!<lb/>I
R<lb/>Iet<lb/>-- Asl<lb/>» e<lb/>--es<lb/>l<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0308_307.tif" n="307"/>
<p>8O?<lb/>Es kam ihr hart an, als sie sich in früher Stunde<lb/>zu dem
Eommerzienrath verfügte. Er war verwun-<lb/>, dert, sie zu solch ungewohnter
Zeit und in seineni Ge-<lb/>j schäftszimmer zu sehen, und da ihm ihre
komische Ver-<lb/>, zwweiflung über ihres Philipps Abwesenheit zoch
vom<lb/>ß vorigen Abende im Sinne lag, erkundigte er sich scher-<lb/>F zend,
wo denn ihr Pflegesohn geblieben und auf welche<lb/>! Weise er ihr abhanden
gekommen sein?<lb/>Sie hatte die Absicht gehegt, die Sache auch ganz<lb/>s
leicht und obenhin zu behandeln, aber über dasjenige<lb/>s scherzen zu
hören, was ihr so wichtig war, das konnte<lb/>s sie nicht ertragen, und sich
selbst vergessend, sagte sie:<lb/>, ,Ja! abhanden gekommen ist er mir, und
ich fürchte,<lb/>s er ist mir für immerdar verloren!!! Und, ohne ihrem<lb/>j
lächelnden Zuhörer Zeit zu neuen Fragen zu gönnen, -<lb/>s berichtete sie,
welch einen Einfluß die ploße Berührung<lb/>s mit der Welt und mit der
Gesellschaft aufihren Pflege- -<lb/>t; sohn geübt, welche revolutionäre
Gedanken;ihm ge- -<lb/>ßj kommen, wie er davon spreche, einen Bexuf
wählen,<lb/>s arbeiten, sich auf Ressen ausbilden zu wollen. - !<lb/>j Der
Kommerzienrath unterbrach sie: ,Und so viel<lb/>j Vernunft hätten Sie nicht
bei ihm vorausgeset, Eou-<lb/>s sine? fragte er in seiner heitern Weise. -
un da<lb/>ß befinden wir uns in dem gleichen Ralle. Ich hätte<lb/>, es ihm
gestern auch nicht zugetraut, daß er es fühlen<lb/>hj würde, welche
absonderliche Figur er machte, obschon<lb/>Ag<lb/>n<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0309_308.tif" n="308"/>
<p>808<lb/>= l<lb/>-<lb/>er hübsch und ansehnlich genug ist. Aber mir
gefälltß?<lb/>es von ihrem Philipp, daß er sich heraussehnt aus
8,<lb/>Verpnppung, in der sie ihn künstlich erhalten haieI H,s<lb/>und
passen Sie auf, wenn der Bursche so viel AS<lb/><lb/>stand hat, so wird er
bald auch eine Frau verlangeil'!<lb/>k<lb/>F T<lb/>, Gousin! rief Mamsell
Philippine, ,woher wissen<lb/>h1<lb/>m.!<lb/>Sle? - - Aber es fiel ihr noch
zur rechten Zeit sin, Es<lb/>ihr eigenes Wissen zu verschweigen, und sich
fassenb z. -<lb/>h<lb/>l<lb/>und besinnend sagte sie:,Nun der Gedanke liegt
Iz<lb/>A t<lb/>! -?<lb/>ihm wohl noch fern !!'<lb/>,Wer weiß! verseste der
atte Herr.,Bieueich F<lb/>wäre eie Rrdn, eine junge hübsche und dabe! klge
Iß<lb/>ra das sichersie Mttel, hm die Säentichket sööer sjj<lb/>Tante zu
ersesen, wenn ek sich' biesse'eütSakhse s<lb/>glaubt, und darin möchte er
nicht im tneeät sö? F<lb/>=el<lb/>Sie haben Ihre Vormundschaft ein wenig
lange äusF g'p<lb/>gedehn, beste Gousiue, Sie haben ihn für sich, uicht
Fj<lb/>für ihn selbst erzogen und wenn er klug ist, könite ee hF<lb/>sie
egoistisch nennen, wie viele in der Famiille s zs? ß t<lb/>- -« Fs<lb/>than
haben und es noch thun.''<lb/>Er edee sieh =b, ano zündee slch, eefea
Pf<lb/>Phiiippinens Erlaubniß dazu erbittenb, die Eigarre'Z h<lb/>an. Sie
hatte ihm sagen wollen, daß Alt und Jungl I ß<lb/>daß die Männer immer einig
wären, wein es gälte, ,<lb/>eine Fran anzuklagen; aber sie besann sich eines
Bes?P F<lb/>sern, denn sie verstand den Vetter, und dies VerstehEi?
ß<lb/>T<lb/>? i<lb/>-I n<lb/>z s<lb/>n -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0310_309.tif" n="309"/>
<p>809<lb/>schmeichelte ihr. Er hatte noch seine drei jüngsten<lb/>Töchter zu
versorgen, und Philipp, zu dessen Vermö-<lb/>gen man seit seiner Kindheit
Zins jauf Zins gehäuft,<lb/>war sehr reich geworden.<lb/>Sie fühlte sich
dadurch plözlich einem Büidesge-<lb/>nossen gegenüber, aber vorsichtig wie
dieser selist, be-<lb/>merkte sie, sie habe wohl oft daran gedacht, daß
ein<lb/>ergebenes Frauengemüth neben sich zu haben, Zie für<lb/>spätere
Zeiten sehr beglücken könne, nur daß es so<lb/>unberechenbar sei, wohin das
Herz eines Unerfahrenen<lb/>sich wende. ,<lb/>,Hätten Sie eine Besorgniß in
dem Punkt, Cou-<lb/>sine? Eine Besorgniß bei einem jungen Manne, den<lb/>Sie
erzogen haben, ganz nach Ihren Ansichten erzo-<lb/>gen haben?! wendete der
Vetter ein, der es sich nicht<lb/>versagen konnte, Mamsell Philippine
aufzuziehen.<lb/>,O nein! o: nein !'' rief sie, aber wenn ich
bedenke,<lb/>was wir an Ihrer eigenen Verwandten, was wir an<lb/>der
Meerfeld erlebt, und wenn mir daneben einfällt,<lb/>wohin meines Bruders
Neigung sich verirrte, dann<lb/>denke ich, daß auch die beste Erziehung die
Menschen<lb/>selbst in Familien wie die unsere nicht gegen
das<lb/>Temperament beschüzt. Und! --,<lb/>Sie hielt inne, es kam ihr gar zu
hart an, etwas<lb/>auszusprechen, das in ihren Augen gegen ihren
Phi-<lb/>lipp und damit gegen ihre Theorien sprach,, aber der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0311_310.tif" n="310"/>
<p>1es<lb/>z<lb/>z<lb/>-==»uon- = a=ne-=n -fI<lb/>fragte er
freundlich.<lb/>,Und, fuhr sie heraus, , nun Sie haben ja die<lb/>Meerfeld
selbst genau gekannt! Der Apfel fällt nicht<lb/>weit vom Stamme, und--
Hedwig, die Sie besser<lb/>gar nicht in ihrem Hause leiden sollten, Hedwig
hät<lb/>sich meinem Philipp in einer Weise aufgedrängt, daß<lb/>er nichts
Anderes denkt, als sie, daßß er sie vertrikt,<lb/>wvie mein seliger Bruder
seine Marion zu vertieteü<lb/>pflegte, daß er -- ich glaube er wäre fähig
und giitge<lb/>I<lb/>mit ihr davon, wenn sie es darauf abgesehen
hättE<lb/>Sie war außer Athem, so angegriffei fühlte sie' 1<lb/>-i<lb/>sich.
Der Commerzienrath erwiderte nichts, lt 8g<lb/>langgedehntes:,So! - Erst
nach eiee Eiz';<lb/>fhsF<lb/>fagte er: ,Ich hätte das von der Hedwig nicht F
g<lb/>dacht. Aber freilich, da die Mutter keukllch ist, st Ig<lb/>ß<lb/>sie
in gewissem Sinne ohne Aufsicht hier, und die; j<lb/>sP<lb/>Stadt ist groß.
