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<title>Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)</title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<extent>1 novel in 1 volumes</extent>
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<publisher>Washington University</publisher>
<pubPlace>St. Louis, Missouri</pubPlace>
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<date>2009</date>
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<p>There are no known copyright restrictions on this item. You are free to use this item in any way that is permitted by the copyright and related rights legislation that applies to your use. Washington University Libraries does not assert copyright in reproduction scans of public domain materials made openly available on its websites. For more information on policies and procedures governing the use of materials, contact digital@wumail.wustl.edu.</p>
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<title level="s">Reisebriefe</title>
<idno type="vol">01</idno>
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<title>Reisebriefe</title>
<title type="sub">aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)</title>
<author>Fanny Lewald</author>
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<publisher>Otto Janke</publisher>
<pubPlace>Berlin, Germany</pubPlace>
<date>1880</date>
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<head>Band 01</head>
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<head>Titel</head>
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<p/>
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<p>Reisebriefe<lb/> aus<lb/> Deutschland, Jtalien und Frankreich<lb/> (1877, 1878)<lb/> von<lb/> Fanny Lewald.<lb/>za zösesSSSs»saee.<lb/>Berlin, 1880.<lb/>Verlag von Otto Janke.<lb/></p>
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<p/>
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<pb facs="reis_01_0004_unm.tif" n="unum"/>
<p>Fie, meine liebe Freundin, und manch Andere unter<lb/>meinen Bekannten, haben
das mir erfreuliche Verlangen gehegt,<lb/>diese, während meiner letzten
anderthalbjährigen Reisezeit<lb/>geschriebenen Briefe, in einem Bändchen
zusammengestellt zu<lb/>sehen.<lb/>Wohl die Hälfte derselben entstammt den
sieben Monaten,<lb/>während denen, Sie und ich,,im Hötel Molaro zu Rom
Haus-<lb/>genossen gewesen sind, und die Erlebnisse des Tages am<lb/>Abende
bei mir durchzusprechen pflegten.<lb/>Heute nun, da ich in Kiel bei Ihnen
weile, bringt mir<lb/>die Post grade an Ihrem Geburtstage den letzten
meiner<lb/>Reisebriefe zur Korrektur in Ihr friedliches, von Ihnen
selber<lb/>und von Ihrem verstorbenen Gatten Charles Roß, so
kunst-<lb/>geschmückte kleine Haus.<lb/>Lassen Sie denn das Buch zunächst
Ihr Eigen sein, und<lb/>werde es Ihnen zugleich eine Erinnerung an Rom und
an mich.<lb/>Kiel, den W6. September 1D.<lb/>Fannn Lewald Stahr.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0005_bln.tif" n="unum"/>
<p/>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0006_unm.tif" n="unum"/>
<p>w - sF - z<lb/>A<lb/>FF' D zu - zs s- s-=<lb/>Erster Brief. = Von Berlin nach
Dresden . -<lb/>Zweiter Brief. - Von der Selbstbeschränkung in der Dichtung
- -<lb/>Dritter Brief. - Vom Kern der Dichtung - -<lb/>Vierter Brief. - Das
häusliche Leben der Deutschen - -<lb/>ünfter Brief. - In der Schweiz -
-<lb/>Sechster Brief. Vom Genfersee . -<lb/>Siebenter Brief. == Unterwegs .
-<lb/>Achter Brief. - Aus Jlorenz - -<lb/>Neunter Brief. ==- Wieder in Rom -
-<lb/>Zehnter Brief. - Einst und jett - -<lb/>Eilfter Brief. - Der Tod
Vietor Emanuel's . -<lb/>Zwölfter Brief. - Noch einmal Rom und Iezt und
Einst . -<lb/>Dreizehnter Brief. = Historisches Erinnern . -<lb/>Vierzehnter
Brief. - Am Tage der Papstwahl . -<lb/>künfzehnter Brief. = Rom oder Malta?
.<lb/>Sechszehnter Brief. = Eine neue SaustOper . -<lb/>Siebenzehnter Brief.
= Allerlei Nachahmenswerthes . -<lb/>Achtzehnter Brief. Wie die Dinge sich
hier machen . -<lb/>Neunzehnter Brief. = Verträglichkeit . -<lb/>Zwanzigster
Brief. - Aus der römischen Künstlerwelt . -<lb/>Einundzwanzigster Brief. -
Arühling in Rom - -<lb/>- U<lb/>Zweiundzwanzigster Brief. - Ein Amerikaner
über die Begabung der<lb/>Jtaliener -
-<lb/>Seite<lb/>1s<lb/>U<lb/>u<lb/>28<lb/>As<lb/>Ws<lb/>A<lb/>49<lb/>No<lb/>s<lb/><lb/>-
. W8<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0007_unm.tif" n="unum"/>
<p>Dreiundzwanzigster Brief. Die Antiken-Gallerie des Fürsten Torlonia
.<lb/>Vierundzwanzigster Brief. - Längs dem Ufer. -<lb/>Künfundzwanzigster
Brief. = Fresko-Bilder in Rom .<lb/>Sechsundzwanzigster Brief. - Atelier-
Einrichtungen und das Atelier von<lb/>Siemeratzky in Rom .
-<lb/>Achtundzwanzigster Brief. -= Lezte Tage im Süden -<lb/>Dreißigster
Brief. =- An die deutschen Frauen . -<lb/>Einunddreißigster Brief, - An die
deutschen Arauen -<lb/>Zweiunddreißigster Brief. = An die deutschen Irauen .
-<lb/>Dreiunddreißigster Brief. - Der neugierige Robby .
-<lb/>Vierunddreißigster Brief. - Der Münster zu Altenberg und die Ruine
zu<lb/>Lippstadt . -<lb/>Rünfunddreißigster Brief. - Ein Tag in Soest .
-<lb/>Sechsunddreißigster Brief. - In meinen vier Wänden .
.<lb/>au<lb/>88<lb/>- - 5<lb/>Neunundzwanzigster Brief. - Die Frauen in der
Jamilie und der<lb/>Sozialismus . -<lb/>808<lb/>- .
I40<lb/>Siebenundzwanzigster Brief. - Die Ateliers von Vertuni, Atakolski
und<lb/>Ezekiel in Rom .
-<lb/>Seite<lb/>865<lb/>Ke<lb/>91<lb/><lb/>I25<lb/>as?-<lb/>455<lb/>46<lb/>I69<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 01</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0008_001.tif" n="001"/>
<p>sss ss-ls<lb/>r. u uu b Ekltis<lb/>Von Lause fort!<lb/>Dresden, den W. Mai
18.<lb/>Man sagt wohl, der Mensch könne Alles lernen, und<lb/>in den
übermüthigen Stunden und Tagen meiner Jugend<lb/>habe ich das auch geglaubt;
jett aber bin ich bescheidener<lb/>geworden und sage es nicht mehr. Denn
obschon ich es in<lb/>dem langen Lauf der Jahre erlernt habe, von Menschen,
die<lb/>ich liebe, ruhig Abschied zu nehmen, was gar nicht leicht
ist,<lb/>so lerne ich es doch nicht, von Hause ruhig fortzugehen.
Seit<lb/>mehr als dreißig Jahren bin ich in jedem Jahre aus meinem<lb/>Heim
aufgebrochen, wenn der Frühling gekommen war,<lb/>immer bin ich dann einem
mir erwüünschten Ziele zugesteuert,<lb/>und jedesmal ist mir das eigentliche
Abreisen wie eine nicht<lb/>zu überwindende Schwierigkeit erschienen. Der
Mensch wächst<lb/>in seinen Verhältnissen, in seiner Umgebung gar zu fest;
und<lb/>mit dem Besitz, den er sich zu seiner Bequemlichkeit
anschafft,<lb/>legt er sich Ketten an, die ihn fesseln, die er
nachschleppen<lb/>und gleichsam klirren hört, wenn er sich von Hause
ent-<lb/>fernen will.<lb/>Als ich Berlin vor ein paar Tagen verlicß, sah
ich<lb/>s eigentlich, während ich durch die Straßen nach dem Bahnhof<lb/>J.
Leral. Reisebriete.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0009_002.tif" n="002"/>
<p>=- Z -<lb/>fuhr, nicht die Häuser, an denen ich vorüberkam, sondern
nur<lb/>alle die Schränke, die ich zugeschlossen, alle die Sophas,
die<lb/>man mit Decken behing, alle die Vorrichtungen, die man
zur<lb/>Erhaltung ,der Sachen' zu nehmen hatte; und ich dachte<lb/>eines
verstorbenen Schwagers, der ,die Sachenr als das<lb/>größte Hinderniß zu
irgend welcher freien und kräftigen Ent-<lb/>schließung zu bezeichnen, und
mit heiterer Laune eben deshalb<lb/>gelegentlich zu verwünschen pflegte.
,Das ist's ja! Die<lb/>Sachen! Die Sachen!r rief er oft in komischem Zorn.
,Ich<lb/>bin überzeugt, die Götter haben keine Sachen gehabt! denn<lb/>wie
hätten sie sonst die leichtlebigen Götter heißen können!?<lb/>Noch auf dem
halben Wege nach Dresden zählte ich<lb/>Bettwäsche und Tischtücher im
Geiste, klirrten mir die Schlüssel-<lb/>bunde vor den Ohren, gab ich in
Gedanken diese und jene<lb/>Anordnung, erkannte ich dies und das, was noch
besser hätte<lb/>gemacht werden können; bis ich endlich einschlief, um
nach<lb/>einer Weile mit dem Gefühle zu erwachen, daß die
Frei-<lb/>zügigkeit doch etwas Schönes sei, daß der Wechsel von Luft<lb/>und
Ort eine befreiende Kraft habe, daß er dem Blute eine<lb/>schnellere
Bewegung, der Seele neue Schwingen gebe. Ich<lb/>war nun wieder unterweges,
und es ist ein Gefühl, von<lb/>Jugend in der Empfindung, mit der man sich in
solchen<lb/>Augenblicken, sein ,Nun vorwärts ! zuruft. -- Am
liebsten<lb/>möchte man sich das italienische: eornggio e
aranti!<lb/>(,,Muth und vorwärtss auf die Reisetasche schreiben. -
Ich<lb/>hatte das Alleinreisen, in lieber fast dreißigjähriger
Gewohn-<lb/>heit ganz verlernt.<lb/>Dresden nimmt sich, wenn man von der
Neustadt<lb/>kommt, immer noch so lieblich und so zierlich aus, als
vor<lb/>jenen siebenundvierzig Jahren, da ich zum erstenmale über<lb/>die
Elbe nach der Stadt fuhr. Heute wie damals wundert<lb/>man sich, wenn man
die katholische Kirche erblickt, wenn man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0010_003.tif" n="003"/>
<p>= Z -=-<lb/>das Schloßthor passirt, daß die Männer nicht in Schuhen
und<lb/>Strümpfen gehen, daß sie keine gepuderten siles äe gigeon<lb/>an den
Schläfen, kein Zöpfchen im Nacken, keinen Gala-<lb/>Degen an der Seite
tragen. Man findet es auffallend, daß<lb/>die Frauen ohne Hontanges und
Kortugaäins erscheinen,<lb/>und daß die stillen Portechaisen durch die
klappernden<lb/>Droschken, durch die rollenden Omnibus, und nun gar
durch<lb/>die Pferde-Eisenbahnen außer Thätigkeit gekommen sind. -<lb/>Es
dünkt Einen nicht in der Ordnung, daß Dresden, wie die<lb/>meisten Städte,
jett auch zu seinen Thoren hinausgelaufen<lb/>ist, daß sich große
Villen-Vorstädte gebildet haben, daß es<lb/>eine Fabrikstadt geworden ist,
in der wie anderwärts auch,<lb/>der Kohlenstaub die Luft durchfliegt.<lb/>An
den Goldmacher Bötticher, der statt des reinen<lb/>Goldes, das er liefern
sollte, das Gold bringende herrliche<lb/>Meißener Porzellan erfand, an die
Hoffeste unter August dem<lb/>Starken, an üppige Lustbarkeiten aller Art,
dachte man früher,<lb/>wenn man nach Tresden kam. Man entwöhnt sich auch
nur<lb/>schwer davon, Dresden nicht mehr ausschließlich als
eine<lb/>Residenzstadt, als das alte Elb»Florenz zu betrachten,
in<lb/>welchem die Sixtinische Madonng und der Tizianische
Christus<lb/>einst ein so schickliches cisalpinisches Unterkommen
gefunden<lb/>hutten; es nicht mehr als jenes Dresden zu finden, in
welchem<lb/>man die Mengs'schen Abgüsse anstaunen konnte,
derengleichen<lb/>es in Deutschland nirgend gab. Auch die Zeiten
von<lb/>Kügelchen, Tiedge, Tiek, Carl Maria von Weber, der
Schröder-<lb/>Devrient und Emil Devrient sind lange vorüber. Aber es<lb/>ist
mir hier wieder recht klar geworden, daß eine gewisse<lb/>Art
Kunstverständniß sich nicht wie ausländische Waare<lb/>plötzlich importiren
läßt, wenn man seiner bedarf, sondern<lb/>daß es, wo immer es auf den rohen
Stamm naturwüchsiger<lb/>Barbarei gepfropft war, doch einer lange Jahre
unaus-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0011_004.tif" n="04"/>
<p>= F ==<lb/>gesetzten Pflege bedarf, um festzuwurzeln, und aus sich
selbst<lb/>heraus neue Triebe, d. h. das Richtige und dem Orte
An-<lb/>gemessene zu erzeugen.<lb/>Wie ich darauf komme? =- Es ist mir durch
den Sinn<lb/>gegangen, als ich hier den schönen Sgraffitto-Fries an
der<lb/>Mauer des Königlichen Schlosses, in Gedanken mit
den<lb/>Schinkel'schen Fresken unter der Vorhalle unseres Museums,<lb/>und
vollends mit der Berliner Siegessäule und ihrem un:<lb/>sichtbaren
Mosaikbilde verglich.<lb/>Auf eine öde leere Wand, auf die Mauer eines
könig-<lb/>lichen Stallgebäudes, die sich längs einer belebten
Straße<lb/>häßlich hinzog, hat man hier in Dresden mit verhältniß-<lb/>mäßig
sehr geringen Mitteln ein Bild geschaffen, das dem<lb/>Volke in
verständlicher Weise die Geschichte des Landes und<lb/>seiner Beherrscher
vorführt und in das Gedächtniß prägt.<lb/>Man hat sich mit richtiger
Einsicht nicht darauf einge-<lb/>lassen, ein farbiges al kreseo gemaltes
Bild unseren<lb/>Witterungsverhältnissen auszusetzen, sondern sich der
alten<lb/>italienischen Sgraffitto-Manier, einer Art von Radirung
auf;<lb/>getünchten Mauern zugewendet, bei welcher auf dunkeln
Grund<lb/>eine helle Farbe übertragen, und in diese das Bild derart
ein-<lb/>geritzt wird, daß das Gemälde in der Farbe des dunkelen
Unter-<lb/>grundes auf der hellen Lberfarbe hervortritt.--
Abgesehen<lb/>davon, daß es erfreulich ist, das Sgraffitto wieder erweckt
zu<lb/>sehen, von dem wir früher nur noch in Rom, und irre ich<lb/>nicht, in
Genua und an einigen wenigen der an der<lb/>Kirisrn äi gonente gelegenen
Villen und Paläste vereinzelte<lb/>Neberbleibsel gefunden hatten, ist das
Bild an sich ein großes<lb/>Kunstwerk. Die Gruppirung dieses historischen
Festzuges ist<lb/>höchlich zu loben. Alles vereinigt und scheidet sich
übersicht-<lb/>lich und natürlich. Tie Charakterisirung der
verschiedenen<lb/>Zeiten und der verschiedenen Gestalten ist bestimmt und
leb-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0012_005.tif" n="05"/>
<p>== Jh -<lb/>haft, ohne das Bild unruhig zu machen; und ich fragte
mich,<lb/>als ich vor dem Bilde stand, mit beschämtem Erstaunen, wie<lb/>es
möglich sei, daß ich den Maler dieses Bildes, daß ich den<lb/>Namen Ad.
Walther's niemals hatte nennen hören? Es ist<lb/>so schön, so geistreich, so
reich und sicher ausgeführt, daß es<lb/>die belebte Farbe nicht vermissen
läßt.<lb/>Von Anfang des zwölften Jahrhunderts, von Konrad<lb/>dem Großen,
dem Vegründer des Wettiner Herrscherhauses,<lb/>bis zu König Albert, dem
Sieger in den Schlachten des<lb/>letzten französischen Krieges, und seinem
Bruder Georg, ziehen<lb/>sie, von ihren Mannen begleitet, an uns vorüber,
die Fürsten<lb/>und Beherrscher des Landes. Hie und da fällt unser
Auge<lb/>auf Züge und Gestalten, welche uns durch die Bilder
ihrer<lb/>zeitgenössischen Maler wohlbekannt sind. Friedrich der
Weise,<lb/>Johann der Beständige, Johann Friedrich der Großmüthige,<lb/>die
Fürsten aus der Reformationszeit, treten neben einander<lb/>in einer Gruppe
auf. Die stolze Gestalt des aus Ehrgeiz<lb/>abtrünnig gewordenen August des
Starken, des Polenkönigs,<lb/>prahlt auf stolzem Rosse. Vom Wappenkleide
fernster Vor-<lb/>zeit, vom Kriegsharnisch der Ritter bis zur
Allongen-Perrücke,<lb/>von Friedrich Christians dreieckigem Hute bis zu dem
flattern-<lb/>den Federbusch auf dem Helme des jetzt regierenden
Königs,<lb/>der den Feldherrnstab des Feldmarschalls deutschen
Reiches<lb/>in der Hand trägt, sehen wir die Ereignisse der
sächsischen<lb/>Geschichte und die Menschen, die ihre Träger waren, in
ihren<lb/>wechselnden Trachten einander folgen und sich ablösen. Und
--<lb/>wie Wappenherolde und Reisige den Zug eröffnen, so be-<lb/>schließen
ihn die Männer aus unseren Tagen: der Bürger-<lb/>meister von Dresden,
Künstler, Gelehrte des Landes, Studenten,<lb/>Soldaten, Landleute und
Kinder, als Portraitbilder nach dem<lb/>Leben gemalt. -- Es ist ein sehr
lehrreiches Bild, besonders<lb/>in dem Sinne, daß wir daraus lernen, was man
malen und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0013_006.tif" n="06"/>
<p>=== ßß =-<lb/>aufstellen soll, um das Volk in seiner eigenen
Vergangenheit<lb/>Wurzel fassen und Halt gewinnen zu machen. Ich bin
oft-<lb/>mals eigens des Weges gefahren, mich an dem Bilde zu
er-<lb/>freuen, und niemals, ohne eine Menge von Leuten jedes<lb/>Alters,
Standes und Geschlechtes in Betrachtung vor dem-<lb/>selben stehend zu
finden. Das Geschlecht, welches in dem<lb/>Anschauen dieses Bildes
heranwächst, wird von der Geschichte<lb/>seines Vaterlandes wissen, wird die
Namen und die Jahres-<lb/>zahlen und die Denksprüche kennen, die über und
unter den<lb/>betreffenden Gestalten angebracht worden sind, und sich
das<lb/>Seine dabei denken. Was aber soll der Ungelehrte sich denken<lb/>bei
den mythologisch allegorisirenden Freskobildern vor dem<lb/>alten Museum?
Was können sie ihm bedeuten?=- Was<lb/>hat er von dem schönen, aber auch
viel zu allegorischen Bilde<lb/>Anton Werner's unter dem Zinkdach und hinter
den Granit-<lb/>säulen des hiesigen Siegesdenkmals, das man mit
großen<lb/>Kosten eigens in Mosaik hat ausführen lassen, damit es<lb/>lange
so unzugänglich und so völlig unsichtbar verbleibe, wie<lb/>jetzt. So weit
ich herumgekommen bin, ist mir keine Sieges-<lb/>säule mit einem Zinkdach,
und nirgendwo ein Ganzes wie<lb/>diese Siegessäule vorgekommen, das sich aus
schönen Einzel-<lb/>heiten so häßlich aufbaut und zusammensetzt. Ein
Glück<lb/>noch ist es, daß die Erzreliefs am Sockel dem Volke
wenigstens<lb/>zum Herzen sprechen, daß sie es an das Ringen und
Siegen<lb/>der letzten zwanzig Jahre erinnern. Und welch einen statt-
-<lb/>lichen Zug von Männern könnte der rechte Maler dem Volke<lb/>von
Berlin, den Preußen, aus ihrer Vergangenheit an's<lb/>Licht und in das Leben
heraufbeschwören! Ich habe vielfach<lb/>das Experiment gemacht, Männer und
Frauen aus den<lb/>handarbeitenden Ständen um die Geschichte unseres
Landes<lb/>a RM<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0014_007.tif" n="07"/>
<p>==- ? --<lb/>aber so etwas behält man ja nicht! habe ich regelmäßig<lb/>zur
Antwort bekommen. = Sähen sie die Gestalten aber vor<lb/>sich, so würden sie
nicht vergessen, was sie ,gehabt haben<lb/>und das kleine Kapital ihrer
Erinnerungen würde ihnen große<lb/>Zinsen tragene<lb/>Eben so selbstredend
wie dieser Sgraffitto-Fries ist das<lb/>Denkmal, das man dem Bildhauer
Rietschel auf der Terrasse,<lb/>dem Akademiegebäude gegenüber errichtet hat.
Niemand<lb/>kann zweifeln, was der Mann gewesen ist, der das
kleiue<lb/>Modell der schönen Lessing-Statue in Händen hält; und
das<lb/>Standbild hat obenein das große Verdienst der
sprechendsten<lb/>Aehnlichkeit. Es ist und bleibt ein ergreifender
Eindruck,<lb/>einen Menschen, mit dem man in engem freundlichem
Ver-<lb/>kehr gestanden, als einen Hingegangenen und doch in die<lb/>ferne
Zukunft hinein Mitlebenden und Wirkenden, so ,vor<lb/>allem Volk erhöht'r zu
sehen. Es ist das ein Großes und<lb/>ein Schönes! Es ist ein Stückchen
Unsterblichkeit; und wie<lb/>sehnt sich das Herz nach einer solchen für die
Menschen, die<lb/>es liebte, bewunderte, verehrte.<lb/>Nehmt die paar
Blätter als einen ersten Gruß aus der<lb/>Ferne. -- So auf sich selbst
gestellt, mit ein paar Koffern<lb/>voll. Sachen als ganzen Besit, von Andern
versorgt, hellt die<lb/>Phantasie sich auf, und Immermann's ,Bist beim
ersten<lb/>Meilensteine, Tausend Meilen weit entkommenr, das Stahr<lb/>mir
oft vorgesprochen, macht sich auch heute schon an mir<lb/>geltend.<lb/>Ich
bleibe nur ein paar Tage in Tresden, in einer der<lb/>Villen-Vorstädte, im
Waldpark, dem ehemaligen Blasewitz, bei<lb/>einer mir werthen Freundin. Tann
will ich hinaufziehen<lb/>nach Loschwitz, oder vielmehr nach dem über
Loschwit ge-<lb/>legenen ,Weißen Hirschr. Tas ist auch eine an sich
nicht<lb/>eben schöne Villenkolonie; aber man soll dort oben, wie
die<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 02</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0015_008.tif" n="08"/>
<p>== F =-<lb/>Dresdener behaupten, gute Luft und Stille haben, die
ich<lb/>nöthig brauche.<lb/>Auf eine eigentliche, fest zusammenhängende
Reise-<lb/>beschreibung rechnet bei dieser ganz auf das Bedürfniß
und<lb/>die Eingebung des Augenblicks gestellten Reise, diesmal
nicht.<lb/>Ich schreibe, um den Zusammenhang mit Euch und den<lb/>Freunden
auch in der Ferne zu erhalten, Euch Allen durch<lb/>die Zeitung; und wie
sich die Mosaik aus den kleinen ein-<lb/>zelnen Steinen zu einem
übersichtlichen Gesammtbilde zu-<lb/>sammensetzt, so geben hoffentlich diese
Briefe Euch in ihrer<lb/>Gesammtheit, wenn Ihr sie einmal überlesen werdet,
das<lb/>Bild dessen, was ich fern von Euch erlebte, dachte, empfand,<lb/>und
schauend und lesend in mich aufnahm. Laßt Euch ge-<lb/>fallen, was ich Euch
zu bieten habe und begleitet mich wie<lb/>sonst mit Eurer
Theilnahme.<lb/>Zueiier Vrief.<lb/>don der Zelbstbeschränkung in der
Dichtung.<lb/>Weißer Hirsch bei Dresden, s Juni l.<lb/>Warum dies Terrain
hier oben der weiße Hirsch heißt,<lb/>das könnt Ihr Euch wohl denken. Es hat
hier irgend einer<lb/>der Landesherren ein Jagdschlößchen gebaut, an der
Stelle,<lb/>an der er einen weißen Hirsch geschossen. Das Schlößchen
ist<lb/>im Laufe der Jahre ein Wirthshaus geworden, einige
andere<lb/>Wirthshäuser sind dazu gekommen. Dann hat man, als
,das<lb/>Gründen'' epidemisch geworden war, hier Häuser und Villen<lb/>aller
Art gebaut, und wenn ich die langen Häuserreihen zu<lb/>beiden Seiten der
Chaussee entlang gehe, die über die Höhen<lb/>führt, und danach in die
schattigeren Seitenwege einbiege, sehe<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0016_009.tif" n="09"/>
<p>==- Z =<lb/>ich, daß fast die ganze Kolonie, mit wenigen Ausnahmen
zu<lb/>vermiethen und zu verkaufen ist. Viel Reize bietet sie nicht
dar.<lb/>Das Kiefern-Wäldchen mit seinen Anlagen ist klein, ein
Hoch-<lb/>wald, von dem man mir gesprochen, liegt wohl fern, denn
ich<lb/>habe ihn noch nicht entdeckt. Ein anderes Wäldchen, das
sich<lb/>nach Loschwitz hinunterzieht, ist noch kleiner. Es ist
dasselbe,<lb/>in welchem der liebenswürdige Maler Gerhard von
Kügelchen<lb/>erschlagen wurde. Der einzig wahrhaft schöne Punkt ist
die<lb/>Höhe, von welcher man in das Elbthal niederschauend, Dresden<lb/>zu
seinen Füßen liegen sieht, und weit hinausschaut in die<lb/>Lande, durch
deren waldige Höhenzüge die Elbe in sanften<lb/>Windungen sich ihren Weg
sucht. Abends im Licht des Sonnen-<lb/>Unterganges mahnt das Bild wirklich
an das Arnothal, und<lb/>es wundert mich, daß unsere Veduten-Maler den Punkt
nicht<lb/>mehr benutzten.<lb/>Was uns überall hier fehlt, auch in dem
kleinen Frieda-<lb/>Bad, in dem ich wohne, das ist Schatten. Wir sind
dadurch<lb/>für die heißen Stunden hinter die Jalousien der
Zimmer<lb/>gebannt, und auf unsere Bücher angewiesen. Da sind mir
im<lb/>Lesen neuer Dichtungen allerlei Gedanken gekommen, und ich<lb/>bin
wieder einmal an Heine erinnert worden. Denn wie<lb/>sehr meine Vorliebe für
viele seiner Arbeiten auch abgenommen<lb/>hat, im Verkehr war er eine der
unvergeßlichsten Er-<lb/>scheinungen, und wenn man sich daran gewöhnt hatte,
aus<lb/>seinem scherzenden Wort den von ihm verspotieten Ernst
her-<lb/>auszuhören, kam man immer reich bedacht von ihm zurück.<lb/>Einmal,
als wir im Jahre 1855 in Paris eines Morgens<lb/>bei ihm waren, kamen wir
auf den deutschen Stil und gleich-<lb/>zeitig auch auf die Art und Weise des
Schaffens und Dar-<lb/>stellens überhaupt, zu sprechen.<lb/>Heine war in
jener Zeit schon sehr verändert. Mit<lb/>ganz geschlossenen Augenlidern
ruhte er auf einem Lager von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0017_010.tif" n="010"/>
<p>= ,I -=<lb/>übereinandergelegten Matratzen in der Nähe des
geöffneten<lb/>Fensters, und nur wenn er mit der halbgelähmten Hand
das<lb/>eine Augenlid emporhob, vermochte er zu sehen. Das andere<lb/>Auge
war schon lange erblindet. Aber seine satirische Laune<lb/>war ganz dieselbe
wie vordem, und mit seinem Spott ver-<lb/>schonte er Niemand, auch sich
selber nicht. Er war darin<lb/>unerschöpflich. Ich habe in jener Zeit gegen
meine Gewohn-<lb/>heit viele unserer Unterredungen in unserem Tagebuche
auf-<lb/>geschrieben, und bewahre sie als eigenartige Erinnerungen
an<lb/>jene Tage und an Heine.<lb/>,,Können Sie denn noch schreiben,' fragte
er uns einmal,<lb/>,,ich meine, frischweg schreiben wie vordem? Mir ist
das<lb/>ganz unmöglich. Ich habe alle Unbefangenheit verloren, seit<lb/>die
Censur aufgehoben ist. Früher setzte ich mich vor so<lb/>einem Blatt Papier
hin und schrieb was mir einfiel und wie<lb/>es mir un's Herz war. Kam mir
mitunter dabei vor, Dieses<lb/>oder Jenes möge am Ende doch nicht recht zu
sagen sein, so<lb/>hielt ich mich damit nicht weiter auf. Ich dachte, was
gehts<lb/>dich an? das ist des Censors Sache! und schrieb wie ein
freier<lb/>Mensch frisch darauf los. Aber jetzt?<lb/>Wir lachten, und auch
über sein Gesicht flog ein zuckendes<lb/>Lächeln; indeß er unterdrückte es
rasch und setzte mit gemachter<lb/>Ernsthaftigkeit hinzu: ,Lachen Sie nicht,
denn da ist gar<lb/>Nichts zum Lachen, die Sache ist, wie ich Ihnen sage.
Mit<lb/>der Censurfreiheit hat man uns unsere persönliche,
dichterische<lb/>Freiheit genommen. Früher war der Censor
verantwortlich,<lb/>jetzt sind wirs! Das ist ein elender Zustand. Früher
mußte<lb/>der Censor sich fragen: Kann das vor dem Gesetz und vor<lb/>der
öffentlichen Moral passiren? Jetzt soll ich selber mich<lb/>das fragen. Wie
kann ein Mensch aber frei und unbefangen<lb/>schaffen, wenn er sich
dazwischen alle Augenblicke fragen<lb/>soll: Ist das nicht eine
Majestätsbeleidigung? Jst das nicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0018_011.tif" n="011"/>
<p>= FF ---<lb/>geset- oder polizeiwidrig? Ist das sittlich oder
unsittlich?<lb/>Ist das schicklich? - Ich sage Ihnen, es ist ein ganz
verwünschter<lb/>Zustand! Wie kann ich in Paris es wissen, was sie in
Deutsch-<lb/>land gerade für Gesetze geben? Wie kann ich absehen,
was<lb/>sich in all den kleinen Nestern all der kleinen Staaten
schickt,<lb/>und was für Sittenbegriffe sie dort haben? Hundert
Mal<lb/>schon habe ich in meinen schlaflosen Nächten den alten
Gott<lb/>meiner Väter angefleht: Herr Gott! gib mir meinen
Censor<lb/>wieder! Denn glauben Sie mir, nächst der Gesundheit
ersehne<lb/>ich Nichts so sehr, als die baldige Wiedereinführung der
alten,<lb/>ordentlichen ensur!r<lb/>Er fing darauf zu erzählen an, was ihm
Alles mit der<lb/>Eensur begenet sei, gab die ergötzlichsten Anekdoten von
seinen<lb/>verschiedenen Censoren zum Besten; und da er die Sprache<lb/>auch
in der Unterhaltung meisterhaft beherrschte, mußte man<lb/>sich immer selber
daran mahnen, daß er krank sei, um ihn<lb/>zur rechten Zeit zu verlassen,
und seiner Aufforderung, ihm<lb/>Gesellschaft zu leisten, nicht zu seinem
Schaden nachzugeben.<lb/>An diese Unterhaltung mit Heine habe ich seitdem
oft<lb/>gedacht, ohne deßhalb wie er die Censur auch nur im
Scherze<lb/>zurück zu verlangen, wenn ich bei dem Lesen von Romanen<lb/>oder
Erzählungen auf Motive oder Schilderungen gestoßen<lb/>bin, die mir für das
sittliche Gefühl beleidigend erschienen;<lb/>und ich habe mit ein paar
unserer ausgezeichnetsten Roman-<lb/>dichter und Novellisten, in deren
Dichtungen mir dergleichen<lb/>hier und da entgegengetreten war, zu
verschiedenen Malen<lb/>darüber gesprochen und gerechtet, ohne zu einem
eigentlichen<lb/>Verständniß mit ihnen gekommen zu sein.<lb/>Wenn ich ihnen
vorhielt, daß grade sie, bei der Leb-<lb/>haftigkeit ihrer Erfindung und
ihrer Kraft des Darstellens<lb/>derselben, es am wenigsten nöthig hätten, zu
so bedenklichen<lb/>Reizmitteln zu greifen, oder direkt und für reine
Naturen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0019_012.tif" n="012"/>
<p>=- jZ -<lb/>verletzend zu schildern und auszusprechen, was sie
verstanden<lb/>haben wollten, so sollte ich mich darüber erklären, ob ich
denn<lb/>der Sinnlichkeit ihre Berechtigung in der Dichtung
überhaupt<lb/>nicht zuerkannte, und ob ich glaube, daß der wirkliche
Dichter<lb/>ein volles, großes Bild des Lebens wie es ist,
entwerfen,<lb/>daß er sich und reifen, das Leben kennenden Menschen
genug<lb/>thun könne, wenn er sich dazu verdamme, während des
Schaffens<lb/>an irgend etwas Anderes zu denken, als an sein Werk,
oder<lb/>auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen, als auf die
innere<lb/>Nothwendigkeit der Dichtung und ihrer Gestalten.<lb/>Die erste
Frage bedurfte kaum einer Antwort, denn<lb/>diese verstand sich von selbst.
Auf die zweite erlaubte ich mir<lb/>die Einwendung, es verstehe sich eben so
von selbst, daß der<lb/>Dichter mit Nothwendigkeit dem Zuge jenes seinen
Gestalten<lb/>innewohnenden Müssens während des Schaffens nachgebe;<lb/>daß
ich aber glaube, wir hätten die Pflicht, unsere Arbeit,<lb/>wenn sie
vollendet vor uns liege, einer möglichst strengen<lb/>sittlichen Kritik zu
unterwerfen, und bei dieser Kritik an die<lb/>verschiedenen Arten unserer
Leser zu denken, wenn wir während<lb/>des Schaffens nur auf die Dichtung und
unsere persönliche<lb/>Befriedigung gestellt gewesen wären. Wir konnten uns
dar-<lb/>über nicht ins Gleiche setzen; und da ich mir bewußt
bin,<lb/>trottz unserer Meinungsverschiedenheit jenen Dichtern und<lb/>ihren
Dichtungen einen sehr warmen Antheil entgegenzubringen,<lb/>so getröste ich
mich des Gleichen denn auch von ihnen, un-<lb/>geachtet unserer
Meinungsverschiedenheit.<lb/>Trotzdem will ich es einmal versuchen, mich
hier über<lb/>diesen Gegenstand auszusprechen, der eigentlich darauf
hin-<lb/>ausläuft, daß Freiheit, auf allen Gebieten des Lebens, für<lb/>die
Dauer nicht ohne die freiwillige, sittliche Selbstbeschränkung<lb/>bestehen
kann, welche der Einzelne sich aufzuerlegen hat.<lb/>Daß sich während
unserer Lebzeit, in unseren gesellschaft-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0020_013.tif" n="013"/>
<p>== 1Z -<lb/>lichen Zuständen, in unserem häuslichen und Familienleben,
in<lb/>dem Verkehr der Geschlechter miteinander, durch alle
Schichten<lb/>unseres Volkes, wie in den sittlichen
Gesammtanschauungen<lb/>desselben, eine wesentliche Veränderung vollzogen
hat, das<lb/>wird Niemand ableugnen können, der offenen Auges auf<lb/>die
lezten dreißig, vierzig Jahre zurückblickt. Ist er nicht<lb/>eingerostet in
den Begriffen, in welchen er herangewachsen,<lb/>ist er nicht mit dem Alter
grämlich und ungerecht geworden,<lb/>so wird er zugeben müssen, daß Vieles,
sehr Vieles jetzt besser<lb/>ist als in den Tagen seiner Jugend.<lb/>Das
ganze Leben ist in Fluß gekommen, ist bewegten,<lb/>ist farbiger geworden.
Die Eisenbahnen und die Telegraphie<lb/>haben es möglich gemacht, daß man
die Masse dessen, was<lb/>ein Mensch innerhalb seines Daseins vordem zu
erleben ver-<lb/>mochte, verdoppeln und verdreifachen kann; und wie
auf<lb/>diese Art fast für die Allgemeinheit zugänglich und
erreichbar<lb/>geworden ist, was durch eigene Anschauung kennen zu
lernen,<lb/>früher nur wenigen besonders Begünstigten zu Theil
werden<lb/>konnte, so hat auch durch die völlig veränderte Technik
des<lb/>Druckereibetriebes die Verbreitung von Zeitschriften in
einer<lb/>unvorhergesehenen Weise zugenommen, während die
veränderten<lb/>politischen Verhältnisse des Vaterlandes einem jeden
Manne<lb/>die Theilnahme an dem öffentlichen Leben zur Pflicht,
und<lb/>damit das Lesen der Zeitungen zur Nothwendigkeit
gemacht<lb/>haben.<lb/>Sehr deutlich erinnere ich mich der Zeit, in welcher
selbst<lb/>in den gebildeten Familien des höheren Bürgerstandes
außer<lb/>dem Hausvater Niemand, ohne eine ganz besondere
Veran-<lb/>lassung, dieZeitung in die Hand nahm; wo eine Frau schon
sehr<lb/>müßig sein mußte, wenn sie nach der Zeitung griff; wo<lb/>Schüler
und Gymnasiasten kaum an die politischen Vorgänge in<lb/>dem eigenen Lande,
geschweige an die der fremden Länder dachten,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0021_014.tif" n="014"/>
<p>- II -==<lb/>und wo für die meisten Mädchen die Zeitung nur in so fern<lb/>in
Betracht kam, als Verlobungs-Anzeigen oder Anzeigen für<lb/>Ankäufe darin zu
finden waren.<lb/>Jetzt werden von Jung und Alt aus allen Ständen
die<lb/>Zeitungen gelesen. Wohin man kommt, liegen Zeitungen auf<lb/>dem
Tisch. In der geringsten Kellerwohnung, in dem kleinsten<lb/>Materialladen
gucken Frauen und Mädchen in die Tages-<lb/>blätter; und da die illustrirten
Unterhaltungsblätter geringsten<lb/>Grades, eben so wie andere nicht viel
werthe Fabrikate,<lb/>von Hausirern durch alle Städte und Dörfer getragen,
und<lb/>die besseren und guten Zeitungen oftmals von mehreren
un-<lb/>bemittelten Familien gemeinsam gehalten werden, so ist
der<lb/>Einfluß der Druckschriften, im Besonderen der Zeitungen
und<lb/>Journale, höchst wichtig geworden, und die Wirkung, die sie<lb/>oft
ganz unmerklich üben, gar nicht zu berechnen. Es hat<lb/>mich bisweilen
erschreckt, was Kinder und junge Frauen-<lb/>zimmer in Folge gewisser
Anzeigen und Anerbietungen aus<lb/>den Zeitungen herausgelesen haben, und
ich bin gegenüber<lb/>ihren in aller Unschuld an mich deßhalb gerichteten
Fragen oft<lb/>in peinlicher Verlegenheit und in noch größerer Sorge
gewesen.<lb/>Eine Beaufsichtigung und Beschränkung nach dieser Seite<lb/>hin
ist wohl kaum zu ermöglichen, aber für die Art der Wirkung,<lb/>welche z. B.
die genaue Wiedergabe der aiminalgerichtlichen<lb/>Verhandlungen in den
Zeitungen auf das Volk ausübt, das<lb/>grade diese Dinge mit großer Vorliebe
verfolgt, dafür will<lb/>ich, weil es so schlagend war, ein Beispiel statt
vieler erzählen.<lb/>Ich hatte ein junges, kaum der Kindheit
entwachsenes<lb/>Mädchen eines Tages abgeschict, unseren kleinen
Enkelsohn<lb/>zu uns zu holen. Sie waren den Kanal entlang gegangen<lb/>und
hatten gesehen, wie man die Leiche eines neugeborenen<lb/>Kindes
aufgefischt. Den Kleinen hatte das sehr erschreckt, und<lb/>er erzählte mir
ganz aufgeregt, gleich beim Eintritt, die Ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0022_015.tif" n="015"/>
<p>- 1J -<lb/>schichte mit dem Zusatz: ,Es war ein ganz kleines, ganz
kleines,<lb/>nacktes Kind, und denke Dir, Großmutter, N. hat mir
gesagt,<lb/>das Kind ist ungezogen gewesen, und da hat's die
Kinderfrau<lb/>in's Wasser geschmissen! Ich ging sofort hinaus, stellte
die<lb/>junge Magd über die Unvernunft zur Rede und setzte hinzu:<lb/>,Neber
etwas so Entsetzliches hättest Du den Knaben rasch<lb/>fortbringen müssen,
denn Du weißt recht gut, daß dies sicherlich<lb/>das Kind einer verführten
Frauensperson gewesen ist, die nun<lb/>mit Schimpf und Schande beladen
wahrscheinlich ihr Leben<lb/>dafür verlieren wird !! - ,Ach nein'',
entgegnete sie ganz<lb/>vergnügt, ,ich habe das oft gelesen, dafür wird
Keiner hin-<lb/>gerichtet, das ist so schlimm nicht, höchstens wird das
Frauen-<lb/>zimmer eingesperrt!?! Und das junge Mädchen war ein
Ge-<lb/>schöpf, das keinem Thier ein Haar hätte krümmen können<lb/>und das
ein vortreffliches Frauenzimmer geworden ist. Aber<lb/>die Gewohnheit, das
Gräßliche zu lesen, hatte sie gegen dasselbe<lb/>abgestumpft; denn man kann
durch Gewöhnung an das<lb/>Schlechte die Sittenbegriffe nnd das Urtheil der
Einzelnen wie<lb/>der Massen durch alle Stände bis zu einem kaum
glaublichen<lb/>Grade verwirren und verrohen.<lb/>Indeß neben dieser in den
Zeitungen drohenden und schwer<lb/>zu beseitigenden Gefahr für das sittliche
Bewußtsein der Massen,<lb/>kommt die feinere, und darum wie ich glaube, noch
gefähr-<lb/>lichere Verführung und Begriffsverwirrung durch die
Dichtung<lb/>hinzu, seit es zur Sitte geworden ist, in den besten wie
in<lb/>den geringen Tagesblättern Erzählungen und Romane zu
ver-<lb/>öffentlichen. Als vor jenen vierzig oder fünfzig Jahren
das<lb/>erste sogenannte Pfennigsmagazin herausgegeben wurde, sah<lb/>man es
in den Familien sehr genau darauf an, ob es dazu<lb/>geeignet sei, frei im
Hause aufgelegt zu werden; denn man<lb/>überwachte damals das Lesen der
Jugend mit ernster Acht-<lb/>samkeit, und wie ich glaube, mit großem
Recht.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0023_016.tif" n="016"/>
<p>= ,ß -<lb/>Das ist jettt weit schwerer möglich als vordem. Man<lb/>sagt
freilich, die erzählende Dichtung, die Novelle und der<lb/>Roman, schöpfen
ihre Stoffe zumeist aus dem Leben ihrer<lb/>Zeit; sie schildern doch in der
Regel nur Dinge und Zustände,<lb/>für welche in der Wirklichkeit das
Gegenbild zu finden sei,<lb/>das eben deshalb auch dem Auge der Mitlebenden
nicht ver-<lb/>borgen bleibe und nicht verborgen bleiben könne. Das ist
bis<lb/>zu einem gewissen Grade richtig. Aber wenn der Roman so-<lb/>mit
seinen Ursprung in dem Leben der Nation findet, so giebt<lb/>er dafür
derselben, was er in einem vereinzelten Falle, was<lb/>er vielleicht in
gewissen Bereichen als eine mehr oder weniger<lb/>anerkannte, gutgeheißene,
oder auch geduldete Aunahme an-<lb/>getroffen hat, nun seinerseits, und zwar
durch die Kraft und<lb/>die einschmeichelnde Gewalt der Dichtung gesteigert,
als ein<lb/>Allgemeines an die Allgemeinheit zurück. Der Dichter
wird<lb/>zum absichtlichen Vermittler zwischen dem besonderen
Falle,<lb/>dessen er sich bemächtigt hat, und der Allgemeinheit. Er
be-<lb/>stimmt mit seinem Urtheil über den besonderen Fall. das<lb/>Urtheil
der Leser für alle ähnlichen Fälle. Er will gut ge-<lb/>heißen und getadelt
haben, er will zur allgemeinen Geltung<lb/>bringen, was er in der Dichtung
tadelt oder gutheißt; und<lb/>er am wenigsten kann begehren wollen, daß der
Leser nicht<lb/>an die Dichtung wie an ein Selbsterlebtes glaube, daß er
die<lb/>Dichtung von dem Leben abtrenne, daß er den Dichter nicht<lb/>wie
einen zuverlässigen Freund betrachte, dessen Urtheil er<lb/>vertrauensvoll
zu dem seinen macht.<lb/>Auf dieser Forderung, welche der Dichter mit
Noth-<lb/>wendigkeit und eben deshalb unwillkürlich stellen muß,
beruht<lb/>seine Verantwortlichkeit gegenüber seiner Nation; aber
nicht<lb/>allein die Verantwortlichkeit des Dichters, sondern die
eines<lb/>jeden Künstlers, der sein Werk der Oeffentlichkeit
übergiebt.<lb/>Denn wenn einer Seits der Maler uns durch die reine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0024_017.tif" n="017"/>
<p>Schönheit der nackten menschlichen Gestalt entzückt und erhebt,<lb/>so begeht
auch er einen Angriff und ein Verbrechen gegen<lb/>das sittliche Bewußtsein
seines Volkes, wenn er Vorwürfe zu<lb/>seinen Bildern wählt, von denen man
das Auge mit Scheu<lb/>und Ekel abwenden würde, falls man das Mißgeschick
hätte,<lb/>ihnen im Leben zufällig zu begegnen - und es hat an
solchen<lb/>Bildern nicht bei uns gefehlt.<lb/>Ich habe nicht nöthig, sie zu
kennzeichnen, wo ich eben<lb/>nur eine wohlgemeinte Warnung auszusprechen
wüünsche. Ich<lb/>glaube aber, die Sittlichkeit einer Gesellschaft ist ernst
bedroht,<lb/>in welcher man von jungen Frauen und Mädchen
aussprechen<lb/>hören kann, daß sie für Dadet's allerdings meisterhaft
dar-<lb/>gestellten Roman ,romont jenno ot Kiklsr aine ,schwärmen'';<lb/>und
in der man Männer findet, die es gelassen mit anhören,<lb/>wenn ihre Frauen
und Töchter ,entzückt sind von dem eben<lb/>so meisterhaft gemalten Bilde
Herrmann's in welchem zwei<lb/>öffentliche Dirnen einen betrunkenen Wüstling
zwischen sich<lb/>mit fortzerren; denn es ist nicht wahr, daß dem Reinen
Alles<lb/>rein sei. Die Phantasie eines jeden Menschen, und
vor-<lb/>nehmlich die der unverdorbenen Jugend, ist sehr leicht
aufzu-<lb/>regen, sehr früh zu verwirren. Es ist nicht,weniger als
gleich-<lb/>giltig, worauf sie sich richtet, wohin ihr Begehren sich
wendet.<lb/>Freilich erzählte mir einer unserer
ausgezeichnetsten<lb/>Germanisten einmal, daß er als Tertianer die
Wahlverwandt-<lb/>schaften gelesen und nichts an dem Buche ihn so lebhaft
be-<lb/>schäftigt habe, als die Parkanlage, die er immer und
immer<lb/>wieder in seines Vaters Garten nachzubilden versucht.
Ich<lb/>hingegen bin mir des unheimlichen, mich aufregenden
Eindrucks<lb/>sehr bewußt, den ich von den nichtverstandenan,
geheimniß-<lb/>vollen Andeutungen in den Wahlverwandtschaften und
im<lb/>Wilhelm Meister empfangen habe; und jene Andeutungen<lb/>bleiben weit
zurück gegen die beschönigende Rechtfertigung von<lb/>I. Le w ald,
Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0025_018.tif" n="018"/>
<p>== Ih --<lb/>manchen Motiven und Darstellungen, denen man in
neueren<lb/>Dichtungen hier und da guälend genug die Stirn zu bieten
hat.<lb/>Wir haben uns in Deutschland der Zucht und Sitte<lb/>unserer Frauen
und Mädchen gerühmt und gefreut. Wir sind<lb/>stolz gewesen auf die
Sittenreinheit der Jünglinge und<lb/>Mämner, die einst als Anhänger des
Tugendbundes und der<lb/>Burschenschaft, Deutschland aus seiner tiefsten
Erniedrigung<lb/>befreit, und festgehalten haben an dem Banner
deutschen<lb/>Geistes und Sinnes, das nun endlich auch staatlich
aufgerichtet<lb/>und zu seiner Ehre gekommen, uns im Vaterlande und
im<lb/>Auslande schirmt. Es ist etwas Großes und Erhabenes um<lb/>ein Volk
von ernstem Sinne, von sittlichem Bewußtsein, von<lb/>festem, sich selbst
beherrschendem Charakter! Und ich glaube,<lb/>wir begehen eine Sünde gegen
das Vaterland wie gegen uns<lb/>selbst, wenn wir - ich meine die
Schriftsteller und Künstler<lb/>- uns nicht selbst das Gesetz auferlegen,
das Unschöne und<lb/>Unsittliche von der Darstellung in der Deffentlichkeit
so fern<lb/>als möglich zu halten.<lb/>Ich glaube nicht, daß der Dichter,
der Maler, für ihr<lb/>Schaffen, für ihre Wirkung auf ihre Zeit wesentliche
Einbuße<lb/>erleiden, wenn sie die Elemente aus ihren Werken
fernhalten,<lb/>die sich - obschon in der Wirklichkeit vorhanden - doch
vor<lb/>dem Auge der anständigen Gesellschaft verbergen. Das alte<lb/>Wort,
daß die Heuchelei eine Huldigung ist, welche das Laster<lb/>der Tugend
darbringt, ist sehr wahr; und man sollte diese<lb/>Huldigung nie aus den
Augen setzen, am wenigsten, ich wieder-<lb/>hole es, in solchen Werken,
welche durch die Art ihrer Ver-<lb/>öffentlichung der allgemeinsten
Kenntnißnahme nicht zu ent-<lb/>ziehen sind.<lb/>Was hat Frankreich durch
jene Romane und Dichtungen<lb/>gewonnen, welche die Franzosen selber
lupotbSose äe la eour-<lb/>tisans nannten? Einer der edelsten französischen
Schriftsteller<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 03</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0026_019.tif" n="019"/>
<p>== ,Z --<lb/>sagte einmal zu uns: ,lnsere Dichter, und er nannte
große<lb/>Namen seines Volkes, haben durch ein Menschenalter
vor-<lb/>bereitet, was wir in den Tagen der Commune mit Entsetzen<lb/>erlebt
haben. Und was hilst es uns, daß wir glücklicher<lb/>Weise auch noch eine
bürgerliche Gesellschaft haben, die in<lb/>Ehrbarkeit und Arbeit dieses
Unheil von sich abzuwehren<lb/>trachtet? Die rohe Masse ist bei uns
geflissentlich genußsüchtig,<lb/>gleichgiltig gemacht worden gegen jedes
Gesetz, und gewaltig<lb/>nur in dem Verlangen nach schrankenloser Willkür!
Und wir<lb/>Alle haben diese Dichtungen gelesen, haben sie zum Theil
be-<lb/>wundert, aber an ihre verderbliche Wirkung haben wir
nicht<lb/>gedacht. Wo finden wir das Gegengewicht, wo den Halt, der<lb/>uns
vor weiterem Verderben wahrt?<lb/>Er war wirklich nahe daran, mit großem,
sittlichem Ernste<lb/>zur Erhaltung des Staates die Censur zurück zu
wünschen,<lb/>wie Heine es im Scherz gethan hatte. Ich meine aber,
vor<lb/>der Nothwendigkeit, eine solche zu ersehnen, sollten und
könnten<lb/>Künstler und Dichter zum allgemeinen Besten sich sehr
leicht<lb/>bewahren, ohne deshalb Schaden zu nehmen an der
eigent-<lb/>lichen Seele ihres Schaffens.<lb/>Dritier Prief.<lb/>Vom Lern
der Iichtung.<lb/>An Herrn ß in Köln.<lb/>Weißer Hirsch bei Dresden,<lb/>den
1. Juni 1?.<lb/>Verehrter Herr! Mir geht heute hier in meiner
ländlichen<lb/>Einsamkeit auf einer der Höhen, die das Elbthal
umgeben,<lb/>die Anzeige zu, welche Sie in Nr. 13 der Kölnischen
Zeitung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0027_020.tif" n="020"/>
<p>== Zß =<lb/>von meinen Neuen Novellen zu machen die Güte gehabt<lb/>haben.
Ich freue mich, daß die Erzählungen Ihren Antheil.<lb/>gewonnen, daß Sie
diesem Antheil einen mir so günstigen<lb/>Ausdruck gegeben haben, und ich
danke Ihnen dafür.<lb/>Aber während ich des mir öffentlich gespendeten nnd
ynit<lb/>sehr werthen Lobes froh bin, kommt mir doch der Gedanke,<lb/>der
schon bei gar vielen ähnlichen Anlässen in mir aufgestiegen<lb/>ist, wie das
Urtheil unserer besonderen Richter, der Kritiker<lb/>von Fach, und auch das
der Leser im Allgemeinen, dem Dichter<lb/>oftmals, soll ich sagen zuviel
Ehre oder Unrecht thut, wenn<lb/>es in seinen Arbeiten durchaus eine
bestimmte Tendenz oder<lb/>gar in den Aeußerungen und Thaten der Personen,
welche<lb/>sich in dem Rahmen der Dichtung bewegen, die
persönliche<lb/>Meinung des Dichters herausfühlen will. Darüber,
verehrter<lb/>Freund! möchte ich mich einmal gegen Sie, und zugleich
auch<lb/>gegen meine und Ihre Leser aussprechen, weil ich glaube,<lb/>daß
ich dadurch nicht nur mir, sondern den Romandichtern<lb/>und Erzählern im
Allgemeinen, eine Art von Dienst leiste und<lb/>in gewissem Sinne das
Verhältniß des Dichters zu seinen<lb/>Lesern aufkläre.<lb/>Sehe ich auf
meine eigene langjährige schriftstellerische<lb/>Thätigkeit zurück, frage
ich mich, wie es sich mit den Vor-<lb/>würfen für meine verschiedenen
Arbeiten verhalten habe, und<lb/>wie ich überhaupt zu dem erfindenden
Darstellen gekommen<lb/>bin, so begegne ich zuerst ,der Lust am Fabuliren'',
die Goethe<lb/>seiner Mutter zuschrieb, welche niemals, so viel ich
weiß,<lb/>irgend eine Erzählung niedergeschrieben hat.<lb/>Ich schrieb
gelegentlich die oder jene kleine Geschichte auf,<lb/>um mir die Zeit zu
vertreiben, und ich hatte an mir dabei<lb/>von Anfang an das Sonderbare zu
beobachten, daß ich nur<lb/>für mich ganz allein und mit der Feder in der
Hand zu<lb/>fabuliren vermochte, nicht aber mündlich und wenn mir
Jemand<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0028_021.tif" n="021"/>
<p>== ZJ -==-<lb/>als Zuhörer gegenübersaß. Dies ist auch alle Zeit so
geblieben,<lb/>und ich habe selbst vor meinem Manne, bevor ich eine
Er-<lb/>zählung niederschrieb, oder während ich an derselben
arbeitete,<lb/>niemals vermocht, von dem Inhalt meiner Arbeiten zu
sprechen.<lb/>Ich habe, wenn ich ihm von dem Stoff und Gang
einer<lb/>größeren Arbeit Kenntniß geben wollte ehe sie beendet
war,<lb/>einen kurzen Abriß auf ein paar Blätter hinschreiben
müssen.<lb/>Ich hatte vor dem mündlichen Erzählen meiner Dich-<lb/>tungen
eine geradezu unüberwindliche Scheu, die sich nie ver-<lb/>loren
hat.<lb/>Als ich dereinst anfing für den Druck zu schreiben, und
ver-<lb/>hältnißmäßig noch nicht eben viel erlebt hatte, gründeten
meine<lb/>Erfindungen sich meist auf einen bestimmten Gedanken; und,
wie<lb/>ich das in meiner Lebensgeschichte angegeben habe, die
vielen<lb/>Lesern dieser Blätter bekannt sein wird, war man
vollkommen<lb/>berechtigt, Romane wie ,Jenny'', wie ,DDie Lebensfrage'
oder<lb/>eine Erzählung wie ,Der dritte Stand'', welche für die
Gleich-<lb/>stellung der Juden, für das Recht der Ehescheidung, und
für<lb/>die Rechte der arbeitenden Stände umuit mehr oder
weniger<lb/>Einsicht kämpften, als Tendenzarbeiten zu bezeichnen.<lb/>Indeß
je mehr das Erfahren in mir zunahm, je weniger<lb/>war es mir, soweit ich
mir dessen bewußt bin, darum zu thun,<lb/>einer bestimmten mir persönlichen
Meinung mit meinem Dichten-<lb/>in den besonderen Arbeiten eine besondere
Geltung verschaffen<lb/>zu wollen; und ich glaube, das Unrecht, das dem
Dichter im<lb/>Allgemeinen geschieht, besteht darin, daß man ihn mit den
von<lb/>ihm geschaffenen Gestalten zusammenwirft, daß man ihm
per-<lb/>sönlich alle die Meinungen zuschreibt, welche die von ihm
ge-<lb/>bildeten Personen ihrer bestimmten Eigenthümlichkeit nach
noth-<lb/>wendig haben müssen. Der Dichter müßte ja ein
wahres<lb/>Kaleidoskop von Ansichten sein, ein
Meinungsdurcheinander<lb/>ohne Gleichen, wenn alle verständigen und
thörichten Aeuße-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0029_022.tif" n="022"/>
<p>- ZZ -<lb/>rungen seiner Figuren seine Lebensansicht und die Norm
für<lb/>seine persönliche Lebensführung sein sollten.<lb/>Ich möchte
vielmehr behaupten, daß mit der wachsenden<lb/>Freiheit in der
schöpferischen Erfindung von Gestalten, die<lb/>Neigung, sich selber und
seine eigene persönliche Meinung<lb/>immer wieder kund zu geben, mehr und
mehr zurücktritt; daß<lb/>die Lust, fremde Charaktere zu erkennen, uns
unähnliche Ge-<lb/>stalten zu erschaffen, sich steigert, und daß der
wesentlichste<lb/>Vortheil, welcher aus dem Dichten erwächst, der
eigentlichen<lb/>Bildung des Dichters selbst anheimfällt.<lb/>Wenn wir aus
innerer Nothwendigkeit uns damit be-<lb/>schäftigen, Naturen darzustellen,
deren Eigenart von der<lb/>unsrigen verschieden, deren Lebensführung und
Meinung den<lb/>unseren entgegengesetzt sind, so zwingt uns dies, nach
der<lb/>inneren Berechtigung solcher entgegengesetzten Denk- und
Hand-<lb/>lungsweise zu forschen; und indem wir dieselbe dem Leser<lb/>klar
und annehmbar zu machen bemüht sind, erweitern wir<lb/>unser eigenes
Verständniß der menschlichen Natur, unsere<lb/>eigene Einsicht in die
Zustände und Verhältnisse der ver-<lb/>schiedenen Charaktere und
Lebensverhältnisse. Wir werden<lb/>durch diese erweiterte Erkenntniß
gerechter und nachsichtiger.<lb/>Wir kommen so allmälig dahin, wenn man sich
des Aus-<lb/>drucks bedienen darf, ,unsere Sonne über Gerechte und
Un-<lb/>gerechte scheinen zu lassen, wenn irgend ein Zufall sie
in<lb/>unserer Einbildungskraft hervorgerufen, und die fast
unwill-<lb/>kürliche Beschäftigung mit solchen ohne unser bewußtes
Zu-<lb/>thun entstandenen Gestalten uns dieselben als
selbstständige<lb/>Wesen gegenüber gestellt hat.<lb/>Als ich jung war,
pflegte ich über Frau Paalzow zu<lb/>lachen, wenn sie ihre Arbeiten als ein
,ihr von Gott Ge-<lb/>gebenes'' bezeichnete und sie damit in gewisser Weise
auf den<lb/>Standpunkt der Offenbarungen stellte. Ihr Ausdruck lief<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0030_023.tif" n="023"/>
<p>=- ZZ -<lb/>aber bei ihren religiösen Vorstellungen im Grunde auf
Goethe's<lb/>Erklärung hinaus:,es ist etwas Anonymes dabei!!
wenngleich<lb/>dieser Hellseher in der eigenen Seele, sicherlich in den
meisten<lb/>Fällen es genau genug gewußt haben wird, wo er die
ersten<lb/>Anregungen für seine Dichtungen zu suchen, wo er sie
ge-<lb/>funden hatte. Und wenn es wohl Keinem von uns in den<lb/>Sinn kommen
wird, einen Vergleich zwischen sich und Goethe<lb/>machen zu wollen, so wird
doch fast Jeder von uns mit ihm<lb/>sagen dürfen, wie auch er die Erfahrung
gemacht habe, daß<lb/>in dem,Erschaffen' neben allem bewußten Wollen ein
ano-<lb/>nymes Müssen vorhanden sei.<lb/>Sind die Gestalten einmal da, so
haben sie auch neben<lb/>unserem Willen ihren eigenen Willen, oder besser
ihr noth-<lb/>wendiges Müssen. Sie haben je nach den Verhältnissen,
in<lb/>denen sie erwachsen sind und in denen sie sich zu bewegen<lb/>haben,
ihre daraus entstandenen nothwendigen Ansichten,<lb/>Meinungen und
Vorurtheile, und - um auf den Ausspruch<lb/>in Ihrem Urtheil über meine
letzten Novellen zurückzukommen<lb/>- die Heldin der Erzählung,Ein Freund in
der Noth', die sich<lb/>nach dem Tode ihres Mannes mit dem Geliebten ihrer
Jugend<lb/>verheirathet, thut dies eben so nach ihrem innern Müssen,<lb/>als
Martina aus ihrer Neberzengung dem Geliebten ihrer<lb/>Jugend sich versagt.
- Wollte ich scherzen, so könnte ich<lb/>sagen, das Eine und das Andere gehe
mich gar Nichts an.<lb/>Nur das muß ich mit Bestimmtheit aussprechen, daß es
mir<lb/>völlig fern gelegen hat, mit einer dieser Arbeiten
eine<lb/>Erklärung für den bürgerlichen Protestantismus oder für<lb/>das
Sakrament der Ehe in der katholischen Kirche zu machen.<lb/>Der ,Freund in
der Noth' ist vor zehn Jahren am Genfersee<lb/>geschrieben und verdankt
seine Entstehung eben so einer zufälligen<lb/>Anregung, als Martina, die ich
im vorigen Jahre rasch und<lb/>in einer Art von heftiger Erregung auf das
Papier warf,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0031_024.tif" n="024"/>
<p>==- ZF ==<lb/>nachdem ich eine meisterhaft geschriebene Novelle gelesen,
die<lb/>mich aber peinlich berührt hatte, weil die Hingebung einer<lb/>Frau
an die Liebe eines Mannes, für mein persönliches<lb/>Gefühl, in derselben
leichtfertig behandelt worden war.<lb/>Ich preise oder tadle weder die
Handlungsweise von Irene<lb/>noch die von Martina. Ich habe nur getrachtet,
Beide zu<lb/>verstehen, und nachdem mir dies gelungen, auch den
Lesern,<lb/>so weit es mir eben möglich war, klar zu machen
versucht,<lb/>wie Beide aus voller innerer Berechtigung gehandelt,
ohne<lb/>im entferntesten ein Gegenbild aus ihnen machen oder
einen<lb/>Vergleich zwischen ihnen ziehen zu wollen.<lb/>Ich glaube, man
vergißt es zu leicht, daß des erzählenden<lb/>Dichters Beruf und Müssen
zunächst eben jenes ,Fabuliren'?<lb/>ist, und man ,geheimnißt'' aus der
Dichtung eben deshalb<lb/>viel zu oft Absichten heraus und in sie hinein,
die dem Schaf-<lb/>fenden in der Lust behaglichen Erfindens wer weiß wie
fern<lb/>gelegen haben.<lb/>Die Art, in welcher eine Dichtung in uns, d. h.
dem<lb/>Dichtenden, angeregt wird, ist sonderbar genug sehr
verschieden.<lb/>Es ist mir begegnet, daß ich in ein ganz verfallenes
Land-<lb/>haus in der Gegend von Stettin gekommen bin, in dem von<lb/>der
früheren Behaglichkeit desselben Nichts, aber auch gar<lb/>Nichts
zurückgeblieben war, als eine alte Roccoco-Spieluhr<lb/>und ein Treibhaus
ohne Dach und Fenster, was beides neben<lb/>der ärmlichen Bauernwirthschaft
sich sehr befremdlich ausnahm.<lb/>Aus dem brütenden Nachsinnen, wie dieses
Haus verfallen,<lb/>und wie die Ühr darin zurückgeblieben sein könne,
entstand<lb/>die Erzählung der ,Seehoff, die man immer auf
bestimmte-<lb/>Memoiren zurückführen wollte.<lb/>Ich war in Westpreußen auf
großen Gütern zum Besuch.<lb/>Die Hausfrau klagte über schlechte Dienstboten
und erwähnte,<lb/>das einzige ehrbare Mädchen, das sie im Hause gehabt,
sei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0032_025.tif" n="025"/>
<p>==- ZJ -<lb/>von den Knechten für eine Hexe gehalten worden, weil es<lb/>von
den Männern Nichts habe wissen wollen. Das gab mir<lb/>die erste Anregung zu
dem,Mädchen von Hela''.<lb/>Bei einem Aufenthalte in Neu-Ruppin sah ich in
einem<lb/>alten Ziethen'schen Schlosse das Bild einer Frau im
Roccoco-<lb/>Costüm, mit einem höchst geistreichen aber böswilligen
Gesicht,<lb/>von der Niemand zu sagen wußte, wer sie gewesen wäre -<lb/>und
sie wurde die Hauptgestalt im ,Graf Joachim'.<lb/>Dann wieder hatten wir
einmal, noch im Anfange der<lb/>vierziger Jahre, in Rom davon gesprochen,
wie ungerecht es<lb/>sei, den Menschen, der im Laufe des Lebens aus
wirklicher<lb/>Neberzeugung seine Ansichten verändere, eigentlich, wenn
er<lb/>entwicklungsfähig sei, naturgemäß verändern müsse, deshalb<lb/>des
Abfalls von sich und seiner Neberzeugung zu beschuldigen;<lb/>und der
Gedanke, die ,Wandlungen' zu schreiben, war dadurch<lb/>rege in mir
geworden. In ähnlicher Weise hatte eine Unter-<lb/>haltung mit alten
Edelleuten, über die guten Eigenschasten<lb/>und die Fehler, welche das
Zurückblicken auf eine lange<lb/>Reihe von Vorfahren in dem Charakter des
Menschen aus-<lb/>zubilden pflege, den ersten Anlaß zu dem Roman ,Von
Ge-<lb/>schlecht zu Geschlecht'' gegeben, den auch zuerst die
Kölnische<lb/>Zeitung gedruckt hat.<lb/>Ein Sommeraufenthalt in Engelberg,
bei dem wir all-<lb/>abendlich die Klosterschüler der Benediktiner-Abtei an
der<lb/>lebenslustigen Gesellschaft der in dem Bergthale weilenden
Kur-<lb/>gäste mit pflichtmäßig gesenkten Blicken vorüberziehen
sahen,<lb/>erschuf den ,Genedikt'; und die in vertrautem Kreise
von<lb/>einer zärtlichen Mutter lebhaft ausgesprochene Behauptung,<lb/>sie
würde, wenn man ihr ihr Kind genommen hätte, es mit<lb/>dem nicht irrenden
Gefühl der Mutterliebe unter allen Ver-<lb/>hältnissen herausgefunden haben
- ein Glaube, welchem vog<lb/>eben so zärtlichen Müttern eben so lebhaft
widersprochen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0033_026.tif" n="026"/>
<p>=== Zß -<lb/>wurde, brachte mich dahin, dies Thema zu durchdenken,
aus<lb/>dem dann ,Die Stimme des Blutes' hervorging.<lb/>Natürlich wird und
muß sich aus jeder Dichtung eines<lb/>ernsthaften Menschen eine Erfahrung,
ein Grundsatz, oder doch<lb/>das Bild bestimmter Lebenszustände
herausstellen, die, wenn<lb/>wir der Dichtung gedenken, in uns nachwirken;
und wenn Kant<lb/>den Ausspruch that: ,Es ist klug, die Menschen zu
seinen<lb/>Zwecken zu benutzen, und weise, sie zu guten Zwecken
zu<lb/>benuten', so ist es sicherlich die Aufgabe und Pflicht
des<lb/>Dichters, seinen Leser wo möglich mit guten, erhebenden<lb/>und
reinen Gedanken zu entlassen. Dies zu thun, hat der<lb/>Dichter aber kaum
eines besonderen Wollens nöthig, wenn der<lb/>Brunnen klar ist, aus dem er
schöpft.<lb/>Dasjenige aber, ich wiederhole es, was ich mit diesem<lb/>Brief
erreichen möchte, ist, daß man uns nicht mit unseren<lb/>Geschöpfen in jedem
besonderen Falle zusammenwirst. Ich<lb/>glaube die Frage, welche der Leser
in jedem besonderen Falle<lb/>sich vorlegen muß, lautet zuerst: sind die
Gestalten, sind die<lb/>Verhältnisse, welche der Dichter uns vorführt, wahr
und mögs<lb/>lich? Die zweite: wie müssen eben diese Gestalten in den
ge-<lb/>gebenen Verhältnissen ihrer Anlage nach denken und
handeln?<lb/>Deckt dann die Erzählung oder der Roman diese beiden
Fragen<lb/>zufriedenstellend, so kommt des Verfassers persönliches
Meinen<lb/>weiter dabei nicht in Betracht; und soll ich Ihnen ein
ehrliches<lb/>Bekenntniß machen, so finde ich seit langen Jahren
mein<lb/>größeres Vergnügen daran, Charaktere auszugestalten, die<lb/>etwas
Fremdes für mich haben. Es wird aber Anderen<lb/>gewiß gerade so ergehen.
Denn mit sich selber und mit den<lb/>Engeln und Teufeln des Anfängers wird
man gar bald fertig;<lb/>und obschon ich recht widerwärtigen Naturen und
auch widrigen<lb/>Zuständen genug begegnet bin, habe ich mir und
meinen<lb/>Lesern doch mit ihnen nie viel zu schaffen gemacht.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 04</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0034_027.tif" n="027"/>
<p>- Z? -<lb/>Neber dasjenige aber, was ich von der sittlichen Pflicht<lb/>des
Dichters gegen seine Leser und seine Nation denke, schreibe<lb/>ich Ihnen
nächstens mehr, da ich einmal auf diese Erörterungen<lb/>gekommen
bin.<lb/>Für heute Lebewohl und Gruß und freundlichen Dank.<lb/>lierer
Brief,<lb/>Das häusliche Leben der Jeutschen.<lb/>Was bringt zu
Ehren?<lb/>Sich wehren!<lb/>Goethe.<lb/>Hof Ragaz, den 1. Juli rr.<lb/>Quer
durch Deutschland hin, trug uns in einem Zuge<lb/>die Dampfmaschine von
Dresden nach dem Bodensee. Als<lb/>ich gegen den Mittag hin auf dem Balkon
des Gasthofes zum<lb/>Bairischen Hof stehend, auf den schönen See
hinabschaute, fiel<lb/>mir das,Ruck! ein ander Bildl ein, mit welchem
Ausruf<lb/>die Guckkasten-Männer in meiner Kindheit uns vom Erdbeben<lb/>in
Lissabon nach dem Brand von Moskau zu versetten pflegten.<lb/>Aber wie Viele
leben noch, die vor den Fenstern eines Guck-<lb/>kastens gestanden und sie
angestaunt haben, wie wir Alten<lb/>später die Lokomotive und die
Eisenbahn.<lb/>Einen Tag und eine Nacht am Bodensee, dessen Reize<lb/>wir
lange nicht genug preisen und genießen, dann am andern<lb/>Morgen nach
Ragaz, in den Hof Ragaz und in die gemächliche<lb/>Ruhe einer
Badekur.<lb/>Aber mitten in den Frieden des Badeortes und dieses<lb/>noch
friedlicher in seinen grünen Baumesschatten liegenden<lb/>Hauses, in dem ich
nun schon zum dritten Male wochenlang<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0035_028.tif" n="028"/>
<p>b=- Zs -<lb/>verweile, so daß es mir wirklich zu einer Art von Heimat
ge-<lb/>worden ist, ist mir ein Buch in die Hände gekommen, das mich<lb/>aus
meiner Seelenruhe aufgerüttelt hat.<lb/>Es führt den Titel ,Gernan kome
liksr hat in England<lb/>drei Auflagen erlebt, hat in der deutschen Presse
von be-<lb/>deutenden Kritikern Beachtung gefunden, und ich war
dadurch<lb/>begierig geworden, es kennen zu lernen. Und es lohnte
auch<lb/>des Lesens, da es in der That geeignet ist, eine Art von
Er-<lb/>staunen, namentlich von Seiten der deutschen Frauen, zu
er-<lb/>regen. Denn das Buch macht sich viel zu schaffen mit
unserer<lb/>Erhebung aus unserer tiefen Niedrigkeit, während es
zugleich<lb/>die Engländer über unser häusliches Leben zu
unterrichten<lb/>bestimmt ist.<lb/>Das sind schöne gemeinnützige Absichten
eines mitleids-<lb/>vollen Herzens und eines viel umfassenden
Sinnes.<lb/>Kise, Teuton noman! elaim Tour rigbt äenieä<lb/>Po nohler
lubour; shos Tour strenght äetied,<lb/>Amd on Germanis's mightz korbead
glace,<lb/>Tbe ahsent touch ok glorz anä ok graes! ?s<lb/>ruft das
Titelblatt uns deutschen Frauen mahnend zu; und<lb/>aus meiner harmlosen,
halbwegs selbstzufriedenen Sicherheit<lb/>durch diese pomphaften Verse
aufgeschreckt, habe ich mich sofort<lb/>hingesetzt, um, mit dem Buche als
Leitfaden in dsr Hand,<lb/>wenigstens für meine Einsicht in unsere
Unwürdigkeit, und<lb/>womöglich auch für meine Erhebung aus derselben, Etwas
zu<lb/>thun. Denn was der Einzelne Gutes an sich selber fördert,<lb/>das
vollbringt er zugleich für die Gesammtheit. Aber es giebt<lb/>eine Anmaßung
und eine Selbstverblendung, die für den un-<lb/>Erhebt Euch, deutsche
Frauen! fordert das Euch rorenthaltene<lb/>Recht zu edlerer Arbeit; zeigt
Eure Kraft herausgefordert, und drückt<lb/>auf Germania's mächtige Stirn den
fehlenden Stempel des Ruhmes<lb/>und der Anmuth.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0036_029.tif" n="029"/>
<p>==- Zß -<lb/>vorbereiteten Beobachter im ersten Augenblicke etwas
Ver-<lb/>blüffendes haben; und da ich nach dem heldenhaften Zurufe<lb/>an
die deutschen Frauen, natürlich zunächst das ihnen im Be-<lb/>sonderen
gewidmete Capitel las, brauchte ich eine Weile Zeit,<lb/>mich von der
Verwunderung zu erholen, die es mir erregte.<lb/>Doch will' ich gleich
bemerken, daß diese Verwunderung nicht<lb/>der mir neueröffneten Einsicht in
unsere Zustände, sondern<lb/>vielmehr Derjenigen galt, welche es, ohne sich
zu nennen,<lb/>unternommen hat, sie darzustellen.<lb/>Sie hatte es gar nicht
nöthig, zu erklären, daß sie eine<lb/>Frau sei. Das Buch trägt fast durchweg
das Gepräge gerade<lb/>jener übelen Eigenschaften, welche man den Frauen
zuzusprechen<lb/>pflegt: scharfes, übelwollendes Beobachten fremder
Mängel<lb/>bei völlig mangelnder Erkenntniß der eigenen Fehler,
und<lb/>aburtheilendes Verallgemeinern des gelegentlich
beobachteten<lb/>Einzelfalles.<lb/>Dem gegenüber drängt sich uns zunächst
die Frage auf.<lb/>wer ist die Frau, welche die deutsche Kultur und
Gesittung,<lb/>das deutsche Familienleben und die deutschen Frauen so
dreist<lb/>und hart verurtheilt? Ein Urtheil gewinnt oder verliert
an<lb/>Gewicht, je nach dem Werthe dessen, der es ausspricht. Wer<lb/>ist
die Frau, welche es schicklich findet, sich für die in
deutschen<lb/>Familien und von deutschen Frauen genossene
zutrauensvolle<lb/>Aufnahme und Gastlichkeit, mit der ganz unumwundenen
Er-<lb/>klärung zu bedanken, daß - einzelne kleine
Annehmlichkeiten<lb/>abgerechnet - es im Grunde für eine Engländerin wie
sie,<lb/>in Deutschland, unter deuischen Frauen und in der
deutschen<lb/>Gesellschaft, bis hinauf in die Gesellschaftskreise der
kleinen<lb/>Höfe, nicht wohl zu leben sei? Denn - wir wohnen, und<lb/>zwar
durch ganz Deutschland und sammt und sonders, un-<lb/>gehörig und schlecht.
Wir essen schlecht, obschon unsere Reh-<lb/>braten, Maibowlen u. s. w. von
der Anonyma genießbar ge-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0037_030.tif" n="030"/>
<p>=- Zß -<lb/>funden wurden. Mit Ausnahme der Polinnen und Unga-<lb/>rinnen
Desterreichs, die flottweg als Deutsche angesprochen wer-<lb/>den, sind die
deutschen Frauen schwächlich, kränklich, unfähig<lb/>ihre Kinder, zu säugen.
Sie sind unreinlich, halten ihre Häuser,<lb/>ihre Kinder eben so unreinlich.
Alle unsere Dienstboten taugen<lb/>Nichts, und schließlich sind die
deutschen Hausfrauen, welche<lb/>in der Regel von ihren Männern nicht aus
Liebe, sondern<lb/>nach Berechnung und Nebereinkunft der Familien
geheirathet<lb/>werden, Nichts als die ersten Dienstmägde ihrer
Männer.<lb/>Alle diese Männer aber gehen in Uniform, wenn sie nicht<lb/>im
Schlafrock und Pantoffeln zu Hause in die Töpfe gucken,<lb/>damit kein
Pfennig unnöthig verausgabt werde; und dann<lb/>ziehen sie die Uniform an,
gehen Morgens auf die Parade,<lb/>Abends in das Wirthshaus, liebäugeln auf
den Straßen mit<lb/>fremden Frauen, an den Brunnen mit den Mägden -
und<lb/>das ist das deutsche Familienleben!<lb/>Es ist in der That ein
Jammer um unser Vaterland<lb/>und um die deutsche Frau! Die Ungenannte fühlt
auch Mit-<lb/>leiden mit uns; jenes schöne Mitleid, von welchem ihre
und<lb/>unsere Nachbarn, die Franzosen, zu sagen pflegen: ,Es liegt<lb/>in
dem Unglück unserer Freunde immer ein Etwas, das uns<lb/>schmeichelt und
gefällt!'r Schade um dieses große Mitleid, das<lb/>wir nicht begehren,
weniger noch bedürfen! Noch einmal aber,<lb/>wer ist diese barmherzige
Ungenannte? Denn in solchem Falle<lb/>möchte mnan doch wissen, mit wem man
es zu thun hat, und<lb/>da sie's uns nicht sagt, sind wir auf unsere
Vermuthung an-<lb/>gewiesen.<lb/>Sie nennt sich eine ,Lady'. = Ob sie zo
real laäzr ist,<lb/>als welche meine Londoner Hauswirthin mir diejenigen
be-<lb/>güterten Frauen meiner Bekanntschaft anzumelden pflegte, die<lb/>in
eigenem Fuhrwerk zu mir kamen, das möchte ich bezweifeln.<lb/>Leute, die in
ihrer Heimat an festbegründetes Wohlleben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0038_031.tif" n="031"/>
<p>==- Zh -<lb/>gewohnt sind, pflegen die zeitweilige Entbehrung
desseiben<lb/>in der Fremde nicht sonderlich zu beachten und zu
vermissen.<lb/>Ich habe wahrhaft vornehme Frauen,z. B. bei den
Mißständen<lb/>früherer italienischer Reisen, auch in unbequemen Lagen
viel<lb/>leichter befriedigt und heimisch gefunden, als ihre
Kammer-<lb/>mädchen, die sich nicht wie Jene, an dem Wesentlichen
für<lb/>das Entbehren des Unwesentlichen zu entschädigen
vermochten.<lb/>Nach den Aussagen ihres Buches scheint die Ungenannte<lb/>zu
verschiedenen Malen und unter verschiedenen Verhältnissen<lb/>in Deutschland
gelebt zu haben. Sie ist einmal, ohne Deutsch<lb/>zu können, nach einem
,kleinen trostlosen Städtchen an den<lb/>schwarzen Ufern des Baltischen
Meeres verschlagen worden,<lb/>wo vor Kälte die Vögel vom Himmel fielen',
was sie sicherlich<lb/>so wenig erlebt hat als ich, obschon ich die ersten
dreißig<lb/>Jahre meines Lebens im höchsten Norden Deutschlands
zuges<lb/>bracht habe. Dort hat sie an einer deutschen Nebersezung
von<lb/>Nanitz kair ihr Deutsch gelernt, dessen sie sich bei ihrem
er-<lb/>neuten Aufenthalte in Deutschland so mächtig fühlt, daß sie<lb/>sich
gemüßigt findet, die verschiedenen ProvincialDialekte in<lb/>einer Weise zu
verspotten, als ob es keinen schottischen, keinen<lb/>JorkshireDialekt, kein
eoekvez Englisch gäbe, und daß sie es<lb/>schließlich unternimmt, unsere
Klassiker - Schiller, Goethe<lb/>u. s. w. als Stilisten z beurtheilen und zu
verurtheilen, wie<lb/>sie denn unsere Klassiker auch als Menschen vor ihr
Sitten-<lb/>gericht zieht und zur Linken, zu den Sündern weist.<lb/>Bei
diesem ihrem zweiten Aufenthalte in Deutschland ist<lb/>sie anscheinend in
eine Garnisonstadt, in einen Kreis von<lb/>wenig bemittelten Leuten, in
Familienbeziehungen zu ärmlich<lb/>und vielleicht schlecht erzogenen
Frauenzimmern der mittleren<lb/>Stände, vielleicht auch in arme Offiziers-
und Beamtenfamilien<lb/>gekommen. Sie hat dann unter ähnlichen Verhältnissen
in<lb/>Deutschland bald hier, bald dort gelebt - wemn sie auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0039_032.tif" n="032"/>
<p>=- ZZ -<lb/>gelegentlich einen Ausflug gemacht und reichere Leute
kennen<lb/>gelernt hat -, und nach diesen Erfahrungen wird nun
frisch<lb/>darauf zu Gericht gesessen über das Familienleben eines
ganzen<lb/>großen, gebildeten Volkes und vor Allem über die
sämmtlichen<lb/>Frauen deflen. iner deren geistigen Werth, wie über
all<lb/>ihr Thun und Treiben.<lb/>Hätte die Anonyma die Augen in ihrer
Heimat aufthun<lb/>wollen, so hätte es ihr dort sicherlich an Gegenbildern
für fast<lb/>Alles, was sie an den deutschen Frauen tadelt, nicht
gefehlt.<lb/>Aber sie verstand in jedem Sinne die Aufgabe eines
Beobachters<lb/>anders, als ihr großer Landsmann Bulwer, der sich
zunächst<lb/>in seiner Heimat umsah, und der mit seines edlen
Namens<lb/>Unterschrift, sein ,England und die Engländer' stolz
seinen<lb/>Landsleuten entgegenhielt, ehe er daran ging, über
eines<lb/>fremden Volkes Sitten den Stab zu brechen, wie die
anonyme<lb/>Verfasserin dieses neuen Buches es thut.<lb/>Bei ihrem zweiten
Aufenthalt in Deutschland ist sie unter<lb/>uns erschienen, mit einem
schwächlichen Kinde, ohne Wärterin<lb/>für dasselbe; bewaffnet mit einem
Kinderwagen und mit dem<lb/>felsenfesten Glauben, daß in England Alles ganz
vollkommen<lb/>sei, daß es in jedem civilisirten Lande gerade so sein
müsse<lb/>wie in England, und daß es in allen Lebensschichten
eines<lb/>fremden Volkes gerade so und nicht anders hergehen müsse<lb/>wie
in den Familien wohlhabender Engländer. Vorstellungen,<lb/>wie ein Chinese
sie nicht besser aus dem Reich der Mitte auf<lb/>seine Reise in die Welt
hinausnehmen könnte.<lb/>Sie besizt ein Kleid von wasserdichtem Stoff, dicke
Stiefel,<lb/>einen Filzhut, einen unübertrefflichen Plaid; sie ist gut
zu<lb/>Fuß. So viel zu ihrer äußeren Bezeichnung. Sie hat
Vielerlei<lb/>gelernt, spricht verschiedene Sprachen, kann sogar
lateinisch<lb/>wie es scheint, denn sie klimpert, wo es sich nur thun
läßt,<lb/>mit lateinischen Brocken; und als Kunstschätze, die sie eben
so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0040_033.tif" n="033"/>
<p>ZZ -<lb/>wenig entbehren kann, als das rosa Unterfutter ihres
Ankleide-<lb/>tisches, führt sie einige Albums, einige photographische
An-<lb/>sichten und die süßlichste aller Frauenbüsten, die Klythia,
in<lb/>einem Gypsabgusse mit sich - Schätze, wie sie unbekannt sind<lb/>in
den unwirthlichen Gefilden, in denen eine Zeit lang aus-<lb/>zuhalten ihr
hartes Schicksal sie verdammt. Aber eine Unter-<lb/>haltung und ein süßer
Trost bleiben ihr bei alle dem: sie<lb/>verwundert sich von früh bis spät.
Sie verwundert sich über-<lb/>all und über Alles, und sie wiegt sich
unablässig in dem Ge-<lb/>fühle ihrer unbezweifelbaren Neberlegenheit über
uns.<lb/>Sie wundert sich, daß man in dem ,trostlosen Städtchen<lb/>an den
schwarzen Ufern des Baltischen Meeres'' nicht einmal<lb/>die Tauchnitz -
Ausgabe der englischen Romane zum Kaufe<lb/>findet; als ob in den entlegenen
Städtchen von England,<lb/>Jrland oder Schottland billige Ausgaben der
zeitgenössischen<lb/>deutschen Romane bei jedem Stationer zu haben wären?
Sie<lb/>kommt bei ihrem zweiten Aufenthalte nach einem Orte, an<lb/>welchem
man noch keine Kinderwagen kennt. Das muß bei-<lb/>läufig sehr lange her und
ein sehr weitentlegener Ort ge-<lb/>wesen sein. Sie findet an dem Orte die
Sitte, daß die<lb/>Wärterinnen, wie es in Sachsen und in Thüringen
vielfach<lb/>heute noch üblich ist, halb lange Mäntel, und in diesen
die<lb/>Kinder auf den Armen tragen, um die kleinen Körper
vor<lb/>Erkältungen zu schüten, was reichlich so berechtigt ist, als
sie<lb/>in der Kälte mit nackten Beinchen umherlaufen zu lassen,<lb/>während
sie dicke Federhüte auf den Köpfen tragen; und sie<lb/>ist empört über die
dumme Widerspenstigkeit der deutschen<lb/>Mägde, weil ihre Magd aus Furcht
verlacht zu werden, es<lb/>ihr weigert, das Kind in dem Kinderwagen durch
die Stadt<lb/>zu fahren. Aber versuchen Sie es doch, Verehrte! Ihrer
voll-<lb/>kommenen englischen Wärterin den sächsischen
Kindermantel.<lb/>umzuhängen und sie damit nach Regent - Luadrant
hinaus-<lb/>I. Le wa d, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0041_034.tif" n="034"/>
<p>=- ZF -<lb/>zuschicken! Ob Miß Mary gehen, ob Sie Gehorsam
finden<lb/>würden?<lb/>Als ich dereinst in Manchester bei meiner Freundin,
der<lb/>englischen Schriftstellerin Miß Geraldine Jewsburry
verweilte,<lb/>muthete eine der dort zahlreich lebenden deutschen
Frauen<lb/>ihrer englischen Köchin irgend Etwas zu, das dieser gegen
ihre<lb/>Tabulatur verstieß. Die Köchin verließ also sofort das
Haus.<lb/>Miß Jewsburry's alte Peggy klagte uns das Leid, und sette,<lb/>zu
mir gewandt, arglos und vertrauensvoll hinzu: ,l tsll Lou<lb/>Iliss L.emalä,
those German lacies are all togeter ma!<lb/>lIch sage Ihnen, Fräulein
Lewald, diese deutschen Hausfrauen<lb/>sind sammt und sonders verrückt.s
,Ländlich sittlich'' dachte<lb/>ich in meinem Sinne.- Wie schade aber, daß
die Ungenannte<lb/>dieses Sprichwort nicht gekannt hat! Es hätte ihr viel
Ver-<lb/>wunderung, es hätte ihr, bei einigem Nachdenken, ihr
halbes<lb/>Buch ersparen können.<lb/>Es will der Ungenannten nicht in den
Sinn, und sie<lb/>findet es widerwärtig, daß bei uns verschiedene Familien
unter<lb/>demselben Dache wohnen, und Niemand wird ihr leugnen, daß<lb/>es
behaglich ist, ein eigenes, breit hingelagertes Haus allein<lb/>für sich zu
haben. Aber daß wir, eben so wie die Franzosen,<lb/>die Schweizer und die
Jtaliener, die doch auch civilisirte Völker<lb/>sind, nach den unter uns
herrschenden Lebensgewohnheiten in<lb/>einem sechs, acht Fenster breiten
Hause, in einem Stockwerk<lb/>weit bequemer wohnen als die englische
Hausfrau, die in -<lb/>ihrem ein oder zwei Fenster breiten Heim von der
Küche bis<lb/>zu den Kinderstuben, durch drei oder vier Stockwerke, wie
der<lb/>Vogel auf den Sprossen seines engen Käfigs, sich beständig<lb/>auf
und nieder zu bewegen hat, das hat die Ungenannte nicht<lb/>bemerkt. Sie hat
auch die zahlreichen Anzeigen in den Häusern<lb/>von Edinburg niemals
gesehen, in denen zu kut to letr (ein<lb/>einzelnes Stockwerk abzugebens
angeboten wird. Daß es einer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0042_035.tif" n="035"/>
<p>=- ZH -<lb/>Gattin, einer Mutter erwünschter sein muß, den Mann und
die<lb/>Kinder in wohlgehaltenen Zimmern neben sich, als in
anderen<lb/>Stockwerken von sich entfernt zu haben; daß die breite
Etage<lb/>uns viel Dienstboten und diesen sehr viel. Arbeit spart;
daß<lb/>eine Reihe aneinander stoßender und geöffneter Zimmer für<lb/>das
Gesellschaftsleben bequemer ist und sich stattlicher darstellt<lb/>als die
Wanderung Trepp auf und ab, zu welcher die englische<lb/>Sitte die englische
Gesellschaft selbst in den Häusern der reichen<lb/>Leute vielfach nöthigt,
das hat sie nicht bemerken mögen. Ihr<lb/>Wahrnehmen und ihr Aufpassen sind
überhaupt fast immer<lb/>einseitig. Bei sich zu Hause hat sie sich nicht so
genau als<lb/>in Deutschland damit abgegeben.<lb/>Mit bitterem Tadel hebt
sie den Unsegen des Klatsches<lb/>und der Zwischenträgereien hervor, welche
das Zusammenleben<lb/>verschiedener Familien in einem Hause gelegentlich
erzeugen<lb/>kann, obschon wir sehr häufig in den großen Städten
die<lb/>Mitbewohner in unseren Häusern kaum dem Namen nach<lb/>kennen und
Nichts von ihnen erfahren; und obschon in den<lb/>kleinen Städten, und ich
kenne gar viele solche, gute Nachbar-<lb/>schaft zu herrschen pflegte. Aber
woher nahmen und nehmen<lb/>die englischen Dichter, wie Thackeray, Dickens
und George<lb/>Elliot, die Vorbilder zu ihren, in dem niedrigsten
Geklätsch<lb/>und engsten Kleinkram sich bewegenden Frauengestalten,
als<lb/>aus dem Leben der Engländerinnen, die jede in schöner
Selbst-<lb/>ständigkeit ihr Haus für sich allein bewohnen?<lb/>Sie wundert
sich über die unerläßliche und redliche Arbeit-<lb/>samkeit unserer
Hausfrauen, als ob in England Frauen mit<lb/>beschränkten Mitteln, wenn sie
die Ihren reinlich und ordent-<lb/>lich gekleidet und mit Essen wohlversorgt
sehen wollen, nicht<lb/>eben so nähen, flicken, plätten und auf die Küche
Achtung<lb/>geben müßten! Und fragen wir uns schließlich, worauf
die<lb/>sämmtliche Verwunderung der Ungenannten denn zuletzt hin-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0043_036.tif" n="036"/>
<p>- ZZ -<lb/>ausläuft, so ist es auf die Bemerkung, daß England reicher<lb/>ist
als Deutschland.<lb/>Das ist eine unleugbare, aber keineswegs eine
neue<lb/>Wahrheit. Es ist eben so eine Wahrheit, daß wohlhabende<lb/>Leute
für ihr häusliches Behagen mehr thun können, als<lb/>weniger bemittelte, und
daß begüterte Frauen, wenn die per-<lb/>sönliche liebevolle Fürsorge für
ihre Familie ihnen kein Herzens-<lb/>bedürfniß ist, sich derselben zu
entziehen wissen und vermögen.<lb/>Das thun manche reiche Frauen bei uns
eben so wie in Eng-<lb/>land zum Nachtheil ihrer Männer und ihrer Kinder;
und daß<lb/>gar manche gut erzogene und wohlunterrichtete Frau in
engen<lb/>häuslichen Verhältnissen verkümmert, das wird auch jenseit
des<lb/>Kanals und wird nirgend fehlen in der Welt.<lb/>Solcher Wahrheiten
und ähnlicher finden sich in dem<lb/>German Home liks eine Fülle, aber fast
alle Beobachtungen<lb/>sind wie durch einen verzerrenden Spiegel und mit
böswilliger<lb/>Spottlust gemacht, so daß es mir, die vor Jahren eine
ganze<lb/>Reihe von Briefen für und wider die Frauen''
veröffentlicht<lb/>hat, wohl zusteht, jetzt in ein paar Briefen gegen die
häßliche<lb/>und sehr ungerechte Verunglimpfung unseres
Familienlebens<lb/>und meiner Landsmänninnen zu protestiren, und zwar um
so<lb/>mehr, als das Buch der Ungenannten von der deutschen Kritik<lb/>nicht
die ihm gebührende Zurückwweisung erfahren hat.<lb/>Wenn man sich
einerseits, sofern man es mit den An-<lb/>griffen einer Unbekannten zu thun
hat, zuerst damit beschäftigt,<lb/>wer sie sein mag, so legt man sich danach
die Frage vor,<lb/>,wes Geistes Kind ist sie? und darüber läßt die Lady
uns<lb/>in keinem Zweifel.<lb/>Sie ist eine Frau, der Reichthum und Luxus,
der die<lb/>Bequemlichkeit des Lebens als das eigentliche Glück
erscheinen;<lb/>die in den zur Gewohnheit gewordenen
Schicklichkeitsgesezen<lb/>der vornehmen englischen Gesellschaft das
Moralgeset findet,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0044_037.tif" n="037"/>
<p>=- Z? =<lb/>dem sich Jeder und unter allen Verhältnissen zu
unterwerfen<lb/>hat. Der Werth und die Vornehmheit einer Frau
beruhen<lb/>für sie zum großen Theil auf deren möglichst wenigem
Thun<lb/>und Leisten. Je reicher, je müßiger, um so mehr laflike;<lb/>und
was die Ehe in ihren Augen, was sie ihrem Herzen ist,<lb/>darüber klärt sie
uns gleich am Eingang ihres Capitels ,über<lb/>die Ehe' sehr unumwunden auf.
Sie sagt: ,Die Ehe ist der<lb/>goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten
der Freiheit!r<lb/>Nach diesem Ausspruch kann sie denn freilich unter
uns<lb/>Deutschen ihrem Jdeal von der Ehe, zu dessen Verwirklichung<lb/>noch
eine Menge von Unerläßlichkeiten gehören, nicht begegnen.<lb/>Denn wir Armen
in unserer Unkultur leben noch heute des<lb/>Glaubens unserer Väter und
Mütter, daß mit dem Eintritt<lb/>in die Ehe, für den Mann wie für das Weib,
die Zeit<lb/>der Freiheit, des eigenwilligen Beliebens, des
Gläck<lb/>suchens nur für sich selbst, zu enden, und die Zeit
der<lb/>Gebundenheit für beide Theile zu beginnen habe. Wir leben<lb/>des
Glaubens, daß in der Ehe, in welcher der Mann der<lb/>Erwerbende ist - und
das ist doch fast durchweg der Fall, da<lb/>die Zahl der von ihren
Einkünften müßig lebenden Männer<lb/>bei uns gering ist - der Frau die
Pflicht obliegt, das Er-<lb/>worbene durch treue Mitarbeit im Hause
gewissenhaft zu<lb/>verwalten. Und dies erwartet bei uns mit Recht selbst
der<lb/>reichste und vornehmste Mann von seiner Frau; um wie<lb/>viel mehr
der Mann, der eben nur zu schaffen vermag, was<lb/>des Lebens Nothdurft
fordert. Sehe ich mir nun die Aussprüche<lb/>der Lady prüfend an und suche
ich mir klar zu machen, wie<lb/>eine Lady nach ihren Begriffen sein und was
sie haben und<lb/>thun, und nicht thun muß, um diesen Ehrentitel zu
verdienen,<lb/>so finde ich etwa Folgendes. Eine Lady muß in einem
Hause<lb/>allein mit ihrer Familie wohnen. Sie muß Teppiche in
ihren<lb/>Zimmern, Kaminheizung, große zweipersonige Betten, gute<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0045_038.tif" n="038"/>
<p>=- ZZ -<lb/>Wasch- und Ankleidetische haben, die letzteren mit
weißem<lb/>roth gefütterten Mousselin bezogen, ohne den es eben
nicht,<lb/>gehen kann. Sie muß ein Treibhaus mit Cloxilien, Verbenen,
-<lb/>Calzolarien u. s. w., muß aus demselben immer blühende<lb/>Blumen in
ihren Zimmern haben. Zahlreiche und lauter<lb/>vortreffliche Bedienung darf
so wenig fehlen, wie reiche und<lb/>solide Kleidung. Dies vorausgesett, muß
die Lady früh am<lb/>Morgen gleich für den ganzen Tag angekleidet sein; denn
der<lb/>Kodex der Ungenannten gestattet keinen Morgenanzug. Auf<lb/>dem
Frühstückstische müssen alle Tassen gleich sein und das<lb/>Geräth überhaupt
möglichst elegant. Die Lady muß am<lb/>Morgen Nichts zu thun haben. Am
Vormitttage müssen<lb/>Vettern und Cousins kommen, sich nach ihrem Befinden
zu<lb/>erkundigen, sie zu Spaziergängen abzuholen u. s. w. Denn: ,
die<lb/>Ehe ist der goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten
der<lb/>Freiheitr?<lb/>Ja! damit sieht es nun unter den verkommenen
Frauen<lb/>Deutschlands und für dieselben mißlich aus. In diesem<lb/>Sinne
werden nicht allzu viel Ladies unter uns zu finden<lb/>sein, und, mit
ehrlichem gutem Bewußtsein, sage ich für<lb/>meine Landsmänninnen, wie einst
Franz v. Gaudy in<lb/>seinem spottenden Gedichte gegen die Gräfin
HahnHHahn:<lb/>In diesem Punkt entschuldigen Sie mich,<lb/>Da bin ich
bürgerlich, sehr bürgerlich!<lb/>Ein Ausspruch, den, wie ich unsere
deutschen Frauen zu kennen<lb/>glaube, ihre Mehrzahl selbst in den Palästen
der Reichen und<lb/>Hochgeborenen wiederholen wird.<lb/>Eben weil die
Engländerin das ihr fremde Land immer<lb/>nur, nicht mit unserer Elle,
sondern mit ihrem Jard mißt,<lb/>weil sie Alles mit der Brille ihrer
konventionellen Vorstellungen<lb/>betrachtet, übersieht sie zunächst völlig
die Verschiedenheit in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0046_039.tif" n="039"/>
<p>=- Zß -<lb/>den Grundbedingungen des deutschen und des englischen
Fa-<lb/>milienlebens. Dadurch, daß wir nicht, wie es in England so<lb/>gar
häufig geschieht, um des eigenen Hauses willen weit außer-<lb/>halb des
Mittelvunktes der Städte leben, ist unser Familien-<lb/>leben enger und
fester in sich beschlossen. Wir haben es nicht<lb/>nöthig, unsere Söhne
frühzeitig in Schulen und Erziehungs-<lb/>anstalten außer dem Hause
unterrichten zu lassen, nicht nöthig,<lb/>die Töchter in Pensionsanstalten
zu thun.- Wir ent-<lb/>schließen uns dazu nur in den Ausnahmefällen, wie in
den Fami-<lb/>lien der Gutsbesitter u. s. w., welche, auf dem Lande
lebend,<lb/>keine Lehranstalten erreichbar haben. Und wie wir die
Kinder<lb/>des Hauses so lange als möglich in demselben zu
behalten<lb/>gewohnt sind, so leben auch unsere Männer, soweit es
angeht,<lb/>in demselben. In England fährt der Mann vielfach am
frühen<lb/>Morgen in die Stadt, kommt spät am Abend heim, und meist
so<lb/>abgearbeitet heim, daß der Lehnstuhl am Kamin den Müden
auf-<lb/>nimmt. Londoner und Manchester Kaufleute und
Geschäftsleute<lb/>haben es, ebenso wie ihre Frauen, oftmals bedauernd
gegen<lb/>mich ausgesprochen, daß sie ihrer in den Colleges
heran-<lb/>wachsenden Söhne kaum noch froh würden, daß die Väter
ihre<lb/>jüngeren Kinder, außer am Sonntage, immer nur früh<lb/>Morgens oder
schlafend am Abend zu Gesicht bekämen; daß<lb/>die Frau den ganzen Tag
einsam sei, daß ihr Leben beständig<lb/>auf die Eisenbahnzüge gestellt sei,
daß es zwischen dem Kommen<lb/>und Gehen der Männer in lästigem Aufpassen
und Erwarten<lb/>vergehe. Mir selber ist das auch während meines
Aufenthaltes<lb/>in England trotz der vortrefflichen Verbindungsmittel
zwischen<lb/>Stadt und Land keineswegs als etwas Wünschenswerthes,
wenn<lb/>auch durch die dortige Sitte Nothwendiges erschienen; und wo
sich<lb/>in Deutschland bei dem mächtigen Wachsthum der Städte,
die<lb/>Neigung zu solchen zwischen Stadt und Land getheilten
Ein-<lb/>richtungen kund gegeben hat, habe ich immer davon
abgerathen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0047_040.tif" n="040"/>
<p>=== F -<lb/>weil das Familienleben und die Wirksamkeit der Frau in
der<lb/>That Abbruch durch dieselbe leiden.<lb/>Daß nun aber eine Hausfrau,
welche, je nach der Jahres-<lb/>zeit, um ? oder S Uhr ein paar Knaben und
ein paar Mädchen<lb/>in die Schule zu schicken, und vielleicht mit einer
Magd oder<lb/>mit zwei Mägden, für die Familie um 1 Ühr die
Mahlzeit<lb/>bereit zu halten hat, weil die Kinder zum Theil um Uhr
wieder<lb/>in die Schule und der Mann wieder an seine Geschäfte
zurück<lb/>gehen müssen, daß eine solche Frau nicht früh Morgens wie
eine<lb/>englische Lady in kull äress am Frühstückstische sityen, daß
sie<lb/>nicht alltglich Morgenbesuche und Spaziergänge machen,
nicht<lb/>frei über ihre Zeit verfügen könne, das ist der
Engländerin<lb/>nicht eingefallen; oder es ist ihr, wo sie daran gedacht
hat,<lb/>als bemitleidenswerth erschienen. Weil sie irgendwo einer<lb/>oder
einigen unsauberen Haushaltungen und Hausfrauen be-<lb/>gegnet ist, weil sie
gelegentlich kränkliche, bleichsüchtige Mädchen<lb/>gesehen hat, bricht sie
den Stab über die Gesammtheit wie in<lb/>jedem Falle. Sie sagt: die jungen
Mädchen stecken Tag über<lb/>hinter den geheizten Defen, werden bis zum
Krankwerden mit<lb/>Süßigkeiten überfüttert; und sie hat nie gesehen, wie
unver-<lb/>zagt und drall und rothbäckig die jungen Dinger von
ihrem<lb/>siebenten Jahre ab auf ihren festen Beinchen, Winter
und<lb/>Sommer bei jedem Wetter, ganz allein am srühen Morgen<lb/>in die
Schule gehen, welchen Weg sie je nachdem zwei- oder<lb/>viermal täglich
zurückzulegen haben, während es in den Schulen<lb/>jetzt selten an einem
Spielraum sür die Zwischenstunden fehlt.<lb/>Sie hat auch keine jener
Tausende von Haushaltungen kennen<lb/>gelernet, in denen die Hausmütter, wie
es das Sprüchwort<lb/>nennt, ,mit einem Dukaten einen Reiter zu vergolden
ver-<lb/>stehen''. Sie hat die Tüchtigkeit, die Wohlanständigkeit
nicht<lb/>bemerken wollen, mit welcher unzählige Frauen von
Pro-<lb/>fessoren, von Beamten, von Kaufleuten, von
Gewerbtreibenden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0048_041.tif" n="041"/>
<p>-= I1 -====<lb/>aller Stände, bei genauer Berechnung und mit feinem
Schön-<lb/>heitssinn, das Haus zu führen wissen. Denn die im
Haushalt<lb/>arbeitende Frauen sind gar keine Ladies. Und was sind
für<lb/>sie die Frauen, wenn sie keine Ladies in ihrem Sinne
sind?<lb/>Gegenstände eines spottenden Mitleids -- weiter Nichts!<lb/>Es ist
gewiß zu tadeln, und welcher Verständige unter<lb/>uns tadelt es nicht? wenn
Frauen, denen Muße für<lb/>ihre Bildung bleibt, diese nicht für ihre
Fortentwick-<lb/>lung verwenden, wenn sie sich plan- und zwecklos
in<lb/>Hausarbeit verlieren, für welche ihre Männer ihnen Dienst-<lb/>boten
unterhalten, die, vernünftig angeleitet, den Haus-<lb/>frauen die Mühe
ersparen und selber dadurch für das Gemein-<lb/>wohl nützlicher gemacht
werden würden. Derlei Irrthum und<lb/>Verkehrtheit findet sich bei uns und
ist vom Nebel.<lb/>Aber daß Mädchen der gebildetesten Stände, die eine
gute<lb/>Erziehung genossen haben, denen der Sinn für das Höchste<lb/>nach
keiner Seite fehlt, sich frohen Herzens an den häuslichen<lb/>Herd eines
geliebten unbemittelten Mannes begeben, um als<lb/>treue Dienerin des Mannes
und des Hauses Alles und Jedes zu<lb/>leisten, was des Lebens Nothdurft für
Mann und Kinder von<lb/>ihnen fordert, das ist mir immer als etwas eben so
Natürliches<lb/>wie Schönes erschienen. Das habe ich, trotz meiner in
früherer<lb/>Zeit auch für den Erwerb mir nothwendigen Thätigkeit,
durch<lb/>lange Jahre mit Glücksempfindung unausgesett gethan.
Drei<lb/>Treppen hoch, im einem von acht Familien bewohnten Hause,<lb/>in
einer halben Etage von vier Stuben wohnend, mit einer<lb/>Dienstmagd
arbeitend, bin ich mir und meinen Frcunden<lb/>deshalb nicht weniger
laäzlite erschienen, als irgend eine reiche<lb/>und müßige Frau; und das
freundliche Dankeswort, das mein<lb/>verstorbener Gatte, Adolf Stahr, unter
den Jahresabschluß<lb/>unseres damals sehr bescheidenen Budgets zu schreiben
pflegte,<lb/>wenn ich ihm denselben am I. Dezember vorlegte, hat
mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0049_042.tif" n="042"/>
<p>- FZ -=<lb/>durch die gesegneten M Jahre unserer Ehe wohler gethan,<lb/>mich
mehr erhoben, als irgend eine der literarischen An-<lb/>erkennungen, an
denen es mir nicht gefehlt hat. - Und<lb/>Gottlob! ich bin nicht die einzige
Frau, die in Deutschland so<lb/>empfindet. Die Mehrzahl fühlt wie
ich.<lb/>Auch war es einer unserer feinsten, gemüthvollsten Lyriker,<lb/>es
war Justinus Kerner, der in spätem Alter noch ,die<lb/>verarbeiteten Hände
seiner Frau' besang; die Hände des<lb/>guten, alten, schwäbischen
,Rikeles'', das, selber schon hinfällig<lb/>und schwach, noch seine Stütze
und sein Stab war, als seiner<lb/>Augen Licht erlosch.<lb/>Spotten Sie
immerhin über uns Mylady! denken Sie so<lb/>gering von uns als Sie nür
mögen, es ficht uns wenig an. Wir<lb/>sind im Kerne unseres Wesens ein
demokratisches, ein bürger-<lb/>liches Volk. Wie jeder Mann neben seinen
anderen Berufs-<lb/>pflichten und Thätigkeiten auch Soldat und Vertheidiger
seines<lb/>Landes ist, so ist und soll jede Frau, was immer sie
außerdem<lb/>auch kann unb leistet, vor allem Andern Hausfrau,
Haus-<lb/>hälterin sein unter ihres Mannes Dach; und wir rühmen das<lb/>und
heben es mit Lust hervor, wo wir es finden. Bei des<lb/>Handarbeiters, bei
des reichen Mannes Frau, bei der Schau-<lb/>spielerin und bei der
Schriftstellerin, wie bei der Königstochter<lb/>von England, die an des
deutschen Kronprinzen Seite einst<lb/>deutsche Kaiserin sein wird.<lb/>Weil
die Engländerin es darauf abgesehen hat, uns<lb/>deutschen Frauen unsere
unwürdige Behandlung durch die<lb/>Männer und unsere unglückliche Stellung
in unserem Vater-<lb/>lande recht nach allen Seiten klar zu machen, stellt
sie unsere<lb/>Verhältnisse und die der Männer von Jugend an
scharf<lb/>einander gegenüber. Sie strebt uns zu beweisen, wie wir
von<lb/>ihnen völlig abgetrennt, eine Art von Haremsleben innerhalb<lb/>der
Kaffeegesellschaften führen, zu denen die Männer keinen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0050_043.tif" n="043"/>
<p>= IZ -<lb/>Zutritt haben, und innerhalb der Konzertgärten, in welchen
die<lb/>Männer sich auch abgesondert von uns halten.
Kaffegesellschaften<lb/>aber kennt die jetige Gesellschaft wohl nur in den
allerkleinsten<lb/>Städten; und in unseren Konzertgärten, die eine gar
nicht<lb/>üble Einrichtung sind, pflcgte es munter und ungezwungen
genug<lb/>herzugehen von den Konzerten in den Provinzialstädten bis
zu<lb/>denen der zoologischen und der Flora-Gärten in Berlin, in<lb/>Köln
und in Frankfurt; und es leben Engländer genug, die<lb/>s dort angenehmer
gefunden haben, als ihre anonyme Lands-<lb/>männin.<lb/>Daß bei uns die
Erziehung im Vaterhause die Knaben<lb/>und die Mädchen mit den Freunden und
Freundinnen der-<lb/>selben von früh auf in einem ununterbrochenen
Verkehr<lb/>erhält, aus welchen oft, sehr oft Freundschaften für das
ganze<lb/>Leben erwachsen, daß die gemeinsamen Tanzstunden der<lb/>Knaben
und Mädchen, die Eisbahn und die Familienbälle<lb/>diesen Verkehr weit in
die Jugendjahre hineinführen und<lb/>manche Ehe auf dem Boden solcher
Jugenderinnerungen<lb/>erwächst, das hat die Lady, wie es scheint, zu
erfahren nicht<lb/>die Gelegenheit gehabt. Sie spricht zwar von den
fröhlichen<lb/>Schülern und Studenten, die das Ränzel auf dem Rücken<lb/>das
Land durchwandern, die gute Turner, gute Schwimmer,<lb/>treffliche
Schlittschuhläufer und Reiter sind; aber daß die<lb/>Mädchen in den Schulen
ebenfalls turnen, daß sie fast sammt<lb/>und sonders gute
Schlittschuhläuferinnen sind, daß man sie<lb/>kalt baden und schwimmen läßt,
wo sich dazu die Möglichkeit<lb/>findet - und sie fehlt kaum irgendwo - daß
sie reiten<lb/>lernen, wenn sie reich genug dazu sind, das weiß sie
wieder<lb/>nicht. Sie will gut und überall bei uns zu Hause sein,<lb/>lange
unter uns gelebt haben, und ist doch weder in der<lb/>sächsischen Schweiz,
noch im Harze oder in Thüringen und<lb/>im Schwarzwalde den jungen Mädchen
und jungen Frauen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0051_044.tif" n="044"/>
<p>I -=-<lb/>begegnet, welche während der Sommmerfrischen die
Wander-<lb/>gefährten ihrer Brüder und Männer machen. Das ist
auf-<lb/>fallend geng! Es paßte aber nicht in ihre vorgefaßte<lb/>Meinung,
sie hat es also nicht gesehen.<lb/>Um uns endlich den schlagendsten Beweis
für die Gering-<lb/>schätzung zu geben, die wir erdulden, gipfelt sie ihre
Be-<lb/>merkungen in dem Sate, daß in Deutschland die Ehe-<lb/>schließung
Sache der Familienübereinkunft, nicht der Liebe<lb/>ist, und zieht daraus
Schlüsse, die noch verwunderlicher sind,<lb/>als dieser Ausspruch selber.
Sie sagt: ,In den höheren<lb/>Ständen wird das Ehebündniß, wenn nicht ganz,
so doch<lb/>schließlich von dem Vermögen abhängig gemacht. Es ist
ein<lb/>Theil von dem eigenthümlichen prosaisch praktischen üund<lb/>doch so
verhängnißvoll unpraktischenzs Programme, welches<lb/>das Gesetz der
gegenwärtigen deutschen Natur zu sein<lb/>scheint, daß, wenn in einer
Familie Geld vorhanden ist,<lb/>es aus derselben nicht herausgelassen werden
darf.? Dadurch<lb/>gehen die Familienheirathen von Generation zu
Generation.<lb/>Dadurch entsteht denn auch, wie sie behauptet, die
Entartung<lb/>der deutschen Race, und eben deßhalb giebt es in
keinem<lb/>Lande ,so viel Kröpfe, so viele von Scropheln
entstellte<lb/>Hälse, so viele Rückenkrankheiten, so viele schlechte Zähne
und<lb/>einen im Allgemeinen so mangelhaften Knochenbau als<lb/>in
Deutschland !<lb/>Das scheint jedoch nach ihrer Meinung nur von
den<lb/>Frauen Geltung haben zu sollen, denn die Engländerin ist<lb/>voll
Bewunderung für die prachtvollen Gestalten, die breite<lb/>Brust, die stolze
Stirne und für die mächtige Stimme<lb/>unserer Offiziere. Die deutschen
Ofsiziere läßt sie gelten!<lb/>Daß aber die prächtigen Offiziere, daß die
hunderttausend<lb/>kriegstüchtigen, jungen Männer, die alljährlich aus
allen<lb/>Ständen in den Reihen unseres Heeres eintreten, und nach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0052_045.tif" n="045"/>
<p>== gh -<lb/>abgelegtem Dienste, wohlgeschulten Körpers, in das Gebiet<lb/>des
bürgerlichen Lebens, hinter den Pflug, in die Werkstatt,<lb/>in das
Comptoir, auf die Bühnen der Theater wie auf die<lb/>Katheder der Schulen
und der Universitäten, auf die Kanzel<lb/>und in die Säle der großen Welt
zurückkehren, daß diese<lb/>stattlichen Männer und Bürger nicht nur die
Söhne ihrer<lb/>Väter, sondern auch die ihrer Mütter sind, diesen
kleinen<lb/>Umstand hat sie nicht bedacht. Daß aus Ehen, an denen
die<lb/>Liebe nicht den ersten und höchsten Theil hat, daß von<lb/>Müttern
so verkommener Art, die ihre Kinder nicht zu säugen,<lb/>nicht zu pflegen
verstehen, die selbst so völlig nichtig sind,<lb/>ein solches Geschlecht von
Männern entstammen kann, das ist<lb/>es eigentlich,worüber die Engländerin
allein Grund gehabt<lb/>hätte, sich zu verwundern; und das hat sie leider
unterlassen.<lb/>Aber beruhigen Sie sich! Die Liebe hat unter uns
bei<lb/>dem Zustandekommen der Ehe den vollen Theil, der ihr ge-<lb/>bührt.
Im Gegentheil, wir haben in den Familien des ge-<lb/>bildeten und bei uns
eben nicht reichen Mittelstandes, oft genug<lb/>darauf zu achten, daß frühe
Liebe nicht zu voreiligen Ver-<lb/>löbnissen verleitet und daß die ernste
Gewissenhaftigkeit, mit<lb/>welcher solche Verlobungen fast durchweg
eingehalten werden,<lb/>die jungen Männer nicht veranlaßt, vorzeitig zu
heirathen und<lb/>ihre volle freie Entwicklung durch die Sorge für eine
Familie<lb/>zu beeinträchtigen. Was danach in dem German koms liks<lb/>noch
von dem Zusammenhalten des Geldes innerhalb der<lb/>deutschen Familien
gefabelt wird, ist vollends thöricht, wenn<lb/>schon es in den Familien der
zahlreich unter uns lebenden,<lb/>und zu einem bedeutend mitzählenden Faktor
gewordenen<lb/>Juden häufiger vorkommt. Aber auch innerhalb dieser
Kreise<lb/>hätte die Lady es beobachten können, wie die reichen Väter
kaum<lb/>einmal anstehen, ihre Töchter mit unbemittelten Männern
aus<lb/>allen Lebensbereichen zu verbinden, wenn es eben tüchtige<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0053_046.tif" n="046"/>
<p>= I,ß -<lb/>Männer sind und sich sonst Glück aus solcher Heirath für
die<lb/>Töchter, und umgekehrt für die Söhne, erwarten läßt.<lb/>Unwahrer
noch ist es, was über die rücksichtslose Be-<lb/>handlung der Frauen in der
Ehe berichtet wird. Der Lady<lb/>müssen ganz besondere Erfahrungen zu Theil
geworden sein.<lb/>Doch ist bei den Anschauungen, welche sie von der Ehe
hat,<lb/>darüber mit ihr nicht wohl zu rechten, denn es scheint,
als<lb/>fehle in ihrer Seele das mächtige Wort: ,Und er soll Dein<lb/>Herr
sein!? Wir hingegen tragen es im Herzen und dienen<lb/>gern - - wo wir
lieben! Wir wollen emporblicken zu dem<lb/>Manne, dem wir uns zu eigen
geben, nicht nur ihn zu unseren<lb/>Füßen sehen. Es ist auch kein Zeichen
von der Geringschätung<lb/>des weiblichen Geschlechtes, wenn man es, wie in
Frankreich<lb/>und in Deutschland, frühzeitig daran gewöhnt, die
kleinen<lb/>Dienstleistungen zu üben, welche die Bewirthung der
Haus-<lb/>genossen und der Gäste fordert. Es steht der weiblichen
Jugend<lb/>sehr wohl an, mit Anmuth sich gefällig gegen das
Geschlecht<lb/>zu erweisen, aus dem sie einst ihren Gatten wählen wird,
der<lb/>ihr Ernährer, der Herr des Hauses, des Weibes treuester<lb/>Freund
und seine Stütze sein soll. Es freute mich, als ein<lb/>sehr
selbstständiges, junges Mädchen sich einmal in meinem<lb/>Beisein weigerte,
sich von einem seiner Bewerber, der ihm<lb/>werther war als alle Anderen,
den Shawl und den Schirm<lb/>nachtragen zu lassen. ,Ich kann mir's selber
tragen, sagte es<lb/>keck und wohlgemuth, und kann's nicht leiden, wenn
die<lb/>Männer sich einbilden, mir zu gefallen, indem sie die
Be-<lb/>dienten machen!r Es war das eine jugendliche Nebertreibung,<lb/>aber
es wahr doch immer ein Symbol. Es wollte lieber<lb/>dienen und verehren, als
herrschen und gebieten! Und das<lb/>war gut und richtig; denn die
Gegenseitigkeit der freien An-<lb/>atrer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0054_047.tif" n="047"/>
<p>=- P? -<lb/>In dem weiten großen Kreise meiner Bekannschaft -<lb/>und ich
kenne mein Vaterland vom Norden bis zum Süden,<lb/>und kenne meine
Landsleute sehr genau-- sind mir sehr<lb/>wenig unglückliche Ehen und noch
viel seltener Ehescheidungen<lb/>selbst in den Fällen vorgekommen, in denen
die Ehe meinem<lb/>Jdealvon einer solchen nicht entsprach. Ja, ich wüßte,
nament-<lb/>lich in den begüterten Familien, weit häufiger von
ver-<lb/>wöhnten Frauen, von so anspruchsvollen Frauen zu berichten,<lb/>daß
sie nach dem Maßstabe der Engländerin für Ladies gelten<lb/>können, als von
schlecht und hart behandelten. Und wenn<lb/>die Lady sich hier und da einmal
herbeigelassen hätte, den<lb/>öffentlichen Festen beizuwohnen, die unser
Volk im Winter<lb/>in seinen Vereinen, oder im Sommer im Freien zu
begehen<lb/>liebt, wenn sie in der Pfingstzeit, wenn sie bei den
Singfesten<lb/>und Spazierfahrten, wie bei den winterlichen
Handwerkerfesten<lb/>die arbeitenden Stände hätte betrachten mögen, so hätte
ihr<lb/>die Genugthuung nicht fehlen können, das schickliche
Betragen<lb/>der jungen Leute für ihre Liebsten und die zärtliche
Sorgsams<lb/>keit der jungen Männer für ihre Frauen und Kinder
wahr-<lb/>zunehmen. Ein Fest wie Grssnieb sair irgendwo in Deutsch-<lb/>land
angetroffen zu haben, entsinne ich mich nicht; obschon es<lb/>sicherlich an
Rohheit unter uns so wenig fehlt, als es an<lb/>guten, warmherzigen Ehen
unter den Arbeitern von England<lb/>fehlen wird.<lb/>Um es dann aber an
großen Beispielen darzuthun, was<lb/>man von der Ehe in Deutschland zu
halten habe, weist die<lb/>Ungenannte mit geflissentlicher Schärfe darauf
hin, daß Goethe<lb/>eine ihm nicht ebenbürtige Frau geheirathet, nachdem er
sich<lb/>lange in Herzensverirrungen mancher Art bewegt,
daß<lb/>romantische, ungesetzliche Verbindungen, daß einzelne
Ehe-<lb/>scheidungen in dem Leben bedeutender und
hochgestellter<lb/>deutscher Männer und Frauen vorgekommen sind. Und
wieder<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0055_048.tif" n="048"/>
<p>= IF -<lb/>vergißt sie es, zurückzublicken in die eigene Heimat, mit
deren<lb/>moralischem und religiösem Standpunkte sie doch so sehr
zu-<lb/>frieden ist.<lb/>Sie tadelt den sittenlosen Lebenswandel Friedrich
Wil-<lb/>helm's ll. von Preußen, den man bei uns nicht milder
be-<lb/>urtheilt als sie; aber sie vergißt, in welcher Weise Heinrich
l.<lb/>von England sich zu helfen wußte. Sie vergißt auch das Leben<lb/>des
Prinz-Regenten, und sie trägt daneben der Geistesrichtung<lb/>am Ende des 1.
Jahrhunderts keine Rechnung, welches sich<lb/>durch die Ehe nicht in der
Freiheit des persönlichen Beliebens<lb/>beschränken ließ, sondern gerade wie
die ungenannte Lady die<lb/>Ehe ,als den goldenen Schlässel zum Paradiese
der Freiheit'<lb/>ansah. Und doch erkennt selbst die Bibel. den
Zusammenhang<lb/>des Einzelnen mit dem Geiste seiner Zeit feierlich durch
die<lb/>Worte an: Er war ein großer Mann in seiner Zeit! = Jene<lb/>Männer
aber lebten und handelten nach dem Geiste ihrer Zeit.<lb/>Sie versteht es
auch nicht, daß Ehescheidungen in gewissen<lb/>Fällen die Folgen eines
großen Jdealismus, daß sie die fromme<lb/>Scheu vor einem Ehebruch, daß sie,
wie Arnold Ruge es in<lb/>einer seiner Abhandlungen ausgesprochen hat, unter
gewissen<lb/>Verhältnissen eine That ernstester Sittlichkeit sein können.
Sie<lb/>bedenkt es nicht, daß Menschen von einer großen, oft
unerwar-<lb/>teten Entwicklungsfähigkeit, von stärkerer Leidenschaft,
von<lb/>größerer Gefühlstiefe als das Mittelmaß der Menschen sie
zu<lb/>besitzen pflegt, in ungewöhnliche Verwicklungen gebracht,
durch<lb/>diese gezwungen werden können, sich unter den vom
Staate<lb/>anerkannten und sehr schweren Bedingungen aus jenen
Ver-<lb/>wicklungen zu befreien, um nicht Schaden zu nehmen an
ihrer<lb/>Seele. Indeß ich muß es wiederholen, es ist schwer, dafür
ein<lb/>Verständniß zu finden bei einer Frau, welche ,die Ehe für
den<lb/>goldenen Schlüssel zu dem Paradiese der Freiheit''
ansieht,<lb/>während sie daneben gelegentlich die Ehe ganz im
katholischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0056_049.tif" n="049"/>
<p>- I,ß -<lb/>Sinne als ein Sakrament und die Lösung derselben als
eine<lb/>Sünde zu betrachten scheint.<lb/>Sie fragt sich auch nicht: War
Shakespeare's Ehe glücklich?<lb/>War Byron ein Vorbild für die eheliche
Treue? Existiren Porik's<lb/>Briefe an Eliza nicht? Hat Dickens in seiner
Gattin sein<lb/>Jdeal gefunden? Hat Lady Bulwer nicht ihren Cheveley
ges<lb/>schrieben? Karoline Norton nicht ihren Schmerzensschrei
gegen<lb/>die Schwierigkeit der Ehescheidung in die Welt
hinausgestoßen?<lb/>Und fehlt es unter den jettt lebenden bedeutenden
Engländern<lb/>an Beispielen dafür, daß der ,treuen Liebe Pfad nicht
immer<lb/>sanft hinfloß? =- Aber welchem verständigen Deutschen ist
es<lb/>eingefallen, gering zu denken von dem mökälischen Sinne
der<lb/>Engländer und hart und verwerfend abzuurtheilen über die<lb/>Ehe und
das Familienleben eines ganzen großen Volkes, weil<lb/>einzelne Menschen,
weil verschiedene Eheleute desselben<lb/>in ihrer Ehe nicht das Glück des
Predigers von Wakefield<lb/>gefunden haben?<lb/>Ic bin sehr weit davon
entfernt zu glauben, daß in<lb/>Deutschland die Frauen durchweg dasjenige
sind, was die Frau<lb/>in ihrer höchsten Durchbildung zu sein vermag; aber
ich<lb/>kenne kein Volk, das lauter weibliche Jdeale aufzuweisen
hätte,<lb/>und ich darf mit ruhiger Zuversicht behaupten, daß in
der<lb/>großen Masse die deutschen Frauen und die deutschen Ehen<lb/>es an
Redlichkeit, an Tüchtigkeit und an innerer Würdigkeit<lb/>mit den Frauen und
mit den Ehen aller gesitteten Völker<lb/>unbedenklich aufnehmen dürfen; daß
wir uns weder über<lb/>Mangel an Liebe, noch über Mangel an Achtung von
Seiten<lb/>unserer Männer zu beklagen, daß wir das Mitleid der
Lady<lb/>keinesweges nöthig haben.<lb/>Was will's daneben groß besagen, wenn
deutsche Männer<lb/>es gelegentlich versäumten, der fremden Dame ihren
Mantel<lb/>oder ihre Kapuzze aus dem Ankleidezimmer rasch
herbeizuholen?<lb/>J. Le wa ld, Reiiebrieie.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0057_050.tif" n="050"/>
<p>== Zß<lb/>Neber derlei fehlende Beachtung ist's garnicht klug zu
klagen;<lb/>denn unsere gemeinsamen Nachbarn, die Franzosen, von
deren<lb/>Sarkasmus die Lady eine starke Ader hat, könnten in
solchem<lb/>Falle leichtlich fragen: Wer trägt daran die Schuld,
Madame?<lb/>Und von dem,Sarkasmus'' unserer mitleidsvollen Lady<lb/>noch ein
Wort.<lb/>Die Spottlust der Engländerin richtet sich, wo man ihr<lb/>Buch
auch aufschlägt, immer wieder gegen die Aermlichkeit<lb/>unseres häuslichen
Lebens und gegen den Mangel an festen<lb/>Formen für den geselligen
Verkehr.<lb/>Daß unsere Mittelstände vielfach ärmer ind als
die<lb/>englischen Mittelstände, hat man ihr, wie gesagt, ohne
Weiteres<lb/>zugegeben. Die Schilderungen jedoch, welche z. B.
Miß<lb/>Bronte von ihrer Jugend macht, und viele andere Schilde-<lb/>rungen,
denen wir in englischen Romanen begegnen, thun<lb/>es doch auch sehr
unwiderleglich dar, daß neben den engen<lb/>Wohnzimmern der armen
verfallenen Pfarrhäuser, daß unter<lb/>den Dächern der Provinzialstädte auch
nicht überall die Treib-<lb/>häuser zu finden sind, deren ausländische
Pflanzen die Lady<lb/>in Deutschland in den Wohnungen ihrer unbemittelten
klein-<lb/>städtischen Bekannten so schmerzlich vermißte, als käme
in<lb/>England jeder Eingeborene in einem Palaste zur Welt. Ich<lb/>aber
habe englische Schriftsteller, deren Name ein Gegenstand<lb/>der Verehrung
für die ganze Welt ist, in den bürgerlich be-<lb/>scheidensten Verhältnissen
lebend gefunden; und zu ihrem nicht<lb/>geringen Ruhme, stolz begnügt in
ihrer Einfachheit. Sind<lb/>doch auch Thomas Moore, Dickens, Robert
Chambers, Lewes,<lb/>George Elliot, und wie viele Andere, nicht aus der
Mitte des<lb/>Luxuslebens hervorgegangen, sondern aus Bereichen, für
deren<lb/>FRäR =---<lb/>Was wollen die seelenlosen Prachtgemächer, die
Teppiche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0058_051.tif" n="051"/>
<p>= hh =-<lb/>und Thürvorhänge, die oft nur aus Prunksucht
zusammen-<lb/>gekauften Gemäldesammlungen mancher Reichen
bedeuten,<lb/>neben den engen Räumen, in welchen der ängstliche und
liebe-<lb/>volle Sinn treuer Elternliebe den Kindern frühzeitig
die<lb/>Werthhaltung des bescheidenen Hab und Gutes einprägt, das<lb/>zu
beschaffen so viel Arbeit und Sorge nöthig war, und unter<lb/>welchem
,Urväter Hausrath'' hoch gehalten, von der eben so<lb/>treuen Arbeit
vorangegangener Geschlechter spricht! Welch<lb/>ein Heiligthum die alten
Tassen, aus denen die Eltern noch<lb/>getrunken! die verblichene Tischdecke
und der kleine Schemel,<lb/>welche die Großmutter und der Mutter jung
gestorbene<lb/>Schwester stickten! Welch ein Besiy, der Schrank voll
Bücher<lb/>und das Klavier und jene Noten, die zu kaufen der Vater<lb/>sich
jahrelang in doppelter Arbeit abgemüht. Wie viel freund-<lb/>liche Pflege in
dem Epheu, in den Rosen, die in unsern kleinen<lb/>Städchen das Haus
umwuchern, und in der Kresse, der Myrte,<lb/>dem Goldlack und der Fuchsia,
die in den öden grauen Mauern<lb/>unserer großen Städte an dem Fenster der
Dachkammer wie<lb/>in der Kellerwohnung selten einmal fehlen!<lb/>Und auch
da wieder wie überall. haben die deutschen Frauen<lb/>ihren vollen Antheil
an dem Guten, das sich kund gibt in<lb/>dem deutschen Volke. Auch nach
dieser Seite hin, ist es bei<lb/>uns so, wie es in England ebenso ist, und
nicht anders sein kann.<lb/>Aus den Häusern dieser in ihrem Besitz oft eng
genug be-<lb/>schränkten Familien, ist eine große, ja man dürfte sagen,
die<lb/>größte Anzahl unserer Denker, Helden, Staatsmänner,
Dichter,<lb/>eine Anzahl unserer größten Industriellen
hervorgegangen.<lb/>Aus dieser Sphäre gehen auch die jungen Frauenzimmer
meist<lb/>hervor, denen man in England die Erziehung der Töcster
so<lb/>vielfach und mit glücklichem Erfolge anvertraut. Könnte man<lb/>das,
dürfte man das thun, wenn unsere Frauen, wenn die<lb/>weibliche deutsche
Jugend so verkommen, so untüchtig und so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0059_052.tif" n="052"/>
<p>==- IZ -<lb/>nichtig wäre, als es der Verfasserin von German koms
liss<lb/>beliebt, sie darzustellen?<lb/>Ich wiederhole es: vollkommen sind
sie nicht, unsere jungen<lb/>Frauenzimmer; aber sind es die Engländerinnen
alle und in<lb/>Allem? =- Die Verfasserin spottet darüber, und hier
wieder<lb/>einmal mit Recht, daß unsere Mädchen sich für den
Ausdruck<lb/>ihres Wohlgefallens und ihrer Bewunderung, halbwegs
fest-<lb/>stehender und übertriebener Ausdrücke bedienen. Sie findet<lb/>es
abgeschmackt, wenn Alles ,reizend'',,entzückend'',, himmlisch'',<lb/>genannt
wird, wenn man sich für Gleichgültiges zu begeistern<lb/>behauptet; und wir
selber finden das auch geschmacklos, wir<lb/>tadeln es, wo es uns begegnet.
Aber Nebertreibung ist das<lb/>Zeichen der Unreife und der Jugend, und ein
Zeichen der<lb/>reifen großen Bildung ist es auch nicht, wenn
Engländerinnen<lb/>ihr maßvolleres ,viee von einem Manne, von einer
Frau,<lb/>von einem Dichterwerke, von einer schönen Gegend wie von<lb/>einem
Pudding gleichmäßig gebrauchen.<lb/>Dem Ausländer fällt überall' in dem
Wesen und Behaben<lb/>eines fremden Volkes ihn Befremdendes auf. Mich dünkt
je-<lb/>doch, es ist die Aufgabe des gebildeten Beobachters, daß er
zu<lb/>verstehen trachtet, was ihm fremd erscheint, daß er die
Luellen<lb/>zu erkennen strebt, aus welchen die Gewohnheiten eines
ihm<lb/>fremden Volkes hervorgehen, daß er das Wesen desselben
zu<lb/>ergründen, nicht die von den Gewohnheiten seines eigenen<lb/>Volkes
abweichenden äußeren Gewohnheiten der Fremden zu<lb/>verspotten, sich
angelegen sein läßt.<lb/>Es geht übrigens durch die Gesellschaft aller
Kulturvölker<lb/>in unserer Zeit eine Reigung zu ungehörigem Gebrauch
der<lb/>Adjektiva, von welcher England keineswegs frei sein muß.<lb/>Denn es
fiel mir auf, als ich vor ein paar Jahren Bulwer's<lb/>Kenelm Chillingly
einmal in Händen hatte, wie er zum Lobe<lb/>seiner Heldin es geflissentlich
hervorhob, sie habe zwar keine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0060_053.tif" n="053"/>
<p>= ZZ -<lb/>der Modekünste zu üben vermocht, mit welchen die Mädchen<lb/>sich
in der Gesellschaft zu zeigen lieben, aber man sei sicher<lb/>gewesen, von
ihr bei ernster Unterhaltung wohl verstanden<lb/>zu werden, und nicht von
ihr hören zu müssen, daß sie sich<lb/>uwkallz (oder srigbtfallzz amusec
hätte, und daß the bisbop<lb/>a nice zell sei.<lb/>Ich bemerke hierbei
jedoch ausdrücklich, daß ich das Bul-<lb/>wer'sche Buch nicht bei mir,
überhaupt kein Buch hier zur<lb/>Verfügung habe, und nach allen Seiten hin
völlig auf mein<lb/>Gedächtniß angewiesen bin.<lb/>Ee ist immer und immer
wieder der Rückblick auf ihre<lb/>heimischen Verhältnisse, welcher der
Engländerin fehlt und sie<lb/>selbst da, wo sie die äußere Thatsache richtig
gesehen hat, zu<lb/>falschen Urtheilen verleitet. Wenn sie bei Erwähnung
un-<lb/>serer vermögenslosen Mittelstände die Neigung der Frauen<lb/>tadelt,
sich mit billigem Putze unnöthig zu behängen, so ver-<lb/>gißt sie, wie das
in England unter gleichen Verhältnissen,<lb/>und wir sehen davon die Beweise
oft auf: dem Kontinente,<lb/>grade so geschieht. Der Ausdruck -bobbz
gentilitz deutet,<lb/>wenn ich ihn recht verstehe, auf die gleiche oder doch
eine<lb/>ähnliche Thorheit unter ihren eigenen Landsmänninnen hin.<lb/>Wenn
sie die deutschen Frauen unselbständig nennt, wenn<lb/>sie ihnen vorwirft,
daß sie ihren Männern als hülflose Ge-<lb/>schöpfe auf dem Halse lägen, eben
jenen Männern, von<lb/>denen sie doch als Haussklaven behandelt werden, so
bedenkt<lb/>sie nicht, daß die lächerliche alte Jungfer: the
unprotseteä<lb/>kemale des Punch, eine englische Karikatur, und das
ehilä-<lb/>viks eben so eine nach dem Leben gebildete Schöpfung
von<lb/>Dickens ist, wie Lenette eine solche Schöpfung von Jean
Paul.<lb/>Weit mehr hat man ihr zuzustimmen, wenn sie es tadelt,<lb/>daß
Deutschland keine festen Formen für den Umgang und<lb/>Verkehr besitzt; denn
das natürliche Sichgehenlassen ist nur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0061_054.tif" n="054"/>
<p>=- hg --<lb/>da zu loben, wo die Natur so schön und so vollkommen
durch-<lb/>gebildet ist, daß alle ihre unwillkürlichen Kundgebungen,<lb/>wie
es bei romanischen Völkern meist der Fall ist: schön sind<lb/>und erfreulich
wirken. Diese angeborene schöne Form fehlt<lb/>im Allgemeinen den
germanischen Volksstämmen, bei den Eng-<lb/>ländern mehr noch als bei uns.
Es ist also lobenswerth, daß<lb/>die Engländer sich nicht mit ihrer
Naturwüchsigkeit begnügen,<lb/>daß sie nicht, wie die Deutschen oftmals,
sich mit dem:<lb/>Wir sind bieder und natürlich,<lb/>Und das ist genug
gethan!<lb/>abzufinden trachten. Feste Regeln für den geselligen
Verkehr<lb/>erleichtern das Leben nach allen Seiten. Es wäre daher
wohl<lb/>, zu wünschen, daß sich auch unter uns eine Form
feststellte,<lb/>welcher, von dem Gebildeten bestimmt, der Ungebildete,
der<lb/>Unerzogene, sich wie einem Gesetze unabweislich zu
unterwerfen,<lb/>mit der er seine Unkultur in Fesseln zu schlagen hätte,
um<lb/>nicht Anstoß zu geben und nicht zu verletzen. Daß aber
eine<lb/>solche Regel neben ihrem Segen auch ihre bedenkliche Seite<lb/>hat,
daß sie im schlimmen Sinne einförmig macht, wenn sie<lb/>nicht durch Geist
und Eigenthümlichkeit belebt wird, das ist<lb/>nicht fortzuleugnen; und
selbst in dem, was die Engländerin<lb/>von der Formlosigkeit der Deutschen
ihren Landsleuten be-<lb/>richtet, ist eine geflissentliche Nebertreibung,
welche den Tausen-<lb/>den von Engländern, denen es in Deutschland und mit
uns<lb/>wohl geworden ist, kaum entgehen dürfte.<lb/>Ebenso verhält es sich
mit den satirischen Bemerkungen<lb/>über die Titelsucht der Deutschen. Auch
darin, wie in dem<lb/>ganzen Zuschnitt unseres Lebens, ist sehr Vieles
anders ge-<lb/>worden, als die Verfasserin es gekannt zu haben
behauptet.<lb/>Unser Leben ist reichlicher, ist breiter, ist viel bewegter
gewor-<lb/>den; und jene Titulaturen, die ihr so lächerlich
erschienen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0062_055.tif" n="055"/>
<p>-==- IJ -<lb/>sind in der That seit einem Menschenalter unter
Gebildeten<lb/>nicht üblich. Wir schreiben nicht mehr: Wohlgeboren,
Hoch-<lb/>wohlgeboren, Hochgeboren u. s. w. Indeß ich möchte
dennoch<lb/>fragen, ob man in Jtalien nicht heute noch das
llastrissimo<lb/>und ähnliche Prädikate braucht? und ob auf keinem
englischen<lb/>Briefe ein bsg. geschrieben wird? ob kein honoarahls,
Right<lb/>lonourahls, kein Rerereuä auf englischen Briefen zu lesen
sind?<lb/>ja, ob diese Zusätze nicht ein Gefordertes in England<lb/>wären? -
In Lessing's Nathan heißt es: ,rum muß der<lb/>Knorr den Knubben hübsch
vertragen.?<lb/>Nirgend aber erscheint die Spottlust, und diese ist
die<lb/>hervorragendste schlimme Eigenschaft des Buches, in
häß-<lb/>licherem Lichte, als wenn die Verfasserin desselben,
Deutschland<lb/>mit unverkennbarem Spotte immer als ,the katherlunar
be-<lb/>zeichnet.<lb/>Das Deutsche Reich, wie es sich zu unserem Heile
endlich<lb/>als Einheit herausgebildet hat, das Vaterland, wie wir
es<lb/>lieben und im Herzen tragen, hat nicht das Glück, sich
ihrer<lb/>Anerkennung zu erfreuen, denn sie hat sich ihre Meinung
über<lb/>unsere politischen Verhältnisse offenbar in
partikularistischen,<lb/>dem Deutschen Reiche abholden Kreisen
zusammengeholt. Sie<lb/>will es eben deshalb auch nicht verstehen, weßhalb
der Deutsche<lb/>keine höhere Bezeichnung für sein Land kennt, keine, die
ihm<lb/>das Herz höher schlagen macht, und keine, in welcher sich
seine<lb/>Liebe für die Heimat, für die Familie, voller und
einheitlicher<lb/>ausspricht, als indem er das Land, in welchem er
geboren,<lb/>nicht wie der Engländer ,sein Land'', sondern das Land
seiner<lb/>Väter ,sein Vaterland', und die Sprache, welche er redet,
nicht<lb/>die Nationalsprache, sondern die Sprache der Mutter nennt,<lb/>von
der er sie erlernte, ,seine Muttersprache!f'<lb/>Einer Frau aber, die dieses
nicht als ewas Schönes und<lb/>Erhabenes empfindet, der muß es freilich
schwer fallen, deutsches<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0063_056.tif" n="056"/>
<p>==- H -<lb/>Wesen und deutsches Familienleben zu verstehen; der muß
es<lb/>schwer sein, die in sich beschlossenen deutschen Frauen
nach<lb/>Gebühr zu würdigen, die trotz ihrer Mängel, trotz
ihrer<lb/>Schwächen und Unvollkommenheiten, die in aller
Beschränktheit<lb/>ihres ,verwaschenen, verkochten und vernähten Lebens'' es
oft<lb/>sehr wohl verstehen, die Gedanken ihrer Männer nachzudenken,<lb/>und
ihre Kinder in dem Sinne zu erziehen, der in den Worten<lb/>des ihnen allen
in das Herz gewachsenen Dichters gipfelt:<lb/>An's Vaterland, an's theure
schließ dich an!<lb/>Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,<lb/>Dort sind
die starken Wurzeln deiner Kraft.<lb/>Es leben aber glücklicher Weise auch
jenseit des Kanales<lb/>Männer und Frauen, die Deutschland und die
deutschen<lb/>Frauen anders kennen, besser würdigen, als die
Ungenannte<lb/>es für gut befindet und vermag. Es leben Engländer
und<lb/>Engländerinnen, die Zeugen davon waren, wie diese
schlichten<lb/>deutschen Hausfrauen, diese für sich ganz
anspruchslosen<lb/>Mütter, in den Tagen des letzten über uns frevelhaft
herauf-<lb/>beschworenen Krieges mit heldenhafter Selbstverleugnung
ihre<lb/>Gatten, Söhne, Brüder in das Feld ziehen sahen.<lb/>Es ist hart,
sagte mir, die Thränen zurückdrängend,<lb/>eine noch schöne, noch junge
Frau, als ihr einziger Sohn sich<lb/>vor ihrer Thüre auf das Pferd schwang,
es ist hart, daß ich<lb/>ihn scheiden sehe, aber ich muuß ja Gott danken,
daß er<lb/>gesund ist und gehen kann, seine Schuldigkeit zu thun! -<lb/>Und
wie die Eine, sagten es die Hunderte, sagten es Alle.<lb/>Wahre Wunder
aufopfernder Treue und Hingebung sind<lb/>in der Pflege der Kranken und
Verwundeten, sind von den<lb/>Frauen in der Ergebung geleistet worden, mit
welcher sie die<lb/>Verluste ertrugen, die so Unzählige zu beklagen hatten!