Sie wäre an einem kleinete Orke, sg<lb/>peuee b nee =taebobo. wde o =un
lgfßFZ<lb/>unter die Haube zu bringen sein, weie müafkim ,gu<lb/>ß<lb/>! ,=
Fn<lb/>doch einmal daran dächte.!<lb/>..ß<lb/>.Gewiß, gewiß! ef Masell
Phsllplnu Erig,<lb/>bA<lb/>,und der Mutter wäre ja die Landluft auch
gesäubEl?<lb/><lb/>.<lb/>,Möglich!r bekeäftizte ber Cbmäeizleürath, Pan
sh<lb/>konn das überlegen. Inzischen speache' Sie doch g;<lb/>davon, meine
liebe Cousiner == er namnte sie jezt zh<lb/>-1<lb/>-<lb/>,
»ßs<lb/>g<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0312_311.tif" n="311"/>
<p>z1<lb/>mit ganz besonderer Betonung seine liebe Cousine,<lb/>denn es freute
ihn, wie git sie - sich stillschweigend<lb/>verständigten - ,inzwischen
sprachen Sie doch davon,<lb/>daß Ihr lieber Philipp sich auszubilden, einen
Stand<lb/>zu ergreifen, die Welt zu sehen wünsche, und Zeit ist<lb/>es dazu,
denn er ist zwanzig Jahre und hat damit<lb/>nach seines Vaters Testamente
über die Hälfte seiner<lb/>Revenuen zu verfügen. Ja er köintes es jezt
bereits<lb/>verlangen, das Gut zu übernehnen, has jt der na-<lb/>türlichste
Lebensberuf für ihn sein würde. Lassen Sie<lb/>ihn also lernen, sein
Vermögen zu gebrauchen. Un-<lb/>terrichtet ist er, es fehlt ihm nur an Welt,
ani Praxis.<lb/>Lassen Sie ihn reisen! Er könite eine
landwirth-<lb/>schaftliche Akademie besuchen, und wäre es Ihnen
ohne<lb/>Ihren Philipp auf dem Lande dann etwas zu einsam,<lb/>nun so würden
meine Mädchen eine Frede daran<lb/>finden, Ihnen abwechselnd Gesellschaft zu
leisten, wenn<lb/>Sie dieses enhial wsünschen solltei!! !<lb/>Er reichte der
Cousine die Hand! hin, fie schlug<lb/>ein, und Beide wwaren ungenein
zufrieden hnit einan-<lb/>der. Der Commerzienkath hielt sich einen
Schwieget-<lb/>fohn in Bereitschaft, den anzunehmen oder abzuweisen<lb/>ja
immer in seiner Töchter Hand lag, und Mamsell<lb/>Philippine hatte nach
ihrer Meinung für ihren Phi-<lb/>lipp jezt die Auswahl zwwischen drei det
angenehmsten<lb/>Mädchen, während ihr ein neüer Einfluß und ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0313_312.tif" n="312"/>
<p>tN<lb/>Dt<lb/>,<lb/>- . h<lb/>.b- l<lb/>1<lb/>neues Ansehen in der Kilie
gesichert wurden. T ,g l<lb/>Philipp nicht an Hedwig denken konnte, wenn
nnan I;; z<lb/>ihm die drei Töchter des Commerzienrathes in Aus-
j=<lb/>hl<lb/>sicht stellte, daran zweifelte sie bei den
Grundsäzen,<lb/>nach denen er erzogen war, in keiner Weise. i<lb/>i
z<lb/>Die Menschennatur ist aber ein unberechenbareß<lb/>Wesen und der
Druck, welcher die eine niederhält,<lb/>hebt die andere empor. Philipp
gehörte zu den Eez-<lb/>-l<lb/>teren. Er hatte viel gelernt, viel
geschwiegen,i wiel<lb/>s l<lb/>T
s<lb/>V!<lb/>Al<lb/>zl<lb/>l<lb/>1<lb/>gedacht; es bedurfte nur eines
Anlasses seine Krftn<lb/>Ai<lb/>l<lb/>in Bewegung zu setzen, und Beschämung!
vdE' der<lb/>einen, schnell erwachte Liebe vo der andern Söy
If<lb/><lb/>kamen ihm an einem und denselben Tagel entgegen, U<lb/>K<lb/>um
ihn völlig zu verwandeln. - Und vleteln lgngfSFgz<lb/>rückgepreßter
Wasserstrahl, weni er lötzlichsöde 'ß<lb/>Freiheit gewinnt, um so
gewaltsamer in die Höhe z<lb/>springt, so schnell und kräftig empörte
Phllipp' sich --<lb/>zT<lb/>gegen seine Unterdrückung sobald er deren
Wirkung, ;<lb/>.- -?<lb/>an sich inne geworden war.<lb/>Während Mamsell
Philippine mit dem ßomnEßcs; -gg=<lb/>zienrathe die Zukunft ihres Neffen
Perieth, par,iet.,<lb/>-s -(s<lb/>selbst nicht müssig gewesen. Eine WWeile
Pgttefset,, ?<lb/>nachdem er seine Tante im Zorn verlgssen, zgpß- den
IIJ<lb/><lb/>Fenster seines Zimmers zu Frau Meerfelds
Fensßer-;<lb/>hinübergeschaut. Hedwig saß bei ihrer Arbeitz ?eh; IF<lb/>Blck
von ihr wendete sich zu ihm herauf.. Er. jah,. -zn<lb/>z f?<lb/>=?<lb/>?
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0314_313.tif" n="313"/>
<p>BK<lb/>wie sie den feinen Kopf gesenkt hielt, wwie das, schwarze<lb/>Haar auf
ihrem Scheitel glänzte,i wie, ein paaar kleine<lb/>Löckchen sich auf ihrem
Nacken kräuselten. Ihre Hand<lb/>flog emsig auf und nieder, er - hätte sie
ihr küssen<lb/>mögen, die kleine fleißige Hand. Selbfft als die
Mutter<lb/>ihr das Frühstück auf den Tisch jezte, niche sie nur<lb/>mit dem
Kopfe als Zeichen ihres Hankes. Die hoch-<lb/>müthigen Töchter des
Commrzienraths, sagte Philipp<lb/>sich, dehnen sich jezt gewiß noch in den
Federn oder<lb/>sizen und denken, womit sie ihre leeren - Stunden<lb/>füllen
sollen.-Und ich selbst, was thue ich denn jezt?<lb/>fragte er sich.<lb/>Es
kam wieder eine große Unruhe über ihn. Er<lb/>freute sich, daß Hedwig ihn
nicht so müßig dastehen<lb/>sah, er wollte sich an eine Arbeit setzen, aber
fern vom<lb/>Fenster, ohne ihren Anblick fühlte er sich nur
noch<lb/>unruhiger, er, mußte wieder hinaus in das Freie, er<lb/>mußte zu
ihr und mußte ihrer Mutter sagen, daß er<lb/>sie nicht verstoße, daß sie an
ihm einen Freund und<lb/>einen treuen Verwandten besizen solle für alle
Zeit.<lb/>Im nächsten Momente stand er vor der Thüre<lb/>von Frau Meerfelds
kleiner Wohnung, und es war<lb/>gut für ihn, daß nicht die Tochter, sondern
die Mut-<lb/>ter mit dem schleichenden Tritte einet gelähmten
Frau<lb/>langsam die Thür öffnete. Denn mun er in das kleine<lb/>Stübchen
eintrat, nun er Hedwig wieder vor sich sah<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0315_314.tif" n="314"/>
<p>t<lb/>und die Augen der Muiter sich auf ihn hefteten, wat<lb/>er verwirrt und
wußte nicht, wie er sein Kommen<lb/>einkleiden sollte.<lb/>Glücklicher Weise
kam die Mutter ihm zu Hilfe,<lb/>sobald sie ihn erkannte.,Es ist gut, daß
ich Sie<lb/>sehe, sagte sie, ,denn ich habe meine Tochter' vor<lb/>Ihnen zu
rechtfertigen. Sie hat mir erzählt, wie<lb/>heftig und undankbar sie sich
gestern gegen ünsere<lb/>Verwandten geäußert hat, zu denen ja auch
Ihre<lb/>Tante und Sie selbst gehören =-<lb/>,O! eief Philipp, sie
unterbrechend,,zählen Ge<lb/>mich nicht zu den Verwandten, welche Sie
verstbßeü<lb/>haben, und welche unbarmherzig genug sinbj Hebidig!