In<lb/>der That, es bedurfte nicht des pomphaften Zurufes auf dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0064_057.tif" n="057"/>
<p>=- Z? -<lb/>Titelblatt von Seiten der Ungennanten, die deutschen
Frauen<lb/>zu ihrer Erhebung ermahnend zu erwecken; sie waren
erhaben<lb/>genug in schwerer Zeit.<lb/>Wir leben, arbeiten, entwickeln uns
eben aus unserer<lb/>Natur heraus, nach unserer Weise, und wir ehren
das<lb/>Gleiche in jeder anderen Nation. Wir fügen dazu den aller-<lb/>dings
sehr weiblichen Wunsch, daß allen Frauen von ihren<lb/>Männern Liebe zu
Theil werden möge, je nachdem sie es ver-<lb/>dienen, Liebe wie sie so
Vielen von uns zu Theil wird; denn<lb/>ich weiß nichts Besseres.<lb/>-;Daß
daneben Denen, welchen das Glück der Liebe und<lb/>der Ehe nicht zu Theil
wird, oder jenen Andern, die es nöthig<lb/>haben, für den eigenen Unterhalt
oder gemeinsam mit dem<lb/>Manne für den Unterhalt ihrer Familie zu
arbeiten,<lb/>eine freie Bethätigung ihrer Kräfte ermöglicht werde, dies
zu<lb/>erreichen sind wir in Deutschland überall. bemüht, von
wackern<lb/>Männern in unserm Bestreben vielseitig gefördert. Wir
be-<lb/>dürfen also durchaus nicht der Ermahnung gigeg fremden<lb/>Frau, und
ihres Mitleids noch weit weniger. Sie mag üüns<lb/>ruhig und unbekümmert
unserem Schicksal und uns selber<lb/>überlassen. Wir wissen, was uns
obliegt, was wir wollen<lb/>und müssen.<lb/>Eine Lehre aber könnten und
sollten die deutschen Frauen<lb/>vor allen andern aus dem Leben der
Engländer sich anzueignen<lb/>trachten: eine verständige Vorsicht in der
Auswahl der Fremden,<lb/>denen sie in ihren Häusern Gastlichkeit gewähren
und ihr<lb/>Zutrauen arglos schenken.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 05</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0065_058.tif" n="058"/>
<p>- ZZ -<lb/>Fünfier lries.<lb/>In der Ichweiz.<lb/>Vernex pres
Montreut,<lb/>im September 17?.<lb/>Wundert Euch nicht, einen Brief von den
Ufern des<lb/>Genfersee's zu erhalten, und wundert Euch auch nicht, daß
ich<lb/>in diesem Jahre nicht mehr nach Hause komme, daß ich<lb/>mich weiter
von der Heimat entferne, als es in den letzten<lb/>zehn Jahren geschehen
ist. Und nun ich den Entschluß gefaßt<lb/>habe, ist es mir noch lieber, daß
mir durch meine alte Freundin,<lb/>die ,Kölnische Zeitung', die Möglichkeit
geboten ist, während<lb/>dieser längeren Abwesenheit mit Euch und den
andern<lb/>Freunden und Theilnehmenden mehr im Verkehr bleiben
zu<lb/>können, als es ohne sie thunlich werden würde.<lb/>Allerdings hat es
jetzt der briefschreibende Reisende nicht<lb/>leicht, wenn sich die Aufgabe
stellt, Neues, Ungekanntes zu<lb/>berichten. Die Erde ist klein geworden
seit die Eisenbahn-<lb/>schienen und Telegraphendrähte sie umspannen. Alle
Welt<lb/>hat die Welt gesehen. Das Reisen ist ein Geschäft geworden<lb/>wie
ein anderes, das Reisebeschreiben eben so; und es wird<lb/>von so Vielen so
gut gemacht, daß man viel guten Glauben<lb/>und viel Zutrauen zu sich selber
haben muß, wenn man sich<lb/>der Einbildung hingeben will, etwas
Neberraschendes zu ver-<lb/>melden, etwas Unbekanntes mitzutheilen: es sei
denn, daß<lb/>man eine Wanderung guer durch Afrika macht, oder durch<lb/>das
ewige Eis nach dem Nordpol vordringt. Daß ich weder<lb/>das Eine noch das
Andere vorhabe, brauche ich nicht zu ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0066_059.tif" n="059"/>
<p>==-- Zß -<lb/>sichern. Ich gehe einfach nach Rom, um wieder einmal
einem<lb/>nordischen Winter auszuweichen, um unter grünen Sträuchern<lb/>und
blühenden Bäumen auf dem Monte Pincio, statt auf<lb/>der schnee- und
regennassen Straße vom Brandenburger Thor<lb/>nach der HofjägerAllee zu
gehen, um noch einmal die Stätten<lb/>wiederzusehen, mit denen meine
Erinnerungen so tausendfach<lb/>verknüpft sind; und wie ich vor zchn Jahren
von Rom aus<lb/>ein paar Mal in jedem Monat einige Blätter nach
Hause<lb/>gesandt habe, so denke ich es auch jett wieder zu
thun.<lb/>Freilich sollte man meinen, in einer Zeit, deren
charakte-<lb/>ristische Eigenschaft das Massenhafte ist, müßte das
Persönliche<lb/>am Ende ganz und gar verschwinden. Indeß das
Einzelwesen<lb/>behauptet mit dem Trieb der Selbsterhaltung doch
sein<lb/>Recht des gesonderten Bestehens und Erlebens, und
darauf<lb/>beruht, wie ich glaube, die Hoffnung, daß wir unter
der<lb/>Herrschaft des Massenhaften nicht in Barbarei versinken.
Wir<lb/>müssen hoffen, daß die großen Welt -Ausstellungn, die
Monstre-<lb/>Konzerte - wie bezeichnend ist der bloße Name! daß
die<lb/>Gesammtreisen, bei denen man sich in Massen von
einem<lb/>Unternehmer durch und um die ganze Welt herumführen läßt,<lb/>bei
denen Scharen zum Vergnügen scharenweise ganz dasselbe<lb/>sehen, nicht noch
schlimmer wirken, nicht noch mehr verflachen,<lb/>als sie es wirklich thun.
Denn es muß dem eigenarigst aus-<lb/>geprägten Menschen, dünkt mich, schwer
werden, in solcher un-<lb/>zusammenhängenden und doch zusammen gehörigen
Gemeinschaft,<lb/>sich in sich selbst zurückzuziehen. Wer aber vollends noch
wie<lb/>ich z. B. die schöne Selbstherrlichkeit gekannt hat, mit
welcher<lb/>man vor O, 45 Jahren, zur Zeit der damals fertig
gewordenen<lb/>Chausseen, im eigenen Wagen nach eigenem Belieben in
voller<lb/>Sicherheit durch die Länder fuhr, der kann sich nicht
recht<lb/>darein finden, wie die Menschen sich jettt zum
Vergnügen<lb/>freiwillig dessen berauben mögen, was man sonst als
den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0067_060.tif" n="060"/>
<p>==- Fß -<lb/>größten Reiz des Reiselebens ansah, des Glücks, an
jedem<lb/>Tage in gänzlicher Freiheit Dasjenige zuthun und zu
unterlassen,<lb/>was in dem gegebenen Augenblicke zu thun oder zu
lassen<lb/>Einem eben das Erwünschte schien.<lb/>Schon in den großen,
prächtigen Gasthäusern betreffe ich<lb/>mich in der allgemeinen Hast und
unruhigen Gleichgültigkeit<lb/>oft auf dem Gedanken, daß es nachgerade
dankenswerth sein<lb/>möchte, statt der immer wachsenden Zahl der
kasernenhaften<lb/>Hotels, hier und da kleine Einsiedeleien für den Sommer
ein-<lb/>zurichten, in denen ein paar gebildete und befreundete
Menschen<lb/>in stillem, ruhigem Genusse der schönen Natur und ihrer
selber<lb/>froh werden könnten.<lb/>Nie mehr als eben in diesen rastlos
gewordenen Zeiten<lb/>habe ich es begreifen können, wie man eine ,ozage
autour äe<lb/>wa ehamhrsr oder etwa,,Reisebriefe eines
stillsitzendenReisenden''<lb/>schreiben könne; und auf etwas der Art wird es
mit den<lb/>Briefen wohl hinauslaufen, die Ihr von mir empfangen
werdet.<lb/>Das Reisen wird ganz etwas Anderes, wenn man die
Gegenden,<lb/>die Orte, die man berührt, nicht mit dem Auge der
Neugier,<lb/>der Neberraschung betrachtet, wenn man aus einem
Touristen,<lb/>so zu sagen, ein vergleichender Reisender geworden ist,
wenn<lb/>man neben der Gegenwart die von ihr so weit
verschiedene<lb/>Vergangenheit unwillkürlich im Sinne hat, wie man sie
zuerst<lb/>kennen lernte.<lb/>Ich weiß nicht, ob Ihr Euch aus dem
Skizzenbuche von<lb/>Washington Irving der Geschichte von Rip van Winkle
er-<lb/>innert? Mich hat sie in meiner Jugend sehr gerührt. Sie<lb/>erzählte
von einem Manne, der durch Berggeister von der Welt<lb/>abgetrennt worden
war, in welcher er gelebt und gewirkt hatte.<lb/>Als er dann nach langen,
langen Jahren in dieselbe zurück-<lb/>versetzt wird, kann er sich nicht mehr
in ihr zurechtfinden. Er<lb/>kennt Niemanden, ihn kennt Niemand. Und es
läuft dann<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0068_061.tif" n="061"/>
<p>= ß -=<lb/>damit auf die uralte Klage über die Vergänglichkeit
des<lb/>Menschen und alles Irdischen hinaus, auf die Klage, der<lb/>Walther
von der Vogelweide den rührenden Ausdruck ge-<lb/>geben hat:<lb/>Oh weh! wo
sind geblieben meine Jahre?<lb/>Sind sie mir geträumet oder sind sie
wahr?<lb/>Die mit mir waren jung, sind worden grau und kalt,<lb/>Vertreten
ist das Feld, verhauen ist der Wald -<lb/>Nur daß das Wasser ießet, wwie es
weiland foß!<lb/>und selbst das ist jetzt oftmals nicht mehr der Fall, und
man<lb/>braucht nicht nach Menschenaltern, sondern häufig nur
nach<lb/>Jahrzehnten an die Orte wiederzukehren, die man früher
ge-<lb/>kannt hat, um Straßen und Quais und Wege und Bauten<lb/>zu sinden,
wo man einst vor Wiese und Wald, vor Moor<lb/>und Teichen, vor Flußausläufen
und an Seen gestanden hat.<lb/>Aber, und dies hat man mit Genugthuung
festzustellen, in der<lb/>Schweiz, in welcher ich diesen Sommer über
verweilt habe, ist<lb/>es durchweg eine Wandlung zum Besseren, die ich zu
beobachten<lb/>gehabt habe.<lb/>Wenn ich mich z. B. an das Ragaz erinnere,
das ich vor<lb/>zwanzig Jahren zuerst gesehen, so ist der Abstand zu
dem<lb/>jeigen sehr belebten Badeorte ungemein groß. Damals war
der<lb/>ehemalige alte Bischofssitz das eigentliche Kurhaus. Es lag<lb/>ganz
allein auf dem weiten Platze und sah mit seinen grauen<lb/>Mauern, mit
seinem schweren Dache, mit seinen in Stein ge-<lb/>faßten breiten niedern
Fenstern eben so würdig und wohnlich,<lb/>als ernsthaft unter seiner Reihe
von großen Pappeln hervor.<lb/>Eine Anzahl von Orangenbäumen in Kübeln waren
die ganze<lb/>Zierde des Platzes. Eine durch die Möglichkeit des
Unter-<lb/>gebrachtwerdens sehr beschränkte Zahl von Kurgästen saß
auf<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0069_062.tif" n="062"/>
<p>=- FZ -<lb/>einzelnen Bänken vor der Thüre. Das Ganze hatte
etwas<lb/>feierlich Langweiliges und Melancholisches. Der Anbau
wollte<lb/>nicht viel bedeuten, und der einzige andere Gasthof,
das<lb/>Taminahotel, in dem wir Quartier nehmen mußten, war so<lb/>schmutzig
und widerwärtig, daß wir froh waren, als wir am<lb/>andern Tage, nach
pflichtmäßiger Besichtigung der Schlucht<lb/>und der Luellen, den
unwirthlichen Aufenthalt wieder ver-<lb/>lassen konnten.<lb/>Und jetzt? -
Jetzt ist Ragaz zwar kein Badeort mit<lb/>rauschenden Vergnügungen, wie die
Spielbäder sie ihren Be-<lb/>suchern einst zu bieten hatten, aber es ist,
abgesehen davon,<lb/>daß es wirklich eine Art von Jugendbrunnen ist, ein
äußerst<lb/>angenehmer, friedlicher, jedem Bedürfniß begegnender
Aufent-<lb/>halt; und es ist das Alles durch die außerordentliche
Thatkraft<lb/>und den unternehmenden Sinn eines schweizer Bürgers
ges<lb/>worden, den, wenn Herr Simon ein Engländer wäre,
Smiles<lb/>sicherlich in die Reihe der ,selbstgemachten Männer''
aufge-<lb/>nommen haben würde, welche er in dem ,kelg zonrselE (Hilf<lb/>dir
selbers seiner Nation zum ermuthigenden Beispiel aufge-<lb/>stellt hat. Was
ich von ihm und seinem Lebenswege weiß,<lb/>ist nicht eben viel, denn er
spricht nicht viel von sich selber,<lb/>auch wenn man ihn dazu veranlaßt;
aber es ist doch interessant<lb/>und der Erwähnung einmal durchaus
würdig.<lb/>Herr Simon ist der Sohn ganz unbemittelter Leute aus<lb/>dem
Kanton St. Gallen, wenn ich mich nicht irre. Sein<lb/>neunzigjähriger Vater,
seine greise Mutter leben noch. Früh<lb/>als einfacher Maurer in die Welt
und nach Rußland gegangen,<lb/>mußte er sich selber an Wissen und
Kenntnissen aneignen, was<lb/>er bedurfte, um aus einem Maurer ein
Baumeister zu werden,<lb/>der mehr und mehr Kundschaft und Vertrauen erwarb,
so daß<lb/>endlich einer der reichen russischen Großen ihm den Bau
eines<lb/>Palastes übertrug. Das war der Anfang, der Herrn Simon<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0070_063.tif" n="063"/>
<p>= ßZ =<lb/>weiter führte, bis er bauend und schaffend sich selber ein
Ver-<lb/>mögen erschaffen hatte, mit welchem er, verheirathet mnit
einer<lb/>Russin aus guter Familie und Vater mehrerer Kinder, in
die<lb/>Schweiz und in seine Heimat zurückkehren konnte, um seine<lb/>Kräfte
und sein Kapital in derselben weiter zu verwerthen.<lb/>Er hat das gethan in
einer wahrhaft großartigen Weise. Denn<lb/>das jettige Ragaz ist
thatsächlich von ihm geschaffen, seitdem<lb/>die Regierung ihm den Distrikt
und mit ihm die Quellen und<lb/>ihre Verwerthung auf, wie ich meine neunzig
Jahre, gegen<lb/>einen entsprechenden Entgelt überantwortet hat.<lb/>Er hat
den prächtigen Quellenhof aufgeführt, den Hof<lb/>Ragaz mit dem inzwischen
entstandenen Helenenbade verbunden,<lb/>das Konversationshaus, die neuen
Bäder, die Kolonnaden er-<lb/>richtet, die Luellenleitungen verbessert,
Gärten angelegt, Springs<lb/>brunnen geschaffen, Villen gebaut und ein ödes
Thal in eine<lb/>lachende Gegend verwandelt. Seine Neubauten nöthigten
da-<lb/>nach die anderen Gasthofbesitter zu gleichem Vorgehen.
Privat-<lb/>häuser für Badegäste wurden zum Bedürfniß, weil der
Besuch<lb/>des Bades, seit es angenehm geworden, in beständigem
Wachsen<lb/>war; und so ist allmählich ein sehr ansehnlicher und
freund-<lb/>licher moderner Badeort entstanden, wo vor zwanzig
Jahren<lb/>eben nur der Anfang eines solchen vorhanden war.<lb/>Aber das
Alles ist nicht leicht zu erreichen gewesen, denn<lb/>nicht nur mit den
Menschen und den Verhältnissen, mit den<lb/>großen Naturgewalten gab es hier
zum Defteren den furcht-<lb/>baren Kampf zu bestehen. Wenn die
Rheinüberschwemmungen<lb/>das Thal durchströmten, wenn die Wasserfluthen aus
den<lb/>Bergen die schäumende und tobende Tamina schwellten, daß<lb/>die
Röhrenleitungen und die Luellen selber in Gefahr der<lb/>Zerstörung standen,
galt es sich zu bewähren. Und Freunde<lb/>von mir, die in solchen Zeiten den
kleinen Mann, Tag und<lb/>Nacht im Wasser stehend, gebietend, ordnend, für
jeden neuen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0071_064.tif" n="064"/>
<p>==- HF; -<lb/>Zwischenfall und Unfall eine neue Hülfe findend, unter
seinen<lb/>Arbeitern gesehen haben, sprechen noch heute mit
Bewunderung<lb/>davon.<lb/>Aber auch jett noch rastet er nicht, wo er in der
Mitte<lb/>seiner liebenswürdigen Familie sich der Ruhe wohl
erfreuen<lb/>könnte. Die ganzen sechs Wochen hindurch, die ich dort
ver-<lb/>weilte, bin ich es nicht müde geworden, mich an dem Orte<lb/>und an
seinem Emporkommen zu erfreuen; es nicht müde ge-<lb/>worden, dem kleinen,
rührigen Manne mit dem schwarzen<lb/>Krauskopf nachzusehen, dem man seine S0
Jahre gar nicht<lb/>anmerkt; der vom frühen Morgen bis zum späten Abende
als<lb/>der wahre ,Genius des Ortes'' überall zu finden ist: in
den<lb/>unvergleichlich gehaltenen Gemüse- und Lbstgärten, in
den<lb/>Steinbrüchen, die ihm auch gehören wie das ganze Gebiet,<lb/>und die
ihm das Material zu seinem noch fortdauernden Bauen<lb/>liefern. Er ist
überall: in den Bureaux, in den Hotels, die<lb/>von seinen Geranten
musterhaft verwaltet werden; in den<lb/>Weinbergen, in Wald und Feld, denn
der Ort versieht sich so<lb/>weit als mdglich aus sich selbst, mit dem, was
er sich eben<lb/>schaffen kann; und wohin sich das Auge des Herrn in
raschem<lb/>Vorüberstreifen wendet, sieht er das Fehlende, weiß er es
her-<lb/>zustellen und hervorzubringen.<lb/>Solche Männer, die ihren Weg
gemacht haben, während<lb/>sie dem Allgemeinen nüten, haben mich immer
ungemein an-<lb/>gezogen, und ich glaube, neben den,Heldenbüchern'',
deren<lb/>wir ein ganzes Theil besitzen, wäre es wol an der Zeit,
zur<lb/>Ermuthigung für die aus Dürftigkeit emporstrebende Jugend<lb/>ein
andres ,Hilf dir selbst'' für Deutschland zu schreiben, wie<lb/>Smiles es
für die Engländer geliefert hat. An Stoff dafür<lb/>ist auch unter uns kein
Mangel. Ich aber würde glauben, recht<lb/>etwas Gutes gethan zu haben, wenn
ich mit diesem ersten<lb/>Vorschlag einem Befähigten die Anregung dazu
gegeben hätte.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 06</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0072_065.tif" n="065"/>
<p>=- sJ -<lb/>Was ich weiter von erfreulichem Fortschritt in Zürich,<lb/>Bern
und hier in Montreux wahrgenommen habe, davon be-<lb/>richte ich, ehe ich
noch meinen Weg südwärts über die Alpen<lb/>weiter gehe.<lb/>Beäiter
Vrief.<lb/>Vom Genfersee.<lb/>Vernex, October l8?.<lb/>Es ist nicht nur die
schöne Gegend, die das Reisen in<lb/>der Schweiz so anmuthig mact, sondern
es sind eben so die<lb/>vielen hübschen, emporkommenden, zum Theil geradezu
prächtig<lb/>gewordenen Städte, deren Wasserreichthum ihnen einen
ganz<lb/>besonderen Reiz verleiht, namentlich für denjenigen, der
in<lb/>Berlin diesen Segen der Natur zu entbehren hat. So oft ich<lb/>die
Klageworte der Bibel gehört habe: ,An den Wassern von<lb/>Babylon saßen sie
und weineten'' habe ich gedacht:,ie<lb/>hatten doch wenigstens Wasser und
wir haben keines!? Und<lb/>ich habe mich nie der Vorstellung entschlagen
können, daß<lb/>Berlin, ganz abgesehen von seiner ungünstigen Anlage,
schon<lb/>um seiner Wasserarmuth willen niemals zu einer
wirklich<lb/>schönen Stadt werden könne, wie Paris und London, wie<lb/>Wien
und Frankfurt, wie Hamburg, oder gar wie das von<lb/>Fontänen durchrauschte
ewige Rom. Dazu will mich's bedünken,<lb/>als ob bei uns die Wandlungen zum
Neuen und zum Schönen<lb/>sich viel langsamer vollzögen als an anderen
Orten.<lb/>Ieh habe z B. das alte Lille im Laufe weniger Jahre<lb/>zu einer
völlig anderen und viel schöneren Stadt sich entfalten<lb/>gesehen; und wenn
ich betrachte, wie das enge, früher so ganz<lb/>in sich zusammengekauerte
Zürich, wie Bern, wie Luzern und<lb/>F. Lewald, Teis. rieee.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0073_066.tif" n="066"/>
<p>= ßHß -<lb/>wie selbst hier Vernex, Clarens und Montreux in den
letzten<lb/>zehn Jahren großartig und schön geworden sind, so macht
mich<lb/>das betroffen im Hinblick auf die Heimat. Es ist
erstaunlich<lb/>und sehr lehrreich, was diese kleinen, selbstherrlichen
Städte<lb/>in sicherem Vorwärtskommen leisten. Und wie wird Zürich
erst<lb/>stattlich werden, wenn es den Quai am See besitzen wird,
den<lb/>man früher oder später zu bauen beabsichtigt.<lb/>Dafür hat man es
denn an solchen sich fortentwickelnden<lb/>Ortschaften natürlich auch
vielfach zu bemerken, daß selbst das<lb/>Wasser ,nicht mehr fliesßet, wie es
einstmals floß.? Doch was<lb/>will das bedeuten! Der See blaut noch in aller
seiner<lb/>Lieblichkeit zwischen den Reihen von Hügeln, die ihn
um-<lb/>spannen. Die grüne funkelnde Limat und die Sihl stürzen<lb/>noch so
rasch und brausend zu Thale, als könnten sie es gar<lb/>-nicht erwarten
zueinander zu kommen; aber von dem Gasthof<lb/>zum Schwan in Neu-Münster, in
dem ich auch diesmal wieder<lb/>wohnte und aus dessen Fanstern man früher
itber den hübschen<lb/>Garten und über die Wiesen des Seefeldes hinweg,
hinab-<lb/>schaute bis zum See, breitet sich jetzt ein ganzes
belebtes<lb/>Stadtviertel aus. Da, wo wir einst, Johann Jacoby und
ich,<lb/>durch stille Wiesenpfade schlendernd, meinen Mann und meinen<lb/>im
Exil lebenden Vetter, Heinrich Simon von Breslau, den<lb/>wir Drei aus
Deutschland zu besuchen gekommen waren, zun<lb/>Bade hinabbegleiteten,
kreuzen sich jettt ansehnliche Straßen,<lb/>liegen Villen an Villen inmitten
schöner Gärten; und als<lb/>sollte ich recht an den Wechsel der Zeiten und
an das Hin-<lb/>scheiden der drei theuren Menschen erinnert werden,
sangen<lb/>ein paar Knaben, die des Weges gingen, ein mir ganz
fremdes<lb/>Lied nach der Melodie von: ,Was ist des Deutschen
Vater-<lb/>land??<lb/>Nun, unser Vaterland brauchen wir jetzt glücklicher
Weise<lb/>nicht mehr fragend zu suchen; aber wie wir es in der
Heimat<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0074_067.tif" n="067"/>
<p>===- ß? --<lb/>oft mit Schmerz beklagt, daß Heinrich Simon den Tag
des<lb/>neuen Deutschen Reichs nicht mehr erlebt hat, so that ich es<lb/>bei
dem Gange, und in jener andern Stunde lebhaster als je,<lb/>da ich vom
Wallensee hinaufsah zu dem schönen Denkmal,<lb/>das Freundestreue und
Verehrung ihm oberhalb Murg in<lb/>der Fremde aufgerichtet. Denn Niemand
hätte fester zu<lb/>dem geeinigten Deutschland gestanden, darüber sind alle
seine<lb/>ihn überlebenden Freunde einig, als dieses durchaus
deutschen<lb/>Mannes starkes Herz. Wir haben allen Grund, uns
recht<lb/>häufig die bittenden Worte in das Gedächtniß zu rufen,
die<lb/>einst Theodor Körner, wie im Vorgefühl des eigenen
Schicksals,<lb/>für diejenigen ausgesprochen hat, die redliche Kämpfer
gewesen<lb/>sind in ihrer Zeit, und denen es nicht beschieden ist, den
Tag<lb/>des Sieges zu erleben: ,Vergeßt die treuen Todten nicht!'<lb/>Ich
ging bewegten Sinnes einsam den einsamen Pfad.<lb/>Sie waren Alle hin, mit
denen ich ihn sonst gewandelt! Aber<lb/>der steinerne Kaiser Karl der Große
saß noch so wie sonst<lb/>auf seinem erhabenen Throne an der Wand des
Münster-<lb/>thurmes, und sah hernieder wie er es gethan durch alle
die<lb/>Jahrhunderte.<lb/>Wie er sich wundern muß, daß dicht vor den
engen<lb/>Straßen, die den Thurm umgeben und in die nie ein<lb/>Sonnenstrahl
hineindrang, sich jetzt die majestätische sonnen-<lb/>beschienene Brücke in
Straßenbreite über die Wasser der<lb/>Limat spannt? Wie erstaunt er sein
muß, über die pracht-<lb/>rolle Bahnhofsstraße, über den mächtigen Bahnhof
und über<lb/>all den Dampf, der nicht wie zu seinen Zeiten in
feinen<lb/>duftigen Wölkchen den Weihrauchbecken der
Chorknaben<lb/>entsteigt, sondern riesigen Maschinen, welche die
lebens-<lb/>lustigen Reisenden aus allen Welttheilen hinüberführen
zu<lb/>seinem alten Zürich, zu den reizenden fluthumspülten
schattigen<lb/>Gärten des Hauses Bauer am See, einem der
anmuthigsten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0075_068.tif" n="068"/>
<p>=- FZ ==<lb/>Punkte diesseits der Alpen, an welchem die reiche
Reise-<lb/>gesellschaft, aber eben auch nur diese, zu rasten gewohnt<lb/>und
im Stande ist.<lb/>Von Zürich in bequemer halbstündiger
Eisenbahnfahrt<lb/>hinauf nach dem Netliberg, den Blick auf den See und
die<lb/>Alpen zu genießen. - Ein kurzes, eintägiges Verweilen an<lb/>dem
Prachtquai des gastfreundlichen Luzern; ein paar Tage<lb/>in dem
ernsthaften, in dem gebieterisch aussehenden, trotigen<lb/>Bern, dessen
Münster mit seinem gewaltigen Unterbau sich<lb/>mit Ehren sehen lassen kann
neben allen großartigsten Bau-<lb/>werken der neuen Zeit. Man sollte meinen,
Eyklopen hätten<lb/>diese Steinmassen aufeinandergefügt, hätten sich die
Riesen-<lb/>massen des Gebirges drüben zum Vorbilde genommen.
Ein<lb/>mächtiges Denkmal des Mittelalters und der Kirche, in<lb/>ihrer
ganzen Kraft und Großheit!<lb/>Und kraftvoll und aus dauernd sind sie auch
die Strebe-<lb/>pfeiler, welche durch die Hauptstraßen der Stadt die
Lauben<lb/>vor den Häusern stüten. Nur zu wandeln unter diesen<lb/>Lauben,
oder gar zu wohnen in den düstern Räumen, die<lb/>sie überschatten, muß man
nicht verpflichtet sein! Oberhalb<lb/>der Lauben, wo die Fenstersitze sich
gegen die Straße öffnen,<lb/>wo auf rothen Polsterkissen hübsche Mädchen in
den Nischen<lb/>bei der Arbeit weilen, sieht es freilich hübsch und südlich
und<lb/>sogar ein wenig nach dem römischen Corso aus; aber es<lb/>ist mit
den sehr alten Häusern doch ein mißlich Ding.<lb/>Denn wie sehr unser auf
das Erhalten des Bestehenden,<lb/>des uns Werthgewordenen gerichteter Sinn
sich auch dagegen<lb/>sträubt, es ist etwas Wahres in der Behauptung des
nun<lb/>auch gestorbenen Amerikaners Hawthorne, daß ein Wohnhaus,<lb/>um
gesund zu sein, nicht länger als hundert Jahre tehen<lb/>und erhalten
bleiben dürfe.<lb/>So lachend Zürich, so tüchtig Bern sich darstellt,
haben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0076_069.tif" n="069"/>
<p>=- Fß =<lb/>doch beide Städte neben der Schönheit ihrer neuen
Stadttheile<lb/>noch ein gut Theil Straßen, Gäßchen, Winkel und
Baulich-<lb/>keiten, in denen eine gesunde menschliche Existenz
durchaus<lb/>nicht möglich ist; und solche bedenkliche Reste aus alten
Zeiten<lb/>fehlen in keiner unserer Städte. Nicht bei uns in der
noch<lb/>gar nicht alten Reichshauptstadt, nicht in Jena, nicht in
Weimar,<lb/>in denen ich Häuser, Flure, Treppen gesehen zu haben
mich<lb/>erinnere, in die nie ein Sonnenstrahl hineingedrungen
sein<lb/>kann, und die gar kein Recht des Bestehens mehr haben in<lb/>einem
Jahrhundert, das es erkennen gelernt hat wie sehr wir<lb/>Menschen Kinder
des Lichts sind, wie wir nicht gedeihen<lb/>können ohne Licht und
Luft.<lb/>Licht und Luft haben wir nun hier in Montreux, Vernex<lb/>und
Clarens die Hülle und die Fülle, in diesem Jahre für die<lb/>Kranken sogar
weit mehr frische und bewegte Luft als sie<lb/>begehren und gebrauchen
können. Aber wie sind die drei<lb/>Ortschaften, die man unter dem
Gesammtbegriff Montreux<lb/>zusammenfaßt, emporgekommen, seit ich sie vor
zehn Jahren<lb/>verlassen habe!<lb/>Von Clarens bis hinter Veyteaux zieht
sich die Reihe<lb/>der Häuser fast ununterbrochen am See entlang. Wo
wir<lb/>im Herbst und Winter früher unterhalb Montreux bei
unseren<lb/>Spaziergängen sorgfältig zu probiren pflegten, wo man
gehen<lb/>und mit Sicherheit hintreten könne, folgt die feste, mit
erhöhtem<lb/>gepflastertem und breitem Trottoir versehene Fahrstraße,
schön<lb/>gehalten, dem Ufer ununterbrochen durch alle Ortschaften
am<lb/>See; eine der schönsten Promenaden, die ich kenne. Von den<lb/>Höhen
der Berge hat ein Verein von Aktionären vor etwa<lb/>sieben Jahren die
reichen Wasserquellen der Avants in's Thal<lb/>hinabgeleitet, daß man an
allen Ecken und Enden die Schläuche<lb/>einlegen und das Wasser in reicher
Fülle zu Tage kommen<lb/>sieht. Die Wege, deren Staub in trocknen Zeiten
früher eben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0077_070.tif" n="070"/>
<p>=- Z =<lb/>so lästig war, als ihre Zerfahrenheit in schlechter
Jahreszeit,<lb/>werden reichlich gesprengt; in allen Häusern hat man
des<lb/>Wassers im Neberfluß. Nach Charnex hinauf, das sonst zu<lb/>Wagen
kaum zu erreichen war, ist eine neue breite Fahrstraße<lb/>angelegt, die
durch die ganzen Bergzüge fortgesetzt werden<lb/>und eine bequeme Verbindung
zwischen den sämmtlichen Ort-<lb/>schaften, bis hinauf zu den Avants
herstellen sollen. Von<lb/>Montreux ist ein sehr pittoresker Spaziergang
durch den<lb/>Chaudron nach Glion hinauf gebahnt worden; nur die
Fahr-<lb/>straße nach Glion selbst, dem besuchtesten Orte auf der
Höhe,<lb/>ist in ihrem oberen Theile noch eben so schlecht, noch eben
so<lb/>steinig und so bedenklich schmal als vor zehn Jahren, so daß<lb/>es
zu verwundern ist, wie keine Unglücksfälle auf derselben<lb/>vorgekommen
sind.<lb/>Oben in Glion, in Charnex, auf den Avants sind neue<lb/>und sehr
gute Gasthöfe entstanden, und unten in Clarens und<lb/>Vernex ist so vicl
gebaut worden, daß mich bedünken will, es<lb/>müsse jetzt weit mehr
Unterkommen für Fremde vorhanden sein,<lb/>als Fremde es zu benutzen.
Namentlich unterhalb Clarens hat<lb/>ein Herr Vincent Dubochet, der Besitzer
der Schlösser Chatelard<lb/>und des alten Chateau des Eretes, eine Colonie -
um nicht<lb/>richtiger zu sagen einen Klumpen - von etwa zwanzig
Villen<lb/>in den wunderlichsten, buntesten Stilarten erbaut, die auf
das<lb/>Eleganteste in französischem Geschmack mit vollkommenem
Haus-<lb/>rath ausgestattet, je nach ihrer Größe zu
verhältnißmäßig<lb/>nicht zu hohen Preisen für den Winter oder für das ganze
Jahr<lb/>zn vermiethen sind. Ein Haus mit Salon und Speisesaal, mit<lb/>vier
herrschaftlichen und so und so viel Schlafzimmern für die<lb/>Dienerschaft,
mit acht Tischgedecken, sechs Dutzenden Servietten,<lb/>mit Silber, pariser
Lampen e. ., war z. B. nach Aussage des<lb/>Castellans für das halbe Jahr
für 8500 Frcs. zu haben. Aber<lb/>einen drolligeren Anblick als diese durch
kleine Gärten unter-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0078_071.tif" n="071"/>
<p>== Z! -=<lb/>brochene Häusermasse, zwischen dem Sce und dem
augenblicklich<lb/>noch trocknen steinigen Flußbett, kann man sich kaum
denken. Es<lb/>sieht aus, als hätte ein Gigantenkind eine Häuserschachtel
ausge-<lb/>schüttet. Doch mag es sich in den einzelnen Villen recht
behaglich<lb/>wohnen lassen, wie geschmacklos ihr Gesammtaussehen auch
ist.<lb/>An Luxusmagazinen, an RemisenmitdenelegantestenWagen,<lb/>die
jedoch recht theuer sind, ist jetzt hier Neberfluß vorhanden;<lb/>und wie
ich vor zehn Jahren oft mit stillem Vergnügen beob-<lb/>achtet habe, was
alles in dem einen kleinen Laden von Madame<lb/>Fabre zu haben war, die
jetzt auch ein Hotel auf dem Höhen-<lb/>wege gebaut hat, in dem sie
Pensionäre hält, so bin ich jetzt<lb/>gar häuufig mit Erstaunen vor den
zahlreichen Magazinen stehen<lb/>geblieben, in denen für Kleidung, füür
vollständige Wohnungs-<lb/>einrichtungen, wie für jede Art von Ansprüchen an
Kost- und<lb/>Tafelsreuden, vorgesorgt ist wie in den größten Städten.
Es<lb/>fehlt Nichts: nicht Kunsthandlung, nicht Buch- und
Musikalien-<lb/>handlung; und wenn Vernex und Montreux mit allen
diesen<lb/>Dingen auch am reichlichsten versorgt sind, so ist auch
der<lb/>untere und landeinwärts gelegene Theil von Clarens
nicht<lb/>zurückgeblieben, und man findet auch dorten Alles, was
der<lb/>Fremde nöthig hat.<lb/>Ein stattliches Schulhaus, ein Krankenhaus
sind neu er-<lb/>baut. Selbst in dem lieben, alten, winkligen Montreux,
das<lb/>für Veränderungen in seinem Winkel unter dem Rigi Vaudois<lb/>am
wenigsten geeignet ist,, hat man die Straße stellenweise<lb/>verbreitert,
hat man - ud schwer genug - Raum gefunden<lb/>für ein neues, ganz
resektables Stadthaus. Und das Alles<lb/>haben diese kleinen Gemeinden aus
sich selbst erzeugt. Allein<lb/>für das auf dem oberen Wege nach Clarens
sehr frei und<lb/>gesund gelegene Krankenhaus haben sie 9 000 Frcs.
zusammen-<lb/>gebracht; und was ein gutes Zeugniß für die
Eingeborenen<lb/>gibt, man hört auch jetzt wieder keine Klagen von den
Fremden.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0079_072.tif" n="072"/>
<p>=- ZZ -=<lb/>Jeder ist in seinem Pensionshause, in seinem Gasthofe
mehr<lb/>oder weniger zufrieden, Jeder kehrt in der Regel gern
in<lb/>dasselbe Haus zurück. Felix Mendelssohn hatte wohl Recht<lb/>zu
sagen, dieser Theil des Waadtlandes ist eines der anmuth-<lb/>vollsten
Fleckchen Erde auf der Welt.<lb/>Am wenigsten verändert hat sich, wie
gesagt, das alte Mon-<lb/>treux, das mir am meisten in das Herz gewachsen,
und im<lb/>Winter weitaus für Kranke der wärmste und gesundeste von<lb/>all
den Orten ist. Da kauern die Häuser sich noch wie sonst<lb/>unter dem
Bergwinkel zusammen; da decken die altdeutschen<lb/>berner Dächer noch die
alten Häuser; da blitten noch die alten,<lb/>blanken Kugeln auf den das Dach
überragenden Zinken; und<lb/>unter dem Bogen der hochgelegenen Brücke strömt
zwischen den<lb/>üppig bewachsenen Felsenmassen noch wie sonst die Baye
von<lb/>Montreut in den See hinunter. Alles ist dort so wie sonst,<lb/>und
das ist so schön, das thut so wohl in all. dem Wechsel um<lb/>uns her, wenn
wir ihn auch zu loben haben.<lb/>Heute wie vor zehn Jahren um diese Zeit
sammeln sich<lb/>die letzten Züge der von Norden kommenden Schwalben
zu<lb/>ihrem Zug gen Süden. Die Bergamasken steigen wieder<lb/>mit den
Scharen ihrer großköpfgen Schafe von den Bergen<lb/>herab, und seit der
Schnee die Gipfel des Dent de Jamand,<lb/>der Rochers de Naye und des Kübli
wieder bedeckt, hören<lb/>wir auch wieder das Läuten der Herden, die, von
den<lb/>Matten in ihre Stallungen zurückgekommen, oben vor dem<lb/>alten
Hause Visinand an dem großen zweiröhrigen Brunnen<lb/>Abends zur Tränke
gehen. Dazu teht die bleiche Sichel<lb/>des Neumonds über dem Grammont; die
in purpurner<lb/>Flammenglut hinter dem Jura versinkende Sonne spiegelt
sich<lb/>in dem tiefblauen Wasser wie eine Feuersäule und macht<lb/>die
schneeigen Gipfel des Dent du Midi mit hellrothem<lb/>Scheine in
prachtvollen Wiederschein erglühen. Ganze<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0080_073.tif" n="073"/>
<p>==- ZZ -<lb/>Schwärme von schimmernden Silbertauchern fliegen hin
und<lb/>wieder, bis hinein in die Gärten, in denen, trotz des<lb/>Wetters
verhältnißmäßiger Rauhheit, noch die Rosen und die<lb/>Daturen, der Laurus
und die feuerrothe Silvia splendente<lb/>blühen. Die auf dem See in
Naturfreiheit heimischen<lb/>Schwäne klatschen in einer Reihe hintereinander
in niedrigem<lb/>Fluge dicht über dem Wasser hinstreichend, mit ihren
mächtigen<lb/>Flügeln das Wasser, daß man ein Dampfschiff kommen
zu<lb/>hören glaubt. Es ist das alles in der Natur wie es vor<lb/>Jahren
war; und wir gewöhnen uns, auf ihr Bestehen und<lb/>auf ihre strenge
Regelmäßigkeit so zuversichtlich zu vertrauen,<lb/>als hätten nicht
vorgestern in der Morgenfrühe uns Erdstöße<lb/>aus dem Schlaf geweckt, die
alle Telegraphen des Hauses<lb/>in hellem Klingen laut ertönen machten. Aber
das war ein<lb/>flüchtiger Moment, und wir haben es nöthig, solche
Störungen<lb/>zu vergessen. Wir haben es nöthig, uns zu sagen: die<lb/>Sonne
geht morgen auf! Die Sterne ziehen ihre stille Bahn,<lb/>die Schwalben
werden wiederkehren. Wenn der Herbst vor-<lb/>über und der Winter vorüber
sein wird, kommt Alles mit<lb/>dem Frühling wieder! ,Nur der Mensch, wenn er
hingeht,<lb/>der kommt nicht zurück!r?<lb/>Und wieder ist Einer hingegangen,
der nicht wieder-<lb/>kehrt! Man bringt mir die Zeitung in das
Zimmer:<lb/>Eduard Devrient ist todt. Er war der Letzte der drei
Brüder:<lb/>ein edler Mensch, ein hochgebildeter Mann, ein feiner
Künstler,<lb/>ein tüchtiger Schriftsteller, der in sich die Kunst in
Ehren<lb/>hielt und ehren zu machen wußte.<lb/>Es sind volle fünfundvierzig
Jahre her, daß ich bei meinem<lb/>ersten Aufenthalte in Berlin ihn auf der
Berliner Bühne, ich<lb/>glaube zum ersten Male als Correggio, sah. Lemm
spielte<lb/>den Michel Angelo. Es war die große Zeit des
Berliner<lb/>Theaters. Später habe ich ihn noch oft gesehen. Als
Saladin<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0081_074.tif" n="074"/>
<p>==- F -<lb/>neben der Erelinger, welche die Sittah spielte; als
lavigo<lb/>mit Charlotte von Hagen als Marie, mit Seydelmann als<lb/>Carlos;
als Richard Savage, während die Erelinger die Lady<lb/>Maxwell machte; und
ganz unübertrefflich als Riccault de la<lb/>Marliniöre.<lb/>Er hatte nicht
das schöne Aeußere von Emil, nicht dessen<lb/>klangvolles Organ. Seine
Gestalt war schmächtig, sein Auge<lb/>nicht eben groß und lebhaft, seine
Simme nicht eben stark.<lb/>Aber wo seine Mittel seiner Aufgabe entsprachen,
wußte er<lb/>jene mit sicherem Verstande zu gebrauchen, und diese sehr
klar<lb/>und sehr bestimmt zu lösen. Für einen Saladin war er<lb/>namentlich
neben der Erelinger nicht heroisch und nicht feurig<lb/>genug; aber den
Clavigo konnte man sich kaum anders denken,<lb/>wenn man ihn in der Rolle
einmal gesehen hatte; und eben<lb/>so war es mit dem Riccault. Dabei las er
ganz vortrefflich,<lb/>ohne Profession davon zu machen; und ich denke mit
Vergnügen<lb/>an die Art und Weise zurück, in welcher ich ihn zu
verschiedenen<lb/>Malen im Kreise einer ihm befreundeten Familie,
einzelne<lb/>dramatische Werke und ihre Aufführung in
mündlichemGespräche<lb/>kritisiren hörte. Alles war dabei klar, gemessen,
überzeugend.<lb/>Sein Urtheil war bestimmt, ohne deshalb hart zu sein.
Man<lb/>fühlte, er hielt etwas auf sich, und er erwartete auch
Anerkennung<lb/>von den Anderen. Das gab ihm, da er
verhältnißmäßig<lb/>langsam sprach, einen leichten Anflug von Pedanterie;
aber<lb/>Jeder, der ihn auf der Bühne gesehen oder ihn im Leben<lb/>gekannt
hat, wird seiner und der Zeit, in welcher er dem<lb/>Berliner Theater
angehörte, mit erhebenden Erinnerungen<lb/>gern gedenken.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 07</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0082_075.tif" n="075"/>
<p>=- IJ -<lb/>ieüenfer Vrief.<lb/>Ulnterwegs.<lb/>Florenz, den 1Sten Oktober
18?.<lb/>Tungarno lella Zeeea Kseebis.<lb/>Ich schrieb Ihnen neulich, daß
man es jettt schwer habe,<lb/>wenn man aus der Ferne den Freunden in der
Heimat etwas<lb/>Neues mitzutheilen wüünsche. Dafür aber hat man den
Vor-<lb/>theil, daß man sich, so lange man unterwegs ist, kurz
fassen<lb/>kann, weil so viele Leute einmal des gleichen Weges
gegangen<lb/>sind, und der Telegramm-Stil, diese kurzathmige
Erfindung<lb/>unserer Zeit, dafür vollkommen ausreicht. Ist man
nachher<lb/>an Ort und Stelle, kommt man wieder zur Einkehr in
sich<lb/>selber, so hat man dann seine doppelte Genugthuung daran,<lb/>sich
in Ruhe ruhig ausdrücken und mit seinen entfernten<lb/>Freunden in einen
verständigen Zusammenhang seten zu<lb/>können.<lb/>In acht Stunden von
Montreux nach Chambery, mit<lb/>immer wiederholtem Wagenwechsel, mit einer
jener Zoll-<lb/>visitationen in Bellegarde, an der französischen Grenze,
die<lb/>mehr als jemals zu unnützen Quälereien geworden sind, da<lb/>Niemand
daran denken kann, das ganze Gepäck der Hunderte<lb/>von Reisenden, welche
mit einem Courierzuge herangebraust<lb/>kommen, in Wirklichkeit zu
untersuchen. Es lief also auch in<lb/>diesem Falle nur auf ein paar in der
Eile zerbrochene Koffer<lb/>und Schlösser hinaus, und am andern Tage bei der
italienischen<lb/>Zollvisitation in Modane war es ganz genau dasselbe.
Das<lb/>sämmtliche Gepäck der Reisenden erlitt ein Besehen, bei
welchem<lb/>gar Nichts besehen wurde. Nur die Blumensträuße,
welche<lb/>Freunde mir zahlreich von Montreux auf den Weg
mitgegeben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0083_076.tif" n="076"/>
<p>== F -<lb/>und von denen meine Dienerin noch einige in Händen
hatte,<lb/>beanstandete ein junger Zollbeamter, weil ,die Einfuhr
von<lb/>Blumenbouquets verboten sei'. Ein älterer Kollege des
ge-<lb/>wissenhaften Jünglings kam mir jedoch zu Hülfe, und
meine<lb/>letzten Schweizer Sträuße sind glücklich hier gelandet in
der<lb/>Stadt der Blumen, in Florenz.'<lb/>Am Spätabend des ersten
Reisetages, in herrlichem Mond-<lb/>schein vorüber an dem wellenschlagenden
Wasser des Sees von<lb/>Bourget. In Chambery im Hotel de France zehn Grad
Wärme<lb/>in den Stuben, daß man das Feuer die ganze Nacht zu
unter-<lb/>halten hatte, um aus dem Zimmer nur einigermaßen die<lb/>dumpfe
Eiseskälte auszutreiben; und es waren gleichzeitig mit<lb/>mir verschiedene
Kranke angekommen, Brustleidende, die den<lb/>Süden aufsuchen und nach
Mentone und St. Remo gehen<lb/>sollten. Wenn die Aerzte es nur bedenken
wollten, welchen<lb/>Gefahren und Unbequemlichkeiten namentlich die
Nichtbegüterten<lb/>und die alleinreisenden Kranken unterwegs ausgesetzt
sind!<lb/>Sie behielten ein gut Theil derselben wahrscheinlich zu
Hause.<lb/>Und wenn sie andererseits beobachten könnten, wie
Brustkranke<lb/>z. B. am Genfer See oftmals an klaren, aber kalten
und<lb/>windigen Tagen die halben Tage auf dem Wasser, die Mte<lb/>selber
rudernd, zubringen; wie bei den Traubenkuren pfund-<lb/>weise so saure
Trauben gegessen werden, daß der Magen eines<lb/>gesunden Menschen der Säure
kaum widerstehen könnte -<lb/>sie würden noch schlechter von der gesunden
Vernunft ihrer<lb/>Patienten denken, als sie es jett schon in der Regel
thun.<lb/>Es wird viel gesündigt von den Aerzten so wie von
den<lb/>Kranken!<lb/>In Chambery am frühen Morgen ein Spaziergang
durch<lb/>die Stadt. Sie ist ansehnlich und stattlich. Breite
Straßen,<lb/>herrschaftliche Wohnhäuser, ein schönes Stadthaus. Aus
den<lb/>alten Festungsmauernist eine mit mächtigen Bäumen
bestandene<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0084_077.tif" n="077"/>
<p>Ringstraße gemacht worden. Ein Markt, welcher in derselben<lb/>abgehalten und
auf welchem Lebensmittel, Hausrath, Kleidungs-<lb/>stücke zu sehr billigen
Preisen feilgeboten wurden, brachte viel<lb/>Leben und Bewegung
hinein.<lb/>Mitten in diesen Boulevards erhebt sich in derRue
deBoigne<lb/>das Denkmal des 18 verstorbenen Generals Boigne. Wie
das<lb/>vortreffliche Handbuch von GsellFels uns lehrt, welches
im<lb/>Verein mit Bädecker und- Murray der reisenden Menschheit<lb/>zu einem
so schönen, gemeinsamen und gleichmäßigen Wissen<lb/>verhilst, daß man
einander unterwegs nicht eben viel zu sagen<lb/>und kaum Jemand um Etwas zu
fragen hat, weil. Alle ziemlich<lb/>dasselbe wissen und glauben - wie also
GselFels uns lehrt,<lb/>hat General Boigne in Indien sich ein großes
Vermögen er-<lb/>worben, von dem er einen beträchtlichen Theil seiner
Vater-<lb/>stadt zu wohlthätigen Zwecken hinterlassen hat. Diese hat
ihm<lb/>zum Dank dafür ein Denkmal aufgerichtet, das an
Absonder-<lb/>lichkeit, soweit ich Denkmale kenne, nicht seines Gleichen,
und<lb/>an Häßlichkeit nur Eines zum Nebenbuhler hat. Wo dieses<lb/>Letztere
aber steht, ,das verschweigt des Sängers Höflichkeit'<lb/>aus
Vaterlandsliebe.<lb/>Das Denkmal des Generals Boigne hat als
Unterbau<lb/>einen großen Sockel von weißem Marmor. Auf allen
seinen<lb/>vier Seiten sind thorartige Nischen eingemeißelt, und jede
die-<lb/>ser Nischen ist ausgefüllt mit dem Körper eines
bronzenen<lb/>Elephanten, dessen halber Leib aus der Nische in
ganzer<lb/>Kolossalität hervortritt. Was ist das ? Ist das ein
Elephanten-<lb/>Stall? fragt man sich unwillkürlich. Denn als Träger
des<lb/>Blockes können diese vier Riesenthiere unmöglich gelten, da<lb/>sie
nach den vier verschiedenen Himmelsgegenden hinausmar-<lb/>schiren zu wollen
scheinen. Neber dem Block erhebt sich der<lb/>Stamm eines mächtigen
Palmbaumes, und oben, wo sich die<lb/>Krone desselben mit ihren Blättern
entfalten müßte, trägt<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0085_078.tif" n="078"/>
<p>=- IF -<lb/>dieser Palmbaum eine Galerie, in deren und über
deren<lb/>Eisengitter die Statue des Generals in militärischer
Kleidung<lb/>und parademäßiger Haltung hoch hervorragt. Man kann<lb/>sich
kaum einen überraschenderen Anblick denken. Das Stand-<lb/>bild gehört
wirklich in die barocken Gebilde der Villa Pala-<lb/>gonia hinein.<lb/>Von
Chambery in immer romantischerer Umgebung, von<lb/>Tunnel zu Tunnel, durch
das graue Felsgestein des Gebirges<lb/>nach Jtalien.<lb/>An allen vier
Seitenwänden der Eisenbahnwagen war in<lb/>italienischer, französischer und
englischer Sprache eine Mit-<lb/>theilung der Regierung oder der
Bahnverwaltung angeschlagen.<lb/>Sie besagte, daß seit dem 1ten Januar
dieses Jahres Repara-<lb/>turen in dem größten Tunnel, dem Tunnel von Col de
Frejus,<lb/>nöthig geworden wären. Zu diesem Zwecke habe man Gerüste<lb/>an
verschiedenen Stellen aufschlagen müssen, und habe man<lb/>Sprengungen
nöthig. Die italienischen, englischen und fran-<lb/>zösischen Reisenden
werden also in ihren Muttersprachen drin-<lb/>gend gewarnt, nicht ihre Köpfe
oder Arme zu den Wagen-<lb/>fenstern hinauszustrecken, und freundlich
gebeten, sich nicht zu<lb/>erschrecken, wenn sie Schüsse hören sollten,
sondern ruhig auf<lb/>ihren Plätzen siten zu bleiben. Das fand ich sehr
rücksichtsoll<lb/>für die drei Nationen, die sich vorzugsweise die
KulturNationen<lb/>zu nennen belieben. Aber ich war eben daran, es
Unrecht<lb/>zu nennen, daß wir Deutschen und die anderen
Barbaren-<lb/>völker uns nach Gefallen den Hals brechen und
erschrecken<lb/>sollten, als mir noch glücklicher Weise einfiel, wie man
ja<lb/>überall und überall sich darauf verläßt, daß unsere gute
Er-<lb/>ziehung uns Deutsche mit vielseitiger Sprachkenntniß
auszu-<lb/>rüsten pflegt. Denn es ist sehr selten einmal der Fall,
daß<lb/>man in Gasthäusern, in Bahnhöfen, oder wo es immer sei,<lb/>die
Mittheilungen, welche man den Leuten zu machen hat, in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0086_079.tif" n="079"/>
<p>=== Z -<lb/>deutscher Sprache ausgedrückt findet; und doch war zum
Bei-<lb/>spiel in diesem Jahre in der Schweiz die Zahl der
deutschen<lb/>Reisenden, wie mir schien, eine überwiegend große. Da
es<lb/>aber immer verständig ist, sich Alles zum Guten auszulegen,<lb/>und
sich nicht gekränkt zu glauben, wo man sich mit etwas<lb/>gutem Willen
geschmeichelt fühlen kann, so freue ich mich des<lb/>schönen Zutrauens, das
man in uns sett, und freute mich<lb/>auch, als wir aus dem Dunkel des
Tunnels zum Licht des<lb/>Tages hinauskamen, das sich freilich - es war
gegen den<lb/>Abend hin - inzwischen etwas verdunkelt hatte.<lb/>Es war ein
heftiger Südwind aufgekommen. Er trieb<lb/>die Wolken um den Gipfel des
Berges rasch zusammen.<lb/>Als wir vor zehn Jahren über den Mont Cenis von
Jtalien<lb/>heimkehrten, geschah es in brodelndem Regen, in einem
Post-<lb/>wagen, den vierzehn Maulthiere mit Schellengeklingel über<lb/>due
viclgewundenen Bergesfade führten. Jetzt brausten wir<lb/>im raschen Zuge
vorwärts, durch den starrenden Fels. Die<lb/>einzelnen kleinen Häuser, die
kleinen Ortschaften, die sich mit<lb/>den Steinbelegen ihrer flachen Dächer
wenig von dem Felsen<lb/>unterscheiden, machten denselben Eindruck der
Welt-<lb/>abgeschiedenheit wie vordem auch neben der Eisenbahn.<lb/>Von
einer Höhe, auf welcher eine kleine Kirche lag, stieg<lb/>ein Priester
hinab, das Abendmahl zu einem Kranken, einem<lb/>Sterbenden zu tragen. Der
Weg war steil, den er zu gehen<lb/>hatte. Er war ein bejahrter Mann. Sein
langes, weißes<lb/>Haar flatterte unter dem Barett im Winde. Das
Kreuz,<lb/>das man ihm vorantrug, leuchtete in dem gelblichen
Scheine<lb/>der unter Wolken niedergehenden Sonne. Es war ein<lb/>rührendes
Bild!<lb/>In solcher Einsamkeit, vor solchen Hütten, in denen<lb/>man sich
nicht mit dem philosophischen Wissen eines David<lb/>Strauß, nicht wie
dieser mit Goethe und mit Beethoven das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0087_080.tif" n="080"/>
<p>==- F( -=<lb/>verzagende Herz zu erheben vermag, da muß man das Kreuz<lb/>vor
dem trostbringenden Priester einhertragen sehen, um es<lb/>sich ernstlich zu
Gemüth zu führen, daß es nicht wohlgethan<lb/>ist, ein positives, noch für
Millionen von Menschen wirksames<lb/>und erhebendes geistiges Element
vorzeitig anzutasten, so<lb/>lange man nicht ein für die ganze Gesammtheit
eben so<lb/>wirkames Mittel der halt - und hoffnunggebenden Tröstung<lb/>an
die Stelle zu setzen vermag. In Zeiten, in welchen wir<lb/>darauf mit
geforderter Wachsamkeit halten, daß Niemand zu<lb/>glauben genöthigt werde,
was er nicht glauben kann und<lb/>will, muß man, wie mich dünkt, doppelt
vorsichtig sein,<lb/>Jemanden zum Nichtglauben zu veranlassen, der im
Glauben<lb/>noch die geringste Befriedigung zu empfinden vermag. Und<lb/>wie
ich hier an dem trüben Abende in dem sturmdurchtönten<lb/>Gebirge den
Priester gelassen seines Weges wandeln sah, fiel<lb/>mir das Wort von Dubois
-Reymond ein: ,Trösten Sie<lb/>einmal in einem Krankenhause einen Saal voll
krebskranker<lb/>Frauen mit Beethoven und mit Goethe!r Aus dem
Munde<lb/>eines solchen Mannes aber hatte der warnende Ausruf
ein<lb/>doppeltes Gewicht.<lb/>Am Morgen heller Somnenschein über Berg und
Thal.<lb/>Kastanienbäume, Eypressen und auch schon Pinien an allen<lb/>den
Castellen auf den Höhen, in den Mazzarien am Wege.<lb/>Ortschaft rasch der
Ortschaft folgend, bis wir um acht Ühr<lb/>Morgens den Bahnhof des sonnigen
Florenz erreichten, und<lb/>eine halbe Stunde später der Wagen mich
glücklich am<lb/>Lungarno landete, in der Pension Luchesi, in welcher ich
mir<lb/>meine Wohnung während meines Aufenthaltes in Florenz<lb/>bestellt
hatte.<lb/>Aber wie schön ist dieses Florenz! Seit einer Stunde<lb/>sitze
ich jetzt wieder im Abendglanz in meinem Zimmer und<lb/>sehe still hinaus,
mich an der Fülle der Schönheit zu ergöthen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0088_081.tif" n="081"/>
<p>== Z! -<lb/>die hier der Rahmen eines allerdings sehr hohen und
sehr<lb/>breiten Fensters in sich schließt.<lb/>Unten rieselt über dem
Geröll des breiten Flußbettes das<lb/>jett nur spärlich zuströmende Wasser
des Arno langsam hin,<lb/>während von dem Wehr zur Linken das Rauschen leise
bis<lb/>zu mir hinüber tönt. Jenseits an dem andern Ufer dehnt<lb/>sich die
neugebaute Kaistraße mit ihren Magazinen im Erd-<lb/>geschoß, mit den für
die Bedürfnisse unserer Zeit eingerichteten<lb/>wohnlichen Häusern bis zu
dem alten Thorbau aus; und<lb/>hinter ihnen erhebt sich ein Theil der
schönformigen Hügelkette,<lb/>welche die Stadt in weitem Kreise schirmend
umgibt, ohne sie<lb/>beengend einzuschließen.<lb/>Auf ihrer Höhe zieht sich
die Via de Renai hin, an welcher<lb/>die Villa von Caroline Ungher -
Sabatier gelegen ist. Auus -<lb/>dem silbern schimmernden Grün der
Llivenbäume sahen die<lb/>Villen mit ihren fachen Däcern hell hervor. Hohe
schlanke<lb/>Eypressen, eine prachtvolle Ceder, inmnergrüne Eichen
heben<lb/>sich mit ihrer kräftigeren Farbe gegen das mattere
Graugrün<lb/>der Olive ab. Eine alte, halbversteckte Kirche, deren
viereckiger<lb/>Thurm aus dem Grün hervorsieht und dessen Glocken zu
mir<lb/>hinüberklingen, ein paar rothbraune krenelirte Thürme von
den<lb/>alten Festungsmauern, nicht eben fern davon, schließen das<lb/>Bild
zur Rechten ab.<lb/>Wende ich das Auge nach der anderen Seite, so trifft
es<lb/>auf der Höhe die Langseite der Kirche von San Miniato.<lb/>Der
Cypressenhain ihres Friedhofes entzieht mir den Anblick<lb/>der marmornen,
doppelfarbigen Faeade. Dafür aber sehe ich<lb/>die ganze Weitung des
MichelAngelo-Platzes an dem neuen<lb/>Wege, der Viale dei Colli, die über
die Höhen um die Stadt<lb/>zur schönsten Spazierfahrt angelegt ist. Eine
schön gegliederte<lb/>Terrasse leitet vom Ufer, neben dem uralten,
vereinzelt da-<lb/>stehenden Stadtthore beginnend, zu dem
Michel-Angelo-Platte<lb/>F. Le w ald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 08</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0089_082.tif" n="082"/>
<p>=== ZZ -=<lb/>in gelinder Steigung beguem hinan, und oben über
der<lb/>Balustrade, die den Plat umgibt, richtet sich, schlank
und<lb/>gebietend, gegen den klaren Abendhimmel die mächtige Gestalt<lb/>von
MichelAngelo's David auf, in und mit welcher man dem<lb/>Meister in fein
gefühlter Huldigung sein Denkmal aufgerichtet<lb/>hat. Denn wer oder was
kömnte ihn mehr ehren, als sein<lb/>eigenes großes Werk?<lb/>Es ist ein
Zusammenwirken von Natur und Kunst, von<lb/>Landschaft und Architektur, das
eben so lieblich als erhaben,<lb/>eben so schlicht als historisch bedeutend
ist, und das zu betrachten<lb/>ich alle diese Tage nicht müde geworden bin:
sei es, daß die<lb/>Pracht des Sonnenunterganges ihren Farbenzauber
darüber<lb/>ausgoß, oder daß der helle Mondschein, der uns hier
stets<lb/>geleuchtet, die Gegend in seine duftigen Schleier hüllte
und<lb/>die hoffende Sehnsucht nach dem klaren Licht des
nächsten<lb/>Morgens anregt.<lb/>NKf= ss-s<lb/>E l.UUuue1 E0t1kßi<lb/>Aus
Llorenz.<lb/>Den 19. Oktober lr?.<lb/>Als wir vor elf Jahren nach Florenz
kamen, war es die<lb/>Hauptstadt des neugeeinigten Jtaliens geworden. Man
feierte<lb/>mit großer Erleuchtung der Stadt die Einverleibung
Venedigs<lb/>in das Reich; und gegen das stille, in sich abgeschlossene
Florenz,<lb/>der toskanischen Großherzöge erschien uns die Stadt in
ihrem<lb/>geräuschvollen Leben und Treiben völlig fremd. Jett kommt<lb/>sie
mir wesentlich stiller vor als bei unserem letten dortigen<lb/>Besuche, und
doch waren wir damals genau an demselben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0090_083.tif" n="083"/>
<p>==- ZZ -<lb/>Zeitpunkt des Jahres in Florenz, in welchem wir uns
jetzt<lb/>befinden. Die Nebersiedelung der Regierung, des
königlichen<lb/>Hofes nach Rom, die natürliche Erhebung Roms zur
Hauptstadt<lb/>des Reiches, haben Florenz wieder stiller und einsamer
gemacht,<lb/>ohne ihm deshalb seinen früheren sanften Charakter
völlig<lb/>wiederzugeben.<lb/>Auch klagen die Leute, daß die Geschäfte
darnieder liegen,<lb/>was sie freilich überall' thun, daß der Preis der
Miethen, der<lb/>Werth der Häuser um mehr als ein Drittel gesunken sei
Aber<lb/>sie sagen sich nicht, was wir uns auch in Deutschland zu
sagen<lb/>alle Ursache hätten, daß Zeiten eines großen
augenblicklichen<lb/>Aufschwunges für die Phantasie etwas Berauschendes
haben,<lb/>daß dieser Rausch die Menschen sammt und sonders
zu,hoff-<lb/>nuungsvollen Thoren'' macht, daß die Ernüchterung aus
einem<lb/>solchen Rausche immer unbehaglich ist und überwunden sein
will.<lb/>In Florenz hat man, wie mir scheint, viel, wohl über<lb/>das
Bedürfniß hinaus, gebaut. Man baut noch immer, und so<lb/>sind denn die
Wohnungspreise selbst guter neuer Häuser im<lb/>Vergleich zu den unseren in
Berlin jett in der That gering.<lb/>Aber in einem italienischen Hause zu
wohnen, auch unter den<lb/>Bedingungen eines italienischen Klimas, ist für
deutsche Haus-<lb/>frauen gewiß nicht leicht, wie denn das Akklimatisiren
überall<lb/>eine schwere Sache ist. Aufgefallen ist mir's, daß man
in<lb/>Florenz jetzt mehr als je zuvor von Almosen
Begehrenden<lb/>angesprochen wird, daß die Kutscher der Fiaker mir ein
paar<lb/>Mal, als ich an ihnen vorüberging, mit einem Zvruf ihr<lb/>Gefährt
unter dem Tarifpreise angeboten haben, was mir<lb/>bisher nie und nirgend
begegnet ist; und daß die Zahl der<lb/>freundlichen Blumen-Verkäuferinnen,
die ihre Sträuße gleichsam<lb/>wie Geschenke anzubieten pflegten, sehr
abgenommen hat. Indeß<lb/>anmuthig ist Florenz doch immer noch wie
sonst.<lb/>Der großartige mittelalterige Hintergrund, gegen den die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0091_084.tif" n="084"/>
<p>=- HHg -<lb/>Lieblichkeit der Gegenwart freundlich absticht, wie die
Feder-<lb/>nelken und der Goldlack, die mit Epheu durchzogen von
den<lb/>Mauern alter Schlösser uns entgegen lächeln, gibt Florenz<lb/>einen
durchaus romantischen Reiz; und wenn wir die herbe<lb/>Art und Weise unseres
Volkes gegen die Freundlichkeit der<lb/>heißblütigeren Florentiner
vergleichen, so wünscht man auch<lb/>unserem Norden ein gut Theil mehr von
jener weichern Luft<lb/>und von jener mildern Sonne, welche die Sitten
angenehm<lb/>machen, wie sie die Kraft der Leidenschaft auch steigern
mögen.<lb/>Was können Sie einem Menschen Unfreundliches sagen, den<lb/>Sie,
wie ich heute einen Diener des Hotels, wegen einer wieder-<lb/>holten
Versäumniß tadeln, wenn er Ihnen darnach freundlich<lb/>und bescheiden die
Antwort gibt: ,Sie haben Recht, es thut<lb/>mir leid !r Eine ganze nordische
Stadt mit all ihren großen<lb/>und kleinen Gasthöfen könnte man, glaube ich,
durchwandern,<lb/>ohne einer solchen Entschuldigung zu begegnen.<lb/>Daneben
denke hier ich oftmals darüber nach, was wir<lb/>eigentlich damit meinen,
wenn wir von den Künsten sprechen,<lb/>die des Friedens zu ihrem Gedeihen
bedürfen; während doch<lb/>all' das Große, das Unvergleichliche, das wir
hier bewundernd<lb/>anstaunen, in den Zeiten der wildesten Parteikämpfe,
in<lb/>Tagen hervorgegangen ist, in welchen Jtalien fortdauernd von<lb/>dem
Hereinbrechen fremder Kriegsheere bedroht war und die<lb/>Bürger selten
einmal dazu kamen, das Schwert von der Hüfte<lb/>abzuthun, oder mit
Zuversicht auf eine noch so kurze Zeit des<lb/>Friedens und der Ruhe rechnen
zu können. Eben so auffallend<lb/>erscheint mir der Umstand, daß jene
kriegerische Gegenwart,<lb/>daß alle jene Kämpfe innerhalb der Städte, auf
das Schaffen<lb/>der damaligen Künstler so wenig Einfluß gehabt haben,
daß<lb/>man im Verhältniß zu den zahlreichen Schlachtbildern,
welche<lb/>unsere Ausstellungen uns darbieten, ungemein wenig Bilder<lb/>aus
jenen Tagen findet, in welchen kriegerische Scenen, Kampf-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0092_085.tif" n="085"/>
<p>= FH -=<lb/>scenen, dargestellt worden sind, oder in welchen die
schlachten-<lb/>schlagenden Sieger die Verherrlichung ihrer Erfolge auf
die<lb/>Nachwelt zu bringen bemüht gewesen wären. Und jene Kämpfe<lb/>waren
doch so viel malerischer als die gegenwärtigen Schlachten!<lb/>Ich frage
mich, ohne eine mir genügende Antwort darauf<lb/>zu finden: War jenen
Künstlern der Kampf etwas so Gewohntes,<lb/>daß sie ihn nicht als ein
besonderes Ungemach empfanden,<lb/>daß er auf ihre Phantasie gar keinen
Eindruck machte, daß er<lb/>sie im Schaffen nicht mehr störte? Oder war
selbst in der<lb/>Seele dieser, dem Sinnenleben doch leidenschaftlich
zugewandten<lb/>Männer, die Erfüllung durch die Vorstellungen des
christlichen<lb/>Kultus so überwiegend, daß sie immer und immer wieder
zu<lb/>der Darstellung eben der biblischen Vorwürfe zurückgekehrt<lb/>sind?
Freilich, der Künstler hatte damals, so wie immer und<lb/>wie jett auch,
nicht nur sich selber zu genügen, er hing von<lb/>dem Auftrag des Bestellers
ab. Aber woher kam es, daß<lb/>z. B. die siegreichen Medicäer nach der
überwundenen Ver-<lb/>schwörung der Pazzi nicht darauf verfielen, die
Ermordung<lb/>Julian's im Dom, oder irgend etwas der Art darstellen
zu<lb/>lassen? daß sie eben so wie ihre Gegner sich damit
begnügten,<lb/>ihre Triumphe in symbolischer Gestalt verherrlichen zu
lassen?<lb/>Daß sie zum Zeichen ihrer wiedergewonnenen Herrschaft
über<lb/>dieRepublik denBenwenuto'schenPerseus mit dem
abgeschlagenen<lb/>Haupte der Medusa vor den Augen der Besiegten
aufstellen<lb/>ließen, und nicht, wie es in unseren Tagen wahrscheinlich
ge-<lb/>schehen sein würde, das Bild des Siegers? Eine
psychologische<lb/>oder eine in der damaligen Kultur wurzelnde Ursache hat
diese<lb/>Erscheinung ganz gewiß, ich aber vermag sie nicht zu
finden.<lb/>Wenn man übrigens wieder einmal die Galerie der
Uffizien<lb/>oder die Prachtsäle des Palazzo Pitti durchwandert und
sich<lb/>an den Werken der großen Meister die Seele erhoben hat,<lb/>in
deren Namen süch der Inbegriff des höchsten künstlerischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0093_086.tif" n="086"/>
<p>=- Zs ==<lb/>Vermögens verkörpert, so hat man daneben über das
große,<lb/>allgemeine Können ihrer künstlerischen Zeitgenossen fast
noch<lb/>mehr zu erstaunen, als über die größten Genien selber.
Vor<lb/>Allem ist ihnen eine zwingende Glaubwürdigkeit wie
eine<lb/>Gesammtbegabung eigen.<lb/>Während ich in den Uffizien nach einem
der hinteren Säle<lb/>ging, die kleine, das Kind anbetende Madonna von
Correggio<lb/>zu suchen, welche man zum Zwecke des Kopirens von
ihrem<lb/>Platze genommen hatte, fielen mir zwei zusammengehörige<lb/>Bilder
von Ghirlandajo aus dem Leben des heiligen Zenobius<lb/>auf, von dem Sie
wahrscheinlich eben so wenig wissen als ich,<lb/>und die also um ihres
Gegenstandes willen nicht anziehen<lb/>komnten. Sie waren beide etwas hart
in der Farbe, aber dafür<lb/>von großer Tiefe derselben. Das eine stellte
die Grabtragung<lb/>des Heiligen dar. Eine Grabtragung, wie man sie mit
dem<lb/>von bunten, brokatenen Decken überhängten Sarge, mit
den<lb/>geistlichen Grabträgern in festlichen Ornaten auch heute noch<lb/>in
katholischen Ländern sehen kann. Die Gestalten waren,<lb/>wie mich dünkt,
kaum zwei Fuß hoch. In den Männern, welche<lb/>die Leiche tragen, spricht
sich keine besondere Hingebung oder<lb/>Vertiefung an und in ihr Thun aus;
aber es ist ein Leben<lb/>und ein Ausdruck in allen diesen Köpfen, ein so
persönliches,<lb/>charaktervolles Wesen in jedem einzelnen derselben, daß
jeder<lb/>dem Betrachter so zuverlässig wahr, so zweifellos
glaubwürdig<lb/>erscheint wie das Dasein des Nachbars, den man seit
langen<lb/>Jahren kennt. Man fühlt sich überzeugt, gerade so und
nicht<lb/>anders habe eben dieser Mann sich in jenem Augenblicke
nach<lb/>einem Vorübergehenden umgesehen, gerade so habe der Andere,<lb/>mit
sich selbst und mit seinen Gedanken beschäftigt, das Haupt<lb/>gesenkt. Man
vergißt es, daß ein Maler diese Leute einst<lb/>zum Behuf des Malens vor
sich hingestellt, daß man ein Ge-<lb/>mälde vor Augen hat. Man meint den an
sich nicht eben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0094_087.tif" n="087"/>
<p>===- F? ==<lb/>anziehenden Vorgang zu erleben. Es ist die Wahrheit,
der<lb/>Realismus, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der uns feselt<lb/>und
gewinnt; aber freilich der durch die Kunst verklärte<lb/>Realismus, ohne
welche Verklärung die Kunst keine Kunst<lb/>mehr ist, sondern sich mit
mühsamer Arbeit unter das Ver-<lb/>mnögen der Daguerre'schen Maschine
stellt, die doch wenigstens<lb/>auf ihre Leistung nicht so viel Zeit
verwendet und unver-<lb/>antwortlicher als die Menschen das Unschöne
hervorbringt.<lb/>Und eben so wie mit der edlen Glaubwürdigkeit
jener<lb/>genrehaften Heiligengeschichten von Ghirlandajo ist es mit
der<lb/>zweifellosen Glaubwürdigkeit der Portraits, für die ich
eine<lb/>besondere Vorliebe habe, weil ja in jedem ein
Menschenleben<lb/>sich für uns wiederspiegelt. Es sind lauter
Offenbarungen<lb/>aus ferner Zeit, ans Licht hervortretend und Licht über
die<lb/>Vergangenheit verbreitend. Ich habe mir ihrer - und nicht<lb/>nur
von den größten Meistern - ein gut Theil angesehen.<lb/>Da ist z. B. im
Venussaale Nr. 18 von Federnigo Zuc-<lb/>caro das Bildniß des Guidobaldo di
Monte Felice. Ein<lb/>Mann in schwarzem Wamms mit rothen Aermeln.
Ein<lb/>schmales, viel durchfurchtes, längliches Gesicht mit
schwarzem<lb/>Krauskopf, schwarzem krausem Spitzbart, etwas
gesenkten<lb/>Hauptes, zwei große Hunde neben ch. Da ist Nr. 858
die<lb/>Bella Simonetta von Botticelli, das Profilbild einer
nichts<lb/>weniger als schönen Frau. Nr. 5 von Aurelio Luini eine<lb/>andere
eben so wenig schöne Frau in schwarzem, schlichtem<lb/>Kleide, in schwarzem
Schleier, mager bei entblößtem, mit<lb/>verschlungenen Goldketten
geschmücktem Halse, strengen An-<lb/>gesichts, mit schönen Händen - und man
kommt mit dem<lb/>Auge von diesen Bildern gar nicht los, während es nicht
die<lb/>Schönheit, sondern die bloße Wahrhaftigkeit ihrer
Erscheinung<lb/>ist, die uns an sie fesselt. Man fragt sich: Wo habe ich
die-<lb/>ses Gesicht gesehen? Denn ich kenne es von Alters. So wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0095_088.tif" n="088"/>
<p>==- FZ =<lb/>diese Menschen uns von der Kunst vorgestellt werden, sind
sie<lb/>uns sofort vertraut. Wir lassen sie uns gefallen, wie sie
sind,<lb/>wir verlangen sie gar nicht schöner, gar nicht anders.
Denke<lb/>ich dann, vor diesen Bildern stehend, an die Portraitmaler<lb/>in
unserer Zeit, so glaube ich, unsere persönliche Eitelkeit er-<lb/>schwert es
ihnen oftmals, so gute ehrliche Bilder zu machen,<lb/>wie die alten Meister
es thaten. Wir wollen Alle, der Eine -<lb/>mehr, der Andere weniger, von dem
Maler so wie wir<lb/>selber uns erscheinen und denken, also in einem
Idealbilde<lb/>auf die Leinwand gebracht werden. Damit zwingen wir
den<lb/>Maler, sein richtigeres Sehen unserer Selbstgefälligkeit
zu<lb/>opfern, und so entstehen Bilder, an welche die Originale
der-<lb/>selben mit Behagen denken, an die aber die Nachwelt
schwer-<lb/>lich so unbedingten Glauben haben wird, als wir an die
Bilder<lb/>der Altvordern, an der alten Meister Werke.<lb/>Bettina von Arnim
sagte einmal zu mir, von den Gestalten<lb/>eines damals viel besprochenen
Romanes redend, den sie nicht<lb/>gelten lassen wollte: ,Wissen Sie denn
noch Etwas von den<lb/>Kerlen? Erdichtete Figuren, die ich nicht wider
meinen Willen<lb/>so sicher im Gedächtniß behalten muß, wie das Gesicht
der<lb/>Nachbarn, aus denen ich mir vielleicht gar Nichts gemacht
habe,<lb/>die sind auch Nichts werth, und das ganze Gesindel aus
dem<lb/>Roman hab ich lange schon vergessen!r<lb/>Ich glaube diesen
Ausspruch kann man umgekehrt, als<lb/>beweisführendes Urtheil für die
Portraitbilder der alten Meister<lb/>anwenden. Man vergißt sie nie, und
sieht man sie nach langen<lb/>Jahren wieder, so ist es mit der Freude, mit
welcher man alte<lb/>Freunde begrüßt, die sich wohl erhalten haben.<lb/>Es
kommt für Jeden, dem ein längeres Leben beschieden<lb/>ist, die Zeit, in
welcher er nur in dem Todten, oder soll ich<lb/>es nennen in dem ewig
Lebenden, in der Kunst und ihren<lb/>Werken, ein Altgeliebtes unwerändert
wiederzusehen hoffen darf.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 09</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0096_089.tif" n="089"/>
<p>=== Zß -<lb/>Auch in Rom, wohin ich morgen aufzubrechen denke, werde<lb/>ich
sie nicht wiederfinden die Genossen meiner jungen Jahre,<lb/>ihn nicht neben
mir sehen, den theuren Mann, der mit seinem<lb/>Werke für so Viele der
begeisterte und begeisternde Führer durch<lb/>das von ihm geliebte Land,
durch die von ihm so geliebte<lb/>ewige Stadt gewesen ist, der mir Rom einst
zu der Heimat<lb/>meines Herzens machte.<lb/>Aber die großen Gebilde der
Kunst werden noch dort stehen,<lb/>wie das Auge Winckelmann's und Goethe's
sie erschaut! Und<lb/>die Sonne, die ihnen einst geleuchtet - und auch uns
geleuchtet<lb/>in glückseliger Zeit - wird wiederscheinen so wie sonst
über<lb/>die Stadt der Städte, über das heilige Rom, das
wiederzusehen<lb/>ich mit zagendem Bangen immer lebhafter ersehne, je mehr
ich<lb/>dem geweihten Boden jetzt mich nahe!<lb/>onnko sus<lb/>Fiuüsu-
=e==s-<lb/>Wieder in Ro m.<lb/>Kötsl Kolaro Kis Gregorians,<lb/>den .
November 17?.<lb/>Volle fünf Wochen bin ich jetzt zum dritten Male
wieder<lb/>hier in Rom, und obschon es mir so vertraut ist, als wäre<lb/>es
meine Heimat, bin ich noch an jedem Tage unter dem sich<lb/>immer wieder
erneuernden, unter dem überwältigenden Eindruck<lb/>der Erhabenheit, der
Herrlichkeit, der Schönheit, die mich hier<lb/>umgeben.<lb/>Fast elf Jahre
ist es her, seit ich im Frühjahr von Acht-<lb/>zehnhundertsiebenundsechszig
Rom verlassen habe, und als ich<lb/>jett wieder auf der Höhe des Monte
Pincio stehend hinab-<lb/>schaute auf die Stadt zu meinen Füßen und in das
Land<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0097_090.tif" n="090"/>
<p>-- Z( -==<lb/>hinaus bis zu den fernen Punkten, an welchen die
schönen<lb/>Züge des Gebirges dem Auge seine Schranke ziehen, da
war<lb/>mir's, als hätte ich mich nie von Rom entfernt, als wäre
ich<lb/>alle die Zeit hindurch immer nur in Rom gewesen. Und
doch<lb/>empfand ich das Glück des Wiedersehens, doch klangen mir,<lb/>nur
mit noch verstärkter Empfindung wie vor elf Jahren, die<lb/>Worte Goethe's
in der Seele:<lb/>Das Wiedersehn ist froh, das Scheiden schwer,<lb/>Das
WiederWiedersehn beglückt noch mehr,<lb/>Und Jahre sind im Augenblick
ersezt!<lb/>Elf Jahre, und welche ereignißvollen Jahre eben auch<lb/>für
dieses Land und diese Stadt! Rom ist seit sieben Jahren<lb/>die Hauptstadt
des Königreichs Jtalien geworden. Vom<lb/>Quirinale weht die italienische
Königsflagge durch die Luft;<lb/>aber das Kapitol und das Kolosseum ragen
aus der<lb/>Häusermasse eben so hervor wie sonst, und im
Südwesten<lb/>liegen sie noch da, die stolze Peterskirche und der
riesige,<lb/>geheimnißvolle Vatikan, wie eine Sphinx, deren Räthsel<lb/>noch
zu lösen ist. Eine dreitausendjährige Vergangenheit hat<lb/>dieser Stadt ihr
mächtiges Gepräge aufgedrückt. Was wollen<lb/>daneben die Wandlungen
bedeuten, welche sich im Laufe<lb/>weniger Jahre zu vollziehen vermögen? Ob
eine weltliche,<lb/>ob eine kirchliche Macht die Herrschaft ausübt über
diese Stadt,<lb/>ihr Charakter ist, soweit es sich im Aeußern kundgibt,
bis<lb/>jetzt noch nicht wesentlich verändert worden. Rom ist
als<lb/>Hauptstadt des Königreichs Jtalien immer noch das alte, das<lb/>mit
keiner andern Stadt zu vergleichende Rom. Es ist und<lb/>bleibt das alte
Rom, welches ein Jeder, der es einmal voll<lb/>und ganz erfaßt hat, als das
,ewige Rom im Herzen trägt,<lb/>als den Ort, nach welchem man die Sehnsucht
niemals los<lb/>wird, der Ort, nach dem es uns hinzieht und hinzieht,
auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0098_091.tif" n="091"/>
<p>==- Zh -<lb/>wenn wir nicht danach verlangen, uns den Segen des
Papstes<lb/>ertheilen zu lassen.<lb/>Der und jener meiner Freunde hat mich,
seit ich hierher-<lb/>gegangen bin, wohl gefragt, was es denn sei, das auch
mich<lb/>immer wieder nach Rom ziehe und mich aufls Neue
so<lb/>unwiderstehlich an Rom fessele, daß ich jezt kaum daran
denken<lb/>mag, wie ich es einmal wieder verlassen werde? Ich soll.
sagen,<lb/>ob es das Klima, ob es die Schönheit des Landes, ob es
die<lb/>Kunstwerke, die hiesige Gesellschaft, oder was überhaupt es
sei,<lb/>das Rom so anziehend und so bindend mache? Darauf aber<lb/>ist mit
wenig Worten die Antwort nicht zu geben, und ich habe<lb/>im Grunde nur zu
wiederholen, was ich an verschiedenen<lb/>Stellen des von Stahr und mir
geschriebenen ,Ein Winter<lb/>in Romr über diese Dinge ausgesprochen
habe.<lb/>Ja, das Klima von Rom - mehr als bedenklich für den<lb/>Leidenden
- ist für den leidlich gesunden Menschen mit Aus-<lb/>nahme der eigentlichen
Sommermonate ein sehr erwünschtes,<lb/>wenn man sich seinen Bedingungen
anpaßt, wie die Römer<lb/>selbst es thun. Wir haben die fünf Wochen hindurch
fort-<lb/>dauernd schönes Sommerwetter, kaum fünf Tage mit
leichtem<lb/>sciroccosem Regen gehabt, und immer noch 1 bis 1 Grad<lb/>Wärme
in meinen gegen Süden gelegenen Zimmern. Dazu<lb/>ist die Gegend von der
höchsten Anmuth, lieblich und groß-<lb/>artig zugleich. Das gesellige Leben
ist bequem. Es ist unter-<lb/>haltend durch den großen Zusammenfluß von
Fremden aus<lb/>allen Gegenden der Welt, und es ist jetzt offenbar
bedeutender<lb/>geworden als vordem, da Rom jetzt eine feststehende
bürger-<lb/>liche Beamtenwelt und eine Gesellschaft aus den
gelehrten<lb/>Ständen bekommen hat, die ihm früher fehlten. Die
hiesigen<lb/>Kunstschätze sind eine ganz unerschöpfliche Quelle des
Genusses.<lb/>Die großartigen Bauwerke aus den verschiedensten
Zeitaltern<lb/>geben unablässig neuen Anlaß zum Bewundern, zum
Erstaunen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0099_092.tif" n="092"/>
<p>= ZZ -=<lb/>Dieses Alles jedoch, so wesentlich mitwirkend es ist, würde
allein<lb/>nicht hinreichen, Rom zu dem zu machen, was es ist, ohne
den<lb/>großen geschichtlichen Hintergrund, ohne - wie ich selber es<lb/>vor
Jahren schon bezeichnet habe - die weltgeschichtliche Per-<lb/>spektive,
welche sich hier überall vor uns aufthut und die uns,<lb/>eben weil wir in
ihr weit mehr umfassen, als es uns zu thun<lb/>sonst irgendwo vergönnt ist,
für Augenblicke ein Gefühl von<lb/>Unendlichkeit, von Allwissenheit
verleiht.<lb/>Dabei hört bis zu einem gewissen Grade das Erwägen<lb/>des
Kleinen, des Einzelnen auf. Man komnt dahin, große<lb/>Zeiträume, gewaltige
einander ablösende Ereignisse gleichsam<lb/>summarisch zu erfassen und zu
überschauen. Man lernt in<lb/>dem Wechsel der Zustände ein Dauerndes, ein
Fortwirkendes<lb/>erkennen. Man hat hier das Werden, das Vergehen und
das<lb/>Neuwerden schichtenweise abgelagert vor seinen Augen; und<lb/>es
ziehen damit in die Seele eines Jeden, der die nothwendige<lb/>Vorbedingung
für Rom, einen historisch gebildeten Sinn, mit-<lb/>bringt, ein Gleichmuth
und eine Ruhe ein, die man sich immer<lb/>zu empfinden wünschen muß. Ich bin
fern von Rom sehr<lb/>glücklichgewesen, aber
dieinsichvollkommenberuhigteStimmung,<lb/>die Rom in mir stets hervorgerufen
hat, habe ich nirgend sonst<lb/>gefühlt. Und nicht mir allein ist es also
ergangen.<lb/>Man hat oft davon gesprochen, daß selbst in dem
Leben<lb/>eines Goethe der Aufenthalt in Rom zu einem seine
ganze<lb/>spätere Entwickelung bestimmenden Abschnitt geworden sei -<lb/>und
das ist sehr erklärlich. Rom macht, wenn ich den Ausdruck<lb/>brauchen darf,
das Auge des Geistes fernsichtig. Es bringt<lb/>den Menschen dahin, das
Kleinste, das er betrachtet, mit dem<lb/>großen Ganzen im Zusammenhang zu
denken, und während<lb/>er es eben deshalb nach Gebühr würdigen lernt, es
doch nicht<lb/>zu überschätzen. Dies gilt von den Werken des Menschen
wie<lb/>von den Thaten desselben; von dem aber, was man jetzt mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0100_093.tif" n="093"/>
<p>=- ZZ =-<lb/>dem Namen der politischen Vorgänge bezeichnet, zu
allermeist.<lb/>Welche Schlachten ind hier geschlagen, welche die Welt
umge-<lb/>staltende Ereignisse hier vorbereitet und zum Austrag
gebracht<lb/>worden, ,und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut'!
Man<lb/>hat sich dem gegenüber in der That dagegen zu wehren,
nicht<lb/>gleichgültig gegen die Vorgänge und Kämpfe des Tages
zu<lb/>werden, nicht den Ausspruch Alexander's l. von Rußland<lb/>über
Napoleon: za'est un torrent gn'il laut laisser passerf,<lb/>auf Alles
anzuwenden, was in dem Augenblick die Zeit und<lb/>die Geister bewegt, und
von allem Vergänglichen absehend, sich<lb/>ausschließlich demjenigen
zuzuwenden, was man in dem all-<lb/>gemeinen Vergänglichen relativ als das
Dauernde bezeichnen<lb/>kann. Naturen, die nicht auf den Kampf angelegt, die
zum<lb/>betrachtenden Genießen, zum stillen Schaffen des Schönen
an-<lb/>gelegt sind, laufen in Rom sicherlich die Gefahr, sich von
dem<lb/>Leben des Tages, von den Vorgängen in der Gegenwart acht-<lb/>los
abzuwenden, sich in die Vergangenheit zu versenken, in<lb/>die Zukunft
hinauszuschauen und es mit einer Art von Be-<lb/>fremdung zu gewahren, wie
es Menschen gibt, die sich der<lb/>unruhigen, mühevollen und oft undankbaren
Arbeit unterziehen<lb/>mögen, das aus der Vergangenheit unbrauchbar
Gewordene zu<lb/>zerstören, und Neues, Brauchbares für die Zukunft auf
und<lb/>aus den Trümmern aufzurichten. Glücklicher Weise aber
finden<lb/>sich solcher mit energischer Entschlossenheit auf das Nchste
ge-<lb/>stellter Arbeiter auch in Jtalien die Menge; und es ist
ganz<lb/>uwwerkennbar, daß Vieles sich hier in Rom neben dem
alten,<lb/>erhabenen Bleibenden sehr entschieden zum Besseren
ver-<lb/>ändert hat.<lb/>Hält man sich zunächst an das ganz Aeußerliche, so
ist<lb/>Rom eine reinliche Stadt geworden, und sie hat das bei der<lb/>Fülle
des Wassers, die sie als ein unschätzbares Erbe aus der<lb/>Vergangenheit
besitzt, weit leichter als irgend eine andere mir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0101_094.tif" n="94"/>
<p>== ßg, =<lb/>bekannte Stadt. Die Häuser in den belebten Straßen
sind<lb/>sauberer gehalten, was allmählich in die entlegeneren
Stadt-<lb/>theile nachzuwirken nicht verfehlen kann. Die Stadt ist
viel<lb/>besser erleuchtet als vor elf Jahren, und die große Zahl
elend<lb/>und zerlumpt gekleideter, ja, zum Theil kaum
bekleideter<lb/>Menschen, die uns damals hier erschreckte, ist nicht mehr
vor-<lb/>handen. Freilich wollen die Anhänger des früheren
Regiments<lb/>behaupten, daß die Noth im Volke jetzt weit größer sei
als<lb/>früher, daß man die Armuth nur verhindere, an das Licht
zu<lb/>kommen. Das sind aber Redensarten und Nichts mehr.
Keine<lb/>Regierung der Welt kant es hindern, daß die Frauen und<lb/>Männer
und Kinder auf die Straße gehen, die Besorgungen<lb/>für das tägliche Leben
zu machen; und in diesen fünf Wochen<lb/>habe ich nicht so viel
schlechtgekleidete Menschen gesehen, als<lb/>dazumal an einem Tage.<lb/>Auch
kann es bei der großen Menge von Bauten und von<lb/>öffentlichen Arbeiten,
die man hier ausführen sieht, an lohnender<lb/>Beschäftigung schwerlich
fehlen. Ein ganzes neues Stadtviertel,<lb/>man könnte sagen eine neue Stadt,
entsteht in dem nordöstlichen<lb/>Theile von Rom, auf dem Boden der ehemals
den Jesuiten<lb/>gehörenden großen Vigne Macao, im Bereich der
Thermen<lb/>des Diocletian und zwischen St. Maria Maggiore und
dem<lb/>Lateran; und da die hier angesiedelten Piemontesen und
Neu-<lb/>Jtaliener von ihren Gegnern mit dem Spottnamen der
bureuri<lb/>bezeichnet werden, so nennen dieselben denn auch das
neue<lb/>Stadtviertel mit gleichem Spotte Burnurogolis. Dieses
Stadt-<lb/>viertel bekommt oder hat sehr weite Plätze, sehr breite
Straßen,<lb/>die, soweit sie fertig oder in der Anlage begriffen sind,
für<lb/>mein Auge von den Reubauten in aller Herren Länder sich<lb/>nicht
unterscheiden, und gleich vielen dieser neuen Straßen und<lb/>Plätze
förmlich nach baldmöglichster Bepflanzung mit Bäumen<lb/>zu flehen scheinen,
um ihrer Oede abzuhelfen. Große historische<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0102_095.tif" n="95"/>
<p>== IH ==<lb/>Namen, Erinnerungen an große Ereignisse bilden die
Straßen-<lb/>bezeichnungen: Piaza dell' Indipendenza, Via Manzoni,
Via<lb/>San Martino, Via Nazionale, Via Solferino, Via Cavour<lb/>steht es
in der Neustadt an den Straßenecken zu lesen. Auch<lb/>in der innern Stadt
sind die oft so nichtssagenden und häß-<lb/>lichen Namen der Straßen jetzt
verändert worden, was sich<lb/>aber mitunter komisch und gelegentlich auch
geschmacklos aus-<lb/>nimmt, wenn der große Name der gar zu jämmerlichen
Gasse<lb/>in keiner Art entspricht. Indeß nicht nur neue
Stadtviertel<lb/>werden errichtet, es wird auch in den alten Stadttheilen
viel<lb/>gebessert, namentlich eine ganz unerläßlich nothwendige
Ver-<lb/>breiterung des Corso ist beabsichtigt, und es hat mich
neulich<lb/>sehr unterhalten, die Verhandlungen in den Zeitungen zu
lesen,<lb/>welche von Seiten der Stadtbehörden geplant und von
ihnen<lb/>gefordertwerden. Neue Brückenbauten,
DurchbrüchevonStraßen<lb/>sind im Werke. In den Vorstädten sollen die hohen
Mauern<lb/>allmählich niedriger gemacht werden, welche die Villen,
Vignen,<lb/>Mazzarien einschließend, dem Auge den freundlichen
Einblick<lb/>in dieselben, der Luft den erfrischenden Durchzug
entziehen,<lb/>und kein Tag vergeht, ohne daß man mit lobenswerther
Acht-<lb/>samkeit die Behörden in den Zeitungen auf Sünden gegen
die<lb/>Reinlichkeit aufmerksam macht, wo sie sich zeigen.<lb/>Daß man mit
den Neubauten im Nordosten allmählich<lb/>die Trümmer der
Diocletians-Thermen vollkommen fort-<lb/>räumen wird, ist gewiß. Aber schon
bei den bisherigen<lb/>Grundlegungen ist man, wie ich höre, unter den
Fundamenten<lb/>der Diocletians -Thermen auf andere Mauerwerke
gestoßen,<lb/>die wahrscheinlich auch Thermen gewesen sein sollen,
und<lb/>was diese ersten Thermen sich von dem Zeitalter des Diocle-<lb/>tian
geschehen lassen mußten, das werden die Diolectians-<lb/>Thermen sich mit
Naturnothwendigkeit von dem Zeitalter,<lb/>das die Eisenbahnen, die
Telegraphie, und nun vollends zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0103_096.tif" n="96"/>
<p>==== Zs ==<lb/>allerseitiger Erleichterung und Beunruhigung gar noch
die<lb/>Thelephonieerfunden und entdeckt hat, eben so gefallen
lassen<lb/>müssen.<lb/>Glücklicher Weise aber wird man von den
Wandlungen,<lb/>die sich jetzt in baulicher Hinsicht in Rom vollziehen, in
dem<lb/>alten unerfaßbaren Durcheinander das wir Romn nennen und<lb/>als das
alte Rom lieben, mit all seinen Unzuträglichkeiten<lb/>dennoch lieben,
nichts Störsames gewahr.<lb/>Man hat eine große Straße hinuntergebahnt
vom<lb/>Quirinal zum Korso. Wer merkt das, wenn er sie nicht<lb/>gerade
geht? Und ist sie ihm, wenn er sie geht, eine Ver-<lb/>kürzung des Weges --
um so besser! Man zieht an einer<lb/>Stelle des Korso, gegen den Palazzo
Venezia hin, bei einem<lb/>nöthigen Umbau die Vorderwand des Hauses
beträchtlich<lb/>zurück. Daß muß Jeder heilsam nennen, denn das
Gewirr<lb/>der Wagen ist in der engen Straße wirklich oft
bedenklich.<lb/>Auf Piazza San Silvestro hat man das alte
Nomnenkloster<lb/>niedergerissen, aus dem seiner Zeit, als Garibaldi dort
sein<lb/>Hauptquartier gehabt, sechs Nonnen mit sechs Kanarienvögeln<lb/>und
sechs Katzen ihren Auszug gehalten haben. Aber wer<lb/>beachtete je im
Vorübergehen das alte Kloster, das mit seinen<lb/>grauen Mauern, wie so
viele andere graue Mauern, schwei-<lb/>gend dalag?<lb/>Es ist eben noch Rom!
Mag die Straße, die an der<lb/>Aqua Felice vorüber nach Porto Pia leitet,
wie früher Via<lb/>di Porta Pia, oder wie jezt Via del W Settembre
heißen,<lb/>es ist eben die Via di Porta Pia, die hinausführt
zwischen<lb/>den langen hohen Mauern all. der Vignen und Villen,
über<lb/>welche die Cypressen und die Pinien hervorragen, über denen<lb/>die
jetzt reifen Früchte der Orangen- und Eitronenbäume<lb/>goldig niederhängen
und an deren Ende das Gebirge uns<lb/>auch noch in dieser Zeit des Jahres in
die Ferne lockt. Es<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 10</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0104_097.tif" n="97"/>
<p>- s? -<lb/>ist noch immer Rom. Aber heut richtet man nicht weit
von<lb/>seinen Gränzen zu Mentana das Denkmal für die Söhne<lb/>Jtaliens
auf, die dort vor zehn Jahren für die Freiheit und<lb/>die Einigung ihres
Vaterlandes ihr Blut. vergossen, ihr<lb/>Leben gelassen haben.<lb/>Schon
gestern sah man Fahnen tragen und viel Leben<lb/>in den Straßen; und auch
das Leben in den Straßen hat<lb/>seinen eigentlichen alten Charakter noch
bewahrt, obschon es<lb/>sich geändert, doch nicht zu seinem Nachtheil
verändert hat.<lb/>Indeß davon erst in meinem nächsten Briefe.<lb/>Zeünter
Irief.<lb/>Einst und jeh t<lb/>Rom, l?ts! Kolaro,1. Dezember 187.<lb/>Wer
weiß es nicht, daß der Spanische Platz in Rom mit-<lb/>ten in dem
sogenannten Fremdenviertel gelegen ist? Wenn<lb/>man, vom Korso kommend, die
Via Condotti hinan geht,<lb/>langt man grades Wegs auf dem Spanischen Plaz
an, und steht<lb/>vor dem Springbrunnen, der sich aus einem steinernen
Kahne,<lb/>aus der Navicella, in mäßiger Höhe, aber wie überall' in
Rom,<lb/>in reicher Wasserfülle erhebt, während man an der
entgegen-<lb/>gesettten Seite des Platzes die majestätische
doppelarmige<lb/>Spanische Treppe vor sich hat, die, in breiten Terrassen
empor<lb/>steigend, bis zu dem Platze hinaufleitet, auf welchem oben<lb/>auf
der Höhe des Monte Pincio die große, dem französischen<lb/>Nomnenkloster
gehörige Kirche von Trinitä di Monte gelegen<lb/>ist. Eine ganze Fülle von
Schönheit und Herrlichkeit wird<lb/>für den, der einmal an jener Stelle
gestanden, mit diesen<lb/>bloßen Ortsbezeichnungen lebendig; eine Fülle von
Sehnsucht<lb/>F. Le wald, Reisebriee.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0105_098.tif" n="98"/>
<p>== ßZ -<lb/>für jene Andern, denen nur die Namen vertraut das
Ohr<lb/>berühren. Aber wer in jetziger Zeit über den Spanischen<lb/>Platz
geht, der wird noch weit mehr als in vergangenen<lb/>Tagen davon zu sagen
wissen, wie schwer es ist, ihn zu über-<lb/>schreiten, ohne auf demselben
einen kleinen Einkauf gemacht,<lb/>ohne einige Soldi ausgegeben zu haben und
dafür irgend ein<lb/>Etwas in der Hand zu halten, das man eigentlich
durchaus<lb/>nicht braucht und das man eigentlich gar nicht haben
wollte,<lb/>wenn es nicht gerade Blumen sind, die man gekauft hat,
und<lb/>die nicht haben zu wollen, man eben ein Barbar sein müßte.<lb/>Rom
ist bis jetzt von Fremden noch immer leer. Man<lb/>sagt, die Fremdenzeit
beschränkte sich jetzt auf die drei ersten<lb/>Monate des Jahres, Rom sei
allmählich auch nur ein Ort<lb/>für Durchreisende geworden, wie die anderen
Städte Jtaliens,<lb/>R ?N A -<lb/>Wer nach Jtalien reiste, trachtete die
Alpenpässe zu über-<lb/>schreiten, ehe der Schnee und die Kälte sie unbeauem
machten,<lb/>und man hütete sich, über die Alpen nach Norden
zurückzu-<lb/>kehren, ehe die Wasser des Frühlings sich verlaufen
hatten.<lb/>Man ging mit der ernsten Absicht eines langen
Verweilens<lb/>nach Jtalien, man ließ sich in Rom für den ganzen
Winter<lb/>häuslich nieder. Man hatte eine für fünf, sechs Monate
fest-<lb/>stehende Fremden-Gesellschaft, man lebte sich fest mit
einander<lb/>ein und schied in der Regel von Rom, wie man meist
vom<lb/>Leben scheidet, mit dem schmerzlichen Bewußtsein, bei
allem<lb/>guten Willen mit seiner Aufgabe nicht fertig geworden zu
sein.<lb/>Man mußte sich damals sein Wissen von den Dingen auch !<lb/>noch
ziemlich mühselig selber zusammensuchen. Das Umhertrei-<lb/>ben in den
Straßen und auf den Plätzen war aber leichter und<lb/>J ? ==vn =- nev-o = =
we<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0106_099.tif" n="99"/>
<p>= Z ==<lb/>Rom war damals eigentlich eine stille Stadt zu
nennen.<lb/>Rechnete man die wenigen Stunden ab, in welchen auf
dem<lb/>Corso oder auf der Passeggiata des Monte Pincio
svazieren<lb/>gegangen oder gefahren wurde, so traf man wenig Leben
und<lb/>Bewegung in den Straßen. Die schweren, reich verzierten<lb/>großen
Kutschwagen der Kardinäle mit dem rothen Feder-<lb/>schmuck ihrer
wohlgefütterten Rappen, mit den dicken Kutschern<lb/>und den
hintenaufstehenden drei Bedienten, die Heilbutt in<lb/>seinen Bildern so
ergötlich dargestellt und damit lebendig er-<lb/>halten hat, fuhren in
gemessenem Schritt über die Höhen und<lb/>durch die Straßen. Miethswagen auf
den öffentlichen Plätzen<lb/>waren in schr geringer Zahl vorhanden. Dann und
wann am<lb/>Tage fuhr ein Omnibus nach S. Paolo fuori le Mura hin-<lb/>aus.
Handel und Gewerbe machten sich wenig sichtbar. Von<lb/>den päpstlichen
Truppen kam auch nicht viel zum Vorschein<lb/>im Innern der Stadt; aber vor
den Häusern saßen die römi-<lb/>schen Matronen und römischen Mädchen Abends
auf der Thür-<lb/>schwelle und kämmten einander das herrliche schwarze
Haar.<lb/>Die rothen Flanelljacken, der seidene Busto, das weiße,<lb/>hinten
am Halse zurückgestochene Halstuch, das auch in den<lb/>scharfen Wintertagen
die schönen braunen Racken freiließ, be-<lb/>kam man eben so wie den
silbernen Kamm und die silberne<lb/>Haarnadel noch überall zu sehen, am
Brunnen wie in der<lb/>Kirche, auf der Passeggiata wie auf der Piazza
Montanara<lb/>am kleinen Tisch des Serirano gablieo, des allgemeinen
Brief-<lb/>schreibers. Spät an schönen Abenden schlenderten die
jungen<lb/>Männer, die Montangaren und die Minenten von Trastevere,<lb/>in
dem kleidsamen blauen Beinkleid, die lose Jacke über die<lb/>Schulter
geschlagen, den spizen Filzhut, den VComo ei gsro auf<lb/>dem Scheitel,
singend, die Mandoline, die Flöte und die<lb/>Guitarre spielend, leichten
Schrittes durch die stillen nächtlichen<lb/>Straßen; während Winters in dem
Morgengrauen schon die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0107_100.tif" n="100"/>
<p>Pß -<lb/>Pfeife und der Dudelsack und der Gesang der Pifferari
hörbar<lb/>wurden, die, von einem Madonnenbilde zu dem andern
ziehend,<lb/>das Herannahen der Weihnachtszeit verkündeten.<lb/>Von dem
Allem war schon vor eilf Jahren, als die<lb/>französischen Zuaven das
Regiment des Papstes hier noch<lb/>unterstützten und aufrecht hielten, viel.
verloren gegangen, und<lb/>jetzt ist noch weit weniger davon übrig
geblieben. Indeß es<lb/>ist doch immer noch ein Rest davon
vorhanden.<lb/>Rom ist mit seinen 0 000 Einwohnern eine sehr
lebens-<lb/>volle Stadt geworden, und die große Enge, die
Winkligkeit<lb/>der Straßen, die sich im Innern der Stadt fast
mäandrisch<lb/>durcheinander schlingen, macht, daß die Stadt eben in
ihren<lb/>mittleren Theilen noch weit volkreicher erscheint, als es
in<lb/>gleich weitem Umkreise und bei gleicher Menschenzahl in
einer<lb/>besser gebauten Stadt der Fall sein würde. Dazu ist
der<lb/>Kleinhandel hier in hohem Grade üblich. Jung und Alt,<lb/>Mann und
Weib bieten ihre Schätze schreiend an und aus,<lb/>und zwar in langen,
kadenzirten Sätzen, die sich in den ab-<lb/>sonderlichsten, meist sehr
häßlichen Formen bewegen. Bis-<lb/>weilen wechseln sie mit einander ab, dann
überschreien sie<lb/>einander nach Kräften; und was die rauhen
römischen<lb/>Stimmen, wahre Stentorstimmen, in diesem Fache an
Beharrlich-<lb/>keit zu leisten vermögen, das setzt mich täglich in
Erstaunen, von<lb/>Morgens sechs Ühr bis nach zehn Uhr Abends. Und
nicht<lb/>allein die Menschen schreien, die Thiere, vor Allen die
sonst<lb/>so geduldigen Esel stehen ihnen darin bei, während über
all<lb/>den Spektakel hinweg, hoch über unsern Häuptern, die Glocken<lb/>der
zahllosen Kirchen ihr klingendes Spiel in den Lüften er-<lb/>schallen
lassen. Aber in all dem Gelärm fehlt mir ein Klang,<lb/>der mir so lieb, der
so ganz römisch war und den gewiß alle<lb/>diejenigen vermissen, die ihn
sonst gehört hatten: es sind keine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0108_101.tif" n="101"/>
<p>1ß! -=<lb/>Pifferari mehr in Rom! und auch die Drehorgeln habe ich<lb/>noch
nicht gehört wie sonst.<lb/>Die Regierung duldet die Pifferari nicht, ohne
daß ich<lb/>erfahren kann, wodurch die ergötzlichen Schelme ihre
Ver-<lb/>bannung verschuldet haben, die mir in allen Ecken und zu<lb/>allen
Stunden fehlen, und von denen erweckt zu werden lieb-<lb/>lich war. Jett
weckt statt ihrer mich ein Esel mit der fürchter-<lb/>lichen Regelmäßigkeit
eines unfehlbaren Chronometers punkt<lb/>fünfeinhalb Ühr, der wahrscheinlich
an einem Milchkarren<lb/>oder an einem ähnlichen Institut seinen Posten hat.
Eine<lb/>Viertelstunde später schallen drei schwere Glockenschläge
von<lb/>San Guiseppe Capo le Case zu mir herüber, sechs mattere<lb/>Schläge
folgen. Dann hebt auch oben im Kapuzinerkloster,<lb/>wo der Ordensgeneral
seinen Sitz hat, und im Kloster auf<lb/>Trinit di Monte und in San Andrea
delle Fratte das Läuten<lb/>an, und nun tönt und tönt es weiter, bis sich
das Klingen<lb/>wie Bienengesumme durch die ganze Luft verbreitet und
man,<lb/>wenn man Glück hat, wieder einschläft, um nach einer oder<lb/>zwei
Stunden später durch das Schreien der Zeitungsverkäufer<lb/>alles Ernstes
für das Tagewerk geweckt zu werden. Danach<lb/>wirds nicht wieder still bis
gegen Mitternacht. Ja, noch über<lb/>diese hinaus hört man die zwei, drei,
vier gewaltigen Schläge,<lb/>welche die nachtschwärmenden Bewohner gegen die
Hausthüren<lb/>führen, um sich zu den verschiedenen Stockwerken der
im<lb/>Innern fast nirgend erleuchteten, meist ganz finstern Häuser<lb/>den
Einlaß und Licht für das Ersteigen der Treppen zu er-<lb/>klopfen. Rom ist
viel lauter als Berlin geworden. Aber,<lb/>obschon die Straßen reinlich
gehalten werden - die Segnungen<lb/>der Eivilisation, ordentliche
Wohnhäuser, reinliche Treppen<lb/>mit Geländer, Hausklingeln und vollends
Gasbeleuchtung<lb/>in den Häusern fehlen Rom auch heute noch!
Elende<lb/>Stalllaternen, die an dünnen Stricken von den Decken<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0109_102.tif" n="102"/>
<p>=- 1ßF -<lb/>niederhängen und immer wieder gestohlen werden, sind
auch<lb/>heute in den Fremdenwohnungen noch ein Luxus, wenn man<lb/>sehr
vereinzelte Fälle abrechnet, in denen es etwas besser ist.<lb/>Und es ist
die Unreinlichkeit der meisten Privathäuser, die<lb/>mich bestimmt hat, den
Winter in dem vortrefflich gehaltenen<lb/>Gasthofe zu verweilen.<lb/>Von der
Volkstracht keine Spur mehr in dem Volke<lb/>selber. Sogar der Carretiere,
der auf seinem überdachten<lb/>Wagen seine Weinfässer von den Kastellen nach
wie vor zur<lb/>Stadt bringt, hat ein Ding an, das einmal ein Paletot
gewesen<lb/>ist, hat einen Hut vom Trödler auf dem Kopfe. Nur sein<lb/>Svitz
läßt sich noch sein altes Fell gefallen, und bisweilen<lb/>hat der dienende
Junge die haarigen Ziegenfelle zum Schutz<lb/>der Beine noch behalten. Dafür
aber putzen die begüterten<lb/>Römerinnen ihre Ammen und Wärterinnen in den
reichsten<lb/>Albaneser- und sonstigen Kostümen aus, und auf der
Spanischen<lb/>Treppe so wie oben an der Ecke auf dem Wege nach
der<lb/>Porta Pinciana und vor einer der Kirchen in der Via Sistina<lb/>kann
man oft Gruppen von zehn, zwölf Modellen jedes Alters<lb/>und von beiden
Geschlechtern auf den Stufen und auf den<lb/>Ecksteinen sitzen und
herumliegen sehen. Aber - die Kultur<lb/>hat auch sie beleckt. Sie sind
Statisten und nichts weiter.<lb/>Nuols la mis kotogratia? rief mir neulich
ein bildschöner<lb/>zwölfjähriger Junge nach, und hielt mir seiner Bildnisse
ein<lb/>ganzes Pack vor Augen. Die Frauenzimmer haben zu
frieren<lb/>gelernt, woran sie früher niemals dachten. Sie haben,
was<lb/>ihnen gewiß sehr heilsam ist, aber sehr komisch aussieht,
bei<lb/>schlechtem Wetter schottische Plaids und alte Shawls um;<lb/>und
neulich fand ich ein hübsches aber nicht mehr ganz junges<lb/>Modellmädchen
oben an der Ecke der Via Sistina so tief ins<lb/>Lesen versunken, daß es die
Augen nicht erhob, obschon ich<lb/>dicht an ihm vorüberging. Wenn Ernst
Meier, wenn einer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0110_103.tif" n="103"/>
<p>= (Z -<lb/>der alten Römer, einer von denen, die schon die Alten
waren,<lb/>da wir Rom als Neulinge betraten, wiederkommen könnte!<lb/>Ein
lesendes Model! Seinen Augen würde er nicht trauen.<lb/>Nolö? Wollen Sie?
Das ist die eigentliche Parole des<lb/>hiesigen, doch immer noch bunten und
den Nordländer erfreulich<lb/>überraschenden Straßenlebens. Nuole? rufen die
an allen Ecken<lb/>und Plätzen zahlreich vorhandenen Kutscher, die mit
unfehlbarer<lb/>Sicherheit den Fremden augenblicklich erkennen, während
sie<lb/>von rechts und links, ohne die Antwort abzuwarten, die<lb/>Peitsche
als Signal emporhebend, rasch auf uns zufahren und<lb/>beängstigend dicht
vor uns umwenden, wenn wir sie abwehrend<lb/>von uns weisen.<lb/>Nols? ruft
auf dem Spanischen Plate der Bursche, der<lb/>eine Reihe kolorirter
Ansichten von Rom, den Papst immer<lb/>an der Spitze derselben, wie eine
Fahne vor uns niederschießen<lb/>läßt! ?udls? fragt sein Nachbar, der
Zündhölzchen zu verkaufen<lb/>hat. Naolö? lächelt der alte Jude, der
Couverts und Schreib-<lb/>papier feilbietet. Nuols bei wanarini? (ein
Dutzend für<lb/>4 deutsche Pfenniges kort iv eas! hIch bringe sie Ihnen
in<lb/>das Haus. uols Aälm! fragen die Krämer mit ihren<lb/>offenen Kasten
voll Mosaiken, Gemmen und Korallen geringer<lb/>Art. ?uols Aläüm! und auf
dieses Klüäln legen sie, als<lb/>müsse es uns ein heimisch verlockender
Klang sein, einen<lb/>besonderen Werth und einen' bewunderungswerthen
englischen<lb/>Akzent. Nols Ulälmu! Ras! Nls! desgols! darnisse!
Gelso-<lb/>wins! Nols Reseäla? =- Ganz große Päcke für wenig
Groschen!<lb/>Ja, das ist der schwache Punkt!<lb/>Du stehst vor diesen
Blumen auf dem Spanischen Platz<lb/>immer wie Zerline im Don Juan! pflegte
Stahr oft im Scherz<lb/>zu mir zu sagen: Lorrei s non worrei! (Ich möchte
und möchte<lb/>nicht, wenn seine Güte mit der Ausgabe von einigen
Soldi<lb/>meinen täglichen ökonomischen Bedenken ein rasches Ende
machte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0111_104.tif" n="104"/>
<p>== Ißg -=<lb/>Aber es ist ja für einen Nordländer auch gar nicht
möglich,<lb/>nicht zu wollen und nicht zu kaufen, wenn man ihm mitten<lb/>im
Dezember in goldenem Sonnenschein diese Fülle von<lb/>Farben, diese Fülle
von Duft entgegenbringt. Also das<lb/>schmutzige Papiergeld - es gibt
Scheine von O0 deutschen<lb/>Pfennigen - und das noch schmutzigere Kupfer,
für das ich<lb/>mir einen eigenen Beutel zur Schonung meines
Portemonnaies<lb/>genäht habe, nur rasch hervor und Blumen in das
Haus!<lb/>Und uols? rufen auch heute noch wie vor dreißig Jahren<lb/>der
Fruchtverkäufer und die Gemüseverkäuferin, der Fruttajole<lb/>und die
Erbajola, vor ihren offenen Läden, wenn sie, den<lb/>feuerentfachenden
Flederwisch in Händen, die Broccoli sieden,<lb/>die Kastanien rösten,
während die Granatäpfel in Viertheile<lb/>aufgeschnitten, die Apfelsinen,
die Birnen, die Aepfel neben<lb/>den weichen Sorben von Neapel in den Körben
liegen, und<lb/>die Trauben, die Cerase Marina, die kleinen
neapolitanischen<lb/>Tomaten, mit Käsen, mit Würsten, mit Geflügel und
mit<lb/>allen möglichen andern Eßwürdigkeiten untermischt,
anSchnüren,<lb/>in langen Bündeln und Festons unter der Thürbrüstung,
über<lb/>den Fässern voll. Häringen und Sardinen
niederhängen.<lb/>Inzwischen hört man das Pfeifen von der Eisenbahn.
Von<lb/>allen Ecken fahren die Omnibusse, die Wagen zur Station<lb/>hinauf.
Ich zählte neulich elf Omnibusse in wenig Augenblicken<lb/>auf der Piazza
Barberina. Durch die sonst so stille Via di<lb/>Tritone jagt es hinauf über
den Barberinischen Plat nach<lb/>den Thermen des Diocletian zum Bahnhof;
während unter-<lb/>halb des Plates, vom Luirinal kommend, Victor
Emanuel,<lb/>der König von Jtalien, in schlichtem zweispännigem
Wagen,<lb/>er und sein Adjutant beide in bürgerlicher Kleidung, nach
der<lb/>Promenade auf den Pincio fährt. Helle Militärmusik, die<lb/>dort wie
früher von bis z Ühr täglich sich vernehmen läßt,<lb/>tönt durch die Luft.
Die blau und gelben Federn auf den<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 11</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0112_105.tif" n="105"/>
<p>=- Pß --<lb/>Hüten der Bersaglieri, der Gebirgsschüten, flattern im
leichten<lb/>Winde. Hübsche Uniformen, glänzende Offiziere,
Wagen,<lb/>Reiter, Geistliche aller Orden, Jesuiten mit ihren
Schülern,<lb/>aber auch viele Lehrer und Lehrerinnen weltlicher
Lehranstalten,<lb/>die es früher hier nicht gab, ziehen an einander mit
ihren Zdgs<lb/>lingen zwischen der römischen Gesellschaft und der
Fremdenwelt<lb/>einher; und da unten liegt der Vatikan wie sonst, da
unten<lb/>hebt sich die Kuppel der Peterskirche wie sonst gegen den
blauen<lb/>sonnendurchglühten Himmel empor. Was mag man da drüben<lb/>wohl
denken, planen, hoffen? fragt man sich. Was wird noch<lb/>alles
vorüberziehen an dem stolzen Riesenbau dort drüben?<lb/>Aber es ist spät und
mein Brief ist lang geworden.<lb/>LJtalie! ruft eine Stimme aus. Il
Corriere! La Capitale!<lb/>Fanfulla! LIndipendenza! tönt es von hier und
dort. Vor<lb/>elf Jahren hatte Rom nur zwei Zeitungen, wenn ich mich
nicht<lb/>irre. Rauhes, unmelodisches Singen, um es mit einem
sehr<lb/>unverdienten Euphemismus zu bezeichnen, klingt dazwischen.<lb/>Die
Tage der Mandolinen und der Ritornells sind wohl vorbei<lb/>für Rom. Nur
deutsche Männer habe ich hier neulich ein hübsches<lb/>Ständchen einer
deutschen Familie bringen hören. Aber trotzdem<lb/>und alledem ist Rom doch
Rom und wird es ewig, ewig bleiben!<lb/>Der<lb/>Elster Vries.<lb/>Tod Vicor
Emanuels.<lb/>Rom, Atsl Kolsro, B. Januar. -<lb/>Eben jett, am Bten Januar,
da ich mich hinsetze, Ihnen mit<lb/>den besten Grüßen und Wünschen in diesem
Jahre den ersten<lb/>Brief gen Norden zu senden, bricht durch das leichte
Gewölk,<lb/>welches den Himmel heute bisher bedeckte, die Sonne
plötzlich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0113_106.tif" n="106"/>
<p>==- Il =<lb/>hervor. Möge ihr helles Glänzen uns und allen, welche
diese<lb/>Briefe lesen, eine gute Vorbedeutung sein. Es hieße ja von<lb/>den
Neberlieferungen des Bodens abfallen, auf welchem wir<lb/>uns hier befinden,
wenn man nicht an Vorbedeutungen glauben<lb/>wollte und an Zeichen! Und
warum auch nicht, sofern sie uns<lb/>erfreuen?<lb/>Im Grunde stehen wir doch
alle an des Reujahrs Pforte,<lb/>wie die Kinder vor der verschlossenen Thüre
des Gemaches,<lb/>hinter welcher sie die Herrlichkeit des Weihnachtsbaumes
er-<lb/>warten; nur daß wir uns nicht mehr wie die Kinder sicher<lb/>fühlen,
unser Wünschen und Hoffen erfüllt zu sehen. Und<lb/>doch hoffen wir! Ja, der
Mensch mnuuß nothwendig auf Etwas<lb/>hoffen, selbst wenn er, zu wünschen
aufhörend, nicht mehr<lb/>weiß, worauf er eigentlich hofft. Und selbst ,noch
am Grabe<lb/>pflanzt er die Hoffnung aufr<lb/>Jch betreffe mich manchmal
darauf, wenn ich hier durch<lb/>die Straßen und vor die Thore hinausfahre,
daß ich im tiefsten<lb/>Innern den Gedanken hege: jetzt werde plötzlich
irgend Jemand<lb/>kommen, den zu treffen mir eine große Freude bereiten
werde;<lb/>oder ich werde unerwartet Etwas erblicken, das zu sehen
mir<lb/>ein ganz besonderes Vergnügen gewähren werde. Aber es<lb/>kommt
natürlich keins von beiden. Es sind das Augenblicke,<lb/>in welchen das
Freudebedürfniß der Jugend und die Resignation<lb/>des Alters in uns
gleichzeitig und ganz wunderbar lebendig<lb/>sind, so daß man es mit
Neberraschung wahrnimmt, wie in<lb/>unserem Wesen und in unserem Leben die
Gegensätze anein-<lb/>anderstoßen.<lb/>Donnerstag, den 9ten Januar,
Nachmittags 5 Ühr. =- Das<lb/>Blatt war liegen geblieben - und heute? -- Der
Wunsch<lb/>guter Vorbedeutung hat sich nicht erfüllt. Das Land, in
welchem<lb/>wir verweilen, ist in die tiefste Trauer versetzt worden
-<lb/>Victor Emanuel ist todt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0114_107.tif" n="107"/>
<p>==- J0? -<lb/>Am verwichenen Freitag, als wir um vier Uhr von
der<lb/>Passeggiata heimkehrten, fuhr er im offenen zweispännigen<lb/>Wagen
mit seinem Adjutanten dicht neben uns durch die eiserne<lb/>Gitterpforte an
der Vila Medici. Er sah wie die Gesundheit<lb/>selber aus. Eine ältere Dame
mit einem jungen Mädchen,<lb/>ihrer Erscheinung nach den gebildeten Ständen
angehörend,<lb/>trat an den Wagen heran, das Mädchen überreichte
einen<lb/>Brief, der König nahm ihn selber ab. Als die Kutsche dann<lb/>nach
dem Umbiegen wieder an uns vorbei kam, hielt er den-<lb/>selben geöffnet in
der Hand und las ihn.<lb/>Am folgenden Tage schon hörte man, der König, der
eben<lb/>von Turin gekommen, wo seine Gemahlin schwer daniederlag<lb/>und
wohin er eben deshalb zurückzukehren gedachte, sei selber<lb/>ernstlich
erkrankt. Aber obschon die Berichte sich mit jedem Tage<lb/>beunruhigender
gestalteten - man hoffte doch, die starke Natur<lb/>des Königs werde den
Sieg davon tragen. - Man hoffte,<lb/>was man wünschte.<lb/>Heute war ein
trüber Tag, einer jener Tage, in denen<lb/>ein langwährender Scirocco in
Tramontane übersetzen will. und<lb/>bei denen die kalte Feuchtigkeit
unangenehm emwpfindlich ist.<lb/>Es war ein Gewitter gewesen, hatte
geregnet, gehagelt. Es<lb/>waren wenig Leute hier oben auf der Straße. Ich
kam um<lb/>drei Ühr aus dem Hause. Wenig Schritte von demselben traf<lb/>ich
einen schon langeuin Jtalien ansäßigen Engländer mit<lb/>seiner in Jtalien
geborenen Tochter. Er sah sehr traurig aus,<lb/>das junge Mädchen schwamm in
Thränen.<lb/>,Vor einer Viertelstunde ist der König gestorben!'!
sagte<lb/>er mir, ,ich will nach Hause, es erschüttert mich aufs
tiefster<lb/>-- Es fiel auch mir aufs Herz.<lb/>Rasch tritt der Tod den
Menschen an!<lb/>singen die Mönche im Wilhelm Tell. Und das schwer
lastende<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0115_108.tif" n="108"/>
<p>JlZ -<lb/>schmerzlich bange Gefühl, das den Einzelnen in einem
Hause<lb/>überfällt, in welchem ein Menschenleben erloschen ist,
lagerte<lb/>sich mit gesteigerter Gewalt über die Stadt und über
das<lb/>Land, das in seinem Könige den Mann verloren hat, unter<lb/>dessen
entschlossener Führung es sich aus der Zerstückelung zur<lb/>Einheit, aus
der Ohnmacht zur Kraft, aus der Gewalt der<lb/>Fremdherrschaft zur
Selbständigkeit herausgearbeitet, und be-<lb/>gonnen hat, sich auch aus der
geistigen Knechtschaft zu befreien,<lb/>in welcher es seit Jahrhunderten
mehr und mehr die Errungen-<lb/>schaften seiner großen RenaissanceZeit hat
einbüßen müssen.<lb/>Mein Weg führte mich in die Stadt hinunter, ich
traf<lb/>verschiedene Bekannte. Alle hatten das Wort auf den Lippen:<lb/>der
König ist todt! Alle bedauerten seinen frühen Hingang.<lb/>Selbst ein
entschiedener Gegner der jetzigen Zustände, ein un-<lb/>bedingter Anhänger
des Papstes und der weltlichen Herrschaft<lb/>desselben, sagte: ,Der Papst
wird das Ende des Königs be-<lb/>dauern. Es war nicht Victor Emanuel's
Wille, der dem<lb/>Papste anthat, was. ihm geschehen ist. Der König fügte
sich<lb/>einer ihm hart fallenden Nothwendigkeit, und der Papst hat<lb/>ihm
gestern seinen Almosenier geschickt, ihm seine Vergebung<lb/>zu verkünden.
Er war ein guter Katholik und ist gestorben<lb/>wie ein solcher!r<lb/>Wenn
das wahr ist, und Viele behaupten, daß es wahr<lb/>sei, um so größer das
Verdienst des Königs, daß er sich zum<lb/>Vollbringer dessen machte, was
Jtalien bedurfte, daß er den<lb/>Willen des Volkes, das Verlangen der
Gesammtheit höher<lb/>achtete, als sein eigenes Wünschen, als seine
persönliche<lb/>Meinung; daß er sich, wie unser alter Friy, als den
ersten<lb/>Diener des Staates, und, wie unser Kaiser Wilhelm, als
die<lb/>Wacht betrachtet, die das ihm anvertraute Schützeramt mit<lb/>nicht
wankender Treue und auch mit Selbstverleugnung übt.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0116_109.tif" n="109"/>
<p>=- ,(ß ==<lb/>Man muß es mit erlebt haben, als Augenzeuge es
erlebt<lb/>haben, was Jtalien vor einem Menschenalter war; man muß<lb/>die
erschreckende Unwissenheit der unteren Volksklassen in<lb/>Genua vor dreißig
Jahren beobachtet, man muß das bleierne,<lb/>angstvolle Schweigen, das
scheue Mißtrauen gekannt haben,<lb/>das damals auf der Lombardei lastete;
man muß die Ver-<lb/>zweiflung im Stillen haben knirschen hören, mit welcher
man<lb/>1846 hier in Rom in den Zeitungen von den Hinrichtungen<lb/>in der
Romagna, von den Hinrichtungen der beiden Brüder<lb/>Baniera, die Kunde las,
um zu wissen, welche Erinnerungen<lb/>der Tod Victor Emanuel's in den Herzen
der Jtaliener wach-<lb/>ruft, um zu begreifen, wie wahr die Worte des
tiefsten<lb/>Schmerzes sind, in denen heute die Zeitungen dem
Empfinden<lb/>des Volkes Ausdruck geben, das erst unter diesem
Könige<lb/>wieder zu einem selbstherrlichen Volke geworden ist. Man<lb/>muß
die Männer, die unter ihm gekämpft haben, erzählen<lb/>hören, wie er sich
rückhaltslos in den Schlachten preisgegeben,<lb/>um zu verstehen, wie man
ihn den besten Jtaliener heißen<lb/>konnte.<lb/>Als am Tage von San Martino
- so erzählte uns ein-<lb/>mal ein Augenzeuge - die Position kaum haltbar
schien und<lb/>alles von dem Besitze San Martinos abhing, setzte der
König<lb/>sich selber an die Spitze der stürmenden Kolonnen und rief<lb/>den
Truppen lachend in piemontesischem Dialekt die Worte<lb/>zu: ,Jungens! wenn
wir nicht San Martino nehmen, werden<lb/>sie uns San Martino machen !'' und
man erzwang den Sieg.<lb/>Der Martinstag ist eine der Ziehzeiten in Jtalien,
in denen<lb/>zahlungsunfähigen Miethern, wie überall, ein kurzer
Prozeß<lb/>gemacht und sie hinausgeworfen werden.<lb/>Wie in einem
Trauerhause ward es still in der Stadt.<lb/>Die Musik auf dem Monte Pincio
verstummte plötzlich. Alle<lb/>Läden, selbst die Kaffeehäuser, wurden
geschlossen. Hier oben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0117_110.tif" n="110"/>
<p>= 1 jß -<lb/>bei uns in den Straßen standen einzelne Gruppen vor
den<lb/>Werkstätten in ernstem Gespräche bei einander, hinaufblickend<lb/>zu
dem Quirinal und seiner gesenkten Flagge. Unten im<lb/>Corso, wo die
Menschen durch einander wogten, überall leb-<lb/>haftes aber leises
Sprechen. Wagen nach Wagen fuhren zum<lb/>Quirinal hinauf, wo die
dichtgedrängte Menge ihnen kaum<lb/>das Durchkommen gewährte.<lb/>Und nun? -
Eine Fermate in der an Dissonanzen so<lb/>überreichen Harmonie, die wir die
Weltgeschichte nennen. Ein<lb/>Moment, der uns zum Rückwärtsblicken, zum
Erinnern zwingt.<lb/>Ein warmer Herzschlag der Verehrung für ein
stillstehendes<lb/>Königsherz, dessen Streben, dessen Ziele mit den unseren
zu-<lb/>sammenfielen. Ein Dank, daß er verwirklichen helfen, was<lb/>wir in
unserer Jugend für Jtalien wie für uns selbst er-<lb/>sehnten; daran sich
knüpfend die Hoffnung, daß das für Europa<lb/>und damit für die Menschheit
so wichtige gute Einvernehmen<lb/>zwischen Deutschland und Jtalien, die
gleichzeitig zu ihrer<lb/>Einheit gelangt sind, fortbestehen, wachsen und
sich kräftigen<lb/>möge. Und Victor Emanuel wird eingereiht werden in
die<lb/>Namen der guten Regenten, welche die Geschichte zu
verzeichnen<lb/>hat, und wie vor dem Standbilde Marc Aurel's, das
auf<lb/>dem Capitol seine Hand noch heute segnend über das
Land<lb/>ausbreitet, werden kommende Geschlechter voll Verehrung
stehen<lb/>vor dem Standbild Victor Emanuel's - des ersten Königs<lb/>von
Jtalien.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 12</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0118_111.tif" n="111"/>
<p>= J1 h -==<lb/>Zuölfien Vrief.<lb/>Noch einmat Nom und Sett und
Einst.<lb/>Rom, 1. Januar 178.<lb/>Das Begräbniß Victor Emanuel's ist in
schöner, würdiger<lb/>Feier vorübergegangen. Noch flattern die italienischen
Fahnen<lb/>mit den schwarzen Kreppstreifen von den Fenstern
nieder,<lb/>Fremde und Landvolk und Militärs aus allen Theilen
von<lb/>Jtalien fluten durch die Straßen und über die Plätze.
Neberall<lb/>riecht es nach den Lorbeerzweigen, die man gestern über<lb/>den
Sarg und vor demselben niederwarf und streute, und von<lb/>denen heute noch
die einzelnen Zweige unter dem Tritt der<lb/>Menge ihren Duft verbreiten.
Indeß das Alltagsleben tritt<lb/>bereits wieder in sein gewohntes Recht. Die
Menschen sind,<lb/>sofern sie arbeiten, zu ihrer Arbeit, die Müßigen und
die<lb/>müßigen Fremden zu ihrem hinschlendernden Genießen
zurück-<lb/>gekehrt. ,Konco ! ? (das ist der Weltlaufs pflegte
unsere<lb/>Signora Lucia vor Jahren zu sagen, und auch wir haben<lb/>heute
wieder einmal in dem herrlichen Wetter eine der Aus-<lb/>fahrten gemacht;
bei denen die weite Umschau etwas Herz-<lb/>befreiendes hat.<lb/>Wir waren
nach der Vila Pamfili hinaus- und hinauf-<lb/>gefahren. Sie ist als
Parkanlage und um ihrer Aussicht<lb/>wegen eben so die schönste Villa, wie
Villa Albani, die jett<lb/>der Fürst Torlonia besitzt, die schönste der
Villen ist in Bezug<lb/>auf die Pracht und stilvolle Vornehmheit des
Schlosses und<lb/>der andern Baulichkeiten - abgesehen von den
Kunstschätzen,<lb/>die sie in sich schließt.<lb/>Aber nicht nur der
Aufenthalt in Villa Pamfili ist ein<lb/>Genuß; schon der Weg durch die Stadt
vom Monte Pincio<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0119_112.tif" n="112"/>
<p>=== P1Z --<lb/>bis Ponte Sisto ist ein Vergnügen. Er bringt einem
das<lb/>ganze Rom des 1. und 1. Jahrhunderts in so auffallender<lb/>Weise
vor Augen, daß man sich unwillkürlich, von dem freilich<lb/>in der
Menschennatur begründeten Verlangen ergriffen fühlt,<lb/>das Unmögliche
möglich zu machen. Man möchte den ent-<lb/>fernten Freunden mit der Feder
begreiflich machen, oder eine<lb/>Vorstellung davon geben, was an Rom so
durchaus anders<lb/>ist als an allen andern Orten. Man weiß, daß man
dies<lb/>nicht kann, und vermag es doch nicht, den Versuch zu
unter-<lb/>lassen.<lb/>Zunächst hat Rom nur sehr wenige lange,
gradlinige<lb/>Straßen, und auch diese sind im Verhältniß zu den
Straßen<lb/>der neueren und zu denen vieler alten Städte äußerst
schmal.<lb/>Wie die mit dem Auge nur schwer zu verfolgenden Linien<lb/>einer
orientalischen Arabeske, so schlingen und winden die<lb/>kurzen, engen
Gassen sich in- und durcheinander. In Zeit<lb/>von zehn Minuten ist man um
sechs, acht Straßenecken ge-<lb/>bogen, durch so und so viel Winkel, über so
und so viel kleine<lb/>Plätze gefahren: alle einander ähnlich an
Eigenartigkeit, alle von<lb/>einanderverschiedenin derselben. Häuser,die
denNamen vonHäu-<lb/>sern in unserm Sinne gar nicht verdienen. Hohe
glattwandige<lb/>Kasten mit schmalen Fenstern. Die einen mit so dicken,
schwarz-<lb/>grünangestrichenen,mitEisenstangenundeisernenBuckeln
beschla-<lb/>genen Thüren, mit schwarzen, schweren eisernen Klopfern
daran,<lb/>daß man Grabgewölbe oder Pulverkammern dahinter
vermuthet.<lb/>Sie müssen nothwendig aus Zeiten herstammen, in denen
jedes<lb/>Haus sich gelegentlich gegen Aufläufe und Straßenkämpfe
zu<lb/>vertheidigen hatte. Dann wieder Häuser, im Erdgeschoß ganz<lb/>offen,
mit höhlenartigen Räumen unterwwölbt, in deren uner-<lb/>gründlicher
Finsterniß, gegen das Licht hin, sofern dasselbe<lb/>überhaupt in diese
engen Gassen und Spelunken jemals dringen<lb/>kann, alle ersinnlichen
Gewerbe und Hantirungen getrieben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0120_113.tif" n="113"/>
<p>=- P1Z -<lb/>werden. Hier eine, in irgend eine Ecke oder in die
grade<lb/>Straßenreihe hineingebaute Kirche mit verfallender Treppe,<lb/>mit
verloschenem Freskobilde über dem Portale; schräg über,<lb/>ein paar
Schritte weiter, wieder eine solche oder eine große und<lb/>stattliche
Kirche. Dann eine lange, lange Mauer. Neberall.<lb/>wuchert aus ihrem Mörtel
üppiges Geranke lustig hervor.<lb/>Färber trocnen davor an aufgestellten
Stangen dicht am Fahr-<lb/>weg ihre Wollen und gefärbten Stoffe, oder
Wäscherinnen<lb/>und Familien ihre Wäsche, während über die Mauer
Eypressen<lb/>und Orangenbäume emporragen, in deren Zweigen die
goldenen<lb/>Apfelsinen und Mandarinen zwischen den glänzenden
Blättern<lb/>funkeln. Drüben ein Einblick in den feuchten,
säulenumgebenen<lb/>Hof eines ehemaligen Palastes mit dem nie fehlenden,
von<lb/>Venushaar umrankten sprudelnden Wasserguell, und über den<lb/>mit
schwerem, oft sehr schönem eisernem Gitterwerk versperrten<lb/>Fenstern des
Erdgeschosses, aus den Fenstern der oberen Ge-<lb/>stocke, zum Lüften und
Trocknen aufgehängt, ein unsagbarer<lb/>Plunder von alten Röcken, Hosen,
Betttüchern und Gott weiß<lb/>was noch alles!<lb/>Von Bürgerstegen im Innern
der Stadt gar keine Spur.<lb/>Man hat zu sehen, wie man durchkommt durch das
Gedränge<lb/>der kleinen und größern zweirädrigen Karren, auf denen
die<lb/>ganze Zufuhr für die große volkreiche Stadt besorgt wird,
so-<lb/>fern sie nicht zu Wasser geschieht - wo sie doch auch noch
der<lb/>Weiterbeförderung durch die Karren bedarf.<lb/>Sie wollen vorwärts?
Da knarrt ein Eselwagen, thurm-<lb/>hoch mit Wasserrüben, mit Radies, mit
anderm Grünkram<lb/>beladen, auf dessen Gipfel der Fuhrmann liegt.
Maulthiere<lb/>mit Schellen und buntem Feder- und rothem
Wollbüschel-<lb/>Schmuck, die Holz und Kohlen zur Stadt bringen, fahren
mit<lb/>den Botti, den zahllosen offenen Straßenkabriolets zusammen,<lb/>und
versperren der prächtigen Equipage einer Fürstin den<lb/>F. Lenald,
Reisebriefe.<lb/>s<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0121_114.tif" n="114"/>
<p>- IPF -=<lb/>Weg, daß auch wir halten müssen, und Zeit gewinnen,
drüben<lb/>an dem alten verfallenen Gebäude die prächtige Marmortafel<lb/>zu
bemerken, und die pomphafte Inschrift zu lesen, wie einst<lb/>der und der
Pontifex Maximus (Papsts aus dem oder jenem<lb/>vornehmen Geschlechte, hier
an dieser Stelle, diese oder jene<lb/>Verschönerung oder Verbesserung
ausgeführt hat. Endlich<lb/>wird auf das Einschreiten der Stadtpolizisten,
mit ihren<lb/>flatternden bunten Federbüschen an den Hüten, Luft
geschaffen,<lb/>für die schon lange wartenden Omnibusse. Die Menge,
die<lb/>sich gestaut hat, kommt vorwärts; und das Lärmen,
Schreien,<lb/>Hausiren, wie ich es Ihnen neulich beschrieben, hebt
wieder<lb/>auf das Neue an.<lb/>Das geht so fort, bis man endlich, die
Mauern der Stadt<lb/>verlassend, in das Freie kommt!<lb/>Nun verbreitert
sich der Weg! Nun sieht man Licht!<lb/>Nun überwölbt uns plötzlich ein
Himmelsdom, so blau, wie<lb/>ihn der Norden niemals sieht. Ein heller,
heißer Sonnenschein<lb/>umfluthet uns. In dem frischen Luftzug, der von dem
weiß<lb/>beschneiten Gebirge über die weite Fläche der Campagna
her-<lb/>überweht, wiegen sich die Zweige der immergrünen Bäume.<lb/>Die
dicken, phantastisch aneinander gereihten Scheiben des<lb/>Feigenkaktus
setzen schon neue Früchte an, die neue Mispel-<lb/>blüthe verbreitet ihren
vanillenartigen Geruch. Die starre<lb/>Alos läßt die Riesenstengel ihrer
letzten Blüthe wie bewimpelte<lb/>Masten gen Himmel steigen. Sie schauen
stolz hinab auf die<lb/>niedere, unzählbare Schaar von dunkelroth und weiß
blühenden<lb/>Maßliebchen und Tausendschön, welche, als die Vorläufer
der<lb/>Anemonen, jetzt schon überall zu Tage kommen, wo nur
ein<lb/>Stüückchen Rasenland zu finden ist.<lb/>So geht es den Weg zum
Janiculus hinauf:<lb/>Wo fünfströmig berver aus der ßract der
Marmer-Artaden<lb/>Stürzet der Paola Fluti, niccer ins Becken mit
Macht.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0122_115.tif" n="115"/>
<p>= I1H -<lb/>Seit wir vor elf Jahren hier gewesen sind, ist dieser Weg<lb/>in
eine weit schönere und breitere Straße verwandelt worden,<lb/>die man so
gemächlich hinauffährt wie die Viale dei Colli<lb/>in Florenz; und wie oft
man auch hier oben an dem Riesen- -<lb/>becken der Aaua Paola gestanden
haben mag, ihr Rauschen,<lb/>ihr Wellenschlagen, ihre Frische und das
Funkeln der Somnen-<lb/>strahlen in und über ihrem Wasser, haben immer
wieder etwas<lb/>Wundervolles. Immer wieder betreffe ich mich vor all
diesen<lb/>römischen Fontainen auf Stahr's Worten:<lb/>Wie vielen Herzen hat
der Luell gerauscht!<lb/>Wie vielen Herzen wird der Quell noch
rauschen!<lb/>Hier oben vor Porto S. Pancrazio, in den Gärten
und<lb/>Gehegen der Villen Giraud, Savorelli, Doria Pamfili, und<lb/>vor
allem in dem, und um das kleine Vascello ist 119 der<lb/>verzweifelte Kampf
der Jtaliener gegen die Armee der Franzosen<lb/>gekämpft worden, welche sich
während des Waffenstillstandes<lb/>verrätherisch aller festen Plätze
bemächtigt hatten. Hier hat<lb/>Garibaldi sein lettes Hauptquartier gehabt,
und Via Garibaldi<lb/>heißt jett die Straße, welche man nach Villa Pamffili
hinauf-<lb/>fährt. Es sind schöne Gartenanlagen auf dem kleinen
ab-<lb/>geplatteten Platze, unterhalb dem noch in Trümmern
liegenden<lb/>Vascello, angelegt worden, von denen das Auge mit
Entzücken<lb/>die Stadt in allen ihren Theilen, die Campagna und die
jett<lb/>mit Schnee bedeckten Gebirge überschaut. Aber während in<lb/>der
Villa Pamfili Doria noch immer das schlimme Marmor-<lb/>denkmal steht, mit
welchem der Besitzer der Villa, Fürst Doria,<lb/>das Andenken der hier im
Kampfe gegen die italienische Einheit<lb/>gefallenen Franzosen feiert,
bezeichnet auf der Via Garibaldi,<lb/>unterhalb der Villa Corsini, jetzt
eine schöne Marmortafel die<lb/>Kamvfesstätte, auf welcher die Massimo,
Menara und viele<lb/>Andere mit ihnen, ihr Herzblut und ihr Leben dem
Vater-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0123_116.tif" n="116"/>
<p>= PIs -<lb/>lande opferten. Ihre Inschrift lautet in der
Verdeutschung:<lb/>,Wenige gegen eine sehr große Anzahl, ohne Hoffnung
zu<lb/>siegen, kämpften hier, die nicht aus der Art geschlagenen<lb/>Söhne
von Rom und von Jtalien, unter Garibaldis Führung<lb/>einen ganzen Monat
lang. Ein Beispiel für die kommenden<lb/>Geschlechter, daß den Feind nicht
zählt, wer für die Freiheit<lb/>streitet und für das Vaterland. Belagerung
von Rom 149.<lb/>Gestiftet von den Nichtwählern des 5. Bezirks 187K.<lb/>Die
Angabe, daß die ,Nichtwähler' diese Denktafel den<lb/>Gefallenen errichtet,
verkündet, daß die unbemittelteren Büürger<lb/>von Trastevere sie gestiftet
haben, da das Wahlrecht an einen<lb/>bestimmten Census geknüpft
ist.<lb/>Zwei ähnliche Tafeln befinden sich an der Stadtmauer<lb/>zwischen
Porta Pia und Porta Salara, an den Stellen, an<lb/>welchen die Jtaliener 17
in Rom eindrangen. Die Stadt-<lb/>mauer ist erneuert in der Gegend. Die
Inschrist der ersten<lb/>Tafel, von Porta Pia aus, lautet: ,Die Namen der
italienischen<lb/>Soldaten, welche, die Einigkeit ihres Vaterlandes mit
ihrem<lb/>Blute besiegelnd, hier am W. September 179 ruhmwoll
fielen,<lb/>weiht und überliefert die Nationalgarde von Rom
der<lb/>Geschichte.!<lb/>Die zweite trägt die Worte: ,Durch diese Mauer
zog<lb/>das siegreiche italienische Heer am W. September 17 in<lb/>Rom ein,
die lange gehegten Gelöbnisse und Wünsche der<lb/>Römer erfüllend, und dem
Lande Jtalien den Besitz seiner<lb/>Hauptstadt sichernd. Zur dauernden
Erinnerung an diese<lb/>Thatsache stiftete die Kommune diese Tafel am s.
Juni 17.<lb/>Wer sie gekannt hat, die Männer, deren ganze Seele an<lb/>der
Erreichung dieses Zieles hing: die Pellico, Mazzini,<lb/>Garibaldi,
Cernuschi, Mannin, und so viele, ihrer weniger
her-<lb/>vorragendenGesinnungsgenossen; wer noch dieZeiten erlebt
hat,<lb/>in denen Silvio Pellico und Maroncelli auf dem Spielberg<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 13</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0124_117.tif" n="117"/>
<p>- F1? -<lb/>unter haarsträubenden Leiden schmachteten, und jene
späteren<lb/>Tage, in denen vornehme mailändische und venetianische
Frauen<lb/>ihre Vaterlandsliebe in Kerkerzellen büßten, kann nicht
ohne<lb/>tiefe, freudige Bewegung vor diesen Tafeln der Geschichte
stehen.<lb/>Aber er wird auch vor ihnen, wenn er ein Deutscher ist,
mit<lb/>seinen Erinnerungen in das eigene Vaterland, in die Zeiten<lb/>von
11516s zurückversett, in welchen es in Deutschland<lb/>ebenfalls je nachdem
für Schwärmerei oder für ein Verbrechen<lb/>galt, die Einigung Deutschlands
herbeiführen zu wollen, auf<lb/>die nothwendige Errichtung eines mächtigen
Deutschen Reiches<lb/>hinzuarbeiten und auf das große Deutsche Kaiserreich
zu hoffen.<lb/>Es hat auch in unserem Vaterlande nicht an Märtyrern
aller<lb/>Art gefehlt!<lb/>In einem meiner nächsten Briefe schreibe ich
Ihnen einmal<lb/>von einer Opern-Aufführung, der ich dieser Tage im
Theater<lb/>Apollo beigewohnt und von der ich einen sehr
sonderbaren<lb/>Eindruck mit nach Haus genommmen.<lb/>Dreizeünier
Vrief.<lb/>Historisches Erinnern.<lb/>Rom, am W. Dezember 17?.<lb/>Niemals
bin ich hier in Rom, durch die Via di Venti<lb/>Settembre gegangen, die nach
der Porta Pia und den Dio-<lb/>kletiansthürmen hinauf führt, ohne des
erhaben trotzigen Aus-<lb/>spruchs zu gedenken, des stolzen ,e gur si
muors!t, das ich<lb/>einst erschütterten Gemüthes an dem großartigen
Denkmal<lb/>Galileis las, als ich vor zweiunddreißig Jahren zum
ersten-<lb/>male die geweihten Hallen der Kirche von Sta. Eroce
in<lb/>Florenz betrat. Daneben taucht dann auch gleichzeitig in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0125_118.tif" n="118"/>
<p>= PK -<lb/>meiner Seele immer wieder der schöne Herbstmorgen auf,
an<lb/>welchem uns in dem kleinen märkischen Städtchen Eberswalde,<lb/>vor
sieben Jahren der elektrische Funke die geflügelte Bot-<lb/>schaft brachte:
,Die Jtaliener sind in Rom eingerückt, die<lb/>dreifarbige Fahne flattert
von dem Capitol, Pius der Reunte<lb/>hat sich in die Engelsburg geflüchtet,
die weltliche Macht des<lb/>Papstes ist gestürztr'<lb/>So lange man diese
Wandlung auch erwartet und ersehnt,<lb/>sie hatte damals doch noch etwas
Neberwältigendes, und die<lb/>Art und Weise, in welcher sie sich vollzog,
gab ihr das Ge-<lb/>präge eines ethischen Gerichtes. Denn vor den Mauern
von<lb/>Metz und von Sedan, an den Ufern der Mosel und der<lb/>Maas hatten
die Deutschen den Stoß gethan, der den päpst-<lb/>lichen Königsthron in dem
Augenblick zertrümmerte, in wel-<lb/>chem der Papst ihn auf dem
Infallibilitätsdogma höher und<lb/>fester als je zuvor zu gründen glaubte.
Der alte Kampf<lb/>zwischen Deutschland und Rom, zwischen deutschem
und<lb/>römischem Geiste war anscheinend am 1September für Deutsch-<lb/>land
siegreich ausgefochten; der alte Kampf der Welfen und<lb/>Ghibellinen
hoffentlich für immmer beendet worden; und was<lb/>in diesem Jahrhundert ein
deutsches Fürstengeschlecht, was das<lb/>Haus Habsburg und Lothringen an den
Jtalienern gesündigt,<lb/>das hatten die deutschen Völker auf den böhmischen
und fran-<lb/>zösischen Schlachtfeldern jett vollauf gesühnt. Jtalien
war<lb/>geeinigt. Deutschland vollzog die That seiner staatlichen
Eini-<lb/>gung, und deutschem Geiste, dem Geist der freien
Forschung,<lb/>der freien Entwicklung, dem Geiste der wahren
Menschlichkeit<lb/>und bürgerlichen Gesittung, wird jettzt von den stolz
wallenden<lb/>Wogen der Ost- und Nordsee bis zu den schönen
südlichsten<lb/>Inseln des Mittelländischen Meeres voraussichtlich
keine<lb/>Schranke mehr gesettzt sein.<lb/>Vor zweiundreißig Jahren aber sah
es in dem vielfach<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0126_119.tif" n="119"/>
<p>=- F19 -<lb/>zerstückelten, geistig geknechteten Jtalien freilich anders
aus<lb/>als jetzt, und es war damals keine Nebertreibung in
dem<lb/>Ausspruch eines meiner Bekamnten, daß man in Jtalien nicht<lb/>zwei
Stunden fahren könne, ohne von einem Beamten die<lb/>Worte: Vogans und
kasssgorto zu hören.<lb/>Ich war im Herbste 1845 vom Simplon nach dem
Lago<lb/>maggiore gekommen. Wir fielen also mitten in die Herrschaft<lb/>des
österreichischen Polizeistaates und des politischen Mißtrauens<lb/>hinein;
und wenn damals in Deutschland die Belästigung<lb/>mit den Aufenthaltskarten
und Paßbescheinigungen in den ver-<lb/>schiedenen Ländern und Städten auch
noch groß genug war,<lb/>so war sie in der Lombardei geradezu unerträglich.
Jn jedem<lb/>Orte, in dem man übernachtete, wurden die Pässe
abgefordert<lb/>und visirt Das kostete jeden Abend einen oder mehrere
Liren,<lb/>und da die Taxe für das Visa in den verschiedenen Orten<lb/>nicht
gleich war, so war man obenein in das jemalige Be-<lb/>lieben des
Gastwirths, des Lohndieners und des Polizeiboten<lb/>gegeben, die Einem
gelegentlich Abends um neun Uhr den<lb/>Paß abnahmen, um ihn am Morgen im
letzten Augenblick<lb/>vor der Abreise zurückzubringen, in welchem man die
Mög-<lb/>lichkeit eines Einspruches gegen Nebervortheilung gar
nicht,<lb/>mehr besaß. Am Ende eines vierzehnmonatlichen Aufenthaltes<lb/>in
Jtalien war es uns belustigend, das Paßbüchelchen durch-<lb/>zusehen, und
nachzurechnen wie viel Leibzoll wir gezahlt hatten.<lb/>Die Zahlen sind mir
entfallen, sie waren aber so hoch, daß<lb/>man, um Glauben zu finden, das
Buch vorlegen mußte. Und<lb/>dazu kam noch das Visitiren nach verbotenen
Büchern K.<lb/>Man brauchte kaum ein Reisetagebuch zu führen. Die
Paß-<lb/>visitationen vermerkten jeden Aufenthalt von ein paar Stun-<lb/>den
und jedes Nachtauartier, ja fast jedes kleinste Städchen,<lb/>durch dessen
Thore man ein- und ausgefahren war.<lb/>Die erste große italienische Stadt,
in welcher wir einen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0127_120.tif" n="120"/>
<p>=- JZß -<lb/>längeren Aufenthalt machten, war das vornehme Mailand.<lb/>Es
war voll von österreichischen Soldaten und Polizeibeamten,<lb/>und das
Kastell auf der Piazza d'Arme streckte aus seinen<lb/>Schießscharten die
Kanonenschlünde über die Weitung des<lb/>Plates aus, auf dem österreichische
Korporale, den Prügelstock<lb/>an der Seite, vom frühen Morgen bis zum
späten Abend<lb/>deutsche, sßlavische und ungarische Soldaten exerziren
ließen.<lb/>Die italienischen Soldaten wurden meist außerhalb
Jtaliens<lb/>verwendet, wie man uns sagte.<lb/>Ich hatte mein Jtalienisch an
Silvio Pellico's unwer-<lb/>gleichlicher Schilderung seiner Gefängnißleiden
erlernt, welches<lb/>Buch, um seiner erhabenen Einfachheit willen, seitdem
eines<lb/>meiner Lieblingswerke geblieben ist; und die Worte: ,ll
e-<lb/>neräi 1Z ottohrs 18W0 kui arrestato a Klano e condotto a<lb/>Sata
Klargberitar (am 1 Oktober 1W0 wurde ich in Mailand<lb/>verhaftet und nach
Sancta Margherita geführts, mit denen<lb/>er seine Schilderung anhebt, waren
mir lebhaft gegenwärtig,<lb/>als ich in Mailand ankam. Ich wollte also die
Gefängnisse<lb/>von St. Margherita sehen, mit ihren zeamere äi lü,
eamers<lb/>äi guür (Zellen hier, Zellen dort, wie das zu einem
Gefängs<lb/>niß eingerichtete ehemalige Nonnenkloster sie aufwies.
Ich<lb/>wollte wo möglich die Zelle sehen, in welcher man
Silvio<lb/>gefangen gehalten und in der er durch den sanften
traurigen<lb/>Gesang eines ebenfals eingesverrten jungen
Frauenzimmers,<lb/>durch das:<lb/>,Cbi renäe alls mesebins<lb/>Ds sns.
kslieitäE?<lb/>hwwer giebt der Unglücklichen ihr verlorenes Glück
zurück?<lb/>so erschüttert und so gerührt worden war.<lb/>Wir, d. h. meine
ältere Reisebegleiterin und ich, waren<lb/>in dem damals von Deutschen
besonders gern besuchten Hotel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0128_121.tif" n="121"/>
<p>- P -<lb/>Reichmamn auf dem Corso di Porta Romana abgestiegen,<lb/>hatten
dort unerwartet einen Bekannten von mir, den be-<lb/>rühmten Zoologen
Staatsrath Karl von Bähr aus Peters-<lb/>burg getroffen, der früher in
meiner Vaterstadt Königsberg<lb/>Professor gewesen war, und da er gleich uns
darauf aus war,<lb/>Mailand kennen zu lernen, machten wir uns in der
Regel<lb/>des Morgens gemeinsam mit dem Plane in der Hand auf<lb/>unsere
Wanderungen. Dabei sollte es denn endlich an einem<lb/>Mittage auch nach St.
Margherita gehen; und da wir uns<lb/>nicht hinzufinden vermochten, fragten
wir Vorübergehende um<lb/>unsern Weg. Aber während man uns sonst auf
ähnliche Fragen<lb/>stets sehr freundlich und dienstwillig Bescheid gegeben
hatte,<lb/>sah man uns bei diesem Ansuchen mit Verwunderung an;<lb/>und als
ich endlich auf die Erkundigung : ,Was suchen Sie<lb/>in St. Margherita?
unumwunden die Antwort gab, ich<lb/>wolle sehen, wo ,der Pellicor' gefangen
gewesen sei, verneigte<lb/>der Gefragte sich kurz und meinte, er bedaure,
mir nicht<lb/>dienen zu können.<lb/>Am Abend sprachen wir davon mit unserm
Wirth. Der<lb/>zuckte mit den Schultern. ,Sie sind in Mailand,
meine<lb/>Herrschaften! sagte er. ,Hier ist eine andere Luft als bei<lb/>uns
jenseits der Alpen. Man darf hier Niemand um solche<lb/>Namen fragen. Einer
hält den Andern hier für einen Spion;<lb/>das ungeheure Mißtrauen der
Regierung macht hier Jeden<lb/>vorsichtig. Man weiß wirklich nicht, wie das
hier einst noch<lb/>werden wird. Sie können sich ja immer das alte
Kloster-<lb/>gebäude von außen betrachten, wenn Sie das interessirt,
aber<lb/>fragen Sie nicht nach Pellico: Sie könnten sich in der
That<lb/>Verdrießlichkeiten damit zuziehen!r<lb/>Mailand sah übrigens damals
sehr reich und glänzend<lb/>aus. Die Abendfahrt im Giardino publico zeigte
eine sehr<lb/>elegante Gesellschaft. Vor dem adeligen Kasino, der
Scala<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0129_122.tif" n="122"/>
<p>- PF? -<lb/>gegenüber, saßen schöne, vornehme Männer in dem Cafs;<lb/>in den
Logen der Scala bewegte man sich frei und heiter<lb/>wie in einem
Gesellschaftskreise, denn die Logen waren zum<lb/>großen Theil hypothekirtes
Eigenthum der Familien, die sie<lb/>inne hatten; aber Mittags und Abends
zogen unter Trommel-<lb/>schall österreichische und ungarische Soldaten in
beträchtlichen<lb/>Massen durch alle Hauptstraßen der Stadt, als sollten
die<lb/>Einwohner es nicht vergessen, in wessen Hand und Macht
sie<lb/>wären. Und es waren keine freundlichen Blicke, mit denen<lb/>man die
Soldaten begleitete.<lb/>Jn Genua, wo wir wie in Florenz längere Zeit und
in<lb/>größerer landsmännischer Gesellschaft verweilten - außer<lb/>Herrn
von Bähr war noch der gelehrte und liebenswürdige<lb/>Kunstforscher
Geheimrath Schnaase mit den Seinen zu uns<lb/>gestoßen - athmete man freier
auf. Das Militär in Genua<lb/>bestand aus Eingeborenen. Von den unheimlichen
täglichen<lb/>Märschen durch die Straßen war keine Rede, dafür
wimmelte<lb/>die Stadt aber von Mönchen; und bei den
verschiedensten<lb/>Alnlässen hatten wir Gelegenheit zu merken, wie das
Lesen zu<lb/>den Dingen gehörte, mit deren Kenntniß die
handarbeitenden<lb/>Stände nicht, oder doch nur sehr ausnahmsweise,
gesegnet<lb/>waren. Dabei waren die Schiffer und Arbeiter im
Hafen<lb/>auffallend streitsüchtig, alltäglich sahen wir die
heftigsten<lb/>Schlägereien vor unseren Fenstern und die Stille, das
ge-<lb/>fällige Betragen, die höfliche und gute, ja poetische
Redeweise<lb/>der Florentiner fiel uns nach der Roheit der Genueser
später<lb/>doppelt angenehm auf. Um mir einen jungen schlanken<lb/>Dänen zu
bezeichnen, der öfter bei mir gewesen war und<lb/>dessen Namen sie nicht
wußte, nannte ihn unsere Florentiner<lb/>Wirthin: ,iener Jüngling hoch und
schlank wie der<lb/>Campanile! =- (Der schöne Glockenthurm am
Dome.s<lb/>Florenz hatte damals auf seiner Oberfläche noch etwas<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0130_123.tif" n="123"/>
<p>- PZZ -==<lb/>träumerisch Friedliches. Es war noch die Stadt der
Blumen;<lb/>und wenn man im Giardino Boboli hinter der
großherzog-<lb/>lichen Residenz, durch die langen, schattigen Alleen von
immer<lb/>grünen Eichen an den langen Taxuswänden hinging, wenn<lb/>die
Marmorgebilde so feierlich aus dem Grün hervorsahen,<lb/>wenn von den
Blumenterrassen der Heliotrop und die Tube-<lb/>rosen und das Zitronenkraut
dufteten, und von der Höhe des<lb/>Gartens die prachtvolle Kuppel des Domes
und der stolze<lb/>Thurm des Palazzo Vecchio sichtbar wurden, so vergaß
man<lb/>unwillkürlich, in welcher Zeit man lebte. Man vergaß
das<lb/>neunzehnte Jahrhundert, man vergaß die politischen Kämpfe,<lb/>die
Zahl der Märtyrer, welche die verschiedenen revolutionären<lb/>Erhebungen in
den verschiedenen Staaten der Halbinsel in<lb/>den Tod und in die
furchtbarsten Kerker geschickt hatten -<lb/>und man sagte sich, dieser
Garten, diese Natur, und die von<lb/>ihnen erzeugte Stimmung müßten es
gewesen sein, die Goethe<lb/>einst für seinen Tasso die Schilderung von Bel
Riguardo<lb/>eingegeben hätten. Es war äußerlich ein von allem
Gegen-<lb/>wärtigen verschiedener Eindruck, eine in das Leben
getretene,<lb/>völlig eigenartige Welt voll Poesie und bestrickendem
Zauber.<lb/>Unter dieser sanften Oberfläche barg sich aber in
den<lb/>Kreisen der gebildeten und gelehrten Männer eine
lebhafte<lb/>Betheiligung an den Bestrebungen für die
Wiedergeburt<lb/>Jtaliens; und in den Seitenzimmern des Cafs Vieusseux
fand<lb/>sich eine Gesellschaft zusammen, die es wußte, daß sie,
wenn<lb/>auch mit verschleierter Strenge, genau beobachtet wurde.
Eines<lb/>der Mitglieder dieses Kreises, Doctor Thomas Gar,
ein<lb/>Trientiner, hatte länger in Berlin gelebt und war mir<lb/>bekannt.
Später ist er als Oberbibliothekar der Bibliothek<lb/>von S. Marco in
Venedig gestorben. - Im Nebrigen waren<lb/>die Paßvisitationen und die Zoll-
und Polizeiüberwachung im<lb/>Großherzogthum Toscana ebenso peinlich wie in
der Lom-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0131_124.tif" n="124"/>
<p>- JZg -<lb/>bardei und wie in Piemont, und von dem Augenblick ab,
in<lb/>welchem man das päpstliche Gebiet betrat, wurden diese<lb/>Nebel wo
möglich nur noch ärger.<lb/>Es war in dem letzten Lebensjahre Gregor's des
R..<lb/>und der finstere, mißtrauische Sinn dieses beschränkten,
aber<lb/>gelehrten Kamaldulensermönches lag wie ein Bamn über<lb/>Rom und
dem Kirchenstaate. Eben erst war eine revolutio-<lb/>näre Erhebung in der
Romagna niedergeworfen worden,<lb/>zahlreiche Todesurtheile waren
vollstreckt. Die beiden Brüder<lb/>Baniera, Söhne eines unter
österreichischen Fahnen in Venedig<lb/>dienenden Generals, waren
hingerichtet worden, die Gefängnisse<lb/>und die Galeeren waren voll
sogenannter politischer Ver-<lb/>brecher. In Rom mißtraute Einer dem Andern,
und die<lb/>gerade in jenem Winter sehr zahlreiche und glänzende
Fremden-<lb/>gesellschaft erhielt oft von den mit ihr verkehrenden
Jtalienern<lb/>heimliche Winke, sich vor dieser oder jener Person in
Acht<lb/>zu nehmen. So fanden sich denn auch zu dem großen Kreise<lb/>von
Fremden, welcher in dem Hause einer reichen und ge-<lb/>lehrten Kölnerin,
der Frau Sybille Mertens Schaafhausen,<lb/>seinen Mittelpunkt hatte,
allmälig allerlei Personen von<lb/>anderen Nationen heran. Griechen, Serben,
Franzosen, die<lb/>sich auf ihren Visitenkarten Ritter aller möglichen,
fremden<lb/>und päpstlichen Orden nannten, die bei allen großen
Kirchen-<lb/>zeremonien in sehr auffallenden, nirgend heimischen
Uniformen<lb/>und immer in erster Reihe zu sehen waren, und über
deren<lb/>Woher und Wohin sehr unklare Berichte im Schwunge gingen.<lb/>Von
Einem oder dem Andern derselben pflegte der gelehrte<lb/>Abbate Matranga,
einer der Kustoden der Vatikanischen<lb/>Bibliothek, der zu meinen näheren
Beamten gehörte, mir wol<lb/>gelegentlich zu sagen: ,baäato Signorins! ö ue
Spia!? =-<lb/>MNehmen Sie sich in Acht, Fräulein, er ist ein Spion!
-<lb/>Ganz dasselbe sagten andere Personen aber wieder von dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0132_125.tif" n="125"/>
<p>= PZJ -=<lb/>liebenswürdigen Matranga selbst, und wer etwa
staatsgefähr-<lb/>liche Geheimnisse zu verbergen gehabt hätte, dem hätte
es<lb/>recht unheimlich in einer so beschaffenen Gesellschaft
sein<lb/>müssen. Päpstlich gesinnte Personen warnten mich vor
meinem<lb/>Arzte, Ir. Pantaleoni, einem bedeutenden und
freisinnigen,<lb/>sein Vaterland liebenden Mamne, der später lange im
Exil<lb/>gelebt hat., Jetzt nach dem Einrücken der Jtaliener in Rom<lb/>hat
die gewählte Giunta ihm, einem der ersten Chirurgen, die<lb/>Sorge für die
ganze Medizinalpolizei übergeben - und in<lb/>dem Bereiche der
Sanitätspolizei wird in dem furchtbar ver-<lb/>sumpften und verpesteten Rom
Etwas zu schaffen sein!<lb/>Die einflußreichsten Personen in Rom waren in
jenen<lb/>Tagen der Barbier des Papstes und dessen Frau. Sie
hatten<lb/>einen nahen Verwandten, der einen Handel mit feinen
Eß-<lb/>waaren auf dem Corso betrieb (einen girrianrolo, dessen
Zu-<lb/>spruch außerordentlich war. Es gab täglich neue Geschichten<lb/>über
die gefährlichen Geheimnisse, welche durch diesen. Mann,<lb/>und durch den
Barbier und dessen Frau, dem Papste bekannt<lb/>geworden waren; und dann
wieder andere Erzählungen darüber,<lb/>wie berühmte italienische Künstler
dieses Delikatessenhändlers<lb/>Frau gemalt und beschenkt hätten, um bei
irgend welchen<lb/>Arbeiten für die Kirchen verwendet zu werden. Ob dies
wahr,<lb/>ob es unwahr sei, würde schwer zu beweisen sein; die
Mög-<lb/>lichkeit dieser Gerüchte bewies aber für die Zustände um
so<lb/>mehr. Man sprach von dem Vermögen, das jener päpstliche<lb/>Barbier
durch die Bestechungen gemacht haben sollte, die man<lb/>an ihn wendete; und
Alles, was man Schlimmes und Un-<lb/>würdiges von den großen Würdenträgern
der Kirche, was<lb/>man Gehässiges gegen den Papst selber aussagte, fand
einen<lb/>böswillig bereiten Glauben. Es war damals, wie auch
in<lb/>späterer Zeit, für Denjenigen, der nicht an solche
Eindrücke<lb/>gewöhnt war, geradezu unfaßbar, wie man vor denselben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0133_126.tif" n="126"/>
<p>== PZs -==<lb/>Geistlichen knieen und den Segen Derjenigen erbitten und
Ver-<lb/>gebung seiner Missethaten von denselben Männern
erhoffen<lb/>konnte, welchen man alle Arten von Sünden nachsagte.
Man<lb/>verlachte, was man anbetete, und spottete heimlich über
die<lb/>Priester, denen man doch unbedenklich das Amt ,zu binden<lb/>und zu
lösen' zuerkannte. Die schreiendste Unwissenheit, der<lb/>blindeste
Aberglaube waren in den niederen Ständen allgemein.<lb/>Lesen und Schreiben
gehörten auch unter dem römischen Volke<lb/>wie in Genua zu den Gottesgaben,
die nur wenig Auser-<lb/>wählten zu Theil geworden waren. Der ,serinano
gablieo,<lb/>der öffentliche Schreiber, war noch eine vielgesehene, auf
den<lb/>Marktplätzen sitende Figur; und die Geistlichkeit sprach
es<lb/>unumwwunden aus, daß das Schreibenlernen namentlich für
das<lb/>weibliche Geschlecht, nicht nur eine überflüssige, sondern
eine<lb/>gefährliche Kunst sei, denn: ,Was haben Frauenzimmer
zu<lb/>schreiben und was können sie schreiben als Liebesbriefe?
Sie<lb/>führen sich besser ohne das auf!'<lb/>Und viel besser war es, wie
man allgemein behauptete,<lb/>mit der Bildung der Frauen in den
Mittelständen und in der<lb/>vornehmen Gesellschaft auch nicht bestellt,
wenn man einzelne<lb/>gelehrte Frauen, deren es in Jtalien immer gegeben
hat,<lb/>ausnahm. Eine derselben, eine Gräfin Dionigi, welche
vor-<lb/>züglich improvisirte, lernte ich damals kennen. Eine Andere<lb/>sah
ich auf dem Kapitol als Dichterin in großem feierlichem<lb/>Akte krönen.
Licht und Schatten standen sich, wie in den<lb/>klimatischen Verhältnissen,
so auch in der Bildung der Frauen<lb/>in Jtalien damals noch weit greller
als in den anderen Kultur-<lb/>ländern gegenüüber.<lb/>Neben diesen und
anderen Nebelständen war aber in jener<lb/>Zeit auch manches Gute noch
vorhanden, das sich später ver-<lb/>loren hat. Das Volk, sowol in Rom wie
auf dem Lande,<lb/>war schön und kräftig, hielt etwas auf sich und betrug
sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0134_127.tif" n="127"/>
<p>= P? -<lb/>demgemäß bei jedem öffentlichen Auftreten in einer
selbstge-<lb/>wissen Schicklichkeit, die bei einem so lebhaften und
leiden-<lb/>schastlichen Volke doppelt angenehm auffiel. Frauen
und<lb/>Mädchen hatten etwasZurückhaltendes bei großer
Freimüthigkeit.<lb/>Ihr Verkehr mit Männern war anständig. Die Fremden
und<lb/>die Künstler unter ihnen wußten, daß sie sich selbst
ihren<lb/>Modellen gegenüber in Schranken zu halten hatten, und daß<lb/>man
in Bezug auf die Ehre der Frauen und Mädchen in den<lb/>Familien keinen Spaß
verstehe. Die Behörden settten der Abreise<lb/>eines Fremden Hindernisse
entgegen, wenn römische Familien<lb/>gegen ihn für ihre Töchter klagbar
wurden; und manche große<lb/>deutsche Künstler - Peter von Cornelius an
ihrer Spitte =<lb/>haben auf diese Weise römische Frauen in die deutsche
Heimat<lb/>zurückgebracht, die sich dort fast immer Freunde und
Theilnahme<lb/>erworben, und ehrbar und häuslich erwiesen haben.<lb/>Es
herrschte auch in Rom und in der Umgegend eine<lb/>verhältnißmäßig große
Sicherheit. Man zog sorglos in der<lb/>Campagne und in den Gebirgsstädtchen
umher. Selbst in Rom<lb/>war man weit weniger vorsichtig im Verwahren der
Wohnungen,<lb/>als man es sonst in gleich großen Städten zu sein nöthig
hat;<lb/>und vorausgesetzt, daß man politisch unverdächtig war,
hatten<lb/>die Fremden ein gutes Leben, denn es war in den
päpstlichen<lb/>Staaten wie in einem Badeorte: die Fremden bildeten
die<lb/>Haupteinnahmequelle der römischen Bevölkerung, und die
Polizei<lb/>hatte ausdrücklich Anweisung, ihnen, wenn erst einmal
das<lb/>Paßwesen überwunden war, Nichts in den Weg zu legen und<lb/>sie
möglichst frei gewähren zu lassen.<lb/>Dafür sprach man in der Gesellschaft
kein Wort von Politik.<lb/>Von fremden Zeitungen, namentlich von deutschen,
war nur<lb/>die Augsburger Allgemeine in zwei oder drei öffentlichen
Lokalen<lb/>zu finden. Eine deutsche, d.h. protestantische Kirche, oder
eine<lb/>solche Schule waren nicht zugelassen, und der Geistliche
der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0135_128.tif" n="128"/>
<p>-= FFF -<lb/>preußischen Gesandtschaft, an den die protestantischen
Fremden,<lb/>die Schweizer und Skandinavier mit eingerechnet, sich zu
halten<lb/>hatten, war, soviel ich mich erinnere, nicht als
Geistlicher,<lb/>sondern als einer der Sekretäre der Gesandtschaft in
deren<lb/>Listen aufgeführt. Das erschien um so ungerechter, wenn
man<lb/>bedachte, wie die preußische Regierung den Katholiken die
freieste<lb/>Religionsübung und völlige Gleichstellung mit den
Protestanten<lb/>in allen ihren Landestheilen zuerkannte. Es war damals
die<lb/>Zeit der deutschkatholischen Bewegung. Ronge's und
Czerski's<lb/>Namen waren viel genannt. Die gebildeten Römer
wußten<lb/>davon, und sogar ein junger Franciskanermönch, den ich
häufig<lb/>bei mir sah, ein geborener Sicilianer, hatte von neuen
Auf-<lb/>lehnungen gegen die Kirche,reden gehört. Aber wenn
besonders<lb/>Gebildete im engen Vertrauen gegen ihnen sichere Personen
es<lb/>auch aussprachen, daß in der Kirche wohl Aenderungen
nöthig<lb/>wären, daß Männer, die wie alle päpstlichen Beamten
sämmtlich<lb/>Geistliche wären, schlecht zu Räthen der Regierung
taugten,<lb/>weil sie keine eigenen Familien und deshalb kein Interesse
an<lb/>dem Emporkommen und Gedeihen des Landes hätten, so sah<lb/>man, ohne
es eingestehen zu mögen, die Zustände doch noch<lb/>als etwas durchaus
Festes und Dauerndes an, und die vielen<lb/>mißlungenen revolutionären
Erhebungen liehen diesem Glauben<lb/>eine anscheinende Berechtigung.<lb/>Man
hatte den Wunsch nach einer Aenderung der Zustände,<lb/>ohne die Aussicht
sie erreichen zu können, und vollends an einen<lb/>Sturz der weltlichen
Macht des Papstes dachten sicherlich da-<lb/>mals nur wenig Auserwählte. Die
römische Aristokratie hatte<lb/>etwas ruhig Stolzes und äußerlich Würdiges.
Das Volk liebte<lb/>seine alten Adelsgeschlechter und es waren nur Einer
oder<lb/>der Andere unter den alten Familien, denen man um ihres<lb/>Geizes
oder sonst um einer übeln Eigenschaft willen Böses<lb/>nachsagte. Man hielt
die alten Familien hoch, auch wenn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0136_129.tif" n="129"/>
<p>===- PZ =-<lb/>ihre Paläste bereits viel zu groß für ihre gegenwärtige
Be-<lb/>deutung und Mittel geworden, und in traurigen Verfall ge-<lb/>rathen
waren. Bisweilen mochte freilich die Eauipage, mit<lb/>der man sich auf dem
Korso und bei der Spazierfahrt auf<lb/>dem Monte Pincio sehen ließ, nebst
den Familienbrillanten,<lb/>welche die Frauen der alten Geschlechter bei den
ersten Em-<lb/>pfangsabenden der neuernannten Kardinäle und auch in
der<lb/>Oper anzulegen pflegten, so ziemlich noch der einzige
Luxus<lb/>sein, den sie zur Schau zu tragen vermochten. -
Nachtheilige<lb/>Urtheile über die Sitten der römischen adeligen Frauen
erinnere<lb/>ich mich nicht damals irgendwie gehört zu haben; und
manche<lb/>dieser Frauen standen, wie die eben jung verstorbene
Fürstin<lb/>Borghese und die Fürstin Colonna, um ihrer Frömmigkeit<lb/>und
Wohlthätigkeit willen bei dem Volke in besonderer Liebe<lb/>und
Verehrung.<lb/>Jn Neapel war das anders. Ein Zusammenwirken<lb/>günstiger
Verhältnisse hatte mich nach den ersten Tagen<lb/>meines Aufenthaltes in
Neapel, als Gast in das Haus einer<lb/>russischen Gräfin geführt, welche mit
der Hofgesellschaft und<lb/>den verschiedenen Gesandten in lebhaftem Verkehr
stand. Der<lb/>eben in jenen Tagen erfolgte völlig unerwartete Tod
meines<lb/>Vaters und mein Schmerz über denselben, machten es
mir<lb/>unmöglich, in größere Gesellschaften zu gehen, oder die
Ge-<lb/>legenheit zum Besuch einzelner Hoffeste zu benutzen, die man<lb/>mir
bot. Aber ich sah jene Gesellschaft vielfach, ja fast täglich<lb/>in dem
stets offenen Hause meiner Gastfreundin, und ich war<lb/>überrascht davon,
wie das laute, genußsüchtige Leben in der<lb/>südlichen Königsstadt von der
vornehmen römischen Feierlich-<lb/>keit verschieden war.<lb/>In Rom war
selbst auf den Straßen und im Volke<lb/>Mlles still, wenn nicht die
Kirchenglocken läuteten oder junge<lb/>F. Le w ald, Reisebrieee.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0137_130.tif" n="130"/>
<p>==- 1Z0 =-<lb/>Mämner anmuthig singend und die Mandoline spielend
bei<lb/>Sternenschein durch die schweigenden Straßen zogen.
Von<lb/>soldatischem Wesen sah man Nichts. In Neapel hingegenn<lb/>machte
sich trotz dem außerordentlich bewegten Volksleben,<lb/>trotz der großen
Einwohnerzahl unh eines regen Handels-<lb/>verkehrs in den dem Hafen
zunächst gelegenen Stadttheilen,<lb/>das Militär und König Ferdinands
Vorliebe für dasselbe<lb/>überall gar sehr bemerklich. Auf dem Largo di
Castello<lb/>trommelte und exerzirte man den ganzen Tag. Vom Castel<lb/>St.
Elmo sahen die Kanonen drohend auf die Stadt hin-<lb/>unter, und es war
Grund dazu vorhanden, denn die Unzu-<lb/>friedenheit in Neapel war
außerordentlich groß.<lb/>Nicht nur in den Familien der reichen Kaufleute,
deren<lb/>ich durch Empfehlung deutscher Freunde verschiedene
hatte<lb/>kennen lernen, sprach man sich sehr bitter über die
willkür-<lb/>liche Mißregierung, über die unheilvolle
Pfaffenwirthschaft<lb/>aus, sondern selbst in den aristokratischen Kreisen
konnte man<lb/>sehr harte Urtheile über den König und die Regierung
hören;<lb/>und beliebt war vom Hofe eigentlich nur die
verwittwete<lb/>Königin Mutter, eine Schwester der Herzogin von
Berry,<lb/>während die regierende Königin auch in der
Aristokratie<lb/>durchaus unbeliebt war. Darin lag aber eine
Ungerechtig-<lb/>keit, die nur durch die große Sittenverderbniß der
damaligen<lb/>vornehmen Welt von Neapel erklärlich wurde.<lb/>Die regierende
Königin war eine Tochter des Erzherzogs<lb/>Karl von Desterreich, eine
stolze, sittenreine Frau, eine tadel-<lb/>lose Gattin, eine pflichttreue
aber herrschsüchtige Mutter. Sie<lb/>war jung nach Neapel gekommen, von dem
sehr rohen König<lb/>brutal behandelt, von den freien Sitten des Hofes
zurück<lb/>gestoßen worden, und hatte sich deshalb in sich und in
den<lb/>Kreis ihrer Kinder zurücgezogen. Man sagte, sie lebe nur<lb/>in der
Kinderstube, habe das Jtalienische nur von den Ammen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0138_131.tif" n="131"/>
<p>= PZ =-<lb/>ihrer Kinder gelernt, sie sei geistlos und habe den
kalten<lb/>beleidigenden Stolz der Habsburger. Sie war aber damals<lb/>noch
eine schöne Frau, und selbst zwanzig Jahre später, da<lb/>ich sie als eine
Vertriebene, immer schwarz gekleidet, all-<lb/>abendlich mit ihrem finstern
Gesichtsausdruck auf dem Monte<lb/>Pincio zu Rom die übliche Spazierfahrt
machen sah, war<lb/>ihre Erscheinung noch gebieterisch. Ihr entthronter
Sohn,<lb/>König Franz, und die Königin Marie sollten, wie man 186?<lb/>in
Rom behauptete, viel von ihr zu leiden gehabt haben,<lb/>aber sie hatte auch
selber viel gelitten. Es waren 1846 in<lb/>Neapel viel Anekdoten über ihres
Gatten Betragen gegen sie<lb/>im Umlauf, und man verzieh ihm leichtsinnig
alle die Krän-<lb/>kungen, welche seine vielfachen Untreuen ihr bereiteten,
während<lb/>man über die wirklichen Rohheiten, die er gegen sie
begangen<lb/>haben sollte, mit einem Achselzucken fortging. Einmal
hatte<lb/>sie, wie man erzählte, sich am Flügel niederlassen wollen,
und<lb/>der König als liebenswürdigen Scherz den Sessel hinter
ihr<lb/>fortgezogen, so daß die große, starke Frau schwer zu
Boden<lb/>gefallen war.<lb/>,Das ist das Betragen eines Lazzaroni!r hatte
sie im<lb/>Schreck und in ihrer Beleidigung ausgerufen, und der
König<lb/>war im Beisein ihrer Hofdame auf sie losgestürzt und hatte
-<lb/>sie mit den Worten: ,Ich will Ihnen zeigen, wie die Lazzaroni<lb/>es
machen!rr in rohester Weise mißhandelt. Auch in Rom<lb/>war sie freilich
später nicht beliebt; und doch ist sie als ein<lb/>Opfer ihrer Mutterliebe
gestorben, als sie im Sommer des<lb/>Jahres 186?, zur Zeit der in Albano bei
Rom pestartig<lb/>wüthenden Choleraepidemie, selbst schon von der
Krankheit<lb/>ergriffen, nicht von dem Lager ihrer beiden jüngsten
zun<lb/>Tode erkrankten Kinder zu entfernen war, bis der Tod sie<lb/>selbst
ereilte.<lb/>Ganz im Gegensatz zu der Ungunst, mit welcher man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0139_132.tif" n="132"/>
<p>== 1ZZ =<lb/>die eben erwähnte Königin betrachtete, war die
Königin-Wittwe<lb/>beliebt, und man nahm keinen Anstoß an ihrem
Lebens-<lb/>wandel, der zuletzt so arg geworden war, daß der König,<lb/>ihr
Sohn, sich in das Mittel legen mußte. Die Art, mit<lb/>welcher es dabei
zuging, war aber auch durchaus charakteristisch<lb/>für das Land und für die
Sitten desselben.<lb/>Der König hatte, wie man behauptete, seiner
Mutter<lb/>durch ihren Veichtvater Monsignore C. eröffnen lassen, daß<lb/>er
ihr die bisherige Freiheit ihres Lebenswandels nicht<lb/>länger nachsehen
könne, und daß sie, wenn sie nicht als<lb/>Wittwe leben wolle, sich einen
Gatten wählen müsse. Sie<lb/>hatte entgennet, daß sie keine besondere
Vorliebe für irgend<lb/>Jemand hene, daß sie aber, wenn ihr Sohn es
verlange,<lb/>nicht abgeneigt sei, sich wieder zu verheirathen. Darauf
hatte<lb/>man aus den Garden zwölf junge schöne Offiziere aus
alten<lb/>Familien ausgewählt; der Beichtvater der Königin hatte
ihnen<lb/>die Absichten des Königs mitgetheilt, man hatte ihnen
be-<lb/>greislich gemacht, daß es sich darum handle, dem
königlichen<lb/>Hause seine Ergebenheit zu beweisen und zugleich das
Seelen-<lb/>heil der Königin - Wittwe zu wahren. Danach hatte man<lb/>ihnen
eine Messe gelesen und nebenher auch die weltlichen<lb/>Vortheile
auseinander zu setzen nicht ermangelt, welche der<lb/>künftige Gatte der
Königin zu gewärtigen haben würde; und<lb/>nach gehörter Messe war dieses
Elitekorps von Heiraths-<lb/>kandidaten der Königin - Wittwe vorgeführt
worden, die sich<lb/>denn freimiitlig und schnell entschlossen, sich den
stattlichsten<lb/>unter diesen jungen Männern antrauen zu lassen. Der
Er-<lb/>korene genos; keiner Art von königlichen Ehren, sondern
hatte<lb/>seinen Nang unter den ersten Hoibeamten; aber man schien<lb/>ihn
in der Gesellschaft nicht zu mißachten. Seinen Namen habe<lb/>ich vergessen,
habe aber sein Bild, da ich ihn oft mit seiner<lb/>bedeutend älteren Frau in
offener Kalesche auf der Riviera<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0140_133.tif" n="133"/>
<p>= 1ZZ -<lb/>die Chiaja habe spazieren fahren sehen, noch vollständig
im<lb/>Gedächtniß. Man rühmte ihm nach, daß er seine Stellung<lb/>sehr
taktvoll zu behaupten wisse, daß er sein Amt, die<lb/>Königin-Mutter in
Ordnung zu halten, sehr gut und gewissen-<lb/>haft erfülle, und die
Zuneigung, welche man für die Königin-<lb/>Mutter hatte, trug sich bis zu
einem gewissen Grade auch<lb/>auf ihren wachhaltenden Gatten über. Sie war
eben wie<lb/>die Welt, in der sie lebte, und gab sich kein
tugendrichter-<lb/>liches Ansehen.<lb/>Diese,Welt'' war aber in sittlicher
Beziehung als wäre<lb/>sie aus einem französischen Roman entlaufen; und
obschon<lb/>sich sehr geistreiche Männer und Frauen von den
verschiedensten<lb/>Nationen in ihr zusammenfanden, obschon die
Umgangsformen<lb/>äußerst angenehm und abgeschliffen waren, mußte Jeder,
der<lb/>in anderen Sittenbegriffen- oder vielmehr überhaupt mit<lb/>der
Vorstellung erzogen worden war, daß nicht Alles erlaubt<lb/>sei, was gefällt
- sich mit Staunen davon abwenden. Die<lb/>ernsteren Männer und Frauen in
derselben, wie meine<lb/>Freundin, wie der spanische Gesandte und
historische Schrift-<lb/>steller, Herzog von Rivas oder die Dichterin Irene
Capecellatro<lb/>und Andere, sprachen bisweilen mit Sorge von dem
Ende,<lb/>das diese Zustände nothwendig einmal nehmen würden; aber<lb/>der
Liebesabenteuer verheiratheter Männer und Frauen, in<lb/>denen damals der
österreichische unverheirathete Fürst Felix<lb/>Schwarzenberg, der später
erbitterte Gegner Preußens, eine<lb/>sehr hervorragende Rolle spielte, waren
so viele, und es gab<lb/>täglich so viel zu berichten und vorsichtig zurecht
zu legen,<lb/>damit wenigstens der äußere Anstand und
Zusammenhalt<lb/>einigermaßen gewahrt blieb, daß man für die
kommenden<lb/>Tage und für die eigene ferne Zukunft nicht viel
Nachdenken<lb/>übrig behielt.<lb/>Von Politik war viel mehr die Rede als in
Rom -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0141_134.tif" n="134"/>
<p>==- 1I -<lb/>aber nicht von der Politik des Königreichs Neapel. Man
be-<lb/>sprach die österreichischen, die französischen Zustände.
Preußen<lb/>und das nicht österreichische Dentschland, kamen dabei so
wenig<lb/>wie das Feuerland oder Grönland in Betracht. Man
nahm<lb/>lebhaften Antheil an allen Erscheinungen der
französischen<lb/>Literatur. Die Rerne äes ääenc monäes und alle irgendwie
be-<lb/>deutenden französischen Journale waren Gegenstände der
täg-<lb/>lichen Unterhaltung. Man hatte dabei, namentlich die
zahl-<lb/>reichen Russen, die sich in der Gesellschaft befanden, eine
aus-<lb/>gesprochene Vorliebe für jene Art von Sozialismus, wie sie<lb/>sich
in den französischen Romanen kundgab; aber über Das,<lb/>was sich Soziales
in der nächsten Nähe zutrug, glitt man<lb/>leicht hinweg.<lb/>Der Einfluß
der Geistlichkeit war allmächtig, und die<lb/>vornehmsten Prälaten
verschmähten es nicht, ihren Vortheil,<lb/>wie ihre Zuneigungen und
Abneigungen bis in die intimsten<lb/>Angelegenheiten des Familienlebens
geltend zu machen. Ein<lb/>sehr merkwürdiges Bild von diesem Einfluß der
Geistlichkeit,<lb/>wie von dem Leben in den aristokratischen Familien und
in<lb/>den von der Aristokratie begünstigten und für ihre
Mitglieder<lb/>benutzten Klöstern, bieten die Memoiren einer Nonne dar,
der<lb/>Gräfin Henriette Caracciolo, die sie veröffentlichte, als
Neapel<lb/>in das neue Königreich Jtalien aufgenommen und die
Klöster<lb/>aufgehoben worden waren. Sie hat sich später mit
einem<lb/>bürgerlichen Advokaten verheirathet.<lb/>In Sizilien aber sah es,
wie man mir in dort lebenden<lb/>deutschen und sehr gebildeten Familien
berichtete, mit den<lb/>Sitten der begüterten Familien und des Adels noch
weit<lb/>schlimmer aus. Die ärgsten Ausschreitungen gegen die
Sittlich-<lb/>keit waren in den Familien gang und gäbe. Mann und<lb/>Frau
hatten gelegentlich ihre Geliebte und ihren Liebhaber<lb/>unter irgend
welchem annehmbaren Titel zu ständigen Haus-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0142_135.tif" n="135"/>
<p>- PZH -<lb/>genossen. Die partis guarrss war vollständig eingerichtet.
Der<lb/>Hausgeistliche und Beichtvater machte den Vertrauten
und<lb/>Vermittler zwischen den verschiedenen Theilen, und weil
Jeder<lb/>seines Beistandes bedürftig war, und namentlich die
Frauen<lb/>darauf hielten, sich ihre Sünden vergeben zu lassen, war
der<lb/>Einfluß der Geistlichkeit, die durch den geradezu noch
heidnischen<lb/>Aberglauben in den unteren Volksschichten unbedingt
herrschte,<lb/>auch in den begüterten Familien fest begründet; um so
mehr,<lb/>als auch unter den Frauen der wohlhabenden Stände
die<lb/>Unwissenheit unglaublich war.<lb/>Indeß trotz der sinnlichen
Genußsucht, trotz der sehr ver-<lb/>breiteten Sittenverderbniß, troz der
Unwissenheit und Gedanken-<lb/>losigkeit der großen Mehrzahl, gab es in
Neapel einen Kreis<lb/>von Männern und Frauen, in denen die Erinnerung an
die<lb/>von den Bourbonen mit Schwert und Strick
niedergeworfene<lb/>Revolution nicht erloschen war. Es lebten noch die
Angehörigen<lb/>der Männer, welche die blutdürstige Reaktion an den
Galgen<lb/>und auf den Hochgerichten hatte sterben lassen. Ihr
Gedächtniß<lb/>war treu und fest, und das ,hunge Jtalien' hatte seine
An-<lb/>hänger und Mitglieder vom Fuß der Alpen bis zum Meere.<lb/>Hie und
da tauchte, wenn man mit gebildeten Adeligen oder<lb/>mit Personen aus den
bürgerlichen gebildeten Kreisen, mit<lb/>Aerzten, Gelehrten, Kaufleuten
zusammentraf, ganz unerwartet<lb/>und ganz rücksichtslos eine das
Gouvernement oder die Geist-<lb/>lichkeit bittertadelndeAeußerung, ja eine
fluchende Verwünschung<lb/>derselben auf. Im niedern Volke sprach sich die
Unzufriedenheit<lb/>mit den Zuständen meist in einer Sehnsucht nach der
frühern<lb/>Franzosenzeit, nach der Regierung Joachim Murat's aus,
der<lb/>im Munde des Volkes nur als ,der brave Gioaccchino'' lebte,<lb/>und
der, weil er durch die verhaßten Bourbons erschossen<lb/>worden, sich für
das Bewußtsein der Menge halbwegs in einen<lb/>Heiligen verwandelt
hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0143_136.tif" n="136"/>
<p>= PZE -<lb/>Die Unsicherheit im Lande entsprach den übrigen
Zuständen.<lb/>Die Regierung paktirte mit den Briganten, ohne sich,
wenn<lb/>die Gelegenheit ihr günstig war, vor offenem Verrath an
den<lb/>Briganten zu scheuen; und das Landvolk paktirte ebenfalls<lb/>mit
ihnen, hielt ihnen aber aus Furcht dieZusagen besser als die<lb/>Regierung,
und trat aus Abneigung gegen diese auf Seite<lb/>der Briganten, wenn es
zwischen diesen und jener einmal zu<lb/>ernsten Zusammenstößen kam. Kurz,
von den äußersten<lb/>Nordgrenzen des österreichischen Jtaliens bis hinab zu
den<lb/>italienischen Inseln, überall die höchste Unwissenheit im
Volke,<lb/>überall. Mißregierung, überall Mißtrauen und
Mißwollen<lb/>zwischen den Herrschern und den Beherrschten; und über
sie<lb/>Beide mächtig, eine selbstsüchtige, habsüchtige, einzig auf
ihre<lb/>Zwecke gestellte Geistlichkeit, aus welcher denn hie und da,
wie<lb/>Sterne aus tiefer Nacht, einzelne erhabene Charaktere
auf-<lb/>tauchten: Männer, in denen eine ideale Auffassung des
Christen-<lb/>thums und ihres Berufes neben einer begeisterten Liebe
für<lb/>ihr Vaterland lebendig war.<lb/>Natürlich wurden diese von ihren
geistlichen Vorgesettten<lb/>mit Unerbittlichkeit verfolgt, wie das Leben
eines der bedeu-<lb/>tendsten unter ihnen, des bolognesischen
BarnabiterMönches<lb/>Hugo Bassi es beweist, dessen Auftreten in die ersten
dreißiger<lb/>Jahre dieses Jahrhunderts üel, und der schon damals
dem<lb/>Gedanken an die Einheit Jtaliens von der Kanzel Worte zu<lb/>geben
wagte. Stahr hat einen Lebensumriß des im Jahre<lb/>1819 am 1. August von
den Oesterreichern standrechtlich er-<lb/>schossenen und als Märtyrer
gestorbenen Mannes, in unserm<lb/>gemeinsamen Buche: ,Ein Winter in Rom''
geliefert, der für<lb/>die Tyrannei jener Tage ein allseitiges und sehr
sprechen-<lb/>des Zeugniß bietet. -- Diese Tyrannei der Kirche
gegen<lb/>ihre Diener kann und wird aber nicht enden, so lange die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0144_137.tif" n="137"/>
<p>PZ? -<lb/>Kirche besteht, denn sie ist für dieselbe Bedingung
ihres<lb/>Bestehens.<lb/>Ich hatte Neapel verlassen, und war von der mir
be-<lb/>freundeten Famile des Kammerherrn Baron von Schwanen-<lb/>feld
eingeladen, zu ihr nach Ischia gegangen, als uns die<lb/>Nachrichten von dem
Tode des Papstes Gregor des R..<lb/>von der Erhebung des Kardinals Mastai
Ferretti auf den<lb/>päpstlichen Thron erreichten; und noch erinnere ich
mich sehr<lb/>deutlich der Freude, mit welcher die ersten
Regierungsakte<lb/>des neuen Papstes in Jtalien aufgenommen
wurden.<lb/>Namentlich in Neapel - ich brachte über ein halbes<lb/>Jahr in
Neapel und in seinen Umgebungen zu -= wo die<lb/>Kerker voll von politischen
Gefangenen waren, riefen die<lb/>Amnestie, mit welcher der neue Papst seinen
Regierungs-<lb/>antritt bezeichnete, wie die Verheißung grüündlicher, im
Sinne<lb/>der Freiheit zu machender Reformen eine wahre
Begeisterung<lb/>hervor. Wie man es von Carlo Alberto seiner Zeit
be-<lb/>hauptet, daß er in seiner Jugend ein Mitglied der in der<lb/>Mitte
der zwanziger Jahre untergegangenen geheimen Gesell-<lb/>schaft der
Carbonari gewesen sei, so wurde das Gleiche auch<lb/>von Pius dem l.
geglaubt. Als dann nach dem Vorgange<lb/>des Papstes auch Carlo Alberto den
Weg zu einer freiern<lb/>Gestaltung der Staatsverhältnisse betrat, wurden
jene Gerüchte<lb/>fir die leichtbewegliche, schnell entzündete Phantasie des
Volkes<lb/>eine Neberzeugungssache, und man erwartete von dem
neuen<lb/>Vapste nicht mehr und nicht minder, als daß er, der
ver-<lb/>kündete Nachfolger Christi, nun der Erde den Beginn
des<lb/>tausendjährigen Neiches und das goldene Zeitalter bringen<lb/>werde.
Tie Begeisterung für ihn war so groß, daß selbst<lb/>sehr arme Männer und
Frauen auf Ischia die ersten mit<lb/>dem Bilde des ,Wohlthäters der
Menschheit'' geprägten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0145_138.tif" n="138"/>
<p>==- PZZ =<lb/>Silberstücke, deren fie habhaft wurden, nicht für ihren
Bedarf<lb/>verwendeten, sondern sie durchschlagen oder mit Henkeln
ver-<lb/>sehen ließen, um sie als Amulete um den Hals zu hängen.<lb/>Und in
der That, man darf behaupten, das Pius K.<lb/>mit idealistischen Gedanken
auf den Thron des heiligen<lb/>Vaters gestiegen ist, daß ihm Etwas wie die
Rolle eines<lb/>neuschaffenden Weltbeglückers vorgeschwebt, als er sich
die<lb/>dreifache Krone auf das Haupt gesetzt hat. Jett, wo man<lb/>seine
nahezu zweiunddreißigjährige Regierungszeit im Ganzen<lb/>überschauen kann,
tritt für mich jene Aehnlichkeit zwischen<lb/>seinem Charakter und dem
Charakter des Preußenkönigs<lb/>Friedrich Wilhelm ., die uns in dem Aeußern
der beiden<lb/>Herrscher gleich damals aufgefallen war, in
überraschender<lb/>Weise hervor, und diese äußere Aehnlichkeit war noch
größer<lb/>geworden, da wir den Papst in Rom zwanzig Jahre später<lb/>als
Greis wiedersahen. Es waren dieselbe Feinheit der<lb/>ursprünglichen
Gesichtsformen, die weiche, fast weibliche Fülle<lb/>der Wangen und des
Kinnes, die frischen Farben, das geist-<lb/>reiche und spöttische Lächeln,
und der bei aller Freundlichkeit<lb/>unverkennbar stolze Ausdruck beiden
Herrschern gemein; wie<lb/>sich die Erkenntniß von den Ansprüchen des
neunzehnten<lb/>Jahrhunderts in Beiden mit einer ganz orthodoxen
Glaubens-<lb/>richtung zusammenfand, welche, im Mittelalter wurzelnd,
in<lb/>Einem wie in dem Andern die Neberzeugung erweckte, daß<lb/>sie an
ihre, ihnen direkt von Gott zugewiesene Machtvoll-<lb/>kommenheit nicht
rühren lassen dürften; daß sie bestimmt<lb/>seien, das Ideal königlicher und
päpstlicher Würde darzu-<lb/>stellen, nach dem Bilde, welches sie selber von
diesem Ideale<lb/>in sich trugen. Sie traten Beide mit einem durchaus
persön-<lb/>lichen Akte ihrem Volke entgegen. Beide viel
versprechend,<lb/>große Hoffnungen durch ihre ersten Aeußerungen
erregend,<lb/>Beide begierig nach jener Liebe des Volkes, welche
persönliche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0146_139.tif" n="139"/>
<p>- 1Zß -<lb/>Einwirkung auf die Massen und persönliche Berührung mit<lb/>dem
Einzelnen verleihen; und Beide sofort erschreckend, als<lb/>die von ihnen
beherrschten Völker sich geneigt zeigten, sie<lb/>beim Wort zu nehmen und
die Umsetzung der unbestimmten<lb/>Zusagen in Zugeständnisse zu verlangen,
wie das jetzige<lb/>Bewußtsein der Völker sie für die Theilnahme an der
Macht,<lb/>für die konstitutionelle Mitregierung fordert. Selbst
die<lb/>Neigung, denjenigen Männern in Person zu begegnen, welche<lb/>sich
zu den Organen der den Regenten nicht mehr
erwünschten<lb/>Freiheitsforderungen machten, fand sich bei Pius K.
wie<lb/>bei Friedrich Wilhelm 1.; und wenn ich auch weit davon<lb/>entfernt
bin, den als Märtyrer im Kampfe für die über-<lb/>wundene römische Republik
untergegangenen Hugo Bassi mit<lb/>dem Dichter der Lieder oines Lebendigen
zu vergleichen, so<lb/>war die Idee, in welcher der König den damals
gefeierten<lb/>Dichter vor sich kommen ließ, dem Gedankengange
sicher<lb/>ähnlich, der den Papst bestimmte, Hugo Bassi zu sich zu
be-<lb/>scheiden. ,Wir wollen ehrliche Feinde sein!r hatte der
König<lb/>gesagt, als er Herwegh nach längerm Zwiegespräch
entließ.<lb/>,Welch ein edles Herz ist Pater Bassi!r rief der Papst
aus,<lb/>nachdem er den jungen BarnabiterMönch mnter Thränen der<lb/>Rührung
umarmt hatte. Aber weder die Freiheitsideen des<lb/>Dichters, noch die
erhabenen Ziele des Mönches waren nach<lb/>dem Sinn der beiden
,Selbstherrscherr und Beide scheiterten,<lb/>wie Stahr es von Friedrich
Wilhelm M. in seiner Geschichte<lb/>der preußischen Revolution genannt hat,
an dem unlösbaren<lb/>Problem: zu geben ohne aufzugeben! -<lb/>Beide wurden
durch Das, was sie den Undank des<lb/>Volkes nannten, jedem, auch dem
gerechtesten Verlangen des<lb/>Volkes feindlich; und während sie selber dazu
beigetragen<lb/>hatten, die Bewegung in den von ihnen regierten
Völkern<lb/>zu erzeugen, kamen sie dahin, diese Bewegung plötzlich
hemmen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0147_140.tif" n="140"/>
<p>-= 1g --<lb/>und stauen zu wollen, und die Revolution
heraufzubeschwören,<lb/>durch den in das Leben getretenen Gegensatz der
Volksideen<lb/>und ihrer eigenen Ideen von Volksbeglückung durch
des<lb/>Fürsten Gnade. Wäre Friedrich Wilhelm 1. Katholik ge-<lb/>wesen,
hätte er statt des Throns von Preußen den päpstlichen<lb/>Thron eingenommen,
so hätte er auch allmälig aus einer<lb/>mißverstandenen kirchlichen
Auffassung von dem gottgegebenen<lb/>Beruf des Herrschers, dahin gelangen
können, an die<lb/>Infallibilität des Gesalbten zu glauben und sie, wenn er
die<lb/>Macht dazu besessen hätte, zum allgemeinen Glaubenssatze<lb/>erheben
zu wollen.<lb/>Im Herbste des Jahres 1S4s, als ich Jtalien verließ,<lb/>war
aber der Glaube an Pius lK. noch in seiner ersten<lb/>Zuversicht, und wohin
ich auf meiner Durchreise durch Jtalien<lb/>kam, überall hörte man
Aeußerungen der Bewunderung und<lb/>der Verehrung über und für ihn; üüberall
hoffte man durch<lb/>ihn zu einer Wiedergeburt Jtaliens zu
gelangen.<lb/>Auch auf dem Dampfschiffe, welches uns von Neapel<lb/>nach
Livorno brachte, und auf welchem sich eine nicht unbe-<lb/>trächtliche
Anzahl von gelchrten Jtalienern befand, war viel<lb/>von den Hoffnungen die
Rede, welche man für die Zukunft<lb/>Jtaliens hegte, das man auch in dieser
Gesellschaft bereits<lb/>als eine Einheit zu betrachten anfing. Es waren zum
großen<lb/>uheil Männer, welche sich zu einer der
,Gelehrtenversamm-<lb/>lungen begaben, die von dem Fürsten Carlo Canino,
dem<lb/>ältesten Sohne Lucian Bonoparte's, begründet worden waren,<lb/>und
in denen sich mehr und mehr die italienischen Patrioten<lb/>zufammenfanden,
kennen lernten, und für die Einigung ihres<lb/>Vaterlandes vorzubereiten
begannen.<lb/>Der Zufall fügte es, daß der Prinz und sein
Begleiter<lb/>meine Tischnachbarn waren. Ter Prinz war damals ein<lb/>Mann
gegen das Ende der vierziger Jahre, mittelgroß und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0148_141.tif" n="141"/>
<p>b- PI -<lb/>stark wie alle Bonoparte's; und auch sein Gesicht zeigte
den<lb/>scharf ausgeprägten Typus des Geschlechtes. Es war von<lb/>den
allgemeinen politischen Zuständen Europa's, von der<lb/>religiösen Bewegung
in Deutschland, von den Lichtfreunden,<lb/>den Deutschkatholiken, von den
Aussichten auf eine konstitutio-<lb/>nelle Gesetgebung in Preußen die Rede.
Der Prinz sagte,<lb/>daß er sich für deutsche Literatur interessire, daß
seine Gattin<lb/>-- sie war eine Tochter des Prinzen Joseph Bonoparte
-<lb/>unserer Sprache mächtig sei und Schiller'sche Dramen in
das<lb/>Jtalienische übersetzt habe. Auch der junge Begleiter
des<lb/>Prinzen, Ur. Luigi Masi, der ihm bei seinen
wissenschaftlichen<lb/>und literarischen Arbeiten zur Hand ging - der Fürst
von<lb/>Canino war Zoolog- nahm an diesen Unterhaltungen in<lb/>einer sehr
geistreichen, oft mit schlagenden Einfällen und<lb/>Worten entscheidenden
Weise Theil. Er mochte kaum in der<lb/>Mitte der Zwanziger sein, war eher
klein als groß, schlank<lb/>und beweglich; und die gemeinsame Fahrt hatte
uns so viele<lb/>gute Stunden geboten, daß ich, nur durch die
Nothwendigkeit<lb/>dazu gezwungen, darauf verzichtete, nach dem Vorschlag
dieser<lb/>Reisegefährten bis Genua mitzugehen und der
Gelehrtenver-<lb/>sammlung beizuwohnen, statt in Livorno zu
landen.<lb/>Beide Männer sah ich danach nicht wieder. Der Prinz<lb/>starb
185s, aber seinen Sohn, den Kardinal Bonwparte,<lb/>Groß-Almosenier des
Papstes, zeigte man mir zwanzig Jahre<lb/>später bei einer der großen
Funktionen im Sankt Peter, und<lb/>erwähnte dabei, er stehe bei Pius K. in
besonderer Gunst,<lb/>was man als bedrohlich ansah.<lb/>Nur von Pr. Masi
hörte ich in Zwischenräumen wieder.<lb/>Er schrieb mir ein paar Mal,
schickte mir später einzelne<lb/>Blätter eines von ihm begründeten
politischen Journals, dann<lb/>verschwand er aus meinem Gesichtskreis, bis
ich ihn in den<lb/>Kriegen für die italienische Freiheit und Einheit unter
den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0149_142.tif" n="142"/>
<p>- TL --<lb/>hervorragenden Offizieren genannt fand. Und am W.
Oktober<lb/>1870 war er es, General Masi, der an der Spitze
der<lb/>italienischen Armee den Einzug hielt in die, dem Vater-<lb/>lande
wiedergegebene alte unvergleichliche Tiberstadt, in die<lb/>ewige
Roma.<lb/>Viele Jahre waren vergangen, wir waren viel herum-<lb/>gekommen,
Jtalien hatten wir nicht wiedergesehen; aber wir<lb/>waren seiner
Entwickelung mit unausgesetter Theilnahme ge-<lb/>folgt, als wir im Herbst
des Jahres 1858 in Paris in dem<lb/>Hause Daniel. Stern's der als
Geschichtsschreiber bekannten<lb/>und bedeutenden Gräfin Marie d'Agoults,
dem ehemaligen<lb/>Diktator Venedigs, Daniello Manin begegneten.<lb/>Auch
sein Auftreten hatte sich an die italienischen
Ges<lb/>lehrten-Gesellschaften geknüpft, in welchen er mit der in
seiner<lb/>advokatorischen Praxis erworbenen Gesetzkennmiß und
Geschick-<lb/>lichkeit der österreichischen Regierung eine sehr feste und
ent-<lb/>schiedene Opposition zu machen begonnen hatte. Aber von
dem<lb/>Laufe der Ereignisse, welche er schaffen geholfen, weit und
weiter<lb/>fortgetragen, hatte er am E. März 14S die
österreichische<lb/>Herrschaft in Venedig gestürzt, später die Diktatur in
Venedig<lb/>ausgeübt, und die Stadt heldenmüthig gegen die
unverhältniß-<lb/>mäßige Nebermacht der esterreicher vertheidigt, bis
Hunger<lb/>und die in der Lagunen - Stadt wüthende Cholera ihn am<lb/>.
August 14 zur Nebergabe derselben genöthigt.<lb/>Als wir Manin sahen, lebte
er in großer Zurückgezogen-<lb/>heit in Paris, sein und seiner kranken
Tochter Dasein mit<lb/>dem Ertrag des Unterrichtes fristend, den er als
Lehrer der<lb/>italienischen Sprache ertheilte. Seine Frau war ihm
gleich<lb/>bei seiner Ankunft in Frankreich, sein treuester Freund
am<lb/>Vorabend seines Scheidens aus der Vaterstadt gestorben. Er<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0150_143.tif" n="143"/>
<p>JZ -<lb/>selbst war krank an einem Herzübel, das ihn im Jahre
185?<lb/>hinraffte. Aber obschon man seinem bleichen Antlitz die<lb/>Spuren
des Leidens, seiner breiten, von langem, schwarzen<lb/>Haar umwallten Stirn
die Gedankenarbeit seines mächtigen<lb/>Geistes ansah, war nichts Nervöses
oder Aufgeregtes in seiner<lb/>Erscheinung oder in seiner Ausdrucksweise zu
bemerken. Er<lb/>war im Gegentheil so gehalten und ruhig, so sanft
bestimmt<lb/>in Allem, was er sagte und wie er's sagte, daß man kaum<lb/>den
Südländer und noch weniger die Abstammung von einer<lb/>jüdischen Familie in
ihm vermuthen komnte. Er war eine<lb/>nicht eben große, breitschulterige
Gestalt, welcher der kräftige<lb/>Kopf auf kurzem Halse saß, was an ihm den
Ausdruck von<lb/>Festigkeit erhöhte. Die Nase war stumpf, der Mund
ziemlich<lb/>groß, die starken Lippen fest und energisch geschlossen,
das<lb/>Kinn sehr kraftvoll. Stehend, legte er beim Sprechen die<lb/>Hände
öfter auf den Rücken zusammen, was immer ein ge-<lb/>wisses in sich selbst
Beruhen anzeigt; aber wenn er sich im<lb/>Sitzen zu der mit ihm sprechenden
Person hinüberneigte,<lb/>wurde seine Physiognomie sehr weich, sein
Mienenspiel belebt,<lb/>und seine Züge so sanft wie seine Worte.<lb/>Mild
und versöhnlich war auch seine Politik; oder soll<lb/>ich sagen das Bild,
das er sich von der durch fortschreitende<lb/>Gesittung umgestalteten
Zukunft Europa's machte, war ein<lb/>friedliches und schönes. Er sprach mit
schmerzlicher Resig-<lb/>nation von dem augenblicklichen Schicksal seines
Vaterlandes,<lb/>hörte antheilvoll, was Stahr ihm über die in unserer
Heimat<lb/>damals herrschende Reaktion berichtete, und sagte, als
der<lb/>Letztere ihn an einem der folgenden Tage in seiner
Wohnung<lb/>auffuchte - ich schreibe diese Worte nach Stahr's
Aufzeich-<lb/>nungen in seinen ,HerbstMonaten in Oberitalien'? -
,Ge-<lb/>ran R arrA aaa<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0151_144.tif" n="144"/>
<p>== IIg -<lb/>kung der heimischen Reaktion, von der Sie sprechen, läßt
sich<lb/>immer Etwas thun, man darf nur nicht müde werden. E<lb/>giebt eine
Wahrheit, die man ohne Gefahr verfechten kann,<lb/>und diese Wahrheit, in
welcher die ganze Zukunft Jtaliens<lb/>enthalten ist, lautet für
Deutschland: Was Du nicht willst,<lb/>daß man Dir thue, das thue selbst
keinem Andern! Sie<lb/>wollen eine unabhängige Nation werden, wir auch.
Nationen<lb/>aber sind Individuen wie wir Einzelne. Das Wohlergehen<lb/>und
die Unabhängigkeit, Bildung und Selbstherrlichkeit der<lb/>einen Nation,
kann daher nie ein Hinderniß, sondern nur<lb/>eine Förderung des
Wohlergehens und der Unabhängigkeit,<lb/>der Bildung und Selbstherrlichkeit
der andern sein. Predigen<lb/>Sie und Ihre Freunde diese Wahrheit! Sie ist
das Funda-<lb/>ment der neuen Zukunft für alle Völker Europa's, wie
sie<lb/>die Erfüllung des Christenthums ist, das man durch die<lb/>jetzige
politische Praxis der Herrschaft und des Einflusses ver-<lb/>leugnet,
während man es mit den Lippen bekennt!<lb/>Manin tarb zwei Jahre danach! Er
hatte gewußt,<lb/>weshalb er, der italienische Patriot, den Beistand stolz
zurück-<lb/>gewiesen hatte, den der Kaiser der Franzosen, und
ebenso<lb/>verschiedene französische Bürger ihm persönlich in
seiner<lb/>Armuth angeboten hatten. Er hatte es nicht vergessen, daß<lb/>es
die französische Republik gewesen war, welche der freien<lb/>Entschließung
der Jtaliener, sich nach ihrem Verlangen üaat-<lb/>lich einzurichten,
überall und zu allen Zeiten aus selbst-<lb/>süchtigen Gründen entgegen
getreten war. Er hatte weder<lb/>vergessen, was die erste Republik an
Venedig, noch was die<lb/>zweite gegen Rom gesündigt hatte; und er
verschmähte es,<lb/>Hülfe von dem neuen Kaiser der Franzosen anzunehmen,
der<lb/>in Frankreich jene Politik der unberufenen Einmischung in<lb/>die
Entwickelung der anderen Nationen, welche Manin als<lb/>eine unchristliche
Politik bezeichnete, mit leichtsinniger Ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0152_145.tif" n="145"/>
<p>IH -<lb/>messenheit bis zu dem Gipfel führte, von dem er endlich<lb/>selber
niedergeworfen werden mußte.<lb/>Im Jahre 185S aber, als wir zwölf Jahre
nach unserm<lb/>ersten langen Aufenthalte in Jtalien, wieder einmal die
Alpen<lb/>überschritten hatten, war der französische Einfluß in
Jtalien<lb/>in vollster Blüthe, und diente, je nachdem es den Planen
der<lb/>französischen Regierung paßte, in Sardinien der geistigen
und<lb/>nationalen Befreiung, in Rom der, diese beiden
Strömungen<lb/>niederhaltenden päpstlichen Tyramnei:<lb/>Außer in dem
Königreich Sardinien war die Freiheits-<lb/>bewegung der Jahre 148 und 1O in
ganz Jtalien nieder-<lb/>geworfen, der Druck, der auf den verschiedenen
Ländern<lb/>lastete, schwerer als zuvor, das Mißtrauen der Fürsten,
der<lb/>Haß der Völker tiefer als je. In Sicilien und in Neapel<lb/>war die
Reaktion unerbittlich, die Verfolgung aller in der<lb/>Freiheitsbewegung
betheiligt Gewesenen von schonungsloser<lb/>Grausamkeit.<lb/>Der Papst
seinerseits hatte es seinen Unterthanen nicht<lb/>vergessen und vergeben,
wie sie ihn gezwungen, nach Gasta<lb/>zu fliehen. Die Franzosen, welche ihn
wieder in seine Staaten<lb/>eingesetzt hatten und zu seinem Schutze im Lande
geblieben,<lb/>waren die Herren und Gebieter im Lande. Die
Jesuiten<lb/>übten im Vatikan eine besondere geheime Herrschaft aus.<lb/>Das
hoffnungsreiche: Eeeieu Mo K., das uns durch ganz<lb/>Jtalien umtönte, als
wir die Halbinsel einst verlassen, war<lb/>längst verstummt. Schon in Chur,
noch ehe wir in Jtalien<lb/>eingetreten waren, hatten wir die dort
beschäftigten nord-<lb/>italienischen Steinmetzen im Abenddämmerlichte
italienische<lb/>Freiheitslieder singen hören. Die Namen Cavour,
Victor<lb/>Emanuel und Garibaldi waren an die Stelle von Pius
K.<lb/>getreten.<lb/>Wir machten zuerst einen Aufenthalt am Comersee,
in<lb/>F. Le nald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0153_146.tif" n="146"/>
<p>=- PIH ==<lb/>einem jetzt eingegangenen sehr angenehmen Gasthof am
öst-<lb/>lichen Ufer des Sees, in Cadenabbia. Das Haus war fast<lb/>ganz von
Jtalienern, von Mailändern und Bewohnern der<lb/>Brianza eingenommen, welche
dort die Herbstvilleggiatur den<lb/>September und Oktober hindurch genießen
wollten. Es waren<lb/>keine adeligen Familien darunter, die Gesellschaft
bestand aus<lb/>Kaufleuten, Advokaten und anderen studirten Männern
mit<lb/>ihren Frauen und Kindern. Wir waren die einzigen Deutschen<lb/>unter
ihnen, und unsere Theilnahme an dem Schicksal Jtaliens<lb/>machte uns bald
heimisch in ihrem Kreise. Die politische<lb/>Lage ihres Vaterlandes war das
tägliche Gespräch. Niemand<lb/>hatte es jetzt noch ein Hehl, wie fest man
entschlossen sei, die<lb/>österreichische Herrschaft sobald als möglich
abzuschütteln und<lb/>den Anschluß an das Königreich Sardinien
durchzusetzen. Daß<lb/>zu diesem Zwecke Verbindungen und Vorbereitungen im
Lande<lb/>vorhanden waren, das sagte Niemand; aber es fiel uns
nicht<lb/>shwer, zu bemerken, wie bald hier, bald dort eine
Zusammen-<lb/>kunft gehalten wurde, wie die Männer unter dem
Vorgeben<lb/>von Jagd - und Fischfangspartien spät am Abend in das<lb/>Boot
stiegen und im Morgendämmer wiederkehrten, wie oft<lb/>Besuche von den
verschiedensten Gegenden plötzlich zu der<lb/>gleichen Zeit bei unseren
Hausgenossen eintrafen; und mehr<lb/>als einmal fielen uns die Worte
Freytag's ein, die er so<lb/>charakteristisch in seinem ,Soll und Habenr von
den polnischen<lb/>Edelleuten sagt: ,Sie reiten zusammen und reiten von
ein-<lb/>ander.?<lb/>Endlich sprach auch einer der jungen Männer,
wenn<lb/>schon vorsichtig, es gegen uns aus, daß sich Etwas
vorbereite,<lb/>und wie die halben Versöhnungsmaßregeln der
österreichischen<lb/>Regierung, ebenso wie die Anstrengungen, welche der
Erz-<lb/>herzog Maximilian als Generalgouverneur des
Lombardisch-<lb/>Venetianischen Königreichs fortdauernd mache, die
Neigung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0154_147.tif" n="147"/>
<p>=== Pg? --<lb/>und das Zutrauen der Mailänder zu gewinnen, ohne
alle<lb/>Wirkung blieben.<lb/>,Es giebt für uns keine Versöhnung mit
Oesterreich<lb/>mehr !r sagte er und sagten Alle. Er erzählte uns, wie
der<lb/>Kaiser Franz Joseph und die schöne Kaiserin im November<lb/>von 156
in Mailand eingezogen waren, wie die Kaiserin<lb/>die italienischen Farben,
ein grünes Kleid und einen weißen<lb/>Hut mit dunkelrothen Bändern getragen
habe, wie aber außer<lb/>den Straßenbuben und einigem von der Polizei
zusammen-<lb/>gebrachtem Volke kaum ein Jtaliener auf den Straßen
gewesen<lb/>sei, die Landesbeherrscher zu begrüßen. Man hatte die
Laden<lb/>der Fenster geschlossen, kein Bürger hatte sich sehen lassen,
es<lb/>hatte todtes Schweigen auf den Straßen geherrscht, die
Stadt<lb/>hatte ausgesehen, als wäre sie ausgestorben. Hinter
den<lb/>Jalousieen verborgen, hatten die Frauen es beohachtet,
wie<lb/>bleich die Kaiserin, wie finster der Kaiser ausgesehen; und<lb/>als
Abends auf Befehl der Polizeibehörden die Häuser er-<lb/>leuchtet werden
mußten und die kaiserlichen Herrschaften einen<lb/>Umzug hielten, die
Jllumination zu betrachten, war der Ein-<lb/>druck der menschenleeren
Straßen noch schrecklicher als am<lb/>Tage gewesen. Auch der längere
Aufenthalt des kaiserlichen<lb/>Paares in Mailand hatte zur Verbesserung der
Stimmung<lb/>nichts gefruchtet, und ebenso war es geblieben, seit
der<lb/>Erzherzog Maximilian mit seiner Gemahlin in
Mailand<lb/>residirte.<lb/>Er hatte bald nach seiner Ankunft einen Versuch
gemacht,<lb/>sich den Adel durch sein Entgegenkommen zu
gewinnen.<lb/>Radetzky hatte seiner Zeit das Kasino des Adels, welches
der<lb/>Scala gegenüber gelegen war, in eine Kaserne verwandeln<lb/>lassen.
Der Erzherzog gab es gleich nach seiner Ankunft der<lb/>Gesellschaft zurüc,
die es besessen hatte, und sie ging sofort<lb/>heran, es wieder für ihre
Zwecke, und zwar glänzender noch<lb/>p<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0155_148.tif" n="148"/>
<p>PIK -<lb/>als zuvor, einrichten zu lassen. Die neue Einweihung sollte<lb/>mit
einem Feste begangen werden, zu welchem man bereits<lb/>die Vorkehrungen
traf. Da sprach der Erzherzog in verbind-<lb/>licher Weise das Verlangen
aus, Mitglied des Klubs zu<lb/>werden, und an dem folgenden Tage löste die
Gesellschaft sich<lb/>als solche auf und man vermiethete das Gebäude
einem<lb/>Kaffee- und Speisewirth. - Solcher Züge gab es die Menge.<lb/>Als
wir derselben bald danach gegen einen unserer deutschen<lb/>regierenden
Fürsten Erwähnung thaten, konnte er sie durch<lb/>persönlich in Mailand
gemachte Erfahrungen vermehren. Er<lb/>war in Mailand in dem nämlichen Jahre
mit einem seiner<lb/>Vettern, der als Militär in österreichischen Diensten
stand,<lb/>zu Pferde auf der Abendpromenade gewesen, hatte dort
eine<lb/>auffallend schöne Frau in offenem Wagen halten sehen,
den<lb/>Prinzen um ihren Namen gefcagt, und da dieser die Schöne<lb/>kannte,
ihr vorgestellt zu werden gewünscht. ,Das kann ich<lb/>nicht machen!r hatte
der Prinz entgegnet. ,Ich bin ihr auf<lb/>dem Balle vorgestellt worden, den
der Kaiser hier gegeben hat<lb/>und den die Damen besuchen mußten. Als ich
sie später auf<lb/>einem Balle bei dem Herzog von Litta angeredet und
einen<lb/>Tanz von ihr gefordert habe, hat sie sich kurz weg von
mir<lb/>abgewendet. Sie ist eine leidenschaftliche Patriotin und
spricht<lb/>mit keinem Deutschen!r<lb/>Als wir dann selbst nach Mailand
kamen, wo immer noch<lb/>die ,feindlichen Patrouillen' sich Morgens und
Abends durch<lb/>ihre Umzüge kund gaben, wiederholten österreichische
Offiziere,<lb/>mit denen wir ein paar Mal in einer kleinern deutschen
Speise-<lb/>wirthschaft neben der Brera unsern Mittag zusammnen
gegessen<lb/>hatten, uns Alles, was die Jtaliener über ihr Verhältniß
zu<lb/>den Oesterreichern berichtet hatten. Sie bezeichneten
ihren<lb/>Aufenthalt in Mailand als etwas äußerst Drückendes. Jn<lb/>keine
italienische Familie gönnte man ihnen Zutritt. Man ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0156_149.tif" n="149"/>
<p>= JPß-<lb/>mied die Kaffee's und die Orte, welche das Militär
besuchte.<lb/>Man hatte - und darin lag eine Charakterstärke und
eine<lb/>Bürgschaft für die künftige Befreiung -- die
Mißhandlungen<lb/>nicht verziehen, welche die italienischen Patrioten von
der öster-<lb/>reichischen Regierung erlitten hatten. - Man zeigte uns
dies-<lb/>mal bereitwillig den öden finstern Bau, die Gefängnisse
von<lb/>Sta. Margherita in der Contrada di Sta. Margherita. Die<lb/>Leiden
Pellico's und Maroncellis; die Stockschläge, welche<lb/>man Giacomo
Ungarelli zuerkannt, waren ebenso wenig ver-<lb/>gessen, als die jedes
Gefühl empörende Behandlung, welche<lb/>italienische Frauen in der letzten
Revolution durch die Oester-<lb/>reicher erlitten hatten. Wir verließen
Mailand mit der<lb/>festen Neberzeugung, daß vor der zornigen
Entschlossenheit<lb/>der Jtaliener die österreichische Herrschaft in Jtalien
nicht mehr<lb/>lange bestehen werde.<lb/>Bei der Fahrt über das Schlachtfeld
von Novara hatten<lb/>wir im Eisenbahnwagen einen lombardischen
Fabrikanten<lb/>und einen jungen Grafen Borromeo, einen hübschen
noch<lb/>knabenhaften Jüngling, mit seinem geistlichen Erzieher
zu<lb/>Gefährten. Der prachtvolle Komet jenes Jahres stand in
aller<lb/>Herrlichkeit am Himmel und es kam die Rede darauf, daß
das<lb/>Volk jetzt noch, wie in früheren Zeiten, den Vorboten
großer<lb/>Ereignisse und Kriegsgefahren in demselben erblicken wolle.<lb/>,
Eh! wer weiß!r rief der Fabrikant, ein großer, breitbrustiger<lb/>Mann, ,das
Volk könnte Recht haben! wer weiß, was kommt?<lb/>Aber es ist nicht das
Volk, das bei uns auf solche Einfälle<lb/>geräth, denn das Volk macht sich
bei uns noch gar keine<lb/>Gedanken; es sind die Pfaffen, die es ihm in den
Kopf setzen<lb/>und dem Volke einbilden, sie könnten es wegbeten, daß
der<lb/>Schwanzstern die Erde berührt. Die Pfaffen schlagen Geld<lb/>aus
Allem und die Regierung stützt sich auf die Pfaffen!r<lb/>rief er mit
bitterm Lachen und erging sich dann ganz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0157_150.tif" n="150"/>
<p>= JH -<lb/>rückhaltlos in dem Aussprechen seiner antikirchlichen
und<lb/>antideistischen Ansichten, so daß wir namentlich seinen
Spott<lb/>gegen die Geistlichkeit in Gegenwart eines Geistlichen, der
im<lb/>Beisein seines Schülers es nicht wol zu einem Streite über<lb/>diese
Dinge kommen lassen, und eben so wenig sich mit dem-<lb/>selben aus dem
dahinsausenden Waggon entfernen konnte,<lb/>als eine Unschicklichkeit und
Grausamkeit empfanden. Aber<lb/>wohin man damals in Ober - Jtalien blickte
und hörte, der<lb/>Haß und die Empörung gegen die bestehenden Zustände
waren<lb/>bis zu einem Grade gestiegen, bei dem Jeder, so zu sagen,<lb/>die
Scheide fortgeworfen und das Messer in die Hand ges<lb/>nommen hatte.<lb/>Es
war nls ob man in eine andere Welt käme, so wie<lb/>man den Fuß auf den
Boden des Königreichs Sardinien setzte<lb/>Alles war fortgeschritten in dem
Lande. Genua war eine<lb/>ganz andere Stadt geworden. Während uns in Mailand
ver-<lb/>schiedene deutsche und schweizer Kaufleute gesagt hatten,
daß<lb/>man dort wie auf einem Vulkane in völligster Ungewißheit<lb/>über
die Ereignisse des nächsten Tages lebe, und selbst ihr<lb/>bedeutender
Einfluß uns auch damals noch nicht über die<lb/>Weitläufigkeiten forthelfen
konnte, welche das Zollamt und<lb/>die Zensur uns bei der Ankunft der uns
nachgesendeten<lb/>Korrekturbogen in den Weg gestellt, lagen in Genua auf
den<lb/>Verkaufsständern der Straßenbuchhändler und Antiguare alle<lb/>die
Schriften aus, welche in dem österreichischen Jtalien streng<lb/>verboten
waren. Neberall. standen junge Geistliche, Soldaten,<lb/>ja selbst Knaben
vor den Tischen dieser Buchhändler, lesend<lb/>und kaufend nach freier Wahl;
und wohin man sich fragend<lb/>wendete, von den Chefs der großen deutschen
Handlungss<lb/>häuser, von dem Hotelbesitzer bis zu dem Soldaten, der
neben<lb/>uns im Kaffeehause saß, und bis zu dem Schiffer, der uns<lb/>in
das Meer hinausfuhr, war Alles darin einstimmig, daß es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0158_151.tif" n="151"/>
<p>- Phh -<lb/>besser im Lande geworden sei. Es sei gut, daß die
Kinder<lb/>jetzt alle lesen und schreiben und noch mehr als das in
den<lb/>Schulen lernten. Selbst der Krieg -- der Krimkrieg -<lb/>habe das
Land nicht geschädigt, weil neue gute Gesetze sein<lb/>Emporkommen möglich
gemacht; und überall' war der Glaube<lb/>felsenfest, daß bald noch ganz
andere Dinge gescheben, und<lb/>daß es im übrigen Jtalien auch bald anders
werden würde.<lb/>Man hatte zu diesem Glauben guten Grund. Der
sardinische<lb/>Staatsmann, Graf Cavour, welcher nach dem als
Politiker,<lb/>als Maler und als Schriftsteller bedeutenden Marchese
Massimo<lb/>d Azeglio an das Ruder des Staates gekommen war, hatte<lb/>von
der einen Seite, der im Exil lebende ehemalige Diktator<lb/>Venedigs,
Daniello Manin von der anderen Seite, den Ge-<lb/>danken angeregt, daß
Jtalien nur durch Anschluß an das<lb/>bereits bedeutend gewordene,
konstitutionell regierte Königreich<lb/>Sardinien, zur Einheit und Freiheit
gelangen könne. Der<lb/>italienische Nationalverein war begründet worden.
DenBeistand<lb/>Frankreichs gegen Oesterreich hatte sich Sardinien durch
die<lb/>Heereserfolge im Krimkriege erkauft, die Armee hatte
sich<lb/>versuchen, das Volk sich fühlen lernen.<lb/>,Wenn Sie in ein paar
Jahren wiederkommen, wird<lb/>Vieles anders geworden sein!? hatten unsere
Freunde in<lb/>Mailand, am Komersee und in Bergamo gesagt, und sagten<lb/>in
Genua zuversichtlich lächelnd die Lffiziere, mit denen wir<lb/>bekannt
geworden waren. Und in der That, es wurde an-<lb/>ders und in allerkürzester
Frist.<lb/>Wir hatten Jtalien im Spätherbst von 158 verlassen.<lb/>Im
Frühjahr von 159 wurden mit dem Beistand der Fran-<lb/>zosen die Schlachten
von Magenta und Solferino gegen die<lb/>Oesterreicher siegreich
ausgefochten. Die Lesterreicher hatten<lb/>die Lombardei geräumt und waren
bis zum Mincio zurück-<lb/>gedrängt. Der Großherzog von Toskana, die
Herzogin-Regentin<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0159_152.tif" n="152"/>
<p>= PI? --<lb/>von Parma (Mdarie Louise, die Wittwe Napoleon's l.
waren<lb/>durch Revolutionen aus ihren Ländern vertrieben worden,<lb/>die
Romagna hatte sich von der päpstlichen Herrschaft befreit.<lb/>Jn Reapel, wo
König Ferdinand gestorben und sein Sohn<lb/>Franz ll. ihm gefolgt war,
hatten die Schweizergarden wegen<lb/>Empörung aufgelöst werden müssen; und
auch aus dem süd-<lb/>lichen Jtalien blickte Alles hoffnungsvoll nach Norden
hin. wo<lb/>Vichor Emanuel, begleitet und geleitet von Rapoleon Ül.
am<lb/>i. Juni 159 in Mailand seinen Einzug gehalten hatte, wo<lb/>der
Friede von Villafranca die Einigung Jtaliens und die<lb/>Macht des Königs
von Sardinien wesentlich gefördert hatte.<lb/>Aber wie der Reisende Sindbad
im orientalischen Mär-<lb/>chen, so hatte das wachsende und fortschreitende
Jtalien von<lb/>da ab, und bis zum Tage von Sedan, seinen bösen
Dämon,<lb/>die Abhängigkeit von Frankreich, in Gestalt Napoleon's
des<lb/>Dritten, auf feinem Nacken siten, und wurde von ihm in<lb/>freier
Bewegung gehemmt, zu Scheinhandlungen und Halb-<lb/>heiten gezwungen. Ja es
war sogar genöthigt worden, die<lb/>Vortheile und Provinzen, welche es
esterreich abgewonnen<lb/>hatte, als Geschenke aus der Hand Napoleon's des
Dritten zu<lb/>empfangen; und diese anscheinenden Geschenke mit dem
sehr<lb/>wirklichen Gegengeschenk von Savoyen und Nizza -- einen<lb/>Erwerb
mit einem Verluste -= zu bezahlen.<lb/>Trotdem war Jtalien mächtig
fortgeschritten, und als<lb/>wir im September von 16 wieder, und diesmal
über den<lb/>Julier, nach Jtalien kamen, war das Königreich
Sardinien<lb/>bereits zum Königreich Jtalien geworden.<lb/>Garibaldi hatte
dem Könige Victor Emanuel das König-<lb/>reich Neapel erobert; aber Cavour,
der Staatsmann, der<lb/>Jtaliens Denken, Wünschen und Hoffen in Thaten
umgesest,<lb/>war todt. Unzufrieden und erbittert über das ,Salt !',
wel-<lb/>ches Napoleon der Dritte dem italienischen Einigungswerk<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0160_153.tif" n="153"/>
<p>== PHZ -<lb/>entgegengesett, hatte er sein Amt und die Führung
des<lb/>Staates nach dem Frieden von Villafranca niedergelegt. Als<lb/>aber
später, nach dem erfolglosen Kongreß zu Zürich, Jtalien<lb/>sich von seiner
Abhängigkeit von Frankreich befreien zu wollen<lb/>schien, war er wieder an
das Steuer getreten, hatte im Fe-<lb/>bruar von 16 das erste vereinigte
italienische Parlament<lb/>eröffnet, und war mit höchster Energie auf dem
Wege der<lb/>Neugestaltungen fortgeschritten, bis ihn eines jener
heftigen<lb/>typhösen Fieber, die in Jtalien so schnell zerstörend sind,
zu<lb/>Boden warf.<lb/>Der große Staatsmann Cavour war am S. Juni
16<lb/>gestorben; Jtalien hatte den größten Verlust erlitten, der es<lb/>in
eben jenem Augenblick betreffen konnte. Die Trauer um<lb/>ihn war eine
Landestrauer. Selbst in dem noch von Oester-<lb/>reich behaupteten Venedig
stand man nicht an, ihr Ausdruck<lb/>zu geben. Patriotische Frauen aus den
verschiedensten Stän-<lb/>den veranstalteten in Venedig eine religiöse
Leichenfeier für<lb/>Eavour. Die österreichische Regierung zog sie dafür
zur<lb/>Rechenschaft und setzte Geld- oder Gefängnißstrafen gegen
sie<lb/>fest. Die vornehmsten unter diesen Frauen, eine Gräfin<lb/>Labbia,
eine Signora GarettiGargnani, eine Signora Se-<lb/>condi, wählten die
Gefängnißstrafe, obschon sie dieselbe unter<lb/>Verbrecherinnen abzubüßen
hatten, und zahlten die ausgesetzte<lb/>Geldstrafe noch zum Nebrigen an die
städtischen Armenkassen.<lb/>Man suchte die Gelegenheit, seinen Haß gegen
Desterreich,<lb/>seine Liebe zum Vaterlande kund zu geben, und man
kannte<lb/>aus vieljähriger Erfahrung die Macht der Demonstration,<lb/>die
wir Deutsche noch immer unterschätzen.<lb/>Schon bei dem ersten Schritte in
das Land hatte uns<lb/>an dem Grenzpfeiler das stolze ,keame ä' ltalia
(Königreich<lb/>Jtaliens entgegengeleuchtet. Die zuvorkommende
Leichtigkeit<lb/>und Freiheit der Zollbehörde, die weder unsere Pässe
noch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0161_154.tif" n="154"/>
<p>= IZg -=<lb/>den Inhalt unserer Koffer zu sehen verlangte, sondern
uns<lb/>mit dem freundlichen Wunsch einer glücklichen Reise
passiren<lb/>ließ, hatte einen großen Gegensat zu den früheren
öster-<lb/>reichischen Polizeiplackereien gebildet, und diese günstige
Aen-<lb/>derung blieb sich an allen Orten und in allen
Beziehungen<lb/>gleich.<lb/>Wir hatten zuerst einen Aufenthalt an den
baummreichen<lb/>Ufern des Lago maggiore gemacht, waren darauf nach
Maß-<lb/>land gegangen, um dortige Freunde wiederzusehen, und hat-<lb/>ten
uns dann nach dem Comersee gewendet, an dessen aos=<lb/>lichem Ufer wir uns
am Eingange des Sees von Lecco in<lb/>dem Städchen Varenna niederließen,
weil wir dort ebenfalls<lb/>eine Weile in der Nähe befreundeter Personen
zuzubringen<lb/>wünschten.<lb/>In Pgtennua, im Hause unserer Freunde, waren
wir in<lb/>einem Kreise von Jtalianissimi. Der Herr des Hauses,
Advo-<lb/>kat Venini, war zugleich Vorsteher des Ortes, seine Frau
eine<lb/>hochgebildete, ja gelehrte und in den klassischen
Sprachen<lb/>völlig bewanderte Frau, zugleich die tüchtigste Hausfrau,
in<lb/>einfachster, fast ländlicher Kleidung im Kreise ihrer
Mägde<lb/>schaffend und arbeitend. Da seine Geschäfte den Hausherrn<lb/>sehr
in Anspruch nahmen, hatte die Mutter allein, ohne einen<lb/>Hülfslehrer, die
beiden Söhne des Hauses in den Wissen-<lb/>schaften bis zu dem Punkte
gebracht, der sie zum Eintritt in<lb/>die obersten Klassen eines Kollegiums
berechtigte, aber der<lb/>Krieg von 59 hatte in den stillen Studien der
Söhne eine<lb/>plötzliche Unterbrechung herbeigeführt. Heimlich und bei
Nacht-<lb/>zeit war der laum dem Knabenalter entwachsene älteste Sohn
mit<lb/>einem Freunde aus dem Vaterhause entflohen, um zu
den<lb/>Freischaaren zu stoßen, welche Garibaldi am Comersee
ver-<lb/>sammelt hatte. Die jungen Leute hatten das Boot des hart<lb/>am See
gelegenen Hauses benutzt, waren in der Nacht ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0162_155.tif" n="155"/>
<p>== PHJ -<lb/>Ende abwärts gerudert und dann zu Fuß durch das
Gebirge<lb/>gegangen, bis sie den Sammelplat der Freischaaren
erreicht.<lb/>Dort hatte Signora Venini den Knaben wieder eingeholt,<lb/>und
man war zufrieden gewesen ihn der Mutter zurückzugeben,<lb/>weil er in der
That noch nicht die Körperstärke für solche<lb/>Unternehmung besessen hatte.
Aber er war ihr mit Wieder-<lb/>streben in die Heimat gefolgt, und sein
kindisch pathetischer<lb/>Ausruf: wenn ich zu schwach bin, so ladet mich in
die Kanone<lb/>und schießt mich gegen die Oesterreicher, damit ich ihnen
doch<lb/>auch Schaden thue! hatte selbst den Kommandirenden gerührt.<lb/>Als
wir nach Varenna kamen, war der junge Mensch<lb/>nicht mehr im Hause,
sondern auf einer Militärakademie,<lb/>und der andere, für eine gelehrte
Laufbahn bestimmte<lb/>Sohn, ordnete in den oberen Zimmern der Villa
die<lb/>Bibliothek des in Padua beim Ausbruch der Erhebung<lb/>von 159
ermordeten Professors Ripamonte, welche der<lb/>Signora Venini, der Nichte
des Ermordeten, als Erbe zu-<lb/>gefallen war. Als sie der Thatsache
Erwähnung that, sagte<lb/>sie: ,Es war ein furchtbares Ereigniß und es traf
uns mit<lb/>seiner Plötzlichkeit und Gewaltsamkeit sehr schwer; aber
-<lb/>ihn hatte das Volksurtheil nicht unverdient ereilt. Er war<lb/>immer
ein Verbündeter und Anhänger der Oesterreicher ge-<lb/>wesen, und er hatte
kein Herz gehabt für sein Vaterland!r<lb/>Unten in dem Garten der Villa
hatte man in einer Grotte<lb/>ein kleines Denkmal für die Freunde der
Familie errichtet,<lb/>welche im Kampfe für das Vaterland gefallen waren.
Dicht<lb/>daneben befand sich das Grab eines nahen Anverwandten,<lb/>der in
Mailand noch in der Stunde, in welcher die Oester-<lb/>reicher für immer das
Kastel auf der Piazza d'arme räumten,<lb/>ruhig und unbewaffnet über den
Platz dahin schreitend, von<lb/>der Kugel eines Kroaten niedergeworfen war.
Ein ganzer<lb/>Roman knüpfte sich an das Schicksal dieses
liebenswürdigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0163_156.tif" n="156"/>
<p>= PHs --<lb/>Mannes, eines Dr. Genari, dem wir bei unserm frühern<lb/>Besuche
im Venini'schen Hause an der Seite seiner jungen<lb/>schönen Gattin flüchtig
begegnet waren. Mit der Leiche ihres<lb/>Mannes und ihrem noch ganz kleinen
Kinde war die unglück-<lb/>liche junge Wittwe aus Mailand zu ihren
Angehörigen an<lb/>den See gekommen, hatte dem Manne hier die letzte
Ruhe-<lb/>stätte bereitet, ihr Kind der Pflege ihrer mütterlichen
Freundin<lb/>überlassen, und war fortgegangen, um als
Krankenpflegerin<lb/>in den Lazarethen ein Leben, das ihr selber in dem
Augen-<lb/>blicke werthlos geworden war, für andere Leidende
noch<lb/>nutzbar zu machen und ihren Schmerz durch Thätigkeit
zu<lb/>bekämpfen.<lb/>Allabendlich kam man in zwangloser Weise, wirklich
nur<lb/>zum Plaudern, im Hause unserer Freunde zusammen, und<lb/>die leichte
und formvolle Sitte, in welcher die den ver-<lb/>schiedensten Ständen
angehörenden Personen sich zu einander<lb/>stellten, konnte als mustergiltig
angesehen werden. Es kamen<lb/>mitunter aus den benachbarten Ortschaften und
von den ver-<lb/>schiedensten Punkten des Sees, Familien mit großen
Namen<lb/>unerwartet zum Besuch, welche, in Mailand, Como, Monza<lb/>und der
Brianza ansässig, ihren Herbst am See verlebten;<lb/>es kamen Künstler vom
andern Ufer aus der Vila Riccardo<lb/>herüber, in welcher der große
Musikverleger offenes Haus<lb/>hielt. Das hinderte aber gar nicht, daß
ebenso die schöne<lb/>Wirthin des Hotels Marcionni, in dem wir wohnten,
nach<lb/>gethaner Arbeit als Gast sich in dem Salon einfand
und<lb/>gelegentlich auch einen ihrer Gäste mitbrachte, den sie für
die<lb/>Aufnahme in dem edeln Hause geeignet glaubte.
Heiterer,<lb/>zwangloser, geistig angeregter ist mir selten eine
Gesellschaft<lb/>erschienen; und ich habe dort es recht deutlich
empfunden,<lb/>U ra: E<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0164_157.tif" n="157"/>
<p>- 1H? --<lb/>Deutschland die geistig fördersame Geselligkeit zu Grunde
geht.<lb/>Man sprach bei einem Glase Eiswasser und einer Tasse
ge-<lb/>eistem oder heißem Thee, mit voller Freiheit und Offenheit<lb/>alle
großen Tagesfragen, und trot der Heiterkeit, sehr ernsthaft<lb/>durch. Ganz
mit derselben offenen Freimüthigkeit sprach unsere<lb/>Freundin auch an
einem der folgenden Tage, an welchem sie<lb/>mit uns über den See gen
Menaggio fuhr, um uns zu der<lb/>auf den Höhen gelegenen Villa von Massimo
d'Azeglio zu<lb/>führen, sich in Gegenwart der beiden Bootführer, es
waren<lb/>zwei Garten- und Feldarbeiter des Hauses, die uns
hinüber-<lb/>ruderten, über die Zukunft Jtaliens und über die
übeln<lb/>Einflüsse aus, welche die katholische Geistlichkeit noch
immer<lb/>auf das geistige Vorwärtskommen des Volkes übe. Sie<lb/>tadelte
die Unwissenheit und Trägheit, die durch das Coelibat<lb/>genährte
Unsittlichkeit der Geistlichen. Sie beklagte das<lb/>Unheil, welches durch
sie in viele Familien gebracht würde,<lb/>mit sehr entschiedenen Worten; und
der eine der Rudernden,<lb/>ein älterer Mann, nickte dazu immer mit dem
Kopfe, als ob<lb/>er Ja und Amen sagen wollte, wenn Signora Luisa
ihre<lb/>Neberzeugung aussprach, daß auch für dieses Unwesen ein<lb/>Ende
kommen werde.<lb/>Eben so rückhaltlos offene Unterhaltungen hörten
wir,<lb/>wenn wir bald in dem, bald in jenem kleinen Orte einmal<lb/>vor
einem der landesüblichen Kaffeehäuser saßen; und wir,<lb/>machten dabei
wieder die schon in früheren Jahren gethane<lb/>Bemerkung, wie die
anspruchslose, selbstgewisse Natürlichkeit,<lb/>mit welcher die
Grundbesitzer und Edelleute sich bei ihren<lb/>Landaufenthalten an diesen
öffentlichen Orten mitten unter<lb/>das Volk begaben, mit ihm an demselben
Tische den Kaffee<lb/>tranken, mit ihm verkehrten und diskutirten,
wesentlich dazu<lb/>beigetragen haben mußte, die Verbindungen zwischen
den<lb/>Patrioten imnerhalb des Landes, und jene andere zwischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0165_158.tif" n="158"/>
<p>= FHs --<lb/>ihnen und der piemontesischen Regierung zu ermöglichen
und<lb/>lebendig zu erhalten, welche trotz der Wachsamkeit der
öster-<lb/>reichischen Regierung seit dem Jahre 4S fortdauernd
bestanden,<lb/>und die Revolution von 59 vorbereitet hatten.<lb/>In den
großen Städten, in Pglgnd und Como, machte<lb/>sich die Wandlung der
Verhältnisse noch viel auffallender<lb/>bemerkbar als in den kleinen Orten
und auf dem Lande. Die<lb/>Freude über die Befreiung des Vaterlandes lag wie
ein<lb/>Somnenschein über den Menschen. Die fremden Soldaten<lb/>marschirten
nicht mehr drohend durch die Straßen, die öster-<lb/>reichischen Korporale
mit dem Stock an der Seite waren ver-<lb/>schwunden. Leichten Schrittes
gingen die italienischen<lb/>Bersaglieri mit den lustig wehenden
Federbüschen an den<lb/>aufgeklappten Hüten, auf dem Corso Vittorio Emanuele
einher.<lb/>Zivilisten und Militär mischten sich jetzt fröhlich vor
den<lb/>Kaffeehäusern, italienische Frauen gingen am Arme der<lb/>Offiziere
spazieren, das Kastell war nicht mehr ein Schrecken<lb/>der Bürger, das
ganze Leben in den Straßen war flüssiger<lb/>und freier geworden. Die
Auslagefenster der Buchläden -<lb/>diese Gradmesser des Volksgeistes und der
Volksbildung -<lb/>hatten einen völlig veränderten Inhalt gewonnen.
Die<lb/>Bilder des Königs und des vor wenig Monden gestorbenen<lb/>Grafen
Cavour, waren in allen Größen und überall' vor-<lb/>handen. Sie fehlten
selbst nicht in den Zimmern eines uns<lb/>befreundeten kunstgelehrten
Geistlichen, der Rhetor am Dome,<lb/>und Besitzer einer schönen Sammlung von
Kunstwerken ist.<lb/>Er besizt beiläufig den schönsten Erespi, den ich
kemne. Selbst<lb/>die hochbetagte Mutter unseres Freundes, obschon wie
der<lb/>Sohn dem katholischen Bekemntniß und der Kirche mit Innig-<lb/>keit
ergeben, sprach mit fromm gefalteten Händen den Dank<lb/>gegen Gott über die
Befreiung des Vaterlandes von der<lb/>harten Fremdherrschaft, und zugleich
die Hofäung aus, daß<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0166_159.tif" n="159"/>
<p>= J9 -<lb/>Gott auch Mittel und Wege finden werde, die
vollständige<lb/>Einigung Jtaliens durch die Hinzufügung von Venedig
und<lb/>des Kirchenstaats herbeizuführen, denn die Einigung
des<lb/>Vaterlandes sei ja eine heilige Sache und stehe unter
Gottes<lb/>Schutz! - Wie sich die treffliche Matrone die Stellung
des<lb/>weltlichen Oberhauptes der Kirche zu dieser heiligen
Sache<lb/>vorstellte, darüber sprach sie sich nicht aus; und es war
nicht<lb/>an uns danach zu fcagen, da die Gesinnung an sich
schon<lb/>merkwürdig und erfreulich genug war.<lb/>In Turin erhoben sich die
Standbilder jener früheren<lb/>italienischen Patrioten: des Abbate Gioberti
und des General<lb/>Pepe bereits bor den Augen alles Volk auf den Plätzen
der<lb/>Stadt. Große Denksäulen nannten die Namen aller der<lb/>Männer,
welche für dasZustandekommen der freisinnigen Gesetze<lb/>gestimmt hatten.
Auch König Carlo Alberto, la spaäa ä'ltalia<lb/>das Schwert Jtaliens, der
zuerst die Fahne für die Einigung<lb/>des Vaterlandes erhoben, wennschon er
sie entmuthigt wieder<lb/>hatte fallen lassen, hgtte sein prächtiges
Monument erhalten.<lb/>Als ergreifendstes von allen Ehrenstandbildern trat
uns aber<lb/>die Statue des einfachen Soldaten, das Denkmal
entgegen,<lb/>welches die Bürger des Landes als Zeichen ihres
Dankes<lb/>eben in der Gestalt des einfachen Soldaten all'
denjenigen<lb/>Braven errichtet hatten, welche in den
Befreiungskämpfen<lb/>mitgefochten hatten; und es war auf dem Denkmal
aus-<lb/>drücklich verzeichnet, daß Mailand und Venedig, obschon
zur<lb/>Zeit der Aufrichtung des Standbildes noch unter
öster-<lb/>reichischer Herrschaft, zu demselben ihren Betrag
eingesendet<lb/>hatten.<lb/>Werke über Volkserziehung, über die
Nothwendigkeit die<lb/>Klostererziehung nicht nur für die Knaben, sondern
auch für<lb/>die Mädchen aufzuheben, und die Frauen in das Leben und<lb/>in
eine gewerbliche Thätigkeit eintreten zu lassen, fanden wir<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0167_160.tif" n="160"/>
<p>=- hZh --<lb/>selbst in den Kästen der fliegenden Buchhändler; und in
allk<lb/>den Flugschriften, welche wir in die Hände bekamen, gingen<lb/>die
Leidenschaft des Volksverlangens und die politische Be-<lb/>sonnenheit der
Staatslenker einen so richtig zusammenpassenden<lb/>Schritt, daß man über
den Sieg ihrer gemeinsamen Bestrebungen<lb/>durchaus nicht mehr im Zweifel
sein konnte.<lb/>Unseren Bekannten von dem ersten Aufenthalt am
Comer-<lb/>see, den schönen Vr. F. M., der Jura studirt und' in
dem<lb/>Bankhause seines Vaters, in einem Assekuranzgeschäfte,
mitge-<lb/>arbeitet hatte, fanden wir im Finanzministerium
beschäftigt.<lb/>Wir erhielten nachträglich von ihm manchen Aufschluß
über<lb/>jenes geheimnißvolle Kommen und Gehen der Männer, das<lb/>wir 158
am See beobachtet, und über dessen Zweck wir uns<lb/>in unseren Vermuthungen
nicht geirrt hatten. Die äußerst<lb/>anmuthigen und für die italienische
Sittengeschichte und Staats-<lb/>entwickelung höchst lehrreichen Memoiren
vonMassimo d'Azeglio,<lb/>die nachdem unter dem Titel: ,l misi rieoräir
erschienen sind,<lb/>gaben uns dann in weiterm Maßstab den Beleg dafür,
wie<lb/>reiflich der Boden vorbereitet worden war, auf welchem
im<lb/>gegebenen Augenblicke die Entwürfe in Thaten umgewandelt<lb/>wurden
-- wie man zu warten und zu handeln verstanden.<lb/>Und man hat nach 16 noch
geraume Zeit zu warten gehabt,<lb/>ehe wieder ein bedeutender Fortschritt zu
der Einigung Jtaliens<lb/>gemacht werden konnte. Diesmal kam der Anstoß von
Norden<lb/>her. Denn Preußen und seine damaligen Bundesgenossen
in<lb/>Deutschland dürfen dreist behaupten, mit ihrer mächtigen Kraft<lb/>zu
der abschließenden Neugestaltung Jtaliens ihr redlich und<lb/>dankenswerthes
Theil gethan zu haben.<lb/>Der deutsche Krieg von 166 lag zwischen unserem
eben<lb/>erwähnten Aufenthalte in OberFtalien und unserem Wieder-<lb/>sehen
des uns so theuren Landes.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0168_161.tif" n="161"/>
<p>==- I! --<lb/>Es hatte inzwischen eine bedeutende geistige
Amnäherung<lb/>zwischen Jtalien und Deutschland stattgefunden. Mit
jedem<lb/>Jahre hatte die Zahl der jungen Gelehrten sich vermehrt,<lb/>die
nach den in ihrem Vaterlande beendeten Universitätsstudien<lb/>gen Norden
gekommen waren, diese Studien auf deutschen<lb/>Universitäten fortzuseten.
Junge Aerzte, Archäologen, Chemiker,<lb/>Nationalökonomen, Philologen,
Philosophen und der Land-<lb/>wirthschaft Beflissene aus den verschiedensten
Theilen Jtaliens<lb/>hatten wir im Laufe der Jahre in unserm Hause
gesehen.<lb/>Sie Alle waren durch gründliches Studium der
deutschen<lb/>Sprache mehr oder minder mächtig geworden, und bei
Vielen<lb/>von ihnen war durch vertrauten Verkehr in deutschen
Familien<lb/>eine wirkliche Vorliebe für deutsches Leben und deutsche
Häus-<lb/>lichkeit rege geworden.<lb/>,Wir können nicht nur deutsche
Wissenschaft bei uns noch<lb/>sehr gebrauchen, es thäte uns auch gut, wenn
wir deutsche<lb/>Frauen mit nach Hause bringen könnten !'' sagten einmal
ein<lb/>paar junge sehr gebildete italienische Universitätsdocenten
zu<lb/>mir, die sich auf Kosten ihrer Regierung lange in Deutsch-<lb/>land
und in England aufgehalten hatten; und sie haben deutsche<lb/>Frauen
heimgeführt. Daneben bemerkte man an anderen<lb/>Jtalienern wieder ein
stolzes Abweisen des Fremden, ein sehr<lb/>einseitiges Pochen auf die
einstige, seit hunderten von Jahren<lb/>nicht mehr vorhandene Neberlegenheit
der italienischen Kultur<lb/>über die Kultur der anderen europäischen
Völker, und ein<lb/>Neberschätzen dessen, was das gegenwärtige Jtalien an
ererbter<lb/>Ausbildung der schönen Form in Sprache, Kunst und
in<lb/>gesellschaftlicher Umgangsweise vor Deutschland, nach dem<lb/>Glauben
jener Jtaliener noch voraus besaß. Es half nicht,<lb/>wenn man es ihnen
vorhielt, daß in der nationalen Ent-<lb/>rrurr<lb/>F. Le wald,
Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0169_162.tif" n="162"/>
<p>=== PsZ -<lb/>wahrheit und Naturempfindung Goethe'scher Poesie, daß
wir<lb/>Goethe und den Faust nicht gegen Dante und die
göttliche<lb/>Komödie, Schiller nicht mit seinem Nachahmer Alsieri
ver-<lb/>tauschen möchten, ohne daß wir deshalb die italienischen
Dichter<lb/>herabzusetzen dächten; daß wir eben so wenig unsere,
einem<lb/>nordischen Klima und seinen häuslichen Bedingungen
ent-<lb/>sprossene Geselligkeit und unser Familienleben gegen
die<lb/>italienische Sitte vertauschen könnten noch möchten, und daß<lb/>wir
unsere eberlegenheit über andere Nationen, wenn von<lb/>Neberlegenheit
überhaupt die Rede sein dürfe, wo man bei<lb/>reiflicher Erwägung vielmehr
nur die, aus den jedesmaligen<lb/>Verhältnissen hervorgegangenen
Besonderheiten anzuerkennen<lb/>habe, daß wir unsere Neberlegenheit vor
Allem in den ver-<lb/>ständigen guten Willen settten, mit welchem die
Deutschen<lb/>fremde Nationen und deren Literatur zu verstehen, und
sich<lb/>das Gute derselben anzueignen bemüht gewesen wären. Das,<lb/>was
Deutschland geworden sei, sei es geworden durch seine<lb/>Kraft, durch
seinen Fleiß und seinen Ernst, wie durch die<lb/>Werthschätung und Benutzung
dessen, was es an Jtalienern,<lb/>Franzosen, Engländern, Nachahmens - und
Benutzenswerthes<lb/>gefunden und auf deutsche Verhältnisse übertragen,
ihnen an-<lb/>gepaßt und eingefügt habe; und wenn Jtalien
vorwärts-<lb/>kommen wolle, so müsse es den gleichen Weg
einschlagen.<lb/>Eine sich in der Nationalität versteifende Entwickelung
sei<lb/>ebenso verderblich, wie die blinde und verflachende
Nachahmung<lb/>fremder Zustände. Der Kosmopolitismus, den man
erstreben<lb/>müsse, schließe die einseitige Entwicklung der
Nationalitäten<lb/>aus, aber es könne unter ihm auch nicht ein völliges
Ver-<lb/>waschen des Nationalcharakters gemeint sein. Derjenige,<lb/>welcher
im neunzehnten Jahrhundert noch daran glaube, daß<lb/>sein Volk der
Inbegriff alles Könnens sei, daß sein Volk aus<lb/>sich heraus Alles Das
erzeugen könne, oder erzeugt habe und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0170_163.tif" n="163"/>
<p>= PZZ -<lb/>erzeugen werde, was eben das Zusammenwirken der
ver-<lb/>schiedenen nationalen Fähigkeiten für die Menschheit
Förder-<lb/>sames hervorgebracht habe, sei eben solch' ein Thor, als
jene<lb/>Jdealisten, welche Norweger, Sizilianer, Russen, Engländer<lb/>und
die slovakischen Mäusefallenhändler durch plötzliche staat-<lb/>liche
Umgestaltungen in den menschheitsbeglückenden Verband<lb/>der vereinigten
europäischen Republiken hineinzuzwingen dächten.<lb/>Es war Ende Oktober,
als wir achtzehn hundert sechs und<lb/>sechszig in Como zum erstenmale
wieder mit Jtalienern innerhalb<lb/>ihres Landes in Berührung kamen. Wir
trafen dort auf die<lb/>Offiziere der Garibaldischen Freischaaren, die sich
dort nach be-<lb/>endetem Feldzuge zusammengefunden hatten, um ihre
Abrech-<lb/>nungen und die Auflösung des Korps zu besorgen. Auf
den<lb/>Schlachtfeldern vonBöhmen, auf denen
dieösterreichischenHerrsch-<lb/>suchtsgelüste so weit sie Deutschland
betrafen, in ihre Grenzen<lb/>zurückgewiesen worden waren, hatte das
siegreiche Preußen mit<lb/>seinen deutschen Bundesgenossen für Jtaliens
Befreiung mit-<lb/>gekämpft, das, den gegebenen Anstoß benutzend, auch
wieder<lb/>gegen Oesterreichaufgestanden war;und abermals
hatteNapoleon<lb/>der Dritte sich dazwischen gedrängt, hatte den beiden
siegenden<lb/>Völkern die Erlangung ihres vollen Siegespreises
unmöglich<lb/>gemacht. Preußen war nicht nach Wien gegangen, vor
dessen<lb/>Thoren es gestanden. Es hatte mit der Einigung
Deutschlands<lb/>am Maine Halt machen müssen, und Jtalien war
genöthigt<lb/>worden, den ehrlichen Erwerb dieses Krieges, Venetien,
wiederum<lb/>als ein Geschenk aus der Hand des Kaisers der
Franzosen<lb/>hinzunehmen - der damit auf's Neue seine
Schutzherrlichkeit<lb/>über Jtalien gefestigt hatte.<lb/>Unter den
Garibaldinern war damals die Stimmung sehr<lb/>erbittert gegen Napoleon.
Viele von ihnen, welche Garibaldi<lb/>in allen seinen italienischen
Feldzügen gefolgt waren, hatten<lb/>es nicht vergessen, wie allein der
französische Einfluß ihnen<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0171_164.tif" n="164"/>
<p>= F8g -<lb/>den Tag von Aspromonte bereitet, wie französische Truppen<lb/>in
Rom die vollständige Einigung Jtaliens immer noch un-<lb/>möglich machten;
und wir wurden in dem Kreise der Männer,<lb/>mit denen wir damals in Como
beisammen waren, um unserer<lb/>Nationalität willen mit großer Wärme
begrüßt, mit Zutrauen<lb/>und Herzlichkeit empfangen.<lb/>Sie sprachen es
aus, wie lebhaft ,der General' eine feste<lb/>Alliance von Deutschland und
Jtalien gewünscht. Man wollte<lb/>wissen, daß er durch Absendung eines
seiner begabtesten und<lb/>vertrautesten Offiziere an Graf Bismarck auf
diesen engen und<lb/>dauernden Anschluß hingewirkt, und man hatte kein
anderes<lb/>Verlangen, als endlich dem Nebergreifen einer fremden
Macht<lb/>in die Gestaltung der italienischen Verhältnisse ein Ende
ge-<lb/>sett zu sehen.<lb/>Garibaldi selbst war nicht mehr in Como, aber
sein Geist<lb/>war in dem ganzen Kors lebendig, unb''FFhabe selten
edlere<lb/>und schönere Eindrücke empfangen, als in der Unterhaltung<lb/>mit
jener, aus Männern verschiedensten Alters und
verschiedenster<lb/>Lebensberufe zusammengesetzten Gesellschaft. Ich habe
auch<lb/>niemals ein Offizierkorps angetroffen, dessen Haltung mehr<lb/>an
unsere Landwehroffiziete erinnert hätte; und dabei hatten<lb/>sie die Anmuth
des Behabens und jene phantastische Leb-<lb/>haftigkeit voraus, welche
solchen Freischaaren eigen zu sein<lb/>pflegte. Auch ihre Uniform hatte
etwas sehr Gefälliges,<lb/>sowol für die Gemeinen als für die Offiziere. Die
rothe<lb/>Blouse und das Käppi für den Soldaten, der fest
anliegende<lb/>rothe Rock der Offiziere, mit reicher goldener Zierrath,
die<lb/>kornblau seidene breite Schärpe über dem blaßgrauen
Beinkleid,<lb/>sahen mit der rothen, goldverbrämten Mütze und dem
grauen<lb/>fliegenden Mantel sehr geschmackvoll aus, und standen Alt<lb/>und
Jung wohl an. Die Behauptung aber hörten wir von<lb/>verschiedenen
Offizieren wiederholen, daß das Garibaldische<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0172_165.tif" n="165"/>
<p>== PJ -<lb/>Korps diesmal nur um deshalb weniger glücklich opperirt<lb/>habe,
weil es zu groß gewesen sei. ,Freischaaren sind nur in<lb/>mäßiger Anzahl
mit Erfolg zu verwenden; sobald sie diese<lb/>Anzahl überschreiten, werden
sie schwer zu handhaben und<lb/>verlieren ihre eigentliche Bedeutung !'
sagte Der und Jener.<lb/>Wir haben uns an diesen Ausspruch jener in
Freischaaren-<lb/>kriegen geübten und erfahrenen Führer oft erinnert,
wenn<lb/>wir von der französischen Massenerhebung in den
Zeitungen<lb/>gelesen haben.<lb/>Mit Garibaldi selber trafen wir erst zehn
Monate später<lb/>am R oder W. Sept., im Hötel Byron am Genfersee
zusammen,<lb/>als er sich zum Friedenskongreß nach Genf begab. Einer
der<lb/>Offiziere, der junge und schöne Obrist Frigyesi, mit dem wir
in<lb/>Como bekannt geworden waren, stellte uns dem General vor. Er<lb/>war
müde von der Reise in dem Hötel angekommen und seine<lb/>Weiterreise erlitt
einen Aufenthalt, weil die französisch-savoyen-<lb/>schen Dampfschiffe die
Weisung erhalten hatten, die Fest-<lb/>gesellschaft, die ihin von Genf
entgegenfuhr, nicht zu befördern.<lb/>Und damals -- die Franzosen hatten
eben erst ihren mexika-<lb/>nischen Feldzug beendet, und Kaiser Maximilian
die Ein-<lb/>mischungsgelüste Frankreichs mit dem Leben bezahlt -
damals<lb/>sprach Garibaldi sich vor der im Hötel Byron
zusammen-<lb/>gekommenen Versammnlung mit größter Entschiedenheit
gegen<lb/>die tyrannische Einmischung Frankreichs in die Schicksale<lb/>der
anderen Völker, ,mit erhabenem Zorne gegen Napo-<lb/>leon lll. aus.<lb/>,Ich
rechne mir den Haß dieses Mannes gegen mich zur<lb/>Ehre an!'' sagte er fest
und bestimmt, und er sah mächtig bei<lb/>den Worten aus, obschon seine
Gestalt nicht eben groß war.<lb/>Aber er war stämmig gebaut und sein
Gesichtsausdruck sehr<lb/>klar und ruhig. Er trug trott des sehr warmen
Wetters einen<lb/>weiß und grau gestreiften Poncho als Mantel über der
rothen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0173_166.tif" n="166"/>
<p>= IZs -<lb/>Blouse, einen kleinen grauen Filzhut, und stütze sich, dem
bei<lb/>Aspromonte durch einen Schuß verwundeten und nie
völlig<lb/>hergestellten Fuß zu Hülfe kommend, auf einen starken
Stock.<lb/>Sein braunblondes, ergrauendes Haar, die blauen
tiefliegenden<lb/>Augen, die hohe und mächtig gewölbte Stirn, selbst der
Schnitt<lb/>der kurzen, starken und gradlinigen Nase und die Form
des<lb/>sehr energischen Mundes haben bei Garibaldi etwas Deutsches,<lb/>was
ihm von seiner aus Westphalen stammenden Großmutter<lb/>angeerbt sein mag.
Aber obschon man es ihm damals bereits<lb/>ansah, daß er viel gelitten
hatte, war doch die Mischung von<lb/>Kraft und Milde, die ihn kennzeichnete,
noch immer in ihm<lb/>unwerkennbar und wirkte anziehend, ja durch die
Schlichtheit<lb/>seines Benehmens überwältigend.<lb/>Damals! = Wer hätte es
damals voraussehen können,<lb/>daß Garibaldi, nachdem er noch einen neuen,
seinen dritten<lb/>Versuch gemacht, Rom und damit Jtalien von der
französischen<lb/>Abhängigkeit zu befreien, daß er, nachdem im Jahre 18?
die<lb/>Chassepots bei Mentana ihre ersten Wunder gegen ihn und<lb/>seine
Getreuen gethan, sich plötzlich lossagen könne von seinen<lb/>eigenen
Traditionen? - Wer hätte glauben können, daß der<lb/>eifrigste Bekenner der
Friedenspolitik, der Mann, welcher durch<lb/>sein Erscheinen dem
Friedenskongreß in Genf eine erhöhte<lb/>Bedeutung gegeben hatte, sich in
dem, nach frechstem Friedens-<lb/>bruche, durch Frankreich gegen Deutschland
heraufbeschworenen<lb/>Kriege, zum Bundesgenossen der Franzosen gegen
Deutschland<lb/>machen könne? Man möchte mit bitterm Schmerze das
Wort<lb/>Paul Louis Courrier's von ihm sagen, das dieser aussprach,<lb/>als
der erste Napoleon sich zum Kaiser machte: il aspire ß<lb/>äeseenäre! =-
Aber das trübe Niedersinken eines leuchtenden<lb/>Sternes ist ein
melancholischer Anblick - und wenn man sich<lb/>auch sagen darf, daß man es
in der spätern Handlungsweise<lb/>Garibaldis mit einem Verstandesfehler des
heldenhaftenMannes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0174_167.tif" n="167"/>
<p>-- IR? -<lb/>zu thun habe, so thut es wehe, mißbilligend zu
verurtheilen,<lb/>wo man bis dahin mit freudigem Vertrauen
verehrte.<lb/>Florenz fanden wir in hellem Jubel im Herbste von<lb/>186s. Hü
Venedig war von Napoleon Ül., dem gekrönten<lb/>maitrs äe plaisir von
Frankreich, das Plebiscit wegen des<lb/>Anschlusses an Jtalien, zur billigen
Unterhaltung seiner be-<lb/>ständig der Zerstreuung bedürftigen Franzosen,
in Scene<lb/>gesetzt worden. Victor Emanuel zog eben, von den
Depu-<lb/>tationen des ganzen Landes umgeben, in Venedig ein.
Florenz<lb/>schwamm im Fahnenschmuck und im Lichterglanz einer
präch-<lb/>tigen Erleuchtung, die sich bis zu den Thürmen des
Palazzo<lb/>Vecchio, bis auf die Zinne des Campanile und bis
zur<lb/>höchsten Spitze des Domes hinauf erstreckte. Die Stadt,<lb/>welche
zwanzig Jahre früher in blumenhafter Traumseligkeit<lb/>geschlummert, war
eine ganz moderne und sehr unruhige Stadt<lb/>geworden.<lb/>Man riß Straßen
ein, um Raum für freiere Bewegung<lb/>zu finden; Klöster und Kirchen, wo
ihre Vorsprünge hinderlich<lb/>erschienen, wurden dabei nicht geschont. Das
Gesetz zur<lb/>Aufhebung der Klöster war erlassen, die Räumung
derselben<lb/>zum Theil erfolgt, zum Theil bevorstehend. Wo man
noch<lb/>Mönche in ihnen antraf, standen sie auf dem Aussterbeetat. -<lb/>Es
gab Zeitungen von allen Farben. Sie wurden laut lärmend<lb/>in den Straßen
ausgerufen, der Straßenkleinkram war bei<lb/>weitem freier als bei uns in
Preußen, das ganze Leben in<lb/>den Straßen hatte einen Pariser Charakter
angenommen,<lb/>Alles war modisch. Elegante Kaffees und Restaurants
hatten<lb/>sich neben den alten bekannten Speisehäusern aufgethan,
es<lb/>war Alles theurer geworden, obschon im Vergleich zu
anderen<lb/>großen Städten Alles noch billig genug war. Die
Beauf-<lb/>sichtigung der Fremden durch die Polizei hatte auch hier
auf-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0175_168.tif" n="168"/>
<p>b JZZ -<lb/>gehört, dafür aber wurden uns die veränderte Besteuerung<lb/>und
der Geldmangel im Lande sehr bald fühlbar. Es mußten<lb/>städtische Steuern
auf Lebensmittel aufgelegt sein, denn so<lb/>oft man von einem Ausfluge vor
das Thor in die Stadt<lb/>zurückkehrte, wurde man um steuerpflichtige Dinge
befragt.<lb/>Dasselbe geschah bei der Ankunft in allen Städten auf
den<lb/>Bahnhöfen; und Papiergeld des Königreichs gegen baares<lb/>Geld zu
wechseln war selbst in den Kassen auf den Bahn-<lb/>höfen nur in soweit
möglich, als man kleinere Appoints<lb/>desselben Papiers darauf herausgeben
konnte; denn es wurde<lb/>nicht die kleinste baare Scheidemünze von den
Kassenbeamten<lb/>ausgegeben, und das Papiergeld der Städte galt eben
nur<lb/>innerhalb der Stadt, die es geschaffen hatte, während der<lb/>Werth
des Goldes überall sehr hoch war.<lb/>Man hatte aber guten Muth und großes,
ja man darf<lb/>sagen, ein übermäßiges Selbstgefühl. Neberall hörte
mnan<lb/>das stolze: Utalia kard: äs se! und man dachte schon
damals<lb/>weit weniger als im Kreise der Garibaldiner an den
Antheil,<lb/>welchen die Massen der unter Preußens Führung
gegen<lb/>Desterreich kämpfenden Deutschen an den Freudentagen
hatten,<lb/>deren man eben jezt in Jtalien genoß. Man war vielmehr<lb/>sehr
dazu geneigt, den deutschen Beistand zu verkleinern und<lb/>zu vergessen,
während die neue Erhebung Jtaliens gegen<lb/>Desterreich doch nur durch die
Auflehnung und das Vor-<lb/>gehen des mächtigen Preußens möglich geworden
war.<lb/>Man berauschte sich in der Idee nationaler Großthaten,<lb/>welche
die italienische Armee 1866 nicht vollführt hatte.<lb/>Man warf der
Bequemlichleit halber Lesterreicher, Preußen<lb/>und alle anderen deutschen
Volksstämme in den von den öster-<lb/>reichischen Zeiten her verhaßten Namen
Tecesehi zusammen,<lb/>wobei denn die alte sehr berechtigte Abneigung gegen
Oesterreich<lb/>obenauf schwamm, und das Gute und den Beistand, den
man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0176_169.tif" n="169"/>
<p>= ,hß -<lb/>von Deutschland und namentlich von Preußen empfangen<lb/>hatte,
ganz verhüllte.<lb/>Es lebte eine kleine sehr gebildete deutsche Kolonie
in<lb/>Florenz, und in dem Hause des von der Regierung nach<lb/>Florenz
berufenen Physiologen und Professor Moriz Schiff,<lb/>im Hause von Fräulein
Ludmilla Assing, die aber mit ihren<lb/>Sympathien auf Seiten der
italienischen Republikaner stand,<lb/>bei Fräulein Malvide von Meysenbug,
welche als Erzieherin<lb/>und Freundin von Alexgnder Herzen's schönen
Töchtern sich<lb/>damals mit diesen in Florenz aufhielt, wie am Theetisch
von<lb/>Frau von Treskow, einer Freundin Rahel's, und ebenso<lb/>wie ihre
einzige, an einen Jtaliener verheirathete Tochter, eine<lb/>Berlinerin von
stärkster Ausprägung des alten, geistig be-<lb/>deutenden Berliner Wesens,
konnte man sich nach der<lb/>Heimat versett glauben, während es zugleich
dort an be-<lb/>ständigem Zusammensein mit italienischen Gelehrten
und<lb/>Schriftstellern nicht fehlte. Dabei konnte man es aber
be-<lb/>obachten, wie die beiden Strömungen für und wider Deutsch-<lb/>land
uwwermittelt neben einander hergingen, wie man sich zu<lb/>Frankreich
neigte, das in Rom die Priesterherrschaft aufrecht<lb/>erhielt und die
Einigung Jtaliens verhinderte, während man<lb/>in Jtalien gegen die
Priesterherrschaft anging und die Einigung<lb/>des Vaterlandes erstrebte. Ja
sogar diejenigen deutschen<lb/>Gelehrten, welche die Regierung zur Hebung
der italienischen<lb/>Bildung nach Jtalien berufen, hatten darüber zu
klagen, daß<lb/>man sie hemme, wo sie fördern sollten; und daß jenes
instinktive<lb/>Gefühl der Sympathie für die stamnverwandte
gallo-romanische<lb/>Rasse und ein gewisser Zug einer Nationaleitelkeit es
selbst bei<lb/>vielen Gebildeten über die richtige Erkenntniß von
Demjenigen,<lb/>was dem Lande nothwendig und zweckmäßig sei,
davontrage.<lb/>Freilich gab es hinwiederum Jtaliener genug, welche den
wie<lb/>ein Rechenexempel einfachen Saty begriffen, daß die feste
Ver-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0177_170.tif" n="170"/>
<p>- ,?ß -<lb/>einigung von zwei aufsirebenden, nach ihrer innern
Abrundung<lb/>und äußern Sicherheit ringenden Nationen die beste
Abwehr<lb/>gegen störsame Einflüsse und feindliche Angriffe von
außen<lb/>darbieten, ja solche Angriffe halbwegs unmöglich machen
würde.<lb/>Aber gegen die unklare Empfindung bleibt die Vernunft
oft<lb/>lange ohnmächtig. Man haßte und verabscheute Napoleon<lb/>den
Dritten als Despoten und Tyrannen, man kämpfte um<lb/>eine ganz andere
Verfassung als diejenige, welche das Ver-<lb/>brechen des zweiten Dezembers
erzeugt hatte. Der Zauber<lb/>der französischen Gloire, das grestigs äe ls
Lronee, wirkten<lb/>aber trotzdem in Jtalien noch immer fort. Man
mochte<lb/>glauben von diesem Glanze Etwas abzukommen, wenn man in<lb/>dem
Kreise desselben blieb, und man konnte wirklich aufJtaliens<lb/>Verhältniß
zu Frankreich parodirend die Worte des Dichters<lb/>anwenden:<lb/>,Die Sinne
sind in seinen Banden noch,<lb/>Hat gleich die Seele blutend sich
befreit.<lb/>In Einem aber stimmte Alles überein: in der
Auflehnung<lb/>gegen die weltliche Macht des Papstes, in dem
Verlangen,<lb/>Rom als die Hauptstadt für das geeignete Königreich
Jtalien<lb/>zu gewinnen. Indeß selbst diesem Verlangen war ein
Rad-<lb/>schuh angehängt, der, wenn er auch die fortziehende
Bewegung<lb/>nicht aufzuheben vermochte, sie doch störte und aufhielt.
Die<lb/>Frauen standen auch noch hier, wie fast in allen
katholischen<lb/>Ländern, unter dem Einfluß der Geistlichkeit, sie waren
weit<lb/>zurückgeblieben hinter der Bildung der Männer; und der<lb/>König
selber hatte, wie man sagte, neben sich eine ganz un-<lb/>gebildete Frau aus
niederm Stande, deren Bigotterie die<lb/>Geistlichkeit sich zu Nuten zu
machen wußte.<lb/>Während die jungen, der deutschen Sprache
mächtigen<lb/>Jtaliener uns in Berlin vielfach versichert hatten, daß
man,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0178_171.tif" n="171"/>
<p>- 17h --<lb/>seit die Lombardei und Toscana von dem österreichischen
Joche<lb/>und Einfluß frei geworden, sich vielfach mit dem Studium<lb/>der
deutschen Sprache, der deutschen Klassiker und mit den<lb/>Resultaten der
deutschen Wissenschaft beschäftige, fanden wir<lb/>weder in Mailand noch in
Florenz in der Buchhandlung<lb/>deutsche Bücher ausgelegt. Alle Fenster und
Ladentische waren<lb/>noch immer voll von französischen Werken,
wissenschaftlicher<lb/>sowol als dichterischer. Der französische Roman war
die Lektüre<lb/>der Gesellschaft, Nebersetungen französischer Komödien
füllten<lb/>die Repertoire. Nur im Theater Pagliano sahen wir einmal<lb/>den
größten Mimen des jetigen Jtaliens, Rossi, sich in der<lb/>Rolle des
Shakespear'schen Hamlet versuchen, der sich denn,<lb/>freilich in
italienischer Sprache und für das italienische<lb/>Publikum gehörig
zugerichtet, für Unsereinen so befremdlich<lb/>ausnahm, wie ein alter
hochverehrter Freund in wunderlicher,<lb/>ihm nicht anstehender, ihn
entstellender Tracht.<lb/>An neuern historischen Werken fand Stahr von
italienischen<lb/>Verfassern sehr bedeutende Arbeiten, darunter vor
Allen<lb/>Villaris uns höchlich fesselnde meisterhafte Geschichte
Savon-<lb/>arola's. Ebenso brachten die zahlreichen politischen
Journale<lb/>zum Theil sehr lebendig geschriebene und schlagende
Artikel,<lb/>aber meine Erwartung, daß die Umgestaltung der
politischen<lb/>Verhältnisse, daß das Freiwerden der Presse auch den
sozialen<lb/>Roman in Jtalien hervorgerufen haben würde, fanden wir<lb/>186
noch nicht bestätigt. Man emwpfahl uns, als wir danach<lb/>fragten, die noch
in österreichischer Zeit erschienenen Raconti<lb/>der im Friaul heimischen
Gräfin Gaterina Percotto, eine Art<lb/>von sehr eigenartigen und
erschütternden Skizzen, die wir<lb/>schon lange vorher in Deutschland
gelesen hatten. Man wies<lb/>uns auf die in englischer Sprache erschienenen
Romane Giuseppe<lb/>Ruffinis hin, die doch zum Theil auch schon vor der
eigent-<lb/>lichen Befreiung Jtaliens entstanden und nicht
ausschließlich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0179_172.tif" n="172"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0180_173.tif" n="173"/>
<p><lb/>A1<lb/>e -K.<lb/>1 NKzr<lb/>a. Ka sa ..K. K.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0181_174.tif" n="174"/>
<p>= 1g -==-<lb/>der Handsäcke so peinlich, daß man trotz eines
Gewittersturmes,<lb/>zu nächtlicher Stunde in den provisorischen
Eisenbahnbaracken<lb/>an der Grenze die Bilder in den Porträtalbums
einzeln<lb/>besichtigte, welche die Reisenden mit sich führten; und in
dem<lb/>provisorischen Eisenbahnhof in Rom waren die Vorkehrungen<lb/>für
den Empfang, für die nochmalige Visitation und für die<lb/>Fortbringung der
Reisenden und ihres Gepäcks in einer Weise<lb/>getroffen, als handelte es
sich nicht um die Ankunft eines<lb/>Bahnzuges, sondern als erwartete man
eine Postchaise mit<lb/>ihren Beiwagen.<lb/>Und wie bei dem Eintritt in Rom
gab sich der Wider-<lb/>spruch, in welchem das Leben des Kirchenstaates und
der Geist<lb/>seiner Regierung sich mit dem gegenwärtigen Tage
befanden,<lb/>in dem Größten wie in dem Kleinsten kund. Während
der<lb/>Papst in seinem phantastisch mittelalterlichen Glauben die<lb/>Welt,
wie die Inschriftstafel im St. Peter es besagte, mit dem<lb/>Dogma von der
unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria<lb/>begnadigt hatte, während man
das Konzil' schon vorbereitete,<lb/>auf welchem die Unfehlbarkeit des
Papstes ebenfalls zum<lb/>Dogma erhoben werden sollte, und in den alten
Kirchen mit<lb/>großem Eifer und großem Kostenaufwande daran
gearbeitet<lb/>wurde, die Kirchen für die Zeit des Konzils glänzend
zu<lb/>erneuern, war ein Hauch der Verwitterung über das ganze<lb/>römische
Wesen gekommen, sofern es nicht direkt die Kirchen<lb/>anging, von deren
Verwaltung abhing, und mit deren Privat-<lb/>vermögen zusammenhing. Die
alten Kardinalsequipagen und<lb/>deren Dienerschaft hatten etwas Schäbiges
bekommen. Das<lb/>Volk ging zum Theil sehr gleichgiltig an den
Kardinälen<lb/>vorüber, wenn diese sich, gefolgt von ihrem Wagen und
ihrer<lb/>Dienerschaft, zu Fuße auf der StraßeJzeigten, und mehr
als<lb/>einmal sah ich es, wie Gewerbtreibende, wenn der Papst
mit<lb/>seiner großen Begleituug durch die Straßen zog, rasch ihre<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0182_175.tif" n="175"/>
<p>= 17H -<lb/>Ladenthüren schlossen und die Ihrigen anhielten in das
Haus<lb/>zu treten. Das geschah in dem nämlichen Augenblick, in<lb/>welchem
vornehme Männer ihre Wagen verließen, um vor<lb/>dem Papst auf der Straße
das Knie zu beugen, und Frauen<lb/>des hohen Adels in ihren Eauipagen
niederknieeten um seines<lb/>Segens theilhaftig zu werden.<lb/>Der
Fremdenverkehr hatte, Dank den Eisenbahnen und<lb/>Dampfschiffen, sehr
bedeutend zugenommen, aber man merkte<lb/>das nicht besonders, weil das
militärische Element in der<lb/>Stadt vorherrschte. Der Statthalter Gottes
unterhielt in<lb/>Rom ein Heer von mehr als zehntausend Mann, nicht
sowohl<lb/>zum Schutze gegen den auswärtigen Feind, sondern
hauptsächlich<lb/>zur Niederhaltung der eigenen Unterthanen. Das
geistige<lb/>Oberhaupt der Christenheit, das Oberhaupt der Kirche,
der<lb/>Repräsentant der Lehre, deren Reich nicht von dieser Welt
sein<lb/>sollte, behauptete sich mittels einer sehr ansehnlichen Kohorte
auf<lb/>dem Throne seines weltlichen Besitzes. Er hätte nicht, wie<lb/>der
liebe Gott in Beranger's Chanson, von sich sagen dürfen:<lb/>,Si j'si jamsis
eommaaaee une eokorts<lb/>Ie reu, mes enkants, gae ls äiable m'emports
!!<lb/>Wohin man blickte sah man Soldaten: heimische und<lb/>französische
Truppen, alle sehr geschmackvoll, zum Theil sehr<lb/>glänzend uniformirt,
die päpstlichen Zuavenoffiziere sich spreizend<lb/>wie die Studenten in
kleinen deutschen Universitätsstädten,<lb/>die päpstlichen Karabiniere, ein
Korps von lauter Marsgestalten;<lb/>und Trommelschall und Exerzieren im
Giardino publico hart<lb/>an den Ruinen der Karakallabäder. Exerzieren und
Trommel-<lb/>schall unter den Augen zuschauender Geistlichen in dem
alten<lb/>Prätorianerlager, unfern von den Bädern des Diokletian.<lb/>Große
Wachtposten von Zuaven in der Leoninischen Vorstadt,<lb/>in nächster Nähe
des St. Peter und des Vatikan. Aber neben<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0183_176.tif" n="176"/>
<p>= ,Z -=<lb/>den prächtig aufgeputzten Truppen und selbst in den
Kirchen,<lb/>die man mit Aufwand von kostbarem Gestein und
seltenen<lb/>Marmorarten restaurirte, traf man auf Geistliche, die sich
den<lb/>Fremden schüchtern näherten und leise um ein Almosen baten,<lb/>,zu
einem neuen Hut'' oder ,zu einer neuen Soutane', und<lb/>im Vergleich zu den
Soldaten sahen sie in der That oftmals<lb/>sehr armselig aus.<lb/>Neberall,
aber überall, stieß man auf schroffe Gegensätze.<lb/>In den Häusern, denen
gegenüber Nonnenklöster lagen, mußten<lb/>die Fenster bis in die oberen
Geschosse mit Läden versehen<lb/>werden, die den Hausbewohnern Licht und
Luft entzogen und<lb/>den Einblick in die Klostermauern hinderten; dafür
stürzte<lb/>sich denn gelegentllch ein junger Geistlicher aus den
Fenstern<lb/>des Collegio Romano, des großen Jesuitenhauses, auf
die<lb/>Straße, um verzweifelnd seinem Leben ein Ende zu machen.<lb/>Hinten
in der Villa des Fürsten Doria Pamfili feierte,<lb/>wie ich erwähnte, ein
Marmordenkmal die im Jahre 119<lb/>im Kampfe gegen die römische Republik
gefallenen französischen<lb/>Offiziere, und am Eingang der Villa, an dem
vierfrontigen<lb/>Triumphbogen von gnatri enti, zeigte der Aufseher
derselben,<lb/>ein italienischer Patriot, mit stolzer Heimlichkeit die
Stellen,<lb/>an denen der letzte heiße Kampf der Republik gekämpft
worden<lb/>war, und wies erklärend nach den Villen Korsini,
Giraud,<lb/>Savorelli hinüber, vor und in denen so viel edles
italienisches<lb/>Heldenblut geflossen war, und nach der noch in
Trümmer<lb/>liegenden ganz zerschossenen Villa - il ?asesllo -
an<lb/>welcher jetzt die Inschriftstafeln stehen. Damals befand<lb/>sich
eine der wenigen in Rom existirenden Fabriken, eine<lb/>Stearinlichtfabrik,
in der Villa Savorelli, welche der aus<lb/>dem Exil zurückgekehrte Besitzer
derselben dort für seine Rech-<lb/>nung betreiben ließ; und wie die Besitzer
der nahe an ein-<lb/>ander grenzenden Villen PamfiliDoria und Savorelli
in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0184_177.tif" n="177"/>
<p>= 17? -<lb/>politischer Richtung aus einander gingen, so hatte
zwischen<lb/>den beiden Familien in den letzten Jahrzehnten ein
Roman<lb/>gespielt, der auch im geselligen Leben eine Feindseligkeit
zwischen<lb/>ihnen hervorgerufen. - Ein junger Fürst Doria hatte sich
in<lb/>eifriger Bewerbung um eine ungewöhnlich schöne und
geistig<lb/>begabte Tochter des Hauses Saöorelli bemüht, ihr
Jawort<lb/>erhalten und dann das Verlöbniß wieder, wie man be-<lb/>hauptete,
um materieller Vortheile willen gelöst, die sich<lb/>ihm von anderer Seite
geboten. Die junge Marchesina war<lb/>in ein Kloster gegangen und dort nicht
lange danach an ge-<lb/>brochenem Herzen gestorben. Aber Tagebücher und
Briefe,<lb/>welche sie hinterlassen, waren im engen Vertrauen von
einem<lb/>ihrer Angehörigen einem damals in Rom lebenden, noch<lb/>wenig
bekannten französischen Schriftsteller zur Durchsicht über-<lb/>geben, und
von diesem im Mißbrauch des Vertrauens, in<lb/>einem Romane benutzt worden.
Der Schriftsteller war Edmund<lb/>About. Der Roman, der seinen ersten Ruf
begründete und<lb/>jenen Papieren entnommen war, hieß Tola; und es
leben<lb/>noch Viele von Denen, welche sich des peinlichen
Aufsehens<lb/>erinnern, den sein Erscheinen einst in der römischen
Gesell-<lb/>schaft gemacht hatte.<lb/>Aber 16 war man nicht mit den
Dichtungen irgend<lb/>eines Franzosen, sondern mit dem bevorstehenden
Abmarsch<lb/>der französischen Truppen von Rom beschäftigt, und sah
auf<lb/>denselben je nachdem mit bangen oder freudigen Empfin-<lb/>dungen
hin. Der Höchstkommandirende der päpstlichen Trup-<lb/>pen, General Kanzler,
hatte kurz vor dem für den Ausmarsch<lb/>festgesetten Tage die päpstlichen
Truppen in der Villa Bor-<lb/>ghese eine Revue passiren lassen, gleichsam um
den Bürgern<lb/>darzuthun, daß man ihnen auch ohne die Franzosen
Stand<lb/>zu halten wissen werde. Denn daß vom Volke eine Erhebung<lb/>gegen
das weltliche Regiment des Papstes, daß ein Versuch<lb/>F. Lenald,
Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0185_178.tif" n="178"/>
<p>=- 17F -=<lb/>gemacht werden werde, die Vereinigung mit dem
Königreich<lb/>Jtalien nun endlich durchzusetzen, das nahm man als gewiß
an.<lb/>Es lag schwül und unheimlich über der Stadt. Heute<lb/>sagte der
Hauswirth: ,In dieser Nacht hat man drüben einen<lb/>braven Jüngling aus dem
Bette geholt und fortgebracht!<lb/>-=-,Wohin ? fragten wir -,Wser weiß das?
Sie haben<lb/>vorige Woche auch aus der und aus jener Straße (er
nannte<lb/>sies in nächtlicher Weile hier ansässige Bürger verhaftet.?
=-<lb/>,Aber weshalb? Er zuckte die Achseln. ,In Rom fragt<lb/>man nicht!