,<lb/>einnem: Feste beiwohnen zu lassen;' Au dessee FeaesFs<lb/>sle' keie
Antheil ehmen barf: ep' f''zKeHth,;<lb/>h -F<lb/>sich so von allen Andern
abgesonbert zu fähtiEsffsAi ?<lb/>habe das gestern auch dürchlebt. Und ehe
ich Höbbü( ,<lb/>traf, war ich auf den Balle ebenso vereinsaüknüb.
,<lb/>hl=?<lb/>verlassen, als sie selöst<lb/>ef!.<lb/>, Nun, Ihre Lage und
die meiner Tochtetßsfao-<lb/>denn doch verschieden,! bendete dle
MütteretyHiß ?,<lb/>rend Hedwig mit gesenktem Hauite aiö'
flaifieüdn<lb/>Wangen schweigend auf ihre Arbelt hedeesäi; PhdIs<lb/>lipp
wußte nicht, was ei son chr deükeh s8llte; Fcht<lb/>was sie der Mutter
gesagt, und'' bi döse etisusfia;-<lb/>ihrer Begegnung wisse und von dem, was
ua iS s I<lb/>s.<lb/>-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0316_315.tif" n="315"/>
<p>1K<lb/>felben geschehen war. Er hatte noch nicht die Kunst<lb/>gelernt, sich
zu beherrschen odek gar sich zu verstellen,<lb/>er war es auch nicht
gewöhnt, die Pein det Ungewiß-<lb/>heit zu ertragen, und nur sich selbet und
seinem in-<lb/>nern Drange nachgebend, sagte er plötzlich:,kassen<lb/>Sie es
sich nicht leid sein, Madame Meerfeld, daß<lb/>Hedwig mir ihr Herz
ausgeschüttet hat, ich würde sie<lb/>nicht verrathen, auch wenn ich sie
nicht so lieb hätte,<lb/>als sie es mir geworden ist. Ich kam ür
herüber,<lb/>um eine Bitte an Sie zu richten==-<lb/>Er hielt inne; Madame
Meerfeld fragte:,Weiß<lb/>Ihre Tante, daß Sie bei uns sinb?<lb/>, Nein! aber
es kommt daraüf nicht an !!!<lb/>, Im Gegentheil, mein Bester!' versezte die
bleiche<lb/>Frau.,Wir haben uns mancher Hilfe, manches Bei-<lb/>standes von
der Cousine Philippine zu erinnern, und<lb/>sie würde es sicher nicht
wünschen, daß Sie üns be-<lb/>suchen.!<lb/>, Ebendeshalb kani ich ja!''
sprach Philihp nur noch<lb/>eifriger.<lb/>,Weil sie' es mißbilligt? fragte
Jene noch einnal.<lb/>-!-<lb/>.Auch deshalb!' eief Philipp, a, auch
deshalb!<lb/>ßs<lb/>Die Tante mmuß sich doch daran gewöhnen, bäß ich-
;<lb/>ß<lb/>ein Mann und mein eigener Herr, b KiöF7 ?s,!<lb/>e h!'!<lb/>zß-
1<lb/>en trt =n Hedwig beren, ud Ekb-eFHös;zg.;hl<lb/>ven ewbo eae fee
»eseFFsfFFehkßZI ;!<lb/>= --l<lb/>=h xFz<lb/>N z:<lb/>==== PM!<lb/>i
1<lb/>h.? Mh<lb/>, ;? 1 --t?-<lb/>' !<lb/>u ? P1zfie! 1?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0317_316.tif" n="316"/>
<p>H1a<lb/>fallend abstach, bat er:, Steh mir doch bei, es Dei<lb/>ner Mutter
begreiflich zu machen, daß sie Nichts an-<lb/>nehmen soll von allen den
Menschen, die Euch helfen,<lb/>als ob das nicht ein großes Vergnügen wäre.
Nie-<lb/>mand soll Euch helfen, als ich; hörst Du? bitte Deine<lb/>Mütter
darum, denn gewiß ich thue es gern und habe<lb/>es reichlich dazu
übrig.!<lb/>Sie gab ihm keine Antwort. Die Aufregung des<lb/>gesktigen
Abends war von ihr gewichen und mit ihr<lb/>die Frische und Keckheit, welche
Philipp gleichsam zr-<lb/>weckt und zu ihr hingezogen hatten. Da sie ihn
nicht<lb/>ansah, da sie keine Sylbe sprach, wurde er immer<lb/>dringender.
,Was fehlt Dir denn? Hast Du heute.,<lb/>kein Vertrauen mehr zu mir?
Was-habe ch Dir - !<lb/>denn gethan? forschte er, wähtend er diht
an,ste-<lb/>heran trat und ihre Hand zu fassen suchte.<lb/>-- s-<lb/>Sie sah
ihn zum ersten Male an, die Augen waren<lb/>ihr roth, sie mußte geweint
haben, ehe er gekomnen -<lb/>war ,Geh' hinaus!r befahl die Mutter ihr. She!
;<lb/>stand von ihrem Plaze auf, aber als sie an ihin zgF<lb/>über in die
Nebenstube gehen wollte, hielt er; sie feft.<lb/>,Weshalb schicken Sie sie
fort?! verlangteser zu<lb/>wissen.<lb/>, Weil ich mit Ihnen etwas zu
sprechen habe,!<lb/>versezte die Mutter, ,das sich besser abmachen
läßt,<lb/>wenn wir allein sind.!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0318_317.tif" n="317"/>
<p>zt<lb/>Philipp war des Widerstanggs gegen seine Wünsche<lb/>nr wenig gewohnt.
Ee z»F Wee Slso zum Trose,<lb/>und die Liebe, deren er sich mtehr und mehr
bewußt<lb/>ward, das Verlangen, den beiden Fräurn seine Unab-<lb/>hängigkeit
darzuthun, trieben ihn vorwwärts und hoben<lb/>ihn über sich selbst
hinaus.<lb/>,Bleibe hier!'' rief er, ,ich weiß Mlles, bas Deine<lb/>Mutter
mir sagen will, und ich kann: ihr tmn Voraus<lb/>die Antwort darauf geben.
Sie will nicht, daß wir<lb/>uns lieben, weil meine Tante und ich weiß nicht
wer<lb/>sonst noch dies ungern sehen werden. Aber' als Deine<lb/>Mutter jung
war, hat sie gehandelt, wie es ihr um's<lb/>Herz gewesen ist und mein Vater
hat es, als er meine<lb/>Mutter heirathete, eben so gemacht. Ich habe in
ein<lb/>paar Jahren nach Niemand auf der Welt zu fragen.<lb/>Ich habe einst
freie Wahl. Sag's also gerade heraus:<lb/>willst Du auf mich warten, bis ich
wieder komme?<lb/>, Hedwig!'' warnte die Mutter; indeß Philipp und<lb/>auch
das Mähchen beachteten die Warnung nicht.<lb/>,Willst Du warten?! bat er
noch einmal, und die<lb/>ganze Zuversicht, die er zu ihr hatte, lag in
seinem Tone.<lb/>,Ja, sagte sie leise, aber fest, und reichte ihm
die<lb/>Hände hin, während das Vertrauen, mit: welchem sie<lb/>gestern zu
ihm gesprochen, wieder über ihr klares Antliz<lb/>leuchtete. Er schüttelte
ihr die Hand, als wäre sie ein<lb/>Jüngling und nicht das Mädchen, das er
liebte.<lb/>--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0319_318.tif" n="318"/>
<p>H18<lb/>,Gott sei Dank! nun kann ich reisen,. sagte er<lb/>mit befreitem
Herzen nd blieb dann vor ihr stehen<lb/>und sah sie an und sah sich in der
kleinen Stube um.<lb/>, Nun weiß ich, wo Du bist und wie Du wohist,<lb/>nun
kann ich gehen,! wiederholte er, und wurde ge-<lb/>rührt, und wagte doch
nicht, das Mädchen zu umdr-<lb/>men, sondern ließ es los und ging zur Mutter
hin<lb/>und warf sich dieser an die Brust.<lb/>Die schwache Frau nahm sich
zusammen. Alles<lb/>-<lb/>FA<lb/><lb/>was sie erlebt, alles, was sie einst
als Folge ihres un-<lb/>bewachten Herzens erlitten hatte, stand warnend
bdr<lb/>ihr. Sie wollte mit det Aengstlichkeit abhängiger
Ar-<lb/>A<lb/><lb/>A<lb/>muth Philipp von sich weisen, denn sie fürchtete,
ßüg<lb/>D<lb/>werde ihr die nnerstügung enziehen, weii sse.E.; I<lb/>-
IH<lb/>auf irgend eine Art dem Unwillenf iheer
sebnöadl'-<lb/><lb/>Wohlthäter ausseze, indeß sie hatte elust. selbst
gellebt. zzs<lb/>und wenn Philipps ehrliche Mienen nicht täüschieüs
IF<lb/>wenn sein Entschluß nicht wankte, wenn er Hedwg, Z,-<lb/>Wort hielt,
so wurde dieser eine ganz andere Zukunft, ,;;<lb/>z<lb/>an seiner Seite
bereitet, als die Muttee sie jäänäälaf<lb/>d;s<lb/>für ihre Tochter zu
hoffen gewagt. Sie war gerähiih<lb/>sie konnte nicht widerstehen, aber einer
reineti Freübs z<lb/><lb/>vermochte sie sich nicht zu überlassen. ,Gött
gebe.<lb/>rs<lb/>daß Sie nicht vergessen, sagte sie, ,welche
Hoffmuns-<lb/>gen Sie in dem arnen Mädchen ertegen, und üicht
I<lb/><lb/>vergessen wie schwer Enttäuschungen sich tragen
lassen!?<lb/>A<lb/>F<lb/>zs<lb/>F<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0320_319.tif" n="319"/>
<p>H19<lb/>- - Sie seufzte, ihr bleiches Gesitg1d noch trauriger<lb/>als
gewöhnlich aus, sie müßtE! nledersezen und<lb/>den beiden jungen Leuten war
der-Aufschwwung der<lb/>ersten Freude gelähmt. Sie standen neben der
kranken<lb/>Frau und wagten einander nicht anzusehen, bis Hed-<lb/>wig
bittend sagte:,Geh' lieber foft! - Die Mutter<lb/>hat Ruhe nöthig und Deine
Tante würde auch böse<lb/>sein, wenn sie's erfährt=-<lb/>,Was? fragte
er.<lb/>,Was Diu mir und ich Dir versprochen!'' sagte sie<lb/>leise und sah
ihm dabei freundlich ii die Augen.<lb/>,Wie Du willst!'' versezte er, und
sie gaben sich<lb/>wieder die Hände, und er bot den beiden Frauen
sein<lb/>Lebewohl. An der Thüre fragte er, ob er wieder<lb/>kommen
dürfe.<lb/>,Thun Sie es lieber nicht,, bat die Mutter., Er<lb/>wollte sich
husbedingen, Abschied jehmef zu' dütfen,<lb/>sie meinte, sie würde ruhiger
sein, henn er das unter-<lb/>ließe, ja sie würde dann zuveksichtlicher hn
sein Ver-<lb/>sprechen glauben.<lb/>,So leb' denn wohl, Hedwig!'' sagte er
schnell<lb/>und mit Neberwindung.,Ich werde Dir schreiben,<lb/>wann ich
fortgegangen bin, und wenn Du etwas<lb/>brauchst, so schreibe auch Du es,
mir. Leb? wohl !?<lb/>Er ging schnell hinaus, Hedwig knjete vok jhrer
Mntter<lb/>nieder undwverbarg ihr Gesicht woeinend in deren Schoos.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0321_320.tif" n="320"/>
<p>8<lb/>Als Philiy zgykehrte, war Mamsell Philippine<lb/>ndch nicht zu Heh Sie
ließ ihn rufen als sie kam,<lb/>uid Beide fanden sich sehr ruhig wieder. Sie
sagte<lb/>ihm, daß sie seinetwegen mit dem Commerzienrathe<lb/>Rücksprache
genommen habe, weil sie nach seinem heu-<lb/>tigen Betragen sich nicht mehr
die Kraft zutraue,<lb/>seine Zukunft zu leiten. Sie habe sich Raths
erholt<lb/>bei ihrem alten Freunde, und dieser billige Philipps<lb/>Wunsch,
die Welt zu sehen. Sie machte ihm darauf<lb/>den Vorschlag, eine
landwirthschaftliche Akademie zu<lb/>besuchen, um sich durch Studium für die
Selbstuer-<lb/>waltung seines Gutes vorzubereiten und wider ihr<lb/>Erwarten
war er gleich völlig mit diesem Plane ein-<lb/>verstanden; aber er war
einsilbig und auch sie hatte<lb/>nicht die gewohnte Lust, sich gegen ihn
auszusprechen.<lb/>Sie wünschte ihn je eher je lieber zu entfernen,
er<lb/>schien seine Abreife nicht genug beschleunigen zu kön-<lb/>nen, Jedes
war über das Verhalten des Andern ver-<lb/>wundert, und obschon sie Ursache
gehabt hätten, mit<lb/>einander zufrieden zu sein, weil ihre Pläne so
wohl<lb/>zusammengingen, waren doch Beide kalt gegen einan-<lb/>der und
blieben auch ganz verstimmt.<lb/>Acht Tage gingen in Vorbereitungen für
Philipps<lb/>Reise hin. Als er und die Tante dann endlich am<lb/>lezten
Abende beisammen saßen, kam eine wärmere<lb/>Empfindung über Beide. Mamsell
Philippine dachte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0322_321.tif" n="321"/>
<p>Iet<lb/>,s-<lb/>daß sie den einzigen Gegenstand gugg ßiebe auf
Jahre<lb/>binas eubebren und pon sies KJJzsolle. ud dak<lb/>fie alt sei
Philipp dachte auch an die Jahre seiner<lb/>Tante und daß sie es mit ihm so
gut gemeint habe<lb/>und daß die Menschen sie nicht: llebten. Er
mußte<lb/>sich es vorstellen, daß sie, recht verlassen sein würde,<lb/>wenn
sie krank werden sollte, und ohne es zu wollen,<lb/>fagte er wehmüthig zu
sich Helber:! , Kein Mensch<lb/>würde sich um sie kümmern !'<lb/>, Um wen?-
fragte Mamsell Philippine argwöh-<lb/>nisch, denn sie meinte, sein Aüsruf
gälte Hedwig.<lb/>, Um Dich!! sagte er, und gestand ihr seine Sorge.<lb/>Das
rührte sie und söhnte sie mit ihrem Philipp aus.<lb/>Es war dem alten
Mädchen nicht viel Liebe zugewen-<lb/>det worden, und sie bemerkte tröstend,
der Commer-<lb/>zienrath habe ihr versprochen, ihr seine Töchter oft
zu<lb/>schicken, die würden sie auch nicht verlassen, wenn Un-<lb/>glück
über sie kommen sollte, schon gus Freundschaft<lb/>für ihren Philipp nicht !