Mit der päpstlichen Regierung ist kein Sprechen<lb/>und Verhandeln. Es ist
ein Faktum. Das genügt !! =-<lb/>,Aber man muß sich doch erkundigen ? - Er
lachte höhnisch.<lb/>, Ich bin mich einmal nach Jemand erkundigen
gegangen'',<lb/>sagte er. ,DDa haben sie mich nichtswürdig behandelt. Ich
habe<lb/>ihnen das gesagt, sie haben mich selber festgehalten und
ein-<lb/>gesperrt. Seitdem - frage ich nicht wieder. Ich thue nie<lb/>wieder
einen Schritt in den Bereich der Polizei!<lb/>Dazwischen brachte man uns
Flugblätter in das Haus,<lb/>von einem bestehenden geheimen Nationalkomitee
verfaßt und<lb/>verbreitet, die in herbsten Ausdrücken die päpstliche
Regierung<lb/>tadelten, ihr alle ihre Sünden vorhielten, ihr einzeln die
Raub-<lb/>und Mordanfälle und Diebstähle vorzählten, welche von den<lb/>aus
dem ganzen übrigen Jtalien herbeigeströmten und von<lb/>der Regierung
geduldeten Banditen fortwährend theils in der<lb/>römischen Kampagna, theils
dicht vor den Thoren der Stadt,<lb/>und in dieser selbst, an höheren
Geistlichen verübt wurden;<lb/>und unter den Bürgern fürchtete man in der
beim Abmarsche<lb/>der Franzosen erwarteten Revolution vor Allem die
Unordnun-<lb/>gen und die Plünderung, welche durch das aus Neapel
ausges<lb/>wiesene, sich in dem Kirchenstaate herumtreibende und
von<lb/>König Franz unterhaltene Gesindel, hervorgerufen werden<lb/>könnten.
Jeden Tag gab es andere Gerüchte. Heute erzählte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0186_179.tif" n="179"/>
<p>=- 1 ß -<lb/>man: König Franz von Neapel sammle in dem von ihm<lb/>bewohnten
Palast Farnese heimlich Truppen, mit denen er<lb/>nächstens in sein
Königreich einfallen und seinen Thron wieder<lb/>erobern würde. Das klang
dann wie eine Scene aus Schil-<lb/>ler's Fiesko, und die schöne Königin
Marie sah sehr nach<lb/>einer Gräfin Leonore aus, wenn sie Abends krank und
müde<lb/>wie sie war, und doch stolzen Blickes, in den Polstern
ihres<lb/>Wagens lehnend, über den Monte Pincio fuhr. Dann wieder<lb/>am
nächsten Tage ließ man es durch heimliche Winke errathen,<lb/>Mazzini sei in
Rom, und kein Anderer als er selber werde<lb/>die Fahne der neuen Revolution
erheben. Sehr wahrscheinlich<lb/>klang dies -nicht, indeß es war doch
keinesweges außer dem<lb/>Bereich des Möglichen.<lb/>Mazzini gehörte jener
Zeit der politischen Entwickelung an,<lb/>in welcher in Jtalien mit
Geheimbünden und Verschwörungen<lb/>viel geleistet worden war. Es mochte
davon Etwas in seinen<lb/>Gewohnheiten zurückgeblieben sein. Man behauptete,
daß er,<lb/>ohne die ihm drohenden Gefahren zu achten, zum Oeftern<lb/>aus
der Verbannung nach Jtalien gekommen sei, um die<lb/>Patrioten anzufeuern
und zusammenzuhalten; und da er die<lb/>Einheit seines Vaterlandes immer als
das erste Ziel aufge-<lb/>stellt hatte, war es nicht undenkbar, daß er
seinen Lands-<lb/>leuten auch bei der neuen erwarteten Erhebung von
Rom<lb/>wieder seine Mitwirkung und den Einfluß seines Namens<lb/>darbringen
wollte; wenn es sich diesmal auch nicht um die<lb/>Errichtuug einer
Republik, sondern um die staatliche Einigung<lb/>Jtaliens zu einem
Königreich handeln sollte. Jn seinem,<lb/>etwa zu Anfang des Jahres 1850
erschienenen Werke:<lb/>,Republik und Königthum' hatte er gesagt: ,Der erste
Zweck<lb/>und der ewige Seufzer unserer Seelen ist sonst wie jetzt<lb/>die
Unabhängigkeit Jtaliens vom Auslande gewesen. Der zweite:<lb/>Die Einheit
des Vaterlandes, ohne welche die Unabhängigkeit<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0187_180.tif" n="180"/>
<p>== , Zß -<lb/>eine Lüge ist. Der dritte: die Republik. Gleichgiltig
gegen<lb/>unser persönliches Schicksal, sicher über die einstige
Zukunft<lb/>unseres Landes, hatten wir nicht nöthig uns in dem
dritten<lb/>Punkte unduldsam zu zeigen. Hätte man mir zur Zeit als<lb/>Karlo
Alberto Verhandlungen mit der republikanischen Partei<lb/>einzuleiten
suchte, die Unabhängigkeit und eine schnelle Eini-<lb/>gung und Einheit
Jtaliens zugesichert, so wüürde ich zwar nicht<lb/>meine Neberzeugungen
geopfert haben, denn das ist unmöglich,<lb/>aber ich würde aller thätigen
Propaganda für den nahen<lb/>Triumph dieser Neberzeugung entsagt
haben.?<lb/>Auch gegen mich hatte sich Mazzini, den ich 150 in<lb/>England
zu drei verschiedenen Malen gesehen, in gleicher<lb/>Weise ausgesprochen,
und ich bewahrte und bewahre die Er-<lb/>innerung an ihn mit großer
verehrender Theilnahme. Sein<lb/>Aeußeres, seine Ausdrucksweise, seine ganze
Haltung waren<lb/>sehr edel. Er war von ansehnlicher Mittelgröße und sah
da-<lb/>mals in seinem fünfundvierzigsten Jahre mit seiner
schlanken,<lb/>nervigen und sehr elastischen Gestalt noch jugendlich aus,
ob-<lb/>gleich sein schlichtes schwarzes Haar und der
kurzgeschnittene<lb/>Bart schon stark mit Grau gemischt waren. Nase, Mund
und<lb/>Kinn waren für einen Jtaliener nicht sehr scharf
ausgeprägt,<lb/>aber fein und edel, die Form des schmalen Kopfes war
sehr<lb/>schön, und der Ausdruck desselben im höchsten Grade
durch-<lb/>geistet. Es war nichts in seinem Aeußern, was
überraschte;<lb/>aber wenn man auf dieses Gesicht einmal aufmerksam
ge-<lb/>worden war, konnte man das Auge nicht mehr von ihm ab-<lb/>wenden.
Man fühlte sich wie von einem Zauber sanft anges<lb/>zogen und gefesselt,
und der ruhige sanfte Ernst der dunklen<lb/>Augen hatte dabei etwas so
Gebietendes, daß man sehr wol<lb/>die Gewalt begrif, welche dieser Mann in
entscheidenden<lb/>Augenblicken über die Menschen üben mußte.<lb/>Meine
erste Begegnung und Unterhaltung mit Mazzini<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0188_181.tif" n="181"/>
<p>==- IZ! -=-<lb/>war originell. Frau Thomas Carlyle, die ihn sehr
verehrte,<lb/>hatte mir zu verschiedenen Malen von ihm gesprochen
und<lb/>mir seine Bekanntschaft verheißen, ohne daß es doch dazu
ges<lb/>kommen war. Da begleitete ich sie eines Tages auf einem<lb/>Wege
durch die Stadt, bei dem sie verschiedene Besorgungen<lb/>zu machen hatte;
und vor einem Magazin von Flanellwaaren,<lb/>in welchem Frau Carlyle einen
Einkauf beabsichtigte, trafen<lb/>wir Mazzini an. Wir wurden einander
vorgestellt, er trat<lb/>mit uns in das Magazin, und während Madame Carlyle
ihre<lb/>Auswahl traf, kamen wir, Jeder von uns auf einem
Flanell-<lb/>ballen sittend, in das Sprechen, so daß unsere Freundin
uns<lb/>vorschlug, siten zu bleiben, bis sie in einem Nachbarladen
noch<lb/>einen Einkauf gemacht haben und uns holen kommen würde.<lb/>Das
geschah auch, und wie zerstreuend und ungefügig die Um-<lb/>gebung auch war,
hatte ich doch in diesem ersten Zusammen-<lb/>treffen mit Mazzini einen
großen, schönen, ruhigen Eindruck<lb/>erhalten, der sich später nuur noch
gesteigert hat.<lb/>Was an ihm auffiel und sich zunächst geltend machte,
war<lb/>die völlige Selbstlosigkeit, mit welcher er nur sein Ziel,
seines<lb/>Vaterlandes Auferstehung, nicht den Antheil im Auge
hatte,<lb/>den er selber etwa an ihr haben würde. Es gehört aber zu<lb/>den
Segnungen, deren das neue Jtalien theilhaftig geworden<lb/>ist, daß es unter
seinen, die Wiedergeburt des Landes be-<lb/>treibenden Männern zwei
Gestalten von solcher Uneigennützigkeit<lb/>und Charakterreinheit wie
Giuseppe Mazzini und Giuseppe<lb/>Garibaldi als Vorbilder für die
nachstrebenden Geschlechter zu<lb/>verzeichnen hat, wenngleich die Wege
dieser beiden Männner<lb/>nicht dauernd zusammengingen, und - wie Garibaldis
un-<lb/>seliger Entschluß es in unseren Tagen nach dem dritten<lb/>September
von 17 dargethan hat - nicht dauernd zusammen<lb/>gehen konnten.<lb/>Damals
aber, im Winter von 166, war sicherlich auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0189_182.tif" n="182"/>
<p>= ZZ --<lb/>A<lb/>Garibaldi noch sehr fern von dem Gedanken, daß er
jemals<lb/>wieder eine Verbindung mit Frankreich eingehen, seine
Waffen<lb/>und seinen Beistand den Franzosen bieten könne, deren
Ent-<lb/>fernung aus Jtalien von allen das Vaterland und seine
Un-<lb/>abhängigkeit liebenden Männern heiß ersehnt und als der
-<lb/>Zeitpunkt angesehen wurde, in welchem man endlich gleichzeitig<lb/>das
Joch des fremden Einflusses und der weltlichen Herrschaft<lb/>des Papstes
werde von den Schultern werfen können. Man<lb/>zählte buchstäblich die Tage
bis zum Abmarsch. Man berechnete<lb/>die Lage der verschiedenen Wohnungen
und die Sicherheit oder<lb/>die Gefahren, denen man möglicher Weise bei dem
Ausbruch -<lb/>der erwarteten Revolution ausgesetzt sein könnte; und so
sehr<lb/>hielt man sich auf große Ereignisse in Rom gefaßt, daß
man<lb/>darüber vergaß, wie sich eben damals in Folge der Luxem-
-<lb/>burger Frage ein drohender Konflikt an dem europäischen -<lb/>Horizont
zusammen zog.<lb/>So waren wir damals bis in die letten Tage des
-<lb/>Novemhgg, ggfommen. Stahr lag noch än ben'' Folgen der-<lb/>schberen
Erkrankung darnieder, die ihn bald nach unserer An- -<lb/>kunft in Rom
befallen hatte, als es eines Abends an der<lb/>Außenthüre unserer kleinen
Wohnung schellte. Ich ging, die -<lb/>Lampe in der Hand, zu hören, wer es
sei; und auf das landes- I<lb/>übliche ehi s? kam als Entgegnung die
Antwort: ,General -<lb/>von Haug !' zurück.<lb/>Ich öffnete, ein großer,
breitbrüstiger Mann von etwa Z<lb/>fünfzig Jahren stand vor mir und bot mir
die Hand. Es -<lb/>war der nämliche General von Haug, der im Jahre 149
,<lb/>als General der römischen Republik sich neben Garibaldi in I<lb/>der
Vertheidigung von Rom mitEhren bekannt gemacht hatte, und -<lb/>seine
Anwesenheit in Rom war deshalb höchlich überraschend<lb/>-<lb/>für uns. Als
ich ihm dies mit meinem Willkommen aussprach<lb/>und Besorgnisse für seine
Sicherheit äußerte, sagte er lachend:<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0190_183.tif" n="183"/>
<p>gggggggggpggggpg<lb/>-= PZZ -<lb/>,Das hat unter den hiesigen Verhältnissen
keine Noth! Sie<lb/>haben hier so viel mit der Beobachtung der Eingesessenen
und<lb/>mit Verfolgung von lauter nichtswürdigen Angebereien
zu<lb/>schaffen, daß sie gar nicht Zeit haben sich um die Fremden
zu<lb/>bekümmern. =<lb/>,Aber unter welchem Namen sind Sie hier?<lb/>,Herr
von Haug aus Holstein !' entgegnete er mit
völliger<lb/>Sorglosigkeit.<lb/>,Und wo sind Sie abgestiegen?<lb/>,Wie Sie,
im Hotel d Angleterre, und das hat mir zu<lb/>der Kenntniß von Ihrem
Hiersein verholfen. Ich fand Ihren<lb/>Namen in dem Fremdenverzeichniß des
Hauses, erfuhr, daß<lb/>Sie noch ii Rom und in welcher Wohnung Sie wären,
und<lb/>da ich Sie in Berlin, wo ich Sie früher aufgesucht, nicht
an-<lb/>wesend gefunden hatte, dachte ich das Versäumte hier
nachholen<lb/>zu können.?<lb/>Wir fanden uns denn auch plaudernd bald
zusammen.<lb/>General von Haug ist ein geborener Ungar, war einst
in<lb/>österreichischen Diensten gewesen und nun seit Jahren mit<lb/>einer
Holsteinerin verheirathet und in Holstein auf dem Lande<lb/>angesessen. Er
hatte vom Jahre 119 her viele und nahe<lb/>Beziehungen zu der
römisch-italienischen Partei und war der<lb/>Ansicht, daß man zunächst in
Rom Nichts unternehmen und<lb/>Alles ruhig bleiben würde. Er hatte übrigens
von der Kriegs-<lb/>tüchtigkeit und dem Muthe der Zuavenregimenter, in
denen<lb/>sich fanatische Katholiken aus allen Ländern Europa's
zu-<lb/>sammenfanden, wie von den stattlichen Karabinieri eine
gute<lb/>Meinung. Dafür aber dachte er von den übrigen Truppen um<lb/>so
geringer und hielt, wie es auch kommen möge, einen nachs<lb/>haltigen Kampf
der päpstlichen Trupven, gegen wessen Angriff<lb/>es auch sei, für
unwahrscheinlich. Wir sahen ihn noch zu<lb/>verschiedenen Malen bei uns, und
seine Behauptung, daß das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0191_184.tif" n="184"/>
<p>==- hZF<lb/>Nationalkomitee die Erhebung der Stadt gegen die
Regierung<lb/>für das Erste zu verhindern trachte, bewährte sich als
richtig.<lb/>Die Spannung der Gemüther in Rom blieb sich aber<lb/>trotzdem
gleich, und je näher der Abmarsch der Franzosen<lb/>bevorstand, um so
unverhohlener gab der ihnen feindliche Theil<lb/>des Volkes seine Abneigung
gegen sie kund. Heute hörte man<lb/>von Zusammenstößen, welche
Marmorarbeiter mit französischen<lb/>Soldaten gehabt haben sollten, morgen,
daß ein paar Zuaven<lb/>in kurzen Zwischenräumen Nachts in den Straßen
meuchlings<lb/>ermordet worden wären, und daß die Zuaven deshalb
Befehl<lb/>erhalten hätten, nicht einzeln in der Tunkelheit
auszugehen.<lb/>Und dunkel genug waren die Straßen! denn da ein
Verwandter<lb/>irgend eines kirchlichen Würdenträgers ein Lelhändler,
und<lb/>mit den Lellieferungen für die Straßenbeleuchtung betraut<lb/>war,
so wurde die Gasbeleuchtung nicht durchweg eingeführt,<lb/>und wo sie
fehlte, war die Erleuchtung so unvollständig, daß<lb/>wir oft genug, selbst
ganz in der Nähe des Korso's, in den<lb/>Seitenstraßen die Bemerkung
machten, wie leicht bei der Ein-<lb/>samkeit und Finsterniß in allen diesen
Seitenstraßen - ich<lb/>denke z. B. an die neben dem Krankenhause der
Unheilbaren<lb/>sich hinziehenden Gassen - hier Raubanfälle
unternommen<lb/>werden könnten, die denn auch in der That nicht
fehlten.<lb/>Am Ende der ersten Tezemberwoche hatten wir die<lb/>Franzosen
noch zu einer Parade ausrücken sehen. In der Nacht<lb/>vom neunten zum
zehnten Tezember weckte uns Trommel-<lb/>gerassel aus dem Schlafe und ferner
Marschschritt schlug durch<lb/>die Stille an unser Ohr. Wir sahen nach der
Uhr, es war<lb/>eben vier vorbei. Die Franzosen rückten aus Rom aus,
das<lb/>sie als Beschützer des Papstes siebzehn Jahre in
Abhängigkeit<lb/>von Frankreich, und von der Vereinigung mit dem
Gesammt-<lb/>vaterlande zurück gehalten hatten. Trotzdem war die
Stunde<lb/>der Befreiung für Rom noch nicht gekommen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0192_185.tif" n="185"/>
<p>-= 1ZH --<lb/>Am nächsten Morgen war der Wachtposien auf der Höhe<lb/>des
Monte Pincio vor der Kirche von St. Trinitä di Monte,<lb/>den die Franzosen
sonst inne gehabt hatten, von päpstlichen<lb/>Jägern besetzt; auf dem
Kapitol, in dessen unteren Sälen ein<lb/>uäheil der französischen
Militärverwaltung ihre Büreaus gehabt,<lb/>verkaufte man schmutzige
Schränke, Tische, Bänke und Regi-<lb/>straturen. Die französischen
Fouragemagazine in den Thermen<lb/>des Diocletian standen leer, nur die
bezeichnenden Nummern<lb/>der Bataillone prangten noch auf schwarzen
Blechschildern<lb/>über den Thüren. Der Papst war für den Augenblick
mit<lb/>der Führung und Erhaltung seines weltlichen Regimentes<lb/>auf seine
eigenen Schutzmittel angewiesen, die Franzosen waren<lb/>fort. Aber die
großen Nachtheile, welche ihr siebzehnjälniger<lb/>Aufenthalt für die Sitten
und die Gesundheit des Volkes<lb/>hervorgebracht, waren damit nicht vorüber
und es wird Zeit<lb/>brauchen, den angerichteten Schaden herzustellen, wenn
es<lb/>überhaupt gelingt.<lb/>Im Nebrigen ging in Rom Alles seinen
gewohnten<lb/>Gang, nur das Gefühl, daß man auf einem unterhöhlten<lb/>Boden
stehe, wurde man nie los, und wo man mit dem Volke<lb/>in Berührung kam,
hörte man gerechte Klagen.<lb/>Handel und Wandel, im Sinne des übrigen
Europa,<lb/>gab es im Kirchenstaate nicht, eine landesübliche
Industrie,<lb/>wenn man die nicht unbedeutende Fabrikation gestreifter
Seiden-<lb/>zeuge und die Kunstindustrie der Mosaikarbeiter und
Gemmen-<lb/>schneider abrechnete, ebenso wenig. Sobald man das
Geringste<lb/>brauchte und kaufte, konnte man das bemerken.<lb/>Ich erstand
einmal ein paar Kämme aus Büffelhorn,<lb/>die man in Rom als inländische
Fabrikate auszugeben pflegte,<lb/>aber selbst biese waren, als wir sie näher
betrachteten und<lb/>den Fabrikstempel besahen, in Wien fabrizirt, und
Alles, was<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0193_186.tif" n="186"/>
<p>=-= IZs -<lb/>aus dem Auslande kam, war übermäßig hoch besteuert.
Jedem<lb/>einzelnen von Neapel oder Mailand eingeführten Paar
Hand-<lb/>schuh, jedem Gürtelbande hing der schwere bleierne Stempel<lb/>an.
Neberhaupt waren die Steuern äußerst drückend. Die<lb/>einzelnen Stücke
Möbel in den Wohnungen zahlten Stück für<lb/>Stück, Stuhl für Stuhl eine
jährliche Abgabe. Jedes Thier,<lb/>Rindvieh, Pferde ., die aus einer Hand in
die andere<lb/>gingen, zahlten von jedem Kauf und Verkauf eine
Abgabe;<lb/>und die Lasten, die auf den Häusern und auf dem zum<lb/>größern
Theil in den Händen der Klöster und Kirchen oder<lb/>der großen
Adelsfamilien befindlichen, sehr schlecht verwalteten<lb/>Grundbesitz lagen,
hinderten im Verein mit der Gesetzgebung,<lb/>iede vortheilhafte und die
Kultur fördernde wirthschaftliche<lb/>Benutzung des Bodens.<lb/>Wohin man
sein Auge wendete, ging Alles rückwärts,<lb/>war Alles in Verfall.<lb/>Stahr
und ich haben in unserm gemeinsamen Buche<lb/>,Ein Winter in Rom'' über die
Ursachen dieses Verfalls<lb/>mancherlei Auskunft gegeben, aber man hätte
ganze eigene<lb/>Bücher schreiben müssen, um es nach allen Seiten darzuthun,
wie<lb/>unerläßlich nothwendig es war, der weltlichen Herrschaft
des<lb/>Papstes ein Ende zu machen, und welche Wohlthat für die<lb/>dort
lebenden Menschen es ist, daß jett in dem Kirchen-<lb/>staat eine Regierung
herrscht, die mit dem neunzehnten<lb/>Jahrhundert noch in einem andern
Zusammenhang steht, als<lb/>dem - es zu verfluchen.<lb/>Eines Abends war ich
ausgegangen, um in einem Bäcker-<lb/>laden in der Via del Babuino etwas
einzukaufen. Ich traf<lb/>außer dem Bäcker noch zwei Männer im Laden, deren
Einer<lb/>mit dem Bäcker Abrechnung über so und so viel Säcke
Mehl<lb/>hielt, welche in langen Reihen vor der Thüre abgeladen<lb/>waren.
Als ich meinen Kauf gemacht hatte und mich um<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0194_187.tif" n="187"/>
<p>-= 1F? -=-<lb/>irgend eine wirthschaftliche Auskunft an den Bäcker
wendete,<lb/>den ich kannte, weil ich öfter in dem Laden gewesen
war,<lb/>sagte mit einem Male der Mehlverkäufer, der, wie ich
später<lb/>erfuhr, ein Gutsbesitzer war, zu seinem
Begleiter:,Seht<lb/>einmal! das sind die fremden Frauen! Ich habe das
seit<lb/>Jahren schon beobachtet! die denken an Etwas! die helfen in<lb/>dem
Hause; und selbst vornehme Frauen wie diese thun<lb/>das. Tie wollen nicht
nur Ringe an die Finger stecken und<lb/>die Hände übereinander schlagen,
wenn sie in der Karosse<lb/>sitzen wie unsere Frauen. Wer eine Römerin
heirathet, ist<lb/>ein Narr! Wir müssen Frauen von auswärts
nehmen!<lb/>Obschon er dies Alles nicht zu mir, aber doch so laut<lb/>und so
lebhaft sagte, daß ich das Lachen nicht unterdrücken<lb/>konnte, wendete er
sich zu mir. ,Sie lachen, Madame!r<lb/>sagte er,,aber für unser Einen ist da
Nichts zu lachen.<lb/>Unsere Frauen sind zu Nichts gut, als dem Mann ein
Ver-<lb/>gnügen zu sein und Kinder in die Welt zu setzen, die
man<lb/>ernähren muß. Sie können Nichts, sie verstehen Nichts,
sie<lb/>lernen Nichts und wollen Nichts thun; aber so können die<lb/>Pfaffen
sie am Besten brauchen. Darum werden keine Schulen<lb/>für sie eingerichtet,
darum lehrt man sie Nichts als Beten<lb/>und zur Messe gehen und beichten.
Es hat schon Manche<lb/>ihren Mann in die Gefängnisse gebeichtet. Die
Pfaffen haben<lb/>einen langen Arm und wissen, was sie thun! Im
Regno<lb/>(Königreich Jtaliens da geht's zu Ende mit den Pfaffen
und<lb/>all' die Pfaffen, die ie dort über die Zäune werfen, die<lb/>fallen
bei uns in's Land und machen das Nebel gröfer.?<lb/>Ich hütete mich
natürlich ein Wort zu erwidern, das<lb/>seine Herzensergießungen ermuntern
konnte; aber man ver-<lb/>nahm ähnliche Aeußerungen gegen die obwaltenden
Zustände<lb/>bei jedem Anlaß. Auch erinnere ich mich noch, welchen
Ein-<lb/>druck uns einmal, als wir gegen Somnenuntergang auf den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0195_188.tif" n="188"/>
<p>FZF<lb/>Steinbänken vor der Kirche von S. Pietro in Montorio auf<lb/>dem
Janiculus saßen, ein großer, stattlicher, schöner Römer<lb/>aus dem Volke
machte, als er uns schilderte, wie er bei dem<lb/>besten Willen nicht zu
einem ordentlichen, dauernden Erwerbe<lb/>kommen könne, weil alle Arbeit
niederliege. ,Es bleibt<lb/>zuletzt Nichts übrig, schloß er, ,als die Flinte
zu nehmen<lb/>und in die Campagna zu gehen, wenn's nicht bald
anders<lb/>wird.?<lb/>Oftmals, wenn ich damals während der langen
Krankheit<lb/>meines Mannes einsam durch die Straßen ging, um mir
die<lb/>nöthige Bewegung zu machen, und dabei an den langen,<lb/>nach den
Straßenseiten hin völlig fensterlosen Mauern mancher<lb/>Klöster vorüberkam,
die mitten in den belebtesten Stadttheilen<lb/>-- ich denke dabei z. B. an
das riesige Kloster auf der<lb/>Piazza di S. Silvestro und an das
Jesuitenkloster, das<lb/>Collegio Romano - einen Flächenraum einehmen, auf
welchem<lb/>ganze Stadtviertel stehen könnten, habe ich mich häufig
gefragt:<lb/>wie wird dies Rom einmal aussehen, wenn es zum König-<lb/>reich
Jtalien gehört, wenn die Klöster aufgehoben, die Kloster-<lb/>güter
verkauft, und an die Stelle dieser leeren, todten Stein-<lb/>haufen Häuser
mit Wohnungen entstanden sein werden, wie<lb/>die bürgerlichen Sitten und
Gewohnheiten des neunzehnten<lb/>Jahrhunderts sie fordern, und wie sie im
Jahre 186? nur<lb/>ganz vereinzelt und nur eben da in Rom zu finden
waren,<lb/>wo Fremde es unternommen hatten, sich in irgend einem
der<lb/>durchweg unwirthlichen römischen Häuser Etwas herzurichten,<lb/>das
einer europäischen Wohnung aus unseren Zeiten möglichst<lb/>ähnlich war.
-<lb/>Und ich habe ebenso oft, wenn ich mit er-<lb/>schreckender
Verwunderung die Trümmer der alten Götter-<lb/>tempel und die Trümmer der
antiken und mittelalterlichen<lb/>Paläste durchwanderte, mir es klar
vorstellen können, wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0196_189.tif" n="189"/>
<p>= ,Z -<lb/>unter veränderten religiösen Anschauungen und unter
den<lb/>staatlichen Bedingungen der neuen Zeit, gar viele der
Hunderte<lb/>von Kirchen und der, für die jetzigen Lebensverhältnisse
auch<lb/>der reichsten Adelsfamilien völlig unangemessenen
Pracht-<lb/>paläste ihrem Untergange entgegen gehen werden. Ja, es
hat<lb/>sich für mich damals die Neberzeugung festgestellt, daß
Bau-<lb/>werke wie die Peterskirche, wie der Lateran, wie die Kirche<lb/>von
San Paolo außerhalb der Mauern und St. Maria degli<lb/>Angeli unmöglich aus
den Staatseinkünften des Königreichs<lb/>Jtalien und des Papstes erhalten
werden können, wenn ihnen<lb/>etwa nicht mehr, wie unter dem zeitlichen
Regiment des<lb/>Papstes, durch die Gläubigen die Zuschüsse aus aller
Herren<lb/>Länder und allen Gegenden der Welt zu Hülfe kommen<lb/>sollten.
Schon 18? fand man gar häufig, wenn man in die<lb/>Kirchen eintrat, sie
völlig menschenleer; schon jetzt gehen sie<lb/>mit ihrer kolossalen Größe
und außerordentlichen Pracht weit<lb/>über das eigentliche Bedürfniß der
Gläubigen hinaus, und<lb/>wenn das Schisma, das seit dem Konzil der
katholischen<lb/>Kirche droht, sich vollziehen sollte, wenn die Gläubigen
auf-<lb/>hören sollten, den Papst als ihr irdisches Oberhaupt und<lb/>Rom
als den Zentralpunkt der katholischen Welt zu betrachten<lb/>-- wenn daneben
die Güter der einzelnen Kirchen, aus deren<lb/>Einkünften man die
Restauration derselben bisher betrieb und<lb/>z. B. in St. Maria in
Trastevere während unseres Aufenthaltes<lb/>in Rom die großartigsten Bauten
und Ausschmückungen<lb/>machte, von dem Staate eingezogen werden sollten,
was nicht<lb/>ausbleiben kann, so werden auch diese stolzen Kirchen
ihres<lb/>Glanzes beraubt werden; denn kleiner, unbeachteter
Verfall<lb/>wird größern nach sich ziehen. Wie jetzt in den schönen
Sälen<lb/>und Hallen von Villa Negroni und Villa Madama werden<lb/>allmälig
die Frescobilder als feuchter, farbiger Kalk von den<lb/>Wänden
herniederfallen; die nicht mehr so sorgfältig unter-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0197_190.tif" n="190"/>
<p>= (Zß -<lb/>haltenen Dächer und Kuppeln und Fenster werden den<lb/>Elementen
ihren zerstörenden Einfluß nicht wehren. Die<lb/>Feuchtigkeit wird mit ihrem
trügerischen Grün vom Boden<lb/>zu den Gewölben hinansteigen, warme Lüfte
werden hie und<lb/>da Samen von Bäumen und Sträuchern und Blumen in
die<lb/>des Mörtels entbehrenden Fugen verstreuen, und neues<lb/>blühendes
Leben die alten Gefuge auseinander sprengen.<lb/>Dann werden neue
Menschengeschlechter wieder anfangen sich<lb/>von den vielen verfallenden
Tempeln und Paläsien auf ihre<lb/>Weise nutzbar zu machen, was den alten
Zwecken nicht mehr<lb/>dient; und Menschen und Völker, deren Denken und
Glauben<lb/>von dem Unsern sehr verschieden sein dürfte, werden vor
den<lb/>Ruinen der christlichen Kirchen und der Feudalpaläste
dastehen,<lb/>wie wir vor dem Jupitertempel auf dem Forum, vor
den<lb/>Ruinen des Sonnentempels, vor dem Palast Cenci oder dem<lb/>Palast
Castelani in Trastevere. -- Sie werden unter den<lb/>zerfallenden Mauern
einhergehen, das gewaltige Können und<lb/>das Schönheitsgefühl vergangener
Tage bewundernd, und in<lb/>lebensfrohem Genuß des Augenblicks die
Vergänglichkeit des<lb/>Menschen, die Vergänglichkeit alles Dessen, was er
erschafft,<lb/>beklagend. Sie werden sich schmerzlich bescheiden vor der
eigenen<lb/>Vergänglichkeit mit dem Hinblick auf das allgemeine
Vergehen<lb/>und Werden, auf das die Wissenschaft den Menschen zu
seinem<lb/>Troste - ach und wie vergeblich! - hinweist.<lb/>Am 18. Mai des
Jahres 186? ging ich allein von<lb/>unserer Wohnung in der Via Sistina über
die Piazza di Si<lb/>Silvestro und den Corso nach dem großen Palast auf
dem<lb/>Monte Eitorio, in dem sich die Polizeibureaus befanden,
um<lb/>unsern Paß sür die bevorstehende Abreise nach Neapel visiren<lb/>zu
lassen. Es war ein sehr schwüler Nachmittag, der Himmel<lb/>bewölkt, der
Seirocco brütete über der Stadt. Die Straßen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0198_191.tif" n="191"/>
<p>- 1I! -<lb/>waren sehr leer, die Fremden schon abgereist. Auch uns<lb/>hatten
nur ein wiedergekehrtes Nebelbefinden meines Mannes<lb/>und die von uns
übrigens nicht bewährt gefundene Ver-<lb/>sicherung einiger in Rom
ansässiger Freunde, daß die Stadt<lb/>im Mai besonders anmuthig sei, noch in
derselben zurücge-<lb/>halten. Aber damals, wie zwanzig Jahre früher, fand
ich<lb/>den Mai in Rom nichts weniger als angenehm. Die
stille<lb/>bewegungslose Wärme - ich finde keinen andern Ausdruck<lb/>zur
Bezeichnung jener Atmosphäre - hat dann etwas sehr<lb/>Melancholisches.
Alles sieht so müde aus, Alles so verfallen,<lb/>so menschenleer und
ausgestorben, daß Einem zu Muthe wird,<lb/>als fühle man das Hinsausen der
Gegenwart, als empfinde<lb/>man ihr Versinken und sein eigenes Versinken in
die Ver-<lb/>gangenheit. An solchen Tagen ist in Rom oft eine
völlige<lb/>Gleichgiltigkeit gegen das Sein, ja jene Gleichgiltigkeit
gegen<lb/>Alles über mich gekommen, in welcher man sich fragt: wozu<lb/>das
Alles, was Du gethan, gewollt, gehofft hast? - und in<lb/>der man sich
achselzuckend und mit dem Lächeln des Lebensüüber-<lb/>drusses sagt: was
kommts auch darauf an! -- Ich glaube<lb/>nicht, daß man diese Empfindungen
an irgend einem andern<lb/>Orte der Welt so scharf und deutlich, so
überwältigend in sich<lb/>ausgebildet findet als in Rom.<lb/>Der Palast auf
Monte Eitorio ist außerordentlich groß,<lb/>die Höfe im Innern wie Plätze
weit. Es waren, wie ich glaube,<lb/>auch eine Reihe von Gefängnissen in
demselben. Ein paar<lb/>thürhütende Posten waren auf den Steinbänken halb
einge-<lb/>schlafen. Als ich sie um den Weg nach dem betreffenden<lb/>Bureau
fragte, wiesen sie mich mit müder Handbewegung und<lb/>einem
schlaftrunkenen: äi gui! - (dortens über den einen<lb/>Hof nach dem andern
hin. Es war als käme man wie im<lb/>Mährchen in einen verzauberten Palast,
und mir fiel die<lb/>entschiedene Weigerung unseres Wirthes, den
Polizeipalast<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0199_192.tif" n="192"/>
<p>=== (ßF -<lb/>auch nur zu betreten, um mir die Paßvisitation zu
besorgen,<lb/>fast unheimlich auf's Herz-<lb/>Im zweiten Hofe zu ebener
Erde, neben einem, trotz der<lb/>schon seit Monaten warmen und sommerlichen
Jahreszeit,<lb/>dumpfig feuchten und schmutzigen Korridor, trat ich in
einen<lb/>großen Saal. Zwei Beamte arbeiteten an Stehpulten darin.<lb/>Ich
legte unsern Paß vor, man revidirte und visirte ihn nach<lb/>einer Reihe von
Fragen. Der Beamte, der,sich damit beschäftigte,<lb/>war ein Deutscher. Als
er mir den Paß aushändigte und ich<lb/>die fünf Franken für das Visa bezahlt
hatte, fragte ich:,Muß<lb/>der Paß, wenn wir im Herbste von Neapel hierher
zurück-<lb/>kommen, wieder eingereicht werden?r<lb/>,Ja! wenn wir dann noch
hier sind !'' gab er mir zur<lb/>Antwort.<lb/>Wenn wir dann noch hier sind!
- - Und der Lateran<lb/>und der Vatikan und die Peterskirche standen da in
stolzer<lb/>Majestät, wie für dieEwigkeit gebaut; und man traf alle
Vor-<lb/>kehrungen für das ökumenische Konzil, das die Unfehlbarkeit<lb/>des
Papstes anerkennen sollte.<lb/>Die Worte kamen mir nicht aus dem
Sinn.<lb/>An einem der folgenden Abende waren wir nach dem<lb/>Palazzo
Gaetani gefahren, um uns bei seinem Besitzer, dem<lb/>Herzog von Sermoneta,
zu verabschieden. Der Herzog, Don<lb/>Michele Angelo, ist ein direkter
Nachkomme des berühmten<lb/>Geschlechtes der Gaetani, dessen Hausmacht der
gewaltige Papst<lb/>Bonifaz Al. begründet hat. Das Geschlecht, das einst
Güter<lb/>im Umfang eines deutschen Königreichs und in den noch
auf-<lb/>rechtstehenden Mauern auf der Via Appia seine Festung besaß,<lb/>in
welche das Grabmal der Cäcilia Metella als einer der<lb/>Festungsthürme mit
eingeschlossen war, war noch reich begütert<lb/>und mächtig im Kirchenstaate
wie in Neapel. Eine Inschrift<lb/>über den Thüren des Archives im
Halbgeschoß des Palastes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0200_193.tif" n="193"/>
<p>== 19Z -<lb/>Gaetani besagte aber mit stolzer Rechtschaffenheit: ,Ich,
Don<lb/>Michele Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta k. habe die<lb/>große
Schuldenlast, welche meine Ahnen auf unsern Besitz ge-<lb/>häuft, in vier
Jahren abgetragen.? - Ich habe es schon in<lb/>dem Buche ,Ein Winter in Rom'
ausgesprochen, welchen<lb/>Einblick in die Sinnesart dieses römischen
Fürsten diese Jn-<lb/>schrift thun lasse.,Ein Mann kann nichts Bessers von
sich<lb/>aussagen, als daß er seine Ehre darein setze, nicht nur
seine<lb/>Schuldigkeit zu thun, sondern auch die Fehler und das
Un-<lb/>recht seiner Vorgänger auszugleichen! Und edle,
männliche<lb/>Festigkeit, stolzes, würdiges Selbstgefühl waren und sind
noch<lb/>heute der Eindruck in dem ganzen Wesen des Fürsten,
der,<lb/>obschon der Familie eines auch in weltlicher Herrschaft
mäch-<lb/>tigen Papstes entsprossen, doch zu den entschiedensten
Geg-<lb/>nern des weltlichen Regiments der Päpste und zu den
eifrigsten<lb/>Anhängern des neuen vereinigten Jtaliens gehört.<lb/>Als wir
den Vorzug hatten im Frühjahr von 16? dem<lb/>Fürsten zu begegnen und seine
Einladung zu erhalten, mochte<lb/>er in der Mitte der Fünfziger stehen, aber
man würde ihn<lb/>bei seiner kräftigen, breitbrüstigen Gestalt, der der Kopf
auf<lb/>dem starken römischen Nacken sehr stolz aufsitzt, und bei
dem<lb/>dichten, rabenschwarzen, gewellten Haar für einen Mann in<lb/>den
ersten Vierzigen angesprochen haben, hätte man den Zügen<lb/>des edlen
Antlitzes nicht die Spuren großer Leiden und<lb/>Schmerzen angesehen, und
hätten die gesenkten Augenlider<lb/>nicht den Ausdruck der tiefen Schwermuth
getragen, die den<lb/>mächtigen Mann befallen hat, seit er erblindet ist.
Dies Un-<lb/>glück, doppelt groß für ihn als gelehrten Archäologen und
aus-<lb/>übenden Künstler (der Herzog hat sich mit Glück in
mannich-<lb/>fachen plastischen Arbeiten bewährts, hat aber seine
geistige<lb/>Klarheit und Lebhaftigkeit und seine eingreifende Theilnahme
an<lb/>der politischen Entwickelung seines Vaterlandes nicht
gebrochen.<lb/>F. Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0201_194.tif" n="194"/>
<p>= 1F -<lb/>Er ermaß und würdigte es schon 16?, welch' eine<lb/>Bedeutung das
von Oesterreichs Einfluß unabhänig gewordene<lb/>und geeinte Deutschland
unter Preußens Führung für die<lb/>Einigung Jtaliens und für dessen
Freiwerden von fran-<lb/>zösischem Einfluß dauernd haben würde, und er hat
sein Fest-<lb/>halten an dieser wie an allen seinen Neberzeugungen auch
bis<lb/>auf diese Zeit vollauf bewährt.<lb/>An dem Abende, dessen ich eben
gedachte, wendete die<lb/>Unterhaltung sich auch sofort auf die Wandlung,
welche sich<lb/>seit dem Sommer von 1866 in unseren Zuständen
vollzogen<lb/>hatte, uud als ich dem Herzog dann erzählte, welche
Aeußerung<lb/>am Nachmittage der Polizeibeamte im Postbureau gegen
mich<lb/>gethan, versetzte et: Ich wollte, seine Zweifel wären
begründet,<lb/>aber ich besorge, Sie werden ihn und die ganze
regierende<lb/>Elerisei noch wiederfinden, wenn Sie im Herbste zu
uns<lb/>wiederkehren. So rasch machen sich die Dinge auf diesem<lb/>Boden
nicht. Aber die Menschheit steht nicht still, und der<lb/>Wille einer
verblendeten Association von zurückgebliebenen<lb/>Geistern hält ihren
Fortschritt nicht für immer auf. Ich<lb/>wiederholte ihm das Wort, das, wie
man mir erzählt, die<lb/>Großfürstin Helene von Rußland einmal über den
Kaiser<lb/>Nikolaus geäußert haben sollte: ,Er hält sich für einen
Riesen,<lb/>der die Zeit zurückhalten kann, wenn er dem rollenden
Rade<lb/>der Geschichte in die Speichen greift; aber das Rad ist
nicht<lb/>zu halten, es wird weiter rollen und ihm den starken
Arm<lb/>zerschmettern !'! =- Der Herzog nickte zustimmend mit
dem<lb/>Kopfe.,Wir erleben hier das Aehnliche an dem Glauben<lb/>des
Papstes'', sagte er, ,und werden Aehnliches erleben in<lb/>seiner
Enttäuschung!''<lb/>So schieden wir.<lb/>Ein paar Tage später waren wir in
Neapel und in<lb/>Neapel waren die Klöster aufgehoben, die ganze Stadt
sah<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0202_195.tif" n="195"/>
<p>-= P1H -<lb/>wie gelichtet aus. Der Hafen lag voll Schiffe, Handel
und<lb/>Wandel belebten die Plätze, neue, großartige Straßenbauten<lb/>waren
am Ufer des Meeres, am Fuß des Pausilipp und von<lb/>Kapo di Monte bis in
das Thal hinab entstanden und im<lb/>Entstehen. Die Fenster des königlichen
Palastes waren aber<lb/>geschlossen, in der königlichen Villa Chiatamone war
ein Gast-<lb/>haus errichtet und wir wohnten darin.<lb/>Seit Jahren hatte
ich mich an den Berichten erfreut,<lb/>welche ein Neffe PoSrio's, Vittorio
Imbriani, der früher in<lb/>Berlin studirt hatte und dessen Vater an der
Spitte des<lb/>neapolitanischen Unterrichtswesens stand, mir hin und
wieder<lb/>nach Berlin gesendet. In den freigewordenen Klöstern
hatte<lb/>man öffentliche Schulen für Knaben und Mädchen
errichtet,<lb/>vornehme Adelsfamilien schickten ihre Töchter in diese
Volks-<lb/>schulen, um mit ihrem Beispiel voranzugehen.
Fortbildungs-<lb/>schulen für Handwerker waren eröffnet. Statt der
finsteren<lb/>Schaaren von Mönchen und Mönchsschülern, welche eine
der<lb/>Hauptstaffagen der römischen Straßen bildeten, zogen
prächtige<lb/>Bataillone von Nationalgarden mit klingendem Spiele
durch<lb/>die Straßen, über welche auf der Riviera di Chiaja eine<lb/>Parade
abgehalten wurde. Die Zeiten, in denen Enrichetta<lb/>Karracciolo ihre
Klosterleiden durchlebt, waren für Neapel<lb/>vorüber, es war eingetreten in
die volle, frische Strömung<lb/>der Zeit. Indeß man behauptete, das
partikularistische,<lb/>republikanische und sogar französische Sympathien in
Neapel<lb/>mehr als sonst irgendwo in Jtalien der friedlichen
Einigung<lb/>des Königreiches und seiner Selbständigkeit gegenüber
Frank-<lb/>reich entgegenständen.<lb/>Wir aber konnten uns über diese
Behauptungen durch<lb/>Selbsterfahrung leider kein eignes Urtheil bilden,
denn unser<lb/>Aufenthalt währte eben nur vierzehn Tage. Die
ungewöhnlich<lb/>frühe Hitze und der Ausbruch der Cholera zwangen
uns,<lb/>1R<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0203_196.tif" n="196"/>
<p>== ,Zs -<lb/>Neapel und Jtalien zu verlassen, und der Herbst des
Jahres<lb/>siebenundsechzig traf uns am Genfersee. Dort sahen
wir<lb/>Garibaldi, wie ich erwähnt am neunten September auf seiner<lb/>Reise
zu dem Genfer Friedenskongreß. Dort erfuhren wir<lb/>später von seinem
neuen, zur Unzeit unternommenen und<lb/>mißglückten Versuche, die weltliche
Herrschaft des Papstes zu<lb/>stürzen, den Kirchenstaat für die Vereinigung
mit Jtalien zu<lb/>befreien.<lb/>Einer von Garibaldis Offizieren, der
treffliche junge<lb/>Obristlieutenant Frigyesi, den wir fünfzehn Monate
früher<lb/>am Komersee kennen lernten, und von dessen
eigenartigen<lb/>Lebensschicksalen ich in meinem Tagebuch vom Genfersee
einen<lb/>flüchtigen Umriß gegeben, meldete uns am S. Oktober 16?
von<lb/>Genf, wo er sich aufhielt:<lb/>,Garibaldi hat mir von Caprera
geschrieben. Er sagt von<lb/>sich: ,Ich muß abreisen, auf!s Neue in den
Kampf, aber ich<lb/>scheue die Gefahren nicht. Das Vaterland ruft mich, ich
gehe<lb/>gern. Die Heiligkeit der Sache giebt mir Zuversicht, ich
hoffe,<lb/>das Unternehmen gelingt. Wenn nicht, so wird's nicht
meine<lb/>Schuld sein. ,Das Lettere', fügte der Briefschreiber hinzu<lb/>==-
ich übersetze diese Briefe aus dem Jtalienischen - ,wird<lb/>sicherlich wahr
sein ! =- Danach langes Schweigen.<lb/>Mit bangem Herzen dachten wir unseres
jungen Freundes,<lb/>der dem Rufe seines Generals gefolgt war, mit
gespannter<lb/>Sorge dachten wir an Rom und an die Freunde, die uns
dort<lb/>lebten. Wir erfuhren die widrige Komödie, zu welcher
die<lb/>Abhängigkeit von Frankreich die italienische Regierung
abermals<lb/>gezwungen, die Gefangennehmung Garibaldiis in Asina
lunga,<lb/>seine Befreiung, sein Vorwärtsgehen, den Einmarsch
seiner<lb/>Truppen in das päpstliche Gebiet, die Kunde von dem Siege<lb/>bei
Monte rotondo, die Trauerbotschaft von der Niederlage<lb/>Garibaldi's bei
Mentana, die Schilderung ,der Wunder'', welche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0204_197.tif" n="197"/>
<p>gggg<lb/>== 19? -<lb/>bie Chassepots dort zum erstenmale gethan. - Endlich,
nachdem<lb/>wir in Florenz und Rom vergebens um Kunde von dem
edlen<lb/>jungen Freunde nachgesucht und nur erfahren hatten, daß
er,<lb/>obschon verwundet, bei Mentana das Schlachtfeld bis
zulettt<lb/>behauptet und den Rüchhug des Generals decken helfen,
erreichte<lb/>uns gegen das Ende des Jahres ein Brief von ihm.<lb/>,Da bin
ich wieder, schrieb er uns aus Genf, ,noch<lb/>etwas lahm, aber ich lebe!
Das Glück, das ich bei Mentana<lb/>hatte, war außerordentlich. Der Baum,
unter welchem ich<lb/>stand, wurde vollständig von den Kugeln des
,wunderthätigen<lb/>heiligen Chassepot entblättert, mein Pferd bekam
einundzwanzig<lb/>Flintenschüsse. Als es schon am Boden lag, zerriß eine
Kanonen-<lb/>kugel das arme Thier. Gegen drei Ühr erhielt ich eine
starke<lb/>Kontusion an der Hüfte, aber um die Meinen nicht
zu<lb/>entmuthigen und um bei dem armen General zu bleiben, der<lb/>sich
übermäßig aussette, bin ich, auf einen Stock gestüttt, noch<lb/>bis sechs
Uhr auf dem Schlachtfelde geblieben. Mentana war<lb/>keine Schlacht, es war
ein Schlachten von Unbewaffneten. Ich<lb/>bin, wie Einer, an die Schrecken
des Krieges gewöhnt, aber<lb/>ein Elend wie in dieser Campagne habe ich noch
nicht<lb/>durchgemacht. Die schlechtesten Gewehre, die nur
zweihundert<lb/>bis dreihundert Schritte trugen, zwei bis elf Kartouchen
für<lb/>den Freiwilligen. Die Leute halb nackt ohne Sold, mehrere<lb/>Tage
des Brodes und was schlimmer war, genüügenden Trink<lb/>wassers beraubt, auf
etwas Fleisch ohne Salz beschränkt. Erst<lb/>die Geschichte wird diesem
kleinen aber ehrewwollen Feldzuge<lb/>Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ja,
meine Freunde! ich lebe<lb/>noch, aber meine Seele ist sehr traurig. Zu
denken, daß so<lb/>viel Opfer und Leiden vergebens gewesen sind. Eine
Blüthe<lb/>italienischer Jugend hingeschlachtet! Mütter,
Schwestern,<lb/>Freunde in Thränen um ihre Geliebtesten. - Und ich,
der<lb/>völlig einsame Exilirte am Leben, um dies traurige
Schauspiel<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0205_198.tif" n="198"/>
<p>== , Is -<lb/>zu betrachten, um Zeuge zu sein von so vieler Infamie.
Wie<lb/>gern hätte ich mein Dasein hingegeben, das Leben jener
groß-<lb/>herzigen Märtyrer zu erhalten, aber ich bin übrig
geblieben<lb/>und weiß nicht das Weshalb. Ist es eine Strafe, ist es
ein<lb/>Lohn? Gott allein weiß es! Der arme General ist wieder<lb/>in
demselben Gefängniß von Varignano, in welchem wir nach<lb/>Aspromonte waren,
bewacht von den Schergen des Königes,<lb/>dem er Königreiche gegeben hat.
Ich konnte keinen Zutritt<lb/>zu ihm erreichen. Armes Jtalien! Preisgegeben
von dem<lb/>ihr Angetrauten, der geschworen, sie heilig zu halten; von
den<lb/>Fremden unter die Füfe getreten, troz ihrer beiden großen<lb/>Söhne,
um welche eine Welt sie beneidet.? - Es folgen dann<lb/>bitttere Anklagen
gegen die französisch - italienische Alliance,<lb/>gegen die dynastische
Selbstsucht, und die bestimmt ausgesprochene<lb/>Neberzeugung, daß Jtaliens
Einheit und Freiheit, wie das<lb/>Glück der Völker überhaupt nur von
republikanischen Staaten<lb/>zu erwarten sei - ein Irrthum des Verstandes,
in welchen<lb/>großmüthige Herzen so leicht verfallen, weil in ihnen
die<lb/>Vorstellungen eines idealen Volkes, sich zwischen ihr
Urtheil<lb/>und zwischen die bestehenden Zustände stellt! Ein
Irrthum<lb/>des Verstandes, der Garibaldis und seiner Anhänger
unseligen<lb/>Entschluß erklärt, sich auch in dem letten Kriege wieder mit
der<lb/>französischen republikanischen Regierung gegen das deutsche
Volk<lb/>zu verbinden, das unter monarchischer Führung bei Sedan
den<lb/>Feind Jtaliens und der italienischen Einheit vom Throne<lb/>stieß,
das bei Sedan dem durch französische Willkür in Banden<lb/>geschlagenen
italienischen Volke die Banden löste, und ihm<lb/>den Weg nach Rom
ermöglichte - den kein Telegramm der<lb/>französischrepublikanischen
Regierungsgesellschaft den Jtalienern<lb/>eröffnet hatte, den sie erst durch
Scheingefechte gewinnen konnten,<lb/>krarn<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0206_199.tif" n="199"/>
<p>- FIs -<lb/>vorenthielt, tragt das Licht der Erkenntniß, die Leuchte
dieser<lb/>Zeit, in das von tiefer Nacht umhüllte Rom! Die Zuaven<lb/>und
ihr General Charette, welche sich der vollen Einigung<lb/>Jtaliens in den
Septembertagen von 17 widersetzten, waren<lb/>die Truppen und der General
der damaligen französischen<lb/>Republik -- der Republik des Zu falls - wie
die<lb/>deutsch-amerikanischen Journale sie mit spottender
Gerechtigkeit<lb/>benannten. - In der That, nur ein schwerer
unheilvoller<lb/>Irrthum des Verstandes konnte Garibaldi, der im Jahre
166<lb/>die Alliance von Deutschland und Jtalien als etwas
Natur-<lb/>gemäßes, Unerläßliches erstrebte, auf die entgegengesetzte
Seite<lb/>getrieben haben. Aber für Diejenigen, welche sich
berufen<lb/>glauben, in die Schicksale der Welt handelnd einzugreifen,
giebt<lb/>es Irrthümer, die Verbrechen sind, und sich wie solche
rächen.<lb/>Wir kehrten damals nicht nach Jtalien zurück, denn was<lb/>man
von Rom vernahm, war zur Rückkehr nicht ver-<lb/>lockend. Nach der Schlacht
von Mentana hatten die Franzosen<lb/>sich zur Sicherung der päpstlichen
Herrschaft wieder im Kirchen-<lb/>staate festgesctt, unter ihrer Aegide
bereitete man sich auf das<lb/>Konzil, auf diese Blendwerkskomödie mit
Knechtungsunterlage<lb/>vor, und auch an der Seine wurden immer neue Feste
und<lb/>Präponderanzschauspiele mit ethnographischer Färbung
aufge-<lb/>führt. Der Ausstellung von Völkern und von Souverainen<lb/>in
Paris, folgte die Fürstenpromenade nach dem Nil; dem alten<lb/>ls rois
z'amnse! war ein neues: on amuse les rois et les<lb/>geugles !' gefolgt; und
weil Alles, was der Maschinenmeister<lb/>an der Seine zur Unterhaltung und
Zerstreuung der mit<lb/>ihm unzufrieden werdenden Pariser plante, so glatt
und schön<lb/>von Statten ging, waren zaghafte Gemüther nahe daran,
auf<lb/>seine Infallibilität noch früher als auf die des Papstes
zu<lb/>glauben und zu schwören.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0207_200.tif" n="200"/>
<p>Z0ß -<lb/>,Es steht der Welt ein großes Unheil bevor'', sagte im<lb/>Frühjahr
von 168 der arme Edgar Quinet zu uns, der in<lb/>bescheidenem Hause am
Genfersee fern von dem Vaterlande<lb/>lebte, weil er es unter Napoleons des
Dritten Herrschaft nicht<lb/>wieder betreten wollte. ,Es steht der Welt ein
großes Unheil.<lb/>bevor. Napoleon befestigt seine Dynastie, sein Einfluß
auf<lb/>den Klerus von Jtalien und von Frankreich ist ein
entschei-<lb/>dender. Der Kardinal Bonaparte wird der nächste Papst
sein,<lb/>und die Welt von einem Kaiser und einem Papste aus
diesem<lb/>verruchten Stamme beherrscht, wird der schrankenlosesten
welt-<lb/>lichen und geistlichen Tyrannei verfallen. Nur weil er
für<lb/>sich und seine Dynastie davon Nuten zu ziehen hofft,
tritt<lb/>Napoleon nicht gegen die Infallibilitätsgelüste des
Papstes<lb/>auf. Wir gehen einer Zukunft entgegen, vor der mir
schaudert,<lb/>weil ich voraussehe, wie sie sich gestalten wird ! - Wir
ehrten<lb/>und schätzten Quinet als Charakter aufrichtig, aber sein
echt<lb/>französischer Glaube an die Dauer der augenblicklich
bestehenden<lb/>Herrschaft machte uns doch lächeln. Es war gerade, als
ob<lb/>Napoleon der unsterbliche Stellvertreter Gottes auf der Erde,<lb/>als
ob er immer dagewesen wäre und immer da sein würde,<lb/>als ob er den
Schlußstein des Weltgebäudes bildete, der nicht<lb/>fortgenommen werden
könnte, ohne daß Alles auseinander<lb/>fiele. Und doch waren die
lächerlichen Abenteuer von Boulogne<lb/>und Straßburg nicht so gar lange
her, doch hatte Quinet den<lb/>A. und L. Dezember mit erlebt. Er kannte die
Anfänge dieses<lb/>Kaisers der Franzosen und schien nicht an die
Möglichkeit<lb/>seines plötzlichen Untergehens zu denken. ,Ich habe immer
den<lb/>heißen Wunsch gehabt?, sagte Stahr zu Quinet, ,nicht zu<lb/>sterben,
ehe ich nicht den schmählichen Untergang dieses ge-<lb/>krönten Verbrechers
erlebt habe, und verlassen Sie sich<lb/>darauf! wir erleben ihn
Beide!'r<lb/>,O, mein Freund! Sie vergessen die Armee!' ent-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0208_201.tif" n="201"/>
<p>- Zß! --<lb/>gegnete der Exilirte mit einem schweren Seufzer, und
Sie<lb/>vergessen es, wie Napoleon es verstanden hat,
Frankreich<lb/>solidarisch mit sich zu verbinden ! - Er glaubte nicht
im<lb/>Entferntesten an die Möglichkeit von Napoleons jähem Sturz.<lb/>Es
gab Leute genug, die ebenso dachten, nicht allein in Frank-<lb/>reich,
sondern auch bei uns - vornehmlich unter Jenen, deren<lb/>sittliche
Weltanschauung von dem Courszettel bestimmt und<lb/>an jedem Mittag an der
Börse neugestaltet wird.<lb/>Wie besorgt um Napoleon oder auf ihn bauend
aber die<lb/>Einen und die Anderen auch in die Zukunft blickten, wie
hoch<lb/>sie seine Macht und die des Papstes auch veranschlagten -<lb/>und
die letztere ist, vom weltlichen Besitze abgesehen, doch
weit<lb/>gewaltiger, tiefgreifender und der Zukunft wahrscheinlich
sehr<lb/>viel versicherter als jene = es ging neben und in dem
Drama,<lb/>das man die Weltgeschichte nennt, neben den großen
han-<lb/>delnden Heldengestalten und dem Chor des Volkes immer
und<lb/>unablässig noch ein Chor von besonderen Stimmen, gleich dem<lb/>Chor
in der antiken Tragödie, einher, der, für sich selbst<lb/>agirend, sich
nicht beirren und nicht bestechen ließ, der, ohne<lb/>dazu besonders
angestellt zu sein, die eigentliche Stimme der<lb/>Völker und der Zeit, der
das ethische Gewissen der Welt, die<lb/>richtende und verurtheilende Stimme
repräsentirte, ,weil es<lb/>ihm so gefiel'': ein Gerichtshof aus eigener
Machtvollkommen-<lb/>heit, unerschrocken, unerbittlich, schlagend und
vernichtend mit<lb/>dem erhabenen Zorne seines Humors. Er gebot nicht
über<lb/>Kanonen, er hatte nur Blätter, Papier und Druckerschwärze,<lb/>und
die frische Energie von wenig Männern als Macht und<lb/>Waffe zur Verfügung.
Aber Napoleon und der Papst haben<lb/>keinen beharrlichern Gegner im Felde
wider sich gehabt, die<lb/>ganzen achtundzwanzig Jahre lang, als das
Berliner satyrische<lb/>Blatt - den Kladderadatsch. -<lb/>Wie entschiedene
Feinde die Menschenliebe und Weltbe-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0209_202.tif" n="202"/>
<p>-= IßZ -<lb/>glückung heuchelnde Selbstsucht Napoleon's und der
Infalli-<lb/>bilitätsirrsinn des Papstes den Beiden auch
hervorgerufen<lb/>hatten, Niemand hat sie so unausgesezt bekämpft als
dieses<lb/>geistreichste und unabhängigste Wizblatt der Welt - als
seine<lb/>Redacteure und sein Zeichner. Mit jedem Jahre, welches
die<lb/>napoleonische Herrschaft in Frankreich gewährt, mit jeder
Ver-<lb/>schlechterung der öffentlichen Moral in jenem Lande, mit
jeder<lb/>Vergewaltigung der Franzosen gegen fremde Völker, war
das<lb/>Blatt an sittlicher Bedeutung gewachsen. Vom Throne bis<lb/>in die
Dorschänke hinab, hatte es nicht aufgehört die Deutschen<lb/>an die
Verbrechen zu mahnen, welche der Kaiser und mit ihm<lb/>die von ihm geführte
französische Nation begangen. Auf Tritt<lb/>und Schritt hat es ihn wie ein
gespenstiger Rächer durch alle<lb/>vier Welttheile in den Raubzügen seiner
Franzosen begleitet.<lb/>Mit warnender Drohung hat es ihn endlich angerufen
bei dem<lb/>Beginn des feindseligen Angriffs gegen Preußen, bis es dem
ver-<lb/>brecherischen Kaiser schließlich in einer meisterhaften
Jllustration<lb/>sein nahes Ende prophezeit und dargestellt. Das Bild
des<lb/>Kladderadatsch, in welchem Navoleon selber, seinen mit
dem<lb/>Krönuungsmantel und der Kaiserkrone gezierten Sarg als<lb/>Lenker
des eigenen Leichenwagens, den gleißend aufgeschmückte<lb/>Pferdegerippe
vorwärtsziehen, zu Grabe führt, ist eine alle-<lb/>gorisch-historische
Komposition im größten Style und von<lb/>größter Kraft; und obschon nur in
engem Raume und im<lb/>kargen Holzschnitte ausgeführt, lebte doch kein
Meister, der sich<lb/>ihrer zu schämen gehabt haben würde.<lb/>So war denn,
wenn auch langsam vorbereitet durch eigene<lb/>Missethat und Neberhebung,
das Ende für des Kaisers Macht<lb/>plötzlich herangekommen. Das Gericht
hatte sich plötzlich er-<lb/>füllt. Der von besorgten Gemüthern gefürchteten
Knechtschaft<lb/>der Welt durch den am Tiber und an der Seine
wirksamen<lb/>Bonapartismus, war mit gewaltiger Kraft von der
sittlichen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0210_203.tif" n="203"/>
<p>=- WZ =<lb/>Energie, von der Vaterlandsliebe und dem Selbstgefühl
des<lb/>deutschen Volkes ihr: ,Bis hieher und nicht weiter!? zu-<lb/>gerufen
worden. In den wilden Todesschlachten, welche uns<lb/>vom K. August bis zum
U September Tausende und Tau-<lb/>sende unserer heldenhaften Männer und
Jünglinge gekostet,<lb/>hatten die vereinten Dentschen die bonapartistische
Tyrannei<lb/>gebrochen, die völkerfeindliche, eitle Selbstüberhebung
der<lb/>Franzosen gezüchtigt, und den Sturz der weltlichen Macht
des<lb/>Papstes vorbereitet. Die Ströme schuldlos vergossenen
deutschen<lb/>Blutes, die Ströme von Thränen, die in Deutschland
über<lb/>dieses theure Blut geweint worden sind, haben wie die Wogen<lb/>des
Rothen Meercs den prahlerischen Pharao und sein Heer<lb/>verschlungen. Wie
der blonde Erzengel Michael hat Deutsch-<lb/>land den Fuß gesettt auf des
Erbfeindes Nacken, sich Tügel-<lb/>kräftig emporschwingend vor dem
staunenden Auge der Welt,<lb/>und mit seinem starken Arm auch für Jtalien
die Pforte er-<lb/>schließend, durch die es leichten Kaufes eingehen konnte
in das<lb/>ihm bisher vorenthaltene Rom, um sich aufzurichten zu
freier<lb/>Selbstbestimmuung, zu freier geistiger Entwickelung in der
Reihe<lb/>der lebenden, fortschreitenden Völker unserer Zeit.<lb/>Es waren
erschütternde Augenblicke, große, historisch - un-<lb/>vergeßliche Tage, als
am . September des Jahres 17 König<lb/>Wilhelm der Welt vor Sedan
verkündete, die ganze Armee<lb/>Mae Mahon's habe kapitulirt, der Kaiser
Louis Napoleon<lb/>habe sich als Gefangener ergeben; als wenig Wochen
später<lb/>am W. September die Botschaft durch die Welt ging:
heute<lb/>haben die Kanonen der italienischen Armee die Mauern
nie-<lb/>dergeworfen, welche von Frankreich gestützt, Rom abtrennten<lb/>von
dem geistigen Fortschritt, den die übrige Welt gemacht<lb/>hat; als von den
deutschen Thronen bis hinab in die letzte<lb/>deutsche Hütte und vor Allem
in Preußen, jeder denkende<lb/>Mensch sich sagen durfte: in diesem Herbste
hat das deutsche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0211_204.tif" n="204"/>
<p>=- Zßg -=-<lb/>Volk die Frucht Jahrhunderte langer treuer,
gewissenhaster<lb/>Arbeit eingeerntet, haben deutscher Geist und deutscher
Muth<lb/>die Machtverhältnisse hoffentlich zum Heil der Welt wie zu<lb/>dem
eigenen Heile, in Europa umgestaltet, hat der germanische<lb/>Geist sich auf
den Thron der Zeit gesettt -= jener Geist, der<lb/>die freie Forschung als
sein Panier erkennt. Und auch in den<lb/>romanischen Ländern fehlte es nicht
an Solchen, welche die<lb/>Bedeutung dieser Thatsache würdigten und sie als
segenbringend<lb/>anerkannten.<lb/>,Ich wünsche von Herzen', schrieb mir
damals einer der ein-<lb/>flußreichsten Männer Roms in den ersten Tagen des
Oktober,<lb/>,eine dauerhafteAlliance zwischenJtalien und Deutschland,
damit<lb/>Beide sich dauernd vor den eiteln Beeinflussungs- und
Erobe-<lb/>rungsgelüsten bewahren, welche in der französischen Natur
vor-<lb/>herrschen. Unser Jtalien hat es sehr nöthig, sich von
der<lb/>Schwäche zu entwöhnen, die in seiner Nachahmung des
gallischen<lb/>Wesens liegt. Ihr Volk hat das Glück, eine Natur zu
besiten,<lb/>welche dem ebenso unrationellen als sinnlichen Charakter
der<lb/>Franzosen völlig entgegengesett ist. Bonaparte und der
Papst<lb/>hielten einander aus Selbstsucht mit gegenseitiger
Abneigung<lb/>an der Hand. Der Sturz des Einen mußte den Fall des<lb/>Andern
nach sich ziehen. Die katholische Partei in Frankreich<lb/>wird jetzt,
sonderbar genug, durch eine Vereinigung von<lb/>Garibaldis rothen
Republikanern mit den Zuaven des Herrn<lb/>Charette vertreten. Die
Metamorphose in Rom vollziehen wir<lb/>sehr allmälig, um Kämpfe gegen den
Staat und die Kirche zu<lb/>vermeiden. Die Letztere macht ,böse Miene zu
gutem Spiel'.<lb/>Der Papst genießt in der vatikanischen Oasis alle
Vortheile<lb/>des reichlichen Wohlstandes ßogulenees und der Freiheit,
während<lb/>er sich darin gefällt, die Rolle des mißhandelten
Gefangenen<lb/>zu spielen, weil er, wie er sagt, nicht mehr frei über die
Brief-<lb/>post verfügt, die er durch die Polizei durchsieben (tamisers
zu<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0212_205.tif" n="205"/>
<p>== Z(H -<lb/>lassen pflegte. Die römische Regierung, welche an dem
ge-<lb/>segneten Morgen des W. September durch die italienischen<lb/>Kanonen
gebrochen worden ist, war Nas letzte übrige Stück<lb/>von der Barbarei des
Mittelalters, versteinert durch die Jahr-<lb/>hunderte und aufbewahrt in dem
zoologischen Museum des<lb/>Vatikans. - Der Jubel war ein allgemeiner durch
ganz<lb/>Jtalien. Die Haltung, welche überall bewahrt worden ist,
hat<lb/>die Gerechtigkeit seiner Sache bethätigt. Der Fall der
politischen<lb/>Religionsmacht verbürgt der Welt die Wiedergeburt des
wahren<lb/>Christenthums, das nichts Anderes ist, als die Ausübung
der<lb/>friedlichen Menschlichkeit und duldsamen Bruderliebe!r<lb/>Aber
während sich die provisorische Regierung, die Giunta,<lb/>mit dem edlen
Herzoge von Sermoneta an ihrer Spitze, in-<lb/>Rom organisirte, während
einige Wochen später eine Deputa<lb/>tion von Römern dem Könige Victor
Emanuel die Abstimmung<lb/>der Römer nach Florenz überbrachte, welche sich
für die Ver-<lb/>einigung mit dem Königreich Jtalien erklärt, fehlte es
nicht<lb/>an Jtalienern, welche, uneingedenk Dessen, was die
fran-<lb/>zösischen Republiken erster und zweiter Auflage gegen die
Un-<lb/>abhängigkeit Jtaliens gefrevelt, und noch mehr uneingedenk<lb/>der
außerordentlichen Förderung, welche das jetige Königreich<lb/>Jtalien von
Preußen durch die Siege bei Sadowa und Sedan<lb/>erfahren, einem Bündniß
Jtaliens mit der französischen Re-<lb/>publik neuesten Datums das Wort
fortdauernd redeten. Feind-<lb/>liche Stimmen gegen Deutschland wurden in
den zahlreichen,<lb/>schnell entstandenen römischen Journalen so laut, daß
die in<lb/>Rom am meisten gekannte deutsche Zeitung, die
Augsburger<lb/>Allgemeine, diese Stimmung gegen Deutschland als eine
Un-<lb/>gerechtigkeit zu charakterisiren unternahm.<lb/>Da war es denn
wieder der Präsident der Giunta, der<lb/>obschon das Augenlicht ihm fehlt -
hellsichtig und weit-<lb/>sichtiger als viele seiner Mitbürger, einen
gedruckten offenen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0213_206.tif" n="206"/>
<p>==- Ls -<lb/>Brief an die Redaktion der Augsb. Allg. Zeitung
veröffent-<lb/>lichte, der mir vorliegt und der also lautet:<lb/>,Michel
Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta, an die<lb/>verehrte Redaktion der
Augsburger Allgemeinen Zeitung.<lb/>,Der Vorwurf, welchen Sie in Ihrem
Blatte der perio-<lb/>dischen Presse Jtaliens machen, ist wohlverdient. Sie
sündigt<lb/>zuweilen durch Vernachlässigung der Anerkennung, welche
sie<lb/>Andern schuldet, bisweilen durch Unklugheit in ihren
Urtheilen.<lb/>Die Stimme der Journale, welche in diesem Augenblick
Werk<lb/>zeuge der Leidenschaft und auch der Gewinnsucht sind,
darf<lb/>nicht als die verläßliche Kundgebung der nationalen
Meinung<lb/>angesehen werden. Die verständige Bürgerschaft Jtaliens,
vor<lb/>Allem die von Venedig und von Rom, darf wol durch Wort<lb/>und That
bezeugen, welche Dankbarkeit sie den wundervollen<lb/>Siegen des heutigen
Germaniens schuldig ist.?<lb/>,Der geistige Fortschritt Deutschlands ist das
einzige sichere<lb/>Versprechen, welches Europa für seinen künftigen
politischen<lb/>Fortschritt besitzt. Es ziemt sich zu wünschen, daß
Jtalien<lb/>daraus ein Beispiel und Nutzen zu ziehen verstehe, weil
ein<lb/>unreifer politischer Fortschritt, dem die rechte Unterlage
geistiger<lb/>Bildung fehlt, jene furchtbare Zerstörung herbeiführen
kann,<lb/>unter welcher in diesem Augenblick verschiedene Theile
unseres<lb/>europäischen Welttheiles leiden. Empfange das
siegreiche<lb/>Deutschland von den besten Bürgern Jtaliens das
Zeugniß<lb/>ihrer nationalen Dankbarkeit, und möge Rom einst die
Herrin<lb/>der alten Welt, sich an und nach dem Beispiel Deutschlands<lb/>zu
der geistigen und bürgerlichen Höhe der modernen Welt<lb/>erheben !''<lb/>a
,sotteghe oseurs (ßlatz auf welchem der Palast Gaetani<lb/>liegts am L.
November 17.?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0214_207.tif" n="207"/>
<p>-- I! --<lb/>Wie die alte Roma, in ihrer antiken Ruinen Schatten,<lb/>mit
ihren geheimnißvollen Klöstern, mit ihren mittelalterlichen<lb/>Mauern, mit
dem Glanze ihrer nur von den Steuern der<lb/>ganzen Welt zu erhaltenden
Kirchen und Basiliken es anfangen<lb/>wollte eine moderne Stadt zu werden,
wie neues Leben<lb/>einziehen sollte in das wunderbare, weltabgeschiedene,
ver-<lb/>fallene und für jede empfängliche Seele unwiderstehliche<lb/>Rom -
das konnte man sich damals eigentlich nicht denken.<lb/>Wie sollten ein
König von Jtalien und das Oberhaupt<lb/>der katholischen Kirche neben
einander residiren innerhalb<lb/>der Mauern Ron's? = Ein deutscher
kleinstaatlicher Diplomat,<lb/>der nicht durch weitreichende Gedanken
glänzte, sagte einmal<lb/>kurz weg zu mir: ,Das ist ganz unmöglich! denn wem
sollen<lb/>die Truppen die Ehrenbezeugungen als Souverain erweisen?<lb/>dem
Papste oder dem Könige ?<lb/>Das ist freilich immer noch eine unentschiedene
Frage, da<lb/>Pius der Neunte heute noch in der Rolle des
Gefangenen<lb/>beharrt. Aber Rom ist seit sieben Jahren die Hauptstadt
des<lb/>geeinigten Jtaliens. Das Luirinal ist die Hofburg des
Lan-<lb/>desherrn, das Parlament, der Senat vertreten hier in Rom<lb/>des
Volkes Willen; und die Zeit, d. h. die Menschen, die in<lb/>ihr leben und
Wunder wirken, werden das Nebrige thun.<lb/>Das deutsche Reich unter Kaiser
Wilhelm neu aufgerichtet,<lb/>Jtalien geeinigt unter seinem selbstgewählten
Fürstengeschlechte<lb/>-- der Papst ein freiwilliger Gefangener in den Sälen
des<lb/>Vatikans! - Wer hätte das für möglich gehalten heut' vor<lb/>einem
Menschenalter? und wie kurz ist die Spanne Zeit, die<lb/>man als ein
Menschenalter bezeichnet!<lb/>Das Jahr neigt zum Ende! möchten Friede und
Eintracht<lb/>an des neuen Jahres Pforte stehen für alle Völker, denn
die<lb/>Welt hat des Blutvergießens nur allzuviel gehabt!<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 14</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0215_208.tif" n="208"/>
<p>Z08 -<lb/>lierzeünter Vrief.<lb/>Am Tage der Paptwahl.<lb/>Rom, W. Februar
178.<lb/>War das eine Zeit der unruhigen Erwartung! War das<lb/>ein
Vermuthen, ein Prophezeien in den Tagen, die seit dem<lb/>siebenten Februar,
seit der Todesstunde Pius lK., bis zu der<lb/>heute erfolgten Wahl des
Kardinals Pecci, des dreizehnten<lb/>Leo, uns hier verflossen sind!<lb/>Man
hatte Papst Pius im Laufe des Winters schon mehr-<lb/>mals sterbend oder
todt gesagt. Der siebente Februar war ein<lb/>fcischer, klarer Tag. Es
hatte, wie durch den ganzen Januar,<lb/>in der Nacht gefroren, und obschon
in den Gärten die Rosen<lb/>und die vanilleduftigen japanischen Mispeln
blühten, war es<lb/>trotz des Sonnenscheins in der Antiken-Gallerie der
Villa<lb/>Ludovisi empfindlich kalt, so daß wir bald das Freie und
die<lb/>Sonne suchten. Beim Heimwege erfuhren wir den Tod des<lb/>Papstes.
Aber von der großen Aufregung, welche der Tod des<lb/>Königs hervorgerufen
hatte, war den Tag Nichts zu merken.<lb/>Nur hier und da sah man einen Laden
schließen; im<lb/>Nebrigen ging Alles ruhig seinen Weg, und im Verkehr
mit<lb/>Jtalienern hörte man nicht nur gleichgültig von dem
Ereigniß,<lb/>sondern unehrerbietig und oft mit bitterer Geringschätzung
von<lb/>dem Papste sprechen. Man hatte ihm zuviel zu vergeben, was<lb/>man
ihm nicht vergessen konnte; und weil er die überspannten<lb/>Hoffnungen
nicht verwirklicht, die man einst auf ihn gesett<lb/>hatte, grollte man ihm
um so schwerer. Nun war er abge-<lb/>than! Es hieß sntt! - und das
Schaugepränge derAusstellung<lb/>und Beerdigung des verstorbenen Papstes,
kam neben der<lb/>ZP v - ==s == eeo<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0216_209.tif" n="209"/>
<p>- ZIß -<lb/>Es war gar nicht möglich, sich an Silvio Pellico's oßt<lb/>von
mir wiederholten Ausspruch zu halten: laseio la golitiea<lb/>o slla sta, e
porlo TUltro! (Ich lasse die Politik, wo sie eben<lb/>liegt, und spreche von
Anderem !s Denn Niemand dachte an<lb/>etwas Anderes, Niemand sprach von
Anderem - weder die<lb/>Zeitungen noch die Leser derselben, weder die
Heimischen noch<lb/>die Fremden, weder die Herren noch die Diener. Man
erging<lb/>sich in Rückerinnern, in Voraussehen. Man stritt, man
eiferte,<lb/>man hoffte, man zweifelte. Theilnahmlos und ruhig
konnte<lb/>man dabei nicht bleiben. - Und dennoch fragte jett bei
dem<lb/>Tode des Papstes Niemand: aber was wird nun werden? -<lb/>wie man
sich das gefragt hatte, an dem Tage, an welchem<lb/>dereinst die
französische Besatzung Rom und den Papst, dem<lb/>Schute seiner Landeskinder
überließ.<lb/>Was aus Rom werden würde, darauf hatte die tiefe<lb/>Trauer
bei dem Tode Victor Emanuels die Antwort ein- für<lb/>allemal gegeben. Nur
die Frage warf man sofort auf, werden<lb/>die Kardinäle fort, nach Malta
gehen, um das Konklave dort<lb/>zu halten, um den Papst unter dem Schute der
protestan-<lb/>tischen Macht zu wählen, in deren Hauptstadt,
wahrscheinlich<lb/>auch heute noch, die Papst - Puppe in jedem Jahre zur
Er-<lb/>innerung an Guy Hawks verbrannt, und das ,rewember,<lb/>rememher tbe
ästb ok Koremherr gesungen wird. Es war<lb/>überflüssig, darüber viel zu
ßreiten; denn mich dünkt, es giebt<lb/>historische Lächerlichkeiten, die zu
begehen selbst Fanatiker Be-<lb/>denken tragen müssen. Dazu war das
Fortgehen der Kardinäle<lb/>von Rom die leichteste Sache von der Welt, denn
die Straßen<lb/>nach der Eisenbahn sind und waren offen für
Jedermann.<lb/>Aber Rom als den Siz des Papstthums ohne Weiteres
auf-<lb/>zugeben, daran hatte man wohl kaum gedacht, und das
Wieder-<lb/>kommen mit dem neuen Papste bot für jeden
einigermaßen<lb/>praktischen Verstand doch Schwierigkeiten. Wie sollte
diese<lb/>F. Lew ald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0217_210.tif" n="210"/>
<p>= Z1l -<lb/>Rackkehr vor sich gehen? Im Triumwphzug? Ein solcher war<lb/>ohne
Zulassung und Mitwirkung der italienischen Regierung,<lb/>die man nicht
anerkennen wollte, nicht in Scene zu setzen. ,<lb/>Wie der Heiland nach
Jerusalem, auf einem Esel mit vorge-<lb/>tragenen Palmenzweigen? Das wäre
christlich, rührend, viel<lb/>leicht erhaben und schön gewesen -- aber doch
neben der Eisen,<lb/>bahn veraltet und nicht recht thunlich! - Und mit dem
Papste<lb/>ankommen, wie alle anderen Reisenden im Paletot und
Mantel<lb/>das ging doch vollends nicht. Hier war Rhodus, hier
mußte-<lb/>der Sprung gemacht werden! Und man hat ihn denn auch<lb/>hier
gemacht, und der Bann ist gebrochen, mag man sich stellen<lb/>wie man
will.<lb/>Am Montag, dem 1., als wir durch Porta Cavaleggieri<lb/>fahrend
auf den Petersplatz kamen, bivouakirte unter den<lb/>Arkaden, die von St.
Peter ausgehen, italienische Infanterie. -<lb/>Die Waffen, Tornister u. s.
w. waren regelrecht auf dem Boden -<lb/>geordnet, die Truppen standen und
lagen umher. Sie hatten<lb/>die Sicherheit des Vatikans, die Freiheit des
Konklaves zu<lb/>bewachen. Sie waren auch einige Tage früher
herbeigeholt<lb/>worden, die Ordnung in der Peterskirche aufrecht zu
erhalten. -<lb/>Schon das war eine Bresche in dem bisherigen System, die
-<lb/>nicht verdeckt werden komnte durch die Aufrechterhaltung des
;<lb/>ganzen alten Ceremoniels und durch die klösterlichen Holzver-
-<lb/>schläge vor den Fenstern des Flügels, in welchem das Konklave
?<lb/>abgehalten wurde.<lb/>Freilich behaupteten die klerikalen Blätter, daß
Pius dem --<lb/>K. mit Nothwendigkeit ein Pius K. folgen müsse, daß dieser
?<lb/>nichts thun könne und werde, als völlig in die Fußtapfen ?<lb/>seines
Vorgängers treten; daß er alle seine infallibeln Anord- I<lb/>nungen und
Traditionen fortführen müsse -- als ob z. .<lb/>ein Martyrium erblich sein
könne! Kurzum Jeder hatte vom<lb/>. Februar bis heute seinen orthodoxen
Glauben, Jeder war<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0218_211.tif" n="211"/>
<p>Z1 -=<lb/>infallibel, und in der Atmosphäre dieser allgemeinen
Infalli-<lb/>bilität stieg mir, der ich in diesen Dingen völlig ein Laie
bin,<lb/>bisweilen der Gedanke auf, ob und in wie wett der
neue<lb/>infallible Papst berechtigt sein könne, das Dogma von
der<lb/>Infallibilität, welches sein Vorgänger erfunden, als
einen<lb/>Irrthum zu erklären und es zu widerrufen? Es hätte in<lb/>den
Tagen Manches komisch erscheinen können, wäre die<lb/>Wahl und die Person
des neuen Papstes nicht von so weit-<lb/>greifender und, je nach dem, von
segensreicher oder unheil-<lb/>voller Wirkung gewesen.<lb/>Inzwischen
rastete, wie in ähnlichen Fällen im Mittel-<lb/>alter, der Volkswiz nicht.
An den Buden der Zeitungsverkäufer<lb/>hingen Flugblätter aller Art aus. Ein
hübsches farbiges<lb/>Blatt zeigte die Taube, das Sinnbild des heiligen
Geistes,<lb/>mit dem Kardinalshut auf dem Kopfe, brütend über der
ihr<lb/>als Ei untergelegten päpstlichen Tiare. Auf einem anderen<lb/>Blatte
reichten der Papst und Victor Emanuel sich im Jenseits<lb/>als gute
Jtaliener versöhnt die Hände. Auf einem dritten<lb/>ging der Eine die
Hintertreppe, der Andere die Vordertreppe<lb/>zum Paradies empor; und auf
noch einem anderen Blatte<lb/>begehrte Pius lK. von Sankt Peter Einlaß ins
Paradies,<lb/>der zaudert, die Thür aufzuthun. Aber ich bin ja der
in-<lb/>fallible Papst! sagt Pius. Oh, um Vergebung entgegnet
der<lb/>heilige Petrus, irren ist menschlich! - Aber keines von
allen<lb/>diesen satyrischen Blättern war beleidigend oder roh.<lb/>An und
für sich liegt, wenn man die Sache ganz abstrakt<lb/>nimmt, etwas
sehrJdealistisches in dem Gedanken einen Menschen<lb/>aus dem ganzen Kreise
der Menschheit zu erwählen, um in<lb/>demselben alle die großen, die guten
Eigenschaften der mensch-<lb/>lichen Natur zu verehren, welche die
Menschheit als das Gött-<lb/>liche in jedem Einzelnen und in der Gesammtheit
bezeichnet.<lb/>Die Vorstellung ist schön und erhebend, wie das Bild
einer<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0219_212.tif" n="212"/>
<p>Z -<lb/>Mutter, die in liebender Anbetung das von ihr geborne Kind<lb/>als
ein ewig unfaßbares Wunder und Geheimniß verehrt.<lb/>Aber dem Göttlichen in
uns ist das Irdische nur zu überwiegend<lb/>beigemischt. Der Ideal-Mensch,
als welcher der Gekreuzigte<lb/>verehrt wird, ist nur einmal geboren worden,
und seine Jde-<lb/>alität hat sich nicht fortgeerbt in der Reihe Derjenigen,
welche<lb/>sich die Verwalter seines Reiches auf Erden nannten,
und<lb/>deren Einer eben jett gestorben war, deren Einer eben
jetzt<lb/>erlesen werden sollte.<lb/>Heute, als ich mit einem Bekannten aus
meinen Zimmern<lb/>niedersteigend, von diesem, der es wissen konnte, die
Mittheilung<lb/>erhielt, daß im Vatikan der Befehl gegeben sei, die
päpstlichen<lb/>Karossen neu zu lackiren, was nicht auf die
Fortsezung<lb/>des bisherigen Verhaltens schließen ließ, eilte Jemand
die<lb/>Treppe rasch hinauf. Es war ein Bote, der zu einem im<lb/>Hause
wohnenden Diplomaten gesandt wurde. Und von allen<lb/>Ecken und Enden rief
man: ,Der neue Papst ist gemacht!<lb/>Kardinal Pecci ist gewähltrr<lb/>Es
war der Mühe werth nach dem Petersplatze zu fahren, um<lb/>die Physiognomie
der Stadt in diesem Augenblicke zu betrachten,<lb/>in welchem von dem Balkon
über der großen Eingangsthür<lb/>der Peterskirche eben erst ein Kardinal es
der katholischen<lb/>Christenheit verkündet hatte, daß ihr ein neues
Oberhaupt ge-<lb/>funden sei. - Ich ging die spanische Treppe hinunter.
An<lb/>einem der Pfeiler stand ein Bücherverkäufer. Er hatte
seinen<lb/>Vorrath insauberen Bänden nebeneinander zierlich
aufgestellt.<lb/>Ich blickte darnach hin: la sonts bibbia DDie heilige
Bibels stand<lb/>auf den Rücken zu lesen. - Die Gegensätze sind überall
zu<lb/>finden und stoßen hier eng zusammen in unserer Zeit. Der<lb/>Verkauf
italienischer Bibeln auf offener Straße war nirgend zu<lb/>finden vor einem
Menschenalter hier in Rom. Und sie glauben,<lb/>das Dogma von der
Infallibilität des Papstes könne aufrecht er-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0220_213.tif" n="213"/>
<p>AZ -<lb/>halten bleiben in einem Lande und in einer Zeit, in
welcher<lb/>Jedweder lesen lernen muß, und die Bibel, aus deren
Quellen<lb/>alle religiösen Reformationen ihre Beweise geschöpft
haben,<lb/>auf Straßen und Plätzen feilgeboten wird.<lb/>Um zweieinhalb Ühr
war es noch ziemlich leer auf der<lb/>ungeheuren Weitung des Petersplatzes;
aber das Leben nahm<lb/>in sich steigernder Schnelle von Minute zu Minute
zu. Geist-<lb/>liche, in allen Zungen redend, stiegen die gemächliche
Treppe<lb/>hinan, die zu der Vorhalle St. Peter's führt. Die
Fremden-<lb/>Gesellschaft eilte zu Fuß und zu Wagen herbei, die
Bericht-<lb/>erstatter der Zeitungen gingen hin und wieder. Die
Jesuiten-<lb/>schüler kamen von ihren Lehrern geführt herbei. Soldaten
oder<lb/>Offiziere sah man nur sehr vereinzelt. Vornehm
aussehende<lb/>Frauen und Männer stiegen aus ihren Wagen, die
Eauipagen<lb/>der Botschafter und Gesandten hielten mit ihren Insassen
auf<lb/>dem Plate. Die Zahl der Menschen aus allen Ständen wurde<lb/>immer
größer. Die Neugier war die Göttin des Augenblicks.<lb/>Aus den Fenstern
meines kleinen Wagens sah sich das Ganze<lb/>wie ein schönes, farbiges Bild
in engem Rahmen höchst er-<lb/>freulich an. Man harrte ungeduldig der
Entscheidung, welche<lb/>die Stunde bringen sollte.<lb/>Trat der neue Papst
aus der Loggia der Peterskirche auf<lb/>den dem Platze zugewandten Balkon
hinaus, den Segen zu<lb/>sprechen ,über die Stadt und das Land'', wie es
sonst am Oster-<lb/>sonntage geschah, so war der Bruch mit dem System
des<lb/>neunten Pius ein- für allemal vollzogen. Die Einen hofften,<lb/>die
Anderen fürchteten es. Niemand, selbst die Beamten
der<lb/>Sicherheitsbehörden wußten, was werden würde. Die Menge<lb/>strömte
in das weite Portal der Kirche, das offen stand,<lb/>hinein und strömte
wieder zurück; und die sämmtlichen Glocken<lb/>der Peterskirche klangen
mächtig und vielstimmig durch die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0221_214.tif" n="214"/>
<p>=- Z4 -<lb/>Luft, während die Minuten zu Stunden wurden und
die<lb/>Entscheidung auf sich warten ließ.<lb/>Gegen fünf Ühr, als ich, eine
Verabredung einzuhalten,<lb/>vom Petersplatze fortfuhr, stand noch Alles in
derselben<lb/>Spannung vor der Kirche. Bald danach ist der Papst
inner-<lb/>halb der Kirche erschienen und die Segensprechung dort
erfolgt.<lb/>Personen, welche den Vorzug hatten, den Kardinal
Pecci<lb/>persönlich zu kennen, behaupten, daß er es liebe, sich im
Freien<lb/>zu ergehen. Man wird erfahren, ob er sich dem Prinzip
zu<lb/>Ehren lebenslänglich zum Gefangenen machen wird.<lb/>Jett, am Morgen
des A., da ich dieses Blatt beendet,<lb/>läuten alle Glocken aller Kirchen
der kirchenreichen Stadt voll-<lb/>tönend über unseren Häuptern. Man singt
das Ls Veum für<lb/>die gegen alles Vermuthen rasch erfolgte Wahl des
neuen<lb/>Papstes.<lb/>Möchte sie die richtige gewesen sein. Man ist
geneigt, sie<lb/>als eine solche anzusehen; aber auch jetzt treibt der
Witz<lb/>des Volkes bereits sein Spiel.<lb/>Warum nennt Kardinal Pecci sich
Leo Alll. und nicht<lb/>Pius K.? fragt man. Weil der Zehnte das Fluchen
nicht<lb/>vertragen kann! lautet darauf die doppelsinnige Antwort.<lb/>Gut
und ein Segen wäre es, wenn des Volkes Stimme,<lb/>wie der Mund der Kinder,
hier die Wahrheit ausgesprochen<lb/>hätte, wenn das neue Papstthum eine Zeit
des Friedens und<lb/>der Duldung mit sich brächte in die Welt, die deß so
sehr<lb/>bedarf.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 15</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0222_215.tif" n="215"/>
<p>= Z1J -=-<lb/>Nmsosiikb- l»sss<lb/>ö uu sgu wuuu-u Esusus-<lb/>lom oder
lalta?<lb/>Rom, den . März 1878.<lb/>Nicht einen Brief habe ich von meinen
Freunden seit<lb/>dem Tode des Königs Victor Emanuel und dem ihm
folgenden<lb/>Ableben des neunten Pius erhalten, der nicht das
Verlangen<lb/>ausgesprochen hätte, von mir noch eine besondere
ausführliche<lb/>Auskunft über die Eindrücke zu erhalten, welche die
großen<lb/>Ereignisse auf mich gemacht hätten. Aber die
Betrachtung<lb/>dessen, was sich hier in wenig Wochen, in raschem
Nachein-<lb/>ander unter unseren Augen vollzogen hat, war so
über-<lb/>wältigend, und die Fortentwickelung dessen, was geschehen,
ist<lb/>von so unabsehbarer Tragweite, daß man sich mit seinem<lb/>Denken,
Vermuthen, Möglichglauben, beständig auf neue, in<lb/>ihrem Ausgang
unerkennbare Wege geführt sieht. Es voll-<lb/>zieht sich hier eben ein
rückbildender Prozeß innerhalb der<lb/>Geschichte. Solche kommen in der
Weise, wie es hier<lb/>geschieht, wohl nur selten vor; und ich glaube,
Niemand kann<lb/>auch nur mit annähernder Gewißheit, voraussagen, was
dieser<lb/>Prozeß mit sich fortreißen, welche Neubildungen sich
danach<lb/>gestalten werden.<lb/>Jeder von uns kannte die Zustände, welche
hier nach<lb/>der Errichtung des geeinigten, konstitutionell regierten
König-<lb/>reichs Jtalien geschaffen worden waren. Wer in Rom
gelebt<lb/>hatte, wer es aus eigener langjähriger Bekanntschaft mit<lb/>Land
und Leuten erfahren hatte, wie tief der christliche<lb/>römisch-katholische
Glaube in der Masse der Jtaliener wurzelte,<lb/>wie fest Rom mit der
Tradition des Papstthums verwachsen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0223_216.tif" n="216"/>
<p>= Z1s -<lb/>war, und wie man daneben die päpstliche Mißregierung
ver-<lb/>wünschte, wie lebhaft das Verlangen nach nationaler
Unab-<lb/>hängigkeit und nach der staatlichen Einigung Jtaliens
sich<lb/>aussprachen, der konnte, auch fern von Rom, nicht darüber<lb/>in
Zweifel sein, daß man mit der Aufrichtung der
nationalen<lb/>Königsherrschaft in Rom, gegenüber einer an demselben
Orte<lb/>weilenden, das katholische Königreich Jtalien und die
ganze<lb/>christkatholische Welt umfassenden internationalen
Herrschaft,<lb/>zwei Gegensätze einander dicht und hart gegenüber
gestellt<lb/>hatte. Damit war ein Widerspruch in sich selbst
erzeugt<lb/>worden, der schwer zu beseitigen, schwerer zu vereinigen
-<lb/>sein mußte.<lb/>Kam man dann wieder selbst nach Rom, sah man
von<lb/>der Höhe des Monte Pincio, jenseits der Tiefe des Tiber-<lb/>thales
den Riesenbau der Peterskirche mit dem Vatican in<lb/>ihrer Jahrhunderte
alten majestätischen Pracht sich ernst und<lb/>stolz erheben, während von
der Höhe des Luirinals die<lb/>italienische dreifarbige Fahne fröhlich in
dem hellen Sonnen-<lb/>lichte flatterte, so fragte man sich unwillkürlich:
kann das<lb/>Beides, so wie es jettt ist, neben einander bestehen? und die
-<lb/>Möglichkeit dafür schien in der Nähe noch unwahrscheinlicher<lb/>als
aus der Ferne.<lb/>Von der stattlichen und staatlichen Pracht des
Papstthums,<lb/>das noch vor elf Jahren, bei unserem letzten hiesigen
Auf-<lb/>enthalte, wenn schon von französischen Soldaten gegen
die<lb/>Auflehnung der eigenen Unterthanen beschüzt, sich unver-<lb/>mindert
und glänzend darstellte, war im letzten Herbste Nichts<lb/>mehr zu bemerken.
Keine Cardinalsequipagen mit den schwarzen<lb/>Rappen und den
hintenaufstehenden, meist sehr alten drei<lb/>Bedienten; keine rothe
Galakutsche des Papstes mit voran-<lb/>sprengenden Karabinieren und dem
sonst üblichen Gefolge.<lb/>Vor elf Jahren ging Pius rüstigen Schrittes am
Mittag,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0224_217.tif" n="217"/>
<p>=- Z1? -<lb/>bisweilen in den eigentlichen Promenadestunden, durch
die<lb/>Anlagen auf dem Monte Pincio, und die römischen Fürsten<lb/>stiegen
dann aus ihren Wagen, um, auf der Straße knieend,<lb/>seines Segens
theilhaftig zu werden, während die Frauen in<lb/>ihren Wagen niederknieend,
ihm ihre Huldigung bezeigten.<lb/>Aber in dem Volke war von jener
begeisterten und hoffnungs-<lb/>reichen Liebe für den Papst, mit welcher man
ihn bei seiner<lb/>Thronbesteigung begrüßt und bis zu der Reaktion von
148<lb/>umfangen hatte, schon vor elf Jahren Nichts mehr übrig
ge-<lb/>blieben. Während der hohe Adel noch vor ihm kniete,
schlossen<lb/>Handwerker, an deren Läden und Werkstätten er
vorüberging,<lb/>ihre Thüren und zogen ihre Kinder von der Straße
zurück,<lb/>damit sie nicht genöthigt wüürden, ihm eine
Ehrfurchtsbezeugung<lb/>darzubringen. Diese Auflehnung aber galt dem
staatlichen<lb/>Herrscher, vielleicht auch dem Papstthum überhaupt, nicht
der<lb/>katholischen Kirche. Man verwünschte das Regiment, man<lb/>sagte:
,Der Papst ist ein Mensch wie wir Alle? - aber man<lb/>beobachtete in den
Familien im Allgemeinen doch alle kirch-<lb/>lichen Gebräuche, und die
Mehrzahl der Frauen hing mit dem<lb/>Herzen an dem Glauben, den man mit der
Muttermilch ein-<lb/>gesogen, und in dem man durch ein auf das
geschickteste<lb/>verkettetes System erzogen und durch mannigfache
weltliche<lb/>Vortheile festgehalten wurde.<lb/>Indeß eben so wenig als das
Papstthum machte sich jettt<lb/>im Herbste das Königthum durch irgendwelche
Pracht be-<lb/>merklich. Nicht ein einziges Mal habe ich in den drei
Monaten,<lb/>die ich hier zu Lebzeiten Vichor Emanuel's zugebracht
habe,<lb/>ihn anders als in bürgerlicher Kleidung, in einfachem,
offenem<lb/>Wagen, in den Straßen gesehen. Wer den König nicht
nach<lb/>seinen Bildern wiedererkannte, wurde auf sein Erscheinen
durch<lb/>gar Nichts aufmerksam gemacht; und vielleicht eben weil
die<lb/>Römer, wie alle Südländer, die Pracht und den glänzenden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0225_218.tif" n="218"/>
<p>===- Z1s -<lb/>Schimmer ihrer Natur nach lieben, imponirte ihnen
die<lb/>Einfachheit ihres Königs, der in höchstem Maße von ihnen<lb/>geliebt
und geschätzt ward. Man sah, wie gesagt, vom<lb/>Papstthum und vom Königthum
so gut wie Nichts. Aber<lb/>die leichtschreitenden italienischen Bersaglieri
und die bar-<lb/>füßigen Kapuziner, die Menge der schön uniformirten
Soldaten<lb/>des königlichen Landes- und Kriegsherrn, der im
Luirinale<lb/>residirte, und die Menge der Geistlichen und Mönche in
allen<lb/>Trachten aus aller Herren Länder, die sich hier um ihr
Ober-<lb/>haupt im Vatican zusammenscharten, bildeten
entschiedene<lb/>Widersprüche; und wie die Stadtburgen im Mittelalter,
lagen<lb/>die beiden Residenzen an den beiden Enden der Stadt
gewaffnet<lb/>und feindselig einander gegenüber.<lb/>Als ich mich einmal
darüber gegen einen mir befreundeten,<lb/>in den hiesigen Verhältnissen
genau bewanderten Englände:<lb/>mit Verwunderung aussprach, sagte er: ,Die
Sache ist nich<lb/>so gefährlich, als es den Fremden erscheint. Das geht
hier<lb/>Alles, weil weder der Papst noch der König Dasjenige sind,<lb/>was
sie durch die Macht der Verhältnisse als Träger der<lb/>Prinzipien, die sie
vertreten, scheinen müssen. Der Papst ist<lb/>im Grunde seines Wesens ein
für die italienische Einheit be-<lb/>geisterter Jtaliener, nur daß er nicht
der Mann danach war,<lb/>sie unter einem Papste herzustellen; und der König,
weit davon<lb/>entfernt, ein Gegner des Papstthums zu sein, ist ein
sehr<lb/>orthodoxer Katholik, der den Papst an der Spitze der
katho-<lb/>lischen Welt für eine Nothwendigkeit erachtet. =- Daß
im<lb/>Jahre 11 ein unter päpstlicher Herrschaft geeinigtes Jtalien<lb/>mehr
als nur denkbar war, mußte ich nach meiner eigenen<lb/>damaligen Erfahrung
zugeben; das Andere mußte ich glauben,<lb/>da ein Erfahrenerer es mir
berichtete.<lb/>Nun kam der Tod des Königs, und die tiefe,
allgemeine<lb/>Trauer über denselben bethätigte die Allgemeinheit des
National-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0226_219.tif" n="219"/>
<p>I19 -=<lb/>gefühls. Der Zusammenfluß von Menschen aus dem
ganzen<lb/>Königreich war überraschend groß. Es schien, ein Jeder
wolle<lb/>sich augenscheinlich überzeugen, ob das Unglück wirklich
geschehen<lb/>sei, ob der riesenkräftige Mann wirklich dem Tode so
rasch<lb/>erlegen sei. Es war eine Volks»Wallfahrt nach dem
Luirinale,<lb/>ernst, ruhig, gehalten. Der Eindruck, den man davon
hatte,<lb/>war sehr erhaben. Man hatte an Victor Emanuel wie an<lb/>einem
einstigen Leidensgefährten, wie an einem Kampf- und<lb/>Siegesgenossen
gehangen. Man verdankte seinem tapfern<lb/>Wagen ebensoviel, als er dem
Vertrauen und der Hingebung<lb/>des ganzen italienischen Volkes schuldig
war; und er war mit<lb/>seinen Eigenschaften, seinen Eigenarten und Fehlern
eine<lb/>Gestalt, welche die Mythenbildung zuließ, jene
Mythenbildung,<lb/>welche die Völker an ihren Fürsten auszuüben lieben.
Wenn<lb/>die Zeitungen seiner Rechtschaffenheit, seiner Tapferkeit,
seiner<lb/>Regententugenden gedachten, waren daneben im
mündlichen<lb/>Verkehr ganze Reihen von Erzählungen von den Abenteuern
und<lb/>Begegnungen im Schwange, die er bei seinem einsamen
Umher-<lb/>streifen als Jäger bestanden hatte. Man erzählte mit
Ver-<lb/>gnügen, wie er mit einem Handwerker, der ihn nicht
gekannt,<lb/>gleichzeitig auf einen Hasen geschossen und um das
erlegte<lb/>Thiir handgemein geworden, den Sieg davon getragen habe,<lb/>und
dann den Besiegten zum Mitessen des Hasen zu sich ein-<lb/>geladen. Man hob
geflissentlich sein treues Festhalten an der<lb/>Kirche hervor; und wurden
jetzt nach seinem Tode die Stimmen<lb/>über sein nichts weniger als
sittliches Verhältniß zu den<lb/>Frauen einmal ehrlich laut, so zuckte Der
und Jener die<lb/>Schultern und sagte -- in bester Gesellschaft -
lächelnd:<lb/>Machen wir's denn anders? =- Selbst seine
piemontesische<lb/>Derbheit hatte man sehr gern; und wenn ich den
Ausdruck<lb/>brauchen darf, er war körperlich und geistig eine
kompakte<lb/>Masse, die das Auge auf sich zog und an sich feshielt.
Sein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0227_220.tif" n="220"/>
<p>=== LZ --<lb/>plötzliches Verschwinden ließ daher eine Lücke offen,
welche<lb/>auszufüllen möglicherweise seinem Sohne schwer fallen
wird,<lb/>der körperlich dem Vater an Kraft nicht gleich, und
weniger<lb/>als dieser befähigt sein soll, die kluge, mißtrauisch
berechnende<lb/>Vorsicht der savoyenschen Fürsten hinter dem Anschein
des<lb/>sorglosesten männlichen Freimuths zu verbergen.<lb/>Dem Schrecken
über des Königs Tod kam nur die tief<lb/>empfundene Trauer gleich, mit
welcher das Volk die Leiche<lb/>seines ersten Königs zu ihrer letzten
Ruhestätte im Pantheon<lb/>an sich vorüberführen sah. Sie bildete den
würdigen, dunkeln<lb/>Hintergrund und erhob die königliche Pracht des
Leichenzuges.<lb/>Drei Wochen später, als bereits König Humbert
dem<lb/>Volke seinen Eid geleistet und begonnen hatte, durch
sein<lb/>ehrenhaftes Auftreten sich Vertrauen und Zuneigung in
dem-<lb/>selben zu gewinnen, durchlief die Nachricht von dem Tode
des<lb/>Papstes die Stadt.<lb/>Sie machte im ersten Augenblicke durchaus
keinen nennens-<lb/>werthen Eindruck. Sie war schon oft verbreitet, schon
oft wider-<lb/>rufen worden, man hatte diesen Tod so lange schon
erwartet.<lb/>Mochte die orthodoxkirchliche Partei auch den Verlust
ihres<lb/>Oberhauptes betrauern, das zuletzt zu einem bloßen Werkzeug<lb/>in
ihren Händen geworden war, die großen Massen verhielten<lb/>sich kalt und
gleichgültig dagegen. Der Unterschied zwischen<lb/>dem Ansehen der Straßen,
dem Ausdruck der Menschen am<lb/>9. Januar und ?. Februar war auffallend. Er
würde gewiß<lb/>noch greller hervorgetreten sein ohne die im letzteren Falle
von<lb/>der Regierung ausgesprochenen Wünsche und
angeordneten<lb/>Maßnahmen. Kein Zusammenstehen der Leute, kein
besorgtes<lb/>leises Sprechen, kein solches Hinströmen der Menschen
wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0228_221.tif" n="221"/>
<p>- ZF --<lb/>am A Januar nach dem Luirinale. Es ging Alles ruhig<lb/>seinen
Weg. Nur ein Bruchtheil der Magazine ward ge-<lb/>schlossen. Von wirklicher
Trauer war wenig oder nichts zu<lb/>merken. Die Sympathie für Pius war
längst erloschen. Es<lb/>hafteten zu schlimme Erinnerungen an seinem
Regiment.<lb/>Man hatte ihn schwankend in allem Guten, nur in dem
Un-<lb/>heilvollen fest und beharrlich gefunden. Man konnte es
dem<lb/>weltlichen Herrscher nicht vergessen, daß er seine
freisinnigen<lb/>Zusagen gebrochen, daß er mit der Gewalt
fremdländischer<lb/>Waffen, Rom bombardirend, sich die Rückkehr in dasselbe
ge-<lb/>bahnt, daß dicht neben der Peterskirche vor Porta
Cavalleggieri<lb/>und Porta St. Pancrazio der Kampf der von ihm
herbei-<lb/>gerufenen Franzosen gegen die edelsten Söhne Jtaliens
ge-<lb/>wüthet hatte. Man konnte es dem Oberhaupt der
katholischen<lb/>Christenheit nicht vergeben, daß er, allem Wissen und
aller<lb/>Erkenntniß des neunzehten Jahrhunderts vermessen und
trotig<lb/>Hohn sprechend, die Dogmen von der unbefleckten
Empfängniß<lb/>der heiligen Jungfrau und von der Unfehlbarkeit des
jeweiligen<lb/>Papstes in die Welt geschleudert hatte.<lb/>Das Volk hatte im
Laufe der Zeiten nicht nur Lesen und<lb/>Schreiben, sondern auch Denken
gelernt. Auf den offenen<lb/>Plätzen werden seit Jahren alle Arten Bücher
verkauft,<lb/>die sonst auf dem Index verbotener Bücher gestanden
hatten.<lb/>Statt der zwei zensirten Zeitungen, die vor eilf Jahren
in<lb/>Rom erschienen waren, werden jetzt über zwanzig Zeitungen<lb/>von den
verschiedensten Farben von Morgens acht Uhr bis<lb/>Abends eilf Ühr
unablässig ausgerufen. Jeder Droschken-<lb/>kutscher, jeder Arbeiter liest.
Selbst die weiblichen Modelle,<lb/>auf den Stufen der Kirchentreppen, an den
Straßenecken<lb/>sitzend und kauernd, lesen wenn sie nichts zu thun
haben<lb/>und nicht stricken.<lb/>Es find hier große geistige Wandlungen vor
sich gegangen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0229_222.tif" n="222"/>
<p>= LZ! -<lb/>Die Politik ist bedeutend in den Vordergrund getreten,
das<lb/>Staatsbürgerthum hat die Oberhand gewonnen.<lb/>Sieben Jahre einer
freiwilligen vergeblichen Gefangen-<lb/>schaft hatten Pius K. für das Volk
zum Schatten, wemn<lb/>auch zu einem unheimlichen Schatten werden lassen.
Seit<lb/>Jahren hörte man von ihm in jähem Wechsel Aussprüche,<lb/>die
schlimmer waren, als die Selbstverblendung der vergötterten<lb/>Imperatoren
sie je gewagt, neben den leichtfertigsten Witzen.<lb/>== Victor Emanuel
vermißte man überall. Pius lK. ver-<lb/>mißte Niemand außerhalb der Partei,
die ihn beherrscht.<lb/>Die Zeitungen besprachen seinen Tod, sein Leben,
seine<lb/>Handlungen mit großer Schonung, aber wahrheitstreu und<lb/>würdig.
Was man sagen und erzählen hörte, war ihm<lb/>keineswegs günstig. Man sprach
von ihm weder wie von<lb/>einem bedeutenden noch wie von einem guten und
ernsten<lb/>Mann; und wenn bei dem Tode des Königs nach allen<lb/>Seiten hin
für das Fortbestehen des Reiches klare, feste<lb/>Aussichten vorhanden
waren, über die Niemand Zweifel hegen<lb/>konnte, so tauchten nun von allen
Ecken und Enden die<lb/>Fragen auf, was von Seiten des Klerus geschehen, was
man<lb/>im Lande und in der christ- katholischen Welt von demselben<lb/>zu
gewärtigen haben werde.<lb/>Wer Rom und das römische Kirchenwesen kannte,
hat<lb/>schwerlich in all dem Berathen über ein auswärts zu
haltendes<lb/>Konklave, über einen auswärts zu wählenden,
auswärts<lb/>residirenden Papst etwas Anderes gesehen als
hinhaltende<lb/>Schachzüge in einer Partie, deren Ende mit Sicherheit
im<lb/>Voraus zu erkennen war. Daß die königliche Regierung<lb/>ihren, der
Welt gegenüber festgestellten Verpflichtungen nachs<lb/>kommmnen würde und
mußte, war eben so gewiß, als daß es<lb/>keinen Ort gab, an welchem das
Konklave gehalten werden,<lb/>keinen Ort, an welchem das Oberhaupt der
katholischen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0230_223.tif" n="223"/>
<p>= IZA -<lb/>Christenheit in der Gestalt des Papstes residiren konnte,
als<lb/>hier in Rom.<lb/>Man brauchte sich die Dinge nur in ihrer wirklichen
Aus-<lb/>führung vorzustellen, um sichgu sagen, was geschehen konnte<lb/>und
was nicht. Ich schrieb es neulich schon einmal: das Fort-<lb/>gehen war die
leichteste Sache von der Welt, denn die Straßen<lb/>und die Eisenbahnen
stehen frei zu Jedermanns Verfügung.<lb/>Aber eine solche Gesellschaft von
zum Theil hochbetagten<lb/>Männern, von Greisen, von welchen manche seit
Jahren<lb/>schwerlich eine andere Bewegung ertragen hatten als
das<lb/>langsame Fahren in ihren Kutschen, war zu Lande und zu<lb/>Wasser
doch immerhin schwer zu transportiren. - Die Eisen-<lb/>bahn und das
Dampfschiff konnten Existenzen gefährden, deren<lb/>Stimme schwer in das
Gewicht der Entscheidung fiel. Mehr<lb/>als einmal kam mir bei den
Erörterungen über die Abreise<lb/>der Kardinäle jener junge französische
Offizier in den Sinn,<lb/>der Pius M. zur Krönung Rapoleon's l. nach Paris
zu be-<lb/>fördern hatte, und von dem Anfang seines Auftrags die<lb/>Meldung
mit den Worten machte: eeu nn gspe en asser<lb/>wauraiss eonäition! - Der
englische Beamte, welcher die<lb/>Mitglieder des Konklaves in Malta zu
empfangen gehabt<lb/>hätte, würde viele von ihnen voraussichtlich en asser
mauraiss<lb/>conäition gefunden haben; und wie bereit der oder jener
der<lb/>Kardinäle auch zu Opfern für die ihm heilige Sache gewesen<lb/>sein
möchte - das Martyrium der Seekrankheit entbehrt<lb/>jeglicher
Erhabenheit.<lb/>Nebenher fragte man sich, ob grade der eifrigste
Vertreter<lb/>des Konklaves unter dem Schutze der Kanonen von Malta<lb/>die
gelasene Antwort vergessen haben sollte, welche sein großer<lb/>Landsmann
Wellington seiner Zeit einem französischen<lb/>Diplomaten gegeben, der
übermüthig die Frage an ihn ges<lb/>richtet: ob Wellington es denn für
unmöglich halte, daß die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0231_224.tif" n="224"/>
<p>= Lg -<lb/>Franzosen in Dover landen und gen London rücken könnten?<lb/>--
,Durchaus nicht,! hatte ihm der edle Lord entgegnet. ,Sie<lb/>können sehr
gut in England einrücken; nur wie sie von dort<lb/>wieder zurück kommen
sollten, eiß ich nicht!r<lb/>Ungefähr ebenso verhielt es sich mit dem
Fortgehen des<lb/>Konklaves und mit dem auswärts zu wählenden Papste.
Wie<lb/>sollte man mit demselben nach Rom zurückkommen? =- Mit<lb/>dem neuen
Oberhaupt der Kirche in Rom auf dem Bahnhof<lb/>anzulangen, ungehindert quer
durch die ganze Stadt zu<lb/>fahren, um sich dann bei sich selber im Vatikan
freiwillig<lb/>wieder als Gesangenen abzuliefern und so die Sage von
dem<lb/>Gefangenen im Vatikane noch unter der neuen Aera fortzu-<lb/>setzen,
wäre erst recht unmöglich und ein Spiel mit einem Jdealen<lb/>gewesen, zu
welchem weder die Kardinäle, am wenigsten aber<lb/>der Erwählte selber sich
bereitwillig finden lassen konnten.<lb/>Ganz ebenso verhielt es sich mit dem
Gedanken, das<lb/>Papstthum wo anders festzusetzen, den Papst an
einem<lb/>anderen Orte residiren zu machen, als eben hier in Rom.<lb/>Die
ganze Tradition desselben steht auf dem Festhalten an<lb/>Rom, fällt mit dem
Aufgeben des hiesigen Bischofssittes.<lb/>Hier in Rom hat der Sage nach
Sankt Peter in den<lb/>Mamertinischen Gefängnissen gesessen. In St. Pietro
in<lb/>Vincoli auf dem Esauilin sind die beiden Enden seiner Ketten,<lb/>die
sich durch ein Wunder einten, aufbewahrt. Auf dem<lb/>Janiculus, an der
Stätte, auf welcher der heilige Petrus<lb/>gekreuzigt worden, hat seiner
Zeit schon der Kaiser Konstantin<lb/>die Kirche St. Pietro in Montorio
erbaut. In der Peters-<lb/>kirche, dem gewaltigsten und erhabensten Dome,
den die christ-<lb/>liche Menschheit errichtet hat, ruhen unter der
Riesenkuppel<lb/>in der Gruft die Gebeine des Apostels. Nach der
Kirche<lb/>von St. Eroce in Jerusalemme hat Konstantin's Mutter
selber<lb/>das Holz von dem Kreuze bringen lassen, an dem der
Heiland<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0232_225.tif" n="225"/>
<p>- IH -<lb/>geopfert worden. Die Laterankirche, ,aller Kirchen der
Stadt<lb/>und des Erdkreises Mutter und Haupt', auf welche
die<lb/>Heiligkeit des Tempels zu Jerusalem übergegangen, ward<lb/>durch
Kaiser Konstantin's Schenkung die bischöfliche Kirche der<lb/>Nachfolger des
heiligen Petrus. Der jedesmalige Papst ist<lb/>Bischof von St. Giovanni in
Laterano. Alle Traditionen,<lb/>alle Mythen der christ-katholischen Kirche
sind mit Rom ver-<lb/>knüpft. Wo fände sich für den Sitz ihres Oberhauptes
ein<lb/>solcher Boden wieder? und wohin könnte das Oberhaupt
der<lb/>katholischen Kirche sich wenden, um einen neuen festen
Mittel-<lb/>und Stützpunkt für die, über die ganze weite Erde
verbreitete<lb/>christ-katholische Gemeinde zu begründen?<lb/>Nach England?
Ob trotz der unbedingten Religions-<lb/>freiheit England und seine Königin
und sein Parlament geneigt<lb/>sein würden, seinen katholischen Büürgern,
vor allen den<lb/>Irländern, die der Regierung so viel zu schaffen
gemacht,<lb/>ihr geistliches Oberhaupt in nächster Nähe, oder auch
nur<lb/>unter dem Schutze der Kanonen von Malta, dauernd zu<lb/>beherbergen,
möchte nicht mit Zuversicht zu behaupten sein.<lb/>Jn Frankreich? Man hat
dort Frieden predigende Geist-<lb/>liche vor den Barrikaden erschossen, und
die Commune hat<lb/>die Geweihten der Kirche auch nicht geschont. - In
Spanien?<lb/>Emilio Castelar ist dort unvergessen; und man baut
nicht<lb/>Etwas, was dauern soll, auf einem von den Erdbeben
der<lb/>Revolutionen immer neu erschütterten Boden! -<lb/>Weder unter dem
weithin seine Arme ausbreitenden<lb/>Kreuze der griechischen Kirche, noch -
wie Schwärmer<lb/>gelegentlich träumten - auf den Trümmern von
Jerusalem,<lb/>ließe eine neue oder die alte Papstherrschaft sich
begründen.<lb/>Und in einem Staate, in welchem eine konstitutionelle
Ver-<lb/>ar :.e<lb/>J. Le wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 16</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0233_226.tif" n="226"/>
<p>- IZZ -<lb/>oberhaupte abhängende Gewalt oktroyiren lassen würde,
eine<lb/>Gewalt, welche Macht hat über die Gewissen, ,Macht zu<lb/>binden
und zu lösen', und sich damit einen Dorn in das<lb/>lebendige Fleisch zu
setzen, der willkürlich oder unwillkürlich<lb/>reizen, entzünden und
gelegentlich bedenkliche Krisen erzeugen<lb/>kann und muß.<lb/>Was in dem
neuen Königreich Jtalien, wo alle die alten<lb/>Traditionen dem Papstthume
zur Seite standen und im Volke<lb/>mehr oder weniger festen Boden hatten,
schon schwer genug<lb/>zu vermitteln war und ist und sein wird, das würde
in<lb/>jedem anderen Lande zu einer thatsächlichen
Unmöglichkeit<lb/>geworden sein. Und trotz und nach alle dem vielen
Sprechen,<lb/>Schreiben, Drucken, ist denn auch hier in kürzester Frist
der<lb/>neue Papst erwählt, eine bedeutende Kraft an die Spitze
der<lb/>katholischen Gemeinde gestellt worden, und es ist damit
nach<lb/>gewissen Seiten hin ein Wechsel vollzogen, der, wie reng<lb/>Leo
K.uue. auch an dem Glauben und an den Rechten und<lb/>Vorrechten seiner
Kirche festhält, doch schon in den höcst<lb/>geistreichen Hirtenbriefen zu
erkennen ist, welche er als Bischof<lb/>in Perugia im vorigen Jahre in
seiner Diöcese verbreitet<lb/>hat. Davon in einem meiner nächsten
Briefe.<lb/>Heäiszeünker Prief.<lb/>Eine neue Kaut - Oper.<lb/>Rom, den S.
März 178.<lb/>Ich schrieb Ihnen neulich von einem sonderbaren
theatra-<lb/>lischen Eindruck, den ich hier empfangen hätte. Denn
einen<lb/>sonderbaren Eindruck macht es immer, wenn man einen
alten<lb/>hochverehrten Bekannten in wunderlichster Maske, hier und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0234_227.tif" n="227"/>
<p>b- IF? -<lb/>da bis zum Komischen entstellt und doch unverkennbar
er<lb/>selber, vor sich sieht. So aber ist es mir ergangen, als ich<lb/>hier
in der großen Oper, dem Apollo - Theater, die Oper<lb/>Mefistofele von
Arrigo Boito aufführen sah. Sie ist ganz<lb/>und gar dem Goethe'schen Faust
nachgebildet, oder vielmehr<lb/>in einzelnen Stücken dem Faust entnommen,
und unsereiner<lb/>steht davor wie vor den zerbröckelten Fragmenten der
alten<lb/>griechischen Plastik, von denen jedes Bruchstück, so
zerstoßen<lb/>und verwittert es auch sein mag, uns noch auf die
Vollendung<lb/>des Kunstwerkes schließen macht, dem es entstammt.<lb/>Dem
Goethe'schen Faust begegne ich nun in solcher Zer-<lb/>stückelung und
Verkleidung zum vierten Male auf den Bühnen<lb/>des Auslandes. Zuerst sah
ich ihn im Jahre 14 in Mai-<lb/>land in der Skala als Ballet. Das war gar
nicht schlimm.<lb/>Da es unmöglich war, Faust's geistiges Ringen nach
der<lb/>höchsten Erkenntniß tanzend oder pantomimisch, mit den
Füßen,<lb/>den Armen oder den Mienen auszudrücken, so hatte man
den<lb/>tiefsinnigen Denker in einen Bildhauer umgewandelt, dem
die<lb/>Kraft des Schaffens erloschen war. Faust bewegte sich
arbeitend,<lb/>und an seiner Arbeit verzweifelnd, in seiner Werkstatt.
In<lb/>dieser erscheint ihm Mephistopheles und bietet ihm seine
Hülfe<lb/>an. Der verzagende Künstler verschreibt sich ihm,
Mephisto<lb/>führt ihm in Gretchen ein neues Ideal vor, und die
Sache<lb/>nimmt danach ganz ruhig den Goethe'schen Verlauf. Die
Dar-<lb/>steller des Faust, des Gretchen und namentlich des
Mephisto,<lb/>spielten ihre Rollen ganz vortrefflich. Eine Scene, in
welcher<lb/>Mephisto Gretchen und Faust in immer engeren Kreisen
tanzend<lb/>umgarnte, bis er die Widerstrebende in Faust's Arme
gedrängt<lb/>hatte, und mit triumphirendem Hohne über die in ihr
Glück<lb/>versunkenen Beiden, die Hände zun Zugreifen ausbreitete,<lb/>war
sehr charakteristisch. Das ganze Geister- und Hexenwesen<lb/>fügte sich
geschickt in das Ballet ein. Es hatte Alles einen geist-<lb/>1<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0235_228.tif" n="228"/>
<p>- ZI -<lb/>reichen Zug, und man konnte sich es vorstellen, wie
Altmeister<lb/>Goethe an ,dem wunderlichen Wesen' seinen ernsthaften
Spaß<lb/>gehabt haben würde.<lb/>Dann trafen wir den Goethe'schen Faust im
Jahre 16<lb/>in Michel Carrö's ernstlich gemeinter und darum
lächerlicher<lb/>Bearbeitung. Da saß Faust wirklich in der Osternacht,
über<lb/>dem Evangelium brütend, im Studirzimmer; aber statt
der<lb/>Osterlieder erklangen von draußen die Lieder von
Studenten,<lb/>welche die Liebe und den Wein besangen, und Faust fing
an<lb/>sich in Betrachtungen darüber zu ergehen, wie wohl es
diesen<lb/>jungen Burschen sei und wie er über all. dem Grübeln
und<lb/>Studiren es vergessen habe, sein Leben zu genießen. Das<lb/>allein
bekümmerte ihn sehr, und seufzend klagte er: ,Sie singen<lb/>von ihren
Geliebten und vom Wein! Deine Geliebten, armer<lb/>Faust, sind die
Theologie, die Philosophie, die Medizin' u. s. w.<lb/>Mephisto kam ihm denn
auch in dieser Noth auf seine<lb/>Weise zu Hülfe. Siebel figurirte daneben
als ein verschmähter<lb/>Liebhaber von Gretchen, ward von Mephisto in einen
Baum-<lb/>stamm hineingezaubert, mußte aus diesem der
Liebesscene<lb/>zwischen Faust und Gretchen zusehen - und dann
pflückten<lb/>Gretchen oder Siebel oder Faust Rosen, die immer
vom<lb/>Stengel abfielen, wenn die Hand sie berührte, was natürlich<lb/>eine
sgmbolische Bedeutung haben sollte. Es war recht abge-<lb/>schmackt das
ganze Machwerk. Stahr, Moriz Hartmann und<lb/>ich kamen über all die
Verkehrtheit nicht aus dem Lachen,<lb/>unsere Nachbarn hingegen fanden das
zuujet beaucouy trog<lb/>serieuk et gar krog allemand !<lb/>Darauf kam, nach
dem Michel. Carrs'schen Drama gee<lb/>arbeitet, die Gounod'sche Faustoper
mit ihrem schönen Walzer,<lb/>mit ihrem prächtigen Landsknechtsmarsch, mit
all ihren Gehörigs<lb/>keiten und Ungehörigkeiten, mit Madame Milho Carvallo
in<lb/>blonder Perrücke als dickköpfiges Gretchen. Aber mit dieser<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0236_229.tif" n="229"/>
<p>s - ZZß -<lb/>Gounod'schen Oper kam für Deutschland in Albert Niemann<lb/>ein
FaustDarsteller dem Gretchen gegenüber, mit welchem ich<lb/>für mein Theil
keinen von all den dramatischen Künstlern,<lb/>die ich als Faust gesehen
habe, zu vergleichen wüßte.<lb/>Jett endlich folgt hier in Jtalien die Oper
von Boito.<lb/>Er hat sich, dem Beispiele Wagner's folgend, sein
Textbuch<lb/>selbst zurecht gemacht; aber weitergreifend als seine
chorogra-<lb/>phischen, dramatischen und musikalischen Vorgänger, hat er
sich<lb/>für seine Oper Mefistofele nicht mit dem ersten Theile
des<lb/>Faust begnügt. Er hat das Vorspiel im Himmel und den<lb/>ganzen
zweiten Theil des Faust mit in seine Bearbeitung hin-<lb/>eingezogen, und
ein Werk hingestellt, das in vier Theile zer-<lb/>fällt: in den ,Prolog im
Himmelr = in den ,Ersten Theil'',<lb/>der in drei Akte getheilt ist, in den
zweiten Theil, der den<lb/>vierten Akt bildet, und in den Epilog.
Thatsächlich aber sind<lb/>es nichts als sechs Scenen aus dem Gesammtwerk,
neben-<lb/>einander gestellte Scenen, welche für denjenigen, dem
das<lb/>Gedicht nicht vertraut, als Ganzes, wie ich glaube, schwer
ver-<lb/>ständlich sein werden. Darauf kommt es jedoch bei der
Mehr-<lb/>zahl der Opernbesucher und namentlich in Jtalien,
vielleicht<lb/>nicht wesentlich an.<lb/>Die handelnden Personen sind:
Mephistopheles, Margarete,<lb/>Martha, Wagner, Helena, Pantalis und Nereus.
Die Sängerin,<lb/>welche im ersten Theile des Faust das Gretchen spielt
und<lb/>singt, macht im zweiten Theile die Helena; die Darstellerin<lb/>der
Martha macht die Pantalis, und mich dünkt, für alle die-<lb/>jenigen, welche
die deutsche Dichtung nicht kennen, also an<lb/>eine Metamorphose des
gestorbenen Gretchens in die Helena,<lb/>und der Martha in die Pantalis zu
glauben verführt werden,<lb/>muß der sachliche Gehalt der Oper dadurch noch
viel räthsel-<lb/>hafter werden.<lb/>Die erste der sechs Scenen führt im
Textbuch die Neber-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0237_230.tif" n="230"/>
<p>=- ZZß -<lb/>schrift: Prolog im Himmel, und das Motto: ,ld noto
baasu?<lb/>Goethe. (Kennst du den Faust? Im Nebel wallen, erstens:<lb/>der
Klang der sieben Drommeten; zweitens: die sieben Töne,<lb/>dann die
himmlischen Heerschaaren, der mystische Chor, die<lb/>Cherubim und der Chor
der Büßenden. Diese Gesellschaft von<lb/>Chören singt ihre Jubel- und Buß-
und Anbetungs-Hymnen<lb/>mit einem nach jeder Strophe als Echo einfallenden
,Ave'',<lb/>bis Mephisto erscheint und seine Unterhaltung mit dem
Un-<lb/>sichtbaren, mit einem: Ave Signor! beginnt. Er sagt darauf<lb/>ohne
Weiteres, er könne nicht hohe Worte machen, und spricht<lb/>seine Verachtung
des Menschengeschlechts aus. Der mystische<lb/>Chor fragt: Ve noto baust?
(Kennst du den Faust?<lb/>l gia binarro garro, eh'io eonoseo! (Der
wunderlichste<lb/>Narr, den ich kenne ! giebt Mephisto dem Unsichtbaren
zur<lb/>Antwort, charakterisirt mit ein paar Zeilen den Faust
und<lb/>schlägt die Wette vor. Der mystische Chor nimmt sie mit<lb/>einem ,k
sia! (Seis so!s an. Mevhisto bekräftigt sie mit<lb/>der Bemerkung: ,Seis
drum, alter Herr! Du läßt Dich auf<lb/>ein hartes Spiel' ein !r Die Engel
und die Cherubim stimmen<lb/>wieder ihre Loblieder an, Mephisto spricht wie
im Original<lb/>seine Zufriedenheit mit der Herablassung ,des Alten'
aus.<lb/>Die Chöre dauern fort, der Prolog, der sich wie der Text<lb/>eines
Oratoriums ausnimmt, ist zu Ende, und er ist nichts<lb/>weniger als uneben.
Mephisto's Wesen ist in aller Kürze<lb/>gar nicht übel herausgearbeitet. Es
ist viel Bewegung und<lb/>Wechsel, Klang und Farbe in dem sprachlichen
Rhythmus der<lb/>Chöre, man kann sich das Ding gefallen lassen.<lb/>Nun
folgt der ,Erste Theilr mit dem Motto:<lb/>Se arrien eb'io lieo al' attimo
kaggents:<lb/>Arrestanti, sei belo alor eb'io mnois!<lb/>(Werd' ich zum
Augenblicke sagen, rerweile doch, du bist so schön!<lb/>Dann magst du mich
in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu<lb/>Grunde gehn.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0238_231.tif" n="231"/>
<p>- ZZ -<lb/>Dieser erste Theil hebt mit dem Ostersonntag an. Faust<lb/>und
Wagner gehen in dem Volksgewüühl spazieren. Vornehme<lb/>Leute werden in
Sänften vorübergetragen, es wird gezecht,<lb/>sehr viel getanzt, gesungen.
Sogar das Iuh! Jl Juheiza!<lb/>beisa! bS! wird zwischen den italienischen
Versen als Refrain<lb/>sehr absonderlich vernehmbar. Statt des Pudels wird
unter<lb/>den Spaziergängern ein grauer Frate sichtbar. Herr Boito<lb/>sagt
in einer der Anmerkungen, deren das Textbuch zum<lb/>Schlusse eine Anzahl
bringt, daß er mit dieser Aenderung<lb/>sich der Widmann'schen
Lebensbeschreibung des Faust anschliese.<lb/>Der Klosterbruder, der ßch
sonst ganz anständig beträgt,<lb/>macht wunderliche Seitensprünge, wenn hier
und da eine<lb/>schöne, gläubige Spaziergängerin ihm die Hand küssen
will,<lb/>und umkreist und umzieht den auf ihn aufmerksam
werdenden<lb/>Faust, dem er ,wie ein Gespenst erscheint'', auch mit
den<lb/>gleitenden, sprunghaften Schritten Arlecchino's, welcher
dem<lb/>italienischen Theater so tief eingewurzelt ist, daß er für
unser<lb/>nicht daran gewöhntes Auge immer noch irgendwo zum Vor-<lb/>schein
kommt. Wir sahen z. B. einmal im Toutro -liurno<lb/>in Genua, in dem zum
Schauspicl umgewandelten Trauer-<lb/>spiel Kabale und Liebe, den Musikus
Müller mit rothem<lb/>Zopf und rother Nase als vollkommenen Harleguin.
--<lb/>Wagner beruhigt den Faust über den unheimlichen Frate, er<lb/>macht
ihn darauf aufmerksam, daß derselbe den Rosenkranz<lb/>trägt, Gebete
murmelt. Lb der Teufel das kann und darf,<lb/>weiß ich nicht. Er thut's
aber, und damit ist die Scene<lb/>zu Ende.<lb/>Es folgt der ,Paktr in
Faust's Zimmer, und diese<lb/>Scene ist wirklich vortrefflich gearbeitet -
wenn man bedenkt,<lb/>daß die Scene eben als das Unterschlagsgewebe einer
Oper<lb/>dienen soll, daß man ein Textbuch in Händen hat.<lb/>Mephisto's
,Ich bin der Geist, der stets verneint!r in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0239_232.tif" n="232"/>
<p>= LF --<lb/>eine zweistrophige Arie gebracht, ist für uns natürlich
be-<lb/>fremdlich. Aber wie der Darsteller des Mephisto, Castelmary,<lb/>der
einzig gute Sänger und Schauspieler der Gesellschaft ist,<lb/>so ist auch
die Partie des Mephisto dem Nachdichter und<lb/>Komponisten weitaus am
besten gelungen. Des Beispiels<lb/>halber will ich die erste Hälfte der Arie
in wörtlicher Neber-<lb/>setzung wiedergeben:<lb/>Ich bin der Geist, der
verneint,<lb/>Immer, Alles; die Sterne, die Blumen.<lb/>Mein hämisches
Lachen und mein Wesen<lb/>Stören die Mußestunden des Schöpfers.<lb/>Ich will
das Nichts, und des Geschaffenen<lb/>Vollständigen Untergang.<lb/>Mein
Lebenselement<lb/>Ist das, was man Todsünde nennt:<lb/>Der Tod, das
Unheil!<lb/>Ich lache und schleudre die Silbe hin:<lb/>Nein!<lb/>Ich löse
auf, ich führe in Versuchung,<lb/>Ich heule, ich zische:<lb/>Nein!<lb/>Ich
beiße, ich verlocke llege SchlingenK<lb/>Ich pfeife, peife, pfeife!<lb/>Bei
den letzten Worten setzt er den Finger an die Lippen,<lb/>und ein greller,
langer Pfiff aus dem Orchester, scharf wie<lb/>von einer Dampfmaschine,
bildet den Refrain. Die Verse<lb/>mit ein paar glücklich angebrachten und
hier zu billigenden<lb/>Alliterationen machen sich italienisch viel besser.
Dieses<lb/>Lied und diese Scene kommen mir wie der Glanzpunkt der<lb/>Oper
vor.<lb/>,Zweiter Akt.? gfie Gartenscene.s Motto:<lb/>Tanst. Oi oserebbe
aKkermare ta äetto: Oreäo in Dio --<lb/>(Wer darf ihn nennen? Und wer
bekennen: Ich glaub ihn?<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0240_233.tif" n="233"/>
<p>=- LZ -<lb/>Die sämmtlichen Vorgänge von dem Begegnen zwischen<lb/>Faust und
Margarete, zwischen Martha und Mephisto u.s.w.<lb/>bis hin zur
Walpurgisnacht sind in diese eine Scene zu-<lb/>sammengedrängt. Martha ist
eine hübsche, junge Witwe,<lb/>welcher Mephisto dringend zuredet, ,die Zeit
nicht zu ver-<lb/>passen, um nicht alt im einsamen Witwenbette zu
sterben,'<lb/>und was die Beiden miteinander kommend und gehend
ver-<lb/>handeln, ist sehr heiter, und vollends im italienischen
Sinne<lb/>sehr verständig. Wie aber Gretchen dazu kommt, ihren<lb/>Faust so
aus heiler Haut zu katechisiren, das ist schwer be-<lb/>greiflich. Es dauert
glücklicherweise auch nicht lange. Etwas<lb/>von dem wirklichen Faust kommt
doch dabei zum Vorschein.<lb/>Gretchen erwähnt ihrer stillen Häuslichkeit,
der Schlaftrunk<lb/>für die Mutter wird ihr übermacht. Zum Schluß der
Scene<lb/>spielen die beiden Paare Haschens ,Alle lachen. Margarete<lb/>und
Faust singen: Ich liebe dich! Ich liebe dich! und unter<lb/>lautem Lachen
zerstreuen sich Alle =- der Vorhang fällt.<lb/>Nun folgt die Walpurgisnacht
auf dem Brocken. Sie<lb/>umfaßt fünf Seiten des Textbuchs, während die
vorige Scene,<lb/>welche das ganze Liebesleben von Faust und Gretchen in
sich<lb/>schließt, kaum drei Seiten einnimmt. Von dem Geisterhaften,<lb/>von
dem Spukwesen ist Nichts darin geblieben als die Irr-<lb/>lichter. Die Hexen
erscheinen wie anständige Bürgerfrauen<lb/>des fünfzehnten, sechszehnten
Jahrhunderts gekleidet. Statt<lb/>der Meerkatzen und ähnlichen Gesellen
findet man wohl-<lb/>gekleidete Jungen, die bunt durcheinander springen,
springend<lb/>sich niederwerfen und vorwärtsrutschen. Nichts, gar
Nichts,<lb/>was an die deutsche Volkssage des Brockenspuks
erinnert.<lb/>Aber auch hier ist das Wesen des Mephistopheles gut
durch-<lb/>gehalten, und das einstrophige Lied, an dessen Ende er
die<lb/>Erdkugel zerschmettert, die er in Händen hält, sprachlich
und<lb/>musikalisch eigenartig und fesselnd.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0241_234.tif" n="234"/>
<p>-= ZZ --<lb/>Faust, der als Person überall sehr zusammenschmilzt,<lb/>sieht
Gretchen mit dem Blutstreif am Halse erscheinen. Unter<lb/>,infernalischem
Gelächterr verschwindet diese Erscheinung.<lb/>Lebhafte Chöre bilden den
Schluß. Es folgt ,Margaretens<lb/>Tobr. Motto:<lb/>E giaäieats. (Sie ist
gerichtet.<lb/>Es ist die Kerkerscene. Gretchen singt beim
Aufziehen<lb/>ihre ganze Leidensgeschichte in einem vierstrophigen
Liede,<lb/>das mit den Worten anhebt:<lb/>Neulich in der Nacht haben
sie<lb/>Mein Kleines (il mio bimbos ins Meer geworfen,<lb/>Jetzt, um mich
wahnsinnig zu machen,<lb/>Sagen sie, ich hätt's ertränkt.<lb/>Die folgenden
drei Strophen sagen alles Nebrige. Faust<lb/>und Mephisto erscheinen, und
als Faust Gretchen endlich<lb/>halbwegs dahin gebracht hat, in die Flucht zu
willigen,<lb/>,,kommen sie vorwärts, einander in die Augen blickend,
und<lb/>murmeln schmachtend zusammen - eine Art von Barcarole,<lb/>die
darauf hinausläuft, daß sie nach der blauen Insel. flüchten<lb/>wollen, auf
der die befreiten Liebenden die tiefste Ruhe zu<lb/>finden hoffen.<lb/>Das
ist von einer verzweifelten Komik. Es ist gerade<lb/>als sängen sie - und es
wäre viel hübscher und eben so<lb/>ungehörig, wenn sie's thäten - das
Heine-Mendelssohn'sche:<lb/>Auf Flügeln des Gesanges,<lb/>Herzliebchen,
trag' ich dich fort! u. s. w.<lb/>Darüber bricht der Tag an. Mephisto treibt
zum<lb/>Aufbruch; und die Scene und der erste Theil des Faust<lb/>kommen
damit zu ihrem vorschriftsmäßigen Schlusse.<lb/>Großer Zwischenakt. Bis
hierher war Alles gut genug.<lb/>Aber nun kommt der zweite Theil des Faust -
und das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0242_235.tif" n="235"/>
<p>=- WH -<lb/>Verwundern beginnt. Der Vorhang geht auf, eine Gegend<lb/>wie die
Gärten der Armida liegt vor uns. Ein Strom, ein<lb/>Tempel mit Sphinxen. Im
Hintergrunde in einem Kahn<lb/>von Perlmutter und Silber: Gretchen als
Helena, Martha<lb/>als Pantalis. Faust schläft auf blühendem Rasen. --
Wir<lb/>sind mitten in der klassischen Walpurgisnacht.<lb/>Wie das
zusammenhängt und was das auf sich hat, das<lb/>wissen in Deutschland doch
auch nur die literarisch gebildeten<lb/>Leute. Was sich aber das
italienische Opernpublikum dabei<lb/>denken soll und denkt, wenn es das eben
zur Hinrichtung<lb/>abgeführte irrsinnige Gretchen, in der Fülle der
Gesundheit,<lb/>in königlicher antiker Pracht, in einer paradiesischen
Gegend<lb/>seelenvergnügt umherspazieren sieht und mit der ebenfalls
in<lb/>eine Griechin verwandelten Frau Martha die fröhlichsten Ge-<lb/>sänge
singen hört, das mag der Himmel und das möchte ich<lb/>selber
wissen.<lb/>Sie besingen den Frühling und die Liebe. Die Chöre<lb/>und die
Sirenen helfen ihnen dabei. Faust ruft im Schlafe<lb/>nach Helena. Mephisto
erscheint, Faust erwacht. Er erfährt,<lb/>daß er im Reich der Fabel sei. Das
ist ihm sehr angenehm.<lb/>Er geht aber trotzdem für das Erste ab, um sich
standesmäßig<lb/>anzukleiden. Der Tanz beginnt, das behagt Mephisto
nicht.<lb/>Er geht ,gelangweilt und verwirrt von dannen, weil er,<lb/>wie er
vorher bemerkt, sich hier nicht wie unter den nordischen<lb/>Hexen des
Brockens Gehorsam zu verschaffen weiß. =- So<lb/>viel zur Erklärung für das
Publikum.<lb/>Und nun wird in möglichster GazeDurchsichtigkeit
darauf<lb/>losgetanzt und in Chören gesungen, bis Faust ,vrächtig
als<lb/>Kavalier des fünfzehnten Jahrhunderts gekleidet'? auf der<lb/>Scene
erscheint, um sich mit Helena in Liebesgesängen zu er-<lb/>gehen. Sie
preisen in kurzathmigem Wechselgesang alle<lb/>Arten von Liebe: die
delirirende, die lächelnde, die jauchzende,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0243_236.tif" n="236"/>
<p>==- ZZs -<lb/>die visionäre Liebe, lamors goeme, lamore ennrone. Was<lb/>das
bedeutet, habe ich zu meinem Bedauern nicht verstanden.<lb/>Mephisto, der
währenddeß schon eine Weile auf einer Rasen-<lb/>bank unter einem Rosenbusch
gelegen und zugehört hat, fängt<lb/>eben so wie Pantalis und Nereus
dazwischen zu singen an,<lb/>endlich kommen Helena und Faust auf denselben
Gedanken<lb/>wie in der Kerkerscene Gretchen und Faust. Sie
erinnern<lb/>sich, daß in Arkadien ein friedensvolles Thal zu finden
ist,<lb/>in welchem sie zusammen ,in der Grotte der Nymphe ihr<lb/>Nest
bauen und zum Kopfkissen das feuchte Haar der Nymphe<lb/>haben werdenr.
Darauf freuen sie sich und ,verlieren sich<lb/>Arm in Arm hinter den
blühenden Hecken. =- Ende der<lb/>klassischen Walpurgisnacht.<lb/>Abermals
große Pause. Da das Theater spät anfängt,<lb/>war es inzwischen - nach 1
geworden. Im Textbuch<lb/>steht: ,Epilog, Motto: Verweile doch, du bist so
schön! -<lb/>Faust's Tod - Faust in seinem Studirzimmer, das älter<lb/>und
verfallener aussieht. Faust sitzt in Nachdenken versunken<lb/>in seinem
Lehnstuhl, Mephistopheles steht hinter ihm u. s. w.?<lb/>u. s. w. Neue große
musikalische Einleitung vergnüglicher<lb/>Art. Man sieht nachdenklich auf
das Textbuch hin und auf<lb/>die Worte: ,Faust's Tob !? =- Nach einem
Trauermarsch<lb/>klingt die Musik durchaus nicht.<lb/>Der Vorhang geht
endlich in die Höhe und =- Alles<lb/>tanzt! Es ist Kirmeß in St. Goar! = Das
Publikum ist<lb/>im Theater weit zahlreicher geworden als während der
Oper.<lb/>Das Ballet ,die Loreley' hat begonnen.<lb/>Nun war's für uns mit
dem Faust zu Ende. Denn<lb/>sich anderthalb Stunden, von 1,, bis UF, Uhr,
ein<lb/>tragisch endendes Ballet mit sechszehn Seiten langem,
ernst-<lb/>haftem Textbuch vortanzen zu lassen, und dann noch den<lb/>Faust
sterben zu sehen, das war doch mehr, als wir mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0244_237.tif" n="237"/>
<p>==- ZZ? -<lb/>allem guten Willen zu leisten vermochten. Auch haben
unter<lb/>meinen hiesigen deutschen Freunden nur zwei das Ende der<lb/>Oper
erlebt. Der Eine, als durch einen Zufall das Ballet aus-<lb/>siel, der
Andere, ein gelehrter Musiker, aus Gewissenhaftigkeit.<lb/>Ich halte mich an
das Textbuch und finde, daß auch<lb/>der letzte Akt desselben nicht
ungeschickt gemacht ist. Der<lb/>Boito'sche Faust erschaut in einer Vision
all das, was der<lb/>Goethe'sche Faust experimentirend unternimmt. Dann
ver-<lb/>scheidet er, indem er der Vision Dauer wünscht, während
die<lb/>Chöre der Cherubim, und unter Mephisto's Leitung die Chöre<lb/>der
Sirenen ihn wechselnd an sich zu ziehen trachten; und<lb/>Mephisto geht,
,gegen die Lichtstrahlen und den Rosenregen<lb/>sich zornig wehrendr, wie
sich's gehört zu Grunde.<lb/>Im Textbuch folgen dann drei Seiten gelehrte
Noten<lb/>über den Faust, über den Hexensabbath, über das Jodeln<lb/>u. s.
w. Marlow, Widman, Henry Blaze de Bury werden<lb/>zitirt. Das macht bei
einem Opern - Textbuch einen ent-<lb/>schieden komischen Eindruck, und doch
ist es eigentlich ein<lb/>schönes Zeichen für den lobenswerthen und
achtungsvollen<lb/>Ernst, mit welchem Boito an seinen Versuch gegangen
ist<lb/>das größte Meisterwerk der deutschen Dichtung für
seine<lb/>persönlichen Zwecke zu benutzen. Man hat das also
anzu-<lb/>erkennen!<lb/>Boito hat sich's überhaupt Mühe kosten lassen mit
seiner<lb/>Arbeit. Die Oper ist zuerst vor fünf, sechs Jahren in
der<lb/>Skala aufgefüührt und durchgefallen. Er hat sie danach
gründ-<lb/>lich umgearbeitet, und Text und Musik verrathen
einen<lb/>Künstler, der Talent hat. Die Gestalt des Mephisto ist
sehr<lb/>gut durchgehalten, sowohl der Text als die Musik. Das
Er-<lb/>scheinen des grauen Mönches, die Arie ,Son lo spirito ehe<lb/>vega?
und das zbeeo il monäo ! sind sehr dem Geiste<lb/>der Tichtung angemessen;
und da der Darsteller des Mephisto,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0245_238.tif" n="238"/>
<p>= =-<lb/>wie schon gesagt, eine schöne Baßstimme hat, gut singt und<lb/>meist
gut spielt, so war die ganze Rolle von entschiedener<lb/>und großer Wirkung.