-<lb/>,ie Puzdocken!r rlef Philipp,',die sich in guten<lb/>-- »f -
-<lb/>Tagen nie um Dich gekümnert, die Dich und mich<lb/>verspottet haben!
Wie kommst Du nur darauf, zu<lb/>glauben, daß Du denen werth bist, daß ich
Ihnen<lb/>etwas anderes als ein Gegenstand des Lachens bin?<lb/>Mamsell
Philippine schwieg, sie hatte es wieder<lb/>vergessen, daß er nicht mehr der
alte Philipp war-<lb/>Lewald, Kleine Romane. N.<lb/>A1<lb/>-' e.z<lb/>z. n
-.-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0323_322.tif" n="322"/>
<p>8<lb/>Indeß er wufte rauf auf selne Weise zu erit-<lb/>nern ,Tante!,<lb/>gä
er plözlich, ,so oft ich vrn<lb/>meiner Kindheit an mit unsern Verwandten
zusammen<lb/>gekommen bin, habe ich sie sagen hören, daß Du
selbst-<lb/>süchtig und ohne Liebe wärest. Ich habe es aber<lb/>besser
gewußt, denn Du hast mich immer geliebt und<lb/>hast immer Dein Bestes an
mir gethan. Ich allein<lb/>kenne Dich anders als die Menschen, ich allein
habe<lb/>Dich lieb-- und wer mich nicht liebt, wen ich nicht<lb/>liebe, der
wird auch Dich nicht lieben und Dir keine<lb/>Stüze sein, darauf verlaß
Dich! Also--<lb/>Er stand auf und trät an das Fenster. Ek' war<lb/>nicht
fähig zu sagen; was er im Herzen und auf der<lb/>Zunge hatte. Weil er so
schuell' von ihr gegatgen!'<lb/>war, folgte die Tante ihm. Sie stellte sich
zut ihh<lb/>und legte ihm ihren Arm um den Hals; das wae nie<lb/>geschehen,
denw äußere Zärtlichkeitsbeweise lagen ihr<lb/>sonst fern. Er hatte den Kopf
an die kalten Scheiben<lb/>gepreßt, sie wußte nicht, was sie machen
sollte.<lb/>, Kannst Du denn nicht bei mir bleiben?' fragte<lb/>sie
plötzlich, und es war ihr, als erlöse sie sich mit<lb/>der Bitte von einem
schweren Unheil.<lb/>Er schüttelte verneinend das Haupt, aber er
um-<lb/>faßte sie, wie ein Sohn die Mutter zutrauensvoll<lb/>umfaßt, und
sein frisches Antliz an ihre welke Wange<lb/>legend, sagte er: ,Hedwig laß
Dir holen, wenn
Dir<lb/>-F<lb/>1<lb/>h<lb/>lhs<lb/>g;<lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>I<lb/><lb/>V<lb/>;<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0324_323.tif" n="323"/>
<p><lb/><lb/>etwas zustößt, and wenn eFben irgend ein<lb/>Unglück begegnet, so
nimm Drz»f' ae:-<lb/>Er konnte seine Thränen nicht verbergen: und
sie<lb/>weinte mit ihm.,Warst Dus denndrüben? fragte<lb/>fie.,Einmal!! gab
er ihr zut Antwort:,Ich mmusßte<lb/>versprechen, nicht wieder zu
kommen.?!<lb/>,Armer Junge!'' rief die Tante, ohne recht zu be-<lb/>denken,
was sie damit that. Aber Philipp drang die-<lb/>ser Ton zu Herzen, wie ihm
Mamsell Philippinens<lb/>Stimme noch nie zu Herzen gegangen war. Er
schloß<lb/>sie in die Arme und küßte sie. Das Herz wurde ihr<lb/>erweicht,
sie empfand eine Freude und' ein Glück, wie<lb/>in der Stunde, in der er
einst geboren worden war<lb/>und in der sie ihn zum ersten Mäle in ihren
Armen<lb/>gehalten hätte. So voll Liebe und, voll Zutrauen<lb/>hatte er
niemals an ihrem Herzen gelegen. Sie iahm<lb/>seinen Kopf in die Hände ünös
küßtte chn äuf das<lb/>Haar. s<lb/>- !<lb/>, Verläß Dich auf mich- s=gte
sie!<lb/>,Das thue ich auch, gabs er ihr zur Antwort,<lb/>küßte ihr die Hand
und entfernte sich dann schnell.<lb/>Sie sah ihm nach und trat' dann wieder
an das<lb/>Fenster, an dem sie mit ihm gestanden hatte. Drüben<lb/>an der
Eingangsthüre des Hauses, in welchem die<lb/>Meerfrlds wohnten, war es
dunkel: Dgs ganze Hans-<lb/>schie befekts h Scof- u kean! mn ie! beefStabe'!
; g.<lb/>uzptz==-<lb/>.e E---<lb/>hll<lb/>ö ».<lb/>i<lb/>h e-<lb/>-..le
-<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0325_324.tif" n="324"/>
<p>aa ?<lb/>ber Wittwe bragIch Lcht. Mamselt Phillppine<lb/>hatte bei
mancheerheren Aufenthalte in der Stadt<lb/>diesen Lichtschimmer auch schon
zu später Stunde wahr-<lb/>genommen, ohne ihn sonderlich zu beachten. Jezt
hätte<lb/>sie es wissen mögen, ob die Mutter krank, ob Hedwig<lb/>noch bei
der Arbeit sei Sie fühlte Mitleid mit ihnen<lb/>und fand es brav, daß man
Philipp nicht wiederzu-<lb/>kommen verstattet hatte und sie nahm sich vor,
etwas<lb/>für die beiden Frauen zu thun. Sie erinnerte sich<lb/>der Zeiten,
in welchen Frau Meerfeld jung und schön<lb/>und viel umworben gewesen war,
dann blickte sie auf<lb/>ihr eigenes Leben zurück. Philipp hatte die
Wahrheit<lb/>gesprochen, es hatte sie Niemand geliebt, Niemänd als<lb/>er
allein, dem sie Liebe bewiesen, so viel sie es ver-<lb/>mocht hatte. Liebe
beweisen war also das Mittel, um<lb/>so glücklich zu werden, als sie sich
heute in der Zärt-<lb/>llchkeit ihres Pflegesohnes gefühlt hatte. Nun
denn!<lb/>Philipp sollte es sehen, daß sie ihn liebte; immerdar<lb/>wollte
sie es ihm beweisen, auf jede mögliche Art.<lb/>Aber was sollte sie
thun?<lb/>Mit der Frage beschäftigt legte sie sich nieder und<lb/>die
Antwort, welche sie sich darauf gab, ließ sie den<lb/>Schlaf nicht finden.