Auch die Arie, in welcher Gretchen<lb/>im Kerker ihre Leidensgeschichte
erzählt: ,l'altra notts in<lb/>kdndo äel maror bezeichnet, wie mir scheint,
den Ausdruck des<lb/>irrsinnigen Selbstgesprächs richtig genug. Sie hat sich
mir nach<lb/>einmaligem Hören eingeprägt. Doch maße ich mir über
den<lb/>musikalischen Werth der Dichtung kein Urtheil an. Deutsche
hier<lb/>verweilende Musiker von Gewicht wollen sie nicht gelten
lassen,<lb/>obschon auch sie Boito für talentvoll halten. Mir kommt vor,
als<lb/>fehle ihm noch ein rechter Glaube, und das macht in aller<lb/>Kunst
das Kunstwerk styllos. Es ist stellenweise eine Hin-<lb/>neigung zu
deutscher Musik, dann wieder ist man mitten in<lb/>neuester italienischer
Musik. Die Atmosphäre, in welcher man<lb/>gehalten wird, ist schwankend wie
der Luftton an den Tagen,<lb/>wenn nach langem Scirocco eine Tramontane
aufkommen<lb/>will. Es ist ein Nebergangsstadium, und man darf
hoffen,<lb/>daß Boito zu einer erfreulichen Klärung und
Entwicklung<lb/>seines Strebens und Könnens gelangen wird.<lb/>Die
Aufführung? - Ja, an das, was man in Paris,<lb/>in London Jtalienische Oper
nennt, und an die Zeiten, in<lb/>welchen in London die Grisi, Mario,
Lablache, die Castellani,<lb/>die Sontag zusammenwirkten und Aufführungen zu
Stande<lb/>kamen, die man nie vergessen und schwerlich ähnlich
erleben<lb/>wird, darf man gar nicht denken; aber selbst gegen die
Oper,<lb/>welche ich früher hier gehört habe und deren Primadonna<lb/>die de
Julia war, steht die jetzige weit zurück. Die Prima-<lb/>donna, eine Gestalt
und ein Kopf wie die Marie Antoinette<lb/>von Paul Delaroche, sah mit der
blonden Perrücke über den<lb/>ohnehin starken Kopf ganz unförmlich aus. Als
Gretchens<lb/>Mutter hätte man sie sich denken mögen, als das junge
un-<lb/>schuldige Gretchen war sie lächerlich. Etwas besser ging es<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 17</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0246_239.tif" n="239"/>
<p>= LII -<lb/>ihr vom Herzen, da sie als Helena älter und erfahrener
sein<lb/>durfte; aber sie ist in keinem Betracht eine Primadonna,
wie<lb/>man sie hier erwartet, und ebenso ist es mit den
Anderen<lb/>bestellt. Nur Mephisto, Signor Armando Castelmary, ist
ein<lb/>Sänger und Schauspieler, der auf jeder Opernbühne
seines<lb/>Erfolges sicher sein dürfte.<lb/>Das Orchester ist stark besetzt
und gut. Dekorationen,<lb/>Inscenesetzung und Ballet stehen sehr weit zurück
hinter dem,<lb/>was wir bei uns in der Oper zu sehen gewohnt sind.
Aber<lb/>trotz alledem war die Aufführung dieser Faust -Oper gerade<lb/>für
uns Deutsche anziehend. Wenn hier und da der Eindruck<lb/>auf uns auch ein
komischer sein mußte, ist damit Boito's<lb/>Arbeit keineswegs abgeurtheilt,
oder als eine verfehlte zu -<lb/>bezeichnen. Im Gegentheil! und ich möchte
es von Boito als<lb/>einen Akt der richtigen Selbsterkenntniß und der
gebührenden<lb/>Unterordnung unter Goethe's Genius nennen, daß er es
nicht<lb/>gewagt hat, seiner Arbeit den großen Namen ,Faust
zu<lb/>verleihen, sondern sich beschieden hat, ihr den Titel der
Ge-<lb/>stalt zu geben, die so weit als möglich in einer Oper
wieder-<lb/>zugeben ihm in der That gelungen ist.<lb/>Hiebenzeünter
Imef.<lb/>Allerlei Nachahmens werthes.<lb/>Rom, im März 1778.<lb/>Seit
vielen Wochen habe ich immer gedacht, wenn es<lb/>einmal regnen würde,
wollte ich meinen Landsleuten von<lb/>einer Vorrichtung gegen das Naßwerden
schreiben, die wir<lb/>in unserem Klima für alle unsere Kutscher und
besonders für<lb/>die Tausende von armen Droschkenkutschern dringend
nöthig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0247_240.tif" n="240"/>
<p>hätten. Aber wir haben in dem ganzen Jahre kaum ein<lb/>paar Stunden Regen
gehabt, und als man mir am S. März<lb/>von Hause geschrieben hatte, ,der
Regen prasselt bei Nordost-<lb/>wind gegen die Fenster'', dachte ich: wie
würden sich die<lb/>armen Pfefferbäume, die vor Dürre ganz kahl geworden
sind,<lb/>und all die anderen jetzt blühenden Mandel- und
Aprikosen-<lb/>bäume, und die Ulmen, Platanen, Kastanien freuen,
deren<lb/>dicke Knospen und grünschimmernde Blätter nicht recht
vor-<lb/>wärts kommen können, und wie grün und blühend würde<lb/>die
Campagne werden, wenn solch ein ordentlicher Regen<lb/>einmal zwölf Stunden
lang herniederfallen würde.<lb/>Eigentlich sind der November und der März
hier die<lb/>Regenmonate, und es heißt vom März: guanco marro
won<lb/>marreggis o'ö aprils ebe ei pensa. (Wenn der März
nichtordentlich<lb/>März macht, trägt der April es nach. Aber der
Rovember<lb/>war sehr warm und hell, und seit dem . Februar, wo
es<lb/>einige Stunden regnete, haben wir unausgesett das
herrlichste<lb/>Sommerwetter gehabt. Hier zu Lande fürchten die
Menschen<lb/>für sich den Regen. Sie sagen, er erzeuge das
Fieber,<lb/>namentlich wenn es vorher warm und dürr gewesen ist, und<lb/>es
wird daran sicher etwas Wahres sein. Sie gehen denn<lb/>auch im Regen so
wenig als nur möglich aus, und sind sie<lb/>dazu durchaus genöthigt, so
vermeiden sie es weit ängstlicher<lb/>als wir, ,ein bischen naß zu
werden?.<lb/>Das hat es denn auch im Gefolge, daß man für die<lb/>Kutscher
eben die Regenschirme an jedem Wagen befestigt<lb/>findet, von denen ich
Ihnen sprechen wollte, und die sie bei<lb/>uns noch weit mehr brauchen
könnten. Vorn an der Mitte<lb/>des Kutschersitzes findet sich hier bei jedem
Fiaker und bei<lb/>vielen der herrschaftlichen Wagen ein hölzener Cylinder
ange-<lb/>bracht, oben und unten mit Messing beschlagen, in welchem<lb/>der
obere Theil eines sehr großen Regenschirmes steckt. Bei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0248_241.tif" n="241"/>
<p>ZPP --=<lb/>dem ersten Tropfen, der vom Himmel fällt, zieht der
Kutscher<lb/>dieses Schirmdach heraus, steckt es auf den Cylinder, mit
dem<lb/>zusammen es die nöthige Höhe bildet, und er und ein
Diener<lb/>sitzen dann unter diesem Dache völlig gegen die Unbill'
des<lb/>Wetters geschützt, während die Insassen des Wagens all'
das<lb/>Mitleid sparen, dessen man sich bei uns im Norden, wenn<lb/>man
nicht unbarmherzig ist, mit den armen naßwerdenden<lb/>Leuten nicht zu
erwehren vermag, ohne ihnen helfen zu können.<lb/>Ja, bei der Mehrzahl der
Fiaker, bei den sogenannten botte,<lb/>ist der Kutscher reichlich so gut
daran, als sein Fahrgast, denn<lb/>die botto ist ein halb zu verdeckender
muschelförmiger, zwei-<lb/>sitziger Wagen, an den Seiten völlig offen, so
daß man um<lb/>die Füüßße und Kniee dem Winde ganz preisgegeben ist,
wenn<lb/>man sie nicht eigens decken läßt. Manche haben dazu
nicht<lb/>einmal eine Vorrichtung, und ein gut Theil der hier
vor-<lb/>kommenden Erkältungen ist gewiß diesen nur auf schönes,<lb/>heißes
Wetter eingerichteten, unseligen botte zuzuschreiben.<lb/>Es giebt daneben
allerdings vortreffliche und gar nicht theure<lb/>Koupees und Landauer, aber
man findet diese nur auf dem<lb/>spanischen Plate, und ist also meist auf
die botts angewiesen.<lb/>Um aber auf die Regenschirme zurückzukommen, so
meine<lb/>ich, wer so wie ich in Berlin seit 1 Jahren einen
Droschken-<lb/>halteplat gegenüber seinen Fenstern vor Augen gehabt
hat,<lb/>und es die langen, langen harten und traurigen sechs
Winter-<lb/>monate hindurch also oftmals gesehen hat, wie die armen
Kutscher<lb/>unter des Winters Unbill leiden; wer von den Aerzten
gehört<lb/>hat, wie grade diese Leute von Rheumatismen geplagt
werden,<lb/>der muß wirklich wünschen, daß die Behörden, welche
das<lb/>öffentliche Fuhrwesen beaufsichtigen, einem Jeglichen,
der<lb/>Fuhrwerk aufstellt, die Pflicht auferlegen, einen solchen
Regen-<lb/>schirm an seinen Wagen zu befestigen, dessen Beschaffung
und<lb/>Erhaltung nicht theuer sein können. Die Personen, welche -<lb/>F. Le
wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0249_242.tif" n="242"/>
<p>=- ZgZ -<lb/>eigenes Fuhrwerk und Luxusfuhrwerk halten, hätten ja für<lb/>ihr
Theil auch ihr besonderes Interesse daran und würden<lb/>schon für sich
selber sorgen.<lb/>Im Ganzen ist hier aber überhaupt nach allen
Seiten<lb/>hin, in den wenigen Jahren, welche seit der Errichtung
des<lb/>Königreichs verflossen sind, so viel. Nützliches geschehen,
daß<lb/>man eigentlich jeden Brief, in welchem man über die
hiesigen<lb/>Zustände etwas nach Hause schreibt, mit der Neberschrist
,Jett<lb/>und Einst! versehen müßte, die ich schon auf zwei
meiner<lb/>Briefe gesettt habe.<lb/>Das ist mir neulich wieder lebhaft
eingefallen, als ich<lb/>Abends mit einem Freunde eine Stunde in der
Bibliotses<lb/>Rttorio Kmmunusle gewesen bin. Sie Lefindet sich an
der<lb/>rechten Seite des Korso, in der ehemaligen Lehranstalt
der<lb/>Jesuiten, in dem Vollegio Komao, in welchem sich neben<lb/>anderen
Anstalten auch das alte, von dem deutschen Jesuiten<lb/>Athanasius Kirchner
im siebenzehnten Jahrhundert gegründete<lb/>Bluseo Kirehneriano befindet.
Allerdings hat die hiesige<lb/>Regierung es mit der Errichtung von Schulen,
Bibliotheken<lb/>und ähnlichen Anstalten insofern leichter als
andere<lb/>Regierungen, da sie durch die Aufhebung der Klöster über<lb/>eine
bedeutende Anzahl großartigster Baulichkeiten verfügt,<lb/>und so mit
verhältnißmäßig geringem Umbau und Kosten-<lb/>aufwand nicht um die
Unterbringung derartiger Institute<lb/>verlegen zu sein braucht.<lb/>Die
Libliotses sittorio bwmswuels nun ist eine Anstalt,<lb/>die in keiner
größeren Stadt, und namentlich in einer Stadt<lb/>wie Berlin durchaus nicht,
fehlen dürfte. Den Stamm zu<lb/>derselben lieferten die 880 Bände und die
I00 Handschriften<lb/>des Collsgio Kowsno. Die Bibliotheken verschiedener
anderer<lb/>Klöster wurden damit vereinigt,und so eine Büchersammlung
von<lb/>15000 Bänden und mehreren Tausend Handschriften geschaffen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0250_243.tif" n="243"/>
<p>-== ZIZ =<lb/>die in freiester Weise dem Publikum zur Benutzung
offen<lb/>steht. Morgens von R bis 3 Ühr kann man in dem großen,<lb/>schön
eingerichteten und hellen Lesesaal der Bibliothek ohne<lb/>weitere
Präsentation oder Empfehlung jedes in der Bibliothek<lb/>vorhandene Buch
erhalten. Was man in den Abendstunden<lb/>von S bis 1 Uhr zu haben wünscht,
das muß man während<lb/>der Tagesstunden mittels eines eingereichten Zettels
für sich<lb/>begehren, denn die Bibliothek selber ist Abends
geschlossen<lb/>und nur der Lesesaal bleibt geöffnet.<lb/>Als wir zwischen S
bis Ühr Abends in demselben<lb/>anlangten, war der lange, große und hohe
Saal, ein Neubau<lb/>mit basilikenartiger Decke, aber nicht eben elegant
oder<lb/>künstlerisch eingerichtet, an allen seinen Tischen dicht
besetzt.<lb/>Er ist so hell erleuchtet, daß man an jedem der in
demselben<lb/>befindlichen zweiundsiebenzig, mit dem nöthigen Geräth
ver-<lb/>sehenen Schreibpulte in aller Bequemlichkeit arbeiten kann.<lb/>Auf
großen Lesetischen liegt eine reiche Anzahl von Zeitungen,<lb/>Monatsheften,
Broschüren u. s. w. in den verschiedenen lebenden<lb/>Sprachen zur Auswahl
bereit. Der auch am Abende anwesende<lb/>Sekretär des Instituts, Ir.
Pasqualucci, den ich schon früher<lb/>in Gesellschaft hatte kennen lernen,
machte mich freundlich<lb/>darauf aufmerksam, daß neuere Literatur
wesentlich berücksichtigt<lb/>werde und die deutsche Sprache nicht zu kurz
dabei komme;<lb/>wie ich denn überhaupt zu meiner Freude auch hier in
Rom<lb/>die Bemerkung mache, daß unsere schöne Sprache mehr und<lb/>mehr
gelernt wird, daß in den Familien der vornehmen Welt<lb/>die deutsche
Erzieherin vielfach die französische Gouvernante<lb/>ersetzt, und durch die
stillen deutschen Frauen eine friedliche<lb/>Eroberung für das deutsche
Wesen in aller Ruhe, sicherlich<lb/>nicht zum Nachtheil der Jtaliener,
vollzogen wird.<lb/>Was in Städten wie Köln und wie Berlin, in
einem<lb/>Klima und in einem Lande mit so langen Abenden wie
die<lb/>;e<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0251_244.tif" n="244"/>
<p>=- ZIg -<lb/>unseren, für Hunderte und Hunderte von Menschen damit
ge-<lb/>wonnen und geleistet würde, wenn sie von ihren Geschäften,<lb/>von
ihrer Arbeit und ihrem Nachtessen kommend, für die späten<lb/>Abendstunden
ein solches warmes, helles, wohlversorgtes Lese-<lb/>und Schreibzimmer für
sich unentgeltlich geöffnet fänden, das<lb/>brauche ich nicht erst
auseinander zu setzen. Den Frauen stehen<lb/>der Emtritt und die Benutzung
der Bibliothek in ganz gleicher<lb/>Weise wie den Männern frei; doch waren
an dem Abende<lb/>nur Männer, alle tief in ihre Beschäftigung versenkt, in
der-<lb/>selben anwesend.<lb/>In einem andern, nicht weit davon entfernten
ehemaligen<lb/>Kloster, in dem auf Monte Eitorio, dicht neben dem
jetigen<lb/>Parlamentsgebäude gelegenen Missionshause, hat die Stadt
eine<lb/>Schule und Erwerbsschule für Frauen eingerichtet, der
eike<lb/>Inspektorin vorsteht und der eine Anzahl von Frauen aus<lb/>den
gebildetsten Ständen, wie die Frau des Senators und<lb/>Historikers Michael
Amani, wie die Tochter Manzoni'su.s.wg,<lb/>ihre beaufsichtigende Theilnahme
angedeihen lassen.<lb/>Die Schule hat in dem obersten Stockwerk des
ungemein<lb/>umfangreichen Baues ihr Unterkommen gefunden. In dem<lb/>großen
Flur, in den Seitengebäuden und in den unteren<lb/>Stockwerken arbeiteten
und hämmerten Handwerker aller Art,<lb/>denn es soll auch noch anderen
Anstalten in diesem Missions-<lb/>hause ihr Platz vorbereitet werden. Es ist
eben überall Arbeit<lb/>und Fortschritt zu merken.<lb/>Die Erwerbschule, die
ganz in der Weise, wie die unseren<lb/>und die von Madame Jules Simon vor
Jahren in Paris<lb/>begründeten organisirt ist, wurde vor vierzehn Monaten
mit<lb/>fünf Schülerinnen eröffnet und zählt jetzt deren
zweihundert-<lb/>fünfundzwanzig im Alter von zehn Jahren bis hoch in
die<lb/>Zwanzig hinauf. Kinder und nicht mehr junge Personen lernen,<lb/>wie
das unter den hiesigen Verhältnissen begreiflich ist,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0252_245.tif" n="245"/>
<p>- ZIH -=<lb/>gelegentlich zusammen Lesen, Schreiben, Rechnen. Man
lehrt<lb/>in verschiedenen Klassen Geographie, Französisch,
Buchführung,<lb/>so weit sie für den kleinen kaufmännischen Betrieb nöthig
ist,<lb/>Zeichnen und Handarbeiten aller Art. Ich habe die Zimmer<lb/>für
Wäschenähen, Weißstickerei, Passementerie- und Woll-
und<lb/>Seidehäkelarbeiten, für Blumenmachen, Spitzenklöppeln,
Hand-<lb/>schuhmachen und Schneiderei, eben so die Zeichensäle der
beiden<lb/>verschiedenen Klassen, mit der Vorsteherin besucht und
bin<lb/>überrascht gewesen über das, was man nach so kurzer
Lehrzeit<lb/>hier bereits zu leisten vermag. Es läßt auf eine große,
natür-<lb/>liche Anlage, auf viel angeborene Handgeschicklichkeit unter
den<lb/>Frauen schließen, und die Lehrerinnen und der junge
Zeichen-<lb/>lehrer bestätigten mir das. Natürlich darf man bei
solchem<lb/>Urtheil nicht nach einzelnen ungewöhnlichen Talenten
urtheilen,<lb/>denn in der ersten Zeichenklasse sah ich z. B. ein Mädchen
von<lb/>1 bis 1 Jahren, das erst seit einem Jahr Unterricht hatte,<lb/>und
mit großem Geschick den Kopf einer ihrer Gefährtinnen<lb/>in Kreide
zeichnete. Aber was man im Durchschnitt im<lb/>Blumenmachen nach der Natur,
im Weißsticken, im Anfertigen<lb/>der sogenannten alten spanischen
Klosterspitzen leistet, die hier<lb/>sonst wirklich in den Klöstern zum
Schmuck der Altardecken<lb/>und Gewänder viel gearbeitet wurden, war sehr
anerkennens-<lb/>werth. Ein Theil der Schülerinnen wird umsonst, der
andere<lb/>Theil gegen ein sehr mäßiges Schulgeld unterrichtet, und
es<lb/>ist zu wünschen, daß, wie die Zahl der Schulen und
der<lb/>Kinderbewahranstalten hier zugenommen hat, auch die Zahl<lb/>der
Erwerbschulen für die Frauen wachsen möge. Denn auf<lb/>der Erwerbsfähigkeit
der Frauen, welche ihnen Zutrauen zu<lb/>sich selbst, und mit diesem
Zutrauen auch Achtung ihrer selbst<lb/>giebt, beruht ein großer Thheil der
Lösung jener Frage, welche<lb/>der nicht genug zu segnende ,ßerein zur
Hebung der öffent-<lb/>lichen Moral'', der im September in Genf getagt, sich
zur<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0253_246.tif" n="246"/>
<p>== ZIs -<lb/>Aufgabe gestellt hat. Das Wohl und Wehe der Nationen,<lb/>ihr
Emporkommmnen und Zugrundegehen, hängen nach meiner<lb/>festesten
Neberzeugung zum großen Theil von dem sittlichen<lb/>Werth ihrer Frauen
ab.<lb/>Eine derartige Erkenntniß hat man aber offenbar auch<lb/>hier. Man
nimmt sich der Bildung der Frauen vielfach an.<lb/>Jtalien hat noch eine
überwiegend große Anzahl bigotter,<lb/>unter dem gewiß oft sehr bedenklichen
Einfluß der Priester<lb/>stehenden Frauen, und die Unsitte des einst völlig
durch die<lb/>Gewohnheit geheiligten und geregelten Eicisbeats wirft
ihren<lb/>dunklen verwirrenden Schatten auch noch in unseren Tagen,<lb/>mehr
als vielleicht anderwärts, über das Familienleben in<lb/>gewissen Kreisen.
Aber daneben hat es dem Lande nie an<lb/>Frauen gefehlt, die als Gattinnen,
als Mütter, als begeisterte<lb/>Vertreterinnen der hingebenden
Vaterlandsliebe gelten konnten,<lb/>und seit den Zeiten, in welchen die
Wissenschaft und die Kunst<lb/>in Jtalien neu erblühten, haben sich einzelne
Frauen auf den<lb/>Lehrstühlen der Universitäten, in der Poesie, in der
Literatur,<lb/>in der Malerei, den Männern nachstrebend an die Seite
zu<lb/>setzen vermocht. Vittoria Colonna, die edle Freundin
Michel<lb/>Angelo's, hat nicht vereinzelt dagestanden. Es hat
Dichterinnen,<lb/>Improvisatorinnen gegeben, die man der Krönung auf
dem<lb/>Kapitol würdig erachtet hat. Ich selber habe einer solchen<lb/>hier
im Jahre 146 beigewohnt, und in Padua befindet sich<lb/>eine in ihrer Art
vielleicht einzige Bibliothek, die von einem<lb/>Grafen Ferri dort
zusammengebracht, ein paar Tausend Bände<lb/>stark, sich nur aus Werken von
Frauen zusammensetzt.<lb/>Auch die aus Kunstfreunden bestehenden freien
Akademieen<lb/>zählen Frauen zu ihren Mitgliedern. Erst ganz
neuerdings<lb/>hat man ein junges Mädchen, das ein hübsches Sonett auf
oder<lb/>an die Madonna gemacht hat, in eine dieser Akademieen
auf-<lb/>genommen. Derlei will vielleicht nicht viel bedeuten, ist
aber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0254_247.tif" n="247"/>
<p>= ZI? -<lb/>doch als Anerkenntniß der Gleichberechtigung der
Geschlechter<lb/>lobenswerth.<lb/>Nun hat man daneben auch hier angefangen,
die geistige<lb/>Bildung, welche sonst nur einigen wenigen bevorzugten
Frauen<lb/>zzu Theil ward, auf weitere Bereiche auszudehnen und
eine<lb/>praktische Bildung damit zu verbinden. Man leistet
darin<lb/>natürlich nicht mehr, sondern vorläufig noch weniger als
bei<lb/>uns; aber es ist hier dennoch mehr und anerkennenswerther,<lb/>weil
unter der päpstlichen Herrschaft Nichts der Art geschehen<lb/>war und man
völlig unworbereiteten Boden vorfand. Man<lb/>hat Kinderbewahranstalten und
Fröbel'sche Kindergärten ein-<lb/>gerichtet, für die man sich erst die
Lehrerinnen zu schaffen und<lb/>heranzubilden hatte, was zum Theil in
Deutschland geschah,<lb/>wohin die Regierung und verschiedene Vereine junge
Jtaliene-<lb/>rinnen geschickt hatten.<lb/>Einen der ersten Kindergärten hat
der jetige Präsident<lb/>der Deputirtenkammer, Cairoli, zur Erinnerung an
seine<lb/>Mutter, Adelaide Cairoli, eröffnet, deren Namen die in
der<lb/>Nähe des Kapitols gelegene Schule trägt. Die Gräfin Cairoli<lb/>war
eine der Frauen, deren Name mit der Erhebung und<lb/>Befreiung Jtaliens
unvergeßbar verbunden ist. Alle ihre<lb/>vier Söhne fochten in den Reihen
der italienischen Revolutions-<lb/>partei. Drei von ihnen hat sie auf den
verschiedenen Schlacht-<lb/>feldern verloren, nur der mit Wunden bedeckte
jetzige Minister-<lb/>Präsident hat sie überlebt.<lb/>Es war nach der
Einigung der verschiedenen italienischen<lb/>Staaten, vor Allem hier in Rom,
eben Alles neu zu schaffen.<lb/>Man hatte weltliche Mädchenschulen statt der
Klosterschulen<lb/>einzuführen, und hat jetzt in den lettten Jahren bereits
in den<lb/>sogenamnten Seuole superiors kemminile in den
Fortbildungs-<lb/>anstalten für die Frauen, eine Reihe
zusammenhängender<lb/>wissenschaftlicher Vorlesungen veranlaßt, die zu
halten sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0255_248.tif" n="248"/>
<p>= ZF -<lb/>eben wie bei uns Männer von Ruf und großer Bedeutung,<lb/>ein De
Sanctis, Bonghi u. s. w., haben bereit finden lassen.<lb/>Sie werden
zahlreich besucht, sind vielfach gewiß sehr anziehend,<lb/>werden aber eben
so wie bei uns nichts Wesentliches nützen.<lb/>Alle diese Lyceen, Senole
superore u. s. w. helfen dem Grund-<lb/>fehler der Frauenerziehung, der
Oberflächlichkeit und Halbheit<lb/>des Wissens, nicht ab, sondern steigern
sie, wie sie die Ein-<lb/>bildung und Selbstüberschätung ihres Wissens in
den Frauen<lb/>steigern. So lange wir nicht ordentliche Realschulen
für<lb/>Mädchen, völlig gleich eingerichtet wie die für die
Knaben,<lb/>haben, bleiben alle diese sogenannten
Fortbildungsschulen<lb/>Halbheiten. Sie sind unschädliche, aber dem
Kardinalfehler<lb/>der Frauenerziehung durchaus nicht abhelfende
Untermh-<lb/>mungen. Ich weiß, daß ich mit diesem Ausspruch
Anstoß<lb/>errege, weiß aber auch, daß er kein ungerechter ist.<lb/>Wenn ich
in diesem Briefe nun anerkenne, was die<lb/>Jtaliener Gutes mit uns
gemeinsam, was sie hier und da<lb/>vor uns voraus haben, was wir von ihnen
annehmen und<lb/>brauchen könnten, so hätten sie sich doch noch viel mehr
Nütz-<lb/>liches und Zweckmäßiges von uns anzueignen. Dahin rechne<lb/>ich
hier in Rom in erster Reihe einen ordentlichen Wohnungs-<lb/>Anzeiger, wie
ihn bei uns jede Stadt von irgend welcher<lb/>Bedeutung besityt. Es existirt
hier etwas Derartiges, der<lb/>Guiäa Cowmereiale, ossia oltrs 10 000
Tnäiearioni. Das Buch<lb/>ist aber so unvollständig, daß es Mühe kostet,
selbst von<lb/>Beamten, von Militärs und anderen angesehenen Leuten die
-<lb/>Wohnung zu ermitteln.<lb/>Wenn man dann mitunter in den Zeitungen
liest, wie<lb/>das Munizipium diese oder jene zu Ehren eines
berühmten<lb/>Gestorbenen gehaltene Rede auf Kosten der Stadt hat
drucken<lb/>lassen, so findet man das natürlich sehr vortrefflich;
aber<lb/>man kann sich doch dabei des Gedankens nicht entschlagen:<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 18</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0256_249.tif" n="249"/>
<p>=- Zgß -==<lb/>ließen sie doch lieber erst einen Wohnungs-Anzeiger
drucken<lb/>und in das Publikum bringen!<lb/>Das alte Utalia ba molto äa
kare, ma karü da ss!<lb/>(Jtalien hat noch viel zu thun, aber es wird Alles
aus sich<lb/>selber heraus erzeugen, das man 1866 und 18? immer zu<lb/>hören
bekam, hört man auch heute noch und mit erprobterem<lb/>Recht aussprechen,
denn es ist recht viel geschehen. Aber<lb/>wenn sie einen Wohnungs-Anzeiger
machen wollten, das wäre<lb/>wirklich eine Wohlthat in einer Stadt von 10000
Ein-<lb/>wohnern und so und so viel Tausenden von Fremden. Be-<lb/>kommen
werden sie ihn - indeß was hilft das uns armen<lb/>kurzlebigen und noch
kürzere Zeit hier verweilenden Menschen,<lb/>die wir jettt oft zwei, drei
Billete schreiben und herumschicken<lb/>müssen, um zu erfahren, daß Jemand,
dem wir empfohlen<lb/>sind, dicht neben unserer Thüre wohnt. Rom zu
schelten, fällt<lb/>mir aber trotzdem gar nicht ein; denn es ist eben
Rom!<lb/>Und das sagt Alles für jeden, der einmal so glücklich war,
es<lb/>zu bewohnen.<lb/>Tss»Knk== N<lb/>ö-p-ng ==-b-o =oMs,<lb/>Wie die
Jinge sich hier machen.<lb/>Rom, im April 178.<lb/>Was mich an den hießgen
Zuständen immer auf das<lb/>Neue überrascht, ist, daß sie den Eingebornen,
den Jtalienern<lb/>selber, weniger auffallend und keineswegs so
unvereinbar<lb/>dünken, als den Fremden, daß sie sie für ausgleichbar
halten.<lb/>Läßt man es sich dann beikommen, sie um eine Erklärung<lb/>zu
bitten, so erhält man in der Regel einen Bescheid, der -<lb/>nach unserem
Ermessen -= auf eine Halbheit hinausläuft<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0257_250.tif" n="250"/>
<p>= ZJg -<lb/>während die Eingebornen sich damit, wie es scheint, sehr
gut<lb/>in das Gleiche zu setzen wissen.<lb/>Das tritt mir immer sehr
deutlich, auch in Bezug auf<lb/>die Klöster und die Nonnen und Mönche,
entgegen. Seit<lb/>der Errichtung des Königreiches Jtalien, mit der Residenz
in<lb/>der Hauptstadt Rom, sind natürlich auch hier, wie früher<lb/>schon im
übrigen Jtalien, die Klöster aufgehoben, und man<lb/>kann sich hier sehr
bald überzeugen, wie vielfach die Landes-<lb/>regierung die alten Klöster
für ihre Zwecke benutzt. Sie<lb/>hat sie, wie berichtet, zu Bibliotheken, zu
Schulen, zu<lb/>MinisteralGebäuden umgebaut und eingerichtet, und z.
B.<lb/>in dem ehemaligen Missions - Gebäude auch dem hiesigen<lb/>Verein der
Presse ein schönes Lokal überlassen, in welchem<lb/>derselbe schon in den
nächsten Tagen seinen feierlichen EinzuF<lb/>halten und einen sehr würdigen
Versammlungsort damit<lb/>gewinnen wird.<lb/>Obschon nun die Klöster nicht
mehr bestehen, ist Rom<lb/>eben so voll von Nonnen und Mönchen aller Orden
als vor-<lb/>dem, und der Fremde fragt verwundert: wo kommen denn,<lb/>wenn
die Klöster aufgehoben sind, alle diese Nonnen, diese<lb/>Mönche, alle diese
Kapuziner, Dominikaner, Jesuiten her?<lb/>Wo wohnen, wo leben, was thun sie
hier? = Was thun<lb/>die Nonnen hier? =- Die Antwort, die er darauf erhält,
ist<lb/>eigenartig.<lb/>Was zuerst die Nonnen anbetrifft, sind unter anderen
die<lb/>französischen Nonnen in dem Erziehungskloster auf Trinitd<lb/>di
Monte mit ihrer großen Zahl von Schülerinnen heute noch<lb/>in dem Kloster
wie vordem. Den Anderen hat man meistens<lb/>erlaubt in ihren Häusern
auszusterben, wenn sie nicht gewillt<lb/>gewesen sind dieselben zu
verlassen, oder wenn man diese<lb/>Häuser nicht für die Zwecke des Staates
nöthig gehabt hat.<lb/>Es wäre ja grausam gewesen, diese weltfremden, zum
Theil<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0258_251.tif" n="251"/>
<p>= ZH! -==<lb/>alten Personen in die Welt hinauszustoßen; und wo sie
in<lb/>ihren Klöstern sitzen bleiben wollten, hat man sich mit
ihnen<lb/>abzufinden gesucht. Auf dem Viminal baut man zum
Beispiel<lb/>gegenwärtig ein physikalisches und chemisches
Laboratorium,<lb/>auf dem Grund und Boden und in den Mauern eines
Nonnen-<lb/>klosters. Die Aebtissin erklärte, als man sie von dem
Vor-<lb/>haben in Kenntniß setzte, nicht weichen zu wollen. Man
fing<lb/>trotzdem in dem entlegensten Flügel abzubrechen an.
Der<lb/>Direktor des Laboratoriums, Professor Blaserna, verhandelte<lb/>mit
der Aebtissin. Man kam zu keiner Verständigung. Die<lb/>Kurie protestirte in
feierlichem Akte. Man legte den feierlichen<lb/>Akt aä aeta, und brach
weiter ab, so weit man's nöthig hatte.<lb/>Die Nonnen zogen sich in einen
Flügel zurück, den man ent-<lb/>behren, den man ihnen stehen lassen konnte,
und das Labo-<lb/>ratorium wächst vorn nach der Straße stattlich in die
Höhe;<lb/>und hinten in dem Hofe bleiben die Nonnen ruhig siten.<lb/>Man hat
sich nebeneinander eingerichtet und verträgt sich mit<lb/>einander.<lb/>In
dem größten hiesigen Hospitale, um ein weiteres Bei-<lb/>spiel anzuführen,
in dem zwischen der Engelsburg und dem<lb/>Petersplatze gelegenen Hospitale
von San Spirito, das ein<lb/>Stadtviertel einnimmt, ist die medizinische
Klinik eingerichtet.<lb/>Aber neben den Studirenden und den von der
Universität ein-<lb/>gesetzten Krankenwärtern sind auch, wie man mir sagt,
die<lb/>barmherzigen Brüder und Schwestern dort noch thätig -- und<lb/>San
Spirito nimmt viele Kräfte in Anspruch, denn es ist<lb/>vielleicht das
reichste Hospital der Welt und hat große Leistungen<lb/>zu erfüllen. Da
zwischen Rom und Neapel kein Ort existirt,<lb/>der ein nennenswerthes
Krankenhaus hat, so werden die sämmt-<lb/>lichen Kranken aus der Campagna
nach San Spirito gebracht,<lb/>wenn man mit ihnen Nichts weiter anzufangen
weiß, und den<lb/>Statuten nach muß das Krankenhaus sie aufnehmen.
Aerzte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0259_252.tif" n="252"/>
<p>=- ZH! -<lb/>mit denen ich über die Sterblichkeits-abellen in den
Zeitungen<lb/>und über den hohen Prozentsatz der römischen Todesfälle
sprach,<lb/>meinten dabei die Anzahl von Todesfällen in Abzug bringen<lb/>zu
müssen, die man eben durch die von auswärts kommenden<lb/>und immer schwer
Erkrankten in San Spirito in Rom zu ver-<lb/>zeichnen habe. - Indeß das ist
hier Nebensache. Es handelt<lb/>sich in diesem Falle nur um das
Zusammenwirken von den<lb/>beibehaltenen Geistlichen neben den Laien. - Man
ist nicht<lb/>rigoristisch hier. Winckelmann könnte jett mit gleichem
Recht<lb/>wie damals sagen: ,Denn dieses ist ein Land der
Mensch-<lb/>lichkeit!r<lb/>Aber ist denn die Aufnahme neuer Mönche
verboten?<lb/>fragten wir ein andermal. Die Antwort lautet: Wie Sie
has<lb/>nehmen wollen! Ja! und nein! Der Staat erkennt allerdings<lb/>die
Orden nicht mehr als zu Recht bestehende Gemeinschaften<lb/>an; aber so
wenig als er Sie und mich, oder irgend welche<lb/>Engländer, Japanesen oder
Chinesen, hindern würde, gemein-<lb/>sam ein Haus zu miethen, in demselben
nach verabredeter<lb/>Weise in Gemeinschaft zu leben und sich nach
beliebiger Weise<lb/>gemeinsam zu kleiden, so wenig wehrt er es den Orden,
dies<lb/>zu thun. Die Jesuiten haben, seit man ihnen die Klöster
ge-<lb/>nommen, hier und aller Orts wieder Häuser gekauft und<lb/>kaufen
deren noch, in denen sie sich niederlassen; und dies ist<lb/>um so
natürlicher, als die Propaganda noch in ihren Händen<lb/>ist und bleiben
muß. Man hindert sie also daran ganz und<lb/>gar nicht.<lb/>Ebenso ist es
mit den französischen Karthäusern zu San<lb/>Paolo alle Tre Fontane. Sie
haben das Kloster und die<lb/>Kirche von San Paolo alle Tre Fontane, das
einige Miglien<lb/>von Rom in einem der ungesundesten und deshalb
verlassensten<lb/>Theile der Campagna gelegen ist, in den letzten Jahren
der<lb/>weltlichen Papstherrschaft bezogen, und sie sind heut' noch
dort.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0260_253.tif" n="253"/>
<p>-= ZZZ -<lb/>Sie hatten das, um des Fiebers willen gar nicht mehr
bewohnte<lb/>Kloster übernommen, hatten dort den Eukalypthus-Baum,
der<lb/>noch mehr als alle anderen Baumarten für Fieber bannend<lb/>gilt, in
größeren Massen anzupflanzen begonnen, hatten über-<lb/>haupt den Boden zu
kultiviren, den jett sehr beliebten Euka-<lb/>lypthus-Liqueur, nach Weise
des Chartereuse, zu fabriziren<lb/>angefangen, und sie sitzen heute noch
dort und pflanzen<lb/>Eukalypthus, fabriziren Ligueur und treiben Gartenbau.
-<lb/>Die Klosterländereien sind 17 zu Spottpreisen verkauft. Die<lb/>Mönche
haben das Kloster jetzt zur Miethe, haben die Ländereien<lb/>von den
gegenwärtigen Besitzern derselben billig gepachtet und<lb/>existiren
als,AgrikulturGesellschaft'' friedlich in Gottes Namen<lb/>weiter fort, wie
der liebenswürdige Pater, der uns dort her-<lb/>umführte, es gegen mich
aussprach.<lb/>Man kann hier, wie gesagt, keinen Schritt aus dem
Hause<lb/>thun, ohne von solchen Gegensätzen betroffen zu werden,
und<lb/>alle bedeutenden Ereignisse bringen sie doppelt auffallend
zur<lb/>Erscheinung.<lb/>Als der König gestorben war, hatten die Behörden
lange<lb/>Verhandlungen mit der Kurie nöthig, ehe es möglich wurde,<lb/>dem
Landesherrn in seiner Hauptstadt in dem Pantheon die<lb/>Grabstätte zu
gewinnen, in welchem die Nation ihren König<lb/>beerdigt zu sehen verlangte.
Und als man sich endlich darüber<lb/>verständigt hatte, verweigerte der
gefangene Papst dem Landes-<lb/>herrn das ihm gebührende Geleit durch die
hohe Geistlichkeit<lb/>des Landes. Nur der Pfarrer des Kirchsprengels, zu
welchem<lb/>der Quirinalpalast gehört, ging dem Sarge Victor
Emanuel's<lb/>voran. - Als dann aber einen Monat später der Papst
ge-<lb/>storben war, forderte der ihn vertretende Klerus zur
Aufrecht-<lb/>erhaltung der Ordnung auf dem Petersplatze - und es
war<lb/>gar kein Auflauf und gar kein gefährlicher Andrang dort
zu<lb/>merken - die Soldaten des Königs, die Truppen des nicht-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0261_254.tif" n="254"/>
<p>= ZJ -<lb/>anerkannten Königreichs Jtalien, und sie wurden
augenblicklie<lb/>dorthin abgesendet.<lb/>Jtalienische Infanterie war in die
Peterskirche kommandirt,<lb/>als der Leichnam des Papstes dort zur Verehrung
in einer<lb/>der Kapellen ausgestellt war. -- Jtalienische
Infanterie<lb/>bivouakirte Tag und Nacht in voller Kriegsausrüstung
unter<lb/>der linken Kolonade vor der Peterskirche, um das Konklave<lb/>vor
jeder Störung zu bewahren; und Niemand schien daran<lb/>zu denken, daß der
Staat nach den Garantiegesetzen der Kirche<lb/>hatte gewähren müssen, was
der Gefangene im Vatikan, das<lb/>Oberhaupt der Kirche, dem Staate zu
verweigern sich berechtigt<lb/>gehalten, und die Freiheit gehabt
hatte.<lb/>Als an dem Tage der Papstwahl die Nachricht um Mittag<lb/>sich in
der Stadt verbreitete, daß ,der Papst gemacht serh<lb/>fuhr ich aus Neugier
nach dem Petersplate hinunter. Auf<lb/>dem Wege dorthin fiel mir gegenüber
der Engelsbrücke, an<lb/>dem Plate, auf welchem einst Beatrice Cenci
hingerichtet<lb/>worden war, ein neu gebautes Haus auf, das ich sonst
unbe-<lb/>achtet gelassen hatte. Cbiesa ebristiana libero - (Freie
christ-<lb/>liche Kirches stand mit großen Lettern in italienischer
Sprache<lb/>über dem Erdgeschoß des Hauses zu lesen. Auf dem Wege<lb/>zu der
Peterskirche machte mir das einen ganz besonderen<lb/>Eindruck; obschon ja
überall. solche Gegensätze in den Grund-<lb/>anschauungen der Menschen
vorzufinden sind.<lb/>Der Glaube Derjenigen, welche nach Lourdes
wallfahrten<lb/>--- hier in den Vatikanischen Gärten hatte Pius lK. in
fast<lb/>kindischem Spiel sich eine genaue Nachbildung der
kleinen<lb/>Grotte von Lourdes und des wunderthätigen
Madonnenbildes<lb/>herrichten lassen - der Glaube also Derjenigen, welche
nach<lb/>Lourdes wallfahrten, und die Erkenntniß jener Anderen, die<lb/>mit
allem Glauben zu brechen sich gezwungen fühlen, stehen<lb/>sich in unseren
Tagen überall vielfach gegenüber. Hier aber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0262_255.tif" n="255"/>
<p>== LHH -<lb/>kennzeichnet sich das Alles noch weit plastischer als
anderwärts.<lb/>Jenseits des Tiber versammelte sich in jenen Tagen,
von<lb/>italienischen Soldaten beschützt, im Vatikan bei
vernagelten<lb/>Fenstern und vermauerten Thüren das Konklave, um
den<lb/>unfehlbaren Papst zu erwählen, den geistlichen Beherrscher
der<lb/>christkatholischen Welt, den geistlichen Herrn auch des
italie-<lb/>nischen Volkes in seiner weitaus größten Mehrheit.
Diesseits<lb/>des Tiber, im Teatro Correa aber, zwischen der Via
del<lb/>Babuino und dem Corso, in dem als Eircus für Kunstreiter<lb/>und
Seiltänzer dienenden Mausoleum des Augustus, ver-<lb/>sammelten sich in
derselben Zeit die ,Freidenker'', um darüber<lb/>zu verhandeln, ob es
möglich sei, an das Dasein eines per-<lb/>sönlichen Gottes, an die Lehre von
der Menschwerdung des<lb/>Gottessohnes, und an die Unsterblichkeit der Seele
zu glauben.<lb/>Und dazwischen fuhr König Humbert mit seinem
Adjutanten,<lb/>in bürgerlicher Kleidung, im offenen Wagen über den
Peters-<lb/>vlat, um, wie wir Alle, sich dort umzusehen. Denn
wie<lb/>thöricht man dies von sich selber findet, meint man doch
immer,<lb/>man müsse an dem Orte irgend etwas Besonderes
bemerken<lb/>können, an welchem ein wichtiges Ereigniß, ein großer
Wechsel.<lb/>in den Zuständen sich vollzogen hat. Und ein großer
Wechsel<lb/>war nach Allem, was man bis dahin von Kardinal Pecci
er-<lb/>fahren hatte, durch seine Erhebung auf den päpstlichen
Thron<lb/>vorauszusehen.<lb/>Papst Leo Alll. hatte den päpstlichen Thron
bestiegen.<lb/>Wenige Tage vorher war er von Palazzo Falconieri aus,
in<lb/>welchem er gewohnt hatte, ungehindert alltäglich durch Rom
und<lb/>seine Umgebungen umher gefahren. Jetzt hatte er sich
freiwillig<lb/>tAarer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0263_256.tif" n="256"/>
<p>-=- ZHs -<lb/>schehen machen kann, daß die Peterskirche in der
Hauptstal<lb/>des Königreichs Jtalien liegt.<lb/>Das Asylrecht, welches die
allmächtige Kirche einst in<lb/>ihren Mauern dem Verfolgten darbot, das
genießt jetzt der<lb/>Beherrscher dieser Kirche in Jtalien, als ein ihm
zuerkanntes<lb/>Recht. Es steht ihm frei, sobald es ihm gefällt,
herumzuziehen<lb/>durch das ganze Land, unter dieses Landes Schutz
und<lb/>Garantie; aber der König dieses Landes betritt die Schwelle<lb/>der
Peterskirche nicht. Er verrichtet seine Andacht nicht in<lb/>dem
Gotteshause, welches jedem Anderen, selbst dem Verbrecher,<lb/>seine ehernen
Pforten tröstlich öffnet - denn der König des<lb/>Landes ist exkommunizirt
von dem Papste, dem er freie<lb/>Machtübung gewährleistet.<lb/>Darüber kommt
der Fremde auf keine Weise fort. Die<lb/>Jtaliener legen sich auch das
zurecht.<lb/>Etwa acht Tage nach dem Tode des Königs schrieb eine<lb/>der
besten Zeitungen, die Libertb:,GGegenüber den Thatsachen,<lb/>welche sich in
diesen feierlichen Tagen vor den Augen von<lb/>ganz Jtalien vollzogen haben,
konnte man sich überzeugen,<lb/>daß Alles, was über den Zwiespalt zwischen
der Kirche und<lb/>dem Staate geschrieben worden, verschwendete Tinte
gewesen<lb/>ist. Dieser Zwiespalt ist nicht in den Herzen der
Jtaliener.<lb/>Da man ihnen das Feld zu kämpfen frei läßt,
verschwindet<lb/>er. Er ist zu drei Viertheilen ein künstliches Produkt
der<lb/>Politik und wird von einigen Wenigen, nicht von Vielen,
auf-<lb/>recht erhalten. Wir haben den am meisten eifernden Papisten<lb/>es
tausendmai gesagt, daß, wenn jemals der von ihnen gott-<lb/>los ersehnte Tag
herankäme, welcher auf das Neue die<lb/>Fremdlinge in unsere Halbinsel
zurückbrächte, sie es zu ihrer<lb/>ewigen Schande und Strafe erleben würden,
wie selbst die<lb/>Priester sich einreihen würden in die Armee der
Vaterlands-<lb/>vertheidiger.! - - ,Wir haben ihnen tausendmal
gesags,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0264_257.tif" n="257"/>
<p>ZH? -<lb/>daß es abgeschmackt und lächerlich ist, aus den
Jtalienern<lb/>etwas Anderes machen zu wollen, als ein von der Liebe
für<lb/>Jtalien durchglühtes Volk. Aber eben so ist es von der<lb/>anderen
Seite unsere Pflicht, es offen zu bekennen, das Der-<lb/>jenige, welcher die
Jtaliener in ein Volk von Freidenkern<lb/>verwandeln wollte, es unternähme,
das Meer mit einer Muschel<lb/>auszuschöpfen; und daß Derjenige vergebliche
Arbeit machen<lb/>würde, welcher es versuchte, das religiöse Gefühl in den
Herzen<lb/>der Jtaliener zu ersticken. Er würde an ihrem festen
Vor-<lb/>sate scheitern, an dem Vorsatz, Dasjenige zu sein und
zu<lb/>bleiben, was ihre Väter sind und waren. Wir sind Katholiken<lb/>und
sind vor Allem Jtaliener! Und wir empfinden darüber<lb/>eine so aufrichtige
Genugthuuung, daß sie zu stören ein Ver-<lb/>brechen sein würde. Fanatische
und unversöhnliche Papisten<lb/>sind so gewiß auf der einen Seite vorhanden
als auf der<lb/>anderen Freidenker, die lieber den Scheiterhaufen
besteigen,<lb/>als ihre Meinung ändern würden. Aber die große Masse<lb/>von
uns ist . nicht mit den Einen, nicht mit den Anderen;<lb/>und wer mit Einem
von diesen Beiden geht, kann gewiß sein,<lb/>sich auf einem schlechten Wege
zu befinden. Die Masse der<lb/>Jtaliener sagt sich mit Bestimmtheit, die
Kirche muß sein,<lb/>und das Vaterland muß sein. Beide müssen sich frei
in<lb/>ihren Bereichen bewegen. Beide können das thun, obschon<lb/>sie
besondere Angelegenheiten, besondere Zwecke, besondere<lb/>Mittel zur
Verwirklichung derselben haben. Sie sind be-<lb/>stimmt, sich nicht im Wege
Pu stehen, sich jedoch immer zu<lb/>begegnen, so oft ein großes Mitleid die
Herzen vereinigt und<lb/>die Gefühle vermischt u. s. w. u. s. w. -- ,Es
ist,! heißt<lb/>es dann weiter, ,eben diese gleichmäßige Anhänglichkeit
an<lb/>die Kirche und an den Staat, welche die Jtaliener von
allen<lb/>anderen Nationen unterscheidet. Ganz Jtalien besteht
aus<lb/>gemäfigten Bürgern, die vor jeder gewaltsamen Revolution<lb/>Z.
Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0265_258.tif" n="258"/>
<p>=- A =<lb/>zurückschrecken; und die sehr freie Verfassung bietet die
Gewiß-<lb/>heit dafür, daß die Jtaliener, je nach ihrem Bedürfniß,
in<lb/>freier Entwicklung ebenso ihrer Vaterlandsliebe als
ihrem<lb/>religiösen Glauben genügen können.?<lb/>Diese Zuversicht blieb
sich gleich, ja die Hoffnung auf<lb/>friedliche Zustände gewann an
Festigkeit, als man die Wahl<lb/>des Kardinals Pecci zum Papste erfahren
hatte. Er galt<lb/>für einen gelehrten Theologen, besaß, was Pius dem
Neunten<lb/>vollkommen gefehlt, eine staatsmännische Bildung, hatte
sich<lb/>in praktischen Verwaltungen erprobt und war frei von
dem<lb/>Fehler, der ein für allemal einen zum Herrschen berufenen<lb/>Mann
für seine Aufgabe untüchtig macht - er war kein<lb/>Phantast.<lb/>Pius der
Neunte hatte in früheren Zeiten uns in seinem<lb/>Verhalten und in seinen
Kundgebungen sehr häufig an den<lb/>verstorbenen König Friedrich Wilhelm 1.
von Preußen<lb/>gemahnt. Er war erregbar gewesen wie dieser,
begeisterungs-<lb/>fähig, hatte Lust an der Popularität, Freude daran,
seinen<lb/>Geist in Witzworten zu zeigen. Er war leicht durch
bedeutende<lb/>Menschen hinzureißen, leicht für neue und große Jdeen
ein-<lb/>zunehmen -= aber unbeständig und unfähig, großen Krisen<lb/>muthig
zu stehen. Er ward getragen von dem felsenfesten<lb/>Glauben an sich selbst,
von dem Glauben an seine ihm von<lb/>Gott zuertheilte Mission. Eben deshalb
hatte er auch die<lb/>Selbstüberhebung, die es für möglich hielt, in das Rad
der<lb/>Zeit einzugreifen, und nicht nur es zum Stehen zu
bringen,<lb/>sondern es rückwärts drehen zu können. Sie hatten auch
im<lb/>Aeußern eine gewisse Aehnlichkeit, jener König und
der<lb/>letztverstorbene Papst.<lb/>Neber Leo de« fällten die Personen, die
ihn kannten,<lb/>ein ganz anderes Urtheil als über Pius l. Sie
nannten<lb/>ihn, tro seiner großen Lebendigkeit, vorsichtig,
kaltblütig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0266_259.tif" n="259"/>
<p>=- LH -<lb/>besonnen. Sie erinnerten daran, daß er ein Gönner des<lb/>aus dem
Jesuiten-Orden ausgeschiedenen Pater Curci, ja sein<lb/>Beschützer gewesen
sei Sie meinten daraus schließen zu<lb/>dürfen, daß er für das Oberhaupt der
Christenheit eine weit-<lb/>reichende und segensreiche Gewalt, auch ohne die
weltliche<lb/>Herrschaft über Land und Leute möglich glaube. Und
man<lb/>fügte diesen Erörterungen gern die Bemerkung hinzu, daß<lb/>Leo R1l.
und König Humbert sich in ganz anderem Ver-<lb/>hältniß zu einander befänden
als Pius l. und Victor<lb/>Emanuel.<lb/>Leo R1l. war nicht des Landes
beraubt worden, das er<lb/>als Erbe seiner Vorgänger besessen hatte. Er war
nicht<lb/>herabgestiegen von weltlicher Macht zu weltlicher Ohnmacht.<lb/>Er
war erhöht worden aus dem Range, den er bisher ein-<lb/>genommen. Der
Bischof von Perugia, der Kardinal, war<lb/>Bischof von Rom, war Papst
geworden. König Humbert<lb/>und die Jtaliener hatten ihn persönlich nicht
entthront, er<lb/>hatte ihnen persönlich Nichts zu verzeihen. Man meinte,
die<lb/>Dinge würden sich machen; und daß der neue Papst zunächst<lb/>in
seinem Hause Ordnung herstellen zu wollen schien, das<lb/>nahm für ihn
ein.<lb/>Mehr noch that es die Gemessenheit seiner ersten öffent-<lb/>lichen
Aeußerungen; denn die Kundgebungen der klerikalen<lb/>Partei bei dem Tode
des Papstes hätten wahrhaft gottgläubigen<lb/>Menschen in ihrer
Nebertreibung fast gotteslästerlich erscheinen<lb/>müssen.,Ein höchstes, ein
unermeßliches Unglück,' hieß es<lb/>in denselben, ,ist herniedergefallen auf
die Kirche, auf Rom,<lb/>auf die Welt, in dem Augenblicke, in welchem der
Himmel<lb/>sich aufthat, um einen neuen Heiligen in seinen Schooß
auf-<lb/>zunehmen. Der höchste Priester, Pius l., der erhabene<lb/>r D k
r<lb/>zR<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0267_260.tif" n="260"/>
<p>-- ZZß -<lb/>Vater, der Freund, der allgemeine Wohlthäter, hat gestern<lb/>um
S, Ühr seine heilige Seele an Gott zurückgeben. Die<lb/>Thränen, das Flehen,
die Verzweiflung des christlichen Volkes<lb/>genügten nicht, es von der
göttlichen Vorsehung zu erreichen,<lb/>daß dem gesegneten Engel des Vatikans
die ewige Belohnung<lb/>länger vorenthalten wurde, welche seine Tugenden,
seine<lb/>Werke, seine Opfer und seine unsagbaren und
übermenschlichen<lb/>Leiden ihm erworben hatten !'<lb/>Es hatte geradezu
etwas Widerwärtiges, das noch gesteigert<lb/>wurde durch die Aufzählung
dessen, was er, der Papst, Alles<lb/>für die Verherrlichung der Gottesmutter
gethan hatte. -<lb/>Und als solle auch in diesem Falle wieder der Beweis für
die<lb/>Verschiedenheit und das oft komische Durcheinander der
hier<lb/>herrschenden Anschauungen geliefert werden, hub das eine
ger<lb/>Extrablätter, welches die Nachricht von dem Tode des
Ober-<lb/>hauptes der katholischen Christenheit verkündete, mit den
Worten<lb/>an: ,Die traurige Parze hat auch den erhabensten
Priester<lb/>hinweggerafft ? - Die heidnische Todesgöttin und der
christliche<lb/>Papst nahmen sich wunderlich nebeneinander aus.<lb/>Aber man
war verhältnißmäßig mit dem Verstorbenen<lb/>in wenig Tagen fertig, denn
,neues Leben blüht aus den<lb/>Ruinen'', und aus den Hirtenbriefen, die
Kardinal Pecci<lb/>187? in Perugia erlassen hatte - die klerikalen Blätter
ver-<lb/>öffentlichten dieselben gleich nach der Thronbesteigung
des<lb/>neuen Papstes -= sprach ein Geist, der darauf schließen
ließ,<lb/>daß Leo KÜl. schwerlich die Welt des neunzehnten
Jahrhunderts<lb/>mit ähnlichen Dogmen begnadigen würde, wie Pius sie
ihr<lb/>aufgebürdet hatte.<lb/>Die Hirtenbriefe waren das Werk eines
glänzenden<lb/>Stylisten, der die Bedeutung der Wissenschaften in
unserer<lb/>Zeit vollauf erkannte, und sie in einer Weise deutete, wie
jeder<lb/>Deist und gläubige Christ, welchem christlichen
Bekenntnisse<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0268_261.tif" n="261"/>
<p>== Zß -==<lb/>er auch angehören mochte, sie zu der seinigen machen
konnte,<lb/>vorausgesettzt, daß er nicht jener Ansicht ist, die einst in
dem<lb/>Ausspruch gipfelte, daß ,die Wissenschaft umkehren müssetr<lb/>Sie
liefen hinaus auf den Sinn der Antwort, welche mir<lb/>einst der gelehrte
Direktor der Geologieal lnstitation in London<lb/>auf meine Frage gab: ,Wie
fangen Sie es an, Mr. Hood,<lb/>mit Ihrem Wissen von den Dingen an das
Dasein eines<lb/>persönlichen Gottes zu glauben?! -,Es muß für alle
Dinge<lb/>eine letzte Ursache geben', sagte er, ,und diese letzte
Ursache<lb/>nennen wir Gott !f! =-<lb/>Weil das Wort: ,Der Styl ist der
Mensch,' so unwider-<lb/>legbar richtig ist, will ich einige Stellen aus
diesen Hirtenbriefen<lb/>des Kardinals Pecci in möglichst treuer
Nebersetzung hier<lb/>wiederzugeben versuchen.<lb/>Ess ist in dem einen
dieser Briefe die Rede davon, daß<lb/>das Seelenheil des Menschen ihm das
erste und höchste alles<lb/>Erstrebenswerthen sein müsse, daß kein anderer
irdischer oder<lb/>geistiger Erwerb dagegen in Betracht kommen dürfe; und
es<lb/>heißt danach:,Aber es ist deshalb nicht zu sagen, daß die<lb/>Kirche
der Wissenschaft, dem Studium der Naturwissenschaften<lb/>feindlich ist, daß
sie den Erforschungen der Naturkräfte und<lb/>ihrer Benutzung für die Zwecke
des Menschen, für die Be-<lb/>friedigung seiner Bedürfnisse entgegen ist. -
Kann die Kirche<lb/>Etwas lebhafter wünschen, als die Verherrlicung Gottes?
als<lb/>die Erkenntniß des erhabenen Werkmeisters, der sich in
allen<lb/>seinen Werken offenbart? =- Wenn das Weltall ein Buch ist,<lb/>in
welchem auf jeder Seite der Name und die Weisheit seines<lb/>Schöpfers zu
lesen und zu erkennen sind, wie liebevoll, wie<lb/>hingegeben wird ihn nicht
derjenige verehren, der sich voll und<lb/>ganz in das Studium dieses Buches
der Schöpfung versenkt.<lb/>Wenn es genüügt, zwei Augen im Kopfe zu haben,
um zu<lb/>erkennen, wie die Sterne des Himmels den Ruhm ihres
Schöpfers<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0269_262.tif" n="262"/>
<p>= Zß! -<lb/>verkünden, wenn es genügt, zwei Ohren zu haben, um
zu<lb/>vernehmen, wie ein Tag dem anderen das Lob des
Höchsten<lb/>wiederholt, und wie die Nacht der Nacht die Geheimnisse
der<lb/>göttlichen Weisheit verkündet; um wie viel tiefer muß
nicht<lb/>demjenigen die Allmacht und die Allweisheit der Gottheit
ein-<lb/>leuchten, der den Blick verständnißvoll zum Himmel und in<lb/>die
Tiefen der Erde wendet; dem das Atom und die Pflanze<lb/>und jeder kleinste
Zweig den Beweis in die Hand geben, wie<lb/>der höchste Geist überall das
Maß und das Gewicht bestimmt<lb/>hat. (ßuc. 1e, 50.s Und Ihr wolltet, daß
die Kirche grund-<lb/>sätzlich solche Studien anfeindete, oder mit kalter
Gleichgültigkeit<lb/>Forschungen betrachtete, die so kostbare Früchte
tragen? daß<lb/>sie eigensinnig darauf beharrte, dies Buch der
Erkenntniß<lb/>verschlossen zu halten, damit Niemand in demselben
weiter<lb/>fortlese? Nur der, welcher die heiligen Flammen des
Eifers<lb/>unterschätzt, welche in der Braut des Heilandes, in dem
Herzen<lb/>der Kirche erglühen, kann sie ähnlichen Irrthumes für
fähig<lb/>halten.<lb/>,Aber in der Kirche ist neben dem Eifer für die
Ehre<lb/>Gottes noch ein anderes ebenso starkes Gefühl lebendig: die
Liebe<lb/>für den Menschen, das lebhafteste Verlangen, daß er
eingesettt<lb/>werde in alle Rechte, welche sein Schöpfer ihm zuerkannt hat.
-<lb/>Der Mensch erhielt als sein zeitliches Theil diese Erde,
auf<lb/>welcher er lebt, und zu deren Herrn er geschaffeü und
bestimmt<lb/>ist. Das Wort, das am Schöpfungstage vom Himmel
erklang:<lb/>,Unterwerft euch die Erde und herrschet auf ihrr (Gen. 1
W<lb/>ist niemals widerrufen worden. Wäre der Mensch im Zustand<lb/>der
Unschuld und der Gnade geblieben, so hätte er seine<lb/>Herrschaft ohne
Gewalt ausgeübt, und die Unterwerfung der<lb/>Geschöpfe würde eine
freiwillige gewesen sein; während jettt<lb/>die Herrschaft eine mühevolle
ist und die Geschöpfe nur gezwungen<lb/>dem Zügel der überlegenen Gewalt
sich fügen. Aber die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0270_263.tif" n="263"/>
<p>- IßZ -<lb/>Weisung für den Menschen bleibt dieselbe; und der
Kirche,<lb/>welche seine Mutter ist, kann Nichts so sehr am Herzen
liegen,<lb/>als daß der Mensch sich bethätige in seiner Aufgabe, daß
er<lb/>sich in Wahrheit kundgebe als den Herrn der Schöpfung, zu<lb/>welchem
er ausersehen worden. Das aber kann er nur, wenn<lb/>er als König alles
Erschaffenen die Schleier zerreißt, welche<lb/>ihm seinen Besitz verhüllen;
wenn er sich nicht auf dasjenige<lb/>beschränkt, was er unter seinen Augen
und unter seinen Händen<lb/>hat; wenn er in die innersten Geheimnisse der
Natur eindringt,<lb/>wenn er die Schätze der Kraft und der Fruchtbarkeit
sammelt,<lb/>die in ihr verborgen liegen, und sie verwendet zu seinem
und<lb/>zu dem Besten seiner Mitmenschen.- Wie schön und wie<lb/>erhaben
erschejnt der Mensch, meine Geliebtesten, wenn er den<lb/>zündenden Blitz
des Himmels unschädlich zu seinen Füßen<lb/>niederfallen macht; wenn er den
elektrischen Funken zu sich<lb/>entbietet und ihn als den Boten seines
Willens durch die<lb/>Tiefen der Meere, über die höchsten Gipfel der Berge
und<lb/>über die ödesten Weiten entsendet. Wie glorreich zeigt sich
der<lb/>Mensch, wenn er dem Dampfe gebietet, ihm seine Flügel zu<lb/>leihen
und ihn mit der Schnelle des Blitzes über Länder und<lb/>Meere zu tragen.
Wie mächtig zeigt er sich, wenn er mit seinem<lb/>Geiste eben diese Kraft
gefangen nimmt und einbannt, und<lb/>sie zwingt, in vorbereiteten Wegen der
todten Masse Bewegung,<lb/>und so zu sagen Verstand zu verleihen, damit sie
sich an den<lb/>Platz des Menschen stellend, ihm die härtesten
Anstrengungen<lb/>erspart! Und sagen wir uns, meine Geliebtesten! ist in
dem<lb/>Menschen nicht Etwas wie ein Funke von dem Geiste
seines<lb/>Schöpfers, wenn er das Licht erzeugt und es leuchten
macht<lb/>durch das nächtliche Dunkel unserer Städte, daß die
Straßen<lb/>und die Säle und die Paläste in hellem Tagesglanze
strahlen?<lb/>D! die Kirche, diese allerzärtlichste Mutter, welche alles
Dieses<lb/>weiß und kennt, ist weit davon entfernt, dieser Herrschaft
des<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0271_264.tif" n="264"/>
<p>=- ZßF --<lb/>Menschen über die Natur Schranken setten zu wollen!
Sie<lb/>freut sich ihrer und sie jubelt ihr zu!<lb/>,Und anderseits, welche
Gründe könnte die Kirche haben,<lb/>eifersüchtig auf die wunderbaren
Fortschritte und Entdeckungen<lb/>zu sein, welche die Wissenschaften in
unseren Tagen gemacht<lb/>haben? Ist in ihnen Etwas, das im Entferntesten
dem<lb/>göttlichen Recht und dem Glauben schaden könnte, über welche<lb/>die
Kirche die strafende Richterin und die unfehlbare Herrin<lb/>ist? =- Bacon
von Verulam, der berühmte Physiker, schrieb:<lb/>daß die Wissenschaft,
schluckweise getrunken, von Gott entferne;<lb/>aber in vollen Zügen
genossen, zu ihm zurückführe. - Dieser<lb/>goldene Ausspruch ist auch heut
noch wahr; und wenn<lb/>die Kirche zurückschreckt vor den Gefahren, welche
diejenigen<lb/>Hochmüthigen herbeiführen können, die Alles verstanden<lb/>zu
haben wähnen, weil es ihnen gelang, von Allem einei<lb/>leisen Anflug zu
gewinnen, so vertraut sie zuversichtlich<lb/>jenen Anderen, die sich voll
und ganz an das Studium<lb/>der Naturwissenschaften hingeben; denn sie weiß,
daß sie<lb/>auf dem Boden derselben die unwiderleglichen Zeichen
von<lb/>Gottes Allmacht, von seiner Allweisheit und seiner Güte<lb/>finden
werden. Wenn Jemand, der die Naturwissenschaften<lb/>studirt, sich dabei von
dem Schöpfer abwendet, so ist das nur<lb/>ein Zeichen, daß das Herz des
Unglücklichen schon früher von<lb/>dem Giste des Unglaubens vergiftet
gewesen ist, welches un-<lb/>lautere Leidenschaften ihm eingeflößt hatten.
Er wird ein<lb/>Gottesleugner, nicht weil er den Wissenschaften oblag,
sondern<lb/>obschon er den Wissenschaften oblag, welche in Anderen
andere<lb/>und edlere Wirkungen erzeugen. -- - Kopernikus, der
große<lb/>Astronom, war tief religiös. Kepler, ein anderer Vater
der<lb/>neueren Astronomie, dankte dem Herrn für die Freuden, für<lb/>die
Entzückungen, welche der Herr ihn in der Betrachtung der<lb/>Werke seiner
Hände hatte genießen lassen. (ölzster. eos. wogr.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0272_265.tif" n="265"/>
<p>- IIH -=-<lb/>Galileo Galilei, von dem die experimentale Physik
die<lb/>wichtigsten Impulse empfing, kam in seinen Studien zu
dem<lb/>Resultate, daß die heilige Schrift und die Natur gleichmäßig<lb/>von
Gott entstammnnen, die eine als Eingebung des heiligen<lb/>Geistes, die
andere als strengste Befolgerin seiner Gesetze.<lb/>MNalilei Opere tom. W.
Linns entbrannte in dem Studium<lb/>der Naturwissenschaften zu solcher
Begeisterung, daß die Worte<lb/>seines Mundes wie ein Psalm erklangen.
,rewiger Gottt,<lb/>ruft er aus, ,unermeßlich, allwissend, allmächtig hast
du dich<lb/>mir in sicherer Weise in deinen Werken enthüllt, und ich
bin<lb/>hingenommen worden von erstaunender Bewunderung. - Fn<lb/>allen
Werken deiner Hände, in den kleinsten und kaum sicht-<lb/>baren, welches
Können, welche Weisheit, welche
unbeschreibliche<lb/>Vollkommenheit!'<lb/>,Die Nützlichkeit, welche die
Schöpfung für uns hat, be-<lb/>weist die Güte dessen, der sie gemacht hat;
ihre Schönheit und<lb/>ihre Harmonie beweisen seine Weisheit; ihre Erhaltung
und<lb/>ihre unerschöpfliche Fruchtbarkeit verkünden seine Machtr<lb/>(özst.
untur.s<lb/>Soviel aus den Hirtenbriefen des Kardinals Pecci
zur<lb/>andeutenden Charakterisirung des Papstes, der jett auf
dem<lb/>Stuhle des heiligen Petrus seinen Platz eingenommen hat.<lb/>Daß er
absieht von den Erfahrungen, welche die Mutter<lb/>Kirche den, von ihm um
seiner Gottesfurcht willen gepriesenen<lb/>Galilei seiner Zeit hat machen
lassen, das ist eben in der<lb/>Ordnung jener klugen, wenn auch nicht
aufrichtigen Benutzung<lb/>der Umstände, welche Macaulay in einem seiner
Essays der<lb/>katholischen Kirche nachrühmt, und auf deren Wirksamkeit
er<lb/>seinen Glauben von ihrem Fortbestehen gründet.<lb/>Er spricht von der
Politik der katholischen Kirche, welche<lb/>sich selbst die ihr
widerstrebenden Kräfte anzueignen und für<lb/>ihre Zwecke nutzbringend zu
machen weiß. ,WSährend die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0273_266.tif" n="266"/>
<p>= Zß -<lb/>anderen Kirchen,' sagt er -= ich zitire aus der Erinnerung,<lb/>da
mir hier keine Bücher zur Hand sind - ,die Mitglieder,<lb/>welche
abweichende Meinungen äußern, von sich ab- und aus-<lb/>zustoßen geneigt
sind und auf solche Weise Sektirer erschaffen<lb/>und SektenBildungen
veranlassen, hat es die katholische Kirche<lb/>in den Zeiten ihrer größten
Macht verstanden, sich die Glieder<lb/>wieder zu gewinnen und dienstbar zu
machen, die sich von ihr<lb/>loszureißen bereit schienen. Die heilige
Therese und der heilige<lb/>Ignaz von Loyola konnten der Kirche feindselige
Elemente<lb/>werden; aber die Kirche bemächtigte sich dieser großen
Kräfte,<lb/>nahm sie zu ihrer eigenen Stärkung in sich auf, und
machte<lb/>diejenigen zu Heiligen, die sie, weniger geschickt
operirend,<lb/>vielleicht als Abtrünnige hätte verdammen müssen.?<lb/>Diese
Erkenntniß von der Weisheit solchen Aneignens<lb/>spricht aus den
sämmtlichen Hirtenbriefen des Bischofs von<lb/>Perugia, soweit die Zeitungen
sie mitgetheilt haben. Ja, die<lb/>große umsichtige Behutsamkeit, von
welcher alle Kundgebungen<lb/>des Papstes das Gepräge tragen, läßt darauf
schließen, daß<lb/>der neue Papst nicht nur die Forschungen und Fortschritte
der<lb/>Wissenschaft zur Verherrlichung Gottes und zum Vortheil
der<lb/>Kirche zu nutzen wissen wird, sondern daß er auch die
ganze<lb/>Richtung der Zeit, in welcher er lebt, in das Auge fassen
und<lb/>zu den Zwecken der Kirche zu verwenden bemüht sein dürfte.<lb/>Im
Nebrigen verräth Alles, was von seinen mündlichen<lb/>Aeußerungen in das
Publikum kommt, einen heiteren und<lb/>ruhigen Sinn.<lb/>Die Krönung des
Papstes fand am 5. März statt. Es<lb/>war der letzte Sonntag des Karnevals,
wenn von einem<lb/>Karneval in Rom jetzt überhaupt noch die Rede sein
konnte.<lb/>Schon vor eilf Jahren hatte der Karneval alle die
Heiter-<lb/>keit und Anmuth eingebüßt, die ihn einst so reizend
gemacht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0274_267.tif" n="267"/>
<p>=- L? -<lb/>und vor allen Volksfesten aller anderen Länder so lieblich
aus-<lb/>gezeichnet hatten. Er war häßlich und roh geworden, und da<lb/>in
diesem Jahre die doppelte Trauer um den König und den<lb/>Papst den
öffentlichen Kundgebungen irgend einer Freude<lb/>ohnehin Zügel anlegte, so
sah man von dem Karneval kaum<lb/>noch die Spur; wie denn von dem alten
römischen Volksleben<lb/>und von den Volkstrachten so gut wie gar Nichts
mehr übrig<lb/>geblieben ist. Hier und da schritten ein paar
halbwüchsige<lb/>Buben und Mädchen in armseligsten Verkleidungen durch
die<lb/>Straßen; oder junge Mütter führten bisweilen ihre
kleinen<lb/>Mädchen als römische Bäuerinnen aufgeputzt an der Hand.<lb/>Dann
und wann liefen ein paar verlarvte Policinells, einige<lb/>ungeschlachte
Burschen in Frauenkleidern über die Plätze; und<lb/>an den sonnenhellen
Nachmittagen, oder Abends bei Lampen-<lb/>licht, tanzte allerlei Volk im
Freien in den Osterien vor der<lb/>Porta del Popolo und am Ponte Molle.
Einzig die alte<lb/>Sitte, daß Männer häufig mit Männern und Weiber
mit<lb/>Weibern tanzen, hat sich theilweise noch erhalten. Da man<lb/>aber
nicht mehr, wie früher, den schönen charakteristischen<lb/>Saltarello tanzt,
sondern Walzer und Polka, so nimmt sich<lb/>besonders das Zusammentanzen von
zwei Männern schlecht aus.<lb/>Nichts als der blaue Himmel und die schön
blühenden<lb/>Lorbeerbäume, in deren Bereich die Tanzenden sich,
bewegten,<lb/>konnten dem Auge des Nordländers noch etwas
Wohlgefallendes<lb/>bieten.<lb/>Auch die Schönheit der Männer und der
Frauen, die uns<lb/>hier vor einem Menschenalter überraschte, ist nicht mehr
dieselbe.<lb/>In all den sechs Monaten, die ich jezt wieder hier
verlebt,<lb/>habe ich noch nicht einmal, selbst in Trastevere nicht,
jene<lb/>wahre äonna romana gesehen, eine der Frauengestalten,
welche<lb/>die Urbilder für Robert, für Horace Vernet, für
Rudolph<lb/>Lehmann, Rahl, Riedel, für die Baumann u. A. gewesen
find.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0275_268.tif" n="268"/>
<p>== IZs -<lb/>Sonst traf man sie auf allen Straßen und Plätzen und
blieh<lb/>mit froher Neberraschung, sie zu betrachten, stehen; und
sie<lb/>ließen sich das gern gefallen. Jetzt sind sie zum Mythus
ge-<lb/>worden, und die römischen Matronen sprechen das selber
oft-<lb/>mnals mit Bedauern aus.<lb/>Auch in den Zeitungen dachte man wenig
an den Karne-<lb/>val. Nur in einem der Blätter, die mir am S. März in
die<lb/>Hand kamen, behandelte man die Krönung des Papstes, ganz<lb/>gegen
das sonstige respektvolle Verhalten, als den
eigentlichen<lb/>Karnevalsscherz, den der Klerus absichtlich für den letzten
Tag<lb/>des Karnevals aufgespart habe. Die ernsthaften Leute hin-<lb/>gegen
beobachteten mit Spannung jede Aeußerung und Kund-<lb/>gebung von Seiten des
Vatikans, denn dort weiß man, was<lb/>man mit jedem Worte meint und
will.<lb/>Am Abend des päpstlichen Krönungstages versuchte man<lb/>hier und
da eine Erleuchtung der Fenster; sie fiel aber sehr,<lb/>sehr unbedeutend
aus. Auf dem Wege, den ich zurückzulegen<lb/>hatte, um mich in eine
Gesellschaft zu begeben, und wir hatten<lb/>ein ganzes Ende zu fahren, sah
man kaum irgendwo einige<lb/>spärliche Papierlämpchen trübe schimmern. Im
Palazzo Bar-<lb/>berini hatte ein dort wohnender Kardinal an seinem
Flügel<lb/>eine bescheidenste Erleuchtung angebracht; und im Korso,
wo<lb/>die Einwohner des Palazzo Teodoli eine größere
Jllumination<lb/>hergerichtet hatten, warfen Vorübergehende die Fenster
ein.<lb/>Ee kam zu einem kleinen Auflauf, man mußte Polizei
herbei-<lb/>rufen, die bald Ordnung schaffte. Als man danach dem
Papste<lb/>von dem Vorfall mit der Frage Meldung machte, was man<lb/>in dem
Falle zu thun habe? soll. er geantwortet haben: ,Das,<lb/>dünkt mich, geht
nur den Besitzer des Palazzo Teodoli Etwas<lb/>an, und der wird, wie ich
denke, den Glaser rufen lassen.?<lb/>Seitdem ist fast ein Monat über Feld
gegangen, und wie<lb/>zwei geübte Fechter stehen sich die Kirche und das
Königthum<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0276_269.tif" n="269"/>
<p>== Zß -<lb/>an den beiden Enden der Stadt, vorsichtig beobachtend,
ein-<lb/>ander gegenüber.<lb/>Die Erwartung, welche man von mancher Seite
bei dem<lb/>Regierungsantritt des Papstes hegte, daß Leo K. den
Bann<lb/>gleich und energisch brechen werde, den Pius mit seiner
Ge-<lb/>fangenschaftsrolle über den Papst verhängt, daß er
öffentlich<lb/>erscheinen werde, hat sich bis jett nicht erfüllt. Es
stehen<lb/>auch seinem öffentlichen Erscheinen allerdings Bedenken
ent-<lb/>gegen, die zur Vorsicht mahnen.<lb/>Es ist nicht zu leugnen, daß es
eine Partei der Un-<lb/>versöhnlichen giebt, der gar Nichts erwünschter sein
würde, als<lb/>ein auffallender Bruch der beiden Gewalten. Als an
dem<lb/>Tage der Papstwahl der Papst für einen Augenblick innerhalb<lb/>der
Peterskirche auf der Galerie erschien, den Segen zu spenden,<lb/>wollten
einige dieser Unversöhnlichen den Ruf in der Kirche<lb/>vernommen haben: ,Es
lebe der PapstKönig!? Niemand<lb/>sonst hatte Etwas davon gehört. Aber es
würde nicht schwer<lb/>halten, bei einem öffentlichen Auftreten des Papstes
eine Anzahl<lb/>von Menschen zusammenzubringen, die ihn mit solchem
Gruß<lb/>empfingen; und wie die Regierung dies nicht leiden
dürfte,<lb/>würde ebenso das für seine freie Einheit durchweg
begeisterte<lb/>Volk einer sölchen Kundgebung wahrscheinlich mit
Heftigkeit<lb/>entgegentreten. Weder das Königthum noch das
Papstthum<lb/>können aber in ihrem wohlverstandenen Interesse sich
solchen<lb/>Möglichkeiten auszuseten wünschen. Das alte
italienische<lb/>Sprichwort: Di ebe mi äeo, mi guaräu läio - li ebs
uon<lb/>mi kco mi guarcero io - dies: Herr, bewahre mich vor<lb/>meinen
Freunden! hat also sicherlich auch der neue Papst zu<lb/>beherzigen und zu
beten; und noch hat ihn Niemand außerhalb<lb/>des Vatikans gesehen, in
welchem die Schaar der Neugierigen,<lb/>mehr als die der Gläubigen, ihn
rücksichtslos mit ihrem Ver-<lb/>langen nach nichtsbedeutenden Audienzen
belästigen. Wie<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 19</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0277_270.tif" n="270"/>
<p>=- L7( -<lb/>Menschen, welche den Anspruch auf irgend welche
Bildung<lb/>erheben, sich solcher Zudringlichkeit schuldig machen mnögen,
ist<lb/>mir immer räthselhaft gewesen.<lb/>Rleunzeknier
rief.<lb/>Verträglichkeit.<lb/>Rom, W. April 1s.<lb/>Wenn man hier in der
Gesellschaft lebt, wenn man den<lb/>Personen begegnet, die hier inmitten der
sehr bewegten poli-<lb/>tischen Ereignisse thätig sind, so hört man bis
jettt nur Zu-<lb/>stimmungen zu dem Verhalten des neuen Papstes; und
hört<lb/>neben dem Wunsch auch den Glauben äußern, daß es zu
einem<lb/>verhältnißmäßig guten Einvernehmen zwischen der Kirche<lb/>und dem
Staate kommen könne. Ebenso sprechen sich die<lb/>Zeitungen aus.<lb/>Heute
z. B., wo die Allokution des Papstes und die<lb/>Antwort des heiligen
Kollegiums auf dieselbe bekannt sind,<lb/>schreibt ein hier in französischer
Sprache erscheinendes<lb/>Blatt: ,Diejenigen, welche über die neue, durch
die Thron-<lb/>besteigung Leo's KÜl. geschaffene Lage erfreut sind, haben
sich<lb/>nicht von den Umständen Rechenschaft gegeben, welche
dieselbe<lb/>vorbereitet haben. Sie haben sich nicht Rechenschaft
darüber<lb/>gegeben, daß eine Haltung, wie Pius l. sie der Kirche
auf-<lb/>gezwungen hatte, nach seinem Tode nicht fortdauern komnte,<lb/>daß
das Grab, welches den Leichnam des Papstes in sich auf-<lb/>nahm, auch sein
System in sich begrub. Als das heilige<lb/>Kollegium seine Wahl auf einen
Kardinal lenkte, der ebenso<lb/>durch seine Gelehrsamkeit, als durch die
Heiligkeit seines<lb/>Lebenswandels und durch seine Mäßigung bekannt war,
hat<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0278_271.tif" n="271"/>
<p>=- L! --<lb/>es vollkommen die Tragweite seiner Wahl ermessen. Es hat<lb/>mit
hoher Einsicht die Forderungen unserer Zeit und das<lb/>Interesse der Kirche
erörtert.! - ,Die Antwort, welche Kar-<lb/>dinal di Pietro im Namen des
heiligen Kollegiums auf die<lb/>Mllokution des heiligen Vaters gegeben hat,
beweist ganz un-<lb/>widerleglich, daß der heilige Stuhl entschlossen ist,
aus der<lb/>Isolirung herauszutreten, in welcher er sich bisher
gehalten<lb/>hatte, und daß wir in nicht zu ferner Zeit das
Oberhaupt<lb/>der Kirche die Funktionen werden wieder aufnehmen
sehen,<lb/>welche seit 17 unterbrochen worden sind. Als Jtalien
sein<lb/>Geschick durch die Besitznahme von Rom vollendete, hat
es<lb/>gleichzeitig das Papstthum als eine glorreiche, fast
nationale<lb/>Institution betrachtet, die es verehrt und auf welche es
stolz<lb/>ist. Das Oberhaupt der Kirche und der heilige Senat
(diese<lb/>Bezeichnung klingt geradezu konstitutionells, der ihm
beisteht<lb/>in der Ausübung der ihm anvertrauten erhabenen
Mission,<lb/>werden in unseren Gesetzen, gleichviel welche Partei am
Ruder<lb/>steht, den Schutz und die Freiheit des Handelns finden,
deren<lb/>sie benöthigt sind. Und mit diesen Thatsachen wird man
Den-<lb/>jenigen antworten, die bemüht sind, unser Vaterland
syste-<lb/>matisch zu verleumden.'!<lb/>So stehen die Sachen heute hier,
drei Wochen vor dem<lb/>Osterfeste, das die Antwort geben wird auf die
Hoffnungen<lb/>und Erwartungen, mit welchen das Land, und die
Fremden<lb/>nicht zum wenigsten, sich getrösten. Denn die
Feierlichkeiten<lb/>der Osterwoche: Die Bekehrung der Juden und Heiden
in<lb/>Lateran - die Fußwaschung im Vatikan - die Beichte der<lb/>Todsünden
in der Peterskirche - das Miserere am Charfreitag<lb/>-- die großen
Zeremonien am Ostersonntage - die Kuppel-<lb/>beleuchtung an der
Peterskirche und die Girandola, das waren<lb/>die Herrlichkeiten, mit
welchen sonst der Winteraufenthalt der<lb/>Fremden hier den Abschluß fand,
den pomphaften Abschluß,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0279_272.tif" n="272"/>
<p>- I?Z --<lb/>den sie nun seit sieben Jahren schon entbehren mußten. Ob<lb/>es
ihnen schon in diesem Jahre beschieden sein wird, sich der-<lb/>selben
wieder zu erfreuen? -- Niemand weiß es zu sagen.<lb/>Ich bezweifle
es.<lb/>Aber unter den Politikern macht sich mehr und mehr die<lb/>Ansicht
geltend, daß der Geist, welcher das Studium der<lb/>Naturgeschichte und
ihrer Forschungen und Entdeckungen als<lb/>einen Weg betrachtet, auf dem die
Erkenntniß und Verherr-<lb/>lichung Gottes wachsen und gedeihen; daß dieser
selbe Geist<lb/>auch in der politischen Entwicklung unserer Zeit, wie ich
schon<lb/>vorher angedeutet, ein Mittel finden könnte, zur Ehre
Gottes<lb/>und der Kirche beizutragen.<lb/>Papst Leo KÜ. hat in Belgien
gelebt und dort den Ein<lb/>fluß ermessen können, den die Kirche in das
Gewicht deg<lb/>Wahlen und durch sie in das Gewicht aller staat-<lb/>lichen
Unternehmungen zu legen vermag- Man hält es<lb/>deshalb für nichts weniger
als unwahrscheinlich, daß er be-<lb/>treffenden Falls den italienischen
Klerus an seine Nationalität-<lb/>an seine Bürgerpflichten und an seine
Bürgerrechte, d.h. an<lb/>sein Wahlrecht erinnern und ihn zur Ausübung
desselben<lb/>ermahnen könnte. -- Ein greiser, dem gegenwärtigen
Mini-<lb/>sterium nicht geneigter Jtaliener, ein Staatsmann, der
in<lb/>seinen jungen Jahren in den Reihen und an der Spitze
seiner<lb/>Landsleute gegen die Oesterreicher gefochten hat, sagte
neulich<lb/>nachdenklich zu mir: ,WSer kann voraussehen, ob ss
nicht<lb/>möglich ist, daß Jtalien noch auf diese Weise einmal
dem<lb/>Papstthum für eine konservativere Kammer und für ein
kon-<lb/>servativeres Ministerium als das gegenwärtige zu danken
haben<lb/>wird? Gebrauchen könnte es ein solches zu seiner
inneren<lb/>Festigung wohl für eine SpanneZeit!' Ich sage, was ich
hörte.<lb/>Möglich! Unmöglich! - Was dünkt, was kann uns un-<lb/>möglich
dünken hier auf diesem Boden, auf welchem die Welt-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0280_273.tif" n="273"/>
<p>b==- L7Z -<lb/>geschichte wie die Länder auf einer Landkarte in scharf
be-<lb/>stimmten, fest erkennbaren Umrissen vor unseren Augen liegt?<lb/>Wo
die Steine sprechen, wo das Entstehen und Schaffen, das<lb/>Untergehen und
das Neuwerden der Zeiten und der Ge-<lb/>schlechter, gleichsam in Schichten
übereinander gelagert, das<lb/>,Alles fließt'' sinnbildlich uns vor das Auge
füühren?<lb/>Wir stehen unter den riesigen Trümmern alter Thermen<lb/>und
Tempel und steigen unter ihnen hinunter in die Tiefe<lb/>ebenso riesiger
Trümmer, auf welchen jene Bauten sich erhoben.<lb/>Eine Welt von Schönheit
ist zerstört, zerstört mit einer Gewalt,<lb/>von welcher wir uns kaum eine
Vorstellung zu machen ver-<lb/>mögen. Wir blicken hinauf zu den in Goldglanz
leuchtenden<lb/>Gewölben der Peterskirche. Ihre Schönheit reißt uns
hin,<lb/>ihre Pracht und' Herrlichkeit überwältigen uns, und wir
sagen<lb/>uns: auch der Jupitertempel wird einst geleuchtet haben
in<lb/>solchen Glanzes Fülle, und er ist untergegangen und in<lb/>Trümmer
zerfallen, als der Götterglaube die Herzen der<lb/>Menschen, die ihn
errichtet hatten, nicht mehr erwärmte und -<lb/>erfüllte. - Und wir fühlen
uns ergriffen von den Schauern<lb/>der Vergänglichkeit, durchzittert von der
Gewißheit, daß auch<lb/>dem Glauben, in welchem die gegenwärtige Menschheit
sich<lb/>entwickelt, dereinst, wer weiß es, welche Wandlungen und sein
-<lb/>Untergang bevorstehen; daß auf den Trümmern der Kirchen,<lb/>deren
Herrlichkeit uns jett entzückt, in denen Tausende von<lb/>Menschen ihre
Kniee in Andacht beugen, ihr Auge zu dem<lb/>Bilde des Gekreuzigten erheben,
in welchem die christliche Welt<lb/>das Menschheitsideal oerehrt, sich
dereinst Neubauten erheben<lb/>werden - welchen Zwecken? - welchem Glauben?
- welchem<lb/>Hoffen?<lb/>Man lernt es, auf die Fragen, welche jeder Blick
auf<lb/>die große historische Weite in uns anregt, die uns hier
um-<lb/>giebt, keine Antwort zu erwarten. Man wird bescheiden hier<lb/>. Le
wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0281_274.tif" n="274"/>
<p>==- Z7g -=-<lb/>in Rom; und nur um so bescheidener, wenn man der
raschen<lb/>und unerwarteten Wandlungen gedenkt, welche man in dem<lb/>Laufe
seines eigenen bewußten Lebens sich in der West hat<lb/>vollziehen
sehen.<lb/>Die Einen nennen, wie ich es Ihnen nach den Berichten<lb/>der
italienischen Zeitungen in diesen Briefen mitgetheilt, die<lb/>Jtaliener ein
von Herzen katholisches Volk, die Anderen, und<lb/>darunter Männer, welche
ihre Landsleute sehr gut kennen<lb/>müssen, behaupten, das Volk sei völlig
glaubenslos und<lb/>hänge nur an den Gebräuchen der Kirche, die ihm liebe
Ge-<lb/>wohnheiten und bequem sind; vor Allem die Frauen des<lb/>Volkes,
deren einzigcs Vergnügen der Kirchenbesuch ausmacht.<lb/>Eine junge Römerin,
die ich seit ihrem siebenzehnten Jahre<lb/>kenne, und die jettt seit Jahren
Hausfrau und Mutter it,<lb/>sagte neulich zu mir: ,Sehen Sie, mein Mann ler
gehört<lb/>als Marmorar dem Kunsthandwerke ans ist sehr gut und<lb/>brav,
aber er glaubt an gar Nichts; und Sie wissen, Signora,<lb/>an all die
Wunder, die die Statuen verrichten, und an solche<lb/>dummen Dinge haben wir
auch in meines Vaters Hause nicht<lb/>geglaubt. Aber daß mein verstorbener
Vater Nichts mehr von<lb/>uns wissen soll, und daß der Herr Gott uns nicht
straft und<lb/>lohnt für unsere Thaten, das glaube ich nicht - denn
das<lb/>wäre ja gottlos! Für die Männer mag das gehen, die haben<lb/>andere
Köpfe. Ich muß aber beten, wenn ich meine Kinder<lb/>Abends niederlege, ich
bin dann sicher und bin ruhig. Jn<lb/>die Kirche gehe ich nicht mehr so oft
als vordem, aber ich<lb/>nehme die Kinder immer mit. Es ist doch gut, wenn
der<lb/>Mensch weiß, was er zu glauben hat. Ich kann mir darüber<lb/>auch
nicht den Kopf zerbrechen wie mein Mann. Glauben<lb/>Sie, daß ich damit
Unrecht habe?' setzte sie hinzu und sah<lb/>mich mit ihren großen blauen
Augen - denn sie ist roth-<lb/>haarig und blauäugig - in dem Vertrauen an,
daß ich ihr<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 20</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0282_275.tif" n="275"/>
<p>-- F7H -<lb/>nicht widerspechen würde. Wer hätte das zu thun
vermocht?<lb/>wer hätte es verantworten dürfen, falls er es gethan
hätte?<lb/>Man braucht nicht nach Rom zu gehen, um die Menschen-<lb/>natur
in ihren verschiedenen Bedürfnissen verstehen zu lernen;<lb/>und doch ist
Rom lehrreicher als jeder andere Ort für den,<lb/>der Augen hat zu sehen und
Ohren zu hören. Es war mir<lb/>zu Beidem eben in diesen letzten Monaten mehr
als je die<lb/>Gelegenheit geboten.<lb/>Nach dem Osterfeste schreibe ich
wohl wieder. Wir werden<lb/>dann wissen, ob die Voraussicht Derer, die den
Papst die<lb/>Osterfeierlichkeiten persönlich vollziehen zu sehen
erwarten,<lb/>sie nicht täuschte! Ob die Taube, die über dem Hochaltar
der<lb/>Peterskirche und in schönster Marmorarbeit an ihren
Pfeilern<lb/>überall zu sehen ist, den Delzweig, den sie trägt, als Zeichen
der<lb/>Friedensbotschaft herniederfallen lassen wird in die
kriegdurchs<lb/>tobte Welt, deren Menschheit des Friedens doch so nöthig
hat!<lb/>wwFFKwM<lb/>öwanzg=»-<lb/>»ökov<lb/>Kus der
römischen<lb/>Ns-lss<lb/>E011DF-<lb/>Künstlerwelt.<lb/>Rom, A April
1878.<lb/>Wenn wir Alten in den Tagen unserer Jugend an Rom<lb/>gedachten,
so kamen uns alle Vorstellungen von demselben<lb/>durch Vermittlung von
Personen, die in Rom der Kunst und<lb/>ihrer Betrachtung gelebt oder
klassische Studien neben ihren<lb/>Kunstbetrachtungen getrieben hatten. Rom
war der Mittel-<lb/>punkt des Kunst- und des Künstlerlebens für die ganze
Welt;<lb/>und es waren die Franzosen und die französische Regierung,<lb/>die
frühzeitig zu der Erkenntniß gekommen waren, was für<lb/>18n<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0283_276.tif" n="276"/>
<p>=== I7ß -<lb/>die Heranbildung künstlerisch begabter Naturen durch
einen<lb/>andauernden Aufenthalt in Rom und eine dort umsichtig
ge-<lb/>leitete Bildung zu gewinnen sei.<lb/>Während schon Franz l und seine
Nachfolger sich die<lb/>großen Künstler der Renaissancezeit dienstbar
gemacht und ihre<lb/>Werke für Frankreich, so weit möglich, zu erwerben
gesucht<lb/>hatten, wurde unter Ludwig Kl. in Rom eine
französische<lb/>Akademie für Künstlerbildung gestiftet. Sie hatte
ursprünglich<lb/>inmitten der Stadt im Korso ihren Sitz; aber Napoleon
l.,<lb/>dem man Großartigkeit in allen seinen Unternehmungen zu<lb/>Gunsten
der Kunst und Wissenschaft schwerlich absprechen kann,<lb/>verpflanzte 10
als Konsul diese Akademie nach der pracht-<lb/>vollen, auf der Höhe des
Monte Pincio gelegenen Villa Medici,<lb/>in welcher seitdem die Stipendiaten
der französischen Regierung<lb/>ihre Ausbildung in Malerei, Bildhauerei,
Baukunst und Kupfer-<lb/>stechkunst erhalten. Sie haben dort ihre Wohnungen,
ihre<lb/>Werkstätten, eine bedeutende Gypsabgußsammlung, Raum für<lb/>ihre
Ausstellungen. Sie erhalten vier Jahre hindurch jährlich<lb/>5000 kr.
Stipendien, Modelle und Kostüme werden ihnen, wie<lb/>man mir sagt, bezahlt.
Sie haben einen Koch im Hause, der<lb/>sie gratis - und gegen Entgelt auch
viele Fremde in der<lb/>Stadt - vortrefflich versorgt. Sie leben inmitten
der wunder-<lb/>vollen Gärten der Villa, deren immergrüne Eichen zu
den<lb/>schönsten Bäumen Roms gehören; und von dem hochgelegenen<lb/>Bosauet
der Villa genießen sie einen Rundblick über Rom,<lb/>wie ihn in gleicher
Weise nur das Belvedere des deutschen<lb/>Botschaftsgebäudes, des Palazzo
Caffarelli, bietet.<lb/>So gut ist es der deutschen Kunst und den
deutschen<lb/>Künstlern weder vordem noch bis jettt geboten worden.
Die<lb/>Hackert, Tischbein, Carstens, Cornelius, Koch, Overbeck,
Veit,<lb/>die wir als die Erneuerer der deutschen Malerei zu
betrachten<lb/>haben, hatten ihren Weg nach Rom aus eigener
Machtvoll-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0284_277.tif" n="277"/>
<p>=- I?? -<lb/>kommenheit zurüchhulegen und fast durchweg schwer genug
zu<lb/>machen. Den Bildhauern ist es mit wenig spärlich
geförderten<lb/>Ausnahmen nicht besser ergangen; denn die Stipendien,
welche<lb/>die eine oder die andere der deutschen Regierungen hier
und<lb/>da einem Künstler für eine Studienzeit in Rom angedeihen<lb/>ließ
und noch angedeihen läßt, sind knapp und kurz bemessen.<lb/>Trotzdem ist die
Zahl der hier studirenden und lebenden<lb/>deutschen Künstler, namentlich in
früheren Jahren in Rom,<lb/>eine überwiegend große gewesen, ehe München,
Düsseldorf,<lb/>Wien, Berlin und Weimar zu Mittelpunkten eines
eigenen<lb/>Kunstlebens geworden sind und eigene Kunstschulen
gegründet<lb/>haben.<lb/>Als wir im Jahre 145 und 1846 hier in Rom
ver-<lb/>weilten, bildete die deutsche Künstlergesellschaft eine sehr
her-<lb/>vorragende Gemeinde, an deren Spitze Peter von Cornelius<lb/>stand.
Er arbeitete in jenem Winter an den Kartons für das<lb/>Campo Santo, welches
Friedrich Wilhelm der Vierte neben<lb/>dem beabsichtigten neuen Dom in
Berlin zu erbauen gedachte.<lb/>Der alte Reinhard, der alte Wagner lebten
auch noch in Rom.<lb/>Neben ihnen waren die Maler Rahl, Schrader, Riedel,
Rudolph<lb/>Lehmann, Karl Becker, Gurlitt, Willers, Böhnisch,
Lindemann-<lb/>Frommel, Helfft, Ernst Meyer, Pollac, Hauschild in
voller<lb/>Kraft zu tüchtigen Meistern geworden. Die beiden
Bildhauer<lb/>Wolff, Kümmel, Bläser, Eduard Meyer hatten große
Werk-<lb/>stätten. Der geniale, zu früh gestorbene Hallmann und
andere<lb/>Architekten studirten hier und machten ihrem Vaterlande
in<lb/>jedem Sinne Ehre. Aber nur die Landsmannschaft und das<lb/>gleiche
frohe, frische Streben hielten sie zusammen. Einen<lb/>deutschen Gesandten
gab es damals so wenig als ein Deutsches<lb/>Reich. Der Sohn von Werther's
Lotte, der hannoversche<lb/>Gesandte Herr von Kestner, pflegte mit den
Künstlern mannigs<lb/>fachen Verkehr. König Ludwig von Bayern ließ einigen
von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0285_278.tif" n="278"/>
<p>==- FF --<lb/>ihnen aus der Ferne seinen Schutz angedeihen, doch es
gab<lb/>für sie keine deutsche Akademie, keinen gemeinsamen
Mittel-<lb/>punkt, kein Ausstellungslokal. Deutschland oder vielmehr
die<lb/>verschiedenen deutschen Regierungen kümmerten sich um
die<lb/>Künstler kaum; während die meist unbemittelten
deutschen<lb/>Künstler in ihrem von ihnen gegründeten
Versammlungslokal<lb/>im Palazzo Fiano, den hier anwesenden deutschen
Winter-<lb/>gästen aus aller deutschen Herren Ländern eine um so
er-<lb/>wünschtere Geselligkeit und eine heitere Unterhaltung boten,<lb/>als
das damalige päpstliche Rom außer der Gesellschaft der<lb/>hohen römischen
Aristokatie und den diplomatischen Kreisen<lb/>keine Gesellschaft hatte. Und
zu dieser italienischen Gesellschaft<lb/>fanden die bürgerlichen Fremden
selten oder gar nicht Zutritt.<lb/>Der oder jener Deutsche empfand es wohl,
daß dieses<lb/>Verhältniß der Deutschen zu ihren Künstlern ein
Verfahra<lb/>aus der verkehrten Welt war; es hieß auch hier und da,
der<lb/>Deutsche Bund wolle sich der deutschen Kunst in Rom werk<lb/>thätig
zuwenden. Es ging das Gerücht, der hier lebende<lb/>kinderlose Banquier
Valentini habe sein schönes Haus oben<lb/>am Ende von Piazza S. Apostoli der
preußischen Regierung<lb/>zum Geschenk für die deutschen Künstler angeboten,
wenn<lb/>Preußen in demselben eine Akademie errichten wolle=- indeß<lb/>der
Deutsche Bund ließ es bei dem Wollen sein Bewenden<lb/>haben; von den
preußischen Entschließungen vernahm man<lb/>auch Nichts. Der Banquier
Valentini starb inzwischen, und<lb/>als wir 1866 nach Wjähriger Abwesenheit
von Rom wieder<lb/>hierher zurückkamen, stand noch Alles wie vordem. Auch
das<lb/>Gerücht von der beabsichtigten Schenkung war noch
erhalten<lb/>geblieben, jedoch von dem Zusatze begleitet, daß dieselbe
an<lb/>gewisse, schwer zu erfüllende Bedingungen geknüpft gewesen<lb/>sei,
welche ihre Annahme unmöglich gemacht hätten.<lb/>Jetzt - andere zwölf Jahre
später - im Jahre der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0286_279.tif" n="279"/>
<p>=- I7ß -<lb/>Gnade 17S, da das Königreich Jtalien seit acht Jahren in<lb/>Rom
seinen Mittelpunkt gefunden hat, und seit acht Jahren<lb/>in Berlin der
Deutsche Kaiser der Schirmer des Deutschen<lb/>Reiches geworden ist, ist
damit für die deutsche Kunst und<lb/>die deutschen Künstler in Rom auch die
erhoffte Förderung<lb/>noch nicht herbeigeführt worden.<lb/>In dem ihnen
dereinst von Herrn Valentini zugedachten<lb/>Hause befindet sich die
Präfektur von Rom. Sie selber sind<lb/>seit Jahren und Jahren aus dem
Palazzo Fiano im Korso<lb/>nach dem ersten Stockwerk des Palazzo Poli über
der Fontana<lb/>Trevi übergesiedelt. Sie bieten immer noch den hier
ver-<lb/>weilenden deutschen Gästen die alte freundliche
Gastfreundschaft:<lb/>die unentgeltliche Benutzung ihrer kleinen Bibliothek,
den<lb/>Eintritt in ihr Kasino, das gut mit Zeitungen versehen
ist,<lb/>gegen einen sehr geringen Beitrag, und alle vierzehn Tage<lb/>am
Samstag einen ,Damen-Abend, an welchem von den<lb/>Künstlern kleine
dramatische Scherze aufgeführt, Musik gemacht<lb/>und schließlich zum
Vergnügen von Deutschlands Töchtern bis<lb/>in die tiefe Nacht getanzt - und
um Weihnachten für die<lb/>deutsche Kolonie der aus Tirol verschriebene
mächtige Tannen-<lb/>baum aufgebaut wird, die Weihnachtslieher gesungen,
die<lb/>Kinderhändchen mit kleinen Gaben gutherzig bereichert
werden.<lb/>Das thun die deutschen Künstler für die Deutschen in
Rom!<lb/>Was aber thut Deutschland für die deutschen Künstler in
der<lb/>ewigen Stadt?<lb/>Lesterreich ist dem Deutschen Reiche darin
vorausgegangen,<lb/>denn es gewährt seinen zehn Stipendiaten in dem alten
öster-<lb/>reichischen Palazzo Venezia, in welchem die bei dem
Papste<lb/>beglaubigte österreichische Botschaft ihren Sitt hat, eine
je-<lb/>weilige Heimat. Auch ein Ausstellungsraum ist ihnen
dort<lb/>gewährt, und erst vor wenig Monaten hatte man
daselbst<lb/>diejenigen Bilder ausgestellt, die theils nach Wien,
theils<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0287_280.tif" n="280"/>
<p>=- ZZ( -<lb/>nach Paris für die Ausstellung dieses Jahres gesandt
werden<lb/>sollten.<lb/>Erst Baron v. Keudell, der hier im weitesten und
würdigsten<lb/>Sinne sich als den Schützer und Vertreter seiner
Landsleute<lb/>bewährt, der in der Botschaft den Deutschen einen
Mittelpunkt<lb/>geschaffen, in welchem ihnen, wo er gefordert wird, Rath
und<lb/>Beistand und daneben die großartigste und freundlichste
Gast-<lb/>lichkeit geboten wird, hat eben jett im Frühjahr den
hier<lb/>lebenden deutschen Künstlern den großen Empfangssaal
des<lb/>Botschaftsgebäudes für einige Wochen zur Verfügung gestellt,<lb/>um
zum ersten Male in dem deutschen Botschaftspalast selber,<lb/>unter dem
Panier des Reiches, eine Ausstellung vön Werken<lb/>deutscher Kunst zu
veranstalten. Sie ist nach raschem Eppt-<lb/>schluß unvorbereitet aus
denjenigen Arbeiten zusammengestellt<lb/>worden, die sich eben in den
Werkstätten fertig vorräthig ges<lb/>funden haben, und man hat sie am Ersten
dieses Monats<lb/>eröffnet.<lb/>Wenn man dieser kleinen Kunstausstellung
gerecht werden<lb/>will, so muß man sie zunächst in keiner Weise mit der
Ausstellung<lb/>der vier Bilder und der vier Skulpturwerke in der
französischen<lb/>Akademie vergleichen, wie italienische Blätter es gethan
haben.<lb/>Eine hier in französischer Sprache erscheinende Zeitung<lb/>hat
den Ausspruch gethan: ,Die Franzosen haben für die<lb/>Ehre (den Ruhm, die
Deutschen für das Brod gearbeitetr'<lb/>Die deutschen Künstler können sich
das durchaus nicht böse<lb/>gemeinte und in sich vollkommen wahre Urtheil
gefallen lassen.<lb/>Es sind in der französischen Akademie vier
Malerarbeiten,<lb/>einige Bildhauerwerke nebst architektonischen
Zeichnungen<lb/>u. s. w. ausgestellt. Sie sind das Werk der
hervorragendsten<lb/>Talente unter den jungen französischen Künstlern, eben
der<lb/>Künstler, welche man der Unterstützung durch den Staat<lb/>würdig
befunden hat.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0288_281.tif" n="281"/>
<p>-= Z!<lb/>Ihnen gegenüber nun steht die ohne alle Vorbereitung<lb/>nach einer
plötzlichen Aufforderung entstandene, recht eigentlich<lb/>improvisirte
deutsche Kunstausstellung der Künstler, die, zum<lb/>Theil nur für kurze
Zeit in Rom verweilend, an große<lb/>Arbeiten nicht denken konnten, während
sie andererseits, da sie<lb/>ganz auf sich selber angewiesen sind, wirklich
auch hier in<lb/>Rom für ihren Unterhalt arbeiten und in ihrem
hiesigen<lb/>Schaffen darauf Rücksicht nehmen müssen, welche Art
von<lb/>Arbeiten unter den vorüberziehenden Touristen Aussicht
auf<lb/>rasche Verwerthung hat und welche nicht. Man soll sich
nicht<lb/>scheuen, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen.<lb/>Man
würde der deutschen Kunst im Allgemeinen, wie den<lb/>deutschen Künstlern in
Rom, ein großes Unrecht thun, wenn<lb/>man ihre Bedeutung und ihre
Leistungsfähigkeit nach der<lb/>Zahl oder nach der Art der hier
ausgestellten Bilder endgültig<lb/>beurtheilen wollte. Man hat vielmehr
zunächst die That,<lb/>d. h. die Ausstellung als solche in das Auge zu
fassen. Man<lb/>hat den Entschluß anzuerkennen, mit welchem die
deutsch-<lb/>römische Künstlerschaft unter dem Schutze des Reiches sich
als<lb/>Einheit darstellt, und damit den Boden und die Weise
ange-<lb/>deutet hat, wo und wie sie Wurzel zu schlagen und zu
ge-<lb/>deihen wünscht und hofft.<lb/>Die Ausstellung settt sich aus
fünfundneunzig Nummern<lb/>zusammen, die von dreiundvierzig Künstlern
eingesandt sind:<lb/>einunddreißig Arbeiten und Skizzen von Bildhauern;
einund-<lb/>zwanzig Aquarellen und dreiundvierzig Oelbildern.
Historische<lb/>Bilder oder Entwürfe zu solchen sind gar nicht
vorhanden.<lb/>Außer drei Portraits und einigen Studienköpfen sind
nur<lb/>Landschaften, Architektur - und verschiedene Genrebilder
aus-<lb/>gestellt.<lb/>Von den mir bekannten alten hiesigen Meistern
haben<lb/>die Maler Salomon Corradi, Max Hauschild, Romako, Linde-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0289_282.tif" n="282"/>
<p>== IH -<lb/>mann-Frommel, Riedel, eben so die Bildhauer Eduard Meyer<lb/>und
Emil Wolff Beiträge geliefert. Ihnen hat sich Louis<lb/>Gurlitt, der, in
Dresden lebend, diesen Winter wieder einmal<lb/>in Rom zubringt, zugesellt.
Aber auch von diesen haben düh<lb/>meisten eben nur Proben ihres Könnens
geboten; einmal, weil<lb/>der Raum für die Ausstellung ein sehr beschränkter
war, und<lb/>dann, weil in vielen Fällen die Arbeiten dieses Winters
bereits<lb/>verkauft oder zu andern Ausstellungen gen Norden
gesandt<lb/>worden waren. Der greise Riedel, der Maler der Sakontala<lb/>und
der andern lichtschimmernden Bilder, die uns einst ins<lb/>Herz geleuchtet,
hat eine ihrem nackten Kinde zulächelnde<lb/>römische Bäuerin in der
Ausstellung. Lindemann- Frommel<lb/>hatte nur eine kleine, feine Landschaft,
ein Gebirgsstädtchen,<lb/>zu bieten, während die hier lebende Frau Grunelius
aus<lb/>Frankfurt eines der in ihrem Besitze befindlichen
Frommelschen'<lb/>Marinebilder hergab: ein silberhelles, im Morgennebel
duftig<lb/>schimmerndes Meer, aus welchem in der Ferne die
ver-<lb/>schwimmenden Umrisse von Capri in feinen Tönen sichtbar<lb/>werden.
Gurlitt hat eine sehr feingefühlte Ansicht des Nemi-<lb/>sees im Morgenlicht
ausgestellt, und ein vortreffliches Bild<lb/>aus der Villa Massimo Doria in
Nemi. Große Bäume, in<lb/>deren Zeichnung und Kraft und Fülle seine alte
Meisterschaft<lb/>sich kundgiebt, stehen auf mosigem, sich gegen den See
nieder-<lb/>senkenden Abhange. In der Tiefe schimmert der See
hervor.<lb/>Eine Art von Altar im Mittelgrunde, ein paar langsam
ein-<lb/>herschreitende Gestalten staffiren die Scene und machen
zugleich<lb/>die Einsamkeit und die Stille empfindbar. Es ist seine
alte<lb/>träumerische Ruhe in dem Bilde.<lb/>Eben so wie diese Meister sind
Salomon Corradi, Hau<lb/>schild, Romako und Zielke in der Wahl ihrer Stoffe,
in der<lb/>Naturwahrheit ihrer Auffassung und in der strengen,
liebe-<lb/>vollen Gewissenhaftigkeit der saubern Ausführung sich
durchweg<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0290_283.tif" n="283"/>
<p>=- IZ -=<lb/>treugeblieben. Und in Hauschild's wie in Romako's
Architektur-<lb/>bildern wirkt das Bild des römischen Volkslebens gar
erfreulich<lb/>und bezeichnend mit. Sie sind römisch im besten Sinne
des<lb/>Wortes.<lb/>Unter den Aquarellen sind sehr schöne, eigenartige
Blätter<lb/>von Rudolf Müller hervorzuheben. Die Ruinen des Palatin<lb/>mit
einer Fernsicht auf Rom, der Wasserfall von Terni und<lb/>eine Gebirgsstadt
am Meer.<lb/>Von dem jüngeren Corradi befinden sich in der Aus-<lb/>stellung
eine Ansicht von Venedig im Mondschein bei bewölktem<lb/>Himmel, ein Bild
aus den pontinischen Sümpsen und eine<lb/>neapolitanische Landschaft. Alle
drei Delgemälde sind sehr<lb/>charakteristisch und sehr ansprechend. Wenn
man die Kirche<lb/>am Kanale sieht, auf deren Kuppel das Mondlicht, aus
dem<lb/>durchleuchteten Gewölk hervorbrechend, in bleichem
Schimmer<lb/>niederfällt, während in dem Halbdunkel Schiffer im
Wasser<lb/>stehend die Netze einreffen, um den Fang ins Boot zu
bergen,<lb/>klingen Einem unwillkürlich Platen's Verse in der
Seele:<lb/>Venedig lebt nur noch im Reich der Träume<lb/>Und wirft nur
Schatten her aus fernen Tagen!<lb/>Es ist viel Poesie und Stimmung in dem
Bilde. Ganz<lb/>dasselbe gilt von der offenen, breiten, südlichen
Landstraße,<lb/>die sich gegen das Meer hin zu öffnen scheint und von
der<lb/>man hinübersieht nach den Bergspiten am anderen Ufer.<lb/>Links und
rechts vom Wege liegen einzelne Häusergrupven,<lb/>von Pinien und anderen
Bäumen überschattet. Wagen fahren<lb/>in das Land hinein und dem Beschauer
entgegen. Der Staub<lb/>wirbelt leicht vom Boden auf, wie die Wolken am
Himmel<lb/>leicht vorüberziehen. Es ist warm in dem Bilde. Corradi<lb/>hat
von beiden Malerschulen, von der französischen und von<lb/>der deutschen,
sich sein Theil genommen. Ich glaube über-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0291_284.tif" n="284"/>
<p>-- s<lb/>haupt, wenn die deutsche und die französische Schule zu
einer<lb/>gegenseitigen Durchdringung kämen, wenn die eine von
der<lb/>andern annehmen wollte, was jede von ihnen von der andern<lb/>voraus
hat, so könnte ein außerordentlicher Gewinn für die<lb/>Kunst daraus
erwachsen. - Welsch hat die Pyramiden von<lb/>Ghizeh, eine venetianische
Marine und eine engadiner Berg-<lb/>spitze ausgestellt. Er hat kräftige
Farben, es ist Leben in<lb/>den Bildern.<lb/>Ein kleines Bild von dem
Frankfurter Steinhardt, eine<lb/>badende Nymphe, hat einen hübschen,
landschaftlichen Hinter-<lb/>grund; aber die Nymphe würde sich nymphenhafter
und<lb/>schöner machen, wenn sie tiefer in dem Bilde im Baumes-<lb/>schatten
sichtbar würde. Gewaltsam in den Vordergrund ge-<lb/>rückt, ist sie geistig
und körperlich in dem engen Raume nicht<lb/>an ihrem Platze. Sehe ich, da
ich schließen muß, den Katalog<lb/>der Bilder durch, so kommt mir bei den
Namen dieses und jenes<lb/>hübsche Bild noch ins Gedächtniß. Das Köpfchen
eines veilchen-<lb/>verkaufenden Mädchens von Otto Brandt aus Berlin -
ein<lb/>Bettler von Elthofer aus Wien - und noch Dies und Jenes.<lb/>Was mir
bei der Wahl der Stoffe für die ausgestellten<lb/>Genrebilder im Allgemeinen
aufgefallen, ist ein Mangel an<lb/>Originalität. Romako, Wilhelm Wider, der
jetzt in Berlin<lb/>lebt, Rudolf Lehmann und die verstorbenen Künstler
Ernst<lb/>Meyer und Schweinfurt wußten dem römischen Volksleben,<lb/>das
freilich fast zum Mythus geworden ist, immer neue, heitere<lb/>oder auch
sentimentale Seiten abzugewinnen. Davon ist jetzt<lb/>nicht viel zu merken.
Und doch hat das hiesige Leben, obschon<lb/>ihm das Volkskostüm verloren
gegangen ist, immer noch so<lb/>viel Eigenthümliches, daß es dem achtsamen
Auge überall<lb/>entgegentritt. Die Genrebilder, welche ausgestellt sind,
sind<lb/>hübsch gemacht, würden zu besitzen angenehm sein; aber es<lb/>sind
Darftellungen, die an jedem andern Orte als in Rom ganz<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0292_285.tif" n="285"/>
<p>= IH<lb/>eben so gut hätten gemacht werden können und gemacht
worden<lb/>sind. Es ist überhaupt keine bedeutende Originalität in
der<lb/>Masse der ausgestellten Sachen; und wo eine solche sich in<lb/>ein
paar Bildern ausspricht, wie z. B. in den beiden Studien-<lb/>köpfen von
Julius Antz aus Karlsruhe, der sich an Lenbach<lb/>anzulehnen scheint, ist
das Suchen nach Originalität noch<lb/>nicht an seinem Ziele angelangt. Die
beiden Köpfe, ein weib-<lb/>licher und ein männlicher, haben, obschon sie
unschön sind, für<lb/>mich einen sehr fesselnden Reiz; doch ist die Farbe
derartig<lb/>ins Goldbraune gerathen; daß man vergebens darüber
nach-<lb/>sinnt, welcher Menschenrasse diese beiden anziehenden
Köpfe<lb/>angehören können.<lb/>Die Bildhauer haben es mit der Ausstellung
ihrer Arbeiten<lb/>überall schlimmer als die Maler, und vollends in dem
Falle,<lb/>wenn die Ausstellungsräume sich, wie im Palazzo
Caffarelli,<lb/>nicht zu ebener Erde befinden. Große Werke ein paar
Treppen<lb/>hinaufzubringen, hat immer seine Schwierigkeiten, selbst
wenn<lb/>die Treppen so breit und schön sind und so gelind
ansteigen,<lb/>als die in dem deutschen Botschaftspalast. Man mußte
sich<lb/>also darauf beschränken, Büsten und leicht tragbare Statuen<lb/>und
Gruppen auszustellen; und dabei ist noch zu be-<lb/>merken, daß weder der
geniale Müller von Karlsruhe, noch<lb/>die beiden Cauer oder Kopf sich an
der Ausstellung betheiligt<lb/>haben.<lb/>So sind denn von den alten
Bildhauern, die schon seit<lb/>vielen Jahren hier verweilen, nur ein paar
Arbeiten zu ver-<lb/>zeichnen. Von Emnil Wolff eine in dem Zauberkreise
knieende<lb/>Eirce, den Zauberstab über ihrem Haupte schwingend;
von<lb/>Eduard Meyer, der seinen für die Nationalgalerie in
Berlin<lb/>angekauften Merkur im Laufe des Winters nach
Deutschland<lb/>gesandt hat, eine kleine, durch Wilhelm Wiedemann sehr
sauber<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0293_286.tif" n="286"/>
<p>=- ZZß -<lb/>ausgeführte Kopie einer Statue der ihr Haar
trocknenden<lb/>Venus und eine Büste.<lb/>Man hat es in der Ausstellung
dadurch fast durchweg<lb/>mit der jüngeren Generation zu thun, und unter
dieser treten<lb/>die Arbeiten des Berliner Karl Begas als die
eigenartigsten<lb/>sehr entschieden hervor. Ein in Marmor ausgeführter,
mit<lb/>seinem Knaben spielender Faun ist eben so heiter erdacht
als<lb/>schön in seiner Ausführung. Er hat sich,
traubenbekränzten<lb/>Hauptes, die Augen im Spiele halb geschlossen, mit dem
Ober-<lb/>körper weit nach hinten zurückgeworfen, während er mit
der<lb/>Rechten eine große Traube, sie halb verbergend,
umschlossen<lb/>hält. Das Knäbchen, auf seinen Knieen sittend, stützt sich
mit<lb/>der Linken auf des Vaters breite Brust und sucht mit der<lb/>Rechten
nach der Traube hinaufzulangen, die an des Vaters<lb/>linker Schläfe
niederhängt. Es ist Leben, Bewegung in der<lb/>Gruppe, und doch ist die
ruhige Anmuth solch hinträumenden<lb/>Spieles in dem Bildwerk sehr lieblich
dargestellt. Die Büste<lb/>eines eben der Jungfräulichkeit entgegenreifenden
Mädchens<lb/>mit halb entblößter Brust, ein Kettchen, an welchem
ein<lb/>Amulett hängt, um den zierlichen Hals geschlungen - Begas<lb/>nennt
die Kleine Giuditta - ist reizend in dem Ausdruck<lb/>kindlicher
Unbefangenheit, und in der Behandlung fein, wie<lb/>die Knöchelspielerin,
die mir immer als ein Muster solcher<lb/>Zierlichkeit erschienen ist. - Die
Portraitbüste, Gypsmodell,<lb/>einer jungen üppigschönen Frau erinnert an
ähnliche Leben<lb/>und Sinnlichkeit athmende Arbeiten von Reinhold
Begas;<lb/>aber gradezu ein Meisterwerk ist die ebenfalls nur in
Gyps<lb/>ausgeführte Büste eines magern Mannes. Ein schmaler,<lb/>scharf
ausgeprägter Kopf mit einem von dem Leben und seinen<lb/>Erfahrungen tief
durchfurchten Antlitz. Man vergißt diesen<lb/>Kopf nicht, auch wenn man, wie
ich, das Original niemals<lb/>gesehen. Mir fiel, ohne daß eine Aehnlichkeit
zwischen den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0294_287.tif" n="287"/>
<p>= ZH? -<lb/>Köpfen vorhanden wäre, die herrliche Büste des Julius
Cäsar<lb/>in dem Berliner Museum ein, als ich vor der Arbeit stand;<lb/>und
es kann nichts Geringes sein, das uns solch ein Meister-<lb/>werk plötzlich
in der Erinnerung hervorruft.<lb/>August Sommer aus Koburg hat das Modell zu
einem<lb/>Springbrunnen geliefert: einen Centaur, der sich aus den
ihn<lb/>umwindenden Ringen einer Riesenschlange frei zu machen<lb/>strebt.
Sich mit dem Oberkörper rückwärts kehrend, hebt er<lb/>mit der mächtigen
Rechten den gewaltigen Leib der Schlange<lb/>über seinen Körper in die Höhe,
um ihren Druck von seinen<lb/>Weichen abzuwehren; und hebt mit der Linken
den Kopf<lb/>der Schlange, sie an der Gurgel zusammenpressend, hoch
über<lb/>seinem Haupte empor, so daß sie, den Rachen öffnend,
dem<lb/>Wasserstrahl den Durchgang bietet. Ich glaube, groß
aus-<lb/>geführt, müßte die Arbeit von bedeutender und schöner<lb/>Wirkung
sein.<lb/>Von Speiß aus Würzburg ist in Marmor ein nackter<lb/>Knabe da, der
den antiken, gegen die Kniee gestützten Wein-<lb/>krug, mit der Rechten
vorsichtig haltend, mit vollen Zügen<lb/>den Durst aus der gefüllten Schaale
löscht, die er zum Munde<lb/>geführt hat.<lb/>Von Volz aus Karlsruhe das
kleine Gypsmodell einer<lb/>nackten, sitzenden, nur mit einem Neberwurf bis
zum halben<lb/>Leibe bekleideten Kleopatra, die todtverlangend und
doch<lb/>schaudernd vor dem Tode, nach der Vase hinblickt, aus der<lb/>die
Natter sich hervorwindet. Der Kopf ist ausdrucksvoll, der<lb/>Körper gut
durchgeführt, die Pose recht schön.<lb/>Konstantin Dausch, ein frischer,
rasch und geschickt<lb/>arbeitender Künstler, hat in Marmor eine Bacchantin
und<lb/>zwei figurenreiche Reliefs, Kindergruppen, den Herbst
und<lb/>vUarrar<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0295_288.tif" n="288"/>
<p>==- ZZ -<lb/>hat das anzuerkennen und zu wiederholen, unter den
Bildern<lb/>wie unter den Skulpturen nichts Schlechtes, nichts
Verfehltes,<lb/>sondern viel Gutes, viel Gelungenes vorhanden. Alle
diese<lb/>Talente sind ,sich des rechten Weges wohl bewußt''; aber<lb/>man
meint es ihnen anzufühlen, daß eine innere Gebunden-<lb/>heit sie fesselt,
daß Bedenken sie in den Schranken des Her-<lb/>gebrachten halten, daß ihnen
die fortreißende Kraft gebricht,<lb/>die sie zwingt, eigene Bahnen zu
suchen, selbst auf die Gefahr<lb/>hin, falsche Pfade einzuschlagen und sich
auf diesen gründlich<lb/>zu verlaufen, wie dies verschiedenen der höchst
talentvollen<lb/>französischen Künstler begegnet ist. Aber man tröstet sich
vor den<lb/>sonderbaren Einfällen und Ungeheuerlichkeiten, welche
die<lb/>jugendlichen Meister in der französischen Akademie sich
guf<lb/>Kosten ihres Vaterlandes passiren lassen dürfen, mit
döm<lb/>Dichterworte: ,Mit Kraft begannen, die mit Schönheit enden!r<lb/>Und
Frankreich wird es voraussichtlich gegenüber keinem von<lb/>den
Stipendiaten, welche jetzt ihre Arbeiten eingeliefert, zu<lb/>bereuen haben,
daß es ihnen die Freiheit gewährt, sich nach<lb/>eigenem Ermessen genug zu
thun und sich mit ihrem großen<lb/>Talent an der Schönheit nach Gefallen zu
versündigen.<lb/>Das bedeutendste Werk in der französischen
Ausstellung<lb/>ist das große historische Bild des seit vier Jahren in
Rom<lb/>verweilenden Malers Morot. Ambronische Weiber, die nach<lb/>der
Niederlage der Männer von einer Wagenburg hernieder,<lb/>sich und ihr Land
gegen römische Kavallerie vertheidigen und<lb/>sie zum Rüchuge zwingen. Es
ist ein Bild, groß gedacht,<lb/>wie Kaulbach's Hunnenschlacht, wie die
apokalyptischen Reiter<lb/>von Cornelius. Ein wildes, entsettliches
Kampfgewühl unter<lb/>hellem, grauem Himmel. Ein furchtbares,
erschreckendes<lb/>Durcheinander, das Herz ergreifend, den Sinn
verwirrend,<lb/>wie der Vorgang selbst es thun würde, fände man sich
einen<lb/>solchen plötzlich und unvorbereitet gegenüber; aber es ist
so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0296_289.tif" n="289"/>
<p>= ZZß -<lb/>gräßlich in der Wahl der einzelnen Motive, daß man das
Auge<lb/>widerwillig davon wendet und das Bild so bald nur möglich<lb/>zu
vergessen sucht. Weiber von so erschreckender Häßlichkeit,<lb/>daß man
meint, sie brauchten gar nicht zu kämpfen, sondern<lb/>nur zu erscheinen,
damit Männer vor diesen alten Megären<lb/>mit blutunterlaufenen Augen, mit
weit aufgerissenen Mäulern<lb/>schaudernd die Flucht ergreifen. Ein Weib,
dem die Hand<lb/>mit scharfem Messer durchgeschnitten wird, ein Weib, das
die<lb/>Hände in die Augen eines Kriegers krallt. Es ist
geradezu<lb/>grauenhaft; und selbst der völlig nackte, schön
gestaltete<lb/>Körper eines jüngeren Weibes, den, so viel ich mich
erinnere,<lb/>im linken Vordergrunde ein Reiter an seinem Pferde
mit<lb/>sich schleppt, kommt nicht auf, neben dem Graus dieses
fürchter-<lb/>lichen Hexensabbaths. Wie Morot selber einmal in
späteren<lb/>Jahren dieses Bild beurtheilen wird, da er nicht
verfehlen<lb/>kann, ein großer Meister zu werden, das möchte ich
wissen.<lb/>Diesem Bilde gegenüber steht ein anderes Bild,
ebenfalls<lb/>lebensgroße Figuren von Counnere hß. Jahrs. Es war in<lb/>der
Zeitung, welche den Bericht über die Ausstellung gebracht,<lb/>als ,le lion
amonrenkr (der verliebte Löwes betitelt, und ich<lb/>hatte, als ich diese
Worte las, darüber nachgedacht, was das<lb/>etwa sein könne. Ich war auf
Franz den Ersten und Diana<lb/>von Poitiers, auf Heinrich den Vierten und
Gabriele, auf<lb/>Napoleon und Josephine, und schließlich sogar auf irgend
einen<lb/>zeitgenössischen Stutzer mit seiner Schönen verfallen.
Mich<lb/>dann in der Ausstellung von der Ambronenschlacht nach
dem<lb/>verliebten Löwen wendend, stand ich da und traute meinen<lb/>Augen
nicht.<lb/>Der verliebte Löwe ist kein Mensch. Er ist eine
wirkliche<lb/>langmähnige Bestie und nichts weiter. Inmitten eines
Tribus<lb/>von mir unbekannter Race - die Leute sehen wie
Ungarn,<lb/>Slovaken oder so etwas aus, können aber vielleicht Hindus<lb/>S.
Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0297_290.tif" n="290"/>
<p>=- ZI -<lb/>sein - liegt, umstanden von verschiedenen bekleideten,
halb-<lb/>bekleideten und unbekleideten Personen verschiedenen
Geschlechts,<lb/>auf einem Felsstück im Hintergrunde ein großer Löwe,
der<lb/>ein ihm zulächelndes nacktes, schönes Mädchen zärtlich
angrinst,<lb/>während ein Mann ihm die Krallen beschneidet. Gemalt
is<lb/>das Alles sehr schön. Was es bedeuten soll, ist mir
unver-<lb/>ständlich geblieben, und Alle, die ich darum befragt, ob
sich<lb/>das auf eine Fabel, auf eine Sage, auf eine Dichtung
bezieht,<lb/>haben nicht mehr davon gewußt als ich. Aber Herr
Counnere<lb/>zeigt, daß er sowohl Menschen als Thiere zu malen
versteht,<lb/>und darauf allein kommt es ja in seinem Falle an.<lb/>Die
beiden andern ausgestellten Proben, eine friesartig-<lb/>dekorativ gehaltene
Skizze von Besnard Gs. Jahr, der Einzug<lb/>Franz des Ersten in Bologna und
eine in Königskleidern er-<lb/>scheinende heilige Elisabeth von Ungarn,
einen nackten, ver-<lb/>wundeten Greis in ihrem Schlosse auf den Stufen
ihres Thrones<lb/>verbindend, von Venker (l Jahrs haben ihr Verdienst,
doch<lb/>nichts so Neberraschendes Originelles, wie die beiden
erstge-<lb/>nannten Bilder.<lb/>Künstler von Fach rühmen die
architektonischen Zeichnungen<lb/>und zollen den in Gyps ausgeführten
Arbeiten der Bildhauer<lb/>volle Anerkennung, namentlich in der anatomischen
Kenntniß.<lb/>Mich machte dagegen eine Gruppe von Hugues (. Jahrs
voll-<lb/>kommen betroffen, weil sie nach meiner Meinung auch
eine<lb/>vollkommene Verirrung kundgiebt. Es ist die Gruppe
von<lb/>Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, wie Dante
sie<lb/>dargestellt hat, und Herr Hugues hat auch die Verse
Dante's:<lb/>,Kein größerer Schmerz, als sich im Elend glücklicher
Tage<lb/>erinnern'', darunter gesett. Aber wie Jemand darauf
verfallen<lb/>mag, Schatten, ,die wie sanfte Tauben vorüberziehen
(ich<lb/>glaube, so lautet die Bezeichnung ungefährz in Gyps, und<lb/>zwar
nicht etwa im Relief, was denkbar wäre, sondern in<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 21</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0298_291.tif" n="291"/>
<p>== Zßh -<lb/>großen, schweren, aneinander hängenden Figuren
darzustellen,<lb/>von denen oben ein noch die gypserne thränenweinende
Francesca<lb/>nichts weniger als liebreizend erscheint, ist schwer zu
verstehen.<lb/>Die Körper haben viel Naturwahrheit, ihr
Zusammenhalten<lb/>ist sehr geschickt gemacht, aber schön ist die Gruppe
nicht, von<lb/>soviel Talent sie auch zeugen mag.<lb/>So ist es denn
beinahe, als ob die hiesigen Deutschen zu<lb/>weit gingen in dem Festhalten
an dem Ausspruch ihres Dichters:<lb/>,Nur daß die Kunst gefällig sei! - und
als ob die Franzosen<lb/>wirklich an das Paradoxon glaubten: ls laiä e'est
ls beau!<lb/>(Das Häßliche ist das Schöne !, das unter den
Romantikern<lb/>eine Zeit lang zu einer Art von Schiboleth erhoben, noch
nicht<lb/>beseitigt ist. Dieses Abirren auf den Weg des Häßlichen
ist<lb/>aber nicht ein bloßer Zufall. Dieses Abgehen von der
Schön-<lb/>heit, wie die antiken Bildwerke und die Bilder der
Perugino,<lb/>Rafael, Tizian und ihrer Nachfolger sie uns in
ihren<lb/>Schöpfungen hinterlassen und in die Seele geprägt haben,
ist<lb/>ein ganz bewußtes Thun, ist auf die Grundsätze einer
be-<lb/>stimmten Schule zurückzuführen. Wir haben in den Aus-<lb/>stellungen
der letten Jahre in Berlin davon die Beweise mehr<lb/>und mehr vor Augen
gehabt, und es wäre Noth, daß man<lb/>die Betrachtungen darüber einmal
zusammenfaßte und sich<lb/>fragte: Wohin kommen wir auf diesem
Wege?<lb/>I-fsu= ls-ls<lb/>Einunlzualllgs=- ==ps-<lb/>Frühling in
Nom.<lb/>Es ist ein großer Irrthum der vom Norden kommenden<lb/>Reisenden,
wenn sie zu wissen meinen, was der Süden ist,<lb/>sofern sie denselben, wie
die Mehrzahl thut, nur im Winter<lb/>kennen lernen. Man behauptet, und
wahrscheinlich mit Recht,<lb/>19<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0299_292.tif" n="292"/>
<p>=== IßF -<lb/>daß Petersburg sich im Winter am schönsten darstellt;
und<lb/>es ist gewiß mit gleichem Rechte zu behaupten, daß man den<lb/>Süden
nur im Sommer völlig kennen lernen kann. So<lb/>weit es Rom betrifft, muß
man das späte Frühjahr dort ver-<lb/>leben, um sich zu überzeugen, wie schön
Rom sein kann, wenn<lb/>die Wintermonate, der Dezember und der Januar,
vorüber<lb/>sind, die sich auch hier fühlbar und geltend machen.
Denn<lb/>die nordischen Bäume werfen ihr Laub in Rom sammt und<lb/>sonders
wie bei uns zu Hause ab. Die Ulmen, die Rüstern, die<lb/>Platanen haben
kahle Aeste. Die feineren Blumenarten machen<lb/>im Blühen einen Stilstand;
und wenn schon der Fremde, der<lb/>von jenseits der Alpen nach Jtaliei
kommt, sich hier mitten<lb/>im Winter auch im Süden empfindet und im Sommer
zu<lb/>leben glaubt, so fühlt Derjenige, der hier eingelebt ist,
den-<lb/>noch, daß es auch in Rom winterlich sein kann, und genießt
den<lb/>Frühling und sein rasches, feuriges Werden mit eben so
großem<lb/>Entzücken, als hätte er in der Heimath viele traurige
Monate<lb/>ohne Licht und Wärme, ohne Grünen und Blühen in ,der<lb/>Straßen
guetschender Enge'' zugebracht.<lb/>So oft ich im Süden den Frühling
erwachen sehen, habe<lb/>ich an die heiß auflodernde, plötzlich in vollen
Flammen<lb/>stehende Liebesgluth von Shakespeare's Romeo und
Julia<lb/>gedacht. Ein Augenblick des scheuen Erwachens, des
zurück<lb/>haltenden Zögerns, und sie ist da in aller ihrer
überwältigenden<lb/>Pracht. So war es auch in diesem Jahre hier wieder
mit<lb/>dem Frühling, obschon der Januar kälter gewesen ist, als ich<lb/>ihn
jemals in Rom erlebt, und obschon der März uns seine<lb/>hier
sprichwörtliche launenhafte Unfreundlichkeit empfindlicher<lb/>als
gewöhnlich zu kosten gegeben hat.<lb/>Dafür aber ist es etwas ganz
Herrliches jetzt, in den<lb/>frühen Morgenstunden einen Gang durch die
Gartenanlagen<lb/>auf dem Monte Pincio zu machen, die, ganz abgesehen
von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0300_293.tif" n="293"/>
<p>-- ZZ -<lb/>dem wundervollen Blick über Rom und bis zum Gebirge<lb/>hinaus,
mir in gartenkünstlerischer Hinsicht immer als<lb/>das Vollendetste
erschienen sind, was auf einem so kleinen<lb/>Raume geleistet werden kann;
denn den ganzen Umkreis der<lb/>Abplattung auf dem Berge, zu welchem breite
Terrassen mit<lb/>vortrefflichen Fahrwegen hinanführen, umgeht man
hin-<lb/>schlendernden Schrittes in zwanzig bis fünfundzwanzig
Minuten.<lb/>Und auf diesem engen Raume ist eine Fahrstraße
ge-<lb/>schaffen, in welcher sich allabendlich um
Sonnenuntergang<lb/>Hunderte und Hunderte von Wagen in bequemer
Sicherheit<lb/>zur Korsofahrt bewegen, wenn sie nicht auf dem mit
prächtiger<lb/>Balustrade umgebenen Vorsprung gen Westen hin
Halt<lb/>machen, um der Militärmusik zuzuhören oder der Unter-<lb/>haltung
zu pflegen, wie in einem großen Gesellschaftssaale.<lb/>Die Männer steigen
dann aus den dicht neben einander<lb/>stehenden Wagen und gehen zwischen
denselben, mit den<lb/>Frauen plaudernd, hin und wieder, während man von
Wagen<lb/>zu Wagen sich gleichfalls unterhält. So lange das
jeweilige<lb/>Musikstück dauert, kann kein Wagen sich von seinem
Platze<lb/>rühren. In den Pausen erst wird eine Bewegung möglich,<lb/>die
aus Gewohnheit und Nothwendigkeit die regelmäßige<lb/>Straße einhält, und
nebenher von Polizeibeamten innerhalb<lb/>derselben festgehalten, ohne jede
Störung, ohne das bei uns<lb/>nur zu übliche Zanken und Schreien der
Kutscher, anmuthig<lb/>von Statten geht.<lb/>Neben den Fahrwegen die
schattigsten Alleen, die lauschigsten<lb/>Bosquets. Springbrunnen steigen
aus weiten, schön verzierten<lb/>Becken in die Höhe; Quellen, an denen
zahllose Vögel zur<lb/>Tränke kommen, rieseln durch den üppig grünen
Rasen.<lb/>Unter Bäumen fast verborgen eine Turnhalle für die
männ-<lb/>kKnArraM<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0301_294.tif" n="294"/>
<p>==- ZZF -==<lb/>Büsten der berühmtesten Römer und Jtaliener, von
Scipio<lb/>abwärts oder hinauf, bis zu den Helden und Dichtern,<lb/>Denkern,
Künstlern und Staatsmännern unserer Tage, auf<lb/>daß die Namen ihrer großen
Männer der Jugend früh ge-<lb/>läufig werden. Marmorsitze, schöne eiserne
Bänke überall! =<lb/>Und das Alles verschönt durch eine Blumen- und
Blüthenfülle,<lb/>deren Duft etwas Berauschendes hat. Rosen,
Levkoyen,<lb/>Goldregen, spanischer Flieder, Rhododendron,
Kamelien,<lb/>Azaleen, wohin das Auge sieht. Hoch von den Gipfeln
der<lb/>Pinien, der Cedern, der Araukas und anderer mir dem<lb/>Namen nach
unbekannter Bäume, hängen die traubenartigen<lb/>lila Blüthen der Glyzinien,
der weißen, gelben, rothen<lb/>Kletterrosen hernieder, die sich emporgerankt
bis zu des Baumes<lb/>höchster Spitze. Vergißmeinnicht blühen an dem Rand
der<lb/>Wasser. Ganze Massen von schönkelchiger weißer Calla heben<lb/>ihre
Stengel aus den Wasserbecken und Grotten zwischen dem<lb/>feinen
braunstengligen Grün des Venushaars hervor. Gelbe<lb/>Butterblumen glänzen
uns dazwischen heimathlich entgegen.<lb/>Die weißen Akazien, die rothen
Judasbäume, die Kastanien,<lb/>die Mandeln, der Kirschbaum und der Apfelbaum
stehen in<lb/>voller Blüthe. Die Knospen der Orangenbäume fangen sich<lb/>zu
öffnen an und erfüllen mit ihrem Dufte den ganzen<lb/>Raum. Schlanke
Schwarzdrosseln hüpfen über den Rasen,<lb/>die Schmetterlinge gaukeln durch
die Luft, und rasch und<lb/>flüchtig schlüpft die leichtbewegliche Lacerte
aus dem Tufstein<lb/>an den Quellen hervor und über die Mamorbank
hinweg,<lb/>daß unser Auge ihrem zierlichen Erscheinen und
Verschwinden<lb/>kaum folgen kann.<lb/>Morgens aber, wenn kein Wagengerassel
und keine Musik<lb/>die Stille unterbrechen, wenn Nichts vernehmbar ist als
der<lb/>helle Vogelgesang und das Rauschen und Rieseln und Plät-<lb/>schern
der Wasser, dann erst ist der Pincio schön. Alles<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0302_295.tif" n="295"/>
<p>=== IH -=<lb/>leuchtet in dem frischen Thau der Nacht. Das
Somnenlicht<lb/>huscht mit den Lacerten um die Wette über den Boden,
wenn<lb/>ber Windhauch, der vom Meere oder aus den Bergen kommt,<lb/>die
Zweige der Bäume bewegt. Nur vereinzelt begegnet mnan<lb/>einem
Spaziergänger, und ab und zu sieht man Jemand, in<lb/>sein Buch vertieft,
auf einer der beschatteten Marmorbänke<lb/>sitzen. Langsam dahinwallend
blickt man die Marmorbüsten<lb/>Michelangelo's und Andrea Doria's,
Petrarca's, Leopardis,<lb/>Tasso's, Tizian's, Giobertis, Giustis,
Garibaldi's und<lb/>Mazzini's an, und blickt hinüber zu der Peterskirche
und<lb/>hinaus nach dem Monte Mario, nach der verfallenen Villa<lb/>Madama,
nach dem Kloster von Santa Maria del Rosaria,<lb/>nach der Aqua Paolo und
weit fort nach der anderen Seite<lb/>hin in das Gebirge, wo die Lionessa und
der Sorakte hervor-<lb/>ragen aus den sanften Höhenzügen. Ach! mich dünkt,
nirgend<lb/>auf der Welt läßt es sich so köstlich sinnen und träumen
als<lb/>auf dieser Höhe, nirgend empfindet man Glück und Leid so<lb/>in sich
selbst verklärt wie hier! An manchem lieben Morgen<lb/>bin ich Ferdinand
Gregorovius, meinem Landsmann und<lb/>alten Freunde, da oben begegnet, der
sein Rom auch so für<lb/>sich allein genießen wollte; das Rom, zu dessen
großen Ge-<lb/>schichtsschreibern und zu dessen Ehrenbürgern der
tiefsinnige,<lb/>immer noch schöne Mann gehört.<lb/>Wird es dann acht Uhr am
Morgen, so kommen die<lb/>Schüler der Propaganda zum Vorschein, ihren
Spaziergang<lb/>zu machen. Die Schweizer in den feuerfarbenen
Soutanen,<lb/>die Deutschen schwarz mit feuerrothen Paspoilen, die
Schotten<lb/>und Engländer schwarz und violett gekleidet. Dann
geht<lb/>einmal ein Bischof, mit grünem Güürtel und grünen Quasten<lb/>auf
dem Hute, ein Monsignor in Violetttracht durch die<lb/>t NraA<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0303_296.tif" n="296"/>
<p>Is -<lb/>Somnenlichte und in der offenen Natur. = Noch ein wenig<lb/>später
erscheinen die Klassen der weltlichen Schulen. Sie<lb/>sammeln sich auf dem
Platze vor der Kirche von Trinita di<lb/>Monte, treiben um den alten
Obelisken ihre Spiele, ver-<lb/>muthlich in einer Zwischenstunde; und kehrt
man dann von<lb/>dem offenen Platze in die Via Sistina zurück, so rührt zu
beiden<lb/>Seiten der Straße das Kunsthandwerk die fleißigen Hände.<lb/>Fast
Haus bei Haus ist eine Werkstatt im Erdgeschoß<lb/>zu finden. Mosaik- und
Bronzearbeiter, Rahmenfabrikanten,<lb/>Gemmenschneider, Gypswaarenarbeiter,
Marmorare, Kunst-<lb/>tischler, Elfenbeinschnitzer u. s. w. u. s. w.<lb/>Ich
glaube kein Ort auf der Welt ist so sehr wie Rom<lb/>dazu geeignet,
Kunstbetrachtungen im großen Ganzen und<lb/>daneben in allen und üüber alle
Theile der Kunst bis in das<lb/>kleinste Kunsthandwerk erfolgreich
anzustellen. Denn hier i<lb/>seit Jahrtausenden zusammengehäuft worden, was
die ver-<lb/>schiedenen Zeiten und Völker an Kunstwerken
hervorgebracht.<lb/>Hieher hat man die bedeutendsten Künsiler in den
Tagen<lb/>ihrer höchsten Meisterschaft berufen; und gerade durch
den<lb/>Anblick desjenigen, was diese Meister in Rom geschaffen
haben,<lb/>und all' jenes Anderen, was man in den Tagen der
großen<lb/>päpstlichen Macht, durch diese Macht und ihre
gewaltigen<lb/>Mittel in Rom, als in dem Mittelpunkt der damaligen
Welt,<lb/>ansammeln konnte, haben sich hier jene Fertigkeit und
Ge-<lb/>schicklichkeit in der Kunst und im Kunsthandwerk
herausgebildet,<lb/>die uns auf Schritt und Tritt entgegentreten, ja die uns
über-<lb/>raschen, wenn wir in unseren bescheidenen Zimmern zu den<lb/>in
der Regel mit allerlei zierlichem Bilderwerk bemalten Decken<lb/>in die Höhe
blicken. Denn auch diese arabeskenhaften Zimmer-<lb/>malereien, die in
Deutschland erst seit Kurzem sichtbar zu<lb/>werden beginnen, sind in Rom
ganz unwerkennbar auf die<lb/>uralten Vorbilder zurückzuführen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0304_297.tif" n="297"/>
<p>= I? -<lb/>Ach! es ist etwas Schönes und Großes für den Menschen,<lb/>unter
einem sonnigen Himmel, in einer schönen Natur, in<lb/>einem milden Klima, in
einem alten Kulturlande geboren zu<lb/>werden und als ein Angestammtes in
das Leben mit hinein<lb/>zu bringen, was wir Anderen uns erst mühsam
anzueignen<lb/>haben! Tüchtig, kräftig, beharrlich macht diese
Anstrengung<lb/>uns freilich, und ich bin gewiß die Letzte, die ihres
Vater-<lb/>landes und ihres Volkes Eigenschaften unterschätzt; aber
schön<lb/>ist die Anmuth in dem Wesen der Südländer, der Romanen,<lb/>dieser
Jtaliener, die man mit Wenigem befriedigt, und deren<lb/>freundliche,
förmvoll' höfliche Weise im täglichen Verkehr für<lb/>uns, die wir sie nicht
gewohnt sind, eben so wohlthuend als<lb/>bestechend ist. Man macht darüber
oft sehr artige Er-<lb/>fahrungen.<lb/>So war ich neulich einmal genöthigt,
einer Arbeiterin<lb/>eine eigens für mich bestellte Arbeit zurückzugeben.