Das Eine stand fest, Liebe und<lb/>Hingebung hatte sie von den Töchtern des
Commer-<lb/>zienraths nicht zu erwarten und Frieden und Behagen<lb/>in ihrem
Hause noch viel weniger, wenn eine von<lb/><lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0326_325.tif" n="325"/>
<p>- 82<lb/>ibnen einst in dasselbe als HägEf;au einziehen sollte.<lb/>Nicht eln
Stück von der altenFFFFgiichtung würde an<lb/>seinem Plaze bleiben und! wö
Mamsell. Philippine<lb/>bleiben würde, wenn eine junge, Iän Euxus und
an's<lb/>Befehlen gewöhnte Frau in dem Häuse, der Senatorin<lb/>und auf dem
Gute schaltetej das wwar nicht vorauszu-<lb/>sagen. Der Comnerzienrath war
techt, dazu geschaffen,<lb/>für seine Töchter in einet Weise vorzusorgen,
bei<lb/>welcher Mamsell Philippinens alte Tage und ihres<lb/>Philipps
künftiges Glück nicht ii Betracht gezogen<lb/>würden. Sie kannte ihn därauf,
ünd sie ärgerte sich,<lb/>daß sie sich von ihm hatte beschwaten lassen. Sie
-<lb/>mochte gar nicht daran denken, wie leichten Kaufes er<lb/>sein Spiel
gewonnen. Und dabei hatte er ihr im<lb/>Grunde nichts versprochen, er hatte
nur gesagt, daß<lb/>man es überlegen könne, und sie war so schwach
ge-<lb/>wesen, sich zu binden. ;<lb/>Sie stuzte bei dem Woite. Se hatte ja
auch gär<lb/>nichts zugesagt, sie war inimter, noch Herr zu thun<lb/>und zu
lassen, was sie wollte: Sie lachte vör Ver-<lb/>gnügen bei der Vörstellung,
wie es jezt recht eigent-<lb/>lich in ihre Hand gegeben' sei; es dem
Commerzien-<lb/>rathe einzutränken, daß er sie und, Philipp bisher
ver-<lb/>absäumt hatte und sie war ganz erschrocken, als sie<lb/>sich laut
die Worie aussprechen hörte: sie sollen es<lb/>schon merken, daßß ich noch
meine Willen habe, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0327_326.tif" n="326"/>
<p>8<lb/>daß mir mein Philipp lieber ist, als die ganze
übrige<lb/>Verwandtschaft! z- Vergnügter war sie nie
gewesen<lb/>ungeduldiger hatte sie nie einen Morgen herbeige-<lb/>wünscht,
als am Ende dieser Nacht. Sie empfand es<lb/>gar nicht, daß sie einschlief,
denn auch im Traume<lb/>noch blieb sie mit ihrem Philipp und mit
seinem<lb/>Glücke und mit der Schadenfreude gegen den Com-<lb/>merzienrath
beschäftigt.<lb/>- Es war noch ganz dunkel, als sie nach kurzem<lb/>Schlaf
erwachte und sich von ihrem Mädchen anklei-<lb/>den ließ. Oben in Philipps
Stube regte sich noch<lb/>nichts, aber drüben brannte die Lampe schon
wieder<lb/>in dem Zimmer. Gegen ihre Gewohnheit fing sie<lb/>gleich in der
Frühe an, in ihrem Hause umherzugehen.<lb/>Sie gab das gute Kaffeeservice
und -das schwere Sil-<lb/>ber heraus, schickte den giener nach einem Kuchen
und<lb/>ließ sich Pelz, Hut und Muff geben, als wwwäre es<lb/>heller Tag
gewesen. Ihre Mägde trauten Ihren<lb/>Aügen nicht, als sich Mamsell
Philippine ihre kleine<lb/>Handlaterne anzünden ließ und allein in. der
Frühe<lb/>auf die Straße hinausging. -Neugierig folgten beide<lb/>Mägde ihr
bis vor die. Thüre. und nit, Verwunderung<lb/>sahen sie ihre Herrschaft in-
die Schmale Gasse einbie-<lb/>gen und in- das erste Haus derfelben
hineingehen, das<lb/>sie nie zuvor besucht hatte.<lb/>Vorsichtig leuchtete
die alte Dame sich die beiden<lb/>A<lb/>n<lb/><lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0328_327.tif" n="327"/>
<p>ze<lb/>engen steilen Treppen hinan.- Sies kam sich wie der<lb/>heilige
Nikolaus vor, der den frömnmen Kindern heim-<lb/>lich ihre
Weihnachtsbescheerung in die Häuser trägt.<lb/>Oben an der einen Thüt las
sie den Namen Meer-<lb/>feld. Sie klopfte an, man öffnete; ein paar
strahlende<lb/>Augen schauten sie erstaunt an, und kaum hatte ;Hed-<lb/>wig
Mamsell. Philippine vor' sich erblickt, als sie-er-<lb/>bleichen die Frage
ausstieß: Was ist ihm geschehen?<lb/>,Nichts! Nichts!'' begütigte Mamsell
Philippine.<lb/>,,ichts? rief Hedwig, ,und' Sie komnen in -der<lb/>dunkeln
Frühe hier zu uns herauf? Die Stimme<lb/>bebte ihr vor. Angst, sie ergriff
-Philippinens Hand und<lb/>wiedeiholte ihre erste: Fräge.<lb/>, Saß mich
eintreten, Kind, und niedersizen,'- be-<lb/>fahl Philippine und Hedwig
gehorchte ihr, aber es that<lb/>der Tante wehe, . daß Hedwig sie- nur als
ben Boten<lb/>übler -Kunde ansah, und ihren-Gedanken Worte ge-<lb/>bend,
sprachsie: ,Kamnjich Pir üid eeinr -Mutter<lb/>denn nicht etwas Gütes
bringeii?!<lb/>Hedwig senkte verlegen. die?Augen- zu Boden; ihre<lb/>Mutter
sei noch nicht aufgestanden, sagte sie<lb/>So gehe, ihr zu. melden, daß :ich
sie zu sprechen<lb/>häze!f! bedeutete sie Philippine, und Hedwig
verließ<lb/>die Stnbe, um sich zur»Muttersgu begeben.<lb/>Alles, in-
demRaume, athmetesSauberkeit zund Ord-<lb/>nung. Trotz der frühen Stunde war
das Zimmer<lb/>g =<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0329_328.tif" n="328"/>
<p>A<lb/>schon völlig aufgeräumt, das einfache Kaffeegeräth<lb/>stand auf dem
Tische, der Mutter Kleider hingen am<lb/>Ofen, um sie ihr beim Anziehen
behaglicher zu machen,<lb/>der Kaffee wartete schon in der Röhre. Hier
walte-<lb/>ten Fleiß und Ordnung und vor allem Liebe, das sah<lb/>Mamsell
Philippinens scharf beobachtendes Auge bei ß<lb/>dem ersten Blick und Hedwig
war dazu gar lieblich<lb/>in ihrem ärmlichen und doch so saubern
Morgenkleide.<lb/>Das Mädchen mußte der Mutter eine gute Pflegerin<lb/>und
Stüge sein. Es währte auch nicht eben lange, ?<lb/>bis, auf den Arm der
Tochter gestüyt, Frau Meerfeld ß<lb/>in die Stube trat. Man konnte ihr
ansehen, in welcher<lb/>Unruhe sie sich über die ungewohnte Erscheinung
ihrer<lb/>Verwandten fühlte, und Philippine, der dies nicht<lb/>entging und
der es leid that, sagte:,Sie werden<lb/>sich wundern, Cousine, daß ich
komme, und obenein,<lb/>daß ich um diese Stunde komme, aber glauben
Sie,<lb/>es ist nichts Böses, was ich bringe. Wir haben ein-<lb/>ander lange
nicht gesehen, wollen Sie nicht heute mit<lb/>Ihrer Tochter meine Gäste
sein?'<lb/>,,Und deshalb kommen Sie selbst, und kommen im<lb/>Morgendunkel?
wenbete Madame Meerfelb mit sicht-<lb/>lichem Mißtrauen ein.<lb/>,Ich
wollte, daß Sie mit mir frühstücken soll-<lb/>ten,' sagte Mamsell
Philippine, die es zum ersten f<lb/>Male in ihrem Leben auf eine allgemeine
Neber-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0330_329.tif" n="329"/>
<p>l.<lb/><lb/>?<lb/><lb/>KAd<lb/>raschung abgesehen hatte und diese nicht zum
Opfer<lb/>bringen wollte.<lb/>,Ich bin zu solchen Dingen icht gesund
genng<lb/>und würde es büßen müssen, wollte ich meine Stübe<lb/>jezt
verlassen, ätwbortete Jene, ünfähig zu begreifen,<lb/>was sie sah und
hörte.<lb/>, Nicht gesund genug! iief Philippine, und ihre<lb/>natürliche
Ungeduld und Selbstsucht brachen unwill-<lb/>kürlich los, ,gesund oder nicht
gesund! Darauf konmnt<lb/>es heinte ja gar nicht äit. Wäs schadets deiii,
weim<lb/>Sie es büßen müssei? Bereüen werden Sie es nlcht.<lb/>Geh' Hedwig!
hole der Mükter wwarme Kleidet, ich<lb/>will Dir helfen, ich ziehe sie an,
aber schnell muuß<lb/>es gehen, schnell! sonst ist's zu spät.<lb/>Hedwig
stand und wartete auf den Befehl der<lb/>Mutter.,Schicken Sie sie fortk'
sagte Mamnsell.<lb/>Philippine leise zu verselben, uid von ihrem
befehlen-<lb/>dem Tone gezwungen, folgte Madam Meerfeld ihrer<lb/>Anordnung.