Ich that<lb/>es mit einer Entschuldigung, denn sie hatte sie ganz neu
zu<lb/>machen, und ich hatte mich darauf gefaßt gehalten, sie
höher,<lb/>wenn nicht doppelt bezahlen zu müssen. Am anderen
Tage<lb/>brachte sie mir die neue Arbeit. Als ich sie um den
Preis<lb/>befragte, nannte sie einfach die fünf Lire, die sie für
dieselbe<lb/>gefordert hatte. - ,Aber Sie haben die Arbeit
zweimal<lb/>machen müssen und können die erste schwerlich
verwerthen!<lb/>bemerkte ich. - ,Es war meine Schuld, daß ich sie
ver-<lb/>paßte!r entgegnete das Mädchen. Ich dankte ihm. ,Oh!<lb/>Sie haben
nicht zu danken; aber es macht mir Vergnügen,<lb/>Sie jetzt zufrieden
gestellt zu haben!'' gab sie mir zur Ant-<lb/>wort und war voll freundlichen
Dankes, als ich ihr unauf-<lb/>gefordert eine Kleinigkeit vergütete.
-<lb/>Und ich bin durchaus nicht die Einzige, die mit
römischen<lb/>Arbeitern und Arbeiterinnen so angenehme Erfahrungen
ge-<lb/>macht hat. Alle meine Bekannten waren ihres Lobes voll.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 22</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0305_298.tif" n="298"/>
<p>== Zßs -<lb/>Es ist ein gutes, ein liebenswürdiges Volk, mit dem
man's<lb/>hier zu thun hat.<lb/>»-us M<lb/>?<lb/>Zmeiunlzuantzh= os-<lb/>Ein
Amerikaner über die Vegabung der Staliener.<lb/>Rom, Ende April 187.<lb/>Wie
freundlich der Zufall uns oft in die Hände arbeitet!<lb/>Heute, da ich dies
Papier zur Hand nehme und in ihm das<lb/>Lob italienischer
Kunstgeschicklichkeit und Höflichkeit in den zu-<lb/>letzt von mir
geschriebenen Zeilen wieder lese, wird das Werk<lb/>des Amerikaners Draper
über die ,Geschichte der geistigan<lb/>Entwickelung Europa's? mir von
Freunden mitgetheilt. An<lb/>dem zusammenfassenden Schlusse dieses Werkes
finde ich ein<lb/>Kapitel, welches die Bedeutung Jtaliens und der
Jtaliener<lb/>in einer Weise anerkennt, wie ich sie nie zuvor habe
geltend<lb/>machen hören.<lb/>Der Verfasser sagt: ,An dem wissenschaftlichen
Fort-<lb/>schritt, unter dessen Triumphen wir leben, sind alle
Nationen<lb/>Europa's betheiligt gewesen. Einige beanspruchen mit
einem<lb/>verzeihlichen Stolze den Ruhm, vorangegangen zu sein.
Allein<lb/>vielleicht würde jede von ihnen, wenn sie das Land und
die<lb/>Nation bezeichnen müßte, welche den Ehrenplatz
einnehmen<lb/>sollten, Jtalien auf ihren Wahlzettel schreiben. In
Jtalien<lb/>wurde Columbus geboren; in Venedig wurden Zeitungen<lb/>zuerst
herausgegeben. In Jtalien wurden zuerst die Gesetze<lb/>vom Fall der Körper
zur Erde und vom Gleichgewicht der<lb/>Flüssigkeiten durch Galileo bestimmt.
Im Dom von Pisa ver-<lb/>folgte dieser berühmte Philosoph das Schwingen des
Kandelabers<lb/>und verließ, beobachtend, daß seine Schwingungen, groß
und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0306_299.tif" n="299"/>
<p>=- Iß<lb/>klein, in gleichen Zeiten gemacht wurden, das Gotteshaus,<lb/>ohne
seine Gebete gesprochen zu haben, nachdem er die Pendel-<lb/>uhr erfunden
hatte. Den venetianischen Senatoren zeigte er<lb/>zuerst die Trabanten des
Jupiter, die Halbmondform der<lb/>Venus, und im Garten des Kardinals Bandini
die Flecken<lb/>auf der Sonne. In Jtalien erfand Sanctorio das
Thermo-<lb/>meter, konstruirte Torricelli das Barometer und bewies
den<lb/>Druck der Luft. Dort war es, wo Castelli den Grund der<lb/>Hydraulik
legte und die Gesetze des Fließens des Wassers<lb/>entdeckte. Dort auch
wurde das erste christliche astronomische<lb/>Observatorium errichtet, und
dort zählte Stancari die Zahl<lb/>der Schwingungen einer musikalische Töne
aussendenden Saite.<lb/>In Jtalien entdeckte Grimaldi die Beugung des
Lichts, und<lb/>die Florentiner Akademiker zeigten, daß dunkle Wärme
durch<lb/>Spiegel mitten durch den Raum zurückgeworfen werde. In<lb/>unserer
Zeit lieferte Melloni das Mittel zu beweisen, daß sie<lb/>polarisirt werden
kann. Die ersten philosophischen Gesell-<lb/>schaften waren die
italienischen, der erste botanische Garten<lb/>wurde in Pisa errichtet, die
erste Klassifikation der Pflanzen<lb/>von Cäsalpinus gegeben. Das erste
geologische Museum<lb/>wurde in Verona gegrüündet: die Ersten, welche das
Studium<lb/>fossiler Neberreste betrieben, waren Leonardo da Vinci
und<lb/>Fracaster. Die großen chemischen Entdeckungen dieses
Jahr-<lb/>hunderts wurden durch Instrumente gemacht, welche die
Namen<lb/>Galvani's und Volta's tragen. Und warum brauche ich allein<lb/>von
der Wissenschaft zu reden? Wer will jenem berühmten<lb/>Volke die Palme der
Musik, der Malerei, der Skulptur und<lb/>Architektur bestreiten? Die dunkle
Wolke, welche tausend Jahre<lb/>lang über jener schönen Halbinsel gehangen
hat, ist mit<lb/>Strahlen von Licht gesäumt. Es giebt kein Gebiet
mensch-<lb/>lichen Wissens, auf welchem Jtalien nicht Ruhm
geerntet,<lb/>keine Kunst, in welcher es sich nicht bewährt hätte!r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0307_300.tif" n="300"/>
<p>===- Zlß -<lb/>Mag man nun dieser Anerkennung Jtaliens mit Recht<lb/>die
große Arbeit und den großen Antheil gegenüüberstellen,<lb/>welche die
anderen Völker sür die Fortbildung der Menschheit<lb/>geleistet und gehabt
haben, immer wird es auch dem ober-<lb/>flächlichen Beobachter in Rom bei
jedem Ausgang und bei<lb/>jedem Anlaß merkbar, daß er sich auf einer der
ältesten Kultur-<lb/>stätten von Europa befindet, und man kann sich kaum
erwehren,<lb/>den Zusammenhang der vergangenen Zeit und ihrer
Kunst-<lb/>leistungen mit denen in unseren Tagen zu vergleichen.<lb/>Irre
ich nicht, so sind neben den Spuren von Malerei,<lb/>welche sich in den
Gräbern in der Campagna finden, die<lb/>Wandmalereien in der Villa der Livia
bei Prima Porta die<lb/>ältesten in Rom. Vor eilf Jahren noch war es
gewissermaßen<lb/>ein Kunststück sie zu sehen, denn der Aufseher war
Sakristan an<lb/>einer im Korso gelegenen Kirche. Kam man nach dieser
Kiche,<lb/>so erfuhr man, daß er ,draußen'' sei. Kam man hinaus,
so<lb/>erhielt man die Nachricht, daß er heute ausnahmsweise früh<lb/>in die
Stadt zurückgekehrt sei; und eine bestimmte Verabredung<lb/>einzuhalten,
erlaubten ihm seine kirchlichen Funktionen bisweilen<lb/>nicht. Man mußte
ein Sonntagskind sein, um damals die<lb/>glückliche Stunde zu
treffen.<lb/>Jetzt ist der Weg zu dem kleinen, kahlen Hügel, auf,
oder<lb/>richtiger, in welchem die Villa liegt, bequem zugänglich
gemacht,<lb/>und man steigt auf einer gut gehaltenen Treppe in
die<lb/>gewölbten, aber weder großen noch hohen Zimmer hinab. Die<lb/>Farben
in dem größten der Räume sind vollkommen erhalten.<lb/>Die Malereien stellen
rund um das Zimmer ein Gartengehege<lb/>dar. Sein vergoldetes Gitter zieht
sich gut gemalt etwa drei<lb/>Fuß hoch am Boden hin. So wird es also in den
kaiserlichen<lb/>Gärten ausgesehen haben. Unter blauem Himmel ist
ein<lb/>dichter Baumwuchs dargestellt: Laub- und Nadelholz,
Frucht-<lb/>bäume und Buschwerk in enger Verbindung. Pinien,
Palmen,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0308_301.tif" n="301"/>
<p>-- Zß -==-<lb/>Orangen- und Granatbäume mischen sich untereinander.
Die<lb/>reifen Früchte hängen im Gezweige und eine Menge von<lb/>Vögeln,
Goldammern, Wiedehopfe, Eisvögel a. fliegen umher<lb/>oder sitten in dem
Dickicht. Alles ist mit großer Naturtreue<lb/>wiedergegeben, und ein ganz
entschiedenes Geschick ist in der<lb/>Arbeit nicht zu verkennen, die
vielleicht nur in einem Zimmer<lb/>für untergeordnete Zwecke angewendet
worden ist, denn nach<lb/>einem Prachtgemache sieht der Raum nicht
aus.<lb/>Ganz dasselbe gilt von den Zimmern in dem sogenannten<lb/>Hause der
Livia mitten in den Trümmern der Kaiserpaläste.<lb/>Die Räume sind auch nur
klein, und es ist ja völlig unmöglich<lb/>zu bestimmen, wer sie bewohnt,
welchen Zwecken sie gedient<lb/>haben, ob man die Zimmer einer sürstlichen
Frau oder die<lb/>einer Dienenden in denselben vor sich hat. Wenn man
die<lb/>Fülle und die Verschiedenfarbigkeit des Marmors in
Betracht<lb/>zieht, dessen Bruchstücke man in den alten Bauwerken
findet,<lb/>so kann man es sich kaum anders vorstellen, als das die
von<lb/>den Reichen und Vornehmen bewohnten Gemächer ihre Wand-<lb/>zierde
nicht in al kresoo gemalten Mauern, sondern in Marmor-<lb/>mosaiken mit
Marmorreliefs und Hautreliefs gehabt haben<lb/>müssen, wie man sie z. B. in
dem großen Saale der Villa Albani<lb/>antrifft. So oft ich denselben
besucht, hatsich mir der Gedanke<lb/>aufgedrängt: so müssen die Säle in den
Kaiserpalästen einst<lb/>ausgesehen haben. Diese Wände von blaßgrauem,
schön<lb/>geadertem Marmor, diese Abtheilungen durch weiße
Marmor-<lb/>einlagen, auf deren Grunde sich die schönsten Mosaiken in
gietra<lb/>eura, Blumengewinde, Thierbildungen, Arabesken in
einander<lb/>verschlungen emporranken; diese herrlichen
Bildhauerarbeiten,<lb/>die, der Architektur völlig untergeordnet und
einverleibt, nur<lb/>als Unterbrechung der Flächen erscheinen, diese
Goldbronze in<lb/>den Höhlungen und Wölbungen des Deckenansates, in
denen<lb/>auch wieder das marmorne Gebild sich einfügt - so, von
solcher<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0309_302.tif" n="302"/>
<p>=- Z0! --<lb/>aus dem edelsten Material zusammengesetzten Schönheit
ausge-<lb/>stattet, habe ich mir die Kaiserpaläste immer vorgestellt. Was
ich<lb/>dann in dem Museo Borbonico, in den Häusern in Pompeji<lb/>und in
den Titusthermen von Wandmalereien gesehen, das<lb/>hat mich immer in der
Vermuthung bestärkt, daß der Ausschmuck<lb/>mit Wandmalerei sich zu dem
Schmuck der Paläste verhalten<lb/>haben werde, wie in unseren Tagen die
Tapeten der Bürger-<lb/>häuser zu den Damast- und Sammetbekleidungen der
Wände<lb/>in den Häusern der Reichen und der Fürsten. Aber
meine<lb/>Bewunderung für jene Leistungen in der Wandmalerei, die<lb/>uns
erhalten geblieben sind, ist dadurch nur gestiegen.<lb/>Auch die drei Zimmer
in dem sogenannten Hause der<lb/>Livia sind, wie ich vorhin bemerkte, nicht
geräumig; der Maler<lb/>hat es jedoch verstanden, sie für die Phantasie
dadurch aus-<lb/>zuweiten, daß er die mythologischen Scenen, mit denen er
sie<lb/>geschmückt, als außerhalb des Zimmers vor sich gehend,
dargestellt<lb/>hat. Ein schön verziertes Paneel schließt sich dem
Fußboden<lb/>an. Neber demselben bilden die gemalten Pilaster freie
Aus-<lb/>blicke wie durch weit geöffnete Thüren, und durch diese
sieht<lb/>man in die Landschaft hinaus, in welcher die Mythen
von<lb/>Polyphem und Galathea, von Argos und Jo uns
vorgeführt<lb/>werden.<lb/>Das lettere Gemälde, um ein Viertel höher als
breit,<lb/>ist am besten erhalten. Ein Felsblock, vor dem auf
einer<lb/>mächtigen Säule sich die bekleidete Statue der Göttin
erhebt,<lb/>nimmt die Mitte des Bildes ein. Jo, eine volle,
jugendlich<lb/>schlanke Gestalt, ist sitzend an die Säule gefesselt. Ein
dunkles<lb/>Gewand, das sie mit der rechten Hand über der Brust
zus<lb/>sammenfaßt, läßt nur die linke Seite des Oberkörpers und<lb/>den
entblößten linken Arm frei. Etwas hinter den Felsblock<lb/>zurückgetreten,
hält Argos stehenden Fußes, einen Stab oder<lb/>einen Speer in der Rechten,
das Auge fest auf die Gefangene<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0310_303.tif" n="303"/>
<p>=- Z0Z --<lb/>gerichtet, seine Wacht; während in der entgegengesetzen
Seite<lb/>des Bildes der den Fels raschen Schrittes emporsteigende<lb/>Gott
sich der Gefangenen nähert. Er ist schlank, langbeinig<lb/>und nervig wie
der Borghesische Fechter, wie der schöne Pro-<lb/>metheus der Galerie
Torlonia; und diese Langgliederigkeit<lb/>giebt der Gestalt eine große
Leichtigkeit in der raschen Bewegung.<lb/>Der Körper des Argos ist völlig
nackt, wie der des Mercur.<lb/>Nur daß dieser die Chlamys über den linken
Unterarm und<lb/>die Hand geworfen hat, so daß sie das Schwert zum
Theil<lb/>verdeckt. Nur die Lanze trägt er frei und offen. Argos und<lb/>Jo
werden ihn gleichzeitig gewahr. Die Hand auf das Gestein<lb/>stützend, den
Fuß vorwärts gesett, wie Einer, der sich, von<lb/>einem Unerwarteten
betroffen, schnell erheben will, wendet sie<lb/>das schwarzlockige Haupt mit
weit geöffneten Augen dem nahen-<lb/>den Gott zu, nicht wissend, was ihr
sein Erscheinen zu bedeuten<lb/>habe. - Die Bildung und der Ausdruck der
drei Köpfe sind<lb/>ungewöhnlich schön und sprechend, die Gestalten edel,
voller<lb/>Bewegung und von einer Richtigkeit der Zeichnung, die
eine<lb/>vollkommene Meisterschaft verräth. Auch die Farben in
diesem<lb/>Bilde sind noch schön, was bei den anderen nicht mehr in<lb/>dem
gleichen Grade der Fall ist.<lb/>Neber dieser Darstellung zieht sich eine
Art von Fries<lb/>rund um das Gemach zwischen den kannelirten Säulen
hin,<lb/>welche die Rahmen für die mythologischen Bilder
abgeben.<lb/>Schwere Blumen- und Fruchtguirlanden, in deren Mitte
ges<lb/>hörnte Satyrmasken, Gartengeräthschaften,
Reisegeräthschaften<lb/>niederhängen, reichen von Säule zu Säule. Hinter
den<lb/>Säulen, auf gelbem Grunde, landschaftliche
Schilderungen;<lb/>Ansichten von Städten, in denen Menschen umhergehen,
Tempel<lb/>in Trümmern, Triumphbogen, Gebäude aller Art. Darüber<lb/>noch
einmal buntes Arabeskenwesen: Pfauen, Greife und<lb/>derlei. Die
Darstellungen bilden kein in sich fest bedingtes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0311_304.tif" n="304"/>
<p>- Zg -=-<lb/>organisches Ganzes, aber ein hübsch gegliedertes Neben-
und<lb/>Durcheinander.<lb/>Soviel ich an Ort und Stelle und auf den sehr
undeut-<lb/>lichen Photographien des Frieses, der sehr gelitten hat,
er-<lb/>kennen konnte, kommt in den landschaftlichen Bildern kaum<lb/>ein
Baum vor; und das fiel mir auf, weil Bäume auch in<lb/>den pompejanischen
Wandgemälden, wie ich glaube, selten<lb/>vorkommen. Sie geben Luft und Erde
und Meer und<lb/>Architektur, und vor Allem den Menschen mit den
Dingen,<lb/>mit welchen er zu thun hat, in vollkommenster
Naturwahrheit<lb/>wieder. Sie malen den Weinstock und die an Geländen
nieder-<lb/>hängenden Trauben, welche Knaben oder Genien brechen und<lb/>zur
Kelter bringen, aber für den Wald oder auch für dsn<lb/>einzelnen Baum geben
sie uns immer nur einen oder ein<lb/>paar Stämme mit ein paar kaum belaubten
Zweigen, mit<lb/>leicht zu zählenden Blättern, so daß man es wirklich nur
für<lb/>das Symbol eines Baumes gelten lassen kann.<lb/>Dagegen sind in dem
Hause der Livia in dem als<lb/>Speisesaal bezeichneten Zimmer Glasgefäße
eigenthümlicher<lb/>Form, mit Früchten angefüllt, sehr gut erhalten und
gemalt;<lb/>und überall ist die Eintheilung und Benutzung der Fläche<lb/>so
geschickt gemacht, daß sie das Auge angenehm beschäftigt.<lb/>Dieser
nämliche gute Geschmack, oder dies Gefühl für die<lb/>richtige Vertheilung
und Benutung der Wände, setzt sich durch<lb/>die Jahrhunderte fort. Von den
Loggien und Stanzen des<lb/>Vatikans, durch die Paläste der Fürsten, durch
die Villen in<lb/>der Campagna, bis in die Speisesäle der Gasthäuser und
bis<lb/>in die Deckenverzierungen meiner Stuben kann ich das
ver-<lb/>folgen.<lb/>Für uns, die wir gewöhnt sind, uns in Zimmern
zu<lb/>bewegen, deren Wände von oben bis unten mit meist
häßlichen,<lb/>halbweg geometrischen Linien, mit den sich
wiederholenden<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0312_305.tif" n="305"/>
<p>ure<lb/>= ZH -<lb/>Figuren und Schnörkeln der Tapeten bedeckt sind, von
denen<lb/>man in gesunden Tagen beleidigt wird und in kranken Tagen<lb/>zu
leiden hat, wenn das Auge in fiebernder Hast die ewigen<lb/>Wiederholungen
zu zählen unternimmt, während es an den<lb/>kahlen Decken haltlos hin und
wieder irrt, für uns hat es<lb/>etwas das Auge Erquickendes, innerhalb der
Zimmer nicht<lb/>nur durch angehängten, sondern durch einen Bildschmuck
ge-<lb/>fesselt zu werden, der dem Raume eignet.<lb/>Es hat mir, ja wie soll
ich's nennen? es hat mir ein<lb/>Gefühl von geistiger Vornehmheit gegeben,
so oft ich im Laufe<lb/>dieses Winters in den Sälen des Palazzo Costagutti
an der<lb/>Piazza della Tartaruga der Gast einer deutschen Familie
ge-<lb/>wesen bin, die, im Sommer auf ihren Gütern in der
Heimath<lb/>lebend, sich in Rom in dem Palazzo Costagutti eine
feste<lb/>Heimath für den Winter eingerichtet hat. Es waren aber<lb/>nicht
die schweren dunkelrothen und kornblauen Seidenstoffe,<lb/>welche die Wände
bedeckten, sondern die großen Deckengemälde<lb/>von Domenichino und
Guercino, die mir jenen Eindruck<lb/>machten. Das erste dieser Bilder hatte
für mich einen wahrhaft<lb/>bannenden Zauber.<lb/>Im weiten Blau eines
lichten Aethers zieht der gold-<lb/>gelockte Sonnengott, den Purpurmantel
auf den Schultern,<lb/>von seinem Wagen seine Rosse lenkend, achtlos der
Erde, über<lb/>sie hinweg. Aber unter der von ihm durchmessenen
Bahn<lb/>schwebt eine Frauengestalt, von weißen Schleiern
theilweise<lb/>verhüllt, die, von einer Greisesgestalt verfolgt, eben von
ihr<lb/>ergriffen wird. Das dunkle Gewand, die nächtlichen Flügel<lb/>und
seine andern Attribute kennzeichnen den Gott der Zeit.<lb/>Er hält die
verhüllte Wahrheit in ihrem entschwindenden<lb/>Fluge auf. Mit fester
nerviger Hand hat er sie erfaßt, und<lb/>mit raschem Griffe reißt er die
Schleier hernieder, die ihre<lb/>strahlende Schönheit verhüllen, während sie
das leuchtende<lb/>S. Le wald, Reiiebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0313_306.tif" n="306"/>
<p>===- ZßZ -<lb/>Haupt zum Himmel emporhebt, dessen sonnige Klarheit sie
im<lb/>Widerschein erglänzen macht. Einen schöneren Frauenkörper,<lb/>ein
klareres Menschenantlitz habe ich nicht gesehen; und so<lb/>oft ich in dem
Saale meine Augen zu dem schönen Decken<lb/>gemälde emporgehoben, habe ich
mich der sinnenden Frage<lb/>nicht entschlagen können, welche Erlebnisse
oder Ereignisse es<lb/>gewesen sein mögen, die den Besitzer des Palastes
veranlaßt<lb/>haben, eben diesen allegorischen Vorgang an der Decke
seines<lb/>Saales zur Ausführung bringen zu lassen? =- Man malt,<lb/>wie
Guercino in dem Nebensaale, wohl eine schöne Armida<lb/>und einen Rinald aus
freiem Antrieb, wenn man einen Saal<lb/>zu schmücken hat; aber jene
Allegorie muß, wie ich glaube,<lb/>einen bestimmten Zusammenhang mit der
Geschichte des Hauses<lb/>und seiner Besitzer haben, und ich bin nicht müde
geworden,<lb/>darüber nachzudenken.<lb/>Mehr oder weniger schöne
Deckengemälde finden sich in<lb/>allen diesen italienischen Palästen; und
auch in den Schlössern<lb/>auf dem Lande begegnet man der Wandmalerei. Als
wir im<lb/>Anfang des April einmal zu Wagen eine Landfahrt durch<lb/>das
Albaner-Gebirge über Albano, Arricia, Genzano, Castel<lb/>Gandolfo, Grotta
Ferrata, Marino machten, nahmen wir in<lb/>Albano unsern Mittag in dem
ehemaligen kleinen Palazo<lb/>Feoli ein, in welchem im Jahre 186?, zur Zeit
der in Albano<lb/>grauenhaft herrschenden Cholera-Epidemie, die
Königin-Mutter<lb/>von Neapel mit ihren beiden Kindern der Seuche zum
Opfer<lb/>gefallen war.<lb/>Jetzt ist dieser Palast in das sehr
wohlgehaltene LBtsl<lb/>ds Euris verwandelt, dessen große Säle im Sommer
einen<lb/>sehr angenehmen Aufenthalt bieten müssen. Aber eben
diese<lb/>großen Säle sind vortrefflich gemalt. Große römische
Archi-<lb/>tektur, wie z. B. die Fontana Trevi; Ansichten von
anderen<lb/>Städten und Gegenden bedecken die Wände, und daneben
sind<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0314_307.tif" n="307"/>
<p>= Z(? -<lb/>über den Paneelen, in den Friesen, in den
Fensterbrüstungen,<lb/>überall wieder diese Arabesken zu finden, die, aus
dem tiefen<lb/>Alterthum kommend, mich auch in meinen Stuben in
Rom<lb/>erheitern. Es hat etwas sehr Anmuthendes, dem Spiel
der<lb/>Phantasie zu folgen, das aus den Kelchen der Blume sich<lb/>einen
hübschen Frauenleib entstehen macht, das Genien auf<lb/>schwanken Säulchen
sich behaupten läßt, das die kleinen<lb/>Seepferdchen durch die Fluthen
führt und sich in ein Getändel<lb/>von Linien verliert, die nichts
Bestimmtes mehr bedeuten<lb/>und doch unserem Auge wohlthun und es an sich
fesseln.<lb/>Dazwischen finden sich denn in den neuern römischen
Häusern<lb/>neben den herkömmlichen pompejanischen und
altrömischen<lb/>Gestalten von Menschen, Nymphen, Meermännern und
Meer-<lb/>weibern, jetzt vielfach landschaftliche, durchaus nicht
schlecht<lb/>gemachte Schilderungen; und so groß ist in diesen
Südländern<lb/>das Bedürfniß nach Farbe und nach festgestalteter
anschaubarer<lb/>Form, daß ich selbst in den schlechtesten
Miethswohnungen,<lb/>zwischen dem Gebälk der Decke, die Räume mit Violinen
und<lb/>Tambourins, mit Köcher und Bogen, mit Blumen und<lb/>Früchten, mit
Vasen und Krügen in ziemlich wahllosem<lb/>Durcheinander bemalt gefunden
habe.<lb/>Ess ist dies Malenkönnen eine uralte, dem Volke fast<lb/>zur Natur
gewordene Technik, und gerade deshalb ist es mir<lb/>aufgefallen, daß nach
bestimmten Seiten hin die Industrie<lb/>keinen Vortheil von dieser
Geschicklichkeit der Eingeborenen zu<lb/>machen weiß. So konnte ich z. B.
zur Weihnachtszeit, als<lb/>ich ein paar Kleinigkeiten nach Deutschland zu
senden wünschte,<lb/>nicht einen Bilderbogen mit römischen oder
italienischen Land-<lb/>schaften, mit Scenen aus dem römischen und
italienischen<lb/>Volksleben, ja nicht einmal in Jtalien gemachte
Bilderbogen<lb/>mit italienischen Soldaten in den Läden finden. Dafür
gab<lb/>es billige kleine Hefte mit photographirten Ansichten und
eben<lb/>B<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 23</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0315_308.tif" n="308"/>
<p>==- Zs -<lb/>solche mit italienischen kolorirten Volkstrachten, die man
eben<lb/>nur noch in der Photographie und in der Malerei zu
sehen<lb/>bekommt. Es wäre schade, wenn auf diese Weise die Maschine<lb/>und
die Chemie am Ende dem Geschick der Menschenhand<lb/>seine Fäihigkeit
raubten. Aber ein Werkführer aus einer unserer<lb/>Bilderbogenfabriken
könnte, wie ich glaube, in Rom bald<lb/>geschickte Hände finden und
wahrscheinlich auch vortreffliche<lb/>Geschäfte machen.<lb/>»-fsu=
N<lb/>Ireiunlzwazg=- ==s-<lb/>»-iss<lb/>Die Antiken-Galerie des Hürten
Rlerander Torlonio<lb/>Rom, . April 17s.<lb/>,Mit Rom wird man nicht fertig,
wenn man auch noch<lb/>so lange dort lebt und seine Zeit noch so fleißig
benutzt, es<lb/>kennen zu lernen!' pflegte unser Freund, der jetzige
deutsche<lb/>Gesandte in Washington, Freiherr Kurd von Schlözer,
zu<lb/>sagen, als er noch Legationsrath und in Rom war, das er<lb/>liebte,
und verstand, wie es geliebt und verstanden zu werden<lb/>verdient.<lb/>Die
Erkenntniß dieser Wahrheit und das natürliche Ge-<lb/>fühl, sich vor dem
Nichtzuüberwältigenden zu bescheiden, haben<lb/>mich, so oft und so lange
ich das Glück gehabt habe, in Rom<lb/>zu verweilen, immer sehr ruhig im
Genießen desjenigen gee<lb/>macht, was die ewige Stadt einem gebildeten
Menschen zu<lb/>bieten hat. Gegenüber der jetzt möglich und üblich
gewordenen<lb/>Hast, mit welcher man die Welt durchjagt und mit
welcher<lb/>die Leute Rom in vier Wochen, oder gar in zehn und
vierzehn<lb/>Tagen ,absolviren'', habe ich mir manchmal mit
Verwunderung<lb/>eingestehen müssen, daß diese unermüdlichen Beseher, die
das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0316_309.tif" n="309"/>
<p>==- Z0ß -<lb/>Besehen wie jeden anderen Sport als Kraftäußerung
betreiben,<lb/>mitunter in ihren wenigen Tagen Vielerlei abgethan
hatten,<lb/>was mir im Laufe der drei Winter, welche ich in Rom
ver-<lb/>lebt hatte, fremd und unbekannt geblieben war. Wenn sie<lb/>mir von
der oder jener, nur an einem Tage in jedem Jahre<lb/>geöffneten Kirche, von
der oder jener neuen Ausgrabung als<lb/>von einem Höchsten, Wundervollsten,
berichteten, so habe ich<lb/>ihnen immer ruhig zugehört und mir gesagt: so
viele Jahr-<lb/>hunderte waren vor mir, so viele werden nach mir sein.
In<lb/>der Endlichkeit und der Beschränktheit, die unser Loos ist,
ist<lb/>Beschränkung und Ergründung dessen, was uns eben genehm<lb/>und
werth ist, sicherlich das Fruchtbringendste für die innere<lb/>Befriedigung;
und es hat mich dann niemals angefochten,<lb/>wenn ich von einem Kunstwerk,
einer Kirche u. s. w. einzu-<lb/>räumen hatte, daß ich sie nie gesehen. Ich
hatte dabei ein<lb/>ganz ruhiges Gewissen. Ich hatte auf meine Weise mein
Theil<lb/>von Rom gehabt und ich hielt mich an das Wort von Goethe:<lb/>Sehe
Jeder, wie er's treibe!<lb/>Heute aber befinde ich mich einmal in dem Falle,
den<lb/>zahlreichen Rom-Besuchern unter meinen Lesern die Frage
vor-<lb/>legen zu können: ,Haben Sie das Museum Torlonia in<lb/>Trastevere
gesehen?? Und ich glaube, es werden nicht Viele<lb/>sein, die diese Frage
bejahen können, denn Fürst Alexgnder<lb/>Torlonia, der als gegenwärtiger
Besitzer der Villa Albani<lb/>diese letztere nach altem Herkommen
allwöchentlich einmal den<lb/>Besuchen des Publikums öffnet, hält die andere
noch bedeutend<lb/>größere Sammlung von Antiken, die er besitzt, ganz
und<lb/>gar verschlossen. Sie ist der großen Menge der Fremden<lb/>nicht
zugänglich. Selbst von den Einheimischen haben nur<lb/>wenige sie gesehen
und es bedarf immer einer ganz beson-<lb/>IF- vwe == e - =--<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0317_310.tif" n="310"/>
<p>-- Z ß -<lb/>Von allen meinen diesjährigen römischen Bekannten
war<lb/>Niemand in die Galerie gekommen, und doch hatte ich im<lb/>Laufe der
Jahre ab und zu von den in dem Museum Tor<lb/>lonia befindlichen Kunstwerken
mit großer Bewunderung<lb/>sprechen hören. Aber da wir Menschen alle mehr
oder minder<lb/>geneigt sind, das, was wir vor Andern voraus haben,
zu<lb/>überschätzen, so hatte ich mir gesagt: was kann denn neben
den<lb/>Sammlungen des Vatikans, des Kapitols, der Villa Borghese,<lb/>der
Villa Albani, noch so gar Bedeutendes vorhanden sein?<lb/>Und ich hatte mich
dann auch wieder bereits beschieden, das<lb/>Museum Torlonia nicht zu sehen,
als die Güte der dauernd<lb/>in Rom lebenden und mit dem Fürsten Torlonia
befreundeten<lb/>Fürstin Caroline von Sayn - Wittgenstein mir freundlich
die<lb/>Möglichkeit eröffnete, jene Sammlung wiederholt in Aller<lb/>Muße zu
betrachten. Und sie ist es, nach alle dem was Rom<lb/>besitzt, im höchsten
Grade werth, gesehen und womöglich von<lb/>gründlichen Kennern studirt zu
werden.<lb/>Weit abgelegen von dem Mittelpunkte der Stadt, nahe bei<lb/>dem
Palazzo Corsini, jenseit der Tiber, fährt man in eine<lb/>enge Gasse hinein
und hält vor einer jener unscheinbaren<lb/>römischen Mauern, hinter denen
sich ein Palast, ein Kloster,<lb/>eine Stellmacherwerkstatt, oder wie in dem
orientalischen<lb/>Märchen von der Höhle Sesam eine Wunderwelt
verbergen<lb/>kann, und in diesem Falle in der That verbirgt.<lb/>Man
klopft, die schwere hölzerne Pforte thut sich auf,<lb/>man tritt in einen
kleinen im Blütenduft schwimmenden<lb/>Orangengarten. Ein langes
barackenartiges, wie eine große<lb/>Bildhauerwerkstatt anzusehendes Gebäude
zieht sich längs dem<lb/>Hofe hin. Marmorblöcke rechts, Skulpturfragmente
links!<lb/>Hier ein Stück Akanthusfries, dort ein Stück von einer<lb/>Säule.
In dem Vorraum restaurirte Torsen, eine weibliche<lb/>als Diana dargestellte
Portraitstatue. Der Raum so schlicht<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0318_311.tif" n="311"/>
<p>b= ZP! -==<lb/>als möglich gegen das Innere des Gebäudes mit
dunklem,<lb/>grünem Leinwandvorhang abgetheilt. Man hebt ihn auf,<lb/>und
eine lange, lange Fernsicht thut sich auf, an deren Ende<lb/>man eine schöne
sitzende Frauenstatue erblickt.<lb/>Man sieht sich um, und schon die höchst
einfache Ein-<lb/>richtung des Museums hat etwas ganz und gar
Eigenthüm-<lb/>liches und Besonderes. Nichts von Mauern, nichts
von<lb/>Säulen oder irgend einer prunkenden Architektur. Vorhänge<lb/>von
grüner, grober Leinwand theilen den Bau, der ein<lb/>zweckmäßiges Oberlicht
hat, in lange Galerieen. Jede dieser<lb/>Galerieen ist durch eben solche
Vorhänge, die derartig zurück-<lb/>gebunden sind, daß sie eben nur die
Längenaussicht auf den<lb/>Anfang und das Ende der Galerie gestatten, in
mäßig große,<lb/>viereckige Gemächer gesondert, und in jedem dieser
Gemächer<lb/>sind in der Regel zwei große Statuen und vier kleinere,
oder<lb/>zwei Statuen und vier Büsten aufgestellt. Diese
Algrenzung,<lb/>diese jedesmalige Beschränkung, geben eine Ruhe, die
sehr<lb/>wohlthuend wirkt und in keinem andern Museum so zu finden<lb/>ist.
Das Auge wird durch Nichts beirrt, wird nicht durch<lb/>rastlos verlockende
Neugier von dem Gegenstande der jedes-<lb/>maligen Betrachtung abgezogen.
Einfache Stühle laden<lb/>überall zu ruhigem Verweilen ein. Jedes einzelne
Kunstwerk<lb/>ist für sich selber da; jedes spricht gesondert für sich
selbst zu<lb/>uns. Es ist Alles so einfach als zweckmäßig, und es
ist<lb/>wohl zu verstehen, wie der Gründer dieser Sammlung gerade<lb/>auf
diese Weise in ihr einen Schatz und eine Gesellschaft besitzt,<lb/>die er,
so lange er lebt, nur für sich selbst genießen, an der<lb/>er seine
ausschließliche, nur von Wenigen, denen er es gönnt,<lb/>getheilte Freude
haben will. Man kann das, ich wiederhole<lb/>es, sehr wohl verstehen, wie
sehr man auch Andern die<lb/>großen und schönen Eindrücke wünschen mag,
deren man<lb/>selber in dem Museum theilhaftig geworden ist.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0319_312.tif" n="312"/>
<p>=- Z1? -<lb/>Die Sammlung setzt sich aus fünfhundertundsiebzehn<lb/>Stücken
zusammen. Fast der vierte Theil derselbeg, nämlich<lb/>einhundertfünfzehn
Stücke, und es sind die schönsten Werks<lb/>darunter, entstammen der Galerie
Giustiniani, welche, wenn<lb/>ich nicht irre, schon der Vater des Fürsten
Alexgnder an sieh<lb/>gebracht hatte. Dreißig Kunstwerke, unter ihnen einige
der<lb/>kolossalen, durch ihre Reliefs berühmten Vasen, sind der
Villa<lb/>Albani entnommen, die der Fürst Alexander Torlonia im<lb/>Jahre
1866 von der Familie Castelbarco kaufte. Verschiedene<lb/>andere Statuen und
Büsten kommen aus den Sammlungen<lb/>Cavaceppi und Vitali; aber eine große,
vielleicht die größere<lb/>Zahl sind neue Funde, welche durch Ausgrabungen
in den<lb/>weit verbreiteten Besitzungen des Fürsten, in Porta, in
der<lb/>Villa des Claudius, in der Villa der Quintilier, in der<lb/>Milla
Torlonia auf der Via Nomentana ans Tageslicht ge-<lb/>fördert, oder, sofern
sie auf andern Gebieten, wie in der<lb/>Villa des Hadrian oder in Roma
Vecchia und an zahlreichen<lb/>andern Orten gefunden, von dem kunstliebenden
Fürsten für<lb/>seine Sammlung erworben worden sind.<lb/>Alle diese
Kunstwerke sind, und das wird vielleicht von<lb/>den eigentlichen strengen
Archäologen bedauert werden, voll-<lb/>ständig, aber sehr geschickt und sehr
gewissenhaft restaurirt.<lb/>Ein erklärender Katalog von P. E. Visconti gibt
zugleich die<lb/>Fundorte an; und man geht auf diese Weise wohl
geführt<lb/>aus einem der Räume in den andern, in genießendem<lb/>Erstaunen
über eine Zeit, in welcher durch das ganze Land<lb/>hin, bis in die Villen
und bis in die kleineren Städte,<lb/>Kunstwerke in solcher Fülle und von
solcher Schönheit ver-<lb/>breitet waren, wie wir sie auch in dieser höchst
merkwürdigen<lb/>Galerie in so überraschend großer Anzahl beieinander
finden.<lb/>Zu dem Eigenartigsten, was mir von antiker Plastik,<lb/>soweit
es den Vorwurf betrifft, überhaupt vorgekommen ist,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0320_313.tif" n="313"/>
<p>ZZ --<lb/>gehört der aus der Galerie Giustiniani stammende
Prometheus,<lb/>ein vollendetes Werk der schönsten griechischen Zeit.
Völlig<lb/>unbekleidet steht die etwas über sieben Fuß hohe,
schlanke<lb/>Männergestalt auf ihrem Sockel da. Sich auf der Spitze
des<lb/>einen Fußes leicht erhebend, um die natürliche Größe,
das<lb/>Emporreichen zu vermehren, hat sie die beiden Arme hoch<lb/>über
ihrem Haupt erhoben. Der linke, etwas gebogene<lb/>Arm hält die Fackel an
ihrem unteren Ende fest gefaßt,<lb/>während der noch höher erhobene rechte
Arm sie an ihrem<lb/>oberen Ende mit schöner Handbewegung stützt; und das
edle,<lb/>charaktervolle Haupt zurückgebogen, blickt der Titan
mit<lb/>wartendem Verlangen zu den Bereichen hinauf, von denen<lb/>er den
zündenden göttlichen Funken hernieder zu führen<lb/>denkt, in die noch
unvollendete Gestalt des von ihm ge-<lb/>schaffenen Menschen, der in
hermenartiger Gebundenheit, ihm<lb/>kaum bis an des Schenkels Hälfte
reichend, sich an seine<lb/>linke Seite anlehnt. Von welchem Standpunkt man
den<lb/>feinen, schlanken und doch so kraftvollen Männerkörper
auch<lb/>betrachtet, immer erscheint er in gleicher Schönheit. Die<lb/>Art,
in welcher der Leib sich von den Hüften aufwärts<lb/>emporhebt, die Bildung
des ganzen Rückens, der Ansatz des<lb/>Nackens und des krauslockigen Kopfes,
den ein weicher, eben-<lb/>falls krauser Vollbart einschließt, sind von
unvergleichlicher<lb/>Schönheit. Selbst die etwas langen Beine tragen dazu
bei,<lb/>den Ausdruck des gewaltigen Emporstrebens noch zu
steigern.<lb/>Jeder Muskel, jeder Nerv sind gespannt und auf das
eine<lb/>Ziel, auf die Erreichung des Zweckes gerichtet, und doch
ist<lb/>Nichts gewaltsam in dem Akte. Man meint, diese Gestalt,<lb/>dieser
Mann brauche nur zu wollen, um sich über die Erde<lb/>emporzuschwingen, zu
dem Urquell des Lichtes und des<lb/>Feuers, brauche nur zu wollen, um zu
erreichen, was er be-<lb/>gehrt. Es ist kein Riese, kein Herkules, es ist
eben ein<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0321_314.tif" n="314"/>
<p>= Zh g, -<lb/>Titan. Der ganze Körper erscheint nur als die Hülle
eines<lb/>göttlichen, selbstgewissen Geistes, als der Ausdruck
des<lb/>mächtigsten, leidenschaftlichsten Wollens und Vermögens.
Man<lb/>kann sein Auge nicht losreißen von der Gestalt; und nie<lb/>zuvor
habe ich vor einem anderen antiken Bildwerk es sa<lb/>lebhaft empfunden, als
vor diesem Prometheus, welches die<lb/>Elemente sind, die das vollendetste
Können der fernen Ver-<lb/>gangenheit mit unserem tiefsten Erkennen und
Empfinden eng<lb/>und sgmpathisch verbinden. Es ist ein erhabenes, in seiner
Art<lb/>einziges Werk, abgesehen davon, daß es, so viel ich weiß<lb/>und von
Unterrichteteren gehört habe, die einzige Prometheus-<lb/>Statue ist, die
auf uns gekommen. In Gemmen soll ein<lb/>ähnliches Motiv vorhanden
sein.<lb/>Eben so einzig in ihrer Art, wenn schon nicht
griechißche,<lb/>sondern römische Arbeit aus später Zeit, ist die schöne,
eben-<lb/>falls über Lebensgröße, sitende Gestalt einer Frau,
unter<lb/>deren Sessel eine große Dogge gelagert ist. Nur von der<lb/>Seite
sichtbar, hebt des Thieres starker Schweif an der einen<lb/>Stelle das
Gewand der Ruhenden ein wenig in die Höhe,<lb/>und bringt auf diese Weise
eine anmuthige Bewegung in den<lb/>sonst ganz regelmäßigen und ruhigen
Faltenwurf des Kleides.<lb/>Ich glaube nicht, daß noch eine ähnliche
Darstellung vor-<lb/>handen ist.<lb/>Eine Venus aus der Galerie Giustiniani,
in keuschem,<lb/>leichtem Zusammenschauern; die Statue des Hortensius
in<lb/>seiner Villa zu Laurentum gefunden; eine sitzende Livia
als<lb/>Kaiserin thronend, das Diadem auf dem Haupte, den Schemel<lb/>unter
den fein gekreuzten Füßen; der aus der Sammlung der<lb/>Caetani Ruspoli
stammende, sogenannte Filosofo di Ruspoli<lb/>(eine sitzende, griechische
Männergestalts sind nie zu vergessen,<lb/>wenn man sie einmal in sich
aufgenommen hat. Aber<lb/>während ich mich in diesem Augenblicke erinnernd
in die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0322_315.tif" n="315"/>
<p>- Z1J -=<lb/>Stunden zurückversetzte, die ich in den stillen, einfachen
und<lb/>von der Kunst geweihten Räumen verweilen konnte, finde ich,<lb/>daß
es eben unmöglich ist, in flüchtigen Skizzen, wie ich sie<lb/>Ihnen bringen
kann, auch nur annähernd eine Vorstellung<lb/>von demjenigen zu geben, was
man selber in dem Verlauf<lb/>von ein paar Vormittagen kaum in sich
aufzunehmen<lb/>fähig war.<lb/>Die Hauptsache ist, daß durch den Kunstsinn
des fürst-<lb/>lichen Sammlers in Rom eine neue höchst
merkmürdige<lb/>Antiken-Galerie zusammengebracht, daß herrliche Werke
der<lb/>alten Kunst für die beglückende Betrachtung der
kommenden<lb/>Geschlechter aufbewahrt worden sind.<lb/>Dabei hat das
Durchwandern dieses Museums mir den<lb/>Gedanken gegeben, daß vielleicht in
keinem anderen, so wie<lb/>in diesem, die Mittel vorhanden wären, es
nachzuweisen, wie<lb/>in den späteren Zeiten mehr und mehr das
Individualisiren<lb/>nicht nur der Göttergestalten, sondern auch das
Ausdrücken<lb/>des Persönlichsten in und an den Portraitstatuen
zugenommen<lb/>hat, bis jener Nebergang sich vollzogen hatte, den man
in<lb/>der Malerei als das historische Genre zu bezeichnen
pflegte.<lb/>Selbst die herrliche Statue des Prometheus mit der
neben<lb/>ihr stehenden halbfertigen Menschengestalt, vor deren
Füßen<lb/>noch ein Theil des Thonklumpens sichtbar ist, aus dem
ihr<lb/>Schöpfer sie geformt hat, ist wohl dieser Auffassnng
ent-<lb/>sprungen.<lb/>Ein Apoll hat neben dem schlangenumwundenen
Dreifuß,<lb/>den Bogen, den Greif zur Seite. Eine außerordentlich
schöne<lb/>Minerva, herber und jungfräulicher im Ausdruck des
feinen<lb/>Kopfes als die kapitolinische und die vatikanische, die
in<lb/>Gypsabgüssen zur Vergleichung neben ihr aufgestellt sind,
hat<lb/>einen volllaubigen Delbaum zu ihrer Rechten, in dem die<lb/>Eule
nistet. Ist dieses Letztere nicht eine Restauration,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0323_316.tif" n="316"/>
<p>== Z1ß -<lb/>welche man dem ursprünglich vorhandenen Stamme des
Dels<lb/>baumes aufgesett hat, so wäre diese Ausschmückung eben
s<lb/>auffallend, wie der unter dem Sessel der vorhin
erwähnten<lb/>Frauengestalt hingelagerte Hund. Eben so eigenthümlich
ist<lb/>eine Herkulesgestalt. Sein troyig zur linken Seite
erhobenes<lb/>Haupt ist mit dem Löwenfell derart bedeckt, daß die
Löwenzähne<lb/>ihm einen Stirnreif gleich einer Krone bilden, während
er<lb/>auf und in dem Löwenfell, das ihm über den linken
Arm<lb/>herniederhängt, den Sohn trägt, der sich fest und sicher auf<lb/>ihn
stütt.<lb/>Es ist eine Fülle neuer, höchst anziehender und
zum<lb/>Nachdenken einladender Eindrücke, die man aus dem
Museum<lb/>Torlonia mit nach Hause bringt. Aber - in zwei, duei<lb/>Tagen
gehe ich fort von Rom. Meine Zeit ist mir heute<lb/>schon sehr knapp
bemessen.<lb/>Wenn das Blatt in Ihre Hände kommt, habe ich Rom<lb/>bereits
verlassen; und wenn ich von Rizza niederschaue auf<lb/>das blaue Meer, wird
es, wie in dem italienischen Volks-<lb/>liede, auch für mich wohl heißen:
eol gensiero in Koms<lb/>sto! gMit dem Gedanken bin ich in Romz, und ich
kehre<lb/>auch mit meinen Mittheilungen sicher noch oftmals
dorthin<lb/>zurück.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 24</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0324_317.tif" n="317"/>
<p>= Z? -<lb/>liernnlzuallzhgs-=- ==s-<lb/>s-K=- ssss<lb/>Eängs dem
Ufer.<lb/>Nizza, im Mai 178.<lb/>Es war Mittag und heller Sonnenschein, als
ich am<lb/>1. Mai den Wagen bestieg, der mich in Rom von meinem<lb/>Hotel
nach dem Bahnhof bringen sollte. Am Ende der Straße<lb/>streifte das Licht
den Obelisk, der auf dem Monte Pincio<lb/>oben an der spanischen Treppe
aufgerichtet ist. Weil ich ihn<lb/>alle Tage gesehen hatte den ganzen Winter
hindurch, siel<lb/>mir's kaum ein, daß ich ihn am nächsten Morgen nicht
mehr<lb/>sehen, daß ich ihn vielleicht nie mehr wieder sehen würde.
Ich<lb/>fühlte mich mit Rom so eng verwachsen, daß mir gar nicht<lb/>zu
Muthe war, als ginge ich wirklich fort. Nimmt man es<lb/>doch als einen
unverlierbaren Gewinn in seiner Seele für<lb/>alle Zeiten mit sich.<lb/>Der
Zug war aus dem Bahnhof hinausgefahren, die<lb/>Freunde, die mich geleitet
hatten, waren zurückgeblieben. Eine<lb/>um die andere entschwanden die
mächtigen Kirchen, die schönen<lb/>Villen, in denen ich so oft geweilt, vor
meinen Blicken. Es<lb/>rührte mich gar nicht. Ich fühlte mich immer noch in
Rom;<lb/>und rührend ist Nichts an Rom, dazu ist es zu ernsthaft.<lb/>Die
weite Ebene der Camwagna that sich vor uns auf.<lb/>Das hohe Gras wogte
leicht im Winde. Hier und da ein<lb/>verfallenes Castell, hier und da ein
antiker Grabstein, ein<lb/>antiker Trümmerhaufe. Hier und da eine aus Canna
gebaute<lb/>Hütte, die eben so gut in Lappland oder unter dem
Aequator<lb/>stehen könnte. Große Herden weißer Rinder, die ihre
mächtig<lb/>gehörnten Köpfe langsam nach dem vorüberbrausenden Zuge<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0325_318.tif" n="318"/>
<p>= Z1F -<lb/>wandten. Ziegenherden, Schafherden, große Herden von<lb/>Rossen,
die in wildem Laufe über die Fläche jagten, wenn<lb/>das Schnaufen der
Lokomotive ihr Ohr erreichte. Ein Hirt<lb/>mit der Lanze in der Hand, vor
einem alten Gemäuer schla-<lb/>fend; ein anderer Hirt auf raschem Pferde,
von seinen lang-<lb/>haarigen Hunden in weiten Sprüngen gefolgt - und
tiefe,<lb/>tiefe Stille! Das war immer noch Rom!<lb/>Allmählich aber erhob
sich der Boden zur Rechten. Hügel<lb/>mit Gestrüpp besetzt, Eichen, Pinien
in verkrüppelter Gestalt.<lb/>Auf dem dunklen Grün des Mastix und
Wachholders dicke<lb/>Büsche goldig gelben Ginsters. Zur Linken zog mit
weißlich<lb/>grauen Wolken feuchte Luft heran. Canna wuchs aus
sum-<lb/>pfigem Boden hoch empor, und ganze Flächen waren übersget<lb/>mit
den bräunlich und weißgestreiften Glocken des Asphodelos,<lb/>der
Todtenblume der Alten, von der mir Freunde einmal im<lb/>Winter ein Exemplar
aus den Wäldern von Ostia mitge-<lb/>bracht hatten.<lb/>Der Himmel hatte
sich bewölkt, als wir uns dem trau-<lb/>rigen, grauen EivitaVecchia nahten.
Das Meer that in<lb/>fahlem Glanze sich vor uns auf. Es fing zu regnen an,
Luft<lb/>und Meer verschwammen ineinander. Der Abend war
her-<lb/>niedergesunken, es war kalt und schaurig. Wir schlossen
die<lb/>Fenster des Waggons. Es regnete die ganze Nacht. Die<lb/>Rufe der
Conducteure: Orbitello, Livorno, Pisa! klangen<lb/>durch das Dunkel. Nun
fiel mir's auf das Herz. Ich war<lb/>schon fern von Rom, und ich war
traurig, recht von Herzen<lb/>traurig!<lb/>Da, mit dem ersten hellen
Tagesscheine leuchtete das<lb/>Meer vor meinen Blicken auf! Das
Mittelländische Meer,<lb/>aufathmend in leise sich hebenden Wellen dem
jungen Tag<lb/>entgegen, in lichtdurchfunkelter Bläue. Und wenn auch
fern<lb/>von Rom, schön war es dennoch auf der Welt!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0326_319.tif" n="319"/>
<p>= Z1 -<lb/>Das war La Spezia, das war Rervi mit der schönen<lb/>Vila
Gropallo, in der wir einst, Stahr und ich, einen ganzen<lb/>Nachmittag, auf
umgelegtem Bote sitzend, in frohem Natur-<lb/>genuß still verträumt. Nun
stieg sie empor, die Meer-<lb/>beherrscherin Genova la Superba, auftauchend
aus den Fluthen,<lb/>sich erhebend am Bergesrand mit ihren Kirchen aus
zwei-<lb/>farbigem Marmorgestein, mit ihren buntbemalten Häusern,<lb/>mit
ihren von Cypressen umgebenen Palästen, mit den rosen-<lb/>roth getünchten
Villen und mit den Olivenwäldern, die sie<lb/>rings umgeben. Das war der
Palazzo Doria. Das war<lb/>Pegli, mit der phantastischen orangenfarbenen
Villa Pala-<lb/>viccina. Ach, es war Alles wie vordem, nur schöner
noch,<lb/>denn ich hatte Genua nur immer im Hochsommer und
im<lb/>Herbstesanfange gesehen, und jettt schmückte der Frühling es<lb/>mit
seinem Glanze!<lb/>Wie im Fluge ging es vorüber an Savona, auf das
die<lb/>Schneegebirge der Apenninen niederschauten; an San
Remo,<lb/>Bordighera, an Mentone, alle hingelagert an dem langsam<lb/>sich
erhebenden Gestade, alle umflutet von des Meeres Hauch,<lb/>von dem Duft der
blühenden Orangengärten, alle voll schmucker<lb/>Villen, voll glänzender
Hotels, alle lachend und zum Verweilen<lb/>ladend.<lb/>Dann auf stolzem
einzelnen Felsblock in das Meer<lb/>hineinragend, das feste Schloß von
Monaco mit Wällen und<lb/>mit Thürmen, und endlich Nizza, funkelnd in der
Mittags-<lb/>sonne Glut!<lb/>Man hatte mir von Rizza viel erzählt, hatte es
mir in<lb/>jedem Sinne angepriesen, ich hatte Ansichten von Rizza
oft<lb/>genug gemalt gesehen, aber ich fand weit mehr, als ich
er-<lb/>wartet hatte. Zwei, drei Tage hatte ich zu verweilen
gedacht,<lb/>aaaErr :R<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0327_320.tif" n="320"/>
<p>-= ZZß -=<lb/>schönsten und morgen war's noch schöner. Man athmete
ein<lb/>mal den Süden und die Meeresfrische und den Blumenduft<lb/>in aller
ihrer Herrlichkeit.<lb/>Der Golf, an welchem Rizza liegt, ist in weitem
Bogen<lb/>von zwei Vorgebirgen eingeschlossen, die ihn wie Arme
rund<lb/>umspannen. Auf dem östlichen Vorgebirge liegt das
befestigte<lb/>Villafranca, auf dem westlichen das ebenfalls befestigte
Antibes.<lb/>Die Feuer in den beiden Leuchtthürmen machen den
Halbkreis<lb/>auch am Abend kenntlich. Hinter Nizza steigt das reich
be-<lb/>waldete Vorgebirge auf, überragt von den schneebedeckten<lb/>Gipfeln
der Apenninen, und von den Bergen kommen die<lb/>Ströme, der Palione mitten
durch die Stadt, der Magnan<lb/>im Westen derselben, und weiterhin der Var,
der früher die<lb/>Grenze zwischen Frankreich und Jtalien bildete, zum
Meer<lb/>hernieder, während weit im Westen die breite Felsmasse
der<lb/>Esterelles das Auge festhält, schön gezeichnet und gezackt
wie<lb/>der Monte Pellegrino bei Palermo.<lb/>Das alte Rizza, das Nizza, in
welchem Oelhandel und<lb/>Schifffahrt ihren Sitz haben, das am Hafen und um
den-<lb/>selben gelegen ist, sieht der Fremde wenig. Es hat
etwas<lb/>bürgerlich Wohlhabendes, etwas häuslich Behagliches mit
ent-<lb/>schieden französischem Gepräge. Es liegt beträchtlich
tiefer<lb/>als die neue Stadt, die, ganz auf und für die Fremden
ein-<lb/>gerichtet, diesen einen Luxus und Bequemlichkeiten bietet,
wie<lb/>sie, so dicht, so mit Vorbedacht aneinander gestellt,
vielleicht<lb/>an keinem andern Orte zu finden sind. Und außer der<lb/>Villa
Reale in Neapel, deren Baumgänge und Statuen am<lb/>Meere eben einzig sind,
mag es kaum einen herrlicheren<lb/>Spaziergang am Meere geben, als den Quai
von Rizza, die<lb/>Promenade des Anglais und die Promenade du Midi
mit<lb/>ihren Palmbäumen längs des Weges, mit den in allen<lb/>Blumenfarben
schimmernden öffentlichen Gärten in ihrer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0328_321.tif" n="321"/>
<p>-= ZZh -<lb/>Mitte, mit der langen Reihe der GasthofsPaläste
und<lb/>Prachtvillen, mit den Bänken und Sitzen, die überall zum<lb/>Ruhen,
zum Verweilen laden, wenn gegen den Abend hin die<lb/>Musik im Jardin
Publigue ertönt, während die blauen Wellen,<lb/>leise an das Ufer schlagend,
über die Kiesel hin verrinnen.<lb/>Jett im Mai waren die Gasthöfe am
Meeresufer und<lb/>am Quai Massena, waren die fremden Luxusmagazine
sammt<lb/>und sonders geschlossen, denn die Kurgäste verlassen Nizza
in<lb/>ber Mitte des April. Die lange Reihe der auf das zierlichste<lb/>und
zweckmäßigste eingerichten Seebadeanstalten, die mit
ihnen<lb/>zusammenhängenden warmen Bäder und Turnanstalten,
die<lb/>Wasserheilanstalten, die Schwimmschulen für Männer und
für<lb/>Frauen, die Fechtschulen, Skating-Rings und irischen
Bäder,<lb/>waren nur wenig besucht. Die Bäckereien, die englisches
und<lb/>,echt russischesr Brod backen, hatten ihre Läden
geschlossen.<lb/>Aber da die Stadt an sich belebt ist, war sie mit
allem<lb/>Wünschenswerthen wohl versehen, und man hatte das Reich,<lb/>man
hatte die bezaubernde Gegend, man hatte all das Blühen<lb/>und Duften
halbwegs für sich allein. Und wms Blühen und<lb/>Duften heißen will, habe
ich erst in Nizza recht erfahren.<lb/>Aus meiner frühen Kindheit war mir ein
Bild im Ge-<lb/>dächtniß geblieben von der Dekoration der längst
vergessenen<lb/>französischen Operette: Aline, Königin von Golkonda.
Es<lb/>war gewiß eine recht geringe Dekoration gewesen, aber
meine<lb/>kindliche Phantasie hatte sich an ihr berauscht, und ich
meinte,<lb/>so etwas Herrliches an Blumenpracht könnte es auf der
Erden-<lb/>welt nicht geben. In Nizza und an der Riviera von
Villa-<lb/>franca bis über Cannes hinaus, namentlich aber von Nizza
bis<lb/>Monaco und dem SpielortMonte Carlo hinauf, habe ich ein
neues<lb/>Bild für Blumen und Blüthenpracht gewonnen, das alle<lb/>meine
bisherigen phantastischen Vorstellungen weit hinter sich<lb/>zurückgelassen
hat.<lb/>S. Le wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0329_322.tif" n="322"/>
<p>= ZZ -<lb/>Eines Morgens fuhr ich mit dem Berliner Landschaftge<lb/>maler
Albert Härtel, der mich auf seinen Studientouren<lb/>freundlich mit sich
nahm, in das Gebirge hinaus. Es steigt<lb/>dicht hinter der Stadt in
Felspartieen rasch empor, die an<lb/>Großartigkeit und romantischer Bildung
nur mit dem Sabiner-<lb/>gebirge zu vergleichen sind, vor denen sie noch den
Ausbligg<lb/>auf das Meer voraus haben. Die Wege sind
vortrefflich<lb/>gehalten, die zeltüberdachten, offenen, aus Korbgeflecht
gemachten<lb/>Wägelchen recht für die Fahrt geeignet. Wir wollten
nach<lb/>Villafranca hinunter. Gleich hinter Nizza steigt der Weg<lb/>empor.
Orangengärten, so weit das Auge reicht, durchweg<lb/>mit Hecken von rothen,
weißen, gelben Rosen eingefaßt. Hier<lb/>Orangenblüthen, dort reife Früchte
in den Zweigen. Oel-<lb/>bäume, Palmen, Eukalypthusbäume, Weingerank,
blühonder<lb/>spanischer Flieder und Jasmin, japanische Blüthenbäume,
die<lb/>ich nie gesehen, mit dunkelvioletten Blumen überladen;
das<lb/>deutsche Maßlieb und die Wolfsmilch in großen Büschen und<lb/>mit
großen Blüthen, kaum als Altbekanntes zu erkennen, und<lb/>alle Wände an den
Wegen, jegliches Gestein wie übersäet mit<lb/>den handgroßen, asterartigen,
in allen Farben schillernden<lb/>Blüthen der verschiedenen
Cactusarten.<lb/>An schönen Landsitzen vorüber, durch wildes
Steingeklüft,<lb/>von welchem dunkle Pinienwälder ernsthaft niedersehen,
geht<lb/>der Weg steigend und sich senkend auf und nieder, bis
man<lb/>vlötzlich das kleine, freundliche Villafranca mit seinem<lb/>Hafen
dicht vor seinen Füßen hat, und in rascher Fahrt am<lb/>Ufer hält. Zwei
amerikanische Kriegsschiffe lagen in der Bucht<lb/>vor Anker. Okäes ok tbe
lniteä States pazmaster war auf<lb/>einem Schilde über der Thüre eines
Hauses zu lesen, von dem<lb/>das Sternenbanner flatterte. Unter einer
Veranda von Wein-<lb/>laub und Glycinien, zwischen denen die Landesblume,
die<lb/>Rose, nicht fehlte, saßen wohlgenährte amerikanische
Marine-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0330_323.tif" n="323"/>
<p>= ZZ -<lb/>Pfsiziere in ihren tüchtigen, dunkelblauen Uniformen
beim<lb/>Weine. Amerikanische Matrosen trugen in Körben
Lebensmittel<lb/>nach den Booten; rothhosige Soldaten gingen nach dem
Takt<lb/>ber Blechmusik zu ihren Verschanzungen hinauf. Offiziere<lb/>ohne
Degen, mit Stöcken und Gerten in den Händen, standen<lb/>auf der Straße an
ein paar geöffneten Fenstern, mit Frauen-<lb/>zimmern plaudernd, während
Fischer, an hellen Wachholder-<lb/>holzfeuern zwischen ihren braunen Netzen
auf dem Boden<lb/>kauernd, sich ihr Mittagsmahl bereiteten. Ein Maler
hätte<lb/>die Scene nur abzuschreiben brauchen, um ein sehr
anmuthiges<lb/>Bild zu gewinnen.<lb/>Den nächsten Tag nach Monte Carlo, dem
letzten Zufluchts-<lb/>ort des privilegirten Spiels. Wie in die Gärten der
Armida,<lb/>so verlockend führen die blühenden Wege von dem
rosen-<lb/>umrankten Stationsgebäude nach dem Plateau hinauf, und<lb/>man
sagt mir, daß während der Saison halb Nizza in be-<lb/>ständigem Auf und
Nieder diesen Pfad zum Tempel der<lb/>Fortuna wandere. Schatten, Sonne,
Blumen, Springbrunnen<lb/>in reizendstem Wechsel überall. Einige große,
prächtige Hotels<lb/>und die Spielhäuser: das ist Monte Carlo. Die Lage,
die<lb/>Vegetation, sind schöner als es sich beschreiben läßt. Die
Spiel-<lb/>häuser und die dazu gehörenden Anlagen und Säle
bleiben<lb/>hinter dem, was Baden-Baden und Wiesbaden der Art in<lb/>ihrer
Zeit besaßen und als Erbe derselben noch besiten, weit,<lb/>sehr weit
zurück. Ein Konzert, das wir hörten, war kaum<lb/>mittelmäßig, der Saal
nicht elegant, das Kaffeehaus gut ver-<lb/>sehen, doch nicht eben lockend.
Es waren nicht mehr viel<lb/>Leute da, aber man spielte doch noch stark.
Unten, als wir<lb/>auf der Station des Zuges warteten, saß eine etwa
fünfzigs<lb/>jährige Frau von noch immer auffallender Schönheit
neben<lb/>Eatae<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0331_324.tif" n="324"/>
<p>= ZZg -=<lb/>ließen vermuthen, daß sie dereinst wohl auch am
Spieltisch<lb/>des Lebens großes Spiel gespielt. Ihre Wangen, ihre
Augen<lb/>glühten in zorniger Röthe, ihr Busen hob sich unruhig.
Reben<lb/>ihr saß ein junger Mann mit ziemlich nichtssagendem
Gesicht<lb/>und sah stumm in die Weite. Er schien ihr Sohn zu sein.<lb/>Mit
einem Male fuhr sie auf: In der Weise, in der Du's<lb/>treibst (sie sprach
französischs la kortune äes Rotbsebilä<lb/>sepniserait! Er antwortete nicht
darauf. Ein eleganter älterer<lb/>Mann, der auch nach Nizza zurückkehren
wollte, trat zu den<lb/>Beiden heran. Nun, fragte er, haben Sie ,Chance''
gehabt?<lb/>Eine schöne Chance, entgegnete die Frau, der Unglückliche
hat<lb/>in einer Stunde fünftausend Francs verspielt! Das war<lb/>Monte
Carlo. - Der Zuug brauste heran. Wir fuhren fgt,<lb/>sie auch; vermuthlich
um am nächsten Tage zurückzukehren und<lb/>die bessere ,Chance'' zu
erwarten.<lb/>An einem der folgenden Tage ging es hinein in das Thal<lb/>von
St. Andrs. Gleich am Eingang desselben liegt wohl-<lb/>geschützt und
wohlgehalten die Abtei St. Ponse, weiterhin die<lb/>ebenso herrschaftliche
Abtei von St. Andre, von der abwärts<lb/>sich die Schlucht immer mehr
verengt, bis zu der eigentlichen<lb/>Grotte des heiligen Andreas, aus
welcher, wenn ich mich nicht<lb/>irre, ein wunderthätiger Luell entspringt.
Es hat mit dieser<lb/>Anachoretenhöhle nicht viel auf sich, doch sieht sie
immerhin<lb/>ernsthafter aus, als die kindische Nachbildung der Grotte
von<lb/>Lourdes, welche Pius K. in den vatikanischen Gärten
hat<lb/>ausführen lassen.<lb/>Oben von der Höhe des Monte Calvo sehen die
Ruinen,<lb/>Häuser, Thore, und die Kirche von Villeneuve herab, einer
wegen<lb/>Wassermangels von den Bewohnern verlassenen Stadt. So<lb/>öde, so
kahl, so einsam ist die Gegend da oben, daß man, wer<lb/>weiß wie weit von
Nizza, weit von aller Eivilisation zu sein<lb/>glaubt, und daß man erstaunt
ist, wenn man sich gleich da-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0332_325.tif" n="325"/>
<p>==- ZZH -<lb/>neben wieder in bewaldete Gehege versetzt findet, wenn
man<lb/>das Städtchen Falicone, ein echt italienisches
Gebirgsstädtchen,<lb/>auf seinem Wege findet, und nun bald wieder,
umschattet von<lb/>Wallnußbäumen, Platanen, Eichen und Pinien, rasch gen
Eimis<lb/>hinabkommt, um abermals zwischen Orangengärten und
Rosen-<lb/>hecken einzuziehen in die blühenden Bereiche von Rizza.<lb/>Nur
der Wassermangel in den Strömen, der sich in Nord-<lb/>italien so vielfach
bemerklich macht, ist auch in Nizza traurig<lb/>anzusehen. Der Magnan ist so
völlig ausgetrocknet, daß man<lb/>in ihm spazieren gehen könnte. In dem
Palione, der Nizza<lb/>durchschneidet und dessen breites Bett majestätische
Brücken<lb/>überspannen, klopfte man Teppiche und Möbel aus, während<lb/>an
den wenigen Stellen, in welchen das Wasser sich spärlich<lb/>gesammelt,
Wäscherinnen im Flußbett still und gemächlich ihr<lb/>Wesen trieben und
gleichzeitig auf den Kieseln ihre Wäsche<lb/>trockneten und
bleichten.<lb/>Dafür aber geht es am Morgen an dem linken Ufer
des<lb/>Palione, an dem von herrlichsn Platanen beschatteten Boule-<lb/>vard
Charles Albert und Boulevard du PontNeuf, der sich<lb/>gegenüber dem Luai
Massena hinzieht, um so munterer zu.<lb/>Nizza ist die Vaterstadt Massena's
und hat ihm auf einem<lb/>nach ihm genannten Plate eine Statue errichtet.
Auf diesen<lb/>beiden Boulevards wird alltäglich, selbst am Sonntage,
der<lb/>Blumen- und Gemüsemarkt von Nizza abgehalten, und ihn
zu<lb/>besuchen ist eine immer neue Lust. Sträuße von einer Pracht<lb/>und
Herrlichkeit, wie selbst Paris und London sie nicht kennen,<lb/>die Fülle
aller Rosenfarben und ganze Bündel von Orangen-<lb/>blüthen naturwüchsig
zusammengebunden, mit Blumen aller Art<lb/>gemischt, kauft man für so viel
Centimes als man bei uns<lb/>Mark und mitunter auch Thaler dafür bezahlen
würde.<lb/>?r ar r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0333_326.tif" n="326"/>
<p>== ZFss -<lb/>kann; und zwischen den Rosen und Nelken und zwischen
den<lb/>Blüthen der Akazien und den Blüthen des Eukalypthus, die
wie<lb/>Passionsblumen anzusehen sind, liegen sie in dieser
Jahreszeit<lb/>aufgestapelt die Artischoken, die grünen Erbsen, die
Bohnen,<lb/>der Salat, die Kirschen, die Orangen, die Erdbeeren aus
Gar-<lb/>ten und aus Feld, die getrockneten Feigen und der grüne
Kohl,<lb/>die Traubenrosinen und der Spinat, die feinen
getrockneten<lb/>Pflaumen und der Riesenblumenkohl, der Broccoli und
die<lb/>Frucht des Brodbaumes und die Cocosnuß. Hier reicht Einer<lb/>die
langen, an Schnüren aufgereihten, wie Apfelsinen großen<lb/>Zwiebeln und den
weißglänzenden Knoblauch her, dort bietet<lb/>ein Andrer Körbe voll. Ananas
und Datteln zum Kaufe an,<lb/>und das Alles ist so frisch, das Alles ist
jedes in seiner Art<lb/>so vollkommen ausgebildet und so billig, daß das
Herz einer<lb/>Hausfrau seine Freude daran hat und das Auge sich nicht
satt<lb/>daran sehen kann, während man in dem Duft der Blumen<lb/>schwelgt,
die man in den Händen mit nach Hause trägt.<lb/>Abends ist es jett, wenn die
Musik im Jardin Public zu<lb/>Ende ist, am Meeresufer still und einsam. Auf
den Bänken<lb/>am Quai des Anglais sitzen nur wenig Leute, man kann
die<lb/>Stadt vergessen, in der man sich befindet. Nur das Meer hat<lb/>man
vor Augen. Kein Schiff zieht vorüber an dieser Seite,<lb/>kaum daß eine
Barke sich auf den Wellen schaukelt. Der<lb/>Mond stand in diesen Tagen
immer hell am Himmel, leichtes<lb/>Gewölk durchziehend, wenn er aufstieg.
Man sagte, da wo<lb/>das Gewölk sich sammelt, da liegt Corsica, und weiter
hin<lb/>in fernen Bogen ziehen die Schiffe, die das Meer befahren,<lb/>nach
Afrika, nach Indien, weit, weit fort, und die Leuchtthürme<lb/>zeigen ihnen
ihren Weg, die Leuchtthürme - und die Sterne,<lb/>die wir so gern unsere
Gefährten, unsere treuen Gefährten<lb/>nennen, weil wir zu ihnen
hinaufgeschaut in der Sehnsucht<lb/>unserer Jugend, in Glück und Leid, weil
wir nach einen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0334_327.tif" n="327"/>
<p>-- ZF? -<lb/>Festen, einem Dauernden verlangen, in der
Vergänglichkeit,<lb/>der sie unterliegen so wie wir. Es träumt sich sanft im
Mon-<lb/>denlicht am stillen Meeresufer.<lb/>Wenn es dann stärker zu
rauschen begann vom Meer,<lb/>wenn die verspritzenden Wellen heller
flimmerten im Monden-<lb/>schein und es kühler ward, daß wir, an den
Heimgang gemahnt,<lb/>uns vom Meere in die Stadt zurückwandten, so sahen
wir,<lb/>wenn wir in die Rue du Paradis eintraten, guer über der<lb/>Straße
an Schnüren, die von einer Häuserseite zu der andern<lb/>hinüberreichten,
bunte Papierlaternen aufgehängt. Die Lichter<lb/>spielten an den Wänden,
Knaben brannten kleine bengalische<lb/>Flämmchen auf dem Boden ab. Die ganze
Straße war voll.<lb/>kleiner Buben und voll kleiner Mädchen, junge
erwachsene<lb/>Frauenzimmer mischten sich unter sie. Man sang, man
tanzte<lb/>einen Abend wie den andern in harmloser Lust. Die
Bür-<lb/>gersleute und ihre Frauen standen vor den Häusern und sahen<lb/>dem
Spiele zu.<lb/>Man tanzte, sich in großem Kreise bei den Händen
hal-<lb/>tend, la Ronde, man sang in provenzalischem mir
unverständ-<lb/>lichem Dialekt die Rose und die Nachtigall in
immerwieder-<lb/>kehrenden Refrains, denn: Lozer-rors, Klacame, a'est ls
mois<lb/>cs ai! Sehen Sie, Madame, es ist der Monat Mai, sagte<lb/>man mir
auf meine Frage.<lb/>Es war der Monat Mai, der Mai in Nizza, hart an
der<lb/>Grenze der Provence, der die Ministrels und die
Troubadours<lb/>entstammen! Und sie haben es noch nicht vergessen, daß sie
im<lb/>Lande der Lieder, daß sie die Kinder der Provence, des
rosen-<lb/>duftigen Südens sind. Es war ,le mois äs Aui!n<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 25</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0335_328.tif" n="328"/>
<p>-- ZFs -=<lb/>Funfunlzwatzhgs= =aief.<lb/>--= Ns-<lb/>Freskenbilder in
Rom.<lb/>Nizza, den 1. Mai 1t7A.<lb/>Es giebt kaum einen besseren Ort, sich
in der Stille aus-<lb/>zuruhen, als dies paradiesische Stück Erde an dem
purpurnen<lb/>Meere, wenn die Tausende von Gästen, welche hier
während<lb/>der Wintermonate die Gunst des milden Himmels suchten
und<lb/>genossen, die Stadt verlassen haben, wie in diesem
Augenblick<lb/>Stille Straßen, Stille in den von Fremden fast
ggns<lb/>leeren Hotels, am Morgen Stille und Einsamkeit in
dem<lb/>öffentlichen Garten und an dem herrlichen Spazierweg längs<lb/>dem
Meere. Gar Nichts, was uns antreibt unsere Ruhe zu<lb/>unterbrechen! Keine
Kirchen, die man durchaus besehen muß,<lb/>keine Paläste, keine Museen!
keine Ateliers! = Nichts als<lb/>die große, weite Natur! Aber welch eine
Natur! welch ein<lb/>Licht und welcher Meereshauch inmitten dieser
Wärme!<lb/>In Rom lebt man eigentlich immer mit einem
beschwerten<lb/>Gewissen und mit dem stillen inneren Vorwurf, seine
Schuldigs<lb/>keit nicht recht zu thun, weil man so viel des Großen
und<lb/>Schönen an sich ungenossen vorübergehen lassen muß. Ja ich<lb/>habe
mich manchmal darauf betroffen, halbwegs zufrieden zu<lb/>sein, wenn irgend
eine Galerie verschlossen oder nicht mehr<lb/>für die Fremden zugänglich
war. Das galt namentlich von<lb/>der Galerie im Palazzo Sciarra auf dem
Corso, in welchem<lb/>sich unter anderen Schätzen der herrliche
Violinspieler von<lb/>Rafael und die Bella äi Tiriano befinden, und von der
Far-<lb/>nesina, mit ihren wundervollen Fresken von Rafael
und<lb/>Sodoma.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0336_329.tif" n="329"/>
<p>= ZZß =<lb/>Früher konnte man die Galerie im Palast Sciarra in<lb/>jeder
Woche einmal sehen, und die Farnesina war den Fremden<lb/>an dem ersten und
fünßßehnten jedes Monats zugänglich. Was<lb/>bie Familie Sciarra, die durch
Erbstreitigkeiten und Zwistig-<lb/>keiten in sich vielfach beunruhigt sein
soll, bewogen hat, den<lb/>Kunstsreunden den Zutritt zu ihrer Sammlung zu
erschweren,<lb/>weiß ich nicht. Aber es bedarf jetzt einer besonderen
Für-<lb/>sprache von Personen, die mit dem fürstlichen Hause
befreundet<lb/>sind, um den Einlaß zu erhalten, der mir und den
Meinen<lb/>denn auch einmal, und natürlich zu unserer großen
Freude,<lb/>gewährt worden ist.<lb/>Mit dem spanischen Herzoge von Ripalta,
dem gegen-<lb/>wärtigen Besitzer der schönen Farnesina, hat es aber
ein<lb/>anderes Bewandtniß. Man hat ihm, und wie er behauptet<lb/>unnöthiger
Weise oder mindestens sehr vorzeitig, den schönsten<lb/>schattigsten Theil
seines bis zu dem Tiber hinunterreichenden<lb/>Gartens expropriirt, weil man
ihn für die TiberRegulirung<lb/>zu bedürfen geglaubt hat. Dafür rächt sich
der Herzog an<lb/>den Stadtbehörden von Rom, indem er sein
Eigenthums-<lb/>und Herrenrecht in seinem Hause strenger als die
früheren<lb/>Besitzer desselben geltend macht.<lb/>Verdenken kann man es
Niemandem, wenn er das, was<lb/>er als freies Eigenthum für sich erworben,
für sich allein und<lb/>auf seine Weise genießen will. Aber wo
ungewöhnliche<lb/>Mittel und ein sie begünstigendes Zusammentreffen von
Um-<lb/>ständen einem einzelnen Menschen, oder einer Familie, einen<lb/>ganz
einzig dastehenden Besit zugänglich machten, ist es eine<lb/>Pflicht jener
Gesittung, die wir, viele Vorstellungen in dem<lb/>einen Worte
zusammenfassend, als Humanität bezeichnen, auch<lb/>anderen Menschen jenen
flüchtigen und doch so nachhaltigen<lb/>und fruchtbringenden Mitgenuß dieses
Schönen zu verstatten,<lb/>wie die Betrachtung desselben ihn gewährt, ohne
dem Besitzer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0337_330.tif" n="330"/>
<p>= ZZ0 -<lb/>Etwas damit zu rauben. Sich mittels der Abweisung der<lb/>Fremden
an den Stadtbehörden von Rom zu rächen, ist immer<lb/>eine sonderbare Logik.
Da jedoch alle Regeln nur um der<lb/>Ausnahmen willen gegeben zu werden
pflegen, so macht auch<lb/>der Besitzer der Farnesina zu Gunsten der Fremden
eine ge-<lb/>legentliche Ausnahme und erlaubt ihnen den Besuch
seines<lb/>Palastes, wenn Personen seines näheren Bekanntenkreises
sich<lb/>bereit finden lassen, diese unter ihren Schutz zu nehmen
und<lb/>sie selber nach der Farnesina hinzuführen.<lb/>Der freundliche
Schutz von Frau von Heimerle ist es ge-<lb/>wesen, der mir in den letzten
Wochen, während deren ich in<lb/>Rom verweilte, den Eingang und Zutritt in
die Farnesina<lb/>auch in diesem Jahre eröffnete, und ich hatte dabei
Gelegenheit,<lb/>eine mir neue und wichtige Erfahrung zu machen.<lb/>Als wir
in dem Winter von 115 bis 1846 und dann wieder<lb/>in dem Winter von 166 bis
16? in der Farnesina gewesen<lb/>waren, hatte sie sich noch im Besitz des
Königs von Reapel<lb/>befunden, der sie auf neunzig Jahre an den spanischen
Herzog<lb/>von Lema vermiethet hatte, und sie war damals in
traurigem<lb/>Verfall gewesen. Ich erinnere mich nicht irgend ein
mit<lb/>Geräth versehenes Zimmer in der ganzen Villa bemerkt zu<lb/>haben.
Die Säle und Galerien waren öde und leer wie die<lb/>Erde am Tage ihrer
Entstehung, oder wie die St. Paulskirche<lb/>in London, die mir immer als
ein trostloses Urbild von Leere<lb/>vorgekommen ist. Wände, deren
ursprüngliche Farbe nicht<lb/>mehr zu erkennen war, und von denen die
Verputzung nieder-<lb/>fiel. Die Fußböden ausgetreten, die Fenster
verblindet. Und<lb/>mitten in diesem Verfall, in der Vorhalle und in dem
ersten<lb/>Saal des Erdgeschosses, Rafael's Galathea und seine
Geschichte<lb/>der Psyche. In dem oberen Stockwerk, in Zimmern, in
denen<lb/>mit Ausnahme der Deckenverzierungen auch Alles
fürchterlich<lb/>verwüstet war, Giulio Romano's herrlicher ovidischer
Fries<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0338_331.tif" n="331"/>
<p>== ZZ! -=<lb/>und Sodoma's entzückende Hochzeit Alexgnder's und
Roxgnens.<lb/>Der Abstand konnte gar nicht größer sein!<lb/>Jn einer der
Täuschungen, in welche man so leicht ver-<lb/>fällt, wenn man ,glaubt und
meint'', wo man gesehen haben<lb/>müßte, wenn man an Eindrücke, die mit den
Sinnen auf-<lb/>gefaßt sein wollen, mit dem Verstande herantritt, hatte
ich<lb/>mir damals eingebildet, die Kunstwerke müßten, eben in
diesen<lb/>leeren Räumen, neben den grauen Wänden, ohne irgend
eine<lb/>Umgebung, welche von ihnen abziehen konnte, uns noch
schöner,<lb/>noch leuchtender erscheinen, als die Gäste Agostino Chigis
sie<lb/>bei den Festen gesehen hatten, welche jener
kunstliebende<lb/>Handelsherr, der Bankier Leo's K., der sich diese Villa
zu<lb/>Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erbaute, in derselben
mit<lb/>königlicher Pracht zu veranstalten gewohnt war.<lb/>Stahr aber
schüttelte zu meinen damaligen Vermuthungen<lb/>ablehnend das Haupt. ,Die
Leute wußten, was sie thaten!'<lb/>sagte er. ,ergiß nicht, daß sie in einer
Farbenpracht und<lb/>Farbenfülle lebten, von denen unser in schwarzer und
grauer<lb/>und mißfarbiger Kleidung verblaßtes Zeitalter keine
Vor-<lb/>stellung mehr hat. Dieses dunkelrothe Gewand der Galathea,<lb/>die
rothen Rücken in den Deckengemälden, die uns hier in den<lb/>verfallenen
Räumen als Nebertreibungen von Giulio Romano<lb/>erscheinen, werden anders
gewirkt haben in jenen Tagen, in<lb/>denen sie noch die Umgebung hatten, für
die sie bestimmt<lb/>gewesen sind. Ich möchte diese Galerie, diese Säle
gesehen<lb/>haben, gegen den erleuchteten Garten hin geöffnet,
lichterhell<lb/>oder im hellen Glanz des Tages; belebt durch eine
Gesellschaft,<lb/>die sich in farbiger Tracht und reichem Schmuck genug zu
thun<lb/>wußte, belebt von einer Gesellschaft, wie sie uns in
den<lb/>Bildern von Veronese vor die Augen tritt! Da diese gött-<lb/>lichen
rafaelischen Gebilde trotz des elenden Hintergrundes<lb/>noch auf uns so
bezaubernd zu wirken vermögen, bin ich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0339_332.tif" n="332"/>
<p>- ZZ! -<lb/>gewiß, daß diese Wirkung früher noch eine unendlich
ver<lb/>schiedene und größere gewesen sein muß !' =-<lb/>Er hat leider die
Farnesina in ihrer Wiederherstellung<lb/>nicht mehr gesehen, aber ich habe
mich überzeugen können,<lb/>wie richtig er geurtheilt hatte. Denn obgleich
es fast lächerlie<lb/>klingt, daß die Kunst eines modernen Tapeziers, daß
nicht<lb/>eben schöne vergoldete Sessel, mit farbigen
Seidenstoffen<lb/>überzogen, daß eigens für die Farbe dieser Räume
gewirkte<lb/>Teppiche, daß Bronzekronen und Auffrischung der Bronzen<lb/>und
des Nebensächlichen in der Stukkatur- und Wandverzierung<lb/>den Bildern
eines Rafael zu Gunsten kommen können, so ist<lb/>das doch in der That der
Fall. Vieles, was früher in den-<lb/>selben gegen die Nacktheit der Wände in
der Farbe hart ünd<lb/>zu grell erschien, wird durch die farbige Umgebung
gemildert.<lb/>Aber unverkennbar bleibt es trotzdem, daß hier durch
die<lb/>Jahrhunderte hindurch starke Nebermalungen und vielleicht
in<lb/>verschiedenen Zeiten durch verschiedene Meister immer
neue<lb/>ebermalungen stattgefunden haben uüssen. Das ist ja
auch<lb/>natürlich. Denn wie mild das Klima von Rom im Verhältniß<lb/>zu dem
unseren uns auch erscheinen mag, so hat es seine<lb/>nassen Zeiten, hat es
im Laufe von viertehalb Jahrhunderten<lb/>seinen Schnee und seine
Witterungsunbill gehabt, die an den<lb/>Fresken der bis vor wenig Jahren
offenen Halle ihr Zer-<lb/>störungswerk geübt haben. Ich glaube selbst die
Galathee in<lb/>der zweiten Halle, an welcher Rafael die Hauptgestalt
ganz<lb/>und vollständig selber gemalt haben soll, ist von der
Zerstörung<lb/>und der durch sie bedingten verschiedentlich
wiederholten<lb/>Nebermalung ebensowenig frei geblieben, ja von ihnen
vielleicht<lb/>mehr noch betroffen worden als manche Theile in den
Dar-<lb/>stellungen aus der Geschichte der Psyche.<lb/>Die Komposition in
ihrer Meerluft athmenden Fröhlichs<lb/>keit und naturwüchsigen Frische ist
dadurch glücklicher Weise<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0340_333.tif" n="333"/>
<p>= ZZZ -<lb/>nicht angetastet; indessen so ketzerisch es klingen mag, ich
kann<lb/>mir nicht vorstellen, daß das rothe Gewand, welches,
vom<lb/>Windhauch geschwellt, segelartig sich um Galathea aufbauscht,<lb/>gu
Rafael's Zeiten und unter seinen Augen so schwermassig<lb/>ausgesehen haben
soll als jett, wo es eines Sturmes bedürfte,<lb/>um dies Gewand in Bewegung
zu setzen. Ich kann mir nicht<lb/>vorstellen, daß die Luft so wenig hell und
luftig, das Meer<lb/>so einförmig grau und so wenig flüssig ausgesehen
haben<lb/>sollen, daß die Füße der Seerosse kaum eine merkliche Spur<lb/>in
dem Wasser hervorbringen. Und selbst an dem Kopf der<lb/>Galathee müssen,
wie mich bedünken will, wenn ich ihn mit<lb/>anderen Köpfen von Rafael
vergleiche, die mir in der Er-<lb/>innerung sehr deutlich sind,
Nebermalungen vorgenommen<lb/>worden sein. Es ist für mein Auge - aber ich
bescheide mich<lb/>leicht, daß mich dieses trügen kann - in dem Kopf der
Gala-<lb/>thee etwas Kantiges, was z. B. die Nereide nicht hat, und
das<lb/>selbst in den Köpfen der von Rafael gemalten Matronen<lb/>nicht
leicht zum Vorschein kommt. Ich glaube, daß man sich<lb/>vor allen
Freskobildern, wenn sie obenein wie diese in den<lb/>Hallen der Farnesina
den Einflüssen der Luft ausgesetzt gewesen<lb/>sind, zunächst an den
Gesammteindruck zu halten hat; denn von<lb/>dem, was sie gewesen sein
müssen, an dem Tage, da sie zum<lb/>ersten Male das Auge der Betrachter
erblickte, kann nur ein<lb/>schwacher Abglanz noch für uns erhalten
sein.<lb/>Aber in allen Kompositionen von Rafael begegnet man<lb/>der
wahrhaft griechischen Sinnesart, die nicht durch die Massen<lb/>Eindruck
machen, sondern, in der gesonderten Gruppe die<lb/>Gesammtheit
kennzeichnend, durch Beschränkung den Eindruck<lb/>nud die Wirkung zu
erhöhen weiß. Es ist das - neben all<lb/>dem Anderen - eines der
Kennzeichen, welches die neuere,<lb/>auf Rembrandt als ihrem großen Vorbilde
fußende Realisten-<lb/>schule, die in Delacroix einen der größten Meister
aller Zeiten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0341_334.tif" n="334"/>
<p>= ZZg -<lb/>sieht, von den Jdealisten unterscheidet, die in Rafael
und-<lb/>selbst in den voxrafaelischen Malern ihre Vorbilder suchen.
I<lb/>Ich bin auf diese verschiedene Art zu sehen gleich wiedee-<lb/>bei
meiner diesmaligen Ankunft in Rom durch einen unserer -<lb/>bedeutendsten
deutschen Maler hingewiesen worden, der eine<lb/>Zeit hindurch in Rom
verweilte. Auf das Urtheil französischer<lb/>Kunstkritiker und Touristen
gestützt, nannte er Rafael, nicht<lb/>nur im Vergleich zu Rembrandt und zu
dessen Nachfolgern, -<lb/>sondern selbst im Verhältniß zu den neuen
Franzosen und<lb/>namentlich im Vergleich zu Delacroix, ,unbelebt und
kalr!.<lb/>Rafael. sollte nur Akte gemalt haben, nirgend sollte sich in
ihm<lb/>wirkliche Handlung, nirgend der Ausdruck großer Leidenschaft
!<lb/>finden, nirgend ein Ereigniß mit der ganzen Fülle der
Natur-<lb/>wahrheitwiedergegebensein.DerganzeDelacroixFanatismus,<lb/>der im
Jahre 15ö zur Zeit der ersten großen französischen -<lb/>Ausstellung in
Paris im Schwange gewesen war, und alle.<lb/>die oft sehr heftigen
Erörterungen jener Tage kamen dabei<lb/>wieder zur Sprache.<lb/>Das
eigentliche Hauptstück der damaligen DelacroixAlus- -<lb/>stellung war ein
Gastmahl bei irgend einem Herzog oder Bischof<lb/>von Brabant, der bei
diesem Gelage ermordet wurde. Ein-<lb/>wildes, wüstes, vor Qualm- und
Lichteffekten kaum zu unter-<lb/>scheidendes Durcheinander war es in der
That. Man stand<lb/>verblüfft davor und sah es an; und ward noch
verblüffter<lb/>vor der Kritik, die von einem Bilde zu dessen höchstem
Lobe<lb/>sagen mochte: ,sla sgars, osla bruls, esla sns, oela pas
!!<lb/>Grade auf dies Bild wird von den Realisten auch jett
noch<lb/>hingedeutet, um zu beweisen, daß die Constantins-Schlachht,<lb/>in
der ein so wunderbar bewegtes Ringen herrscht, während -<lb/>das Auge doch
die geschickte Gliederung der Massen bald durchs<lb/>schaut, gar keine
Vorstellung von einem Kampfgewühle gebe;<lb/>daß in den Stanzen im Brand des
Borgo Alles unglaublich,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0342_335.tif" n="335"/>
<p>= ZZH =<lb/>gelassen und friedlich vor sich gehe; daß die ganze Masse
des<lb/>Volkes, die dabei betheiligt sei, sich aus einem Dutzend
Figuren<lb/>gsammensetze, und daß von dem Feuer eigentlich gar Nichts<lb/>zu
merken sei. -<lb/>Aber wirkt denn Viel in Wahrheit viel? - und was
ist<lb/>es, das der gebildete Mensch von der Kunst ewwartet? oder<lb/>soll
man sagen, was die Menschheit überhaupt für ihre Bildung<lb/>von der Kunst
zu erwarten hat? - Und damit sind wir denn,<lb/>gleich wieder auf dem Punkt
angekommen, der die beiden<lb/>Richtungen von einander trennt. Ich aber
brauche wohl nicht<lb/>zu sagen, wohin mein Sinn sich neigt.<lb/>Wenn man
vor manchen von Rafael's Arbeiten die maß- -<lb/>volle Bescheidenheit der
Mittel, welche er anwendet, mit der -<lb/>Wirkung vergleicht, die er auf die
Menschen durch Jahrhunderte<lb/>hervorgebracht hat, so sollte man denken,
dies spreche klar und<lb/>entschieden dagegen, daß das Höchste in der Kunst
durch die<lb/>direkteste Wiedergabe des wirklichen Vorganges geleistet
werden<lb/>könne. Wäre das Letztere der Fall, so würde der
wahrscheinlich<lb/>nicht ausbleibende Nachfolger Daguerre's, der es zu
Wege<lb/>brächte, einen Vorgang, während er geschieht, in voller
Lebens-<lb/>größe farbig zu photographiren, der größte Künstler
aller<lb/>Zeiten sein. Die todte Maschine würde die Stelle des
künst-<lb/>lerischen Genius einnehmen, der größte Chemiker würde
der<lb/>größte Künstler sein. Und befremdlich ist mir eine solche
An-<lb/>schauungsweise gar nicht, seit mir ein eifriger junger
Physiolog<lb/>einmal auseinander setzte, daß man aufhören würde,
Gedichte<lb/>zu machen und Romane zu schreiben, wenn die Erkenntniß<lb/>erst
eine allgemeine sein werde, daß all' unser Denken, Em-<lb/>pfinden, Lieben,
Hassen und Begehren gar Nichts wären als<lb/>vhysiologische Vorgänge, von
denen es gar nicht der Mühe<lb/>verlohne, viel Aufhebens zu machen, weil
alle Geschöpfe, wenn<lb/>auch in geringerem Maße, sie mit uns gemein hätten.
Und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0343_336.tif" n="336"/>
<p>==- ZZs -<lb/>er schien nebenher von dieser Erkenntniß einen großen
Ford-<lb/>schritt für die Entwickelung der Menschheit zu erwarten.<lb/>Mir
ist es vor den antiken Statuen und Reliess,<lb/>namentlich aber vor den
Bildern von Rafael immer vorge-<lb/>kommen, als offenbarte sich in ihren
Werken am deutlichsten<lb/>jenes eigentliche Wesen der Kunst, das darin
besteht, mit maß-<lb/>vollstem Aufwande von Mitteln in unserer Seele die
vol<lb/>ständige Vorstellung des Vorganges zu erwecken, der die
Seele<lb/>des Künstlers beschäftigte, und uns in den immerhin
beschränkten<lb/>Andeutungen desselben die ganze Fülle dessen, was der
Künstler<lb/>innerlich erschaute, nachempfinden zu machen. Ja ich
glaube,<lb/>daß man mit dem Wiedergeben der vollen Wirklichkeit,
welches<lb/>jene oben erwähnte Photographir-Maschine denkbarer
Weise<lb/>leisten könnte, die menschltche Phantasie allmählich zu
Grunde<lb/>richten würde, wie der Kanonendonner einer Schlacht
das<lb/>Gehörvermögen lähmt. Die Kunst, welche uns die Wirklichkeit<lb/>so
ganz und voll vor Augen stellte, daß wir sie nur anzusehen,<lb/>anzustaunen
hätten, würde uns jenes unbewußten Mitschaffens<lb/>berauben, welches das
von dem Künstler idealistisch erfaßte<lb/>und darum idealistisch
wiedergegebene Bild des Lebens in uns<lb/>anregt. An die Bilder der modernen
Realisten denkt man,<lb/>je nachdem, mit Lust oder Unlust zurück; aber wenn
ich von<lb/>mir auf Andere oder auf die mit mir gleich
Empfindenden<lb/>schließen darf, deren es ja wohl geben wird, so
beschäftigen sie<lb/>uns weniger als die Darstellungen maßvoller Schönheit;
und<lb/>eben darum behalten wir diese fester in der Erinnerung,
ver-<lb/>gessen wir jene leichter.<lb/>Es ist ganz gewiß, daß die Mehrzahl
der gegenwärtigen<lb/>Maler eine Feuersbrunst anders darstellen würde, als
Rafael<lb/>es in den Stanzen gethan hat. Das:<lb/>,Alles rennet, rettet,
flüchtet,<lb/>Taghell ist die Nacht gelichtetr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0344_337.tif" n="337"/>
<p>- ZZ? -<lb/>würde mehr zur Geltung gebracht werden. Aber einmal
hatte<lb/>Rafael nicht bloß die Aufgabe eine Feuersbrunst, sondern<lb/>bie
Beschwichtigung derselben durch den wunderthuenden Papst<lb/>zu schildern;
und der nackte Jüngling, der sich in der Noth<lb/>von der Mauer
herniederläßt, die Frau, die ihrem Manne<lb/>aus dem brennenden Hause das
Kind zuwirft, der Sohn, der<lb/>den Vater aus den Flammen, die man hinter
der Mauer<lb/>aufschlagen sieht, hinwegträgt, diese Einzelheiten geben
uns<lb/>bie Vorstellung des Vorgangs, ohne uns quälend in ihn
hin-<lb/>einzuziehen. Wir erleben eine Feuersbrunst, ohne ihre Pein<lb/>mit
zu erleiden; sie wirkt auf uns, geläutert von dem Lualm<lb/>und von dem
Rauch, von der Angst und Noth derjenigen, die<lb/>in ihr zu Grunde gingen.
Irre ich mich nicht, so ist diese<lb/>maßvoll geläuterte Wiedergabe der
Wirklichkeit die eigentliche<lb/>Aufgabe der Kunst; denn wirklich all die
Tausende zu malen,<lb/>die in solchen Augenblicken der Noth verzweifelt
durcheinander<lb/>stürmen, vermag kein Künstler. Horace Vernet in dem
ge-<lb/>waltig großen Schlachtbild der Smala kann die Tausende
von<lb/>Menschen, die dort kämpften, Delacroir, in dem Gelage in<lb/>Brabant
kann die Hunderte, die einander dort die Köpfe ein-<lb/>schlugen, doch auch
nur andeutend wiedergeben, und wenn<lb/>man den Begriff ,der Reinigung der
Leidenschaften durch die<lb/>Kunst auf die bildende Kunst übertragen darf,
so kommt es<lb/>mir vor, als ob dies neben den Alten Niemand
vollständiger<lb/>geleistet habe als Rafael.<lb/>Wenn man, um bei Rafael zu
bleiben,z. B. seine jett<lb/>in der Galerie des Palast Borghese befindlichen
Fresken, die<lb/>Hochzeit Alexgnder's und Roxgnens darauf betrachtet, so
ist<lb/>auch diese mit sehr geringen Mitteln uns geschildert, und
doch<lb/>wie anmuthvoll' und wie natürlich! - Ich habe diese
Fresken<lb/>dereinst noch an den Wänden des kleinen Hauses gesehen,<lb/>das
man, vielleicht irrthümlich, die Casa Rafaela nannte, und<lb/>F. Lewald,
Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0345_338.tif" n="338"/>
<p>= ZZs --<lb/>das man sich gefiel, als den Ort zu bezeichnen, in welchem
ee<lb/>mit der Fornarina sein Liebesglück genossen haben sollte.
Die<lb/>Belagerung Roms im Jahre 149 zerstörte das kleine Haus,<lb/>die
Fresken wurden durch einen glücklichen Zufall verschont<lb/>und in die
Galerie Borghese hinüber gerettet.<lb/>Der Gestalten sind, wie gesagt, nur
wenige auf dem<lb/>Bilde. Der schöne gliederschlanke Held in frischer
Mamnes-<lb/>jugend wird von dem Freunde und dem Gott der Ehe zu
dem<lb/>Brautgemache geführt. Er hat die Waffen abgelegt, Liebes-<lb/>götter
treiben ihr Spiel damit. Roxgne, die in dem Besieger<lb/>ihres Volkes und
Landes den eigenen Besieger zu empfangen<lb/>hat, der ihr die Krone bietet,
wird von anderen Liebesgöttern<lb/>entkleidet. Das ist alles so sprechend,
so wahr, so unschuldig<lb/>dargestellt, daß man die reine freudige Erregung
mitempfindet,<lb/>die alle diese lebensvollen, lebensfrohen Gestalten wie
ein<lb/>inneres Sonnenlicht durchleuchtet und erwärmt. Man lächelt,<lb/>wie
Hephästion lächelt, man blickt bewundernd zu Alexgnder<lb/>hinüber, wie
Roxane es thut; und wenn man daneben vor<lb/>diesen und anderen, der
heidnischen Welt angehörenden Dar-<lb/>stellungen Rafael's sich seine
christlich mythologischen Gestalten<lb/>vergegenwärtigt, wie bleibt sich in
allen, welchem Geschlecht<lb/>und welchem Alter sie angehören mögen, trotz
der Verschiedenheit<lb/>des Gegenstandes und der Auffassung, das Gefühl für
die<lb/>Schönheit an sich, für das Maß und die geistige
Keuschheit<lb/>durchweg gleich.<lb/>Die Schönheit in allen Köpfen des
Rafaelischen Sposa-<lb/>lizio in der Brera zu Mailand, die Madonna von
Foligno in<lb/>der Bildersammlung des Vatikan, die Sixtinische
Madonna<lb/>in Dresden, die jetzt nach Petersburg verkaufte Madonna<lb/>aus
dem Hause Conestabile Staffa in Perugia, die Ge-<lb/>stalten auf der
Grablegung in der Galerie Borghese, selbst<lb/>die Köpfe der älteren
Sibyllen, und wieder die Porträts, wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0346_339.tif" n="339"/>
<p>- ZZ -<lb/>bas des schönen Violinspielers in der Galerie Sciarra,
sie<lb/>alle sammt und sonders prägen sich uns durch ihre
frische,<lb/>volle, lebenswarme Schönheit unverlöschbar in das
Gedächtniß;<lb/>und denken wir an sie zurück, so ist es wie das
holdeste<lb/>Erinnern an Jugend, an Unschuld, an Liebe und an
hoffnungs-<lb/>reiches Glück. Man badet sich die Seele rein in dem
Be-<lb/>trachten der Werke Rafael's. Er erhebt und adelt uns indem<lb/>er
uns entzückt.<lb/>Und von dieser Keuschheit der Auffassung ist das
vorher<lb/>erwähnte Gemälde Sodoma's die Hochzeit Alexander's und<lb/>der
Roxgne, in dem oberen Stockwerk der Farnesina auch ein<lb/>erfreulicher
Beweis. - Rafael hatte den Gegenstand ganz<lb/>antik gedacht und ihn für das
kleine Kasino auch ganz antik,<lb/>fast mit der Einfachheit der
pompejanischen Wandmalereien<lb/>ausgeführt. Sodoma hatte ihn für einen
großen Raum in<lb/>einem Palast darzustellen. Er hatte ein großes Gemälde
zu<lb/>machen, das obenein von zwei gegenüberliegenden großen<lb/>Fenstern
sein scharfes Licht erhält. Das forderte mehr und<lb/>lebensgroße Figuren,
forderte eine andere Komposition, eine<lb/>reichere Ausschmückuug und
prächtigere Farben.<lb/>Das bräutliche Lager auf dem Sodoma'schen Bilde
ist<lb/>mit königlicher Pracht geschmückt. Unter schwerem Thron-<lb/>himmel
auf üppigen Polstern, reich gekleidet harrt die Er-<lb/>wählte des Königs.
Er tritt ein. Sie richtet sich empor<lb/>und wendet sich nach ihm hin, ihn
zu empfangen. Die leb-<lb/>hafte Bewegung macht die Schleier niedersinken,
die sie über<lb/>sich geworfen hat; aber der Genius der Liebe hat das
zarte<lb/>Gespinnst eben so schnell ergriffen, und mit zierlicher
Hand<lb/>verhüllt er den Busen und die Schulter, welche die
eber-<lb/>raschung der Jungfrau dem Blick des Siegers, ehe er
es<lb/>begehrte, Preis gegeben hatte.<lb/>Es muß ein großes Glück sein,
dauernd in Räumen zu<lb/>W<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 26</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0347_340.tif" n="340"/>
<p>- ZIß -<lb/>wohnen, welche mit solcher Schönheit ausgestattet sind.
=-<lb/>Manche der neueren Zuthaten und Erwerbungen des
jettigen<lb/>Besityers, wie z. B. große, an sich nicht häßliche
lebensgroße<lb/>und farbige Statuen in englischer Terrakotta, stechen
nicht<lb/>zu ihrem Vortheil von der alten Herrlichkeit des Hauses ab.<lb/>Es
sind aber auch einige werthvolle alte Gemälde und mancher<lb/>schöne alte
Hausrath in den Wohngemächern; und jeden<lb/>Falls ist der Gesammteindruck,
den man jetzt empfängt, wohl-<lb/>thuender als jener, den man vor einem
Menschenalter aus<lb/>der Verfallenhetnn der Farnesina mit nach Hause nahm.
Da-<lb/>mals mußte man den Untergang der sämmtlichen Fresken<lb/>fürchten.
Jetht hingegen darf man hoffen, diese Werke<lb/>Rafael's noch der
Bewunderung kommender Geschlechter er-<lb/>halten zu sehen, welche ohne das
Dazwischenkommen des<lb/>gegenwärtigen Besitzers der Zerstörung in nicht zu
ferner Zeit<lb/>sicher entgegengegangen wären.<lb/>Hecusunlzuallzhgs==-
==s-<lb/>--fs=- Nsss<lb/>Ktelier-Einrichtungen und das Atelier von
Simeratky<lb/>in Rom.<lb/>Rizza, den 1. Mai 1778.<lb/>Was ich Ihnen in dem
vorigen Briefe von dem Einfluß<lb/>der Umgebung auf die Wirkung eines Bildes
hervorgehoben<lb/>habe, das bringt mich auf Erörterungen zurück, die in
Rom<lb/>oftmals zwischen uns zur Sprache gekommen sind.<lb/>Es ist eine
Reihe von Jahren her, daß man an allen<lb/>Schauläden Kupferstiche aushängen
sah, welche die Ateliers<lb/>von Leonardo da Vinci und von anderen großen
Malern<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0348_341.tif" n="341"/>
<p>=- ZI -<lb/>barstellten. Ich weiß im Augenblicke nicht von welchen.
Die<lb/>Künstler erschienen in denselben in schön verzierten
Räumen<lb/>wohlgekleidet. Sie malten vornehme Leute, Könige und<lb/>Fürsten;
prächtig anzusehende Männer und Frauen leisteten<lb/>ihnen bei ihren
Arbeiten Gesellschaft. Es war ein Leben,<lb/>wie man es sich gefallen lassen
und wünschen konnte. Wenn<lb/>man es mit den Werkstätten verglich, in denen
man gewohnt<lb/>war, die befreundeten Maler gelegentlich aufzusuchen, so
gefiel<lb/>es Einem nur noch besser, und man kam auf die Sage
zurück,<lb/>nach welcher Buffon sich immer in ein großes Kostüm
ge-<lb/>worfen haben sollte, so oft er sich vor seinem Schreibtisch
zur<lb/>Arbeit an seinem großen Werke niedergesett.<lb/>Ganz unbedingten
Glauben hatte man nicht daran, daß<lb/>Rafael immer im Sammetrock und im
Barett, daß Rembrandt<lb/>und Rubens gerade immer im Federhute und mit
großem<lb/>Kragen vor der Staffelei gestanden haben würden. Man<lb/>dachte
sich wohl, daß Rubens, der seine schöne Helena For-<lb/>mann so fröhlich auf
den Knieen gewiegt, doch bisweilen auch<lb/>mit aufgelöstem Haar und offener
Brust es sich in seiner<lb/>Werkstatt bequem gemacht haben würde; aber wenn
man die<lb/>kahlen, ganz grauen, oft auch schmutigen Wände der
zeitge-<lb/>nössischen Malerwerkstätten betrachtete, und die bisweilen
recht<lb/>vernachlässigte Kleidung der Meister vor Augen hatte, so
fiel<lb/>Einem wohl der Ausspruch ein, daß ,der Stil der Mensch<lb/>sei',
und man war geneigt, dem Satze die rückbildende, gewiß<lb/>berechtigte
Wendung zu geben, ,so wie der Mensch, so ist<lb/>sein Stll'.<lb/>Nun kam
dazu die immer wiederkehrende Klage der<lb/>Maler gegen die
Kunstausstellungen, in denen ein Bild das<lb/>andere todtschlüge, in denen
kalt und farblos erschien, was<lb/>daheim in der Werkstatt warm und farbig
gewirkt hatte; und<lb/>unberechtigt waren diese Klagen nicht. Aber wie das
oft<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0349_342.tif" n="342"/>
<p>- ZIZ -<lb/>geschieht, man klagte, obschon man wußte, daß an der Art
dee<lb/>Ausstellung nichts Wesentliches zu ändern sein würde, da es<lb/>ja
unmöglich war, jedes Bild für sich selber und in einem<lb/>besonderen Gemach
zur Geltung zu bringen; und trotzdem<lb/>verging eine lange Zeit ehe einer
der Maler darauf verfiel.<lb/>seine Werkstatt und die Ausstellungsräume
einander versuchs<lb/>weise so weit möglich anzuähnlichen. Es war eine
Geschichte<lb/>wie mit dem Ei des Columbus!<lb/>Jeder hätte sich es sagen
können, daß Bilder, die auf<lb/>kahler grauer Fläche entstanden und auf
dieser farbig genug<lb/>erschienen waren, blaß und fahl und lichtlos und
schwach er-<lb/>scheinen mußten, wenn sie von starken Farben in allen
ersinn-<lb/>lichen Tönen und Abstufungen umgeben wurden.
Michts-<lb/>destoweniger hatte jener Maler eine große Entdeckung
und<lb/>einen wesentlichen Fortschritt zur Erhöhung und Vertiefung<lb/>der
Farbe in den neueren Malerschulen gemacht, der darauf<lb/>verfallen war, die
Wände seiner Werkstatt in einem tiefen<lb/>pompejanischen Roth anstreichen
zu lassen. Wenn man nur<lb/>wüßte, wer dieser Entdecker gewesen sein mag!
-<lb/>Was aber auf dem rothen Grunde sich gut ausgenommen<lb/>hatte, kam in
der Ausstellung oder in dem Saale des Bilder-<lb/>käufers neben einem
Gemälde zu hängen, in welchem vielleicht<lb/>blaue oder gelbe Farbentöne die
Herrschaft hatten: und -<lb/>den ersten Schritt aus dem farblosen Atelier in
das farbige<lb/>einmal gethan, war der zweite leicht gemacht. Man fing
an,<lb/>die Ateliers wie Säle auszuschmücken, alte Gobelins,
alte<lb/>Waffen, allerlei bunter Kram wurden zusammengetragen,<lb/>man malte
mitken unter Farben aller Art. = Die alten<lb/>Maler von der leeren, grauen,
strengen Observanz schrieen<lb/>Zeter und Wehe über den hohlen,
aufgebauschten Charlataniss<lb/>mus der sogenannten Koloristen und ihrer
Werkstätten, die<lb/>wie Trödlerbuden anzusehen wären. Aber obgleich ich,
wie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0350_343.tif" n="343"/>
<p>- ZgZ -=-<lb/>ich Ihnen später vielleicht noch auseinanderzusetzen denke,
weit<lb/>davon entfernt bin, zu der Fahne derjenigen unter den<lb/>neueren
Malern zu schwören, denen das Motiv gleichgültig<lb/>und nur die
Naturwahrheit und die Farbe wichtig sind, ist es<lb/>nicht abzuleugnen,
sondern es ist höchst erfreulich anzuerkennen<lb/>welche außerordentlichen
Fortschritte die Malerei seit einem<lb/>Menschenalter in Frankreich und
Belgien gemacht hat, wie<lb/>Jtaliener, Deutsche und Engländer ihnen rüstig
nachfolgen,<lb/>und wie unter den jüngeren Spaniern sich ebenfalls eine
neue<lb/>und bedeutende Malerschule hervorthut.<lb/>Daß hierauf, soweit es
die Vertiefung der Farben betrifft,<lb/>die farbig aufgeputzten Werkstätten
von großem Einfluß ge-<lb/>wesen sind, glauube ich so gewiß, als daß man
vielleicht es<lb/>bald nicht mehr nöthig haben wird, jeder Werkstatt
einen<lb/>solchen farbigen Hintergrund zu geben, wenn unser Auge,<lb/>d. h.
in diesem Falle vor Allem das Auge der Künstler, sich<lb/>wieder an kräftige
Farben gewöhnt haben wird.<lb/>Wie sehr man von der Farbe abgekommen war,
das. ist<lb/>mir z. B. immer vor den Landschaftsbildern von Hackert,<lb/>von
Blechen, ja vor allen Porträts und selbst vor den histo-<lb/>rischen Bildern
der Zeit aufgefallen, in welcher die Düssel-<lb/>dorfer und Münchener Schule
neues Leben in die deutsche<lb/>Kuust hineinbrachten; und es ist höchst
charakteristisch, daß<lb/>der größte Meister dieser Schule, daß Peter von
Cornelius<lb/>von der Farbe eigentlich gering dachte. Erst in seinen
lettten<lb/>Lebensjahren soll er größeren Werth auf das eigentliche
Malen<lb/>und auf die Farbe zu legen angefangen haben. Als wir<lb/>gegen das
Ende der vierziger Jahre ihm einmal bei einem<lb/>Gange durch den
Thiergarten in Berlin begegneten und auf<lb/>gemalte Statuen zu sprechen
kamen, meinte er, das sei doch<lb/>wohl die roheste Darstellungsweise in der
Kunst. Die Skulptur<lb/>habe schon an und für sich etwas sehr Materielles,
indem sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0351_344.tif" n="344"/>
<p>== Zgg -<lb/>mit fester Masse die ganze volle Form in ihrer
massigen<lb/>Wirklichkeit wiedergebe. Die Malerei, welche auf der
Fläche,<lb/>durch die Kunst, den Schein der Wirklichkeit darstelle,
sei<lb/>schon geistiger; aber eine vollkommene Zeichnung leiste
im<lb/>idealen Sinne der Kunst doch das Höchste und wirke eben<lb/>deshalb
auch am reinsten und idealsten.<lb/>Solche Aussprüche darf man in der Regel
nicht als<lb/>Glaubensartikel aufnehmen, da sie oft von
augenblicklichen<lb/>Stimmungen erzeugt werden; sie bleiben jedoch
Kenn-<lb/>zeichen der Sinnesrichtung, wie jedes Extrem. Abzustreiten<lb/>ist
es nicht, daß man jett auf dem Wege ist, die Werth-<lb/>schätzung der Farbe
im Kunstwerk, und ebenso auch die Aus-<lb/>schmückung der Ateliers zu
übertreiben, daß man hie und da<lb/>nahe daran ist, aus derselben eine
Hauptsache zu macsen,<lb/>und daß in Rom verschiedentlich die Frage an mich
gerichte<lb/>worden ist, ob ich dieses oder jenes Malers Atelier
gesehen<lb/>habe, das so und so viele ganz prächtig eingerichtete
Zimmer<lb/>enthalte? Von den Bildern war dabei nur in zweiter Reihe<lb/>die
Rede, obschon sie in erster Reihe genannt zu werden ver-<lb/>dient
hätten.<lb/>Dies Letztere galt im wahrsten Sinne auch von dem<lb/>polnischen
Maler Siemieratky, der im März in seiner Werk<lb/>statt die Bilder
ausgestellt, welche er für die Pariser Aus-<lb/>stellung bestimmt hatte. Es
war seiner Zeit in Berlin viel<lb/>von seinem großen historischen Bilde, von
den ,Fackeln des<lb/>Nerorr, die Rede gewesen, das zu sehen, Krankheit mich
gehindert<lb/>hatte. Ich ließ es mir also in Rom doppelt angelegen
sein,<lb/>die Bilder des Meisters kennen zu lernen, denn mit
einem<lb/>Meister hat man es in Siemieratzky in der That zu thun.<lb/>Sein
Atelier liegt in der Via Margutta, einer der<lb/>Straßen, die wie Via und
Vicolo di S. Nicolo di Tolentino<lb/>im Erdgeschosse Haus bei Haus eine
Bildhauerwerkstatt, und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0352_345.tif" n="345"/>
<p>= ZIh --<lb/>in den übrigen Stockwerken ebenso Haus bei Haus
Maler-<lb/>ateliers enthalten. Da wird geklopft, gesägt und
gemeißelt;<lb/>da riecht es nach Delfarbe und nach Firniß; da liegen
Mar-<lb/>morblöcke, Gyps- und Thonklumpen, stehen Kisten in jeder<lb/>Form
und Größe, da merkt man es, daß man sich in der<lb/>Stadt befindet, die eine
der großen, wenn nicht die größte<lb/>Kunstwerkstatt der Erde ist.<lb/>Zu
Siemieratzky's Atelier steigt man durch einen der<lb/>wunderlichen,
vielgetreppten, mit kleinen Bäumen bepflanzten<lb/>terrassirten Winkel
hinauf, denen man außerhalb Jtaliens<lb/>selten einmal begegnet. Wir
öffneten die Thüre, und in<lb/>einem sehr reich mit persischen Teppichen
behängten, mit<lb/>Divans, mit Sesseln und vielen Bric d
Brac-Herrlichkeiten<lb/>versehenen Raume stand im Mittelpunkt desselben das
große<lb/>Bild vor uns, das -- selber eine Bric d BracSammlung<lb/>aus der
antiken römischen Zeit - unter dem Titel des ,an-<lb/>tiken Kunstfreundesr
in der diesjährigen römischen Gesellschaft<lb/>einen der Gegenstände des
Tagesgesprächs bildete und große<lb/>Anerkennung fand.<lb/>Mitten in einem
noch reicher ausgestatteten Raume als<lb/>derjenige, in welchem wir uns
befanden, sitzt ein Römer, eine<lb/>schöne Gestalt in reifen Mannesjahren,
ein feiner ausdrucks-<lb/>voller Kopf. Er hält eine Vase von seltener Masse
und<lb/>eigenartiger Form in seinen Händen. Kunstwerke,
Statuetten,<lb/>Lampen, Papyrus-Rollen, Krüge aller Art, sind an den
Wän-<lb/>den und neben ihm auf dem Tische aufgehäuft. Zur rechten<lb/>Seite
des Bildes, ein wenig in den Hintergrund gerückt, steht<lb/>ein Jüngling in
farbigen Gewändern, das eine Knie auf den<lb/>von ihm geschaukelten Sessel
gestützt. Man sieht, beide<lb/>Männer waren mit der Betrachtung der Vase
beschäftigt ge-<lb/>aaarrirr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0353_346.tif" n="346"/>
<p>=- ZIs -<lb/>dargeboten hatte. Aber ein Zwischenfall hat die ruhige
Prds<lb/>fung des Kunstwerks unterbrochen. Von der linken Seih<lb/>des
Bildes ist ein anderer Händler eingetreten. Auch ee<lb/>rechnet auf den
Schönheitssinn, auf die Besitzeslust mnd auf<lb/>das Geld des reichen
Römers. Er führt ihm eine junge<lb/>schöne Sklavin zu. Mit dreister Hand dem
sich sträubenden<lb/>Mädchen das Gewand von den Schultern nehmend,
während<lb/>es mit unwillkürlicher Bewegung des erhobenen Armes
das-<lb/>selbe zurückzuhalten oder sich mit dem Arme zu
verdecken<lb/>trachtet, entblößt er den reizenden Körper der Sklavin
vor<lb/>dem Blick der beiden Männer. Sie sind Beide von der<lb/>Schönheit
des Mädchens überrascht und geblendet. Der<lb/>Kunstfreund hält die Vase in
der Hand, schwankend, für<lb/>welchen Gegenstand, für welchen Ankauf er sich
entscheiden<lb/>solle, doch meinen wir ihm anzusehen, daß die Vase den
Sieg<lb/>behaupten werde. Die Wahl des Jünglings würde, nach<lb/>seinen
leuchtenden Blicken zu schließen, wahrscheinlich eine<lb/>andere sein, aber
das Auge des Sklavenhändlers hängt for-<lb/>schend und ausschließlich an des
älteren Mannes Mienen, auf<lb/>dessen Wohlgefallen an der Sklavin er seine
Rechnung ge-<lb/>macht hat. - Das ist Alles sehr schön gemalt. Der
Aus-<lb/>druck in den Köpfen der verschiedenen Personen ist, bis aus<lb/>die
in allen solchen Darstellungen unberechtigte und über-<lb/>triebene
Verschämtheit der Sklavin, sehr bezeichnend. Man<lb/>vergißt den Kopf des
antiken Kunstfreundes nicht leicht; man<lb/>erinnert ßch wahrscheinlich des
Raumes, in dem er sich be-<lb/>findet, lange. Man hat mit dem Bilde
möglicher Weise eine<lb/>auf ernsten Studien beruhende Darstellung aus der
alten<lb/>Welt erhalten. Das theegrüne Gewand des Jünglings
sticht<lb/>hübsch gegen das Untergewand und den jugendlichen Kopf<lb/>und
Körper ab. Die Sklavin ist ein schöner Mädchenleih,<lb/>der Arm, den sie
emporhebt, ist so plastisch und so rund her-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0354_347.tif" n="347"/>
<p>=- ZFF -<lb/>vortretend, daß man ihn anfassen zu können meint und
sich<lb/>kaum wundern würde, wenn er sich bewegte. Aber - in<lb/>sich wahr
dünkt mich der Vorgang nicht, und darum glaube<lb/>ich ihn für die Dauer
auch nicht fesselnd. Es ist ein mit<lb/>Meisterschaft gemaltes, mit Absicht
zusammengestelltes Allerlei.<lb/>Die Menschen in dem Bilde, so schön sie
sind, gehören mit<lb/>in die Ausstaffirung. Der Vorgang ist erfunden, um
solche<lb/>Menschen in solche Umgebung hineinmalen zu können. Dem<lb/>Bilde
liegt kein zusammenhängender, kein uns ergreifender<lb/>Gedanke zu Grunde,
und die Größe der Gestalten macht die<lb/>Kleinheit und Geringfügigkeit des
gemalten Gegenstandes nur<lb/>noch fühlbarer. Trotz all seiner
Farbenherrlichkeit kommt<lb/>das Bild mir geistig leer vor; und ganz
dasselbe möchte ich<lb/>von dem zweitcn Bilde behaupten, das ebenfalls für
Paris<lb/>bestimmt war.<lb/>Eine vornehme Römerin, auch aus der
altrömischen<lb/>Welt, ist bereit, in eine reich geschmückte Gondel
einzusteigen.<lb/>Eine andere noch jüngere Schöne sitzt bereits in der
Barke<lb/>und sieht unter dem Zeltdach mit einladendem, Blicke zu
dem<lb/>Beschauer hinaus. Ein Knabe lagert auf dem Gelände am<lb/>Hafen. Ein
Bettler, eine Tafel um den Hals gehängt, welche<lb/>die Leidensgeschichte
des Schiffbruchs darstellt, den er erlitten<lb/>hat, spricht die vornehme
Dame um ein Almosen an; und<lb/>das blonde Haupt mit den halbgeschlossenen
Augen ein wenig<lb/>nach ihm hingewendet, schreitet sie an ihm vorüber.
Wie<lb/>das erste Bild durch die Tiefe der Farben wirksam ist, so ist<lb/>es
das zweite durch sein helles Licht und durch die fast durch-<lb/>sichtige
Klarheit desselben. Indeß auch dies Bild kommt mir<lb/>für sein Motiv zu
groß vor. Es gehört für Denjenigen, der<lb/>in einem Kunstwerk mehr zu
finden verlangt als einen an-<lb/>genehmen Eindruck auf die Sinne, in den
Bereich der schönen,<lb/>farbigen Schaugerichte. Man erinnert sich ihrer,
erinnert sich<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0355_348.tif" n="348"/>
<p>ZgZ -<lb/>ihrer sogar gern, ohne daß sie irgend Etwas in uns
geförder<lb/>oder wachgerufen hätten.<lb/>Ein drittes nicht vollendetes
Bild, mit Gestalten, die<lb/>kaum halbe Lebensgröße haben, hatte für mich
einen<lb/>bei weitem größeren Reiz, weil Inhalt und Umfang
einander<lb/>besser entsprachen. Eine Gesellschaft von Männern -
eben-<lb/>falls altrömischen - sind in der weinumrankten Veranda
vor<lb/>einer Villa, die, irre ich nicht, auf das Meer hinausschaut,<lb/>um
ein Mahl gelagert, und sehen dem zierlichen Gliederspiel<lb/>einer, nur mit
einem Schurze bekleideten schönen Sklavin zu,<lb/>die sich zwischen den in
dem Boden aufgesteckten Messern in<lb/>geschicktem Tanze mit sicherer Anmuth
ihren Weg sucht. -<lb/>Wenn die Ausführung, wie das bei Siemieratzky nicht
anqers<lb/>zu erwarten ist, der Arbeit ihren letzten Glanz verleiht, wird
dies<lb/>Bild ein sehr gefälliges werden. Alle diese Bilder sind
jedoch,<lb/>obschon man sich darin gefällt, sie als historische Bilder
zu<lb/>bezeichnen, so weit ich es verstehe, trotz ihrer Größe,
Genre-<lb/>bilder. Es ist nicht der Umfang, sondern die Art des
Ge-<lb/>dankens, die einem Bilde das historische Gepräge giebt.
Das<lb/>Porträt Bertin de Vaux's, des Begründers der Debats, von<lb/>Ingres
gemalt; Adolf Menzel's ,Friedrich der Große und<lb/>seine Tafelrunderr sind,
obschon das erstere nur ein reines<lb/>Porträt ist, und die Figuren auf dem
andern nur klein sind,<lb/>fraglos historische Bilder. Daß aber Siemierazky,
der sich<lb/>für die Pariser Ausstellung in solchen großen
Genrebildern<lb/>aus der antiken Welt erging, auch des wirklichen
historischen<lb/>Erfassens fähig ist, das konnte man mit wahrhafter
Genugs<lb/>thuung an dem untermalten Christusbilde erkennen,
welches,<lb/>vorläufig noch dem Auge der Besuchenden ferngerückt,
hoch<lb/>oben von der Seitenwand herniedersah, und meine Blicke
ge-<lb/>waltsam an sich festhielt, während unten rund um mich her<lb/>eine
elegante Gesellschaft vornehmer Männer, schön geputzter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0356_349.tif" n="349"/>
<p>==- Zg9 --<lb/>Frauen, Offiziere und Geistliche, mit und ohne
Ordenszeichen,<lb/>mit und ohne Augengläser, in aller Länder und
Völker<lb/>Sprachen das Lob des in der That sehr tüchtigen
Meisters<lb/>verkündete. Ein Buch war neben einem Schreibzeug auf<lb/>einem
mit persischer Decke behängten, reich mit schönen<lb/>Geräthschaften und
frischen Blumen bestellten Schreibtisch auf-<lb/>gelegt. Eine kostbare
Schaale daneben war für die Visiten-<lb/>karten bestimmt. Man schrieb seinen
Namen ein oder gab<lb/>seine Karte ab. Der Meister hatte ,Empfang' nach
neuer<lb/>römischer Künstlersitte, ohne, wie es sonst wohl geschieht,
in<lb/>Person zu empfangen. - Es war so Etwas, wie in den<lb/>Bildern von
Leonardo's und der anderen Maler Ateliers,<lb/>wie in den Kupferstichen,
deren ich zu Anfang dieses Briefes<lb/>gedachte.<lb/>Während ich nun so da
stand und mir die Herrlichkeiten<lb/>der Werkstatt und die vollendeten und
unwollendeten Bilder<lb/>und die bunte Fremdengesellschaft betrachtete,
drängte sich mir<lb/>imnerlich, durch eine sehr natürliche
Gedankenverbindung, die<lb/>Frage auf: Worin liegt es, daß die Bilder von
Veronese,<lb/>daß seine Festgelage, daß seine Hochzeit von Gana, die
doch<lb/>auch nichts als ein Festgelage, als eine Art von Vorwand<lb/>für
die Darstellung schöner Menschen in reicher Kleidung<lb/>innerhalb
architektonisch schöner Umgebung ist, worin liegt es,<lb/>daß diese Vorwürfe
entschieden anders auf uns wirken als<lb/>diese neueren, an sich gauz
vortrefflichen Bilder? Daß es<lb/>uns nicht einfallen kann, sie genrehaft zu
finden, daß wir sie<lb/>unbedingt als historische Bilder betrachten? Daß es
uns kaum<lb/>auffällt, geschweige denn stört, wie der Heiland in
seinem<lb/>traditionellen Gewande mitten unter den schön
gekleideten<lb/>Venetianern an der Tafel sitzt? Daß dieses Absehen
von<lb/>der historischen Wirklichkeit, neben der anderweitigen
Neber-<lb/>legtheit und Durchdachtheit des Bildes und seiner Aus-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0357_350.tif" n="350"/>
<p>= ZJß -<lb/>führung, unsern Genuß durchaus nicht beeinträchtigt?
Worin<lb/>liegt es, daß diese Bilder uns, so wie sie sind,
naturwüchsig<lb/>erscheinen, und daß wir sie auf uns eben deshalb
unbefangen<lb/>wirken lassen?<lb/>Vor den Nerobildern von Kaulbach und von
Piloty,<lb/>vor den Bildern von Tadema und von Siemieratzky fragen<lb/>wir
uns, vielleicht eben weil ihnen die genauen historischen<lb/>Studien der
Künstler zum Grunde liegen: war es denn da-<lb/>mals so? sah es so aus, wie
sie es schildern? =- Es wird<lb/>ein historisches, ein ethnographisches
Interesse in uns an-<lb/>geregt. Dem Studium des Künstlers, das wir nicht
über-<lb/>sehen können, tritt unser prüfendes Urtheil, tritt der
Zweifel<lb/>entgegen; und gelingt es dem Bilde, diesen in uns zu
über-<lb/>winden, so sind wir in erster Linie mit dem Wissen des<lb/>Malers
und mit unserer Belehrung zufrieden. Vor der<lb/>historischen
Unbekümmertheit der alten Meister fragen wir uns<lb/>gar Nichts. Es ficht
uns nicht an, wenn die Tracht der<lb/>Kriegsknechte, die den Heiland
umgeben, eine völlig unge-<lb/>hörige ist; wenn auf den Bildern die Juden
wie italienische<lb/>Bürger gekleidet sind; wenn der schöne Jüngling der
auf<lb/>dem Rafaelischen Sposalizio den Stab über seinem Knie
zer-<lb/>bricht, die Tracht eines ritterlichen Pagen trägt. - Wir<lb/>nehmen
es einfach, wie sie es bieten. Wir glauben, wie sie<lb/>glaubten. Was ihnen
die Hauptsache war, wird dies auch<lb/>für uns; und vielleicht ist es gerade
die Unbefangenheit, mit<lb/>welcher die ganze Kraft ihrer Phantasie auf ein
Ziel, auf<lb/>ihr bestimmtes Ziel gerichtet ist, die unsere Phantasie
in<lb/>Banden schlägt und uns dazu bringt, uns nach dieser Seite<lb/>hin
kritiklos und rein genießend ihnen hinzugeben.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 27</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0358_351.tif" n="351"/>
<p>= ZH! -=<lb/>iebenunlzwanzgs« »mef.<lb/>T=s- I<lb/>Die Ateliers von Vertunni,
Antokolski und Epekiel<lb/>in Rom.<lb/>Nizza, den W. Mai 187s.<lb/>In dem
Rückerinnern an das alte, uwwergleichliche,<lb/>geliebte, ungesunde Rom habe
ich Ihnen neulich von der<lb/>Werkstatt eines nicht deutschen Künstlers
gesprochen; ich will<lb/>auf dem Wege fortfahren und Ihnen, heute noch, ehe
ich gen<lb/>Norden ziehe, von eines Jtalieners, eines Russen und
eines<lb/>Deutsch-Amerikaners Atelier ein paar Worte sagen<lb/>Zunächst von
Vertunni, der sein Atelier auch in der<lb/>Via Margutta hat. Er ist, nach
dem Urtheil seiner Lands-<lb/>leute und der anderen Künstler, der erste
unter den italienischen<lb/>Landschaftern, und daneben ein feiner,
geistreicher und sehr<lb/>gebildeter Mann auf des Lebens schöner Mittelhöhe.
Er hat<lb/>sich, wie fast alle neueren Jtaliener, nach den Franzosen
ge-<lb/>bildet, aber mir erscheint seine Auffassung der Landschaft,
soll<lb/>ich sagen, lyrischer oder sinniger als die der Franzosen,
so<lb/>weit ich dieselbe kenne. Er hat viel von der Welt gesehen,<lb/>hat
mit verständnißvoller Hingabe an die Natur ihre<lb/>wechselnden
Erscheinungen in sich aufgenommen. Land und<lb/>Meer, Berg und Thal, Sturm
und Sonnenschein weiß er,<lb/>immer stylvoll und immer deutlich zu uns
sprechend, fein und<lb/>kraftvoll wiederzugeben. Ich habe orientalische
Bilder von<lb/>ihm gesehen, die in ihrer gewagten farbengewaltigen
Nach-<lb/>ahmung augenblicklicher Beleuchtungen an Hildebrand
er-<lb/>innerten, und daneben so sanste, vom Sonnenlichte
kaum<lb/>durchdrungene Frühnebel auf dem Meere, daß ein alter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0359_352.tif" n="352"/>
<p>== ZIF -<lb/>Niederländer oder daß Dücker sie auf seinen
träumerischen<lb/>Marinen nicht naturwahrer gemalt hat. Dazu ist er
auch<lb/>nicht einförmig in dem Format, ich meine nicht in der
Größe<lb/>seiner Bilder, obschon nicht allen Malern so wie ihm
kleine<lb/>und große Arbeiten gleich gut gelingen. Aber es liegt in<lb/>der
Art und Weise der üblichen, regelmäßig oblongen Land-<lb/>schaftsbilder
zuletzt, ohne daß man sich dessen immer klar<lb/>bewußt wird, etwas
Ermüdendes. Es langweilt schließlich,<lb/>immer die Bilder von s Fuß Länge
und S Fuß Höhe, oder<lb/>dies nämliche Verhältniß auf größere Dimensionen
übertragen,<lb/>vor Augen zu sehen; und wenn dies auch nicht das
Wesentliche<lb/>an der Leistung und dem Werthe eines Kunstwerkes ist,
ist<lb/>es nicht ohne Einfluß auf den Antheil, welchen wir an
dem-<lb/>selben nehmen.<lb/>Es begegnet uns ja oftmals bei unserm Wandern,
daß<lb/>wir durch eine mäßige Weitung einen überraschenden und<lb/>eben,
weil er eng umrahmt ist, um so schöneren Ausblick in<lb/>das Freie gewinnen.
Es kommt vor, daß wir von einem<lb/>bestimmten Standpunkte eine
verhältnißmäßig lang ausge-<lb/>dehnte Strecke vor uns sehen. Gelingt es dem
Maler, uns<lb/>dies in einem Bilde, das beträchtlich höher als breit ist,
oder<lb/>in einem Bilde, das, von der Regel abweichend,
beträchtlich<lb/>länger als hoch ist, zu verdeutlichen, so trägt er zur
Belebung<lb/>dessen, was wir in der Wirklichkeit gesehen haben,
ganz<lb/>entschieden bei, und erspart uns die Langeweile des ewigen<lb/>s
Fuß zu Fuß.<lb/>Vertunni hat diese Abweichung von dem Herkommen,<lb/>das so
leicht handwerksmäßig wirkt, in vielen der Bilder, die<lb/>ich in der Reihe
von Sälen gesehen habe, welche sein Atelier<lb/>ausmachen, mit großem Glücke
ausgeführt. Auch in anderen<lb/>Werkstätten, wie in der unseres Landsmanns
Lindemann-<lb/>Frommel, habe ich verschiedenformige schöne Bilder gesehen,
die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0360_353.tif" n="353"/>
<p>= ZHZ -<lb/>nach Karlsruhe und nach Paris gegangen sind. =- Leider<lb/>waren
durchweg in diesem Jahre in den Ateliers mehr Bilder<lb/>anzutreffen, als
den Künstlern lieb sein konnte, so sehr es uns<lb/>zu Statten kam. Die Zahl
der Fremden war geringer als<lb/>in anderen Zeiten. Die Russen und ihre
südwestlichen Grenz-<lb/>nachbarn fehlten. Auch Amerikaner waren weniger als
sonst<lb/>in Rom, und die politischen Verhältnisse machten die Leute<lb/>zu
Ausgaben nicht geneigt, die unterlassen werden konnten.<lb/>Dazu winkte aus
der Ferne die Pariser Kunstausstellung, und<lb/>nach dieser sind denn auch
viele der Bilder hingesendet worden,<lb/>an denen wir im Winter uns in Rom
erfreuen durften.<lb/>Abgesehen aber von seinen Gemälden ist
Vertumni's<lb/>Werkstatt eines der ausgewähltesten Museen für das
Kunst-<lb/>handwerk, für das er Vorliebe hat, und dessen
Herunter-<lb/>kommen in den letzten Jahrhunderten er auf die
gesamnmten<lb/>politischen und sozialen Verhältnisse zurückführt. Die
Unter-<lb/>haltung über diesen Gegenstand, in die wir uns völlig
unge-<lb/>sucht und zufällig mit dem uns damals noch fremden
und<lb/>tiefdenkenden Manne verwickelt fanden, zog mich eben so sehr<lb/>als
seine Bilder an. Er hat seiner Zeit mit seiner Person<lb/>für die Befreiung
seines Vaterlandes eingestanden, hat, wie<lb/>so Viele von uns, an die
Möglichkeit geglaubt, große soziale<lb/>Umgestaltung durch guten
opferfreudigen Willen rasch voll-<lb/>bracht zu sehen, und steht jetzt,
wieder ebenso wie Viele von<lb/>uns, mit schmerzlichem Zweifel vor den
großen Fragen, deren<lb/>Lösung, vor den Hoffnungen, deren annähernde
Verwirk-<lb/>lichung die Zukunft der Menschheit noch zu bringen hat.<lb/>Ich
habe in diesen Briefen schon einmal von der durch<lb/>die Jahrhunderte
vererbten Handgeschicklichkeit, von der Kunst-<lb/>fertigkeit und dem
feinfühligen Schönheitssinn der Römer<lb/>gesprochen. Vertunni's Sammlungen
sind dafür ein herr-<lb/>licher Beleg. Denn von dem Betrachten seiner
Arbeiten und<lb/>J. Lew ald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0361_354.tif" n="354"/>
<p>ZHT -=-<lb/>seiner Kunstschäte, seiner Truhen, seiner inkrustirten
Möbel,<lb/>seiner schönen Teppiche und Waffensammlungen kommend,<lb/>findet
man die Fortsetzung dieses künstlerischen Könnens an<lb/>allen Ecken und
Enden. An allen Ladenfenstern hängen<lb/>Bilder, Aauarelle und Delgemälde
jeder Art, von Jtalienern<lb/>gemacht, zum Kaufe aus. Es ist meist
Mittelgut, es sinh<lb/>meist Veduten, kleine Genrebilder, einzelne Figuren
in dem<lb/>und jenem Kostüm. Indeß die ganze große Menge
dieser<lb/>malerischen Fabrikarbeiter - ich weiß sie nicht anders
zu<lb/>bezeichnen - hat eine große Leichtigkeit im Skizziren, und<lb/>auch
im fabrikmäßigen Kopiren sehr viel Sicherheit. Die<lb/>Preise dieser Dinge
sind nicht hoch, selbst für unser Einen<lb/>nicht, und die Sachen sind doch
immer danach angethan, in<lb/>unseren grauen Wintern uns das Auge zu
vergnügen. Ihr<lb/>Himmel, ihre Farbenfülle giebt den Leuten kecke
Farben.<lb/>Wenn ich manchmal Abends, an den Kunsthandlungen in der<lb/>Via
Condotti vorübergehend, die dort ausgestellten, mit<lb/>blendendem Gaslicht
effektvoll beleuchteten Bilder angesehen<lb/>habe, haben ihre dreiste
Frische, ihre Farbe und die Gegen-<lb/>stände mich erfreut - obgleich ich
sehr viel bessere Sachen<lb/>kannte und solche vielleicht an dem nämlichen
Tage erst gesehen<lb/>hatte. Ich dachte dann immer an Regen und Schnee,
an<lb/>lichtlose Wochen und Monate, und wie solch ein bischen<lb/>Farbe mir
bei 1, 1 Grad Kälte die Seele erwärmen<lb/>würde!<lb/>Und nicht allein die
Maler, auch die Tischler, Holz-<lb/>schnitzer, Inkrusteure, Stuckateure, die
Bronzearbeiter und<lb/>Mosaikisten, die Gemmen - und Kameenschneider sind
sehr<lb/>geschickt und arbeiten außerordentlich billig.
Bilderrahmen,<lb/>Porträts in Muscheln geschnitten, wie alle in diesen
Bereich<lb/>schlagende Dinge kauft man nirgend besser als in Rom.<lb/>Selbst
die Leute aus dem Gebirge bringen die eigenartig<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0362_355.tif" n="355"/>
<p>-= ZJ -<lb/>gestickten oder gewirkten, halbwollenen Sciuciaren -
Schürzen,<lb/>die sich zu kleinen Teppichen und Decken gut verwenden
lassen,<lb/>für geringes Geld zu Markte; und wie der Verkäufer
von<lb/>Apfelsinen oder Oliven und Kürbiskernen, aus angeborner<lb/>Lust am
bunten Schmuck, ein paar grüne Zweige, ein paar<lb/>Hahnenfedern oder einige
frische Blumen an seinen Korb und<lb/>an die Wagschale befestigt, so weiß
jeder Verkäufer in Rom<lb/>seine geringsten Sachen so gut auszulegen, daß
man vor ihnen<lb/>stehen bleibt und - trotz aller Besonnenheit und
gewohnter<lb/>Neberlegung immer mehr kauft, als man beabsichtigt
hat,<lb/>weil Alles so hübsch, weil es billiger als zu Hause ist,
und<lb/>weil sie sich zu Hause doch darüber freuen werden.<lb/>Die Bildhauer
haben es nicht nöthig, so wie die Maler<lb/>an den farbigen Hintergrund für
ihre Arbeiten zu denken.<lb/>Thon und Gyps und Marmorstaub verbieten die
Herrlichkeit<lb/>der Teppiche von selbst, und die Wände in der Werkstatt
des<lb/>russischen Bildhauers Antakolski außerhalh der Porta del<lb/>Popolo
sind grau und leer, wie sich's von selbst versteht.<lb/>Ich war im Winter
einmal hingegangen, seinen sterbenden<lb/>Sokrates zu sehen, von dem man mir
gesprochen hatte.<lb/>Antakolski selber lebt gegenwärtig in Paris, läßt aber
in<lb/>Rom seine Marmorarbeiten ausführen.<lb/>Das ist ein sehr merkwürdiges
Werk. Eine sitzende<lb/>Statue über Lebensgröße. Auf einem breiten antiken
Sessel<lb/>eine mächtige, breitbrüstige Gestalt, die Kopfbildung
streng<lb/>nach der schönen Sokrates - Büste in der Villa Albani.
Das<lb/>Gift hat seine Wirkung zu thun begonnen, der
schalenartig<lb/>geformte Becher ist der erstarrenden Hand entsunken. Er
liegt<lb/>era r.-<lb/>AA<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0363_356.tif" n="356"/>
<p>== ZHs -<lb/>von dem Gewand verhüllt, strecken sich weit nach vorn
aus,<lb/>die Füße, breit von einander abstehend, sind auf die
Fersen<lb/>gestützt, so daß die Sohlen der Sandalen sichtbar werden.<lb/>Der
Kopf senkt sich auf die Brust, ein wenig nach der linken<lb/>Schulter hin.