Kaüm äbek aren de beiden Frauen<lb/>allein, als Philippine; währeid' sie der
Kranken beim<lb/>Akleiden behilflich war, ihr zuflüsterte: ,Muth.<lb/>Muth,
Cousine! ich konme gut zu mächen, wwas ich,<lb/>wie wir Alle, an Ihnen die
Jahre her versäunt;' aber<lb/>ich mäche es dabei jezt' gerade;' wle Sie's
einst ge-<lb/>mnacht, und noch weit schlininek. h She habei Ihter<lb/>Liebe
in Ihrer Jugend nachgegebeit, ich gebe meiner<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0331_330.tif" n="330"/>
<p>88<lb/>iebe jetzt auf meine alten Tage nach und ich denke,<lb/>das werden Sie
mir wohl verzeihen. Nur lassen Sie j<lb/>Hedwig ja vorerst nichts merken l'!
Sie drückte der<lb/>Mutter die Hand, jezt war dieser das Räthsel
gelöst.<lb/>N ararr =<lb/>lachend aus.<lb/>Inzwischen war es Tag geworden.
Behutsam<lb/>führten Mamsell Philippine und das junge Mäbchen<lb/>Frau
Meerfeld die Stiegen hinab, behutsam geleiteten<lb/>fie dieselbe über die
Straße und in, das alte Haus.<lb/>Die Dienerschaft staunte sie an, als sie
Befehl - erhielt,<lb/>einen sSbessel zu holen und die Frau die Treppe
hin-<lb/>aufzutragen in das Zimmer, in das die Morgensomne<lb/>jezt -hell-
hineinschien. Frau Meerfeld sprach nur we-<lb/>-nig, Mamsell Philippine:
ließ auch Mdiemand recht zu<lb/>Woxte kommen, so viel hatte sie anzuordnen
und ;vor-<lb/>zubereiten, so zoft - mußte Hedwig nach dem
großen<lb/>Hinterzimmer sehen, ob es noch nicht neun sei.<lb/>Um neun Phr
klingelte Mamsell. Philippine, aber<lb/>die Hand zitterte, mit der sie es
that, und doch sah<lb/>sie so klar und so verändert. aus, - daß -ihre
Jungfer<lb/>sie,, darauf betrachtete und meinte,. es, müsse die
Mor-<lb/>gensonne sein, die ihr soshell ziben-das Antliz strahlte.<lb/>Um
neun Ihr, um -die-Frühstücksstunde, trat-Phi-<lb/>lipp-in das Zimmer - und
blieb wie festgezanbert in der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0332_331.tif" n="331"/>
<p>Kzt<lb/>Thüre stehen. Er traute- seinen - Augen nicht. Auf<lb/>dem Plaz der
Tante, in; dem--grßen Lehnstuhl saß<lb/>Frau Meerfeld, hinter. ihr. stanh
Hedwig; und was war<lb/>denn der Tante geschehen, daß sie weinte, während
es<lb/>- doch so festlich in dem Zimmer: aussah?<lb/>, Nun Philiup? rief sie
ihn entgegen.<lb/>,Tante! liebe Tante!!! -war Alles, was er
sagen<lb/>konnte, aber er eilte auf sie zu und küßte tsie in trün-<lb/>kener
Freude.<lb/>,Reise nur getrost! es wird jezt Niemand - verlas-<lb/>sen sein,
nicht sie, nicht ich,' sprach isie und nahm<lb/>Hedwig beider- Hand.<lb/>,Jä
!'i rief er, -bhne- daß- er-es wvagte, sich -dem<lb/>Mädchen zu nähern, zuun
reise. ich getrvst,. und wenn<lb/>ich, erst etwaE gewoaden -bin, wenn ich
-wieder: komme<lb/>-' er sprach esunicht zu; Ende, üwwgs er pdachte
auund<lb/>sagte-damnn, sich -selber unerhrechend': zWir ;wollen<lb/>Dich
auf-den-Händen: tragen,zaite!-<lb/>Dle. Rührung,
dieEErschütterüigswvarensallgemein.<lb/>Madame Meerfeld wweinte,.
Hediig,hknietezan Phrem<lb/>Sessel, Philipp war versunkensin .ihren
jAnblick, wwie<lb/>in seine Freude, und Mamsell Philippine stand und<lb/>sah
r umher.<lb/>- So viel -Liebe- hatte insdiesem Zimmernieigegth-<lb/>met, so
äwar nihr selbst. niemnls igu Muthei gswesen.<lb/>Wie eine gute Fee, wie-
sichsselbst»entfromdet,:kam-gie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0333_332.tif" n="332"/>
<p>88A<lb/>sich vor. Mit einem Male jedoch zuckte es durch ihre<lb/>Mienen und
spöttisch lachend rief sie:,Wie mich's<lb/>freut, daß es den guten
Commerzienrath so ärgern<lb/>wird; denn ärgern wird's
ihn!''<lb/>7s<lb/>nl<lb/><lb/><lb/>i<lb/>Der Ausruf brachte alle wieder in
das Gleichge-<lb/>wicht. Man sezte sich zum Krühstück nieder, die<lb/>Stunde
bis zur Abreise verging, ehe man es gewahr<lb/>wurde. Als es zehn Ühr
schlug, stand Philipp auf.<lb/>Sie wurden Beide blaß, er und Hedwig, als er
ihr<lb/>die Hand zum Abschied reichte. Sie konnte nichts<lb/>sagen, er war
eben so sprachlos. So schieden sie.<lb/>Nur als er ihrer Mutter die Hand
küßte, da konnte<lb/>Hedwig sich nicht halten und eilte weinend
davon.<lb/>Mamsell Philippine hielt sich tapfer und begleitete,<lb/>ruhig
sprechend, ihren Philipp in den Flur hinaus.<lb/>Sie sah zu, wie der Diener
ihm den Mantel umgab<lb/>und sein Gepäck nach dem Wagen
hinunterschaffte.<lb/>Als derselbe sich dann entfernt hatte und sie
mit<lb/>Philipp allein war, rief er überwältigt:,Wie soll<lb/>ich Dir
vergelten, Tante!?! -<lb/>,Ou mir vergelten? wiederholte sie, indem
sie<lb/>ihm beide Hände auf die Schulter legte, ,Du hast mir<lb/>nichts zu
danken, denn mit Deinem bloßen Dasein<lb/>begann für mich das Glück. Ich
lernte den Segen<lb/>wahrer Liebe kennen. Ich habe Dich erzogen, das
hast<lb/>Du mir wett gemacht, denn auch Du hast mich erzo-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0334_333.tif" n="333"/>
<p>k -<lb/>gen, sogte sie, ,Deine Liebs za iir hat mir das<lb/>Herz erweicht und
felt ich Feskein beschlössen, Dich<lb/>glücklich zu machen, nach Deinei und
nicht nach mei-<lb/>nem Sinne, bin ich erst recht glücklih geworden
durch<lb/>Dich. Du hast mir nichis zu daiken. Rch bin Dei-<lb/>nem Bater und
Deiner Mutter viel Liebe schuldig ge-<lb/>blieben, die werde ich Dir und
Hedwig noch bezahlen;<lb/>und nun geh! Und wenn Du einst auch einer
An-<lb/>dern gehören wirst =- ? -<lb/>,O!'' fiel er ihr, miten, in seiner
Bewegung ld-<lb/>chend in das Wort, ,ich, werde nüi erst recht
für's<lb/>ganze Leben Dein Sohn und Mamusell. Philippinens<lb/>Philipp
bleiben.'!<lb/>Uid sie haben einander redlich Wort gehalten.<lb/>Philipp ist