Der linke Arm hängt schlaff zur Seite des<lb/>Sessels nieder. Die rechte, im
Erstarren leise zusammenge-<lb/>krümmte Hand ruht auf dem Polster des
Sessels. Das<lb/>weite Gewand, das vom Oberkörper herabgesunken,
denselben<lb/>bis unter die Brust entblößt zeigt, ist in wenigen
flachen<lb/>Falten über den Leib und die Kniee gebreitet. Der
Ausdruck<lb/>des Kopfes zeigt den fürchterlichen Ernst des eben
eintretenden<lb/>Todes.<lb/>Es ist ein Werk von ganz ungewöhnlicher Kraft,
er-<lb/>schütternd bis in das Mark. Man verstummt vor dieer<lb/>Naturtreue
und Wahrheit, und wer es einmal gesehen hat,<lb/>vergißt es niemals, wie ich
glaube. Der Körper ist fast<lb/>plump zu nennen, der Kopf ist eben unschön,
die Behandlung<lb/>von allem geflissentlichen Gefallenwollen ganz und gar
ab-<lb/>sehend. Es ist ein Naturereigniß mit nackter
Naturwahrheit<lb/>wiedergegeben, und darauf beruht die Wirkung, die es
mnacht.<lb/>Ich erinnere mich nicht einer ähnlichen Arbeit, einer
solchen<lb/>trockenen, kalten, man möchte sagen, grausamen
Wiedergabe<lb/>der Natur durch einen Bildhauer. Aber der
vielfachen<lb/>Süßlichkeit gegenüber ist diese Behandlungsweise
ebenso<lb/>beachtenswerth als lobenswerth. Antakolski ist ein
selbst-<lb/>ständiger und eigenartiger Geist. -- Auch seine
anderen<lb/>Arbeiten geben davon Zeugniß. An zweien derselben paßt<lb/>sich
seine strenge, harte Behandlungsweise dem Gegenstande<lb/>ganz vorzüglich
an.<lb/>Das eine ist die ebenfalls sitzende Statue Jwan's
des<lb/>Schrecklichen. Die russische Tracht mit ihrer
halborientalischen<lb/>Mütze, an die Dogenkleidung mahnend, macht sich, so
wie sie<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0364_357.tif" n="357"/>
<p>hier benutt ist, ganz vortrefflich. Die Figur ist lebensgroß.<lb/>Ein
aufgeschlagenes Buch auf dem rechten Knie, die eine Hand<lb/>auf dem Buche
liegend, den scharf geschnittenen Kopf voll<lb/>harter Züge tief gesenkt,
die Brauen zusammengezogen, sitzt<lb/>der Czar im finstersten Brüten ganz in
sich versunken da. Es<lb/>ist eine merkwürdig einheitliche Arbeit, und
eigentlich ist es<lb/>sehr auffallend, daß von dieses Künstlers Werken, so
viel ich<lb/>weiß, gar keine Photographien bei uns bekannt geworden
sind.<lb/>Eine Büste Peters des Großen, im dreispittzigen Generals-<lb/>hut,
in voller Uniform ist sehr schön gemacht. Außerordentlich<lb/>schön aber
dünkte mich ein Grabmonument, das man eben<lb/>dabei war, in Marmor
auszuführen. Und auch dieses war<lb/>ganz eigenthümlich. Auf der obersten
von drei einfachen<lb/>Treppenstufen sitzt eine junge Russin. Der
Nationaltypus ist<lb/>unverkennbar. Ein ganz schlichtes, hemdartiges langes
Ge-<lb/>wand ist unter dem feinen Busen einfach gegürtet. Es läßt<lb/>den
Hals frei und die Arme, die in müder Traurigkeit über<lb/>die Kniee
zusammengelegt sind. Die Hände sind inbrünstig<lb/>und fest in einander
gefaltet, das liebliche schwermüthige Haupt<lb/>geneigt, das glatte Haar
fließt an den schmalen Wangen lang<lb/>hernieder.<lb/>Noch jetzt, da ich die
Worte niederschreibe, kommen mir<lb/>die Thränen in die Augen. Ich weiß mir
kaum eine rüh-<lb/>zendere Grabfigur zu denken. Es ist Shakespeare's
,Geduld<lb/>auf einem Monument!'' und eine so einfache, liebliche
Gestalt,<lb/>wie sie dem Künstler nur in dem glücklichsten Augenblick
einmal<lb/>gelingt. - Von Antakolski ist vermuthlich noch Bedeutendes<lb/>zu
erwarten. Freilich weiß ich von ihm selber Nichts. Nicht<lb/>einmal, ob er
noch jung oder ob er schon seit lange in so<lb/>ausgezeichneter Weise thätig
ist.<lb/>Ein BildhauerAtelier ganz anderer Art, und an sich auch<lb/>eine
Merkwürdigkeit, die eben nur in einem Orte wie Rom<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0365_358.tif" n="358"/>
<p>== ZJZ -=<lb/>u Stande kommen kann, ist die des jungen
amerikanischen<lb/>Bildhauers Ezekiel.<lb/>Ezekiel stammt von jenen einst
aus Portugal vertriebenen<lb/>Juden ab, die in Holland Zuflucht fanden. Die
Erinnerungen<lb/>und Verbindungen seiner Familie reichen an Spinoza
hinan.<lb/>Aber die Familie ist ausgewandert, hat in - ich
glaube<lb/>Virginia - sich eine neue Heimath gegründet, und der
junge,<lb/>von Eltern und Großeltern für den Handel bestimmte Mann<lb/>hat,
sechszehnjährig, den Krieg in den Reihen der Südstaaten<lb/>mitgemacht. Nach
Beendigung desselben hat er, da er jeder<lb/>eigung für den ihm zugedachten
Beruf entbehrte, während<lb/>sein ganzer Sinn auf die Kunst, auf die
Bildhauerei gestellt<lb/>war, es endlich durchgesett, daß man ihn seinen
Willenkhaben<lb/>und nach Europa reisen ließ, wo er in Berlin der
Schüler<lb/>von Siemering wurde und sich den Preis der
Meyerbeer-<lb/>Stiftung errang. Das machte es ihm möglich, nach Rom
zu<lb/>gehen, und dort hat er seit mehreren Jahren festen Fuß<lb/>gefaßt und
sich die originellste Werkstatt ausgefunden.<lb/>Wenn man vom Quirinal und
der Via di quattro<lb/>Fontane kommend, die Via del. Venti Settembre
durchschritten,<lb/>die Aqua Felice mit der Fontaine, an welcher Moses
das<lb/>Wasser aus dem Fels hervorzaubert, zur Linken gelassen hat,<lb/>und
an dem Theil der Diokletiansthermen vorübergegangen<lb/>ist, in denen sich
die Kirche von St. Maria degli Angeli mit<lb/>dem dazu gehörigen
Karthäuserkloster befindet, welches jetzt das<lb/>Blindenhospital geworden
ist, so befindet man sich auf der<lb/>Piazza di Termini. - Der Platt,
halbwegs noch ungepflastert<lb/>und eine Art von Anger, ist mit Bäumen
bepflanzt, die,<lb/>tüchtig in die Höhe gewachsen, schon angenehmen
Schatten<lb/>geben. In der Mitte des Plates, den man mit Bänken
ver-<lb/>sehen hat, sprudelt, auf gut römisch, ein kräftiger
Wasserstrahl<lb/>aus weitem Becken hervor, in das er mit lautem
Plätschern<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0366_359.tif" n="359"/>
<p>-= ZHß -<lb/>niederfällt. Der Platz ist immer voll Soldaten, voll
spielender<lb/>Kinder; auch Geistliche ergehen sich dort viel oder sitzen
lesend<lb/>unter den Bäumen.<lb/>Vor sich hat man den Bahnhof, rechts
daneben die noch<lb/>stehenden Einfassungsmauern der einstigen Villa
Negroni, in<lb/>der wir noch vor zwölf Jahren allerlei sehr interessante,
aber<lb/>schon äußerst verfallene Malereien sahen. Weiter zur
Linken<lb/>thun sich die großen Straßen und Plätze der Neustadt
auf,<lb/>die, auf dem Grund und Boden der früher den Jesuiten<lb/>gehörenden
Vigne Macao gebaut, bis an die Stadtmauer<lb/>reicht, durch deren eisernes
Gitterthor zwischen und über den<lb/>Pinien die blauen Berge der Campagna in
die Stadt<lb/>hineinsehen.<lb/>Wendet man sich dann von diesem verlockenden
Schauspiel<lb/>ab, so hat man einen von den riesigen uralten Mauern
ges<lb/>bildeten halbrunden Winkel der Diokletiansthermen hinter
sich,<lb/>in dem, auch auf gut römisch, das tägliche Leben und
Gewerbe<lb/>es sich bequem gemacht haben. Höhlen oder Wölbungen,
in<lb/>denen große Holzniederlagen sind; Höhlen, in denen Fiaker<lb/>und
andere Kutscher auf gut Glück und ohne darin etwas<lb/>zu bauen oder zurecht
zu machen, ihre Remisen und Stallungen<lb/>haben.<lb/>Dann rechts in diesem
Winkel mit einem Male ganz<lb/>unerwartet die Spuren einer ordnenden
Menschenhand. Eine<lb/>Art von neuer Aufmauerung, eine Treppe, führt zu
einem<lb/>oberen Stockwerk der Thermen empor. Unter dieser Treppe<lb/>hat
ein Weinwirth seine Osterie errichtet. Auf Bänken vor<lb/>der Thür sitzt
meist viel Volk: Kärner, Kutscher, deren Wagen<lb/>auf dem Platze halten,
und viel Soldaten. Denn die Piazza<lb/>d'arme und eine der Kasernen sind in
der Vigne Macao, und<lb/>es ist Alles leere Redensart, was von der großen
Mäßigkeit<lb/>der Römer gefabelt wird. Sie essen sehr stark, wenn sie
es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0367_360.tif" n="360"/>
<p>== Zß --<lb/>dazu haben, Männer sowohl als Frauen, und die Männer<lb/>trinken
sehr viel.<lb/>eber der Osterie, auf den ziemlich hochgemauerten
Wangen<lb/>der Treppe, ragt allerlei Grün hervor. Ein paar junge<lb/>Bäume,
einige der großen hier in Kübeln leicht gedeihenden<lb/>Pflanzen, gucken
über die Treppenwand hinüber. Ein Marmor-<lb/>bruchstück hier, ein anderes
dort auf dem Simse, ein drittes,<lb/>ein viertes eingemauert in die Wand.
Man blickt hin, man<lb/>wird neugierig, man steigt die mit kleinen Steinen
kordonaten-<lb/>artig gepflasterte Treppe in die Höhe, und wieder
begegnet<lb/>man hier einem Stück von einem antiken Torso, daneben<lb/>einem
Apollokopf von Gyps. Nun steht man vor einer neuen<lb/>Thüre in dem alten
Bau. Ein großes Fenster, aus kleinen<lb/>runden Scheiben mittelalterlich
zusammengesett, zeigt, daß der<lb/>alte Bau bewohnt ist. Man klingelt, die
Thür öffnet sich -<lb/>und der phantastischste Anblick thut sich vor uns
auf. Hoff-<lb/>mann und Callot und die orientalischen Märchen hätten
kein<lb/>eigenthümlicheres Durcheinander erfinden können, als es
die<lb/>Laune des Bewohners dieser Höhle hier zusammengebracht hat.<lb/>Denn
es ist, so wie es ist, durchaus eine riesige Höhle, nur<lb/>keine
unterirdische, sondern eine über der Erde, in welcher<lb/>Ezekiel wohnt und
seine Werkstatt hat.<lb/>Der Raum ist sehr groß! hoch, sehr hoch! Es sind
eben<lb/>die Maßstäbe der römischen Kaiserzeit in einem ihrer
größten<lb/>Bauwerke. Nackte, kahle, graue Wände, wie die
Zerstörung<lb/>durch die Zeit und durch Erdbeben und durch Kämpfe
aller<lb/>Art sie uns anderthalb tausend Jahre nach der Gründung
der<lb/>Thermen in den Resten des alten Baues hinterlassen hat.<lb/>Der
kleinen Eingangsthür gegenüber ist ein dem Raume<lb/>angemessener, von
Karyatiden getragener Kamin mit hohen,<lb/>breitem Sims und Rauchfang. Es
ist kein Schornstein das<lb/>hinter. Der Besityer hat ihn aus Thon und Gyps
erbaut und<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0368_361.tif" n="361"/>
<p>- Zs -<lb/>mit Farbe dem Farbenton seiner Höhle glücklich angepaßt.
In<lb/>der Außenwand eben das große Fenster mit den runden<lb/>Scheiben; von
der Decke niederhängend ein mächtiger alter<lb/>Kronleuchter aus Messing,
der einst, wer weiß es welchen<lb/>Fürstensaal erleuchtet hat. Amerikanische
Flaggen über dem<lb/>Kamin; ein Gobbelinteppich an dieser, ein anderer an
jener<lb/>Seite. Ein Thronbett aus der Zeit Napoleon's l. mit
verblaßten,<lb/>grünseidenen Gardinen, dann wieder ein breites,
ehrliches<lb/>Schlafsopha. Alte Schränke mit so viel Hausrath, als
ein<lb/>Junggeselle nöthig hat, eine Anzahl anspruchsloser Freunde
zu<lb/>bewirthen. Alte Truhen, alte Tische, alte Stühle und
Lehn-<lb/>sessel. Schöne kleine und größere Oelgemälde, Geschenke<lb/>von
Freundeshand. Hier Nachbildungen von Antiken, dort<lb/>wieder Gypsarbeiten,
die der Künstler sich zur Schmückung<lb/>dieses Raumes skizzenhaft gemacht
hat: Kindergestalten, Thier-<lb/>köpfe zwischen allerlei Spielereien. Von
der Krone nieder-<lb/>hängend ein Luftballon als Feuerzeug, den junge
amerikanische<lb/>Freundinnen diesem Durcheinander einverleibt. - Es ist
ein<lb/>wahres Kaleidoskop von Andenken, ein Ding, das, wenn man<lb/>es
vollständig zergliedern wollte, sich in Nichts auflösen würde,<lb/>und das,
so wie es vor uns als ein Ganzes dasteht, uns als<lb/>ein Einziges
überrascht und wohlgefällt, und an das man mit<lb/>Heiterkeit
zurückdenkt.<lb/>Ich für mein Theil würde freilich in einer
derartigen<lb/>innerlich zusammenhanglosen Umgebung weder zu leben
noch<lb/>zu arbeiten fähig sein. Ich glaube, meine Phantasie
hielte<lb/>nicht dagegen aus. Ich würde um mich her Alles
lebendig<lb/>werden sehen mit wachen Augen, und in der Nacht erst<lb/>recht
nicht Ruhe finden, wenn alle die einstigen Besitzer aller<lb/>dieser hier
zusammengebrachten Herrlichkeiten sich mir dar-<lb/>stellen und zwischen
ihrem Eigenthum herumwanken und herum-<lb/>huschen würden. Aber der junge
Sohn des fernen Westens<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0369_362.tif" n="362"/>
<p>-=- ZsF --<lb/>hat andere, festere Nerven als eben ich. Er hält es
ohne<lb/>Menschenfurcht und ohne Scheu vor Gespenstern in diesem<lb/>ganz
abgeschiedenen Bau schon seit Jahren einsam aus. Der<lb/>kleine,
breitschulterige, krausköpfige Mann mit den schwarzen,<lb/>flammenden Augen,
mit den energischen Gesichtsformen und<lb/>dem festen Mund und Kinn sieht
eben aus, als stände er<lb/>im Nothfall seinen Mann; und er weiß auch, was
er will.<lb/>Auf dem Hintergrunde dieser im eigentlichen
Sinne<lb/>romantischen Werkstatt erscheinen die Statuen und der
klare<lb/>weiße Marmor für mich wie ein ganz Fremdes. Eine
ver-<lb/>kleinerte Nachbildung des Denkmals der Religionsfreiheit,<lb/>das
der junge Künstler für Philadelphia ausgeführt hat,<lb/>nimmt die Mitte
seiner Werkstatt ein. Die Jdealgestal, der<lb/>Freiheit breitet ihre Hand
schützend und segnend über den<lb/>an ihrer Seite stehenden Knaben aus, der
mit erhobenen,<lb/>Armen sein Gebet gen Himmel richtet. Die Stellung<lb/>und
Geberde des letzteren mahnt an den Adoranten im<lb/>Berliner Museum, aber
ich bin sehr weit davon entfernt,<lb/>dies tadeln zu wollen. Der Jünger in
der Kunst thut wohl,<lb/>sich an die großen Vorbilder zu halten, die er
vorgefunden<lb/>hat, und Niemand mehr als gerade die großen alten
Meister<lb/>haben dies gethan. Die beiden Gestalten sind wohl
gegliedert,<lb/>gut durchgeführt, und die des Knaben ist besonders
fein.<lb/>Nur die Vorliebe Ezekiel's für ausgebreitete Hände, wie
die<lb/>Gestalt der Freiheit und der Knabe sie Beide zeigen, die<lb/>erstere
sie senkend, der andere sie erhebend, will mir nicht<lb/>gefallen, und um so
weniger, als annähernd die ähnliche<lb/>Bewegung in der Gestalt einer Eva
sich wiederholt, welche<lb/>Ezekiel, nach der Bedingung seines Stipendiums,
im ver-<lb/>wichenen Jahre an die Akademie nach Berlin zu senden
hatte.<lb/>Solche sich ausbreitenden Hände haben, wenn sie nicht
sehr<lb/>vorsichtig und geschickt behandelt werden, etwas von den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0370_363.tif" n="363"/>
<p>= Z8Z -<lb/>Blättern einer Fächerpalme, und wirken namentlich in
der<lb/>erstgenannten Gruppe, wo sie in der Wiederholung neben-<lb/>einander
sind, nicht günstig.<lb/>Die Eva ist eine schöne, sitzende Frauengestalt,
keusch in<lb/>der Nacktheit. Die Schlange ist von der linken Seite an
sie<lb/>herangeschlichen und erhebt sich neben der Erschreckenden,
die<lb/>in angstvoller Abwehr, eben mit ausgebreiteten Händen, sich<lb/>von
ihr wendet. Die Bewegung ist entsprechend und lebhaft,<lb/>der Ausdruck
richtig und nicht übertrieben; und wenn der<lb/>junge Künstler auf diesem
Wege fortgeht, wird er seinem<lb/>Vaterlande, das sehr bedeutende, ja große
Bildhauer unter<lb/>seinen Bürgern zählt, einst wie diese, Ehre machen.
Aber<lb/>Amerika beschäftigt seine jüngeren Talente auch. Gerade
in<lb/>diesem Augenblicke hat man Ezekiel vier große Statuen für<lb/>die
Ausschmückung eines Museums aufgetragen: die Statuen<lb/>Michel Angelo's,
Rafael's, und ich weiß nicht welcher beiden<lb/>anderen Meister.<lb/>Ein
paar Marmor -Reliefs, für einen deutschen Privat-<lb/>mann bestimmt, ein
kleiner weinender Merkurkopf in Marmor,<lb/>nach Art der weinenden
Kinderköpfe von Fiamingo, waren<lb/>hübsch und würden zu besitzen sehr
angenehm sein; und der<lb/>Entwurf zu einem Reiterdenkmal des General Lee,
an welchem<lb/>Ezekiel aus freiem Antrieb arbeitete, als ich ihn zum
letzten<lb/>Male besuchte, war vielversprechend.<lb/>Zum letzten Male? Nein!
das lezte Mal, das ich in<lb/>der Märchengrotte war, in welcher der
frohsinnige, gastfreie<lb/>junge Mann den ganzen Winter hindurch bald seine
ameri-<lb/>kanischen, bald seine deutschen Genossen und Freunde
in<lb/>schlichter römischer Weise bewirthete, bis seine
deutschen<lb/>Freunde sich gewöhnten, die uralte Halle als das Lokal
für<lb/>alle ihre improvisirten Zusammenkünfte und Picknicks zu
be-<lb/>nutzen - das letzte Mal galt es einem Abschiedsfeste.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0371_364.tif" n="364"/>
<p>Zs -<lb/>Ein Theil der deutsch-römischen Künstlergesellschaft hate<lb/>das
Fest zu Ehren meines Schwagers, des Landschafters Pro:<lb/>fessor Louis
Gurlitt, veranstaltet, der mit seiner Familie,<lb/>wieder einmal ganz als
deutsch - römischer Künstler unter den<lb/>jungen deutschen Künstlern
lebend, den Winter in Rom zu-<lb/>gebracht hatte.<lb/>Für ein solches
Künstlerfest war die phantastische Höhle<lb/>wie geschaffen. Es fügte sich
in diesen Rahmen recht hinein,<lb/>in dem das Unerwartetste bei einander zu
finden man ohnehin<lb/>gewohnt war.<lb/>Sie paßten auch in diesen Saal der
Thermen gut hinein,<lb/>alle die Männer und Frauen in bunt - phantastischer
Tracht,<lb/>alle, Künstler und Nichtkünstler, Mann und Weib, Jung
und<lb/>Alt mit epheuumkränztem Haupte. Es fiel in dieser Um<lb/>gebung
nicht besonders auf, als man auf ihrem Hintergruide<lb/>unter den Klängen
der Musik mit einem Male die Fontana<lb/>Trevi sich enthüllen sah, in
welcher jeder Deutsche, der von<lb/>Rom zu scheiden hat, eine Opfergabe
hineinzuwerfen pflegte,<lb/>seit Goethe nach dem Abschied von der Geliebten,
eine Rose<lb/>der Nymphe dieser Quelle dankbar weihte.<lb/>Und sie waren
schön anzusehen, dieser Gott des Wassers,<lb/>dieser Neptun, diese Nereiden
und Tritonen aus Fleisch und<lb/>Bein; daneben diese Seerosse und Delphine,
die Künstlerhand<lb/>in wenig Tagen aus dem Nichts hervorgezaubert hatte.
Sie<lb/>waren recht schön, die Worte, welche in guten Versen Neptun<lb/>den
Scheidenden als Segenswünsche auf den Weg gab. Sie<lb/>klangen gut, die
Lieder, die von kunstgeübter, mächtiger Stimme<lb/>durch den Saal ertönten,
und jene anderen guten deutschen<lb/>Lieder, welche die muntere Schaar bei
ihren Umzügen durch<lb/>den Saal vernehmen ließ. Lust, Licht, Freundschaft,
Frohsinn,<lb/>Reden, Gegenreden bei dem vollen Glase überall.
Heiterkeit<lb/>von einem Ende der mit schlichter Kost besetzten Tische bis
zun<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 28</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0372_365.tif" n="365"/>
<p>-- ZJ -<lb/>anderen; und zum Schluß die Bilder der Gefeierten,
wiederum<lb/>Mann und Weib und Sohn und Tochter in
Transparent-<lb/>Gemälden, mit Jubel bekränzt und mit Jubel begrüßt.<lb/>Ich
war lange in meiner stillen Stube, als es dort noch<lb/>sang und
klang!<lb/>Wenn er es hätte ahnen können, der römische
Welt-<lb/>beherrscher, der seinem Volke in dem Prachtbau die
herrlichen<lb/>Bäder, die begehrten Genüsse und Spiele bereitet hatte,
wie<lb/>harmlos, wie fröhlich und wie poetisch die nordischen
Barbaren<lb/>und die Bewohner ungekannter Welten sich eine
phantastische<lb/>Welt in den Trümmern all der untergegangenen römischen
Herr-<lb/>lichkeit erschaffen wärden!<lb/>Aber derlei kommt in solcher Weise
eben auch nur in<lb/>dem alten, immer neuen und eben darum auch ewigen
Rom<lb/>einmal zu Stande!<lb/>- Kö- Ns-lss<lb/>Fätunlzuallzlgs=
==s-<lb/>Lehte Tage im Süden.<lb/>Marseille, M. Mai 17s.<lb/>Ich erwähnte
schon neulich, wie sehr in Nizza für alle<lb/>Bequemlichkeit der Reisenden
gesorgt sei, aber daß für die<lb/>Kurzeit, d. h. für die Zeit vom Dctober
bis zu Mitte des<lb/>Mai, besondere Eisenbahnzüge eingelegt werden, habe ich
zu<lb/>erwähnen vergessen. Sie verbinden nach Osten hin Nizza<lb/>mit den
andern Kurorten, mit Mentone, Bordighera, San<lb/>Remo, mit Monaco und San
Carlo; nach Westen hin mit<lb/>Cannes und den Hyerischen Inseln.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0373_366.tif" n="366"/>
<p>== ZEs -=<lb/>Die Fahrt von Nizza nach Cannes währt eine Stunde<lb/>Bald hart
am Meere, bald ein wenig landeinwärts fahrend,<lb/>überschreitet man den
breiten, wasserlosen Var, den ehemaligen<lb/>Grenzfluß zwischen Frankreich
und Jtalien. Vorüber an dem<lb/>hoch und malerisch wie eine echt sabinische
Gebirgsstadt ge-<lb/>legenen Canges, an Antibes mit seinem Leuchtthurm
und<lb/>seinem befestigten Hafen vorüber, wendet und windet der Zug<lb/>sich
in und durch das braunrothe Gestein des mit niedrigen<lb/>Pinienwäldern
bedeckten Gebirges. Der rothe, aus dem<lb/>tiefen Blau des Meeres in
schroffen Formen emporsteigende<lb/>Fels, die dunklen Wälder und die unter
dem leuchtenden<lb/>Himmel von ferne herüberschimmernden schneebedeckten
Berges-<lb/>gipfel vereinigen sich zu einem Landschaftsbilde von
großer<lb/>Schönheit.<lb/>So wie man aus dem Gebirge heraus ist, findet
man<lb/>die lachende Ebene mit Landhäusern, mit Villen übersäet,
die<lb/>sich näher und näher aneinander reihen, bis man, fast ohne<lb/>zu
merken, wo die Stadt anfängt, an den Bahnhof von<lb/>Cannes gelangt.<lb/>Er
ist klein und unansehnlich im Vergleich zu dem von<lb/>Nizza, dessen
Wartesäle schöne Landschaftsgemälde schmücken,<lb/>und auch Cantes selbst
ist klein. Es macht den Eindruck<lb/>eines kleinen Badeortes. Es ist
freundlich, es ist auch mit<lb/>allen Mitteln für bequemen Lebensgenuß
versehen, aber es<lb/>verhält sich zu Nizza wie etwa Montreux zu Genf.
Dafür<lb/>hat es denn wieder den Vorzug, daß man in Cannes das<lb/>Leben und
Treiben des Hafens stets vor Augen hat, von<lb/>dem man, obschon der Hafen
von Nizza viel beträchtlicher<lb/>ist, dort in den Fremdenauartieren weit
entfernt ist und auf<lb/>der Promenade Nichts gewahr wird.<lb/>In Cannes
hingegen zieht sich der Hauptspaziergang in<lb/>einer Platanen-Allee, am
Hafen beginnend, gegen Osten hin,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0374_367.tif" n="367"/>
<p>=- Z? -<lb/>und die Springbrunnen unter den Platanen, so dicht
am<lb/>Meeresrande, die hübschen Kaffeehäuser, die ganze
Einrichtung<lb/>haben etwas Einladendes. Einladend sind auch die
kleinen<lb/>Wagen, die überall für die Fahrt nach den Bergen, nach
der<lb/>sogenannten Grande Californie bereit stehen, von der man<lb/>eine
wundervolle Aussicht auf die beiden dicht vor Cannes<lb/>gelegenen
Lerinischen Inseln hat, auf St. Marguerite<lb/>und St. Honorat. Weshalb der
Weg und die Bergeshöhe<lb/>aber La grande Californie heißen, ist mir
räthselhaft ge-<lb/>blieben.<lb/>Alle halben Stunden fahren aus dem Hafen
von Cannes<lb/>kleine Dampfboote nach den Inseln hinüber, und neben
der<lb/>Lust, das einstige Gefängniß des Mannes mit der eisernen<lb/>Maske
zu sehen, lockten uns die Meereskühle und die dichten<lb/>Pinienwälder der
Insel. St. Honorat gar sehr dazu, die<lb/>Fahrt zu versuchen. Indeß die
Hitze hatte uns trotz der<lb/>Zeltüberdachung unseres offenen Wagens während
der Fahrt<lb/>nach der Californie doch sehr ermüdet, wir zogen also
die<lb/>Ruhe im Kaffeehause am Meere allen weiteren Entdeckungs-<lb/>reisen
vor, und als ich dann zum zweiten Male auf der<lb/>Tour nach Marseille durch
Cannes kam, hielt der Zug nur<lb/>eben lang genug, um uns auf dem Bahnhofe
die Zeit zu<lb/>der Bemerkung zu gewähren, daß Camnes an Blüten- und<lb/>an
Fruchtreichthum nicht zurückstehe hinter Nizza.<lb/>Wie in einem der großen
Panoramen, die uns Reisen<lb/>durch die halbe Welt vorführen und die mir
viel genußreicher<lb/>erscheinen, als man sie im Allgemeinen findet, flog
der inter-<lb/>nationale Schnellzug, voll von Wallfahrern zu den
Wundern<lb/>der Pariser Ausstellung, durch die Tumnel des
schönen<lb/>waldigen Esterelgebirges, das von Nizza aus allabendlich
im<lb/>duftigen Schimmer des Sonnenunterganges und in der Ver-<lb/>klärung
des Vollmondscheines unser Auge entzückt hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0375_368.tif" n="368"/>
<p>=- Zs -<lb/>Frejus, St. Raphael, der Landungsort des erste<lb/>Napoleon, als
er aus Aegypten zurückkam, riefen mir<lb/>die Zeiten meiner Kindheit und
ersten Jugend zurück, in<lb/>welcher die Napoleonslegende noch im
Vordergrunde dee<lb/>Geschichte gestanden hatte. Wie weit sind wir jetzt
davon<lb/>entfernt! wie anders hat sich die Welt, hat Deutschland
sie<lb/>seitdem gestaltet!<lb/>Es war schon dämmerig, als wir an Toulon
vorüber-<lb/>kamen. Als wir Marseille erreichten, war es Nacht.<lb/>Vom
Bahnhof fuhr man abwärts rasch hernieder. Da<lb/>mit Einem Male helles,
glänzendes Lichtgefunkel. Breite,<lb/>prachtvolle Alleen, unter den
mächtigen Bäumen strahlende<lb/>Helligkeit. Menschen hier und dort, Singen
und Musikt<lb/>Es war bezaubernd, wie in einem der Märchen der<lb/>Tausend
und einen Nacht! Noch eine kleine Strecke und,<lb/>wir befanden uns in dem
Getriebe der wie im Festes<lb/>glanze strahlenden Rue Cannebiöre. - Mein
Gott, das<lb/>sieht wie Weihnachten aus! rief die junge Person, die<lb/>ich
mit mir habe. - Ja, wie Weihnachten, aber Weih-<lb/>nachten unter grünen
Bäumen, unter offenem Himmel und<lb/>in warmer Luft. Ich habe selten einen
überraschenderen<lb/>Eindruck durch eine Stadt empfangen. Die Rue
Cannebiöre<lb/>hat kaum ihres Gleichen, und man kann den Marseillern<lb/>die
selbstgefällige Phrase in der That verzeihen: Si<lb/>Eaeis aysit une bue
Qannebiöre, il serait un getit<lb/>laseills!<lb/>In dem weiten viereckigen
Hofe inmitten des Hotel de<lb/>Noailles plätscherte unter freiem Himmel ein
grün umrankter<lb/>Springbrunnen. Eine Anzahl von Tischen war mit
speisenden<lb/>Männern und Frauen besetzt. Der Seewind, der vom
Meere<lb/>kam, bewegte die Aeste der Bäume in dem geräumigen, von<lb/>den
offenen kleinen Zimmern des Erdgeschosses rings um-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0376_369.tif" n="369"/>
<p>= Zsß -<lb/>gebenen Hofe. In vielen dieser kleinen Zimmer tafelte man<lb/>bei
offenen Thüren ebenfalls. Der ganze Anblick war sehr<lb/>fremdartig und
hübsch.<lb/>Oben aus meinen Zimmern sah ich die Rue Cannebiöre<lb/>entlang.
Schöne, große Häuser im Renaissance-Styl, glänzende<lb/>Läden, vor den
Kaffeehäusern Alles voll von Menschen;<lb/>Musik hier, Singen dort, wie
schon auf unserm Wege. Ein<lb/>Leben wie am Tage, nur lustiger, weil Alles
sich dem Ge-<lb/>nusse und der Muße in der Abendkühle hingab - und
es<lb/>war elf Ühr vorüber. Seit den Tagen, in denen wir vor<lb/>dem Kriege
mit Freunden die Abende auf den Boulevards<lb/>von Paris genossen, hatte ich
ein so heiteres, lachendes<lb/>Straßenleben nicht erblickt. Ich konnte mich
nicht satt daran<lb/>sehen, konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß
unsere<lb/>Heimat nur einen Strahl dieses fröhlichen Glanzes für<lb/>uns
hätte!<lb/>Am nächsten Morgen der gleiche heitere Anblick. Es<lb/>giebt
Städte, welche über die Gebühr bewundert und besucht,<lb/>andere, die viel
zu wenig besucht, viel zu wenig bewundert<lb/>werden; und zu diesen
letzteren gehört nach meinem Ermessen<lb/>Marseille in erster Reihe.<lb/>Die
erste Kunde oder Beschreibung, die ich in früher Jugend<lb/>von Marseille
erhalten hatte, war die von Johanna Schopen-<lb/>hauer gewesen. Sie hatte
mit ihrem Gatten, einem Danziger:<lb/>Kaufmann, den Süden von Frankreich
bereist; und so weit<lb/>in der Welt herumgekommen zu sein, das war vor
jenen 60<lb/>bis 7 Jahren eine Sache, die einem Menschen, vor
Allem<lb/>jedoch einer Frau, eine besondere Bedeutung für das
ganze<lb/>Leben gab. Aber Johanna Schopenhauer hatte nicht zu
viel<lb/>gesagt von Marseille. Ich für mein Theil kenne kaum
eine<lb/>eigenartigere Stadt, und wenn man den französischen
Städten<lb/>Beinamen geben wollte wie die italienischenStädte, wie
Genona<lb/>F. Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0377_370.tif" n="370"/>
<p>-= Z7ß -<lb/>ls superbs, birenrs la hells, Vologna la grasss sie führen,
sg<lb/>müßte man Nizza die blühende und Marseille die schatten<lb/>reiche
heißen, denn von Norden nach Süden, von Osten nach<lb/>Westen hin sind in
Marseille die breiten sich durchschneidenden<lb/>Hauptstraßen mit doppelten
herrlichen Platanen-Alleen besetzt,<lb/>in denen zu beiden Seiten steinerne
Bänke zur Ruhe laden<lb/>und an den Kreuzungspunkten große Springbrunnen
eine<lb/>wohlthuende Kühlung spenden.<lb/>Marseille steigt ziemlich steil
vom Meere an dem bergigen<lb/>Ufer empor, und es gewährt einen schönen,
überraschenden<lb/>Anblick, wenn man von den oberen Stadttheilen
kommend,<lb/>die breite Allee hinuntergeht, an deren Ende die
zahllosen<lb/>Masten im Hafen sich erheben, deren Takelage wie ein
unge-<lb/>heures Netzwerk die ganze Breite der Aussicht bedeckt, daß
der<lb/>Himmel und das Sonnenlicht wie durch Schleier hindurch<lb/>sichtbar
werden.<lb/>Die Rue Cannebiire ist breit wie die pariser Boulevards,<lb/>hat
wie diese große, stattliche Häuser, breite Trottoirs,
reich<lb/>ausgestattete Läden, große Kaffeehäuser, aber Alles ist
süd-<lb/>licher als in Paris. Alles hat für mein Auge einen
gewissen.<lb/>orientalischen Anstrich, der nicht nur von all den weit
über<lb/>die Trottoirs ausgespannten, vielfarbigen Zelttüchern,
nicht<lb/>nur von den hier mehr als anderwärts ausgelegten
orienta-<lb/>.lischen Produkten und Waaren herrührt, oder von den
Al-<lb/>gierern und Orientalen, die man in ihren Nationaltrachten<lb/>vor
den Kaffeehäusern siten, die man an sich vorüberfahren<lb/>oder in ruhigem
Schritte ihren Geschäften nachgehen sieht.<lb/>Ich glaube, es ist die Art,
in welcher die Verkäufer in den<lb/>Läden ihre Sachen aushängen, die uns an
den Orient mahnt,<lb/>wie die Bilder unserer Maler ihn uns kennen
lehren.<lb/>Der Leinwandhändler hat ein Stück Leinwand in großen<lb/>Festons
vor seinem Hause angebracht und diese mit farbigen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0378_371.tif" n="371"/>
<p>Handtüchern und farbigen Servietten aufgenommen. Der<lb/>Strohhutfabrikant
hat sein Haus vom Dache bis zu seinem<lb/>Magazin mit Strohhüten von allen
Arten und von Formen,<lb/>die kein Mensch mehr trägt, so dicht benagelt, wie
ein<lb/>Schweizer sein Haus mit Holzschindeln. Vor den
Fleisch-<lb/>waarenhandlungen sehen wir schon von Weitem die in
Silber-<lb/>papier gewickelten Reihen von Würsten und
geräucherten<lb/>Zungen von Dijon in langen Guirlanden
niederhängen.<lb/>Korallen und Bernsteinperlen, Pfeifen und Eigarren,
Alles,<lb/>Alles ist weit hinausgestellt vor die Fenster. Die
Früchtever-<lb/>käufer haben ihre Waare zum Theil in großen Kiosks
feil<lb/>und bauen ihre Vorräthe pyramidalisch auf. Neberall
Farbe,<lb/>überall die Fülle alles Nothwendigen, alles
Wünschenswerthen,<lb/>alles Neberflüssigen. Neben dem Luxus und der
Zierlichkeit<lb/>von Paris, das Derbe und Kernige, was der Seehandel
und<lb/>das Bedürfniß des Seemanns für die weite Reise fordern.<lb/>Da ich
in einer Hafenstadt, einer handeltreibenden Stadt ge-<lb/>boren bin, hatte
dies Letztere einen großen Reiz für mich.<lb/>Man hätte die Schätze Monte
Eristo's haben mögen, der von<lb/>einer der vor Marseille gelegenen Inseln
einst entfloh, um zu<lb/>kaufen, zu kaufen und noch einmal zu kaufen, um
mitbringen<lb/>zu können recht nach Herzenslust.<lb/>In Nizza, wo man von
der Promenade nur selten und<lb/>nur in weiter Ferne ein Segel, nur selten
einmal die Rauch-<lb/>säule eines Dampfers gewahr wird, erscheint das Meer
nicht<lb/>so wie in Marseille als das länderverbindende Element.
Aber<lb/>hier, wo dichtgedrängt die Schiffe aus allen Ländern
neben-<lb/>einander liegen, wo sich in dem Theil des Hafens, den man<lb/>La
Joliette nennt, die großen Dampferstationen befinden, die<lb/>den Verkehr
mit Afrika und Indien besorgen, da bin auch<lb/>N r=Na<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0379_372.tif" n="372"/>
<p>==- Z7! -<lb/>von Schande sei, wenn der Mensch, ehe er von hinnen
geht,<lb/>nicht einmal das kleine Stückchen Welt ganz und gar
kennen<lb/>gelernt und umreist hat, das er die Erde nennt und als
seine<lb/>Welt bezeichnet.<lb/>Es ist ein eigenes Vergnügen, in einer
Hafenstadt zu<lb/>sein. Die großen Docks, die Lagerhäuser, die
prachtvolle<lb/>Börse unten am Hafen in der Rue Cannebiöre, die
fremd-<lb/>ländischen Matrosen, die fremdländischen Produkte, das
Alles<lb/>führt die Phantasie verlockend in die Ferne. Das Binnen-<lb/>land
engt die Seele ein; und den Verkehr mit Kaufleuten,<lb/>die große,
überseeische Geschäfte betreiben, habe ich geistig fast<lb/>immer als einen
sehr lohnenden gefunden. Aber nicht nur<lb/>durch den Hafen zu gehen, ist
angenehm. Es ist überhaupt<lb/>ein Vergnügen durch die Straßen von Marseille
zu wandern,<lb/>da sie, weil die Stadt eben amphitheatralisch gelegen ist,
fast<lb/>überall, nach der Höhe wie nach der Tiefe hin, einen
male-<lb/>rischen Abschluß bieten. Das ist namentlich auch bei
der<lb/>Straße derFall, die den Namen des Cours de Belsunce trägt.<lb/>Mit
Ulmen und Platanen bepflanzt, steigt sie von der linken<lb/>Seite der Rue
Cannebiöre langsam empor bis zu dem<lb/>Triumphbogen, der, wie manche der
römischen Triumphbogen,<lb/>mit den gewandelten Zeiten seinen Namen ändern
mußte.<lb/>Ursprünglich dem Herzog von Angoulöme errichtet, wurde
er<lb/>später Napoleon gewidmet und steht nun herrlich anzusehen<lb/>da,
während das Kaiserreich niedergeworfen ist.<lb/>In der Mitte des Cours de
Belsunce befindet sich die<lb/>Statue des Bischofs, dessen Namen die Straße
trägt. Scenen<lb/>aus den Zeiten der Pest, die zu Anfang des
Jahrhunderts<lb/>Marseille entvölkert, und in welcher der Bischof sich mit
großs<lb/>artiger Aufopferung der Krankenpflege hingegeben hat, sind<lb/>in
den Reliefs des Sockels dargestellt. Auch in dem Gesund-<lb/>heitsamte
finden sich, in den Bildern großer französischer<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0380_373.tif" n="373"/>
<p><lb/><lb/><lb/><lb/>== Z7Z -<lb/>Meister, Erinnerungen an jene Tage; aber
auffallend war es<lb/>mir, bei meinen Fahrten durch die Stadt keinem
Denkmal,<lb/>keiner Erinnerung zu begegnen, welche auf die
Revolutions-<lb/>zeit hingewiesen hätte, in der Marseille und die
Marseiller<lb/>doch eine so hervorragende Rolle gespielt haben. Nur
am<lb/>Abende meiner Ankunft hörte ich in der Straße von ein
paar<lb/>Männerstimmen die ersten Verse der Marseillaise singen, die<lb/>mir
hier noch ganz besonders klang.<lb/>Wenn man ein so heiteres, so blühendes
Gemeinwesen<lb/>wie das von Marseille vor Augen hat, hat man Mühe es
sich<lb/>zu vergegenwärtigen, durch welche Noth und durch welche<lb/>Leiden
es zu Zeiten gegangen ist. Ja man mag kaum daran<lb/>denken, was Länder,
Städte, Menschen ertragen kdnnen, ohne<lb/>zu Grunde zu gehen. Mephisto's
Worte kommen Einem un-<lb/>willkürlich in den Sinn:<lb/>So viel als ich
schon unternommen,<lb/>Ich wußte nicht ihr beigukommen,<lb/>Mit Wellen,
Stürmen, Schütteln, Brand!<lb/>Geruhig bleibt am Ende Meer und Lnd:<lb/>---
Und immer circulirt ein neues, frisches Blut!<lb/>Und blühend und lebensvoll
wie die Stadt, ist ihre ganze<lb/>Umgebung! Schon Frau Schopenhauer hatte
mit Erstaunen<lb/>von der großen Zahl der Landhäuser, der Bastides,
gesprochen,<lb/>von denen Marseille umgeben ist, und der Wohlstand
dieses<lb/>Jahrhunderts hat sie natürlich sehr vermehrt. Gleich von<lb/>der
Rue Cannebiüre fährt man durch die ebenfalls schöne,<lb/>mit den reichsten
Magazinen versehene Rue Fereolles nach<lb/>dem Prado, einer herrlichen, wohl
eine halbe Meile langen<lb/>Allee. Villen und Landhäuser liegen zu ihrer
rechten wie zu<lb/>ihrer linken Seite. Schöne Gartenanlagen bilden ihren
An-<lb/>fang, und wo sie sich am Ende gegen das Meer hin öffnet,<lb/>steht
zur Seite des nicht eben großen oder besonders schönen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0381_374.tif" n="374"/>
<p>-= Z?g -=-<lb/>alten Museums für die schönen Künste, eine sehr gelungene
-<lb/>Statue des Bildhauers Le Puget. Gegenwärtig befindet sieh. -<lb/>wie
ich glaube, die Gemäldegalerie nebst den anderen Museen --<lb/>in dem, gm
Ende des Boulevard Longchamp gelegenen präch<lb/>tigen Palais Longchamp.
Aber mein Aufenthalt in Marseill--<lb/>war nur auf ein paar Tage angelegt,
und aus Rom kommend-<lb/>fühlte ich zum Betrachten von Kunstwerken mich um
so weniger<lb/>geneigt, als der Reiz der Stadt und ihrer Umgebung
mich<lb/>völlig gefangen nahm.<lb/>An der Corniche hinzufahren, vor welcher
die Inseln<lb/>Chateau dIf, les Jles des Pendus, Pomögue et Ratomneau
-'<lb/>sich wie Wächter hingelagert haben; hier ein Segelschiff z<lb/>sehen,
das man mit sichern Ruderschlägen zum Hafen hinaus- -<lb/>bugsirt, dort ein
anderes, das ein Schleppdampfer hinaus-<lb/>bringt, während der große, nach
Algier gehende Dampfer mit<lb/>der ruhigen Sicherheit eines Pfadfinders,
hinter den Inseln<lb/>zum Vorschein kommend, seinen gewohnten Kurs
einschlägt,<lb/>ungehindert durch den ihm entgegenstehenden Wind,
ungehin-<lb/>dert durch das hochgehende Meer, dessen aufgeregte
Wogen<lb/>gegen die Dämme anschlugen und ihren weißen Gischt hoch<lb/>in die
Luft verspritzten das ist ein herrlicher Anblick, ein-<lb/>wahrhaftes
Vergnügen und die Aussicht von Notre Dame de<lb/>la Garde ist wahrhaft
großartig.<lb/>Gegen den Abend hin, als das Treiben und Arbeiten<lb/>im
Hafen nachließ, als vor allen Garküchen und Weinwirth-<lb/>schaften in
demselben die braunen Matrosen und manche von<lb/>der tropischen Sonne
gefärbte Gestalten die Bänke und Stühle<lb/>füllten, sah es in der Stadt und
in ihren Alleen noch weit<lb/>lustiger als am ersten Tage aus. Alle Bänke
und Hunderte<lb/>und Hunderte von Stühlen mit Menschen besetzt. Ein
fröh-<lb/>liches Umhergehen zwischen ihnen, eine strahlende Helle
überal,<lb/>überall' ein Plaudern, Scherzen und nirgend ein Nebermaß,
-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0382_375.tif" n="375"/>
<p>--<lb/>-<lb/><lb/>s<lb/>-<lb/>-<lb/>-<lb/>-<lb/><lb/>:<lb/>-=- Z7J
-<lb/>nirgend eine Rohheit, so weit ich es beobachten konnte. Man<lb/>hätte
länger bleiben mögen, als die paar Tage, weil das<lb/>Land so schön, die
frische Meeresluft so warm, der Eindruck<lb/>bes Wohlstandes und der
Heiterkeit so gar erfreulich waren.<lb/>Aber Zeit und Stunde für die
Abreise, für die Ankunft<lb/>bei den Freunden waren festgesettt. Spät am
dritten Abend<lb/>ging es fort von der schattigen, der lebensvollen Stadt
am<lb/>Meere, landeinwärts durch die Nacht.<lb/>In der Frühe fuhren wir an
Lyon vorüber, am Mittag<lb/>waren wir in Genf. Abends ein Gang durch seine
schönen<lb/>Straßen, über die mächtige Montblancbrücke. Der
Bergriese,<lb/>von dem sie ihren Namen hat, lag im rosigen
Abendscheine<lb/>vor uns. Genf war schön und blühend wie vordem.<lb/>Am
nächsten Tage eine rasche Fahrt den See entlang,<lb/>am Nachmittage Bern,
die trotzige alte Stadt.<lb/>Heute blickt ihr massiger Münsterthurm zu mir
hinüber<lb/>über das rauschende Wasser, der grünen,
schnellströmenden<lb/>Aar, zu dem traulichen, dichtumlaubten Heim, in dem
alte,<lb/>treue Freundschaft mich umgiebt. Und mein dritter,
mein<lb/>einsamer Römerzug ist nun beendet. - = Möchten die
Er-<lb/>innerungen an denselben, die ich in diesen Briefen
festzuhalten<lb/>suchte, Ihnen lieb sein, so wie mir.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 29</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0383_376.tif" n="376"/>
<p>=- Z7s -<lb/>Nleununlzuanzgs=« =»aef.<lb/>s-f=s- Md<lb/>Die Hrauen in der
amilie und der Socialismus.<lb/>Hof Ragaz, den A. Juli 1878.<lb/>Der
Aufenthalt bei meinen Freunden in Bern war mir<lb/>sehr erquickend. Das alte
Bern mit seinen alten, originellen,<lb/>aber sicherlich sehr ungesunden
Laubengängen vor den Häusern,<lb/>mit seinem gewaltigen Dom, seinem
unvergleichlichen Don<lb/>platz auf der Terrasse, und seinen Weitsichten in
das Gebirge<lb/>erfreute mich wie vordem. Nun sitze ich wieder in
diesem<lb/>friedlichen Hause, in den gewohnten sonnigen Stuben.<lb/>Es ist
jettt gerade ein Jahr her, daß ich eben in diesem<lb/>friedlichen Hause und
eben in diesen Zimmern die deutchen<lb/>Frauen gegen die ungerechten
Angriffe und Anschuldigungen<lb/>einer Engländerin zu vertreten unternahm,
und schon in<lb/>früheren Fällen habe ich bei verschiedenen Anlässen zu
Ihnen<lb/>in meinen Briefen zu sprechen versucht, um Ihnen Mancherlei<lb/>an
das Herz zu legen, das mir der Beherzigung werth<lb/>erschien. Dann wieder
bin ich bemüht gewesen, manche För-<lb/>derung in der Erziehung und in den
bürgerlichen Verhält-<lb/>nissen für uns zu begehren, und ich habe zu meiner
Genug-<lb/>thuung mich fast immer einer mich ermuthigenden Zustim-<lb/>mung
zu erfreuen gehabt.<lb/>So hat sich denn für mein Gefühl zwischen mir
und<lb/>Ihnen ein feststehendes Verhältniß ausgebildet, eine der
Ver-<lb/>bindungen, die uns antreiben, einander in guten und in
bösen<lb/>Tagen zu nahen, und mit einander von demjenigen Erlebten<lb/>zu
sprechen, das eben in dem betreffenden Augenblick den<lb/>Sinn
beschäftigt.<lb/>Ich weiß nicht, ob es Ihnen so ergeht wie mir, ob
Sie<lb/>in diesem Falle gleich mit mir empfinden? So oft ich im<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0384_377.tif" n="377"/>
<p>- Z7? -<lb/>Leben innerhalb meines Bereiches ein Unheil habe
geschehen<lb/>sehen, oder wenn mir nach meiner Meinung ein Unrecht
wider-<lb/>fahren ist, habe ist immer das Bedürfniß gefühlt, mir
zunächst<lb/>bie Frage vorzulegen: hätte ich dieses Unheil durch
Vorsicht,<lb/>durch die richtige Voraussicht abwenden können? Oder:
was<lb/>habe ich meinerseits verschuldet, daß mir dieses Unrecht
ge-<lb/>schehen konnte? Ich habe dann, wenn es mir gelang, einen<lb/>Fehler
in meinem Verhalten aufzufinden, eine doppelte Be-<lb/>ruhigung gefühlt.
Denn unwerschuldet Unglück zu ertragen,<lb/>ist ja überall, wo man nicht
Naturnothwendigkeiten, wie dem<lb/>Tode zum Beispiel gegenübersteht, noch
härter, als sich einen<lb/>Fehler einzugestehen, den man in Zukunft
vermeiden und<lb/>verbessern kann, während man. dabei die richtige und
noth-<lb/>wendige Folge von Ursache und Wirkung, also etwas Ver-<lb/>nunft-
und Gesetzmäßiges anzuerkennen hat, was immer eine<lb/>Art von Trost
gewährt.<lb/>Wir Alle, das ganze deutsche Volk, ist in den lettten<lb/>Tagen
durch Frevelthaten gegen unseren greisen Kaiser erschreckt<lb/>worden,
welche wir innerhalb unseres Vaterlandes für un-<lb/>möglich gehalten
hatten; und gleichviel ob man sie als ver-<lb/>einzelte Verbrechen einzelner
entsittlichter Menschen oder als<lb/>die Folge unheilvoller Irrlehren
betrachtet, diese Thaten sind<lb/>in unserem Volke erzeugt und geschehen. Es
tritt also zunächst<lb/>mit der Frage: wie ist das möglich geworden? die
andere<lb/>Frage an uns heran: was haben wir gethan oder
unterlassen,<lb/>das solche Thaten möglich machen, das Irrlehren
annehmbar<lb/>machen konnte, vor deren Folgen wir jetzt mit Empörung<lb/>und
Erschrecken dastehen. Und was können wir thun, damit<lb/>es allmählich
wieder besser in unserm Vaterlande werde?<lb/>Denn wo man einem großen
Unglück, einem schweren Scha-<lb/>Aerrra ta r<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0385_378.tif" n="378"/>
<p>==- Z7s -<lb/>gehalten, bleibt dem Menschen, sofern der Schrecken ihn
niehht<lb/>lähmt und ihm die unerläßliche Besinnung raubt, ja gar<lb/>nichts
Anderes übrig, als Hand anzulegen, um das Zerstörte<lb/>aufzubauen, um von
sich abzuwehren, was nicht allein dee<lb/>Untergang eines Einzelnen, sondern
ein allgemeiner Untergang<lb/>sein würde, wenn er es Herr werden ließe über
sich.<lb/>Ich habe es in meinen Briefen gegen Sie zum Deftern<lb/>und habe
es in denselben auch den Männern ausgesvrochen,<lb/>daß nach meiner Meinung
die Frauen vom Staate die gleichen<lb/>Bildungsmöglichkeiten, die gleiche
freie gewerbliche Bethätigung<lb/>wie die Männer zu fordern, daß sie Rechte
an den Staat<lb/>haben, dessen Mitglieder sie sind. Wo man aber Rechte
gewährt<lb/>zu sehen verlangt, hat man auch Pflichten anzuerkennen und
zu<lb/>erfüllen. Und wenn wir die Einen dargelegt haben, müssen<lb/>wir uns
die Andern ebenso klar zu machen und ihnen zu ge-<lb/>nüügen suchen. Denn es
ist gerade der Irrthum derer, deren<lb/>Lehren mit dem Wesen des Staates,
mit der Allgemeinheit<lb/>nicht verträglich sind, daß sie den Besitz der
Rechte weit<lb/>stärker als den Besitz der Pflichten anzuerkennen und zu
be-<lb/>tonen gewohnt sind.<lb/>Daneben müssen wir uns vorhalten, daß der
Staat die<lb/>Gesammtheit der Einzelnen umfaßt, und daß Nichts im
Ganzen<lb/>gut sein kann, was im Einzelnen unvollkommen oder
schlecht<lb/>ist. Der sittliche Werth eines Volkes hängt von dem
sitt-<lb/>lichen Werthe seiner einzelnen Bürger, und ganz gewiß
nicht<lb/>zum geringsten Theile von dem sittlichen Werth der Frauen,<lb/>von
dem ernsten Sinn der Mütter, von der Tüchtigkeit der<lb/>Hausfrauen, von der
Sinnesreinheit der Mädchen, mit einem<lb/>Worte, von dem Geiste ab, den die
Frauen in der Familie<lb/>pflegen. Auf dem tüchtigen Geiste der einzelnen
Familien<lb/>beruht die Tüchtigkeit der Gesammtheit. In der Familie<lb/>wird
die Jugend erzogen oder sollte sie erzogen werden. Aus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0386_379.tif" n="379"/>
<p>=- Z79 -<lb/>ihr werden die Jünglinge und Männer in das Leben und<lb/>an jene
Gesammtarbeit der Einzelnen hinausgeschickt, aus<lb/>welcher sich, wie aus
den kleinen unscheinbaren Stiftchen einer<lb/>Mosaik, das festbestimmte, in
sich abgerundete Bild eines<lb/>wohlgeordneten Staatswesens zusammensetzen
soll. Aus der<lb/>Familie trägt der Einzelne seine Gesittung in das Leben
hin-<lb/>über; und je nachdem er in der Familie es gelernt hat, sich<lb/>den
Geseten und Nothwendigkeiten der Familie unterzuordnen<lb/>und anzupassen,
je nachdem er ein Beispiel verständigen Zu-<lb/>sammenhaltens, verständigen
Befehlens und Gehorchens vor<lb/>Augen gehabt hat, je nachdem wird er sich
in die ihm vor-<lb/>kommenden Verhältnisse einzufügen, wird er verständig
zu<lb/>befehlen und zu gehorsamen verstehen. Ein Mädchen, das
im<lb/>Vaterhause ein nützliches Mitglied gewesen, wird eine gute<lb/>Frau
im Hause ihres Mannes sein. Ein Knabe, der ein ge-<lb/>horsamer Sohn, ein
verträglicher Bruder, ein ordentlicher<lb/>Schüler gewesen, wird
voraussichtlich auch ein guter Bürger<lb/>werden. Die Schule kann viel
leisten und leistet in der That<lb/>auch für die Erziehung der männlichen
Jugend das Mögliche,<lb/>namentlich wenn man berücksichtigt, wie überfüllt
die Klassen<lb/>unserer Schulen meist zu sein pflegen. Aber ohne die
unaus-<lb/>gesetzte Mitwirkung der häuslichen Erziehung vermag auch<lb/>die
Schule ihre Aufgabe nicht zu erfüllen.<lb/>Das Alles ist oft genug gesagt,
es sind alte im Grunde<lb/>von Niemand bestrittene Wahrheiten. Sie sind so
feststehend<lb/>wie die Lehre, daß eins und eins zwei machen, und daß
man<lb/>drei von zwei nicht abziehen kann. Jedermann weiß das,<lb/>jedes
zehnjährige Kind würde lachen, wenn man ihm dieses<lb/>als eine neue
besondere Lehre verkünden wollte; und doch<lb/>hätten es manche Erwachsene,
manche Familien in den letzten<lb/>Jahren recht nöthig gehabt, an diese
Grundlehren erinnert zu<lb/>werden und sich nach ihnen einzurichten. Indeß
zwischen dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0387_380.tif" n="380"/>
<p>- ZZZl -<lb/>Erkennen einer Wahrheit und dem Thun und Handeln nach<lb/>dieser
Erkenntniß ist oft ein großer Unterschied.<lb/>Dazu ergeht es den Völkern
wie den Familien und wie<lb/>jedem Einzelnen. Sie sind geneigt, nach großen
Anstrengungen,<lb/>nach großen Erfolgen, in müder Zufriedenheit, in gutem,
wohl-<lb/>berechtigtem Glauben an sich selbst die Hände in den Schoß<lb/>zu
legen, um in sorgloser Ruhe sich des Gethanen, des Er<lb/>worbenen zu
erfreuen. Sie vergessen, daß es leichter ist, im<lb/>Drange begeisterter
Leidenschaft einen Sieg zu erringen, als<lb/>sich dauernd auf der Höhe der
Kraft, der Tüchtigkeit und der<lb/>Begeisterung zu erhalten, in welcher man
die That vollbrachte.<lb/>Sie beherzigen in solchen Tagen nicht, daß
geistiger Besitz,<lb/>geistiges Kapital, eben so wie jeder andere Besitz
sorgfältig ge-<lb/>hütet, sorgfältig gepflegt und vermehrt werden müssen,
wenn sie<lb/>sich nicht vermindern sollen, und daß selbst ein großer
Besitz<lb/>und großes Vermögen durch Sorglosigkeit und Leichtsinn
ver-.<lb/>loren werden, daß Völker wie Einzelne an Werth
herunter-<lb/>kommen und zu Grunde gehen können.<lb/>Ihre Familie vor
solchem Herunterkommen an Wohlstand<lb/>zu bewahren, sieht jeder
einigermaßen verständige Vater, sieht<lb/>jede solche Hausfrau als ihre
Pflicht an. Ihre Familie vor<lb/>geistigem Herunterkommen, vor Verwilderung
zu bewahren,<lb/>Zucht, Gesittung, Gehorsam, Ordnung innerhalb
derselben<lb/>aufrecht zu erhalten ist aber erst recht eine ernste Pflicht;
und<lb/>wenn wir es jettt leider zum öfteren in den Zeitungen
lesen<lb/>müssen, wie schon von Kindern aus dem Volke häufig
schwere<lb/>Verbrechen begangen werden, wenn wir es eben jetzt
erfahren<lb/>haben, daß man selbst Kinder der sogenannten
gebildeten<lb/>Stände wegen unehrerbietiger Aeußerungen gegen das
Ober-<lb/>haupt des Staates zur Rechenschaft zu ziehen hatte, so ist
es<lb/>sicher geboten, daß wir darüber ernstlich mit uns selbst zu<lb/>Rathe
gehen; daß wir darüber nachdenken, in wieweit das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0388_381.tif" n="381"/>
<p>= Zß -<lb/>Leben innerhalb der Familien Schuld trägt an dem jett
plötz-<lb/>lich an das Tageslicht tretenden, uns erschreckenden
Unheil;<lb/>daß wir uns überlegen, was die Eltern gethan und
unter-<lb/>lassen haben, solche Anmaßung und Zuchtlosigkeit in den
Kin-<lb/>dern möglich zu machen? Was gethan und verabsäumt wor-<lb/>den ist,
zwischen den mehr und weniger Besitzenden jene Kluft<lb/>sich aufthun zu
lassen, in welcher das Nebelwollen und die<lb/>Abneigung der Unbemittelten
gegen die Bemittelten wie ein<lb/>giftiges Unkraut aus dunkler, unermessener
Tiefe emporge-<lb/>wachsen und zu einer bedenklichen Höhe aufgeschossen
ist?<lb/>Solche Wucherpflanze kann man nicht mit einem Tritt
ver-<lb/>tilgen, auch nicht mit einem Male ausroden, selbst mit
ver-<lb/>einten Kräften nicht. Der Boden muß aufgerissen,
umgepflügt,<lb/>den Wurzeln des Unkrauts muß beigekommen und reine,
ge-<lb/>sunde, gute Frucht versprechende Saat muß eingestreut werden<lb/>in
den gereinigten und erneuten Boden. Das ist nicht von<lb/>heute auf morgen
zu leisten, das fordert Zeit, Hingebung und<lb/>stille geduldige Arbeit,
welche nicht gleich auf der Oberfläche<lb/>sichtbar, die nicht verzeichnet
wird mit goldenen Lettern in den<lb/>Tafeln der Geschichte, und die doch
gethan werden muß, weil<lb/>schon unsere Selbsterhaltung sie
erfordert.<lb/>Geschehenes kann man so wenig ungeschehen machen, als<lb/>man
sich zurückverseten, sich zurückleben machen kann in Tage<lb/>und in
Zustände, die eben vergangen sind und bleiben. Wir<lb/>haben mit den
Bedingungen der jetzigen Zeit zu rechnen, unter<lb/>ihren Bedingungen das
Nothwendige zu leisten. Wir müssen<lb/>uns fragen: sind wir innerhalb ihrer
Grenzen auf dem rechten<lb/>Wege? Und scheint es uns, daß dies nicht der
Fall ist, so<lb/>müssen wir es machen, wie jeder Wanderer, der von
dent<lb/>richtigen Pfade abgekommen ist.<lb/>Wir müssen innehalten und uns
umschauen. Wir müssen<lb/>uns fragen: wie kamen wir auf diesen Irrweg und
wohin<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0389_382.tif" n="382"/>
<p>- ZZZZ -<lb/>wollen wir gelangen? Wir müssen uns besinnen, wie es aa<lb/>dem
Punkte aussah, von dem wir ausgegangen sind, uns<lb/>fragen: wie möchten wir
es finden an jenem andern, den wir<lb/>zu erreichen wünschen?<lb/>Ich für
mein Theil kann weit zurücksehen in die Ver<lb/>gangenheit. Von mehr als
zwei Menschenaltern habe ich ein<lb/>deutliches Erinnern an persönliche und
an allgemeine Zustände,<lb/>an das Familienleben und an die großen
Ereignisse der Zeit.<lb/>Ich habe die Erinnerungen einer Hausfrau und
zugleich die<lb/>einer Schriftstellerin, die seit fast vierzig Jahren, mit
Guten<lb/>vereint, bei vielfachem Irren und unter wechselnden
Ansichten<lb/>bemüht gewesen ist, das Gute, das Wahre und das Schsne<lb/>in
ihrem Kreise und in dem Vaterlande fördern zu helfen,<lb/>so weit ihre
Einsicht und ihr Können es ihr möglich machten.<lb/>Es war nicht Alles gut
vordem. Vieles ist besser gewor-<lb/>den, als es war. Vieles war aber auch
besser, als es jetzt ist.<lb/>Vielleicht gelingt es mir, mich mit Ihnen
darüber zu verstän-<lb/>digen, was wir aus der Vergangenheit in die Zukunft
hinüber<lb/>zu nehmen haben, wenn dieselbe bewahrt bleiben soll vor
Er-<lb/>eignissen, wie wir sie jetzt erleben mußten, wenn wir das
Lob<lb/>verdienen wollen: ,ein großes Volk und auch ein gutes Volk<lb/>zu
sein.<lb/>Sie denken vielleicht: ,nun kommen die Lobpreisungen<lb/>der
vergangenen Zeiten, welche die Alten uns immer aufzus<lb/>tischen
pflegen''.<lb/>Sie irren jedoch, wenn sie glauben, daß ich die
mannichs<lb/>fachen Fortschritte nicht gewahrte, welche in unserer Zeit
gee<lb/>macht worden sind, daß ich die veränderten
Lebensbedingungen<lb/>nicht würdigte, welche eben durch diese Fortschritte
sich heraus-<lb/>gebildet haben, oder daß ich wähnte, man könne rückwärts
leben.<lb/>Das Todte wird nicht lebendig, wie sehr wir's auch
ersehnen,<lb/>und was man aus der Vergangenheit auch nachahmend
wieder<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0390_383.tif" n="383"/>
<p>== ZsZ -<lb/>herzustellen versucht, es wird in der Gegenwart nicht
wieder<lb/>dasjenige sein können, was es vordem gewesen ist.<lb/>Der Zustand
der Menschheit ist in vielem Betrachte ein<lb/>anderer, ein besserer
geworden als vor hundert Jahren. Die<lb/>Macht des Absolutismus ist
gebrochen, die Sklaverei, die Leib-<lb/>eigenschaft, die Hörigkeit sind
aufgehoben. Die Gleichheit<lb/>der Menschen vor dem Gesetz ist anerkannt,
und in Folge<lb/>der außerordentlichen Erfindungen der neuen Zeit hat
das<lb/>Wohlleben der Menschen sich durchwegs sehr bedeutend
gehoben.<lb/>Dank diesen Erfindungen, Dank den Maßnahmen der<lb/>jetigen
Regierungen können Pest und Huungersnoth die civili-<lb/>sirten Länder nicht
mehr in dem Grade verwüsten, wie in<lb/>früheren Zeiten. Selbst der Krieg
ist menschlicher geworden,<lb/>trotz der furchtbarer gewordenen
Zerstörungsmittel; und das<lb/>Gemeingefühl der gesitteten Menschen ist dem
Kriege zwischen<lb/>den Kulturvölkern entschieden abgeneigt. Dem Taglöhner,
der<lb/>jett fern von seiner Wohnung in den großen Städten seiner<lb/>Arbeit
nachgeht, erspart die Eisenbahn die Mühe des Weges.<lb/>Der Handwerkobursche
legt seine Wanderschaft zum großen<lb/>Theile auf ihren Schienen zurück. Er
ist besser daran als<lb/>dereinst sein Großvater, der mit wundgelaufenen
Füßen die<lb/>langen Meilen zu durchmessen hatte. Er ist nicht wie
Jener<lb/>an die Scholle gebunden, er ist besser unterrichtet als Jener
es<lb/>gewesen. Was er erlernt in der Schule wie in der
Werkstatt,<lb/>erlernt er in gesunderen Räumen, in erleichternder
Weise.<lb/>In seinem ärmlichen Vaterhause, in der Hütte des
Land-<lb/>mannes, die ihm bei seinen Wanderungen gelegentlich ein<lb/>bdach
bietet, leuchtet ihm ßgst immer der Petroleumlampe<lb/>heller Schein, statt
des früheren Kienspans, oder statt der<lb/>elenden Unschlittkerze, bei deren
matten Lichte wir, selbst in<lb/>rR. Da<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0391_384.tif" n="384"/>
<p>= ZZg. -<lb/>zu machen hatten. Vieles, was früher als ein seltener
Genuß<lb/>erschien, ist den Menschen zum täglichen Bedürfniß
geworden.<lb/>Neberkommt ihn Krankheit, so findet der Unbemittelte jettt
in<lb/>den Krankenhäusern eine ganz andere Pflege als vordem, denn<lb/>sie
sind mit einer Sorgfalt eingerichtet, von welcher die Vor-<lb/>zeit keine
Ahnung hatte. Eine Menge schwerer, kraftverzehrender<lb/>Arbeit nimmt dem
Arbeiter die Maschine ab; und was die<lb/>Forschungen der Gelehrten, die
Fortschritte in den Wissen<lb/>schaften und die auf denselben beruhenden
Entdeckungen und<lb/>Erfindungen in den letzten hundert, den letzten fünfzig
Jahren<lb/>für die Menschheit geleistet haben, das hat selbst Papst Leo
KÜ.<lb/>als Bischof von Perugia in seinen geistreichen
Hirtenbgiefen,<lb/>wie ich Ihnen mitgetheilt, mit poetischem Schwunge
gepriesen.<lb/>Er bezeichnet es geradezu als etwas Göttliches, daß der
Mensch<lb/>dem Dampf gebietet, ihm seine Flügel zu leihen; daß er
den<lb/>Blitz zwingt, sein Bote zu werden von einem Welttheil zu
dem<lb/>andern; daß er es Licht werden läßt in der nächtigen
Dunkel-<lb/>heit der Häuser, der Städte, der Heerstraßen. Aber -
zufrie-<lb/>dener sind die Menschen nicht dadurch geworden. Im
Gegentheil!<lb/>Zum Theil gerade durch die hülfreichen
Erfindungen,<lb/>welche jetzt dem Unbemittelten zur Gewohnheit gemacht
haben,<lb/>was früher dem Reichsten und Mächtigsten nicht
erreichbar<lb/>war, ist der Sinn der Menschen unruhig geworden, und
nur<lb/>in den seltensten Fällen arbeitet die Erziehung diesem
ge-<lb/>fährlichen Hange entgegen. Schnell wie der Dampfwagen
die<lb/>Menschen von einer Station zu der anderen führt, fliegen sie<lb/>von
Wunsch zu Wunsch, von Begehren zu Begehren, ohne in<lb/>nachdenkender Rast
des Erreichten froh zu werden. Und selbst<lb/>zugegeben, daß in diesem
rastlos vorwärtsstrebenden Begehren<lb/>sich eine Kraft ausspricht, so fragt
es sich doch, welche Ziele<lb/>diese Kraft sich steckt und mit welchen
Mitteln sie dieselben zu<lb/>erreichen trachtet.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0392_385.tif" n="385"/>
<p>==- Z8J -<lb/>Eben in dem verschiedenen Ziele aber, das sie im
Auge<lb/>hatten und haben, liegt der Unterschied zwischen der
Ver-<lb/>gangenheit und unserer Zeit, und darin war sie der
Gegenwart<lb/>sittlich überlegen, denn ihr Ziel war ein würdigeres.
Sie<lb/>war idealistisch und glaubensvoll. Ich brauche absichtlich
das<lb/>Wort glaubensvoll, nicht gläubig. Unsere Zeit ist
materia-<lb/>listisch und glaubenslos, allein auf das forschende
Erkennen,<lb/>auf den raschen, sinnlichen Genuß gerichtet. Die
Hinwendung<lb/>zur Forschung ist eine folgerichtige Entwickelung des
früheren<lb/>Glaubens, und es ist Großes durch sie geleistet worden.
Indeß<lb/>welchen Einfluß die kritisch forschende Richtung unserer
Zeit,<lb/>die Alles und Jedes, auch die Empfindung, dem
prüfenden<lb/>Urtheil des Verstandes unterwerfen muß, die nicht
anerkennen<lb/>kann, was nicht zu wägen, zu messen, zu begreifen ist,
welchen<lb/>Einfluß der Materialismus auf die Erziehung der Jugend,<lb/>auf
den Zusammmenhang der Menschen hat, die unter ver-<lb/>schiedenen
Bedingungen neben- und miteinander zu leben haben,<lb/>und wie weit diese
zersetzende Kritik dem Bedürfniß all jener<lb/>Hunderttausende von Menschen
begegnet, deren Natur und<lb/>Neigung sie zum Glauben, zu einem Jdealen
hinzieht, das ist<lb/>gewiß der ernsten Erwägung werth.<lb/>Das Erziehen des
einzelnen Menschen wie die Erziehung<lb/>der Menschen im Allgemeinen ist
eine Kunst, die ein erken-<lb/>nendes Sondern, d. h. ein genaues
Individualisiren fordert.<lb/>Man darf nicht jedem Alter, nicht jeder Natur
das Gleiche<lb/>bieten, wenn man ihnen gerecht und fördersam werden
will.<lb/>Man darf dem Kinde, dem Unwissenden, den Sprengstoff<lb/>nicht in
die Hand geben, mit welchem man den Erfahrenen,<lb/>den Unterrichteten
experimentiren läßt. Es leben Millionen<lb/>von Menschen auf der Erde und
unter uns, denen nach<lb/>der Natur ihres geistigen Auges nicht wohl werden
kann in<lb/>dem scharfen Lichte, in welchem der sorschende Denker sich
be-<lb/>F. Le wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0393_386.tif" n="386"/>
<p>==- 8 -<lb/>hagt, in der schrankenlosen Unendlichkeit, in welcher er,
ohne<lb/>sich haltlos zu fühlen, sich bescheidet zu leben, zu
vergehen,<lb/>sich aufzulösen in das All, dessen Unendlichkeit er zu
denke<lb/>vermag und das ihm deshalb nie Eutsetzen einflößt.
,äines<lb/>schickt sich nicht für Alle!'k und ohne idealistisches
Glauben<lb/>kann und darf man die Jugend nicht erziehen. Kein
Gärtner<lb/>setzt den Steckling dem scharfen Sonnenlichte aus.<lb/>Man hat
uns Deutsche lange Zeiten hindurch Idealisten<lb/>genannt, hat den Ausdruck
gelegentlich wie eine Art von Spott<lb/>gegen uns gebraucht, und wie weiland
die Geusen haben wir,<lb/>wir wußten wohl weshalb, diesen Namen als
Ehrennamen auf<lb/>uns genommen. Ein Jdealist, welcher die Erreichung
eines<lb/>sittlichen Jdeals innerhalb der Wirklichkeit für möglich
hält<lb/>und anstrebt, ist kein Phantast. Er ist auch kein
Träuuummer,<lb/>sofern er damit beginnt, die Verwirklichung seines Ideals
zu-<lb/>nächst in strenger Selbsterziehung und sich bescheidender
Selbst-<lb/>verleugnung gegenüber dem Allgemeinen zu versuchen.
Phan-<lb/>tasten und Träumer sind weit eher jene Materialisten,
welche<lb/>von einer durch keine sittlichidealen Gedanken in
strenger<lb/>Gesetzlichkeit zusammengehaltenen Gesellschaft die
Befriedigung<lb/>ihrer persönlichen Wünsche erhoffen, und aus einer
Allgemein-<lb/>heit, in welcher Jeder sich selbst der höchste Zweck ist,
das<lb/>Wohlbefinden jedes Einzelnen gefördert zu finden
erwarten.<lb/>Jdealisten, die von sich abzusehen, sich einem Allgemeinen
in<lb/>freiwilliger, gesetzlicher Dienstbarkeit unterzuordnen
vermögen,<lb/>sind zufrieden zu stellen. Materialisten können niemals
zufrie-<lb/>den sein, weil ihre Ansprüche sich unablässig erneuern
und<lb/>steigern müssen, so lange die Kraft eines weiteren
Begehrens<lb/>ihnen innewohnt. Genießen wollen die Einen wie die
Andern<lb/>-- nur daß das Was und das Wie sehr verschieden in
ihrer<lb/>Wirkung auf sie selbst und Andere sind.<lb/>Unsere Eltern waren
zum weitaus größten Theile Jdealisten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0394_387.tif" n="387"/>
<p>=- Zß? ==<lb/>und zugleich gottgläubig. Sie erzogen uns deshalb,
bewußt<lb/>und unbewußt, zum Jdealismus und zum Glauben, selbst in<lb/>den
Fällen, in welchen nicht von einem Glauben an die<lb/>Dogmen des
Christenthums oder einer anderen geoffenbarten<lb/>Religion die Rede sein
konnte, und das war ein großer Segen.<lb/>Denn das Kind und der Mensch im
Allgemeinen haben feste,<lb/>bestimmte, haben personifizirte Vorstellungen
nöthig, so lange<lb/>und überall, wo das Gefühl und die Phantasie in
ihnen<lb/>mächtiger sind als der Verstand.<lb/>Wie die Menschheit in ihrer
fortschreitenden Entwickelung<lb/>das Bild des einzelnen Menschenlebens vor
uns aufstellt, so<lb/>wiederholt sich in der Entwickelung und wachsenden
Erkennt-<lb/>niß jedes einzelnen Menschen der Gang, den die
Menschheit<lb/>gegangen ist; nur daß der Einzelne für sich in unserer
Zeit<lb/>in kurzen Jahren den Weg- durchmißt, den zurückzulegen
die<lb/>Menschheit lange Jahrhunderte gebrauchte. Und da überall<lb/>eine
der ersten Fragen aller Menschenkinder, sobald sie zu den-<lb/>ken beginnen,
auf den Ursprung der Dinge gerichtet ist, so<lb/>wurde dieselbe von unseren
Eltern mit dem Hinweis auf<lb/>einen Schöpfer des Himmels und der Erde, auf
den persön-<lb/>lichen Gott, beantwortet. Damit wurde dem Kinde der
Glaube<lb/>an ein höheres Wesen in die Brust gesenkt, der Glaube an<lb/>ein
Wesen, das größer, mächtiger, vollkommener war, als das<lb/>Kind; an ein
Wesen, das selbst über die Eltern Gewalt hatte,<lb/>wie diese über das Kind;
an ein Wesen, zu dem man, der<lb/>Erhörung sicher, beten konnte für Alle,
die man liebte, wie<lb/>für sich selbst, sofern man es mit reinem Herzen
that. Frage<lb/>ich aber heute meine Erinnerungen, die ich keine Pietistin
oder<lb/>gläubige Frau geworden bin, so war das ein sehr beglücken-<lb/>des,
unser Dasein heiligendes Gefühl. Es ist auch eine
außer-<lb/>rr:<lb/>B<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0395_388.tif" n="388"/>
<p>-=- Zßss --<lb/>in sich selber - und wie viele sogenannte fertige Frauen
und<lb/>Männer haben dies Beruhen in sich? - an einen Gott zu<lb/>denken,
der in das Verborgenste des Herzens sieht, der nicht<lb/>nur die That,
sondern auch den Gedanken kennt und richtet,<lb/>der in der Stimme des
Gewissens zu dem Menschen spricht,<lb/>der, wenn auch erst in der fernsten
Zeit, am Ende der Tage<lb/>lohnt und straft. Der Glaube an einen
persönlichen Gott,<lb/>ich stehe nicht an, dies auszusprechen, ist für
denjenigen,<lb/>der ihn in sich lebendig fühlt, ein großes Glück. Denn
wie<lb/>einst Schiller um die entthronten Götter Griechenlands
geklagt<lb/>hat, hat sicherlich mancher der unter uns Lebenden in
banger<lb/>Stunde gepreßten Herzens und mit Sehnsucht der Zeit
gedacht,<lb/>in welcher er noch gläubig sein Auge zum Himmel aufhob,<lb/>und
hat es in seiner Schwäche bedauert, daß er nicht mehr<lb/>vermochte es zu
thun, daß ihm die Welt, in der er lebt, nicht<lb/>mehr als Gottes Werk
erschien, daß er allein auf sich und seine'<lb/>ihm versagende Kraft und
Selbsthülfe gewiesen war. Man<lb/>kann nicht wieder glauben lernen, wenn man
aufgehört hat,<lb/>es zu thun; der in sich beruhende kraftvolle Mensch wird
auch<lb/>nicht danach verlangen. Aber auch nur dieser nicht! und es<lb/>ist
in meinen Augen in der That ein Frevel, dem Menschen<lb/>zu rauben, was ihm
dienet, ihn stütt; und was wir<lb/>ihm nicht wiedergeben können, wenn ihn
doch einmal danach<lb/>verlangt.<lb/>Wir Kinder aber wurden zu unserer Zeit
recht eigentlich,<lb/>um Schiller's Ausdruck zu gebrauchen: ,erzogen in der
Furcht<lb/>des Herrn!! und, ich wiederhole es, das war ein Segen und<lb/>ein
Glück, für welche der Hinweis auf den Urbrei und auf<lb/>die Monade und die
Zelle dem Herzen und der Phantasie<lb/>des Kindes, der Natur von Tausenden
von Menschen nicht<lb/>den entferntesten Ersatz zu bieten vermögen. Wer das
ver-<lb/>kennt, der kennt die Natur des Kindes nicht; der hat auch<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0396_389.tif" n="389"/>
<p>=- ZZß -<lb/>bie Natur des Menschen nicht unparteiisch und nicht
vielseitig<lb/>genug betrachtet.<lb/>Trat dann im Verlauf der Tage an gar
Viele der Zweifel<lb/>unabweislich heran, zerstörte er mit unwiderstehlicher
Kraft den<lb/>Glauben, der sie bis dahin beglückt, so war doch die
Sehnsucht<lb/>nach etwas Höherem als dem bloßen äußern Genuß in
den<lb/>Seelen erweckt worden, und sie blieb lebendig in denselben.<lb/>Man
hatte das Glück des liebenden Verehrens kennen lernen.<lb/>Man hatte in den
meisten Fällen das Bild eines göttlichen,<lb/>eines Jdeal-Menschen in sich
aufgenommen. Man hatte in<lb/>der Gestalt des Heilandes, der sein Leben
hingegeben für<lb/>seine Neberzeugung, für die Erlösung der Menschheit aus
den<lb/>Banden des Heidenthums, ein erhabenes Vorbild gewonnen.<lb/>Mit
einem Worte, man hatte die großen Gedanken des<lb/>Christenthums verkünden
hören, man war zu einem Idealen<lb/>hingeleitet worden, und dies eben ist
die Hauptsache in der<lb/>Erziehung des Menschen, das Hauptmittel zur
Erhebung des<lb/>Einzelnen aus der ihn verwildernden Selbstsucht; und
eben<lb/>dadurch auch das Mittel zu der jede Glückesmöglichkeit
be-<lb/>dingenden Versittlichung der Menschheit überhaupt.<lb/>Es ist ein
gewaltiger Unterschied zwischen dem idealistischen<lb/>Gebot: liebe Deinen
Nächsten wie Dich selbst!- und jenen<lb/>Geseten, die wir in der Natur sich
bethätigen sehen. In<lb/>dem Kampf um das Dasein ist keine Liebe, keine
versittlichende<lb/>Kraft verborgen. Die Annahme, daß man mit dem
Unter-<lb/>richt in den Naturwissenschaften den Menschen, oder sagen<lb/>wir
zunächst das Kind und die Jugend, zu jenem selbstlosen<lb/>Adel der
Gesinnung heranbilden könne, den die Grundsätze<lb/>der christlichen
Morallehre und die großen Beispiele von<lb/>Vaterlandsliebe, von
persönlicher Aufopferung, denen man in<lb/>LTRaU=== =-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0397_390.tif" n="390"/>
<p>-- Z( -<lb/>Voltaire hat es ausgesprochen, daß man zum Heil de<lb/>Menschheit
einen Gott erfinden müsse, wenn es keinen gäbe.<lb/>Börne ist der Ansicht,
daß es dem Menschen heilsam se,<lb/>wenn er, wie ich es vorhin angedeutet
habe, in sich den<lb/>ganzen Weg zurücklegt, auf welchem die Menschheit
vom<lb/>Glauben zum Forschen, zum annähernden Erkennen fortge-<lb/>schritten
ist; und ein gelehrter Engländer, der Director dee<lb/>Geological Society,
antwortete mir einmal auf meine Frage,<lb/>wie er es vermöge, bei seinem
Wissen von den Dingen den<lb/>Namen Gottes fortdauernd als Urquell der Dinge
zu gs-<lb/>brauchen, wie ich schon erwähnt zu haben glaube: ,All
unser<lb/>Wissen ist ein tastendes Suchen. Wohin wir kommen, wie
weit<lb/>wir vordringen, immer stoßen wir auf ein letztes Geheigniß,<lb/>auf
eine letzte unerkennbare Ursache und Kraft, und diese letzte<lb/>Ursache,
die nenne ich Gott !?<lb/>Gewiß, wir dürfen der Jugend, deren Erziehung
uns<lb/>anwertraut ist, die Stütze nicht entziehen, deren Kraft
und<lb/>Segen wir an uns erprobt haben. Wir sollen ihr auch die<lb/>Mühe des
eigenen Suchens und Erkennens, die Geistesarbeit<lb/>nicht ersparen, die wir
auf dem Wege vom Glauben zum<lb/>erkennenwollenden Denken, zum annehmenden
Wissen für uns<lb/>fruchtbringend gefunden haben. Das Glauben und
das<lb/>Prüfen sind beide die Bedingnisse gewisser Naturanlagen,
und<lb/>alle Erziehung, aller Unterricht haben, wie mich dünkt,
zunächst<lb/>die Aufgabe, jedem Menschen die Mittel in die Hand
zu<lb/>geben, mit denen gerade er sich im Leben innerhalb
seiner<lb/>Naturbestimmtheit selber fortzuhelfen und zurechtzuseten fähig
ist<lb/>Die Erziehung kann, nach meiner sesten Neberzeugungs<lb/>für ein
Volk nichts Besseres thun, als des Volkes Zugend in<lb/>gottgläubigem
Jdealismus, in der Moral des Christenthums<lb/>zu erziehen. Was der reife
Mensch dann aus sich macht,<lb/>das hat er selber zu vertreten. Jedenfalls
wird es ihm<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 30</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0398_391.tif" n="391"/>
<p>-=- Zßh -=<lb/>frommen, wenn er an das Leben so idealistisch
herantritt,<lb/>wie wir in unserer Zeit: beseelt von einer bisweilen
vielleicht<lb/>überspannten Sehnsucht nach einer Befriedigung des
Herzens<lb/>und des Geistes, die für uns nicht an äußeren Besitz
ge-<lb/>bunden war, und so bescheiden in unseren Ansprüchen an<lb/>biesen
äußeren Besitz, daß kein Mehrbesiz der Anderen<lb/>unseren Neid erregen
konnte. Wir waren stolz darauf, be-<lb/>bürfnißlos zu sein. Frühzeitig hatte
man es uns als ersten<lb/>Grundsatz hingestellt, daß nur derjenige wahrhaft
frei sei, der<lb/>sich selbst beherrsche und nicht abhängig sei von
zufälligem<lb/>Besitz. Immer und immer wieder hörten wir es sagen,
wer<lb/>nicht im Leinwandrock und am weißen hölzernen Tische eben<lb/>so
groß denken, eben so zufrieden,sein kann als auf<lb/>Teppichen und in
Brokat, der ist eine niedrige Natur.<lb/>Darin lag eine Art von
Nebertreibung, und doch hob es<lb/>uns und war groß und schön. Die ganze
Erziehung war<lb/>ernst und streng. Ist sie das noch heute? Fragen Sie
sich<lb/>einmal ernsthaft dies selbst!<lb/>Dreißiger Gries.<lb/>Kn die
deutschen Krauen.<lb/>BergischGladbach, August 178.<lb/>Eine ganze Reihe von
Tagen liegt zwischen meinem<lb/>vorigen und diesem Brief. Ich habe Ragaz
verlassen, ein paar<lb/>Tage in dem schönen, romantischen Inselhotel am See
in<lb/>Constanz verweilt, die neue Schwarzwaldbahn kennen lernen,<lb/>und
mich nach dreizehn Monate währender Entfernung wieder<lb/>auf deutschem
Grund und Boden zu Hause gefühlt. In<lb/>Heidelberg bin ich wieder gewesen,
habe römische Bekannte,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0399_392.tif" n="392"/>
<p>= ZF -<lb/>die Familie des Baron Berus in dem alten und schönen
Stif<lb/>Neuburg besucht, das um seiner GoetheErinnerungen willen<lb/>an
sich eine Reise verlohnte; habe Köln in seinem blühenden<lb/>Wachsthum
angestaunt, und bin dann hierher gegangen in<lb/>das stattliche Haus einer
Freundin, um mit ihr liebe römische<lb/>Erinnerungen zu genießen. Aber
zunächst nehme ich doch den<lb/>Briefwechsel mit Ihnen wieder auf, weil die
Sache, die wir<lb/>durchsprochen haben, mir sehr am Herzen liegt.<lb/>Ich
hoffe fest, weil ich es wünsche, daß Sie mit mir<lb/>einverstanden sind über
den religiösen und idealistischen Anhalt,<lb/>welchen wir der uns
anvertrauten Jugend zu bieten verpflichtet<lb/>sind, und ich rechne zu
dieser Jugend nicht allein die Kinder<lb/>des Hauses, sondern, sofern sie in
unsern Häusern leben, auch<lb/>die jungen Männer und Frauenzimnner, die wir
als Dienende<lb/>neben uns haben. Dazu ist es aber nöthig, daß wir
uns<lb/>einmal in unsern Häusern und Familien, in denen der
Be-<lb/>mittelten wie der Unbemittelten, umsehen. Und da ich dies<lb/>thue
und Ihnen schildern möchte, wie es vielfach unter uns<lb/>aussieht und wie
es früher war, fällt mir ein, daß ich das<lb/>Erstere sehr wohl mit dem
Ausspruch eines deutschen Schweizers<lb/>thun kann, der, ohne dabei an uns
zu denken, das Wesen<lb/>unserer Zeit im Allgemeinen
charakterisirt.<lb/>Karl Hilty, er ist Professor an der Universität in
Bern,<lb/>sagt in der Einleitung zu seinen ganz neuerdings
erschienenen<lb/>geistreichen ,Vorlesungen über die Geschichte der
Helvetik'<lb/>,Der Verkehr unter den Menschen ist vielfach gänzlich
fiktiv;<lb/>ein großer Theil dessen, was unter ihnen gesprochen wird,
ist<lb/>nicht eigentlich im Ernst gesprochen, ja, bei Vielen besteht
das<lb/>ganze Leben in solchem gewohnheitsmäßigen Reden ohne Ernst<lb/>und
Konsequenz eines Handelns danach. Beinahe alle mensch-<lb/>lichen
Verhältnisse sind unstet und zum Theil falsch geworden.<lb/>Täglich
wechselnde Diener, eher Feinde im Hause statt Freunde<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0400_393.tif" n="393"/>
<p>==- Z9Z -<lb/>und Gehülfen. Innerlich unfeste Ehen; in Gasthöfen und
auf<lb/>beständiger Wanderschaft lebende ganze Familien, ein
eigent-<lb/>liches modernes Nomadenthum. Große Klassen
sogenannter<lb/>Gebildeter, die blos beschäftigt sind, zu verzehren, was
Andere<lb/>vor ihnen sammelten, und die sogar darin des Lebens Werth<lb/>und
eine höhere gesellschaftliche Stufe erblicken. Andere<lb/>Klassen dicht
daneben, denen es nicht gelingen will, mit aller<lb/>Anstrengung des Geistes
und des Körpers sich ein menschen-<lb/>würdiges Dasein zu gründen. Reisende
Kinder, die eigentlich<lb/>kein Elternhaus, keine Heimat und keinen
Lebenszweck mehr<lb/>kennen, oder solche, die in Fabriken aufwachsen und von
früher<lb/>Jugend an ihren eigenen Eltern Kostgelder bezahlen. Es
muß<lb/>aus dieser Zersplitterung der menschlichen Verhältnisse
aber-<lb/>mals, wie vor 100 Jahren, eine neuere bessere
Weltordnung<lb/>aufgehen, in welcher der Mensch sich in Verbindung mit
dem<lb/>Menschen fühlt, in der er in natürlichen Kreisen und
unter<lb/>natürlichen Vorgesetzten lebt, die er liebt und denen er
von<lb/>Herzen Verehrung zollt. Denn einen festen Kreis um sich
zu<lb/>haben, den man liebt und von dem man sich geliebt fühlt,<lb/>das ist
ein ursprüngliches, durch nichts Anderes zu ersetzendes<lb/>Verlangen der
Menschennatur. Freilich müssen dazu die Lügen<lb/>in erster Linie fort aus
der Welt. Aber dann müssen auch<lb/>die Wahrheiten sich wieder konstituiren.
Die Reformation im<lb/>1S. und die französische Revolution des 1.
Jahrhunderts<lb/>stellten sich beide Ziele, aber sie haben bloß das erste,
die Zer-<lb/>störung der Lüge, zum Theil erreicht, nicht aber die
Herstellung<lb/>der Wahrheit. Die Aufgabe, einen echt menschenwürdigen
und<lb/>deshalb allgemein anerkannten und gegliederten Staat
und<lb/>gleichzeitig eine geistesfrische Religion auf den
Trümmern<lb/>vieles unwiderbringlich Vergangenen wieder aufzubauen,
ist<lb/>Drrtr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0401_394.tif" n="394"/>
<p>==- Wßg -=-<lb/>Revolution haben die Völker frei gemacht. Die
Neberzeugung<lb/>aber haben sie ihnen fortan unauslöschlich eingeprägt, daß
sie<lb/>zur Freiheit berufen sind.<lb/>So weit Karl Hilty, Er bezeichnet in
seinem ernsthaften,<lb/>zuversichtlichen, auf die Möglichkeit besserer
Zustände ver-<lb/>trauenden Jdealismus das Grundübel unserer Zeit klar
genug.<lb/>Obschon sein Werk nur einen kurzen Abschnitt aus der
Ge-<lb/>schichte seines Vaterlandes behandelt, trifft er, weil er ein
um-<lb/>fassender Geist ist, in der Darstellung des Allgemeinen
immer<lb/>zugleich das Besondere. Auch wir dürfen es uns durchaus<lb/>nicht
leugnen, auch bei uns ist es gar Vielen kein rechter Ernst<lb/>mit einer
verständig in sich zusammenhängenden, auf ein<lb/>würdiges Ziel gerichteten
Lebensführung, welche, indem sie sich<lb/>selber fördert, zugleich an die
Förderung jener Anderen denkt,<lb/>für die wir mittelbar und unmittelbar zu
sorgen und einzu-<lb/>stehen haben.<lb/>Im Großen und Ganzen meinen die
Menschen und meinen<lb/>die Frauen im Besonderen es gut. Sie sind weit
entfernt<lb/>von der nackten Selbstsucht, in welcher unsere Vorfahren
das<lb/>harte Sprichwort: ,Jeder für sich und Gott für uns
Allerr<lb/>erfanden. Sie denken auch nicht wie die leichtsinnige
franzö-<lb/>sische Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts: ,Nach uns
die<lb/>Sündfluth!?! Im Gegentheil! Sie wollen das Gute, vieles<lb/>Gute,
aber sie möchten gern, daß sich das Gute und das Ver-<lb/>nünftige
beiläufig, so leicht und so beguem ausführen ließe<lb/>wie eine Stickerei,
die man zur Hand nimmt, weglegt, gelegent-<lb/>lich, wenn man gerade sonst
Nichts vorhat, wieder einmal zur<lb/>Hand nimmt und bei der dann zulett doch
etwas ganz Er-<lb/>freuliches zu Stande kommt, woran wir selbst und Andere
ein<lb/>Vergnügen haben. Eine verständige Lebensführung ist aber<lb/>nicht
Etwas, was sich gelegentlich abmachen läßt. Sie ist Etwas<lb/>fest
Zusammenhängendes. Sie ist nur möglich, wenn man es<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0402_395.tif" n="395"/>
<p>=- ZH -=-<lb/>keinen Augenblick vergißt, was man zu leisten beabsichtigt.
In<lb/>den Zeiten des letzten Krieges, wie in allen ernsten und
schweren<lb/>Augenblicken, haben die Frauen es meistens auch bewiesen,
daß<lb/>sie etwas Folgerechtes, Tüchtiges zu leisten, daß sie
großer<lb/>Anstrengungen, daß sie große Opfer zu bringen fähig
sind.<lb/>Weil sie aber bei ihrer Erziehung nur selten zu einem
an-<lb/>dauernden, streng zusammenhängenden Arbeiten und Thun<lb/>angehalten
werden, zeigt sich dann später auch in ihrer die<lb/>Lebensführung der
Familie bestimmenden Art und Weise eben<lb/>der Mangel eines ernsten
zusammenhängenden Wollens und<lb/>Handelns, und zwar nach meiner Erfahrung
nirgend schlimmer<lb/>als in den rasch zu Reichthum emporgekommenen
Familien<lb/>und unter deren Frauen.<lb/>Ich wage es nicht, an den
übertriebenen Kleiderluxus zu<lb/>erinnern, der die kostbarsten Stoffe durch
den Staub und<lb/>Schmut der Straßen schleppt. Ich weiß, die Freiheit,
dies<lb/>zu thun, gehört zu den Menschenrechten dieser Art von
Frauen,<lb/>daran darf man nicht rühren. Ich habe mich aber des
Ge-<lb/>dankens niemals entschlagen können, daß die
mannigfache<lb/>prahlerische, den Geldwerth der Sachen ganz geflissentlich
nicht<lb/>mehr beachtende Schaustellung des Reichthums, welcher man<lb/>in
diesen Kreisen wohl begegnet, daß deren Lust, es Jedem in<lb/>jedem
Augenblicke darzuthun, ,ich bin reich und kann Geld<lb/>ausgeben so viel und
wofür ich eben will'', viele weniger Be-<lb/>mittelte verletzen mußte. Und
ich bin gewiß, daß dieses Ge-<lb/>bahren der Reichen sehr wesentlich dazu
beigetragen hat, die<lb/>Aermeren mit ihrem Lose unzufriedener zu machen,
als sie es<lb/>ohne jenes prunkende Schaustellen des Besitzes gewesen
sein<lb/>würden; daß diese öde Prahlerei eben die bittere Mißgunst,<lb/>1,
recht eigentlich den nicht genug zu beklagenden Klassenhaß<lb/>erzeugt
haben, den wir jetzt plözlich mit Erschrecken wahr-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0403_396.tif" n="396"/>
<p>=- Zß --<lb/>nehmen, obschon er nicht seit gestern entstanden, sondern
all<lb/>mählich großgezogen worden ist.<lb/>Es liegt in der That etwas
Empörendes darin, Summen<lb/>völlig sinnlos vergeudet zu sehen, von denen
ein sehr kleiner<lb/>Theil ausreichen würde, das Wohlbefinden mancher
fleißigen<lb/>und sparsamen Familie für die Dauer begründen zu
helfen.<lb/>Es nüützt nicht, sich zu sagen, daß der Luxus vielen
Arbeitern<lb/>und Gewerbetreibenden Beschäftigung giebt. Das mag
von<lb/>jenem edleren Luxus gelten, der die schöne Gewerbthätigkeit,<lb/>die
Kunstindustrie befördert. Aber wem nützt es zum Beispiel,<lb/>als dem einen
verbotenen Handel treibenden Billetverkäufer,<lb/>wenn man zehn, zwanzig
Thaler und mehr, auf die Eitelkeit<lb/>verwendet, dem ersten Auftreten einer
berühmten Sängerin,<lb/>der ersten Aufführung einer Oper beizuwohnen, die
bei dem<lb/>ersten Male nichts Anderes und nicht besser als bei dem
zweiten<lb/>Male sind, während das der Eitelkeit geopferte Geld
eine<lb/>kleine, arme Familie mit Feuerung für Monate versehen<lb/>könnte?
Welchen Einfluß diese Art des Luxus aber auf die<lb/>Erziehung der Kinder,
auf das Verhalten aller der dem Hause<lb/>Dienenden hat und haben muß, davon
spreche ich heute<lb/>noch nicht.<lb/>Eigentlicher böser Wille, ich
wiederhole es, war und ist<lb/>diese auf den Augenblick gestellte
Genußsucht, die kaum eine<lb/>nachhaltige Befriedigung hinterläßt, nur in
den seltensten<lb/>Fällen, obschon es auch vorkommt, daß man denkt: ,Ich
will<lb/>den Andern zeigen, was sie nicht können und was ich mit<lb/>meinem
Gelde kann !' Es sind meisiens Unbildung und Ge-<lb/>dankenlosigkeit, die
also prunken. Welche Mißgriffe, welche<lb/>thörichte Dinge dadurch aber
unternommen werden, wie man<lb/>mit möglichst größtem Aufwande gerade das
Gegentheil von<lb/>demjenigen thut, was die Natur der Sache fordern
würde,<lb/>das würde zu betrachten oft belustigend sein, wenn's nicht
so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0404_397.tif" n="397"/>
<p>-=- Zß? -<lb/>verkehrt wäre, daß es verständigen Menschen mitunter
leid<lb/>thun kann.<lb/>Denken Sie einmal, um mit dem Anfange zu
beginnen,<lb/>in welcher Weise in den reichen sogenannten
gebildeten<lb/>Ständen das Leben einer neu zu gründenden Familie
gegen-<lb/>wärtig eingeleitet zu werden pflegt.<lb/>Meta's Eltern z. B. sind
reiche Leute, Rudolf ist das<lb/>auch, oder er hat ein Amt, ein Gewerbe,
eine Stellung, die<lb/>ihm Ansehen geben, ihm verhältnisßmäßige
Lebensfreiheit ge-<lb/>statten, und die Beiden lieben einander und ersehnen
ihre<lb/>Verbindung, ihr gemeinsames Glück im eigenen Hause,
in<lb/>ungestörtem Beisammensein am eigenen Herd.
Handwerker,<lb/>Modehändler, Kleider- und Luxusmagazine werden in
Thätig-<lb/>keit gesetzt. Man kauft Ühren, Vasen, vielleicht auch
Bilder,<lb/>aber Bücher nur selten und noch seltener in großer
Anzahl,<lb/>für den neuen Haushalt. Man dringt darauf, daß Alles,<lb/>aber
auch Alles zum bestimmten Termine fertig sei. Der<lb/>Hochzeitstag wird- was
mir von meiner frühesten Jugend<lb/>an immer als etwas recht Ungehöriges
vorgekommen ist --<lb/>nicht in der Stille des Familienkreises, sondern mit
möglichst<lb/>viel zerstreuender Unruhe, mit möglichst vielem Essen
und<lb/>Trinken gefeiert. Man hätte die Angehörigen des Hauses,<lb/>aus dem
die Tochter austritt, die Freunde des Kreises, in den<lb/>sie eintritt, eben
so gut und schicklicher acht Tage vorher zu<lb/>einem glänzenden Feste
versammeln und den ernstesten Schritt<lb/>des menschlichen Lebens mit der
innerlichen Sammlung und<lb/>Feierlichkeit begehen können, welche in der
Trauungsstunde<lb/>auch das Herz des oberflächlichsten Menschen bewegen.
Man<lb/>hat jedoch das übliche lärmende Hochzeitsfest gefeiert, das<lb/>neue
Haus mit all seinen Herrlichkeiten steht bereit und offen<lb/>da, Meta und
Rudolf können es kaum erwarten, sich selber<lb/>überlassen, mit einander
allein zu sein -- und sie steigen mit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0405_398.tif" n="398"/>
<p>=- ZZ -<lb/>zwei oder mit fünf andern, ihnen völlig fremden, nicht
immnee<lb/>angenehmen Leuten in einen Eisenbahnwagen, fahren
stunden<lb/>lang, landen in irgend einem Gasthof, und das Glück des
er<lb/>sehnten ungestörten Beisammenseins, das Zusammenleben, das<lb/>sich
ineinander Einleben des jungen Paares beginnt nicht i<lb/>der häuslichen
Stille, nicht am eigenen Herde mit der liebevol<lb/>vorsorgenden
Geschäftigkeit der jungen Hausfrau für den<lb/>neuen Hausherrn, sondern mit
einem möglichst raschen Durch<lb/>jagen weiter Strecken Landes.<lb/>Die
Amerikaner, denen man gesunde Vernunft nicht<lb/>absprechen kann, geißeln
und verspotten auch bereits seit<lb/>einiger Zeit diese entstellte
Nachahmung einer an und für sich<lb/>berechtigten Sitte. Die Hochzeitsreisen
waren ein Bcauch in<lb/>den reichen grundbesitzenden Kreisen des am Hofe und
in der<lb/>großen Welt lebenden französischen und englischen Adels,
aus<lb/>dessen Mitte ein neu verbundenes Paar sich in die
alten<lb/>Familiensitte zurückzog, um die ersten Wochen der Ehe
sich<lb/>selber ganz allein zu leben. Das war begreiflich und war<lb/>schön.
Was geschieht indessen gegenwärtig? Das junge Par<lb/>ist heute hier und
morgen dort; und fast überall, wo die<lb/>Beiden sind, sind sie in ihrer neu
erregten, gar nicht zu ver-<lb/>bergenden Zärtlichkeit der Gegenstand des
Spottes für die<lb/>Kellner, des Lächelns für die meisten andern Reisenden.
So<lb/>reine, gesunde, natürliche Freude und Verhältnisse, wie man<lb/>sie
am eigenen Herde haben würde, kommen dabei natürlich<lb/>nicht heraus. Die
neuen Lebensverhältnisse, das Reisen und<lb/>wieder Reisen, das
Galerieenbesehen und Bergeerklettern<lb/>machen Meta müde, machen sie
nervös. Rudolf, der sie von<lb/>Herzen liebt, denkt mit Sorge, aber nicht
mit Vergnügen, daß<lb/>sie doch lange nicht so kräftig sei, als er geglaubt
und als er<lb/>sich die Frau gewünscht hat. Er sorgt für sie, bedient,
be-<lb/>hütet sie mit völliger Selbstverleugnung; sie findet das
sehr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0406_399.tif" n="399"/>
<p>=- Zßß -<lb/>angenehm. Sie hat Nichts zu leisten. Sie nimmt das
Be-<lb/>dientwerden, das Behütetwerden in das Register ihrer Rechte<lb/>auf,
und er hat Nichts dagegen, denn sie ist so niedlich. Er<lb/>hatte freilich
die Vorstellung gehegt, daß die Ehe auf die Ge-<lb/>genseitigkeit der
Leistungen gegründet sei, indeß er sagt sich,<lb/>zu Hause werde sich das
finden. Er denkt wie Mephisto:<lb/>Ich will mich hier zu jedem Dienst
verbinden,<lb/>Auf Deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;<lb/>Wenn wir uns
drüben wieder finden,<lb/>So sollst Du mir das Gleiche thun.<lb/>Vier,
sechs, acht Wochen gehen vergnüglich hin. Jeder<lb/>Tag bringt von außen so
viel neue Anregungen an das<lb/>junge Paar heran, daß man sie kaum zu
bewältigen vermag<lb/>Endlich witd der Rückweg angetreten und man kommt
nach<lb/>Hause - froh zu Hause zu sein! Man hätte dieses Gefühl<lb/>eher,
billiger und zufriedenstellender genießen können; denn<lb/>nach der langen,
müßigen Reiselust will. die Arbeit nicht<lb/>gleich schmecken. Rudolf muß
ins Comptoir, auf die Parade,<lb/>in die Praxis. Er hat viel versäumt, viel
nachzuholen,<lb/>Manches mühsam ungeschehen zu machen. Er hat
seinen<lb/>Kopf voll, hat nicht so viel Zeit für seine Frau als auf
der<lb/>Reise. Sie kann sich's nicht wegleugnen, der Bräutigam,
der<lb/>junge Gatte in den Flitterwochen waren heiterer, und sie<lb/>wird
mit Erstaunen inne, daß es wirklich Flitterwochen giebt<lb/>und daß sie
einmal enden. Man hat sich mit der Hochzeits-<lb/>reise, die viel Geld
gekostet, eine ermüdende Zerstreuung --<lb/>und den Anlaß zu der ersten
Enttäuschung eingekauft. Indeß<lb/>das Leben ist heiter und ist schön. Die
Equipage rollt auf<lb/>den Gummireifen sröhlich durch den Park,
Gesellschaften,<lb/>Theater füllen die Abende aus, man stellt bei den
ersten<lb/>großen Festen, die man giebt, die neue, prächtige
Einrichtung<lb/>zur Schau. Man fühlt sich glücklich, beneidenswerth.
Man<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0407_400.tif" n="400"/>
<p>= ßß -=<lb/>wird beneidet, und das geht so fort, ohne daß man irgend<lb/>zu
einer ernsten Besinnung kommt, ohne daß man an etwas<lb/>Anderes als sich
selber denkt, bis das ersehnteste Ereigniß,<lb/>die Geburt des ersten
Kindes, einen beglückenden Stillstand<lb/>in dieses Treiben bringt und die
Gedanken der jungen Mutter<lb/>von sich selber ab, und auf ein anderes Wesen
hinlenkt.<lb/>Nun hat sie, was ihr Herz begehrt. Sie ist glücklie,<lb/>wenn
der Vater bei der Arbeit ist, denn er schafft ja für den<lb/>Sohn. Es freut
sie, wenn er mit dem Kinde tändelt und<lb/>nicht mehr mit ihr, wie auf der
Reise. Es ist Alles auf<lb/>das Beste, wie es ist, und ihr Sohn soll auch
besser als alle<lb/>anderen Kinder, er soll auf das Beste erzogen werden.
Darin<lb/>sind die jungen Eltern einig. Zunächst aber soll er
hübscher<lb/>aussehen, besser gekleidet sein als alle andern Kinder,
damit<lb/>gleich ein Jeder es von ferne sieht, das ist reicher Leute,
das<lb/>ist Meta's kleiner Junge! Das arme, kleine Menschenwesen,<lb/>das
die Augen kaum dem Licht erschlossen, das von sich selber<lb/>noch Nichts
weiß, wird der Gegenstand, an welchem die<lb/>Prunksucht und das
Scheinenwollen, dieses unselige Ver-<lb/>langen der Unkultur, sich ihr
reichliches Genüge thun.<lb/>Die junge Frau ist leider nicht so glücklich,
dem Kinde<lb/>die erste Nahrung selber gewähren zu können, die
rasche<lb/>Hochzeitsreise hat sie zu sehr mitgenommen. Man muß also<lb/>eine
Amme nehmen, und des kleinen Lieblings Amme muß<lb/>doch hübsch aussehen.
Man schafft reiche westfälische, ucker-<lb/>märkische Bauernkleider für sie
an, und man nöthigt in solchem<lb/>Falle meistens ein armes, entehrtes
Mädchen, das man allen<lb/>Grund hätte vorsichtig in die Bahn der
Bescheidenheit zurück-<lb/>zuführen, durch eine auffallende Tracht auf
Gassen und auf<lb/>Spaziergängen die Blicke der Männer begehrend auf sich
zu<lb/>ziehen. Aber das ist nicht genug! Auch das Kind muß ans<lb/>gesehen
werden. Man behängt den Kinderwagen mit gestickten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0408_401.tif" n="401"/>
<p>gß! -=-<lb/>Decken, das Kind mit kostbaren Hütchen, Kleidern,
Bändern,<lb/>bie nothwendig im Augenblick verdorben werden. Indeß,<lb/>was
hat das auf sich? Man ist ja reich genug, morgen und<lb/>übermorgen Ersatz
dafür zu kaufen. Das Kaufen, das Be-<lb/>sorgen für das liebe Kind ist
unterhaltend, ist ein Vergnügen!<lb/>Und dicht daneben geht eine arme,
blasse Frau, ihr fünftes,<lb/>sechstes Kind an der müden, welken Brust. Sie
kann der<lb/>vielen Kinder wegen keine erwerbenden Arbeiten machen;
sie<lb/>wäre glücklich, ein warmes Tuch für sich, ein warmes Röck-<lb/>chen
für ihr Kind zu haben. Mit dem Gelde, das man für<lb/>bie Maskentracht der
Amme, für die seidene Decke auf dem<lb/>Kinderwagen und die breite Schärpe
des speienden Säuglings<lb/>ausgegeben - wie viele arme Kinder könnte man
damit<lb/>warm bekleiden? Und Ihr Säugling, schöne Meta, was<lb/>würde er
entbehren, wenn Ihre Amme büürgerlich bescheiden<lb/>angezogen wäre, wenn
eine einfachere, waschbare Decke ihn<lb/>bedeckte? Glauben Sie, daß alle die
Unbemittelten, die an<lb/>Ihrem so verschwenderisch geputzten Kinde
vorübergehen, diesen<lb/>Gedanken nicht hegen so wie ich? Glauben Sie, daß
sie<lb/>Ihren aufgeputzten Säugling mit der Liebe, mit dem Wohl-<lb/>wollen
betrachten, das wir sonst, wenn wir nicht bösens Her-<lb/>zens sind, jedem
kleinen Kinde entgegenbringen? Ich glaub's<lb/>nicht! Und kann es Sie
freuen, durch den Luxus, den ich<lb/>den herausfordernden, den beleidigenden
nenne, das Nebel-<lb/>wollen, die Mißgunst hinzulenken auf das schuldlose
Geschöpf,<lb/>das Sie zum Spielzeug Ihrer Thorheit machen? Ganz<lb/>gewiß
nicht!<lb/>Es hilit nichts, sich zu sagen: wir sind Mitglieder
des<lb/>Vereins, der die Wöchnerinnen pflegt; wir tragen zur
Unter-<lb/>haltung der Kinderbewahranstalten bei; wir kümmern uns um<lb/>die
Unterbringung verwaister Kinder; wir gehen selber uns<lb/>nach ihrer Haltung
umzusehen. Das ist Alles gut und schön!<lb/>F. Le wald,
Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0409_402.tif" n="402"/>
<p>===- gßZ -=<lb/>Aber so lange Sie daneben einen Luxus zur Schau
stellen,<lb/>der gar keinen Sinn hat als diese Schaustellung, so lange
wirh<lb/>man Ihnen mit Recht sagen können: Ihr kömntet das Dop-<lb/>pelte,
das Dreifache thun, wenn Ihr dieser übeln Gewohn-<lb/>heit
entsagtet.<lb/>Ich spreche mit diesen Urtheilen mein Empfinden,
mneine<lb/>eigene Erfahrung aus. Ich habe erwerben müssen, was
ich<lb/>brauchte, habe mich beschränken, mich lange, lange Jahre
sehr<lb/>beschränken müssen, um mir die Lebensnothdurft für die<lb/>Jahre
sicher zu stellen, in denen das Arbeiten mir nicht mehr<lb/>möglich sein
wird. Glauben Sie, daß ich mich nie gefragt<lb/>habe: was kosten diese
Kleider, mit denen jene Frauen die<lb/>Straßen kehren? Was kosten die
üppigen Mittagbrode der<lb/>Handelsgrößen, deren Speisekarten die Zeitungen
als Merk-<lb/>würdigkeiten berichten, ohne sich zu fragen, ob diese
Berichte<lb/>nicht fast unter den Bereich des Gesetzes fallen, das die
Aus-<lb/>reizung der Stände gegeneinander bestraft? Ich habe mir,<lb/>und
ich war idealistisch, war nicht begehrlich nach Prunk und<lb/>Schlemmerei,
ich habe mir in jenen Zeiten oft genug gedacht:<lb/>mit dem, was solch ein
Mittagbrod kostet, könntest du durch<lb/>viele Monate sehr reichlich leben.
Und diese Empfindung,<lb/>dieser Gedanke blieben ganz dieselben, wenn ich
selber an<lb/>solchem Mittagbrode später Theil nahm, und die Weine
und<lb/>die Herrlichkeiten aus aller Welt Enden mir recht gut
schmeckten.<lb/>Denn geistreicher, unterhaltender, fröhlicher waren diese
Feste<lb/>nicht, als wir es in guter, gebildeter Gesellschaft bei
zwei,<lb/>drei Schüsseln stets zu sein pflegten. Man kam nur müder<lb/>und
erhitzter davon heim!<lb/>Falstaff's ,Denkst du, weil du tugendhaft bist,
soll es<lb/>keinen Braten und keinen süßen Sekt mehr geben? (ich<lb/>glaube,
so lautet der Ausspruchs fällt mir dabei ein. Gewiß,<lb/>es soll Genuß geben
von aller Art, und der Knausernde, der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0410_403.tif" n="403"/>
<p>= gßZ -<lb/>teübselig Sparende, der unnöthig Geizende sind ebenso
wider-<lb/>wärtig als der prahlende Verschwender. Wir sollen aber,<lb/>meine
ich, im Genießen es nur nicht vergessen, daß Andere<lb/>entbehren. Wir
sollen die mitfühlende Gemeinschaft mit den<lb/>weniger Begüterten
sorgfältig pflegen. Wir sollen ihnen mit<lb/>persönlicher Theilnahme, nicht
nur durch die Hülfe von Vereinen,<lb/>nahe bleiben; und vor Allem sollen wir
Kinder nicht in der<lb/>Gewohnheit des Luxus, nicht in dem Glauben erziehen,
als<lb/>hinge das Glück, das eigentliche Gllck des Menschen allein<lb/>vom
Reichthum ab. Wenn die Kinder der Reichen in diesem<lb/>Glauben erzogen
werden, was sollen denn erst die Kinder<lb/>der Armen von dem durch nichts
auszugleichenden Werth des<lb/>Reichthums denken?<lb/>Ich glaube, es giebt
keine Mutter und keinen Vater,<lb/>welche nicht die ehrliche Absicht hegen,
ihre Kinder gut zu er-<lb/>ziehen. Die Eltern sind sich nur nicht immer klar
darüber,<lb/>wozu der Mensch erzogen werden soll; und noch
häufiger<lb/>meinen sie, wenn man sein Kind die Klassen der Schule
durch-<lb/>machen lasse, und ihm außerdem noch Lehrer für Dieses
und<lb/>Jenes halte, so habe man es erzogen. Sie übersehen, daß<lb/>man viel
Wissen und daneben keinen Charakter haben, daß<lb/>man sehr gut unterrichtet
und doch für seine Nächsten wie<lb/>für die Gesammtheit weniger brauchbar
sein kann, als mancher<lb/>weit unwissendere Mann; und sie bedenken es nicht
genug,<lb/>daß sie das Kind nicht nur zu ihrer Freude, nicht nur
zu<lb/>seinem eigenen Besten, sondern im Zusammenhange mit
der<lb/>Gesammtheit und für dieselbe zu erziehen haben.<lb/>In der
Geschichte der Helvetik, deren ich schon neulich<lb/>erwähnte, weil sie mich
viel beschäftigt hat, findet sich auch<lb/>der französisch geschriebene
Brief eines krsrs Coräelier,<lb/>G. Girard, über die Erziehung, welche der
Jugend innerhalb<lb/>der helvetischen Republik gegeben werden soll. In
demselben<lb/>As<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0411_404.tif" n="404"/>
<p>=== g,ßg =<lb/>heißt es: ,Aus den Händen der Natur kommend, ist das<lb/>Kind
Anfangs nur eine vegetirende Pflanze, die allmählie<lb/>zum Thier wird und
aus der wir einen Menschen machen<lb/>sollen. Man muß seinen Geist
erleuchten, sein Herz dem<lb/>Guten zuwenden, damit die menschliche
Gesellschaft in ihm<lb/>ein gesellig verträgliches Wesen und der Staat einen
Bürger<lb/>finde.? Der Ausspruch bezeichnet das Nothwendige richtig<lb/>und
genau. Das Erziehen des Menschenkindes fängt aber<lb/>schon mit seinem
ersten Tage an, und wir haben es dabei<lb/>allerdings in Anschlag zu
bringen, welche Kräfte und welche<lb/>Schwächen, welche Eigenschaften und
welche Fehler das Kinb<lb/>als voraussichtliches Erbe des Geschlechtes, dem
es entstammt,<lb/>mit sich auf die Welt bringt.<lb/>Irre ich nicht, so war
es Or. Berthold Sigisnünd, ein<lb/>fein beobachtender Arzt, ein erfahrener
Lehrer und dazu ein<lb/>trefflicher Dichter, der in seinem Buche ,Kind und
Welr' die<lb/>Neberzeugung aussprach, daß das ganze Wesen des
Menschen<lb/>sein Gepräge in der frühesten Kindheit erhalte, daß die
eigent-<lb/>liche Erziehung des Menschen schon in seinen ersten
fünf,<lb/>sechs Jahren festgestellt werden müsse. Einige Jahre,
ehe<lb/>Stahr und ich diesen trefflichen und lange verstorbenen<lb/>Mann in
Rudolstadt kennen lernten, hatte ich mit<lb/>einer mir befreundeten
englischen Schriftstellerin den eng-<lb/>lischen Philanthropen Samuel
Bamford in seinem kleinen,<lb/>ärmlichen Häuschen in der Umgegend von
Manchester<lb/>aufgesucht. Er war ein feldarbeitender Tagelöhner
gewesen,<lb/>hatte nicht lesen, nicht schreiben lernen, dankte seine
ganzs<lb/>Bildung ausschließlich sich selbst; und obschon die Besten
seines<lb/>Landes zu ihm kamen, seine Meinung anzuhören, wo es sich<lb/>um
Volkserziehung handelte, war er selbst ein ganz schlichter<lb/>Mann
geblieben, der, kinderlos, mit seiner alten Frau jede<lb/>Handarbeit des
Hauses selbst verrichtend, in den allerbeschei-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0412_405.tif" n="405"/>
<p>= g0J -<lb/>bensten Verhältnissen lebte. Als ich nach längerem
Gespräch<lb/>ihm die Frage aufwarf, was er für die ersten
Bedingnisse<lb/>ber Erziehung halte? antwortete er mir mit kurzer
Entschieden-<lb/>heit: Reinlichkeit und Gehorsam! - und zwar, wie er
dann<lb/>im weiteren Gespräch auseinandersetzte, für die frühe
Jugend<lb/>völlig bedingungslosen Gehorsam!<lb/>Das hat mir sehr
eingeleuchtet, da ich an mir selber in<lb/>Haus und Schule den Vortheil
dieses unbedingten Gehorchen-<lb/>lernens erfahren hatte. Seitdem, es ist
fast ein Menschen-<lb/>alter her, daß ich bei Samuel Bamford war, habe ich
oft an<lb/>ihn gedacht, wenn ich es zu beobachten hatte, wie wenig
man<lb/>in unseren begüterten, auf den äußeren Lebensgenuß
gestellten<lb/>Familien die Kinder zum Gehorsam gewöhnte, und wie
man<lb/>den ersten Grundsatz der Erziehung verkannte und seine
Aus-<lb/>übung verabsäumte. Dieser Grundsatz ist, das Kind von<lb/>Anfang an
unter das Gesetz zu stellen, ihm von Anfang an<lb/>klar zu machen, daß es
gewisse Dinge thun, gewisse Dinge<lb/>unterlassen müsse, gleichviel ob ihm
das recht sei oder nicht;<lb/>daß gegen das gegebene Gesetz gar kein Einwand
möglich sei,<lb/>daß es auf des Kindes Willen in diesen Fällen gar nicht
an-<lb/>komme, daß es sich den ihm auferlegten Geboten zu fügen<lb/>habe,
auch wenn es nicht versteht, weshalb es sich ihnen unter-<lb/>ordnen müsse.
Das Kind muß gehorchen, weil es ihm von<lb/>denjenigen befohlen wird, die
ihm zu gebieten haben: vom<lb/>Vater, von der Mutter, die für das Kind die
Macht, die<lb/>Kraft, die Allwissenheit und die Allgüte darstellen;
und<lb/>Ist Gehorsam im Gemüthe,<lb/>Wird nicht fern die Liebe sein.<lb/>Der
,Vater und die Mutterr stellen diese höchste Würdig-<lb/>keit für das
Bewußtsein des Kindes dar. ,Papa und Mamar<lb/>thun das durchaus nicht. Es
ist vielmehr ein Zeichen der un-<lb/>zweckmäßigen Tändelei, welche seit
dreißig, vierzig Jahren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0413_406.tif" n="406"/>
<p>= g,0G -<lb/>unter uns zur Gewohnheit geworden ist, daß wir in
unserm<lb/>Familienleben die edlen Worte Vater und Mutter, die das<lb/>Kind,
so oft es dieselben aussprach, an sein Verhältniß zu<lb/>denjenigen
erinnerte, an welche es sie richtete, daß wir, den<lb/>Ehrennamen des
Vaters, der Mutter umgehend, die Eltern<lb/>von den Kindern mit den
lallenden Silben anrufen lassen,<lb/>welche dem Säugling als Nothbehelf
dienen. Von den Lippen<lb/>eines solchen sind sie rührend, von dem Munde
eines älteren<lb/>Kindes sind sie geschmacklos, und geben dem Verkehr der
Kinder<lb/>mit den Eltern einen falschen Ton. Sie haben etwas
Nach-<lb/>lässiges, sie sind ein Sichgehenlassen, Sichsbequemmachen,
das<lb/>den Kindern den Eltern gegenüber nicht geziemt.<lb/>Meine Mutter
pflegte uns zu erzählen, wie die fran-<lb/>zösirende Gewohnheit des vorigen
Jahrhunderts häflich ge-<lb/>wesen sei, nach welcher man seine Eltern, nicht
wie es sich<lb/>gehöre, Vater und Mutter genannt, sondern sie mit Papa
und<lb/>Mama angeredet habe, und wie das ,Gottlob ganz abge-<lb/>kommen sei,
nachdem die Franzosen als Feinde im Lande ge-<lb/>wesen, und durch die
Freiheitskriege aus dem Lande vertrieben<lb/>worden wären.r<lb/>Unseren
Vater Papa zu nennen, wäre uns so unnatür-<lb/>lich, ja, so sündhaft
vorgekommen, wie den Namen Gottes<lb/>zu mißbrauchen. Auch bin ich nicht die
Einzige, welche diese<lb/>Tändelei der Kinder mit ihren ersten Vorgesetzten,
mit den<lb/>Personen, die lebenslang der Gegenstand ihrer
verehrenden<lb/>Liebe zu bleiben bestimmt sind, als etwas Ungehöriges
und<lb/>Achtungsloses ansieht.<lb/>Fräulein Jenny Hirsch hat den Gegenstand
einmal in<lb/>dem kleinen von ihr redigirten Blatte, das der
LetteVerein<lb/>herausgiebt, in dem ,Frauen-Anwalt, sehr richtig in
dem<lb/>Satz gekennzeichnet: ,Wir haben kein Papa-Land und
keine<lb/>MamaSprache, sondern ein Vaterland und eine
Muttersprache.'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0414_407.tif" n="407"/>
<p>= II? =<lb/>Und ich füge hinzu: ,Am Zeichen hält der Geist die Welt!r<lb/>Wer
zur rechten Zeit, wenn er die Worte auszusprechen ver-<lb/>mag, mit dem
rechten Sinne Vater und Mutter sagen lernt,<lb/>wer dahin gewöhnt wird,
diese Worte nie zu brauchen, ohne<lb/>ihnen das Beiwort lieber, liebe,
vorzuschicken, bei dem hat<lb/>man es nicht schwer, den Gehorsam und die
Liebe zu er-<lb/>wecken; denn Gewöhnung wird zur Natur. Wer aber
im<lb/>rechten ehrfurchtsvollen Sinne mit fünf und mit zehn
Jahren<lb/>lieber Vater und liebe Mutter gesagt hat, der sagt mit
zwanzig<lb/>Jahren auch in dem gleichen Sinne: mein Vaterland! und
der<lb/>weiß, was seine Muttersprache werth ist. In die Familien
des<lb/>tüchtigen Mittelstandes und in die Häuser der
Handarbeitenden<lb/>ist, so viel ich bemerkt habe, jene spielende Unsitte
iioch nicht<lb/>eingedrungen. Die weitaus größere Mehrzahl der
Helden,<lb/>die mit todesmuthigem Ernst die Wacht am Rhein gesungen,<lb/>die
hatten nicht Papa und Mama gesagt, die hatten von<lb/>,Vater und Mutter?
Abschied genommen, hatten den<lb/>Segen von ,Vater und Mutter erhalten und
wußten, was<lb/>sie gelobten mit den Worten: ,Lieb Vaterland kannst
ruhig<lb/>sein!rr<lb/>Gewöhnen Sie Ihren Kindern, Ihren
heranwachsenden<lb/>Söhnen und Töchtern das spielrige Papa und Mama
mit<lb/>festem Willen ab, wenn Sie es ihnen bis jetzt nachgesehen<lb/>haben.
Halten Sie darauf, daß die Kinder ihrem Vater<lb/>diesen Ehrennamen geben;
lassen Sie sich von ihnen nicht<lb/>anders als Mutter nennen, und es wird
Sie das, ich bin deß<lb/>sicher, selber häufig antreiben, sich dieser
Ehrennamen in<lb/>neuem und ernsterem Sinne werth zum machen. Der
Vater<lb/>und die Mutter werden sich leicht möglich vor ihren
Kindern<lb/>mnancher Thorheit schämen, die der liebe Papa und die
kleine<lb/>süße Mama sich durchgehen ließen, weil die Kinder sie
nicht<lb/>oft genug daran erimnerten, daß sie Väter, daß sie Mütter<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0415_408.tif" n="408"/>
<p>==- gIF -<lb/>und als solche verantwortlich, den Kindern, dem Staate,
denr<lb/>Vaterlande, der Menschheit verantwortlich waren.<lb/>Und was
weiter? Was verstehen Sie unter den Ge<lb/>seten, unter welchen man schon
das kleine Kind zu stellen hat?<lb/>höre ich Sie fragen - sofern es Sie
nicht abschreckt, daß man<lb/>ernsthaft zu Ihnen spricht, wo Sie es
vielleicht zu hören nicht<lb/>erwarten - oder auch nicht lieben.<lb/>Goethe
sagt, man soll' nicht am Verbieten Freude haben<lb/>=- und das soll man
sicherlich nicht; aber man soll eben so<lb/>wenig sich das Vergnügen
bereiten, einem Kinde Alles zu ge-<lb/>währen, was zu wünschen ihm einfällt,
weil es so angenehm<lb/>ist, das Gesichtchen fröhlich zu sehen. Ein Kind ist
zum Bei-<lb/>spiel gewiß nirgend besser aufgehoben, als in dem
Zimmer<lb/>und unter den Augen seiner verständigen Mutter. Das Kind<lb/>muß
innerhalb des Hauses auch seinen Theil Freiheit des<lb/>Bewegens und des
Waltens haben. Es muß dabei aber von<lb/>Anfang an sehr genau wissen, daß es
zu bestimmten Stunden<lb/>nicht bei der Mutter sein kann, daß es keinen
Anspruch an<lb/>die Eltern zu erheben hat, wenn diese mit Anderen,
mit<lb/>Fremden beschäftigt sind; daß es das Spielzeug, welches es<lb/>frei
durch die Zimmer des Hauses herumgetragen, selbst und<lb/>ohne erst daran
gemahnt zu werden, an den Ort und die<lb/>Stelle in aller Ordnung
zurückzutragen hat, an die es hin-<lb/>gehört. Und ganz eben so muß das Kind
von früh an<lb/>lernen, daß es unweigerlich fortzugehen hat, wenn man
es<lb/>entfernen will.<lb/>Man führt sichs lange nicht genug zu Gemüth,
welche er-<lb/>ziehende Kraft in dem Festhalten an diesen einfachsten
Regeln<lb/>liegt; was es für alle Zukunft werth ist, wenn ein
Kind<lb/>frühzeitig denken und sagen lernt: das muß ich thun, dies<lb/>darf
ich nicht thun! Man kommt dadurch nicht beständig in<lb/>die Lage,
verbieten, tadeln, unnöthig erklären zu müssen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0416_409.tif" n="409"/>
<p>=- g(ß =<lb/>Man erspart die üble, meist vor Fremden aufgeführte
Noth-<lb/>lüge, dem Kinde vorzureden, daß es ein folgsames Kind
sei,<lb/>wenn es selber sehr gut einsieht, daß es eben ein
unfolgsames<lb/>ist; und man verhindert oft ein Unglück, wo eine
plötzlich<lb/>drohende Gefahr von dem Kinde nur durch sein rasches
Ge-<lb/>horchen auf das erste Wort abgewandt werden kann.<lb/>Wie dem Lehrer
in der Schule und dem Kinde in<lb/>gleichem Maße das Leben erleichtert wird,
wenn es, an Ge-<lb/>horsam und Unterordnung gewöhnt, in die Schule
eintritt,<lb/>das bedarf gar keiner besonderen Erwähnung.<lb/>Ein anderer
Erziehungsfehler, der häufig begangen wird,<lb/>besteht darin, daß die
Eltern es nicht genug bedenken, wie<lb/>schädlich es auf die Sinnesart des
Kindes wirkt, wenn man<lb/>es dazu verleitet, sein Theil haben zu wollen von
allem, was<lb/>es Andere, zunächst die es umgebenden Erwachsenen,
haben<lb/>und genießen sieht. Ich habe es oftmals in falsch
ver-<lb/>standener Liebe von zärtlichen Eltern sagen hören: Ich
esse<lb/>nichts am Tische, wovon die Kinder nicht ebenfalls
genießen!<lb/>Das ist die Weisheit der alten Kinderfrauen, die auch
be-<lb/>haupten: ,Wenn der Kleine nicht von Allem etwas
abbekommt,<lb/>fällt's ihm auf's Herzchen!-<lb/>Man muß vielmehr dem Kinde
sagen: Das ist nicht für<lb/>dich! Das ist nur für die Eltern, für die
Großen! Du darfst<lb/>noch nicht von Dem und Jenem genießen! Du mußt
nicht<lb/>Alles haben wollen, was du vor dir siehst! Warte, die
Reihe<lb/>kommt nachher an dich! Und in dem, was man ihm nachher
ge-<lb/>währt, mag man ihm das ihm Liebste geben.<lb/>Neberall' das Kind in
seiner Schranke, ihm überall das<lb/>Bewußtsein zu erhalten, daß ein großer
Unterschied besteht<lb/>zwischen ihm und den Erwachsenen; überall das Kind
zu einem<lb/>ruhigen Verzichten zu gewöhnen, das sind sehr
wesentliche<lb/>Schritte zu seiner Versittlichung. Kindern eine fröhliche
Kind-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0417_410.tif" n="410"/>
<p>=- ,ß -<lb/>heit zu bereiten, ihnen, soweit man es irgend kann, die
Freuden<lb/>zu verschaffen, die ihrem Alter angemessen sind, das ist
eine<lb/>Pflicht. Kinder frühzeitig an die Genüsse der Erwachsenen
zu<lb/>gewöhnen, ist ein Unrecht, das nur zu oft begangen wird.<lb/>Ein
Knabe, den man mit zwölf Jahren an die Leckerbissen<lb/>gewöhnt, die auf dem
Tische seines Vaters mehr oder weniger<lb/>oft erscheinen, hält sich nach
dieser Seite hin dem Vater gleich.<lb/>Mit fünfzehn Jahren gelüstet es ihn
nach der Eigarre, mit<lb/>siebzehn nach dem Pferde - denn der Vater raucht
und der<lb/>Vater reitet -= und der Vater thut und hat noch Dies
und<lb/>Das. Warum soll der Bursche sein Theil nicht davon haben,<lb/>da der
Vater es bezahlen kann, so gut wie die Austeru und<lb/>den Champagner und
Burgunder, wovon das liebe Kind sein<lb/>kleines oder auch sein reichlich
Theil gehabt hat?<lb/>Klar bewußt ist sich die Jugend des neidenden
Begehrens,<lb/>zu dem sie systematisch angeleitet wird, nicht immer; aber
solche<lb/>Fälle kommen doch vor. Ich ging vor ein paar Jahren
einmal<lb/>auf dem Spaziergang hinter einer Mutter und deren
etwa<lb/>dreizehnjährigem Sohne her. Ich kannte die Leute
oberflächlich,<lb/>sie waren durch die Tüchtigkeit des Mannes rasch
empor-<lb/>gekommen, reich geworden, sie wünschten sich zu bilden
und<lb/>die Kinder ganz besonders. Der Vater hatte mir den
Dreizehn-<lb/>jährigen als ein ,merkwürdiges Kind'' gerühmt mit dem
Zusat,<lb/>,daß sein Junge seinen Faust wie Einer lese!'! An dem
Tage,<lb/>als ich hinter ihnen herging, flog ein Wagen, dessen Räder<lb/>mit
Gummi überzogen waren, lautlos und rasch an uns vor-<lb/>über. ,Mama, sagte
der Bursche, warum haben wir keine<lb/>Gummiräder? Wir müssen auch
Gummiräder haben !'! Ich<lb/>dachte mir mein Theil bei dem Faustlesen wie
bei den Gummi-<lb/>rädern.<lb/>Wie soll ein Knabe sich erhoben fühlen in dem
Gedanken<lb/>an spartanische Erziehung, oder angewidert von der
Schlemmerei<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0418_411.tif" n="411"/>
<p>= IF =-<lb/>eines Lucull, wie soll ihm die starke Mannhaftigkeit
seiner<lb/>Altvordern zum Beispiel werden, mit welchen Gefüühlen soll
er<lb/>Körner's Schwertlied von ,den Buben hinter dem Lfen' an<lb/>sein Ohr
schlagen hören, wenn er dabei an Champagner,<lb/>persische Teppiche und an
Gummiräder, als an das Ziel seiner<lb/>Wünsche denkt? Und abgesehen von ihm
selber, dessen Be-<lb/>gehrlichkeit die Eltern zu vertreten haben! Aber
solche Ge-<lb/>sinnung wirkt schlimmer als das Scharlachfieber, das
am<lb/>meisten ansteckt, ehe man merkt, daß ein Kind davon
ergriffen<lb/>ist. Freilich, die eppigkeit solch eines jungen Burschen
ist<lb/>dem Sohne des tüchtigen Beamten, den seine Standesehre<lb/>schadlos
hält für die große Beschränkung seiner materiellen<lb/>Lage, nicht
gefährlich. Er verspottet sie in der Regel, denn<lb/>er ist meist
idealistisch erzogen. Sie ficht auch den Sohn des<lb/>soliden Bürgers nicht
sonderlich an, denn dem ist's wohl in<lb/>der gefesteten Behaglichkeit und
in dem stetigen, wenn auch<lb/>langsamen Vorwärtskommen in seinem
Vaterhause. Aber sie<lb/>reizt des Hauswarts Sohn, der vielleicht neben ihm
in der<lb/>Schule sitzt; sie regt diesem die Phantasie auf, denn
das<lb/>Wissen, das er erwirbt, wird mit seinem Leben durch
kein<lb/>sittliches Element vermittelt; und wie sollte er nicht
beneiden,<lb/>nicht leidenschaftlich begehren, nicht als das
Erstrebenswertheste<lb/>Dasjenige betrachten, was er jene Genußsüchtigen
höher schäten<lb/>sieht als den Erwerb der Kenntnisse, die er nur erringen
kann,<lb/>wenn er und die Seinen sich durch lange Jahre harte
Ent-<lb/>behrungen dafür auferlegen?<lb/>Das Beispiel einer maßvollen,
sparsamen Häuslichkeit,<lb/>einer strengen und einfachen Kindererziehung in
den begüterten<lb/>und gebildeten Familien ist eben so sehr eine
verdienstliche<lb/>That für das Vaterland und ein Segen, als das
Beispiel<lb/>des verwöhnenden Luxus unrecht und ein Unheil ist.
Welch<lb/>guter Geist und welche böse Dämonen aus unseren Wohnungen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0419_412.tif" n="412"/>
<p>== I1Z -<lb/>ungesehen von uns, hinabsteigen in des Hauswarts Stube,
in<lb/>die Stuben der Hinterhäuser, auf die Höfe und in die Dach<lb/>kammern
über uns, das vergessen wir - bis wir sie als<lb/>menschgewordene
Erscheinungen uns erschreckend und feindlich<lb/>fordernd, gegenübertreten
sehen.<lb/>Der kostbare Flitter, mit dem die Frauen sich und selbsf<lb/>ihre
Kinder behängen, noch ehe diese auf den Füßen stehen<lb/>können, führt die
Dienerinnen des Hauses, führt die Töchter<lb/>der unbemittelten Nachbarn aus
eitler Nachahmungssucht zu<lb/>Schimpf und Schande. Der Schulbube, der sich
Gummiräder<lb/>wünscht, reizt den Schreiberlehrling in der Dachstube, auf
dem<lb/>Miethsgaul als Sonntagsreiter sein Glück zu versuchen,
und<lb/>treibt ihn, ohne es zu ahnen zu dem Gedanken, daß es nicht<lb/>so
übel wäre, mit den Besitzenden zu theilen. Die Familie,<lb/>die ihre Kinder
streng erzicht, von welcher der brave Handwerker,<lb/>die sparsame Näherin
ihren Kindern sagen können: ,sieh oben<lb/>die Kinder der reichen Leute an,
wie die fleißig, wie die be-<lb/>scheiden sind' - die macht sich verdient um
die Gesammtheit!<lb/>Und noch Eines hat das Kind nöthig von frühesten
Tagen<lb/>an. Es muß laut beten lernen, ehe es sein Auge für den<lb/>Schlaf
zumacht.<lb/>Ich hatte in diesem Sommer in Ragaz eine Engländerin<lb/>mit
ihrem kleinen Kinde neben mir. Sie wußte von mir so<lb/>wenig, als ich von
ihr; aber allabendlich rührte es mich zu<lb/>hören, wie sie dem Kinde das
Gebet vorsprach, wie die Kleine<lb/>es ihr nachsprach:,Segne meinen guten
Vater, Herr, und<lb/>meine gute Mutter, und segne uns Alle! Und ich will
ein<lb/>gutes Kind sein und will morgen nicht unartig sein !<lb/>Wenig
Worte, wie es umfaßte, enthielt das kleine Gebet<lb/>eben doch den Aufblick
zu einem Höheren, das Absehen von<lb/>dem Zeitvertreib und Spiel des Tages,
das Anerkennen des<lb/>Guten, welches man besitzt, und den ausgesprochenen
Vorsay,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0420_413.tif" n="413"/>
<p>= IZ -<lb/>seine Schuldigkeit zu thun. Und das Alles hat das Kind,
hat<lb/>der Mensch, haben wir Alle nothwendig. Adolf Stahr hatte<lb/>die
Gewohnheit, jeden Abend, ehe er sich niederlegte, ein paar<lb/>Seiten aus
den Goethe'schen oder aus Anderer Sinnsprüchen<lb/>und Gedanken zu lesen.
,Man muß seinen Sinn rein waschen<lb/>von der Zerstreuung des Tages !'
pflegte er zu sagen, und<lb/>er hatte Recht! Ob wir dieses Seelenbad mit den
Werken<lb/>eines Geistes an uns vollziehen, dem wir uns als
Schüler<lb/>unterordnen, ob wir es mit eigener Sammlung, ob mit
den<lb/>Worten und Gedanken thun, die uns das Judenthum und<lb/>Christenthum
in der Bibel aufbewahrt haben, immer ist es<lb/>das Anerkenntniß, daß es ein
Höheres gibt, als den bloßen<lb/>sinnlichen Genuuß des Daseins, einen
Aufblick zu einem Jdealen,<lb/>das uns erst des Menschen-Namens werth
macht.<lb/>Lehren Sie Ihre Kinder sich beherrschen und gehorchen;<lb/>lehren
Sie sie entbehren und nicht begehren; lehren Sie sie<lb/>die Augen zu einem
Jdeal erheben und sich ihm in freier<lb/>Erkenntniß unterordnen - und sie
werden aus ihrem engen<lb/>Kreise hinaus mitarbeiten an der Auferbauung des
Anhalts,<lb/>dessen wir nicht entrathen können in der haltlosen Verirrung
der<lb/>Geister, die sich uns in furchtbaren Zeichen offenbart hat.<lb/>Das
klingt alles kurz und hart und scharf zugespitzt! ich<lb/>weiß das wohl.
Aber ich habe eben nur in flüchtigen Briefen<lb/>zu Ihnen zu sprechen und
muß zufrieden sein, wenn Sie sich<lb/>aus diesen abgerissenen Sätzen zu
Ihrem Besten entnehmen,<lb/>was Sie für sich brauchen können. Die
Wirksamkeit all dessen,<lb/>was ich Ihnen sagte, habe ich an mir selbst und
an Anderen<lb/>erprobt. Und da vielfache Zuschriften mir in diesen
Wochen<lb/>es dargethan haben, daß Sie mich über diese Dinge
hören<lb/>mögen, daß es Ihnen daran liegt, ,Ordnung um sich her
zu<lb/>schaffen'', so sprechen wir auch mehr davon.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 31</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0421_414.tif" n="414"/>
<p>= I,hF =<lb/>sslssü»»fss=- Nsss<lb/>EEtutllt«uog-zs==- =e=s-<lb/>An die
deutschen rauen.<lb/>Haus Kaldenhof bei Hamm in Westphalen.<lb/>Ein
brieflicher Verkehr, wie der meine mit Ihnen, kann<lb/>nicht ein umfassendes
oder gar abschließendes Ganzes bieten.<lb/>Er kann aber um so weniger daran
denken, es zu thun, wenn<lb/>es sich, wie in unserem Falle, dabei um Fragen
und Neu-<lb/>gestaltungen handelt, deren Lösung und Feststellung, wenn
sie<lb/>überhaupt möglich ist, jedenfalls einer wahrscheinlich nöh
sehr<lb/>fernen Zukunft vorbehalten sein dürften. Ich wiederhole
es<lb/>deshalb also, daß ich mit diesen Briefen Nichts beabsichtige,<lb/>als
hier und da ein Streiflicht über unsere Zustände fallen<lb/>zu lassen, damit
auch Sie durch diese Beleuchtung sehen<lb/>mögen, was mir aufgefallen ist;
damit Sie selber über das-<lb/>jenige nachdenken, was der Erwägung werth
ist, und Hand<lb/>an die Aenderungen legen mögen, wo solche nothwendig
sind<lb/>und in Ihrer Macht stehen.<lb/>Wenn ich von den Wohnungen der
Reichen in die Woh-<lb/>nungen unserer unbemittelten handarbeitenden
Mitbürger<lb/>hineinblicke, und deren jettige Lebensweise mit jener
vergleiche,<lb/>welche man in diesen Volksschichten vor fünfzig Jahren
führte,<lb/>so sind die Ansprüche an dieselbe sehr wesentlich gestiegen
und<lb/>haben auch nach vielen Seiten hin Befriedigung finden
können.<lb/>Ein junges Ehepaar muß jettt schon sehr unbemittelt, ja
leicht-<lb/>sinnig und aussichtslos in die Ehe treten, wenn es sich
mit<lb/>dem zweischläfrigen Bett, mit einem Tisch, einem Kasten,<lb/>einigen
Stühlen, einem kleinen Stück Spiegel und dem aller-<lb/>unentbehrlichsten
Küchengeräth begnügen soll, wie das vordem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0422_415.tif" n="415"/>
<p>== gJ -<lb/>der Fall war. Denn so ganz nothdürftig habe ich es in<lb/>manchen
der übrigens sehr reinlich gehaltenen Wohnungen<lb/>unserer Königsberger
Milch- und Gemüsehändlerinnen, in den<lb/>Wohnungen von manchen der Arbeiter
gesehen, die in meines<lb/>Vaters Weingeschäft gehalten wurden, und bei
vielen der<lb/>Handwerker, die für unseren großenHaushalt arbeiteten.
War<lb/>damals der Zuschnitt hier und da ein besserer, so hatte das<lb/>Bett
eine Gardine von karrirter Leinwand, man hatte einen<lb/>Kleiderschrank, und
ein sogenannter Schragen an der Wand<lb/>trug besseres Eß- und Küchengeräth,
einige Fayenceteller,<lb/>zinnerne Löffel. und gemusterte Kaffeetassen. Aber
freilich<lb/>waren die Alnforderungen an Hausrath vor jenen Jahren<lb/>im
Allgemeinen geringer als jetzt, wennschon die einzelnen<lb/>Stücke besser
sein mochten. Einer unserer großen Gelehrten<lb/>erzählte mir, daß ein
Freund seines Vaters diesem seine Ver-<lb/>lobung, vor 80 bis 7 Jahren, mit
der Schlußbemerkung ges<lb/>meldet habe:,eine Braut ist ein gar liebes und
hübsches<lb/>Frauenzimmer, und sie besitzt eine schöne große Kommode
voll<lb/>Wäsche und recht hübsches Zinngeräth !! Der Bräutigam war<lb/>aber
kein Proletarier, sondern ein junger, später berühmt ge-<lb/>wordener Arzt.
Eine Kommode, ein Kleiderschrank, Gardinen<lb/>an den Fenstern, die jetzt
unerläßlich sind, waren vor fünfzig<lb/>Jahren nur bei den Meistern
anzutreffen, und auch bei ihnen<lb/>stand der,Tisch'' zwischen den Fenstern
unter dem Spiegel.<lb/>Der Spiegel trug den Kalender und die Briefschaften
in sei-<lb/>nem Rahmen, und von einem Sopha war auch bei ihnen nicht<lb/>die
Rede. Welches Dienstmädchen aber, das in die Ehe tritt,<lb/>mag es jett
entbehren, ein kleines Sopha und seinen Tisch<lb/>davor zu haben?<lb/>An die
Möglichkeit, die Fluren und Treppen der Häuser,<lb/>in denen sie wohnten,
irgendwie erleuchtet zu finden, an<lb/>Wasserleitungen dachte man so wenig
wie an die kalten oder<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0423_416.tif" n="416"/>
<p>== g,hß -<lb/>warmen Bäder, die man jetzt für wenig Geld erlangen
kann.<lb/>Volksküchen für den Unverheiratheten, Consumvereine für
die<lb/>Familien, Fortbildungsschulen und unentgeltliche Vorlesungen<lb/>für
beide Geschlechter, und alle jene Erleichterungen, mit denen<lb/>die als
Pflicht allgemein anerkannte Vorsorge der Bemittelten<lb/>für die
Unbemittelten diesen gegenwärtig wirksam zu Hilse<lb/>kommt, waren nicht
vorhanden; ebensowenig wie die Krippen<lb/>und Kinderbewahranstalten, in
welchen die auf Arbeit gehende<lb/>Mutter ihr Kind jetzt fast ohne Entgelt
von gebildeten Per-<lb/>sonen behüten und unterrichten lassen kann. Das ist
Ales<lb/>ein großer Fortschritt. Es ist auch gut, daß die Ansprüche
an<lb/>das Wohlbefinden sich nach dieser Seite hin gesteigert
haben,<lb/>sofern sie mit jenem auf das ruhige Erwerben und
sparsame<lb/>Zusammenhalten des Erworbenen gepaarten Sinne
verbunden<lb/>sind, in welchem die Franzosen, trot ihrer Lebhaftigkeit,
vor<lb/>allen Völkern als unerreichte Vorbilder dastehen; und, so
wie<lb/>mir es schien, auch die Engländer die Deutschen häufig
über-<lb/>treffen. Daß der Franzose wie der Engländer das
große<lb/>Gardinenbett, die beiden großen Stühle am Kamin, den Topf<lb/>mit
Fleisch und Gemüse auf seinem Heerd oder das Stück<lb/>Fleisch auf seinem
Rost nicht mehr entbehren können; daß die<lb/>Engländerin überzeugt ist,
ohne den kleinen Teppich - und<lb/>wäre er von Stroh - vor ihrem Kamin, und
ohne den<lb/>zinnernen Theetopf und ohne Dies und Jenes gehe es
einmal<lb/>nicht, das macht den eifrigen Erwerb dieser
Unerläßlichkeiten<lb/>nöthig, das steigert zum Vortheil des Volkes den
Verbrauch<lb/>und die Gewerbthätigkeit. Es erhöht den ganzen
Zuschnitt<lb/>der Lebensweise, und in deren andauerndem Verlauf auch
die<lb/>Gesittung und die Bildungsmöglichkeit der Nation, sofern
das<lb/>behaglichere Haus den Bewohner, den Herrn desselben,
häus-<lb/>licher macht. Ob aber die Häuslichkeit der Männer in
diesen<lb/>Ständen nicht eher abgenommen als zugenommen hat, seit
so<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0424_417.tif" n="417"/>
<p>= Ih ? -<lb/>und so viel. Vereine ihnen den Anlaß geben, so zu sagen
von<lb/>Amtswegen außer dem Hause ihre Abende hinzubringen, das<lb/>ist die
Frage. Eine andere Frage ist es, in wie weit es der<lb/>bürgerlichen
Gesellschaft im Großen und Ganzen fördersam ist,<lb/>daß man jetzt in den
Vorstädten eine Art von abgesonderter<lb/>Städte gegründet hat, in denen
meist nur Unbemittelte und<lb/>Ununterrichtete ein von den übrigen Bürgern
abgeschiedenes<lb/>Leben führen.<lb/>Daß die Leute, welche wenig Miethe
zahlen konnten, auf<lb/>den Böden, in den Höfen und in der Kellerwohnung der
in<lb/>den Hauptstraßen und Mittelpunkten der Städte gelegenen<lb/>Häuser
oft schlecht wohnten, daß ihre Kinder des Spielraumes<lb/>entbehrten, daß
das nahe Zusamnnmnenwohnen mit ihnen, daß<lb/>der Zusammenhang der uns
Tienenden mit jenen Familicn<lb/>große Unzuträglichkeiten hatten, ist nicht
zu leugnen. Hier<lb/>und da gab auch der Luus der Reichen und manche
Unsitte<lb/>unter den Unbemittelten nach einer und der andern Seite<lb/>ein
recht übles Beispiel. Es war eben viel in jenen früheren<lb/>Gewohnheiten
unzuträglich und der Versuch einer Neuerung<lb/>und Aenderung nothwendig.
Ich habe mich denn auch in<lb/>verschiedenen Orten von Deutschland, in
Fabrikstädten und<lb/>anderwärts, habe mich in Manchester und London und
wo<lb/>ich es immer konnte, in den für die Arbeiter gebauten
neuen<lb/>Stadtvierteln umgesehen, um mich über die Zustände in
denselben<lb/>zu unterrichten; aber neben all dem Guten, das die
Gründer<lb/>und Förderer dieser Arbeiterquartiere mir für dieselben
anzu-<lb/>führen wußten, blieb mir immer ein gewisses Widerstreben<lb/>gegen
dieselben. Die Freunde, die mich dorthin führten, haben<lb/>mich darauf
aufmerksam gemacht, wie das Nebeneinander-<lb/>wohnen der unter gleichen
Verhältnissen lebenden Familien<lb/>rR NR<lb/>F. Lenaald,
Reiseriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0425_418.tif" n="418"/>
<p>-= g1Z -=<lb/>untereinander sich helfen könnten und auch wirklich
helfen,<lb/>wie die Kinder in den nahe gelegenen Schulen es besser
hätten,<lb/>wenn sie nur unter ihres Gleichen wären. Ich habe das
Alleg<lb/>gesehen, habe in London zum Beispiel die trefflich
eingerichteten<lb/>Familienhäuser mit Wohnungen von einer bis zu drei
Stuben<lb/>- die eben so gut eingerichteten Häuser für
unwerheirathete<lb/>Arbeiter mit ihren Lehrsälen, Badekammern u. s. w.
gesehen<lb/>-= aber das beängstigende Gefühl, daß man mit dieser
Ab<lb/>sonderung der Weniger- und der Mehrbesitzenden einen
Kasten-<lb/>geist, eine Klassenscheidung herbeiführe, ist mit jedem Jahre
in<lb/>mir gestiegen. Und je mehr ich darüber nachdenke, um so<lb/>mehr
glaube ich, daß das frühere Verhältniß der Menschen<lb/>zu einander ein
natürlicheres war, weil jener Zusammenhang<lb/>zwischen den Reichen und
Unbemittelten, zwischen Gebildeten<lb/>und Ungebildeten dabei aufrecht
erhalten werden konnte, der<lb/>sich auf das gegenseitige Kennen, auf den
gegenseitigen<lb/>guten Willen, auf das gute Herz des Menschen
gründete.<lb/>Abgesehen davon, daß dem Einen durch das
Beisammenleben<lb/>manch kleiner Nebenerwerb zufiel, daß dem Andern
gelegentlich<lb/>eine Bequemlichkeit geboten wurde, hatte man Verkehr
von<lb/>jeder Art. Der Scheuerfrau im Hofe, deren Kind erkrankt<lb/>war,
konnte man so leicht an jedem Tage die Suppe schicken,<lb/>--- dem alten
Schlosser und seiner Frau, die, in der nächsten<lb/>Straße wohnend, nicht
mehr recht zu arbeiten vermochten,<lb/>Sonntags das Essen besorgen. Die
einsame Näherin, deren<lb/>Fenster am Weinachtsabend dunkel blieben, war
leicht hinüber-<lb/>gerufen. Es fand sich immer Etwas, das sie brauchen
konnte.<lb/>Und wie man ihnen Etwas leistete, leisteten uns die
Andern<lb/>es auch. Hatte man in einem Nothfall einen Gang zu
schicen,<lb/>so verließ man sich auf den guten Willen des
Schuhmachers<lb/>im Hofe, der seinen Jungen gehen lassen werde. Ward
ein<lb/>dienendes Mädchen im Hause krank, so fand sich eine Person,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0426_419.tif" n="419"/>
<p>== I1f ==<lb/>bie für dasselbe gern eintrat. Man wußte es eben, daß
man<lb/>einander brauchen, nützen konnte, man ,sprang einander
im<lb/>Nothfalle bei', wie man es hieß. Dieses Gefühl der
natürlichen<lb/>Zusammengehörigkeit geht unter den gegenwärtigen
Lebens-<lb/>verhältnissen nothwendig verloren. Das ist aber ein
unersetzlicher<lb/>Verlust, ist vielleicht eine der mitwirkenden Ursachen,
aus<lb/>denen sich der jetige oft so feindselige Kastengeist erzeugt
hat.<lb/>DieöffentlichenWeihnachtsbescheerungenin
denverschiedenen<lb/>Bezirken, die man vielfältig veranstaltet, ersetzen es
nicht, daß<lb/>man von Person zu Person, von Familie zu Familie
einander<lb/>nahe trat. Sie sind ein Abfinden, und sind nebenher
nach<lb/>meinem Begriff eine Beeinträchtigung des Familienlebens in<lb/>den
Häusern Derjenigen, die man beschenken will. Man soll<lb/>den Müttern geben,
was man ihrem Hausstande zudenkt, und<lb/>sie in ihren Stuben die
Bescheerung für die Ihren selber machen<lb/>lassen. Und so ist es nach allen
Seiten hin.<lb/>Der Dienstmann, aus dem DienstmannsInstitute, den<lb/>ich in
jedem Augenblicke haben, bezahlen kann, ist ganz beguem;<lb/>aber er weiß
nichts von mir, nichts von dem Kinde, um dessen<lb/>willen ich ihn
beschwöre, rasch zum Arzt zu laufen. Der<lb/>Nachbar im Hofe wußte von uns,
kannte das Kind, hatte<lb/>Mitleid mit uns, und wir dankten es ihm, vergaßen
es ihm<lb/>nicht, wenn seine Bereitwilligkeit uns in schwerer Stunde
aus<lb/>der Noth geholfen hatte. Es hatte sich in solcher Stunde<lb/>mehr
als ein bloßes Lohnwerhältniß, es hatte sich ein veredelndes,<lb/>ein
dauerndes menschliches Verhältniß zwischen uns gebildet.<lb/>Es war nicht
das kalte, abgelohnte Rebeneinander, nicht jene<lb/>Scheu davor, von
einander abzuhängen, der man jett in dem<lb/>falschverstandenen Begriff von
Unabhängigkeit so oft begegnet-<lb/>,Ich will von Niemandem abhängen !! Das
klingt sehr stolz<lb/>und groß, und ist so leicht gesagt wie thöricht. Als
ob irgend<lb/>Einer außer allem Zusammenhange mit den Anderen, als
ob<lb/>A-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0427_420.tif" n="420"/>
<p>== gZß --<lb/>irgend Etwas unabhängig für sich selbst bestände oder
bestehen<lb/>könnte!<lb/>Dieses meist falsche Streben nach möglichster
Unabhängig-<lb/>keit hat viele Bande gelockert, deren mannigfach
nützliche<lb/>Wirkung auch noch nicht ersetzt ist; es hat z. B. das
Verweilen<lb/>der Lehrlinge, der Gehülfen, in den Häusern ihrer
Lehrherren<lb/>und,Chefs'' aufgehoben. Die jungen Männer wollen
nicht<lb/>mehr in den Familien Derjenigen leben, denen sie dienen
und<lb/>von denen sie zu lernen haben. Die Familien und namentlich<lb/>die
Frauen, wollen auch lieber unabhängig von Pflichterfüllung<lb/>sein. Sie
scheuen die Mühe, die Verantwortung, nelche ihnen<lb/>erwächst, wenn sie die
Lehrlinge des Meisters, die Handlungs-<lb/>gehülfen des Hauses bei sich
wohnen, an ihrem Tische essen<lb/>lassen, für sie sorgen, sie in Krankheit
pflegen und sich um<lb/>sie kümmern sollen, wo und wie es eben Noth
thut.<lb/>Das Geld, die Bezahlung ist fast durchweg an die Stelle<lb/>der
persönlichen Leistung getreten, und das ist ein Unglück,<lb/>denn es hebt
den veredelnden Zusammenhang zwischen den<lb/>Menschen auf.<lb/>,Ich will
keinen Hausarzt, dem ich ein Jahrgeld gebe<lb/>und der dabei den ungebetenen
Hausfreund spielt!'! habe ich<lb/>sagen hören. ,Der Arzt dient mir mit
seinem Wissen, wie<lb/>jeder Andere mit seiner Waare. Ich will dem Hausarzt
nicht<lb/>hundert Thaler bezahlen, wo ich für zwanzig Thaler
Leistung<lb/>empfangen habe, und bei dem ich mich dann vielleicht
für<lb/>mein Geld im nächsten Jahre für mehr empfangene
Leistung<lb/>unnnöthig bedanken soll. Klare Rechnung ist das Beste.!
-<lb/>,Es ist eine zu große Last, sagt die Kaufmannsfrau,
,die<lb/>Handlungsdiener im Hause, diese Statisten, am Familientische<lb/>zu
haben, wenn ich mit den Meinen allein sein will, und<lb/>vollends wenn ich
Leute bei mir habe. Mein Mann macht das<lb/>mit Geld gleich im Gehalte ab.?-
,Gott soll mich vor der<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0428_421.tif" n="421"/>
<p>- IZ! -==<lb/>Gesellschaft der Inspektoren und der Wirthschafter
bewahren!'!<lb/>heißt es auf den Gütern. ,,Qie verdingen wir auswärts.?
-<lb/>,Das sollte mir fehlen, mich mit den Gesellen zu schinden,<lb/>die
jett gar nicht mehr wissen, was sie verlangen sollen.<lb/>Dafür sind die
Schlafstellen und die Volksküchen!' erklärt<lb/>die Meisterin. ,Einem
unbemittelten Primaner oder Studenten<lb/>Freitisch zu geben, ist ja
drückend für ihn! hört man sagen,<lb/>man kann ihn ja anderweit
unterstützen, und es ist doch<lb/>immer eine hindernde Verpflichtung, die
man mit solchem<lb/>Freitisch übernimmt!? = Wo das Herz sich freundlich
regen<lb/>sollte, klappert der Thaler, wenn er es thut! Wo man die
Hand<lb/>reichen, die Hand des Andern ergreifen sollte, drückt man
ihm<lb/>ein Papiergeld in die Hand. Aber daß der Handlungsdiener,<lb/>der
Handwerksgesell, wenn sie in der Familie lebten, es sahen<lb/>und merkten,
wenn schlechter Verdienst die Familien zu Ein-<lb/>schränkungen nöthigte,
daß sie nicht daran denken konnten zu<lb/>fordern, was der Arbeitgeber sich
selber versagen mußte: das<lb/>wird übersehen.<lb/>Wenn ich solche
Vorstellung mache, so heißt es oftmals:<lb/>Was wollen Sie? Wir leben eben
in unserer Zeit, in der<lb/>neuen Zeit! All diese Erscheinungen haben ihren
nothwendigen<lb/>inneren Zusammenhang!<lb/>Der Mensch, der mit A Jahren
mündig, der früh<lb/>Staatsbürger, Wähler wird, will sich nicht abhängig
machen<lb/>von den Launen seines Herrn und denen der ganzen dazu
ge-<lb/>hörenden Sippschaft. Er will nicht falsche
Gefühls-Komödien<lb/>spielen. Arbeit und Lohn sind positive Dinge, die
einander<lb/>ausgleichen und decken müssen, und damit holla! - Ich
rechts!<lb/>Du links! Abends S Uhr sind Herr und Diener
geschiedene<lb/>Leute und einander gleich!<lb/>Wenn man's so hört, möchts
leidlich scheinen,<lb/>Steht aber doch immer schief darum!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0429_422.tif" n="422"/>
<p>-= IZZ -<lb/>Müssen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer denn durch-<lb/>aus
geschiedene Leute sein? Kann der Herr dem Dienenden<lb/>nicht ein Berather,
ein gutes Vorbild sein? Muß man es denn<lb/>dem Studenten drückend machen,
an dem fremden Familien<lb/>tische zu sitzen? Kann man es ihm nicht
freundlicher und an-<lb/>genehmer machen, als er's in dem öden Speisehause
findet,<lb/>in dem er an unsauberem Tische und für seine paar
Groschen<lb/>sicherlich nicht gut ißt? Und sind die Hausfrauen denn
einzig<lb/>und allein für sich, für ihre Bequemlichkeit und für die
nächsten<lb/>Ihren da, die sie mit Selbstsucht lieben, weil ße ein
Theil<lb/>von ihnen selber sind?<lb/>Freilich hatten es die Hausfrauen
vordem schwerer als<lb/>jetzt in jenen gebildeten und nicht eben reichen
Familien, auf<lb/>deren Tüchtigkeit in allen Ländern die eigentliche Kraft
des<lb/>Volkes beruht. Sie, und eben so die Meisterin, mußten sich<lb/>sehr
plagen, und es war z. B. in meinem Vaterhause durchaus<lb/>nicht immer
angenehm, neben der Familie von acht Kindern<lb/>noch vier Handlungsgehülfen
und einen Lehrling zu versorgen.<lb/>Man that das auch nicht zum Vergnügen!
Man that eben<lb/>seine Schuldigkeit, erfüllte seine Pflicht; und es ist
keineswegs<lb/>gleichgültig für die Gesittung eines jungen Mannes, der
doch<lb/>auch einmal Hausherr und Familienvater werden soll, ob er<lb/>Jahr
aus Jahr ein in einer gesitteten Familie eine gesittete,<lb/>mehr oder
weniger gebildete Hausfrau und deren Töchter vor<lb/>Augen hat, oder ob er
Mittags und Abends in wechselnder,<lb/>zufälliger Gesellschaft mit
Schenkmädchen, die ihm leicht zu<lb/>Willen sind, im Wirthshause verkehrt.
Man steigt leichter<lb/>hinunter als hinauf. Es ist keineswegs gleichgültig,
ob ein<lb/>junger Mann frühzeitig mit seiner ganzen Lebensführung
sich<lb/>selber überlassen ist, oder ob das Auge eines Lehrherrn,
eines<lb/>Handlungsherrn, mehr oder weniger achtsam über ihm offen<lb/>ist
und eine Hand ihn gelegentlich zurückhält, ein mahnendes<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0430_423.tif" n="423"/>
<p>== gZZ -<lb/>Wort ihn anruft, wo er sich zu sehr vom rechten Pfade
zu<lb/>entfernen scheint. Ich weiß nicht von all unseren ,Herren<lb/>vom
Comptoir'' was aus ihnen geworden ist. Viele habe ich<lb/>aus den Augen
verloren; aber wo ich Einem von ihnen im<lb/>Laufe des Lebens begegnet bin,
hat es ihn und mich gefreut.<lb/>Einmal, als ich vor Jahren mit meinem Manne
in Florenz<lb/>in das große Magazin an Ponte della Trinits eintrat, wo
er<lb/>einen Einkauf zu machen wünschte, hatten wir ein
angenehmes<lb/>derartiges Erlebniß. Wir standen und besahen und
behandelten<lb/>verschiedene Gegenstände. Mit einem mal tönte aus
dem<lb/>entgegengesetzten Ende des Magazins der laut und mit<lb/>freudigster
Neberraschung ausgestoßene Ruf: ,Herr Gott,<lb/>Fräulein Fanny !' an mein
Ohr - ich war eine Frau mit<lb/>weißem Haar -= und Herr Sonnemann, ein
früherer Reisender<lb/>meines Vaters, hatte meine Hände ergriffen, und uns
Beiden<lb/>kamen die Thränen in die Augen in der Erinnerung an<lb/>,den
Herrn Stadtrath, an den Herrn, an die Mutter und an<lb/>den großen Eßtisch
in der Hinterstuber! Und so oft ich nachdem<lb/>in Florenz gewesen bin, habe
ich an dem Tische von Herrn<lb/>Sonnemann gesessen, hat er mir erzählt, wie
er sich bemüht,<lb/>seine Kinder nach dem Beispiel unseres Hauses zu
erziehen,<lb/>und ich habe in seinem Rückerinnern immer ein paar
gute<lb/>Stunden voll segnenden Gedenkens an meine trefflichen
Eltern<lb/>genossen.<lb/>In diese patriarchalischen Verhältnisse können wir
leider<lb/>nicht mehr zurückkehren. Aber grade den Frauen liegt
die<lb/>Pflicht ob, durch werkthätige Theilnahme von Person zu
Person,<lb/>die Entfremdung der Menschen untereinander zu verhüten.<lb/>Wie
dies anzufangen ist, darüber muß jede in ihrem besonderen<lb/>Kreise und
unter ihren besonderen Verhältnissen selber mit<lb/>sich zu Rathe gehen. Es
hat mich oft erschreckt, wenn ich<lb/>gutwillige Frauen der reichen Leute
vor Personen aus den<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0431_424.tif" n="424"/>
<p>== g,Zg -=<lb/>ärmeren Klassen sich so ungeschickt, so unbehülflich, so
ohne<lb/>richtige Kenntniß der Sachlage betragen sah, als wären sie<lb/>in
ein fremdes Land verschlagen, dessen Sprache sie nicht ver<lb/>ständen. Sie
flößten Abneigung ein, wo sie Gutes thaten<lb/>oder thun wollten; und mehr
als einmal habe ich von ihnen<lb/>sagen hören: ich weiß mit den Leuten nicht
zu reden, sie sind<lb/>mißtrauisch, es ist ihnen schwer beizukommen. Ist das
der<lb/>Fall, nun, so bleibt doch wahrhaftig gar nichts Anderes
übrig,<lb/>als es zu lernen wie man's macht, ihnen angenehm zu sein<lb/>und
ihr Zutrauen zu gewinnen, um- ich wiederhole den<lb/>Ausdruck immer wieder -
den richtigen menschlichen Zusammen-<lb/>hang zwischen den durch ihre
Verhältnisse im Leben ungleich<lb/>gestellten Menschen ausgleichend
herzustellen.<lb/>Wie wir dies, um immer mit dem Nächsten anzufangen,<lb/>in
unsern Häusern mit den uns dienenden jungen Frauen-<lb/>zimmern vielleicht
bewerkstelligen können, darüber habe ich<lb/>mich einmal in den,Osterbriefen
für die Frauen'' ausgesprochen,<lb/>die seinerzeit bei Otto Janke in Berlin
erschienen sind und<lb/>auf die ich Sie verweise, wenn die Frage Sie
beschäftigt.<lb/>Mancherlei, was ich in dem Sinne versucht, ist mir
geglückt.<lb/>Anderes zu versuchen, habe ich aus jener
Bequemlichkeit<lb/>unterlassen, von der Keiner von uns frei ist -- und ich
hatte<lb/>auch immer viel Unerläßliches zu thun.<lb/>In zweckmäßiger
Werkthätigkeit für das Allgemeine sind,<lb/>so wie der französische
Kleinbürger als Ersparer, die Eng-<lb/>länder für uns ein großes Vorbild.
Was die Männer der<lb/>hohen englischen Aristokratie, was unverheirathete
begüterte<lb/>und unbemittelte, alte und junge Engländerinnen für
das<lb/>Gemeinwohl mit großer Selbstverleugnung gethan haben und<lb/>thun,
davon auch nur ein Annäherndes zu leisten, sind wir<lb/>weit entfernt. Die
elendeste Abendunterhaltung, die gleichs<lb/>gültigsten geselligen
Gewohnheiten, der unnützeste Singverein<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 32</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0432_425.tif" n="425"/>
<p>= IZJ -<lb/>sind bei uns leider immer noch die Gründe, welche gegen<lb/>jede
Nebernahme werkthätiger Verpflichtungen für das All-<lb/>gemeine, oder auch
für dauerndes regelmäßiges Leisten im<lb/>besonderen Falle, angeführt zu
werden pflegen.<lb/>Daß jede Hausfrau und Mutter zunächst ihre
Schuldigkeit<lb/>in ihrer Familie zu thun hat, darüber haben wir uns
schon<lb/>vor Jahren in den ,Briefen für und wider die Frauen''
ver-<lb/>ständigt. Aber es leben unter uns so viel müßige Frauen<lb/>und
Mädchen, die sich mit allen möglichen Vergnügungen vor<lb/>der ödesten
Langeweile nicht zu retten wissen. Warum legen<lb/>diese nicht, wie in
England, Hand ans Werkt es ist viel zu<lb/>lernen jenseit des
Kanals!<lb/>ss»lsszlo<lb/>Zyeuutll==-z-= -<lb/>An die
deutschen<lb/>S»mef.<lb/>Frauen.<lb/>Haus Kaldenhof, den A. September
178.<lb/>Wir hatten heute nach Hamm auf den Schießplat fahren<lb/>wollen,
der Feier des Sieges von Sedan beizuwohnen, aber<lb/>das Wetter war uns
nicht günstig, wir mußten davon ab-<lb/>stehen. Indeß wir hatten sie doch
gesehen, die schwarz-weiß-<lb/>rothen Fahnen, die von den Giebeln der Häuser
niederhangend<lb/>im Winde flatterten, und die kleinen Jungen, die mit
ihren<lb/>Fähnchen an der Eltern Hand umherzogen in allen Straßen<lb/>der
alten guten Stadt, die sich verschönt und verjüngt hat,<lb/>rund um ihren
vierschrötigen Dom umher, vor dem das<lb/>Kriegerdenkmal steht, und die viel
freundlicher geworden ist<lb/>seit den zehn Jahren, in denen ich sie nicht
wiedergesehen<lb/>hatte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0433_426.tif" n="426"/>
<p>= g,Zß ==<lb/>Wenn sie auferstehen könnten, dachte ich, jene
Genossen<lb/>meiner Jugend, die Brüder, die jungen studirenden
Freunde,<lb/>die in den Tagen der traurigen Zersplitterung von
Deutsch<lb/>land, in treuem, muthigem Glauben und Hoffen das alte<lb/>schöne
Lied der deutschen Burschenschaft und in ihm die Verse<lb/>von des alten
Reiches Farben feierlich wie ein Gelöbniß zu<lb/>singen geliebt
hatten:<lb/>Wie Flammen golden sei der Brüder Zeichen,<lb/>Roth wie die
Liebe, die im Herzen glüht;<lb/>Und daß wir auch im Tode selbst nicht
weichen,<lb/>Sei schwarz das Band, das unsre Brust unizieht!<lb/>Damals war
es ein Verbrechen, an die Aufrichtung des<lb/>Deutschen Reichs zu denken,
ein Verbrechen, die alten deutschen<lb/>Farben hochzuhalten. Jetzt ist das
neue Deutsche Reich er-<lb/>standen, die deutschen Fahnen fliegen frei und
stolz durch die<lb/>Lande und auf den Meeren. Dank dem deutschen Volk
und<lb/>seinen Führern hat Deutschland den Tag von Sedan und<lb/>den 1.
Januar des Jahres 17 in Versailles erlebt.<lb/>Ach, die jetige, in dem
geeinten Deutschen Reich heran-<lb/>wachsende Jugend kann es kaum ermessen,
was jenes Lied der<lb/>Burschenschaft, was Körner's, Arndt's, Schenkendorf's
Lieder<lb/>uns gewesen sind! Wie in dem traurigen Verfall
von<lb/>Deutschland die Liebe für das Vaterland in uns lebendig war,<lb/>wie
fest unsere Hoffnungen auf seine einstige Wiederherstellung<lb/>gerichtet
waren! Gewiß, die Vaterlandsliebe ist ein durchaus<lb/>religiöses, das Wesen
des Menschen veredelndes Gefühl, und<lb/>es ist heilige Pflicht, ihren
Kultus in den Familien aufrecht<lb/>zu erhalten; den Kultus jener reinen
Vaterlandsliebe, die<lb/>eben so fern von Selbstverblendung als von
Ausschließlichkeit<lb/>oder gar von Abneigung gegen die anderen Völker ist.
An<lb/>dem häuslichen Herde muß sie großgezogen werden, die rechte<lb/>Liebe
für das Vaterland, dort muß die heilige Flamme -<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0434_427.tif" n="427"/>
<p>= P? -<lb/>wie in dem Hause der alten Deutschen - lebendig
gehalten<lb/>werden für und für. An diesem Altar sind die
Frauen<lb/>Priesterinnen.<lb/>Neberliefern Sie Ihre Kinder, Ihre Söhne und
Töchter<lb/>dem Lehrer, der in den überfüllten Klassen unserer
Schulen<lb/>sie fortzubilden hat für das weitere Leben und für die
Ge-<lb/>sammtheit, genährt mit jener Vaterlandsliebe, in welcher
der<lb/>Einzelne sich nur als ein dienendes Glied in dem großen<lb/>Ganzen
empfindet, und die zu fühlen ein Glück ist. Sie<lb/>werden dem Lehrer damit
einen großen Thheil an Arbeit er-<lb/>sparen, Sie werden ihm gefügige, sich
selber gut vorwärts-<lb/>kommende Söhne und Töchter damit erziehen. Erziehen
Sie<lb/>die deutschen Kinder in der Verehrung vor dem Kaiser, der,<lb/>unter
der begeisterten Zustimmung des Volkes an die Spite<lb/>des Vaterlandes
gestellt, in seiner Person das Vaterland und<lb/>das Gesetz darstellt,
welches das Volk sich gibt, und das es<lb/>unter seinen, unter des Reiches
Schutz stellt. In keiner<lb/>Kinderstube, in keiner Schulstube, in keinem
Arbeitssaal, in<lb/>keiner Werkstatt sollte man sie fehlen lassen, die
Bilder der<lb/>Germania und des Reichsoberhauptes. Die katholische
Kirche,<lb/>diese vollendetste und betechnetste Organisation, weiß
sehr<lb/>wohl, was sie fördert, wenn sie das Bild des Gekreuzigten<lb/>und
der göttlichen Jungfrau den Menschen immer vor dem<lb/>sinnlichen Auge
vorführt, wenn sie die Kinder täglich zur<lb/>Kirche geleitet. Lehren Sie
Ihre Kinder die großen vater-<lb/>ländischen Gesänge und die hübschen
deutschen Lieder von<lb/>Kindesbeinen an. Kinder sind für Musik und Poesie
weit<lb/>früher empfänglich, als man es voraussetzt. Das einfache<lb/>kleine
Liedchen von der Feldflasche - ich weiß nicht von wem<lb/>es ist, das jede
Strophe mit dem Verse beschließt: ,Mein<lb/>König trank daraus !' tönt mir
heute noch mit dem rührenden<lb/>Stimmklang meiner Mutter in der Seele, mit
der wir es,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0435_428.tif" n="428"/>
<p>= PZZs =<lb/>unter andern ähnlichen Liedern, bei all unsern
Spazierfahrten<lb/>zu singen pflegten; uns fünfjährige Kinder habe ich
entzückt<lb/>und gerührt gesehen, wenn sie das ,Steh ich in
dunkler<lb/>Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht!' mit
ihren<lb/>Eltern sangen.<lb/>Das deutsche Lied ist nicht, wie Herr v. Beust
es ein-<lb/>mal sehr zur Unzeit aussprach, des Deutschen
Zukunft.<lb/>Deutschland hat sich seitdem Größeres und Höheres zu
er-<lb/>obern gewußt, als nur das deutsche Lied. Aber das deutsche<lb/>Lied
ist ein großes Element in der deutschen Erziehung, denn<lb/>Dichtung und
Musik klingen lebhaft an in beutschen Herzen.<lb/>Mit Gesängen aus den
Possen, mit Offenbachiaden aber er-<lb/>zieht man Kinder und Völker nicht zu
dem sittlichen Jdealis-<lb/>mus, der sie groß und edel macht.<lb/>Und hier
komme ich zu dem Gegenstande zurück, dessen<lb/>ich schon vor einem Jahre
einmal in meinen Briefen Er-<lb/>wähnung that. Halten Sie Ihre Häuser und
sich selber frei<lb/>von Schriften, Bildern u. s. w., die der Sittlichkeit
zu nahe<lb/>treten; halten Sie die früh erregbare Neugier und
Phantasie<lb/>der Kinder rein.<lb/>Daß der Schriftsteller, seit wir unsere
Arbeiten keiner<lb/>staatlichen Zensur mehr zu unterwerfen haben und seit
wir<lb/>obenein unsere Dichtungen in den Zeitungen drucken lassen,<lb/>die
in jedem Hause Jedermann, dem heranwachsenden Knaben<lb/>und Mädchen wie dem
Hausknecht und der Magd, zu Händen<lb/>kommen, daß der Schriftsteller jetzt
die Zensur an sich selbst<lb/>zu üben hat, daß er verantwortlich ist für die
Saat, die er<lb/>mit seinem Schaffen in die Herzen seines Volkes
streut,<lb/>das ist für mich ein Glaubensartikel, den ich
gleichfalls<lb/>schon mehrfach ausgesprochen und über den ich
freilich<lb/>schon oftmals gegen anders Denkende zu streiten
gehabt<lb/>habe. Wir brauchen deshalb keine ,bloßen
Kinderschriften'<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0436_429.tif" n="429"/>
<p>== gZß<lb/>und nicht blos ,Bücher für die reifere Jugend' zu
schreiben.<lb/>Das Erlaubte und das Unerlaubte, das Schöne und
Häßliche<lb/>sind überall nur durch eine Linie unterschieden, die
einzuhalten<lb/>in meinen Augen ein Verdienst, die zu überschreiten ein
Un-<lb/>recht ist.<lb/>Erinnern Sie sich an die französische Romanliteratur
von<lb/>1880 bis auf diesen Tag und fragen Sie sich selber,
welche<lb/>Früchte sie in ihrem Vaterlande, und auch unter uns
getragen<lb/>hat, trotz der außerordentlichen Geschicklichkeit und des
großen<lb/>Talents, mit welchem jene Dichter schufen. Ich habe eben<lb/>in
diesen Tagen Mittheilungen über dieses Thema in Max<lb/>Jordan's ,Aus dem
wahren Milliardenlande'r angetroffen,<lb/>die mir völlig richtig und wahr
erschienen sind. Daß z. B.<lb/>Daudet ein großes Talent ist, wer könnte
daran denken, ihm<lb/>das zu bestreiten? Aber fragen Sie sich selber, was
Sie thun,<lb/>wenn Sie in Ihren Häusern solche Bücher wie die
seinen<lb/>dulden, wenn Sie Ihre Kinder in Possen mit obscönen<lb/>Liedern,
in Offenbachiaden führen, welche die schönen Ge-<lb/>stalten der alten
Götterwelt in den Schlamm der Gemeinheit<lb/>hinabziehen? Fragen Sie sich
selber, was Sie für die ethische<lb/>Bildung der Ihren - und Ihrer selbst -
gewinnen, an<lb/>Dichtungen und Komödien, deren wesentliches Verdienst
darin<lb/>besteht, daß sie aufregen, daß sie spannen, daß sie
einen<lb/>prickelnden Reiz haben, mit einem Worte, daß sie, wie
der<lb/>Kunstausdruck dafür lautet, Sensationsromane sind. Halten<lb/>Sie
sich diese Worte in ihrem eigentlichen Wortlaut und<lb/>Wortsinne vor die
Augen, und ich glaube, Sie werden sich<lb/>selber wundern, was sie aussagen,
und daß man die Jugend<lb/>und die Halbbildung eben so sehr vor dieser Art
von<lb/>Schriften, wie vor den aus dem Französischen
übersetzten<lb/>Schauspielen und vor der Mehrzahl der modischen
Possen<lb/>sorgfältig zu bewahren hat. Kindern frühzeitig die
Meister-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0437_430.tif" n="430"/>
<p>- gZ0 -==<lb/>werke unserer großen Dichter auf der Bühne zugänglich
z<lb/>machen ist sicher heilsam. Es giebt ihnen große Bilder,
große<lb/>Vorstellungen, Liebe für die vaterländischen Dichter,
Freube<lb/>an dem Adel unserer Sprache; aber welche Eindrücke,
welche<lb/>Ausdrücke bringen sie aus der Mehrzahl der Possen heim?<lb/>Welch
eine Verrohung hat sich durch das aus jüdischen
und<lb/>Wirthshausredensarten gemischte Kauderwelsch, das sich
dort<lb/>vielfach breit macht, selbst in den sogenannten
gebildeten<lb/>Kreisen eingeschlichen! Das ,kurchtbar nett!r, welches
ihrer<lb/>Zeit das sehr gewandte Fräulein Schramm kuf dem
Wallner-<lb/>Theater in Mode brachte, war der schwache Anfang all
der<lb/>sinnlosen und ungewaschenen Redensarten, welche man jetzt<lb/>von
sehr sauber behandschuhten Personen wieder und wieder<lb/>zu hören bekommt.
Es hat Vieles bei uns der Verbesserung<lb/>vonnöthen.<lb/>Wir stehen bei der
diesjährigen Feier des Sedantages<lb/>in einem Zeitpunkt, der uns zu tiefem
ehrlichem Einblick in<lb/>unser inneres Sein und Wesen zwingt. Wir haben es
als<lb/>ein fast wunderbares Glück zu segnen, daß wir diesmal den<lb/>Tag
von Sedan nicht in Landestrauer zu begehen haben,<lb/>daß wir ihn nicht zu
begehen haben beladen mit der untilg-<lb/>baren Schmach, daß der erste
Deutsche Kaiser des neuerstan-<lb/>denen Reiches von der Hand deutscher
Meuchelmörder den<lb/>Tod empfangen hat. Denn die frevelnde Hand
deutscher,<lb/>dem Gemeingefühl des Volkes entfremdeter Männer hat
in<lb/>der Person des Deutschen Kaisers das Symbol des Reiches,<lb/>den
Schützer der Reichseinheit und der Reichsgesetze zu zee-<lb/>stören
getrachtet, hat zu zerstören getrachtet, was mit dem<lb/>blühenden Leben,
was mit dem Herzblut von Tausenden und<lb/>Tausenden aufgerichtet und
zusammengeschweißt worden ist.<lb/>Und leider waren jene Handlungen die
Folgen einer Welt-<lb/>anschauung, die sich offen und unumwunden der
Gesittung<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0438_431.tif" n="431"/>
<p>= g,ZJ -==-<lb/>und den ganzen Zuständen feindlich erklärt, in welcher
wir<lb/>uns auf dem Boden der antiken Kultur und des Christen-<lb/>thums
durch die Jahrtausende zu der gegenwärtigen Staats-<lb/>gesellschaft
entwickelt haben. Daß die Staatsgesellschaft, wie<lb/>sie jetzt besteht, die
vollkommenste sei, die möglich ist, wer<lb/>wollte das behaupten? Daß sie
einer Verbesserung fähig sei?<lb/>Wer wagte das zu bestreiten! Und wer kann
es leugnen,<lb/>daß man von allen Seiten bemüht ist, zu ändern, zu
bessern,<lb/>zu entwickeln und auszubauen, wo dies gefordert wird?
aber<lb/>zu bessern und aufzubauen mit vorsichtig schonender und
stützen-<lb/>der Hand, damit nicht einstürze, was des Erhaltens
würdig<lb/>ist, damit auf dem tüchtigen, guten Grunde noch Besseres
er-<lb/>wachse als bisher, damit uns das Haus, in welchem wir vor<lb/>der
rohen Gewalt des Egoismus mehr oder weniger gesichert<lb/>wohnten, nicht
über dem Haupt in wildem Zerstörungstrieb<lb/>zertrümmert werde, ehe man ein
besser gesichertes für uns<lb/>bereit hat; damit es nicht mit uns zugleich,
die von den<lb/>Jahrtausenden liebevoll gepflegte gute Frucht
vernichte.<lb/>Die Reichsregierung bereitet strafende Gesetze vor,
dem<lb/>unter uns herrschenden Nebel, wo es sich in verderblichen<lb/>Thaten
kennzeichnet, entgegenzutreten. Aber gegen die Wand-<lb/>lung des Sinnes,
aus welchem jene Missethaten hervorgegangen<lb/>sind, gegen den Mangel an
sittlichem Jdealismus in des Wortes<lb/>weitester Bedeutung, hat sie keine
Macht, kann das Strafgesez<lb/>nicht helfen. Hiergegen hat jeder wie bei
einer großen Feuers-<lb/>brunst, die das eigene Haus bedroht, wie in Zeiten
des<lb/>Krieges, wenn der Feind ins Land fällt, selbst die Hand
mit<lb/>anzulegen. Wir haben - und nicht allein bei uns, sondern<lb/>auch in
den andern Ländern -- eine innere Mission zu voll-<lb/>ziehen, eine Mission,
die Jeder in sich selbst, die jede Familie<lb/>in ihrem Hause zu üben hat,
und die nicht zum kleinsten<lb/>Theile den Frauen zu leisten obliegt. In
einer Zeit, in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0439_432.tif" n="432"/>
<p>= gZZ -<lb/>welcher man von Seiten einer Sekte die Ehe aufheben,
die<lb/>Familie auflösen möchte, ist es an den Frauen, die Ehe in<lb/>ihrer
Würdigkeit, die Familie in ihren segensreichen Folgen<lb/>darzustellen und
zu pflegen.<lb/>,Die Menschen lernen nur durch sehr wiederholte
Ep<lb/>fahrungen und halten trotz aller noch so schweren
gegentheiligen<lb/>Erlebnisse hartnäckig an der Selbsttäuschung fest, daß es
fdr<lb/>die Nationen Freiheit und Glück auch ohne Hochsinn und
Ans<lb/>strengung geben könne. Vaterlandsliebe ohne Opfermuth ist<lb/>ein
Wort ohne Sinn!r (Karl Hilty.<lb/>Als nach den Zeiten des Tilsiter Friedens
Preußen zer-<lb/>schmettert am Boden lag, als die französische Tyrannei
das<lb/>Land in entehrender Knechtschaft hielt und die Gesinnung
hier<lb/>und da eine schwankende geworden war, da traten sie zu-<lb/>sammen,
die Männer und Frauen, in deren Herzen die Liebe<lb/>für das Vaterland in
stiller, heißer Flamme brannte, und<lb/>reichten einander die Hände, sich
und die Ihren neu zu er-<lb/>ziehen und aufzuerbauen, und aus engem, fest
durch Tüchtig-<lb/>keit verbundenem Kreise in immer weitere Kreise den
rechten<lb/>Sinn, die rechte Treue zu verbreiten. Man gab das Bei-<lb/>spiel
für die Lehre, die man wirksam machen wollte. Man<lb/>entsagte mit bewußter
Entschlossenheit der Neppigkeit und dem<lb/>Luxus, man gab unnüte,
geisttödtende Zerstreuungen auf,<lb/>man suchte sich zu sammeln. Man ward
häuslicher, als man<lb/>es lang gewesen war, man erzog die Kinder nicht nur
für<lb/>die Gesellschaftswelt, nicht nur für ihren Broderwerb;
man<lb/>bemühte sich, ihren Sinn edel und rein zu erhalten, sie zu<lb/>guten
Menschen, zu guten Söhnen des Vaterlandes heran-<lb/>zubilden. Und damals
war es zum großen Theil der Adel,<lb/>der in diesen Bestrebungen voranging,
der die Gleichgesinnten<lb/>Aa a<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0440_433.tif" n="433"/>
<p>= PZZ -<lb/>adelnder Verbrüderung aneinander zu ketten für den
einen<lb/>großen Zweck. Aehnliches zu thun liegt auch uns jetzt ob.<lb/>Ich
bin weit davon entfernt, Ihnen Lebensregeln geben<lb/>zu wollen. Jeder hat
seine eigenen Nothwendigkeiten und<lb/>hat diesen gerecht zu werden. Aber
gewöhnen Sie sich, um<lb/>mit dem Anfang anzufangen, ernsthaft an die Frage:
Was<lb/>ist wirklich nöthig und was nicht? Wenn Sie sich diese<lb/>Frage oft
genug vorlegen wollten, würden Sie zu Erkennt-<lb/>nissen kommen, daß Sie
überraschen würden.<lb/>Ihre Lory muß eine rosa Schärpe für so und so
viel<lb/>Thaler haben, weil Ihrer Freundin kleine Eugenie eine
solche<lb/>Schärpe hat. Wie wäre es, wenn Sie Beide für Ihre<lb/>Kinder
darauf verzichteten? Die Taillen würden nicht weniger<lb/>hübsch sein mit
einem schlichten Gürtel. - Sie müssen die<lb/>wissenschaftliche Vorlesung
des großen Naturforschers hören,<lb/>der so gefällig ist, süch zu dieser
Leistung herzugeben, weil<lb/>alle Ihre Bekannten hingehen, die
wahrscheinlich, so wie Sie<lb/>und ich, nicht die Hälfte von dem verstehen,
was wir hören;<lb/>denn uns fehlt die ganze Vorbildung, die jenem
Gelehrten<lb/>als etwas Selbstverständliches erscheinen muß.
Vergnügen,<lb/>Vortheil haben Sie davon, wie ich bemerkt zu haben
glaube,<lb/>selten. -- Wie wääre es, wenn Sie und Ihre Freundinnen<lb/>sich
dahin vereinten, den unnützen Putz, die ,ersten Auf-<lb/>führungenr in den
Theatern, den für Sie oft so unfrucht-<lb/>baren Zeitvertreib zu meiden? =-
Wenn Sie von so manchen<lb/>völlig unnützen Vereinen, in welche es Mode ist
zu gehen,<lb/>fern, und statt dessen zu Hause blieben, um mit dea
Ihren<lb/>gemeinsam ein Buch zu lesen, das Sie allesammt verständen,<lb/>das
in Ihren Kindern edle Gedanken wachruft, ihre Phantasie<lb/>in schöner Weise
anregt? - Ihr Herr Gemahl, wenn er<lb/>sicher wäre, Sie zur rechten Zeit zu
Hause zu finden, bliebe<lb/>vielleicht dann gleichfalls lieber bei Ihnen und
den Kindern<lb/>J. Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0441_434.tif" n="434"/>
<p>= IZ<lb/>als im Klub; und mit dem Gelde, das Sie für die<lb/>Schärpen, für
die Ihnen unverständlichen Vorlesungen, füt<lb/>die ,ersten Vorstellungen?
nothwendig zu haben glauben,<lb/>könnten Sie viel Bücher für die Ihren
kaufen und Bücher<lb/>für das Volk. Aber freilich mit den Phantasmagorieen
von<lb/>Jules Verne, die angeblich belehren sollen, während sie
die<lb/>Vorstellungen wie im Opiumrausche durcheinander werfen,<lb/>erzeugt
man weder Ernst noch Edelsinn; und man soll<lb/>nicht spielend lehren. Die
Arbeit soll von frühester Kindheit<lb/>an ein ernstes Thun, soll
Pflichterfüllung, das Spiel sol<lb/>völlig freie Muße sein. Halbheit ist in
allen Dingen stets<lb/>vom Nebel!<lb/>Ich sagte vorhin: Sie könnten GBücher
kaufen für das<lb/>Volk. Ich bin Ihnen schuldig, zu erklären, was ich
damit<lb/>meine. Ich habe in England und in der französischen Schweig<lb/>es
beobachtet und es in meinen Reisebüchern aus jenen Län<lb/>dern vor
achtundzwanzig und vor zehn Jahren bereits aus-<lb/>gesprochen, wie viel
sich mit der unentgeltlichen Verbreitung<lb/>kleiner Druckschriften von
zwanzig bis dreißig kleinen Seiten<lb/>wirken läßt; und ich habe
andererseits von dem bedruckten Um<lb/>schlagblatt eines Buches in Jtalien
gelernt, mit wie viel<lb/>Umsicht die Jtaliener sich das, was im Auslande
für Volks-<lb/>bildung geschehen ist, durch Neberseyung anzueignen
wissen,<lb/>wie ihre guten Schriftsteller selber sich dafür in
eigenen<lb/>Schriften Mühe geben. Alles, z. B. was Smiles
geschrieben<lb/>hat, die Lebensgeschichten der Männer, die sich selbst
empor-<lb/>geholfen haben u. s. w., haben sie übersetzt und verkaufen
sie<lb/>zu den billigsten Preisen. Es ist das ein wirksames Gegen-<lb/>gift
wider das Begehren, zu genießen, wo man nicht ge-<lb/>arbeitet hat, die
Frucht zu theilen, welche Andere säeten.<lb/>Ich weiß nicht, ob wir solche
Biographieen besizen<lb/>An den Vorbildern fehlt es auch nicht unter uns.
Das<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0442_435.tif" n="435"/>
<p>== PIJ =<lb/>Leben der Vorsig und ihres Gleichen müßte man schreiben.<lb/>Bis
das geschehen ist, thun Sie sich zusammen in Vereinen,<lb/>zu denen die
Männer Ihnen sicherlich gern die Hand bieten<lb/>werden, und lassen Sie
Volksschriften drucken für das Geld,<lb/>das Sie sonst sinnlos auszugeben
pflegen. Sehen Sie -<lb/>wenn Sie ordentliche Buchführerinnen sind - in
Ihren<lb/>Ausgabebüchern ernsthaft nach. Die Summen, welche frei<lb/>werden
würden auf diese Weise, würden in kaum einem<lb/>Haushalt fehlen, und in
manchem von erschreckender Größe sein.<lb/>Beginnen Sie damit, nach
erhaltener Erlaubniß des Ver-<lb/>fassers die einzelnen Biographicen von
Smiles aus dem Buche<lb/>,Hilf dir selbsr' überseten, einzeln drucken und in
Hundert-<lb/>tausenden von Exemplaren unentgeltlich vertheilcn zu lassen.
Es<lb/>wird nicht allzu theuer sein, nicht mehr verschlingen, als
Sie<lb/>Jahr aus Jahr ein unnöthig auözugeben pflegten. Ein<lb/>Buch zu
lesen nehmen die herumtaumelnden Lehrlinge, nimmt<lb/>die müde Näherin, der
zerstreute Gesella, der müde Arbeits-<lb/>mann sich nicht die Zeit. Solch
ein Ding von wenig Seiten,<lb/>das man ihnen wie die Anzeige von Seifen-
oder Kleider-<lb/>handlungen unentgeltlich in die Hand gesteckt, das sehen
sie<lb/>schon aus Reugier an, das bringt der Vater der Mutter und<lb/>den
Kindern mit nach Hause; und wie mancher schöne<lb/>Baum im Walde ist
erwachsen aus dem Samen, den der<lb/>Wind anscheinend verwehte.<lb/>Ich habe
bei Freunden in diesem Sommer die Reise-<lb/>skizzen eines protestantischen
Pastors Funke in Händen ge-<lb/>habt, und andere Biographieen aus den Zeiten
vor Deutsch-<lb/>lands Wiedergeburt, von deren Verfasser der Name mir
leider<lb/>entfallen ist. Beide Schriftsteller standen auf einem
religiösen<lb/>Standpunkt, der nicht der meine ist; aber beider
Schriften<lb/>haben mich gerührt und erhoben durch die Innigkeit
der<lb/>Empfindung und die Tiefe ihrer Liebe für das
Vaterland.<lb/>A<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0443_436.tif" n="436"/>
<p>== Zü -<lb/>Auch dieser Männer Erlaubniß müßte mnan zu erlangen<lb/>suchen,
um die einzelnen Aufsätze als Traktätlein in den<lb/>Straßen, auf den
Eisenbahnen, in den Schulen, in den Kas<lb/>sernen, ja, überall da zu
vertheilen, wo man es nöthig findet,<lb/>das Eindringen zerstörender
Schriften zu verhindern. Diesen<lb/>Weg einmal betreten, würden die besten
unter unseren Schrift-<lb/>stellern, die noch in der Kraft des raschen
Schaffens sind, es<lb/>an sich nicht fehlen lassen, ihr Festhalten an dem
Vaterlande,<lb/>an seiner Sitte und Zucht, in kleinen Flugschriften zu
bethä-<lb/>tigen, welche die Frauenvereine kaufen und unentgeltlich
ver-<lb/>theilen müßten. Und wir haben unter uns Schriftsteller, die<lb/>wie
Meissonnier in seinen Bildern, gerade ihr Vortrefflichstes<lb/>leisten, je
enger der Rahmen ist, in welchen sie ihre dich-<lb/>terischen Gestalten
hineinkomponiren. Denn Dichtungen,<lb/>plastisch gestaltete Bilder, nicht
Abhandlungen wirken auf den<lb/>Sinn der Jugend und des Volkes.<lb/>Es ist
dies nur ein Vorschlag. Vielleicht scheint er Ihnen<lb/>so, ausführbar und
zweckmäßig als mir. Und mit diesem<lb/>Vorschlage will' ich
schließen.<lb/>Seien Sie Hausfrauen und Mütter in dem Sinne des<lb/>Wortes,
der das Große stets im Auge behält und das Kleinste<lb/>nicht zu gering hält
für seine Beachtung. Adeln Sie Ihr<lb/>Leben durch Ernst, um ein edles
Geschlecht heranzubilden,<lb/>und erhalten Sie mit eifriger Beflissenheit
einen hülfreich<lb/>fördernden persönlichen Zusammenhang zwischen sich und
den<lb/>weniger gut gestellten, weniger bemittelten, weniger
gebildeten<lb/>Leuten innerhalb Ihres Hauses, und so weit die Hand
und<lb/>das Auge einer Jeden reichen, ohne die Pflichten im
eigenen<lb/>Hause darüber zu versäumen, auch außerhalb desselben.
Ein<lb/>Mann, der ein rechtschaffener Herr in seinem Hause ist,
eine<lb/>Frau, die einem solchen Manne in Gehorsam sich
freiwillig<lb/>unterordnet, die erziehen gute Kinder, gute Tienstboten,
wirken<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 33</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0444_437.tif" n="437"/>
<p>== gZ? -<lb/>durch ihr Beispiel weiter, tiefer als sie glauben. Sie
bilden<lb/>gute Bürger heran und auferbauen in der neuen Generation<lb/>das
Vaterland, wo ihm jetzt Gefahren drohen durch Selbst-<lb/>sucht und durch
Leichtsinn. Und somit Jeder an seinem<lb/>Platze freudigen Muthes an die
Arbeit!<lb/>Ob ich mit diesen Briefen an Sie das Richtige ge-<lb/>troffen?
Mein Wille wenigstens war gut, und hiermit will<lb/>ich zugleich all den mir
persönlich unbekannten Männern und<lb/>Frauen recht von Herzen danken, die,
diesen guten Willen<lb/>anerkennend, mich während der Veröffentlichung
dieser Briefe<lb/>durch ihren schriftlichen Zuspruch zu ihrer Fortsetzung
er-<lb/>muthigt haben. -- Besten Dank!<lb/>Ineiull===--z=-
=okef.<lb/>s=slsl»sfss= N<lb/>Der neugierige Nobby,<lb/>Eine Ges chichte für
die Enkel erzählt.<lb/>Haus Kaldenhof, den S. September 178.<lb/>Wenn man
immerfort für die Großen erzählt und schreibt,<lb/>so muß man doch bisweilen
auch an die Kleinen denken; und<lb/>weil ich heute am lieben Sonntag hier im
Hause eine sehr<lb/>merkwürdige Geschichte gehört habe, soll' der Sonntag
Euch<lb/>zu Gute kommen, und ich will Euch die Geschichte erzählen,<lb/>und
den Brief ganz allein für die Kleinen schreiben, weil ja<lb/>viele Großen
auch ihre eigenen Kleinen haben. Paßt denn<lb/>nun auf!<lb/>Hoch oben, im
Nordwesten von Deutschland, liegen in<lb/>der Nordsee die Inseln Norderney
und Borkum, nach denen<lb/>sehr viele Leute im Sommer hinreisen, um dort die
Seebäder<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0445_438.tif" n="438"/>
<p>=- ZZ ==<lb/>zu brauchen, wie Eure lieben Eltern und Ihr in Misdroy.<lb/>Aber
in Norderney hat sich die Geschichte nicht zugetragen,<lb/>auch in Borkum
nicht, sondern auf der dazwischen liegenden<lb/>Insel Juist, die so klein
ist, daß Ihr sie vielleicht gar nicht<lb/>auf der Landkarte finden
werdet.<lb/>Es leben nur wenig Menschen auf der Insel Juist, in<lb/>kleinen
schlechten Häusern, die treiben Fischfang und nähren<lb/>sich kümmerlich,
und schlecht und recht. Gasthöfe giebt es dort<lb/>noch nicht. Badegäste
kommen auch nur selten, und nicht viele,<lb/>hin. Ea ist dort noch nicht
viel zu haben, auch nur schlechtes<lb/>Unterkommen, und die Fremden, die
nach Juist reisen und<lb/>sich dort aufhalten, sind meistens Männer, welche
die Jagd<lb/>lieben. Denn weil es eben noch still und ruhig auf der
Insel<lb/>ist, bauen sich dort die Möwen und die Regenpfeifer und
die<lb/>hübschen kleinen Seeschwalben und viele andere Vögel ihre<lb/>Nester
lieber als auf den großen Inseln, wo sie nicht so sicher<lb/>vor den
Menschen sind. Zu Tausenden und Tausenden sitzen<lb/>sie in Juist und brüten
ihre Jungen aus. Auch die Delvhine,<lb/>wenn sie in die Gegend kommen, nahen
sich dem Lande mehr<lb/>als anderwärts, und vor Allem haben die Seehunde
dort ihr<lb/>eigentliches Absteigeauartier. Wenn sie lang genug im
Wasser<lb/>gewesen sind, und einmal eine Abwechslung , haben
wollen,<lb/>gehen sie nach der Insel Juist an's Land. Sie platschen
sich<lb/>dann mit ihren Flossenfüßen aus dem Wasser in die
Höhe,<lb/>schicken eine Schildwache voraus, die sich umsehen und
auf-<lb/>passen muß, daß ihnen die Menschen nicht zu nahe kommen,<lb/>und
wenn Alles sicher ist, legen sie sich nieder, wühlen sich in<lb/>den warmen
Sand ein, und betrachten sich in aller Gemüth-<lb/>lichkeit das Meer und den
Himmel einmal vom Lande aus-<lb/>Die Seehunde sind nämlich ein sehr kluges
Völkchen.<lb/>Das sieht man ihnen gleich an den schönen Augen an,
die<lb/>einen Blick haben, so sanft und verständig, wie eines guten<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0446_439.tif" n="439"/>
<p>== gZß =<lb/>Menschen Auge. Sie wissen sehr wohl, daß auf die
Menschen<lb/>kein Verlaß ist, daß der Mensch mit den Thieren kein
Er-<lb/>barmen hat, wo es seinen Vortheil gilt; und zu brauchen ist<lb/>das
Seehundsfell. sehr gut. Man macht Kofferüberzüge und<lb/>Schultornister
davon, auch Stiefel und viele andere Dinge,<lb/>denn wasserdicht ist das
Seehundsfell, das könnt Ihr Euch ja<lb/>denken. Die Seehunde sind also, wie
ich Euch gesagt, ihres<lb/>Lebens vor den Menschen gar nicht sicher, denn
Seehunde zu<lb/>fangen und zu schießen, das ist für die Jäger auf der
Insel<lb/>das eigentliche Hauptvergnügen, obschon es den
Seehunden<lb/>keinen Spaß macht, geschossen zu werden. Sie nehmen
sich<lb/>gut in Acht vor den langen Schießgewehren, die sie kennen,<lb/>und
vor dem Geruch des Pulvers, den sie wittern wie die<lb/>Thiere in Wald und
Feld.<lb/>Einmal, vor ungefähr vierzehn Tagen, war ein schöner<lb/>warmer
Sonntag. Es hatte die ganze Zeit in einem fort ge-<lb/>regnet, der Himmel
war so grau gewesen wie das Meer, und<lb/>die kugligen Wolken waren hin -
und hergezogen wie des<lb/>Meeres Wellen. Es war also ordentlich eine
Freude, als die<lb/>Sonne eines Tages endlich zum Vorschein kam, um mit
ihren<lb/>Strahlen die Wolken zu vertreiben und wieder einmal hell<lb/>und
freundlich auf Land und Wasser hernieder zu sehen,<lb/>damit Menschen und
Thiere, damit Alles, was lebt und kreucht<lb/>und fleucht, es einmal wieder
inne würden, daß die Sonne<lb/>noch da sei, daß der gute alte Herrgott noch
da oben das Re-<lb/>giment sühre, und zu rechter Zeit seine Sonne wieder
scheinen<lb/>lasse über die von ihm geschaffene schöne Welt.<lb/>Den
Menschen auf der Insel Juist ging das Herz vor<lb/>Freude in dem schönen
Wetter auf. Die Seehunde aber,<lb/>denen das ewige Regnen, das Wasser von
oben und Wasser<lb/>von unten, auch zu viel geworden war, dachten, den
Sonnen-<lb/>schein habe der liebe Gott eigens für sie bestellt, damit sie
ihr<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0447_440.tif" n="440"/>
<p>= IFI -<lb/>Fell. einmal gründlich trocknen könnten; und da sie
ordentlich<lb/>Leute sind, die ein anständiges, verträgliches
Familienleben<lb/>führen, so wollten sie das Geschäft des Trocknens auch
Ale<lb/>zusammen betreiben, und dem lieben Herrgott Sonntags, wie<lb/>es
sich gehört, auch für die Wohlthat danken.<lb/>Sie steuerten denn auch, der
Altvater voran, auf die Insel<lb/>los. Der Alte rumpelte sich zuerst aus dem
Wasser in die<lb/>Höhe, guckte sich um, horchte mit den großen Löchern, die
die<lb/>Seehunde statt der Ohren haben, nach allen Seiten hin, und<lb/>wie
er sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr vorhanden sei,<lb/>winkte er zwei-
dreimal mit seinem breiten Fischschwanz, und<lb/>sie kamen nun Alle nach:
seine Söhne und Töchter, seine<lb/>Kindeskinder, und auch seine jüngste
Tochter, der sie vor<lb/>wenig Monaten den Mann weggeschossen hatten. Die
hatte<lb/>natürlich ihren kleinen Robby mitgebracht, den sie sehr
verzog,<lb/>weil er ihr einziges Kind war. Sie nahm ihn an dem<lb/>Sonntag
zum ersten Male auf das Trockne mit. Es waren<lb/>ihrer sechszehn oder
siebzehn von der Familie auf die Insel<lb/>gegangen, und sie waren
seelenvergnügt allesammt.<lb/>Sie guckten sich nach den Seeschwalben und
Regenpfeifern<lb/>um, wie die mit den langen dünnen Beinchen so flink
im<lb/>Sande umhertrippelten; sie wälzten sich nach rechts, wälzten<lb/>sich
nach links, streckten die rundlichen Leiber langhin aus,<lb/>klatschten
vergnüglich mit den Schwänzen auf den festen Sand,<lb/>und fühlten es recht
wohlig, wie die heiße Sonne ihnen auf<lb/>die Rücken brannte, wie das Fell
ihnen so schön trocken wurde,<lb/>wie die Wärme sie ganz und gar
durchströmte, daß sie dar-<lb/>über allmählich alles Andere vergaßen. Erst
machte die<lb/>Großmutter die Augen ein bischen zu, dann fiel der
dicken<lb/>Tante der Kopf etwas nach vorne in den Sand; darauf ließ<lb/>der
lange Onkel, der Größte unter Allen, der erst in der<lb/>Nacht von Borkum
herübergeschwommen und müde war, die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0448_441.tif" n="441"/>
<p>= IF F =<lb/>langen Barthaare hängen, und endlich hatte das
Augenschließen<lb/>etwas Ansteckendes.<lb/>Die Sonne schien so prachtvoll,
man konnte sehen wie<lb/>die Wärme zitterte in der Luft über dem heißen
glänzenden<lb/>Sande. Die Mücken spielten und schwirrten in der
Luft.<lb/>Millionen von Funken glitzerten in dem Wasser, hoben sich<lb/>mit
den Wellen, versanken mit ihnen in die Tiefe, und<lb/>kamen dann wieder wie
aufsteigende Leuchtkugeln mit der<lb/>nächsten sich aufbäumenden und
verspritzenden Welle in die<lb/>Höhe, um im Schaum auf dem Ufersande zu
verrinnen.<lb/>Es war mit den Augen gar nicht dagegen Stand zu<lb/>halten,
man mußte sie schließen. Nachmittag war es auch.<lb/>Jeder hatte seinen
Theil Fische im Magen, und die Kirchen-<lb/>glocken von Juist klangen so
sanft und gleichmäßig und<lb/>träumerisch durch die tiefe, stille
Einsamkeit. Dem fiel dies<lb/>ein, und Jenem das; und es dauerte also gar
nicht lange,<lb/>da schliefen sie fast Alle. Der Onkel träumte von
Island,<lb/>wo er einmal zur Sommerfrische gewesen war; uud die
schöne<lb/>weißfleckige Cousine träumte von der Insel Wight, wo
sie,<lb/>weil es dort wärmer war, und weil die vornehmen
englischen<lb/>Seehunde immer dorthin gingen, ihre Winter
zuzubringen<lb/>liebte. Kurzum, Jeder schlief und Jeder träumte. Nur
der<lb/>kluge Alte träumte nicht, sondern wachte und hielt die
Augen<lb/>offen, und der kleine Robby wachte auch, denn der konnte<lb/>sich
nicht satt sehen, an all' dem Neuen und Fremden um ihn her.<lb/>Er war ein
ganz besonders hübsches, kleines Thier, recht<lb/>wie ein Aal geschmeidig,
und neugierig wie Einer. Er merkte<lb/>Alles was um ihn her geschah. Was er
noch nicht gesehen<lb/>hatte, das fiel ihm schnurstracks auf. Von Allem
wollte er<lb/>wissen, wie es gemacht werde und wie es zugehe; und
weil<lb/>es hier dicht am Meere auf dem kleinen Eilande schon so<lb/>schön
war, dachte er in seinem glatten runden Seehundskopfe,<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0449_442.tif" n="442"/>
<p>= zIZ -<lb/>wenn er nur erst größer sein, und die Mutter ihm nicht<lb/>mehr
immer so dicht an der Seite schwimmen und so auf ihn<lb/>aufpassen würde, so
wolle er schon mehr von dem trocknen<lb/>Lande sehen, als hier das Stückchen
Ufer und das Stückchen<lb/>Düne, von dem der Windhafer ihn mit seinen
schwachen<lb/>Fingern winkte, als wolle er ihn einladen, dort drüben
nach<lb/>den Häusern hinzukommen, von denen der Rauch aufstieg<lb/>wie von
den Dampfern, und nach dem Kirchthurm hin, von<lb/>dem die Glocken tönten
mit so hellem, süßem Klingen.<lb/>Er war grade dabei es zu versuchen, ob
sich's wohl auch<lb/>ohne Füße auf dem Trocknen gut vorwärts koummen ließe,
da<lb/>schlug der Alte mit dem Schwanze dreimal auf den Sand, so daß<lb/>es
klatschte. Alle fuhren erschrocken in die Höhe und waren<lb/>mit einem Satz
am Wasser und kopfüber hinunter in die Tiese.<lb/>Robbn! Robby! rief die
Mutter in ihrer Herzensangst,<lb/>da kommen Menschen!<lb/>Menschen ? dachte
Robby, die muß ich mir doch ansehen!<lb/>Robby! Robby! komm geschwind! rief
sie noch einmal<lb/>ängstlich. - Aber weil Robby so verzogen , war, dachte
er<lb/>nicht daran, ihr zu gehorchen auf das erste Wort. Er meinte,<lb/>so
eilig werd' es wohl nicht sein, die Mutter würde schon<lb/>noch warten Da --
was war das?<lb/>Ein Bliz! ein Knall! -- Es fuhr ihm durch den
ganzen<lb/>Leib vor Schrecken. Er kniff die Augen zu, er konnte
nicht<lb/>von der Stelle; und wie er dann endlich wieder zu sich kam<lb/>und
wieder umsah, war auch die Mutter fort.<lb/>Ein breiter rother Streifen zog
sich von dem Platze, an<lb/>dem sie gelegen hatte, bis zum Meere hin. Er
wußte nicht,<lb/>was das zu bedeuten hatte, und zum eberlegen hatte er
keine<lb/>Zeit, denn es standen zwei Wesen vor ihm, wie er sie noch nie
gee<lb/>sehen hatte; und der Eine hatte ihn schon am Schwanz und
hielt<lb/>ihn in die Höhe, ehe er sich noch recht besinnen konnte.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0450_443.tif" n="443"/>
<p>4PZ --<lb/>Es war ein wettergebräunter alter Mann, mit grauem<lb/>Haar und
großen buschigen Augenbrauen. Er hatte eine<lb/>Theerjacke an, einen
getheerten aufgekrämpten Nordwester auf<lb/>dem Haupte, und es war Robby gar
nicht wohl zu Muthe,<lb/>wie die feste Faust ihn so gefangen hielt, und
Miene machte,<lb/>ihm mit raschem Hiebe den Garaus zu machen. Er
zappelte,<lb/>er wehrte sich, er probirte, ob er nicht beißen könne, aber
der<lb/>Alte wußte, wie man so ein junges Ding zu fassen hatte,<lb/>und
Robby schlug das Herz vor Angst. Er hätte jetzt auch<lb/>gern bei der Mutier
unter dem Wasser sein und von der<lb/>Erde und all' ihren Herrlichkeiten
Nichts mehr sehen mögen.<lb/>Daß die gute Mutter um seinetwillen
angeschossen war und<lb/>sich im Wasser todtgeblutet hatte, davon wußte der
arme un-<lb/>folgsame Robby nichts.<lb/>Zu seinem Glücke legte aber der
andere Mensch sich in<lb/>das Mittel. Oh! nicht doch Jansen, sagte er. Laß
das kleine<lb/>Thier doch leben! Wir haben's ja in- Sicherheit!<lb/>Was
wollen Sie denn damit machen, Herr Doktor? es<lb/>ist ja zu nichts nutze!
entgegnete der alte Fischer, und warf<lb/>Robby wieder auf den
Sand.<lb/>Gott Lob! dachte Robby und athmete voll Hoffnung auf!<lb/>Er sah
sich den Doktor an. Das war ein großer, schlanker<lb/>Mensch, mit langem,
röthlichbraunem Bart, mit braungelocktem<lb/>Haupthaar, und mit so guten
blauen Augen, daß Robby völlig<lb/>frischen Muth bekam.<lb/>Der Mensch, der
ist nicht schlimm! Der thut Dir, der<lb/>thut Keinem was zu Leide, dachte
er. Dabei sah er den<lb/>Doktor freundlich an, und platschte schmeichelnd
mit dem<lb/>Schwanze, obschon ihm der Schwanz von der schweren Faust<lb/>des
Fischers weh genug that. - Zu reden traute er sich noch<lb/>nicht, er
meinte, der Doktor würde ihn am Ende nicht ver-<lb/>stehen.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0451_444.tif" n="444"/>
<p>= IIF -<lb/>Der Doktor lachte, als Robby also schön that. - Jst das<lb/>ein
närrischer Kerl! sagte er. Was ich mit ihm machen will,<lb/>fragt Ihr mich,
Jansen? = Für's Erste nehmt ihn einmal<lb/>mit. Ihr habt ja einen Strick an
der Tasche hängen, an dem<lb/>schleift ihn immer mit. Heut Abend geht das
Boot in See.<lb/>Einen Korb finden wir bei Euch. Morgen bei
Sonnenauf-<lb/>gang ist das Boot in Norden. Von da bis Emden ist es<lb/>auch
nicht weit, und von Emden kann er mit der Eisenbahn<lb/>zu meinem Jungen
nach Westfalen reisen. Der Friz wird<lb/>seine Freude an ihm haben, und
Robby mag's probiren, wie<lb/>es ihm bei den Eltern in dem alten Schlosse
und bei meinem<lb/>Jungen, im Süßwasser, in schöner deutscher
Sommerwelt<lb/>behagt.<lb/>Was man so sagt verstanden -= verstanden hatte
der<lb/>Robby das nicht recht; und das Anbinden und das Nach-<lb/>schleifen
im Sande, während Jansen und der Doktor rüstig<lb/>über die Düne hin
schritten, war gerade auch nicht angenehm<lb/>zu nennen. Aber was er von der
Rede so. aufgeschnappt<lb/>hatte, von Welt besehen und schönem Sommerwetter,
das kam<lb/>ihm sehr gelegen. Und so ließ er sich denn geduldig
fort-<lb/>schleppen, ohne viel zu zappeln, bis sie vor des Jansen
Haus<lb/>anlangten, wo er losgebunden und in eine große Butte
voll<lb/>Seewasser geworfen wurde.<lb/>Reinlich hatte ihn die Mutter stets
gehalten, er spülte<lb/>sich also flink ab, so gut er konnte, und wie er
wieder dachte,<lb/>jetzt bist du so blank, daß du dich sehen lassen kannst,
strecte<lb/>er den Kopf auf den Rand der Butte, und meinte: Nun
will.<lb/>ich abwarten, was nun geschehen wird! Einer wird mich
doch<lb/>wohl holen kommen.<lb/>Er sah sich während dessen das Haus an, und
die großen<lb/>braunen Retze, die davor zum Trocknen an langen
Stangen<lb/>hingen, und die Häringe und Flundern und Schollen,
welche<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0452_445.tif" n="445"/>
<p>=- IH -=<lb/>der Jansen sich von der Sonne für den Winter an den
langen<lb/>Seilen dörren ließ. Bis auf das Haus kannte er das Alles:<lb/>die
Netze und die Häringe und die Schollen. Unter dem<lb/>Wasser hatte es aber
Alles anders ausgesehen.<lb/>Darüber kam der Doktor wieder vor die Thüre. Er
hatte<lb/>sich die Eigarre angesteckt und sah sich's an, wie sich der
Robby<lb/>putte. - Den müssen sie reinweg vergessen haben! sagte er.<lb/>Das
wollte der Robby nicht auf sich sitzen lassen, es kam<lb/>ihm gegen seine
Ehre vor. Nein, sagte er, die Mutter hat<lb/>nach mir gerufen.<lb/>I! der
Tausend, kannst Du sprechen? rief der Doktor<lb/>ganz oerwundert.<lb/>Ja!
aber nur plattdeutsch und ein Bischen! entgegnete<lb/>der Robby
schüchtern.<lb/>Immer besser als Nichts! lachte der Doktor fröhlich.
Da<lb/>er bisher die Seehunde immer todtgeschossen, wenn sie ihm<lb/>zu
Gesicht gekommen waren, hatte er noch keinen Verkehr mit<lb/>ihnen haben
können. Daß Du hier zu Lande auf den Inseln<lb/>nicht hochdeutsch lernen
konntest, das versteht sich. Aber warum<lb/>bist Du denn nicht mitgegangen,
als man Dich gerufen hat?<lb/>fragte er.<lb/>Robby zog die Nüstern in die
Höhe. Daß er ungehorsam<lb/>gewesen, wollte er nicht gerne sagen, und daß er
in des<lb/>Doktors Händen und Gewalt war, das zu merken war er<lb/>klug
genug. Er besann sich also eine kleine Weile, dann sagte<lb/>er, halblaut
wie jeder Junge, der ein schlecht Gewissen hat<lb/>und sich mit halber
Wahrheit und halber Lüge durchzuhelfen<lb/>sucht: Ich wollte gern die schöne
Erde sehen und mit Menschen-<lb/>kindern spielen!<lb/>So? das wolltest Du? -
Nun dazu kann Rath werden!<lb/>rief der Doktor, obschon Du ein kleiner,
schlauer und ver-<lb/>logener Schlingel bist, denn was weißt Du von
Menschen-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0453_446.tif" n="446"/>
<p>== IIH -=<lb/>kindern? Aber unter den Menschen wirst Du schon
gehorchen<lb/>lernen! Also frisch vorwärts, Jansen! In den Korb geht
er<lb/>gut hinein. Packt ihm ein Theil Stinte bei, damit er
nicht<lb/>verhungert. Macht den Korb fest zu mit Stricken und hängt<lb/>ihn
dann vorn an's Boot. Den Schein gebt auf der Post<lb/>ab, und wenn ich
erfahre, daß Robby in meines Schwieger-<lb/>vaters Haus bei meinem Jungen
gut angekommen ist, so giebt<lb/>es einen steifen Grog und ein gut Trinkgeld
obendrein.<lb/>Während dessen hatten sie Robby in den Korb
gepact,<lb/>hatten ihm was zu essen mitgegeben, der Doctor selber
legte<lb/>ihn in dem Korb noch ordentlich zurecht, und wie ihn der<lb/>Robby
darauf ansah, sagte er: Nun nimm Dich in Acht! folge<lb/>auf das Wort.
Desmal bist Du mit Deiner Neugier noch gut<lb/>davon gekommen, immer geht's
nicht so! Und nun mnarsch<lb/>fort! und grüß mir den Fritz und all! die
Anderen auch.<lb/>Damit legten sie ihm den dichten Deckel über den
Kopf<lb/>-- und aus war der Spaß! - Sie bastelten und rumpelten<lb/>an ihm
herum; hier stieß er an, und auf der andern Seite<lb/>wieder, dann trugen
sie ihn weg. Darauf war er im Wasser,<lb/>ohne daß er schwamm. Zu sehen war
Nichts, nicht oben und<lb/>nicht unten. Die Sache wollte ihm nicht in den
Kopf. In-<lb/>deß was wollt' er machen? Großvater hatte oft gesagt:
Bist<lb/>darvör, mußt och dör!ns Also: Dör!<lb/>Wie lange er so im Wasser
gebaumelt, er wußte es nicht.<lb/>Daß es Tag wurde, merkte er endlich wohl,
denn es schimmerte<lb/>heller durch das Korbgeflecht; aber was weiter mit
ihm vor-<lb/>ging, konnte er nicht unterscheiden. Bald wurde er
sorgfältig<lb/>getragen, dann schmiß ihn Einer, daß er krachte, durch
die<lb/>Luft zur Erde. Er hörte ein Horn blasen, Räder rollen,<lb/>klingeln,
pfeifen, daß es ihm die Ohren fast zerriß, und rattern<lb/>y Bist Du davor,
so mußt Du durch.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0454_447.tif" n="447"/>
<p>= FHF -<lb/>und rattern, und schütteln und schütteln ohne Ende, daß
er<lb/>dachte: Wenn das der Menschen Freuden auf der Erde sind,<lb/>da war
mir besser in dem kühlen weichen Wasser bei der<lb/>Mutter, unter all' den
Fischen, die so köstlich schmecken, und<lb/>über den Wäldern von schönem
Seetang, der im Wasser seine<lb/>grünlichbraunen langen Arme ausstreckt. -
Er dankte seinem<lb/>Schöpfer, wenn das Geraßle eine Weile innehielt, und
ein<lb/>Strom von kaltem Wasser sich, er wußte nicht von wannen,<lb/>über
ihn ergoß, denn er war am Verschmachten; und er<lb/>weinte, wenn er an die
Mutter dachte. Indeß es war zu spät!<lb/>Und wieder wurde es finster und
noch einmal ward es<lb/>hell, und das gräuliche Gequitsche und Gepfeife und
Geraßle<lb/>und Geschüttle hatte nachgelassen. Da setzten sie ihn
endlich<lb/>auf den Boden.<lb/>Ein weicher warmer Duft drang durch seinen
engen<lb/>Käfig zu ihm ein. Er hörte Stimmen, hörte fröhliches<lb/>Lachen,
auch Glocken klangen wie am Sonntag, als es auf<lb/>der Insel so schön
gewesen war; und wie sie ihm den Deckel<lb/>von seinem Korbe abnahmen, und
er die Augen aufmachte,<lb/>traute er ihnen nicht - denn es war Alles gar zu
herrlich,<lb/>gac zu wundervoll.<lb/>Unten im Meere, wenn es einmal recht
still gewesen<lb/>war, und die Sonne oder der Mond ihre goldenen
Brücken<lb/>von Juist nach Borkum herübergespannt hatten, daß
der<lb/>Widerschein durch das Wasser leuchtete, und man tief
herab-<lb/>gesehen hatte auf den Grund, auf dem die geäderten
Quallen<lb/>und die feuerrothen Seesterne zwischen dem Tangwald es
sich<lb/>wohl sein ließen, hatte die Mutter wohl gesagt: ganz unten,<lb/>in
der untersten Tiefe, wo die schöne Seekönigin mit den<lb/>Seejungfern in
ewiger Jugend ihr Reich regierte, da sei es<lb/>noch viel schöner. Dahin
würde sie ihn einmal mitnehmen,<lb/>und ihm die Schätze von goldigem
Bernstein und von puwpur-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0455_448.tif" n="448"/>
<p>= FIh =<lb/>rothen Korallen zeigen. Aber was war das Alles gegen
die<lb/>Herrlichkeit rund um ihn her!<lb/>Er wußte nicht was er sah, nicht
wo er war. Aber es<lb/>wehte so feucht und frisch aus der Tiefe herauf, die
Frische<lb/>kannte er. - Das war Wasser, schönes, helles Wasser, das<lb/>war
seine Element! Und rasch hinunter glitschend an dem<lb/>weichen, glatten
Rasen, war er mit einem Satze mitten und<lb/>tief unten in dem
Teiche.<lb/>Er ist sort! fort! rief der kleine Frit, der mit der
Mut-<lb/>ter und mit den Großeltern am Teiche gestanden und zuge-<lb/>sehen
hatte, wie man die Stricke von dem Korbe abgebunden,<lb/>wie der Robby zum
Vorschein gekommen war, und mit weit<lb/>offenen Augen so verwundert um sich
gesehen hatte.<lb/>Fort! fort! rief er mal auf mal, und wollte schon
zu<lb/>weinen anfangen. Da tauchte jedoch der Robby blank und<lb/>lustig
wieder auf, und tauchte unter und wieder auf, und<lb/>schoß guer durch den
Teich, und schwamm rund herum, und<lb/>schnaufte ünd schnaufte und pustete.
Fritz konnte sich vor<lb/>Lachen gar nicht lassen. Das war ein Spielkamerad,
wie er<lb/>ihn sich lange schon gewünscht. Sie waren Beide
seelewwergnüügt,<lb/>der Robby und der Fris; und weil der Kleine so viel.
Freude<lb/>an dem Robby hatte, ward er auch den Großen lieb. Er<lb/>hätte es
auf Erden gar nicht besser treffen können. Denn<lb/>wer einmal in diesem
Hause war, der blieb da bis an sein<lb/>Lebendsende und hatte vollauf, was
er brauchte an allen<lb/>guten Dingen. Und mit dem Robby hatten sie es eben
so<lb/>im Sinne, denn sie hatten ihn gleich in den großen Teich<lb/>geseyt,
wo es ihm an gar nichts fehlen konnte.<lb/>Es war aber nach dem Abendessen
gewesen, als Robby<lb/>in dem Schlosse eingetroffen war, und da die Zeit zum
Schla-<lb/>fengehen herankam, sagte ihm der Kleine gute Nacht, und
daß<lb/>er morgen früh gleich wieder kommen werde. Robby hörte<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0456_449.tif" n="449"/>
<p>= Fg --<lb/>das mit halben Ohren an. Er hörte auch, daß der
Großvater<lb/>Befehl gab, die Schleuse zuzumachen, die nach dem
Flusse<lb/>führte, damit der Robby nicht aus dem Teiche und nicht
zu<lb/>Schaden käme, und den großen Reufundländer einzusperren,<lb/>damit
ihm der kein Leid zufüge.<lb/>Zu Schaden kommen! Leid zufügen! sprach er ihm
im<lb/>Stillen nach und lachte. Das sagen die Großen und die<lb/>Alten
immer, wenn sie uns einsperren und nicht von sich<lb/>lassen wollen. Das hat
die Mutter immer gesagt! und hätte<lb/>ich daran geglaubt und nach ihr
gehört, und wäre ich nicht<lb/>auf dem Lande geblieben, wie sie Alle in
ihrer Angst davon<lb/>geschwommen sind, wo wäre ich denn jetzt? =- Immer
wieder<lb/>da unten in dem kalten Wasser, und nicht hier; hier wo es<lb/>gar
so schön ist, so wunderschön. Er kam sich ungemein ge-<lb/>scheidt und weise
vor.<lb/>Er hätte schon gern ganz gron, am liebsten ein Walfisch<lb/>sein
mögen, um auch wie der vor Vergnügen hohe Wasser-<lb/>strahlen in die Luft
schleudern zu können; denn er war sehr<lb/>mit sich zufrieden. Er hatte hier
Alles was sein Herz begehrte,<lb/>und Alles war ihm reizend neu. Die großen
Karpfen, die<lb/>fetten Bleie, die blanken Goldfische, all' das liebe
Gethier, das<lb/>er noch nie gesehen, von dem er essen konnte so viel er
immer<lb/>wollte, und das der liebe Herrgott, wie der Robby meinte,<lb/>ganz
eigens und allein für ihn geschaffen, weil es ihm so sehr<lb/>gut schmeckte.
Das süße Wasser gefiel ihm zur Abwechslung<lb/>auch nicht schlecht, und zu
sehen war so viel, daß er es nicht<lb/>bewältigen konnte.<lb/>Das Schloß mit
seinen vielen Fenstern, durch deren<lb/>buntgemalte Scheiben das Lampenlicht
herniederfiel, lag so<lb/>ruhig da. Große Bäume umstanden seinen Eingang.
Ein<lb/>großer Garten umgab es ringsherum, und durch die
Büsche<lb/>schlängelte sich der Fluß hindurch, der hinabglitt bis zur<lb/>F.
Le wald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0457_450.tif" n="450"/>
<p>== HHhß -<lb/>nächsten Stadt, in die Wiesen und Wasser der Frau
Lippe<lb/>hinein, und mit dieser weit und weiter fort bis in den
Rhein<lb/>und bis zuletzt in's Meer.<lb/>Oben am Himmel stand der Mond und
betrachtete sich<lb/>das Alles auch und hatte offenbar auch seine Lust
daran. Er<lb/>leuchtete mild herab von seinem hohen Thron. Er hörte
zu,<lb/>wie es leise in den Zweigen der alten Bäume rauschte, wie<lb/>der
Aeolsharfe geheimnißvolles Klingen sanft die Nacht durch-<lb/>tönte, als der
Vogelsang verstummt war. Und Robby gefiel<lb/>das Alles auch, wenn er schon
nicht wußte, was es war. Er<lb/>wicgte sich auf dem Teiche im hellen
Mondenglanz. Er lachte<lb/>über all' die grünen Frösche, die so drollig
quakten; er sah<lb/>sich die weißen Wasserlilien auf den großen blanken
Blättern<lb/>an, und die funkelnden Glühwürmchen, die durch die
Blumen-<lb/>beete schossen, und die Fledermäuse, die wie Schatten hin
und<lb/>wieder zogen, bis all' das Schweben und Tönen und Sehen<lb/>ihm den
Sinn umstrickte, daß er sich auf den Rasen am Ufer<lb/>niederlegte, und müde
wie der Fritz in seinem Bettchen, seine<lb/>Augen schloß.<lb/>Aber
Sommernächte sind nicht lang und junge neugierige<lb/>Bursche sind früh
munter, besonders wenn sie ihre eignen<lb/>Plane haben, und nach ihrem Sinne
ihre eignen Wege zu<lb/>gehen denken. Wie die Sonne hinter dem großen
Walde<lb/>aufging, daß es röthlich zu schimmern anfing über den
Riesen-<lb/>tannen, hatte Robby auch schon seine Augen auf. Der
fremde<lb/>Laut, das Krähen des schönen bunten Haushahns, der immer<lb/>in
der großen Esche übernachtete, hatte ihn um Tagesgrauen<lb/>aufgeweckt, und
der Lerchensang machte ihn froh und munter.<lb/>Er putte sich wieder
gründlich, aß sich gründlich satt, sah sich<lb/>noch einmal das große Schloß
und all' die Herrlichkeiten an,<lb/>dann machte er aber entschlossen Kehrt;
denn hier im Schloß<lb/>zu bleiben für und für, dazu war er nicht von der
heimats<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0458_451.tif" n="451"/>
<p>==- H -<lb/>lichen Insel fortgegangen. In die Welt hatte er gehen
wollen,<lb/>in die weite Welt! Und weiter hinein in die Welt machte
er<lb/>sich nun auf seinen Weg, ehe die Menschen kamen, die ihn<lb/>daran
hindern konnten.<lb/>Da hinten - er hatte es wohl gesehen - da hinten,
wo<lb/>der Gärtner auf des Großvaters Befehl das Thor herunter-<lb/>gelassen
hatte vor der Schleuse, da hinaus ging's in die Welt;<lb/>also flink an's
Thor. = Aber der Großvater und der Gärtner<lb/>hatten ihre Sache gut
verstanden, das Thor saß fest. Robby<lb/>duckte tief unter, da wwar fester
Grund. Er versuchte es zur<lb/>Rechten und zur Linken, die dicken Mauern
ließen ihn nicht<lb/>durch. Was nun thun?<lb/>Jenseits, weit hinter dem
grünen Rasen, rauschte und<lb/>plätscherte fließendes Gewässer, dorthin
mußte er. Er sah sich<lb/>die Strecke an: den großen Rasenplat, die
kiesbestreuten<lb/>Wege, und er sah sich selber an. Auf Gehen war er
eigent-<lb/>lich nicht eingerichtet, am wenigsten auf solche weite
Wege<lb/>über Gras und Stein. Aber er mußte ja in die Welt, und<lb/>RUED==
==- ==-<lb/>Und es ging! langsam freilich! mühsam und beschwerlich!<lb/>aber
doch es ging! Als die ersten hellen Sonnenstrahlen<lb/>goldig sich ergossen
über das im Morgenthau erglänzende<lb/>Grün, hatte er des Flusses Ufer schon
erreicht. Eilig, damit<lb/>ihn keines Menschen Aug' gewahrte und Niemand ihn
zurück-<lb/>hielt, huschte er durch das im Morgenwinde schwankende
hohe<lb/>Schilf, und die Bachstelzchen aufschreckend, die an dem
Rande<lb/>des Wassers badeten, stürzte er sich in die Arme der
flinken<lb/>Wasserfrau, der lustigen Asse, und ließ sich von ihr
geschaukelt<lb/>mitnehmen - wohin? - Er wußte es nicht. Aber
gleichviel!<lb/>mitnehmen in die weite Welt.<lb/>Die Asse spritzte hell vor
Lachen auf, als das sonderbare<lb/>W<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0459_452.tif" n="452"/>
<p>=- IhZ =<lb/>Geschöpf sich ihr an's Herz warf. Ein solcher
närrischer<lb/>Kerl war ihr noch nicht vorgekommen unter allen ihren
In-<lb/>sassen. Es war grade, als wenn ein Mohrenkind hier zu<lb/>Lande mit
einemmal auf offenem Markt erschiene. Die Aale<lb/>und die anderen Fische
kamen staunend herbei, indessen Robby<lb/>that ihnen kein Harm, denn er
hatte sich im Voraus tüchtig<lb/>vollgegessen, und so gefiel er Allen rund
umher; und Fcau Asse,<lb/>ihn freundlich streichelnd mit ihren kleinen
Wellchen, fragte<lb/>ihn: Wo gehörst Du hin, mein Kind? wo kommst Du
her<lb/>mein Sohn?<lb/>Weit von hier, von oben her, vom Meere! sagte er
stolz<lb/>und selbstgefällig.<lb/>Und was willst Du hier? wo willst Du
hin?<lb/>Ich bin auf Reisen und will' mich erlustiren! Ich sehe,<lb/>Du
gehst dort in's Land hinein, zur Stadt; Du kannst mich<lb/>mit Dir nehmen!
sagte er. - Er warf dazu, wie ein rechter<lb/>Stuter, den Kopf vornehm
zurück, daß ihm die Barthaare in<lb/>die Höhe standen, und that grade als
erzeigte er der guten<lb/>ehrlichen Frau Asse eine Ehre, wenn er einen
Dienst von ihr<lb/>begehrte. Sie ist aber sehr gutmüthig, war an dem
Morgen<lb/>ganz besonders gut aufgelegt, und so meinte sie: Last
hab'<lb/>ich nicht davon! mag der lächerliche Bursche immerhin
auf<lb/>meinen Wellen thalwärts gehen, und sein Glück probiren.<lb/>Man wird
es ja erleben, wo's mit ihm hinaus will.<lb/>Und ohne daß er sich viel zu
regen brauchte, trug sie ihn<lb/>in ihren Fluthen mit sich fort, und er lag
auf ihnen, wie<lb/>ein großer Herr in seiner Kutsche, und sah sich Alles an:
die<lb/>Felder, voll von gelben Aehren und blauen Kornblumen und<lb/>rothem
Mohn; die Wiesen mit den schön gefleckten Kühen;<lb/>die flinken Pferde vor
den Wagen, die vorüberrollten; die<lb/>Häuser und die Menschen und die
kleinen Menschenkinder an<lb/>dem und jenem Ufer; und dahinter wieder die
Wälder, aus<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0460_453.tif" n="453"/>
<p>= hZ -<lb/>denen schlank und hoch die Kirchthürme hervorsahen, und
die<lb/>thurmhohen Schornsteine, aus denen die dicken Rauchsäulen<lb/>kraus
wie Wellengebrause in die Lüfte stiegen.<lb/>Ihr könnt mich lange suchen in
Eurem alten Schloß, in<lb/>Eurem runden, engen Teiche, in dem Ihr mich
festhalten<lb/>wolltet, grade wie die Muttcr in dem Meere, lachte
Robby<lb/>still in sich hinein, denn der Kamm war ihm jett sehr
ges<lb/>schwollen, weil es Alles so gut ging und gelang, mit
seinem<lb/>Wagniß. Hier ist es am besten! dachte er. Wer ein
rechtes<lb/>Herz und einen offenen Kopf hat so wie ich, der muß
es<lb/>machen so wie ich. Der muß nach Niemand fragen und nach<lb/>Niemand
hören! der muß frei sein und sich umthun als sein<lb/>eigener Herr nach
eigener Wahl! Dann kommt er an das<lb/>rechte Ziel! - Und damit kam er aus
dem Bereich der Frau<lb/>Asse in der Frau Lippe feuchtes Wasserreich, und an
die Brücke<lb/>in der Stadt.<lb/>Er war ordentlich ärgerlich, daß er keine
Arme und keine<lb/>Müte hatte, und sie nicht vor Vergnügen schwenken und
nicht<lb/>so vor Freude jauchzen konnte, wie die große Menge von<lb/>Jungen,
die von der Höhe der Brücke auf ihn niedersahen,<lb/>und sich drängten und
stießen, als könnte keiner von ihnen<lb/>rasch genug heran, den sonderbaren
Ankömmling zu sehen und<lb/>zu begrüßen.<lb/>Hier, das merkte er, hier war
er was werth! hier<lb/>war er ein Wunder! In dem alten ewigen Meer
hatte<lb/>Niemand sich um ihn gekümmert! Hier war er an
seinem<lb/>Plate!<lb/>Häuser standen hier dicht an Häusern, ein alter
großer<lb/>Kirchthurm, ein großer Martt, ein Rathhaus, große
Brücken,<lb/>bunte Soldaten mit klingendem Spiel und blanken
Gewehren,<lb/>und Menschen, Menschen, immer mehr und immer mehr!
Er<lb/>wußte nicht, wo ihm sein Kopf stand.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0461_454.tif" n="454"/>
<p>=- IJI -=<lb/>Er machte alle seine besten Künste, sah hier hin und
sah<lb/>dort hin mit den großen, schönen Augen, und wo er hin-<lb/>schwamm,
da schrien sie: Seht, seht die Otter! die schöne Fisch-<lb/>otter! seht
doch! seht!<lb/>Freilich, er ahnte nicht, was Otter und Fischotter
bedeuten<lb/>sollte, aber er merkte, daß es etwas sehr Schönes und
Seltenes<lb/>sein mußte, und daß all' der laute Jubel ihm allein
galt.<lb/>Oho! sagte er in seinem Innern, Ihr sollt Euer Wunder<lb/>hören,
wenn ich einmal von meiner Entdeckungsreise zu Euch<lb/>nach Hause kommen
werde. Ich habe ganz andere Dinge ge-<lb/>sehen und erlebt, als Ihr auf
Eurer Insel und da unten in<lb/>dem Meere; ganz andere Dinge als der Ohm in
Island und<lb/>die Base auf der Insel Wight! Wer hat sich da um sie
ge-<lb/>kümmert, wo es ihres Gleichen alle Tage giebt? Aber hier,<lb/>hier
in der Stadt! Wo ist je Einer von Euch Allen so auf-<lb/>genommen worden als
ich hier! als der Robby bei seiner<lb/>ersten Ankunft in der Stadt?<lb/>Da:
- Piff! paff! - Ein Bliz! ein Knall! - Sie<lb/>schrien alle laut vor Freude!
= All' die Herrlichkeit war aus!<lb/>Des Jägers Flinte hatte gut getroffen.
Er hatte auf<lb/>manchem Schlachtfelde in Frankreich sie erprobt. - Der
arme<lb/>Robby, der war hin. Hin und todt für immer.<lb/>Mit einem
Schifferhaken holten sie ihn aus dem Wasser<lb/>an das Land, und nun erst
sahen sie, was sie geschossen und<lb/>gefangen hatten, und konnten es nicht
begreifen, wie der See-<lb/>hund in die Lippe und nach Hamm gekommen war,
tief in<lb/>das Westfalenland hinein.<lb/>Und wie sie sich in der Stadt
verwunderten, daß der<lb/>Robby da war; so verwunderten sie sich in dem
Schlosse, daß<lb/>er fort war; und der kleine Fritz weinte um ihn seine
bitteren<lb/>Thränen. Aber was konnte das dem Robby helfen? Der war<lb/>kalt
und todt.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 34</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0462_455.tif" n="455"/>
<p>- Ihh -=<lb/>Nun haben sie ihn ausgestopft und ihm statt seiner<lb/>schönen
Augen große Glasaugen in den Kopf gesett, und so<lb/>steht er da, vor eines
alten Kürschners Laden. Und wenn<lb/>die Jungen aus der Schule kommen,
machen sie vor dem<lb/>Laden halt, ihn anzugucken und sich zu erinnern, wie
patig<lb/>er herumgeschwommen an der Brücke in dem Sonnenschein.<lb/>-er
alte Kürschner aber steht mit der langen Pfeife in<lb/>dem Munde vor der
Thür, und sagt schmunzelnd, während<lb/>er den Jungen droht: Der konnt' auch
nicht gleich pariren!<lb/>und das hat er nun davon! Marsch sort! thut gut!
nehmt<lb/>ein Exempel dran!<lb/>lierunlllreißigfer srief.<lb/>Der Mlünster
zu Kltenberg und die Nuine zu<lb/>Lipptadt.<lb/>Dessau, den 1
Oktober.<lb/>Es ist eine lange Reihe von Jahren her, seit ich einmal<lb/>auf
der Fahrt von Manchester nach Liverpool im Eisenbahn-<lb/>wagen mit einer
etwa dreißigjährigen Engländerin zusammen-<lb/>traf, die mir über alle Lrte,
welche wir mit dem Zuge be-<lb/>rührten, und über Alles, was mir während der
Fahrt auffiel,<lb/>so vortrefflichen Bescheid zu geben wußte, daß ich bei
meinem<lb/>Dank für ihre Bereitwilligkeit ihr zugleich die
Bemerkung<lb/>machte, sie müüsse eine sehr gute Beobachterin und
vermuthlich<lb/>viel gereist sein.<lb/>O ja, entgegnete sie, ich habe meine
Augen offen und ich<lb/>bin auch viel gereist, aber nur in unserem Lande.
Ich habe<lb/>es nämlich immer für eine Thorheit gehalten, in das
Ausland<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0463_456.tif" n="456"/>
<p>== Ihs --<lb/>zu gehen, so lange man sein eigenes Land und dasjenige,
was<lb/>es Eigenartiges und Schönes in sich schließt, nicht
gründlih<lb/>kennen gelernt hat. Man schafft sich damit eine
Bewunderung<lb/>der Fremde auf Kosten der Heimat, und das ist ungerecht
und<lb/>schädlich!<lb/>Sie sagte das einfach wie etwas, was sich von selbst
ver-<lb/>steht, dadurch machte es aber einen um so tieferen Eindruck<lb/>auf
mich. Es lief auf des Dichters Worte hinaus:<lb/>Willst du immer weiter
schweifen?<lb/>Sieh, das Gute liegt so nah!<lb/>Ich nahm mir also vor,
sobald es sich thun lassen würde,<lb/>nach diesem verständigen Beispiel zu
handeln, und doch kam<lb/>es nicht dazu. Wir waren genöthigt, uns bei
unseren Reisen<lb/>von Rücksichten auf die Gesundheit, auf
bestimmte<lb/>Studien u. s. w. leiten zu lassen, und schließlich wirkte
das<lb/>Eisenbahnsystem wie auf die Meisten auch auf uns.
Die<lb/>Eisenbahnen machen den Reisenden gleichsam fernsichtig.<lb/>Sie
machen, daß er über alles Dazwischenlicgende hinwegsieht,<lb/>und lassen
ihn, namentlich in seinem Vaterlande, immer nur<lb/>die großen letzten
Punkte, die Wallfahrtsorte der landläufigen<lb/>Touristen-Reiserei, vor
Augen haben.<lb/>Fällt es uns gelegentlich, wenn wir unsere
Reiseplane<lb/>entwerfen, dann einmal ein, daß wir Triest und
Venedig<lb/>kennen, aber in Bremen oder in Lübeck und in Danzig
nie<lb/>gewesen sind, sagen wir uns ein andermal, daß wir in<lb/>Ravenna
recht gut Bescheid wissen, aber in Goslar nicht, daß<lb/>wir Procida besucht
haben und die Stubbenkammer auf der<lb/>Insel Rügen nicht, so helfen wir uns
mit dem Troste, daß<lb/>wir nach Orten, die uns so nahe liegen wie die
vaterländischen,<lb/>in jedem Augenblicke kommen können, daß es dazu
immer<lb/>noch an der Zeit sei, daß diese Orte, wie man so zu
sagen<lb/>pflegt, uns nicht weglaufen. Indeß der Augenblick und die<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0464_457.tif" n="457"/>
<p>-= IJ? -<lb/>Zeit für diese Reisen in die Nachbarschaft kommen nach
meiner<lb/>Erfahrung uns sehr selten oder niemals, wenn es nicht
einen<lb/>Besuch zu machen gilt; und weil die Heimat uns nicht
wegs<lb/>läuft - was beiläufig die fremden Gegenden eben so wenig<lb/>thun -
laufen wir ihr weg und in die Ferne, und sind<lb/>dann, wenn der Zufall uns
nach einem merkwürdigen Punkte<lb/>in unserem Geburtslande hinführt, höchst
erstaunt über all.<lb/>Dasjenige, was es bei uns zu Hause zu sehen giebt und
was<lb/>wir und die meisten unserer Bekannten doch nicht
gesehen<lb/>haben.<lb/>So ist es mir z. B. in diesem Jahr ergangen, als
der<lb/>Wunsch, alte Freunde wiederzusehen und neue Freunde in<lb/>ihren
Behausungen aufzusuchen, mich bei der Rückkehr aus<lb/>dem Süden die letzten
Sommermonate am Rhein und in<lb/>Westfalen verweilen ließ; und als wir eines
Tages von<lb/>Bergisch-Gladbach aus durch wechselnde gelinde Höhenzüge
ein<lb/>Ende hineingefahren waren in das Land. -<lb/>Die ganze Gegend hat
nichts Auffallendes, nichts Groß-<lb/>artiges. Es sind meist wasserreiche
Wiesengründe, deren<lb/>schnellere Bäche im Fabrikbetrieb vewwerthet werden,
kleine<lb/>bewaldete Hügel, Fabriken und bei denselben reinliche
Arbeiter-<lb/>häuser, bewohnt von einem hübschen Menschenschlag,
dessen<lb/>gesund aussehende und wohlgekleidet zur Schule gehende<lb/>Kinder
einen erfreulichen Eindruck machen. In solcher Um-<lb/>gebung waren wir etwa
eine Stunde fortgefahren, das Schloß<lb/>und die Kirche von Benöberg, den in
eine Kadettenanstalt<lb/>verwandelten einstigen Sommersitz der Erzbischöfe
von Köln,<lb/>immer auf der Höhe vor unseren Augen; sodann an
den<lb/>Flecken Paffrath und Odenthal vorüver, vorüber an dem
sehr<lb/>romantisch an dunklem Waldesrand gelegenen, dem Fürsten<lb/>Leo
Metternich gehörigen Schlosse Strauweiler. Ein Dichter<lb/>könnte sich für
eine phantastische Novelle keinen geeigneteren<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0465_458.tif" n="458"/>
<p>= hZ -=<lb/>Bau, keinen besseren Hintergrund erfinden. Ein Lord
Leicester<lb/>könnte eine Amy Robsart dorthin flüchten! Und noch war
ich<lb/>mit dieses Schlosses Reiz beschäftigt, als wir, um eine Ecke<lb/>des
Waldes biegend, mitten in einem von baumreichen Hügeln<lb/>eng
eingeschlossenen Thale plötzlich einen der schönsten gothischen<lb/>Dome vor
uns liegen sahen: den aus dem dreizehnten Jahr-<lb/>hundert stammenden
Münster von Altenberg.<lb/>EistercienserMönche, deren Kloster dicht daneben
liegt,<lb/>haben ihn erbaut; er ist ein Meisterwerk der reinsten
Gothik.<lb/>Als hätten die Baumeister die ihre Aeste gen Himmel
erhe-<lb/>benden Bäume des Waldes zum Vorbilde genommen, so<lb/>schlank und
kräftig streben die Pfeiler unverschnörkelt in die<lb/>Höhe. Alles ist licht
und klar in dem herrlichen Bau. Die<lb/>Fensterbogen sind breit und kühn in
ihrer Wölbung zuges<lb/>spitzt; alle Verzierung in demselben, der Natur
entnommen.<lb/>Eichenblätter, Klee und anderes Gerank umgeben als
Aus-<lb/>schmückung die Säulenkapitäle. Sie wiederholen sich in
den<lb/>vielfachsten und anmuthigsten Verschlingungen, in zarten,<lb/>hellen
Farben ausgeführt, auch in des mächtigen Baues<lb/>Seitenfenstern. Dieses
Anlehnen an die Natur hat hier in<lb/>der Waldeseinsamkeit eine ganz
besondere Anmuth, und ich<lb/>entsinne mich nicht, es in einem anderen Baue
so durchgehend<lb/>angetroffen zu haben. Nur das eine herrliche Fenster
über<lb/>dem Portal zeigt figurenreiche historische Darstellungen in
der<lb/>Glasmalerei. Die große, aber nicht schöne Grabstätte
eines<lb/>Grafen von der Mark und seiner Gattin, und ein paar
andere<lb/>Denkmale sind wohl erhalten. Friedrich Wilhelm l. hat
her-<lb/>stellen lassen, was verfallen war, und man besserte auch
jetzt<lb/>noch nach. Aber obschon der Bilderschmuck und jene
reichen<lb/>Zierrathen, welche sonst die katholischen Kirchen für das
Auge<lb/>und den Sinn so wohlgefällig machen, dieser alten
Kirche<lb/>gänzlich fehlen, so ist sie doch von einer so heiteren
Erhaben-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0466_459.tif" n="459"/>
<p>==- Ih =<lb/>heit, wie man sie im Allgemeinen in den gothischen
Kirchen<lb/>selten findet.<lb/>Die Romantik des Schlosses von Strauweiler
und die<lb/>schöne Weltabgeschiedenheit der Klosterkirche stimmten
wunder-<lb/>voll zusammen. Man konnte es vergessen, wie in der Nähe<lb/>die
Dampfmaschinen keuchen, wie unfern der Zug der Eisen-<lb/>bahn
vorüberbraust, und oben in Bensberg Kadetten exerciren.<lb/>Ich meinte sie
hervortreten zu schen, die Mönche, welche in<lb/>den fetten, wohlgeschütten
Triften, an den klaren Teichen sich<lb/>den rechten Punkt für ihr Asyi
gewählt. Ich meinte, sie<lb/>würden ihren Umzug halten. Ich lauschte, ob ich
nicht das<lb/>Glöcklein klingen hörte; ich horchte, ob von draußen das
Hift-<lb/>horn nicht erklang, ob nicht der Ritter, die Schöne vor
sich<lb/>auf dem Roß, vorübersprengte nach der Burg hinauf, die<lb/>ihren
Eingang, abgewendet von der Heerstraße, nach dem<lb/>Walde aufthut, die
Kommenden und Gehenden vor dem Auge<lb/>der Außenwelt zu bergen.<lb/>Lägen
ein solches Schloß und solche Kirche so nahe bei<lb/>Paris oder bei London
und bei Edinburg, es würden, glaube<lb/>ich, mehr Deutsche davon wissen, als
von dem Münster von<lb/>Altenberg, einige Stunden nur von Köln.<lb/>Es war
aber, als, sollte ich bei der Heimkehr in Deutschland<lb/>nicht nur an
diesem Tage, sondern immer auf das Neue an die<lb/>patriotische Weisheit
jener englischen Reisenden erinnert werden.<lb/>Ein paar Wochen nach jenem
Besuche des Altenberger<lb/>Domes war ich von Hamm aus mit meinen Freunden,
an<lb/>dem uralten Velwer Wald vorüber, nach Lippstadt gefahren,<lb/>wohin
eine Dame uns geladen hatte, mit der und deren<lb/>Familie ich im Winter in
Rom zusammengetroffen war.<lb/>Lippstadt ist ein kleines, sehr sauberes
Landstädtchen mit<lb/>breiten Straßen, mit niedern, oft einstöckigen
Häusern, die<lb/>Giebel nach der Straße hingewandt. Dazwischen alte
Kirchen<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0467_460.tif" n="460"/>
<p>=- Ih -<lb/>mit vierschrötigen Thürmen, aus einem eigenartig
grünlichen<lb/>Sandstein ausgeführt, der im Lande gebrochen wird. Ab
und<lb/>zu ein neues ansehnliches Wohnhaus an großem, wohl-<lb/>gepflegtem
Garten, so still, so breit behaglich angelehnt, daß<lb/>man hätte da bleiben
mögen, um die Sinne und die Seele<lb/>ruhen zu lassen. Es gefiel mir sehr.
Da meinte mit einem<lb/>Mal die Hausfrau, da ich so viel Ruinen in Jtalien
gesehen,<lb/>so müßte ich doch auch die Lippstädter Ruine sehen. Ich
hatte<lb/>von einer solchen nie gehört. Aber auch die anderen, zum<lb/>Theil
in Westfalen heimischen Gäste wußten von einer solchen<lb/>nichts - Roslin
Chapel in Schottland aber hatten sie gesehen<lb/>so gut wie ich.<lb/>Wir
gingen dieHauptstraße entlang, durch eine kleineStraße<lb/>über eine kleine
Brücke in ein flaches, wasserreiches Gartenland<lb/>hinein, und wie in einem
Zauberspiegel lag wieder eine<lb/>prachtvolle gothische Kirche, ihres Daches
beraubt, vor unsern<lb/>Augen: die Stiftskirche des adeligen
Fräuleinstiftes, das,<lb/>ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert oder früher
noch ge-<lb/>gründet, einst ein Kloster von Augustiner -Nonnen ge-<lb/>wesen
war.<lb/>Nur ein Theil des Baues ist erhalten, aber ein in
sich<lb/>abgeschlossener Theil. Wie und wann die Kirche zerstört
wor-<lb/>den ist, wie sie zerstört werden und dieser Theil in
gerade<lb/>dieser Weise erhalten bleiben konnte, weiß ich nicht. Man
be-<lb/>hauptete, daß noch vor fünfzig, sechzig Jahren der
protestan-<lb/>tische Gottesdienst in derselben gehalten worden sei So
wie<lb/>sie da steht, ist sie schöner als die Ruine in Heisterbach
gegen-<lb/>über Bonn, schöner als die thüringische Nuine von
Paulinzell.<lb/>Sie ist ein Bild, wie kein Architekturmaler es sich für
seinen<lb/>Vorwurf besser wünschen könnte.<lb/>Große Bäume sind innerhalb
der wohlerhaltenen Mauern,<lb/>zwischen den hoch und majestätisch
aufrechtstehenden Pfeiler-<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0468_461.tif" n="461"/>
<p>= Iß! -<lb/>bündeln emporgewachsen. Von den Mauern, die noch bis<lb/>über die
schön geformten Bogenfenster erhalten sind, hängt<lb/>wucherndes Gestrüpp
herab. Glänzender Epheu und purpur-<lb/>rother wilder Wein mischen ihre
Ranken und Farben und<lb/>lassen das Sonnenlicht flimmern durch ihre
Blätter, wo sonst<lb/>die Farben der Glasmalerei das Auge erfreuten. Aus
Holunder-<lb/>büschen sehen alte gothische Steingebilde hervor.
Grabsteine<lb/>der adeligen Fräulein -- Beate von Bismark stand auf
dem<lb/>einen zu lesen - sind von Farrenkräutern halb verdeckt;
und<lb/>damit dem natürlichen Vergehen und Werden sein Gegen-<lb/>satz nicht
fehle, hat man in dem Chor an wohlgeschützter Stelle<lb/>einige der alten
Heiligen- und Engelbilder aufgerichtet, die<lb/>aus der Zerstörung geborgen
worden sind. Beete voll wohl-<lb/>gepflegter Blumen, Rosen in dunkeln
Farben, streuten ihre<lb/>Wohlgerüche aus, wo sonst der leichte Duft des
Weihrauchs<lb/>zu des Domes Gewölbe aufgestiegen war. Statt der
Hymnen,<lb/>die hier einst erklungen, sangen die Vögel sich zur Ruhe;
und<lb/>mit goldig rothem Schimmer breiteten, von dem Glanz
der<lb/>sinkenden Somne noch vergoldet, die Abendwolken sich
als<lb/>Baldachin friedlich über die schöne Trümmerstätte aus.<lb/>Man
konnte sein Auge nicht abwenden von der Stätte.<lb/>Mllein die Sorge, den
Zug auf der Eisenbahn nicht zu ver-<lb/>säumen, zwang uns endlich, von ihr
fortzugehen. - Aber gehen<lb/>Sie hin, wenn Sie einmal des Weges kommen und
diese<lb/>Ruine noch nicht kennen. Sie werden's nicht bereuen.<lb/>Und Sie
werden es gewiß auch nicht bereuen, wie ich's<lb/>lange vorgehabt und jetzt
endlich ausgeführt, sich einmal einen<lb/>Tag aufzuhalten in einer der
ältesten Städte von Westfalen,<lb/>in dem alten Soest.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 35</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0469_462.tif" n="462"/>
<p>= PsZ -<lb/>Fünfunclreißigtier lrief.<lb/>Ein Tag in oet.<lb/>Dessau, den S.
Oktober 187s.<lb/>Wenn man es sich recht deutlich zum Bewußtsein
bringen<lb/>will, welch eine Arbeit die Menschheit überall zu machen
ge-<lb/>habt hat, ehe sie sich aus der Barbarei, aus den Schrecken<lb/>des
beständigen Kampfes Aller gegen Alle, aus den Gewalt-<lb/>thaten des
Faustrechts und der Feindseligkeiten von Stadt zu<lb/>Stadt, zu der
Eigenthums- und Rechtssicherheit unserer Zeit<lb/>emporgerungen hat, so
braucht man nur die Geschichte der<lb/>ersten besten alten Stadt zu lesen.
Wo immer ich dies ge-<lb/>than habe: bei uns in unserer Mark, oder einmal in
der<lb/>Schweiz, oder jetzt in Westfalen, immer ist es mir klar
ent-<lb/>gegengetreten, welch ein Frevel es ist, diesen durch die
Jahr-<lb/>hunderte mühsam zu Stande gekommenen Bau der
geordneten<lb/>Gesezlichkeit, in welchem die rohen und selbstsüchtigen
Be-<lb/>gierden des Einzelnen in Schranken gehalten werden, an-<lb/>zutasten
oder gar zu zerstören, ohne daß man ein neues,<lb/>schützendes,
wohlgegliedertes Haus und Dach bereitstehen hätte,<lb/>in und unter welchem
es der Menschheit wohler werden und<lb/>besser ergehen soll als
bisher.<lb/>Ich habe bei meinem letzten Aufenthalt in Westfalen<lb/>die
Stadtgeschichten von Lippstadt, von Soest in Händen ge-<lb/>habt, und wieder
ist mir ein Schrecken angekommen vor den<lb/>Zuständen, in denen die
Gewaltthat mit neuer Gewalt ab-<lb/>gewehrt und gerächt ward, in denen der
Friede zum Mythus<lb/>geworden, in denen der Bauer zuletzt gewaffnet sein
Feld be-<lb/>stellte, um sein Eigenthum zu verwerthen; ein Schrecken
vor<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0470_463.tif" n="463"/>
<p>= PßZ -=<lb/>allen Zuständen, in denen das Auge des Gesetzes nicht
mehr<lb/>wacht.<lb/>Das jett so friedliche kleine Lippstadt, das alte
Soest,<lb/>das schon im 1. Jahrhundert ein Gemeinwesen war und<lb/>bedeutend
genug, sich ein Stadtrecht auszuarbeiten, welches<lb/>damals mustergültig
für viele andere Städte, z. B. für<lb/>Hamburg und Lübeck, geworden ist,
sind durch Zeiten des<lb/>fürchterlichsten Elends gegangen, und Soest trägt
noch davon<lb/>die Spuren, wie kaum ein anderer Ort. Ich wenigstens
wüüßte<lb/>keine Stadt zu nennen, in welcher die einstige
Herrlichkeit<lb/>einer großen, an vierzigtausend Einwohner zählenden
reichs-<lb/>unmittelbaren Hansastadt so furchtbar zerstört worden, und
in<lb/>der doch noch Lebenskraft genug zurückgeblieben ist, um
eine<lb/>neue, wenn auch langsame und bedingte Herstellung
möglich<lb/>erscheinen zu lassen.<lb/>Ich hatte bisher AltBreisach immer für
die am meisten<lb/>zerstörte Stadt in Deutschland gehalten. Sie ist es auch
in<lb/>so fern, als ihr erneutes Aufblühen unwahrscheinlich ist,
wenn<lb/>ihr nicht etwa eine Bergeisenbahn zu Hülfe kommt, oder
der<lb/>Landesherr sich nicht oben auf dem herrlichen, an die
Akro-<lb/>polis von Bergamo mahnenden Aussichtspunkte eine neue<lb/>Pfalz
als Sommersitz erbaut, was Beides nicht vorauszusehen<lb/>ist. Aber in
Breisach ist Alles klar, übersichtlich, leicht ver-<lb/>ständlich. Eine
Reihe sauberer neuer Häuser bilden dort die<lb/>Straßen in der Unterstadt
und ziehen sich an einem schattigen<lb/>Spaziergang und am Berge hinauf.
Oben steht dem Münster,<lb/>einem Meisterwerk der Baukunst, an der einen
Seite des<lb/>weiten Platzes, ein Tleil der alten Ruinen gegenüber;
an<lb/>der anderen Seite, sich durch lange Straßen fortziehend,
das<lb/>untere Geschoß von Häuserfronten, als letzter Rest der
Ge-<lb/>bäude, zu denen sie gehörten. Durch die öden,
eisenvergitterten<lb/>Fensterhöhlen blickt man in Obst- und Gemüsegärten und
weit<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0471_464.tif" n="464"/>
<p>== IHHF -=<lb/>in die Ferne hinaus. Die Zerstörung in Breisach ist so
zu<lb/>sagen, ordnungsmäßig geschehen, die Erhaltung der Reste<lb/>eben so.
Es sieht sich wie in den Straßen von Pompeji an.<lb/>Alles ist oben in
Breisach Einsamkeit, Abgeschiedenheit und<lb/>feierliche Stille. Nur dann
und wann ging, als wir zu ver-<lb/>schiedenen Malen dort oben waren, einmal
Jemand durch<lb/>die Straßen. Ein paar Kinder spielten auf dem
sonnigen<lb/>Plan; ein Schreiber sah von seinem Pulte am Fenster
eines<lb/>der wenigen aufrechtstehenden Häuser, von seiner Arbeit
auf<lb/>und betrachtete uns und ein paar andere Fremden, die
auch<lb/>gekommen waren, sich den Münster, die Gegend anzusehen.<lb/>Ein
Mädchenkopf guckte aus dem Dachstübchen hervor und<lb/>schaute dem
Geistlichen nach, der es grüßte und langsamen<lb/>Schrittes nach dem Münster
ging. Weiterhin, in dem Garten,<lb/>der den Boden der ehemaligen Pfalz
einnimmt, in den Bäu-<lb/>men und Büschen heller Vogelgesang, so hell, so
mannigfach,<lb/>wie in tiesster Waldeinsamkeit. Wir konnten uns kaum
los-<lb/>reißen von der Stätte, zu der kein Lärm des
Weltgetriebes<lb/>dringt, wenn nicht von fern her der Ton der Eisenbahnen,
in<lb/>der Luft verhallend, sich vernehmen läßt.<lb/>Anders verhält es sich
mit Soest. Es hat etwas Un-<lb/>faßbares für den, der es zum ersten Mal
betritt. Die Stadt<lb/>öffnet ihre hohen, einst mit sechsunddreißig
Vertheidigungs-<lb/>thürmen besetzten Umwallungen und Ummauerungen,
von<lb/>denen noch die Spuren vorhanden sind, nach der Seite
der<lb/>Eisenbahn. An den anderen Seiten zieht sich der jetzt
als<lb/>Spaziergang dienende, mit alten Bäumen bestandene Wall<lb/>um die
Stadt hin, so daß sie sich tiefliegend und deshalb<lb/>immer noch wie eine
Festung darstellt. Mitten in der Stadt<lb/>ein großer, von unterirdischen
Luellen gespeister Teich, der<lb/>sich zu einem mit starker Strömung durch
die Stadt fließenden<lb/>mühlentreibenden Bache verengt. Und nun die
Stadt!<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0472_465.tif" n="465"/>
<p>= FhJ -<lb/>Wie in einer Phantasmagorie, wie in einem Traume,<lb/>der das
Verschiedenartigste aus verschiedenen Zeiten an uns<lb/>vorüberführt, so
unvermittelt stellen die Straßen, die Gebäude,<lb/>die großartigen Kirchen,
die zahlreichen Kapellen sich uns dar.<lb/>Und noch in der Erinnerung weiß
ich die Reihenfolge nicht<lb/>festzuhalten. Nur der wunderbare
Gesammteindruck der<lb/>Stadt und das Bild der einzelnen Kirchen und ihrer
Kunst-<lb/>werke ist mir geblieben.<lb/>Hier ein landstädtlicher
Straßenanfang mit kleinen ein-<lb/>stöckigen Giebelhäusern, in denen Handel
und Gewerbe die<lb/>Erzeugnisse der Gegenwart in reichlicher Auswahl
feilbieten.<lb/>Dann rechts ein von Feldsteinen eingefriedetes Gehöft,
und<lb/>links ein Ende weiter ein eben solches, an die wilden,
kriege-<lb/>rischen Zeiten mahnend, in denen die Bauern sich in
die<lb/>Städte flüchteten, und dem Zuge des Westfalen zu
gesondertem<lb/>Wohnen folgend, die Behausung auch in der Stadt
abgrenzten<lb/>wie draußen auf dem Lande, wo sie nach wie vor ihre
Aecker<lb/>bebauten. Man ist in der Stadt Soest, und das
uralte<lb/>Bauernhaus, die Scheunendächer sehen aus dem
Feldsteinwall.<lb/>hervor. Nußbäume beschatten es innerhalb des Walles,
Busch-<lb/>und wildes Strauchwerk umgibt es überall. Die Thorflügel<lb/>der
Gehöfte sind weit zurückgeschlagen. Ein Heuwagen wird<lb/>abgepackt, die
Dreschflegel schallen auf der Tenne, die Kühe<lb/>an den Krippen wenden die
Köpfe nach dem vorüberrollenden<lb/>Wagen. Der Wagen hält nach wenig
Schritten und wir<lb/>steigen aus vor der Wiesenkirche, der alten,
herrlichen, im<lb/>edelsten gothischen Stil erbauten St. Maria io gratis,
die<lb/>jetzt eine protestantische Kirche und in durchgehender
Er-<lb/>neuerung begriffen ist. Klar und sauber wie
Filigranarbeit<lb/>zeichnen die dunkeln grünlichen Thürme sich gegen den
hellen<lb/>Himmel ab. Neber den alten beschatteten Kirchhof
schreiten<lb/>wir auf den ausgetretenen Grabsteinen, die dem Wege zur<lb/>F.
Lewald, Reisebriefe.<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0473_466.tif" n="466"/>
<p>= Iss -<lb/>Kirche als Pflasterung dienen, in den stolzen Bau hinein,
den<lb/>jetzt Gerüste bis zu seiner Wölbung einnehmen. Klopfen
und<lb/>Hämmern, daß man sein eigen Wort nicht hört. Aber das<lb/>Auge
ermißt die hohe Schönheit des Baues, erkennt in den<lb/>zum Theil
zertrümmerten gemalten Fensterscheiben ihre<lb/>einstige Schönheit und die
kindliche Insichbefangenheit der<lb/>alten Meister. In der Darstellung des
Abendmahls an dem<lb/>Glasfenster über der großen Eingangsthüre, steht statt
des Oster-<lb/>lammes ein tüchtiger westfälischer Schinken vor dem
Heiland<lb/>auf der Tafel, und ihm zur Rechten stellt einer der
Jünger<lb/>einen Wildschweinskopf mit gewaltigen Hauern auf den
Tisch.<lb/>Aus der Kirche wieder in den Ansatz einer kleinen
Straße<lb/>hinein. Jedes Haus scheint ein Eckhaus zu sein, jedes
macht<lb/>sich besonders geltend, und plötzlich hält man wieder inne
und<lb/>erstaunt. Nur durch eine ganz schmale Straße von
einander<lb/>getrennt, zwei große alte Kirchen, so dicht, so eng
aneinander<lb/>gestellt, wie man es sonst nur in Jtalien hier und da
zu<lb/>sehen gewohnt ist. Wie kommen die hierher? fragt man sich<lb/>und
fragt sich gleich danach: wo kommt in diese jetzt so stille<lb/>Stadt das
alte Rathhaus her, mit seinem niederen rundbogigen<lb/>Laubengang, das auf
seine Nachbarn, auf die kleinen alten<lb/>und neuen Häuser, hierniedersieht
wie ein reicher Ahne auf<lb/>die verarmten Enkel? Eine kleine, kleine
Strecke vorwärts!<lb/>Ein alter Patriziersitz, der in dieser Umgebung
doppelt stolz<lb/>erscheint. Wie die bäuerlichen Gehöfte, ist auch er ganz
einges<lb/>gränzt. Wohlerhaltene Mauern umgeben das feste,
vielstöckige<lb/>Haus. Die alten Bäume in seinem Garten tragen
breite<lb/>Kronen, Epheu umschlingt sie bis in die Wivfel. Er hängt<lb/>von
den Mauern tief herab, Mauerpfeffer und wildes Gerank<lb/>und blühendes
Unkraut wächst aus den Rissen in der Mauer<lb/>üppig hervor. Oberhalb der
von der Zeit gebräunten Eichen-<lb/>thüren des Portals, das steinerne Wappen
der Erbauer. In<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0474_467.tif" n="467"/>
<p>== g,R? =<lb/>dem Hause, dessen Gast ich war, schöne Treppen mit
schweren<lb/>Eichenholzgeländen. Das Holztafelwerk an den Wänden
der<lb/>Flure, an den alten Schränken, mit Blumen, mit Landschaften,<lb/>mit
Darstellungen aller Art von nicht ungeschickter Hand be-<lb/>malt; und auf
solchem Hintergrunde ein junger, lebenslustiger<lb/>Haushalt, die Bildung,
das Wohlbehagen und die Bequem-<lb/>lichkeiten, welche durch die Erfindungen
unserer Zeit uns das<lb/>Haus und das Leben verschönen. Und solcher alten
Patrizier-<lb/>sitze sind verschiedene vorhanden.<lb/>Man kommt aus dem
Neberraschenden gar nicht heraus.<lb/>Hier ein langer, mit Gras und mosigem
Grün bewachsener<lb/>Pfad mitten in der Stadt. Dann eine menschenleere
Straße,<lb/>in welcher völlig verschlosfene, ansehnliche Häuser es
verrathen,<lb/>daß einst mehr Menschen als jetzt den rt bewohnten.
Nun<lb/>ein altes düsteres Schulhaus, dann ein ganz freundlicher
Gast-<lb/>hof. Ein kleiner landstädtischer Marktplat, und wie zum
Gegen-<lb/>satz das massige alte Stadtthor mit seinen Erkern,
Vor-<lb/>sprüngen, Thürmchen und Altanen, mit der niederen
Eingangs-<lb/>pforte, durch welche man unter dem schwerfälligen Bakzur
Stadt<lb/>eingeht. Ein Thor, das von den Schritten des Kriegsvolkes<lb/>aus
allen Zeiten und aus fernsten Ländern wiedergehallt hat.<lb/>Man ist
betroffen, wenn man Damvfschornsteine unfern<lb/>von solchem Thor, unfern
von diesen umwallten Gehöften,<lb/>von diesen engen Gäßchen, ihren Dampf
ausstoßen sieht. Man<lb/>meint die Gewappneten des Kaisers, des Mansfelders,
plün-<lb/>dernd und mordend aus diesen Mauern hervorbrechen zu<lb/>sehen.
Man denkt, um die nächste Ecke werde Simplicissimus<lb/>einherstolziren in
seines Hauptmanns Kleidern, in des Guber-<lb/>nators Livrey.<lb/>Auch unter
dem Portal der schon im 1. Jahrhundert<lb/>erbauten Patrokluskirche erwartet
man, so düster wie es sich<lb/>vor uns aufthut, eigentlich nicht die
Menschen unserer Tage.<lb/>zh<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0475_468.tif" n="468"/>
<p>== gss -<lb/>Man würde sich nicht wundern, wenn der Zug der
Geißel-<lb/>brüder vor demselben hielte, wenn man die Lieder
vernähme,<lb/>mit denen sie das Ende der Pest erflehten, die auch hier
mit<lb/>ihren Schrecken gewüthet hat:<lb/>Nun schlaget Euch sehre,<lb/>Durch
Christus Ehre,<lb/>Durch Gott laßt die Ehre fahrn,<lb/>So wolle sich Gott
über uns erbarm'n.<lb/>Nun recket auf Eure Hände,<lb/>Daß Gott das große
Sterben wende,<lb/>Nun recket Eure Arme,<lb/>Daß sich Gott über uns
erbarme!<lb/>In solch umwalltes Gehöft, wie es hier vielfach
vorkommt,<lb/>gehört Gretchens Kämmerlein hinein! In solchen Mauern
muß<lb/>der Garten gelegen haben, in dem sie und Faust und Frau<lb/>Martha
mit dem höllischen Galan lustwandelten! Die ganze<lb/>deutsche Vorzeit wird
einem lebendig in dem alten Soest, und<lb/>hier wie manchmal in Jtalien habe
ich darüber nachgesonnen,<lb/>weshalb man von ,den Künsten des Friedens''
spricht, da ges<lb/>rade die wüsteste Zeit des Kampfes Kunstwerke entstehen
machte,<lb/>deren Zahl und Schönheit auch in Soest in Erstaunen
ver-<lb/>setzt und Bewunderung erregt. Und es sind doch nur
ver-<lb/>einzelte, zerstörte Neberbleibsel dessen, was hier an
Malerei,<lb/>an Skulptur, an Holzschnittzerei, an Kunststickerei und
Gold-<lb/>und Silberschmiedearbeit einst vorhanden gewesen ist.<lb/>Was in
Soest die langen Fehden, die Reformation, die<lb/>Wiedertäufer, der
dreißigjährige Krieg nicht zerstört, das zer-<lb/>störten die späteren,
namentlich der siebenjährige Krieg, nach<lb/>dessen Beendigung die einst so
volkreiche Stadt auf kaum vier-<lb/>tausend Seelen heruntergekommen war.
Jetzt zählt sie deren<lb/>wieder gegen fünfzehntausend, und die neue Zeit
giebt sich in<lb/>der alten Stadt in jedem Sinne erfreulich kund.<lb/></p>
</div4>
</div3>
<div3 type="chapter">
<head>Kapitel 36</head>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0476_469.tif" n="469"/>
<p>=- g,ßß =<lb/>Die Ackerwirthschaften in derselben gedeihen, die
Fbri-<lb/>kation greift um sich. Man ist bemüht die alten
Baulichkeiten,<lb/>die Werke früherer Kunst, soweit sie in den Kirchen und
sonst<lb/>noch vorhanden sind, zu erhalten und auszubessern. Es sind<lb/>in
den Wandmalereien der Kirchen noch so fein empfundene<lb/>Darstellungen
vorhanden, daß man sich daran erfreut. Der<lb/>gelehrte Kunstforscher
Professor Lübke hat vielfach auf die<lb/>Soester Kunst hingewiesen und sich
eingehend mit ihr beschäftigt.<lb/>Auch der Verein der Alterthumsfreunde im
Rheinland hat<lb/>Umrisse nach den Soester Bildern u. s. w. in seinem
Programm<lb/>zu Winckelmanns Geburtstag im Jahre 1875 erscheinen
lassen,<lb/>die mir vorliegen und mir ergänzen, was der einmalige
An-<lb/>blick in mir nicht festzuhalten vermochte.<lb/>Das aber weiß ich
bestimmt, Soest besuchen kann Nie-<lb/>mand, ohne sich von dem Hauche
vergangener Jahrhunderte<lb/>umwittert zu fühlen und die Schauer der
mittelalterlichen<lb/>Romantik zu empfinden. Niemand kann den echt
romanischen<lb/>großartigen Bau der katholischen Patrokluskirche, Niemand
die<lb/>Wiesenkirche und die Nikolaikirche besuchen, ohne sich an dem<lb/>zu
erfreuen, was unsere Altvordern geschaffen, ohne es zu<lb/>bedauern, daß die
unseligen Kämpfe innerhalb unseres Vater-<lb/>landes so viel Herrliches
zerstört, und ohne es von Herzens-<lb/>grund zu segnen, daß jetzt über
Deutschland Friede und Gedeihen<lb/>versprechend, das Gesetz des geeinten
Deutschen Reiches waltet.<lb/>Hegzukllee- -z-gs== - =e===s-<lb/>ss=sisizk--
ss-lss<lb/>In meinen vier Wänden.<lb/>Berlin, den 15. Oktober 1878.<lb/>Seit
acht Tagen bin ich wieder zu Hause, wieder in<lb/>meinen lieben vier Wänden.
Ein zwanzigjähriges Erinnern<lb/>knüpft mich an die stillen Räume, in denen
selbst meine<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0477_470.tif" n="470"/>
<p>= gsß ==<lb/>Sorhen, wie Klopstock es so schön genannt hat,
,geliebte<lb/>Sorgen'' waren; und einsam wie ich sie jetzt betrete
und<lb/>wiederfinde, spricht Alles, was mich in ihnen umgiebt,
ver-<lb/>traut zu meinem Herzen.<lb/>Wie viel Augen schauen mich sinnvoll
an, aus den Bil<lb/>dern, die auf mich herniedersehen, die sich längü
geschlossen<lb/>haben! Kaum ein Stück nehme ich zur Hand, ohne der
Stunde<lb/>zu gedenken, in der ich es erwarb, in der die
Freundschaft<lb/>mir es gab. Bisweilen zürne ich fast den Sachen,
den<lb/>Mappen, Briefpressen, Statuetten, und all' dem Zimmerschmuck<lb/>und
Kleinkram, weil sie sich so gut erhalten, während kein<lb/>liebevollstes
Sorgen und Wünschen mir Diejenigen zu erhalten<lb/>vermochte, aus deren
gutem Willen und aus deren Hand ich<lb/>sie dereinst empfing. Die Lebenden
und das Leben rauschen<lb/>an uns vorüber, und das Unbelebte, das Todte ist
das<lb/>Bleibende im Wechsel!<lb/>,Die Sachenr, welche mich bei der Abreise
beschäftigten,<lb/>beschäftigten mich auch bei der Heimkehr, doch in
anderem<lb/>Sinne. Wenn man in der einen Stunde wünschte, sie nicht<lb/>zu
besitzen, um freier zu sein, so fühlt man in der anderen<lb/>bald, wie man
dies Dauernde im Wechsel nöthig hat, wie es<lb/>dazu gehört, uns eine Art
von historischem Boden in unseren<lb/>vier Wänden zu schaffen, und welch
einen Reiz und Werth<lb/>ein solche allmählich gewordene Umgebung vor jenen
Ein-<lb/>richtungen voraus hat, die mit der Macht des Geldes, wie<lb/>durch
Zauber, in wenig Tagen und Wochen auf Befehl ent-<lb/>stehen. Das Neue
ersetzt in diesem Fall das Alte nicht so<lb/>leicht! Wenn man aber selber in
Jahren, aus dem alten ges<lb/>liebten Rom in die alte Heimat kommt, so lernt
man das<lb/>Alte doppelt schätzen, wie sehr man mit aller Kraft der
Seele<lb/>auch seine Jugend liebte und sie zurück ersehnt. Freude,<lb/>Muth,
Können, Wollen, Gelingen sind für mich mit dem<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0478_471.tif" n="471"/>
<p>= gF! -<lb/>Worte Jugend spnonim; sie ist recht eigentlich ,der
golkene<lb/>Sternr, als welchen die Dichtung sie bezeichnet.<lb/>Von Berlin
hört man oftmals, und gleichsam als einen<lb/>Tadel sagen, daß es jeden
historischen Charakters entbehre.<lb/>Das ist nicht richtig, und hat mich
nebenher so komisch an-<lb/>gemuthet, als mache man es der rüstigen Jugend,
dem Blond-<lb/>kopf, der mit frischen rothen Backen zu seinem Tagewerk
an<lb/>uns vorüberzieht, zum Vorwurf, daß er nicht nebenher
etwelches<lb/>graues Haar und einige würdige Stirn- und
Wangenrunzeln<lb/>aufzuweisen habe, während er sich seiner bisherigen Arbeit
und<lb/>des in seinen jungen Jahren Geleisteten wohl rühmen darf.<lb/>Laßt
Berlin nur Zeit! Wenn es Euch auch nicht mit<lb/>tausendjährigen
Erinnerungen, mit gothischen Domen und<lb/>mittelalterigen Gebäuden
aufzuwarten, Euch keine Ruinen vor-<lb/>zuführen hat, sein Stück Historie
hat es in den noch nicht<lb/>vollen siebenhundert Jahren seines Bestehens
als Stadt doch<lb/>bereits geliefert und gemacht. Mich dünkt, selbst in den
zwei-<lb/>hundert Jahren, die von der Schlacht bei Fehrbellin bis zu<lb/>dem
Siege von Sedan verflossen sind, haben Berlin und seine<lb/>Beherrscher und
Bewohner an Kriegs- und Friedensthaten be-<lb/>deutender historischer
Erinnerungen genug zu verzeichnen ge-<lb/>habt. Freilich sind diese
Ereignisse nicht in Denkmalen und<lb/>Bauwerken überraschend ausgeprägt, man
hat sie auch dem<lb/>Volke leider noch nicht so schön in chronologischer
Reihe vor-<lb/>geführt, wie man es in Dresden in dem Sgraffitobilde
mit<lb/>der Geschichte Sachsens gethan hat. Indeß das Schloß,
das<lb/>Zeughaus, das Brandenburger Thor, die Statuen des
großen<lb/>Kurfürsten, des alten Fritt, Friedrich Wilhelms des
Dritten,<lb/>Stein's und so mancher Anderen stehen doch da, die
Vorgänge<lb/>in der preußischen Geschichte zu bezeichnen, welche
Preußen<lb/>befähigten, der Mittelvunkt des neuen Deutschen Reichs
zu<lb/>werden. Die grelle Siegessäule steht doch da und giebt in<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0479_472.tif" n="472"/>
<p>= PF -<lb/>ihrc ehernen, schönen und verständlichen Reliefs von
den<lb/>Kämpfen und Siegen Kunde, von der Geschichte der Jahr-<lb/>zehnte,
welche der Errichtung des Deutschen Reichs vorange-<lb/>gangen
sind.<lb/>Berlin machte mir, da ich heimkehrte, den
wohlthuenden<lb/>Eindruck der Juugend und des frischen Werdens. Ein
Paar<lb/>junge Deutsche, die in Wien erwachsen, eben jetzt von
London<lb/>und von Rom kommend, meine Gäste sind, zeigten sich zu<lb/>meiner
Genugthuung von Berlin überrascht, das sie so statt-<lb/>lich zu finden
nicht erwartet hatten. Und sie hatten vor sieben<lb/>Jahren mit unseren
Heeren Deutschland und Frankreich durch-<lb/>zegen und die Parade in Paris
mit durchgemacht.<lb/>In Rom that es uns wehe, wenn wir ganze alte
Stadt-<lb/>theile in ihrem fast unbegreiflichen Durcheinander zu
Boden<lb/>werfen sahen, um Platz zu machen für die Wagenreihen, die<lb/>vom
Luirinale, von dem Königsschlosse nach dem Corso, von<lb/>den Eisenbahnen
nach dem Tiber ihren Zug zu machen haben.<lb/>Dort trösteten wir uns, wenn
wieder ein Stück der Thermen<lb/>niedergerissen wurde, unter deren
Fundamenten sich noch ältere,<lb/>einst ebenfalls zerstörte Unterbauten
fanden, mit dem sich be-<lb/>scheidenden, entsagenden Gedanken, daß der Tag
den Lebenden<lb/>gehöre, und daß die gegenwärtigen Neubauten für
künftige<lb/>Geschlechter, wenn der kleine Erdball so lange
zusammenhält,<lb/>dereinst auch den romantischen Reiz antiker Trümmer
haben<lb/>würden. Macaulay's bekannter schon einmal gegen Sie
er-<lb/>wähnter ,SüdseeInsulaner', der auf den Trümmern von
Lon-<lb/>donBridge die Stätte suchen wird, an welcher die
Paulskirche<lb/>gestanden hat, kam mir dann immer in den Sinn.<lb/>Hier aber
erinnere ich mich oftmals eines Abends, an dem<lb/>ich mit meinem nun auch
schon seit mehreren Jahren verstor-<lb/>benen Bruder, auf dem Balkon bei
Kranzler unter den Linden<lb/>sizend, die Straße vom Brandenburger Thor bis
zum Schlosse<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0480_473.tif" n="473"/>
<p>== gZZ -<lb/>überblickte - wir Beide jung und ganz auf uns und
unsere<lb/>eigene Kraft gestellt. ,Hier ist Plaz Etwas zu werden!'
sagte<lb/>ich. Und wir gingen denn auch daran, aus uns, für uns
und<lb/>Andere, eben zu machen, was in unserer Kraft lag.<lb/>Auch heute
wieder habe ich in Berlin, wenn schon<lb/>leider nicht mehr für mich, den
freudigen Gedanken ,hier ist<lb/>Plaz Etwas zu werden! und noch mehr als die
Jtaliener<lb/>mit ihrem ,lltalia kara äa ss! darf der Deutsche
sagen:<lb/>,Laßt uns Zeit! wir werden es schon machen!r darf Berlin<lb/>es
von sich sagen: ,Laßt mir Zeit, ich werde mich sicher so<lb/>entwickeln, daß
ich des Reiches Hauptstadt würdig in mir<lb/>darstelle!?<lb/>Freilich! rasch
geht hier Nichts ! =- Man reißt nicht<lb/>ganze Stadttheile nieder, wie man
in Paris, in Wien, in Rom<lb/>gethan hat. Wir sind eben Norddeutsche, sind
schwerfällig,<lb/>bedächtig, vorsichtig, wir wollen unsere Sache sicher
haben.<lb/>Graf Moltke's Wahlspruch: erst wägen und dann wagen!
ist<lb/>kennzeichnend für das ganze hiesige Wesen. Heute noch beräth<lb/>man
im Magistrat uud in den anderen betreffenden Behörden<lb/>über
Bauunternehmungen, die schon einige Jahre, ehe ich<lb/>Berlin verlassen
hatte, sich in mehrjähriger Erwägung be-<lb/>fanden. Ein Berliner muß
langlebig sein, um an den Fort-<lb/>schritten in seiner Vaterstadt Freude zu
erleben!<lb/>Heute noch sehen wir auf dem Platze vor dem Pots-<lb/>damer
Thore die alte kleine Baracke von einer Apotheke, die<lb/>thatsächlich schon
vor zwanzig Jahren niedergerissen werden<lb/>sollte, die seit zwei Jahren
leersteht und den Plaz verunziert.<lb/>Aber hier draußen vor dem Thore, wo
im Jahre 14 die<lb/>unbeschäftigten Arbeiter mit dem Graben eines
unerläßlich<lb/>nothwendigen Kanals beschäftigt wurden, hier, wo wir
da-<lb/>mals buchstäblich mit unseren Droschken im Sande
stecken<lb/>blieben, ist in diesen dreißig Jahren eine Stadt von<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0481_474.tif" n="474"/>
<p>= IFg -<lb/>80 000 Einwohnern entstanden. Villa reiht sich an
Villa,<lb/>Garten an Garten. Kirchen, Marktplätze, Schulen,
Krankenhäuser<lb/>sind errichtet, und es ist hier freundlich und bequem
zu<lb/>wohnen, in Ruhe neben der Bewegung und dem Treiben einer<lb/>großen
Stadt.<lb/>Indeß der Druck, den die traurigen Ereignisse des Früh-<lb/>jahrs
über das Vaterland geworfen haben, macht sich doch<lb/>noch sehr
empfindlich. Man fühlt es der Stimmung der<lb/>Leute an, der Boden hat unter
ihren Füßen gezittert. Sie<lb/>haben zu erfahren gehabt, daß ihnen nicht nur
von außen,<lb/>daß ihnen auch mitten aus ihrem eigenen Lande schwere
Ge-<lb/>fahren erwachsen können, und daß es nöthig sei, sich gegen<lb/>diese
zu wehren, sich in sich selber zu festigen und neu
auf-<lb/>zurichten.<lb/>Was zu thun sei? das fragt sich jetzt ein Jeder.
,Ge-<lb/>warnter Mann ist halb gerettet!r antwortet das Sprüchwort<lb/>der
Deutschen wie der Jtaliener. Ich aber meine, Jeder von<lb/>uns hat an sich
selber und in sich selber die Fehler auf-<lb/>zusuchen, die er begangen hat,
dem großen Allgemeinen gegen-<lb/>über. Niemand darf Scheu tragen, seine
erkannten Irrthümer<lb/>offen einzugestehen, um Andere zu dem gleichen
Insichgehen<lb/>zu bestimmen. Wir haben Alle, soweit unser Wort und
unser<lb/>Einfluß reichen, die Erkenntniß zu fördern, daß ohne die
frei-<lb/>willige, bewußte Selbstbeschränkung und ohne die
Nächstenliebe<lb/>des Einzelnen, die immer relative Freiheit für Alle eine
Un-<lb/>möglichkeit ist, daß die selbstsüchtige Willkür des
Einzelnen<lb/>den Untergang der Gesammtheit unfehlbar macht - und
daß<lb/>Uneinigkeit im Innern noch überall und zu allen Zeiten
die<lb/>Vernichtung von außen herbeigeführt hat.<lb/>Und während ich denn
nun mit neuer Freude an der<lb/>Heimath, die alte Arbeit aufnehmend, meinen
kleinen Antheil<lb/>an der uns ernster als je obliegenden innern Mission, so
gut<lb/></p>
</div4>
<div4 type="page">
<pb facs="reis_01_0482_475.tif" n="475"/>
<p>=- 17H -<lb/>ich es vermag, fortzusetzen denke, will ich mir und
Ihnen<lb/>ein paar Worte zum Schlusse und zur Ermuthigung
hierher-<lb/>setzen, die ich in diesen Tagen, von Adolf Stahr's Hand,
mit<lb/>Bleistift auf ein Blättchen Papier geschrieben, in seiner
Schreib-<lb/>mappe entdeckte. Sie lauten:<lb/>Die einzige Universalmedizin
zur allmähligen Hebung<lb/>aller Schäden der menschlichen Gesellschaft, und
zur Förderung<lb/>ihres Fortschrittes auf allen Gebieten, ist treue,
unermüdete<lb/>Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst und im Bereiche
seiner<lb/>Pflicht und seines Berufes - jene treue, stille aber
rastlose<lb/>Arbeit ,die nie ermattetr wie unser großer Schiller sie
ge-<lb/>nannt und zu unser aller Frommen, sie an sich selbst
geübt<lb/>hat!<lb/>Also Muth! und rastlos vorwärts auf dem Wege
des<lb/>deutschen Idealismus, dessen praktische Seite sich uns
längst<lb/>bewährt hat! Thun wir jeder an seinem Platze fröhlich
unsere<lb/>Arbeit, so dürfen wir unserer Zukunft im Deutschen
Reiche<lb/>wohl vertrauen und am Tage den Tag genießend, hoffnungs-<lb/>voll
in die Zukunft unseres Vaterlandes blicken.<lb/>Einen Gruß Ihnen Allen, die
Sie mich theilnehmend<lb/>in meiner Reisezeit begleitet. Bleiben Sie mir
auch in der<lb/>Heimath nahe.<lb/>Druck der Norddeunchen Buchdruckerei,
Berlin, Wilhelmstr. I.<lb/></p>
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