ein tüchtiger, Landwirth und ein wackerer<lb/>Mann geworden und Manisellj
Philippine' hat noch<lb/>seine und seiner Hedwig älteste Kkinder auf
ihrem<lb/>Schoöße gewiegt. Wer, äber die jheitere, llebebolle<lb/>Matrone
auf dem Landsize -zwischen jihren Kindern<lb/>und Enkeln schalten und wälten
sah, ber konnte nur<lb/>s<lb/>noch an ihrem Aeußerns dies eigensüchtige unb
lächers E<lb/>liche Mamsell Philippine wieder erkennen, denn in<lb/>Herzen
und im Geiste war sie eine Andere gewörden<lb/>ganz und gar. Und wie
Philipps und Hedwig die<lb/>Stunde segneten, in der sies einander gefunden
hätten,<lb/>so segnete die Tante bis an jhr Lebensende den
Augen-<lb/>P<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0335_334.tif" n="334"/>
<p>88<lb/>blick, in welthem die Furcht, ihren Philippan das<lb/>junge Mäbchen zu
verlieren, sie dahin gebtacht hatte,<lb/>sich und ihre Wünsche und alle
Vorurtheile ihrer Ver-<lb/>gangenheit aus Liebe aufzugeben. Sie hatte sich
da-<lb/>mit die Freude ihrer alten Tage erkauft und heitere,<lb/>fröhliche
Bewohner in das alte Landgut und in das<lb/>Giebelhaus an Markte
eingeführt.<lb/>- Denn wo einst das starre Autliz der Senatorin<lb/>die Wege
und Stege ihres Gatten bewachte, da sieht<lb/>jezt Hedwig nach ihrem Philipp
liebevoll hlnaus, und<lb/>wo einst Mamsell Philippine mtit erzwungenem
Lächeln<lb/>am Ftttstkr' saß, blickk eine Masse jungen Volkes ver-<lb/>gnügt
auf die Straße hinab, während Marions und j<lb/>Mamsell Philippinens und
Fiau Meerfeldd Bilder ver-<lb/>träglich nebeneinander über dem Sopha hängen
und<lb/>ihr Andenken genieknsant von den Bewohnern des<lb/>Giebelhauses hbch
gehalten wird? Uid wir vor langen<lb/>Jahren wird die Schwelle der
Eingangsthüre wieder<lb/>von Gästen viel betreten und' der' Thürklopfer
mit<lb/>seinem Greifenkopfe oft und lustig in Bewegung ge-<lb/>sezt; denn wo
Liebe und Friede herrschen, fehlen<lb/>Freunde und Gäste nie!<lb/>Das ist
die Geschichte vom alten Giebelhause und<lb/>- von Mamsell Philippinens
Philipp.<lb/>ss.<lb/><lb/></p>
</div4>
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<div3 type="back">
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0336_unm.tif" n="unum"/>
<p>Im Verlage von<lb/>erschienen früher:<lb/><lb/>Dtto Rarnke in-
Berlin<lb/>Neue Romne. Vler<lb/>Fanny Lewald,<lb/>l Ban see H-on Peels Tte.
AF Ee.<lb/>starke Bänbe. -<lb/>1. Banv: Schloß Tamnenbürg. Thlr. ?A
Sgr<lb/>s e<lb/>Ü. Banr: Graf Foachim. - Thlr. M, Sgr.<lb/>g, e<lb/>1. Banv:
Emilie.; - Thlr. ?F Sgr.<lb/>g A<lb/>Umter «uen scrlftstelernvei FFeäüen
feb(seu'gany Lewatv'<lb/>an Relchthum und Bewegllchksl des Gelsfes,obennan.
- Mlt sestefer .<lb/>Negsamkelt kotgi fte ben wechlete Efaeliütigen' uüsees
soelle<lb/>Lebens, imd lmmer bletet jhr ble elne öder, antete dersetlö?
-?<lb/>Grundlage zu einer poetlschen wasleüig ble, 'wels ste eben big
;;<lb/>Fragen der Zeit betrifft, auch' zeltweise einn ganz ällgemeines
Li=---<lb/>teresse erregt. Wir wlssen nicht, ob ble Kreüzzeitung nur lm-
;<lb/>Scherze erzählte, daß nach Aussäge sänmlicher Berllner Lelh-
-<lb/>bibllothekare die Romane von Frau Lewalb jett ln Berlin am
-<lb/>meisten gelesen werden, aber wenn es so seln sollte, sö
wllrden.<lb/>wir es ganz erklärllch finden,' ohne doch, wie es jenes Blatt
ge--<lb/>thon hat, gleich an eine von der Clamue besorgte
großärtige<lb/>Reclame zu denken. Frau Lewald accoinmodirt sich dem
Ge-<lb/>schmacke der Zeit oder, was viellelcht richtiger ist, sie folgt
dem<lb/>Geiste der Zeit und dlent demselben; sie spricht gerabe das aus,
-<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="letz_01_0337_unm.tif" n="unum"/>
<p>was zu bestimmten Zeiten in den größeren Kreisen gedacht und<lb/>gewütnscht
wird, oder sie eilt auch wohl der Entwickelung der<lb/>Dinge um eine Spanne
voraus und kltndigt vorher die neu be-<lb/>vorstehenden Wandelungen an. So
sind ihre Arbeiten aus den<lb/>Bewegungen der Zeit entstanden und bestehen
anch nur fltr die<lb/>Zeit. Fehlte der begabten Verfasserln diese geistige
Beweglichkeit,<lb/>z so wütrde ihre Beliebtheit rasch verschwinden, wie wir
denn auch<lb/>s ihren' Werken keinesweges die Unsterblichkeit zusichern
wollen,<lb/>, wenngleich die Literaturgeschichte allezeit der Verfasserin
als einer<lb/>mit reichem Talent begabten Erzählerin ehrenvoll gedenken
wird.<lb/>Ipn ihren neuen Romanen handelt die Verfasserin an
ver-<lb/>schiedenen Stellen von den Mesalliancen, d. h. sie
demonstrirt<lb/>ziemlich klar, daß es solche ltberhaupt nicht giebt: ein
Grundsatz,<lb/>den unsere Cavaliere nur bedingt zugeben, wenn nämlich der
-<lb/>Mangel des Stammbaums und der Familie ausgeglichen wird<lb/>durch
andere Eigenschaften, die unsere materielle Zeit etwas höher<lb/>schätzt,
als jene Requisite. In den vorliegenden vler Bltchern<lb/>behandelt Frau
Lewald wesentlich dasselbe Motiv nur mit den<lb/>nöthigen Variationen, -
denselbei Gedanken: vor der Liebe<lb/>giebt es keine Schranken des Standes,
der Stellung, der äuße-<lb/>ren Lebensverhältnisse, =- aber viermal
umgeprägt und stets<lb/>mit neuer Umschrlft. Man wird nlcht bestreiten, daß
diese Rich-<lb/>tung dem Geschmacke der Zeit entspricht und deshalb
Anklang<lb/>sinbet. Fütgen wir hinzu, daß alle pier Romane sehr pikant
und<lb/>leicht geschrieben sind, und einen großen Reichthum
wechselnder<lb/>Situationen zeigen, so werden wir den raschen und
allgemeinen<lb/>Erfolg auch dieser Romane leicht begreifen.<lb/>(Schlesische
Zeitung.<lb/></p>
</div4>
</div3>
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</body>
</text>
</TEI>
